„Die rote Frau“ – Ein Fall für August Emmerich – Alex Beer

Die rote Frau von Alex Beer  – (Autorenfoto: Ian Ehm)

Man nehme eine versierte Krimi-Autorin; einen an Morbidität kaum zu überbietenden Schauplatz; eine Zeitscheibe der Geschichte, die dem Szenario die Krone aufsetzt; ein Land, das gerade seine gekrönten Häupter verloren hat; ein Ermittler-Duo, das sich aus den Niederungen des eigenen Abstiegs zu befreien versucht und einen Kriminalfall, der sich wie ein verwickeltes Wollknäuel ohne Anfang und Ende verhält. Das Ganze würze man mit historischen Fakten, Lokalkolorit, sprachlichen Ausflügen in einen Dialekt, dem man lesend und hörend sehr gut folgen kann und überziehe alles mit einer Melancholie, die zur grundlegenden Melodie dieser literarischen Inszenierung wird. Schließlich finde man noch einen Hörbuchsprecher, der den Romanfiguren Leben einhaucht. Und schon ist es geschafft. Man hat einen spannenden Krimi, der wie ein Kinofilm vor dem inneren Auge des geneigten Lesers oder Hörers abläuft.

Klingt leicht? Ist es nicht! Viele Schriftsteller haben sich an dieser Mischung versucht. Viele sind an Details gescheitert, die eine eigentlich gute Idee aus der Balance bringen. Und oftmals versagt auch der beste Mix, weil die zugrundeliegende Idee zu konstruiert wirkt. Wenn es also nicht leicht ist, dann ist es umso erfreulicher eine Autorin zu finden, deren Rezeptur bis ins letzte Detail aufgeht. Das Ergebnis kann sich sowohl sehen als auch hören lassen. Längst kein Geheimtipp mehr, weil die österreichische Autorin Alex Beer schon in ihrem früheren Schriftsteller-Leben als Daniela Larcher überzeugen und begeistern konnte. Ich weiß, wovon ich rede, war ich doch schon 2011 Teil einer Social Reading Aktion bei LovelyBooks. Hier lernte ich neben der Autorin auch ihren Roman „Die Zahl“ kennen. Keine Frage also, dass ich ihr auch in ein neues Leben folge. Voller Vertrauen reiste ich also an der Seite von Alex Beer ins Wien der 1920er Jahre.

Daniela Larcher – Buchmesse Frankfurt 2011 – Eine erste Begegnung

Die rote Frau“ entspricht von der ersten bis zur letzten Seite dem perfekten Mix, den ich oben skizziert habe. Und dabei habe ich mir eine etwas komplizierte Basis für diesen Roman ausgewählt. Es ist der zweite Fall des Ermittlerteams Emmerich / Winter aus Wien. „Der zweite Reiter“ musste im letzten Jahr ohne mich durch Wien reiten. Es ist gewagt, im zweiten Teil einer Bücherreiche einzusteigen, da man die Vorgeschichte der tragenden Protagonisten nicht in der vollen Tragweite erlesen kann. Bei Alex Beer vertraute ich jedoch darauf, dass sie mir diese Lücke verzeihen und durch Rückblenden alles Wissenswerte zu ihren Ermittlern verraten würde. Sie hat es gerechtfertigt.

Die rote Frau. Wir befinden uns im Wien des Jahres 1920. Der erste Weltkrieg und damit auch der Untergang der kaiserlichen und königlichen Monarchie sind bereits seit zwei Jahren Geschichte. Die Auswirkungen des österreichischen Desasters liegen aber immer noch wie ein dunkler Schatten über der einst so lebensfrohen Metropole. Es sind politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich instabile Verhältnisse, die dem Leben ihren Stempel aufdrücken. Da geht es dem normalen Bürger nicht anders als den Vertretern der Polizei, die versuchen für Recht und Ordnung zu sorgen. Kriminalinspektor August Emmerich weiß ein Lied davon zu singen. Verwundet im Krieg, selbst in einem Wiener Obdachlosenheim lebend erlebt er nach seiner Versetzung in die Abteilung „Leib und Leben“ was es heißt an vorderster Front gegen Gewaltverbrechen in Wien zu kämpfen.

Die rote Frau von Alex Beer

Alex Beer stellt ihm den Assistenten Ferdinand Winter zur Seite. Sie sind wie ein eingespieltes und zusammengeschweißtes Team, wenn auch ihre Methoden sich leicht voneinander unterscheiden. Emmerich eher ungeduldig, manchmal rabiat, fast brachial, im tiefsten Inneren jedoch grüblerisch und empathisch. Winter dagegen schon aufgrund seiner adeligen Abstammung eher der bedächtige Partner, der analytisch und sachlich aufklären möchte, wobei er sich in genau dieser Zeit oft selbst im Weg steht. Was sich für die beiden Ermittler nach der Wunschverwendung anfühlt, endlich Mordkommission, entpuppt sich schon bald als Abstellgleis für abgehalfterte Polizisten. Zumindest, wenn sie sich ihre Situation vor Augen führen.

Die Krüppelbrigade“, so nennt man die beiden. Kriegsversehrt der eine, noch lädiert vom „Zweiten Reiter“, der andere Ermittler. Als Protegés ihres Vorgesetzten sieht man sie im Kollegenkreis und ihr erster Fall könnte unbedeutender nicht sein. Sie sollen sich um eine Schauspielerin kümmern, die befürchtet ihr aktueller Film könnte verflucht sein. Die Diva stellt zwar menschlich, nicht jedoch kriminalistisch eine Herausforderung dar. Dabei könnte man an wichtigen Fällen mitarbeiten. Ist ja nicht so, als gäbe es die nicht. Der Mord am beliebten Stadtrat Richard Fürst zum Beispiel schlägt hohe Wellen, weil er sich sehr für die Armen und Bedürftigen der Stadt eingesetzt hat. Von diesen Wellen bekommen Emmerich und Winter jedoch nur die Spritzer wahr. Diejenigen jedoch, die sie aus genau diesem Fall raushalten wollen, haben ihre Rechnung ohne den Starrsinn von August Emmerich gemacht. Er findet einen Hauch einer Spur im Fall Fürst und legt auf eigene Faust los. Sprichwörtlich.

Die rote Frau von Alex Beer – Opium fürs Volk

Alex Beer zeichnet ein düsteres Bild vom Wien jener Tage. Instabilität und soziale Verwerfungen, wohin man schaut. Sie öffnet uns die Türen zu den Ärmsten der Armen, den Überlebenskünstlern am Rande der Gesellschaft und zeigt schonungslos auf, wie wenig die Welt der Reichen und Kriegsprofiteure davon betroffen ist. Wien tanzt Walzer auf dem Rücken des Bodensatzes der jungen Demokratie. Schillernde Filme entstehen als Opium fürs Volk und politische Strömungen münden wie tödliches Gift in die Donau. Wir steigen in Halb- und Unterwelten hinab, riechen, schmecken und fühlen den Verfall. Alex Beer spielt hier nicht die historische Stadtführerin. Sie lässt uns das Leben in der Tristesse und Melancholie ihres vergangenen Wiens am eigenen Leib spüren. Wie sie uns dabei auch sprachlich im zarten Wiener Dialekt einiger Protagonisten authentisch mit einer Stadt am Rande des Untergangs verbindet, ist brillant. Nie habe ich Wien so scharf konturiert vor Augen gehabt.

Wie sie aus dem Wollknäuel der einzelnen und zusammenhanglosen Fäden eine komplexe Kriminalgeschichte verwebt ist ebenso außergewöhnlich. Nichts ist hier vorhersehbar. Keine Frage bleibt am Ende offen. Intelligentes Schreiben, deine Heimat liegt in Wien. Und wer immer noch auf der Suche nach einem Ermittler ist, der sich von vielen anderen durch seinen Charakter, seine Schrägheit und sein großes Herz abhebt, der möge doch bitte August Emmerich begegnen. Seine Geschichte trägt den Roman. Seine Vergangenheit strahlt auf die Gegenwart aus und Fehler macht er grundsätzlich nicht ein zweites Mal. Das bekommen seine Widersacher zu spüren. Und wenn er mal als kriminalistische Lawine ins Rollen kommt, ist er nicht mehr zu stoppen.

Die rote Frau von Alex Beer

Ich habe Die rote Frau hörend erlebt. Acht Stunden suchte ich nach ihr. Sechs CDs brachten mir den zweiten Fall von August Emmerich nah. Ein mir bis dato unbekannter Hörbuch-Sprecher sprach sich in mein Nervensystem. Cornelius Obonya verleiht der Produktion von Random House Audio mit seinem stimmlichen Reichtum wahre Größe. Ob als aalglatter Politiker, misshandelter Häftling, kleinwüchsige Anführerin der Gruppe von FreakShow-Zwergen, verhätschelte Schauspielerin, ehemaliger General oder eben als Charakterkopf August Emmerich. Obonya spricht Alex Beer aus der Seele. Obonya spricht Wien aus der Seele. Selten hat für mich ein Sprecher eine solche Authentizität ausgestrahlt.

Ich kann dieses Hörbuch wärmstens empfehlen. So kann ich mir diesen Roman von Alex Beer nicht selbst vorlesen. So möchte ich weiterhören. Vielleicht beginne ich mich rückwärts zu hören. „Der zweite Reiter“ reizt mich sehr. Eines jedoch steht fest. Wien steht nach wie vor ganz oben auf der Liste meiner literarischen Traumziele. Besonders, wenn ich in ein scheinbar von der Geschichte überholtes Wien eingeladen werde. Hier gelingt Alex Beer neben der ausgezeichneten Kriminal-Unterhaltung auf sehr subtile Art und Weise ein deutlicher Fingerzeig auf politische Automatismen, die wellenartig durch die Geschichte mäandern. Nationalismus, rechte Ideologien und die beharrliche Suche nach den Underdogs innerhalb einer Gesellschaft kennzeichnen diese Wellen. Abstrus, dass sie auch heute wieder an unseren Ufern anbranden. Chapeau, Alex Beer…

Die rote Frau von Alex Beer – Wien nach dem Ersten Weltkrieg

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„Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Eigentlich muss man den Mittelband einer Trilogie kaum rezensieren. Eigentlich ist ein solcher Artikel nur für die Leser des ersten Teils von Interesse, verleitet kaum einen Nichtleser dazu, mit dem Auftaktband zu beginnen „Klingt gut, aber da warte ich, bis die Trilogie vollständig vorliegt“ und schreckt kaum jemanden ab, der monatelang gewartet hat, bis die Fortsetzung endlich auf dem Markt ist. Und Leser, die schon den ersten Teil einer Buchreihe (aus welchem Grund auch immer) abgebrochen haben, holt selbst eine gute Kritik zum zweiten Teil nicht mehr in die Buchreihe zurück. So ist es auch mit dem literarischen „Coup de France“, der mich durch mein Lesen und Hören begleitet.

Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes hat nicht nur mein Lesen, sondern auch meine Wahrnehmung einer komplexen Gesellschaft nachhaltig verändert und tiefe Spuren in mir hinterlassen. In welcher Art und Weise Vernon Subutex mich so intensiv berührte, kann man in meiner Buch- und Hörbuchvorstellung zum Auftaktband nachlesen. Dopplungen oder Redundanzen zum zuvor Geschriebenen erspare ich mir und euch. Also, wer immer noch nicht weiß, wessen Leben wir hier mit- und nachleben dürfen, dem sei meine Rezension zum ersten Teil der Reihe ans Herz gelegt. Es wird schnell ersichtlich, warum ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete und mit welchen Erwartungen ich mich erneut in das Paris eines Aussteigers begab, dessen Abstieg am Ende der fulminanten Einleitung in diesen zweiten Teil überleitete.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Wer es also bis hierhin geschafft hat, der gehört zu den Familienangehörigen von Vernon Subutex, hat den ersten und vielleicht sogar auch den zweiten Teil der Trilogie gelesen oder/und gehört, oder ist einfach unerschrocken genug, meinen Worten folgen zu wollen, einfach weil sie hier niedergeschrieben wurden. Hallo, alle zusammen. Freut mich sehr, euch wieder nach Paris mitnehmen zu können. Ich bin oft dort, ob literarisch oder im realen Leben. Kenne alle Prachtstraßen und Gassen, ihre Geschichte und das soziale Gefälle zwischen den Champs-Élysées und den Banlieus. Ich bin hier durchaus ein wenig zuhause. Nicht zuletzt, weil ich diese Metropole mit anderen Augen sehe, seit mir Vernon Subutex über den Weg gelaufen ist.

Aussteiger, Lebenskünstler, ewig Gestriger, Rebell, Relikt seiner Generation und Wanderer zwischen den Welten des Urbanen. So habe ich ihn kennengelernt. Raus aus dem normalen Leben, rein in die Rolle des Getriebenen und Bittstellers, der an den Türen ehemaliger Freunde und Freundinnen zu verzweifeln beginnt. Autofokus auf eine Gesellschaft, die sich so gerne der genauen Betrachtung entzieht. Das Kaleidoskop der französischen Schichten, in denen wir uns sofort wiedererkennen. Bilderstürmer, der an der Oberfläche des Selbstbildes klopft, bis es langsam zu bröckeln beginnt. Analyst des Werteverfalls und -wandels in einem sozialen System, das sich schon lange in asoziale Subsysteme verloren hat. Wachstumsverweigerer und Beziehungstrottel, Enttäuschter und Enttäuscher. Sympathischer Rekord-Versager auf der nach unten offenen Subutex-Skala. Kurz gesagt: Ich mag ihn.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Das jedoch hätte ich ihm gerne erspart: Das Leben als Obdachloser in Paris. Hier genau setzt „Das Leben des Vernon Subutex – 2“ den schleichenden Abstieg aus den Schlusskapiteln des Auftaktbandes logisch, konsequent und allzu schmerzhaft fort. Hier brilliert Virginie Despentes mit dem nächsten scharfen Blick auf eine Stadt, die sich im Ganzen jedem Besucher so beharrlich entzieht. Jenseits des Schillernden, abseits des Bürgerlichen und fernab der städtischen Problemzonen in den Banlieus landen wir nun mitten auf der Straße. Die Aussicht ist schön. Sacré-Coeur am frühen Morgen ist eine traumhafte Kulisse, besonders nach alptraumhaft verbrachten Nächten auf Parkbänken. Ganz unten ist er angekommen, unser Vernon. Und nicht nur das. All jene, denen er im ersten Teil des Lesens das ein oder andere lebenswichtige Utensil (PC, Uhren, Herzen, usw.) entwendet hat, haben sich zu einer Gruppe der Verfolger zusammengeschlossen, die ihn in der Welt der Clochards zu finden versucht.

Wem wir hier am Montmartre wiederbegegnen? Keine Sorge, ihr kennt sie alle. Und nicht zuletzt haben sowohl der Verlag Kiepenheuer und Witsch, als auch Der Audio Verlag die Buch- bzw. Hörbuchausgabe mit einem Personenverzeichnis versehen. Ein perfekter Service an Lesern und Hörern, da die Personenfülle im Roman schon Formen angenommen hat, die ein solches Dramatis Personae mehr als hilfreich macht. Es ist also angerichtet. Paris aus einer anderen Perspektive. Von ganz unten. Und dazu noch enttäuschte Freunde und Bekannte auf einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Straßen der Stadt. Über allem schwebt noch immer das scheinbar verschwundene Vermächtnis des verstorbenen Sängers Alexandre Bleach. Dieses Selbst-Interview auf Tonband ist der einzige Trumpf in Händen von Vernon Subutex, beinhaltet die Aufnahme doch allen soziokulturellen Sprengstoff, um die Reihen seiner vermeintlichen Freunde ziemlich ins Wanken zu bringen.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Ein starker Mittelband der Subutex-Trilogie. Lückenlos fortgesetzt. Hemmungslos in jeder Beziehung weitergedacht und erzählt. Ein wundervoller Mix aus altbekannten und neu hinzugekommenen Charakteren erweitert das Paris-Kaleidoskop um Facetten, die den Roman weiterbringen. Das kleine Universum aus Prostituierten, Porno-Darstellern und Privatdetektiven, in Kombination mit liebestollen älteren und jungen Frauen, die auf dem Selbstfindungstrip ihres Lebens über Subutex stolpern, erweitert sich nun um ein paar erzählenswerte Charaktere aus der Obdachlosen-Szene, wie zwei beste Freunde, die nach einer Gewalttat im ersten Band so richtig zur Geltung kommen, und eine alles überstrahlende junge Tätowiererin, die überall ihre Spuren hinterlässt. Unterhaltung und Tiefgang sind hier erneut vorprogrammiert.

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe die Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns auf Korsika wieder… Versprochen… Im September geht es weiter…

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Virginie Despentes seziert ihr Frankreich bei lebendigem Leib mit dem gewetzten Tranchiermesser eines literarischen Sternekochs.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

„Krokodilwächter“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Für mich gibt es sie ja eigentlich gar nicht. Diese Kategorisierungen von Thrillern in die Schubladen der regionalen Schauplätze. Typische Skandinavien-Thriller sind meist gar nicht so typisch und ein Kopenhagen-Thriller muss sich nicht zwangsläufig von den guten Krimis unterscheiden, die in anderen Hauptstädten angesiedelt sind. Assoziation verstellt mir hier oft den klaren Blick auf das eigentliche Geschehen. Nein. Für mich ist das eigentlich ganz einfach. Es gibt gute oder schlechte Thriller. Intelligent konstruierte oder an den Haaren der Opfer herbeigezogene. Thriller mit interessanten Protagonisten oder eben solche mit stereotypen Allerweltstypen, die in ihren Klischees verhaftet sind.

Nein. Ich denke nicht sofort an Schwermut, Kälte, landschaftliche Idylle, Alkohol, Lethargie, Kälte, Brutalität oder andere Ingredienzien, wenn ich einen Thriller lese, der mit einem Gütesiegel aus Skandinavien angepriesen wird. Ich schaue mir den Plot und sein Setting an, versuche herauszufinden, ob mich das Thema reizt und dann erst schlage ich erbarmungslos zu. Meine literarische Wünschelrute schlägt noch nicht aus, wenn allein schon ein Landstrich oder eine Stadt als Synonym für Spannung herhalten muss. Und so halte ich nun keinesfalls einen „Kopenhagen-Thriller“ in der Hand, den ich euch hier vorstellen möchte. Nein, es ist ein guter und lesenswerter Thriller, der als Auftakt einer neuen Serie im Diogenes Verlag erschienen ist.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich möchte euch den „Krokodilwächter“ von Katrine Engberg ans Herz legen. Ich kann an dieser Stelle versprechen, dass dieser Thriller für beschleunigten Puls sorgen wird. Kopenhagen hat sich die dänische Autorin als Schauplatz ausgesucht und damit aus meiner Sicht eine perfekte Wahl getroffen. Eigentlich scheinen Krokodile ja in der skandinavischen Metropole eher selten zu sein und nur im Zoo vorzukommen, aber ihr könnt euch darauf verlassen, dass Katrine Engberg diesen Titel nicht willkürlich für den Auftakt ihrer Krimi-Serie ausgewählt hat. Er steht jedoch nicht so sehr für das Reptil, in dessen Haut eigentlich niemand gerne stecken würde. Der Titel des Romans entwickelt sich erst gegen Ende der Geschichte zur einprägsamen Metapher für ein symbiotisches Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Die Ausgangssituation verspricht alleine schon für sich Hochspannung. Ein Mord erschüttert ein beschauliches Mehrfamilienhaus im Herzen der Stadt. Julie wohnt noch nicht so lange in Kopenhagen. Und nicht allein die Tatsache, dass sie ermordet wurde schockiert die Bewohner des Hauses, auch die Begleitumstände ihres Todes sind mehr als außergewöhnlich. Jemand hat sie nicht nur erstochen, sondern auch ein Kunstwerk aus filigranen Messerschnitten in ihrem Gesicht hinterlassen. Ob die junge Frau schon tot war, als ihr die Schnitte zugefügt wurden, ist nur eine der vielen offenen Fragen für die Ermittler der Kopenhagener Mordkommission.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

Doch genau diese Diskrepanz ist der Brennstoff im Triebwerk dieses Thrillers. In kurzer Zeit zeigen sich erste Ermittlungserfolge. Der Personenkreis möglicher Täter ist nicht sonderlich groß. Profiler grenzen ihn plausibel ein und als sich bei der Besitzerin des Hauses, Esther de Laurenti, ein Thriller-Manuskript findet, scheinen sich die Kreise zu schließen. Wird doch in ihrem Buch der Mord an einer jungen Frau genauso verübt, wie es sich im Fall der jungen Julie zugetragen hat. Auch im Manuskript findet man ein junges Mädchen mit einem tödlichen Schnitt-Kunstwerk im Gesicht vor. Nun gilt es das Manuskript zu lesen und daraus weitere Schlüsse zu ziehen. Kørner und Werner legen los.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Schnell scheinen sich Motiv und Profil zu decken. Schnell findet man im Umfeld der Professorin einen möglichen Täter auf den alles passt, der jedoch ebenso schnell wie endgültig von der Bildfläche des Thrillers verschwindet. Ermordet. So nah dran. So weit entfernt. Und als dann auch noch Esther de Laurentis Thriller-Manuskript in den Tiefen des Internets wie von Geisterhand weitergeschrieben wird, stehen Kørner und Werner wieder am Anfang der Ermittlungen. Der Wechsel aus Handlungsfaden und Manuskript verleiht dem Buch eine besondere Dynamik. Man rätselt mit, kombiniert und entwickelt ganz eigene Theorien. Was Katrine Engberg natürlich nicht daran hindert, mit uns Katz und Maus zu spielen.

Ein Spiel auf hohem Niveau. Ein Spiel, das am Ende aller Ermittlungen keine Fragen offenlässt. Und ein Spiel, das weitere Leben kosten wird. Unser Kopenhagen-Streifzug führt uns in ganz besondere Kreise dieser pulsierenden Stadt. Er führt uns unweigerlich zu Geheimnissen, die ausreichenden Zündstoff für einen guten Page-Turner bieten. Im Moment des Erkennens, fallen uns kriminalistische Schuppen von den Augen. Katrine Engberg schreibt auf hohem Niveau. Sie konstruiert nicht wild vor sich hin und fabuliert keine Story, der es an Bodenhaftung fehlt. Der „Krokodilwächter“ hat es in sich. Zarte Leseseelen sollten nicht vor dem Thriller zurückschrecken. Blut fließt hier nur subtil und auch nur dann, wenn es für die Handlung erforderlich ist. Gewaltorgien zeichnen dieses Buch nicht aus. Es packt uns anders. Indirekt. Lesenswert.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich habe zu gleichen Teilen gelesen und gehört. Dietmar Bär macht aus dem Buch ein wahres Hörerlebnis. Er versteht es, uns die Handlung verstehen zu lassen und den Faden nicht zu verlieren. Und doch gelingt ihm eines nicht. Im Vorlesen verschwimmen die Grenzen zwischen dem eigentlichen Roman und dem eingeflochtenen Manuskript. Das Buch trennt diese beiden Stränge durch unterschiedliche Schriftarten. Ein zweiter Sprecher hätte hier gutgetan. Man muss zu genau hinhören, um die Grenze auszuloten. Dietmar Bär nuanciert seine Stimme meisterlich in der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag, aber hier hat das gebundene Diogenes-Werk einfach Vorteile, die sich stimmlich nicht aufholen lassen.

Ein besonderes Highlight zum Schluss. Die Schnitte auf dem Buchcover sind nicht nur aufgeprägt. Es sind tiefe Einschnitte in das Cover eines Thrillers, der auch für euch ein einschneidendes Erlebnis sein wird. Bleiben wir gespannt. Die Kopenhagen-Serie geht weiter.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

„Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Jetzt mal unter uns, Jungs. Die Zeiten haben sich schon sehr verändert, Rollenbilder und Männerwelten sind nicht mehr das, was sie mal waren, aber manchmal gelingt uns doch die Flucht. Vatertagsausflüge (neudeutsch Herrentagstouren) wecken die Männer in uns. Was für richtige Jungs. Survival unter verschärften Bedingungen, oder wann ist es ansonsten noch denkbar, dass wir uns selbst vor einen Bollerwagen spannen und in wagemutigen Abenteuergruppen zu Expeditionen aufbrechen, die es in sich haben? Ist es nicht ein wahrlich HERRlicher Anblick, diese von allen Pflichten befreiten Männer im Schweiße ihres Angesichts und unter Einfluss berauschender Getränke zu beobachten und ihnen die Daumen zu drücken, dass sie gesund zu ihren Familien zurückkehren?

Drei Mann in einem Boot – Das Vatertags-Special – Mit einem Klick zum PodCast

Wahre Traditionen werden niemals untergehen. Männerausflüge gehören einfach zur Geschichte der Menschheit, wie Revolutionen, Kriege und die Pest. Frauen sind da einfach fehl am Platz. Schmückendes Beiwerk. Zierrat. Gerne gesehen, aber genau an diesen Tagen nicht erwünscht. MANN will unter sich sein. Das Leben schmecken. In Erinnerungen schwelgen. Sich selbst ausprobieren. In der Rolle aufgehen und die Fünf auch mal gerade sein lassen. Tradition. Glaubt ihr nicht? Lasst uns doch in der Literatur nach einer Spur suchen, die heute traditionsstiftend für Männerausflüge sein könnte. In keinem Land werden wir schneller fündig, als im konservativen England des späten 19. Jahrhunderts. Da war die Welt für den Mann noch in Ordnung. Frauenwahlrecht? Lach. Noch Jahrzehnte entfernt. Hier konnte das Mannsein noch zelebriert werden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Jerome K. Jerome verfasste das Standardwerk in Sachen Herrenausflug.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Seine Erzählung „Drei Mann in einem Boot – Ganz zu schweigen vom Hund“ kann mit Fug und Recht als die Mutter aller Männerausflüge bezeichnet werden. Wobei es ja eigentlich eher der Vater heißen müsste. So ändern sich die Zeiten. Aber egal. Es ist wie es ist und wenn uns die Sehnsucht nach einer längst untergegangenen Welt der Männer packt, dann empfiehlt es sich, jenes epochale Werk zu lesen. Eine Schiffsreise stand schon immer ganz oben auf der Richterskala der großen Abenteuer unserer Zeit. Bootsausflüge galten im viktorianischen Zeitalter als DAS Maß der Dinge, wenn es galt Mut und Geschick zu beweisen. Jerome K. Jerome nimmt uns mit zu dieser Expedition auf der Themse. Wobei man schon bemerken muss, dass die Themse allein schon für sich ein Synonym für Wildwasser und Lebensgefahr ist. (hust)

Und ja, die drei Männer, die der Autor hier in die Stromschnellen schreibt sind die wohl letzten großen Abenteurer eines Zeitalters der großen Eroberer. Und das Boot, ja, das Boot steht in direkter Tradition mit den großen Forschungsschiffen des Empire. Die Golden Hind, die Endurance oder die Terror müssen in einem Atemzug mit dem Boot genannt werden, um das es hier geht. (hust) In Wirklichkeit handelt es sich hier um eine Nussschale, ein kleines Ruderboot mit zwei Riemen und Platz für den dritten Mann, der sich gerade ausruhen und steuern kann. Wobei wir schon zu allen Problemen kommen, die Jerome K. Jerome zur Grundlage seiner Geschichte macht. Drei verwöhnte Männer, ein sehr kleines Boot und ein Hund, von dem noch die Rede sein wird.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Der Autor macht sich über alle Klischees lustig, die dem geneigten Leser dabei in den Sinn kommen. Und nicht nur das. Er nimmt sich selbst auf Schippe und Korn, weil er nach dem Motto „Wir sitzen alle im selben Boot“ einer der drei Alltagshelden an Bord ist. Drei Männer, die für alles geeignet scheinen, nur nicht für diese Reise. Briten eines Zeitalters der gepflegten Erscheinung, des Komforts und eben echte Snobs, wie sie im Buche stehen. In diesem. Hypochonder, die körperliche Arbeit nicht kennen und viel zu egoistisch sind, um im Team wirken zu können. Jerome, George und Harry werden zu Schreckgespenstern für jeden, der darüber nachdenkt, wen man auf eine solche Reise mitnehmen könnte. Jeden, nur bitte keinen von den Dreien. Dann doch lieber den Hund Montmorency, der zwar für einigen Ärger sorgt, aber immer noch produktiver erscheint, als die Drei Männer in einem Boot.

Mit unglaublich präziser Situationskomik zerlegt der Autor sich selbst und seine Gefährten in die kleinsten Moleküle von Unfähigkeit. Kleine Rückblenden erläutern, warum ganze Familien an ihnen verzweifeln, wenn auch nur einer von ihnen den Nagel auf den Kopf treffen will. Ein Bild aufzuhängen wird zum Staatsakt, an dessen Ende die heillose Panik um sich greift. Arbeitsmoral ist ein Fremdwort und schon das Packen für die Reise wird zur Lachnummer. Nachdem die drei Ausflügler eine erste Liste der ganz wichtigen und unverzichtbaren Dinge erstellt haben, die unbedingt an Bord müssen, ist es völlig klar, dass die Themse nicht genügend Tiefgang für einen solchen Frachtkahn hätte. Also beschränkt man sich auf das Allernotwendigste und auch das lässt uns die Lachfalten im Gesicht erbeben.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wenn eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert ihren aberwitzigen Humor zeitlos trocken in unsere Zeit rettet, dann haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Viele der Episoden dieser Schiffsreise bleiben im Gedächtnis. Pleiten, Pech und Pannen sind Wegbegleiter der drei Flussschiffer. Und wenn ausnahmsweise etwas gelingt, dann ist immer noch ein Hund an Bord, der sich ins Zeug wirft. Wir lernen im Buch, wie man die Wäsche unterwegs nicht waschen sollte, was beim Treideln strengstens zu unterlassen ist und warum es Unglück bringt, unterwegs weibliche Passagiere aufzunehmen, die in blütenweißen Kleidern an Bord Platz nehmen und auf ihr Äußeres bedacht sind.

„Drei Mann in einem Boot“ ist das wohl komischste britische Buch, das ich lesen und hören durfte. Die kleine feine Prachtausgabe der Manesse Bibliothek in neuem Design steht diesem Buch sehr gut. Es ist jetzt nicht nur inhaltlich, sondern optisch und haptisch ein wahrer literarischer Leckerbissen. Es ist jedoch kein Zufall, dass ich mich auch in die aktuelle Hörbuchfassung von Der Hörverlag verliebt habe. Das hat gleich mehrere Gründe. Die Episoden der Reise sind so unterhaltsam, dass man sich einfach extrem gut aufs Hören konzentrieren kann, weil man die Hände frei hat. Wie sollte man sich sonst die Lachtränen aus dem Gesicht wischen. Und mit Axel Milberg konnte der wohl am britischsten klingende deutsche Sprecher und Schauspieler für die Produktion gewonnen werde.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Milbergs distinguierter, versnobter Tonfall macht aus diesem Hörbuch ein echtes Erlebnis. Ihm gelingt der Zeitsprung in das angestaubte England so perfekt, dass man denkt, sich auf einer Zeitreise zu befinden. Sein Anglerlatein ist grandios, die Ignoranz gegenüber der Realität faszinierend und seine Verweigerungshaltung gegenüber jeder körperlichen Arbeit legendär. Axel Milberg rudert sich durch eine Geschichte, ohne sich dabei die Hände nass oder schmutzig zu machen. Es ist brillant, wie lebendig er dieser Erzählung Leben einhaucht. Bewundernswert, dass er nicht selbst lauthals lachen und prusten musste beim Einlesen der Geschichte. Er hat diesen Klassiker stimmlich vom Stapel gelassen und dem sanften Verlauf der Themse anvertraut. Dabei nimmt er jede Faser des Humors mit an Bord, den Jerome K. Jerome auf seine Packliste schrieb.

Vatertag, jetzt kannst du kommen. Rein in die Boote, Leinen los und auf in das letzte große Abenteuer für echte Männer. Wer zum Lachen in den Keller geht, sollte ihn noch schnell schallisolieren. Ansonsten hört man euch im ganzen Haus, ob ihr lest oder hört. Eure Lachtränen lassen den Pegelstand der Themse um einen gefühlten Meter steigen und sorgen dafür, dass euer Boot stets Gefahr läuft zu kentern. Wer beste Unterhaltung sucht, ist hier gut aufgehoben. Heuert an und lacht über euch selbst, über uns Männer oder einfach so, weil die pure Lust am Lesen und Hören hier einen Höhepunkt erreicht, der Flutwellen des Lachens in euer Leben spült.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wir sitzen alle im selben Boot. Gute Fahrt und immer eine Handbreit Themse und Humor unter dem Kiel. Sie möchten diese Rezension hören? Bitte sehr

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Literarische Fallhöhe. Schon mal davon gehört? Es ist die Höhe, aus der man sich als Leser in eine Geschichte fallenlässt, weil man die innere Bereitschaft und Interesse mitbringt, sich einem bestimmten Thema zu öffnen. Je größer die Fallhöhe, desto tiefer gelingt das Eintauchen in die Fantasiewelt eines Autors. Zumeist kann die Bereitschaft, sich auf ein Thema einzulassen bereits beim Lesen des Klappentextes ausgelotet und bewertet werden. Hier treffen wir Entscheidungen. Ganz bewusst. Und wer ganz allein für sich feststellt, keine Krimis zu mögen, der sollte sie tunlichst umgehen und nicht am Ende des Lesens sagen „Ich mag ja keine Krimis und das Buch hat mir nicht gefallen.“ Definieren wir mal die literarische Fallhöhe für den folgenden Roman.

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig. Mögen Sie fantastische Romane, in denen es um Zeitreisen, unendliches Leben oder zeitlose Gefühle geht? Lieben Sie es, sich in ihrem Lesen vorzustellen, wie es wäre unsterblich zu sein? Schmelzen Sie dahin, wenn in Filmen wie „Highlander – Es kann nur einen geben“ der Song „Who wants to live forever“ erklingt? Träumen Sie sich nach Schottland, wenn Sie Diana Gabaldon in die „Highland-Saga“ folgen und eine Frau begleiten, die in die Vergangenheit reisen kann und sich natürlich dort unsterblich in einen Sterblichen verliebt. Mögen Sie die TV-Serie „Outlander“, die auf dieser Saga basiert? Klingelt es in Ihrem Herzen, wenn Sie Worte wie Sassenach und Lallybroch vernehmen? Haben Sie sich mit Anne Brashares auf eine zeitlose Liebe eingelassen, die zwei Menschen über viele Jahrhunderte hinweg so intensiv miteinander verband, dass sie sich ständig „So nah und doch so fern“ waren?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Haben Sie in diesem kurzen Abriss Schlüsselbegriffe gefunden, die etwas in Ihnen auslösen? Oder lässt Sie das alles kalt und kommen Sie zu dem Entschluss, dass man Sie mit diesem Thema besser in Ruhe lässt? Wenn Sie ein leichtes emotionales Zittern spüren, das schon beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut verursacht, dann ist es so, dass Sie die richtige Fallhöhe erreicht haben, um sich auf Mattt Haig einzulassen. Dann ist es so, dass Sie nicht enttäuscht werden, wenn Sie zu diesem Roman greifen, weil er mit all diesen zeitlosen Bildern spielt, sie neu arrangiert und in schillerndsten Farben in einer grandiosen Geschichte anordnet. Genau dann sollten Sie sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen. Er ist der Missing Link zu allen vorherigen Büchern dieses Sujets. Es ist ein Muss, sich die Frage zu stellen „Wie man die Zeit anhält“. Warum?

Sehr einfach. Weil es brillant, tiefgründig, humorvoll und zutiefst emotional ist, was uns Matt Haig in seinem neuesten Roman erzählt. Darf ich Euch Tom Hazard vorstellen? Er lebt im hier und jetzt, könnte Euch im täglichen Leben begegnen, ist nicht sehr auffällig und wirkt eigentlich wie ein normaler Vierzigjähriger auf sein Umfeld. Nur, der Eindruck täuscht gewaltig, denn in ihm drin sieht es ein wenig anders aus. Tom ist in Wirklichkeit über 400 Jahre alt. Er ist keineswegs unsterblich, aber sei Alterungsprozess verläuft im Vergleich zu den „Eintagsfliegen“ (so bezeichnet er uns Normalsterbliche) schleppend. Das bringt natürlich ein großes Portfolio an Problemen mit sich, die sein Leben nicht so lebenswert erscheinen lassen, wie es sein sollte. Sein größtes Problem ist Einsamkeit. Er musste im Lauf seines Lebens viele Eintagsfliegen zurücklassen, sah sie altern und letztlich sterben. Ganz normal. Er jedoch altert kaum. Er bleibt eher der Alte, wobei das natürlich auch wieder problematisch ist.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Matt Haig entwickelt aus dieser Ausgangssituation eine brillante Geschichte, die uns zu den Wegbegleitern jenes Tom Hazard macht. Wegbegleiter, die nicht nur ihn im Verlauf seines langen Lebens kennenlernen, sondern die gleichzeitig die Jahrhunderte erleben, in deren Verlauf seine Veranlagung zu immer neuen Problemen führte. Das ist extrem durchdacht, wirkt plausibel und macht betroffen. Wie ging man im Lauf der Zeit mit Menschen um, die einfach nicht älter wurden? Konnte man sich da in einem Umfeld sicher fühlen, in dem Hexen verfolgt und verbrannt wurden? Geriet man nicht ins Visier von Menschen, die das Andersartige als tödliche Gefahr sahen? Der ethische Kontext der jeweiligen Zeit kennzeichnet den Kollisionskurs, auf dem sich Tom Hazard befindet.

Er lernt sehr schnell. Liebe ist fatal. Herzensbindungen einzugehen ist mehr als verstörend. Menschen zu verlieren, die man liebt, verfolgt den fast Unsterblichen fast durch das ganze Leben. Einziger Trost ist das Wissen, dass er nicht allein ist. Es gibt noch mehr Menschen, die seine Veranlagung teilen. Viele von ihnen haben sich einer geheimen Organisation angeschlossen, die das Weiterleben in sich ändernden Zeiten auf sichere Beine stellen. Man denke nur an Dokumente, Geburtsurkunden, Identitäten und nicht zuletzt auch an mögliche Berufe, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Der Tom Hazard unserer Zeit arbeitet zum Beispiel gerade als Geschichtslehrer. Wer könnte dieses trockene Fach seinen Schülern lebendiger näherbringen als jemand, der die Geschichte als Augenzeuge erlebt hat?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Also gilt es die Regeln zu befolgen, die aus Sicht der Gesellschaft der Albatrosse als vernünftig gelten. Nicht verlieben, spätestens nach acht Jahren den Wohnort und die Identität wechseln, keine Fotos zulassen und Alleingänge derer verhindern, die der Organisation der Albatrosse nicht angehören. Konflikt- und Spannungspotenzial ohne Ende. Und Matt Haig holt alles raus, was rauszuholen ist. Brillant erzählt, keine Chance sich dem Spannungsbogen zu entziehen und wundersames Staunen, wenn wir an der Seite von Tom Hazard den Großen der Weltgeschichte persönlich begegnen. Ein klein wenig Smalltalk mit Shakespeare, eine Schiffsreise mit Captain Cook, ein Whisky mit Scott F. und Zelda Fitzgerald? Kein Problem. Sie sind alle da und so vital, wie man es sich nur wünschen kann.

Klingt alles lustig? Nicht wirklich. Matt Haig verbirgt in seiner fulminanten Story auch das ganz große Drama. Was passiert, wenn sich ein Albatros unsterblich verliebt? Was, wenn ein Kind als Frucht dieser Liebe entsteht. Ist die ewige Jugend vererbbar? Altert das Kind ebenso wenig wie sein Vater oder bleibt er jung, während er das eigene Kind auf dem Weg zum Greis begleitet? Was, wenn die Gesellschaft der Albatrosse sich zur Geheimgesellschaft entwickelt, die Opfer fordert? Und was, wenn Wissenschaftler aller Epochen den seltsamen Menschen auf die Spur kommen, die das Gen der fast ewigen Jugend in sich tragen? Und wie verhält sich Tom Hazard, wenn ihm plötzlich eine Frau begegnet, für die er alles aufgeben würde, weil er sich gegen alle Regeln verliebt? Alle Fragen beantwortet der Roman. „Wie man die Zeit anhält“ wird zum großen Leitmotiv eines Romans, der in einer Reihe mit Gabaldon und Brashares zu nennen ist, wenn es um die großen „Zeitgeschichten“ geht.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Das Buch aus dem Hause dtv ist ein wahrer Pageturner. Die Hörbuchfassung von Der Hörverlag besticht und brilliert mit der Auswahl des Sprechers, der in die Rolle von Tom Hazard schlüpft. Alle Emotionen gilt es hier zu transportieren. Das Changieren der Stimmungslagen ist hier das Kunstwerk an sich. Humor, Kuriositäten und Anekdoten in ständigem Wechsel mit Verlustangst, Trauer, Zweifel und Verliebtheit zur Entfaltung zu bringen ist das prädestinierte Betätigungsfeld für Christoph Maria Herbst. Was er ins Hörbuch zaubert, ist schlicht und ergreifend gar nicht schlicht aber doch ergreifend. Er spricht sich in alle Rollen hinein, macht Geschichte lebendig und reanimiert die Großen der Weltgeschichte.

Wenn ich jetzt sage, ich könnte Christoph Maria Herbst stundenlang zuhören und einfach nur genießen, was er mir erzählt, dann sage ich das aus gutem Grund. Es fußt auf meiner Hörerfahrung. Neuneinhalb Stunden trieb ich mit seiner Stimme ungekürzt durch alle wichtigen Epochen der Geschichte. Nie verlor ich den Faden, immer wieder holte er mich da ab, wo ich das Hören unterbrach. Und immer, wenn es galt Tränen zu lachen oder zu vergießen, gelang es Christoph Maria Herbst mich in die entsprechende Grundstimmung zu versetzen. Hören oder lesen? Ich kann mich nicht entscheiden. Die Vielfalt der Charaktere verleitet mich sehr zum Hören. Ein absolutes Erlebnis. Am Ende bleibt nur festzuhalten, dass die literarische Fallhöhe in diesem Roman extrem hoch ist. Lachenweinen garantiert.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig