„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

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ARTEMIS – Leben auf dem Mond mit Andy Weir

ARTEMIS von Andy Weir

Es war ein großer Schritt für mich und ein kleiner Schritt für die Menschheit. Ich war gerade einmal sieben Jahre alt, als ich mir mit meinem Vater am 20. Juli 1969 die Nacht um die Ohren schlagen durfte, um gebannt auf den Fernseher zu schauen. Man sah eigentlich nicht viel. Schwarzweiß-Standbilder und langweilige Wissenschaftler, die versuchten Zeit zu überbrücken bis es endlich soweit war. The Eagle has landed. Ein wichtiger Augenblick für die Menschheitsgeschichte. Und ich war mittendrin. Ich fühlte mich, als sei ich Teil von Mission Control in Houston, Texas und befände mich selbst in der Mondlandefähre Eagle und wäre Mitglied von Apollo 11. Sehr übernächtigt wartete ich nun nur noch auf den Moment, in dem der erste Mensch den Mond betreten würde.

In diesen Stunden waren wir alle Neil Armstrong. Wir waren alle auf dem Mond und machten Luftsprünge, wo es gar keine Luft gab. Genossen die geringe Schwerkraft und staunten über Fotos vom Aufgang der Erde am Horizont. Es waren Wundertage an der Seite der Astronauten und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich Mitleid mit Michael Collins hatte. Denn während Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond Geschichte schrieben, umkreiste er im Kommandomodul Columbia den Erdtrabanten um auf die Rückkehr der ersten Menschen vom Mond zu warten. Und jetzt bin ich selbst auf dem Mond. Ich habe es endlich geschafft und es hat sich so sehr gelohnt, geduldig zu warten, bis „ARTEMIS“ erbaut war. Ich bin auf dem Mond….

ARTEMIS von Andy Weir

Ein bisschen wehmütig war mir ja schon zumute, als ich Artemis erstmals betrat. Der Landeplatz der Eagle ist inzwischen ein Besucherzentrum für betuchte Weltraum-Touristen und eine riesige modulare Stadt ermöglicht 2000 Bewohnern das Leben auf dem Mond. Hier gibt es alles, was man sich nur wünschen kann. Unter den fünf großen Kuppeln, die durch Korridore miteinander verbunden sind, spielt sich das Leben wie in einer Stadt auf der Erde ab. Es gibt Restaurants, Shops, Bars, eine Zugverbindung zum Besucherzentrum und natürlich jede Menge touristischer Angebote, um für Nervenkitzel zu sorgen. Mondspaziergänge in aufblasbaren Hamsterkugeln zum Beispiel.

ARTEMIS. So heißt die Weltraummetropole. Andy Weir hat sie mit seiner Fantasie erbaut und entführt uns nun schon zum zweiten Mal in die Tiefen des Universums. Der Marsianer“ war ein wissenschaftsgeladener Survival-Thriller, der mir in der Einsamkeit des roten Planeten alles abverlangte, was ich an Überlebenswille aufbieten konnte. Auf dem Mond fühle ich mich in Gesellschaft vieler Mondianer schon deutlich sicherer. Das ist keine Testphase, was ich hier erleben darf. Es ist technisch ausgereift. Der Prototyp einer Mondstadt funktioniert in seiner Infrastruktur bestens, die Energieversorgung steht auf sicheren Füßen. Sauerstoff und Wasser sind keine Mangelware. Und der Mond ist nicht nur als Außenposten der Menschheit im All von Bedeutung. Auch seine Rohstoffe spielen eine große Rolle auf der Erde. Artemis ist ein Hybrid aus Sonderhandelszone und Industriegebiet zur Produktion von Aluminium. Eine doppelte Goldgrube, in der die Schwerkraft alles erleichtert. Ein Sechstel der Erdschwerkraft herrscht vor. Das macht das Leben der Menschen in Artemis leicht.

