Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza - AstroLibrium

Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe das Hörbuch nicht gehört. Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza hat niemals den Eindruck hinterlassen, Leser einer Geschichte zu sein. Der Roman hat mich niemals denken oder fühlen lassen, erfunden zu sein. Deshalb versuche ich gar nicht, das Buch zu rezensieren oder Leseeindrücken freien Lauf zu lassen, weil ich eben nicht gelesen oder gehört habe. Ich empfand es als Einladung in eine Gastfamilie, die mich vorbehaltlos aufnimmt, ihre Geschichte, Ängste und Sorgen mit mir teilt und mich für einige Jahre in ihrem Kreis willkommen heißt. Nur so kann ich mich der Erzählung nähern, die unter dem Titel „Worauf wir hoffen“ in den Buchhandlungen darauf wartet, als Einladung verstanden zu werden. Ich habe sie nicht gelesen oder gehört.

Ich habe „Worauf wir hoffen“ erlebt.

Fatima Farheen Mirza macht es mir einerseits leicht, mich in meiner neuen Familie mehr als wohl zu fühlen. Die Eltern Rafik und Laila kümmern sich augenscheinlich sehr liebevoll um ihre drei Kinder. Hadia, Huda und Amar. Bevor ich noch viele Fragen über sie formulieren kann, versammelt man sich am Tisch und beginnt zu erzählen. Als läge ein Familienalbum vor mir, wird hin- und hergeblättert. Zeit spielt keine Rolle. Ich werde Zeuge der Kindheit der Geschwister, sehe sie heranwachsen, lerne viel über Rollenbild und Selbstverständnis der drei und schmunzle über so manche Anekdote. Ich bemerke, dass vieles anders ist in dieser Familie. Fühle, dass ich mich hereinfinden muss, da sie einem anderen Kulturkreis entstammt. Gläubige indisch-stämmige Muslime in den USA.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Warum ich mir nicht fremd vorkomme? Weil die Autorin mir als Wegbegleiter dieser Geschichte nicht voreingenommen gegenübertritt. Sie setzt voraus, dass ich Vorurteile an der Eingangstür abstreife und bereit bin, mich auf Menschen einzulassen, denen ich im wahren Leben wohl niemals so intensiv begegnen würde. Sie sind offen, haben kein Geheimnis vor mir und gehen sehr selbstkritisch mit ihrem Leben, den Erwartungen im Umfeld und den eigenen Ansprüchen an ihre Zukunft um. Sehr schnell bin ich als Gast auf der Hochzeit von Hadia eingeladen. Schnell bin ich im Zentrum der Geschichte, die sich langsam aber immer mitreißender entwickelt. Ich bin im Bilde und fühle mich sehr gut dabei.

Hadias Hochzeit ist nicht arrangiert. Gegen die Tradition hat sie einen Ehemann für sich gewählt, den sie liebt. Unproblematisch ist das nicht, sind doch ihre eigenen Eltern nur auf dem traditionellen Weg verheiratet worden und kurz nach ihrer Hochzeit in die USA ausgewandert. Ich sehe, wie auch hier Welten aufeinanderprallen, wie hart Hadia um ihre Zukunft kämpfen musste und welche Verluste ihr Leben prägten. Ich bin ganz bei ihr, als ihre erste große Liebe stirbt und sie zeitlebens nicht sicher ist, ob sie seither nur auf der Suche nach Ersatz ist. Heute, am Tag ihrer Hochzeit ist sie glücklich. Nicht nur weil ihr moderner Weg von der traditionellen Familie akzeptiert wird. Auch, weil ihr Bruder Amar zum ersten Mal seit Jahren auftaucht. Nach einem Streit mit seinem Vater blieb er verschwunden. Bis heute.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Fatima Farheen Mirza gelingt in ihrem facettenreichen Debütroman, was ich mir kaum hätte vorstellen können. Sie erzählt keine Migrantengeschichte, arbeitet nicht die eigene Familienvergangenheit auf und schiebt kulturelle und religiöse Unterschiede nicht in den Vordergrund. Sie erzählt eine Familiengeschichte, die so verständlich und nachvollziehbar ist, weil wir so viel miteinander gemeinsam haben. Natürlich wurden in meiner Familie keine Ehen arrangiert. Natürlich unterscheiden sich die Rollenbilder, die ich kennengelernt habe. Natürlich unterliegen Jungs und Mädchen meiner Familie nicht diesen traditionellen Anforderungen, was Freunde, Beziehungen und den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Natürlich bilde ich mir das ein, aber es war nie so.

Ohne Zustimmung meiner Eltern wohl keine Hochzeit, ohne Erwartungen bezüglich meiner Freunde, kein guter Umgang und ohne Warnungen und Appelle an Moral, Ehre und Anstand kein intensiver Kontakt mit jungen Mädchen. Fatima Farheen Mirza macht mir schnell klar, wie nah wir uns sind. Ob Muslime oder Christen. Die Familie steht hier im Mittelpunkt und da sind wir uns ähnlich. Dieser Roman ist eine ausgestreckte Hand für all jene, die in Religion und Tradition nur Trennendes, nur Differenzen sehen. Dabei würde sich diese Geschichte auch in meiner Familie ähnlich abspielen können. Ein von seinem Sohn enttäuschter Vater, Schwestern, die sich in den Vordergrund spielen und das Gefüge durcheinander bringen, eine Mutter, die der jungen Liebe ihres Sohnes den niederschmetternden Riegel vorschiebt und ein Umfeld, das zum Kriegsberichterstatter der Familienfehde mutiert. Kommt uns das nicht bekannt vor?

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Wir können uns ganz auf diese emotional tief angelegte Geschichte einlassen. Es ist leicht, sich mit Amar zu verbünden, der so aufrichtig liebt und nicht lieben darf. Es ist leicht, mit ihm auf die schiefe Bahn zugeraten, gegen das Leben zu rebellieren und sich aufzulehnen. Es ist einfach, abzuhauen und Trost in Drogen zu suchen. Ja, hier bin ich ganz Amar. Und dann ist es schwer, bei der Hochzeit seiner Schwester zu Gast zu sein und genau dort Amira über den Weg zu laufen. Der Frau seines Lebens. Hätte man ihn sein Leben leben lassen. Alle Fäden laufen hier zusammen. Die Eskalation ist schon im Vorfeld programmiert. Jetzt hängt es von der Familie ab, ob Vergebung, Hoffnung oder Hass die Zukunft bestimmen.

Fatima Farheen Mirza macht mich zum Teil ihrer Familie, wenn ich ihre Sprache zu verstehen glaube, mir das Glossar selbst erarbeite und verstehe, dann zeigt sie mir an einigen markanten Beispielen, was uns unterscheidet. Nicht nur im Inneren. Das World Trade Center und die einstürzenden Türme in Verbindung mit den Kopftüchern beider Schwestern, der aufkommende Hass gegen Muslime und die Haltung von Amar, als er stellvertretend für alle angegriffen wird. All dies öffnet die Augen für meine Welt, die für Vorurteile so anfällig ist. Dieser Roman schafft so viel Nähe. Er sensibilisiert und macht Verständigung möglich, wo vorher nur Fronten waren. Und gar nicht so ganz nebenbei erzählt er eine wundervolle tragische und traurige Liebesgeschichte, die mich fesselte.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich wollte absichtlich keine Rezension über einen Roman mit Migrationshintergrund schreiben, ich wollte nicht über eine muslimische Autorin schreiben, die versucht, mich zu integrieren. Ich wollte nicht das Trennende hervorheben. Ich wollte es so schreiben, wie ich es empfand. „Worauf wir hoffen“ ist ein Zeichen großer Gastfreundschaft, weil Fatima Farheen Mirza offen und differenziert mit ihrer eigenen Welt umgeht. Sie erzählt keine Märchen, sie beschönigt nichts und beschreibt detailliert den steinigen Weg einer jungen Frau im Kampf um Anerkennung, Selbstbestimmung und Integration ohne jede Spur von Selbstaufgabe. Ist es das, worauf wir immer gehofft haben? Diese offene Tür zum Islam? Ich denke ja.

Die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag setzt mit einem vierstimmigen Erzählstrom Maßstäbe, wie man eine große Geschichte atmosphärisch erzählen kann. Es sind die wesentlichen Stimmen des Romans, die uns in die Familie entführen. Amar, Hadia, ihre Mutter Laila und ganz zuletzt das Familienoberhaupt Rafik. Dass dem Vater das große Schlusskapitel des Romans gehört, ist nur konsequent. Jeder Vater aus jeder Kultur mit jedem religiösen Hintergrund wird hier be- und getroffen lauschen. Und dann muss man sich hinterfragen, was man tun kann, um ein solches Schlusskapitel für sich selbst und seine anvertraute Familie zu verhindern. Das ist groß. Das ist Literatur.

„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza
Buch:
dtv Literatur / dt. von Sabine Hübner / 480 Seiten / gebunden / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / 14 Std. 39 Min. / Ungekürzte Fassung mit Gabriele Blum, Julia Nachtmann, Barnaby Metschurat, Heikko Deutschmann / 24 Euro

Der dunkle Bote von Alex Beer

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Ich trage jetzt keine Hörbucheulen nach Athen, wenn ich betone, dass ich Bücher der österreichischen Schriftstellerin Alex Beer sehr gerne lese und auch höre! Es war und ist ein spannendes und atmosphärisches Vergnügen, ihr zu vertrauen und sich an ihrer Seite in Szenarien zu begeben, die nachhaltig faszinieren. Ich liebe Wien, wie sie es beschreibt. Ich liebe die Authentizität ihrer Romane im historischen Setting einer Zeitscheibe des vergangenen Jahrhunderts, die Österreich so sehr veränderte, wie nie zuvor oder danach. Nach dem Ersten Weltkrieg ist nichts mehr, wie es war. Kein Stein ist noch dort, wo er sich in der KuK-Monarchie befunden hat. Aus einem Kaiserreich ist ein kleines bedeutungsloses Ländchen geworden. Kriegsverlierer.

Alex Beer siedelt genau in dieser Epoche ihre Krimi-Reihe um Kriminalinspektor August Emmerich an. Zuletzt habe ich Die rote Frau, den zweiten Teil der Buchreihe vorgestellt. Genau das ist das Schöne, wenn man sich als Blogger über einen längeren Zeitraum mit einer Autorin und ihrem Werk auseinandersetzt. Ich muss nicht mehr weit ausholen, muss nicht mehr auf den facettenreichen Charakter ihres Protagonisten und die Menschen in seinem Umfeld eingehen. Ich darf, ebenso wie die Autorin, einiges als bekannt voraussetzen und kann gleich einsteigen. Wer liest schon eine Rezension über den dritten Band einer Krimiserie? Zumeist Leser, die sich schon zu den Weggefährten einer Autorin zählen. Ihnen sage ich hier herzlich willkommen zurück in Wien. Und falls sich jemand hierhin verirrt haben sollte, der noch nichts von August Emmerich gelesen oder gehört haben sollte… Es ist nie zu spät, in eine gute Story einzusteigen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nahtlos geht es weiter. Nahtlos schließt „Der dunkle Bote“ da an, wo uns Alex Beer im zweiten Teil ihrer Buchreihe zurückgelassen hat. Wir befinden uns in Wien. Wir sind im brutalen Winter des Jahres 1920 angelangt. Das ganze Land scheint im Vakuum zu versinken, das der verlorene Krieg erzeugt hat. Arbeitslosigkeit und Hunger haben tiefe Spuren hinterlassen. Kein Wunder, dass in diesen wirren Zeiten einzig die Kriminalität Hochkonjunktur feiert. Auch kein Wunder, dass die Wiener Polizei kaum in der Lage ist, den bestens organisierten Banden in der Hauptstadt etwas entgegenzusetzen. Wien ist ein wahres Feuchtbiotop für Kapitalverbrechen. Identitäten können gewechselt werden, wie die Unterwäsche, Spuren führen ins Nichts und die Mittel der Polizei sind begrenzt. Mit konventionellen Mitteln ist diese Welle nicht zu stoppen.

Außer man ist unkonventionell in der Wahl der Methoden. August Emmerich ist ein Synonym für unkonventionelle Ermittlungen. Er überschreitet Grenzen, wenn es gilt die Verbrecher dingfest zu machen, die keine Grenzen kennen. Emmerich kennt auch kein Pardon, wenn es um sich selbst geht. Recht und Gesetz ist alles unterzuordnen. Selbst die größten Probleme im eigenen Leben haben zurückzustehen. Und davon hat er eine große Portion im Gepäck. In genau diesem Nistkasten des Bösen siedelt Alex Beer die Verbrechen an, mit denen sie ihren Ermittler konfrontiert. Keine Schonkost. Es ist mehr als blutig und nervenaufreibend, was sie ihm vorsetzt. Auch in diesem Fall.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Leib und Leben“ (wir würden es Morddezernat nennen) stehen erneut im Mittelpunkt mehrerer Verbrechen, die auf dem Tisch von August Emmerich landen. Es ist nicht nur ein Mord, der die Stadt erschüttert, es sind die Rahmenbedingungen der Tat, die es in sich haben. Schrecklich zugerichtet und schockgefroren. So kann man den Zustand der Leiche beschreiben, die gleich mehrere Rätsel aufgibt. Dieser Mord entpuppt sich bald als erste Strippe einer ganzen Seilschaft von Verbrechen und Emmerich wirkt, als hätte er an einer chinesischen Losbude an allen Fäden zugleich gezogen. Freie Auswahl. Es treibt ihn in die Wiener Unterwelt, er begegnet seinen Informanten und alten Bekannten und sondiert im Treibsand des organisierten Verbrechens.

Die Spuren werden nicht wärmer. Er stochert im Dunkeln, bis ein Bekennerschreiben auftaucht, das diesen Mord zum Startpunkt einer beispiellosen Mordreihe macht. Beleg für die Echtheit des Schreibens ist ein Körperteil des Opfers, das am Tatort vergeblich gesucht wurde: Die Zunge. Was zunächst wie ein Racheakt an einem Einzelnen wirkt, entwickelt sich zu einem rasanten Wettlauf mit einem Serienmörder. Die Welt der Clans und Kriegsgewinnler gerät in den Mittelpunkt der Ermittlungen, doch August Emmerich wird das Gefühl nicht los, dass er völlig falsch liegt. Er sollte damit richtig liegen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Alex Beer bleibt ihrer Linie treu. Sie entwickelt ihren Protagonisten beharrlich weiter und macht es dabei sich selbst und ihm nicht leicht. Ihr Spiel mit Identitäten und Spuren ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau. Ihr Spielfeld ist dabei grandios gewählt. Was sie erzählt, kann nur zu dieser Zeit und nur an diesem Ort so geschehen sein. Lokalkolorit und Plausibilität gehen hier Hand in Hand. Die Wendungen ihrer Story sind dabei kaum vorhersehbar, aber im Rückblick ausgesprochen logisch. Nichts ist konstruiert. Hier hat alles Hand und Fuß. Detailverliebt verliert sie das große Ganze nicht aus dem Auge. In dieser Reihe bestechen nicht nur die Kriminalfälle. Sie sind „Der dunkle Bote“ für eine inhaltliche Klammer, die uns den Menschen Emmerich näherbringt. Eine Klammer, die  über der Buchreihe liegt und alles zusammenhält.

Alex Beer bringt uns soweit, dass wir die Morde lieber vernachlässigen würden, um ihrem Inspektor zu helfen. Sie bringt uns soweit, dass wir uns mehr Gedanken um ihn selbst machen, als um die Kriminalität in Wien. Sie bringt uns soweit, dass wir ihm eine Zuneigung entgegenbringen, die er von sich weisen würde. Emotionen sind nicht seine Welt. Aber in diesem Fall bringt Alex Beer ihren August Emmerich zum Weinen. Stark erzählt, atmosphärisch dicht und in den Nebenrollen oscarreif besetzt. Es ist kein Zufall, dass man den nächsten Band der Reihe herbeisehnt, weil sich die Autorin einen Cliffhanger gönnt, der uns die Wartezeit bis zum vierten Fall für Leib und Leben wie eine Ewigkeit vorkommen lässt.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Großes Kopf- und Ohrenkino. Gut und Böse verschwimmen, Sympathie mit einem Täter kann das Ergebnis des Lesens und Hörens sein. Ein Gefühl, das Alex Beer hier zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. Bitte mehr davon.

PS: Wer in der Beschreibung der politischen Wirren im damaligen Wien Parallelen zur aktuellen Situation entdeckt, der geht Alex Beer ganz direkt auf den Leim. Sie schreibt nicht nur Krimis. Sie spiegelt unsere Welt in einer Epoche, die wir für längst vergangen halten. Der Schuss sitzt. Volltreffer ins Leserhörergewissen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Bote – Alex Beer
Buch: Limes Verlag / 400 Seiten / Hardcover / 20 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzte Lesung mit Cornelius Obonya / 6 CDs / Laufzeit 7 Std. 37 Min. / 20 Euro

Bisher erschienen in der August-Emmerich-Reihe: Der zweite Reiter, Die rote Frau, Der dunkle Bote

Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Das ist nicht für meine Augen bestimmt. Das war das erste Gefühl, als ich begann, die Essays von James Baldwin zu lesen. Das ist zu privat, zu intim und sicher nicht für mich geschrieben. Ich fühlte mich, wie ein Spion, der in einem geheimen Tagebuch auf Zeilen eines Schriftstellers aufmerksam wird und einfach nicht mehr aufhören kann, sie zu verschlingen. Dabei ging mir vieles durch den Kopf. James Baldwin mäandert sich in 10-Jahresschritten durch mein literarisches Portfolio im Kampf gegen Rassismus, Hass und Ausgrenzung. 1953 entstand „Von dieser Welt“, 1973 schrieb er den „Beal Street Blues“ und nun liegen seine Texte aus dem Jahren 1962/1963 vor mir. „Nach der Flut das Feuer“. James Baldwins absoluter Durchbruch und seither das Standardwerk der literarischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Schwarzen in den USA.

Der Buchtitel war Programm. Wie eine Feuersbrunst breitete sich seine Botschaft im ganzen Land aus. 100 Jahre nach dem Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges und damit fast 100 Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei. Inmitten der Amtszeit von John F. Kennedy, der aus jetziger Sicht einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Situation aller afroamerikanischen Bürger seines Landes leistete. Inmitten der Initiative zur Gleichberechtigung und flankiert von den großen Rednern ihrer Zeit. Martin Luther King und Malcolm X. Und doch war es James Baldwin, der mit seinen Essays für den absoluten Brandbeschleuniger der Debatte sorgte. 

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Er schrieb über den täglichen Rassismus, den er selbst erlebte. Er schrieb über den Brief seines Großvaters und er beschrieb seine Begegnungen mit den Wortführern der Black-Power-Bewegung. Er blieb in diesen Texten ganz bei sich und bot den Gegnern die offene Flanke der eigenen Verletzlichkeit an. Im Unterschied zu allen Vorreitern im Kampf für Gleichberechtigung knöpfte er sich nicht nur die weiße Seite der Macht vor. Baldwin beschreibt Ursachen und Wirkung von Rassismus, die Automatismen und die Konsequenzen für den Einzelnen. Er schrieb über Rollenverständnis und Religion. Und er schrieb über den eigenen Rassismus, in den sich einige seiner Mitstreiter flüchteten, wenn sie die Zukunft der Schwarzen im Islam verorteten und keine abweichende Sicht zuließen.

Es sind sehr starke, impulsive und hochintelligente Texte. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass er sie vornehmlich für die Menschen schrieb, die unter all dem zu leiden hatten, was er so autobiografisch analysierte. Ich fühlte mich außenstehend und nicht befugt, ihm zuzuhören. Die Zeilen, die sein Großvater an ihn richtete sind geprägt vom Selbstbild einer Generation, die sich der Illusion hingibt, die Sklavenbefreiung jetzt schon feiern zu können. 100 Jahre danach ist noch 100 Jahre zu früh. Baldwin musste im Alter von 15 Jahren begreifen, dass seine Zukunft von Menschen gestaltet wird, die ihren Reichtum und ihre Freiheit auf der Armut und Unfreiheit der schwarzen Bürger im Land begründen. Es sind Ratschläge, die mir schwer im Magen liegen, weil ich einfach das Gefühl habe, auf der anderen Seite zu stehen.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Ist es schon rassistisch, kein Rassist zu sein? Ist mein Glaube, alle Menschen sind gleich und niemand dürfe aufgrund seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner Hautfarbe oder seiner Neigungen ausgegrenzt werden, rassistisch, weil ich mir diese Haltung gut leisten kann? Vom hohen Ross sozusagen. Gutmeinend. Wohlwollend. Aber nicht, weil ich aus der tiefen Einsicht heraus und der göttlichen Fügung folgend, davon überzeugt bin? Ich muss schon sehr schlucken, wenn ich diese Gedanken rekapituliere. Ist es so, oder kann ich für mich andere Motivationen geltend machen. Ist es heute en vogue, in dem modernen Kosmos einer bunten Gesellschaft auch jenen Raum zu geben, denen ich im Alltag kaum begegne? Puh. Ich hoffe so sehr, dass es nicht so ist. Baldwin lässt selbst bei jenen, für die schwarze Leben wirklich zählen, keinen Stein auf dem anderen.

Und so geht es weiter in den Essays. Baldwin schreibt uns Bilder in die Seele, die im Leben nicht mehr verblassen. Bilder von schwarzen GIs, die im Zweiten Weltkrieg ihre Haut für eine Nation aufs Schlachtfeld tragen, die sie anschließend verrät. Bilder junger Menschen, die traumatisiert aus Europa zurückkehren und im Trauma versinken, nicht mit jedem Bus fahren zu dürfen, Geschäfte nicht durch den Haupteingang betreten und Schulen nur von außen sehen zu können. Er schreibt über den Islam. Heilsbringend im Vergleich aller Unrechtssysteme. Und gleichzeitig klagt er jene an, die der Gesellschaft durch diese endgültige Aufteilung in schwarz und weiß mehr als schaden. Baldwin hat sich mit diesen Essays wohl mehr Feinde als Freunde gemacht. Die Gratwanderung in seinen Argumenten ist konsequent und zeitlos. Sie spiegelt viele Bücher wider, die ich gelesen habe. Sie spiegelt das vergangene und künftige Schreiben des Autors wider.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Nun kann man nicht sagen, es hätte sich nichts geändert. Bald werden diese Texte 60 Jahre alt. Sie sind in meinem Alter. Sie haben viel bewegt. Die USA hatten für zwei Amtszeiten mit Barack Obama einen ersten schwarzen Präsidenten, der sein Land im Rückblick sehr geprägt hat. „Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ kann dies vielleicht belegen. Ich schrieb darüber, so wie ich über Bücher schrieb, die sich diesem Thema widmeten. Und doch bin ich nicht versucht, Baldwins Texte auf die heutige Zeit umzulegen. Sie sind zwar zeitlos, gehören jedoch in eine unveränderbare Zeitschleife, die man nicht mit dem Hier und Jetzt vergleichen darf. Es ist ein Standardwerk. Das ist für mich nicht zu bestreiten. Es kann ein Maßstab für Veränderungen sein, die sich seit 1963 vollzogen haben. Sie spiegeln jedoch nicht die aktuelle Situation wider.

Dieser Maßstab ist messbar. Spätestens wenn man das heutige Standardwerk zu diesem Thema neben die Texte von James Baldwin legt. „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates schließt einen unsichtbaren Kreis der Diskriminierung im Herzen einer modernen Gesellschaft. Man sollte beide Bücher miteinander lesen. Es ist für unsere Zukunft von besonderer Relevanz, die Unterschiede zu erkennen und an der immer noch bestehenden Diskrepanz zwischen Weißen und Schwarzen zu arbeiten. Im Kern bleibt das Gefühl, der Polizei hilflos ausgeliefert zu sein. Ein Gefühl, das messbar ist. Ein Gefühl, in dem sich Baldwin und Coates auf Augenhöhe begegnen. Es gibt viel zu tun. Nicht nur in den Ländern, auf die wir schauen und denen wir Ungerechtigkeit in der Behandlung von Bürgern unterschiedlicher Hautfarbe vorwerfen. Kehren wir doch auch vor unserer Tür. Rassismus ist überall und die Automatismen des Machterwerbs auf dem Rücken künstlich geschaffener Underdogs haben auch bei uns Methode.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Ein Wort zum Hörbuch. James Baldwin schrieb in einer eigenen Melodie. Er schrieb und erzählte in einer Klangfarbe, die seinem Anliegen Nachdruck verlieh. Die deutsche Übersetzung der Baldwin-Bücher von Miriam Mandelkow ist für mich schon eine ganz eigene Kunstform. Sie zu lesen, ist wie Baldwin zu lesen. Beale Street Blues und Von dieser Welt legen davon Zeugnis ab. Die Hörbuchfassung mit der Stimme des großen Christian Brückner ist das I-Tüpfelchen auf dieser Produktion. Seine Stimme singt mit Baldwins Stimme. Nichts ist unbetont, nichts nur leicht dahergesagt, nichts geht unter. Selbst der Rückfall in Baldwins Predigerzeit wird in der Stimmfarbe Christian Brückners lebendig. Brückner spricht in einer eigenen Liga. Hier begegnet er James Baldwin auf Augenhöhe. Hier brennt das Feuer lichterloh nach der Flut….

Hier die Liste meiner relevanten Bücher gegen den Rassismus:

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter
Mercy Seat von Elizabeth Winthrop
Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates
Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves
Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee
Von dieser Welt und Beale Street Blues von James Baldwin
Mudbound – Die Tränen von Mississippi von Hillary Jordan
Lincoln im Bardo von George Saunders
John F. Kennedy – Zeit zu handeln – Ein Bilderbuch von Shana Corey
Dark Town von Thomas Mullen
Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation – Jeanne Marie Laskas
Und nicht zuletzt meine Selbstbetrachtung: Warum ich kein Rassist bin

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

„Nach der Flut das Feuer“ von James Baldwin
Buch: dtv Literatur / 128 Seiten / dt. von Miriam Mandelkow / 18 Euro
Hörbuch: Argon Hörbuch / Parlando / Edition Christian Brückner / ungekürzte Lesung / 2 Std. 54 Min / 19,95 Euro

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Herkunft von Saša Stanišić

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Herkunft von Saša Stanišić

Eigentlich kenne ich ihn aus Fürstenfelde. Er feierte dort ein literarisches Fest bevor er mich dem Fallensteller auslieferte und an den Ort des Geschehens zurückkehrte. Er, das ist Saša Stanišić. Deutschsprachiger Schriftsteller aus Bosnien-Herzegowina, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Roman „Vor dem Fest“ ausgezeichnet, für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit vielfachen Literatur-Ehren überhäuft. Er stammt aus Višegrad, einer bosnischen Kleinstadt, ist Sohn einer Bosniakin und eines Serben. Er floh mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg im Jahr ´92 nach Deutschland. Er war gerade mal vierzehn Jahre alt, als es das alte Jugoslawien von den Landkarten fegte und sich explosionsartig in seine multi-ethnischen Bestandteile zerlegte.

Er schrieb bisher über sehr besondere Menschen in Biotopen ihrer ganz eigenen Heimat. Saša Stanišić ist für mich einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest oder ihm zuhört. Er verzaubert Menschen mit knallbunten literarischen Lustballons, verführt sie mit absolut aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt beiläufig, dass im Zentrum seiner Geschichten eine unübersehbare Portion bittersüßer Melancholie verborgen ist. Eine Grundstimmung, die ihn als Beobachter aufmerksam und hellhörig macht, und die verhindert, dass belanglos Dahergesagtes belanglos bleibt. Er legt seine Stimme tief in die Wunden unserer Gesellschaft. Aus gutem Grund.

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Herkunft von Saša Stanišić

Wenn er bisher von Heimat und Identität erzählte, so konnte man vermuten, dass er sich selbst in den Figuren seiner Romane spiegelte. Er zerrte die Randgestalten kleiner Dörfer ans Licht, rückte sie in den Mittelpunkt und ließ sie dann gegen die Windmühlen aus Vorurteil und Vorbehalt ankämpfen. Er schrieb über eigene Menschenschläge mit Eigenarten in eigenartigen Landschaften. Und doch zeigte er uns deutlich, was Heimat bedeutet, welches Gefühl ein Zuhause vermittelt und wie wichtig Identität und Zuhause sind. Der innere Kompass eines Menschen richtet sich zumeist nach dem Ort aus, dem man seine Prägung und Sozialisierung verdankt. Abstrakt war es nicht, was er schrieb. Und doch zeigte er selten sein wahres eigenes Gesicht hinter den Protagonisten jener Romane und Erzählungen. Jetzt lässt er die Maske fallen.

Herkunft“ heißt sein neues Buch. Eine Kollektion von Texten über die Zufälligkeit der eigenen Biografie, vom kaum zu beeinflussenden Schicksal, dem man lebenslänglich ausgesetzt ist. Es sind Geschichten voller Schubläden und Stempel, die unser Leben prägen und die doch nur auf unsere Abstammung zielen. Herkunft. Ein relativer Begriff. Saša Stanišić begibt sich auf die Suche nach allem, was seine Herkunft ausmacht. Er erzählt von Jugoslawien, beschreibt seine Flucht, besucht seine Verwandten, die sich immer noch in Višegrad befinden. Er schreibt über seinen Neubeginn, Versuche einer Integration in Schulen, schwere Lebenswege nach einem Neuanfang. Nicht nur für ihn. Besonders für seine Eltern.

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Und doch finden wir in diesen Geschichten keine Tagebuchaufzeichnungen, rein autobiografische Schilderungen oder Lebenserinnerungen. So leicht macht er es uns dann doch nicht. Saša Stanišić ist Literat. Und was für einer. Er verwischt seine Spuren in der Fiktion und betont stets, dass er das zuvor Erwähnte eigentlich gerne anders in Erinnerung behalten hätte. Er fabuliert sich um den Kern des eigenen Seins herum und laviert sich damit nicht ins Aus. Es ist nur ein wenig Distanz, die er zu sich aufbaut, um das Innenleben und die Psychologie des Erlebten treffender beschreiben zu können. Er bleibt der Wortmagier in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Er bleibt der mahnende und zweifelnde Vater eines in Deutschland geborenen Sohnes in dem Land, das nicht sein Vaterland ist. Er bleibt authentisch und wahrhaftig, obwohl wir verstehen müssen, dass seine eigentliche Stärke in der Fiktionalisierung liegt.

Saša Stanišić ist ist kein Verräter der eigenen Familie. Er skizziert Menschen nach ihren realen Vorbildern. Wie er diese Skizzen jedoch ausmalt, wie er sie mit Leben füllt, das ist alleine seine Sache. Und doch lässt er zu, dass wir uns hineinversetzen können, wenn er von Außenseitern spricht; von den „Jugos“, die nach Deutschland fliehen; von Stereotypen, die man doch besser individuell betrachten sollte. Er nimmt uns mit in die Heimat, die ihm genommen wurde. Die Heimat, die heute weit entrückt scheint. An den Gräbern der Vorfahren stellt er sich die Frage nach seiner Herkunft. Wo kommt er her? Gibt es darauf eine Antwort? Ist es ein ganz präziser Ort oder eine Region. Ist Herkunft etwas, das man verlieren oder auch mitnehmen kann? Ist Herkunft sentimental geprägt oder lässt sie sich mit Menschen aus der Vergangenheit verbinden?

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Herkunft von Saša Stanišić

Ist Herkunft unveränderbar? Wird sie von Sprache bestimmt? Kann man sich selbst aussuchen, wo man gerne hergekommen wäre? Saša Stanišić spielt mit diesen Bildern ebenso, wie er mit seinen sprachlichen Mitteln spielt. Es ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau, weil Saša Stanišić in einer eigenen Liga schreibt und erzählt. Er bindet uns mit ein, weil er in der Lage ist, Perspektiven einzunehmen, die wir zu kennen glauben. Und dann dreht er den Spiegel um und stellt ungefragt Fragen nach unserer Herkunft. Er hat mich in die Fankurve von Roter Stern Belgrad mitgenommen und mir ein Fußballspiel gezeigt, das ich nur zu gut kannte. Ich trug damals die Farben des anderen Teams. Ich stand auf der anderen Seite. Auf der des FC Bayern München. Wir haben verloren und sind ausgeschieden. Wir waren enttäuscht und am Boden zerstört.

Saša Stanišić zieht mich auf die andere Seite. Auf die der Fans, die zum letzten Mal gemeinsam für ein Jugoslawien jubelten, das schon zersplitterte und sich anschließend bis aufs Messer bekämpfte. Saša Stanišić hat mir ein Gefühl vermittelt, was ihm dieses Spiel auch noch heute bedeutet. Plötzlich sah ich mich den Sieg eines anderen Teams bejubeln. Keine Ahnung, wie er das macht. Er ist kein Erzähler – er ist ein Mentalist, der sich in meine Gedanken schleicht und Empathie zu einer Perspektive macht, die man selbst einnimmt. Keinem seiner Texte fehlt es an Relevanz. Jeder Text zeigt die Gefahren auf, in denen unsere Heimat (und vielleicht jetzt ja auch ein stückweit die seine) schwebt. Populisten bestimmen, schüren Angst, bringen Menschen ins Taumeln, lassen Werte in Flammen aufgehen und hinterlassen auf verbrannter Erde die niemals zu beantwortende Frage nach der Herkunft.

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Das Hörbuch beinhaltet ausgewählte Texte aus dem Buch „Herkunft“. Auf 5 CDs mit einer Laufzeit von 5 Stunden und 39 Minuten bietet es einen guten Querschnitt der Buchvorlage. Aber, wie ich schon sagte, keinem Text fehlt es an Relevanz. Kombiniert Lesen und Hören. Vervollständigt alle denkbaren Perspektiven zu einem Bild und lasst euch überraschen, wie es Saša Stanišić gelingt, selbst in den Texten, die ihr selbst lest, seine Stimme in euer Ohr zu zaubern. Der Sammler eigener Erinnerungen kommt auch an seine Grenzen. Das ist bemerkenswert. Angesichts der Demenz seiner Großmutter verzweifelt er daran, wie flüchtig das Erinnern ist und was mit ihr alles verlorengeht. Ein Moment, in dem man ihm gerne sagen würde, dass man dies selbst erlebt hat und sehr gerne vergessen würde. Leider unmöglich. Das macht unsere Herkunft aus…

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Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft – Saša Stanišić Buch:
Luchterhand Verlag / Hardcover / 368 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ausgewählte Texte / gelesen vom Autor / 5 CDs / 5 Stunden und 39 Minuten Laufzeit / 22,00 Euro

Saša Stanišić bei AstroLibriumHier.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

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Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

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Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

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Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

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Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

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„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier