Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Man spricht nicht so oft von literarischen Sensationen. Und wenn, dann stellen sie sich häufig als Marketingmasche heraus, mit der man lediglich die Verkaufszahlen des jeweiligen Sensations-Buches ankurbeln möchte. Bei Ulrich Alexander Boschwitz ist das Prädikat anders zu werten. Die Wiederentdeckung seines Romans „Der Reisende“ stellte wahrlich ein aufsehenerregendes Ereignis in der Literaturwelt dar. Dieser Roman eines jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich setzt Maßstäbe. Er selbst wurde von den Umständen der Zeit zur Auswanderung gezwungen. Kaum 20-jährig floh er mit seiner Mutter 1935 zuerst nach Skandinavien, von wo ihn die Odyssee durch halb Europa führte, bis er 1939 als sogenannter „Enemy Alien“ (Ausländer aus Feindesländern) in England interniert und nach Australien deportiert wurde.

Bei seiner Rückkehr im Jahr 1942 wurde das Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Ulrich Alexander Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren. Warum er bis heute im Gedächtnis blieb, ist leicht zu erklären. Er verarbeitete sein Schicksal in Büchern, die allerdings lange als verschollen galten. Sein Gesamtwerk besteht nur aus zwei Büchern. Seinem DebütMenschen neben dem Leben“, das er in Skandinavien schrieb und dessen Erfolg ihm sein Studium an der Sorbonne ermöglichte, und seinem inzwischen rekonstruierten Flüchtlingsroman „Der Reisende“. Gerade dieses Werk ist so besonders, weil die Hilflosigkeit eines staaten- und rechtlosen jüdischen Flüchtlings mit einer Authentizität beschrieben wird, die damals für Aufsehen gesorgt hätte. Ulrich Alexander Boschwitz konnte es nicht zu Lebzeiten publizieren. Die zuletzt lektorierte Fassung seines Manuskripts versank mit ihm in den Fluten.

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Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Peter Graf ist es als Herausgeber gelungen, dem ursprünglichen Manuskript die literarische Wucht zu verleihen, von der Boschwitz zeitlebens geträumt hatte. Nun ist es nur konsequent und logisch, das neue Interesse an diesem unvollendeten Autor zu nutzen, um auch sein Debüt „Menschen neben dem Leben“ erstmals auf Deutsch zu veröffentlichen. Das Ausnahmetalent mit der besonderen Beobachtungsgabe verfasste den Roman im Alter von 22 Jahren. Hier schreibt er nicht vom Selbsterlebten, sondern skizziert eine Gesellschaft im Wandel gegen Ende der 1920er Jahre. Eine Milieustudie kann man diesen Roman schlecht nennen, da er selbst das von ihm beschriebene und in zumeist tristen Farben gezeichnete Bild nur vom Hörensagen kennen konnte. Wenn Boschwitz also seine typischen Gestalten auftreten lässt, müssen wir realisieren, dass der Autor von einer Zeit erzählt, in der er selbst gerade mal fünfzehn Jahre alt war. 

Dies sollte man berücksichtigen, wenn man über sein Schreiben urteilt. Dies kann nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man sich diesem Buch annähert. Hier strahlt das große Talent eines Erzählers, dem es verwehrt blieb, sich zu entwickeln, zu reifen und seinen Charakteren noch mehr Tiefe zu verleihen, als ihm dies ohnehin gelungen ist. In vielen Beschreibungen seiner Figuren könnte man kritisieren, sie seien schablonenhaft und stereotyp. Oft denkt man, er hätte sie noch authentischer in den Rahmen der Zeit einbetten können. Vielleicht ist dies so. Doch trotzdem gelingt ihm ein literarischer Wurf von besonderer Güte, den man nicht von der Vita des jungen Autors trennen darf.

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Potenzial war ausreichend vorhanden und für dieses auf der Flucht geschriebene Debüt ist der Roman gewagt, atmosphärisch dicht und zeigt in seiner hoffnungslosen Grundatmosphäre, wo die Grundlagen für den Stimmungsumschwung in der Weimarer Republik gelegt wurde, und wie unzufrieden diejenigen waren, die nur kurze Zeit später die Steigbügel des neuen „Führers“ hielten. Ihnen verleiht Boschwitz eine laute Stimme. Ihnen hört er selbst gut zu, wenn auch aus der auktorialen Ferne. In ihnen sieht er die Charaktere, die gerne die Last eines verlorenen Krieges, die Armut und Arbeitslosigkeit über Bord werfen und in eine strahlende Zukunft durchstarten wollen. Hier sind wir mit Ulrich Alexander Boschwitzneben dem Leben“ angekommen. Keine seiner Figuren kann sich heimisch fühlen, niemand hat eine Perspektive und nur die Flucht nach vorne lässt einen Silberstreif am Horizont erkennen. Auch wenn der ziemlich braun sein sollte. Besser als die Weltwirtschaftskrise und die Verarmung ist er allemal.

Boschwitz lässt sie aufleben und lautstark durch die Szenerie mäandern. Es sind frustrierte Kriegsheimkehrer, Prostituierte, Obdachlose, Bettler, Entmachtete, Verrückte und Gestrandete, denen er in einem Lokal eine Übergangsheimat anbietet. So wird aus dem „Fröhlichen Waidmann“ der Schmelztiegel der Enttäuschten, wo so mancher aus dem Rahmen fällt und zur Strecke gebracht wird. Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird die scheinbar lustigen Gesellen Fundholz, Grissmann und Tönnchen nicht wieder vergessen. Wer sich hier an den Kneipentisch setzt, wird schnell erkennen, dass man sich hier ein Biotop gestaltet hat, das mit Tanz und Alkohol den tristen Alltag vertreibt. Boschwitz zeigt das Geheime im Offensichtlichen. Gesangsvereine sind in Realität die Keimzellen der organisierten Kriminalität. Frauen sind abhängig von Gönnern und den Zuhältern, die ihren Berufszweig gerade neu für sich entdecken.

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Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Die wilden Zwanziger haben im Fröhlichen Waidmann ihren Ausklang gefunden. Jetzt wird man nur noch zum Zeugen des Abgesangs auf eine verlorene Zeit. Der Tanz ist wild, die Versuchung ist groß, neue Leidenschaften und Lieben bahnen sich Wege. Jeder Neuanfang fordert Opfer. Eine Frau, die sich einen neuen Begleiter sucht, muss den bisherigen Gefährten „neben dem Leben“ zurücklassen. Dass er blind ist, spielt in ihrem Selbsterhaltungstrieb kaum eine Rolle. Mehr scheinen als sein wird zum Motto einer Gesellschaft, die sich vom Albtraum der Vergangenheit lösen will und jedes Opfer bereitwillig bringt, nur um einen Schritt nach vorne zu kommen. Boschwitz verleiht einer tief verwurzelten Perspektivlosigkeit eine ungewohnt scharfe und persönliche Kontur.

Er macht es sich nicht leicht mit seiner Erzählung. Ebenso wenig leicht macht er es den Menschen, von denen er berichtet. Hoffnungsträger Fehlanzeige. Politische Wirren sind vorprogrammiert. Und doch wirkt jener eine Abend im Fröhlichen Waidmann wie der letzte Tanz des letzten Aufgebots, bevor der Sturm losbricht. Man kann es mit den Händen fassen. Wenn die Tür des Lokals sich schließt, kann sich die Zukunft nur trister darstellen, als sie eben noch wirkte. Boschwitz ist ein Atmosphären-Erzähler. Man fühlt die Vibrationen im Tanzsaal, man riecht das abgestandene Bier, man schmeckt diesen einen fast unbezahlbaren Schnaps, für den man wirklich alles tun würde. Er bringt uns Typen näher, die gar nicht so typisch sind, wie wir es zunächst vermuten. Die Situation im Waidmann eskaliert. Es fließt Blut. Das Biotop wird mit einem Messer zerstört. Kein Wunder, dass der Verrückte am Ende wie der einzig Normale wirkt. Tönnchen.

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Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Ich habe gelesen und gehört. Ungekürzte 7 Stunden und 46 Minuten lang habe ich in der Gaststätte zum Fröhlichen Waidmann einen Tisch reserviert. Ich war gerne dort zu Besuch und hätte mich fast zuhause gefühlt. Der Blick hinter die Kulissen jedoch zeigte mir, was dort wirklich gärte. Schauspieler und Sprecher Hans Löw verleiht dem Roman in der Hörbuchfassung eine ganz eigene Wirkung. Seine Stimme scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Er liest lebendig und so, als wäre er selbst Stammgast einer Lokalität, die hier Geschichte schrieb. Löw interpretiert die Atmosphäre dieser Zeit und liest seine Zuhörer beschwingt in das Chaos einer Wirtshausschlägerei, die jeder kommen sah. In den Charakterzeichnungen liegt die Stärke dieser Produktion.

Ulrich Alexander Boschwitz und Bernard von Brentano sind für mich literarisch intensiv miteinander gebunden. Worüber der junge Boschwitz so gekonnt fabulierte, darüber schrieb Brentano in der Zeit. Sein Abgesang ist ebenso laut, nur eben auf der Grundlage eigener Beobachtungen entstanden. Er schaute den kleinen Leuten auf den Mund, bevor er die gärende und explosive Lage seines Landes beschrieb „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ könnte ein Kapitel im Fröhlichen Waidmann beinhalten. Hier sieht man das große Talent des jungen Boschwitz. Atmosphärisch handelt es sich hier um bahnbrechende Bücher, die wie Warnsirenen hätten wirken können. Hätte man sie in ihrer Zeit aufmerksam gelesen. Das können wir heute tun und anderen aufs Maul schauen. Glaubt mir, die Parallelen sind überraschend…

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Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ein Wort zu Spoilern:

„Es wäre freundlich gegenüber anderen Hörern und Hörerinnen – um nicht zusagen gegenüber dem Autor -, wenn die Entdeckungen, die ihr mit Griz auf seiner Reise durch die Ruinen unserer Welt macht, unser Geheimnis bleiben.“

C.A. Fletcher

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

So steht es auf dem Cover des Hörbuchs zu Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt von C.A. Fletcher geschrieben. Das ist eine Aufforderung, an der man gar nicht vorbeikommt, wenn man das Bloggen und Rezensieren ernstnimmt und verhindern möchte, dass zu viele Geheimnisse einer Roman-Story das Licht der Welt erblicken. Zu verständlich, kann ich nur sagen. Ich halte mich natürlich an das Schweigegelübde. Ich bin nicht indiskret und genau aus diesem Grund müsst ihr nun mit einer recht gekürzten Form einer Hörbuchvorstellung leben. Das ist einerseits dem Respekt gegenüber einem Autor geschuldet, der in seiner Geschichte so viele unerwartete Wendungen eingebaut hat, dass man sie tunlichst für sich behalten sollte. Andererseits jedoch gilt es hier auch den Random House Audio Verlag in Schutz zu nehmen. (Weiterhören)

Hat sich doch die seriöse Hörbuchschmiede zu einem echten Etikettenschwindel verleiten lassen, um die Geheimnisse dieser Produktion zu wahren. Das ist mir bisher in dieser Form selten begegnet und verdient Respekt. Wer wäre ich also, wenn ich mir erlauben würde, diese bewussten Täuschungsmanöver der Beteiligten zu unterminieren und inhaltliche oder produktionstechnische Kunstgriffe an die Öffentlichkeit zu bringen? Also. Was jetzt folgt, ist nur die Konsequenz dieser Geheimnistuerei. „Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ ist ein spannendes Hörbuch, das von Wanja Mues brillant eingelesen, interpretiert und mit Leben gefüllt wurde. Ich kann es euch nur wärmstens empfehlen, zum Hörbuch zu greifen, weil es mehr kann, als das Buch. Das könnt ihr mir glauben. Danke fürs Lesen dieser Rezension und viel Spaß beim Hören.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ihr merkt, ich bin gut, wenn es darum geht, verschwiegen zu sein. Also, wenn ich etwas kann, dann Verlagsgeheimnisse für mich zu behalten. Das war`s auch schon für heute. Mehr erfahrt ihr hier nicht von mir. Muss ja auch mal so gehen. Oder? Wie käme ich dazu, den Ehrenkodex eines Rezensenten zu verletzen? Warum sollte ich mich hier aus dem Fenster lehnen, um AstroLibrium zum Wiki-Leaks der Literatur-Blogs mutieren zu lassen? Welche Gründe könnte es für einen Geheimnisverrat geben? Keinen! Nunja, um ehrlich zu sein, gäbe es ja schon viele Rechtfertigungen, die meine Loyalität auf die Probe stellen könnten. Echt gewichtige Gründe. Wenn ich nur daran denke, dass euch dieses Hörbuch entgehen könnte, werde ich fast wahnsinnig. Vielleicht sollte ich ja das ein oder andere Geheimnis andeutungsweise lüften. Nur ein klein wenig. Was haltet ihr davon?

Womit haben wir es zu tun? Mit einer Dystopie. Zweifelsfrei. C.A. Fletcher beschreibt eine im Untergang befindliche Welt der Zukunft. Unfruchtbarkeit hat die Erde entvölkert. Nur einige „Letztgeborene“ konnten sich retten. Es sind Inseln letzten Lebens, Biotope und isolierte Gebiete, in denen noch Menschen leben. Und diese werden, wie seit jeher von ihren Hunden begleitet. Nachwuchs ist ein Fremdwort. Umso wichtiger ist es, diese letzten Refugien zu schützen. Hier lernen wir Griz kennen. Der Junge lebt mit dem Rest seiner Familie auf einer Insel. Eine Schwester hat er bereits verloren, die Mutter liegt im Wachkoma und nur seine beiden Hunde Jip und Jess geben ihm Halt. Als ein Fremder die Insel betritt, ändert sich alles. Der geheimnisvolle Brand stiehlt die Hündin Jess und macht sich mit seinem Schiff davon.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Aus diesem Szenario entwickelt CA. Fletcher einen absoluten Pageturner, der uns zu Weggefährten eines Jugendlichen macht, der die Verfolgung aufnimmt. Es sind die Ruinen unserer bekannten Welt, die wir mit Griz Augen sehen. Es ist seine Einsamkeit, die wir fühlen und es sind seine Verlustängste, die uns betroffen machen. Grandios im Erzählstil, faszinierend in der Aktualität einer Welt im Quarantänezustand und mehr als bestechend in der Charakterzeichnung eines Heranwachsenden, verfolgen wir Spuren und Fährten des Diebes. Es sind nicht nur die Gebäude, die wir erkennen, es ist auch die Französin „John Dark“, die dieser Geschichte Tiefe verleiht. Auf der Suche nach dem Mörder ihrer Töchter wird sie nun zum Schutzengel für Griz und Jip. Natürlich ist sein letzter Hund an seiner Seite. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Verlust und Sehnsucht, Hoffnung und Bangen, Kampf und Schmerz.

Es sind die gewaltigen Bilder, die hier funktionieren. Die verfallenen Ruinen eines Fußballstadions und einer Bibliothek lassen uns schaudern. Wir betreten bekannte und geliebte Territorien. Bis wir am Ende des Hörens vor einem Neubeginn stehen. Wanja Mues leiht Griz seine Stimme und entführt uns behutsam in diese Dystopie, vor der es kein Entrinnen gibt. Aus der Suche nach einem Hund wird die Suche nach den Resten unserer Welt, nach den letzten Menschen und nach den Ursachen für den Exitus. Wir finden kaum Ruhepunkte in der Geschichte. Und wenn es uns gelingt, einen Blick nach vorne zu werfen, wirft uns der Autor mit einer kleinen Wendung meilenweit zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist, wie es scheint und keine Überraschung ist zu groß, um nicht doch plausibel und wahrhaftig zu sein. Es sind Momente der Erkenntnis, die diese Story zu einem besonderen Erlebnis machen. Aha-Erlebnisse vom Feinsten

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher – Ein Klick zum Spoiler

Was bleibt, ist ein grandioser Roman. Was bleibt, ist ein bewegendes Ende, das ihm zur Ehre gereicht. Was bleibt, sind die falschen Fährten, auf die uns der Autor entführt. Was bleibt, ist der bewusste Etikettenschwindel von Random House Audio, weil uns der Verlag etwas verschweigt, was uns beim Hören an einer bestimmten Stelle aufspringen und staunen lässt. Was bleibt ist das Gefühl, einen relevanten Roman gehört zu haben, der seine Wirkung als Hörbuch ganz besonders entfaltet. Was bleibt, ist die Liebe zum Hund, der hier ein kleines Denkmal gesetzt wird. Was bleibt, ist eine moderne „Jeanne d`Arc„, der ich auch unter ihrem Klangnamen „John Dark“ blind folgen würde. Und es bleibt der Dank an den Hörbuchsprecher Wanja Mues, der wirklich die Bestbesetzung für dieses Hörerlebnis ist.

Was aber auch bleibt, ist, dass am Ende des Tages nichts so ist, wie es scheint. Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt„, C.A. Fletcher, gelesen von Wanja Mues. Nichts von alledem ist richtig. Nichts davon ist wirklich wahr. Alles davon ist lückenhaft und doch so großartig, dass man es keinesfalls verpassen darf.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

PS: Hunde und Dystopien sind meisterhafte Weggefährten. Deathland Dogs“ von Kevin Brooks könnte euch gefallen, wenn ihr Jip und Jess liebgewonnen habt.

Offene See von Benjamin Myers

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Offene See von Benjamin Myers

„The Offing“ ist der Originaltitel des Romans von Benjamin Myers, der im DuMont Buchverlag unter der Überschrift „Offene See“ erschienen ist. Ein Sehnsuchtsbuch, in dem es mitnichten um eine stürmische Reise auf hohen Wellenbergen geht. Es sind die Gegensätze, die sich anziehen. Es ist der Traum von der Weite des Meeres, der einen jungen Mann aus den gewohnten und vorbestimmten Mustern ausbrechen lässt. Es ist die pure Poesie, die Benjamin Myers in die literarische Waagschale wirft, um seinen emotionalen Roadtrip mit unseren tiefen Sehnsüchten zu verbinden. Es ist ein ruhiger, fast schon kontemplativer Roman, in dem das Meer das Ziel zu sein scheint. Aber nicht immer muss man sein Ziel erreichen, wenn man am Wegesrand die Entdeckung seines Lebens macht.

Wir befinden uns im England des Jahres 1946. Von Siegestaumel keine Spur. Das Land leidet, stöhnt unter den Wunden der Verluste und Entbehrungen, Trümmer weisen den Weg in die Zukunft, ein erstes zaghaftes Aufatmen ist zu spüren und die Menschen versuchen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Und schon wird es dem jungen Robert zu eng. Wo er zuvor in der Angst vor dem Krieg gefangen war, scheint es nun die Familientradition zu sein, die sein Leben in Schranken weist. Unter Tage liegt seine Bestimmung. Wie seine zahllosen Vorfahren ist es der Bergbau, der nach ihm ruft. Ein Leben in Dunkelheit, voller Entbehrungen und Risiken. Robert träumt größer. Er träumt anders. Er will zur offenen See. Zum Meer. Zum Offing, jener Zone, in der man keinen Losten braucht, um sich frei zu bewegen. Robert bricht auf, um in See zu stechen.

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Offene See von Benjamin Myers

„Ein paar Sommer hier, einige lange dunkle Winter da; Glück, Krieg, Krankheit,
ein bisschen Liebe, noch etwas mehr Glück, und plötzlich blickst du ins falsche 
Ende des Fernrohrs.“

Dem will Robert entgehen. Wo ist das Leben geblieben? Diese Frage treibt ihn um und wie so viele junge Menschen auf der Gratwanderung zum Erwachsenwerden strebt er nach mehr. Mit seinen gerade mal sechzehn Jahren bricht er auf. Unbefangen und voller Tatendrang sieht er den Weg zum Meer als einzige Alternative an, aus dem Trott zu fliehen, den andere für ihn geplant hatten.

„Hier war der Ozean ein Tor, eine Einladung, und ich nahm sie bereitwillig an.“

Benjamin Myers zelebriert diesen Neubeginn wie eine Wiedergeburt. Er beschreibt, wie sich die Natur von einer anderen Seite zeigt, wie das Atmen leichter wird und sich die Perspektive erweitert. Ein Aufbruchsroman getragen von der Metapher Meer. Jeder von uns kennt seinen eigenen Sehnsuchtsort. Jeder kennt die Destination, der man am liebsten alles Streben widmen würde. Und wir alle wissen, dass es oftmals schon reicht aufzubrechen, um dieser Sehnsucht zu entsprechen. Robert atmet auf. Wir atmen mit.

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Offene See von Benjamin Myers

„Je weiter ich mich von allem entfernte, das ich je gekannt hatte,
desto leichter fühlte ich mich… Jetzt atmete ich tief…“

Natürlich findet Robert seinen Ozean. Er findet seinen Sehnsuchtsort und doch ist es nicht die „Offene See“, die mit wilden Stränden und hohen Wellen auf ihn wartet. Es ist Dulcie Piper, die ihn unterwegs zur Übernachtung auf ihrem Cottage einlädt. Ja, sie ist augenscheinlich alt und ziemlich altmodisch gekleidet. Der Kontrast kann größer kaum sein. Sie empfängt den Pfadfinder und fesselt ihn mit ihrer unkonventionellen Art. Es ist diese Dulcie Piper, die sein Leben verändert. Es ist diese Frau, die zu Erfüllung seiner Sehnsucht wird und ihm Zugang zu einer verborgenen Welt verschafft, die Robert ohne sie wohl niemals wahrgenommen oder entdeckt hätte. Dulcie ist die „Offene See“.

Diese Begegnung besteht aus purer Inspiration und setzt diese in gleichem Maße frei. Die Gespräche zwischen Dulcie und Robert sind geprägt von Offenheit, Vertrauen und einer guten Portion weltgewandter Melancholie. Es ist die Literatur, die Robert hier auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist eine Welt, in der es plötzlich möglich ist, Gefühle zu beschreiben. Die Welt, in der man seine Träume, Schwächen und Leidenschaft nicht mehr für sich behalten muss. Robert und Dulcie. Ein ungleiches Paar. Und doch ist es eine der wundervollsten literarischen Beziehungen, der wir uns hier ganz behutsam und vorsichtig nähern dürfen. Bis wir auf das große Geheimnis der alten Dame stoßen.

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Offene See von Benjamin Myers

Robert entdeckt das Manuskript eines Gedichtbandes. „Offene See“. Hier erkennt er, dass auch Dulcie Piper ihre Geheimnisse hat. Hier wird aus einer Begegnung eine Reise in die Vergangenheit der Frau, die ihn so unvoreingenommen aufgenommen hat. Es ist die bewegende Geschichte von Gedichten, die Dulcie auf den Leib geschrieben wurden. Die Tür in eine längst vergangene Welt. Hier treten auch wir durch die Tür zu einer neuen Geschichte. Voller Poesie, voller Emotion und Leidenschaft und von Seite zu Seite verlieben wir uns mehr in jene Frau, die diese Gedichte nicht lesen wollte, weil sie sie alle gelebt hat. Wer jemals an die Kraft von Poesie geglaubt hat, der sollte sich dieses besondere literarische Erlebnis nicht entgehen lassen.

Es ist die „Offene See“, die metaphorisch nach uns allen greift. Es ist die Magie dieses Manuskripts, das nun zum Leben erwacht. Es sind diese Gedichte, die Robert Dulcie Piper zum ersten Mal vorliest. Die Vergangenheit liegt zwischen den Zeilen und sie lässt eine Schriftstellerin auferstehen, die wie Robert nur als Besucherin bei Dulcie Piper war. Es ist die Macht des geschriebenen Wortes, die Benjamin Myers mit seinen Worten freisetzt. Es ist die doppelte Konsequenz des gelüfteten Geheimnisses, die im Roman zu einem denkwürdigen Erlebnis wird. Es ist die „Offene See„, die uns trunken vor Literatur und Liebe macht. Ein Meisterwerk.

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Offene See von Benjamin Myers

Manfred Zapatka hat „Offene See“ von Benjamin Myers für das Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingelesen. Er brilliert oft mit seiner markanten Stimme und dem feinfühlig-rauchigen Timbre, das zu seinem Markenzeichen wurde. Es ist nicht die Stimme eines Sechszehnjährigen, die uns hier durch diese Geschichte trägt. Es ist die Rückschau eines älteren Ichs von Robert, das in der emotionalen Retrospektive von der längst vergangenen Zeit erzählt. Einer Zeit, in der Dulcie Piper zur Wegbereiterin einer großen Karriere wurde. Man klebt an Manfred Zapatkas unsichtbar bleibenden Lippen, bis er den letzten Satz vollendet hat. Dann träumen wir weiter. Vorwärts, rückwärts und immer im Rhythmus der hohen Wellen, die dieser Roman geschlagen hat.

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Achtsam morden von Karsten Dusse [Hörbuch]

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Kann ein Thriller lustig sein? Ist es möglich, dass man sich königlich amüsiert, wenn ein Mensch bei 40 Grad Celsius Außentemperatur im Kofferraum eines in praller Sonne geparkten Fahrzeugs qualvoll stirbt? Ist es denkbar, dass man bei genau dieser Szene laut auflacht und sich vor Freude auf die Schenkel klopft? Kann das sein? Ich sage: JA. Das kann nicht nur, das ist so, wenn man sich mit dem Roman „Achtsam morden“ aus der Feder von Karsten Dusse beschäftigt. Dieser Thriller ist literarische Mogelpackung und ungebetener Lebensratgeber zugleich. Er ist der vibrierende Spannungsbogen, der sich über eine Geschichte voller Zufälle, Abgründe und Skurrilitäten spannt. Er ist nicht nur allerbeste Unterhaltung auf höchstem Niveau, er ist die perfekte Persiflage auf alle therapeutischen Lebenswegbegleiter, die uns im wahren Leben begleiten. (Hören)

Achtsam morden von Karsten Dusse - Die Rezension fürs Ohr

Achtsam morden von Karsten Dusse – Mit einem Klick zum Audio-PodCast

Nichts geht ohne Therapie. Kein Konflikt kann selbständig bewältigt werden. An jeder Ecke wartet ein Ratgeber oder Therapeut, der in der Lage ist, uns auf den rechten Weg zu bringen. So ist es auch im Leben von Björn Diemel. Seine Ehe scheint gescheitert, seine Tochter fühlt sich vernachlässigt und die Work-Life-Balance ist gehörig aus dem Lot geraten. Der erfolgreiche Anwalt und Workaholic verbringt mehr Zeit in der Kanzlei, als mit der eigenen kleinen Familie. Jetzt ist Schluss damit. Seine Frau Katharina setzt ihm das Messer an den Hals, die Pistole auf die Brust und macht ihm die Ehehölle heiß. Entweder er belegt ein „Achtsamkeitsseminar“ oder die Beziehung endet sofort! Jetzt heißt es, retten, was noch zu retten ist und Björn begibt sich skeptisch in die versierten Hände eines Achtsamkeitstrainers.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Klingt alles nach Beziehungs-Story. Klingt harmlos. Klingt alles nicht nach Mord und Totschlag. Wäre da nicht der Autor selbst, alles könnte ganz normal verlaufen. Karsten Dusse jedoch hat anderes im Sinn mit seinen Protagonisten. Der Jurist und Anwalt, der sein Situationskomik- und Satiretalent jedoch häufig fürs Fernsehen unter Beweis stellt (man achte nur auf die Texte im TV-Format „Ladykracher“) schöpft bei der Kombination aus Anwaltsszenario und Ehetherapie aus dem Vollen. Sein Anwalt betreut im Namen der Nobelkanzlei den halbseidenen Mafiaboss Dragan. Sprich, er haut den Kriminellen mit allen juristischen Finessen aus allen Problemen heraus, die dessen Engagement in den Bereichen Prostitution, Drogenhandel, Raub, Erpressung und Mord betreffen. Björn Diemel ist das juristische Schutzschild des organisierten Verbrechens. Er verdient gut, muss jedoch immer auf Achse sein, wenn Dragan mal wieder in Problemen steckt. Klar, dass dieser Job oft wichtiger ist, als ein gemeinsames Essen mit Frau und Kind. 

Das verordnete „Achtsamkeits-Seminar“ schadet nun seiner Flexibilität, die er für Dragan unbedingt benötigt. Andererseits öffnet ihm sein Achtsamkeits-Coach schon in der ersten Therapiesitzung die Äuglein für einige Fehlwahrnehmungen, die sein Leben nicht gerade einfacher machen. Hier legt Karsten Dusse so richtig los. Jetzt hat er uns und seinen Anwalt an der Angel, um durch das Drehen ganz kleiner Stellschrauben ein Szenario loszutreten, das im Thriller-Genre seinesgleichen sucht. Und das geht so: Es ist Wochenende. Björn hat seiner Frau hoch und heilig zugesagt, sich um seine kleine Tochter zu kümmern. Ein Bewährungswochenende. Und was fällt dem Psycho Dragan ein? Pures Chaos und die sofortige Anweisung an seinen bezahlten Retter, ihm sofort beizustehen. Natürlich verbunden mit Drohungen für Leib und Leben.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Es wird doppelt eng für Björn. Die Kombination aus Ehe- und Dragan-Stress ist nicht zu bewältigen. Außer man wendet das frisch im Achtsamkeits-Seminar erlernte Wissen auf beide Bereiche an. Ehe und Mafia. Einatmen-, ausatmen. Die Überschriften seiner Therapiesitzungen werden zum Mantra seines Handelns und zugleich zu den Headern der einzelnen Kapitel dieses Hybrid-Romans.

– Entspannungsdreiklang
– Zeitinseln
– Singletasking
– Digitales Fasten
– Absichtsvolle Zentrierung
– In-sich-hinein-lächeln und
– Innerer Widerstand

werden zu Wegweisern in einem Unterhaltungs-Thriller, den man sein Leben lang nicht vergessen wird. Versprochen. Was eigentlich für die Ehe gedacht ist, wird auf die Mafia umgemünzt. Atemübungen und Zentrierung helfen dabei, wenn zeitgleich Dragan im Kofferraum verschmort. Ein entspannter Badeausflug mit seiner Tochter wird erst zu einem richtigen Spaß, wenn man die Perspektive wechselt und ganz besonnen die Zeit mit dem lieben Töchterchen mit Dragans Zeit im Glutofen des Kofferraumes vergleicht.

Und während ich Emily alle halbe Stunde mit Sonnenschutzfaktor 50 einsprühte, heizte sich Dragans Kofferraum, vor dem Haus in der prallen Sonne stehend, auf 59,7 Grad auf.

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Achtsam morden von Karsten Dusse

Auch das Problem der Beseitigung der Leiche löst sich viel leichter, wenn man sich die Lehren der Achtsamkeit vor Augen führt. Klar, dass sich unser guter Anwalt mit der Ermordung eines Killers eine Kette weiterer Ärgernisse einhandelt, denen er sich in der Folge zu stellen hat. Karsten Dusse greift dabei Themen auf, die man zu keiner Zeit auf der Liste hat. Ihm gelingt mit seinem lakonisch-ironischen Stil der Spagat zwischen der Realsatire und dem bluttriefenden Thriller. Es geht echt hart zu. Keine Frage. Hier wird mit Stromstößen gefoltert, geprügelt und gehäckselt. Hier finden sich alle Zutaten eines echten Thrillers. Aber es finden sich eben auch alle Elemente, die wir benötigen um im schallenden Gelächter zusammenzubrechen. Brutalität und Komik gehen hier eine sehr achtsame Symbiose miteinander ein, von der jede Seite profitiert.

Wie es Karsten Dusse gelingt, eine in sich geschlossene Story vorzulegen, die bis zu ihrem grandiosen Ende perfekt funktioniert? Das muss man selbst lesen oder hören. Wie er es schafft, das organisierte Verbrechen mit dem Betrieb einer Kindertagesstätte in Einklang zu bringen, ist nicht nur einmalig, sondern persifliert die Realität in nie zuvor erlebter Weise. Ich lache jetzt noch.

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Achtsam morden von Karsten Dusse

Absichtsvolle Zentrierung

Ich habe Karsten Dusses Regelwerk der Achtsamkeit beherzigt. Ich habe mich auf die Hörbuchfassung des Romans konzentriert. Einerseits konnte ich so verhindern, die Seiten eines Buches mit Lachtränen zu durchnässen und andererseits kam ich in den Genuss des Vortrags von Matthias Matschke. Man kennt den Schauspieler als Bruder von Bastian Pastewka in der gleichnamigen Fernseh-Serie „Pastewka“. Wenn man je von einer Idealbesetzung für ein Hörbuch sprechen konnte, dann hier. Wenn man von einer kongenialen Adaption eines Schreibstils in das gesprochene Wort träumen durfte, dann hier. Matthias Matschke spricht diesen Thriller nicht, er lebt ihn. Lakonisch und in jeder einzelnen Situation so tiefgründig lustig, dass es dem Buch die Krone aufsetzt.

Achtsam morden von Karsten Dusse war für den Deutschen Hörbuchpreis 2020 in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ nominiert. Dies ist dem intelligenten Roman und der grandiosen Sprecherleistung geschuldet. Der Sieg in dieser Kategorie war sehr verdient. Herzlichen Glückwunsch zur Meisterleistung dem Team Dusse / Matschke!

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Das Kind in mir will achtsam morden von Karsten Dusse

Ach ja. Wer achtsam Blut geleckt hat. Es geht weiter. Im Mai erscheint: „Das Kind in mir will achtsam morden„. Das Kind im Mann fordert seine Rechte ein. Vorfreude pur.

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Muss ein Literaturblogger unpolitisch und neutral sein? Ist Literatur unpolitisch? Oder muss sie ihre Finger in die Wunden gesellschaftspolitischer Probleme legen, auf Missstände hinweisen und sich zum Sprachrohr der Sprachlosen erheben? Ist es nicht gerade die wesentliche Aufgabe der Intellektuellen und Künstler, mit ihren Mitteln dafür zu sorgen, dass relevante Themen nicht unter den Tisch gekehrt werden? Nein, ich bin in jedem meiner Artikel politisch, meine Grundwerte sind die Basis meiner Rezensionen und die hier vorgestellten Bücher werden auf dieser Werte-Waage abgewogen und für wichtig, unwichtig oder überlebenswichtig erklärt. Ich bleibe mir treu und wähle mir die Bücher aus, an denen ich mich reiben kann, die meinen Horizont erweitern und die es zu lesen gilt, will man auf der Höhe der Zeit nicht in den geistigen Sinkflug geraten.

So war es nur logisch, dass ich die satirische Streitschrift von Dave Eggers nicht nur lesen, sondern auch hören musste. „Der größte Kapitän aller Zeiten“ schlug in den Vereinigten Staaten hohe Wellen. Von Majestätsbeleidigung war hier die Rede, von einem Anschlag auf die höchste Autorität des Landes, von einer Terrorattacke auf den Präsidenten der USA. Was war geschehen? Was hatte der Romanautor Dave Eggers in seinem neuesten Buch in Umlauf gebracht? Er, der Autor, der sich immer wieder mit gesellschaftskritischen und auch sozial-politischen Themen auseinandersetzt, dem man aber nie den gezielten Angriff auf einen Akteur des aktuellen Zeitgeschehens vorwerfen konnte. Hat er wirklich Donald Trump satirisch durch den literarischen Kakao gezogen und ihn damit weltweit der Lächerlichkeit preisgegeben? Ja, er hat. Und wie!!!

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Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Hierzu wählt Dave Eggers ein Bild, eine starke Metapher aus, die sich allen Lesern in aller Deutlichkeit erschließt. Er verwandelt die Vereinigten Staaten von Amerika in ein riesiges Kreuzfahrtschiff, das seit ewigen Zeiten auf den Weltmeeren unterwegs ist. Mit Tausenden von Passagieren an Bord hat man die unruhige See besiegt, Kriege und Stürme überstanden und gilt als absolutes Vorzeigeboot für ein intaktes Gemeinwesen. Wäre nicht der scheidende Kapitän, der „Admiral“, von Bord gegangen um auf einer idyllischen Insel seinen verdienten Ruhestand zu verbringen, die Glory wäre wohl weiter auf ihrem gewohnt sicheren Kurs geblieben. So jedoch musste ein würdiger Nachfolger gefunden werden. Jemand, der in der Lage wäre ein solch gewaltiges Schiff mit seinen Passagieren sicher über die Weltmeere zu navigieren.

Spätestens hier greift die fatale eggers´sche Metaphorik. Es ist unvermeidlich, dass nicht der qualifizierteste Anwärter gewählt wird, sondern die größte Nulpe an Bord, die sich einen Spaß daraus macht, mit leeren und provokanten Thesen das Ruder an sich zu reißen. Schon hier haben wir uns in der Story verfangen und müssen unser Lesen oder Hören mehrfach unterbrechen, weil wir uns vor Lachen kaum konzentrieren oder auch nur näherungsweise halten können. Wir werden an den Wahlkampf von Donald Trump erinnert, sehen das atemlose Erstaunen in den Gesichtern der Entsetzten, aber auch den grenzenlosen Jubel jener, die endlich mal was Neues probieren wollen. Jeder Satz von Dave Eggers trifft ins Schwarze, jedes Bild funktioniert und gemessen an der heutigen Realität gewinnt die Satire stündlich an Sprengkraft.

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Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Ich bekomme das Bild vom Kapitän mit der wetterempfindlichen gelben Feder am Hut nicht mehr aus dem Kopf. Dabei wird er den Ansprüchen der Passagiere schnell gerecht. Er krempelt alles um, verspricht das Blaue vom Himmel und wirkt souverän und selbstbewusst, als wisse er, was er tut. Und was er nicht hinbekommt (also alles, was es braucht, um ein gigantisches Schiff zu steuern oder zu navigieren), wird dem Größten Kapitän aller Zeiten von seinen treuen Gefolgsleuten eingeflüstert. Man muss kein allzu intimer Kenner der US-amerikanischen Regierungskreise sein, um die von Dave Eggers beabsichtigten Ähnlichkeiten mit den handelnden Personen der Trump-Administration zu erkennen. Wegbereiter, Wegbegleiter und geheime Einflüsterer werden schonungs- und rücksichtlos entlarvt. Bis hin zur geheimnisvollen Stimme aus dem Lüftungssystem die dem Kapitän mit Ratschlägen zur Seite steht. (Sein Chefberater Stephen Miller ist hier brillant getroffen). Nie zuvor war die Stimme aus dem Off so herrlich überzeichnet und so real zugleich.

Dave Eggers spannt seinen Satirebogen über alle relevanten Themen der Zeit. Der Rassismus an Bord blüht auf, Ausgrenzung wird zur Machtbasis, Fakenews regieren im Wechsel mit widersprüchlichen Anweisungen. Sexismus hat Hochkonjunktur und nichts ist dem „Größten Kapitän aller Zeiten“ heilig. Kritiker werden beseitigt, und die eigene Familie wird bei der Vergabe wichtiger Positionen maßlos bevorzugt. Dave Eggers hat nicht nur den Kapitän im Visier. Er beschreibt auch, warum dieses System funktioniert und wie die Passagiere an Bord der Glory wirklich ticken. Es ist nicht so sehr die Angst vor dem Kapitän, die uns zunehmend in Panik versetzt, sondern die Willfährigkeit jener, die das alles sogar noch gut finden. So funktioniert Populismus. Ohne Resonanzkörper wäre das nicht möglich. Hier legt Dave Eggers die Finger in die Wunden der gesamten Nation. Aus einer Satire wird eine bitterböse Utopie, die sich an der Realität reibt.

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Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Eine treffende und entlarvende Satire, in der sich der Autor nicht darauf beschränkt, den Istzustand seines Landes auf die literarische Schippe zu nehmen. Nein, mitnichten. Er geht einen bedeutenden Schritt weiter und präsentiert die anderen Kapitäne, die auf den Weltmeeren ihr Unwesen treiben. Er erzählt die Geschichte bis zum bitteren Ende. Ein Ende, das vielleicht ein wenig Hoffnung macht, aber auch zeigt, in welcher Gefahr man wirklich schwebt, wenn man einem Populisten blindlings folgt. Diese Satire kommt mit 125 Seiten aus. Eggers braucht nicht mehr Raum. Er versenkt den Pott mit einigen gezielten Volltreffern und lässt uns ratlos zurück. Jede aktuelle Nachricht aus den USA lässt das Bild vom „Größten Kapitän aller Zeiten“ aufleben. Das wird man nicht mehr los.

Im Hörbuch ist es Matthias Matschke , der uns zwei Stunden und 37 Minuten lang in der vollständigen Lesung zu Passagieren der Glory macht. Wer sonst könnte uns diese Geschichte so intensiv näherbringen, wie der Gewinner des Hörbuchpreises 2020 in der Kategorie beste Unterhaltung. (Achtsam morden lässt grüßen). Diese Stimme ist systemrelevant für diese Satire. Matschke läuft zur Höchstform auf, wenn er Sprachrohr eines Autors wird, dessen Stilmittel durch Überzeichnung der Realität zur Kunstform im Sturm der Zeit mutiert. Allein der (mit Verlaub) Schwanzvergleich des aktuellen Kapitäns mit seinem Vorgänger ist hörenswert… Das kann nur Matthias Matschke:

„NOCH WAS ÜBER MEINEN P-NES:
VIEL BESSER ALS DER VOM VORHERIGEN KAPITÄN!“

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Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

In diesen Tagen kursiert ein Text im Internet, in dem Donald Trump mit dem Kapitän der Titanic verglichen wird. Zugegeben, eine wirklich einfallsreiche und lustige Idee, die sich allerdings die Kritik gefallen lassen muss, dass sie die reale Gefahr verharmlost. In „Der größte Kapitän aller Zeiten“ wird klar, dass die eigentliche Bedrohung nicht von außen kommt. Man hat den Eisberg längst an Bord der Glory und ihm sogar noch das Kommando übertragen… 

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