ARTEMIS von Andy Weir

Das ARTEMIS-Taschenbuch vom Heyne Verlag war mein Mond-Wanderführer und immer wenn die Schwerelosigkeit des guten Lesens das Buch an die Decke schweben ließ, tauchte ich in die Hörbuchausgabe von Random House Audio ein. Ich war also für alle Lesens- und Hörenslagen auf dem Mond bestens gerüstet und ließ mich erneut auf ein Abenteuer von Andy Weir ein. Bevor ich das Werk jedoch rezensiere, möchte ich ein kleines Glossar von ARTEMIS-Begriffen voranstellen, die sowohl das Lesen der Rezension, als auch den Genuss des Buches erleichtern:

KSC – Kenya Space Center
EVA – ExtraVehicular Activity (Mondspaziergang)
DAGL – mega-schnelles Glasfaserkabel
GIZMO – unspezifischer Name für ein Gerät, dessen Namen man vergessen hat
HIB – HüllenInspektionsBot (Miniroboter, der die Außenhaut von Artemis kontrolliert)
MOTE – Mondwährung
GUNK – Mond-Essen für arme Leute (Algen mit Geschmacksstoffen)
FLEISCHDOSE – Touristen-Raumfahrzeug
HAMSTERKUGEL – aufgeblasener transparenter Ball für Mondspaziergänge

So, nachdem ihr den Mondjargon beherrscht, können wir loslegen. Wir schlüpfen in einen EVA-Anzug und erkunden den Mond. Habt ihr euer GIZMO? Ansonsten ist es schwer, sich hier zu orientieren und zu verständigen. Und wenn es gut läuft, verdienen wir da draußen ausreichend viele MOTTEN, um heute Abend essen zu gehen. Und ihr könnt mir glauben, dass wir uns nicht mit GUNK abspeisen lassen.

ARTEMIS von Andy Weir

Zeit, unsere junge Begleiterin kennenzulernen. Jazz Bashara. 26 Jahre alt, schon ein wenig durchgeknallt und DAS absolute Talent, wenn es darum geht, Dinge auf den Mond zu schmuggeln, die hier streng verboten sind. Zigarren und Feuerzeuge, um nur zwei kleine Beispiele zu nennen. Sie hat es faustdick hinter den Ohren, ist gut vernetzt und will aus dem perspektivlosen Leben auf dem Mond etwas mehr rausholen. Dass sie damit genau ins Beuteschema von Geschäftsleuten passt, die ihre kriminelle Energie in einem Paradies für illegale Geschäfte ausleben wollen, wird ihr erst bewusst, als es für sie und ARTEMIS schon fast zu spät ist. Man bietet ihr eine Million Motten, um auf dem Mond das wirtschaftliche Gleichgewicht ins Wanken zu bringen.

Andy Weir gelingt es nicht nur, eine besondere extraterrestrische Gesellschaft zu erschaffen. Er transformiert den Mond und seine Rahmenbedingungen zum Schauplatz eines Wirtschaftsthrillers, der nur in dieser Atmosphäre ohne Atmosphäre spielen kann. Der Mond wurde nicht nur von Wissenschaftlern und Touristen erobert. Er ist Spielball des organisierten Verbrechens, denn wo lässt sich Geld besser waschen, als hier. Die Risiken? Egal. Es geht doch nur um 2000 Menschenleben. Was Chicago und New York schon lange hinter sich haben ereilt nun ARTEMIS. Syndikate beherrschen die Szene. Andy Weir schreibt weniger wissenschaftlich als noch im Marsianer. Er verpackt sein Wissen in Bilder, die uns bewegen. ARTEMIS als Lebensraum für die behinderte Lene, die nur hier ohne Rollstuhl leben kann. Dieser Roman und seine Protagonisten leben vom Mond.

ARTEMIS von Andy Weir

Ich weiß immer noch nicht, wie ich es lebend zurück auf die Erde geschafft habe. Jazz hat ein wahres Feuerwerk abgebrannt, wo es definitiv nicht brennen sollte. Brillant konstruiert, gewohnt brillant erzählt und spannend bis zur letzten Seite und dem letzten Track. Das Hörbuch überrascht uns zweistimmig. Gabrielle Pietermann verkörpert die Erzählperspektive von Jazz Bashara. Eine Stimme, die Daenerys Targaryen in Game of Thrones für unsere Ohren verkörpert, macht nun die kleinkriminelle Heldin mehr als sympathisch greifbar. Ein antizyklisch verlaufender Mailverkehr mit einem jungen Mann auf der Erde unterbricht den Erzählstrom auf dem Mond. Hier erfahren wir viel über die junge Jazz und ihre Gefühle. Diese Briefe von Kelvin liest Marius Clarén. Hier trumpft das Hörbuch groß auf.

Fogt mir auf den Mond. Kommt mit nach ARTEMIS. Erlebt den Thriller, in dem Uhren die Erdphasen anzeigen, man die zunehmende Halberde bewundert, die Kinder Wände hochgehen, Roastbeef eine Delikatesse ist, weil die Kuh 400.000 Kilometer entfernt war und die Liebe von Jazz` Vater sich in der Qualität einer Schweißnaht äußert, mit der er das Leben seiner Tochter retten kann. Folgt mir zum Mond. Es ist kein Spaziergang. Es ist allerfeinste Unterhaltung mit Tiefgang und authentischem sozialem Hintergrund. Andy Weir schreibt uns den Highway to the Moon ins Bücherregal. Und wer das Lesen und Hören bei Schwerelosigkeit nicht mag, wird auf die Erde deportiert und mit Schwerkraft nicht unter drei Monaten bestraft!

ARTEMIS von Andy Weir

Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Nun kann man schon die Tage zählen, bis Weihnachten vor der Tür steht und wir befinden uns gefühlt im Endspurt auf der Zielgeraden eines turbulenten Jahres. Hektik und Stress fressen uns auf, und manch einer von uns sinkt schon in ein paar Tagen vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum zusammen und seufzt erschöpft auf. Wir rennen, hetzen und suchen. Jagen letzten Terminen hinterher und erledigen noch ganz schnell die Weihnachtspost für unsere Lieben. „Frohes Fest und pass` auf dich auf!“ Es bleibt kaum Zeit für mehr, geschweige denn für Handschriftliches. Es wird gemailt, was das Zeug hält und zu guter Letzt kann vielleicht noch eine Sammel-WhattsApp ein paar Grüße übermitteln, die wir schlicht vergessen haben. (hörbar als Radio-PodCast)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Meine Radio-Rezension

Einen ganzen, ellenlangen Brief mit der Hand zu schreiben ist wohl aus der Mode gekommen. Dabei hat genau dieses handschriftliche Schreiben eine ebenso schöne, wie romantische Tradition. Schreiben Sie mir, oder ich sterbelegt Zeugnis davon ab. Ein Buch und seine Hörbuchadaption als Liebeserklärung an das Briefeschreiben. Ich habe diesem Gesamtkunstwerk einen warmen Platz in meiner kleinen literarischen Sternwarte eingeräumt und nun kommt eine weitere Briefedition hinzu, die mich in den letzten Tagen gefesselt und berührt hat. „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz, herausgegeben und kommentiert von Petra Müller und Rainer Wieland, öffnet diesmal Weihnachtsbriefe berühmter Männer und Frauen für unsere Augen. Als Buch im Piper Verlag erschienen, schließt sich nun die Hörbuchedition von Random House Audio an und lässt uns bewegende und berührende Zeilen hautnah erhören.

In meinem Weihnachtsstrumpf finden sich Dein Herz, Dein Körper, Deine Seele. (Jean Cocteau an Jean Marais)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Ich habe gelesen und gehört. Bin tief versunken in Briefen, die nicht für meine Augen oder Ohren bestimmt waren und doch Zeugnis ablegen von Beziehungen, Lieben und Leidenschaften, von denen die Welt oft gar nichts erfahren durfte. Briefe voller Zartheit und Hoffnung. Briefe voller Zuneigung und Zuversicht. Jedoch auch Zeilen, von denen wir heute wissen, dass sie niemals in Erfüllung gingen. Ich reiche euch den Brieföffner für diese besondere Edition und zähle auf eure Verschwiegenheit. Wir treffen auf ganz besondere Menschen, die tiefe Spuren in unserem Lesen hinterlassen haben und zum Weihnachtsfest sollten wir an sie denken, weil sie ähnliche Wünsche hatten wie wir. Es ist ein Privileg des Lesens und Hörens, diese Zeitreise unter die Tannenbäume längst vergangener Epochen antreten zu dürfen. Folgt mir…

„Es ist schön, bedeutende Männer zu haben, und ich bin so froh, dass du einer bist!“

Was für ein Kompliment aus der Feder einer einzigartigen Frau. Liebe, Sehnsucht nach einem zweiten Kind und unendliche Zuversicht überstrahlen den Weihnachtsbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald. Wundervolle Worte, die sie ihm schrieb, als die wohl größte Liebesgeschichte der 1920er Jahre vor ihren Trümmern stand. Hier beginnt  Weihnachten 1931 die Zeit der Trennung und das dunkle Kapitel im Leben der Lebenskünstler wird aufgeschlagen. Nichts mehr von Himbeeren mit Sahne im Ritzund kaum noch eine Spur von „Für dich würde ich sterben“. Umso bewegender, den Weihnachtsbrief an eine große vergangene und unerfüllbare Hoffnung zu lesen und zu hören.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

Einen Hundebesuch zu Weihnachten beschreibt eine Schriftstellerin, die weltweit durch ihre Briefwechsel bekannt wurde. Helene Hanff. Die Radiobriefe aus New York an ihre Heimat England genossen Kultstatus. Zu Weihnachten nimmt sie die einfachen Verhältnisse ihres Lebens im Big Apple auf die Schippe, macht sich über den Versuch einer Baumschmückparty in ihrem Einzimmer-Apartment lustig und läutet damit schon fast das Zeitalter der Schlafcouch ein, die als Garderobe für die Besuchermäntel dient. Herrlich skurril. Herrlich auch, das Essen für die Gäste im gesamten Haus zu verteilen, weil nicht genug Platz in der eigenen Wohnung ist. Herrlich turbulent, was sie uns hier anvertraut. Die Autorin von „84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen“ war 1978 in wahrer weihnachtlicher Schreiblaune…

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Weihnachtsbriefe aus dem Gefängnis gab es auch. Nicht so lustig, nicht skurril und gar nicht weihnachtlich. Eher sehnend, hoffend und verzagend. Wer Rosa Luxemburg nur als ermordete Kämpferin für die Arbeiterklasse kennt, der sollte ihren Brief aus dem Jahr 1917 an Sophie Liebknecht lesen und hören. Wenn Schmerz hinter Gittern jemals spürbar wurde, dann hier. Rosa erzählt von einer Begegnung mit einem Büffel, der als Lastentier vor den Wagen gespannt wurde. Bestialisch gequält, missbraucht und doch nur still leidend. Ihr Blick auf das Tier wird zum Blick in ihre Seele. Sie schreibt den Riss in der Büffelhaut in unser Herz. Kein schönes Weihnachten. Zwei Heiligabende sollten ihr noch bleiben…

„Mutter, fall nicht in Ohnmacht… Ich komme für die Feiertage nach Hause, mit einem Mann und einem Motorrad.“

Dorothy L. Sayers schrieb einen Weihnachtsbrief, den meine Tochter nicht lesen sollte. Die Krimi-Autorin bereitet ihrer Familie 1922 eine besondere Überraschung und gerät beziehungstechnisch auf die schiefe Bahn. Sie begegnet einem mittellosen Mann, der nur ein Motorrad besitzt, schleppt ihn unter den Familien-Weihnachtsbaum und hat keine andere Erklärung als die Liebe auf den ersten Blick. Unter der Kategorie „Leben ist, was uns zustößt“ beinhaltet dieser Brief alles, wovor man seine Tochter schützen möchte. Nein. Ein Motorradfahrer kommt nicht ins Haus. Das steht fest. Das aus dieser Beziehung stammende Kind hat die Autorin übrigens bis ins hohe Alter verleugnet.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Zahllose weitere Briefe ließen sich rezensieren. Von Tucholsky, bei dem zum Fest aus Waren Gaben werden, bis hin zu Jean Paul Sartre, der seinem Spitznamen Castor (fleißiger Biber) auch an Heiligabend alle Ehre macht reicht das Spektrum der Edition. Die Briefe zu lesen ist ein entschleunigendes Fest für die Augen. Sie anhören zu dürfen verleiht der Vergangenheit Flügel, die bis unter unseren Tannenbaum reichen. Claudia Michelsen und Devid Striesow entführen uns in die weihnachtlich geschmückten und herausgeputzten Stuben berühmter Frauen und Männer. Unter die Weihnachtsbäume längst vergangener Zeit legen sie ihre Stimmen als zeitlose Geschenke für ein frohes Weihnachtsfest von heute.

Frauen- und Männerbriefe legen Zeugnis ab von Leben, die lange gelebt, Lieben, die lange geliebt und Leidenschaften, die bis in die heutige Zeit überliefert sind. Liebe und Zuversicht strahlen aus einer Vergangenheit zu uns, die uns weit entrückt vorkommt. In einer Welt, die nur von Frieden träumt stellen wir fest, dass wir den Schreibern aus der längst vergangenen Welt vielleicht näher sind, als wir denken. Haben wir andere oder ganz neue Wünsche? Ich denke nein. Bleibt noch die Frage, wer in 100 Jahren unsere Briefe liest und wie man sie in unsere Zeit einordnet. Dies übernimmt im Hörbuch mit brillanter Stimme Christian Baumann. Die Zwischentexte, die mehr als nur einordnen und moderieren, sind das Salz in der Buchstabensuppe dieser Hörbuchbriefe.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

16 Briefe sind im Hörbuch zu hören. 41 Briefe befinden sich im Taschenbuch. Es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen, die alle Sinne für das Besondere öffnen können.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Soziale Sprachlosigkeit. So könnte man das große Leiden in unserer Gesellschaft auf den Punkt bringen. Das kollektive Verschanzen hinter Vorurteils-Barrikaden und Dialog ohne Gesprächsbereitschaft sind die wohl prägnantesten Symptome für eine Krankheit, die wir als soziale Kälte bezeichnen. Eine schweigende Mehrheit weiß einer brüllenden Minderheit nicht mehr zu begegnen. Zeiten, in denen sehnsüchtig auf literarisch mutige Stimmen gewartet wird. Zeiten, in denen wir darauf hoffen, dass sich Schriftsteller in die Waagschale werfen und zu neuem Denken inspirieren. Schriftsteller, die aus neutralen Positionen heraus Spiegel vorhalten, Perspektiven erweitern und neue Impulse setzen könnten.

Dass wir in der heutigen Zeit der Sprachlosigkeit ausgerechnet in Frankreich auf eine solche neue Stimme treffen, ist keine Überraschung. Kaum ein anderes Land ist in sich so zerrissen, kaum ein Land fühlt das Auseinanderdriften seiner sozialen Schichten so intensiv und kaum ein Land ist so gefährdet, sich selbst an Populisten und Extremisten zu verlieren, weil die etablierten Parteien die Sorgen und Nöte des Landsleute kaum in spürbare Politik transferieren können. Die Unzufriedenheit sucht sich ihre Ventile und in Deutschland darf man sich nicht nur als stiller Beobachter dieser Entwicklung sehen. Es wäre fatal, sich das Leben so leicht zu machen. Stabil ist anders. Stabil sind nicht wir.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Es lohnt sich also sehr, unseren Blick auf einen literarischenCoup de France zu werfen und sich ihm nicht aus der Distanz zu nähern. Dieses Buch, diese Trilogie steht uns näher, als wir es je vermuten würden. Dieses Werk ist zwar so französisch, wie ein gut belegtes Baguette in einem Café an der Seine. Und dabei ist es ebenso europäisch, deutsch und polyglott, wie es ein epochales literarisches Erdbeben nur sein kann. Und als solches muss es sehr wohl bezeichnet werden, „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes. Ein auf drei Teile angelegter großer Gesellschaftsroman, der nicht nur in Frankreichreich hohe Wellen schlägt.

Ich habe den Auftaktband aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch gelesen und  bin gleichzeitig in der ungekürzten Hörbuchfassung von Der Audio Verlag versunken, weil mich Johann von Bülow mit seiner grandiosen Interpretation des Textes gefesselt hat. Wer ist nun jener Vernon Subutex, dem wir durch sein Paris folgen dürfen? Ein Paris, das ihm im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht mehr wie sein Paris vorkommt, das ihn zu verlieren scheint, weil er sich selbst an den Rand einer Gesellschaft katapultiert, die nur noch aus Rändern zu bestehen scheint. Vernon Subutex. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, so könnte man meinen. Eine Zeit, in der Sex and Drugs and Rock ´n´ Roll gesellschaftsfähige Rahmenbedingungen für Menschen darstellten, die heute nur noch aus dem Rahmen fallen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Der ehemalige Schallplattenverkäufer Vernon Subutex erlebt mit dem Niedergang einer Branche nicht nur den Paradigmenwechsel der Musikindustrie, er wird auch zum Zeugen seines eigenen Niederganges. Was sich gestern noch wie eine niemals enden wollende Partyszene und ein Leben auf der Überholspur anfühlte, wird schlagartig zum Horrortrip in einer sozialen Einbahnstraße. Was gestern noch eine gut vernetzte Clique ehemaliger Musiker und Szenegrößen war, wirkt plötzlich wie das zerfallene Puzzle der ewig Gestrigen. Vernon Subutex verliert Job, Wohnung und alle Unterstützung, die allzu selbstverständlich für ihn war. Was ihm bleibt sind sein relativ passables Aussehen, die ungebrochene Anziehungskraft auf Frauen und sein ausgeprägter Überlebenswille.

Denn überleben will er. Gerade nachdem die „Einschläge“ immer näher kommen und schon einige seiner Kumpels von früher die „Löffel“ abgegeben haben. Also tritt Vernon eine Flucht nach vorne an, sucht Zuflucht bei alten Freunden, noch älteren Freundinnen und bei all den Zufallsbekanntschaften, die ihm auf seinem Roadtrip durch Paris in die Quere kommen. Aus dieser skurril anmutenden Ausganslage zieht Virginie Despentes den Stoff, aus dem große Literatur gemacht werden kann. Mit Vernon Subutex lässt sie ihren Undercover-Agenten auf alle Schichten der französischen Gesellschaft los. Sein Blick wird zu unserer Perspektive. Seine Beobachtungen werden zu unseren Bildern, in denen sich das wahre Leben spiegelt. Seine Bekanntschaften werden zu Zeugen eines Abgesangs auf alle Faktoren, die den zwischenmenschlichen Wertverfall bedingen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Virginie Despentes gelingt es bravourös, all jenen eine unverwechselbare Stimme in diesem Choral des Niedergangs zu verleihen. Ein Meisterwerk der guten Beobachtung, eine Komposition aus den Dissonanzen, die dem scheinbar Normalen innewohnen. Ein Parforceritt durch die unterschiedlichsten Schichten dieser Gesellschaft, die sich schon lange nicht mehr in diesem homogenen Begriff beschreiben lässt. Dabei leistet Virginie Despentes einen existentiell wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Sprachlosigkeit in Zeiten großer Verunsicherung. Sie wertet und bewertet die Menschen nicht, denen ihr Protagonist begegnet. Sie lässt sie zur Sprache kommen. Sie seziert sie nicht. Sie legt all dies in die Hand ihrer Leser. Eine große Verantwortung für uns.

Wir begegnen den gescheiterten Existenzen, den anscheinend glücklich Verheirateten und denjenigen, die in den Fassaden ihres Lebens dahinvegetieren. Wir treffen auf die Randfiguren, die immer mehr ins Zentrum rücken, ehemalige Pornodarstellerinnen; die Online-Killerin deren Taten real zerstören können; die geschlagenen Frauen und deren Männer, für die Gewalt das alltägliche Ventil der Frustration ist; die kleine Ladendiebin von einst, die heute aus ihrem lesbischen Gefühl keinen Hehl mehr macht; den skrupel- und gewissenlosen Banker, für den Spekulationen immer Opfer fordern müssen; einen Vater, der seine Tochter in den radikalen Islam abdriften sieht ohne zu begreifen, was sie ihm damit beweisen will; prügelnde Neonazis, die in ihrem Leben einen Zufluchtsort suchen – und sei es den der Herrschaft auf der Straße und nicht zuletzt die Transe aus Brasilien, die in ihrer Abhängigkeit eine besondere Form von Freiheit findet.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Despentes lässt sie alle authentisch und plausibel durch unser Lesen rauschen. Wir erleben diese Menschen so greifbar, als würden wir mit Vernon bei ihnen Zuflucht suchen. Keine erhobenen Zeigefinger. Keine richtungsweisenden Tendenzen. Wir sind durch diesen unzensierten Blick auf die Menschen vorurteilsfreier, als wir es je waren. Selbst in der Konfrontation mit Neonazis liegt nun ein Ansatz des Verstehens, der auch ein Ansatz für Dialog sein könnte. Virginie Despentes beendet schon im ersten Teil der Trilogie um Vernon Subutex die soziale Sprachlosigkeit, weil sie der Fassungslosigkeit den Kampf ansagt. Nur was wir fassen, greifen und fühlen können, ist in der Lage uns von Ressentiments zu befreien.

Subutex macht süchtig. Nicht zufällig wohl die Auswahl dieses Namens, firmiert doch unter dieser Bezeichnung ein Opioid das zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt wird. Wirklich nicht zufällig, befindet sich doch die beschriebene Gesellschaft in einem Rauschzustand und wird aus unterschiedlichen Perspektiven so gesehen, dass sie nur noch zum Abgewöhnen taugt. Virginie Despentes schreibt sich diesen Roadtrip leicht und flüssig von der Seele. Johann von Bülow ist die ideale Hörbuchbesetzung für ein solches literarisches Schwergewicht, dem die Leichtigkeit niemals abhanden kommen darf. Das moderne Frankreich und seine Autoren strahlen gerade intensiv. Wer sich in „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani verloren hat, wird auch bei „Das Leben des Vernon Subutex“ kein Auge mehr zubekommen. Je suis Vernon.

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Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Ein persönlicher Nachtrag… Aber nicht nachtragend…:

Besonders tränenreich war für mich die Begegnung zwischen einer Pennerin und einem Angehörigen der Mittelschicht. Feindlich steht man sich, die Fäuste bereits im geballten Zustand gegenüber. Dialog undenkbar. Nur das gemeinsame Schicksal ihrer vor kurzem eingeschläferten Hunde bringt die Wut und den Hass zum Stoppen. Zufall? Ich weiß es nicht. Der Dialog in den Virginie Despentes diese beiden Menschen führt ist herzzerreißend und hat dafür gesorgt, dass mein Hund in diesem Lesen wieder bei mir war. Ein Gespräch und seine Folgen, so tief wie ein Hundeblick und gar nicht folgenlos für die Fortsetzungen von „Das Leben des Vernon Subutex“. Danke für den Moment mit Schneeflocke…

Das Leben des Vernon Subutex – Wenn alles vor die Hunde geht