„Mittelreich“ von Josef Bierbichler (Buch und Hörbuch)

Mittelreich von Josef Bierbichler

Neureich, steinreich, stinkreich, mittelreich. Lasst mich bei der Buchvorstellung zum Roman „Mittelreich“ von Josef Bierbichler einfach mal mit diesen Statusbegriffen des persönlichen Wohlstands beginnen, sonst könnte man den Titel vielleicht falsch deuten und der Meinung sein, er hätte etwas mit einem Reich im Sinne von Territorium zu tun. Mittelreich bezeichnet hier eher die monetäre Grauzone zwischen Armut und Reichtum, in der man sich relativ gelassen einen Blick auf die Welt gönnen kann. Ein Zustand, der durch weitgehende Unabhängigkeit in Verbindung mit Bodenständigkeit charakterisiert werden kann. Mittelstand. Mittelreich. Aber kein Mittelmaß. Alles nur das nicht…

Und doch hat diese große deutsche Erzählung so einiges mit den Reichen zu tun, die sie umfasst. Diesmal meine ich nicht finanziell gutgestellte Menschen, sondern im historischen Kontext der Geschichte dieses Landes das Deutsche Kaiserreich und das fast unmittelbar darauffolgende Dritte Reich, das gottlob nicht die befürchteten tausend Jahre währte. Dieser Roman ist eine generationsübergreifende Familiengeschichte, die kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges so richtig Fahrt aufnimmt. Bierbichler wagt das Ungewöhnliche. Er legt einen Heimatroman voller Klischees vor, die gar keine sind, und bedient sich dabei einer pfundig urtümlichen, deftigen und bildreichen Sprache. In unseren hochliterarisch vergeistigten Zeiten der auf Hochglanz gestylten Fabulierkunst ein gewagtes Unterfangen, möchte man vielleicht auch Leser und Hörer gewinnen, die nicht unbedingt auf eine lange bayerische Familientradition zurückblicken. 

Mittelreich von Josef Bierbichler

Denn genau hierhin entführt uns Josef Bierbichler. Bayern. Eine Seewirtschaft, drei Generationen von Wirten und deren Familien, Bedienstete unterschiedlicher Schichten und Nationalitäten, bizarre Gäste und die Geschichte eines Landes als offene Klammer, die alle Handlungsstränge magisch miteinander verbindet. Wo Sprache unsichtbar und sehr zurückgezogen bleiben sollte, um nicht vom Erzählten abzulenken, da kultiviert er seine Erzählsprache zum Alleinstellungsmerkmal einer ungewohnten Authentizität, und verleiht seinen oftmals skurrilen aber doch greifbaren Charakteren unverwechselbares Leben und eine ureigene Identität.

Es fällt nicht leicht, sich auf Josef Bierbichler einzulassen. Besonders das von ihm selbst gelesene ungekürzte Hörbuch stellt mit seinen zwölf Stunden Laufzeit eine echte Herausforderung dar. Man kommt nicht leicht hinein in seine Seewirtschaft. Man muss sich an den Jargon, die Sprachfärbung und die Menschen gewöhnen, die plötzlich auf uns einreden. Dabei sind es nicht die Intellektuellen und Gestelzten, mit denen wir hier am See unsere Zeit verbringen. Es sind Menschen voller Bauernschläue, Weisheit und mit heimatverbundener Traditionsliebe. Es dauert jedoch nicht lange, bis man im Buch Fuß fasst und dahingetrieben wird. Es dauert nicht lange, bis man im Hörbuch denkt, in der Seewirtschaft am Stammtisch aufgenommen worden zu sein und alle Geschichten quasi aus erster Hand hören zu dürfen. Es dauert nicht lange und man wird Stammgast in der Wirtschaft am See.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Es dauert nicht lange und wir fühlen, was Josef Bierbichler eigentlich erzählt. Es sind die besonderen Geschichten von den kleinen Menschen, deren Leben von Armut, Flucht, Hoffnung, unverhofftem Wohlstand und dem Verlauf der Zeitgeschichte geprägt wurde. Dabei verdeutlicht er, was es heißt, Erbe zu sein. Wenn die Seewirtschaft auch im Roman zum Erbhof für die folgenden Generationen wird, so ist dieser Roman in sich ein wahrhaftiges Erbbbuch, das aufzeigt, wie sehr unser Handeln von heute schon von unseren Vorfahren beeinflusst wurde. Dieser Roman ist Deutsche Geschichte auf eine Wirtschaft im Wandel der Zeit heruntergebrochen. Hier lernen wir am Stammtisch, was wir nicht in Geschichtsbüchern finden. Hier erleben wir Geschichte.

Wir werden Zeitzeugen der Veränderungen, als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Freizeitbegriff zu prägen beginnt. Sommerfrischler ziehen an die Seen, bevölkern in Scharen das zuvor unbesuchte bäuerliche Land. Wo die Seewirtschaft entsteht, geht in Deutschland der Begriff vom eigentlichen Arbeiter fast gänzlich unter. Was sich nun im Geist breitmacht ist Langeweile. Ein Schlendrian, der zuvor unbekannt war. Gottlob hat der Kaiser das erkannt und veranstaltet einen kurzen knackigen Krieg. Pünktlich zu den Sommerferien geht es los und zur Ernte sind ja alle wieder da. Das ist echter Weitblick. Was auf dem bayerischen Land für Unterhaltung sorgt, verändert den Lauf der Welt. Es verändert die Seewirtschaft für alle Zeit.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Kopfschüsse und Irrenhäuser bringen die Erbreihenfolge gehörig durcheinander. So wird aus dem jüngsten Sohn Pankratz, der eigentlich lieber Künstler geworden wäre der neue Seewirt. Wie in einer veränderten Thronfolge bringt dies auch die Familien am See durcheinander. Wir erleben, wie Pankratz an der Aufgabe wächst, sehen die Jahre ins Land ziehen, hören den Ruf nach dem starken Mann, sehen wie das Blau in Bayern dem Braun im Rest des Nazi-Reiches Platz macht und lassen uns auf der Schlachtbank des Zweiten Weltkrieges zerlegen. Pankratz überlebt ihn nur mit viel Glück und führt die Seewirtschaft in die neue Zeit. Wie Strandgut der Geschichte sammeln sich Menschen um ihn, die nach dem Krieg am See angespült wurden. Vertriebene, Geschlagene und Geflüchtete. Er integriert, stellt Knechte ein und übersteht alle Krisen. Seine Kinder und seine Frau sollen es da besser haben. Katholische Internate werden zu Lebensschulen und das Wirtschaftswunder läutet eine neue Zeit ein.

Von der Geschichte geprägte bewegende Geschichten erweitern den Erzählraum. Da ist Viktor, der desertierte Soldat, den Pankratz zuerst zum Koch und dann zu einem Teil der großen Seewirtsfamilie macht. Da ist das Fräulein Zittau, das einst Herrin eines Gutshofes im Osten war und auf der Flucht vor den Russen fast alles verloren hat. Und da ist der Flüchtling Tucek, der Jahre nach dem Krieg erst erzählen kann, warum es ihn so stört, wenn man rassistische Witze über KZs und die SS macht. Voller Geschichten ist dieser Roman. Alle sind miteinander verbunden und jede für sich ist lesenswert. Wir erleben die Verdrängung der Nazi-Zeit und den hoffnungsvollen Neubeginn. Dabei sind die Kinder der neuen Generation der gefühlte Untergang der alten Ordnung. Die ewige Sehnsucht nach einem starken Deutschland, möglichst ohne Fremde, schlägt neue und gewaltige Wellen in den See. Nur Pankratz scheint sich treu zu bleiben.

„Ich war nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nicht!“

Mittelreich von Josef Bierbichler

Wir erleben Deutschland neu. Wir verstehen Generationskonflikte und denken dabei auch an die Veränderungen, die unsere Eltern in kürzester Zeit verarbeiten mussten. In der Tiefe unter all jenen kleinen großen Geschichten schwelt ein Konflikt, den Pankratz nicht kommen sah. Semi, sein eigener Sohn entfremdet sich zusehends. Wobei es fast offene Feindschaft gegenüber seinen Eltern ist, die diesem Roman inhaltlich die Krone aufsetzt. Hier explodiert eine Granate, deren Lunte seit Anbeginn der Zeit zündelt. Hier schließt sich der Kreis von „Mittelreich“. Hier nehmen wir als Leser und Hörer Beichten ab und lesen Testamente. Hier erkennen wir, wo Geschichte und Ignoranz Todesurteile gefällt haben. Ein großer Roman voller relevanter Themen. Und wenn man schön leise ist und aufmerksam zuhört, dann kann man auch heute noch an den Stammtischen der Seewirtschaften im Lande zotige Witze über Flüchtlinge hören. Verleugnendes über ein Reich, in dem ja nicht alles schlecht war. Und da sitzen sie erneut: die Mittelreichen und ebnen dem neuen Denken die altbekannten Bahnen.

„Mittelreich“ ist erschienen bei Suhrkamp und „Der Audio Verlag“. Ich habe mich wechselweise in der Buch- und der Hörbuchwelt bewegt. Josef Bierbichler zuzuhören, wie er es diese Geschichte liest, ist ein absolutes Erlebnis. Und wer sich hier inspirieren ließ, der kann sich den Film Zwei Herren im Anzug anschauen. Es handelt sich hier nicht um die Verfilmung von „Mittelreich“, sondern um eine inhaltlich an die Motive des Romans angelehnte Filmfassung. Ich selbst bin schon sehr gespannt, wenn ich ihn mir nach seinem Erscheinen als DVD am 27. September anschauen werde. Bierbichler ist selbst zu sehen und nicht nur das. Er hat Regie geführt und spielt den Seewirt Pankratz in älteren Jahren. Den jungen Pankratz übernimmt Simon Donatz, der Sohn von Josef Bierbichler. Darauf darf man echt gespannt sein, wenn Familienähnlichkeit im Film als Stilmittel verwendet wird… Ich werde darüber schreiben… bald…

Mittelreich von Josef Bierbichler

„In deinem Namen“ von Harlan Coben – Ein Sehnsuchtsthriller

In deinem Namen von Harlan Coben

Wenn ich an Thriller denke, die mich emotional bewegt haben, dann denke ich an Harlan Coben. Wenn ich an spannungsgeladene Stories denke, die sich deutlich vom Mainstream abheben, in denen das Blut nicht von den Wänden läuft und die Sehnsucht das zentrale Erzählelement darstellt, dann lande ich in meinen Gedanken immer wieder in Romanen aus seiner Feder. Harlan Coben hat mich noch niemals enttäuscht. Er hat immer die hohen Erwartungen erfüllt und, was in diesem Genre außergewöhnlich ist, er hat mir Romane in die Seele geschrieben, die in meiner Erinnerung vollständig präsent sind. Wo zumeist nur Fragmente in Erinnerung bleiben, genügt ein Blick auf das Cover und ich bin wieder am Ort des Geschehens. Auf Augenhöhe.

Ich finde dich
Ich vermisse dich
Ich schweige für dich und
In ewiger Schuld

Ein Zitat aus „Ich finde dich“, das für mich das Schreiben Harlan Cobens treffend charakterisiert. Mir geht es mit seinen Thrillern, wie es seinen Protagonisten mit ihrer großen Liebe geht. Ich fühle mich magnetisch angezogen.

„… Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus.“

In deinem Namen von Harlan Coben

Thriller, die meine Sichtweise zu diesem Genre deutlich verändert haben. Thriller, die Spuren in meinem Lesen und Hören hinterlassen haben, weil ich eben nicht nur die Bücher, sondern insbesondere auch alle Hörbücher genossen habe. Detlef Bierstedt, die deutsche Synchronstimme von George Clooney, ist für mich zum Synonym für jene Thriller geworden. Facettenreich in seiner Modulation, im Timbre und dem emotionalen Zustand wird er dem Setting der jeweiligen Story mehr als gerecht. In der Rezension zu „Ich finde dich“ stellte ich mir die Frage, ob ein Thriller neben allen Stereotypen eines spannenden Pageturners auch knallhart romantisch sein darf. Meine Antwort lautet: Ja. Damals 2014, als ich Harlan Coben zum ersten Mal las und heute erneut. Ja. Ohne die tiefe, romantisch ausgeprägte Sehnsucht nach der großen Liebe eines Lebens wird es für mich keine Thriller geben, die das Prädikat Coben im Titel tragen.

In deinem Namen

Das fünfte Cover-Holzhaus, die fünfte Hütte, die ich nun betrete. Cover, die nicht in jedem Fall etwas mit den Inhalten der Romane zu tun haben, aber eben Cover, die sich zum Markenzeichen für viele Coben-Thriller gemausert haben. Brandbeschleuniger für den Verkauf. Optische Leckerbissen für das Bücherregal und visuelle Klammer für eine offene Buchreihe mit jeweils neuen in sich abgeschlossenen Thrillern, die nicht mal die Ermittler gemein haben. Jede Coven-Hütte ist eine neue Welt. Jede Hütte stellt für sich ein neues Erlesen und Erhören dar. Und doch haben die Hütten eines gemeinsam. Die ewige Suche nach einem wichtigen Menschen. So auch diesmal.

In deinem Namen von Harlan Coben

Und schon sind wir mittendrin im neuen Werk von Harlan Coben. Und schon sollte man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man die ersten Zeilen liest, die erste Seite hört. Weit reicht die Traumatisierung von Napoleon (Nap) Dumas zurück. Bis heute ist der Detective einer Kleinstadt in New Jersey auf der Suche nach Antworten. Bis heute verfolgt ihn eine Nacht, die vor 15 Jahren sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Eine Nacht, die sein Leben mit der Überschrift Verlust versehen hat. In jener Nacht verlor er nicht nur seinen Zwillingsbruder Leo, sondern mit Maura auch die große Liebe seines Lebens. Doch während Leo gemeinsam mit seiner Freundin Diana auf den Bahngleisen von einem Zug erfasst wurde, ist Maura einfach spurlos verschwunden.

Kein Abschied. Keine Begründung. Keine letzten Worte. Das gilt für beide Verluste. Doch während der Tod seines Bruders unabänderlich ist, hofft Nap seit 15 Jahren eine Spur oder ein Lebenszeichen von Maura zu finden. Grund genug für ihn damals Polizist zu werden. Doch vergebens. Bisher. Doch plötzlich kommt Fahrt in die Vergangenheit von Nap Dumas. Bei Ermittlungen in einem Polizistenmord findet man im Tatfahrzeug die Fingerabdrücke von Maura. Und nur weil er es war, der vor 15 Jahren die Abdrücke in die Polizeidatenbank eingespeist hat, wird er nun von den ermittelnden Polizisten in den Mordfall involviert. Die Vergangenheit holt ihn ein. Nap hofft, endlich Antworten auf die großen offenen Fragen seines Lebens zu erhalten.

In deinem Namen von Harlan Coben

Das ist Harlan Coben, wie er schreibt und lebt. Hier ist wieder die Ausgangsbasis für einen Thriller gelegt, der dem roten Faden seines Schreibens wie auf Schienen folgt. In jeder Sequenz wird spürbar, wie tief die Verletzungen verankert sind. In jedem Moment dieses Thrillers fühlt man die bohrende Last der ungeklärten Fragen. Die Triebfeder für Nap wird bis zum Bersten gespannt. Ebenso unsere Nerven. Denn die Ermittlungen im Polizistenmord scheinen nicht nur eine Spur zu Maura aufzudecken. Hier laufen Fäden zusammen, die vor 15 Jahren für eine Kette von Ereignissen verantwortlich waren, die bis heute völlig im Dunkeln liegen. Hier greift Harlan Coben in seiner Fantasie nicht ins Leere. Er verankert seinen Thriller in der Zeit und lässt ein plausibles Szenario vor den Augen seiner Leser entstehen, das einfach nur fesselnd ist.

Nap Dumas lebt auf. Er ermittelt im Vollgas-Tempo. Die Charakterzeichnung dieses Polizisten ist so tief angelegt, dass wir mal zurückschrecken und mal fasziniert sind. Er regelt die Dinge. Knallhart und auch mal außerhalb der Legitimation durch seinen Job. Nap ist Gerechtigkeitsfanatiker und wo seine Befugnisse als Polizist enden, da findet er kreative Wege, sie zu umgehen. Als er jedoch beginnt, die Fäden von einst in die Hand zu bekommen, führen ihn die ersten Antworten an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Alles hängt zusammen. Alle Spuren führen zurück in eine Zeit, die nun wieder lebendig zu werden scheint. Kein Verlust basiert auf Zufällen. Nap Dumas braucht alle Kraft der Welt, um das erneut durchzustehen.

In deinem Namen von Harlan Coben

Ein echter Coben! Mehr muss ich kaum sagen. Ein Thriller voller Geheimnisse, Gefühl und Hochspannung. Der Erzählraum einer amerikanischen Kleinstadt weitet sich enorm aus, wenn wir in die jüngere Vergangenheit blicken. Ein geheimer Raketenstützpunkt in neuer Verwendung, Überwachungskameras, Drogen und die ersten großen Lieben sind mehr als nur Randerscheinungen einer Geschichte, die ihre eigene Geschichte hat. Der Autor lässt keine Fragen offen. Auch das hat Tradition bei Harlan Coben. Er lässt uns in keinem seiner Fälle hängen. Vorhersehbar ist hier nichts. Kalkulierbar ist niemand. Und doch sagt man sich am Ende, man hätte es ahnen können, wenn es nicht so geschickt versteckt gewesen wäre.

Was mir nach dem Lesen und dem Hören bleibt ist erneut das gigantische Gefühl, einen großen Thriller erlebt zu haben. Was mir bleibt, sind die Sehnsuchtsmomente, in denen man Tränen in den Augen hat. Unvergessen wird es mir im Gedächtnis bleiben, einmal mit Mauras Augen einen Blick auf den Menschen zu werfen, den sie vor genau 15 Jahren verlassen hat. Unvergessen bleibt dieser Moment, in dem sie dem Schicksal das Angebot macht, alles zu ändern. Spätestens hier habe auch ich mich in sie verliebt. Unvergessen bleibt auch der eigentliche Adressat der Geschichte. Coben schreibt das Buch nicht für seine Leser. Nap Dumas erzählt diese Geschichte als endlosen Monolog für seinen Bruder Leo, in dessen Namen er der Vergangenheit den Schleier vom Antlitz reißen will. Großartig.

In deinem Namen von Harlan Coben

„Vergessene Seelen“ von Frank Goldammer – Max Heller (3)

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Ob eine Bücherreihe ihr volles Potenzial ausschöpft, zeigt sich zumeist erst nach dem zweiten oder dritten Band. Vorschusslorbeeren sind schnell geerntet, besonders wenn der Auftaktband in literarischer Sicht durch die Decke geht und Bestsellerlisten im Sturm erobert. So geschehen mit dem Kriminalroman Der Angstmann des Dresdner Schriftstellers Frank Goldammer. Unabhängig vom reinen Inhalt konnte man schon früh erkennen, in welch brillanter Ausgangssituation er seinen Protagonisten Max Heller auf den Buchmarkt brachte. Das historische Setting ließ schnell hoffen, dass wir es hier mit einem Ermittler zu tun haben werden, der uns durch besonders relevante Zeitscheiben der deutschen Geschichte begleitet.

War sein erster Fall „Der Angstmann“ noch in den letzten Ausläufern des Zweiten Weltkrieges angesiedelt, fanden wir uns an der Seite von Max Heller im zweiten Band der Reihe im Dresden des Jahres 1947 wieder. Frank Goldammer transferiert die Leser von einem politischen Debakel ins nächste. Er lässt dabei seinen Max Heller genau das sein, wofür er geboren ist. Polizist. Ob im Nationalsozialismus oder in der sowjetischen Besatzungszone. Max Heller bleibt dem Verbrechen auf die Spur, egal welches System ihn dabei mit der jeweiligen Polizeigewalt ausstattet. Einerseits passend zu seinem tief angelegten Gerechtigkeitssinn, andererseits eine schwere Bürde, die er zeitlebens mit sich zu tragen hat. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen Opportunismus und der reinsten Form von Pflichterfüllung.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Spätestens an dieser Stelle musste uns klar sein auf was wir uns einlassen, wenn wir Frank Goldammer und seinem Ermittler Max Heller weiter folgen. Das Potenzial der zeitgeschichtlichen Szenarien auf die er unweigerlich zusteuert ist gewaltig. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen. Faschismus und Kommunismus geben sich die Klinken in die Hände und die Menschen haben sich damit zu arrangieren. Wem dies nicht gelingt, dem bleibt die Flucht in den Westen. In diesem Vakuum der Instabilität und einer völlig neuen Ausrichtung ideologischer Rahmenbedingungen floriert das Verbrechen. Krisen schütteln das Land, Hunger und Not sind Brandbeschleuniger für Verbrechen und auch Profiteure und Kriegsgewinnler wittern ihre Chancen. Ein weites Feld, dem man sich im Folgenden ausgiebig widmen kann.

Tausend Teufel“ hat genau diese Fäden aufgenommen und in brillanter Art und Weise fortgesetzt, was wir uns als Leser erhofft hatten. Die Besatzungsmacht rückt selbst in den Fokus von Ermittlungen. Unbestechlich ermittelt sich Max Heller durch die Mordserie, die nur in diesen wirren politischen Verhältnissen den Ursprung haben kann. Dabei steht ihm seine Vergangenheit im Weg. Er wird nicht als unbescholten betrachtet. Die Hypothek des Polizisten, der schon im Nazi-Regime Kommissar war ist groß. Nicht so erheblich jedoch, dass Max Heller sie nicht durch sein kriminalistisches Können und seinen vorbildlichen Charakter beiseiteschieben kann. Max Heller überzeugt auf ganzer Linie, ohne dabei linientreu zu sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Wir sehen die Zukunft vor Augen, wenn wir uns in seine Lage versetzen. Wunden der Dresdner Bombennacht sind noch nicht verheilt, die sowjetische Besatzung hat den Krieg nicht beendet, sondern ihn mit anderen Mitteln ins Land gebracht. Aus Ideologien werden eiserne Vorhänge. Die Teilung Deutschlands nimmt konkrete Formen an und in großen Schritten driften die beiden Teile mit ihren Menschen auseinander. All dies wirkt sich nicht abstrakt auf Max Heller aus. Der Rucksack seiner Vergangenheit belastet die ganze Familie. Zwei erwachsene Söhne. Einer im Westen lebend, der andere im Osten. Nicht nur ein Land wird getrennt. Auch die Familie Heller. Mit diesem literarischen Kniff verschafft sich Frank Goldammer zugleich die Möglichkeit, seinen Erzählraum weiter zu fassen und zwei deutsche Perspektiven einfließen zu lassen. Potenzial ausgeschöpft.

Vergessene Seelen ist nun bereits der dritte Fall von Max Heller. Das Dresden im Jahr 1948 steckt den Rahmen für die Fortsetzung der Buchreihe ab. Das Entstehen der neuen Republik im Osten zeichnet sich ab. Währungsreformen auf beiden Seiten eines eisernen Vorhanges und die unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse stellen eine erste große Zerreißprobe dar. Neid und Missgunst blühen. Mittendrin Max Heller, der in Dresden mit einer Reihe von Todesfällen konfrontiert wird, auf die er sich keinen Reim machen kann. Die Todesursachen liegen im Dunkeln, doch was zunächst aussieht wie eine Reihe von Unfällen, entwickelt ein Muster aus Zusammenhängen, dem Max Heller konsequent folgt. Dass er damit nicht nur fremde Dämonen, sondern die Geister seiner eigenen Vergangenheit heraufbeschwört, wird ihm erst klar, als es fast zu spät ist.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Authentisch. Mehr muss ich nicht sagen. „Vergessene Seelen“ ist ebenso, wie seine beiden Vorgänger aus der Zeit gefallen. Die Verbrechen, die Frank Goldammer hier zur Ausgangslage der Ermittlungen beschreibt, können in dieser Form nur unter den wirren Rahmenbedingungen des Jahres 1948 stattgefunden haben. Authentisch gelingen ihm die Konstruktionen von Motiven, Mitteln und Folgen der Verbrechen. Authentisch gelingt ihm die Charakterzeichnung der betroffenen und verwickelten Menschen. Packend und spannend beschreibt er, was uns Leser nicht kaltlassen kann. Kindesmissbrauch, Väter die traumatisiert aus dem Krieg nach Hause kommen, alte und neue Seilschaften, Nöte und Sorgen von Ehefrauen und Müttern, Schwarzmarkt und Ausbeutung. All dies findet man in „Vergessene Seelen“ als Nährboden für miteinander verbundene Kriminalfälle, an denen sich Max Heller die Zähne ausbeißt.

Es sind zumeist kleine Geschichten, die bei Frank Goldammer große Erzählungen entstehen lassen. Es sind menschliche Abgründe, Leidenschaften und Hoffnungen, in denen wir Motive für Taten finden, die uns unverständlich erscheinen. Goldammer zeigt auch in diesem dritten Heller-Roman sein literarisch geprägtes Erzähltalent. Hier eilt er nicht durch sein Szenario. Er verdichtet Charaktere und Spannungselemente zu einem Mix, der seinen Roman lesens- und hörenswert macht. Die größte Leistung liegt jedoch für mich in der Ausgestaltung seines Protagonisten Max Heller begründet. Hier wird er mit seiner Geschichte konfrontiert. Mit seinen Ängsten und Traumatisierungen. Mit dem Bild, das er als Vater von sich selbst hat. Seine Familie lässt sich von der Geschichte in keiner Situation trennen. Hier eskaliert die Spannung neben den reinen Verbrechen, die sein Leben dominieren. Hier greift Frank Goldammer tief in die literarische Schatzkiste seiner Vorstellungskraft. Hier dreht sich plötzlich sehr viel um ein kleines Mädchen, das in der Familie Heller Zuflucht gefunden hat. Hier dreht sich viel um einen Gegenspieler, den Max Heller in seinem Berufsleben nicht erwartet hätte. Ein Momentum, das man so nicht erwarten konnte. Auch hier zeigt sich das große Potenzial dieser Buchreihe. Hier wird noch viel zu erzählen sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Drei Bücher und Hörbücher haben mich zum Zeugen der Reihe von Heller-Fällen gemacht, die ich schon in diesem Jahr fortsetzen darf. Noch vor Weihnachten wird ein „Roter Rabe“ bei mir landen. Wir springen mit Max Heller in das Jahr 1951 und erleben die konsequente Fortsetzung seiner Zeitscheibenbetrachtung. Die Perspektive erweitert sich, der Fokus richtet sich auch auf den anderen Teil Deutschlands. Max Hellers Frau Karin darf endlich ihren Sohn Erwin im Westen besuchen, während ihr Mann von einer Reihe mysteriöser Todesfälle in Atem gehalten wird. „Eine Flut wird kommen.“ Diese beunruhigende Nachricht findet er in den Taschen eines Opfers. Spannung garantiert.

Auch der vierte Teil der Max-Heller-Reihe wird zeitgleich bei Der Audio Verlag als Hörbuch erscheinen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, auch die Fortsetzung zu hören und zu lesen. Zu sehr habe ich mich an Heikko Deutschmann gewöhnt, der mir als virtueller Beifahrer im Auto schon so viel erzählt hat, was ich zu diesen Zeitpunkten nicht selbst lesen konnte. Mag Weihnachten im Lichterglanz nur zart erstrahlen, bei mir wird es am 21. Dezember „HELLER“.

Roter Rabe von Frank Goldammer

„Die rote Frau“ – Ein Fall für August Emmerich – Alex Beer

Die rote Frau von Alex Beer  – (Autorenfoto: Ian Ehm)

Man nehme eine versierte Krimi-Autorin; einen an Morbidität kaum zu überbietenden Schauplatz; eine Zeitscheibe der Geschichte, die dem Szenario die Krone aufsetzt; ein Land, das gerade seine gekrönten Häupter verloren hat; ein Ermittler-Duo, das sich aus den Niederungen des eigenen Abstiegs zu befreien versucht und einen Kriminalfall, der sich wie ein verwickeltes Wollknäuel ohne Anfang und Ende verhält. Das Ganze würze man mit historischen Fakten, Lokalkolorit, sprachlichen Ausflügen in einen Dialekt, dem man lesend und hörend sehr gut folgen kann und überziehe alles mit einer Melancholie, die zur grundlegenden Melodie dieser literarischen Inszenierung wird. Schließlich finde man noch einen Hörbuchsprecher, der den Romanfiguren Leben einhaucht. Und schon ist es geschafft. Man hat einen spannenden Krimi, der wie ein Kinofilm vor dem inneren Auge des geneigten Lesers oder Hörers abläuft.

Klingt leicht? Ist es nicht! Viele Schriftsteller haben sich an dieser Mischung versucht. Viele sind an Details gescheitert, die eine eigentlich gute Idee aus der Balance bringen. Und oftmals versagt auch der beste Mix, weil die zugrundeliegende Idee zu konstruiert wirkt. Wenn es also nicht leicht ist, dann ist es umso erfreulicher eine Autorin zu finden, deren Rezeptur bis ins letzte Detail aufgeht. Das Ergebnis kann sich sowohl sehen als auch hören lassen. Längst kein Geheimtipp mehr, weil die österreichische Autorin Alex Beer schon in ihrem früheren Schriftsteller-Leben als Daniela Larcher überzeugen und begeistern konnte. Ich weiß, wovon ich rede, war ich doch schon 2011 Teil einer Social Reading Aktion bei LovelyBooks. Hier lernte ich neben der Autorin auch ihren Roman „Die Zahl“ kennen. Keine Frage also, dass ich ihr auch in ein neues Leben folge. Voller Vertrauen reiste ich also an der Seite von Alex Beer ins Wien der 1920er Jahre.

Daniela Larcher – Buchmesse Frankfurt 2011 – Eine erste Begegnung

Die rote Frau“ entspricht von der ersten bis zur letzten Seite dem perfekten Mix, den ich oben skizziert habe. Und dabei habe ich mir eine etwas komplizierte Basis für diesen Roman ausgewählt. Es ist der zweite Fall des Ermittlerteams Emmerich / Winter aus Wien. „Der zweite Reiter“ musste im letzten Jahr ohne mich durch Wien reiten. Es ist gewagt, im zweiten Teil einer Bücherreiche einzusteigen, da man die Vorgeschichte der tragenden Protagonisten nicht in der vollen Tragweite erlesen kann. Bei Alex Beer vertraute ich jedoch darauf, dass sie mir diese Lücke verzeihen und durch Rückblenden alles Wissenswerte zu ihren Ermittlern verraten würde. Sie hat es gerechtfertigt.

Die rote Frau. Wir befinden uns im Wien des Jahres 1920. Der erste Weltkrieg und damit auch der Untergang der kaiserlichen und königlichen Monarchie sind bereits seit zwei Jahren Geschichte. Die Auswirkungen des österreichischen Desasters liegen aber immer noch wie ein dunkler Schatten über der einst so lebensfrohen Metropole. Es sind politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich instabile Verhältnisse, die dem Leben ihren Stempel aufdrücken. Da geht es dem normalen Bürger nicht anders als den Vertretern der Polizei, die versuchen für Recht und Ordnung zu sorgen. Kriminalinspektor August Emmerich weiß ein Lied davon zu singen. Verwundet im Krieg, selbst in einem Wiener Obdachlosenheim lebend erlebt er nach seiner Versetzung in die Abteilung „Leib und Leben“ was es heißt an vorderster Front gegen Gewaltverbrechen in Wien zu kämpfen.

Die rote Frau von Alex Beer

Alex Beer stellt ihm den Assistenten Ferdinand Winter zur Seite. Sie sind wie ein eingespieltes und zusammengeschweißtes Team, wenn auch ihre Methoden sich leicht voneinander unterscheiden. Emmerich eher ungeduldig, manchmal rabiat, fast brachial, im tiefsten Inneren jedoch grüblerisch und empathisch. Winter dagegen schon aufgrund seiner adeligen Abstammung eher der bedächtige Partner, der analytisch und sachlich aufklären möchte, wobei er sich in genau dieser Zeit oft selbst im Weg steht. Was sich für die beiden Ermittler nach der Wunschverwendung anfühlt, endlich Mordkommission, entpuppt sich schon bald als Abstellgleis für abgehalfterte Polizisten. Zumindest, wenn sie sich ihre Situation vor Augen führen.

Die Krüppelbrigade“, so nennt man die beiden. Kriegsversehrt der eine, noch lädiert vom „Zweiten Reiter“, der andere Ermittler. Als Protegés ihres Vorgesetzten sieht man sie im Kollegenkreis und ihr erster Fall könnte unbedeutender nicht sein. Sie sollen sich um eine Schauspielerin kümmern, die befürchtet ihr aktueller Film könnte verflucht sein. Die Diva stellt zwar menschlich, nicht jedoch kriminalistisch eine Herausforderung dar. Dabei könnte man an wichtigen Fällen mitarbeiten. Ist ja nicht so, als gäbe es die nicht. Der Mord am beliebten Stadtrat Richard Fürst zum Beispiel schlägt hohe Wellen, weil er sich sehr für die Armen und Bedürftigen der Stadt eingesetzt hat. Von diesen Wellen bekommen Emmerich und Winter jedoch nur die Spritzer wahr. Diejenigen jedoch, die sie aus genau diesem Fall raushalten wollen, haben ihre Rechnung ohne den Starrsinn von August Emmerich gemacht. Er findet einen Hauch einer Spur im Fall Fürst und legt auf eigene Faust los. Sprichwörtlich.

Die rote Frau von Alex Beer – Opium fürs Volk

Alex Beer zeichnet ein düsteres Bild vom Wien jener Tage. Instabilität und soziale Verwerfungen, wohin man schaut. Sie öffnet uns die Türen zu den Ärmsten der Armen, den Überlebenskünstlern am Rande der Gesellschaft und zeigt schonungslos auf, wie wenig die Welt der Reichen und Kriegsprofiteure davon betroffen ist. Wien tanzt Walzer auf dem Rücken des Bodensatzes der jungen Demokratie. Schillernde Filme entstehen als Opium fürs Volk und politische Strömungen münden wie tödliches Gift in die Donau. Wir steigen in Halb- und Unterwelten hinab, riechen, schmecken und fühlen den Verfall. Alex Beer spielt hier nicht die historische Stadtführerin. Sie lässt uns das Leben in der Tristesse und Melancholie ihres vergangenen Wiens am eigenen Leib spüren. Wie sie uns dabei auch sprachlich im zarten Wiener Dialekt einiger Protagonisten authentisch mit einer Stadt am Rande des Untergangs verbindet, ist brillant. Nie habe ich Wien so scharf konturiert vor Augen gehabt.

Wie sie aus dem Wollknäuel der einzelnen und zusammenhanglosen Fäden eine komplexe Kriminalgeschichte verwebt ist ebenso außergewöhnlich. Nichts ist hier vorhersehbar. Keine Frage bleibt am Ende offen. Intelligentes Schreiben, deine Heimat liegt in Wien. Und wer immer noch auf der Suche nach einem Ermittler ist, der sich von vielen anderen durch seinen Charakter, seine Schrägheit und sein großes Herz abhebt, der möge doch bitte August Emmerich begegnen. Seine Geschichte trägt den Roman. Seine Vergangenheit strahlt auf die Gegenwart aus und Fehler macht er grundsätzlich nicht ein zweites Mal. Das bekommen seine Widersacher zu spüren. Und wenn er mal als kriminalistische Lawine ins Rollen kommt, ist er nicht mehr zu stoppen.

Die rote Frau von Alex Beer

Ich habe Die rote Frau hörend erlebt. Acht Stunden suchte ich nach ihr. Sechs CDs brachten mir den zweiten Fall von August Emmerich nah. Ein mir bis dato unbekannter Hörbuch-Sprecher sprach sich in mein Nervensystem. Cornelius Obonya verleiht der Produktion von Random House Audio mit seinem stimmlichen Reichtum wahre Größe. Ob als aalglatter Politiker, misshandelter Häftling, kleinwüchsige Anführerin der Gruppe von FreakShow-Zwergen, verhätschelte Schauspielerin, ehemaliger General oder eben als Charakterkopf August Emmerich. Obonya spricht Alex Beer aus der Seele. Obonya spricht Wien aus der Seele. Selten hat für mich ein Sprecher eine solche Authentizität ausgestrahlt.

Ich kann dieses Hörbuch wärmstens empfehlen. So kann ich mir diesen Roman von Alex Beer nicht selbst vorlesen. So möchte ich weiterhören. Vielleicht beginne ich mich rückwärts zu hören. „Der zweite Reiter“ reizt mich sehr. Eines jedoch steht fest. Wien steht nach wie vor ganz oben auf der Liste meiner literarischen Traumziele. Besonders, wenn ich in ein scheinbar von der Geschichte überholtes Wien eingeladen werde. Hier gelingt Alex Beer neben der ausgezeichneten Kriminal-Unterhaltung auf sehr subtile Art und Weise ein deutlicher Fingerzeig auf politische Automatismen, die wellenartig durch die Geschichte mäandern. Nationalismus, rechte Ideologien und die beharrliche Suche nach den Underdogs innerhalb einer Gesellschaft kennzeichnen diese Wellen. Abstrus, dass sie auch heute wieder an unseren Ufern anbranden. Chapeau, Alex Beer…

Die rote Frau von Alex Beer – Wien nach dem Ersten Weltkrieg

„Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Eigentlich muss man den Mittelband einer Trilogie kaum rezensieren. Eigentlich ist ein solcher Artikel nur für die Leser des ersten Teils von Interesse, verleitet kaum einen Nichtleser dazu, mit dem Auftaktband zu beginnen „Klingt gut, aber da warte ich, bis die Trilogie vollständig vorliegt“ und schreckt kaum jemanden ab, der monatelang gewartet hat, bis die Fortsetzung endlich auf dem Markt ist. Und Leser, die schon den ersten Teil einer Buchreihe (aus welchem Grund auch immer) abgebrochen haben, holt selbst eine gute Kritik zum zweiten Teil nicht mehr in die Buchreihe zurück. So ist es auch mit dem literarischen „Coup de France“, der mich durch mein Lesen und Hören begleitet.

Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes hat nicht nur mein Lesen, sondern auch meine Wahrnehmung einer komplexen Gesellschaft nachhaltig verändert und tiefe Spuren in mir hinterlassen. In welcher Art und Weise Vernon Subutex mich so intensiv berührte, kann man in meiner Buch- und Hörbuchvorstellung zum Auftaktband nachlesen. Dopplungen oder Redundanzen zum zuvor Geschriebenen erspare ich mir und euch. Also, wer immer noch nicht weiß, wessen Leben wir hier mit- und nachleben dürfen, dem sei meine Rezension zum ersten Teil der Reihe ans Herz gelegt. Es wird schnell ersichtlich, warum ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete und mit welchen Erwartungen ich mich erneut in das Paris eines Aussteigers begab, dessen Abstieg am Ende der fulminanten Einleitung in diesen zweiten Teil überleitete.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Wer es also bis hierhin geschafft hat, der gehört zu den Familienangehörigen von Vernon Subutex, hat den ersten und vielleicht sogar auch den zweiten Teil der Trilogie gelesen oder/und gehört, oder ist einfach unerschrocken genug, meinen Worten folgen zu wollen, einfach weil sie hier niedergeschrieben wurden. Hallo, alle zusammen. Freut mich sehr, euch wieder nach Paris mitnehmen zu können. Ich bin oft dort, ob literarisch oder im realen Leben. Kenne alle Prachtstraßen und Gassen, ihre Geschichte und das soziale Gefälle zwischen den Champs-Élysées und den Banlieus. Ich bin hier durchaus ein wenig zuhause. Nicht zuletzt, weil ich diese Metropole mit anderen Augen sehe, seit mir Vernon Subutex über den Weg gelaufen ist.

Aussteiger, Lebenskünstler, ewig Gestriger, Rebell, Relikt seiner Generation und Wanderer zwischen den Welten des Urbanen. So habe ich ihn kennengelernt. Raus aus dem normalen Leben, rein in die Rolle des Getriebenen und Bittstellers, der an den Türen ehemaliger Freunde und Freundinnen zu verzweifeln beginnt. Autofokus auf eine Gesellschaft, die sich so gerne der genauen Betrachtung entzieht. Das Kaleidoskop der französischen Schichten, in denen wir uns sofort wiedererkennen. Bilderstürmer, der an der Oberfläche des Selbstbildes klopft, bis es langsam zu bröckeln beginnt. Analyst des Werteverfalls und -wandels in einem sozialen System, das sich schon lange in asoziale Subsysteme verloren hat. Wachstumsverweigerer und Beziehungstrottel, Enttäuschter und Enttäuscher. Sympathischer Rekord-Versager auf der nach unten offenen Subutex-Skala. Kurz gesagt: Ich mag ihn.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Das jedoch hätte ich ihm gerne erspart: Das Leben als Obdachloser in Paris. Hier genau setzt „Das Leben des Vernon Subutex – 2“ den schleichenden Abstieg aus den Schlusskapiteln des Auftaktbandes logisch, konsequent und allzu schmerzhaft fort. Hier brilliert Virginie Despentes mit dem nächsten scharfen Blick auf eine Stadt, die sich im Ganzen jedem Besucher so beharrlich entzieht. Jenseits des Schillernden, abseits des Bürgerlichen und fernab der städtischen Problemzonen in den Banlieus landen wir nun mitten auf der Straße. Die Aussicht ist schön. Sacré-Coeur am frühen Morgen ist eine traumhafte Kulisse, besonders nach alptraumhaft verbrachten Nächten auf Parkbänken. Ganz unten ist er angekommen, unser Vernon. Und nicht nur das. All jene, denen er im ersten Teil des Lesens das ein oder andere lebenswichtige Utensil (PC, Uhren, Herzen, usw.) entwendet hat, haben sich zu einer Gruppe der Verfolger zusammengeschlossen, die ihn in der Welt der Clochards zu finden versucht.

Wem wir hier am Montmartre wiederbegegnen? Keine Sorge, ihr kennt sie alle. Und nicht zuletzt haben sowohl der Verlag Kiepenheuer und Witsch, als auch Der Audio Verlag die Buch- bzw. Hörbuchausgabe mit einem Personenverzeichnis versehen. Ein perfekter Service an Lesern und Hörern, da die Personenfülle im Roman schon Formen angenommen hat, die ein solches Dramatis Personae mehr als hilfreich macht. Es ist also angerichtet. Paris aus einer anderen Perspektive. Von ganz unten. Und dazu noch enttäuschte Freunde und Bekannte auf einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Straßen der Stadt. Über allem schwebt noch immer das scheinbar verschwundene Vermächtnis des verstorbenen Sängers Alexandre Bleach. Dieses Selbst-Interview auf Tonband ist der einzige Trumpf in Händen von Vernon Subutex, beinhaltet die Aufnahme doch allen soziokulturellen Sprengstoff, um die Reihen seiner vermeintlichen Freunde ziemlich ins Wanken zu bringen.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Ein starker Mittelband der Subutex-Trilogie. Lückenlos fortgesetzt. Hemmungslos in jeder Beziehung weitergedacht und erzählt. Ein wundervoller Mix aus altbekannten und neu hinzugekommenen Charakteren erweitert das Paris-Kaleidoskop um Facetten, die den Roman weiterbringen. Das kleine Universum aus Prostituierten, Porno-Darstellern und Privatdetektiven, in Kombination mit liebestollen älteren und jungen Frauen, die auf dem Selbstfindungstrip ihres Lebens über Subutex stolpern, erweitert sich nun um ein paar erzählenswerte Charaktere aus der Obdachlosen-Szene, wie zwei beste Freunde, die nach einer Gewalttat im ersten Band so richtig zur Geltung kommen, und eine alles überstrahlende junge Tätowiererin, die überall ihre Spuren hinterlässt. Unterhaltung und Tiefgang sind hier erneut vorprogrammiert.

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe die Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns auf Korsika wieder… Versprochen… Im September geht es weiter…

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Virginie Despentes seziert ihr Frankreich bei lebendigem Leib mit dem gewetzten Tranchiermesser eines literarischen Sternekochs.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes