„Der Umweg“ – Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis

Der Umweg von Luce d´Eramo

Das Lesen und Schreiben „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust sind die wesentlichen inhaltlichen Triebfedern der kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin ständig auf der Suche nach authentischen Zeitzeugenberichten, die das Erinnern in uns wachhalten, und den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht geben. Ihre Identität und ihre Würde sollten Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersfühlenden, Behinderten, Homosexuellen und besonderen, als Untermenschen definierten Volksgruppen kollektiv genommen werden. Entrechtung, Entmenschlichung und Ausgrenzung wurden auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hemmschwelle zum industriellen Massenmord wurde auf die Art und Weise systematisch in der Gesellschaft gesenkt. Aus Tätern wurden reflexartig nur noch Befehlsempfänger und der Rest hat nichts gewusst.

Alle Zeitzeugenberichte sind immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle der Opfer dramatisch zu überhöhen, in Details zu übertreiben und den Verfasser selbst zur Ikone aller Opferbilder zu stilisieren. Misstrauen regiert. Beweise sind Mangelware, weil die Nazi-Bürokratie alles ebenso akribisch dokumentierte, was sie zum Kriegsende hin systematisch vernichtete. Und so geraten Opferberichte in den Zweifronten-Krieg einer Geschichtsinterpretation, die zumeist nur Pro und Contra kennt. Zweifel wird es immer geben, außer es gelingen wahre Husarenritte, die Beweise für die Nachwelt bewahren. Wilhelm Brasse ist hierfür wohl das beste Beispiel. Hätte der Fotograf von Auschwitz nicht tausende von Portraitfotos von Deportierten vor den Flammen gerettet, sie wären schon längst vergessen. Sein Zeitzeugnis ist zweifelsfrei authentisch. Schade, dass ich auch heute noch erleben muss, wie sehr vergleichbare Opferberichte angezweifelt und als Fake bezeichnet werden.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Was aber, wenn ein solcher Zeitzeugen-Opfer-Bericht so gar nicht in die üblichen Standards passt? Was, wenn er gar nicht von jemandem geschrieben wurde, der den ideologischen Rasterfahndungs-Klischees der Nazis entsprach? Was, wenn er aus der Feder einer Frau stammt, die das nationalsozialistische Deutschland als Idealbild einer modernen faschistischen Gesellschaft betrachtete und die ihr Heimatland Italien verließ, um sich in Deutschland davon zu überzeugen, dass die Gerüchte über Verbrechen und Konzentrationslager jeder Grundlage entbehren? Was, wenn die Verfasserin Bilder von Hitler und Mussolini im Gepäck hatte, weil sie nicht ohne ihre ideologischen Idole in das Land der Verheißung reisen wollte. Was, wenn die Autorin eine bekennende Faschistin war? Glauben wir ihr dann? Ich bin gespannt.

Wir sollten. Besonders unter diesen Voraussetzungen. Denn was der in Frankreich geborenen und aufgewachsenen und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern in die eigentliche Heimat Italien zurückgekehrten Luce d´Eramo zustieß ist nicht repräsentativ, unvergleichbar und absolut einzigartig. Ihr autobiografischer Roman „Der Umweg“ (Klett-Cotta) eröffnet uns eine bisher nie dagewesene Sichtweise auf ein Land am Rande des Untergangs. Eine Perspektive jedoch, die eher dazu gedacht war, seine Regierung zu verteidigen und mit schlimmen Gerüchten aufzuräumen. Eine Faschistin, die sich 1944 im Alter von 18 Jahren als Freiarbeiterin nach Deutschland meldet, gerät selbst in die Fänge der von ihr bewunderten Diktatur. Eine junge Frau voller Ideale wird zum Opfer, weil sie sich gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auflehnt, die sie zuvor nicht wahrhaben wollte. Vom Saulus zum Paulus im Dritten Reich. Ein Bericht voller Widersprüche und Ausrufezeichen. Das Zeitzeugnis einer Desillusionierten.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Luce d´Eramo war erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Chronologisch geordnet ist es nicht, was wir in ihrem Buch lesen. Chronologisch sind lediglich die Zeitpunkte, zu denen sie von ihrer Erinnerung eingeholt wurde. In dieser Reihenfolge sind sie angeordnet. Und doch ist es sinnvoll, diese Bilder ihrer Vernissage nicht umzuhängen, sie in die Phasen des Lebens einzureihen, sondern sie in ihren Widersprüchen wirken zu lassen. Was im Buch im KZ Dachau beginnt, hat eine Vorgeschichte. Was eine junge Flüchtende 1944 in München erlebt hat eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte voranzustellen würde dem Erlebten nicht gerecht. Die volle Wucht der Erkenntnis reift mit dem wachsenden Wissen um alle Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Odyssee. 

Wie wird aus der freiwilligen Arbeiterin in den Fabriken der IG Farben in Frankfurt Höchst in letzter Konsequenz eine Gefangene im KZ Dachau? Was führt eine junge Frau dazu, diesem Lager zu entfliehen, in welchen illegalen Orbit im Hagel der alliierten Bomben taucht sie in München ein, was führte zu ihrer Deportation und wie gelang ihre Flucht bis nach Mainz, warum war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort und wieso stürzte ein Mauerrest gerade auf sie und nahm ihr zeitlebens die Möglichkeit ihre Beine zu bewegen? Was macht aus der linientreuen und nach Bestätigung suchenden jungen Faschistin in den Lagern der IG Farben eine Kämpferin für Gleichberechtigung und wie reagiert ihre Familie auf die Erkenntnisse eines Mädchens, dem alle Illusionen geraubt wurden? Hier schärft sich der Blick des Außenstehenden. Fassaden bröckeln und auch ideal wirkende Ideale werden zum Opfer der Machtgier. Die Welt der IG Farben besteht auf Freiarbeitern voller Ambitionen und Zwangsarbeitern, die dort gehalten werden wie Tiere. Russische und polnische Kriegsgefangene, Aufständische aus dem Warschauer Ghetto, inhaftierte Partisanen und französische Kriegsgefangene bilden den Kosmos in dem die kriegswichtige Produktion auf menschenverachtende Methoden zurückgreift.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Hier wird aus der freiwilligen Faschistin die Kollaborateurin mit vielen Privilegien. Hier erlebt die junge Italienerin die Zustände, in denen die Zwangsarbeiter vor sich hin vegetieren. Hier regt sich ihr Gewissen. Hier wird sie zur Zeugin von Zuständen, die sie niemals wahrhaben wollte. Hier begehrt sie auf. Hier wechselt sie die Seite und schließt sich den „Bolschewiken“ an. Am untersten Rand der Nahrungskette angekommen, wird sie fast zur Märtyrerin für die Rechte der Gefangenen. Hier wird aus der Faschistin eine verzweifelt Zweifelnde, eine Hassende und Kämpfende. Hier wendet sich das Schicksal von Luce d´Eramo. Aus einer Anhängerin wird eine registrierte Gegnerin. Sie wird nach Italien repatriiert. Dort von der SS festgesetzt und nach Dachau deportiert. Hier beginnt „Der Umweg“ auf dem sie erneut nach Deutschland verbracht wird. Fortan wird sie, die ehemals Linientreue, zur Alliierten der Verzweifelten.

Was nun bei den Nazis als menschlicher Abschaum gilt, entwickelt sich zu treuen Weggefährten durch eine unglaubliche Odyssee. Eine Irrfahrt, die man als Leser auf sich nehmen sollte. Die Läuterung der Faschistin vollzieht sich nicht schlagartig, jedoch mehr als nachhaltig. Dass Luce d´Eramo den Zweiten Weltkrieg überlebte hat sie jenen zu verdanken deren Schicksal sie bezweifelte. „Der Umweg“ könnte einen Ausweg aus dem allzu linearen Denken darstellen. Perspektivwechsel und eigenes Erleben. Das ist es, was wir Populisten von heute wünschen. Eine Fahrt in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, eine Nacht in Aleppo, zwei Monate im Status asylsuchend, abgeschoben in eine Heimat, die keine Sicherheit bietet. Es sind diese Perspektiven, die wir uns für die Menschen wünschen, die auch heute noch Kollaborateure der Unmenschlichkeit sind.

Der Umweg von Luce d´Eramo – Zurück in Dachau – Mehr als eine Impression…

Ich lese und schreibe weiter Gegen das Vergessen an. Ich suche nach wie vor die großen und kleinen wahren Geschichten aus einer Zeit, vor deren Wiederholung immer noch gewarnt werden muss. Populisten verbergen ihre wahren Absichten gut. Sie sind immer wieder in der Lage, Automatismen zu nutzen, Ideologien zu verbiegen und sich durch das Verbreiten von Angst unersetzlich zu machen. Populisten brauchen niemals Lösungsansätze. Sie brauchen nur die Unzahl von „Neins“ und „Abers“. Ihnen wünsche ich zahllose Luce d´Eramos. Begeisterte Anhänger, die schnell merken wohin der Hase läuft. „Der Umweg“ ist unter Berücksichtigung dieser besonderen Rahmenbedingungen ein wichtiges Buch, das „Gegen das Vergessen“ kämpft und die individuelle Geschichte von Menschen zutage fördert, die wir ansonsten vergessen würden.

Diesen Umweg habe ich gerne gemacht. Er zeigt mir, wie sehr die Betroffenen, egal ob nun als Opfer, Mitläufer oder Täter lebenslang mit der Verarbeitung der Geschichten ihres Lebens beschäftigt sind. Die schonungslose Offenheit mit der eigenen Erinnerung sticht besonders aus diesem Zeitzeugenbericht heraus. Luce d´Eramo gesteht sich und uns gegenüber ein, wie lange es gedauert hat, klar zu sehen, Wahres von Illusionen zu trennen und im Ergebnis die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Eingeständnis der Autorin, sich jahrelang selbst belogen zu haben, um mit ihrer Geschichte leben und sie verarbeiten zu können, macht aus einem ganz normalen Buch ein Standardwerk zu den großen Themen unserer Zeit. Ideologisch populistische Verführung und die Folgen für Linientreue und Gradlinige. Meine Gradlinigkeit ist durch eine rote Linie definiert, der Luce d´Eramo mehr Kontur verliehen hat.

Vor wenigen Tagen führte mich Der Umweg nach Dachau. Ein wichtiger Moment.

Freiwillig im KZ – Wahrlich kein Einzelfall

Freiwillig ins Konzentrationslager? Kein Einzelfall in der Geschichte.

 

„Das Lachen und der Tod“ von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lesen „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust muss in diesen Tagen einiges verkraften und erfordert vom Leser einen wachen Geist, gute Nerven und eine große Stabilität der eigenen Psyche. Berichte von Zeitzeugen, Reportagen und Romane vermitteln auch in diesem Jahr immer neue Seiten des Grauens und gehen dabei auch literarisch neue Wege.

Jenseits aller Andeutungen und abseits des Vorstellbaren sind Autoren zusehends in der Lage, der unvorstellbaren Unmenschlichkeit der Nazi-Diktatur den Schleier vom Antlitz zu reißen und Klartext zu sprechen.

Die Täter des Holocaust hatten sich in den entlegenen Winkeln Europas unsichtbar gewähnt und in dieser Welt der Unsichtbarkeit waren sie in der Lage, alle Grenzen des Denkbaren zu überschreiten und dem Zitat Platos folgend eine Stufe der Grausamkeit zu erreichen, die bis heute alles in den Schatten stellt.

„Unsichtbare Menschen werden unmoralisch.“

Es ist an der Zeit, diese Taten und die Ideologie, die sie ermöglichte, für alle Welt sichtbar zu machen. Nicht nur das Gedenken an die Opfer allein ist entscheidend, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern, auch die Täter, ihre Motive und perfiden Vorgehensweisen müssen ans Licht gezerrt werden, um zu verdeutlichen, was Genozid, Shoa und Holocaust tatsächlich bedeuten. Viele Schriftsteller leisten heute einen unschätzbaren Beitrag in der Aufarbeitung dieser dunklen Epoche, doch nur wenigen gelingt es dabei, neue Maßstäbe zu setzen oder Grenzen zu überschreiten, die es hinter sich zu lassen gilt, um mehr zu erzählen, als das, was wir schon wissen.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Pieter Webeling geht in seinem Roman „Das Lachen und der Tod“ (Heyne Verlag) diesen Weg. Er macht seine Leser zu direkten Zeitzeugen des Holocaust und erspart ihnen dabei keine einzelne Sequenz des Grauens, keine Beschreibung des Unsäglichen und kein Bild des Unvorstellbaren. Er schreckt nicht davor zurück, Details zu erzählen, die selbst in den Berichten der Überlebenden der Todeslager ausgespart werden, weil sie einfach zu unbeschreiblich sind. Wer sich auf diesen Roman einlässt, sollte genau wissen, welchen Leseweg er mit dem Autor beschreitet.

Wer sich Webeling anschließt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass sich die Tore des Konzentrationslagers Auschwitz hinter ihm schließen und das Lesen des Romans allein keine Chance zur Flucht bietet. Wer ihm folgt, sollte sich darauf einstellen, dass er eine Welt betritt, aus der es keine Flucht gibt und in der das Grauen zum Alltag gehört. Leser müssen das wissen. Webeling verlangt extrem viel. Und genau damit geht er weit über das Erwartete hinaus. Dort, wo andere Autoren den Schrecken unserer Fantasie überlassen, schreibt Webeling weiter. Schonungslos und doch so wahr. Klartext.

„Eigentlich waren das gar keine Menschen mehr, sondern nur noch Schatten mit leeren Augen, entfleischte Körper mit hervorstehenden Knochen. Bei einigen funktionierte der Schließmuskel nicht mehr, sodass ihnen der Enddarm ein paar Zentimeter aus dem Anus hing.“

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Nur so gelingt es Webeling den harten Kontrast seines Romans zur vollen Wirkung zu bringen. Nur im Klartext vermag er seinen Lesern zu vermitteln, was es bedeutet, einen kleinen Hoffnungsschimmer inmitten des Grauens zu erkennen. Wer sich einlässt, wird am eigenen Leib spüren, wie befreiend ein Lachen sein kann, welche Macht Humor hat und wie lebenswichtig es ist, in lebensbedrohlichen Situationen nicht aufzugeben. Aber als Leser muss man sich immer vor Augen halten, dass einem genau dieses Lachen oft im Halse stecken bleibt. Dieser Leseweg ist ein schwieriger und nachhaltiger.

Charly Chaplin hat dies deutlich unter Beweis gestellt. Mit seinem Film „Der große Diktator“ hat der legendäre Komiker und Pantomime einen Paukenschlag der Hoffnung in die Welt gesetzt und das Unsichtbare sichtbar gemacht. Er vermochte es in einer grandiosen Parodie auf Adolf Hitler den Humor zu einer Waffe werden zu lassen, die in der Lage war, die Sichtweise von Menschen nachhaltig zu verändern. Und genau dieser Charly Chaplin gehört zu den Vorbildern eines Komikers aus Holland, der im Roman von Pieter Webeling die Hauptrolle spielt.

Der fiktive Ernst Hoffmann zählt zu den berühmtesten Komikern seines Landes, als er aufgrund seines jüdischen Glaubens in ein Konzentrationslager deportiert wird. An einem frostigen Tag im Frühjahr 1944 findet er sich in einem Viehwaggon wieder. Er, der prominente Künstler, wird zusammengeschlagen und mit zahllosen weiteren Juden unter unsäglichen hygienischen Bedingungen einer tödlichen Reise ausgesetzt. Das Ziel ist ihnen nicht bekannt. Was sie dort erwartet ebenso wenig. Die Bedingungen lassen allerdings keinen Spielraum für Hoffnung und Panik macht sich breit. Und doch gelingt es dem versierten Komiker, seine Leidensgenossen mit Witzen abzulenken und ein wenig zu beruhigen.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

„Wir sitzen hier in einem Viehwaggon. Ist das ein Grund zum Lachen? Nein, im Gegenteil. Aber es erinnert mich an ein Foto, auf dem Hitler neben einer Kuh steht. Wissen sie, was mir sofort aufgefallen ist? Der intelligente Blick der Kuh!“

Die Menschen vertrauen ihm und seiner magischen Ausstrahlung und auch er beginnt zu hoffen, weil er genau in dieser fatalen Situation auf die junge Helena trifft. Ein kurzer Moment des Erkennens, ein Augenblick reicht aus, zwei verzweifelte Opfer miteinander zu verbinden. Ein zartes Band, das bei der Selektion auf der Rampe des KZs zerrissen wird. Ebenso brutal, wie hier alles endgültig getrennt wird. In Leben und Tod. Den Nazis bleibt Ernst Hoffmann nicht verborgen. Zumal er in seiner Baracke immer wieder dafür sorgt, dass der Hoffnungslosigkeit durch Humor und ein einziges Lachen am Tag die Grenzen aufgezeigt werden. Der Lagerleiter persönlich beginnt sich für den Künstler zu interessieren.

Sie schmückten sich mit den Bekannten und Talentierten. Sie führten sie vor und ergötzten sich an ihren eingesperrten Talenten. Ob Musiker, Kabarettisten oder Sänger. Die Nazi-Schergen benutzten sie in allen Todeslagern als Funktionshäftlinge. Und so soll auch der berühmteste Komiker Hollands vor den Wärtern der Todesmaschine auftreten, um ihnen den „ach so schweren Alltag“ zu versüßen. Doch Ernst Hoffmann verweigert sich diesem Ansinnen. Kollaboration ist nicht seine Welt. Lieber geht er in den Tod. So tief will er nicht sinken. Das klare NEIN bringt ihn aus der Vorhölle ins Zentrum des Wahnsinns, denn dem Leiter des Lagers ist die einzige Schwäche des Komikers nicht verborgen geblieben. Ein Druckmittel, das schwerer wiegt, als der Tod: HELENA.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

In diesem Moment verliert der Komiker seine Seele an den Mephisto von Auschwitz. Er fällt tief in den Abgrund seines eigenen Anspruches weil er nun um das Leben einer Frau kämpft, die er nur kurz gesehen hat. Und genau an dieser Stelle öffnet der Autor Pieter Webeling den letzten Vorhang des Grauens und führt uns an der Hand seines Protagonisten ins Herz aus Vernichtung, Zermürbung und Erniedrigung. Ein industriell organisierter Menschen-Schlachthof ohne jegliche Empathie der Täter verschlingt den Leser und den Komiker mit einem gezielten Happen. Die Unerträglichkeit des Lesens wird hier greifbar. 

Der Hund steht über dem Menschen, wie wir schon im Roman Sonnenschein von Daša Drndić erfahren konnten. Die beiden Bücher beginnen hier laut miteinander zu sprechen. Und doch geht Webeling viel weiter. Er führt uns in eine Gaskammer, lässt uns Tote und Lebende im Krematorium verbrennen, ihre Asche in Gruben verscharren. Er macht uns zu Zeugen brutaler Morde und Hinrichtungen, führt uns vor Augen, was Ungeziefer und Hunger aus einem Menschen machen können und verschont auch seinen Protagonisten nicht davor, immer tiefer in den Abgrund zu stürzen.

Jenseits allen Lachens verliert Ernst Hoffmann seine Unschuld. Und doch ist es die Kraft seiner intellektuellen Begabung, die ihn am „Point of no Return“ zu dem werden lässt, was ihn von den Nazi-Schergen unterscheidet. Zu einem Menschen. Die Hölle ist greifbarer denn je und ich hätte niemals gedacht, die folgenden Bilder der politischen Malerin Peggy Steike als Artikelbilder verwenden zu können. Sie sprengen die Grenzen des Fühl- und Vorstellbaren. Sie sind bildlicher Klartext und genau aus diesem Grund werden sie dieses Buch in unserem gemeinsamen Projekt Vergissmeinnicht weiter begleiten. Grenzen sprengen um zu erkennen, was wirklich geschah.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling - Bilder von Peggy Steike

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling – Bilder von Peggy Steike

Kritisches zum Schluss:

Webeling schrieb einen Roman. Jenseits der Realität des Holocausts, die er in einer unvergleichlich tiefen Art und Weise vermittelt, bleibt er im Kern seines Themas recht blass. Der Humor seines großen Komikers Ernst Hoffmann kommt an vielen Stellen des Romans nicht über platte Hitler-Witze hinaus. Das kabarettistische Zerfleischen des NS-Regimes gelingt selten. Hier hätte ich mir mehr Esprit gewünscht.

Die Beschreibung der Abläufe im Konzentrationslager ist authentisch. Allerdings geht Webeling im fiktiven Teil des Romans einige Kompromisse mit der Realität ein, die das Verhalten seiner Protagonisten nachvollziehbar machen sollen. Die Rolle Helenas im Hause des Lagerkommandaten ist für mich persönlich nicht vorstellbar. Das kann man vielschichtig diskutieren. Angesichts des Wahnsinns im Holocaust sind diese kleinen Schwächen jedoch zu akzeptieren. Pieter Webeling ist ein wichtiges Buch gelungen.

Betrachten Sie die Holocaust-Bilder von Peggy Steike. Wenn Sie in der Lage sind, diesen Anblick zu ertragen, dann sollten Sie Das Lachen und der Tod lesen. Genau diese Bilder werden Sie durchs Buch begleiten. Es setzt neue Maßstäbe!

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Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst – Waldtraut Lewin

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Es gibt sie wirklich, diese ambivalenten Gefühle einem Buch gegenüber. Dieses „Einerseits“ und „Andererseits“. Zwei Gefühlswelten, die intensiv miteinander ringen und oftmals nur schwer in Einklang zu bringen sind. „Einerseits“ inspiriert der Grundgedanke eines Romans und treibt den Leser durch eine mehr als utopische Story, „andererseits“ beschleicht einen das Gefühl, genau dieses mutige Gedankenspiel gar nicht mitspielen zu wollen. Es vielleicht auch gar nicht mitspielen zu können.

Wenn du jetzt bei mir wärst“, erschienen bei cbj, ist mehr als „Eine Annäherung an Anne Frank“, wie es der Untertitel des Romans von Waldtraut Lewin beschreibt. Es ist die literarische Reanimation einer Ikone des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Waldtraut Lewin wagt sich mit ihrem Gedankenspiel auf ungewöhnliches Terrain. Sie, die etablierte Autorin, die mit Der Wind trägt die Worte schon fast ein Standardwerk zur Geschichte des Judentums in zwei Bänden verfasst hat.

Sie, die es in ihren Romanen wie kaum eine Zweite versteht, fiktive Protagonisten in historisch sehr fundiert recherchierte Kontexte einzubetten. Sie wählt einen Weg, der ihr selbst sicherlich schon mit dem Schreiben der ersten Zeilen als absolutes Wagnis vorgekommen sein muss. Sie lässt sich auf eine persönliche Begegnung mit Anne Frank ein. Nicht in der fernen Vergangenheit, nicht in Form einer kaum zu erklärenden Zeitreise. Nein.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Sie besucht das Anne-Frank-Haus in Amsterdam und während sie noch tief in ihre Gedanken über die wohl bekannteste Tagebuchautorin der Welt vertieft ist, steht Anne Frank plötzlich vor ihr. Geisterhaft vielleicht. Aber für Waldtraut Lewin greifbar und real. Niemand hat sich wohl so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, niemand hat so früh wie sie begonnen, den Spuren von Anne Frank zu folgen und niemandem außer Waldtraut Lewin selbst kommt der Touristenstrom in dieser Gedenkstätte unwirklicher vor, als das plötzliche Auftauchen einer Legende.

Die 14-jährige Anne Frank scheint auf der Suche nach jemandem zu sein, dem sie endlich vertrauen kann und kurz nach ihrem 85. Geburtstag begegnet sie der Autorin, die sie besser zu kennen scheint, als sie sich selbst fühlen kann. In der beängstigenden Enge des Verstecks in Amsterdam fühlt sich Anne Frank auch über den Verrat und den Tod hinaus eingesperrt. Vielleicht ist es das unsichtbare Band, das Schriftstellerin und Opfer des Holocaust miteinander verbinden. Vielleicht ist es die pure Imagination. Egal.

Die Verbindung ist hergestellt und Waldtraut Lewin kann einfach nicht widerstehen, diese Chance zu nutzen und Anne Frank auf der Grundlage der Selbstverständlichkeit dieser eigentlich aberwitzigen Situation aus der Prinsengracht 263 zu befreien. Sie nur ein einziges Mal in die heutige Welt mitzunehmen, um ihr zu zeigen, wie die Welt sich verändert hat, wie berühmt Anne Frank ist und damit auch sich selbst zu beweisen, dass dieses 85-jährige junge Mädchen nicht umsonst gestorben ist.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Jene Anne Frank, die sich von 1942 bis 1944 mit ihren Eltern während der Besetzung der Niederlande durch Nazis in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hielt, dann von Unbekannten verraten wurde, mit ihrer gesamten Familie inhaftiert und deportiert wurde und schließlich im Jahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen wohl an den Folgen von Fleckfieber verstarb, das durch die katastrophale hygienische Situation im Lager verursacht wurde.

Und genau diese Anne Frank kann ihrerseits dem unwiderstehlichen Angebot der Schriftstellerin nicht widerstehen und folgt ihr ins Amsterdam unserer Tage. Endlich wieder atmen, endlich raus ins Leben und sich so fühlen, als sei man ein normales Mädchen. Und endlich die Fragen stellen, die einem seit Jahrzehnten auf der Seele brennen. Diese Gedanken toben im Herzen und im Verstand einer längst Verstorbenen. Und bei wem wäre sie in dieser Situation besser aufgehoben, als bei Waldtraut Lewin?

Das veränderte Amsterdam, die Fragen nach dem Ausgang des Krieges, der Rolle der Deutschen in unserer Zeit und über die Entwicklung des Judentums in Holland dominieren die ersten Augenblicke dieses gedanklichen Freifluges. Aber auch die ganz normalen Fragen des Lebens und die pure Sehnsucht nach Liebe machen aus Anne Frank plötzlich ein greifbares, neugieriges und suchendes Mädchen. Dass sie dabei erneut zu schreiben beginnt, verwundert nicht. Dass sie Notizbücher kauft, um das berühmteste Tagebuch der Weltliteratur fortzusetzen ist keine Überraschung.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Wie sehr hat man sich sein ganzes Lesen auf diesen Moment gefreut. Ich kann das für mich so behaupten. Wie sehr hat man sich selbst gewünscht, Anne heute zeigen zu können, wie berühmt sie ist und was sie bei jungen Menschen bewegt hat. Das ist das ganz große „Einerseits“ dieses Gedankenspiels. Denn „andererseits“ bleibt Anne Frank seltsam blass im Roman von Waldtraut Lewin. So, als gelinge ihr die Annäherung beim besten Willen nicht so, wie sich es sich selbst gewünscht hätte.

Anne wirkt passiv und agiert wenig. Sie lässt sich zu sehr führen und besucht Orte mit ihrer Begleiterin, die ich nicht zwingend auf der Liste der Orte gesehen hätte, an die eine Anne Frank heute reisen würde, wenn sie die Chance dazu hätte. Niemand weiß, wie lange die Phase des Existierens anhalten wird. Beide nehmen sie als Geschenk. Ob ich Anne in dieser Situation auf die Spuren ihrer Herkunft nach Frankfurt gebracht hätte, ob ich ihr so ganz nebenbei den komprimierten Inhalt der beiden Bände Der Wind trägt die Worte in leicht verständlichen Bildern vermittelt hätte… Ich weiß es nicht.

Da es sich aber um ein Gedankenspiel handelt, ließ ich meinen eigenen Gedanken zum Buch an vielen Stellen freien Lauf. Ich stellte mir vor, was ich mit Anne besprochen hätte. Ich grübelte darüber, was ich ihr über unser Land erzählen würde, und was ich sie fühlen lassen würde, jetzt in diesem vielleicht einzigartigen Moment der mentalen Wiedergeburt. Dieser Transfer ist sicherlich eine der großen Leistungen von Wenn du jetzt bei mir wärst. Diese Frage soll, darf und muss sich in den Herzen junger Leser wie ein kleiner Samen festsetzen und zum Nachdenken anregen.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Hier hat Waldtraut Lewin vielleicht sogar denn wahren Königsweg des Erzählens gefunden, obwohl mir vieles in diesem Buch wie eine Geschichtsstunde vorkam. Nicht nur für Anne Frank, sondern auch für den Leser, der sich eigentlich dem Mädchen annähern wollte. Nicht der Weltgeschichte. Diese Annäherung bleibt auf Distanz, obwohl wir Anne lieben, lachen und hoffen sehen. Obwohl wir sie vielleicht ein wenig besser greifen können. Aber letztlich blieb sie auch in diesem, Gedankenspiel seltsam verpuppt und in sich gefangen.

Wenn man ein solches Buch schreibt, muss man auf der Gratwanderung für junge Leser genau aufpassen, in welche Richtung man argumentiert, wenn es politisch wird. Die Reise nach Israel, das Wagnis, Anne zu zeigen, was aus diesem Land geworden ist, von dessen Existenz sie absolut nichts weiß, sollte differenziert und neutral erfolgen. Ich habe das nicht so gelesen. Der tiefe Konflikt zwischen Israel, Palästinensern und Arabern wird aus Sicht Israels auf folgenden einfachen Nenner gebracht:

„Stell dir mal vor, Mexiko würde auf einmal Raketen aufs Gebiet der USA schießen. Was würden die wohl machen?“

Wenige Worte zur Besiedlungspolitik der Israelis, kaum Worte zur Landnahme und Ausdehnung dieses Staates der Flüchtlinge auf das Gebiet anderer Völker. Und dieser gewählte Vergleich ist unsachlich. Eine endlose Gewaltspirale, die sich zwischen Israel und der Hamas in heftigen Kreisen dreht, wird durch beide Seiten in Schwung gehalten. Das ist nicht Mexiko, das einfach so zum Spaß mit Raketen schießt. Das ist ein Konflikt, der sich so simpel einseitig nicht darstellen lässt. Den man sicher nicht so darstellen darf, sonst instrumentalisiert man Anne Frank in dem mehr als lobenswerten Versuch, dem Gedenken an sie neues Leben einzuhauchen. Sie ist kein israelisches Mädchen.

Das ist mein ganz persönliche „Andererseits“ an diesem Roman. Und es wiegt schwer im Lesen „Gegen das Vergessen„.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Meine Gedanken schließen mit einem tief angelegten Denkmodell aus der Feder von Nathan Englander. Vielleicht sollte man sich darüber Gedanken machen, bevor man andere Wege geht. In seinem Buch Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank redenwerden wir mit einem komplexen Gedankenspiel konfrontiert, das uns nachhaltig verstören kann:

Wir lernen in einer der bewegenden Kurzgeschichten jüdische Menschen kennen, die das sogenannte „Anne-Frank-Spiel“ spielen, in dem es darum geht, sich mit der folgenden Frage zu beschäftigen:

„Wenn wir heute an der Schwelle eines erneuten Holocausts stünden, welcher unserer Freunde würde uns für die nächsten Jahre unter Einsatz seines eigenen Lebens bei sich zuhause verstecken und versorgen?“

Die Antworten werden zum persönlichen Debakel. Für uns auch? Denkt mal darüber nach und bleibt bei Anne Frank, wenn sie es dringend braucht. Wir haben Anne Frank in einem besonderen Special gedacht. An ihrem Geburtstag und auch für Peggy Steike und mich war sie lebendig. Mehr als das… Sie bleibt es…

Aus aktuellem Anlass – „Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Novel„. Ein offener Brief an Anne Frank..

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Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Kein anderer Name ist in den letzten Tagen so häufig medial vertreten, wenn es um das Gedenken an die Opfer des Holocaust geht. Kein anderer Name steht so sehr im Fokus, wenn es um die Begleitung des wohl letzten großen „Auschwitz-Prozesses“ gegen einen der letzten noch lebenden Täter geht. Keine andere Frau wird, angesichts ihrer Gesten und Aussagen zur eigenen Verarbeitung des Grauens, in aller Öffentlichkeit gerade so argwöhnisch betrachtet. Niemand zeigt in diesen Tagen mehr menschliche Größe als sie: EVA MOZES KOR

Und warum? Weil sie beharrlich erinnert und mahnt? Weil sie mit ihren 81 Jahren die Welt bereist, Gedenkveranstaltungen besucht, vor Schülern spricht oder anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als eloquenter Gesprächsgast von Jauch zu Lanz herumgereicht wird? Weil sie eine agile Zeitzeugin ist, die noch in der Lage ist, von allem Zeugnis abzulegen? Weil sie Nebenklägerin im Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning ist? Nein – keineswegs.

EVA MOZES KOR ist deshalb so präsent, weil sie eine Botschaft vermittelt, die in der heutigen Zeit so unglaublich klingt und so sehr von Größe zeugt, dass man mehrmals hinhören und –schauen muss, um zu begreifen, dass sie es ernst meint. „Vergebe und heile!“ so lauten ihre markigen Kernworte, die sie jedem Menschen mit auf den Weg gibt. Worte, die in jugendlichen Herzen verankert werden und die heutige Generation zum Nachdenken bringen. Worte jedoch, die bei den Überlebenden des Holocaust nicht unumstritten sind. Worte, die bei Betroffenen ungläubige Reaktionen hervorrufen.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor und Reiner Engelmann – Vergebung ist kein Freispruch

Ich bin Eva Mozes Kor erst vor kurzem begegnet. Anlässlich ihrer Lesung zum 70. Jahrestag der glücklichen Befreiung des Todeslagers Auschwitz am 27. Januar 1944 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit Reiner Engelmann und dessen Buchvorstellung zuDer Fotograf von Auschwitz bin ich gemeinsam mit Peggy Steike der Einladung des cbj-Verlages gefolgt und wurde Zeuge eines denkwürdigen Abends. Ein Abend, der Peggy dazu inspiriert hat, Eva in ihrer Lieblingsfarbe ein lebendiges und leuchtendes Bild zu widmen, wie man am „Schulterblick“ im Atelier Steike deutlich erkennt. Blau im tiefen Kontrast mit der Vergangenheit. Symbolkraft für die Schüler, denen wir von Eva erzählen.

Ich habe den Todesengel überlebt, die bewegende Überlebensgeschichte von Eva Mozes Kor, begleitet unser gemeinsames Schulprojekt schon seit Jahren. Unter der Überschrift „Die Kunst des Vergebens“ beeindruckt ihre Botschaft ganz besonders junge Menschen, für die es aus heutiger Sicht schon unvorstellbar erscheint was Eva in Auschwitz erleiden musste. Umso unvorstellbarer sind dann ihre Worte „Vergebe und heile!“ Wir erklären den Jugendlichen immer wieder den Hintergrund der Botschaft und merken an den Reaktionen, dass aus dem Unglauben pure Bewunderung wächst.

Denn Vergebung ist für Eva Mozes Kor kein Akt der Selbstverleugnung oder gar ein Verzeihen im eigentlichen Wortsinn. Ihre Vergebung ist die größte Rache, die sie am Nazi-Regime nehmen kann. Es ist ein aktives Loslassen vom Trauma, ein sich selbst Distanzieren vom Grauen dieser Tage und ein ganz individueller Prozess, der es den Peinigern von damals nicht mehr gestattet, auch heute noch Macht über Eva Mozes Kor zu besitzen. Diese ganz eigene Form von Vergebung erlaubte ihr, die Opferrolle abstreifen und ihren Kampf Gegen das Vergessen aktiv beginnen zu können

Eva Mozes Kor - Peggy Steike malt gegen das Vergessen

Eva Mozes Kor – Peggy Steike malt gegen das Vergessen

„Jedes Opfer hat das Recht auf Heilung. Und das Gute an diesem Heilmittel Vergebung ist, dass es absolut keine Nebenwirkungen hat. Und jeder kann es sich leisten.“

Ihr Auftreten an jenem Abend in München entspricht ihrer Persönlichkeit. Sie vermag es den ganzen Saal im Amerikahaus zum atemlosen Schweigen zu bringen, als sie von der Selektion an der Rampe erzählt. Von der Trennung von ihren Eltern, von dem letzten Blick den sie mit ihrer Zwillingschwester Miriam auf ihre Familie werfen kann. Sie bringt Menschen zum Staunen, als sie darüber berichtet, wie der unbändige Wille zum Überleben entstand und wie sehr sich die Schwestern geschworen haben, nicht als Kinderleiche in einer Kloake zu enden.

Sie bringt die Menschen zum Lachen, als sie voller Sarkasmus erklärt, dass es die Aufseher nicht leicht mit ihr hatten. Ihre Kindheit sei nicht sehr harmonisch gewesen, berichtet sie. Körperliche Züchtigung durch den mehr als strengen Vater sei an der Tagesordnung gewesen und im Angesicht der Kapos des Konzentrationslagers mit ihren Knüppeln habe sie sich nur gedacht:

„Ihr habt euch wirklich das falsche Opfer ausgesucht. Ich bin bestens auf euch vorbereitet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Zwillinge im KZ

Sie sorgt für Applaus als sie davon berichtet, wie sie nach ihrer Befreiung aus dem Todeslager versucht hat, gemeinsam mit ihrer Schwester Miriam herauszufinden, welche Krankheitserreger man Miriam verabreicht hat, und die Verantwortlichen ihr den Rat gaben, doch einen ehemaligen Nazi-Arzt des Konzentrationslagers zu kontaktieren.

„Ich konnte das kaum glauben. Ich sagte denen dann, dass im Telefonbuch leider niemand unter der Berufsbezeichnung <Ehemaliger KZ-Arzt Auschwitz> zu finden sei und ich auch nicht annehme, dass sich da jemand auf eine Annonce in der Zeitung melden würde. Spaßvögel.“

Und sie vermag es, ihre Zuhörer und Leser intensiv mit Dr. Josef Mengele zu konfrontieren und allen zwiespältigen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Einerseits habe sie es ihm zu verdanken, dass sie nicht sofort vergast wurde, weil er nach Zwillingen für seine abscheulichen Menschenversuche gesucht habe. Wie ein Wissenschaftler habe er gehandelt. Keine menschliche Regung habe er gezeigt. Er war nie unfreundlich oder freundlich. Er war die wohl schwierigste menschliche Erfahrung, die Eva jemals erleben musste. Er sprach niemals. Kein persönliches Wort richtete er an seine Opfer. Er war ordentlich, stolz auf seine Arbeit. Ein Wissenschaftler umgeben von Versuchstieren.

Er tötete gezielt und doch im Vorbeigehen. Trotzdem lebten Eva und Miriam nur wegen ihm. Das musste den Mädchen vorkommen, als hätten sie es mit Gott persönlich zu tun. Diese Hilflosigkeit und die völlige Abhängigkeit, in Verbindung mit der ständigen Todesangst seien die ständigen Wegbegleiter gewesen. Nichts wurde den Mädchen jemals erklärt und es blieb ihnen keine Energie, als sich um das eigenen Überleben zu kümmern.

„Das hat alle Kraft gekostet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Lesezeichen von Eva

Und heute kostet es sie alle Kraft, als Überlebende des Holocaust mit ihrer Botschaft der Vergebung zur Selbstbefreiung nicht an den Rand des Gedenkens gedrängt zu werden. Reine „Selbstinszenierung“ wirft man ihr vor. Als „falsch zu verstehende Geste des Freispruchs für alle Täter“ wird ihre Geste gedeutet, dem Angeklagten in Lüneburg die Hand zu reichen. Und selbst das internationale Auschwitz Komitee wird zitiert mit den Worten: „Den Tätern Verzeihung zu gewähren, dazu fühlen sich die Überlebenden angesichts deren jahrzehntelangen unbelehrbaren Schweigens nicht in der Lage!“

Eva Mozes Kor ist dazu in der Lage. Sie spricht die Täter nicht frei von Schuld. Sie hat sich befreit von Tätern, die sie jahrelang in ihrer Gewalt hatten. Nur dieser Weg hat es ihr ermöglicht, ihren eigenen Weg aus dem Dunkel des Daseins als Opfer zu finden. Wir hören ihr aufmerksam zu und ich ziehe meinen Hut vor dem Kampfesmut von Eva Mozes Kor.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Ihr Mut steht auch heute noch als Beispiel, warum es sich lohnt für das Überleben zu kämpfen. Nun geht sie ihren Weg der Selbstheilung und der Selbstbefreiung. Wer das kritisiert, hat sich nie in die Lage der Überlebenden versetzt. Wer das kritisiert, hat sich nie mit dem Weg von Eva Mozes Kor auseinandergesetzt. Aber eines ist sicher. Keine Kritik der Welt wird aus ihr wieder das machen, was man ihr jahrelang im wahrsten Sinne des Wortes eingeimpft hat: EIN OPFER.

Sie hat einige Exemplare von „Ich habe den Todesengel überlebt“ für Schüler in Bayern mit dieser Botschaft versehen und signiert. Sie werden Peggy Steike und mich durch unser gemeinsames Schulprojekt begleiten. Sie uns hat ihre Botschaft mit auf unseren Weg gegeben und wir werden sie sicher nicht sinnentfremdet weitergeben, sondern so, wie ich es hier schrieb. In ihrem Sinne, der auch unserer ist.

„Forgive & Heal“

Thank you, Eva, forbeing part of your Message

Thank you, Eva, for being part of your Message

Nachtrag: auch Reiner Engelmann wird uns nach seinem Buch Der Fotograf von Auschwitz weiter begleiten. Ihm wird ein eigenständiger Artikel zu diesem Abend gewidmet. Auch seinem schon bald bei cbj erscheinenden neuen BuchWir haben das KZ überlebt gilt es, die vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Er steckt tief im Thema. Differenziert und journalistisch höchst profund und seriös. Seine Emotionalität angesichts der sehr bewegenden Aussagen von Eva Mozes Kor in ihrer gemeinsamen Veranstaltung „Gegen das Vergessen“ werde ich nicht vergessen.

Sonnenschein von Daša Drndić [Gegen das Vergessen]

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Ihre Geschichte ist eine kleine Geschichte, eine der unzähligen Geschichten von Begegnungen, von erhaltenen Spuren zwischenmenschlicher Kontakte, sie weiß das, doch solange sich nicht alle Geschichten der Welt zu einer gigantischen kosmischen Patchwork-Decke verbinden, die die Erde umhüllt, damit die Erde schlafen kann, wird die Geschichte, dieses Ungeheuer aus der Wirklichkeit, weiterhin die Nähte auftrennen, schnippeln, reißen, Fetzen des Universums klauen und sie in ein eigenes Leichentuch nähen.“

Sonnenschein“ von Daša Drndić ist so eine kleine Geschichte. Eine dieser unzähligen kleinen Geschichten, die für den Verlauf der Weltgeschichte keinerlei Bedeutung zu haben scheinen. Und doch verbirgt sich hinter diesem kleinen Quadrat der universellen Patchwork-Decke mehr als nur eine Geschichte. Ohne sie zu kennen verlieren wir den Kontakt zu den Fäden, die sie mit dem Rest der Weltgeschichte verbinden. Und die losen Enden dieser Fäden sind die losen Synapsen im kollektiven Gedächtnis der folgenden Generationen, die eine Verbindung vom individuellen Leid auf die unvorstellbare Dimension der Verbrechen des Holocaust nicht mehr zulassen.

Die kroatische Autorin Daša Drndić geht hier gemeinsam mit dem Verlag Hoffmann und Campe einen besonderen Weg, um dem kollektiven Vergessen entgegenzutreten und den Lesern in einer sehr beeindruckenden Mischung aus fiktiv-realem Dokumentar-Roman eine dieser kleinen Geschichten zu erzählen, die dann so plötzlich ausufert, als hätte man jeden Faden der Patchwork-Decke in Schwingungen versetzt. Dieser Weg besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Der teilweise fiktiven Handlung, die mit vielen dokumentarischen Einschüben immer wieder auf den Boden der Realität gezogen wird und dem Buch selbst.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Die Rolle des Buches ist keine unerhebliche in diesem komplexen Projekt. Es fühlt sich an, als habe man ein geheimes Buch aus einem verborgenen Archiv der damaligen nationalsozialistischen Machthaber in den Händen. Es ist wie für die Ewigkeit gemacht. Extrem stabil verarbeitet, höchst wertvoll und nostalgisch im Buchschnitt. Die ungleichen Seitenlängen des sehr hochwertigen Papiers in Verbindung mit seiner unverwüstlichen Bindung lassen in jedem Kapitel, bei jedem Wort und jeder einzelnen Illustration das Gefühl entstehen, man habe ein authentisches Zeitzeugnis in Händen. Die aus dem Wort „Sonnenschein“ wachsende SS-Rune und die Spuren von Abnutzung verstärken dieses haptisch-optische Echtheitsgefühl.

Die Anordnung der Fotos und Dokumente gleicht eher einer Ermittlungsakte und manche Kapitel und Einschübe erinnern im Schriftsatz sehr an Vernehmungsprotokolle. Das gesamte Innere wirkt unharmonisch, wie von einem akribischen Sachbearbeiter in jahrelanger aber zeitlich nicht chronologischer Reihenfolge mit neuen Erkenntnissen angereichert. Es finden sich Lebensläufe, Stammbäume und ein Mittelteil, den ich so in meinem Leseleben noch nie erlebt habe.

Unter der Überschrift „Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte“ sind auf siebzig Seiten ungefähr 9000 Namen von jüdischen Menschen verzeichnet, die in den Jahren 1943 und 1945 aus Italien deportiert oder dort ermordet wurden. Spätestens an diesem Punkt erzielt das Buch schon als solches eine unbeschreibliche Wirkung. Man ist nicht in der Lage, die Liste nur zu überfliegen, erkennt ganze Familienzweige und realisiert, dass dies alles kleine Geschichten sind, die zur großen Patchwork-Decke des Holocaust in Italien gehören. 9000 Menschen. 9000 Geschichten und doch nur ein kleiner Teil der Patchwork-Decke, die das Totenbett der Opfer des Nationalsozialismus bedeckt.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Dieses Buch ist als Buch gewagt. Es ist mutig und es ist außergewöhnlich und dabei ist es doch als Kunstwerk so wichtig, da es eine Geschichte beinhaltet, die in einer anderen bibliophilen Darreichungsform an der erforderlichen Authentizität verlieren könnte. Diese Geschichte ist nicht von dieser Welt. Sie ist nicht aus unserer Zeit. Sie ist unfassbar und unbegreiflich zugleich. Sie ist oftmals schwer zu lesen, schwer zu verdauen, schwer zu verstehen und es ist schwer, das Buch überhaupt aus der Hand zu legen.

Die Geschichte entzieht sich jeder stilistischen Einordnung, sie ist ohne Rhythmus, folgt keiner chronologischen Abfolge. Sie ist fragmentarisch, setzt sich manchmal aus Fetzen und Schnappschüssen zusammen, doch immer dann, wenn sie zu entgleiten droht, wartet Daša Drndić genau auf der richtigen Seite des drohenden Verlusts und reicht ihrem Leser die nächsten Fäden der großen Decke in die Hand. Es sind jeweils pulsierende und teilweise glühende Fäden. Man nimmt die Fährte auf, spürt den Freiraum der eigenen Gedanken, die von der Autorin jederzeit vehement und beharrlich eingefordert werden. Aktiveres Lesen habe ich noch niemals in dieser Dimension erlebt.

Das Verstehen reift von Seite zu Seite und gleichzeitig wächst der innere Widerstand zu glauben, was damals im von Nazis besetzten Italien und in vielen anderen Ländern möglich war. Und wenn man dann kopfschüttelnd vor den Seiten, Zeilen, Worten und Fetzen dieser Geschichte sitzt und sich selbst sagt: NEIN.. Das kann doch nicht sein, genau dann öffnet die Autorin den Vorhang und konfrontiert den zweifelnden Leser mit den Tätern. Auge in Auge lesen wir die Vernehmungsprotokolle des Grauens. Und wenn wir dann extrem schluckend versucht sind, das Buch einmal kurz aus der Hand zu legen, öffnet sich der Vorhang zu den Überlebenden. Ihnen müssen wir zuhören. Ob wir wollen oder nicht und so treiben wir uns selbst durch eine Geschichte, die in sich in weiten Teilen erfunden ist. Begegnen Menschen und Begebenheiten, die es so nicht gegeben hat. ABER

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Aber genau das ist der einzige greifbare Rettungsanker für den Leser. Diese Fiktionalisierung rettet uns davor, diese kleine Geschichte von Haya Tedeschi als absolut zu betrachten und in der ausschließlichen Fixierung auf dieses Einzelschicksal die übergeordnete Dimension von „Sonnenschein“ aus unseren Augen zu verlieren. Haya steht hier als Suchende und Leidende stellvertretend für alle kleinen Geschichten. In ihr findet sich das Leid, der Verlust, das Hoffen, Sehnen und Bangen wieder. Der staunende Unglaube, die Ernüchterung, das Verstehen und das Verweigern. Haya wird zum fiktiven menschlichen Synonym für all das Leid eines Individuums. Ein zeitloses Leid, da es die Zeit überdauert.

Seit 62 Jahren wartet sie auf ihren Sohn. Seit genau 62 Jahren durchforstet sie Archive, Dokumente, folgt allen denkbaren Spuren, nur um das Kind wiederzufinden, das im von Nazis besetzten Gorizia aus dem Kinderwagen entführt wurde. Ihre kurze Affäre mit einem der Besatzer, dem SS-Offizier Kurt Franz, war für sie mit Illusionen und Gefühlen verbunden. Dass sie als Jüdin einem arischen Herrenmenschen ein Kind schenkt ist ein nationalsozialistisches Sakrileg. Und es wird korrigiert. Eine Entführung beendet alles.

Im Gegensatz zu ihrer Familie überlebt die junge Jüdin den Zweiten Weltkrieg, nur um in der Folge über viele Jahrzehnte noch viele Tode zu erleiden. Sie findet alles über Kinder heraus, die in der damaligen Besatzungszeit als Bastarde von Nazis gezeugt wurden. Sie enträtselt den italienischen Holocaust, recherchiert sich mit viel Mühe an die brutalen Täter heran, sie realisiert, was Euthanasie im Wortsinn bedeutete. Sie findet Vernehmungsprotokolle der Beteiligten an der Aktion T4 zur Vernichtung von unwertem Leben. Sie nähert sich dem Projekt Lebensborn an, in dem der arischen Rasse genetisch reiner Nachwuchs durch Zucht beschert werden sollte. Sie erfährt auch, was mit den jüdischen Kindern geschah, die von der katholischen Kirche gerettet wurden. Sie wurden ihren verzweifelten Eltern nie zurückgegeben, da sie ja nun getauft und katholisch waren. Ihre Seelen sollten nicht mehr verloren werden. Unglaublich. Aber wahr.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić – Zeichnungen der T4 – Opfer von Peggy Steike

Sie recherchiert sich durch den Schrecken der Konzentrationslager, in denen die T4-Täter ihre perfiden Talente in der Beseitigung unwerten Lebens im großen Stil weiterführen konnten. Doch sie vermag es nicht, ihrem verlorenen Sohn näher zu kommen. Zu verflochten sind die Wege, zu viel wurde vernichtet. Und doch weiß sie, dass – wenn er noch lebt – er eines von zigtausend Kindern ohne jede Vergangenheit ist. Ohne Identität und ohne Wurzeln. Gefangen in einem manipulierten körperlich geistigen Käfig.

Wir durchforsten all diese Mosaiksteine mit ihr gemeinsam. Uns stockt der Atem in Treblinka. Wir verzweifeln mit ihr angesichts der Zeugenaussagen von Tätern und Opfern. Tränen der Verzweiflung und ungläubige Starre werden zu unseren Begleitern. Und doch richten wir uns immer wieder am aufrechten Kampf einer suchenden Mutter auf, die alles verloren geben kann. Sich selbst, ihre Familie, ja sogar ihr ganzes Land. Nur nicht das Kind, das sie nur kurze Zeit an ihre Brust schmiegen durfte.

Hoffnungslos ist Sonnenschein nicht. Es wirft seinen Schlagschatten bis in unsere Zeit. Das Buch erklärt in aller subjektiver Deutlichkeit, warum nicht vergessen werden darf. Weil eben nicht abgeschlossen wurde. Weil die Wunden noch offen sind und weil es auch heute noch Menschen gibt, die nicht den leisesten Hauch von ihrer eigenen Geschichte haben. Das merken wir mit der größten Gänsehaut unseres Lesens, wenn wir im Buch plötzlich einem erwachsenen Mann begegnen, der sehr spät in seinem Leben erkennen musste, dass er nicht derjenige ist, der er immer zu sein glaubte. Und genau dieser Mann macht sich von seiner Seite aus auf die Suche nach seiner Mutter. Einer Frau, die nun sehr alt sein muss und aus Italien stammen soll. Aus Gorizia…

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Ich kann dieses Buch ans Herz legen. Aber es sollte ein stabiles Herz sein, das weiß, worauf es sich einlässt. In der drastischen Schilderung der Realität des Holocaust bleibt kein moralischer Stein auf dem anderen. Alle bekannten Grundfesten unserer Gefühle werden eingerissen. Es ist eines der wichtigsten Bücher Gegen das Vergessen“, das ich jemals lesen durfte. Aber ich habe nicht gut geschlafen in unserer gemeinsamen Zeit.

Sonnenschein wird Teil meines gemeinsamen Projektes „Gegen das Vergessen“ mit Peggy Steike. Sie versucht gerade auf ihre ganz besondere Art und Weise den unschuldigen Opfern der T4-Aktion wieder ein Gesicht zu geben. Als Rekonstruktion von Originaldokumenten, weil hier weitgehend im Geheimen gemordet werden konnte. Im absolut Verborgenen. Es war der große Testlauf für den Völkermord.

Sonnenschein“ bringt Licht ins Dunkel. Und es ist dabei der wohl blendendste Suchscheinwerfer der Geschichte in Buchform.

Du kannst Teil unseres Projektes „Gegen das Vergessen“ werden. Ein Exemplar von „Sonnenschein“ möchte ich gerne an einen interessierten Leser weitergeben. Peggy und ich haben uns dem Ziel verschrieben, dem Erinnern ein Gesicht zu geben und den Opfern des Holocaust durch unsere Arbeit ein wenig Würde zurückgeben zu können. Dafür musst Du nur bereit sein, uns ein wenig zu helfen. Auf der Liste der 9000 Deportierten und Ermordeten hat sich mir der Name Jenni Dienstfertig ins Gedächtnis gebrannt. Ich möchte mehr über sie erfahren. Wenn Du helfen möchtest, mehr über sie herauszufinden, dann kommentiere bitte diesen Artikel. Danke fürs Lesen…

Ronja stellt sich der Herausforderung "Gegen das Vergessen"

Ronja stellt sich der Herausforderung „Gegen das Vergessen“

Update zum Artikel:

Ronja Grage wird sich auf die Suche nach Jenni Dienstfertig machenWir sind schon alle sehr gespannt, was sie nach den ersten unglaublichen Informationen noch herausfindet.

Der Lesebericht und die Recherche-Ergebnisse von Ronja wurden nun auf ihrem Blog Bücherstöberecke veröffentlicht. Hierbei ist es besonders bewegend zu sehen, dass nicht nur „Sonnenschein“ seinen Schlagschatten auf die Artikel dort geworfen hat, sondern über die eigentliche Bitte hinaus, etwas über Jenni Dienstfertig herauszufinden ein ganzes Projekt entstanden ist… Hinter jedem Namen eine Geschichte.

Zur Rezension „Sonnenschein“ von Ronja Grage
Zu den Recherche-Ergebnissen „Jenni Dienstfertig“
Zur Projektseite „Hinter jedem Namen eine Geschichte“
Sonnenschein – „Bruno Farber“

Belladonna von Daša Drndić

Am 5. Juni 2018 starb Daša Drndić. Sie hinterließ nicht nur ihren „Sonnenschein“, sondern mit ihrem letzten Werk „Belladonna“ ein literarisches Vermächtnis, das sie auf einzigartige Art und Weise mit „Sonnenschein“ verbunden hat. Traurig.

Belladonna von Daša Drndić

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