„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog

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Die „Verborgene Chronik“ (1914 – 1918) in Schrift und Ton

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Warum nicht mit meinem diesjährigen Urlaub beginnen? Warum nicht mal erklären, was mich angetrieben hat, eine 2500 Kilometer lange Reise durch Frankreich an einem Ort zu unterbrechen, der so gar nicht für Erholung und eine schöne Aussicht steht? Ein Abstecher, der nicht nur mir verdeutlichen sollte, dass für mich nicht selbstverständlich ist, was viele Touristen als völlig normal erleben. Es war nur ein kleiner Umweg der uns zu den Schlachtfeldern von Verdun führte, zum Beinhaus von Douaumont und zu den unzähligen Kriegsgräbern der Gefallenen des ersten Weltenbrandes. Es ist gerade mal 100 Jahre her, da lagen sich dort deutsche und französische Soldaten gegenüber, nur wenige Meter durch Schützengräben und Stacheldraht voneinander getrennt. Und doch vereint in der Angst vor dem nächsten Angriff, der Furcht vor Giftgas und zermürbt vom unendlich scheinenden Abnutzungskrieg.

Es ist nicht selbstverständlich dort zu stehen. Nicht für mich. Es ist nicht gänzlich selbstverständlich, in dem Nachbarland willkommen zu sein, das in den letzten hundert Jahren gleich zwei Mal von unseren Vorfahren in einen Krieg gezogen wurde. Es liegen drei Generationen zwischen den brutalen Gefechten von einst und meinem Besuch an den Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges. Meine Großväter gehörten zu den Soldaten des Kaiserreiches, die auf diesen Schlachtfeldern ihre Spuren hinterließen und an Leib und Seele traumatisiert nach Hause kamen. Es ist für mich nicht selbstverständlich dort zu stehen. Es gäbe mich nicht, wenn auch nur einer meiner Großväter da gefallen wäre wo Unzählige ihr Leben ließen. Wenn diese Kreuze erzählen könnten, sie würden wohl vom Wahnsinn des Krieges künden. Ein hundertausendstimmiger stummer Chor. Und doch so laut, wenn man genauer hinhört.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Was fühlten diese Menschen an der Front, wie lebten sie diesen Krieg, wie erlebten und überlebten sie ihn? Eine Frage, die mich beschäftigt und der ich immer wieder auf den Grund gehe. Primärquellen helfen dabei, sich in die Situation zu versetzen. Briefe von der Front, Feldpostbriefe genannt und Tagebücher bieten einen genauen Blick auf die einzelnen Schicksale. Viele Bücher las ich zu diesem Thema. Eines wartete lange auf seine Fortsetzung. Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) war der erste Band einer chronologischen Tagebuchcollage, die zahllose private Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit dem ersten Kriegsjahr auseinandersetzt, kommen 57 unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die ein Mosaik der Gefühlslage an der Front und in der Heimat entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben und von denen meist nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, ahnten nicht, dass ihre Worte je von uns gelesen werden. Dazu waren sie nicht gedacht. Wir sollten heute vertrauensvoll mit diesen Zeitzeugnissen umgehen. Sie sind privat!

Die verborgene Chronik 1915 – 1918

Nun liegt der große finale Wurf dieser Collage vor. In einem Band haben die beiden Herausgeber alle Tagebucheinträge über die Kriegsjahre 1915 bis 1918 veröffentlicht. Und zeitgleich zu diesem historischen Zeitzeugnis von Format aus dem Galiani Verlag hat Der Hörverlag eine Gesamtausgabe der verborgenen Chronik von 1914 bis 1918 in einer zweistimmig gelesenen gekürzten Audio-Fassung veröffentlicht. Ein literarisch grandioses Großprojekt, dessen Inhalt in keinem Geschichtsbuch dieser Welt zu finden ist liegt nun als über 800-seitiges Buch und als gekürzte Lesung auf 15 CDs mit einer Laufzeit von mehr als 19 Stunden vor. Diesen Raum hat sich die Tagebuch-Kollektion verdient. Sie verleiht im wahrsten Sinne des Wortes nahezu 100 Tagebuchschreibern, die bisher im Verborgenen geblieben sind, Stimme und Gewicht.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier finden wir sie: Den einfachen Frontsoldaten, dessen Kriegsbegeisterung von Tag zu Tag zu schwinden beginnt, und lethargischer Resignation Platz macht. Den Offizier, der fast den gesamten Krieg in Gefangenschaft verbringt und sich darum sorgt, ob ihm gestattet wird, seine Andenken von unterwegs mit in die Heimat bringen zu können. Die jungen Mädchen, die ihre Erinnerungen niederschreiben, gefärbt vom Unterricht und im Glauben an die Zeitungsmeldungen dieser Tage. Den Armeepfarrer, der im Verlauf des Krieges alles verliert, was ihm wichtig war, der seinen gefallenen Bruder im Sarg nach Hause begleitet und anderen Trost spenden muss. Von göttlichem Beistand kann nicht mehr die Rede sein. Den Arzt, der seine Hilflosigkeit erkennt und die Frauen, die in der Heimat auf die Rückkehr ihrer Liebsten hoffen.

Aber auch skurrile Einträge lassen aufhorchen. So findet zum Beispiel der Brief von einer Ehefrau an ihren an der Front kämpfenden Mann seinen Weg ins Tagebuch eines Soldaten, der die Post kontrolliert. Sie teilt ihrem Mann mit, dass sie nun schwanger ist. Natürlich nicht von ihm. Sie habe ja auch drei Wochen nichts von ihm gehört und groß war der Schreck, als er sich plötzlich wieder meldete. Sie freue sich über das Geld, das er nach Hause schicke, weil ja alles so teuer sei und äußert sich glücklich darüber, ihn an der Front zu wissen, da er ja dort kostenloses Essen bekäme. Vielleicht käme ja das Kind tot zur Welt und dann sei alles wieder gut. Gezeichnet: Deine aufrichtige Frau. Ja, da kann man sich vorstellen, warum sich Frontsoldaten selbst erschossen haben.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Ohne Wertung durch die Herausgeber, ohne jeglichen Eingriff von außen werden wir zu Zeugen des subjektiv Erlebten. Erst die meisterliche Collage ergibt ein Bild, das sich bewerten lässt. Widersprüche, Propaganda und gezielte Fehlinformationen lassen sich identifizieren. Die Lebensumstände an der Front und die sich immer dramatischer verschlechternde Ernährungslage in der Heimat werden fühlbar. Und letztlich wird klar, worauf die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später aufbauen konnten. Hier zeigen sich die ersten Spuren der Dolchstoßlegende einer im Felde unbesiegten Armee, die gedemütigt und nach zahllosen Opfern und Entbehrungen nur durch unfähige Politiker verraten wurde. Eine Legende, die zum Umsturz beitrug, Soldatenräte möglich machte, die Weimarer Republik stark belastete und spätestens ab 1933 gerne für die Rache am sogenannten Erzfeind Frankreich herhalten musste.

All dies lässt sich aus den Tagebucheinträgen herauslesen. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird greifbar. Da stehen diese Dokumente den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger in nichts nach. „Die verborgene Chronik“ erreicht ein beschreibendes Niveau das bei Walter Kempowski in seinem Echolot-Projekt über den Zweiten Weltkrieg zu Weltruhm gelangte. Nur fehlen die Prominenten, die Politiker, die Intellektuellen, die im Echolot zu Wort kommen dürfen. Hier sind es ganz kleine Gestalten am Rande unserer Geschichte, die ihre Sichtweisen vertreten. Das macht „Die verborgene Chronik“ sehr authentisch und greifbar. Das kann unseren heutigen Blick auf die Glaubwürdigkeit von Nachrichten schulen. Fake-News sind keine Erfindung unserer Zeit. Und gegen einen gesichtslosen Gegner kämpft es sich am besten. Darauf sollten wir achten.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Die verborgene Chronik“ in Schrift und Ton ist eine große Vereinzelungsanlage der Schicksale. Hier dominiert kein WIR oder UNS. Hier ist es der Einzelne, der ohne Pathos von seinen Ängsten berichten darf. Die Individualisierung der Erlebnisse macht den Schrecken des großen Ganzen erst richtig greifbar. Und an den zahllosen Gräbern vor Verdun stellt man sich die Frage, wie viele unerzählte Geschichten hier begraben liegen. Wie viele Generationen es nicht geben durfte, weil hier massenhaft gestorben wurde und warum man nichts daraus gelernt hat, sondern kaum 20 Jahre später erneut die Kampfstiefel auf diese verbrannte und geheiligte Erde setzte.

Was das mit meinem Urlaub zu tun hat? Ganz einfach. Ich hörte jenen zu, die noch zu Wort kommen konnten. Das ist das Verdienst der verborgenen Chronik. Ich lauschte den nie erzählten Geschichten über den Gräbern des Beinhauses von Douaumont und erzählte meiner Tochter von zwei Ländern und zwei Kriegen, von ihren Urgroßvätern in Frankreich und von Versöhnung danach. Ich erzählte ihr, der jungen Erstwählerin, wie sich Politik auf ihr Leben auswirkt. Der Antrittsbesuch eines französischen Präsidenten in unserem Land setzt heute fort, was zuvor mit freundschaftlich gereichter Hand über diesen Gräbern eingeleitet wurde. Und letztlich sind wir es, die Politik machen, weil wir bei allem Spaß dieser Welt nicht leugnen, was uns die Geschichte an Verantwortung in das Tagebuch des Erinnerns schrieb.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Der Erste Weltkrieg in der kleinen literarischen Sternwarte.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Die Hexenholzkrone 1“ von Tad Williams – Osten Ard lebt

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

„Sie werden einander so eng verbunden sein, wie Bruder und Schwester nur sein können, obwohl sie viele Jahre getrennt leben werden. Sie wird Länder bereisen, die nie zuvor von einer Sterblichen betreten worden sind, wird verlieren, was sie am meisten liebt, und mit dem, das sie einst verachtet hat, ihr Glück finden… Er wird einen neuen Namen bekommen. Niemals wird ihm ein Thron gehören, aber seine Hand wird Königreiche erheben und stürzen.“

Diese Prophezeiung begleitet mich seit 1994. Es sind die Worte, die im letzten Band der „Osten-Ard-Saga“ von Tad Williams hoffen ließen, dass ich „Das Geheimnis der großen Schwerter“ am Ende noch gar nicht gelöst hatte. Diese geheimnisvollen Worte am Tag der Geburt der Zwillinge Deornoth und Derra, die Prinz Josua und seiner Frau Vara geschenkt wurden, schrieb ich mir ebenso auf, wie mögliche Handlungsstränge in der großen Saga, die vielleicht wieder aufgegriffen werden würden. Doch seit nunmehr 23 Jahren stehen sie als Relikte meines vergangenen Lesens in einem Notizbuch über eine Buchreihe, die ich in Gedanken nie verlassen habe:

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Erst mit dem Erscheinen des Sequels Das Herz der verlorenen Dinge begann ich daran zu glauben, dass Tad Williams seine eigene Prophezeiung nie vergessen hatte und sich schreibend zurück nach Osten Ard begeben hatte. Ich wurde nicht enttäuscht. Und doch war diese Geschichte nicht so viel mehr als der bisher ungelesene Ausklang der großen Saga. Diese Geschichte beleuchtet lediglich, was am Ende der Kämpfe um den Thron auf dem Hochhorst weiter geschah. Sie schließt ein Kapitel ab, führt dabei ein paar neue, bisher unbekannte Charaktere ein und bleibt in sich geschlossen, ohne die Handlungsfäden von einst erneut miteinander zu verknüpfen. Und doch verbirgt sich viel mehr in diesem Buch, als man es auf den ersten Blick vermuten durfte.

Bedeutet doch sein Erscheinen auch das Erwachen der alten Legenden. Bedeutet es doch den ersten literarischen Fanfarenstoß, der die lang ersehnte Fortsetzung einer der größten Fantasy-Geschichten unserer Zeit ankündigt. Jetzt bin ich wieder in Osten Ard. Meine Notizen von einst erwiesen sich als eigene Prophezeiung meiner Hoffnung, dass nicht enden kann, was weltweit so viele Leser begeistert hatte. Ich bin zurück und folge Tad Williams in ein Land, das wir wohl beide niemals ganz verlassen haben. Sein literarischer Kunstgriff, der mich von der ersten Seite an begeistert, ist unbeschreiblich.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Die Hexenholzkrone 1“ – Hobbit Presse / Klett-Cotta

Fast ebenso viel Zeit wie ich auf diese Fortsetzung warten musste, ist auch in der Geschichte vergangen. Genau 30 Jahre nach der letzten Schlacht gegen die Nornen begegne ich einem Königspaar, dem ich ewige Gefolgschaft geschworen hatte. Simon und Miriamel, die ich zuletzt sah, als sie den Thron bestiegen. Ein ungleiches Paar und doch das ewige Sinnbild für unerschrockene Liebe, Kampfesmut, Treue und Güte. Seit 30 Jahren regieren sie nun schon. Den Frieden haben sie über Osten Ard gebracht und im Rückblick hat Bestand, was sie erschufen. Die Menschen sehen sie als:

Den König und die Königin. Sie sehen uns und wissen, dass alles ist, wie es sein soll, dass Gott weiter über sie wacht… Sie sehen, dass die Jahreszeiten kommen und gehen,… dass der Regen fällt und die Ernte wächst. Sie sehen, dass jemand da ist, der sie vor bösen Dingen, vor denen sie Angst haben, beschützt.

Tad Williams jedoch wäre nicht er selbst, wenn er nicht ganz genau wüsste, dass dieses Bild mehr als trügerisch ist. Er öffnet ein neues Kapitel, erschließt eine neue Saga, die genau bei dieser trügerischen Illusion von Sicherheit beginnt und ganz Osten Ard in den Untergang reißen würde, wären da nicht die Weggefährten aus alter Zeit, die sich dem drohenden Unheil gemeinsam entgegenstellen. Zugegeben sie sind ein wenig gealtert, ihre Knochen sind sehr müde, das Aufstehen fällt schwer, das Reiten gleicht einer Tortur, aber wir sollte niemals jene unterschätzen, die einst Helden waren.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Aber auch hier schöpft Tad Williams aus dem Vollen, indem er neue Charaktere in seinen Zyklus einbringt, die er so brillant beschreibt, als wären sie schon immer Teil der Legende gewesen. Er folgt den initialen Impulsen, die er in „Das Herz der verlorenen Dinge“ selbst gesetzt hat. Besonders interessant ist hier der Aspekt, dass die Nornen ihren Geburtenrückgang durch die Vermischung ihrer Art mit Menschen kompensieren und auf diese Weise Halbwesen erschaffen, die zu Kämpfern ausgebildet werden. Hier vermischt Tad Williams nicht nur das Blut. Hier lässt er mit Nezeru eine Frauengestalt entstehen, die halb Norne, halb Mensch, auch den Fortbestand der Saga entscheidend vorantreibt.

Dieser Mix aus Altem und Neuem macht die auf vier Bände angelegte Fortsetzung des Osten-Ard-Epos zu einem eigenständigen und beeindruckenden Werk. Es ist durchaus möglich, sich dieser Geschichte zu nähern, ohne die vorhergehenden Bände gelesen zu haben. Tad Williams lässt alles Wesentliche aus der Vergangenheit in seine neue Geschichte einfließen, ohne dabei allzu sehr zu repetieren. Für die gewachsenen Leser der Buchreihe allerdings ist es ein Muss, dort fortzusetzen, wo er einst endete. Es ist ein Hochvergnügen, Binabik, Eolair und Tiamak nach so vielen Jahren erneut treffen zu dürfen. Es ist beklemmend, sich von alten Gefährten verabschieden zu müssen und es ist brillant, die Geschichte des Nornen Viyeki weiterverfolgen zu können, nachdem wir ihn erst im „Herz der verlorenen Dinge“ kennengelernt haben. Tad Williams schließt alle Kreise. Er greift alle Handlungsfäden auf und spinnt neue und hochaktuelle Fäden hinzu.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – Das Hörbuch

Und ja. Er bringt uns auf die Spur der Prophezeiung, die mich seit Jahren beschäftigt. Schon in der „Hexenholzkrone“ fühlen wir, dass wir den Zwillingen ganz nah sind und bereits im zweiten Teil dieser Reihe mit dem Titel „Die Hexenholzkrone 2“ werden wir ihnen ganz bewusst begegnen. Auch das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag hat mich intensiv begleitet. Andreas Fröhlich ist DIE STIMME Osten Ards. Er ist der einzig denkbare Erzähler und sprachlich wandlungsfähige Chronist, der mir diese Geschichte aus Osten Ard erzählen darf. Ich denke, er hat inzwischen Nornenblut in seinen Adern. Das kann man hören, wenn er Viyeki spricht und die großen Gesänge des alten Volkes rezitiert.

Nun gilt es weiterzulesen und zu hören. Das erwartet uns unter dem Gesamttitel der Reihe „Der letzte König von Osten Ard“::

„The Witch Wood Crown” = “Die Hexenholzkrone 1 und 2”
„The Empire of Grass” = “Das Graslandimperium”

„The Navigator´s Children” = “Die Kinder des Seefahrers”

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – So geht es weiter…

Was uns noch erwartet? Mein persönliches Highlight der Frankfurter Buchmesse. Hobbit Presse und Klett-Cotta haben ihn tatsächlich wahr werden lassen: Den Traum, Tad Williams exklusiv für Literatur Radio Bayern interviewen zu dürfen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich viele Fragen habe. Wir hören uns also von der Messe und es wird kein Solo-Interview, da ich von einer besonderen Bloggerin begleitet werde, die zu den ganz großen Osten-Ard-Fans gehört. Überraschung.

Tad Williams -Das exklusive Radio-Interview – Nur hier

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Am Messe-Samstag der FBM17 war es dann soweit. Gemeinsam mit Giulia Vedda begrüßte ich Tad Williams zum Interview am Stand von Klett-Cotta / Hobbit Presse. Das komplette Interview könnt ihr euch HIER bei Literatur Radio Bayern anhören. Eine kleine Interviewkabine sorgte für ein wenig Abschirmung vor dem Messetrubel und wir konnten uns ganz auf unseren prominenten Gesprächspartner einlassen. Tad Williams ließ keine Frage offen und so wurde aus einem literarischen Gespräch in kleiner Runde ein umfassender Ausflug in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Osten Ard.

Ausgehend von der alten Prophezeiung, die diesen Artikel einleitet, ergründeten wir die Motive des Schriftstellers, die zur Fortsetzung der Saga führten, erfuhren, dass Tad seine eigenen „alten“ Bücher lesen musste, um die Details für die neue Reihe wieder in sein Gedächtnis zu rufen und wie wichtig es sein kann, gute Freunde zu haben, die hier mit Rat und Tat zur Seite standen, die man selbst nachts anrufen konnte, um zu fragen ob man einen bestimmten Charakter weiterentwickeln kann, oder ob er vielleicht schon irgendwo in Osten Ard begraben liegt. Neben diesen technischen Informationen waren es auch rein inhaltliche Fragen, die uns beschäftigten. Würde ich der Wölfin Quantaqa jemals wieder begegnen und wie wichtig sind die Mischlinge, wie Nezeru, für das neue Schreiben von Tad Williams?

Was unterscheidet seine Saga von Tolkiens Herr der Ringe“ und wie nah ist Osten Ard an den großen Themen unserer Zeit, wie Rassismus, Fake-News, Ausgrenzung und Gendering? Letztlich beantwortet er sogar Fragen nach seinem Lieblingsort in der Saga, ob er vergleichbare Fantasy-Bücher anderer Autoren selbst besser geschrieben hätte, was er für seine Zukunft plant und ob seine offenen Buchreihen, wie Tinker Farm fortgesetzt werden. Die Antworten werden den geneigten Leser frohlocken lassen. Und doch wächst angesichts meiner letzten Frage ein wenig der Zweifel in mir, ob es mir je vergönnt sein wird, das Ende der Osten-Ard-Saga zu erlesen. Wenn er sie wieder in 23 Jahren fortsetzt, werde ich wohl im Alter von 78 Jahren einen Vorleser benötigen.

Tad Williams im Kreuzverhör mit AstroLibrium und Giulia (Das Buchmonster)

Habt Spaß mit diesem Interview und folgt diesem Link zu Giulias Artikel über einen absolut grandiosen Moment in unserem Leseleben und eine Begegnung, die man nicht so schnell vergessen wird. Osten Ard… Wir kommen. Bald geht es weiter. 

„Nichts als die Nacht“ – Das Debüt von John Williams

Nichts als die Nacht von John Williams

Am Ende eines Leseweges komme ich am Anfang an. Klingt komisch, ist aber so. In konzentrischen Kreisen bewegte ich mich lesend durch das schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Schriftstellers John Williams. Dabei vereint seine Bücher, dass sie erst nach seinem Tod richtig bekannt und international wertgeschätzt wurden. Ich lernte Williams in seinem elegischen Abgesang auf den wilden Westen „Butcher´s Crossing“ kennen, reiste an seiner Seite ins alte Rom und freundete mich mit „Augustus“ an und gelangte schließlich zu „Stoner“, dem für mich stärksten und brillantesten Buch aus der Feder des texanischen Schriftstellers.

Ich habe mich zumeist lesend und hörend durch sein Werk bewegt und war immer wieder fasziniert von seiner präzisen Erzählweise, seiner literarischen Suche nach der Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes und seiner Sprachmelodie, die mich in seine Welten eintauchen ließ. Drei Romane sind es, die seinen Weltruhm ausmachen. Dabei besteht sein Werk insgesamt aus vier Büchern. Nun schließt sich die Lücke zu seinem Debüt und erstmals liegt nun auch in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben der erste Roman „Nichts als die Nacht“ in gebundener Fassung (dtv) und als Hörbuch mit der Stimme von Alexander Fehling (Der Hörverlag) vor. So schließt sich der Kreis.

Nichts als die Nacht von John Williams

Nun scheint es ja guter Verlagsbrauch zu sein, dass post mortem alle Werke eines Autors publiziert werden, die bei Drei nicht auf dem Baum sind. Man greift auf zuvor nie veröffentlichte Manuskripte, Fingerübungen, Briefe und Essays zurück, die im Nachlass zu finden sind und verstört auf diese Art und Weise oftmals die Fangemeinde, weil hier Werke ans Licht der Bücherwelt gelangen, die der Schriftsteller selbst wohl nicht gerne veröffentlicht sehen würde. Bei John Williams und seinem Buch „Nichts als die Nacht“ ist dies anders. Dieser Erstling wurde 1948 unter dem Titel „Nothing But the Night“ im Pressenverlag (kleine Auflage, hochwertiger Druck) von Allan Swallow herausgebracht. 

Wie aber gehe ich heute als großer Liebhaber der Werke von John Williams mit seinem Debüt um? Wie nähere ich mich einem Buch, das bei seinem Erscheinen kein literarisches Interesse hervorrief, sich zu einem wirtschaftlichen Misserfolg entwickelte, wieder von der Bildfläche verschwand, bevor es hinsichtlich der Reputation des jungen Autors Schlimmeres anrichten konnte und anschließend nie mehr erwähnt wurde? Wie nähere ich mich in meinem Lesen und Hören einem Werk, das selbst sein Verleger als „trostlos“ bezeichnete? Und zuletzt: Wie freunde ich mich mit einem Roman an, den der Schriftsteller selbst zeitlebens ablehnte und verleugnete? Keine gute Ausgangsbasis!

Nichts als die Nacht von John Williams

Ich versuchte meine leichten Vorbehalte auszublenden und stieg ohne besonders große Erwartungen wechselweise in das Buch und das Hörbuch ein. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und wäre auch sicher nicht in der Lage, das Werk analytisch in den Zyklus der Werke von John Williams einzuordnen, würde ich nicht wissen, was ich weiß. Also frisch gewagt und hinein in sein erstes und für mich gleichzeitig letztes Buch aus seiner Feder. Wehmut überwog. Vielleicht fand ich ja zumindest die ersten Ansätze des großen Erzähltalents, das mich in den anderen Werken so sehr gefesselt hatte.

„Trostlos“, sagte einst der Verleger. Eine Stimmungslage, die schnell von mir Besitz ergriff, als ich dem jungen Arthur Maxley begegnete. In einer melancholisch verzweifelt wirkenden Selbstbetrachtung breitet sich sein  Weltschmerz über dem Leser aus. Arthur ist gerade aus einem Alptraum erwacht und die ganze Welt ekelt ihn nur an. Die letzten Worte aus dem Traum lasten auf seiner Psyche und sie gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Vater unser, der du bist im Himmel… Vater unser“ Schnell wird klar, dass wir es hier mit einem traumatisierten jungen Mann zu tun haben, der ein Kindheitserlebnis mit sich herumschleppt. Gestörte Vater-Sohn-Beziehung. Augenfällig.

Nichts als die Nacht von John Williams

Wir begleiten Arthur Maxley durch einen einzigen Tag seines traurigen Lebens. Verwöhnt, Muttersöhnchen, Dandy, Alkoholiker, ausschweifend, von den Schecks des Vaters lebend und zutiefst lethargisch empfinden wir den jungen Mann. Und lethargisch gleiten auch die Stunden und Minuten dieses Tages an uns vorbei. Selbstmitleid ist die Melodie dieses Buches. Unzufriedenheit sein Rhythmus. Die Begegnungen des Tages gipfeln in einem gemeinsamen Essen mit dem Vater, der seinem Sohn wohlgesonnen und -wollend gegenübersitzt. Finanzielle Unterstützung gerne. Der Rest: Undenkbar. In seiner Verzweiflung über fehlenden emotionalen Halt ruft sich Arthur Maxley die Bilder seiner Mutter in Erinnerung, die für Wärme und Zuneigung stehen. Einer Mutter, mit der die tiefsten Abgründe der Traumatisierung tief verwoben sind.

Wir werden zu Zeugen der eigentlichen Ursache für ein verstörtes Leben, ebenso unfreiwillig, wie der kindliche Arthur zum Zeugen wurde. Spätestens hier kann man nachvollziehen, wie groß das Trauma sein muss, das er vor Jahren erlitten hat. Hier ist es möglich ihm zu folgen, zu erkennen, wo seine Welt aus ihren Angeln gehoben wurde und warum es ihm nie wieder gelang, in die Spur zu kommen. Als er später an diesem Tag einer jungen Frau begegnet, befreit sich der innere Tornado der verwirrten Gefühle und verschafft sich Raum. Ein Finale das man nicht kommen sieht. Am Ende des Tages blutet nicht nur das Herz des Lesers.

Nichts als die Nacht von John Williams

“Nichts als die Nacht“ von John Williams ist mehr als nur die erste Fingerübung eine künftigen Autors von Weltformat. Hier offenbaren sich die unglaublich intensive Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, tiefste Gedanken eines Protagonisten zu Papier zu bringen ohne den Eindruck zu erwecken, sie seien durch einen Dritten verfasst. Hier zeigt sich das Unmittelbare im Schreiben von John Williams. Er tritt als Instanz nicht in Erscheinung und vermittelt den Eindruck, alles Erlebte und Gefühlte aus erster Hand zu erfahren. Das angepriesene literarische Juwel ist dieses Buch sicherlich für Liebhaber des Autors. Er legt hier die Spuren zu seinem späteren Schreiben, das allerdings mehr als 12 Jahre brauchte, um mit „Butcher´s Crossing“ einen zweiten Roman zur Welt zu bringen. Ich möchte das Debüt von John Williams nicht  überbewerten, es aber auch in keiner Beziehung kleinreden. Mit der geschlossenen Dimension seiner späteren Werke und seiner Fähigkeit, unterschiedliche Erzählstränge zu einem wahrhaft meisterlichen Bild zu verweben, hat „Nichts als die Nacht“ allerdings wenig gemein. Dafür ist es mir zu schlicht und – ja – zu trostlos…

Wer das Lesevergnügen noch steigern möchte, der sollte sich Alexander Fehling im gleichnamigen Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag anvertrauen. Sein Weltschmerz und die verzweifelte Melancholie, die er dem jungen Arthur Maxley in die Stimme legt, sind so intensiv, dass man es sich so nicht selbst vorlesen könnte. Fehling verleiht der psychologisch traumatisierten Figur eine besondere Plausibilität und Tiefe. Hätte John Williams dieses Hörbuch jemals gehört, ich denke, er würde nicht mehr leugnen wollen, wer diesen Roman geschrieben hat. Vervollständigt eure Williams-Sammlung und seid nicht allzu streng mit eurer Bewertung. Der Autor hätte gar nicht gewollt, dass wir diese erste Begegnung mit der Bücherwelt vor Augen oder in die Ohren bekommen.

Mehr zu John Williams in meinem exklusiven Interview mit Patricia Reimann: hier

Mein großes John-Williams-Interview mit Patricia Reimann – Hier klicken…

„In ewiger Schuld“ von Harlan Coben

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ich finde dich, Ich vermisse dich und Ich schweige für dich. Eigentlich müsste ich an dieser Stelle nicht mehr viel schreiben, da Thrillerfans sofort wissen von wem die Rede ist. Harlan Coben. Jener Schriftsteller, dem es immer wieder gelingt, neben den Szenarien eines typischen investigativen Thrillers auch Sehnsuchtsmomente und ganz große Gefühle in seine Romane einzubauen. Können Thriller auch romantisch sein? Ja. Wenn sie aus seiner Feder stammen, ist dies ein durchaus geeignetes Stilmittel um die weltweit steigende Fangemeinde nachhaltig zu begeistern. Hier sprudelt kein Blut, hier wird nicht gemetzelt, hier spielt sich in der Psyche der Leser ab, was Coben erzählt und genau dadurch erreicht er durch seine emotionale Ader einen ganz wunden Punkt beim Leser. Man kann diese Thriller nachempfinden. Fühlen. Spüren.

Nun hat er es wieder getan. Diesmal jedoch wird sein neuer Roman schon bei seiner Veröffentlichung in Deutschland von Schlagzeilen begleitet, die zuvor nicht so sehr im Fokus standen. Verfilmung geplant. Filmrechte verkauft. Julia Roberts sichert sich die Rechte am Thriller und plant selbst die Hauptrolle zu spielen. Das sind keine Gerüchte. Und abwegig ist dieser Gedanke ebenso wenig, weil ich schon kurz nach dem Einstieg in sein topaktuelles Buch daran denken musste, wer seine Protagonistin Maya in einem Film verkörpern könnte. Und – ja – Julia Roberts. Das passt in vielerlei Hinsicht. Sie ist kein junger Hüpfer mehr, kein Vorzeigemodell, spielt sich beharrlich ins Charakterfach hinein und kann in ihren schauspielerischen Facetten genau das, was Harlan Coben in Maya hineingeschrieben hat, umsetzen. Gefühl und Härte. Ein Balanceakt, den ich ihr durchaus zutraue.

In ewiger Schuld von Harlan Coben

In ewiger Schuld“. Diesmal kein ich schweige, ich vermisse oder ich finde. Diesmal kein Versprechen im Titel seines aktuellen Thrillers. Diesmal eher eine Überschrift, die eine Dimension andeutet, die weit über das Erzählte hinausreicht. Eben ewig. Ein Titel, der für die deutsche Fassung mit Bedacht gewählt wurde und sehr gut passt. Doch zu Beginn der Story geht es nicht um ewige Schuld oder Vermächtnisse und Versprechen. Es geht um eine Situation, die Maya Burkett um den Verstand bringen könnte. Könnte. Denn sie hat viel durchgemacht im Leben und nun scheint jemand in den Trümmern zu wühlen, um auch den letzten verbliebenen Rest zum Einsturz zu bringen.

Harlan Coben kommt direkt zum Punkt. Er holt nicht weit aus oder schreibt lange um den heißen Brei rum. Er kommt zur Sache und die hat es in sich. Maya hatte alles, was ein gutes Leben ausmacht. Einen guten Job, einen liebevollen Mann aus guter Familie und eine zweijährige Tochter. Nur die Tochter ist ihr geblieben. Mehr nicht. Den Job als Militärpilotin hat sie verloren, weil sie während eines Einsatzes Zivilisten tötete, um ein paar Kameraden rauszuhauen. Ihr Ehemann wurde vor zwei Wochen in ihrem Beisein erschossen. Ein Raubüberfall, so das Ergebnis der Polizei. Und nur ihre Tochter gibt ihr den Mut, sich weiter durchs Leben zu kämpfen. Da sie niemandem mehr vertraut, ist es nur konsequent, ihr Kindermädchen mit einer Nanny-Cam zu überwachen. Ein weiterer Verlust? Undenkbar. Mehr ist nicht verkraftbar.

Soweit die Ausgangssituation von In ewiger Schuld. Was dann jedoch geschieht zieht Maya den Boden vollends unter den Füßen weg. Die Realität verzerrt sich und es ist nichts mehr so, wie es gerade noch war, als Maya das Überwachungsvideo dieses Tages betrachtet. Seelenruhig spielt ihre Tochter auf dem Sofa. Die Nanny ist im Haus. Alles ist perfekt. Bis ein Mann im Bild erscheint, der nicht mehr in dieses Bild passt. Es ist die bekannte Hose, das bekannte Hemd und das bekannte Gesicht, das nicht mehr hier sein dürfte, das sie umhaut. Ihr ermordeter Mann spielt mit ihrer Tochter. Und das nur wenige Stunden bevor sie sich diese Bilder anschauen kann. Ihr toter Mann. Wie ist das nur möglich?

Harlan Coben fabuliert sich hier keinen Mystery-Roman von der Seele. Er bleibt in der Realität verhaftet und genau hier entwickelt sich der unglaubliche Sog einer Story, die niemanden kalt lassen kann. Schnörkellos und konsequent geht Harlan Coben den Weg durch diese Geschichte. Schnörkellos und ungekünstelt folgt ihm das eigentliche Opfer, dem wir von Seite zu Seite näher kommen. Maya. Und es gelingt Coben erneut, aus einer unglaublich wirkenden Ausgangssituation eine Handlung entstehen zu lassen, die keine Fragen offenlässt. Ich habe Detlef Bierstedt fast zehn Stunden lang zugehört und bin der Synchronstimme von George Clooney bis in die tiefsten Abgründe gefolgt. Immer wenn ich zweifelte, ob diese Story aufgehen könnte, wurde ich eines Besseren belehrt. Und in jedem Kapitel fand ich inmitten der puren Spannung auch die Sehnsucht einer Frau, die so sehr hofft, dass ihr die eigenen Augen keinen Streich gespielt haben.

Harlan Coben darf man sich anvertrauen. Ein weiteres Highlight auf dem Weg durch seine Thrillerwelt. Und auf den Film bin ich jetzt extrem gespannt. Ich werde sehen!

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ein spannender Nachtrag: Natürlich darf man bei der Rezension eines Thrillers nicht spoilern. ABER: Man darf auf Besonderheiten hinweisen, die insbesondere Hörer dazu verleiten könnten, meinem Weg zu folgen. „In ewiger Schuld“ von Harlan Coben in der Hörbuchfassung von Der Hörverlag verbirgt schon äußerlich ein Geheimnis, dem man auf die Spur gehen sollte. Dazu genügt schon ein Blick auf das Cover der CD. Gelesen von Detlef Bierstedt. Keine Überraschung. Das kennt man so bei Coben-Hörbüchern. Aber warum wird da ein zweiter Sprecher aufgeführt? Was hat das zu bedeuten? Was liest Thomas Petruo?

Die Antwort ist einleuchtend. Zumindest, wenn man diesen Thriller gehört hat. Es ist einleuchtend, weil die Entscheidung eine zweite Stimme zu Wort kommen zu lassen in unmittelbarem Einklang mit der Handlung des Romans steht. Das ist ein Stilmittel, das wir im Buch nicht finden. Das ist den Hörern vorbehalten. Und es ist mehr als gelungen, weil es einen emotionalen Schlusspunkt setzt, der dem Wendepunkt der Handlung die Audio-Krone aufsetzt. Na, neugierig geworden?

In ewiger Schuld von Harlan Coben – Ein zweiter Sprecher