Wilde Freude von Sorj Chalandon

Wilde Freude von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Wilde Freude von Sorj Chalandon

Es ist mir eine wahrhaftige und Wilde Freude, den neuen gleichnamigen Roman aus der Feder von Sorj Chalandon vorstellen zu können. Ich fühle mich immer am wohlsten in Büchern und Hörbüchern, wenn ich dem Autor oder der Autorin bereits auf meinen Wegen durch die weite Welt der Literatur begegnet bin. Es fühlt sich an, wie in einen mir bekannten Erzählraum einzutreten, von dem ich ahne, was ich erwarten darf und was auf mich zukommt. Sorj Chalandon ist eine bekannte Größe in meinem Lesen. Ich weiß, dass er in der Lage ist, Gefühlswelten erlebbar zu machen. Ich weiß, dass er seine Geschichten gerne in unvorhersehbare Richtungen treibt und ich habe in seinem Roman „Am Tag davor“ eine Art von Urvertrauen zu ihm aufgebaut, weil er mich schon damals an die Hand nahm, und mich bis zum Ende sicher durch seine Geschichte und die unterschiedlichen Aspekte seines Romans führte. Aus gutem Grund schrieb ich:

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Worauf war ich also vorbereitet, als ich mich in das Buch Wilde Freude und die Hörbuchfassung, gelesen von Jodie Ahlborn, begab? Nein, Chalandon würde nicht nur ein Thema behandeln. Er würde Genres miteinander verbinden und am Ende einer Geschichte auf die Füße helfen, die eben nur in diesem Mix existieren kann. Er würde keinen Roman über die Krebserkrankung seiner Protagonistin Jeanne verfassen, er würde keinen Roman über die Freundschaft von Frauen schreiben, die er zu einer im tiefsten Inneren verschworenen Schicksalsgemeinschaft zusammenfügt. Und er würde sicher keinen Thriller über den Raubüberfall auf einen Nobeljuwelier in Paris schreiben. All diese Ingredienzien der Chalandon-Rezeptur sind im Klappentext aufgeführt. Klingt wie eines buntes Potpourri aus Handlungssträngen, die nicht zusammenpassen. Klingt allerdings nach einem typischen Chalandon, da literarische Einbahnstraßen nicht zur Landkarte seines Schreibens gehören. Es sind Kreuzungen, Boulevards und Feldwege, die zu seinem Stadtplan werden, in dem wir der menschlichen Psyche begegnen.

Da ist Jeanne. Die Pariser Buchhändlerin, der wir zu einer Mammografie folgen und miterleben müssen, wie sich ihr Leben von einer auf die andere Sekunde dramatisch in die Zeitscheiben vor und nach der Krebsdiagnose aufteilt. Chalandon versetzt uns hier tief in das Innenleben einer Frau, die sich nach einem bereits erlittenen Verlust erneut darauf einstellen muss, einen medizinischen Kampf gegen die Zeit zu führen. Hier geht der Autor schonungslos mit den Wahrheiten um, er löst blankes Entsetzen aus, wenn er „seine“ Jeanne im Stich lässt, weil er ihr einen Ehemann zur Seite stellt, der wohl einer der am wenigsten mitfühlenden Charaktere ist, der mir jemals in einem Buch begegnet ist. Ich scheue mich nicht, ihn hier als „echtes Arschloch“ zu bezeichnen. Ein Prädikat, das er sich im Verlauf der Geschichte ehrlich verdient hat. Nur ein guter Autor ist in der Lage, mich mit einer solchen Figur zur Lese-Weißglut zu treiben. Gelungen. Danke.

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Und da sind die drei Frauen, denen Jeanne während der Therapie über den Weg läuft. Brigitte, Assia und Melody. Alle vom Leben gezeichnet, alle in der Situation, die kaum Auswege kennt und doch mit feinen Antennen für ihre Mitmenschen ausgestattet. Sie entdecken das Gemeinsame. Sie verbünden sich und suchen nach einem Weg, in ihrer eigenen Ausweglosigkeit dem eigenen Leben wieder einen neuen Sinn zu geben. Was also könnte näher liegen, als sich nun zusammenzutun, um Melody zu helfen, die nichts anderes mehr gebrauchen kann, als Geld. Sie folgt einer Mission, zu der sich in aller Konsequenz unsere Ladies zusammenschließen. Sie, die kaum etwas zu verlieren haben, beschließen, einen Pariser Nobeljuwelier zu überfallen. Hier haben wir ihn. Den augenscheinlichen Bruch in einem Roman, der wie eine Krankenakte begann. Hier ist Chalandon in seinem Element.

Hier passt augenscheinlich nichts mehr zusammen. Nicht der Titel zum Buch, nicht die Protagonistinnen zur Handlung, nicht die Männer ins Bild, nicht die Krankheiten zur Geschichte eines Überfalls. Es fühlt sich an, wie ein Puzzle aus Steinen, die sich kaum verbinden lassen. DAS IST CHALANDON. Denn so spiegelt er das Leben literarisch im Herzen seiner Erzählungen. Auch in unserem Leben passt nicht viel zusammen. Nicht die Realität zu unseren Träumen, nicht die Menschen aus unserem Umfeld zu Visionen von Harmonie, nicht die Krankheiten zu unserer Vorstellung von einer heilen Welt. Und letztlich würden wir den Titel unserer Lebensgeschichte auch gerne ändern. Hier wird aus einem Roman ein Spiegelkabinett des wahren Lebens. „Wilde Freude“ ist für mich der große Trugschluss, der diesen Roman so trefflich auf den Punkt bringt.

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Aus all diesen Widersprüchen zieht Chalandon die Berechtigung, als Schriftsteller zu verbinden, was im eigentlichen Sinn niemals miteinander in Beziehung zu setzen ist. Seine Fiktion schlägt Brücken über Flüsse, die so weit auseinanderliegen, dass man in der kühnsten Fantasie keinen Brückenschlag erwarten würde. Ihm gelingt es, in dieser Geschichte, Puzzlesteine zu einem Bild zu vereinen, die zuvor als unvereinbar galten:

  • Krebs und Crime
  • Mammografie und Überfallskizzen
  • Therapeutische Perücken und Täter-Tarnung
  • Empathie und Betrug
  • Hass und Liebe
  • Selbstlosigkeit und Egozentrik
  • Kinderlosigkeit und Elternschaft

Oder, um es mit den Worten des Autors zu sagen, hier ein Zitat aus dem Roman:

Dies ist die Geschichte von vier Frauen. Sie wagten sich sehr weit vor. In die tiefste Dunkelheit, in die größte Gefahr, in den äußersten Wahnsinn. Gemeinsam rissen sie die Krebsstation nieder und errichteten auf ihren Trümmern eine Zitadelle.

Ob man sich dem Roman „Wilde Freude“ lesend in der gebundenen dtv-Ausgabe nähert, oder sich auf das Hörbuch einlässt, es ist eine besondere literarische Reise, die uns erwartet. In der ungekürzten Der Audio Verlag-Lesung brilliert Jodie Ahlborn in besonderer Weise, weil man ihr die Zerrissenheit Jeannes deutlich anhört. Aus ihrer Sicht ist der Roman erzählt. Eine wundervolle Spielwiese für eine große Stimme, die in einem einzigen Aufzug von der leidenden Frau zur kaltblütigen Räuberin mutieren darf. Großes Kopf- und Stimmkino…

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Ein Nachtrag: Chalandon weiß, worüber er schreibt, wenn er von Krebs schreibt. Eine Krankheit, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Ehefrau heimgesucht hat. Es ist sicher eine Expertise, auf die man als Autor verzichten kann. Allerdings spürt man jeder Faser des Buches in den Krebs-Passagen an, dass hier mehr erzählt wird, als nur eine Geschichte. Constanze Matthes weist in ihrer Buchvorstellung auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“ ebenso deutlich darauf hin. Was macht der Krebs mit einem Menschen? Wie sehr dominiert die Angst das Leben? Wann geht die Hoffnung verloren? Wie groß wird die pure Eifersucht auf die gesunden Menschen, die nur Mitleid zeigen? Und wann ist der Point of no Return erreicht, an dem man zu allem bereit ist? Die Antworten sind in diesem Roman verborgen. Es bereitet eine „Wilde Freude“, sie zu teilen…

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Adressat unbekannt. Die Geschichte ist nicht neu. Der Briefroman von Kressmann Taylor wurde bereits 1938 in der New Yorker Zeitung Story und dann im Folgejahr als Buch im US-Verlag Simon & Schuster publiziert. Katherine Taylor musste dabei ihr wahres Geschlecht hinter dem maskulinen Pseudonym „Kressmann“ verschleiern, da ihr Verleger der Meinung war, dass ein höchst politischer Text von einer Frau in dieser Zeit nicht ernst genommen würde und keine Beachtung fände. So kam es, dass dieser epochale und aufrüttelnde Briefroman über das Zerbrechen einer Freundschaft bis in unsere Zeit einem „intelligenten und vorausschauenden Schriftsteller“ zugeschrieben wird. Was für ein Irrtum, welch literarische Fehleinschätzung.

Ihr Briefroman war so politisch, wie ein Roman nur sein konnte. Er traf die Nation mitten ins Herz, weil die Autorin das Schicksal jüdischer Immigranten ins Zentrum der Erzählung stellte, die sie ihren Mitbürgern um die Ohren schlug. Man verhielt sich noch zurückhaltend gegenüber dem Nationalsozialismus in Deutschland. Man ignorierte alle Aufrufe der jüdischen Gemeinden angesichts aufkommender Gerüchte über Pogrome, Verfolgung und die geplante Massenvernichtung jüdischen Lebens. Man setzte auf gute wirtschaftliche Beziehungen zum Dritten Reich und wollte vermeiden, dass in Berlin als Störfeuer empfunden wurde, was eigentlich Humanität hieß. Und dann kam sie. Dann kam „Adressat unbekannt“ und demaskierte die Nazi-Diktatur mit einem Schlag und auf ganz wenigen Seiten.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Kressmann Taylor lässt in diesem legendären Briefwechsel zwei deutsche Freunde zu Wort kommen. In San Francisco betrieben sie eine gut gehende Kunstgalerie, bevor Martin Schulse 1932 nach Deutschland zurückkehrte. Vierzehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zieht es ihn nach Hause. München ist sein Ziel. Sein jüdischer Geschäftspartner bleibt in San Francisco und führt von dort das gemeinsame Geschäft. Max Eisenstein schreibt nach Bayern. Er schreibt vom Fehlen seines Freundes, vom Erfolg der Galerie und ist interessiert an der politischen Entwicklung der gemeinsamen Heimat. Es sind emotionale Briefe, die München und San Francisco verbinden. Bis der Ton beginnt, zunehmend politisch zu werden.

Während sich Max Eisenstein zunehmend besorgt über die Machtergreifung der Nazis äußert, muss er den Worten seines Freundes aus München entnehmen, wie es den neuen Machthabern immer mehr gelingt, das Land, die Gefühle und den Hass im Sinne dieser Ideologie zu kultivieren. Es ist ein schleichender Prozess, der von Martin Schulse Besitz ergreift. Er gerät ins Schwärmen, wenn er über die neue Stärke seines Heimatlandes schreibt. Man spürt, wie sehr er Partei ergreift und wie sich die Diktatur langsam um ihn schließt und ihn in einem braunen Kokon verschwinden lässt. Als Max Eisenstein beginnt, besorgte Fragen über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung zu stellen, zeigt ihm sein Freund die kalte Schulter. Indoktriniert bis in die Haarspitzen ist Martin auf dem besten Wege, Teil des Systems zu werden. Koste es, was es wolle.

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Die Informationen über die Entrechtung der Juden in Nazi-Deutschland, die sich in diesen Briefen verbergen, sorgten in Amerika für Betroffenheit. Mehr jedoch nicht. Man war nicht bereit, dem Glauben zu schenken. Man ließ sich von Adolf Hitler einlullen und setzte auf Deeskalation. Kressmann Taylor besaß den Mut, über Judenverfolgung und die völlige Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus der deutschen Gesellschaft zu schreiben, als ihre eigenen Mitbürger die Wahrheit noch ignorieren wollten. Es war die Zeit, in der es auch dem großen Charlie Chaplin nicht gelingen wollte, sein Filmprojekt Der große Diktator zu finanzieren. Eine Zeit der Blindheit und Taubheit aller Sinne.

Kressmann Taylor lässt die Briefe eskalieren. Max Eisensteins Sorge um Griselle bestimmt seine Texte. Die eigene Schwester befindet sich in Deutschland, sie fühlt den Atem der Nazis in ihrem Nacken, ihre Zeit als Schauspielerin endet mit Beschimpfung und Berufsverbot. Sie fühlt sich verfolgt. Max bittet seinen Freund um Hilfe. Er fleht ihn an. Er empfiehlt seiner Schwester bei Martin Schulse in München Zuflucht zu suchen. Brief um Brief bittet er seinen „guten Freund“, Griselle zu helfen. Die Antworten sind erschütternd. Sie beginnen mit der Begrüßungsformel eines echten Nazis. „Heil“ steht fortan für Distanz und Ablehnung. Als Eisenstein seiner Schwester verzweifelt schreibt, erhält er keine Antwort mehr. Sein Brief wird retourniert. „Adressat unbekannt„. Die Sorge steigt ins Unermessliche.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Diese Briefe zu lesen, ist sehr hart. Sich vorzustellen, wie viel Zeit der Ungewissheit zwischen ihnen liegt, zermartert die Leserseele. Und doch schützt das Lesen vor allzu großer Gefühlswallung. Man kann sich distanzieren, die Zeilen analysieren. Aus dieser Distanz wird das schier Unerträgliche zumindest ein wenig gemildert. Den immer mehr aufkommenden Hass in mir jedoch konnte ich auch lesend nicht unterdrücken. Das zu hören, es von zwei brillanten Stimmen gelesen zu hören, die sich in diese Geschichte fallen lassen, versetzte mich in atemloses Erschrecken. Die brutale Dynamik der Briefe erhält in der Hörbuchproduktion „Adressat unbekannt“ aus dem Hause ZYX Music in genau einer Stunde eine neue Dimension des literarischen Nachempfindens.

Es ist Matthias Brandt, Grimme Preisträger, Bambi-Besitzer, Deutscher Hörbuchpreis ausgezeichneter Willy-Brandt-Sohn, Schauspieler und Schriftsteller, der seine Stimme für Max Eisenstein ins Gefecht wirft. Versachlicht und verbindlich beginnt sein Lesen in der Zeit, in der sich die Freunde nur Gutes schreiben. Aufgewühlt, zerrissen, flehentlich und verzweifelt appelliert er in den Briefen an den Freund in Bayern, der Schwester zu helfen. Matthias Brandt legt alle Emotionalität in seinen Vortrag, der es bedarf, um sich in den Juden Eisenstein hineinversetzen zu können. Das gelingt ihm bravourös. Seinen Appellen sitzt im Studio Stephan Schad gegenüber, der sich in seinem Tonfall zu dem glühenden Verehrer des Führers entwickelt, den man sich lesend nicht besser denken kann. Er wird härter, distanziert und egoistisch. Brutal wird die Sprache, brutal wird die Stimme. Der Egoismus eines ideologisch Verblendeten kann besser nicht interpretiert werden.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Als Kressmann Taylor das Blatt wendet, wenden sich auch die Stimmen. Aus der besorgten Eisenstein-Stimme wird der brutale, sein Gegenüber sezierende Rächer, in dessen Tonlage sich ein tödlicher Plan widerspiegelt, der das Nazi-System und seinen Freund mit den eigenen Waffen schlägt. Währenddessen kultiviert Stephan Schad sein Atmen zum Stilmittel des Erkennenden, des sehenden Auges in den Untergang und in den Tod Getriebenen. Die Rollen wechseln. Die Sprecher agieren, als wären sie selbst involviert. Es ist bedrückend und faszinierend zugleich, miterleben zu dürfen, wie sich die zeitlose Botschaft von Kressmann Taylor nun auch sprachlich Bahn bricht.

Am Ende hört man atemlos die letzten Umdrehungen der CD. Man wagt es kaum, die Stopp-Taste zu drücken. Es ist ein magischer Moment. Sei dir nicht sicher in dem System, das auf der Basis der Entrechtung von Menschen funktioniert. Eine Diktatur frisst alles auf, was ihr im Weg steht. Dieses Wissen muss man nutzen, um gegen sie zu kämpfen. Kressmann Taylors Botschaft ist tragfähig, auch wenn sie die Rache im Herzen trägt. Diese Rache jedoch ist ein Signal für all jene, die denken, sie wären im Herzen des Nazi-Gedankenguts sicher. Eine Botschaft, die auch heute noch trägt.

Raumpatrouille von Matthias Brandt - Astrolibrium

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Nehmt euch eine Stunde Zeit. Ihr werdet sie nie vergessen. Mehr zu diesem Thema findet ihr in meiner Blog-Kategorie „Vergissmeinnicht. Gegen das Vergessen„. Mehr zum Autor Matthias Brandt findet ihr in meiner Rezension zur „Raumpatrouille„. Hier schreibt es, wie ihm der autobiografische Schnabel gewachsen ist. Ein Brandt-Buch…

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Man kommt an den Werken von Annie Ernaux nicht vorbei. Man kann es drehen und wenden, wie man will, es gibt für mich nur eine Autorin, die in der Rückschau auf ihr eigenes Leben so schonungslos ehrlich mit sich selbst, ihren Träumen und Lieben, ihren Vorurteilen, ihrer Scham, ihrem Selbstmitleid, mit Missbrauch und Enttäuschung umgeht und sich dabei einer literarischen Reflexion unterzieht, die beispiellos ist. Annie Ernaux scheint sich durch ihr Schreiben zu befreien, von den Fesseln ihrer Geschichte zu lösen, um letztlich im endlosen Meer ihrer Kreativität so schwimmen zu können, wie es ihr ohne die Analyse ihrer Vergangenheit nicht möglich wäre. Sie scheut vor nichts zurück. Sie wagt jeden Blick hinter die Kulissen, lässt keinen Stein auf dem Anderen.

Ich folgte Annie Ernaux hörend durch die „Erinnnerung eines Mädchens“ und war an ihrer Seite, als Die Jahre vergingen. Ich beschloss diesmal, nicht die Bücher zu lesen, sondern ausschließlich den Lesungen und Hörspielen von Der Audio Verlag die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ich wurde belohnt mit intensiver Nähe, aufrichtigen Gefühlen und einer unfassbaren Stimmgewalt, die mich auf dieser Reise fesselten. Ich weiß nicht genau, ob die Bücher eine vergleichbare Wirkung in mir erzielt hätten. Hier jedoch hatte ich das unmittelbare Gefühl, Annie Ernaux zuhören zu dürfen, mit ihr im gleichen Raum zu sein und quasi aus erster Hand in ihr Leben entführt zu werden. Es ist zutiefst intim, was sie erzählt. Es ist nur für meine Ohren bestimmt. Ein exklusiveres Hörerlebnis kann man sich kaum vorstellen. Es sind Kindheitserlebnisse, Erinnerungen an das problematische Elternhaus und Emotionsmuster ihres späteren Weges, die sie mir in diesen Stunden anvertraut hat, die ich wie einen ganz persönlichen Schatz hüte. Jede Rezension fühlt sich an, wie eine Indiskretion. So tief hörte ich nie zuvor.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Auch diese Worte kommen mir wie ein Verrat an einer Schriftstellerin vor, die mir in in den letzten Stunden von ihrem Vater erzählte. Von dem Menschen, der sie prägte und zu dem sie ein so ambivalentes Verhältnis hatte, dass sie es nach seinem Tod nur kaum für sich behalten konnte. Doch wie schreibt man über seinen Vater? Wie nähert man sich einem Menschen an, den man bisher nur aus einer sehr emotionalen Distanz mit dem eigenen Leben verbunden sehen wollte? Wie schreibt man über eine Figur im eigenen Leben, von der man sich immer befreien wollte, ohne sie jetzt zu verraten? Ein Roman war ungeeignet. Das stand schnell fest für Annie Ernaux. So entstand eine sehr kritische und doch emotionale Auseinandersetzung mit ihrem Vater, die jetzt unter dem Titel „Der Platz“ als Hörspiel ihren Weg in die kleine literarische Sternwarte fand.

Annie Ernaux war 27 Jahre alt, als ihr Vater 1967 starb, wartete auf ihre erste Stelle als Lehrerin und fühlte sich an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt, an dem sie über ihr Verhältnis zum eigenen Vater und nicht zuletzt auch über sich selbst schreiben wollte. Schnell spürt man die distanzierte Liebe und die zärtliche Distanz, die sie für ihn empfand. Aber da ist viel mehr. Eine schier unüberbrückbare Klassendistanz, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, lässt aufhorchen und mich als Zuhörer, gerade weil ich selbst Vater bin, deutlich zurückschrecken. Will man als Vater nicht unbedingt, dass es der eigenen Tochter später einmal besser geht? Will man nicht alles geben, um seinen Kindern einen Aufstieg zu ermöglichen, den man selbst nicht geschafft hatte? Es packt mich in den tiefsten Gefühlsebenen, bei Annie Ernaux eine intensive Scham zu fühlen, die mit der Existenz des Vaters verbunden ist.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Er, der kleine Krämer, dem es mit dem kleinen Laden gerade mal eben gelang, seine Familie zu ernähren, findet im späteren Leben der eigenen Tochter keinen Platz. Ihre Bildung, die er ihr ermöglicht, entfernt sie immer weiter vom proletarischen Elternhaus. Die gemeinsame Sprache geht verloren. Ihre theoretisch ausgerichtete Welt geht auf Kollision zum Lebensentwurf der Eltern. Sie beginnt, sich für die komplexe Schlichtheit des Vaters zu schämen. Besuche mit Kommilitonen geraten für sie zum Fiasko. Sie ist kaum in der Lage, ihren Freundinnen zu vermitteln, dass dies das Elternhaus ist, aus dem sie stammt und dessen Werte sie eigentlich schätzen sollte. Ihr Vater entspricht seiner Tochter nicht mehr. Ein Riss geht durch das Verhältnis, das schon zuvor nicht gerade durch innige Liebe gekennzeichnet war.

Ist es Verrat am eigenen Vater, so zu schreiben? Ist es das Bildungsbürgertum, das sich hier an seinen Wurzeln vergeht oder ist es eher eine Abrechnung mit den eigenen Gefühlen, die wir hier erleben? Ich war sehr verunsichert, bis ich in den Untertönen des Erzählten deutliche Spuren von schlechtem Gewissen erkannte. Nein, Annie Ernaux ist weit davon entfernt, ihrem Vater dessen Herkunft und die fehlende Bildung zur Last zu legen. Sie zeigt nur beeindruckend auf, wo es hinführen kann, wenn man sich aus der heimischen Schlichtheit erhebt und zum Freiflug ansetzt. Wenn das eigene Elternhaus zur Last wird, ist es kaum möglich, das eigene Leben als Höhenflug zu erleben. Dieses Dilemma tobt in Annie und so verstehe ich diese Aufarbeitung als den Versuch, ihrem Vater wieder einen Platz im Leben einzuräumen. „Der Platz“, den sie ihm genommen hatte.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] – Astrolibrium

Ich musste das Hörspiel oft unterbrechen, weil immer wieder Fragen auftauchten, die mich intensiv beschäftigten. Was, wenn meine eigene Tochter in einigen Jahren so über mich schreiben würde? Was, wenn sie sich später einmal von mir distanziert, weil ich nicht dem Bild entspreche, das sie gerne vom eigenen Vater hätte? Was, wenn ich mir vorstelle, sie würde sich für das hier Erlebte schämen? Und was, wenn ich nur eine Sekunde daran denke, dass all dies schon jetzt unausgesprochen zwischen uns stehen würde? Dieses Hörspiel kann verstören. Es kann aber auch dazu führen, dass man im Hier und Jetzt gemeinsame Worte findet, die diese Schranken einreißen, bevor sie uns um die Ohren fliegen. Nie zuvor empfand ich ein Hörspiel als größere Chance, sich in seiner paradoxen Vatersicht „sie soll es ja mal besser haben“ zu hinterfragen.

Annie Ernaux lebte im Gefühl, ihr Erbe auf dem steinigen Weg in ein bürgerliches Leben zurücklassen zu müssen. Der Bourgeoisie war ihre Herkunft zu schlicht. Vater Ernaux war zu schlicht. Scham begleitete sie in ihr Leben als Lehrerin und Intellektuelle. „Der Platz“ ihres Vaters ging verloren. Damit auch ihr eigener. Mit dieser Aufarbeitung hat sie beides zurückerobert und ihrem Vater auf dem schlichten Grab ein Denkmal in aller Würde und Zerrissenheit errichtet. Das Hörspiel bietet einen emotionalen Zugang zu dieser facettenreichen Denk- und Sichtweise. Es wird jener Intention der Autorin in besonderer Weise gerecht, ihre eigenen Gefühle auf den Prüfstand zu stellen. Es ist atmosphärisch, was uns im Hörspiel erwartet. Es sind rhythmische Klangmuster, die in den Vordergrund treten, wenn das Denken Luft holt. Es sind Echo-Effekte, wenn das Leben von einst sich Raum verschafft und den „Platz“ zurückgewinnt, den es verloren hat.

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Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Und es ist die Stimme von Stephanie Eidt, die so sehr Annie Ernaux ist, wie man nur Ernaux sein kann. Sie liest nicht. Sie lebt. Sie zaudert, zweifelt, hinterfragt, erlebt und durchlebt. Sie wird emotional, wenn die Erinnerung zu schmerzhaft wird und erlöst sich selbst, wenn die Befreiung von alten Fesseln spürbar wird. Nicht sie hat den Kloß im Hals, wenn es schwer wird. Ihre Zuhörer spüren ihn mit zunehmender Dauer. Wenn dann noch gefühlvolles Gitarrenzupfen das hier Erzählte untermalt, treten Tränen in die Augen. Wenn sie im Namen von Annie Ernaux über die Rolle eines Vaters spricht, ist Ende mit Vernunft und Zurückhaltung. Dann verliert man die Distanz. Der Erzählraum weitet sich und „Der Platz“ wird zur Vision dessen, was man selbst vererben möchte.

Dem Platzverweis im Leben folgt der Freispruch am grünen Tisch der Literatur.

„Er fuhr mich auf dem Fahrrad zur Schule. Ein Fährmann zwischen zwei Ufern. Bei Sonne und Regen. Vielleicht sein großer Stolz, sogar sein Lebenszweck, dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn nur herabgeblickt hatte.“

Was, frage ich mich, kann eine Tochter schöneres über ihren Vater sagen? Dank an Annie Ernaux, danke, Stephanie Eidt. (Ein Vater) Jetzt werde ich Ernaux lesen. Es geht weiter mit „Die Scham„. Ich komme nicht los.

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Der Platz und Die Scham von Annie Ernaux

Handbuch für Zeitreisende [Der Hörbuch-Ratgeber]

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Handbuch für Zeitreisende

Das war`s dann wohl mit dem herkömmlichen Urlaub in diesem Jahr. Corona und weltweite Reisewarnungen, Einreiseverbote oder Beschränkungen machen das Reisen fast unmöglich. Kreuzfahrten gestrichen, Flüge nur mit hohem Risiko, Wellness-Oasen geschlossen und sogar der Ballermann hat seinen Geist aufgegeben. No. Nichts davon kommt für mich in Frage. Zuhause bleiben mag ich jedoch auch nicht, also musste ich mich auf die Suche nach attraktiven Alternativen machen, um doch noch verreisen zu können. Man muss nicht lange suchen, bis man die neuen Veranstalter findet, die sich auf Zeitreisen spezialisiert haben. Sicher, diese innovativen Startups haben noch nicht die Routine, die man hier erwarten würde, aber sie versprechen neue Impulse auf dem maroden Urlaubs- und Reisemarkt. Doch Vorsicht! Seriös sind nicht all diese Anbieter. Was tun, wenn man an die schwarzen Schafe der neuen Branche gerät?

Das „Handbuch für Zeitreisende“ von Kathrin Passig und Aleks Scholz kann vor unliebsamen Überraschungen schützen. Warum, werdet Ihr fragen. Warum sollte man sich einen Ratgeber für eine Zeitreise in die Vergangenheit zulegen? Wir kennen uns doch blendend in der Weltgeschichte aus und wissen genau, wohin uns die Reise führen soll. Alles bekannt. Geht ja nicht in die Zukunft, wie in der „Zeitmaschine„. Das ist wohl wahr. Wer jedoch denkt, seine ADAC-Karte würde die Reise-Rückholung aus mittelalterlichen Urlaubsdestinationen abdecken, der irrt. Und die Krankenversicherung Eures Vertrauens wird nicht gewillt sein, Euch gegen Pest und Lepra abzusichern. Es ist reisetechnisches Neuland, das Ihr betretet und ein Handbuch ist hier lebenswichtig. Es wäre leichtsinnig, das Buch aus dem Rowohlt Verlag oder die Hörbuchfassung von Der Hörverlag zu verschmähen. Wer das tut, überschätzt sich selbst und würde noch heute ohne Navigationssystem in die Innenstadt von Paris fahren, um den Eiffelturm zu finden. Viel Spaß dabei. Ich vertraue auf Reiseführer und Handbücher. In diesem Fall auf das Hörbuch, weil ich einfach gerne Matthias Matschke zuhöre und meine Koffer packen kann, während er mich mit Ratschlägen füttert…

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Handbuch für Zeitreisende

Das „Handbuch für Zeitreisende – Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer“ schließt eine erhebliche Marktlücke und wird inzwischen von führenden Zeitreisenden empfohlen. Wir haben es bei diesem Handbuch nicht mit einer Loseblattsammlung zu tun. Nein. Das ist ein ausgereifter Wegweiser durch unsere Welt, die wir vorgefunden hätten, wären wir vor ein paar hundert Jahren geboren. Nur mit dem Unterschied, dass wir jetzt als Menschen des 21. Jahrhunderts für eine Urlaubs- und Erlebnisreise in die Vergangenheit gecoacht werden. Strukturiert nach Interessen, Epochen, Ideen sowie Gefahren, die auf Zeitreisende lauern. Wer dieses Handbuch gehört oder gelesen hat, darf anschließend nicht behaupten, er hätte nichts gewusst. Bei genauerem Hinhören wird schnell klar, warum sich diese Tipps nicht einmal im Kleingedruckten der Anbieter finden. Was sich in den Katalogen nach Entspannung und Urlaub anhört, kann schnell zur Exkursion des Grauens werden. Eine falsche Entscheidung und aus ist es…

Eine weitere Warnung mag ich voranschicken. Zeitreisen sind nichts für spontane Wochenend-Trips. Sie wollen gut vorbereitet sein und man sollte sich natürlich mit der Theorie eines solchen Unterfangens vertraut machen. Auch hier bietet das Handbuch alles, was man sich nur wünschen kann. Vom Großvaterparadoxon, über einen kurzen Abriss der Geschichte des Zeitreisens bis hin zu Schrödingers Katze. Herz, was willst du mehr? Matthias Matschke instruiert uns mit der gewohnten lakonischen Lockerheit, die ihn als versierten Instruktor des Unmöglichen auszeichnet. Er nimmt uns die Angst, bevor sie einer Zeitreise allzu sehr im Weg stehen könnte. Und nach der Theorie folgt auch schon die Praxis. Wohin soll es gehen? Welches Reisejahr wählen wir aus und worauf müssen wir uns einstellen? Die Autoren lassen keine Fragen offen und es fällt sehr leicht, bestimmte Epochen auszuschließen und andere zu präferieren.

Handbuch für Zeitreisende - Astrolibrium

Handbuch für Zeitreisende

Das Kapitel „Ideen für Zeitreisen ist ein bunter Almanach der Destinationen. Hier erfahren wir alles Wissenswerte über legendäre Reiseziele in Epochen, die wir nur aus Geschichtsbüchern kennen. Wie sieht New York ohne Wolkenkratzer aus? Wie fühlt es sich an, eine Weltausstellung zu besuchen? Wäre es nicht sagenhaft, einer der ersten Besucher auf dem neu eröffneten Eiffelturm zu sein und wie sah der Germania-Tempel aus Schokolade in Chicago aus? Und wer würde dort schon groß auffallen, zeichneten sich diese Expositionen doch gerade durch ihren Futurismus aus. Hach, herrliche und nachhaltige Ziele für den frisch vergnügten Zeitreisenden. Je mehr man sich durch das Handbuch durchackert, umso mehr „Haken“ finden sich jedoch an der Sache. Ich mag ja nicht vorausgreifen, aber die Risiken solcher Abenteuer nehmen mehr Raum ein, als das Vergnügen. Nichts für schwache Nerven.

Kommen wir doch exemplarisch zu einigen Kinken, die das Handbuch aufführt. Wählt man die falsche Destination aus, so kann es sein, dass man ungewollt zum Opfer einer Regierungsform wird, die man doch eigentlich aus der Nähe betrachten wollte. In der DDR zum Beispiel (ein Reiseziel, das aufgrund geringer sprachlicher Hürden sehr empfohlen wird) besteht die Gefahr, auffällig zu werden und als Spion jeder Möglichkeit beraubt zu werden, die Heimreise anzutreten. Man darf nicht glauben, der Veranstalter würde hier auf einer Brücke auftauchen und den Gefangenenaustausch organisieren. Ebenso gefährlich sind Reisen ins Mittelalter. Wer hier vor Corona flieht, kommt dort gegebenenfalls von der Pest in die Traufe. Und wenn man dann noch behauptet, diese Seuche würde durch Ratten übertragen, kann man sich gleich zu den Aluhutträgern in Anti-Corona.-Demos einreihen. Da kann man viel Geld sparen.

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Handbuch für Zeitreisende

Das „Handbuch für Zeitreisende“ versorgt uns mit dem Rüstzeug für die großen und interessanten Epochen der Weltgeschichte. Ich kenne jetzt die Gefahren, die man als „Schlachtenbummler“ so leicht unterschätzt. Ich weiß, dass es keine wirklich guten Aussichtspunkte für Naturkatastrophen oder Kontinentalverschiebungen gibt. Es ist mir auch klar geworden, dass ich bei einer Reise ins Pleistozän auf den Kompass verzichten kann, weil sich die magnetischen Pole pausenlos verschieben. Das war mir nicht klar. Aber die Eiszeit wäre aufgrund der Kälte eh nicht in Frage gekommen. Egal welches Ziel man auch wählt, ohne dieses Handbuch ist man aufgeschmissen. Es geht sogar weiter, als man es erwarten dürfte. Es beantwortet sogar die Fragen, was man in der Vergangenheit verändern dürfte und wie erfolglos ein solches Unterfangen wäre. In meinen kühnsten Gedanken dachte ich, man könnte die ein oder andere Erfindung vor Ort selbst machen und die Menschen beeindrucken. Aber Vorsicht. Hier wird gewarnt, weil das einfach zu naiv wäre. Wir würden die Weltgeschichte verändern und das ist schlichtweg unmöglich.

Ja, so vergeht einem dann doch ein klein wenig die Lust am Zeitreisen. Mal ganz abgesehen von den Gesundheitsrisiken, von der Ungewissheit, welchen Kalender man am Reiseziel eigentlich vorfindet und von all den Fallstricken, in die wir uns durch ganz falsches Benehmen und inadäquate Umgangsformen verstricken würden, bleibt mir die bitterste Erkenntnis, dass ich eigentlich nur alleine reisen könnte. Wer dem Handbuch aufmerksam folgt, wird schnell verstehen, dass Zeitreisen kein Frauending sind! Jeder Zeitschritt zurück birgt für das weibliche Geschlecht unkalkulierbare Risiken. Es beginnt mit der rechtlichen Stellung der Frau, geht weiter zu heute unhaltbaren Rollen- und Frauenbildern und endet schlicht und ergreifend in der Hexenverbrennung, wenn sie den Eindruck erwecken, etwas mehr zu wissen, als andere. Und welche Frau hat schon Spaß daran, in die Vergangenheit zu reisen, um dann zu erleben, dass sie mit den klügsten Köpfen der Geschichte gar nicht reden dürfte und dass man ihr auch den Zutritt zu Museen, Universitäten oder Kliniken verwehren würde. Also: Nichts für die emanzipierte Frau von heute. Hier muss dringend ein eigenes Handbuch her.

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Handbuch für Zeitreisende

Ich würde gerne mehr schreiben, aber ich muss jetzt los. Ihr kommt ja nicht umhin, das „Handbuch für Zeitreisende“ selbst zu lesen oder zu hören. Alles andere wäre in Anbetracht der Gefahrenlage wirklich wahnwitzig. Ich werde die Stimme von Matthias Matschke im Ohr haben, während ich meine Zeitreise antrete. Ich habe mein Ziel im Handbuch gefunden. Es geht nach Wien. So ungefähr ins Jahr 1820. Ich will endlich einmal die Musik von Beethoven so hören, wie er sie wirklich komponiert hat. Einmal nur im richtigen Tempo (das wir heute nur mutmaßen können) und einmal ein Konzert ohne Handyklingeltöne erleben. Das gefällt mir. Ich brauche nur die richtige Kleidung, ein passendes Ausweispapier und muss noch an meinem Benehmen feilen. Den Rest kriege ich sicher hin. Dank der unverzichtbaren Ratschläge von Kathrin Passig und Aleks Scholz.

Sehen wir uns unterwegs? Wohin würdet Ihr reisen und würdet Ihr für immer bleiben wollen? Ich habe so viele Fragen. Vielleicht habt Ihr Antworten für mich. Falls nicht, in der kleinen literarischen Sternwarte findet Ihr unter dem Stichwort „Zeitreise weitere literarische Inspirationen zum Thema. Ich muss jetzt aber los. Wien, ich komme..

Handbuch für Zeitreisende - Astrolibrium

Handbuch für Zeitreisende

.Zeitlose Zeitreise-Romane bei AstroLibrium, die keine Zeitverschwendung sind:

Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris
Blätterrauschen“ eine Zeitreise mit Holly-Jane Rahlens
Flügel aus Papier“ – Eine Zeitreise mit Marcin Szczygielski
Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]
Marmorkuss“ von Jennifer Benkau [Urban Mystery]
So nah und doch so fern“ – Eine Liebes-Zeitreise von Ann Brashares
Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst“ – Waldtraut Lewin
Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford… und es geht weiter…

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Man spricht nicht so oft von literarischen Sensationen. Und wenn, dann stellen sie sich häufig als Marketingmasche heraus, mit der man lediglich die Verkaufszahlen des jeweiligen Sensations-Buches ankurbeln möchte. Bei Ulrich Alexander Boschwitz ist das Prädikat anders zu werten. Die Wiederentdeckung seines Romans „Der Reisende“ stellte wahrlich ein aufsehenerregendes Ereignis in der Literaturwelt dar. Dieser Roman eines jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich setzt Maßstäbe. Er selbst wurde von den Umständen der Zeit zur Auswanderung gezwungen. Kaum 20-jährig floh er mit seiner Mutter 1935 zuerst nach Skandinavien, von wo ihn die Odyssee durch halb Europa führte, bis er 1939 als sogenannter „Enemy Alien“ (Ausländer aus Feindesländern) in England interniert und nach Australien deportiert wurde.

Bei seiner Rückkehr im Jahr 1942 wurde das Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Ulrich Alexander Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren. Warum er bis heute im Gedächtnis blieb, ist leicht zu erklären. Er verarbeitete sein Schicksal in Büchern, die allerdings lange als verschollen galten. Sein Gesamtwerk besteht nur aus zwei Büchern. Seinem DebütMenschen neben dem Leben“, das er in Skandinavien schrieb und dessen Erfolg ihm sein Studium an der Sorbonne ermöglichte, und seinem inzwischen rekonstruierten Flüchtlingsroman „Der Reisende“. Gerade dieses Werk ist so besonders, weil die Hilflosigkeit eines staaten- und rechtlosen jüdischen Flüchtlings mit einer Authentizität beschrieben wird, die damals für Aufsehen gesorgt hätte. Ulrich Alexander Boschwitz konnte es nicht zu Lebzeiten publizieren. Die zuletzt lektorierte Fassung seines Manuskripts versank mit ihm in den Fluten.

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Peter Graf ist es als Herausgeber gelungen, dem ursprünglichen Manuskript die literarische Wucht zu verleihen, von der Boschwitz zeitlebens geträumt hatte. Nun ist es nur konsequent und logisch, das neue Interesse an diesem unvollendeten Autor zu nutzen, um auch sein Debüt „Menschen neben dem Leben“ erstmals auf Deutsch zu veröffentlichen. Das Ausnahmetalent mit der besonderen Beobachtungsgabe verfasste den Roman im Alter von 22 Jahren. Hier schreibt er nicht vom Selbsterlebten, sondern skizziert eine Gesellschaft im Wandel gegen Ende der 1920er Jahre. Eine Milieustudie kann man diesen Roman schlecht nennen, da er selbst das von ihm beschriebene und in zumeist tristen Farben gezeichnete Bild nur vom Hörensagen kennen konnte. Wenn Boschwitz also seine typischen Gestalten auftreten lässt, müssen wir realisieren, dass der Autor von einer Zeit erzählt, in der er selbst gerade mal fünfzehn Jahre alt war. 

Dies sollte man berücksichtigen, wenn man über sein Schreiben urteilt. Dies kann nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man sich diesem Buch annähert. Hier strahlt das große Talent eines Erzählers, dem es verwehrt blieb, sich zu entwickeln, zu reifen und seinen Charakteren noch mehr Tiefe zu verleihen, als ihm dies ohnehin gelungen ist. In vielen Beschreibungen seiner Figuren könnte man kritisieren, sie seien schablonenhaft und stereotyp. Oft denkt man, er hätte sie noch authentischer in den Rahmen der Zeit einbetten können. Vielleicht ist dies so. Doch trotzdem gelingt ihm ein literarischer Wurf von besonderer Güte, den man nicht von der Vita des jungen Autors trennen darf.

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Potenzial war ausreichend vorhanden und für dieses auf der Flucht geschriebene Debüt ist der Roman gewagt, atmosphärisch dicht und zeigt in seiner hoffnungslosen Grundatmosphäre, wo die Grundlagen für den Stimmungsumschwung in der Weimarer Republik gelegt wurde, und wie unzufrieden diejenigen waren, die nur kurze Zeit später die Steigbügel des neuen „Führers“ hielten. Ihnen verleiht Boschwitz eine laute Stimme. Ihnen hört er selbst gut zu, wenn auch aus der auktorialen Ferne. In ihnen sieht er die Charaktere, die gerne die Last eines verlorenen Krieges, die Armut und Arbeitslosigkeit über Bord werfen und in eine strahlende Zukunft durchstarten wollen. Hier sind wir mit Ulrich Alexander Boschwitzneben dem Leben“ angekommen. Keine seiner Figuren kann sich heimisch fühlen, niemand hat eine Perspektive und nur die Flucht nach vorne lässt einen Silberstreif am Horizont erkennen. Auch wenn der ziemlich braun sein sollte. Besser als die Weltwirtschaftskrise und die Verarmung ist er allemal.

Boschwitz lässt sie aufleben und lautstark durch die Szenerie mäandern. Es sind frustrierte Kriegsheimkehrer, Prostituierte, Obdachlose, Bettler, Entmachtete, Verrückte und Gestrandete, denen er in einem Lokal eine Übergangsheimat anbietet. So wird aus dem „Fröhlichen Waidmann“ der Schmelztiegel der Enttäuschten, wo so mancher aus dem Rahmen fällt und zur Strecke gebracht wird. Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird die scheinbar lustigen Gesellen Fundholz, Grissmann und Tönnchen nicht wieder vergessen. Wer sich hier an den Kneipentisch setzt, wird schnell erkennen, dass man sich hier ein Biotop gestaltet hat, das mit Tanz und Alkohol den tristen Alltag vertreibt. Boschwitz zeigt das Geheime im Offensichtlichen. Gesangsvereine sind in Realität die Keimzellen der organisierten Kriminalität. Frauen sind abhängig von Gönnern und den Zuhältern, die ihren Berufszweig gerade neu für sich entdecken.

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Die wilden Zwanziger haben im Fröhlichen Waidmann ihren Ausklang gefunden. Jetzt wird man nur noch zum Zeugen des Abgesangs auf eine verlorene Zeit. Der Tanz ist wild, die Versuchung ist groß, neue Leidenschaften und Lieben bahnen sich Wege. Jeder Neuanfang fordert Opfer. Eine Frau, die sich einen neuen Begleiter sucht, muss den bisherigen Gefährten „neben dem Leben“ zurücklassen. Dass er blind ist, spielt in ihrem Selbsterhaltungstrieb kaum eine Rolle. Mehr scheinen als sein wird zum Motto einer Gesellschaft, die sich vom Albtraum der Vergangenheit lösen will und jedes Opfer bereitwillig bringt, nur um einen Schritt nach vorne zu kommen. Boschwitz verleiht einer tief verwurzelten Perspektivlosigkeit eine ungewohnt scharfe und persönliche Kontur.

Er macht es sich nicht leicht mit seiner Erzählung. Ebenso wenig leicht macht er es den Menschen, von denen er berichtet. Hoffnungsträger Fehlanzeige. Politische Wirren sind vorprogrammiert. Und doch wirkt jener eine Abend im Fröhlichen Waidmann wie der letzte Tanz des letzten Aufgebots, bevor der Sturm losbricht. Man kann es mit den Händen fassen. Wenn die Tür des Lokals sich schließt, kann sich die Zukunft nur trister darstellen, als sie eben noch wirkte. Boschwitz ist ein Atmosphären-Erzähler. Man fühlt die Vibrationen im Tanzsaal, man riecht das abgestandene Bier, man schmeckt diesen einen fast unbezahlbaren Schnaps, für den man wirklich alles tun würde. Er bringt uns Typen näher, die gar nicht so typisch sind, wie wir es zunächst vermuten. Die Situation im Waidmann eskaliert. Es fließt Blut. Das Biotop wird mit einem Messer zerstört. Kein Wunder, dass der Verrückte am Ende wie der einzig Normale wirkt. Tönnchen.

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Ich habe gelesen und gehört. Ungekürzte 7 Stunden und 46 Minuten lang habe ich in der Gaststätte zum Fröhlichen Waidmann einen Tisch reserviert. Ich war gerne dort zu Besuch und hätte mich fast zuhause gefühlt. Der Blick hinter die Kulissen jedoch zeigte mir, was dort wirklich gärte. Schauspieler und Sprecher Hans Löw verleiht dem Roman in der Hörbuchfassung eine ganz eigene Wirkung. Seine Stimme scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Er liest lebendig und so, als wäre er selbst Stammgast einer Lokalität, die hier Geschichte schrieb. Löw interpretiert die Atmosphäre dieser Zeit und liest seine Zuhörer beschwingt in das Chaos einer Wirtshausschlägerei, die jeder kommen sah. In den Charakterzeichnungen liegt die Stärke dieser Produktion.

Ulrich Alexander Boschwitz und Bernard von Brentano sind für mich literarisch intensiv miteinander gebunden. Worüber der junge Boschwitz so gekonnt fabulierte, darüber schrieb Brentano in der Zeit. Sein Abgesang ist ebenso laut, nur eben auf der Grundlage eigener Beobachtungen entstanden. Er schaute den kleinen Leuten auf den Mund, bevor er die gärende und explosive Lage seines Landes beschrieb „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ könnte ein Kapitel im Fröhlichen Waidmann beinhalten. Hier sieht man das große Talent des jungen Boschwitz. Atmosphärisch handelt es sich hier um bahnbrechende Bücher, die wie Warnsirenen hätten wirken können. Hätte man sie in ihrer Zeit aufmerksam gelesen. Das können wir heute tun und anderen aufs Maul schauen. Glaubt mir, die Parallelen sind überraschend…

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - Astrolibrium

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