Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Gemach, gemach. Bevor Sie jetzt zögern und denken, ein Briefwechsel zwischen zwei deutschen Schriftstellerinnen sei nichts für Sie, geben Sie mir einfach eine Chance zu erklären, warum eine solche Korrespondenz so unglaublich interessant ist. Briefe lesen zu können, die eigentlich nicht für unsere Augen bestimmt waren, gehört sicher zu den intimsten Momenten einer literarischen Auseinandersetzung mit prominenten Personen. Sie zeigen die Wahrheiten hinter den aufgebauten Fassaden, mit deren Hilfe man sich vor der breiten Öffentlichkeit zu schützen versuchte. Und nicht nur das. Hier, im sicher geglaubten Biotop eines schriftlichen Dialogs und unter Ausschluss all jener, vor denen man sich ansonsten nicht frei äußern wollte, erhalten wir authentische Einblicke in das Seelenleben von Menschen, die sich im öffentlichen Leben anders zeigten. Dies mag einer der wesentlichen Aspekte sein, warum ich immer wieder zu Briefwechseln greife, und dann voller Neugier auf das künstlerische Schaffen der Schreibenden auch zu den Büchern finde, die sie uns hinterließen.

Briefe im Nachlass großer SchriftstellerInnen gehören zum unschätzbaren Fundus ihres Schaffens. Und bald gehören sie zu den Relikten einer längst vergangenen Zeit. Welche Autorengeneration schreibt sich noch Briefe? Wer kommuniziert im technisch geprägten Zeitalter des Internets handschriftlich? Wessen Stimmungslage kann man in der heutigen Zeit noch am ausgewählten Briefpapier, der schönen Briefmarke oder am geschwungenen Schriftbild erkennen? Müssen wir uns nicht langsam daran gewöhnen, zukünftig im Nachlass bedeutender AutorInnen nur Chatverläufe und E-Mails zu finden, die in aller Eile und formlos den schnellsten Weg zum Adressaten gefunden haben? So sollten wir jetzt mit den Letzten ihrer Art umgehen. Mit den letzten echten Briefwechseln zwischen Menschen, die sich auf diese Art und Weise gegenseitig versicherten, Liebe und Zeit in diese Zeilen investiert zu haben, die im Briefumschlag vor den neugierigen Augen der Welt und damit vor Indiskretion geschützt waren. .

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Wenn Sie nun meinen Zugang zu solchen Briefwechseln nachvollziehen können, gehen wir doch einen Schritt weiter. Ich lasse mir einen solchen Briefwechsel gerne vorlesen. Es ist die große Kunst, in einem handschriftlichen Dialog nicht nur den Inhalt, sondern auch jede Nuance einer noch so kleinen Stimmungsschwankung offenzulegen. Dies gelingt nur durch die intensive Auseinandersetzung mit den VerfasserInnen dieser Briefe und der richtigen Einordnung in den zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext, in dem sie geschrieben wurden. Hier liege ich mit meiner eigenen Erzählstimme oft falsch in der Tonlage, im Aufspüren kleinster sarkastischer Zwischentöne und Emotionen. Hier ziehe ich mich gerne zurück und überlasse das den wahren Profis. SchauspielerInnen, die nicht nur gelernt haben, fehlerfrei vorzulesen, sondern auch in Rollen zu schlüpfen, sich fallenzulassen und mitzuerleben. Das ist die hohe Kunst gelesener Briefwechsel!

Und schon sind wir mittendrin in der Vorstellung der Hörbuch-Produktion: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt – Der Briefwechsel„. Die Schauspielerin und Sprecherin Sandra Quadflieg wagt sich in ihrem neuesten Projekt erneut an zwei große Frauen heran, die ihre Spuren in der Literatur hinterlassen haben. Christa Wolf und Sarah Kirsch. Auch hier sei vorausgeschickt, dass ich sicher nicht zu den intimen Kennern dieser beiden Schriftstellerinnen gehöre. Ich habe bisher kein Buch von ihnen gelesen und ihre Lebensbahnen haben mich literarisch nicht berührt. Aber genau dies zeichnet die Projekte von Sandra Quadflieg aus. Ihre Briefwechsel-Projekte sind nicht nur für die Connaisseure ihrer erwählten literarischen Protagonisten gedacht. Sie geht in die Vorleistung, recherchiert sich in diese Leben, ordnet ein, gewichtet, interpretiert und dann… Dann sucht sie sich eine Partnerin oder einen Partner, um gemeinsam vor dem Mikrofon eine längst untergegangene Welt wiederzubeleben.

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Diesmal ist es die wundervolle Iris Berben, die mit Sandra Quadflieg in die Rollen der beiden großen deutschen Schriftstellerinnen schlüpft, um uns einen Dialog zu präsentieren, der fast dreißig Jahre lang währte. Ein Briefwechsel, in den man sich so schnell hineinhören kann, weil die Rahmenbedingungen ein so klar definiertes Bild der Freundschaft zwischen den beiden Autorinnen skizzieren, das neugierig macht. Beide wachsen in der DDR auf und finden dort zu ihren literarischen Stimmen. Doch während Christa Wolf ihren Platz in der ostdeutschen Literatur findet, bleibt Sarah Kirsch nach kritischen Äußerungen und mehreren Konflikten mit den Kulturorganen der DDR keine andere Wahl, als 1977 in den Westen auszureisen. Die Freundschaft zu Christa Wolf bleibt bestehen. Der Briefwechsel, der 1963 bginnt, setzt sich auch in den Jahren der Trennung fort und wird weitergeführt, bis die Mauer fällt, die Grenze verschwindet und beide Schriftstellerinnen in einem geeinten Land zusammenfinden könnten.

„Könnten“. Dieser Konjunktiv schmerzt. Er kündigt sich langsam und unerbittlich an. Was vor im Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte als Wiedervereinigung empfunden wird, gelingt den beiden Freundinnen nicht mehr. Zu tief ist der Graben, der durch einen nicht mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht zu einem Minenfeld des Misstrauens und der Missverständnisse wird. Waren Christa Wolf und ihr Ehemann im „real existierenden Sozialismus“ wirklich inoffizielle Mitarbeiter der STASI? Hatten sie in der DDR über ihre Kollegen Buch geführt und sie verraten? Konnte das sein? Hatten sie über Sarah Kirsch Bericht erstattet? Hier zerbricht, was dreißig Jahre hielt. Als die Grenzen fallen, türmt sich eine unüberwindbare neue Mauer zwischen ihnen auf.

Es ist schwer auszuhalten schreibt Sarah Kirsch in diesen Tagen. Nicht an Christa Wolf, sondern an deren Ehemann, weil sie ihrer Freundin nicht mehr schreiben will.

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

An diesem Scheideweg angelangt, liegen 30 Jahre Freundschaft und zahllose Briefe hinter den beiden Autorinnen und uns, den Zuhörern dieser Kopfkino auslösenden und bewegenden Inszenierung. Iris Berben ist Christa Wolf. Sandra Quadflieg ist Sarah Kirsch. Den beiden stimmgewaltigen Schauspielerinnen gelingt es, in jedem einzelnen Brief die Stimmung des Augenblicks zu beschwören. Durch ihren Vortrag, den Dialog einer grenzlosen Beziehung fühlt man sich hineingezogen in die Denk- und Fühlwelten der Briefschreiberinnen. Sie reiben sich aneinander, motivieren sich und stacheln sich an, wenn es um ihre Bücher geht. Sie tratschen verspielt und verschmitzt, wenn es mal wieder um eine Liebesbeziehung der liebeshungrigen Sarah Kirsch geht. Sie vergehen vor Sorge, wenn eine von ihnen erkrankt.

„Dass Du nicht bei den toten Mädchen bist, ist etwas, das mich sehr sehr freut. Schön, dass Du noch hiergeblieben bist, auf dem beknackten Planeten“ (Sarah)

Die gegenseitige emotionale Öffnung in den ersten Jahren der Freundschaft wird zu bewegenden Momenten des Gänsehaut-Zuhörens. Wenn Wölfe den Kirschen schreiben, fühlt man das feste Band zwischen ihnen. Und dann spürt man den Wandel im Land. Die Zeiten werden kraftlos. Man schreibt anders, als man redet und sucht das Gleichgewicht. Immer wieder bringen sie sich in gegenseitige Balance. Sie halten sich aneinander fest. Doch nach der Ausreise Sarahs driftet vieles auseinander. Man spürt die Angst, jemand könnte die Briefe mitlesen. Belanglosigkeiten nehmen mehr Raum in ihren Briefen ein. Dabei ist Sarah Kirsch die mutigere Schreiberin. Für sie wird es im Heimatland immer enger, während Christa sich arrangiert.

Wenn ich an meine Menschenrechte denke. Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt! (Sarah)

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Dies ist eine zutiefst empathische und literarische Hörbuchproduktion, die nicht nur von den Verfasserinnen der Briefe lebt. Sie wird ihnen gerecht. Getragen wird sie jedoch von zwei Frauen, die eine Frauenfreundschaft stimmlich neu definieren. Es sind Iris Berben und Sandra Quadflieg, die mitreißen, einreißen, verstimmen, zanken und turteln. Ihr Stimmenumschwung macht den Stimmungsumschwung so plastisch. In ihrem Dialog lebt das Zeitgefühl von zwei großen Zeitzeuginnen des Wandels auf. Und in ihrer Härte am Ende aller Briefe kann man ermessen, was die Politik aus Menschen machen kann. Wer noch nichts von Sarah Kirsch und Christa Wolf gelesen hat, wird hier neugierig. Wer ihre Geschichte und ihre Geschichten kennt, wird hier in der Tiefe der Gefühle fündig. Und wer ganz einfach große Stimmen in großen Dialogen erleben möchte, der ist genau hier ganz genau richtig. Ich wurde in jeder Beziehung fündig.

Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt – Der Briefwechsel“ schließt an das ebenfalls von Sandra Quadflieg ins Leben gerufene Hörbuch Im Vertrauen / Briefe 1949 / 1975 an. Hier begegnen wir Hannah Arendt (gelesen von Katharina Thalbach) und ihrer Brieffreundin Mary McCarthy (gelesen von Sandra Quadflieg)…  Ich schrieb darüber in meinem Special zu Hannah Arendt:

Ein unglaublich tiefer Einblick in die Seelen zweier Seelenverwandter. Unter der Regie von Sandra Quadflieg entstand hier eine authentische Produktion, die rührt und bewegt zugleich. Katharina Thalbach (Hannah) und Sandra Quadflieg (Mary) schlüpfen nicht nur stimmlich in die Rollen ihrer Protagonistinnen. Man fühlt, dass es vibriert, atmet und bebt. Spannung, Sorge und Zuneigung werden mit Händen greifbar. Räumliche Distanz wird durch Worte zum Nichts. Ich blicke auf zweieinhalb Stunden eines Dialogs zurück, ohne den ich mir Hannah Arendt nicht ausmalen wollte. 

Diese Hörbücher nicht zu hören, wäre ein Fehler. Zuhören öffnet unsere Herzen.

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Sandra Quadflieg und Katharina Thalbach – Im Vertrauen

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Wenn Zeitzeugen sterben, wird aus Zeitgeschichte Geschichte. Wenn die Quellen zu schweigen beginnen, verlieren wir den wichtigsten Maßstab für den Wahrheitsgehalt dessen, was in Sekundärquellen berichtet wird. Wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr zu uns sprechen, wenn wir ihnen keine Fragen mehr stellen, und wir ihren Warnungen nicht mehr folgen können, dann wird aus Geschichte Wissen aus zweiter Hand. Die Deutungshoheit über den real erlittenen Schrecken der Opfer liegt dann bei Menschen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Im schlimmsten Fall bei Zweiflern, politisch motivierten Leugnern und Populisten, die uns glauben machen wollen, nichts habe sich so zugetragen, wie wir denken. Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, öffnen sich die Tore, unwidersprochen zu behaupten, den Holocaust habe es nie gegeben.

Nur jetzt, nur heute sind wir noch in der Lage, den Opfern des Nationalsozialismus zuzuhören, ihnen zu begegnen und aus ihren Geschichten zu lernen. Nur jetzt sind wir in der Lage, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie Zeugnis ablegen. Vielleicht ein letztes Mal. Zu viele Zeitzeugen des Holocaust sind in den letzten Jahren gestorben. Bis zuletzt erzählten sie kraftvoll ihre Geschichten vor Schülern, besuchten Gedenkstätten gegen den Naziterror und richteten flammende Appelle an uns, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie gaben uns keine Schuld an den Verfolgungen von einst. Sie wollten nur, dass millionenfaches Sterben und Leid nicht umsonst sein sollten. Sie hofften, dass wir den Ausgegrenzten und Entwürdigten ihre Würde zurückgegeben würden. Sie hielten sich an uns fest, weil es nur in unseren Händen liegt, die Wahrheit für sie weiter in die Welt zu tragen, wenn sie es selbst nicht mehr können.

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Auch Noah Klieger war einer von ihnen. Ein Überlebender. Ein verfolgter Jude, in dessen Geschichte das eigene Leben am seidenen Faden des Zufalls hing. Er sprach über seine Erlebnisse, er gab Interviews, diskutierte mit jungen Menschen und war bis zuletzt getrieben von der Mission, nichts möge in Vergessenheit geraten. Noah Klieger verstarb am 13. Dezember 2018 in Israel. Und heute? Schweigt er für immer? Gerät in Vergessenheit, was ihm damals in Auschwitz und in anderen Lagern widerfuhr? Nein. Einerseits kann man sein Zeugnis noch immer hören. Er gab Interviews, wurde gefilmt und schrieb selbst über sein Leben. Dass er niemals ganz in Vergessenheit gerät, ist sicherlich auch Takis Würger zu verdanken. Der Journalist und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, von dem man nicht behaupten kann, es sei ein „Buch über Noah KliegerNein. Es ist das Buch Noah, das er schrieb, weil er seine eigene Stimme in den Dienst eines Opfers des Holocaust stellte. Rechtzeitig, wie wir heute wissen.

Noah – Von einem, der überlebte

Warum jedoch sollten wir dieses Buch lesen? Man könnte sich Dokumentationen im Fernsehen und die Interviews mit Noah Klieger anschauen. Reicht das denn nicht aus? Eine schwere Frage, die eine komplexe Antwort verdient. Nein. Es reicht nicht aus. Ich habe sie mir angeschaut, die Momentaufnahmen seines Erinnerns. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte musste Noah zugleich formulieren, erinnern, denken und abwägen. Das Narrativ des Überlebens passte sich dem zeitlichen Rahmen des Formates an und weist immer wieder leichte Veränderungen auf. Mal stehen die Wunder im Mittelpunkt. Wunder, denen er das Überleben zu verdanken hatte. Dann wieder sind es die Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. Es bleiben eindringliche Momentaufnahmen, die unvergesslich sind. Takis Würger jedoch erweitert das Spektrum der Erinnerungen von Noah Klieger um die Dimension Zeit, die er mit dem Zeitzeugen verbrachte.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Es waren 2 1/2 Monate, die Takis Würger mit Noah Klieger in Tel Aviv verbrachte. Aus einer Momentaufnahme in Fernsehstudios oder Zeitungsinterviews wurde hier eine Dauerbelichtung der Erinnerung in der Dunkelkammer des Holocaust. Es ist jener nachhaltige Effekt, der sich in diesem Zeitzeugenbericht niederschlägt. Es ist nicht nur der Extrakt einer schnellen Verschlusszeit, den wir nacherleben dürfen. Es ist mehr. Im Nachwort zum Buch schreibt Alice Klieger, Noahs Nichte und letzte Blutsverwandte:

„Die Journalisten kamen normalerweise für einen Tag, oder eine Woche
und gingen wieder. Dieser war anders. Er blieb und hörte zu.“

Genau hier liegt das große Alleinstellungsmerkmal des nun vorliegenden Buches Noah – Von einem, der überlebteAus kürzester Distanz gelingt Takis Würger das Porträt eines Zeitzeugen, das nicht der Eile jeder Augenblicklichkeit unterworfen ist. Er beobachtete, hörte zu und schrieb dann, was sich hier dauerhaft verfestigt hatte. Takis Würger schrieb nicht seine Version der Geschichte. Er schrieb dazu:

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Genau an dieser Stelle lasse ich euch inhaltlich mit dem Buch alleine. Genau hier muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, einem Überlebenden in dessen Geschichte zu folgen. Auschwitz, Josef Mengele, Zwangsarbeit bis zur Vernichtung, Ravensbrück, Todesmärsche, Willkür und systematische Entrechtung sind die Wegmarken, die hier gesetzt sind und in denen sich das Leben von Noah Klieger abspielt. Es sind relevante Aspekte, die er beleuchtet. Die Hilflosigkeit, die brutale Gewalt und auch der Großmut einiger Weniger, die ihm geholfen haben. Es ist die Erkenntnis, nach dem Ende eines Vernichtungskrieges nicht frei zu sein. Es ist der nachvollziehbare Wunsch, endlich in einem Land leben zu wollen, in dem man sicher ist. Es ist die zionistische Perspektive des Überlebenden, die man verstehen kann. Und es ist die Geschichte einer weiteren Flucht an Bord eines Schiffes, das zum Synonym für nicht enden wollendes Leid steht: „Exodus„.

Wer diesen Weg mit Noah Klieger und Takis Würger geht, wird verstehen, warum diese Geschichte niemals vergessen werden darf. Hier ist nicht nur von Noah die Rede. An den Kreuzungen zwischen Leben und Tod wird auch jenen Menschen gedacht, die durch ihren Mut Leben gerettet haben. Hier zeigt sich wozu man fähig ist, wenn man es wirklich will. Die große Stärke dieses Buches und der große Unterschied zu Interviews mit Noah Klieger ist seine eigene Positionierung in diesem Medium. Bisher hatte er die Fragen zu beantworten. Hier stellt er sie. Hier wendet sich der Überlebende mit einem Fragenkatalog an uns, an seine Nachwelt, an alle Menschen. Und er fragt sich selbst, ohne Antworten zu finden:

„Wie kann ein normaler Menschen begreifen, dass er plötzlich in der Hölle ist?
Wie kann ein Mensch das verkraften?

„Wieso folgt ein Volk einem dahergelaufenen Anstreicher,
einem Österreicher, der aussieht wie eine Karikatur?“ 

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Ich werde Noah Klieger nicht vergessen. Ich werde auch die Menschen nicht mehr vergessen, die seinen Schicksalsweg teilten. Eva Mozes Kor oder Max Mannheimer. Ich habe Überlebende des Holocaust kennengelernt, mit ihnen gesprochen und weiß wie sehr die offenen Fragen auch ihr Leben beeinflusst haben. Takis Würger hat sich in diesem Buch sehr weit zurückgenommen. Er lässt es für sich und Noah sprechen. In der Vergangenheit hat er viel Kritik für seine literarische Methodik eingesteckt. „Stella“ habe auch ich vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. „Noah“ ist aus meiner Sicht ein wichtiges und großes Buch, weil es inhaltlich und methodisch über jeden Zweifel an seiner Entstehung und Intention erhaben ist. Es ist das Buch von Noah. Das sollten wir nicht vergessen. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und die erfüllte Hoffnung von Noah Klieger, man möge sich erinnern. Das ist die Essenz dieses Werks.

Der Tradition der mündlichen Überlieferung folgt nicht nur Takis Würger, ihr folgt auch die aufwendige Umsetzung seines Buches in seiner Hörbuchfassung. Was sich eigentlich anfühlt, wie eine Geschichte, die von einem Sprecher erzählt werden müsste, wird zu einem mehrstimmigen Kanon, der sich in mir eingebrannt hat. Jedes der vier Buchkapitel wird von einem Sprecher gelesen. So entsteht ein bleibender Eindruck der Staffelübergabe jenes Erlebnisberichts von einem Menschen zum nächsten. Höhepunkt dieser Inszenierung ist der Teil, in dem sich Noahs Fragen Raum verschaffen. Es sind viele Stimmen, die diese Fragen stellvertretend für ihn stellen. Es sind letztlich wir selbst, die hier zu Fragenden werden. Hier wird deutlich, dass uns alle dieses Buch angeht. Es mag die Geschichte eines Einzelnen sein und doch ist es die Geschichte vieler, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Hier erreicht das Hörbuch eine ungekünstelte Wucht, die zeigt, was Stimmen bewegen können. Eine eigens den Nachworten gewidmete CD rundet diesen Gesamteindruck ab. Herausragend.

Noah – Von einem der überlebte“ – ungekürzte Lesung mit Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras, Anna Thalbach, Takis Würger. Drei Stunden und 30 Minuten gegen das Vergessen vertiefen den Eindruck, den Noah Klieger selbst immer wieder in den Mittelpunkt stellte:

„Ich weiß, es ist schwer zu verkraften, 
aber es war so.“

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Oftmals ist das eigene Leid so unerträglich, dass man Jahre braucht, um es zu bewältigen. Manchmal wiegen eigene Verluste so schwer, dass man einfach für sich alleine Wege finden muss, um neuen Lebensmut zu fassen. Manchmal jedoch werden die dunklen Gefühle eines Schicksalsschlags wie mit einem Blitzlicht erhellt, wenn man im direkten Vergleich erleben muss, wie es anderen Menschen ergeht, die ein Leben ohne Trauer und Depression führen dürfen. Eine solche psychologische Ungleichung hat Kristina Hauff zum Schmelzkern ihres Romans „Unter Wasser Nacht“ gemacht. Ein Familiendrama in der malerisch einsamen Landschaft der Elbauen, ein Drama im Wendland, eine fulminante Geschichte über Trauer, Verlust, Liebe, Geheimnisse und Neid, die mich auf ihren knapp 300 Seiten nicht mehr loslassen wollte. Im Titel „Unter Wasser Nacht“ findet der gesamte Roman seine epische Entsprechung.

Alles könnte so schön sein auf dem gemeinsamen Hof zweier Paare im Wendland. Viele gemeinsame Jahre (darunter auch wilde und revolutionäre) lagen hinter ihnen, als sie auf einem kleinen Fleckchen Erde sesshaft wurden und ihre Familien gründeten. In ständiger Reichweite voneinander hatte sich ein Idyll Raum verschafft, das die beiden Paare in Sicherheit wog. Das Gemeinsame stellte die Grundmauern dar, und doch gab es ausreichend große Rückzugsorte, um sein eigenes Leben zu führen. Kinder kamen zur Welt und im Rückblick auf diese Zeit muss dieser Ort wie ein Biotop gewirkt haben. Als wir Sophie und Thies, sowie Inga und Bodo kennenlernen, ist von ihrer einstigen Harmonie kaum noch etwas übrig. Dafür wiegt das Drama zu schwer, dass sich vor 13 Monaten genau hier abgespielt hatte.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter ungeklärten Umständen ertrank der elfjährige Sohn von Sophie und Thies. Seitdem ist das Leben auf dem Hof in zwei Welten zerbrochen. Eine trauernde, in der sich die Eltern endlose Fragen über den Tod ihres Sohnes Aaron stellen. Und die heile Welt von gegenüber. Inga und Bodo, vom Glück gesegnet. Eltern von zwei gesunden Kindern, die den trauernden Nachbarn immer vor Augen halten, wie schön das Leben sein könnte. Aus diesen täglichen Vergleichen entsteht die Welle von Neid, Einsamkeit und eine Atmosphäre der gegenseitigen Abschottung. Als wäre jener Hof ein Minenfeld emotionaler Blindgänger. Während Inga und Bodo mit ihren Kindern Jella und Lasse den Alltag voller Optimismus leben, versinken im gegenüber liegenden Haus Sophie in ihrer Verbitterung und Thies in einem rastlosen Fluchtverhalten. Auch ihre Beziehung hängt inzwischen am seidenen Faden. Die Trauer ist hier der Scheideweg, an dem im Endeffekt das ganze Leben scheitern kann. Liebe und Freundschaft eingeschlossen.

Kristina Hauff erweist sich als echte literarische Meisterin, wenn es darum geht, die beiden Gefühlslagen der zerrissenen Hofgemeinschaft zu beschreiben. Man fühlt sich „Unter Wasser Nacht„. Wir trauern und leiden mit, beneiden die Menschen auf der Sonnenseite des Hofes und andererseits erkennen wir auch bei ihnen Muster der Rücksichtnahme und des Mittrauerns, allerdings ohne je eine Chance zu haben, etwas gegen den Verlust ihrer Freunde tun zu können. Es herrscht eine trügerische Ruhe in den Elbauen. Man beäugt sich, man meidet den Kontakt und lebt so vor sich hin. Allein aus dieser Konstellation hätte die Autorin ein menschliches Drama formen können, in dem sich diese Konflikte im Laufe der Zeit zu einer Flutwelle vereint hätten. Aber damit nicht genug. Kristina Hauff erweitert ihren Erzählraum und dreht uns Lesenden mit der gekonnten Bewegung einer Spannungsbogenarchitektin die Daumenschrauben enger.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

In multiperspektivisch erzählten, sich überlappenden Szenen blicken wir mit Sophie neidisch aus dem Fenster und beobachten Inga und die Kinder, während wir schon im nächsten Moment mit Inga das Haus verlassen und Sophie am Fenster entdecken. Die Methode der schnellen Schnittfolgen bewirkt, dass wir uns extrem gut in die agierenden Charaktere hineinversetzen können. Jeder kommt zu Wort, niemand bleibt außen vor und es entsteht eine komplexe psychologische Atmosphäre, die nicht nur zermürbend ist, sondern ebenso plausibel wirkt. Als dann auch noch mit Mara eine Fremde diesen Schauplatz der geschundenen Gefühle betritt, wird aus einem Familiendrama eine tief angelegte und noch komplexere Geschichte eines Lebens in unmittelbarer Nähe eines Flusses, der den Lauf der Dinge zu definieren scheint: Die Elbe.

Spätestens von diesem Moment an ist man nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen. Spätestens hier befinden wir uns in einem Mix aus Gefühlskino und kriminalistischer Ermittlung eines Cold Cases. Der Tod des Jungen wird mehr und mehr ins Zentrum gerückt. Was war hier passiert? Warum geht ein erst Elfjähriger aus freien Stücken vollständig bekleidet in die Elbe? Wo waren die Eltern, wo die anderen Bewohner des Hofes? Welches Geheimnis liegt hier verborgen? In atemlosem Tempo werden wir durch die Elbauen gejagt, werden zu Zeugen von Ausfallerscheinungen der direkt Beteiligten und kommen der Ursache für Aarons Tod immer mehr auf die Spur. Kein Hinweis erweist sich als banal, keine Fährte ist kalt, kein Verdacht unbegründet und doch führt nur ein Weg zur Lösung dieses Todesfalles. Mara. Auch, wenn sie alles durcheinanderbringt, sie wirkt wie Ariadne, die den roten Faden in der Hand hält. In ihr liegen Hoffnungen, Leid, Neid, Eifersucht, Verheißung und Zuversicht verborgen. Hier durchbricht die scheinbar Außenstehende alle inneren Widerstände.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Es sind die zahllosen inhaltlichen Facetten, mit denen Kristina Hauff überzeugt. Es sind sich verändernde Freundschaften, unüberbrückbare Gräben und tiefe Wunden in einer ehemals heilen Welt, über die sie uns geleitet. Es ist die raue Elbe, die mit ihrer Gewalt Land und Menschen zu formen vermag. Es sind die Kontraste, die uns hier zu staunenden Betrachtern machen. Es ist das konservativ idyllische Wendland, es ist die exotische dänische Freistadt Christiania, deren Flair Mara mit sich trägt. Und es sind die vielfältigen Aspekte der verschachtelten Handlung in Verbindung mit den Akteuren dieses Romans, die eine Einordnung in eine literarische Schublade erfreulich schwer machen. Es ist ein Krimi und doch ist es keiner. Es ist ein psychologischer Roman im Schatten eines dramatischen Verlustes und doch ist es viel mehr. Es ist ein Drama, in dem aus Freunden, sich gegenseitig beäugende Kontrahenten und Wettbewerber um das wahre Glück im Leben werden und doch ist es kein reines Familiendrama. Und es ist in Teilen ein Roman der falschen Gefühle, weil man Aaron sehr ambivalent erlebt.

Die Autorin scheint es zu genießen, nicht in einem Genre gefangen zu sein. Man erwartet keinen kriminalistisch perfekten Fall, der lückenlos aufgeklärt wird. Man sucht nicht nach zusätzlichen Beweisen, muss mit Lügen leben, die nicht geradegerückt und aufgedeckt werden. Ja, wir müssen sogar Fragezeichen akzeptieren, weil wir hier ein Stück Leben präsentiert bekommen, das in seinen offenen Fragen sehr authentisch ist. Ich würde „Unter Wasser Nacht“ nicht in eine literarische Schublade stecken. Aber ich bin natürlich bereit, diesen Roman in eine Schublade meiner kleinen literarischen Sternwarte einzusortieren: „Lesenswerte Lektüre, die mich in einem unglaublichen  Sog nicht mehr loslassen wollte.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff – Das Hörbuch

Kurz vor Toresschluss erreichte mich die Hörbuchfassung zum Roman „Unter Wasser Nacht„, und so kann ich den Erzählraum um den Hörraum der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag erweitern. Acht Stunden und zwanzig Minuten der ungekürzten Lesung geben hier den Rahmen vor, in dem wir uns zuhörend bewegen. Die Schauspielerin und Sprecherin Julia Nachtmann liest sich tief in das Setting aus Wendland, Verlust, Elbe und Gefühl hinein. Sie führt uns erfreulich unaufgeregt durch einen Plot, der sein ganz eigenes Tempo aufnimmt. Das Problem der Multiperspektive löst sie brillant, indem sie sich in den Dialogen aus den Sichtweisen der Protagonisten befreit und den Stimmen der Akteure Leben einhaucht. Ihrer Stimme zu folgen ist hier sehr angenehm, weil sie unsere sprunghafte Neugier zügelt und ein Tempo vorgibt, in dem man wie die Elbe durch das Wendland treibt, in dem wir sonst haltlos untergehen würden. Sehr hörenswert.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Ein Nachtrag: Ich hatte das Gefühl, unfair zu „Unter Wasser Nacht“ gewesen zu sein. Ich hatte das Gefühl, dem Buch von Kristina Hauff nach den Romanen von T.C. Boyle und Benedict Wells zu kritisch zu begegnen, weil mich die Neuerscheinungen begeistert und bewegt hatten. Nach Boyle und Wells gelesen zu werden, ist wohl einer der undankbarsten Startplätze, den man sich nur vorstellen kann. Und dann saß ich vor diesem Roman und wusste schon nach 50 Seiten, dass meine Bedenken unbegründet waren. Die Autorin hat mich in einem Gefühl tiefer Lese-Melancholie aus „Hard Land“ abgeholt und mich an der Elbe aufgefangen. Es gab keinen Grund mehr zu denken, es sei nicht fair gewesen. Es gab tausend Gründe mich zu bedanken, dass ich in solchen Höhen weiterfliegen durfte. Dieses Gefühl wünsche ich jedem Lesenden…

Die emotionale Ungleichung von Kristina Hauff ist mathematisch betrachtet, eine mit vielen Unbekannten, Variablen und Ableitungen. Aber sie geht auf! Bleibt am Ende des Tages nur noch eine Frage offen, über die man trefflich diskutieren kann. Dies hier zu tun, würde zu sehr spoilern, aber im Off bin ich natürlich dazu bereit. Ihr wisst ja, wo man mich findet!

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Wallace von Anselm Oelze [Buch und Hörbuch]

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich habe mit dieser Artikelserie bereits begonnen und einen Ausblick auf mein zukünftiges Lesen geworfen. Nicht nur die Großmeister der Entdeckungen stehen im Mittelpunkt. In meinen Fokus geraten die ewigen Zweiten, die Vergessenen. Die Schlagintweits und Wallaces dieser Welt. Ihr erinnert euch?

Doch wer schreibt in diesem Themenfeld schon vom Versagen? Wer widmet seine Recherchen den sogenannten ewigen Zweiten in der Geschichte der Reisen zu bislang unerforschten Hotspots unseres Planeten? Wen interessiert der zweite Mann, auf dem Mount Everest? Wer liest über die zweite Reise nach Amerika und wer reibt sich heute noch neugierig die Augen angesichts gescheiterter Expeditionen zum Nordpol. Hier gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern. Eine erfolgreiche Expedition ist eine Sensation. Punkt. Der Zweite ist schon der erste Verlierer. Siehe Charles Darwin und seinen vergessenen Vorläufer Alfred Russel Wallace, von dem hier bald noch die Rede sein wird.

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

Jetzt ist es soweit. Alfred Russel Wallace hat in der kleinen literarischen Sternwarte nicht seinen ersten Auftritt. „Der Federndieb“ von Kirk Wallace Johnson hat ihm nicht nur ein kleines Denkmal gesetzt, sondern veranschaulicht, was seine Entdeckungen in letzter Konsequenz verursacht haben. Ohne ihn keine Paradiesvogel-Federn in Europa. Und ohne die kein Federndieb, kein Wettrennen auf dem Hutmodenmarkt um die tollste Federkreation und kein Diebstahl in einem Museum, um Federn für das Fliegenfischen zu stehlen. Eine faszinierende Geschichte, die mich erst auf die Spur eines Entdeckers brachte, der heute fast vergessen ist. Weil er immer der Zweite war. Weil der gute alte Charles Darwin den Ruhm des Entdeckers der Evolutionstheorie für sich beanspruchte. So steht es geschrieben. So ist es verbrieft. Pech für Wallace. Irreversibel. Oder?

Nicht ganz, wenn man dem Roman „Wallace“ von Anselm Oelze folgt und sich auf ein gewagtes Gedankenspiel einlässt, das die Geschichte der Naturkunde auf den Kopf stellen kann. Hier ist Alfred Russel Wallace nicht nur literarische Referenzadresse für eine spannende Geschichte. Hier steht er im Mittelpunkt. Hier wird seine Geschichte in ihrer ganzen Komplexität erzählt. Wir folgen ihm auf seine Entdeckungsreisen, sind mit ihm an Bord großer Segelschiffe, die in Seenot geraten und seine Exponate mit sich in die Tiefe reißen. Wir werden zu Zeugen der leidenschaftlichen Sammelwut, seiner Lust an der Katalogisierung der unglaublichen Artenvielfalt im Malaiischen Archipel und der zufälligen, doch nicht minder bahnbrechenden Entdeckung der natürlichen Selektion.

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

Nur der Stärkere überlebt. Die Evolution auf der Grundlage einer Bestenauslese hat ihren wissenschaftlichen Ursprung in den Beobachtungen von Alfred Russel Wallace. Er war der Erste. Er war der wahre Entdecker der Evolution. Warum nur hat es Charles Darwin geschafft, als Erster eine Ziellinie zu überqueren, über die Wallace schon längst hinweggespurtet war? Anselm Oelze geht diesem Phänomen auf die Spur. Und nicht nur das. In seinem zweiten Erzählstrang injiziert er uns mit seinem Roman ein Serum, das in literarischer Hinsicht geeignet ist, die Wissenschaft auf den Kopf zu stellen. Was muss man tun, um Wallace Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Wie kann man dafür sorgen, dass die Geschichts- und Lehrbücher dieser Welt neu geschrieben, und Preise sowie wissenschaftliche Auszeichnungen neu vergeben werden müssten?

Hier setzt Anselm Oelze an und spinnt einen Faden, der nicht nur sympathisch und gerecht ist. Er wirkt zutiefst plausibel, obwohl wir ahnen, dass allein der Gedanke einer Entthronung Charles Darwins völlig abwegig ist. Wie sollte es gelingen, jenes Denkmal vom Sockel zu stoßen? Hier kann nur ein Eingriff von außen helfen. Hier fehlt es nur an einem einzigen Impuls, der auch in der Wissenschaft dafür sorgt, dass der Stärkere im Gedächtnis bleibt und gewinnt. Hier bringt Anselm Oelze einen kleinen Museumswärter ins Spiel. Albrecht Bromberg, der zufällig auf historische Dokumente und Fotos stößt, die belegen, dass Charles Darwin sich mit dem Ruhm eines anderen bekleckert hat. In Bromberg reift ein Plan, der geeignet ist, die Geschichte der Evolution auf den Kopf zu stellen.

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

Das ist Science-Fiction in ihrem reinsten Wortsinn. Wissenschaftliche Erfindung. In alle historischen Hintergründe und Kulissen perfekt eingebettet, auf Tatsachen basiert und in der Schlussfolgerung doch so utopisch, wie es ein brillanter Roman einfach sein muss. Grandios erzählt, schillernd und atmosphärisch an seine Leser gebracht und mit einem beiläufigen Augenzwinkern die Schraube der Handlung einen einzigen Dreh mit unfassbarer Tragweite weitergedreht, das ist Literatur. Bromberg mutiert zum Rächer in einer facettenreichen Geschichte. Er ist in der Lage die richtigen Strippen zu ziehen. In seinem Umfeld genießt er Respekt und Anerkennung und man weiß, dass er eigentlich mehr auf dem Kasten hat, als auf alte Kästen aufzupassen. Man müsste der Wahrheit nur einen kleinen Schubs geben. Vielleicht sogar einen, der völlig frei erfunden ist. Hier ist es an der Zeit, die Geschichte durch Geschichtsfälschung zu korrigieren. Bromberg hat einen Plan.

Anselm Oelze gelingt mit Wallace ein doppeltes Lottchen. Er fantasiert historisch und historisiert fantastisch. Er nährt die Zweifel an Darwin und befeuert die Diskussion um den ewigen Zweiten Wallace. Da wo der letzte Beweis fehlt, legt er ihn vor. Aus der hohlen Hand. Frei erfunden und doch hat man das Gefühl, dies sei nicht mehr als recht und billig. Grandios. Schreibt die Bücher neu. Hebt Wallace aufs Schild und verehrt ihn als DEN Entdecker der Evolutionstheorie. Ich habe seit Oelze kaum noch Zweifel. Hier spielt Literatur mit Geschichte. Und das auf einem Spielfeld, das keine Veränderung im Regelwerk zulässt. Außer, man hat einen Trumpf in der Hand.

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Wallace von Anselm Oelze

Ich versank im Buch (Schöffling & Co) und genoss parallel dazu das zweistimmig eingelesene Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag. In seiner ungekürzten und siebeneinhalbstündigen Lesung auf 6 CDs in feinster Aufmachung überzeugen Robert Stadlober und Wolfram Koch in ihrem zeitlosen Wechselspiel der Perspektiven. Es ist eine Reise durch die Zeit, der beide Sprecher ihre Stimme leihen. Wir tauchen in einer Atmosphäre zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein und erleben Wallace kränklich und von Fieber geplagt. Zweifelnd und zögernd. Mehr als 150 Jahre später kämpft Bromberg in ähnlicher Weise mit seinen Gefühlen. Er fiebert seiner Entdeckung entgegen und wagt es doch nur zögernd, den nächsten Schritt zu gehen. Stadlober und Koch schlagen die Brücke zwischen Wahrheit und Fiktion. In der Mitte scheinen sie sich zu begegnen. An einem Punkt, den man literarisch „Wunschdenken“ nennen könnte… Ein Hörerlebnis.

Weiter geht´s mit den großen Expeditionen. Mit Versagern, Wagemutigen und ganz sicher auch mit den Ikonen ihrer Zunft. Folgt der Artikelserie durch die Zeit, bleibt mir auf der Spur, es wird noch extrem hoch hinausgehen, bodenlos ins Tiefe versinken und sicher in jeder Beziehung spannend bleiben. Das Abenteuer liegt vor unserer Nase. Es gilt nur, die richtigen Romane aufzuschlagen, die passenden Hörbücher zu finden und dann den Geistern des guten Lesens und Hörens zu folgen. Bleibt Entdecker.

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Wallace von Anselm Oelze

„Wallace“ von Anselm Oelze
Schöffling & Co / 264 Seiten / gebunden / 22 Euro
Der Audio Verlag / 7 Std.36 Min. / ungekürzt / 6 CDs / 22 Euro

Erich Maria Remarque – Hören für die Ewigkeit

Erich Maria Remarque - Hörspiele für die Ewigkeit - Astrolibrium

Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit

Er begegnet mir immer wieder, wenn ich mich mit Themen auseinandersetze, die mein Schreiben über die Literatur seit Jahren bestimmen. Erich Maria Remarque wird immer dann präsent in der kleinen literarischen Sternwarte, wenn ich über den Ersten Weltkrieg schreibe, weil er mit „Im Westen nichts Neues“ den wohl weltbekanntesten Antikriegsroman aller Zeiten schrieb. Ich treffe auf ihn, wenn ich über Autoren und ihre Bücher schreibe, die in der Zeit des Nationalsozialismus verboten waren. Immer wieder kreuzen sich unsere Wege, wenn es um das Schicksal von Flüchtlingen geht, die sich heimatlos und ausgebürgert in Sicherheit bringen müssen. „Die Nacht von Lissabon“ gehört für mich zu den eindrucksvollsten Romanen über ein solches Unterfangen. Ich finde seine Worte immer wieder, wenn es um bedeutende Briefwechsel geht, in denen Menschen die Grenzen ihrer Gefühle handschriftlich sprengen konnten. Ob es nun zu Weihnachten war, oder ob es sich um verzweifelt schöne Liebesbriefe handelte. Auch hier hat Remarque deutliche Spuren in meiner kleinen literarischen Welt hinterlassen.

Oder sollte ich besser sagen, er hat Spuren in meinen Ohren hinterlassen, da ich Erich Maria Remarque zumeist hörend Zutritt in meine Gedankenwelten gewährt habe? Ich gestehe, nur wenig von ihm gelesen zu haben. Ich liebe seine wortgewaltige und in jeder Hinsicht emotional explosive Sprache. Es sind Hörbücher und Hörspiele, die mich für Remarque eingenommen haben. Es sind Produktionen, in denen große Stimmen in seine Haut schlüpften und mir ungefilterten Zugang zu seinen Gedanken gewährten. In den letzten Tagen war ich in zwei Hörspielinszenierungen versunken, die mich mit den großen Büchern des Autors auf Ohrenhöhe brachten. Es sind die Werke, für die er in der ganzen Welt bekannt ist. Und dabei dachte ich auch an die Briefe, die ich bereits hören durfte, weil es eben auch einen anderen Remarque gibt. Den heimlich liebenden und mit Worten verführenden, sich verzehrenden Weltbürger, der ein besonderes Herz im Sturm eroberte….  Dieses Special soll euch entführen. Ich nehme euch an die Hand und berichte von einem Krieg im Westen, einer Nacht in Lissabon, einer Diva und von einem Weihnachtsbrief an die heimliche Geliebte. Remarque – Hören fürr die Ewigkeit.

Erich Maria Remarque - Hörspiele für die Ewigkeit - Astrolibrium

Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit

Ich trage sicherlich Eulen nach Athen, wenn ich über die zeitlose Bedeutung des Romans Im Westen nichts Neues schreibe. Ihr habt garantiert alle bereits viel über jenes Buch gehört, es ist euch in der Schule oder im privaten Lesen begegnet, oder ihr habt eine der Verfilmungen gesehen. Ja, man hat viel von jenem Paul Bäumer gehört, der sich aufgrund der patriotischen Appelle seines Lehrers mit einigen Schulfreunden freiwillig gemeldet hatte, um im großen Krieg (der später der Erste Weltkrieg genannt werden sollte) für sein Vaterland zu kämpfen. Aber haben wir diesen Roman über eine menschenverachtende Vernichtungsmühle schon einmal gehört? Sicherlich nicht. Die Hörspiel-Inszenierung von Radio Bremen – erschienen bei Der Audio Verlag – macht es möglich. 1928 erschien dieser Roman, in dem Remarque eigentlich nicht über den längst vergangenen und verlorenen Krieg schreiben wollte. Das Menschliche stand für ihn im Mittelpunkt. Die Verlorenheit des Einzelnen, die Unausweichlichkeit des Krieges und die Folgen, unter denen die Überlebenden und Hinterbliebenen zeitlebens zu leiden hatten, steckten den Rahmen dieses Antikriegsromans deutlich ab.

Dieses Hörspiel macht euch zu Ohrenzeugen eines Schlachtens, das nie zuvor so ohrenscheinlich vernichtende Wirkung auf seine Zuhörenden hatte. Die Wirkung dieser Geschichte entfaltet eine apokalyptische Atmosphäre, die Remarque zwar sehr trefflich beschrieben hatte, die hier jedoch so unmittelbar und ungefiltert zu Ohren geht, und in unsere Nervenbahnen fließt, als wäre man selbst an der Front. Schrapnellhagel und im Hintergrund explodierende Geschosse verschärfen den oberflächlichen Eindruck, man läge selbst im Schützengraben. Das jedoch ist nicht das bestimmende Wesensmerkmal dieser Produktion. Im Buch ist es der deutsche Krieg. Es ist die deutsche Front, die es auf andere Beteiligte zu übertragen gilt. Hier überlagern sich die Stimmen und aus den verzweifelten Hilferufen des Soldaten werden die international überlagerten Appelle der Kämpfer auf der Gegenseite. Dies ist ein polyglottes Hörspiel, in dem man den Ausruf, „Ich habe nur ein Leben zu verlieren“ als französisches, englisches und russisches Echo vernimmt. Hier wird die Internationalität des Leidens hörbar. Ein Erlebnis, das in die Hörspielgeschichte eingehen wird. Authentische Stimmen, bewegende Dialoge und eine starke Dramaturgie, die diesem Roman in jeder Beziehung gerecht wird, machen dieses Hörspiel zu einem echten Meilenstein des Genres. Hörenswert.

Erich Maria Remarque - Hörspiele für die Ewigkeit - Astrolibrium

Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit

Dass dieser Erste Weltkrieg nicht im Singular stehenbleiben würde, musste Erich Remarque am eigenen Leib erfahren. Verwundet in jenem Ersten Weltenbrand, erlebte er wie im eigenen Land der Nationalsozialismus aufbrandete. Seine Werke wurden nun verbrannt, er wurde ausgebürgert und musste fliehen. 1932 verlässt er die Heimat und bleibt aus dem Exil heraus scharfer Beobachter der Entwicklungen in der Heimat. Erst 15 Jahre nach Ende des Krieges fand er die Worte, um „Die Nacht von Lissabon“ zu Papier zu bringen. Eine zeitlose und bewegende Geschichte über eine Flucht, die sich zugleich wie die Chronik der jüngeren Geschichte Deutschlands anhört. In Lissabon ist es der Hafen, der zwei Emigranten 1942 zusammenführt. Der eine will mit seiner Frau Europa verlassen, hat jedoch weder Dokumente, Geld, noch die Schiffspapiere, die sie vor dem unausweichlichen Schicksal retten könnten. Der andere besitzt alles, was man für eine Flucht benötigt und er will es dem Fremden schenken, wenn ihn dieser in jener Nacht nicht alleine lässt und ihm bei seiner Geschichte zuhört.

In der Erzählung des Mannes kumuliert Remarque die Flüchtlingsschicksale jener Zeit unter der braunen Diktatur. Es ist die Geschichte einer verzweifelten Flucht mit seiner Frau, eine Geschichte, die zeigt, wie schnell das jüdische Leben unter Vorbehalt gestellt wurde und wie eng sich die Schlinge im Lauf der Jahre zuzog. Es ist aber auch die Geschichte des Scheiterns, in dem der Grund verborgen legt, warum er nun all sein Geld und seine Schiffspassagen verschenkt. Hier sind es nicht die lauten Effekte, die in dieser Hörspielfassung fesseln. Es sind die Stimmen der Sprecher und es ist die brillant inszenierte Dialogregie, die der Verzweiflung in dieser einen Nacht Kontur verleihen. In jeder Hinsicht ein Hörereignis, das uns vor Ohren führt, wie schnell man unverschuldet im gut geschmierten Räderwerk einer Diktatur zermalmt werden kann. Hier erinnere ich mich an Ulrich Alexander Boschwitz, der seine Geschichten nicht aus der Distanz in seine Erinnerung rief. „Der Reisende“ ist die direkte Spiegelung dieser Ereignisse und gehört im Lebensregal des interessierten Lesenden und Hörenden in die gleiche Reihe, in der man Remarque beheimatet.

In der ARD-Audiothek kann man „Die Nacht von Lissabon“ hören. Als haptische Edition ist die Produktion bei Der Audio Verlag erschienen. Empfehlenswert. Bleibt mir noch der Blick auf einen anderen Erich Maria Remarque. Den Liebenden, der sich in seinen Briefen für seine Angebetete unsterblich machte. Wer das war? Das gehört zweifelsohne zu den großen Überraschungen im Leben des großen Schriftstellers:

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe... AstroLibrium

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Der andere Remarque:Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“. Ein Briefwechsel für die Ewigkeit (Random House Audio)

So höre ich nun also. Mit Gänsehaut, denn das einst Geschriebene erwacht zu neuem Leben, wird vital, und katapultiert mich am 29. November 1937 nach Porto Ronco. Wem ich allerdings dort begegnen sollte, das hätte ich mir kaum vorstellen können. Und noch weniger vorstellbar war für mich die Adressatin dieser gefühlvollen Zeilen. Erich Maria Remarque, der Schriftsteller, der mit einem Kriegsroman zu Weltruhm gelangt war, sitzt an seinem Schreibtisch und träumt von der Anwesenheit seiner Angebeteten. Sieht sie in seine Arme fliegen, fühlt die Liebe. SIE: das war Marlene Dietrich, der Blaue Engel, die Göttin des internationalen Films.

„Das Zimmer zerfiel und die Nacht zerfiel und die Welt zerfiel und deine Lippen …“

Hörend stelle ich mir die Wirkung der Zeilen auf die Dietrich vor. Den Vamp, jene männermordende Legende, der die gesamte Männerwelt ihrer Zeit zu Füßen lag. Erich Maria Remarque lässt keinen Zweifel an einer Beziehung, die Zeilen sprechen für sich. Und doch wird erst nach dem Liebesbrief klar, was beide miteinander verband und wie es endete. Denn die Liebesbriefe der Kollektion werden von Christian Baumann, der in emotionaler und bewegender Art und Weise die ebensolchen Herausgebertexte liest, in den zeitlichen Kontext und das Leben der Verliebten eingeordnet.

Der Zartheit der Zeilen folgt eine Skizze ihrer Liebe. Es folgen die Kosenamen und auch die Grenzen, an die man gegenseitig stieß. Die Kreise schließen sich. Gefühl und Tragik gehen Hand in Hand, Antworten von Marlene Dietrich existieren nicht mehr. Die Ehefrau von Remarque, Paulette Goddard (auch eine Schauspielerin) hat sie wohl aus Eifersucht vernichtet. Was bleibt rührt zu Tränen. Nichts Handschriftliches von Marlene. Nur ein Telegramm, das Remarque am 6. September 1970 sechs Tage vor seinem Tod auf dem Sterbebett erreicht. Sechs Worte für die Ewigkeit:

„Ich schicke Dir mein ganzes Herz.“

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz - Einzigartige Briefe

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Der festliche Remarque: „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

Erich Maria Remarque - Hörspiele fürdie Ewigkeit - Astrolibrium

Erich Maria Remarque – Hörspiele fürdie Ewigkeit

Es lohnt sich also, Erich Maria Remarque hörend zu folgen. Weltliteratur aus der Feder eines facettenreichen Schriftstellers, der sich nie als Opfer empfand und sich im Lauf der Zeit freigeschrieben hatte. Der Preis dafür war hoch. Heimatlosigkeit und Ausbürgerung, Vertreibung und Verlust des „Vaterlandes“ für das er einst kämpfte. Der Gewinn war unermesslich groß. Ein Weltbürger, der die Sicht auf die Kriege verändert hat und dem Pathos zeitlebens eine finale Absage erteilte. Wir sollten ihm eine Heimat geben.

Erich Maria Remarque - Hörspiele für die Ewigkeit - Astrolibrium

Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit