DER STORE von Rob Hart

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Ein Barcode als Buch- und Hörbuchcover? Sieht so aus. Zumindest auf den ersten Blick. Wären da nicht die schwarzen Strichcode-Balken, die in hilfesuchende, flehende Hände münden. Der Hintergrund erweckt den Eindruck, man hätte es mit einem Paket zu tun, das nur noch schnell eingescannt werden muss und dann versandfertig ist. Ein auffällig roter und doch schlichter Schriftzug, der Autor und Titel mit Namen nennt. Und schon ist eines der wohl ungewöhnlichsten Buchpakete des Jahres gepackt. Bereit, um gelesen oder gehört zu werden. „DER STORE“ von Rob Hart. Dystopisch, visionär und weltverändernd. Eine brillante Story, die uns das Gefühl gibt, bereits in der Zukunft der „Cloud“ angelangt zu sein, die den Weltmarkt dominiert…

Rob Hart entwirft ein Zukunftsszenario, das uns nicht fremd erscheint. Eigentlich kann es nur noch ein paar Jahre dauern, bis wir soweit sind. Die Basis für die Story ist schon heute gelegt. Es fühlt sich nicht unglaublich oder utopisch an, was wir hier lesen oder hören dürfen. Das macht diesen Roman so bedrohlich. Die Ähnlichkeit des Online- Weltmarktführers in dieser Story mit einem bereits heute schon dominanten Konzern ist sicher nicht zufällig und unbeabsichtigt. Rob Hart dreht nur an den Stellschrauben einer Entwicklung und gewährt uns einen Blick in die Versandhauswelt in ein paar Jahren. In jeder Beziehung plausibel und nachvollziehbar. Und spätestens, wenn wir das nächste Päckchen vom großen „A“ geliefert bekommen, läuft es uns kalt den Rücken herunter. Versprochen.

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DER STORE von Rob Hart

Die Welt, die Rob Hart uns zu Füßen legt ist der wahre Traum. Also zumindest, wenn man Mitarbeiter im „Cloud-System“ ist. Der weltweit größte Online-Store ist nicht nur in jeder Hinsicht ein Traum für die Kunden, da er alles, wirklich alles, immer, wirklich zu jeder Zeit und zu unschlagbar günstigen Preisen frei Haus liefert. DER STORE ist auch der ideale Arbeitsplatz, weil sich das globale Unternehmen dem Wohl seiner Mitarbeiter verschrieben hat. Gibson Wells hat Großes geleistet. Er blickt am Ende seines Lebens auf eine wahre Pionierleistung des Unternehmertums zurück. Er hat nicht nur die Cloud geschaffen. Er hat nicht nur Warenströme monopolisiert. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass Menschen jederzeit von Cloud-Drohnen beliefert werden können. Nein. Er hat viel mehr geleistet.

Die Klimapolitik verdankt ihm innovative Impulse. Er hat hier nicht nur das Pendeln seiner Mitarbeiter abgeschafft. Nein. Er lässt sie nicht nur in den Mother-Clouds, in den großen Zentren seines Imperiums wohnen und leben. Er hat zahllose Arbeitsplätze aus dem Boden gestampft, weil er den Menschen im Arbeitsprozess nicht durch Maschinen ersetzt hat. Bei ihm gibt es lebendige Verpacker und Sortierer. Berufe, die heute schon fast ausgestorben sind. Gibson Wells ist der Gegenpol zur Digitalisierung der Arbeit. In seinem Konzern arbeitet der Mensch. Er lebt an seinem Arbeitsplatz, wird dort versorgt und mit allem Lebensnotwendigem ausgestattet. Ein wahrer Traum. Sollte man meinen. Gäbe es da nicht zwei Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen den Tests in einer Mother-Cloud unterziehen, um von Gibson Wells angestellt zu werden. Sie haben gute Gründe für ihre Bewerbung.

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Während der Firmenpatriarch sich auf seine Farewell-Tour begibt, bevor er seinen Nachfolger bekanntgibt, schleichen sich zwei ungleiche neue Mitarbeiter ein, um seiner Lebensleistung ein Ende zu setzen. Aber warum? Wozu den wahren Wohltäter der Zeit sabotieren? Ist doch alles prima und den Menschen geht es besser, als je zuvor. Nunja. Auf den ersten Blick. Diese Wahrnehmung kann sich jedoch schlagartig ändern. Durch die Anwesenheit von Zinnia und Paxton kommen ungewohnte Perspektiven aus dem Inneren des STORE ans Tageslicht. Zwei Undercover-Mitarbeiter mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen finden zueinander und scheinen ihre Kräfte zu bündeln. Zinnia folgt einem Auftrag von außen. Paxton folgt einer persönlich motivierten Mission. Beide sind durch ihre Rollen als Verpackerin und Security-Mitarbeiter gut getarnt.

Rob Hart entwickelt einen spannenden Plot, in dem er zwei einsame Wölfe zu einem kleinen Rudel vereint, das als Systemsprenger fungiert. Können sie einander vertrauen und finden sie ihren Weg durch das komplexe System der Cloud? Was passiert, wenn ihre Pläne greifen? Ein fulminantes Katz- und Mausspiel nimmt konkrete Formen an. In temporeichen Aufzügen rast Rob Hart durch das Herz der Mother-Cloud. Zentrale und bestimmende Elemente, wie Machthunger, Rache, Widerstand und Intrigen wirken wie Brandbeschleuniger. Als Gibson Wells seinen Besuch in der Mother-Cloud ankündigt beginnt der Countdown für Zinnia und Paxton zu laufen. Pläne greifen ineinander. Der Gegner ist allmächtig. Jeder wird überwacht. Gibt es einen oder zwei Wege, um dieses System zur Implosion zu bringen? Lesen oder hören. Ihr habt die Wahl. Spannung bis zum Letzten ist garantiert.

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Mein Königsweg in die Mother-Cloud war der des Hörens. Elfeinhalb Stunden lang habe ich mich gefühlt, wie ein Mitarbeiter der Cloud. Und ich habe mich dabei gar nicht gut gefühlt, da die Wahrheit immer deutlicher zutage trat. Vier prominente Stimmen hat man für die Hörbuch-Produktion vereint. Stimmen, die wie Wegweiser durch eine Story wirken und so eine ganz spezielle Atmosphäre entstehen lassen. Frank Arnold doziert als Cloud-Patriarch Gibson Wells selbstgefällig über sein ganzes Lebenswerk und wirkt dabei wie Zeus auf dem Olymp. Stark interpretiert. Simon Jäger, die Synchronstimme von Matt Damon, bringt als Paxton alle Facetten dieses Charakters auf den Punkt. Es sind Rachegefühle, die ihn leiten. Es ist die Zuneigung für Zinnia, die ihn verleitet. Und es ist die Faszination für ein menschenverachtendes System, die ihn fast zum Mitläufer werden lässt. Anna Carlsson bringt stimmlich alles mit, was wir mit Zinnia assoziieren. Sie klingt resolut ebenso plausibel, wie in ihren verletzlichen Momenten. Sie überzeugt spionierend in jeder Nuance und lässt verliebt die Stimme säuseln. Gänsehautstimme.

Und ganz zuletzt gibt es da eine Stimme aus dem Off. Die Stimme für die offiziellen Verlautbarungen der Cloud, die Stimme der Lernvideos für die Mitarbeiter. So wird aus der Synchronsprecherin und Schauspielerin Janin Stenzel die Stimme jenes Systems. Hier spricht sie mechanisch, neutral und doch so eindringlich hypnotisierend, dass man ihren Anweisungen sofort Folge leisten würde. Alexa war gestern… Stenzel ist jetzt… Ich habe das Hören dieser Geschichte als Privileg empfunden. Kopfkino für die Ohren. Blendend besetzt und atmosphärisch grandios umgesetzt. Ihr habt die Wahl. Und jetzt warte ich auf meine Drohne. Bin mal gespannt, was ich bestellt habe…

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Buch: Heyne Verlag / gebunden / 592 Seiten / dt. von Bernhard Kleinschmidt / 22 Euro Hörbuch: Random House Audio / 2 CD / 11 ½ Std. 30 / Lesung mit Frank Arnold, Anna Carlsson, Simon Jäger, Janin Stenzel / gekürzt / 22 Euro

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Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind - Buch, Hörbuch und Film - AstroLibrium

Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Na das kann jedem mal passieren. Man (in diesem Fall Frau – in diesem speziellen Fall die glücklich verheiratete Mutter Emmi Rothner) möchte mittels EMail ein Zeitungs-Abonnement kündigen. Ein kleiner Schreibfehler in der Adresse ist dafür verantwortlich, dass nicht der Verlag, sondern ein völlig Unbeteiligter (in diesem Fall Mann – in diesem ganz besonderen Fall der alleinstehende Sprachpsychologe Leo Leike) nicht nur diese Nachricht erhält, sondern auch deutlicher werdende Nachfragen, warum die Kündigung nicht endlich akzeptiert wurde.

Das Missverständnis lässt sich noch schnell aus der Welt räumen, nicht jedoch die bisher geschriebenen Worte und ihre rein intellektuelle sprachliche Anziehungskraft, die beide sofort gepackt hat. Aus ersten recht zaghaften Fragen entwickelt sich in kürzester Zeit ein mehr als intensiver Onlineflirt, der von Mail zu Mail beginnt, Emmis Gefühlswelt zu dominieren und alles infrage zu stellen und andererseits Leos sprachpsychologische Theorien über den Haufen wirft. Die zeitlichen Abstände zwischen ihren elektronischen Mails werden kürzer und definieren sowohl die Intensität des Inhalts, die entstehenden Schmetterlinge im Bauch und das Zögern bei allzu verfänglichen Themen.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Kann man sich unter Ausklammerung der üblichen Wahrnehmungsebenen nur in Worte verlieben? Ist es möglich, sich in kürzester Zeit in der scheinbaren Anonymität elektronischer Zeichen fallen zu lassen und letztlich den Halt zu verlieren? Wo bleibt die Ratio, warum bremst das reale Leben den Sturz nicht, wieso übersteigt die Faszination dieser Mail-Beziehung alles bisher Dagewesene? Bohrende Fragen, die sich nicht nur Leo und Emmi stellen – verstörende Fragen, die sich der Leser stellt, besonders, wenn er selbst Erfahrung im Umgang mit Onlineforen oder Mail-Briefkästen besitzt. Man fällt mit, wird getrieben, versteht, fühlt und begreift jeden Unterschied zwischen Innen- und Außenwelt – versteht die Fluchten aus der realen Welt auf die einsame Insel und spürt die magnetische Anziehungskraft der Illusion.

Soll man sich öffnen? Darf Gefühl entstehen? Ist es in Ordnung, dass dem wahren Leben außerhalb des Mail-Briefkastens die Grundlage entzogen wird? Darf man im Sog der EMails untergehen und auf einer Sehnsuchtswelle reiten, die Familien zerstört? Wo sind die Grenzen? Was passiert, wenn man den Schützengraben hinter dem Computer verlässt und sich im wahren Leben begegnet? Zerstört jener Moment das zuvor Erlebte und Erträumte? Wozu sind Worte in der Lage? Liebe? Leidenschaft? Ist es wirklich von Bedeutung, wie der Mensch aussieht, dessen Schreiben wir verehren? Ein wilder Tanz der Spekulation beginnt:

Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Können Bücher Leben verändern?Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer ist dazu in der Lage. Ich reflektierte mein persönliches Schreibverhalten. Ich fragte mich, wie meine Mails so aussehen und auf ihre Adressaten wirken. Ich blendete mich in den Dialog ein und hatte das Bedürfnis, mich gedanklich einzumischen. Es fällt schwer, sich als Leser oder Hörer auf die passive Rolle einzulassen. Es ist zu verführerisch, weiter zu denken, weiter zu schreiben. Es ist mehr als schwer nach dem Buch, der Originalität des eigenen Schreibstils treu zu bleiben und Emmi oder Leo auszublenden. Sie bleiben im Ohr, sie klingen nach. Ihre inneren Konflikte treffen auf die bisherige Exklusivität des selbst Erlebten und halten den Spiegel der Erkenntnis in die Höhe, wie schnell man sich verlieren kann. Jeder von uns, der eigene Erfahrungen oder einen persönlichen Bezug zum Inhalt hat, sei eindringlich gewarnt.

Ein brillantes Buch ohne Schnörkel. EMails und Zeitangaben. Text und Antwort – Frage und Warten – Tempo und Nähe. All das vermittelte mir das Gefühl, selbst am Rechner zu sitzen und Teil zu sein. Aufwühlend und emotional, aber nicht ungefährlich. In der Hörbuchfassung bringen Andrea Sawatzki und Christian Berkel eine gewaltige stimmliche Emotionalität als Dimension ein, die dem Buch fehlt. Emmi und Leo werden fühlbar, spürbar und ohne jemals kitschig zu sein, romantischer als andere Paare in den großen Liebesgeschichten der Moderne. Das große Verführungspotenzial des Romans liegt in der Erkenntnis, dass man sich in den Geist eines anderen Menschen verlieben kann, ohne ein Bild von ihm zu haben. Es sich holen zu können, birgt alle Konflikte, die wir zu ertragen in der Lage sind. Die Versuchung überlagert das Leben. Gefährlich und verlockend zugleich.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Während der gesamte Roman in der Frage gipfelt, ob sich Emmi und Leo treffen, platzen wir vor innerer Anspannung. Obwohl wir hoffen, bangen und ahnen, dass es bei dieser Begegnung zu mehr kommen würde, dreht sich der Nordwind und bläst uns mit frischer Brise ins Gesicht. Die Dimensionen des Miterlebens sind vielschichtig. Lesend gehört uns alles. Jedes Bild, jeder Atemzug, jeder Zwischenton. Hörend wird aus Emmi & Leo sehr schnell Andrea & Christian. Gefährlich, weil wir die Stimmen im Buch nie hörten. Eigentlich schon zu viel des Guten. Und doch ist das Hörbuch so brillant, weil es in der Unmittelbarkeit der Atmosphäre besticht. Jetzt den Film mit Nora Tschirner und Alexander Fehling zu sehen, bedeutet für mich, die Dreidimensionalität einer Story zu erleben und erfühlen. Ich bin mehr als gespannt auf diese Verfilmung.

Worauf wir uns einlassen beim Film ist eine moderne Adaption des Romans. War es im Buch das Biotop der Ruhe am Computer, die dem Mail-Verkehr den Stempel der Romanze aufdrückte, so interagieren Emmi und Leo im Film nun mit Smartphones. Wo sie sich im Buch auf die wenigen verborgenen Minuten des Tages beschränkten, wird jetzt die ständige Verfügbarkeit der allgegenwärtigen Verführung zum Schrittmacher der Geschichte. Das ist zeitgemäß und richtig in Szene gesetzt, ob es jedoch dem Charme der Buchvorlage die Magie entzieht, bleibt abzuwarten. Der Trailer ist vielversprechend und die Besetzung passt zum Kopfkino des Jahres 2006, dem Jahr meines ersten und nicht letzten Kontaktes zu „Gut gegen Nordwind„. Ich persönlich hätte die Fortsetzung mit dem Titel „Alle sieben Wellen“ aus dem Jahr 2009 nicht gebraucht. Ich hätte gerne darauf verzichtet, weil sie mir zu weit ging. Ob ich den Film gebraucht hätte, werde ich Euch verraten, wenn ich ihn gesehen habe.

Ich befürchte jedoch, dass ein Smartphone im Film die Dimension und die Magie des Wartens in der Originalstory ebenso zerstört, wie die digitale Fotografie der analogen jeden magischen Funken der Faszination genommen hat, die man empfand, wenn man einige Tage nach der eigentlichen Aufnahme das fertige Foto endlich in Händen halten durfte. Wir werden sehen. Ich schrieb mein Fazit mitten in der Nacht. Ich war bewegt.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Da saß ich nun, nachdem der Vorhang gefallen war und versuchte meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Was hatte ich hier gerade gesehen? Eine Literaturverfilmung? Sicher nicht. Eher einen Film frei nach dem Roman „Gut gegen Nordwind“. Aus einem literarischen Gleichgewicht zweier Charaktere im Roman wurde im Kino ein 40 Minuten lang dominierender Leo Leike. Seine Lebensumstände, seine Beziehung, seine Arbeit und unsichtbar aus dem Off ab und an die Stimme der unbekannten Emmi, die ihn mit Kündigungsmails belästigt. Emmi Rothner taucht erst nach einer gefühlten Ewigkeit auf. Wo das Buch sofort mit einer grandiosen Sogwirkung zuschlägt, schleppt sich der Film doch eher mühsam bis zu den geschriebenen Dialogen, die uns so sehr fesselten. Hier ein Smartphone im Einsatz zu sehen, war verstörend. Es war die zurückgezogene und abgeschiedene Welt hinter dem Computer, die Leo und Emmi in literarische Höhen der Kommunikation trieb. Hier ist es die Omnipräsenz im Alltag, die ständige Verfügbarkeit, die diesen Dialog in weiten Teilen auf die Ebene eines WhattsApp-Chats reduziert.

Klingt enttäuscht? Soll es nicht, denn dem Film gelingt mit seinen ganz eigenen Mitteln die Charakterstudie zweier Menschen, die für neue Impulse im Leben bereit sind. Hier brilliert besonders Nora Tschirner als Emmi. Sie ist die Suchende, neckend Herausfordernde, Verzweifelte und Verführte, wie ich sie mir vorgestellt habe. Bilder in geschickten Schnittfolgen, starke Musik und die Atmosphäre des Besonderen zeichnen diesen Film aus. Wo das Buch uns auf Distanz hält, blicken wir in Emmis Augen, hören Leos Stimme und wissen alles. Es gibt sie, die ganz großen Momente im Film. Szenen, die man nicht mehr vergisst. Die Nordwind-Sequenz einer einschlafenden Emmi gehört ebenso dazu, wie ihre Reaktion auf den einen veränderten Buchstaben in ihrem Namen aus dem Mund ihres Ehemanns. Großes Kino.

Ja, der Film ist anders. Er muss anders sein. Er würde kaum funktionieren mit zwei Menschen hinter ihren Computern. Es sind auch hier die geschriebenen Worte, die sie dazu bringen, sich in ein anonymes Gegenüber zu verlieren und zu verlieben. Es sind Worte und Empathie, die den Film dominieren. Szenisch brillant umgesetzt, wenn eine Mail am regennassen Fenster oder an der Wand zu lesen ist. Atmosphärisch packend und bewegend. Schauspieler, die dem Rollenbild entsprechen, das ich im Herzen trug. Eine Szene unter der Bettdecke, die den Nordwind zum Drehen bringt und mich rührte. All dies führt dazu, dass ich mich wohl fühlte im Kino. Das Ende jedoch mag zu diesem Film passen. Das Ende jedoch überschreitet eine Grenze, die für mich unverrückbar im Buch gezogen war. Das Ende ist für Leser gewöhnungsbedürftig und überraschend. In jeder Beziehung. Schaut Euch den Film an. Er bereichert das Erlesene. Aber wappnet Euch gut. Er wird nicht jeder Erwartung gerecht.

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„Blutmond“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Willkommen zurück in Kopenhagen. Willkommen zurück in der Thriller-Welt von Katrine Engberg. Willkommen zurück im Szenario skandinavischer Kriminalromane. In einer Welt, die allein schon durch dieses aufgeprägte Siegel Spannung und Tiefgang in Hülle und Fülle verspricht. Dabei hebt sich Katrine Engberg so erfreulich vom Klischee der dunklen, existenzbedrohenden und zumeist extrem blutigen Genre-Kollegen ab. Es ist spannend, was sie schreibt, es ist aufwühlend und facettenreich, aber es ist niemals der extreme Ritt auf der Rasierklinge des Wahnsinns. Es ist keine Gratwanderung auf den strapazierten Nerven ihrer Leser.

Der „Krokodilwächter“ hat zum Auftakt ihrer Kopenhagen-Serie deutlich gezeigt, was wir zu erwarten haben. Ein unverbrauchtes Ermittlerteam, spannende Szenarien und Kriminalfälle, die nicht gleich in Blutorgien ausufern. Dazu ein paar Charaktere, die vom Lokalkolorit geprägt, nahbar und plausibel sind. Nun ist der zweite Teil erschienen. „Blutmond“ ist durchaus als eigenständiger Roman lesbar. Keine Frage. Wer aber im Bilde sein möchte, wie sich das Leben der beiden Ermittler in sechs Monaten verändert, der möge zum Krokodilwächter greifen, bevor er den Blutmond aufgehen lässt. Es ging im ersten Fall von Jeppe Kørner und Anette Werner im Schwerpunkt um einen Mord, der dem Muster eines Romanmanuskriptes zu folgen schien. Brillant konstruiert und in jeder Beziehung lesenswert. Für mich jedoch nur die Ouvertüre einer Reihe, die sich im Schwerpunkt mit den Menschen auseinandersetzt, die hier auf Verbrecherjagd gehen.

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Blutmond von Katrine Engberg

Und hier liegt die absolute Stärke des neuen Thrillers Blutmond. Hatte ich noch in der Rezension des Auftaktbandes geschrieben:

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

… so öffnet sich im zweiten Band der Serie ein neues Kapitel in der Annäherung an zwei Menschen, die wir eigentlich zu kennen glauben. Polizisten mit Ecken und Kanten. Profiler mit konturiertem Profil. Charaktere voller Potenzial und einigen im Verborgenen liegenden Schwächen, die man noch entdecken sollte. Der aktuelle Fall erwischt beide auf dem falschen Fuß. Eigentlich sieht alles nach einem Routinefall aus. Ein erfrorener Penner im Stadtpark. Nichts für die Mordkommission. Und schon gar nicht für Ermittler, die gerade so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass jeder neue Fall nur störend auf die Psyche wirken würde.

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Blutmond von Katrine Engberg

Denn diesmal wartet nach einem fulminanten Start des Kopenhagen-Thrillers mit einer Prostituierten, einem sehr übereifrigen Kunden, einem Park und einem plötzlich auftauchenden Hilfe-röchelnden Penner, der dann auch noch verstirbt, eine Story auf uns, in der uns die beiden Ermittler nähergebracht werden, als je zuvor. Der Fall nimmt nur langsam Fahrt auf. Aus dem Erfrorenen wird bei der Obduktion ein Ermordeter. Aus einem Penner wird die schillerndste Gestalt der dänischen Modeszene. Und aus einem normalen Mord wird eine zutiefst hinterhältige und erschreckende Vergiftung, die dazu führt, dass der Betroffene sich quasi innerlich auflöst. All dies während Jeppe Kørner und Anette Werner eher Zeit für sich selbst bräuchten, als sich hier zu engagieren.

Ehe kaputt, Einsamkeit, Lebenskrise und eine neue Liaison im beruflichen Umfeld. Das sind Jeppes Probleme, während sich Anette zunehmend um ihre Gesundheit sorgt und mit körperlichen Beeinträchtigungen kämpft. Kein guter Start in einen Fall, der die gesamte Kopenhagener Modeszene in Aufruhr versetzt. Die Haute Couture mutiert zur Brutstätte von Neid, Missgunst, Verleumdungen und gerät unter Generalverdacht. Wir würden mit den Ermittlern noch lange im Trüben fischen, gäbe es nicht die altbekannte Amateur-Schriftstellerin Esther de Laurenti, der es gelingt, lose Fäden miteinander zu verbinden und Lücken zu schließen. Hier hat der Zufall einen schillernden Namen.

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Blutmond von Katrine Engberg

Esther liefert den initialen Hinweis, der als Missing Link im Thriller lange auf sich warten ließ. Der beste Freund von Jeppe, eine Sängerin und das Mordopfer werden in neuem Zusammenhang sichtbar. Als ein zweiter Mord die Szene erschüttert, wird klar, an wessen Fersen man sich zu heften hat. Sonnenklar. Denkt zumindest der treue und leichtgläubige Leser. Katrine Engberg jedoch macht es uns nicht leicht. Sie schlägt im Kopenhagener Großstadtsumpf Haken, wie ein angeschossenes Kaninchen. Kaum hat man einen Verdacht, biegt sie mit der gesamten Handlung ab und öffnet eine neue Tür zu weiteren Verdächtigen. Alle plausibel, alle mit Motiv, alle denkbar, aber zuletzt bleibt nur eine einzige Lösung, die man kaum vorhersehen kann.

Szenisch perfekt in das Bild einer Modemetropole eingebettet, flankiert durch sehr stark ausgeprägte Charaktere, garniert mit Drogen, Alkohol und Geltungssucht bringt uns die Autorin in der gar nicht heilen Modewelt fast um den Verstand. Die Schwächen ihrer Ermittler machen sie nahbar und ermöglichen es dem Leser, sich empathisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Eigentlich ist die Modeszene gar nicht mein Metier. Dieser Kosmos ist mir fremd und wirkt zu künstlich. Gerade daraus entwickelt Katrine Engberg einen explosiven Mix als Nährboden für Gewaltverbrechen. Der Blick hinter die Kulisse des Vorhangs ist erhellend. Lesespaß pur. An der Seite von Jeppe Kørner und seiner Kollegin Anette Werner ist Kopenhagen auch diesmal eine Reise wert. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man sich schon jetzt auf die weiteren Streifzüge durch eine Stadt freuen kann, die dunkler und geheimnisvoller ist, als es den Anschein hat.

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Blutmond von Katrine Engberg

Wir können ja ein Thriller-Spiel spielen. Schreibt Euch doch in der Mitte des Thrillers zwei mögliche Täter oder Täterinnen auf und vergleicht sie am Ende mit dem Ergebnis, das Euch von den beiden Profis Kørner und Werner präsentiert wird. Ich wette darauf, dass Ihr mit beiden Namen falsch liegen werdet. Garantiert. Ein starker zweiter Teil der Serie. Klasse besetzt, Schickeria und Haute Vaulé in der Haute Couture lassen grüßen. Und selbst für hochbezahlte Fashion-Blogger ist Raum. Da wird man schon ein wenig neidisch, wenn man deren Stellenwert in der Modeszene vor Augen geführt bekommt. Katrine Engberg hat sich in diese Welt perfekt hineinrecherchiert. Großes Kompliment. Selbst für Leser ohne Affinität zur Modeszene absolut plausibel und nachvollziehbar in Konstruktion und Erzählweise.

Ich habe die prachtvolle und im Cover detailverliebte Diogenes-Ausgabe gelesen und bin unterwegs nahtlos im Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingetaucht. Die perfekte Allround-Lösung, da „Blutmond“ keine Unterbrechungen duldet. Dietmar Bär überzeugt auch hier als Sprecher. Seine Intonation führt uns zielsicher durch den durchaus umfangreichen Cast an Charakteren. Es muss ihm Freude bereitet haben, in regelmäßigen Abständen die Richtung neu vorzugeben und mit der Stimme des Täters allwissend die Richtungswechsel einzuleiten. Starke Momente einer szenischen und in jeder Beziehung packenden Produktion. Manchmal erzeugt er sogar da Spannung, wo ich sie beim Lesen mit meiner eigenen inneren Stimme überhört habe. Grandios.

Der Cliffhanger, den uns Katrine Engberg bis zum nächsten Teil der Serie auf die Fahne schreibt, ist brillant. Der staunende Leser fragt sich nämlich, wie Anette Werner mit ihren „gesundheitlichen Problemen“ weiter auf Verbrecherjagd gehen kann. Ich bin schon sehr gespannt. (Und das ist fürwahr kein Spoiler!)

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Blutmond von Katrine Engberg

„Blutmond“ von Katrine Engberg
Buch: Diogenes Verlag / 480 Seiten / Hardcover / dt. von Ulrich Sonnenberg / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / gekürzte Lesung mit Dietmar Bär / 6 CDs / 7 Std. 49 Min / 22 Euro

Die Mauer von John Lanchester – Die Festung England

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Die Mauer von John Lanchester

Ein mitteleuropäisches Land umgibt sich mit einer 1000 Kilometer langen Mauer, um sich vom Rest der Welt abzuschotten. Und das schon in naher Zukunft. Stoff für einen guten Roman. Sicherlich. Doch ist er als Utopie, Dystopie oder gar schon als real zu betrachten? Womit haben wir es zu tun? War George Orwells Überwachungsstaat zum Zeitpunkt des Schreibens noch weit entfernt – er schrieb „1984“ im Jahr 1946 – so wirkt ein Roman über ein Land als Festung in der heutigen Zeit nicht mehr weit entfernt. Denkt man an eine Mauer zwischen den USA und Mexico, an israelische Sperranlagen zum Westjordanland, die vor dreißig Jahren gefallene Mauer zwischen zwei deutschen Staaten, dann hat man das ungute Gefühl, diese Betongrenzen würden in der Tradition der Chinesischen Mauer ein neues Eigenleben entwickeln.

Da kommt John Lanchester gerade zur rechten Zeit. Beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Mauer“ ein Großbritannien, wie wir es uns noch vor ein paar Jahren nicht hätten vorstellen können. Im Herzen Europas, tief verankert in der Gedankenwelt einer Europäischen Gemeinschaft. Doch jetzt? BREXIT. Loslösung, Abkopplung, Alleingang und Separatismus. Was kommt danach? Hoffentlich nicht das, was Lanchester uns ins Stammbuch des guten Lesens schreibt. Doch wohl hoffentlich nicht das Szenario, dem er sich in seinem Roman dystopisch hingibt. Eine Gesellschaftsordnung mit negativem Ausgang. Nicht positiv utopisch geprägt, nicht losgelöst von der Realität, sondern eben auf ihr basierend und die Schraube bis zum Anschlag weitergedreht. England wird zur Festung.

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Die Mauer von John Lanchester

Wie das aussieht? Erschreckend einfach und ebenso plausibel. Eine Mauer zieht sich rund um die gesamte Insel. 1000 Kilometer lang. Unüberwindbar hoch. Die Grenze zu Großbritannien wird an Land gezogen. Keine Strände mehr. Keine Touristen, keine lustigen Bootsausflüge oder Angeltouren auf See. England hat sich eingeigelt. Und für alle jungen Briten gilt es, diesen Schutzwall unter Einsatz des eigenen Lebens bis aufs Blut zu verteidigen. Das ist der Rahmen, den John Lanchaster anschaulich beschreibt, als wäre er real. Die Regeln, Normen und Gesetze des abgeschotteten Landes gelten nur noch in seinem Inneren. Sie sind hart. Unmenschlich, aber wohl alternativlos, wenn man England schützen will.

Vor den Anderen. Die Deutungshoheit überlässt der Autor seinen Lesern. Es sind die Heerscharen der Anderen, die sich Zutritt verschaffen wollen, die die Insel belagern und illegal ins Land kommen wollen, um es von innen auszuhöhlen. Gesichtslos bleibt die Bedrohung. Ganz anders, als die jungen Menschen, die auf der Mauer ihren Dienst versehen. Und dies unter Androhung drakonischer Bestrafung, sollte es den Feinden in irgendeiner Art und Weise gelingen, die Mauer zu überqueren. Ein Versagen hat für die Verteidiger zur Folge, dass sie sich künftig dort wiederfinden, wo der Feind herkam. Auf dem Meer. Draußen. Ausgesperrt. Ein tödlicher Rollentausch. Hoffnungslos, denn auch andere Länder haben sich abgeschottet. Das Meer als modernes Fegefeuer. Hier treibt man, den Elementen ausgeliefert im Niemandsland umher.

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Die Mauer von John Lanchester

Unvorstellbar? Oh nein. Nur konsequent weitergedacht und brillant erzählt. Man möge sich nur auf den Erzählstrom des Autors einlassen, dann sieht man sich selbst in der Rolle des Verteidigers auf dem Bollwerk gegen das Fremde, gegen Flüchtlinge und Kriminelle. Gegen alle, die man nicht auf der Insel der Glückseligkeit haben will. Keine Frage zum Rahmen bleibt unbeantwortet. Das Szenario wird anschaulich beschrieben. Der Wachdienst auf der Mauer, die Ruhephasen, der Druck und das Gefühl, nun zu der letzten Welle derer zu gehören, die ihr Land beschützen. All dies findet Raum in einem Roman, der von Seite zu Seite eindringlicher nach unserem Gewissen greift. Haben wir die Mauer nicht schon im Herzen? Ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sie sich wieder in die Höhe schrauben kann? 

Nichts ist weit weg. Wir folgen dem jungen Joseph Kavanagh auf die Mauer. Er ist neu. Ein Frischling. Und so, wie man ihm seinen Alltag und seine Pflichten erklärt, fühlt sich auch der Leser zwangsrekrutiert. Zeit wird zu Kaugummi. Kälte und Wind mutieren zu lebensunwirklichen Feinden. Die Gemeinschaft wird eng. Aus jungen Menschen hat das System in kurzer Zeit kampfbereite Verteidiger und Verteidigerinnen gemacht. Wie es dazu kam? Wie diese Mauer entstand? Wie es im Inland aussieht? Wie im Ausland? Woher die Anderen kommen? Dies alles zu denken überlässt uns der Autor. Er erzählt von einer Zeit vor dem Wandel (in dem wir jetzt wohl leben) und der Zeit danach (die er uns vor Augen führt). Das „Dazwischen“ formt sich lesend in unserer Fantasie. Ein sehr faszinierender Leseprozess, in den er uns verwickelt. Diese Unmittelbarkeit trifft uns im Herzen. Die Unvermeidbarkeit zu erkennen, lässt uns innerlich kollabieren.

Die Mauer von John Lanchester - AstroLibrium

Die Mauer von John Lanchester

Die Schauplätze Der Mauer sind an zwei Fingern abzuzählen. Die hier agierenden Personen bleiben überschaubar. Das Menschliche tritt nur dann zutage, wenn aus dem Alltag Routine wird. Nichts ist weit weg. Für alle Bilder finden wir Entsprechungen. Kein Bild, dass es noch nie gegeben hat. Mauerschützen in Ostberlin, Hochsicherheitszonen zwischen Nord- und Südkorea. Wir sind im Bilde. Nur die Größe und die Konsequenzen machen uns sprachlos. Ein Vorgesetzter, der einst ein „Anderer“ war, Politiker, die sich nicht scheuen, die jungen Kämpfer als Kanonenfutter zu sehen und ein System, das im Verteidigen der Mauer einen ähnlichen Schwerpunkt sieht, wie in der Fortpflanzung der Bürger, machen diesen Roman zu einem dystopischen Ereignis. Als Kavanagh beginnt, sich zu arrangieren und gleichzeitig die Nähe zu einer jungen Verteidigerin sucht, dreht sich die Geschichte in eine unausweichliche Richtung. Ein Angriff, Verrat und „Andere“, denen das Unglaubliche gelingt.

John Lanchester vermittelt uns das Gefühl, immer im selben Boot zu sitzen, wie sein Antiheld. Ihm gelingt es, uns aufzurütteln und Nachrichten anders zu schauen. Er schärft unseren Blick und versetzt uns den Schock, uns schon jetzt in der Vorstufe des Mauerbaus zu befinden. Flüchtlinge in Seenot. Die gefühlte Festung Europa. Populisten und ihre Hassaufrufe. Alles macht sich während des Lesens breit. Wir würden so gerne rufen „Mr. Lanchester, tear down this wall!“ Ich habe an Pink Floyd und „The Wall“ gedacht. Ich habe den Widerstand in mir gefühlt. Nur relevante Bücher bringen mich an diese Grenze, an der noch keine Mauer steht. Johannes Klaußner hat mir Die Mauer vorgelesen. Eindringlich und unmittelbar, wie ich es gehofft hatte. Sieben Stunden und vier Minuten dauerte meine Dienstzeit auf der Mauer und die Leidenszeit danach. Eine Produktion, die dem Roman in jeder Beziehung gerecht wird. Klaußner macht Zuhörer zu Kameraden, Weggefährten, Komplizen, Versagern, Liebenden und Verzweifelten.

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Die Mauer von John Lanchester

Der renommierte Booker Prize hat Die Mauer bereits auf der Longlist für einen möglichen Preisträger 2019. Ich bin der Meinung, dass es John Lanchester verdient hätte, für seine außergewöhnliche Story ausgezeichnet zu werden. Die aktive Rolle, die man als Leser oder Hörer einnimmt, lässt nicht nur die spürbare Nähe zum Geschehen entstehen. Sie macht uns zu Beteiligten in der Entstehungsphase des Mauerbaus. Wir sollten diese Rolle annehmen und uns gegen innere und echte Mauern erheben. Sonst gehören unsere Kinder bald wieder zu den Verteidigern gegen das „Andere“. Ich finde, dass es diese Aspekte sind, die ein paar unnötige Längen im Roman kompensieren. Ich hätte mir weniger, rein äußerliche Beschreibungen von Regeln und Abläufen gewünscht und dem Innenleben der Protagonisten gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Wer „Die Mauer“ liest oder hört, der kann einen Schritt weitergehen. Nicht nur ein britisches Thema, ein solch menschenunwürdiger Schutzwall in der Literatur. Endland von Martin Schäuble gestaltet einen vergleichbaren Schutzwall zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern. Sein Roman begegnet der ideologischen Haltung, mit der man diese Mauer gegen Flüchtlinge verteidigt auf einem Niveau, das ihn in den Kanon der Schulbücher erhoben hat. Auch „Die Insel“ von Armin Greder widmet sich einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Ein Bilderbuch, das mit voller Wucht gegen die Angst kämpft, sich gegenüber „Anderen“ zu öffnen! Wie man andererseits eine solche Mauer zu überwinden versucht, beschreibt Timur Vermes in seiner Satire „Die Hungrigen und die Satten“ bis zur letzten tödlichen Konsequenz. Wäre ich Buchhändler / in, ich würde diese Bücher gemeinsam präsentieren. Ein Büchertisch unter der Überschrift „Bücher statt Mauern“ wäre substanzieller als so manche Parole aus der Vergangenheit.

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ (Innerdeutsche / politische Lüge am 15.06.1961, Walter Ulbricht)

Die Mauer von John Lanchester - AstroLibrium

Die Mauer von John Lanchester

Dieser Roman ist kein Mauerblümchen. Er wuchert sich wie literarisches Unkraut in die Gedankenwelten der Leser und Hörer. Nicht auszurotten, weil die täglichen Stilblüten der Populisten wie Baupläne für künftige Bollwerke wirken.

„Die Mauer“ von John Lanchester
Buch: Klett – Cotta Verlag / dt. von Dorothee Merkel / 348 Seiten / 24 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzt / 6 CDs / 7 Std. 4 Min. / Sprecher: Johannes Klaußner / 25 Euro

[Thriller] Suche mich nicht von Harlan Coben

Suche mich nicht von Harlan Coben – AstroLibrium

Suche mich nicht von Harlan Coben

Es ist seine Masche. Er ist damit extrem erfolgreich. Er schreibt keine Buchreihen. Er setzt Geschichten in die Welt, die Sehnsuchtsmomente in den Mittelpunkt stellen. Er ist in der Lage, Serienmördern den blutigen Weg zu ebnen und gleichzeitig Gefühlswelten entstehen zu lassen, die uns mit den Opfern seiner Thriller mitfühlen lassen. Es geht in seinen Romanen immer wieder um zentrale Themen, wie Verlust, den Zusammenbruch einer vormals heilen Welt und die Suche nach dem Warum. „Ich vermisse dich“, „Ich schweige für dich“, „In deinem Namen“ und „In ewiger Schuld“. Seine Titel sind hier Programm. Sie stehen für seine Romane und die Protagonisten, die wir an seiner Seite durch die schwerste Phase ihres Lebens begleiten dürfen.

Harlan Coben. Mehr muss man fast nicht sagen. Thriller können romantisch sein. Es ist möglich, verzweifelt Liebende auf die Suche nach verschwundenen Menschen durch kriminelle Szenarien zu jagen und es wühlt immer wieder auf, was er uns erleben lässt. Nun greift er mit seinem neuen Roman nach den reinen und unbefleckten Vaterherzen. Er schreibt uns ein Desaster ins Stammbuch, das kaum zu verkraften ist und dem man sich nicht entziehen kann, wenn man nur ein einziges Mal in seinem Leben gespürt hat, was es heißt Vater zu sein. Er lässt eine Tochter verschwinden. Spurlos. Grundlos. Sie hinterlässt nur eine einzige Nachricht, die unmissverständlicher nicht sein kann und die man als Vater kaum verkraftet:

Suche mich nicht!

So lautet auch der Titel des neuen Thrillers aus der Feder von Harlan Coben. Und genau mit dieser Botschaft reißt er die ersten Lücken in die Verteidigungshaltung seiner Leser, die immer behaupten würden, „das kann mir nicht passieren“. Oh doch. Kann es. Ich würde diese Botschaft ignorieren, ich würde mich auf die Suche machen, ich würde alle Hebel in Bewegung setzen um sie zu finden. Und vor allem würde ich herausfinden wollen, warum sie ihre Eltern und ihre beiden Geschwister so plötzlich verlassen hat. In diesem Fall wäre das genau der Fall, der mich aus der Bahn werfen würde. Da bin ich ganz bei Simon. Vom ersten Moment an. Er ist der Vater von Paige. Er vermisst seine Tochter, er findet keinen Grund für ihre Flucht und er kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau ihm klarzumachen versucht, dass man das einfach mal zu akzeptieren habe.

Nein. Ingrid ist da keine große Hilfe. Sie ließ ihre Tochter gehen und jetzt liegt es am Vater, gegen den Widerstand seiner eigenen Frau und gegen den Willen seiner Tochter beharrlich nach seinem Mädchen zu suchen. Dabei ist New York nicht gerade perfekt, um jemandem auf die Fährte zu kommen, der untertauchen will. Deshalb dauert es ein halbes Jahr, bis er zufällig auf seine Tochter stößt. Das Szenario, mit dem uns Harlan Coben hier konfrontiert ist herzzerreißend, wenn man sich mit der Situation von Simon auseinandersetzt. Vaterliebe, Verantwortungsgefühl und alle Schutzfunktionen werden mit Füßen getreten, als er Paige begegnet.

Wir sind im Central Park. Strawberry Fields. Eine atmosphärische Ecke voller Musik, Straßenkünstler und alternativem Lifestyle. Wir sitzen gemeinsam mit Simon auf einer Parkbank und hängen den Erinnerungen nach, die ihn beschäftigen. Er denkt an seine Zeit mit Paige. Genau hier am „Imagine“-Mosaik. Fast vor einem halben Jahr. Seitdem sucht er und grübelt. Seitdem zweifelt er an allem, was eine Familie ausmacht, an der Liebe seiner Frau und an der Hoffnung, seine Tochter zu finden. Hier verbringt er seine Pausen. Hier kann er denken. Einzig störend ist die junge Frau, die den Platz mit einer grausamen Version „Penny Lane“ beschallt.

„Ihm gegenüber saß eine – wie nannte man sie heutzutage? Obdachlose? Berberin? Drogenabhängige? Psychisch Kranke? Bettlerin? – ganz nah am
berühmten Mosaik und spielte für Kleingeld Beatles-Songs.“
 

Eine verstimmte Gitarre, gelbe Zähne, eine krächzende Stimme. Wie kann man da zum Nachdenken kommen? Die Haare matt, verfilzt, eingefallene Wangen. Spindeldürr, zerlumpt, dreckig, ramponiert, obdachlos, verloren. Fast nichts Menschliches und ganz einfach derangiert. All das würde Simon kaum interessieren, wäre da nicht ein Bruch im Bild. Wäre da nicht eine Besonderheit, die sein Leben blitzartig in eine andere Richtung lenkt:

„Außerdem war sie Simons Tochter Paige!“

Hier beginnt, was sich im Fortgang der Geschichte als Break-Even-Point darstellt. Es kann nicht mehr schlimmer kommen. Tiefer kann man nicht fallen. Hier beginnen die Fragen auszuufern. So greift Harlan Coben nach unserer Aufmerksamkeit und wirft ein ganzes Bündel von Handlungsfäden auf den Platz, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Würden wir es nicht besser wissen. Denn wo Coben draufsteht, ist immer Coben drin. Darauf können wir uns verlassen. Und wir können darauf vertrauen, dass wir am Ende des Thrillers zwar staunend, aber nicht ahnungslos die Kinnladen auf den Tisch fallen lassen. So war es schon immer.

Wir sind in diesem Moment ganz bei Simon. Wir sind bei ihm, als er versucht, seine Tochter anzusprechen, sie festzuhalten, sie an sich zu reißen. Wir sind an seiner Seite, als sich ein Drogenjunkie dazwischenwirft und Simon klarmacht, dass seine Tochter zu ihm gehört. Wir klatschen Beifall, als er dem Penner gegenüber handgreiflich wird. Was wir nicht ahnen können, Paige macht sich aus dem Staub, ein zufälliges Youtube-Video dieser Schlägerei „Reich gegen Arm“ geht viral und Simon wird angeklagt. Für ihn geht alles den Bach runter, wie man so schön sagt. Genau an der Stelle lässt Harlan Coben alle Bömbchen platzen, die der Dynamik der Story zusätzlichen Schwung verleihen.

Ein Killerpärchen, das seine Kreise zieht, ohne die Zusammenhänge zwischen den Opfern erkennen zu lassen. Eine Detektivin, die bei ihren Ermittlungen auf Simon stößt und eine Kette in Gang setzt, die nicht mehr zu stoppen ist. Eine Sekte, ein Geheimnis und pseudoreligiöser Eifer. Tatorte, die auf der Landkarte wuchern, ohne miteinander in Verbindung zu stehen. Und zum Höhepunkt für alle Coben-Fans ein alter Bekannter in ein einem neuen Fall. Napoleon (Nap) Dumas, der Polizist ausIn deinem Namen“ wird involviert, als die Mordserie seine Stadtgrenze erreicht. Was dies alles mit Simon und seiner Tochter zu tun hat? Das fragte ich mich lange, bis ich am Ende mit offener Kinnlade erkannte, was Coben unter der Oberfläche des Orkans verborgen hatte. Und dann musste ich mich zurücklehnen, einatmen, ausatmen und realisieren, dass er hier Neuland betreten hat, was das Ende seiner Thriller betrifft. Sagenhaft und bewegend.

Das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verbindet die bisherigen Fälle Harlan Cobens mit der Stimme von Detlef Bierstedt. Er ist das deutsche Sprachrohr eines Schriftstellers, dessen Romane einer ganz eigenen Melodie folgen. Er ist der Sound im Ohr des Hörers, der unmissverständlich und eindeutig vermittelt, Coben zu hören. Sein Timbre in der Stimme eines erfahrenen Polizisten, die jugendlich forschen Auftritte von Teenagern und die eindringlichen Warnungen kampferfahrener alter Veteranen. All dies ist signifikant für die Stimme von Detlef Bierstedt. Es sind seine Markenzeichen.

Ich freue mich auf mehr, blicke allerdings auch gerne auf Vergangenes zurück. Coben bleibt Coben. „Suche mich nicht“ vermittelt den Eindruck, er habe sich viel zugemutet, zu viele Spuren gelegt, die Handlung zu weitläufig gefasst. Am Ende jedoch bleibt die Erkenntnis. Er hat erneut die Kurve gekriegt. Und wie!

„Suche mich nicht“ von Harlan Coben
Hörbuch: Der Hörverlag / gekürzt / Detlef Bierstedt / 10 Std. 15 Min. / 14,99 Euro
Buch: Goldmann Verlag / dt von Gunnar Kwisinski / 480 Seiten / 15,00 Euro