Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

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Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

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Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

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Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

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„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Er war der 56. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er schrieb gleich in mehrfacher Hinsicht Geschichte. Er war der erste Afroamerikaner in diesem Amt, man verlieh ihm den Friedensnobelpreis und er ließ seiner Amtszeit von 2009 bis 2013 eine zweite von 2013 bis 2017 folgen. Sein Slogan „Yes we can“ ging um die Welt und man romantisiert seine Präsidentschaft gerade in der heutigen Zeit, weil man ihn mit seinem Nachfolger Donald Trump vergleicht. Losgelöst von der politischen Kompetenz stehen gerade bei diesem Vergleich die soziale Kompetenz, die menschliche Wärme und sein unbestrittenes Charisma im Zentrum der Betrachtung. Hier lässt er seinen Nachfolger, auch aus Sicht internationaler Partner und Verbündeter, meilenweit hinter sich. Er war ein Ausnahmepräsident. Barack Hussein Obama.

Alles nur gefühlt? Alles nur emotional überlagerte Faktenlage oder belegbar? Können wir die Beliebtheit eines Präsidenten und seine Ausstrahlung wirklich bewerten oder ist es eher so, dass unsere Sympathien frei im luftleeren Raum hängen, wenn über einen Menschen urteilen, der aus unserer Sicht prägend für sein ganzes Land war? Vielleicht ist es so. Ich bin jedoch dankbar dafür, mich besser informieren zu können und mir auf diese Art und Weise (ganz besonders in Zeiten von Fake-News) ein ganz eigenes Bild machen zu dürfen. Ich bediene mich einer Kollektion von Primär- und Sekundärquellen, die in Gänze einen umfangreichen Blick auf den Menschen zulassen, der gerade heute im politischen Weltgefüge schmerzlich vermisst wird.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Barack Obama war der erste US-Präsident, der während der gesamten achtjährigen Amtszeit jeden Abend ausgewählte Briefe seiner Bürger las. Er hatte dazu ein eigenes Kommunikationszentrum installiert, in dem eine ganz besondere Crew die eingehende Postflut sichtete, sortierte und las. Der Lektüreraum im Weißen Haus war für insgesamt acht Jahre die Anlaufstelle abertausender E-Mails, Briefe und sonstiger Nachrichten. Er war der Ort, an dem darüber entschieden wurde, welche Briefe ihren Präsidenten ganz persönlich erreichen sollten und auf welche man mit standardisierten Antwortschreiben reagierte. Hier regierte nicht der Zufall. Hier steckte System hinter dem Chaos. Es gab Schlagwort-Wolken, Algorithmen und eben auch eine riesige Portion Empathie, die ins Feld geführt wurde, um den Präsidenten im Dialog mit seiner Nation zu halten.

10 Briefe am Tag. So lautete die Vorgabe von Barak Obama. 10 Briefe, hinter denen sich Menschen verbargen, Schicksale und Hoffnungen, Anliegen, Angst, Hoffnung und oftmals einfach auch nur der Wunsch, Dampf abzulassen. Dabei war schon zu Beginn dieses Kommunikations-Projektes klar, dass der Präsident nicht nur mit seiner Fanpost konfrontiert werden wollte. Ganz im Gegenteil. Barak Obama suchte nach Geschichten, die ihm sein Land zeigten, wie er es in der Abgeschiedenheit an der Spitze der Nation nicht mehr selbst erleben konnte. Die meisten Zuschriften mit den Worten: „Ich denke, Sie werden diesen Brief niemals lesen“ erreichten ihn tatsächlich nicht. Aber es gab da etwas, das sich schnell herumsprach und die Menschen dazu veranlasste, sich ihm anzuvertrauen. Barack Obama beantwortete die Briefe persönlich, handschriftlich und voller Einfühlungsvermögen.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas stellt den Versuch dar, nicht nur den Briefen auf die Spur zu kommen, nicht nur eine Kollektion aus Anliegen und antworten zu veröffentlichen. Die etablierte Journalistin geht in jeder Hinsicht weiter, als es der Buchtitel erwarten lassen würde. Sie veröffentlicht Briefe, die Obama erreichten und auf die er selbst antwortete. Sie hat ein Spektrum an Zuschriften ausgewählt, das die gesamte Bandbreite dieses Dialoges zeigt. Sie konfrontiert uns mit den Sorgen und Nöten der Menschen, sie legt uns Beschwerden und Protestnoten vor, die den Präsidenten tief getroffen haben mussten. Sie zeigt uns Briefe und E-Mails, an denen sich Obama aufrichten konnte, weil sie die Auswirkungen seiner Politik auf den Einzelnen dokumentierten. Aber dann verlässt sie den Lektüreraum und spricht mit den Mitarbeitern dieser Dialog-Truppe, mit Praktikanten und Sonderbeauftragten im Weißen Haus, die an vorderster Front mit den Augen ihres Präsidenten lasen, schrieben, hörten und archivierten. 

Damit nicht genug. Parallel zu diesem intensiven und zutiefst menschlichen Blick ins Zentrum der Briefe, verlässt sie das Weiße Haus und begegnet den Menschen im weiten Land, die Antwort von ihrem Präsidenten erhielten. Sie erzählt ihre Geschichten und die Gründe, die dazu führten, dass man dem Präsidenten schrieb. Und dann zeigt sie, was seine Antworten kurz- und mittelfristig bewirkt, verändert und bedeutet haben. Diese multiperspektivische Betrachtung macht aus diesem Buch und der aufwendigen Hörbuchadaption mehr als nur eine Momentaufnahme. Sie hebt die Briefe, Antworten und Sachverhalte, die ihnen zugrunde liegen auf eine Ebene, die jenseits der Politik in der Lage ist aufzuzeigen, was diesen charismatischen Menschenfänger im positivsten auszeichnet. Seine menschliche Größe wird in jeder Antwort aus seiner Feder sichtbar. Sein Umgang mit Lob und Kritik, ja sogar mit wüstesten Beschimpfungen verdient jede Hochachtung. Und die Antworten aus seiner Feder waren in der Lage, das Leben derer zu verändern, die ihm schrieben.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Die persönlichen Begegnungen mit seinen „Brieffreunden“ gehören zu den ganz besonderen Höhepunkten dieses Buches. Ich werde die Mutter nicht vergessen, die ihm von ihrem ganz kleinen Leben erzählte, die ihm schrieb, wie schwer es ist das Geld für Familie, Haus und Krankenversicherung aufzutreiben. Die ihm mit auf den Weg gab, er möge sein Bestes geben, damit auch sie ihr Bestes geben kann. Ein Brief, der mehr erzählte, als eine einfache Geschichte. Er beschrieb die Lage der Nation. In einfachen Worten. Wie groß war die Überraschung dieser Frau, als sie von Barack Obama nach Washington eingeladen wurde, um seine Rede an die Nation zu hören. Wie groß muss ihre Überraschung gewesen sein, zu erkennen, dass ihr eigener Brief die Rede an die Nation war. Ein Meilenstein des Dialogs mit seiner Nation.

Jeanne Marie Laskas blickt in die Seelen und Herzen der Briefschreiber. Sie geht auf viele Mitarbeiter im Lektürezentrum zu und erzählt ihre Geschichten von Motivation, Betroffenheit und Liebe zu dieser Arbeit. Dabei hat sich die Autorin den denkbar besten Zeitpunkt für diese Reportage ausgewählt. Obama ist abgewählt. Trump steht kurz vor seinem Einzug in den heiligen Hallen. Die Zukunft des Briefprojektes ist ungewiss. Man räumt die Büros. Man räumt das Feld für jemandem dem man alles zubilligen kann, nur kein warmes Herz, keine Empathie und keinen Stil im Umgang mit Menschen. Es ist in jeder Zeile dieses Buches zu fühlen, wie der Abgesang auf eine Ära klingt. Alles ändert sich. Die Briefe in den letzten Amtstagen von Barack Obama sprechen eine deutliche Sprache. Acht Jahre dieser absolut beispiellosen Korrespondenz lassen den Untertitel „Das Porträt einer Nation“ zu.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Ich begann dieses Porträt hörend. Die Stimmen von Christian Baumann, Julia Cortis, Juliane Köhler und Franz Pätzold trugen mich durch die Flut der Briefe und vermittelten das Gefühl, direkt ins Lesen und Schreiben involviert zu sein. Ihre Stimmen ließen mich teilhaben an den Sorgen und Nöten der Bürger, sprachen mich aber auch als Präsident ganz direkt an. Fast 10 Stunden in der gekürzten Lesung breiteten die Wucht einer Zeit vor mir aus, die heute vergangen scheint. Diese acht CDs entsprechen acht Jahren im Amt. Eine kurze Zeit. Eine sehr lange Zeit. Eine extrem wichtige Zeit. Und doch musste ich neben dem Gehörten auf das Buch zurückgreifen, weil es handschriftliche Briefe, in Eile verfasste Notizen, E-Mails und die handsignierten Antworten von Barack Obama beinhaltet. Die Textgestaltung ist brillant und die Authentizität, die das Buch ausstrahlt macht es zu einem Dokument der Zeitgeschichte, in dem man immer wieder versinken möchte, wenn man den Glauben an das Gute in der Politik verloren hat.

Am Ende kommt er selbst zu Wort. Am Ende schließen sich Kreise beim ehemaligen Präsidenten. Jeanne Marie Laskas kann ihn zur Bedeutung der Briefe für sein eigenes Leben fragen, sie kann auf bestimmte Themen eingehen und beleuchten, wie die Post seine Haltung verändert hat. Barack Obama bleibt keine Antwort schuldig. Auch keine zur aktuellen Lage der Nation. „Briefe an Obama“ ist ein Muss für Menschen, die sich in sozialer und politischer Hinsicht mit der Welt auseinandersetzen. Ein Muss für Leser und Hörer, die Empathie als Grundlage von Führungsfähigkeit empfinden. Ein Muss in einer Zeit, in der diejenigen die Macht ergreifen, die Angst erzeugen, statt zu beruhigen oder Lösungen aufzuzeigen. Für mich ein Muss, weil mich die Themenvielfalt mehr als überrascht hat. Opfer von Amokläufen, Veteranen, Arbeitslose, verschuldete Menschen und Drogenabhängige, Inhaftierte, Alleinerziehende, Kranke ohne Versicherung, Mütter schwuler Söhne deren Väter Trump gewählt haben. Selten wird die Zerrissenheit eines Landes deutlicher. Selten wird ein Hoffnungsträger klarer erkennbar. Yes, we can. Das Mantra der Präsidentschaft Barack Obamas hallt lange nach.

Das Buch endet in Briefen. Das Hörbuch gönnt uns einen Ausschnitt von Barack Obamas Amtsantrittsrede 2009 im O-Ton. Gänsehaut garantiert..

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

„Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas
Hardcover: Goldmann Verlag
/ dt. von Nathalie Lemmens und Thorsten Schmidt / 544 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag 
/ gekürzte Lesung / 8 CDs / 9 Std. 43 Min / 22 Euro

Der Bücherdrache von Walter Moers [Zamonien]

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Gerade erst habe ich mich vom Schock erholt, dass es gar kein „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ gibt. Es ist erst wenige Wochen her, seit mir der wohl populärste Lindwurm Zamoniens, Hildegund von Mythenmetz, der eigentliche und wahre Autor der meisten Geschichten dieses fantastischen Kontinents, alle Drachenzähne gezogen hat und frei heraus erklärte, es handele sich bei diesen Weihnachtsritualen lediglich um zufällige Ähnlichkeiten mit den uns bekannten Festtagsabläufen. Nur knapp war ich der Gefahr entronnen, einen „Bücherräumaus“ zu veranstalten, weil das ja eine so schöne zamonische Tradition sei. Alles ist beim Alten. Alle Bücher und Hörbücher sind noch da. Ganz besonders diejenigen von Walter Moers. (Weiterhören bei Radio Hörbahn)

Der Bücherdrache - Walter Moers - Die Rezension fürs Ohr

Der Bücherdrache – Walter Moers – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Zamonien. Sehnsuchtsort und fantastischer Mahlstrom der Legenden und Sagen. Nie in Vergessenheit geraten und allzeit omnipräsent. So allgegenwärtig, dass es allein schon ausreicht, das Gerücht von der Existenz eines belesenen Lindwurms in die Welt zu setzen, um die Buchlinge im Gefolge des Meisterautors in Aufregung zu versetzen. Was sich in den letzten Jahren wie ein leichtes zamonisches Geplänkel anfühlte und in allen Lesern große Zweifel säte, ob es nach dem „Labyrinth der träumenden Bücher“ mit großen und wahrhaftigen Geschichten des zamonischen Epos weitergehen würde, mündete nun in eine unglaubliche Erwartungshaltung. „Der Bücherdrache“ warf einen Schlagschatten auf die Literaturlandschaft, der ausreichte, die Lindwurmfeste in ihren Grundfesten zu erschüttern. Aus der Feder von Walter Moers, von ihm selbst illustriert und in der guten Tradition der Mythenmetz`schen Erzählungen sollte es weitergehen.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache“. Endlich. Zamonien in Reinstform. Wo uns „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ nur rudimentär an den fantastischen Kontinent und seine Geschichten erinnern konnte, und „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ schon eher ein Fest für Buchlinge war, legt Walter Moers nun wieder richtig los. Immer noch nicht im erhofften Volumen einer echten labyrinthischen Fortsetzung, aber mit der Geschichte über ein legendäres Geschöpf, dessen Existenz wir nicht bezweifelt haben. Allein, es fehlte der Beweis. Hier halte ich ihn nun in Händen. Ein Buch, das sich in die Zamonien-Sammlung einfügt, wie ein fehlendes Puzzlesteinchen. Großformatig und in jeder Hinsicht reichhaltig illustriert, nach der Druckerschwärze aus der ledernen Grotte riechend und in seiner Haptik an einen Folianten aus der Bibliothek von Buchhaim nur allzu intensiv erinnernd. Das Herz eines jeden Buchlings macht einen Freudenhüpfer.

Und dann die Geschichte. Diese Geschichte. Hach. Einfach zum Dahinschmelzen. Es ist ja vielleicht nur ein Traum, in den wir mit Hildegund von Mythenmetz fallen. Es ist vielleicht gar nicht wahr, was er uns erzählt, aber… ABER. Ungläubige mögen zweifeln. Wahre Zamonien-Anhänger wissen, dass ihnen hier der Missing-Link zum Ormsumpf in die Hände gelegt wird. Jenem Sumpf, der seit jeher als die Brutstätte der Inspiration zu sehen ist. Ein geheimnisvoller Sumpf, der in Gedichten besungen wird und in dem das Orm entsteht. Jene Energie, die ihrem Besitzer literarisches Genie verleiht. Hier kommt das wahre Gold Zamoniens zur Welt. Ein literarischer Schatz.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

„In bösen, dunklen, kalten Tümpeln
Wo alte Bücher Orm gebären
Die tief in toten Sümpfen dümpeln
Wo Bücherwürmer sich vermehren
Wo alle Fragen Antwort finden
Doch niemand seine Frage kennt
Dort soll sich jener Dämon winden
Den man den Bücherdrachen nennt“

Traum hin, Traum her. Ich nehme diese Erzählung für bare Münze. Hildegunst wird lesend von einem Buch eingesaugt. Das passiert schließlich jedem von uns. Tiefer und tiefer fällt er in den Abgrund in und zwischen den Seiten, bis er schließlich dem kleinen Buchling Hildegunst Zwei begegnet. Diese Begegnung mit seinem Alter Ego setzt die Geschichte in Gang, der sich weder Hildegunst noch wir uns entziehen können. Er hat viel zu erzählen, der Miniatur-Buchling. Wahrhaft Bahnbrechendes. Er ist ihm begegnet und noch mehr. Er hat den Bücherdrachen nicht nur aufgespürt und ihn einäugig und eigenäugig gesehen, sondern hat sich sogar mit dem Fabelwesen unterhalten. Hier ist der Beweis für seine Existenz. Es gibt ihn. Den Drachen im Ormsumpf, der nicht lesen kann oder muss. Es reicht ihm schon, sich im Schlamm verrottender Bücher zu wälzen. Und schon greift das Orm nach ihm, inspiriert ihn und macht ihn so klug wie die große Bibliothek von Zamonien.

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Der Bücherdrache von Walter Moers – Andreas Fröhlich

Die Geschichte von Hildegunst Zwei gehört zweifelsfrei zu den magischsten aus dem Zamonien-Zyklus. Er erzählt vom Ursprung seiner Suche, den sechs Klassikern, die ihn verleiten in die Tiefe hinabzusteigen, seiner ersten Begegnung mit dem Drachen und der Unterhaltung auf die sich dieses lebendige Mysterium einlässt. Buchmagie und Literaturfaszination machen sich breit. Der Sumpf erwacht zum Leben und der Buchling Hildegunst Zwei wird zum einzigen Wesen, das in die Geheimnisse des Bücherdrachen eingeweiht wird. Sehr spät erkennt unser Buchling, dass er auf einmal zu viel weiß. Viel zu spät geht ihm das eine Auge auf. Rette sich wer kann, heißt es nun. Eine wilde Hatz durch den Ormsumpf beginnt, an dessen Ende nicht das Ende der Geschichte wartet.

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Ja, es ist vielleicht nur ein Traum, den wir hier erlesen und erhören dürfen. Einer zeitlichen Einordnung in den Zamonien-Zyklus entzieht sich dieses Buch jedenfalls mit diesem erzählerischen Trick. Da hat der gute Herr Moers sehr viel Orm getankt, als er diese Geschichte zu Papier brachte. Eigentlich müsste sie nach dem Labyrinth spielen. Eigentlich müsste sie schon im „Schloss der träumenden Bücher“ spielen. In jenem Buch, auf das wir schon so lange warten und dessen Erscheinen schon oft verschoben wurde. Ich mag nicht spekulieren. Dafür lässt „Der Bücherdrache“ auch keinen Raum. Ich nehme es, wie es kommt. Möge der Autor im Orm-Vollbad liegen und das Schloss vor seinem geistigen Auge entstehen lassen. 

Möge er Kraft und Inspiration schöpfen, um uns bald in die große Fortsetzung zu geleiten. Und bis dahin? Still schweigt der Sumpf? In Geduld üben? Oh nein. Da kennt Ihr Walter Moers schlecht. Am Ende des Bücherdrachen findet sich im Buch eine nicht angekündigte illustrierte Leseprobe. Es geht bald weiter. Und das, noch bevor wir uns dem Schloss nähern dürfen. Und wie es weitergeht. „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ heißt der klangvolle Titel. Es geht nach Eydernorn und wir dürfen erneut Hildegunst von Mythenmetz folgen, der sich nach dem Traum vom Ormsumpf und dem Bücherdrachen einfach nur erholen möchte. Leuchtturmlesen. Was könnte besser ins Portfolio passen? Leuchttürme sind meine ganz persönlichen Sehnsuchtsorte in der Literatur und meine kleine literarische Sternwarte ist voller magischer Geschichten, in denen sie eine Rolle spielen. Und nun kommen 1000 weitere Leuchttürme hinzu. Leserhörerherz, was willst Du mehr?

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers
Penguin Verlag / 192 Seiten / 20 Euro
Der Hörverlag / gelesen von Andreas Fröhlich / 4 Std. 25 Min. / 20 Euro

Der Wald von Nell Leyshon [Das Hörbuch]

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Machen wir es kurz. Hätte ich den Roman „Der Wald“ von Nell Leyshon gelesen, er hätte keinen Platz in der kleinen literarischen Sternwarte gefunden. Alleine schon, weil ich das Buch nicht beendet hätte. Und selbst wenn. Ich hätte keine große Lust gehabt, es zu rezensieren. Romane, die mir nicht gefallen, mit denen ich nicht warm werde und die meinen Erwartungen nicht entsprechen, sollen mir nicht auch noch die Zeit stehlen, die ich für mein liebstes Hobby aufwende. Das Schreiben über gute Literatur.

Zumeist mache ich nicht dem Autor den Vorwurf, mich nicht erreicht zu haben. In den meisten Fällen liegt es einfach an mir, am falschen Zeitpunkt des Lesens oder den thematischen Irrungen und Wirrungen, die mich plötzlich überraschten. Warum ich nun hier sitze und einen Artikel schreibe in dessen Mittelpunkt „Der Wald“ steht, hat nichts, aber auch gar nichts mit der literarischen Qualität des Buches zu tun. Diese Rezension verdankt das Buch ausschließlich der Sprecherin, die mich im Hörbuch aus dem Studio von Random House Audio zehn Stunden lang daran gehindert hat, die Stopptaste zu drücken. Laura Maire.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Warum hätte ich den Roman abgebrochen? Eine Frage, die ich wirklich mit Fug und Recht beantworten kann, weil ich hörend bis zu seinem Ende angelangt bin. Das große Potenzial des ersten Abschnittes wird in den beiden darauffolgenden Kapiteln in keiner Weise mehr ausgeschöpft. Charaktere entwickeln sich nicht mehr nachvollziehbar und der gut aufgebaute Spannungsbogen der Einleitung verpufft völlig ungenutzt im Leeren. Längen breiten sich aus und stürzen ins Bodenlose ab. Wir befinden uns in Warschau und erleben die von Nazis besetzte Stadt. Authentisch ist die Beschreibung der Bilder, in denen die nackte Angst ums Überleben und Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung im Mittelpunkt stehen. Hier begegnen wir dem jungen Pavel, dessen Vater im Widerstand kämpft, dessen Großmutter als Ärztin ihrer Mission selbstlos folgt und seiner Mutter, die versucht, alles zusammenzuhalten. Zofia ist in größter Sorge und versucht alles, um die kleine Familie durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges zu lenken.

Nur nicht auffallen. Nichts falsch machen. Sich auf keinen Fall zeigen. Sich selbst und ihren Sohn, ihre Schwester und ihre Mutter vor den Augen der Nazis verbergen. In dem Moment, in dem ihr Mann einen schwerverletzten britischen Soldaten mit ins Haus bringt, um ihn dort sterben zu lassen, verändert sich alles. So, wie der Verbündete aus dem Himmel gefallen ist, so fällt Pavels Familie nun der Krieg vor die Füße. Die Folgen sind dramatisch. Großmutter und Tante werden gefasst, der Vater flieht und Pavel und seiner Mutter bleibt nur die Flucht in den Wald. PUNKT. Bis dahin fesselnd. Starke und plausible Charaktere und ein Setting, das ganz nach meinem Geschmack war, wenn es darum geht, Geschichten gegen das Vergessen zu lesen. So viel Potenzial.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Und dann? Nachdem die Charaktere aufgebaut und beschrieben sind? Dann geht es hinein in den Wald. Ein Bruch, den die Handung schon hier kaum verkraftet, spielen doch die Personen, für deren Schicksal man sich bis hierhin interessiert hat, schon jetzt keine Rolle mehr. Und nachdem sich die Handlung mühsam über die Abgeschiedenheit des Waldes und das Warten auf das Ende des Krieges erstreckt hat, landen wir im Hier und Jetzt. London. Zofia ist Sofia und Pavel ist Paul. Der Krieg liegt lange hinter ihnen. Und nicht nur das. Das normale Leben in einer Beziehung zwischen Mutter und Sohn rückt in den alleinigen Mittelpunkt. Die Geschehnisse in Warschau? Irrelevant. Hier wird plötzlich das Liebesleben des erwachsenen Mannes wichtig und die Tatsache, dass er der Erwartungshaltung seiner Mutter nicht entspricht, mutiert zum Auge des Orkans. 

Warum ist sein Vater nicht geflohen? Wie verkraftet man die Zeit und die Trennung? Was trieb Sofia an, einfach so erneut zu heiraten? Warum schafft sie es nicht, nur eine Sekunde lang ihre Dauer-Nabelschau zu unterbrechen? Sie wird von Kapitel zu Kapitel nerviger, unsympathischer. Selbstreflexion ohne Hintergrund. Ihre Persönlichkeit ist mit der Vorgeschichte kaum in Einklang zu bringen. Als hätte die Autorin plötzlich die Idee gehabt einen Roman über eine konservative Mutter und ihren homosexuellen Sohn zu schreiben. Vergiss, was vorher war, lieber Leser. Hat nicht mehr zu interessieren. Sofia und ihr nagender Selbstzweifel bestimmen die Geschichte. Die Handlungsfäden reißen ohne Vorwarnung. Verlust, Verfolgung, Traumatisierung und Trennung. Nein. Das sind hier nicht die Determinanten des Romans, der zu Beginn genau das versprochen hatte.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Es plätschert dahin. Immer belangloser und ohne jede Verbindung zu der Geschichte, die eigentlich begeistern konnte. Nell Leyshon erzählt sprachlich gediegen. Sie vermag ihre Leser im ruhigen und sanft fließenden Strom ihrer Geschichte mitzunehmen. Doch hat sie für mich den Faden verloren und bis zum Ende nicht wiedergefunden. Themen werden in einen Topf geworfen, die dem Großen und Ganzen des Romans nicht mehr entsprechen. Damit wird aus dem Beginn eine bloße Kulisse. Das besetzte Warschau hat keine Relevanz für den Hauptteil des Romans. Zuletzt greift emotionaler Kitsch um sich. Das war besonders schwer zu verkraften. Warum ich trotzdem blieb? Warum ich mich nicht trennen konnte?

Ich war es Laura Maire schuldig. Ich dachte mir, wenn sie das hier durchzieht, dann schalte ich nicht ab. Wenn sie zehn Stunden lang alles investiert, um den Charakteren Leben und Kontur zu verleihen, dann höre ich zu. Das habe ich nicht bereut. Ich werde es nie bereuen. HörbuchsprecherInnen können Bücher retten. Das hat Laura Maire bewiesen. Ihre Dialoge zwischen Pavel und seiner Mutter sind stimmliche Meisterwerke und suchen Ihresgleichen. Ihre Betonung von Worten ist ein Spiel mit der Gänsehaut des Zuhörers. Kein Satz endet hart oder abrupt. Er klingt aus. Worte enden offen und sanft gehaucht, um im Nachhall haften zu bleiben. Ihre Pausen veredeln jeden Text. Ihr Wispern, Atmen und Zaudern sind Stilmittel einer großen Interpretin. Ihr gelang, was im Buch nicht möglich gewesen wäre. Sie trug mich bis zum Ende. Dafür bin ich dankbar.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Ich stehe mit meiner Meinung nicht alleine da. Ich tauschte mich schon während ich dem Hörbuch folgte mit Lesern und Hörern aus. Auf MonerlS-bunte-Welt findet ihr die Rezension, in der ich mich selbst wiederfinde. Ich war mir nie unschlüssig, was ich hier erlebte. In der Diskussion mit Monerl jedoch wurde mir klar, dass ich darüber schreiben muss. Ob ich jetzt das hochgelobte Hörbuch „Die Farbe von Milch“ von Nell Leyhon hören werde, daran zweifle ich noch. Zwar wartet hier ebenfalls Laura Maire auf mich, aber mein Vertrauen zur Schriftstellerin ist dezent gestört. Ich mag schon sehr, wenn in einer Schachtel das drin ist, was von außen suggeriert wird. Ich kaufe mir schon gerne festes Schuhwerk, wenn ich in einen Krieg ziehen will. Plüschpantoffel im Stiefelkarton zu finden, ist eher ernüchternd.

Laura Maire bei AstroLibrium. Von Anna und der Schwalbenmann über Aquila bis hin zur Höredition der Weltliteratur. Sie ist jedes Hören wert. Verneig.

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Der Wald von Nell Leyshon

Der Wald“ / Nell Leyshon / Random House Audio / gekürzte Lesung / 10 Std. 2 Min. / Sprecherin: Laura Maire / 8 CDs / 22 Euro / Dt. Wibke Kuhn / Roman: Eisele Verlag

„Niemals ohne sie“ von Jocelyne Saucier [Das Hörbuch]

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Es sind die verlorenen Mädchen, die in der kleinen literarischen Sternwarte eine neue Heimat finden. Es sind Mädchencharaktere in der Literatur, die auf der Strecke bleiben. Ausgegrenzt, verlassen, heimatlos oder einfach spurlos verschwunden. Ich bin zeitlesens auf der Suche nach Romanen, in denen ich diesen besonderen Mädchen in ihren Geschichten begegne. Selten zuvor sprang mich der Titel eines Romans so sehr an, wie dieser: „Niemals ohne sie“. Schon auf den ersten Blick war mir fast klar, dass ich im Buch von Jocelyne Saucier auf ein solches Mädchen stoßen würde. Mir war nur nicht klar, wie intensiv mich dieses Mädchen beschäftigen sollte, obwohl ich es niemals kennenlernen würde.

21 Kinder gehören zur Familie. 21 Kinder haben die Cardinals in die Welt gesetzt. Da verliert man schnell den Überblick und es fällt schon schwer, die Familie durch Untiefen und Schicksalsschläge zu navigieren. Besonders, wenn der Familienvater sein ganzes Leben lang immer ganz knapp am Glück vorbeigräbt. Als Erzsucher verdient er seinen Lebensunterhalt. Als Erzsucher wird er von allen geachtet und zugleich belächelt, liegt es doch in seiner Natur, immer nur erste Ausläufer neuer Erzvorkommen zu entdecken. Man muss ihm nur folgen und ein paar Meter neben ihm Graben. Schon hat man Glück und er blickt in die Röhre. Fatal für ihn. Fatal für die Familie. Er hat mehr Menschen im Minenstädtchen Norco reich gemacht, als man sich vorstellen kann. Sein Glück hat nie auf seine Frau und seine Kinder ausgestrahlt.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Sie fühlen sich betrogen. 21 betrogene Kinder und ihre betrogenen Eltern. Sie haben einen Plan, der das Glück erzwingen soll. Ein Plan, der Untertage liegt. Vor den Augen der Bewohner Norcos verborgen. Vor den Augen der Welt verborgen. 23 Verschwörer verbünden sich gegen die Welt. Nur ein paar Cardinals sind noch zu klein, um alles zu begreifen. Der Familienverbund organisiert sich. Ältere kümmern sich um Jüngere. Die Jungs fechten die Hierarchie aus, wer ihrem Vater zur Hand gehen darf und die Mutter versinkt in einer erschöpften Lethargie. Gezeichnet von 21 Geburten und nur noch vom Willen beseelt, ihre Kinder zusammenzuhalten. Untertage scheitert auch der Plan. Eine Explosion zerreißt nicht nur die Stille der Nacht. Sie zerreißt alles, was die Cardinals zu dem gemacht hat, was sie für einander waren. Untertage wird die Familie versprengt.

In der Nacht des fatalen Scheiterns senkt sich der dunkle Mantel des Schweigens über die Familie. Es gilt nicht nur Spuren zu verwischen, sondern auch einen Verlust vor den Augen ihrer eigenen Mutter zu verbergen, der schwerer wiegt, als die Aussicht auf ein Leben ohne den Reichtum, um den sie betrogen wurden. Es ist die Zahl 20, die fortan zur Bestimmungsgröße der Cardinal-Kinder wird. Es ist der Tod ihrer Schwester Angèle, der die Familie für immer aus der Bahn wirft. Es sind Fragen der Schuld, die im Raum stehen. Eine Schuld, die das Leben aller Cardinals verändert. Wie kann man der eigenen Mutter den Tod ihrer Tochter verheimlichen? Wie kann man sie ablenken? Wie kann man verhindern, dass sie beim abendlichen Durchzählen ihrer Liebsten auf diese Lücke in der Familie stößt? „Niemals ohne sie“. Der Titel des Romans ist das Mantra, unter dem die Zukunft aller Cardinals verläuft.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Jocelyne Saucier lässt Leser und Hörer in die labyrinthische Dunkelheit der Welt des Erzabbaus hinabsteigen. Sie entwickelt einen Erzählraum, der verschachtelt und geheimnisvoll ist. Sie schreibt von einer Familie, die eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Umwelt ist der Feind. Der „Mikrokosmos Cardinal“ hat sich wie ein Igel mit Stacheln gegen die Bewohner von Norco und die Betreiber der Minen zu verteidigen. Eine kleine schlagkräftige Armee terrorisiert die Umgebung. Von Rachegedanken beseelt. In jenen engen Grenzen und in einer klaren Hierarchie funktioniert der Familienverbund. Bis es zur Tragödie kommt. Diese Mutter kann man nicht täuschen. Hier braucht es einen gut durchdachten Plan.

Diese Frau kennt uns besser als wir selbst. Sie hat uns aus der Wolle ihrer Seele gestrickt, sie kennt uns auf rechts und auf links, sie findet jede verlorene Masche wieder. 

Von diesem Tag an gilt es zu verhindern, dass die Familie sich komplett versammelt. In alle Himmelsrichtungen treibt es die großen und erwachsenen Geschwister. Es folgt ein jahrzehntelanges Versteckspiel voller Ausreden, Selbstzweifel und Vorwürfe. Alles, um der Mutter den Schmerz des Verlusts zu ersparen. Lebenswege öffnen sich, die so unterschiedlich sind, wie man es sich nur vorstellen kann. Keines dieser Leben verläuft einfach. Jedes ist geprägt von Schuld und Verlust. Besonders das von Tommy, die als Zwillingsschwester der verlorenen Angèle, viel zu oft ein falsches Spiel spielen musste.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

30 Jahre später. Es ist unumgänglich. Ein Kongress führt die Familie zusammen. Eine hohe Auszeichnung für den Vater lässt keine Ausflüchte mehr zu. Wie lange gelingt es, die Zahl 20 geheim zu halten? Wie lange kann man die eigene Mutter beschützen und wie begegnen sich die nun erwachsenen Kardinal-Nachkommen? Alte Wunden reißen auf. Ein explosives Gemisch versammelt sich in einem Hotel, in dem die Vergangenheit ihre Schulden eintreibt. Sechs Perspektiven erzählen uns die Geschichte. Sechs Jungs und Mädels aus dem Clan kommen zu Wort. Eine Konstruktion, die uns zu Suchenden nach der Wahrheit macht. Schritt für Schritt wächst die Erkenntnis. Langsam lüftet sich das Geheimnis und im Showdown scheint sich zu wiederholen, was vor 30 Jahren tief unter der Erde ereignete. Der große Knall.

Wenn ich vom Alleinstellungsmerkmal eines Hörbuches schreibe, dann nur, weil es mehr bietet als das eigentliche Buch. Sechs Stimmen brennen sich ins Herz des Hörers ein. Sechs Stimmen, die sich nicht überlagern, erzählen ihre Geschichten. Nur einer Stimme, nur einem Charakter ist es vorbehalten, ein zweites Mal aufzutreten. Aus gutem Grund. Tommy. Sie spricht nicht nur für sich, sondern auch für ihre Schwester. Es sind unglaubliche Stimmen, die hier zu einer Hörbuchproduktion vereint wurden. Es sind Stimmen, die den Cardinals Identität verleihen. Starke Männer und noch stärkere Frauen kommen zu Wort. Eindringlich. Jeder dieser Stimmen gehört eine CD. Sieben CDs umfasst die Produktion. Mehr als sechs Stunden, die man so schnell nicht mehr vergisst.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Die SprecherInnen und ihre Rollen (Spitznamen der Cardinals):

Devid Striesow liest Matz
Claudia Michelsen liest Jeanne d`Arc
Anna Thalbach liest Tommy
Sabin Tambrea
liest El Toro
Robert Stadlober
liest Émilien
Benno Fürmann liest Geronimo

Diese Stimmen setzen sich fest. Es ist äußerst ungewöhnlich, sie ohne Überlagerung, ohne Dialog erleben zu können. Obwohl jeder dieser brillanten Stimmen ein Part dieser Geschichte gehört, scheinen sie miteinander zu kommunizieren. Das Mosaik setzt sich von CD zu CD zu einem komplexen Bild zusammen, das man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Verlorene Mädchen. Das war für mich die Überschrift des Hörens. Angèle ist präsent, ohne selbst zu Wort zu kommen. Sie ist das Mädchen, dem ich eine neue und geschützte Heimat geben möchte. In bester Gesellschaft mit den „Lost Girls“, die mir in meinem Lesen und Hören bisher begegneten. Eigentlich hat sie die Cardinals nie ganz verlassen. Vielleicht ist sie die Klammer die alles zusammenhält. Und doch ist sie eine lebenslange Treibladung am explosiven Kern einer Familie, die um ihr Glück betrogen wurde.

“In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.”

Lassen Sie sich auf die Cardinals ein. Versetzen Sie sich in ihre Lage und versuchen Sie den Gedanken zu wagen, wie es ist, wenn man „Niemals ohne sie“ leben kann. Es ist ein starker Roman aus der Feder der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier. Auch wenn das Original bereits im Jahr 2001 unter dem Titel „Les héritiers de la mine“ (Die Erben der Mine) erschienen ist, die Geschichte ist zeitlos. Ich empfehle das Hören. Aus gutem Grund.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier und die verlorenen Mädchen

Folgen Sie mir bitte zu weiteren verlorenen Mädchen. Sie haben es sich verdient, erlesen und erhört zu werden.

Niemals ohne sie“ / Jocelyne Saucier / ungekürztes Hörbuch / Random House Audio / 6 Std. 11 Min. / 7 CDs / 20 Euro / Übersetzung: Sonja Finck / Roman – Suhrkamp