Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

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In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Nun kann man schon die Tage zählen, bis Weihnachten vor der Tür steht und wir befinden uns gefühlt im Endspurt auf der Zielgeraden eines turbulenten Jahres. Hektik und Stress fressen uns auf, und manch einer von uns sinkt schon in ein paar Tagen vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum zusammen und seufzt erschöpft auf. Wir rennen, hetzen und suchen. Jagen letzten Terminen hinterher und erledigen noch ganz schnell die Weihnachtspost für unsere Lieben. „Frohes Fest und pass` auf dich auf!“ Es bleibt kaum Zeit für mehr, geschweige denn für Handschriftliches. Es wird gemailt, was das Zeug hält und zu guter Letzt kann vielleicht noch eine Sammel-WhattsApp ein paar Grüße übermitteln, die wir schlicht vergessen haben. (hörbar als Radio-PodCast)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Meine Radio-Rezension

Einen ganzen, ellenlangen Brief mit der Hand zu schreiben ist wohl aus der Mode gekommen. Dabei hat genau dieses handschriftliche Schreiben eine ebenso schöne, wie romantische Tradition. Schreiben Sie mir, oder ich sterbelegt Zeugnis davon ab. Ein Buch und seine Hörbuchadaption als Liebeserklärung an das Briefeschreiben. Ich habe diesem Gesamtkunstwerk einen warmen Platz in meiner kleinen literarischen Sternwarte eingeräumt und nun kommt eine weitere Briefedition hinzu, die mich in den letzten Tagen gefesselt und berührt hat. „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz, herausgegeben und kommentiert von Petra Müller und Rainer Wieland, öffnet diesmal Weihnachtsbriefe berühmter Männer und Frauen für unsere Augen. Als Buch im Piper Verlag erschienen, schließt sich nun die Hörbuchedition von Random House Audio an und lässt uns bewegende und berührende Zeilen hautnah erhören.

In meinem Weihnachtsstrumpf finden sich Dein Herz, Dein Körper, Deine Seele. (Jean Cocteau an Jean Marais)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Ich habe gelesen und gehört. Bin tief versunken in Briefen, die nicht für meine Augen oder Ohren bestimmt waren und doch Zeugnis ablegen von Beziehungen, Lieben und Leidenschaften, von denen die Welt oft gar nichts erfahren durfte. Briefe voller Zartheit und Hoffnung. Briefe voller Zuneigung und Zuversicht. Jedoch auch Zeilen, von denen wir heute wissen, dass sie niemals in Erfüllung gingen. Ich reiche euch den Brieföffner für diese besondere Edition und zähle auf eure Verschwiegenheit. Wir treffen auf ganz besondere Menschen, die tiefe Spuren in unserem Lesen hinterlassen haben und zum Weihnachtsfest sollten wir an sie denken, weil sie ähnliche Wünsche hatten wie wir. Es ist ein Privileg des Lesens und Hörens, diese Zeitreise unter die Tannenbäume längst vergangener Epochen antreten zu dürfen. Folgt mir…

„Es ist schön, bedeutende Männer zu haben, und ich bin so froh, dass du einer bist!“

Was für ein Kompliment aus der Feder einer einzigartigen Frau. Liebe, Sehnsucht nach einem zweiten Kind und unendliche Zuversicht überstrahlen den Weihnachtsbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald. Wundervolle Worte, die sie ihm schrieb, als die wohl größte Liebesgeschichte der 1920er Jahre vor ihren Trümmern stand. Hier beginnt  Weihnachten 1931 die Zeit der Trennung und das dunkle Kapitel im Leben der Lebenskünstler wird aufgeschlagen. Nichts mehr von Himbeeren mit Sahne im Ritzund kaum noch eine Spur von „Für dich würde ich sterben“. Umso bewegender, den Weihnachtsbrief an eine große vergangene und unerfüllbare Hoffnung zu lesen und zu hören.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

Einen Hundebesuch zu Weihnachten beschreibt eine Schriftstellerin, die weltweit durch ihre Briefwechsel bekannt wurde. Helene Hanff. Die Radiobriefe aus New York an ihre Heimat England genossen Kultstatus. Zu Weihnachten nimmt sie die einfachen Verhältnisse ihres Lebens im Big Apple auf die Schippe, macht sich über den Versuch einer Baumschmückparty in ihrem Einzimmer-Apartment lustig und läutet damit schon fast das Zeitalter der Schlafcouch ein, die als Garderobe für die Besuchermäntel dient. Herrlich skurril. Herrlich auch, das Essen für die Gäste im gesamten Haus zu verteilen, weil nicht genug Platz in der eigenen Wohnung ist. Herrlich turbulent, was sie uns hier anvertraut. Die Autorin von „84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen“ war 1978 in wahrer weihnachtlicher Schreiblaune…

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Weihnachtsbriefe aus dem Gefängnis gab es auch. Nicht so lustig, nicht skurril und gar nicht weihnachtlich. Eher sehnend, hoffend und verzagend. Wer Rosa Luxemburg nur als ermordete Kämpferin für die Arbeiterklasse kennt, der sollte ihren Brief aus dem Jahr 1917 an Sophie Liebknecht lesen und hören. Wenn Schmerz hinter Gittern jemals spürbar wurde, dann hier. Rosa erzählt von einer Begegnung mit einem Büffel, der als Lastentier vor den Wagen gespannt wurde. Bestialisch gequält, missbraucht und doch nur still leidend. Ihr Blick auf das Tier wird zum Blick in ihre Seele. Sie schreibt den Riss in der Büffelhaut in unser Herz. Kein schönes Weihnachten. Zwei Heiligabende sollten ihr noch bleiben…

„Mutter, fall nicht in Ohnmacht… Ich komme für die Feiertage nach Hause, mit einem Mann und einem Motorrad.“

Dorothy L. Sayers schrieb einen Weihnachtsbrief, den meine Tochter nicht lesen sollte. Die Krimi-Autorin bereitet ihrer Familie 1922 eine besondere Überraschung und gerät beziehungstechnisch auf die schiefe Bahn. Sie begegnet einem mittellosen Mann, der nur ein Motorrad besitzt, schleppt ihn unter den Familien-Weihnachtsbaum und hat keine andere Erklärung als die Liebe auf den ersten Blick. Unter der Kategorie „Leben ist, was uns zustößt“ beinhaltet dieser Brief alles, wovor man seine Tochter schützen möchte. Nein. Ein Motorradfahrer kommt nicht ins Haus. Das steht fest. Das aus dieser Beziehung stammende Kind hat die Autorin übrigens bis ins hohe Alter verleugnet.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Zahllose weitere Briefe ließen sich rezensieren. Von Tucholsky, bei dem zum Fest aus Waren Gaben werden, bis hin zu Jean Paul Sartre, der seinem Spitznamen Castor (fleißiger Biber) auch an Heiligabend alle Ehre macht reicht das Spektrum der Edition. Die Briefe zu lesen ist ein entschleunigendes Fest für die Augen. Sie anhören zu dürfen verleiht der Vergangenheit Flügel, die bis unter unseren Tannenbaum reichen. Claudia Michelsen und Devid Striesow entführen uns in die weihnachtlich geschmückten und herausgeputzten Stuben berühmter Frauen und Männer. Unter die Weihnachtsbäume längst vergangener Zeit legen sie ihre Stimmen als zeitlose Geschenke für ein frohes Weihnachtsfest von heute.

Frauen- und Männerbriefe legen Zeugnis ab von Leben, die lange gelebt, Lieben, die lange geliebt und Leidenschaften, die bis in die heutige Zeit überliefert sind. Liebe und Zuversicht strahlen aus einer Vergangenheit zu uns, die uns weit entrückt vorkommt. In einer Welt, die nur von Frieden träumt stellen wir fest, dass wir den Schreibern aus der längst vergangenen Welt vielleicht näher sind, als wir denken. Haben wir andere oder ganz neue Wünsche? Ich denke nein. Bleibt noch die Frage, wer in 100 Jahren unsere Briefe liest und wie man sie in unsere Zeit einordnet. Dies übernimmt im Hörbuch mit brillanter Stimme Christian Baumann. Die Zwischentexte, die mehr als nur einordnen und moderieren, sind das Salz in der Buchstabensuppe dieser Hörbuchbriefe.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

16 Briefe sind im Hörbuch zu hören. 41 Briefe befinden sich im Taschenbuch. Es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen, die alle Sinne für das Besondere öffnen können.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Soziale Sprachlosigkeit. So könnte man das große Leiden in unserer Gesellschaft auf den Punkt bringen. Das kollektive Verschanzen hinter Vorurteils-Barrikaden und Dialog ohne Gesprächsbereitschaft sind die wohl prägnantesten Symptome für eine Krankheit, die wir als soziale Kälte bezeichnen. Eine schweigende Mehrheit weiß einer brüllenden Minderheit nicht mehr zu begegnen. Zeiten, in denen sehnsüchtig auf literarisch mutige Stimmen gewartet wird. Zeiten, in denen wir darauf hoffen, dass sich Schriftsteller in die Waagschale werfen und zu neuem Denken inspirieren. Schriftsteller, die aus neutralen Positionen heraus Spiegel vorhalten, Perspektiven erweitern und neue Impulse setzen könnten.

Dass wir in der heutigen Zeit der Sprachlosigkeit ausgerechnet in Frankreich auf eine solche neue Stimme treffen, ist keine Überraschung. Kaum ein anderes Land ist in sich so zerrissen, kaum ein Land fühlt das Auseinanderdriften seiner sozialen Schichten so intensiv und kaum ein Land ist so gefährdet, sich selbst an Populisten und Extremisten zu verlieren, weil die etablierten Parteien die Sorgen und Nöte des Landsleute kaum in spürbare Politik transferieren können. Die Unzufriedenheit sucht sich ihre Ventile und in Deutschland darf man sich nicht nur als stiller Beobachter dieser Entwicklung sehen. Es wäre fatal, sich das Leben so leicht zu machen. Stabil ist anders. Stabil sind nicht wir.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Es lohnt sich also sehr, unseren Blick auf einen literarischenCoup de France zu werfen und sich ihm nicht aus der Distanz zu nähern. Dieses Buch, diese Trilogie steht uns näher, als wir es je vermuten würden. Dieses Werk ist zwar so französisch, wie ein gut belegtes Baguette in einem Café an der Seine. Und dabei ist es ebenso europäisch, deutsch und polyglott, wie es ein epochales literarisches Erdbeben nur sein kann. Und als solches muss es sehr wohl bezeichnet werden, „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes. Ein auf drei Teile angelegter großer Gesellschaftsroman, der nicht nur in Frankreichreich hohe Wellen schlägt.

Ich habe den Auftaktband aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch gelesen und  bin gleichzeitig in der ungekürzten Hörbuchfassung von Der Audio Verlag versunken, weil mich Johann von Bülow mit seiner grandiosen Interpretation des Textes gefesselt hat. Wer ist nun jener Vernon Subutex, dem wir durch sein Paris folgen dürfen? Ein Paris, das ihm im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht mehr wie sein Paris vorkommt, das ihn zu verlieren scheint, weil er sich selbst an den Rand einer Gesellschaft katapultiert, die nur noch aus Rändern zu bestehen scheint. Vernon Subutex. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, so könnte man meinen. Eine Zeit, in der Sex and Drugs and Rock ´n´ Roll gesellschaftsfähige Rahmenbedingungen für Menschen darstellten, die heute nur noch aus dem Rahmen fallen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Der ehemalige Schallplattenverkäufer Vernon Subutex erlebt mit dem Niedergang einer Branche nicht nur den Paradigmenwechsel der Musikindustrie, er wird auch zum Zeugen seines eigenen Niederganges. Was sich gestern noch wie eine niemals enden wollende Partyszene und ein Leben auf der Überholspur anfühlte, wird schlagartig zum Horrortrip in einer sozialen Einbahnstraße. Was gestern noch eine gut vernetzte Clique ehemaliger Musiker und Szenegrößen war, wirkt plötzlich wie das zerfallene Puzzle der ewig Gestrigen. Vernon Subutex verliert Job, Wohnung und alle Unterstützung, die allzu selbstverständlich für ihn war. Was ihm bleibt sind sein relativ passables Aussehen, die ungebrochene Anziehungskraft auf Frauen und sein ausgeprägter Überlebenswille.

Denn überleben will er. Gerade nachdem die „Einschläge“ immer näher kommen und schon einige seiner Kumpels von früher die „Löffel“ abgegeben haben. Also tritt Vernon eine Flucht nach vorne an, sucht Zuflucht bei alten Freunden, noch älteren Freundinnen und bei all den Zufallsbekanntschaften, die ihm auf seinem Roadtrip durch Paris in die Quere kommen. Aus dieser skurril anmutenden Ausganslage zieht Virginie Despentes den Stoff, aus dem große Literatur gemacht werden kann. Mit Vernon Subutex lässt sie ihren Undercover-Agenten auf alle Schichten der französischen Gesellschaft los. Sein Blick wird zu unserer Perspektive. Seine Beobachtungen werden zu unseren Bildern, in denen sich das wahre Leben spiegelt. Seine Bekanntschaften werden zu Zeugen eines Abgesangs auf alle Faktoren, die den zwischenmenschlichen Wertverfall bedingen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Virginie Despentes gelingt es bravourös, all jenen eine unverwechselbare Stimme in diesem Choral des Niedergangs zu verleihen. Ein Meisterwerk der guten Beobachtung, eine Komposition aus den Dissonanzen, die dem scheinbar Normalen innewohnen. Ein Parforceritt durch die unterschiedlichsten Schichten dieser Gesellschaft, die sich schon lange nicht mehr in diesem homogenen Begriff beschreiben lässt. Dabei leistet Virginie Despentes einen existentiell wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Sprachlosigkeit in Zeiten großer Verunsicherung. Sie wertet und bewertet die Menschen nicht, denen ihr Protagonist begegnet. Sie lässt sie zur Sprache kommen. Sie seziert sie nicht. Sie legt all dies in die Hand ihrer Leser. Eine große Verantwortung für uns.

Wir begegnen den gescheiterten Existenzen, den anscheinend glücklich Verheirateten und denjenigen, die in den Fassaden ihres Lebens dahinvegetieren. Wir treffen auf die Randfiguren, die immer mehr ins Zentrum rücken, ehemalige Pornodarstellerinnen; die Online-Killerin deren Taten real zerstören können; die geschlagenen Frauen und deren Männer, für die Gewalt das alltägliche Ventil der Frustration ist; die kleine Ladendiebin von einst, die heute aus ihrem lesbischen Gefühl keinen Hehl mehr macht; den skrupel- und gewissenlosen Banker, für den Spekulationen immer Opfer fordern müssen; einen Vater, der seine Tochter in den radikalen Islam abdriften sieht ohne zu begreifen, was sie ihm damit beweisen will; prügelnde Neonazis, die in ihrem Leben einen Zufluchtsort suchen – und sei es den der Herrschaft auf der Straße und nicht zuletzt die Transe aus Brasilien, die in ihrer Abhängigkeit eine besondere Form von Freiheit findet.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Despentes lässt sie alle authentisch und plausibel durch unser Lesen rauschen. Wir erleben diese Menschen so greifbar, als würden wir mit Vernon bei ihnen Zuflucht suchen. Keine erhobenen Zeigefinger. Keine richtungsweisenden Tendenzen. Wir sind durch diesen unzensierten Blick auf die Menschen vorurteilsfreier, als wir es je waren. Selbst in der Konfrontation mit Neonazis liegt nun ein Ansatz des Verstehens, der auch ein Ansatz für Dialog sein könnte. Virginie Despentes beendet schon im ersten Teil der Trilogie um Vernon Subutex die soziale Sprachlosigkeit, weil sie der Fassungslosigkeit den Kampf ansagt. Nur was wir fassen, greifen und fühlen können, ist in der Lage uns von Ressentiments zu befreien.

Subutex macht süchtig. Nicht zufällig wohl die Auswahl dieses Namens, firmiert doch unter dieser Bezeichnung ein Opioid das zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt wird. Wirklich nicht zufällig, befindet sich doch die beschriebene Gesellschaft in einem Rauschzustand und wird aus unterschiedlichen Perspektiven so gesehen, dass sie nur noch zum Abgewöhnen taugt. Virginie Despentes schreibt sich diesen Roadtrip leicht und flüssig von der Seele. Johann von Bülow ist die ideale Hörbuchbesetzung für ein solches literarisches Schwergewicht, dem die Leichtigkeit niemals abhanden kommen darf. Das moderne Frankreich und seine Autoren strahlen gerade intensiv. Wer sich in „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani verloren hat, wird auch bei „Das Leben des Vernon Subutex“ kein Auge mehr zubekommen. Je suis Vernon.

Mehr aus Frankreich in der kleinen literarischen Sternwarte

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Ein persönlicher Nachtrag… Aber nicht nachtragend…:

Besonders tränenreich war für mich die Begegnung zwischen einer Pennerin und einem Angehörigen der Mittelschicht. Feindlich steht man sich, die Fäuste bereits im geballten Zustand gegenüber. Dialog undenkbar. Nur das gemeinsame Schicksal ihrer vor kurzem eingeschläferten Hunde bringt die Wut und den Hass zum Stoppen. Zufall? Ich weiß es nicht. Der Dialog in den Virginie Despentes diese beiden Menschen führt ist herzzerreißend und hat dafür gesorgt, dass mein Hund in diesem Lesen wieder bei mir war. Ein Gespräch und seine Folgen, so tief wie ein Hundeblick und gar nicht folgenlos für die Fortsetzungen von „Das Leben des Vernon Subutex“. Danke für den Moment mit Schneeflocke…

Das Leben des Vernon Subutex – Wenn alles vor die Hunde geht

„Die Geschichte der Bienen“ – Hörbuch-Chirurgie – Ein Exkurs

btb VerlagDie Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Kann man Literatur berechnen, kann man ein Buch in Gold aufwiegen? Sicherlich nicht. Alleine der Gedanke, Bücher in ihrem monetären Gegenwert zu betrachten ist für wahre Liebhaber im wahrsten Wortsinn undenkbar und doch haben Bücher ihren Preis. Ich möchte hier nicht über den Wert der Literatur an sich philosophieren oder gar einen Diskurs zum Thema Buchpreisbindung lostreten. Und doch möchte ich rechnen. Ich bin hier in einem mathematischen Segment des Dreisatzes angelangt, den eigentlich jeder Buchliebhaber noch rudimentär beherrschen sollte. Und es geht hier um das weite Feld der literarischen Chirurgie bei der Produktion von Hörbüchern.

Das Spektrum der literarischen Chirurgie reicht, wie in der Medizin, vom minimal invasiven Eingriff bis hin zur Amputation. Zumindest, wenn wir von Hörbüchern und ihren unterschiedlichen Varianten sprechen, die uns im täglichen Leben begegnen. Es existieren ungekürzte Hörbücher, zumeist als Downloads bei audible, und ihre mehr oder minder stark gekürzten Geschwister, die zum Beispiel bei Der Hörverlag auf CDs angeboten werden. Dabei stammen diese Hörbücher aus derselben Produktion und wir finden lediglich verschiedene Fassungen zu unterschiedlichen Preisen vor.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Wer jedoch käme auf die Idee, ein Buch mit unterschiedlicher Seitenzahl zu sehr verschiedenen Preisen anzubieten? „Lesen Sie Inferno von Dan Brown komplett für 20 Euro oder greifen Sie zur gekürzten Fassung für 13.99 Euro“. Nicht denkbar, oder? Bei Hörbüchern jedoch ist dies gängige Praxis und hier setzt die literarische Chirurgie ihre ersten Schnitte. Handelt es sich hierbei um Schönheitschirurgie oder haben wir es mit der brachialen Methode der rigorosen Amputation kompletter Handlungsstränge zu tun? Wo setzen die Redakteure im Studio mit ihrer Schere an, was ist nebensächlich in einem Roman und wie wird man der Verantwortung gerecht, ein Hörbuch auf den Markt zu bringen, das als eigenständiges Werk rezensiert und bewertet wird? Wird man dem Schriftsteller gerecht oder stutzt man ihn aus Kapazitätsgründen zusammen?

Und weil die Hörer nichts vom Umfang der Beschneidungen wissen, rezensieren sie das Werk, als hätten sie es in Gänze genossen. Wird diese Kritik dann dem Buch gerecht, das wesentlich mehr zu bieten gehabt hätte? Oder führt man nicht gerade das eigentliche Ausgangswerk ad absurdum, indem man klar dokumentiert, dass auch eine Kurzfassung ausreichen würde? Kann man sich das bei Kinofilmen vorstellen? Oder ist der chirurgische Eingriff wirklich so versiert und mit Bedacht zelebriert, dass es kaum ins Gewicht fällt, was hier verschlankt wurde? Bleiben wir doch nicht theoretisch. Lasst uns doch an einem Beispiel betrachten, was es bedeutet, einen Roman zu kürzen, wie sich dies auswirkt und in welche Dimensionen man vorstößt, wenn man es sich genau anhört. Hier lässt sich Literatur berechnen. Wir greifen zu:

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Folgende Ausgangsdaten und -fakten legen wir zugrunde:

Das gebundene Buch umfasst 500 Seiten und kostet 20 € – btb Verlag
Das ungekürzte Hörbuch
als Download bei audible dauert ca.13 Stunden und kostet gemäß Empfehlung des Verlages 25,95 €
Das gekürzte Hörbuch als mp3CD bei Der Hörverlag dauert rund 10 Stunden und ist für 19,99 € im Handel erhältlich

Betrachten wir nun das Ausmaß des literatur-chirurgischen Eingriffes

Gebundenes Buch: 100 % Inhalt
Ungekürztes Hörbuch: 100 % Inhalt
Gekürztes Hörbuch: 77 % Inhalt (das Verhältnis von 10 zu 13 Stunden)

Das entspricht in Buchseiten:

Gebundenes Buch: 500 Seiten
Ungekürztes Hörbuch: 500 Seiten
Gekürztes Hörbuch: 385 Seiten (77 % von 500 Seiten)

Der Umfang der Streichungen in der gekürzten Hörbuchfassung beträgt demnach genau 115 Seiten, also mehr als ein Fünftel der Originalausgabe des Buches. Von den unterschiedlichen Preisen mag ich hier nicht reden, denn erstens sind die drei hier eingesetzten Stimmen schlicht und ergreifend unbezahlbar und zweitens variieren auch die Preise der Hörbuchausgaben bei unterschiedlichen Anbietern und sinken ein wenig, wenn die Aktualität des Hörbuches ihren Höhepunkt überschritten hat.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde – Hörbuchchirurgie

Kann man chirurgisch hier noch von einem minimal invasiven Eingriff sprechen? Verglichen mit einem Menschen, entfernt man fast einen ganzen Arm oder ein Bein, da man der Meinung ist, nichts Wesentliches an der Physiognomie verändert zu haben. Es ist eine gewagte These. Hätte man dann nicht auch den Roman um 115 Seiten kürzen können? Was verlieren wir inhaltlich? Mit dieser Frage entfernen wir uns von der reinen Arithmetik und wenden uns dem Roman und seiner aufwendigen Hörbuchfassung zu.

Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Das Thema ist brisant. Nicht erst seit dem Dokumentarfilm „More than Honey“, der in bewegenden Bildern und eindringlichen Worten vom Aussterben der Bienen kündet. Es waren auch der Physiker Albert Einstein, der gesagt haben soll Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben und der Forscher Charles Darwin, die schon vor den Konsequenzen eines weltweiten Bienensterbens gewarnt haben. Ohne Bienen keine Blüten-Bestäubung. Ohne Bestäubung kein Leben. Maja Lunde hat genau dieses Problem ins Zentrum ihres Romans gestellt. Die Bienen stellen für sie die Klammer dar, die ihren Plot in drei Zeitebenen miteinander verbinden.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Dabei hat sie kein Fachbuch geschrieben, keine wissenschaftliche Abhandlung zum Bienensterben. Nein. Maja Lunde schrieb über die Menschen, deren Leben von Bienen abhängt. Dabei lässt sich der Roman in die Ebenen VOR, WÄHREND und NACH dem großen Kollaps der weltweiten Bienenpopulation unterteilen. Es ist eher die Geschichte der Menschen, die wir hier lesen. Da ist der Biologe und Samenhändler William, der im England des Jahres 1852 vor den Trümmern seines Lebens steht. Sein Geschäft und die Familie liegen brach und ihn hat alle Kraft verlassen. Nur eins hält ihn aufrecht, eine Idee, die die Welt der Imker verändern könnte. Ein völlig neuartiger Bienenstock.

Da ist der Imker George, der 2007 in den USA an den Scheideweg seiner Existenz gelangt. Er lebt von der Bienenhaltung, fährt seine Bienenstöcke durch Ohio und lässt seine geflügelten Mitarbeiter die Blüten auf den Feldern von Obstbauern bestäuben. Er träumt davon, dass sein Sohn eines Tages den Hof übernimmt. Vergeblich. Denn zwei Dinge sprechen dagegen. Tom will Journalist werden und die Bienen verschwinden. Es ist das Jahr des großen Kollapses. Und da ist die Arbeiterin Tao, die ihren Unterhalt mit der manuellen Bestäubung von Blüten verdient. Der Mensch hat die Bienen ersetzt, da sie im China des Jahres 2098 schon lange verschwunden sind. Als ihr Sohn Wei-Wen einen tragischen Unfall erleidet, beginnt auch Taos Welt zu kippen. Und nicht nur ihre.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde verwebt diese drei Szenarien und Geschichten mit dem Nektar ihres Schreibens. Dabei bleibt sie auf dem Boden dreier Familiengeschichten, die sie durch die Konstruktion ihres Romans geschickt miteinander zu verbinden weiß. Das Hörbuch wartet mit drei großartigen Stimmen auf, die diesen drei Protagonisten noch mehr Tiefe und Leben einhauchen. Thomas M. Meinhardt, Markus Fennert und Bibiana Beglau brillieren in der Interpretation ihrer Charaktere. Gemeinsam ist ihnen der innere Kampf gegen die das Zerbrechen ihrer Familien und die Hilflosigkeit, mit der sie der Natur und dem Schicksal ausgeliefert sind. Bibiana Beglau als kämpferische Tao hat mich hierbei besonders beeindruckt. Sie macht Verzweiflung stimmlich greifbar.

„Die Geschichte der Bienen“ ist lesens- und hörenswert. Die gekürzte Fassung der dreistimmigen Lesung beschädigt den Roman in keiner Weise. Ich habe die Kürzungen aufgespürt. Paralleles Lesen und Hören sollten Aufschluss über die inhaltlichen Folgen geben. Die Eingriffe haben keine wesentlichen Handlungselemente ausgeblendet. Hier sind es eher die genauen Beschreibungen von Orten, Räumen und Hintergründen, die der Schere zum Opfer fielen. Auf fast jeder Seite finden sich Streichungen, aber mir ist dabei keine einzige ins Auge gefallen, die ich für die Handlung als relevant bezeichnet hätte. Ketzerisch könnte man also sagen, dass sie auch im Roman entbehrlich sind. Es ist jedenfalls nicht nur ein abgenagtes Gerippe, das Der Hörverlag auf CD präsentiert.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Literatur ist unberechenbar. Sie lässt sich nicht aufwiegen. Und rein inhaltlich ist es eine Frage des individuellen Geschmacks, wie sehr ein Roman fesselt und bewegt. Ich bin der Meinung einen guten Roman erlebt zu haben, auch wenn der Titel dazu verführt mehr von den Bienen erfahren zu wollen. Die Familiengeschichten sind oft stereotyp in der Anlage und bis auf den Handlungsstrang „TAO“ nicht neu. Vater-Sohn-Konflikte vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Ängste, enttäuschte Hoffnungen und Beziehungen hat man literarisch schon tiefer erlebt. Wer „Stoner“ von John Williams gelesen hat wird im Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde Erzählräume betreten, die sehr bekannt erscheinen. Darüber hinaus fehlt mir die sprachliche Abgrenzung innerhalb der Geschichte, die sich über 250 Jahre erstreckt, bei der die Protagonisten jedoch in ihrer Sprache so einförmig sind, dass man am Erzählstrang nicht erkennen kann, in welcher Zeit er spielt. Tao und William klingen, als hätten sie die gleiche Schule besucht!

Und doch regt der Roman dazu an sich mit Bienen zu beschäftigen. Er verführt dazu, sich den Dokumentarfilm „More than Honey“ anzuschauen und bei aktuellen News aus der Welt der Bienenvölker genauer hinzuhören. Und er festigt die Überzeugung, dass eine eingeleitete Fehlentwicklung an der wir heute beteiligt sind, in der Zukunft extreme Auswirkungen hat. Ursache und Wirkung. Diese Wechselbeziehung wird sehr klar. Das Hören und Lesen sind nicht immer ein Honigschlecken… man wird so nachdenklich…

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog