1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Vor wenigen Wochen schrieb ich voller Vorfreude auf das neue Buch von Florian Illies 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte und im Rückblick auf seine vorausgegangene Hommage an das Jahr 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts:

Vielleicht versteht man jetzt, worauf ich mich wirklich freue. Es sind die Seiten des Lesens neben diesem Buch, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, die mich aber vielleicht erneut verändern und prägen werden. Es sind Geschichten, auf die mich Florian Illies direkt stößt, während er mir indirekt ganz andere Wege weist. Ich möchte euch schon heute einladen, zurückzublicken, die Artikel von damals zu lesen und mich zu begleiten, wenn der Autor weitererzählt. Ich kann es kaum erwarten, mich wieder in das Jahr 1913 fallenzulassen. Ich kann es kaum erwarten, neue rote Fäden zu finden und sie zu einem Lesemuster zu vereinen. Ich werde das neue Buch lesen und hören. Ich werde wie von einem Wahn besessen sein und mich außerhalb der Geschichte auf Geschichten zubewegen, die ich jetzt noch nicht kenne. Wird das ein goldener Herbst.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Das Sequel „1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ ist selbsterfüllende Prophezeiung und literarische Schicksalsfügung zugleich. Wenn man sich als Leser so verhält, dass sich die Vorhersage erfüllen kann, indem man eine positive Rückkopplung zwischen Erwartung und Verhalten an den Tag legt, dann findet man in der Fortsetzung des Bestsellers „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ das erhoffte Meisterwerk vor. Neugier, Wissensdurst, eine gesunde Portion Voyeurismus und die pure Lust am Lesen sind die besten Voraussetzungen, um sich erneut mit einem Jahr zu beschäftigen, das dem Lauf der Weltgeschichte nicht genug positive Energie entgegenstellen konnte, um zu verhindern, was nahezu unausweichlich schien. Ein Meilenstein-Jahr überbordender Revolutionen in den Bereichen Malerei, Musik und Literatur reichte nicht aus, das Feuer zu löschen, an dem 1914 die Fackeln des Ersten Weltkrieges entzündet wurden.

Ja, es gibt viel zu erzählen zu diesem letzten echten Sonnenjahr, bevor sich das 20. Jahrhundert fast dauerhaft verdunkelte. Und ja, Florian Illies hat noch so viel im Köcher seiner ausgezeichneten Beobachtungs- und Kombinationsgabe, was unbedingt noch erzählt werden musste. Er knüpft nahtlos an sein erstes Buch an, erweitert seinen Fokus auf bisher unerwähnte Zeitgeister und besticht erneut in der humorvoll brillanten Analyse und Verknüpfung individueller Lebenswege, die sich niemals kreuzten. Florian Illies verbindet scheinbar lose Enden eines Jahres miteinander, erzeugt Nähe, wo doch nur Distanz zu herrschen schien und erweist sich als literarischer Prophet für das, was unweigerlich kommen musste.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

„Am 1. Oktober (1913) war (Alfred) Lichtenstein als Einjährig-Freiwilliger in das Zweite Bayerische Infanterieregiment eingetreten. Und er hatte das mit dem „Einjährigen“ ernst gemeint. Er fällt am 25. September 1914, also genau ein Jahr später.“

Illies vermag es, sich zum Propheten zu erheben, weil er seinen Recherchen glaubt, und mit scharfen Blick auf die folgenden Ereignisse zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden weiß. Er nimmt seine Leser mit ins Boot und lässt ihnen genügend Raum für eigene Schlussfolgerungen. Ein formidables Spiel mit prominenten Lebenswegen im Kontext der großen Geistesströmungen und Sittenbilder einer einzigartigen Epoche. Es sind Skandale und Liebesgeschichten, die dem Jahr 1913 den Stempel aufdrücken. Es sind Erfindungen, die ihm Tempo verleihen. Es werden Loopings geflogen, Rekorde um Rekorde gebrochen, Konventionen zermalmt und kulturelle Grenzen überwunden. Der Tango erobert die Welt, Fliegerasse stürzen reihenweise ab und ebnen doch die Wege für die neue Wunderwaffe des Jahres 1914. Frauen zeichnen ein völlig neues Bild von sich selbst und abstrakte Maler zeichnen Frauen derart verfremdet, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen. 1913 – Ein Jahr des Bildersturms.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Und ja, Rilke hat noch immer Schnupfen. Wer hätte anderes erwartet. Illies beglückt literaturbegeisterte Leser mit Anekdoten, Hintergründigem und Erzählenswertem zu den großen Schriftstellern dieser Zeit. Marcel Proust bringt Verleger und Lektoren mit einer sehr individuellen Form der Bearbeitung von Korrekturfahnen um den Verstand; Karen Blixen verlässt Rungstedlund und reist nach Afrika; Ambrose Bierce verschwindet am 26. Dezember mit dem Satz „Morgen werde ich gehen, und zwar mit unbestimmtem Ziel“ und die kommenden Klassiker, wie „Ulysses“, „Mann ohne Eigenschaften“, „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ oder „Der Zauberberg“, können das magische Jahr 1913 als Geburtshelfer in die Danksagung aufnehmen. Und der gute Arthur Schnitzler weiß schon jetzt kaum noch, welcher Frau er sich zuwenden soll. Die Sternwartestraße in Wien erlebt die wohl letzten ruhigen Tage vor dem Sturm, der Schnitzler heimsuchen wird. Seine Tochter Lili lebt noch. Er ist im vierten Akt seines Lebens. Der fünfte folgt.

In der Malerei wird es abstrakt. Franz Marc und viele „Art“-Genossen prägen das Bild der Zeit mit Bildern, die den Kunstbegriff über den Haufen werfen. Ich begegne meinen Wegbegleitern die mein Leben seit dem Jahrhundertsommer nachhaltig geprägt haben. Else Lasker-Schüler, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner sowie Gabriele Münter schlagen eine Brücke, über die Blaue Reiter galoppieren. Und all das  in einer wirren Zeit, in der sich Geld-, Hoch- und Kunstadelige gegenseitig in den Armen zu liegen scheinen. Das Leben ist abstrakt und rast auf eine Apokalypse zu. Sehenden Auges, angesichts der Aufrüstung in allen Ländern. Es mutet an wie ein Abgesang, den jeder anzustimmen vermag, der alte Feindbilder pflegt und neue Kunstbilder schon jetzt als entartet bezeichnet. Da sieht man das Unheil schon kommen.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Es ist ein besonders Buch. Es ist voller Geschichten, die unbedingt noch erzählt werden mussten. Die beiden 1913er von Florian Illies gehören zusammen und sollten nicht voneinander getrennt werden. Das signalisieren schon die Cover, die so viel mehr erzählen, als viele Geschichten dieses Jahres. Farbfotos, fast noch experimentell, aber doch schon so ausdrucksstark, dass sie eigene Welten zu bewahren scheinen. Sie sind beide aus der Hand eines Fotografen. Gesehen mit demselben Auge, fokussiert und für alle Zeit bewahrt. Und nicht nur das. Auf beiden Büchern gehen wir mit Edeltrude Kühn, der Tochter des experimentierfreudigen Lichtbildners Heinrich Kühn, in ein Jahr voller Widersprüche und Geschichten, die in diesen Fotografien ihre Entsprechung finden. Sie sollten die Geschichte hinter den Bildern selbst erlesen und gut darauf achten, wem sie künftig gestatten, Familienfotos zu machen. Amüsant und tragisch zugleich.

Ulrich Noethen verleiht der Hörbuchfassung zu 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ eine ganz eigene Atmosphäre. Er mutiert zum Chronisten, der von Florian Illies durch dieses Jahr geführt wird. Noethen gelingt der Spagat zwischen einer teils sachlichen Schilderung von Ereignissen und der immer wieder sehr pointierten und scharfzüngigen Bewertung der Hintergründe mehr als brillant. Seine Stimme legt ihren sonoren Finger in die Wunde der Geschichte, an die sich niemand mehr erinnern kann. (Oder mag). Zuhören wird hier allemal zum aktiven Prozess, weil man seine Hände frei hat, um parallel zum Hörgenuss in den Büchern zu blättern, die das Jahr 1913 erwähnt, aufgreift oder berührt. Mehr kann man nicht wollen, wenn man sich unter Kopfhörern für ein paar Stunden abschottet, um eine Zeitreise zu unternehmen. Ein Genuss.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Jetzt ist sie komplett. Meine Begegnung mit dem Jahr 1913. Dabei gäbe es sicher noch so viel zu erzählen…

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Die Reise in ein besonderes Jahr
Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Verwunschene Bilder
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – In memoriam Else Lasker-Schüler
1913- Der Sommer des Jahrhunderts geht weiter“ – Eine Hommage

Unter dem Schlagwort 1913 findet man alle Einflüsse auf mein heutiges Lesen…

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

„Keine Ahnung, ob das Liebe ist“ von Julia Engelmann

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Ich traf mich zuletzt mit ihr um drei am Eck. Ich suchte ein Geheimversteck. Und ich rannte weit weit weg, um mir ihre Poetry Slams ganz in Ruhe anhören zu können. Julia Engelmann hatte mir ganz laut Jetzt Baby zugerufen und ich war mir zunächst nicht sicher, ob sie mich wirklich damit meinte. Mich! Weit entfernt von der Zielgruppe für die Textkompositionen und sicher schon zu erwachsen und im Leben etabliert. Ungewisse Zukunft, Liebeskummer, Hoffnungsträume sind doch sicher nicht die Parameter meines aktuellen Lebens. Ich hatte mich getäuscht und fand eine große Schnittmenge, die ihre Texte mit meiner Gefühlswelt in Einklang brachte.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Kein Wunder also, dass ich mich bereitwillig in ihr aktuelles Projekt stürze. Heute stellt sie sich selbst und damit auch ihren Zuhörern eine wesentlich zeitlosere Frage, in der wir unsere eigene Gefühlsambivalenz wiederfinden. Sind wir uns immer sicher, was wir empfinden? Liegen wir richtig, wenn wir denken, die Schmetterlinge im Bauch seien Vorzeichen einer großen gemeinsamen Zukunft? Hören wir richtig, wenn wir auf unsere Herzen, statt auf den Verstand hören? Und was, wenn wir uns täuschen? Was, wenn in unseren Gefühlen die großen Enttäuschungen vorprogrammiert sind, wie ein Virus, der unser Gefühls-System infiziert und abstürzen lässt? Julia Engelmann scheint das egal zu sein. Sie verschwendet keine Zeit mit einer Frage. Sie stellt, fast schon resignierend, einen Kernsatz über ihre neue Textkollektion. Ein Mantra, mit dem sich gut lieben lässt.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Keine Ahnung, ob das Liebe ist

Sie stellt ihre Gefühle in den Vordergrund und befreit sie in diesen Slams von jedem Bewertungsnotstand. Der Deutungshoheit misst sie nicht die größte Relevanz zu. Julia Engelmann will fliegen, egal, ob das Fliegen ist. Sie will lieben, egal, ob es Liebe ist. Im Leben kommt es nicht darauf an, wie der Gipfel heißt, den wir erklimmen. Hauptsache, wir wagen uns raus und trauen uns den Gipfelsturm zu. Ihre Botschaft ist zeitlos schön für Erstliebende und Mehrfachverliebte, für ehemals und noch nie Liebende, für künftig Schmachtende und rückblickend Bereuende. Der Liebesbegriff von Julia Engelmann ist ebenso flüchtig wie unantastbar. Egal, was es ist. Egal, wie es heißt. Gefühle entziehen sich der Kategorisierung, flüchten aus Schubladen und wollen frei sein. Keine Ahnung, ob das Liebe ist, aber eine Ausrede für Gefühlskälte ist es sicher nicht mehr!

„Keine Ahnung, ob das Liebe ist,
vielleicht werde ich das nie wissen.
Aber immer, wenn du bei mir bist,
hör` ich auf, dich zu vermissen.“

Zeilen, wie ein emotionaler Donnerhall. Sich ihrer sicher und unsicher zugleich. Egal, wie das heißt, was wir fühlen. Das Gefühl ist wichtig. Julia Engelmann hat der wahren Poesie ein Freilaufgehege der Gefühle geschenkt. Wertfrei, normenfrei und liebevoll. In allen Texten des Albums aus dem Hause Der Hörverlag schwingt das heillos Liebende mit. Jeder Text ebenso eine Liebeserklärung an das gesprochene Wort. Julia gelingt es erneut, einen breiten Querschnitt an Menschen unterschiedlicher Liebeserfahrungen im Zentrum ihrer poetischen Texte anzusprechen. Wir hören zu, schließen die Augen und fühlen. Keine Ahnung, ob das Liebe ist, was wir da fühlen. Wir fühlen. Alleine das ist wichtig.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Einige Texte rauschen an mir vorbei. Ich kann sie nicht greifen, sie sind flüchtend und doch schön zugleich. Andere hingegen werde ich nicht mehr los. Ich ertappe mich dabei, immer wieder die Repeat-Taste zu drücken und einzelne Gedichte schon fast in einer Endlosschleife zu hören. Sie fühlen sich an, als seien sie für mich geschrieben. In diesen Texten finde ich mich und meine Erinnerrungen an glückliche und unglückliche, erste und vielleicht letzte Lieben wieder. Texte, die mich mit einst Geliebten versöhnen, die mir Gefühle vermitteln, die ich zu unterdrücken versuchte. Texte voller Empathie im Kontext individueller Gefühlsturbulenzen. Jeder wird auf dieser CD die Gedichte finden, die sich endlos abspulen. Jeder wird sein Gedicht finden und dabei an einen Menschen denken, der mit diesem Text verbunden ist. Und dadurch bleibt dieser Mensch auch mit uns verbunden. Was für ein Verdienst. 

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Bei mir läuft „Löwenherz“ den Geist hoch und runter…. Immer wieder… endlos:

Vom Himmel fehlt ein kleines Stück,
ich sehe es von hier,
eine Lücke, die sich nie mehr schließt,
sie hat die Form von dir.
Ich wünschte mir, wir könnten alles haben,
ohne zu verlieren.
Doch niemand wird in tausend Jahren
wieder sein wie wir.

Ich träume jede Nacht von dir,
und auch davon, wie schön es wär.
Ich hoffe, ich hab für immer einen
Platz in deinem Löwenherz.
Und ich träum von einem Land für dich,
in dem du jetzt der König wärst,
und du hast für immer einen
Platz in meinem Löwenherz.

Als Allerletztes ist da was,
das ich dir versprechen kann:
dass ich dich nie vergessen werde
und nie vergessen hab.
Ich lach mit dir für eine Weile,
sitz mit dir am Fensterplatz.
Mein Löwenherz, ich würde es teilen,
dass ich dich noch länger hab.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

„Peter Pan“ – Ein Hörspiel wie Feenstaub

Peter Pan – Das Hörspiel

Dunkler als der Nordwind,
schimmernd wie ein Fluss
stiller als der Schneefall,
süßer als ein Kuss,
der dich niemals findet…

Herzlos, wie der Winter,
marmorschön und kalt,
lustig, wie der Frühling,
tausend Jahre alt…

Weder gut noch böse,
weder Kind noch Mann,
raubt er alle Herzen,
das ist Peter Pan…

Peter Pan – Das Hörspiel

Ich kann diese Zeilen hier endlos niederschreiben, ich kann sie mir nachts aufsagen und in einer Endlosschleife rezitieren. Ich werde nicht mehr müde, sie immer wieder im Herzen zu fühlen und sie mir mit Gänsehaut in Erinnerung zu rufen. Und doch kann ich schreibend nicht erklären, wie diese Strophen auf mich wirkten, als ich sie erstmals im Hörspiel „Peter Pan“ aus dem Hause Der Audio Verlag, gesungen von Svenja Wasser in ihrer Rolle der Mrs. Darling hörte. Ich werde nie beschreiben können, warum ich aus dem Nichts heraus Tränen der Rührung verspürte, warum ich von der reinen Schönheit des Vortrags so ergriffen war, und was diese Peter-Pan-Inszenierung des WDR mit mir angestellt hat.

„Erwachsen werden ist so eine barbarische Angelegenheit…
Voller Unannehmlichkeiten.“

Peter Pan – Das Hörspiel

Ich habe mir seit meiner Jugend das Gefühl nicht mehr nehmen lassen, einer der verlorenen Jungs auf Nimmerland zu sein. Ich habe die fantastische Geschichte von J.M. Barrie nie ganz verlassen und weigere mich beharrlich, im Herzen erwachsen zu werden. Ich bin auch heute noch auf der Suche nach neuen Spuren von Peter Pan, die mich in die Zeit zurückversetzen, in der ich davon träumte mit ihm gegen Captain Hook zu kämpfen und Wendy nach Nimmerland zu entführen. Ich schrieb ausführlich darüber und hüte die prachtvolle Ausgabe vom MinaLima aus dem Hause Coppenrath Verlag, meinen größten Leseschatz, wie meinen Augapfel. Und eines habe ich tief verinnerlicht:

„Sag nie auf Wiedersehen, weil auf Wiedersehen bedeutet, wegzugehen –
und wegzugehen, bedeutet zu vergessen.“

Peter Pan – Das Hörspiel

Ich bin nie weggegangen. Und gerade heute bin ich angesichts des Hörspiels aus der Feder von Karlheinz Koinegg mehr als dankbar dafür. Unter der brillanten Regie von Angeli Backhausen entstand eine Inszenierung die James Matthew Barrie zur Ehre gereicht. Es ist fulminant, was wir hier erhören dürfen. Vierzehn Sprecher und Statisten, ein großes Orchester, Soundeffekte wie im großen Kino und eine Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Hier fliegt man zu Klängen von Big Ben über London, taucht zu sphärischen Klängen in die Inselwelt Nimmerlands ein und entert zu Kanonendonner das Schiff der Piraten. Wie ein großer Film wirkt das Hörspiel auf mich. Die Bilder dazu entstehen im Herzen.

„Durch das Fenster im Salon sah er Mrs. Darling sitzen.
Eine wunderhübsche Lady, die an ihrem abgeschabten Hausklavier von ihm zu träumen schien. Das zeigte ihm ihr Mund, in dessen Winkel jener Kuss versteckt war, den kein Mensch bekommt.“

Peter Pan – Das Hörspiel

Sollte ich je genau erklären müssen, was dieses Hörspiel mir bedeutet, dann wäre ich verleitet zu sagen, dass ich einen letzten Wunsch im Leben habe. Lasst es mich nur noch einmal hören, bevor ich die Augen schließe. Wenn es das Letzte ist, was mir hier auf Erden zu Ohren kommt, dann kann ich glücklich nach Nimmerland ziehen. Wenn es das Letzte ist, was sich in meinem Herzen festsetzt, dann gehe ich mit einem Ohrwurm auf meine letzte Reise. Mehr will ich nicht. Ich mag nur dieses Staunen schon heute mit Euch teilen. Genießt dieses Hörspiel mit großartiger Besetzung. Stimmen, die Wunder bewirken. Michael Kessler als Captain Hook allein ist schon ein Genuss. Genießt eine Inszenierung, die ebenso lange dauert, wie ein guter Film. 1 Stunde und 22 Minuten, in denen Peter Pan unsterblich wird. Ein Erlebnis für die ganze Familie.

„Alles, was wir brauchen, ist Glaube, Vertrauen und ein bisschen Feenstaub!“

Und nein. Ich gehe immer noch nicht. Ich bleibe bei Peter und den wilden Jungs. Ich weiß, dass mein Flöckchen auch hier irgendwo ist, weil er immer neugierig auf die Insel der ewigen Jugend war. Ihr könnt Euch selbst davon überzeugen. Und schon nächstes Jahr folgt dann als weitere Hommage an dieses wunderbare Jugendbuch der Disney-Realfilm „Peter Pan“. Das sollte man nicht verpassen. Solange höre ich mir das neue Hörspiel immer wieder an. Diese Doppel-CD darf nirgendwo fehlen, wo Feenstaub das Leben verändern kann. Tinker Bell bleibt an meiner Seite und achtet auf mich. Ich mag endlich wissen, ob ich irgendwann den Kuss finde, den ein Mensch nie bekommt.

Vielleicht erzählt mir Andreas Fröhlich auch diese Geschichte. Gänsehauthören…

Peter Pan – Das Hörspiel

„In der Nacht hör´ ich die Sterne“ von Paola Peretti

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

140 Schritte…

Das ist die Entfernung zwischen der neunjährigen Malfalda und ihrem Baum. Auf diese Distanz kann sie den Kirschbaum gerade noch erkennen. Schemenhaft. Malfalda droht zu erblinden. Wie dichte Nebelschleier schieben sich große schwarze Flecken vor ihre Pupillen. Malfaldas Nebel heißt Stargardt-Nebel und wird immer dichter. Sie muss immer näher an Dinge herangehen, um sie noch zu erkennen. Sechs Monate geben ihr die Ärzte noch, bis die schwarzen Flecken das Augenlicht für immer verdunkeln. Schritt für Schritt wird die Distanz zwischen ihr und dem Baum geringer. Der Countdown ihres Sehens und Erkennens läuft unerbittlich ab. Malfalda wird bald erblinden…

100 Schritte

Die italienische Schriftstellerin Paola Peretti lebt mit diesem Countdown. Im Alter von 17 Jahren wurde bei ihr der Morbus Stargadt diagnostiziert, eine ererbte Form der Makula-Degeneration. Seitdem weiß sie, dass es irgendwann unwiderruflich dunkel um sie herum wird. Heute, im Alter von etwas mehr als dreißig Jahren, muss auch sie sich den Menschen immer weiter annähern, um sie zu erkennen. Auch sie muss die Distanz verringern. Auch Ihr Sehen spielt sich im Countdown der abnehmenden Entfernung ab. Wer, wenn nicht Paola Peretti, kann sich also besser in Malfalda hineinversetzen? Wer könnte einen Roman über ein erblindendes Mädchen besser schreiben als sie? Wer ist in der Lage, Lesern dieses Gefühl der zunehmenden Verdunkelung näherzubringen?

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

80 Schritte…

In der Nacht hör´ ich die Sterne“ heißt der bewegende Roman von Paola Peretti, in dem sie uns an die Hand nimmt und die Distanz zur kleinen Malfalda verringert. Wir müssen ganz nah an Menschen herangehen, um sie zu erkennen. Nicht das Äußere ist hier von Bedeutung. Nur die Nähe lässt uns erkennen mit wem wir es tun haben. Paola Peretti schärft unsere Sinne für ein Mädchen, dem einer der wichtigsten Sinne verloren geht. Wir werden Wegbegleiter eines dramatischen irreversiblen Countdowns und sind doch zumeist selbst blind für das Schicksal anderer Menschen. Empathie ist die zentral angelegte Botschaft dieses Romans, der so viel mehr ist, als nur ein Roman.

60 Schritte…

Wenn wir Malfalda folgen, erleben wir ihre verzweifelte Suche nach den wichtigen Dingen im Leben, die sie noch so gerne erleben möchte, solange sie sieht. Wir erleben, wie sie Listen befüllt, Wünsche formuliert und diese verwirft, wenn sie mal wieder einer Realität ins Auge blicken muss, die sich nebulös vor ihr entfaltet. Wir erkennen mit ihr, dass die Suche nach wahren Freunden, die sogar bereit sind, die Dunkelheit zu teilen von elementarer Wichtigkeit ist. Und wir lernen den jungen Filippo kennen, der sich gut vor den Augen seiner Mitmenschen zu verbergen weiß, der in der Tiefe seines Herzens jedoch der perfekte Freund für Malfalda wird. Wir treffen auf Menschen, die ihr den Tag erleichtern. Selbstlos und selbstverständlich. Sie setzen die Maßstäbe, wie Verständnis und Hilfe aussehen kann.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

40 Schritte…

Malfalda heilt uns von unserer sozialen Blindheit. Sie zeigt uns auf, wie man gegen Dunkelheit ankämpfen kann. Sie spielt mit Metaphern und Bildern, die sich tief in unser Lesen einbrennen. Sie fokussiert, was doch eigentlich zu verschwimmen droht. Und sie zeigt auf, wie wichtig die Literatur sein kann, wenn man nach Halt sucht. Ohne Antoine de Saint-Exupéry könnte Malfalda nicht leben, weil „Der kleine Prinz“ ihr vorlebt, was für sie zur Selbstverständlichkeit werden wird. Hier wird der Roman zur Hommage, zur Liebeserklärung an den kleinen Prinzen, weil wir an der Seite von Malfalda auf ein Zitat stoßen, das erstmalig in dieser Tragweite greifbar wird.

„Hier ist mein Geheimnis. Es ist sehr einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unverzichtbar.“

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

20 Schritte… 

Ein großer Roman und wichtiger Roman, der zum wahren Sehtest für unser Herz wird. Ich habe mich mit diesem Roman aufs freie Feld begeben. Ich habe schrittweise die Distanz zu einem Baum verringert, um mich in Malfalda hineinversetzen zu können. Ich habe eine Liste der wichtigsten Dinge verfasst, die ich noch gerne sehen würde. Ich habe mir überlegt, wie man Menschen in solchen Situationen helfen kann und ich habe den kleinen Prinzen neben „In der Nacht hör` ich die Sterne“ gelegt, weil beide Bücher einfach zusammengehören. Ich habe mit Malfalda gelitten, gehofft und Kraft geschöpft. Ich kann Euch dieses Buch und seine gelungene Hörbuchfassung nur ans Herz legen.

Ein Hörbuch von Der Audio Verlag, bei dem es der Sprecherin Jodie Alhorn gelingt, die Distanz zwischen uns und der Geschichte mit jedem brillant betonten Satz immer weiter zu verringern, bis wir in ihrem Kern ankommen. Brillant gelesen. Malfalda lebt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

10 Schritte…

Und doch stört mich eines an diesem Roman. Es ist der deutsche Titel, der im Buch keine Entsprechung findet. Der italienische Originaltitel heißt „La distanza tra me e il ciliegio”. Die Distanz zwischen mir und dem Kirschbaum. Dem wurde auch in der englischen Fassung entsprochen. Hier kommt der Buchtitel auf den Punkt und verleitet nicht zu der irrigen Annahme, wir hätten es gegebenenfalls mit einer Lovestory zu tun. Lasst Euch vom Titel nicht abschrecken. Verringert die Distanz zwischen Euch und der Geschichte. Lasst sie zu. Dann werdet Ihr feststellen, dass Paola Perettti einer großen und relevanten Geschichte dazu verholfen hat, das Licht dieser Welt zu erblicken, weil sie den Stargardt-Nebel durchstößt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

1 Schritt…

… trennte mich von Paola Peretti. Ich begegnete ihr auf der Frankfurter Buchmesse, erlebte eine sehr lebenslustige und sympathische Autorin und sah doch ganz tief in ihr die kleine Malfalda verborgen, über die sie so bewegend schrieb. Sie brauchte Distanz zu ihrer Protagonistin, um letztlich auch über sich selbst erzählen zu können. Sie fand den Abstand im großen Altersunterschied. Diese Distanz schwindet von Seite zu Seite. Wir realisieren mit sehenden Augen, welche Geschichte sich hier wirklich Bahn bricht. Das macht sie umso bemerkenswerter und wichtiger für unser Lesen.

0 Schritte…

… trennten mich am Ende der Begegnung von Paola Peretti. Ich schenkte ihr eine meiner kleinen Büchereulen. Doch diesmal suchte das Eulchen nicht nach einer neuen Hüterin, sondern versprach, mit ihren scharfen Eulenaugen fortan auf Paola Peretti zu achten. Rosali ist in guten Händen, wie man auf den Bildern sehen kann. Sie hat dazu beigetragen, dass die Distanz zwischen der Autorin und mir sich gänzlich auflöste. Für mich der schönste Moment der Frankfurter Buchmesse 2018. Jetzt fliegt zum nächsten Buch und passt auf Euch auf! Danke für diese Begegnung, Stefanie Broller, dtv und Paola.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Es ist schwer für mich, über „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez zu schreiben. Es ist schwer, weil ich mich schon sehr lange mit Nazi-Ärzten des Dritten Reichs beschäftige. Mit ihren aberwitzigen Menschenversuchen, der führenden Rolle in der Frage der Euthanasie und den Morden an Menschen, zu deren Heilung sie sich eigentlich verpflichtet hatten. Zu lange schon stelle ich mir die Frage, wie man das mit sich selbst vereinbaren kann. Es ist schwer, darüber nachzudenken. Schwer, es in Worte zu fassen und doch unerlässlich, sich diesem Thema zu stellen. Aber das ist es nicht allein, was es so schwer macht für mich. Ich kenne eine Überlebende des aus der heutigen Sicht wohl größten „Monsters“ in der Geschichte der Humanmedizin.

Das Verschwinden des Josef Mengele – Die Rezension fürs Radio

Diese Rezension können Sie auch bei Literatur Radio Bayern hören

Eva Mozes Kor – Eine Mengele-Überlebende erzählt

Ich kenne Eva Mozes Kor. Ich hätte gerne auch ihre Schwester Miriam kennengelernt. Ihre Zwillingsschwester, um es deutlich zu sagen. Doch nur Eva hat den Holocaust und die Menschenversuche des Arztes Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Mir wäre es lieber, wir würden uns fortan mit den Opfern beschäftigen, anstatt unsere Aufmerksamkeit den Tätern zu schenken. Es wäre mir lieb, Sie würden meinen Verlinkungen zu den Artikeln folgen, die ich über die Opfer der Shoa schrieb. Und dann wäre es mir lieb, Sie würden hierher zurückkehren, um mit Olivier Guez zusammen die Perspektive zu wechseln, und sich mit den Innenansichten eines Täters auf der Flucht auseinandersetzen. Machen wir es so? Dann bis gleich. Hier geht es zuerst um Opfer:

Eva Mozes Kor – Eine Begegnung in München

„Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor
Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Eine Begegnung in München
Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann – Radioreportage
27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

Wieder da? Danke. Nachdem wir nun also wissen, was der Todesengel in Auschwitz seinen Opfern antun durfte, werfen wir einen Blick auf die weitere Geschichte, die sich nach der Befreiung der Konzentrationslager abspielte. Und hier kommt der Ärger hoch, dass man genau diesen Todesarzt des Todeslagers niemals dingfest machen konnte. Josef Mengele entging allen Strafen, allen Täter-Prozessen, jeder Gegenüberstellung, und damit gab es auch niemals die Chance zu erfahren, was er Zwillingen, wie Miriam Kor injiziert hatte. Seine Flucht brachte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen ums Leben, weil die Ursachen für ihre Erkrankungen unbekannt waren. Hier mordete ein Arzt durch sein Schweigen weiter.

Genau hier setzt Olivier Guez in seinem Tatsachenroman Das Verschwinden des Josef Mengele“, erschienen beim Aufbau Verlag und Der Audio Verlag, an. Und hier ist bereits der erste Punkt dieses brillant erzählten „Flüchtlingsromans“, an dem es mir erstmals schlecht wird.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Der Zöllner kontrolliert sein Gepäck, die akkurat gefaltete Kleidung, verzieht das Gesicht, als er den Inhalt des kleineren Koffers entdeckt: Injektionsspritzen, Hefte mit Notizen und anatomische Zeichnungen, Blutproben und Zellplättchen. Er ist unsinnige Risiken eingegangen, um diesen kompromittierenden Aktenkoffer zu behalten, den kostbaren Ertrag jahrelanger Forschungen, sein ganzes Leben, das er mitgenommen hatte, als er damals überstürzt seine polnische Stelle verlassen musste.“

ER, das ist Josef Mengele, der mit falschem Pass in Argentinien ankommt. Er hat es geschafft. Vom Erdboden verschwunden und im Besitz von Substanzen, die Miriam Kor vielleicht das Leben gerettet hätten. Doch jüdisches Leben zählte nicht für ihn. Hier galt es der Rassentheorie des Dritten Reichs als medizinischer Vollstrecker zur vollsten Entfaltung zu verhelfen. Aus dem ambitionierten Mediziner war schon lange vor seiner Zeit in Auschwitz ein glühender Anhänger Hitlers und dessen Visionen geworden. Was Olivier Guez in seinem Buch beschreibt, ist so unglaublich, als würde man unter einem gut gehüteten Deckmäntelchen einer untergegangenen Diktatur ein braunes Netzwerk enttarnen, das einer Vielzahl von Tätern die Flucht nach Südamerika ermöglichte.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

1949 beginnt die verzweifelte Flucht Josef Mengeles nach Argentinien. Bis dahin war es ihm gelungen, in der Gegend seiner Heimatstadt Günzburg unterzutauchen. Als die Luft für die Täter des NS-Regimes immer dünner wird, verlassen die Ratten auf den Rattenrouten das sinkende Schiff. Guez ist tief in die Netzwerke eingetaucht, legt eine umfassende Recherche der Fluchtwege von Josef Mengele vor und wird dann fiktional, wenn er sich in die Gefühls- und Denkwelten seines Verfolgten hineinversetzt. Wir sind Zeugen und Fluchthelfer zugleich, erkennen die Schlepperorganisation der NSDAP und finden Unterschlupf in südamerikanischen Diktaturen. Man muss sich kaum verbergen dort. Man kann sogar seinen Namen behalten. Ratten verstehen sich blind. Noch dazu, wenn prominente Angehörige des NS-Apparats das Nest bereitet haben.

Es ist der Mix aus südamerikanischer Polititk, NS-Netzwerk, Mitläufern, bezahlten Helfern und einer intakten Täterfamilie, die alles Finanzielle regelt. Geld spielt keine Rolle. Dem Untertauchen folgt nach der Akklimatisierung das Arrangieren mit der neuen Umgebung. Guez verharrt nicht in den frühen Fluchtjahren. Er zieht die Schlinge enger zu und fängt an, mit der internationalen Suche nach den Nazi-Verbrechern, auch Josef Mengele immer mehr in die Enge zu treiben. Simon Wiesenthal, der israelische Mossad und Staatsanwälte der nicht mehr ganz jungen Bundesrepublik wollen Mengele fassen. Nach Eichmann ist er der wohl letzte lebende Massenmörder, der noch auf freiem Fuß ist. Einsicht zeigt er nie. Unrecht scheint ihm zu widerfahren. Mitleid will er. Er, der nicht gewillt war, Menschlichkeit zu zeigen.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Und doch gelingt Olivier Guez in seinem, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman etwas Außerordentliches. Er begibt sich in seiner Täterprofilierung nicht auf ein Niveau der Schadenfreude oder des puren Voyeurismus, wenn er den panischen Josef Mengele schweißgebadet aufwachen lässt. Er vermittelt in seinem Buch keinen Hauch von Genugtuung, dass der Flüchtende der gerechten Strafe nie ganz entgehen konnte. Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeigt in der Charakteristik des Täters, wie es passieren kann, dass aus einem Mitläufer ein Massenmörder wird. Das Buch zeigt, wie groß die Verantwortung einer zuschauenden Gesellschaft voller Opportunisten ist, die alles wollten, aber vorgaben, von nichts gewusst zu haben. Guez erweckt beileibe kein Mitleid mit Josef Mengele. Aber er hält uns den Spiegel vor, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn man ihm die ideologische Möglichkeit gibt. Im Namen des Volkes. Hier trifft dieses Buch mitten in den Nerv der heutigen Zeit. Alle wollen. Viele hetzten und einige werden es tun.

Ich habe atemlos gelesen, sprachlos gehört und ungläubig nachgedacht. Olivier Guez ist Verfasser eines ausgezeichneten Buchs und eines Meilensteins Gegen das Vergessen. Burghart Klaussner ist der perfekte Sprecher für das beeindruckend und perfekt inszenierte Hörbuch. Ein Tatsachenroman, der gelesen werden sollte, weil er in jeder Beziehung verdeutlicht, wo die Grenze der Menschlichkeit gezogen werden kann, wenn man es nur zulässt. Eva Mozes Kor hat Josef Mengele vergeben. Sie wollte ihm nicht noch mehr Macht über ihr Leben einräumen. Für sie ist Vergebung mit Befreiung gleichzusetzen. Eva ist seit 1945 befreit. Josef Mengele konnte sich niemals befreien. Eine Strafe, die für mich schwerer wiegt, als der schnelle Tod durch einen Henker.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Ärzte im Dritten Reich. Nicht das erste und auch nicht das letzte Buch zu diesem Thema in der kleinen literarischen Sternwarte. Lesen Sie gut und passen Sie auf sich auf.

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Tod – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Wer verstehen will, wie dieses pervertierte Denken sich Bahn brechen konnte, dem sei Die Tagesodnung“ von Éric Vuillard ans Herz gelegt. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und wie das Buch von Olivier Guez herausragend übersetzt von Nicola Denis. Wenn man das bei einer Übersetzung sagen darf, man spürt ihre Handschrift in beiden Büchern. Kompliment.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Alle Bücher sind Teil meines Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“.