„Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Es ist schwer für mich, über „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez zu schreiben. Es ist schwer, weil ich mich schon sehr lange mit Nazi-Ärzten des Dritten Reichs beschäftige. Mit ihren aberwitzigen Menschenversuchen, der führenden Rolle in der Frage der Euthanasie und den Morden an Menschen, zu deren Heilung sie sich eigentlich verpflichtet hatten. Zu lange schon stelle ich mir die Frage, wie man das mit sich selbst vereinbaren kann. Es ist schwer, darüber nachzudenken. Schwer, es in Worte zu fassen und doch unerlässlich, sich diesem Thema zu stellen. Aber das ist es nicht allein, was es so schwer macht für mich. Ich kenne eine Überlebende des aus der heutigen Sicht wohl größten „Monsters“ in der Geschichte der Humanmedizin.

Das Verschwinden des Josef Mengele – Die Rezension fürs Radio

Diese Rezension können Sie auch bei Literatur Radio Bayern hören

Eva Mozes Kor – Eine Mengele-Überlebende erzählt

Ich kenne Eva Mozes Kor. Ich hätte gerne auch ihre Schwester Miriam kennengelernt. Ihre Zwillingsschwester, um es deutlich zu sagen. Doch nur Eva hat den Holocaust und die Menschenversuche des Arztes Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Mir wäre es lieber, wir würden uns fortan mit den Opfern beschäftigen, anstatt unsere Aufmerksamkeit den Tätern zu schenken. Es wäre mir lieb, Sie würden meinen Verlinkungen zu den Artikeln folgen, die ich über die Opfer der Shoa schrieb. Und dann wäre es mir lieb, Sie würden hierher zurückkehren, um mit Olivier Guez zusammen die Perspektive zu wechseln, und sich mit den Innenansichten eines Täters auf der Flucht auseinandersetzen. Machen wir es so? Dann bis gleich. Hier geht es zuerst um Opfer:

Eva Mozes Kor – Eine Begegnung in München

„Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor
Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Eine Begegnung in München
Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann – Radioreportage
27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

Wieder da? Danke. Nachdem wir nun also wissen, was der Todesengel in Auschwitz seinen Opfern antun durfte, werfen wir einen Blick auf die weitere Geschichte, die sich nach der Befreiung der Konzentrationslager abspielte. Und hier kommt der Ärger hoch, dass man genau diesen Todesarzt des Todeslagers niemals dingfest machen konnte. Josef Mengele entging allen Strafen, allen Täter-Prozessen, jeder Gegenüberstellung, und damit gab es auch niemals die Chance zu erfahren, was er Zwillingen, wie Miriam Kor injiziert hatte. Seine Flucht brachte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen ums Leben, weil die Ursachen für ihre Erkrankungen unbekannt waren. Hier mordete ein Arzt durch sein Schweigen weiter.

Genau hier setzt Olivier Guez in seinem Tatsachenroman Das Verschwinden des Josef Mengele“, erschienen beim Aufbau Verlag und Der Audio Verlag, an. Und hier ist bereits der erste Punkt dieses brillant erzählten „Flüchtlingsromans“, an dem es mir erstmals schlecht wird.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Der Zöllner kontrolliert sein Gepäck, die akkurat gefaltete Kleidung, verzieht das Gesicht, als er den Inhalt des kleineren Koffers entdeckt: Injektionsspritzen, Hefte mit Notizen und anatomische Zeichnungen, Blutproben und Zellplättchen. Er ist unsinnige Risiken eingegangen, um diesen kompromittierenden Aktenkoffer zu behalten, den kostbaren Ertrag jahrelanger Forschungen, sein ganzes Leben, das er mitgenommen hatte, als er damals überstürzt seine polnische Stelle verlassen musste.“

ER, das ist Josef Mengele, der mit falschem Pass in Argentinien ankommt. Er hat es geschafft. Vom Erdboden verschwunden und im Besitz von Substanzen, die Miriam Kor vielleicht das Leben gerettet hätten. Doch jüdisches Leben zählte nicht für ihn. Hier galt es der Rassentheorie des Dritten Reichs als medizinischer Vollstrecker zur vollsten Entfaltung zu verhelfen. Aus dem ambitionierten Mediziner war schon lange vor seiner Zeit in Auschwitz ein glühender Anhänger Hitlers und dessen Visionen geworden. Was Olivier Guez in seinem Buch beschreibt, ist so unglaublich, als würde man unter einem gut gehüteten Deckmäntelchen einer untergegangenen Diktatur ein braunes Netzwerk enttarnen, das einer Vielzahl von Tätern die Flucht nach Südamerika ermöglichte.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

1949 beginnt die verzweifelte Flucht Josef Mengeles nach Argentinien. Bis dahin war es ihm gelungen, in der Gegend seiner Heimatstadt Günzburg unterzutauchen. Als die Luft für die Täter des NS-Regimes immer dünner wird, verlassen die Ratten auf den Rattenrouten das sinkende Schiff. Guez ist tief in die Netzwerke eingetaucht, legt eine umfassende Recherche der Fluchtwege von Josef Mengele vor und wird dann fiktional, wenn er sich in die Gefühls- und Denkwelten seines Verfolgten hineinversetzt. Wir sind Zeugen und Fluchthelfer zugleich, erkennen die Schlepperorganisation der NSDAP und finden Unterschlupf in südamerikanischen Diktaturen. Man muss sich kaum verbergen dort. Man kann sogar seinen Namen behalten. Ratten verstehen sich blind. Noch dazu, wenn prominente Angehörige des NS-Apparats das Nest bereitet haben.

Es ist der Mix aus südamerikanischer Polititk, NS-Netzwerk, Mitläufern, bezahlten Helfern und einer intakten Täterfamilie, die alles Finanzielle regelt. Geld spielt keine Rolle. Dem Untertauchen folgt nach der Akklimatisierung das Arrangieren mit der neuen Umgebung. Guez verharrt nicht in den frühen Fluchtjahren. Er zieht die Schlinge enger zu und fängt an, mit der internationalen Suche nach den Nazi-Verbrechern, auch Josef Mengele immer mehr in die Enge zu treiben. Simon Wiesenthal, der israelische Mossad und Staatsanwälte der nicht mehr ganz jungen Bundesrepublik wollen Mengele fassen. Nach Eichmann ist er der wohl letzte lebende Massenmörder, der noch auf freiem Fuß ist. Einsicht zeigt er nie. Unrecht scheint ihm zu widerfahren. Mitleid will er. Er, der nicht gewillt war, Menschlichkeit zu zeigen.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Und doch gelingt Olivier Guez in seinem, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman etwas Außerordentliches. Er begibt sich in seiner Täterprofilierung nicht auf ein Niveau der Schadenfreude oder des puren Voyeurismus, wenn er den panischen Josef Mengele schweißgebadet aufwachen lässt. Er vermittelt in seinem Buch keinen Hauch von Genugtuung, dass der Flüchtende der gerechten Strafe nie ganz entgehen konnte. Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeigt in der Charakteristik des Täters, wie es passieren kann, dass aus einem Mitläufer ein Massenmörder wird. Das Buch zeigt, wie groß die Verantwortung einer zuschauenden Gesellschaft voller Opportunisten ist, die alles wollten, aber vorgaben, von nichts gewusst zu haben. Guez erweckt beileibe kein Mitleid mit Josef Mengele. Aber er hält uns den Spiegel vor, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn man ihm die ideologische Möglichkeit gibt. Im Namen des Volkes. Hier trifft dieses Buch mitten in den Nerv der heutigen Zeit. Alle wollen. Viele hetzten und einige werden es tun.

Ich habe atemlos gelesen, sprachlos gehört und ungläubig nachgedacht. Olivier Guez ist Verfasser eines ausgezeichneten Buchs und eines Meilensteins Gegen das Vergessen. Burghart Klaussner ist der perfekte Sprecher für das beeindruckend und perfekt inszenierte Hörbuch. Ein Tatsachenroman, der gelesen werden sollte, weil er in jeder Beziehung verdeutlicht, wo die Grenze der Menschlichkeit gezogen werden kann, wenn man es nur zulässt. Eva Mozes Kor hat Josef Mengele vergeben. Sie wollte ihm nicht noch mehr Macht über ihr Leben einräumen. Für sie ist Vergebung mit Befreiung gleichzusetzen. Eva ist seit 1945 befreit. Josef Mengele konnte sich niemals befreien. Eine Strafe, die für mich schwerer wiegt, als der schnelle Tod durch einen Henker.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Ärzte im Dritten Reich. Nicht das erste und auch nicht das letzte Buch zu diesem Thema in der kleinen literarischen Sternwarte. Lesen Sie gut und passen Sie auf sich auf.

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Tod – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Wer verstehen will, wie dieses pervertierte Denken sich Bahn brechen konnte, dem sei Die Tagesodnung“ von Éric Vuillard ans Herz gelegt. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und wie das Buch von Olivier Guez herausragend übersetzt von Nicola Denis. Wenn man das bei einer Übersetzung sagen darf, man spürt ihre Handschrift in beiden Büchern. Kompliment.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Alle Bücher sind Teil meines Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm [Schwarberg]

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun heißt es sachlich zu bleiben. Schon nach diesen sechs einfachen Worten bricht das Schreiben. Pause. Emotionen ausblenden. Hilflosigkeit beiseiteschieben. Einfach nur schreiben. Rezensieren. So schwer kann das ja nicht sein. Schreiben. Buchtitel und Verlag erwähnen. Den Autor beim Namen nennen und mich einer Geschichte nähern, die mich ein paar Tage meines Lesens Gegen das Vergessen begleitet hat. Dass ich innerlich extrem aufgewühlt bin, tut nichts zur Sache. Dass ich zittere und mir nach jedem zweiten Wort die Tränen aus den Augen wischen muss – nicht relevant.

So wollte ich auch lesen. Nicht die erste wahre Geschichte über den Holocaust. Nein. Eine von inzwischen zahllosen Begegnungen mit Opfern, Zeitzeugen, Namen. Eine von den vielen unglaublichen Geschichten, die sich tatsächlich zugetragen haben. Und ich dachte, ich sei inzwischen abgehärtet, hätte aus der Tiefe der menschlichen Abgründe jede Schattenseite erlesen und gefühlt. Ich war der Meinung, auch in Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager das Ausmaß des Grauens erkannt zu haben.

Das mit dem Lesen hat nicht funktioniert. Ob es beim Schreiben besser wird? Ich weiß es nicht. Zwei Jahre habe ich auf die Neuauflage eines Buches aus dem Steidl Verlag gewartet. Zwei Jahre wusste ich eigentlich, was auf mich zukommt. Als ich nun in den ersten Seiten versank, brach eine weitere Welt in mir zusammen. Eine Welt, in der schon vieles Denkbar war, was einst in der Zeit der Nazi-Diktatur geschah. Absolut Unvorstellbares begleitet meinen Weg, wie man an der Anzahl meiner Artikel erkennen kann. Und doch stehe ich nun vor den Trümmern der letzten Illusion, wenn ich mich der Geschichte von zwanzig Kindern nähere.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm von Günther Schwarberg sollte in der Reihe Bücher über die grausamen Verbrechen von Medizinern gegen die Menschlichkeit einen weiteren Mosaikstein darstellen, mit dem man der Generation von heute die Augen öffnen kann, wenn es darum geht, rechtsradikale Gedankensamen zu entlarven und davor zu warnen, was geschehen kann, wenn erneut den alten braunen Ideologien gefolgt wird und man sich über seine Mitmenschen stellt. Wenn man andere aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe zu schlechteren Menschen erklärt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt. Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne Professor werden und überlegen sich nun, wie Sie eine wissenschaftliche Arbeit beginnen, die für diese Habilitation zwingend erforderlich ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein recht guter Arzt im Bereich der Behandlung von Tuberkulose und möchten nun mit Experimenten herausfinden, wie man diese Lungen-Infektionskrankheit verhindern oder heilen kann. Und stellen Sie sich nun vor, Sie würden dies gerne in Form von Menschenversuchen tun. Unvorstellbar? Nein. Nicht im Dritten Reich!

Hier waren Entrechtung und Entmenschlichung ideologische Grundsäulen. Hier konnte man sich austoben, wenn es darum ging, „unwertes Leben“ zu beseitigen, hier konnte man Teil einer Vernichtungsmaschine sein, die alles jüdische Leben auslöschen durfte. Hier war der Spielraum für Ärzte, wie Josef Mengele, Aribert Heim und Kurt Heißmeier so unerschöpflich, wie nie zuvor. In einem Land, in dem sogar Tiere besser geschützt waren als Juden, Sinti, Roma, Kriegsgefangene oder Schwerbehinderte, war die ethische Enthemmung so weit fortgeschritten, dass man schon gar nicht mehr von Menschenversuchen sprach, wenn man sich an Opfern des Regimes vergriff.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Und so ist es kein Wunder, dass es dem aufstrebenden Arzt Kurt Heißmeier aufgrund guter Kontakte zur SS recht einfach gelingt, seinen Traum von Menschenversuchen zu verwirklichen. Man richtet ihm ein Versuchslabor im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg ein und versorgt ihn mit russischen Kriegsgefangenen. Nur ist Heißmeier in medizinischer Sicht ein Stümper. Er infiziert Menschen mit Tuberkulose-Erregern um den Verlauf der Krankheit zu beobachten. Er infiziert Kranke und Gesunde. Er spielt mit diesen Leben. Als ihm das nicht reicht, fordert er zwanzig Kinder an.

Am 29. November 1944 kommt der Transport in Neuengamme an. Das Dritte Reich steht an vielen Fronten bereits vor dem Zusammenbruch, die Alliierten haben Teile von Frankreich befreit, die Rote Armee rückt vor. Die Nazis begannen Zug um Zug Spuren zu verwischen, und doch bleibt in Neuengamme Zeit genug für Menschenversuche an Kindern. Heißmeier infiziert die Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren mit Erregern der Lungenkrankheit, entfernt ihre Lymphdrüsen, fotografiert und notiert die Ergebnisse.

Zehn Mädchen. Zehn Jungen. Jüdische Kinder, die von ihren Eltern getrennt schon fast alle Abgründe erlebt haben, die Nazi-Deutschland zu bieten hatte. Dass es für sie nach Auschwitz noch eine Steigerung des Schreckens geben sollte, war unvorstellbar. Und doch erreichte das Grauen in der Nähe von Hamburg neue Dimensionen. Nur der Arzt denkt anders. Ihm läuft die Zeit davon. Ihm läuft der Krieg davon. Er bangt um die Früchte seiner Arbeit. Im April 1945 enden die Versuche. Britische Soldaten erreichen Norddeutschland. Die SS beschließt, alle Zeugen zu beseitigen. Ein letzter Transport steht den Kindern und ihren wenigen Betreuern bevor, die für sie sorgten. Das Ziel:

Eine Schule am Bullenhuser Damm.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun sollte man sich überlegen, ob man weiterlesen kann und möchte. Das gilt für diese Rezension. Das gilt für auch dieses Buch. Günther Schwarberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Weg der Kinder vom Bullenhuser Damm lückenlos aufzuklären. Er hat jahrelang recherchiert, um ihre Namen, ihre kurzen Lebensgeschichten und auch ihr Leiden für die Nachwelt festzuhalten. Er hat den Weg aller Täter dokumentiert, ist ihnen auf der Spur geblieben und hat die Ereignisse dieser letzten Kriegstage mit ihren Aussagen vor Gericht verglichen. Schwarberg zeigt hier schonungslos auf, mit welchem Selbstverständnis die Täter auf der Grundlage der Rassen-Ideologie handeln durften. Günther Schwarberg lässt in seiner Dokumentation nichts aus.

Nur so gelingt es, die unvorstellbare Unmenschlichkeit aufzuzeigen, die von den Tätern nicht so empfunden wurde, weil sie ihre Opfer nicht für Menschen hielten. So grausam es klingt, so grausam es ist, auch der Prozess gegen Kurt Heißmeier zeigt, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, Menschenversuche durchzuführen. Er betont das in seinen Aussagen, die im Buch nachzulesen sind. Das macht das Lesen sehr schwer. Das zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Das ist nicht leicht zu verkraften. Wut und Hilflosigkeit waren Wegbegleiter meines Lesens. Und Tränen.

Die Schule am Bullenhuser Damm ist die letzte Station für die zwanzig Kinder.

Die Schilderung der rekonstruierten Ereignisse und die Aussagen der Beteiligten vor Gericht ergeben ein vollständiges Bild, von dem ich mir wünschen würde, dass es mir erspart worden wäre. Ein Bild, das im Buch durch die unterschiedlichen Aussagen und Schilderungen so klar und greifbar wird, dass man kaum noch zur Ruhe kommt. Ein Bild, das zeigt, wozu Menschen fähig sind, die das Leben anderer als minderwertig oder unwert betrachten. Ein Bild das ich nie wieder vergessen werde.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Zitate aus den Aussagen der Täter:

Johann Frahm – SS-Unterscharführer im KZ Neuengamme

„Die Kinder mussten sich in einem Zimmer des Kellers ausziehen, wurden dann in ein anderes Zimmer geführt, wo sie von Dr. Trzebinski eine Injektion bekamen, so dass sie einschliefen. Diejenigen, die nach der Injektion noch Lebenszeichen von sich gaben, wurden in ein anderes Zimmer getragen. Es wurde ihnen ein Strick um den Hals gelegt, und sie wurden dann an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt.“

Dr. Alfred Trzebinski – SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt in Neuengamme

„In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Körper des Jungen, damit die Schlinge sich zuzog.“

(Anm.: Die Kinder waren zu leicht für eine Strangulation durch Eigengewicht.)

„Ich kann mir keinen Vorwurf machen, daß ich den Kindern vor ihrer Hinrichtung eine barmherzige Morphiumspritze gemacht habe. Dies war im Gegenteil eine humane Tat, der ich mich nicht zu schämen brauche.“

Dr. Kurt Heißmeier

„Die Häftlinge des KZ-Lagers Neuengamme sowie die auf meine Veranlassung im Herbst dorthin verbrachten Kinder waren für mich nur Versuchsobjekte. Damals sind mir aber keinerlei Bedenken gekommen, was daraus zu erklären war, daß ich die Häftlinge, also auch die Kinder, nicht in dem Maße als vollwertige Menschen ansah.“

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Günther Schwarberg hat mit seinem Lebenswerk einen extrem wichtigen Beitrag „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust geleistet. Nicht allein das Buch Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm legt Zeugnis vom Schicksal der Menschen ab, die in die menschenverachtende Mordmaschinerie der Nazi-Diktatur gerieten, auch die Internetseite der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm ist unverzichtbar für das Gesamtverständnis der damaligen Ereignisse.

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Wer sich selbst über andere Menschen stellt, muss davon ausgehen, dass er dem gezielten Morden Vorschub leistet. Wehret den Anfängen. Auch hier wird weiter Gegen das Vergessen geschrieben. Besuchen Sie meine literarische Welt des Gedenkens. Vergissmeinnicht.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

„Dr. Tod“ – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Investigativer Journalismus ist die absolute Königsdisziplin für Reporter. Er setzt eine langwierige, umfassende und sehr genaue Recherche voraus und beschäftigt sich in den meisten Fällen mit der Aufdeckung mehr als skandalträchtiger Sachverhalte. Der Journalist wächst hierbei in eine besondere Rolle hinein, da er selbst zum verlängerten Arm der Staatsgewalt wird und die Aufgaben einer Ermittlungsbehörde erfüllt. Die auf diese Art und Weise recherchierten Geschichten sind von gesellschaftlicher Brisanz und sorgen für gehörige Knalleffekte in der Medienlandschaft.

Und dies besonders in solchen Fällen von großer Bedeutung, bei deren Aufklärung die eigentlichen Staatsorgane ihre Flinten und Handschellen schon lange ins Korn der Ermittlungen geworfen haben. Ein Journalismus der feinsten Art. Journalismus in seiner absoluten Reinkultur, da jeder Reporter sich über die absolute Tragweite seines Artikels oder Buches völlig im Klaren sein muss. Und genau deshalb ist es ebenso risikant für den etablierten Journalisten, da er sich hier auf ein Terrain begibt, das mit unzähligen Vorwürfen an die oft tatenlosen Exekutivorgane verbunden ist.

Investigativer Journalismus „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust ist ein unglaublich differenziert zu betrachtendes Feld, da man einerseits zum Anwalt der Opfer wird, selbst beginnt, Geschichte zu schreiben und den Nachfahren der Täter zum ersten Mal Seiten ihrer Eltern aufzeigt, die bisher im Verborgenen lagen. Unzählige NS-Täter sind durch bestehende Nazi-Netzwerke sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geflohen. Rattenwege führten sie nach Argentinien oder in andere Länder, in denen sie aufgrund guter ehemaliger Beziehungen Unterschlupf fanden.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher - AstroLibrium

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Die wenigsten Täter wagten es, in Deutschland abzutauchen. Die wenigsten Täter wagten es, einfach hier zu bleiben, ihre Vergangenheit als ungeschehen zu betrachten, normale Berufe auszuüben und dabei noch nicht einmal ihre Namen zu ändern, die sie als Angehörige der SS auswiesen. Eine Folge des Justizversagens der Alliierten? Folge des Unvermögens der jungen deutschen Justiz in einer aufstrebenden Republik? Oder einfach Glück? Unfassbares Glück gepaart mit haarsträubendem Zufall? Wie gelang es den Massenmördern, durch das enge Netz der Ermittler zu schlüpfen und was wurde aus ihnen?

Die Journalisten Nicholas Kulish und Souad Mekhennet sind dieser Frage anhand eines unglaublichen Beispieles der jüngeren Nachkriegsgeschichte nachgegangen. Sie begaben sich auf die Suche nach Dr. Aribert Heim, einem SS-Arzt aus Österreich, der in seiner Zeit als Lagerarzt im KZ Mauthausen mit so unvorstellbarer Brutalität mordete, mit solcher Kaltblütigkeit experimentierte und folterte und als „Dr. Tod“ oder „Schlächter von Mauthausen“ in vielen Zeugenaussagen Überlebender beschrieben wurde.

Investigativer Journalismus führte die beiden Reporter auf die Spur eines Monsters, dem es tatsächlich gelungen war, nach der deutschen Kapitulation unterzutauchen und wie vom Erdboden verschluckt zu bleiben. Kulish und Mekhennet haben am Ende ihrer langen und differenzierten Recherche ein Buch mit dem TitelDr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher geschrieben, das nun beim Verlag C.H. Beck in einer aufwendig verarbeiteten und bebilderten Ausgabe erschienen ist.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Wer nun allerdings einen reinen Journalismus-Krimi erwartet, der in reißerischer Erzählart von Klatschkolumnisten daherkommt, der wird enttäuscht sein, denn dieses Buch ist mehr als nur eine Jagd. Es ist eine zu anfangs große leere Fläche mit einem einzigen Namen im seinem Zentrum. Nach und nach fügen die beiden Journalisten einzelne und oft noch völlig unbedeutende Mosaiksteinchen hinzu. Namen, Gerüchte, Orte, Zeugenaussagen, kleine Details und mehr, die jeweils für sich nur einen kleinen Teil einer Geschichte erzählen.

Sie lassen ihre Leser auf diese besondere Art und Weise nicht nur an ihrer Methode teilhaben, sie machen auch die kleinen und großen Zufälle fühlbar und gehen sachlich und weitgehend emotionslos auf die Fährte eines wilden Tieres. Dabei wirbeln sie selbst keinerlei Staub auf, bleiben im Verborgenen und analysieren alle historischen Ketten, die dazu führten, dass NS-Verbrecher unerkannt fliehen oder sogar im eigenen Land leben konnten.

Schlaglichter werden zu herausragend recherchierten und fundierten Kapiteln über die nicht zu bewältigende Dimension potenzieller Nazi-Täter in der Masse der deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Sie beschreiben die perfekte Organisation des Massenmordes in den Konzentrationslagern und das schiere Chaos nach ihrer Befreiung. Der Schockzustand der Befreier und die unermessliche Freude der wenigen Überlebenden sorgten für das erste Ermittlungsvakuum für die Verbrecher, die in diesen Stunden alle Dokumente vernichteten, die sie belasteten.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Kulish und Mekhennet nehmen uns mit auf einen wichtigen historischen Exkurs, der die wechselnden Machtverhältnisse in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibt und erklären anhand mehr als greifbar aufbereiteter Abläufe das abflauende Interesse der Siegermächte, in weitgefächerten Prozessen wirklich jeden Täter finden zu wollen. Den „großen Tieren“ sollte es an den Kragen gehen. In Nürnberg und bei vereinzelten Prozessen gegen KZ-Aufseher wurde dies beharrlich umgesetzt. Ansonsten wollte man das soeben befreite Deutschland so schnell wie möglich entnazifizieren, um Wunden zu schließen und neue Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die Reporter zeigen auch die andere Seite der Verfolgung möglicher Täter durch die Überlebenden selbst. Simon Wiesenthal und Tuviah Friedmann machten sich als Opfer des Holocaust auf die lebenslange Suche nach den Tätern. Adolf Eichmann zählte zu ihren prominentesten Erfolgen. Der „Konstrukteur des Holocaust“ wurde nach Israel entführt, vor Gericht gestellt und hingerichtet. Aber viele der grausamsten Täter blieben unentdeckt. Die Spuren von Josef Mengele, dem „Todesengel von Auschwitz“ und Aribert Heim, dem „Schlächter von Mauthausen“ blieben im Verborgenen.

16 „Josef Mengeles“ dienten damals in der deutschen Wehrmacht. Wie sollten die Alliierten unmittelbar nach dem Krieg und in einer Zeit ohne jede Bürokratie hier fündig werden? Und selbst wenn es gelang, wie sollte man Beweise präsentieren, die juristisch haltbar waren? Hier nehmen wir zum ersten Mal die direkte Spur von „Dr. Tod“ auf. Aribert Heim gerät in britische Kriegsgefangenschaft, wird verhört, erklärt sich für völlig unschuldig, versteckt sich hinter seinem weißen Medizinerkittel und kommt damit durch.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Die Reporter zeichnen seine Spuren nach, machen uns klar, dass niemand zum jeweils richtigen Zeitpunkt auch nur den leisesten Verdacht haben konnte, Heim habe Juden im KZ systematisch ermordet. Beweise kamen immer dann auf den Tisch, als Aribert Heim gerade wieder einmal untergetaucht war. Und was für Beweise. Ein schwerer Weg des Lesens offenbart sich, wenn es darum geht, den Zeugen zuzuhören und sich vorzustellen, zu welchen Grausamkeiten ein Mensch fähig sein kann.

Und genau an der Stelle, an der sich Aribert Heims Spuren endgültig verlieren, als praktizierender Gynäkologe, treuer Ehemann und liebevoller Familienvater im jungen Nachkriegsdeutschland, beginnt auch das Interesse der Behörden nachzulassen. Doch Kulish und Mekhennet lassen nicht mehr locker. Das Mosaik aus Massenvernichtung, Flucht, Zeugenaussagen und Dokumenten ist zu einem großflächigen Bild geworden. Und doch fehlt ein einziger Stein, den ihnen der Zufall in die Hände spielt. Eine uralte Ledertasche in einem verlassenen Hotel in Ägypten. Der Inhalt: Private Dokumente, Operationspläne aus Mauthausen, Fotos und mehr. Der erste Beweis dafür, dass Aribert Heim bis zum Ende seines Lebens in Ägypten lebte.

Hier wird das Buch zum Recherchekrimi. Hier nehmen wir Fahrt auf und jagen durch die Jahrzehnte einer längst vergangenen Zeit. Hier werden die letzten Zeugen laut, im gleichen Ausmaß wie die Familie von Aribert Heim leise wird. Unsägliches öffnet sich vor ihnen wie der Abgrund zur Hölle der eigenen Geschichte. Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecherist selbst zu einem Mosaikstein geworden, durch den sich die oftmals erfolglose Verfolgung der Täter erklären lässt. Es ist Denkmal für die Unerbittlichen und Sühne für die Opfer. Ein Stück Gerechtigkeit wohnt diesem Buche inne. Investigativer Journalismus vom Feinsten. Chapeau….

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Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Kein anderer Name ist in den letzten Tagen so häufig medial vertreten, wenn es um das Gedenken an die Opfer des Holocaust geht. Kein anderer Name steht so sehr im Fokus, wenn es um die Begleitung des wohl letzten großen „Auschwitz-Prozesses“ gegen einen der letzten noch lebenden Täter geht. Keine andere Frau wird, angesichts ihrer Gesten und Aussagen zur eigenen Verarbeitung des Grauens, in aller Öffentlichkeit gerade so argwöhnisch betrachtet. Niemand zeigt in diesen Tagen mehr menschliche Größe als sie: EVA MOZES KOR

Und warum? Weil sie beharrlich erinnert und mahnt? Weil sie mit ihren 81 Jahren die Welt bereist, Gedenkveranstaltungen besucht, vor Schülern spricht oder anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als eloquenter Gesprächsgast von Jauch zu Lanz herumgereicht wird? Weil sie eine agile Zeitzeugin ist, die noch in der Lage ist, von allem Zeugnis abzulegen? Weil sie Nebenklägerin im Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning ist? Nein – keineswegs.

EVA MOZES KOR ist deshalb so präsent, weil sie eine Botschaft vermittelt, die in der heutigen Zeit so unglaublich klingt und so sehr von Größe zeugt, dass man mehrmals hinhören und –schauen muss, um zu begreifen, dass sie es ernst meint. „Vergebe und heile!“ so lauten ihre markigen Kernworte, die sie jedem Menschen mit auf den Weg gibt. Worte, die in jugendlichen Herzen verankert werden und die heutige Generation zum Nachdenken bringen. Worte jedoch, die bei den Überlebenden des Holocaust nicht unumstritten sind. Worte, die bei Betroffenen ungläubige Reaktionen hervorrufen.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor und Reiner Engelmann – Vergebung ist kein Freispruch

Ich bin Eva Mozes Kor erst vor kurzem begegnet. Anlässlich ihrer Lesung zum 70. Jahrestag der glücklichen Befreiung des Todeslagers Auschwitz am 27. Januar 1944 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit Reiner Engelmann und dessen Buchvorstellung zuDer Fotograf von Auschwitz bin ich gemeinsam mit Peggy Steike der Einladung des cbj-Verlages gefolgt und wurde Zeuge eines denkwürdigen Abends. Ein Abend, der Peggy dazu inspiriert hat, Eva in ihrer Lieblingsfarbe ein lebendiges und leuchtendes Bild zu widmen, wie man am „Schulterblick“ im Atelier Steike deutlich erkennt. Blau im tiefen Kontrast mit der Vergangenheit. Symbolkraft für die Schüler, denen wir von Eva erzählen.

Ich habe den Todesengel überlebt, die bewegende Überlebensgeschichte von Eva Mozes Kor, begleitet unser gemeinsames Schulprojekt schon seit Jahren. Unter der Überschrift „Die Kunst des Vergebens“ beeindruckt ihre Botschaft ganz besonders junge Menschen, für die es aus heutiger Sicht schon unvorstellbar erscheint was Eva in Auschwitz erleiden musste. Umso unvorstellbarer sind dann ihre Worte „Vergebe und heile!“ Wir erklären den Jugendlichen immer wieder den Hintergrund der Botschaft und merken an den Reaktionen, dass aus dem Unglauben pure Bewunderung wächst.

Denn Vergebung ist für Eva Mozes Kor kein Akt der Selbstverleugnung oder gar ein Verzeihen im eigentlichen Wortsinn. Ihre Vergebung ist die größte Rache, die sie am Nazi-Regime nehmen kann. Es ist ein aktives Loslassen vom Trauma, ein sich selbst Distanzieren vom Grauen dieser Tage und ein ganz individueller Prozess, der es den Peinigern von damals nicht mehr gestattet, auch heute noch Macht über Eva Mozes Kor zu besitzen. Diese ganz eigene Form von Vergebung erlaubte ihr, die Opferrolle abstreifen und ihren Kampf Gegen das Vergessen aktiv beginnen zu können

Eva Mozes Kor - Peggy Steike malt gegen das Vergessen

Eva Mozes Kor – Peggy Steike malt gegen das Vergessen

„Jedes Opfer hat das Recht auf Heilung. Und das Gute an diesem Heilmittel Vergebung ist, dass es absolut keine Nebenwirkungen hat. Und jeder kann es sich leisten.“

Ihr Auftreten an jenem Abend in München entspricht ihrer Persönlichkeit. Sie vermag es den ganzen Saal im Amerikahaus zum atemlosen Schweigen zu bringen, als sie von der Selektion an der Rampe erzählt. Von der Trennung von ihren Eltern, von dem letzten Blick den sie mit ihrer Zwillingschwester Miriam auf ihre Familie werfen kann. Sie bringt Menschen zum Staunen, als sie darüber berichtet, wie der unbändige Wille zum Überleben entstand und wie sehr sich die Schwestern geschworen haben, nicht als Kinderleiche in einer Kloake zu enden.

Sie bringt die Menschen zum Lachen, als sie voller Sarkasmus erklärt, dass es die Aufseher nicht leicht mit ihr hatten. Ihre Kindheit sei nicht sehr harmonisch gewesen, berichtet sie. Körperliche Züchtigung durch den mehr als strengen Vater sei an der Tagesordnung gewesen und im Angesicht der Kapos des Konzentrationslagers mit ihren Knüppeln habe sie sich nur gedacht:

„Ihr habt euch wirklich das falsche Opfer ausgesucht. Ich bin bestens auf euch vorbereitet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Zwillinge im KZ

Sie sorgt für Applaus als sie davon berichtet, wie sie nach ihrer Befreiung aus dem Todeslager versucht hat, gemeinsam mit ihrer Schwester Miriam herauszufinden, welche Krankheitserreger man Miriam verabreicht hat, und die Verantwortlichen ihr den Rat gaben, doch einen ehemaligen Nazi-Arzt des Konzentrationslagers zu kontaktieren.

„Ich konnte das kaum glauben. Ich sagte denen dann, dass im Telefonbuch leider niemand unter der Berufsbezeichnung <Ehemaliger KZ-Arzt Auschwitz> zu finden sei und ich auch nicht annehme, dass sich da jemand auf eine Annonce in der Zeitung melden würde. Spaßvögel.“

Und sie vermag es, ihre Zuhörer und Leser intensiv mit Dr. Josef Mengele zu konfrontieren und allen zwiespältigen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Einerseits habe sie es ihm zu verdanken, dass sie nicht sofort vergast wurde, weil er nach Zwillingen für seine abscheulichen Menschenversuche gesucht habe. Wie ein Wissenschaftler habe er gehandelt. Keine menschliche Regung habe er gezeigt. Er war nie unfreundlich oder freundlich. Er war die wohl schwierigste menschliche Erfahrung, die Eva jemals erleben musste. Er sprach niemals. Kein persönliches Wort richtete er an seine Opfer. Er war ordentlich, stolz auf seine Arbeit. Ein Wissenschaftler umgeben von Versuchstieren.

Er tötete gezielt und doch im Vorbeigehen. Trotzdem lebten Eva und Miriam nur wegen ihm. Das musste den Mädchen vorkommen, als hätten sie es mit Gott persönlich zu tun. Diese Hilflosigkeit und die völlige Abhängigkeit, in Verbindung mit der ständigen Todesangst seien die ständigen Wegbegleiter gewesen. Nichts wurde den Mädchen jemals erklärt und es blieb ihnen keine Energie, als sich um das eigenen Überleben zu kümmern.

„Das hat alle Kraft gekostet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Lesezeichen von Eva

Und heute kostet es sie alle Kraft, als Überlebende des Holocaust mit ihrer Botschaft der Vergebung zur Selbstbefreiung nicht an den Rand des Gedenkens gedrängt zu werden. Reine „Selbstinszenierung“ wirft man ihr vor. Als „falsch zu verstehende Geste des Freispruchs für alle Täter“ wird ihre Geste gedeutet, dem Angeklagten in Lüneburg die Hand zu reichen. Und selbst das internationale Auschwitz Komitee wird zitiert mit den Worten: „Den Tätern Verzeihung zu gewähren, dazu fühlen sich die Überlebenden angesichts deren jahrzehntelangen unbelehrbaren Schweigens nicht in der Lage!“

Eva Mozes Kor ist dazu in der Lage. Sie spricht die Täter nicht frei von Schuld. Sie hat sich befreit von Tätern, die sie jahrelang in ihrer Gewalt hatten. Nur dieser Weg hat es ihr ermöglicht, ihren eigenen Weg aus dem Dunkel des Daseins als Opfer zu finden. Wir hören ihr aufmerksam zu und ich ziehe meinen Hut vor dem Kampfesmut von Eva Mozes Kor.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Ihr Mut steht auch heute noch als Beispiel, warum es sich lohnt für das Überleben zu kämpfen. Nun geht sie ihren Weg der Selbstheilung und der Selbstbefreiung. Wer das kritisiert, hat sich nie in die Lage der Überlebenden versetzt. Wer das kritisiert, hat sich nie mit dem Weg von Eva Mozes Kor auseinandergesetzt. Aber eines ist sicher. Keine Kritik der Welt wird aus ihr wieder das machen, was man ihr jahrelang im wahrsten Sinne des Wortes eingeimpft hat: EIN OPFER.

Sie hat einige Exemplare von „Ich habe den Todesengel überlebt“ für Schüler in Bayern mit dieser Botschaft versehen und signiert. Sie werden Peggy Steike und mich durch unser gemeinsames Schulprojekt begleiten. Sie uns hat ihre Botschaft mit auf unseren Weg gegeben und wir werden sie sicher nicht sinnentfremdet weitergeben, sondern so, wie ich es hier schrieb. In ihrem Sinne, der auch unserer ist.

„Forgive & Heal“

Thank you, Eva, forbeing part of your Message

Thank you, Eva, for being part of your Message

Nachtrag: auch Reiner Engelmann wird uns nach seinem Buch Der Fotograf von Auschwitz weiter begleiten. Ihm wird ein eigenständiger Artikel zu diesem Abend gewidmet. Auch seinem schon bald bei cbj erscheinenden neuen BuchWir haben das KZ überlebt gilt es, die vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Er steckt tief im Thema. Differenziert und journalistisch höchst profund und seriös. Seine Emotionalität angesichts der sehr bewegenden Aussagen von Eva Mozes Kor in ihrer gemeinsamen Veranstaltung „Gegen das Vergessen“ werde ich nicht vergessen.