„Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann

Reiner Engelmann - Wir haben das KZ überlebt - Eine Reportage

Reiner Engelmann – Wir haben das KZ überlebt – Eine Reportage

Reiner Engelmann ist kein Unbekannter. Er hat sich mit seinem Buch Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben des Wilhelm Brasseeinen Namen gemacht, obwohl er alles wollte, nur das nicht. Er wurde zum Chronisten eines Opfers des Holocaust. Er wurde zu seiner Stimme und zum Überbringer der zeitlosen Botschaft eines Menschen, der sein Leben riskierte, um die letzten Fotos der Opfer zu retten, die im KZ Auschwitz ermordet wurden. Reiner Engelmann zog sich dabei journalistisch weit zurück und gab den Lebenserinnerungen Wilhelm Brasses allen Raum.

Genau das unterscheidet dieses Buch von anderen Reportagen oder Chroniken. Es ist ein der Wahrheit verpflichtetes Buch, in dem nicht der Autor im Vordergrund steht, sondern der Mensch, über den er berichtet. Ohne Pathos, unverfälscht und auf einer klaren Methodik basierend. Persönliche Gespräche öffnen Reiner Engelmann die Türen zu Geschichten, die sonst nicht erzählt worden wären. Diese Interviews zeugen von der großen Empathie des Autors, die genau zu diesem oft verdrängten Teil des Erlebens aus Opfersicht Vertrauen aufbaut.

Wer sonst, als Reiner Engelmann sollte nun in der Lage sein, nach der Geschichte von Wilhelm Brasse in einem weiteren Buch unter der Überschrift Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichtenvon weiteren Überlebenden des Nazi-Terrors zu berichten? Wem sonst würden wir glauben, dass es sich bei diesen Geschichten nicht um Legenden, sondern um Wahrheit handelt? Mir fällt da nur Reiner Engelmann ein.

Reiner Engelmann - Wir haben das KZ überlebt - Eine Reportage

Reiner Engelmann – Wir haben das KZ überlebt – Eine Reportage

Diese Bücher sind angesichts der aktuellen Ereignisse wichtiger denn je. Und sie werden immer unverzichtbarer, weil es nicht mehr viele Zeitzeugen gibt, die man noch befragen kann, denen man zuhören darf, die aus erster – aus ihrer eigenen Hand berichten können. Reiner Engelmann hat zehn Überlebende des Holocaust befragt. Er hat sie erzählen lassen, ohne tief in die Gespräche einzugreifen oder sie zu lenken.

„Es ist ja ihre Geschichte!“

Engelmann eignet sich keine dieser Geschichten an, aber er macht sie zu unseren. Er erweitert das kollektive Erinnern an Einzelschicksale innerhalb der unvorstellbaren Masse der Vernichtung menschlichen Lebens und überlässt seinen Lesern dabei die Einordnung in das eigene Wertesystem und die eigene Vorstellung von Menschlichkeit. Eva Mozes Kor, die ich bereits kennenlernen durfte und über die ich vielfach schrieb, kommt ebenso zu Wort, wie Erna de Vries („Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“); Josef Königsberg („Erinnerung ohne Hass“); Heinz Hesdörffer („Ich rede, damit ihr wisst, wie es damals war!“); Max Mannheimer („Versöhnung als Stärke“) und weitere wortgewaltige Zeitzeugen des dunkelsten Kapitels der Menschheitsgeschichte.

Wenn diese Zeitzeugen des Holocaust bereit sind, der Jugend von heute die Hand zu reichen – ohne Schuldzuweisung, ohne Vorbehalte und ohne Hass – dann sollte die heutige Jugend die Geduld und Größe zeigen zuzuhören, um in letzter Konsequenz des eigenen Menschenbildes dafür Sorge zu tragen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Dieses Buch, Reiner Engelmann und die Zeitzeugen leisten einen wichtigen Beitrag zu diesem Prozess.

Mit einem Klick zur Reportage von der Buchpräsentation

Mit einem Klick zur Reportage zur Buchpräsentation

Die Buchpräsentation zu „Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichten“ von Reiner Engelmann wurde vom cbj-Verlag im NS-Dokumentationszentrum in München veranstaltet. Herzlich willkommen zur Reportage, die an diesem besonderen Abend für Literatur Radio Bayern entstand. Hören Sie gut…

Das ausführliche Interview mit Reiner Engelmann wird ergänzt durch die Dia-Show mit vielen Impressionen rund um seine Bücher und den aktuellen Eindrücken von der Veranstaltung in München.

Engelmann bleibt relevant und wichtig, wenn es um das positive Erinnern geht.

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Eine weitere wichtige Stimme zum Buch: Anja und Zwiebelchens Plauderecke!

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Kein anderer Name ist in den letzten Tagen so häufig medial vertreten, wenn es um das Gedenken an die Opfer des Holocaust geht. Kein anderer Name steht so sehr im Fokus, wenn es um die Begleitung des wohl letzten großen „Auschwitz-Prozesses“ gegen einen der letzten noch lebenden Täter geht. Keine andere Frau wird, angesichts ihrer Gesten und Aussagen zur eigenen Verarbeitung des Grauens, in aller Öffentlichkeit gerade so argwöhnisch betrachtet. Niemand zeigt in diesen Tagen mehr menschliche Größe als sie: EVA MOZES KOR

Und warum? Weil sie beharrlich erinnert und mahnt? Weil sie mit ihren 81 Jahren die Welt bereist, Gedenkveranstaltungen besucht, vor Schülern spricht oder anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als eloquenter Gesprächsgast von Jauch zu Lanz herumgereicht wird? Weil sie eine agile Zeitzeugin ist, die noch in der Lage ist, von allem Zeugnis abzulegen? Weil sie Nebenklägerin im Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning ist? Nein – keineswegs.

EVA MOZES KOR ist deshalb so präsent, weil sie eine Botschaft vermittelt, die in der heutigen Zeit so unglaublich klingt und so sehr von Größe zeugt, dass man mehrmals hinhören und –schauen muss, um zu begreifen, dass sie es ernst meint. „Vergebe und heile!“ so lauten ihre markigen Kernworte, die sie jedem Menschen mit auf den Weg gibt. Worte, die in jugendlichen Herzen verankert werden und die heutige Generation zum Nachdenken bringen. Worte jedoch, die bei den Überlebenden des Holocaust nicht unumstritten sind. Worte, die bei Betroffenen ungläubige Reaktionen hervorrufen.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor und Reiner Engelmann – Vergebung ist kein Freispruch

Ich bin Eva Mozes Kor erst vor kurzem begegnet. Anlässlich ihrer Lesung zum 70. Jahrestag der glücklichen Befreiung des Todeslagers Auschwitz am 27. Januar 1944 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit Reiner Engelmann und dessen Buchvorstellung zuDer Fotograf von Auschwitz bin ich gemeinsam mit Peggy Steike der Einladung des cbj-Verlages gefolgt und wurde Zeuge eines denkwürdigen Abends. Ein Abend, der Peggy dazu inspiriert hat, Eva in ihrer Lieblingsfarbe ein lebendiges und leuchtendes Bild zu widmen, wie man am „Schulterblick“ im Atelier Steike deutlich erkennt. Blau im tiefen Kontrast mit der Vergangenheit. Symbolkraft für die Schüler, denen wir von Eva erzählen.

Ich habe den Todesengel überlebt, die bewegende Überlebensgeschichte von Eva Mozes Kor, begleitet unser gemeinsames Schulprojekt schon seit Jahren. Unter der Überschrift „Die Kunst des Vergebens“ beeindruckt ihre Botschaft ganz besonders junge Menschen, für die es aus heutiger Sicht schon unvorstellbar erscheint was Eva in Auschwitz erleiden musste. Umso unvorstellbarer sind dann ihre Worte „Vergebe und heile!“ Wir erklären den Jugendlichen immer wieder den Hintergrund der Botschaft und merken an den Reaktionen, dass aus dem Unglauben pure Bewunderung wächst.

Denn Vergebung ist für Eva Mozes Kor kein Akt der Selbstverleugnung oder gar ein Verzeihen im eigentlichen Wortsinn. Ihre Vergebung ist die größte Rache, die sie am Nazi-Regime nehmen kann. Es ist ein aktives Loslassen vom Trauma, ein sich selbst Distanzieren vom Grauen dieser Tage und ein ganz individueller Prozess, der es den Peinigern von damals nicht mehr gestattet, auch heute noch Macht über Eva Mozes Kor zu besitzen. Diese ganz eigene Form von Vergebung erlaubte ihr, die Opferrolle abstreifen und ihren Kampf Gegen das Vergessen aktiv beginnen zu können

Eva Mozes Kor - Peggy Steike malt gegen das Vergessen

Eva Mozes Kor – Peggy Steike malt gegen das Vergessen

„Jedes Opfer hat das Recht auf Heilung. Und das Gute an diesem Heilmittel Vergebung ist, dass es absolut keine Nebenwirkungen hat. Und jeder kann es sich leisten.“

Ihr Auftreten an jenem Abend in München entspricht ihrer Persönlichkeit. Sie vermag es den ganzen Saal im Amerikahaus zum atemlosen Schweigen zu bringen, als sie von der Selektion an der Rampe erzählt. Von der Trennung von ihren Eltern, von dem letzten Blick den sie mit ihrer Zwillingschwester Miriam auf ihre Familie werfen kann. Sie bringt Menschen zum Staunen, als sie darüber berichtet, wie der unbändige Wille zum Überleben entstand und wie sehr sich die Schwestern geschworen haben, nicht als Kinderleiche in einer Kloake zu enden.

Sie bringt die Menschen zum Lachen, als sie voller Sarkasmus erklärt, dass es die Aufseher nicht leicht mit ihr hatten. Ihre Kindheit sei nicht sehr harmonisch gewesen, berichtet sie. Körperliche Züchtigung durch den mehr als strengen Vater sei an der Tagesordnung gewesen und im Angesicht der Kapos des Konzentrationslagers mit ihren Knüppeln habe sie sich nur gedacht:

„Ihr habt euch wirklich das falsche Opfer ausgesucht. Ich bin bestens auf euch vorbereitet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Zwillinge im KZ

Sie sorgt für Applaus als sie davon berichtet, wie sie nach ihrer Befreiung aus dem Todeslager versucht hat, gemeinsam mit ihrer Schwester Miriam herauszufinden, welche Krankheitserreger man Miriam verabreicht hat, und die Verantwortlichen ihr den Rat gaben, doch einen ehemaligen Nazi-Arzt des Konzentrationslagers zu kontaktieren.

„Ich konnte das kaum glauben. Ich sagte denen dann, dass im Telefonbuch leider niemand unter der Berufsbezeichnung <Ehemaliger KZ-Arzt Auschwitz> zu finden sei und ich auch nicht annehme, dass sich da jemand auf eine Annonce in der Zeitung melden würde. Spaßvögel.“

Und sie vermag es, ihre Zuhörer und Leser intensiv mit Dr. Josef Mengele zu konfrontieren und allen zwiespältigen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Einerseits habe sie es ihm zu verdanken, dass sie nicht sofort vergast wurde, weil er nach Zwillingen für seine abscheulichen Menschenversuche gesucht habe. Wie ein Wissenschaftler habe er gehandelt. Keine menschliche Regung habe er gezeigt. Er war nie unfreundlich oder freundlich. Er war die wohl schwierigste menschliche Erfahrung, die Eva jemals erleben musste. Er sprach niemals. Kein persönliches Wort richtete er an seine Opfer. Er war ordentlich, stolz auf seine Arbeit. Ein Wissenschaftler umgeben von Versuchstieren.

Er tötete gezielt und doch im Vorbeigehen. Trotzdem lebten Eva und Miriam nur wegen ihm. Das musste den Mädchen vorkommen, als hätten sie es mit Gott persönlich zu tun. Diese Hilflosigkeit und die völlige Abhängigkeit, in Verbindung mit der ständigen Todesangst seien die ständigen Wegbegleiter gewesen. Nichts wurde den Mädchen jemals erklärt und es blieb ihnen keine Energie, als sich um das eigenen Überleben zu kümmern.

„Das hat alle Kraft gekostet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Lesezeichen von Eva

Und heute kostet es sie alle Kraft, als Überlebende des Holocaust mit ihrer Botschaft der Vergebung zur Selbstbefreiung nicht an den Rand des Gedenkens gedrängt zu werden. Reine „Selbstinszenierung“ wirft man ihr vor. Als „falsch zu verstehende Geste des Freispruchs für alle Täter“ wird ihre Geste gedeutet, dem Angeklagten in Lüneburg die Hand zu reichen. Und selbst das internationale Auschwitz Komitee wird zitiert mit den Worten: „Den Tätern Verzeihung zu gewähren, dazu fühlen sich die Überlebenden angesichts deren jahrzehntelangen unbelehrbaren Schweigens nicht in der Lage!“

Eva Mozes Kor ist dazu in der Lage. Sie spricht die Täter nicht frei von Schuld. Sie hat sich befreit von Tätern, die sie jahrelang in ihrer Gewalt hatten. Nur dieser Weg hat es ihr ermöglicht, ihren eigenen Weg aus dem Dunkel des Daseins als Opfer zu finden. Wir hören ihr aufmerksam zu und ich ziehe meinen Hut vor dem Kampfesmut von Eva Mozes Kor.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Ihr Mut steht auch heute noch als Beispiel, warum es sich lohnt für das Überleben zu kämpfen. Nun geht sie ihren Weg der Selbstheilung und der Selbstbefreiung. Wer das kritisiert, hat sich nie in die Lage der Überlebenden versetzt. Wer das kritisiert, hat sich nie mit dem Weg von Eva Mozes Kor auseinandergesetzt. Aber eines ist sicher. Keine Kritik der Welt wird aus ihr wieder das machen, was man ihr jahrelang im wahrsten Sinne des Wortes eingeimpft hat: EIN OPFER.

Sie hat einige Exemplare von „Ich habe den Todesengel überlebt“ für Schüler in Bayern mit dieser Botschaft versehen und signiert. Sie werden Peggy Steike und mich durch unser gemeinsames Schulprojekt begleiten. Sie uns hat ihre Botschaft mit auf unseren Weg gegeben und wir werden sie sicher nicht sinnentfremdet weitergeben, sondern so, wie ich es hier schrieb. In ihrem Sinne, der auch unserer ist.

„Forgive & Heal“

Thank you, Eva, forbeing part of your Message

Thank you, Eva, for being part of your Message

Nachtrag: auch Reiner Engelmann wird uns nach seinem Buch Der Fotograf von Auschwitz weiter begleiten. Ihm wird ein eigenständiger Artikel zu diesem Abend gewidmet. Auch seinem schon bald bei cbj erscheinenden neuen BuchWir haben das KZ überlebt gilt es, die vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Er steckt tief im Thema. Differenziert und journalistisch höchst profund und seriös. Seine Emotionalität angesichts der sehr bewegenden Aussagen von Eva Mozes Kor in ihrer gemeinsamen Veranstaltung „Gegen das Vergessen“ werde ich nicht vergessen.

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber...

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Es war kalt und das Schneegestöber hatte das Gelände in einen weißen Mantel gehüllt. Seit Tagen waren Veränderungen deutlich zu spüren, aber letztlich war es das Fehlen der Wachen, das vermuten ließ, dass es jetzt nicht mehr sehr lange dauern konnte. Am frühen Nachmittag dann näherten sich Soldaten in Wintertarnanzügen dem Lager. Erst als die Menschen im Lager erkannten, dass es sich nicht um die SS handelte, flammten erste Rufe auf. „Wir sind frei“

Wir schreiben den 27. Januar 1945 und können heute noch den wenigen Zeitzeugen dieses Tages zuhören, wenn sie von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz berichten. Und wenn wir sehr aufmerksam zuhören, dann erkennen wir das ungläubige Staunen, das sich damals langsam über diesem schrecklichen Ort ausgebreitet hat. Die verbliebenen Opfer der Nazis konnten es nicht glauben, dass der Schrecken ein Ende haben sollte.

Eva Mozes Kor hatte mit ihrer Zwillingsschwester Miriam die medizinischen Versuche des Lagerarztes Josef Mengele überlebt und nun mussten sie es einfach versuchen. Sie durchquerten das offene Tor des endlich von russischen Truppen befreiten Todeslagers, verharrten, betraten das Lager erneut und verließen es sofort wieder. Sie wollten so die Freiheit fühlen und etwas tun, das in den letzten Jahren absolut unmöglich war. Das KZ lebendig und frei zu verlassen. In ihrem Buch Ich habe den Todesengel überlebt legt sie Zeugnis ab und hinterlässt uns mehr als ihre Geschichte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Wir feiern heute erneut den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wir feiern diesen Tag als Meilenstein in der Überwindung des Holocaust. Wir gedenken der Opfer und verfolgen zahllose Dokumentationen und Reden im Fernsehen, die sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigen. Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz stellt für uns in vielfacher Hinsicht das Ende des Schreckens dar. Aber war es das?

Befreiung ist ein positives Wort. Es beschreibt einen Akt des Erlangens von Freiheit. Opfer werden in den Schoß der Gesellschaft zurückgeführt und ihnen widerfährt endlich Gerechtigkeit. Geiselbefreiungen mögen hier als Beispiel dienen. Sie werden nach ihrer Befreiung psychologisch betreut und medizinisch versorgt. Man kümmert sich um sie und ist sich der Ungerechtigkeit der Geiselnahme bewusst.

Ist es das, was die Überlebenden des Holocaust erfahren haben? Ist es das, was ihnen nach der Befreiung widerfahren ist? Gerechtigkeit. Betreuung? Rückführung in ihr altes Leben? Wiedergutmachung? Nein. Bestimmt nicht. Wenn man den Überlebenden aufmerksam zuhört, wird man schnell feststellen, dass am Tag der Befreiung viele Dinge gleichzeitig geschahen, die eine Verarbeitung des Erlittenen fast unmöglich machten.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Nachdem alle verfügbare Energie dem Überleben galt, setzte nun das Begreifen ein. Das Verstehen breitete sich aus. Die Überlebenden begannen zu realisieren, wen sie verloren hatten, dass sie völlig auf sich selbst gestellt einfach ausgesetzt wurden in einer Welt, die sie vor wenigen Tagen noch zum Abschlachten freigegeben hatte. Enteignet, deportiert, heimat- und elternlos, verletzt, tief traumatisiert und ohne Orientierung war die schlichte Befreiung das Maximale, das sie erwarten durften.

Und dabei sollten sie sich glücklich schätzen, denn die Tatsache, dass sie noch im Konzentrationslager waren, als die Befreier anrückten, hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, dass sie zu schwach oder zu klein für die Todesmärsche waren, auf die in den Tagen vor der Befreiung weit mehr als 60000 Menschen getrieben wurden. Nach dem Zusammenbruch der Tötungsmaschine musste ein Weg gefunden werden, Zeugen zu beseitigen.

Diese Todesmärsche durchzogen nicht nur das besetzte Polen, sondern auch das Reichsgebiet. 200 000 Menschen kamen auf diesen Märschen in Schnee und Eis ums Leben. Am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz waren nur noch 7000 Überlebende im Lager. Zu schwach für die Strapazen eines Marschs und nur deshalb nicht erschossen, weil die russische Armee zu schnell vorrückte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Als die Lagertore sich öffneten, zeichnete sich für die Befreiten ein diffuses Bild von Freiheit ab und je näher sie ihrer eigentlichen Heimat kamen, desto mehr realisierten sie, dass niemand, aber auch wirklich niemand, mit der Rückkehr der Opfer rechnete, geschweige denn, sich darauf freute, die Deportierten von einst wiederzusehen. In den Häusern lebten längst die Profiteure des Holocaust und in den Dörfern hatte man das Hab und Gut der abgeschobenen Juden schnell aufgeteilt.

In bewegenden Zeitzeugnissen haben Überlebende diese Zeit unmittelbar nach der Befreiung beschrieben und diese Zeilen zu lesen, macht nachdenklich. Die zum Tode Verurteilten wurden in eine lebensfeindliche Umwelt ausgesetzt. Energie zum Kämpfen war nicht mehr da, und die harte Realität, langsam festzustellen, dass kaum jemand aus der Familie den Holocaust überlebt hatte traf die Geretteten wie ein neuer Faustschlag ins Gesicht. George Brady verfiel in ein fast lebenslanges Schweigen, nachdem er verstehen musste, dass seine Schwester Hana und seine Eltern Auschwitz nicht überlebt hatten. Hanas Koffer ist hier viel mehr als eine Spurensuche. Es ist ein lebendiges Zeitzeugnis der Leere, in die ein Mensch verschwinden kann.

Manche kamen sogar vom Regen in die Traufe und mussten feststellen, dass die neuen russischen Ausweispapiere ihnen keine neue Identität verschafften oder sie zu gleichwertigen Bürgern machten. Nein – der Begriff Bürger war durchgestrichen und durch das Wort JUDE ersetzt. Niemand kann sich heute vorstellen, welche Gefühle durch diese erneute Ausgrenzung ausgelöst wurden. Schoschana Rabinovici schildert dies in ihrem Buch Dank meiner Mutter als die größte Unmenschlichkeit, die sie nach den Nazis erleben musste.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Und wenn die Überlebenden vom Schrecken im KZ berichten wollten, schlug ihnen heftiger Unglaube entgegen. Wenn sie vom Hunger sprachen, hörten sie nur, dass auch die Menschen auf dem Land gehungert haben. Die Dimension des Hungers in einem Nazi-Lager war nicht zu vermitteln. Leon Leyson schrieb dazu in seinem Lebensbericht Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete“: 

„Ich konnte nicht von meinem Leiden berichten, ohne gleichzeitig das Leid der anderen herabzuwürdigen“.

Und genau dieser Leon Leyson erlebte dann in seiner Heimatstadt Krakau das Aufflammen von neuem Hass. Die Zurückgekehrten stellten wohl eine Bedrohung dar. Man hatte sich in der Stadt breitgemacht. Jüdische Gemeinden existierten nicht mehr und so sammelte sich erneut der Mob auf den Straßen und warf die Scheiben ein. So lange, bis die Vertriebenen erneut vertrieben waren.

Wer selbst den Todesmarsch überlebt hatte und in seiner alten Heimat Freunde traf, die ihm einen Neubeginn ermöglichen wolltenm der litt fortan unter den körperlichen und psychischen Traumatisierungen, die im KZ entstanden waren. Wilhelm Brasse, Der Fotograf von Auschwitz konnte seinem Beruf nicht mehr nachgehen. Jedes Mal, wenn er durch den Sucher einer Kamera blickte, sah er all die Gesichter der Opfer vor sich, die er in Auschwitz fotografieren musste, ohne ihnen helfen zu können. Auch sein Schweigen dauerte lange.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Freiheit sieht ganz anders aus. Freiheit fühlt sich anders an. Überleben wird zu einem ausschließlich physischen Privileg. Mit dem Rest hatte man selbst zurecht zu kommen. Und so begannen viele Opfer zu schweigen. Sie flüchteten erneut und verbargen ihre Geschichten in ihrem Inneren. Alpträume und Horrornächte wurden ihre Wegbegleiter. Nicht einmal ihren neuen Familien erzählten sie von ihren Qualen.

Das neue Leben wollten sie nicht belasten mit einer Vergangenheit, die ihnen sowieso niemand glauben würde. Erst Jahre später, viele Jahre später, lösten sich die Fesseln und das Erzählen begann. Eva Mozes Kor sagt noch heute, dass man über das Erlebte und Erlittene reden muss, um es irgendwann zu verarbeiten. Wir haben Eva erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Sie hat überlebt. Sie hat vergeben. Aber sie wird nie vergessen.

Vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. An einem verschneiten eiskalten Tag im frühen Nachmittag. Befreit fühlen konnten sich die Wenigsten, im normalen Leben ist kaum jemand wieder richtig angekommen. Dieser Tag der Befreiung war nicht der letzte Tag des Holocaust. Es war der erste Tag „Gegen das Vergessen“ – ein langer Marsch ins Leben.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Meine Gedanken weilen bei den Menschen, die diesen Tag nicht erleben durften. Stellvertretend für die unzähligen Opfer erzählen wir auch ihre Geschichten, zeigen ihre Portraits und Augen, lassen sie nicht namenlos werden. Um sie weine ich heute ganz besonders. Für sie haben sich die Tore der Konzentrationslager nie wieder geöffnet. Sie starben im Gas, an Hunger und Gewalt. Sie starben in Auschwitz, Leningrad und an vielen anderen Orten. Für sie alle pflanzen wir unser Vergissmeinnicht. Auch für sie vereinen Peggy Steike und ich Bilder und Worte Gegen das Vergessen. Gerade in der heutigen Zeit!

Czeslawa Kwoka, Hana Brady, Charles Apteker, Lena Muchina, Anne Frank….

Hannah – Eine Vernissage „Gegen das Vergessen“ in Wort und Bild

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Das Lesen, Schreiben und Malen „Gegen das Vergessen gehen seit langer Zeit im gemeinsamen Projekt des positiven Erinnerns mit Peggy Steike Hand in Hand durch das reale Leben und die große Welt des Internets. Das Schulprojekt Hannah stellte bis jetzt den Höhepunkt unseres Projekts dar. Namen statt Zahlen, die Individualisierung des Erinnerns und Erinnerung braucht Farbe, dies sind nur einige Schlagworte, die dieses Engagement treffend beschreiben.

Nun ist die Zeit reif, einen weiteren großen Schritt gemeinsam zu gehen. Ab dem 11. Januar werden die Bilder aus dem Zyklus „Holocaust“ von Peggy Steike für mehr als zwei Monate als Dauerausstellung in der renommierten Galerie Eifel Kunst zu sehen sein. Diese Bilder sprechen ihre ganz besondere Sprache, vermitteln dem Betrachter ein tiefes Gefühl für die unzähligen Opfer des Holocaust, geben ihnen Würde und Identität zurück und führen dazu, dass man selbst zu recherchieren beginnt, um mehr zu erfahren.

Bilder gegen das Vergessen, die uns nachhaltig die Augen öffnen.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Im Rahmen unseres gemeinsamen Projekts sind Bilder entstanden, die im tiefen inneren Kontext zu Büchern stehen, die vor dem Hintergrund des  Erinnerns eine wichtige Rolle einnehmen. Wir haben nun die Ehre, die Ausstellung mit einer „Vernissage gegen das Vergessen“ gemeinsam eröffnen zu können und dabei „Wort und Bild“ erstmals auch in dieser Form Hand in Hand zu präsentieren. So packen wir nun Worte, Bücher und Bilder ein, verladen unsere Emotionen, Gedanken und Tränen im Reisegepäck und reisen in die Eifel. Meine Heimat…

Im Rahmen dieser besonderen Vernissage stellen wir diese gemeinsamen Wege vor, die sich in Gemünd zu einer hell erleuchteten Prachtstraße des Erinnerns vereinen. Dazu haben wir die absoluten Musterbeispiele aus dem Bereich der aktuellen Literatur dabei, um aufzuzeigen, wie Bücher berühren und bewegen können, welche Form der Publikation den Opfern gerecht wird und welche negativen Ausprägungen wir unter der Überschrift „Holo-Kitsch“ bereits auf dem Buchmarkt entdeckt haben. Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit im Buch finden ihre Entsprechung in den Bildern der Ausstellung.

Der Fotograf von Auschwitz“ von Reiner Engelmann (cbj-Verlag) wird gemeinsam mit Peggy Steikes Bildern der jungen Czeslawa Kwoka Zeugnis für die aufrechte Recherche und die emotional/sachlich mustergültige journalistische Publikation Gegen das Vergessen ablegen und einer aktuellen Publikation gegenübergestellt, die  genau diesen Anspruch leider nicht erfüllt. Die Mission des Fotografen Wilhelm Brasse, die Opferbilder zu retten, die unter Zwang in Auschwitz entstanden, ist des würdevollen Gedenkens wert und darf nicht verfälscht werden. Dem haben wir uns verschrieben. Das eint uns mit Reiner Engelmann.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Elisabeth Zöllers Jugendbuch „Anton oder die Zeit des unwerten Lebens schließt einen Kreis zu aktuellen Bildern von Peggy Steike, die den Opfern der T4 – Euthanasie-Programme der Nazis gewidmet sind und deutlich aufzeigen, dass rassistische Willkür und Ideologie jeden Menschen in den tödlichen Fokus des Regimes bringen konnten. Hier geben Bilder Identitäten zurück, die von den Machthabern systematisch vernichtet wurden.

Und natürlich wird „Hanas Koffer“ bei uns sein. Ein Blogprojekt, das hier vor fast sechs Monaten seinen Ursprung fand und inzwischen als Wanderbuch durch die ganze Republik unterwegs ist. Die Kassette mit dem Buch über das Schicksal von Hana Brady wird in einem Staffellauf des Erinnerns von insgesamt 20 Menschen gelesen, die mit ihren Namen für dieses Projekt des gemeinsamen Lesens und Gedenkens einstehen.

Aus Plauen wird die Kassette mit dem Buch „Hanas Koffer, Notizbuch, persönlichen Erinnerungen, Vergissmeinnicht-Samen und kleinen Beigaben der bisherigen Leser nach Gemünd in die Eifel geschickt, wo sie Mitgliedern des Fördervereins der Gedenkstätte des SS-Außenlagers/Konzentrationslager Hinzert übergeben wird. Unser Projekt wird dann am 27. Januar in der Gedenkstätte mit einem Portraitbild von Hana Brady und ihrem Bruder aus der Feder von Peggy Steike vorgestellt.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Es ist eine große Ehre für uns alle, am 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz unseren kleinen Beitrag des Erinnerns in dieser besonderen Form präsentieren zu dürfen. Auch in Hinzert werden Vergissmeinnicht-Samen gepflanzt und „unser“ Wanderbuch wird von dort aus seinen Weg zum nächsten Leser fortsetzen. Eine Lichterkette des Lesens.

Nachdem Czeslawa Kwoka und Hana Brady, Wilhelm Brasse und viele andere Opfer in Wort und Bild greifbar und fühlbar ihre Stimme erhoben haben, wird unsere ganz eigene Hannah aus dem Schulprojekt auch die Besucher der Vernissage ansprechen. Mit dem bisher einzigen fiktionalen Bild Peggy Steikes und einem von mir eigens dazu verfassten Text versuchen wir, den Schülern die Angst vor der Dimension des Erinnerns zu nehmen. Wir bringen Farbe ins Erinnern und gehen mit Hannah einen neuen Weg des Gedenkens. Wir laden Sie alle herzlich ein, uns auch auf diesem Weg zu begleiten.

Wir freuen uns auf treue Wegbegleiter, die wir in Schleiden-Gemünd treffen werden. Wir freuen uns auf intensive Gespräche und neue Begegnungen unter der Überschrift des Erinnerns. Unser Dank gilt ganz besonders Marita Rauchberger, die es uns ermöglicht, die Galerie Eifel Kunst mit Wort und Bild zu erfüllen. Ebenso danken wir Irmgard Veit, die „Hanas Koffer“ auf ihrer persönlichen Lese-Etappe in Hinzert vorstellte. Wir werden bald wieder in die Eifel reisen, um mit den Hanas und Hannahs unseres Projekts auch die Schulen vor Ort zu besuchen.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher - AstroLibrium

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Wir sehen uns am:

Sonntag, den 11. Januar 2015
15 Uhr

Galerie Eifel Kunst
Schleidener Str. 1
53937 Schleiden-Gemünd

zur „Vernissage gegen das Vergessen“. Der Eintritt ist natürlich frei. Musikalisch wird die Vernissage von Georg Kaiser untermalt. Und natürlich werden wir ausführlich auf AstroLibrium berichten. Auf meiner Facebook-Seite werden viele Impressionen der Veranstaltung live gepostet. Wir freuen uns auf diesen besonderen Tag und haben alle Menschen im Herzen bei uns, die unsere Projekte bisher so herzenswarm begleitet haben.

Peggy Steike & Arndt Stroscher

Gegen das Vergessen - Peggy Steike und ArndtStroscher

Gegen das Vergessen – Peggy Steike und Arndt Stroscher

„Der Fotograf von Auschwitz“ von Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

„Ich bin kein Brasse mehr“, war der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, nachdem er seine Nummer bekam. „Ich bin nur noch Häftling Nummer 3444.“

Der Fotograf von Auschwitz - Die Rezension anhören? Ein Klick genügt!

Der Fotograf von Auschwitz – Die Rezension anhören? Ein Klick genügt!

Reduziert auf eine Nummer. Aussortiert. Inhaftiert. Deportiert. Konzentriert. Brasses erster Blick fällt auf den Schriftzug über dem Lagertor: „Arbeit macht frei“. Danach durchmisst er die unglaublichen Ausmaße eines Areals, das für zahllose Gefangene errichtet worden sein musste. Am 31. August 1940 wird aus dem erst 23-jährigen Polen Wilhelm Brasse der politische Inhaftierte 3444 im Konzentrationslager Auschwitz. Eine Nummer, ein kahl rasierter Schädel und Häftlingskleidung lassen ihn in der Masse der todgeweihten Lagerinsassen untergehen.

Von Wilhelm Brasse, dem lebenslustigen aufrechten und heiteren jungen Mann ist nach den entwürdigenden Strapazen der Deportation nicht mehr viel übrig. Und das Ziel der Machthaber ist noch klarer definiert. Nichts sollte mehr übrig bleiben von ihm und den anderen. Zumindest Wilhelm Brasse hätte sich anders entscheiden können. Sein Vater Österreicher, seine Mutter Polin. Eine Unterschrift im von den Nazis besetzten Polen hätte ausgereicht, ihn zum Deutschen zu machen. Er verweigerte sich bewusst und trug die Konsequenzen. Nummer 3444. Nun geht der gelernte Fotograf den Weg der Deportation.

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Schnell wird ihm klar, dass sich dieses Lager von allem unterscheidet, was er jemals über Gefängnisse gehört hatte. Die Arbeitskommandos denen er zugeteilt wird dienen in erster Linie ausschließlich der Zermürbung der Inhaftierten. Hygiene, Ernährung und Medizin werden auf ein Maß heruntergeschraubt, das ein qualvolles Dahinsiechen im KZ Auschwitz beschleunigt. Eine Todesmaschine, die erst ihren Betrieb aufgenommen hat und sich zu einer von vielen industriellen Vernichtungsfabriken der Nazis entwickeln sollte.

Wilhelm Brasse kämpft um sein Leben und mit viel Glück gelingt es ihm durch den eigenmächtigen und gewagten Wechsel von Arbeitskommandos durch einen puren Zufall für eine Tätigkeit im KZ ausgewählt zu werden, die zumindest sein Leben sichert. Solange er nur gehorcht und funktioniert. Wilhelm Brasse wird Der Fotograf von Auschwitz“ und ist fortan dafür verantwortlich, dass alle Neuankömmlinge fotografiert werden. Drei Porträt-Aufnahmen von jedem Opfer. Mit Kopfbedeckung im Profil. Ohne Kopfbedeckung im Profil und frontal in die Kamera schauend. Eine Karte im Bild, auf der man Haftgrund, Nummer und den Namen des KZs erkennen kann.

Lückenlose Nazi-Bürokratie erfordert lückenlose Dokumentation und gute Bildqualität unter unsäglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen bei täglicher Todesangst. Brasse wird zum Zeugen der Massenvernichtung (nicht nur) jüdischen Lebens. Er wird Zeuge der Erniedrigung von Menschen, die durch das dichte Raster der braunen Machthaber gefallen sind. Behinderte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, politisch Andersdenkende. Wilhelm Brasse hat zu funktionieren. Nur drei Minuten pro Bildserie. Drei Minuten pro Opfer, von denen er genau weiß, dass sie unrettbar verloren sind. Drei Einstellungen als letztes Lebenszeugnis.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann - AstroLibrium - Peggy Steike

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Er blickt ihnen in die Augen. Bannt ihren verunsicherten Blick für immer auf die Bilder, die nur zum internen Gebrauch gedacht waren. Helfen konnte er keinem einzigen Opfer. Es hätte sein Leben gekostet. Einzig diese drei Minuten blieben ihm, um die Menschen zu beruhigen. Ihnen ein kurzes Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Seine Arbeit jedoch verändert sich im Laufe der Jahre. Bald werden Juden nicht mehr fotografiert und registriert, da sie sofort nach ihrem Eintreffen im Konzentrationslager vergast werden. Die Menschenversuche Mengeles erfordern ebenfalls eine saubere Dokumentation und Brasse sieht und fotografiert, was kein Mensch anschauen oder fotografieren könnte.

Kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Sowjetarmee am 27. Januar 1945 erhält er den Befehl, alle Beweise zu vernichten und die Bilder zu verbrennen. Brasse lehnt sich auf. Er wird zum Kämpfer für das Erinnern und rettet einen Großteil der Fotos, die er selbst gemacht hat. Er rettet die Geschichten vieler einzelner Opfer. Er rettet die Identitäten und liefert unbestechliche Beweise für die unmenschlichen Verbrechen in Auschwitz. Zehntausende Gesichter überleben als Fotos mit Wilhelm Brasse den Holocaust und werden zu den wichtigsten Zeitzeugnissen. Augenzeugen im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn man heute über Wilhelm Brasse spricht oder schreibt, dann muss man sich vor Augen halten, was diese Zeit im KZ Auschwitz aus ihm gemacht hat. Er hat die Gesichter der Todgeweihten nicht nur für immer festgehalten, sie haben sich auch in seinem Inneren eingebrannt, weil er nicht helfen konnte. Seine Mission begann später. Er sprach über die Opfer, gab den Gesichtern ihre unverfälschten Geschichten zurück und legte Zeugnis ab, um das Erinnern zu ermöglichen. Wer heute über den Mann schreibt, der die Menschen vor seinem Objektiv in den Fokus rückte und sich selbst dabei im Hintergrund hielt, der muss in besonderer Weise darauf achten, neben dem Fotografen auch den Opfern von einst gerecht zu werden.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann schrieb über Wilhelm Brasse. „Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben des Wilhelm Brasse“ (cbj) schildert diesen einzigartigen Augenzeugen, der uns zu Augenzeugen macht, ohne jegliche Fiktionalisierung oder Ausschmückung, ohne zusätzliche Dramatisierung oder Heroisierung. Engelmann hat sehr präzise recherchiert, Gespräche mit Wilhelm Brasse geführt und sich selbst vor Ort in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz einen Überblick verschafft, was Brasse täglich sehen konnte und versucht, ein Gefühl für diesen besonderen Menschen zu entwickeln, der am 23.10 2012 verstarb. Es blieben seine Bilder, Aufzeichnungen und die veröffentlichten Videos seiner Interviews. Es blieben die Porträts, die ihm wichtiger waren, als seine eigene Geschichte.

Reiner Engelmann gelingt mit seinem Buch, was Brasse mit den Fotos gelang. Der Autor zieht sich weit zurück. Man fühlt ihn kaum. Er wird zum Chronisten eines Lebens und vermittelt die ungeschönten Wahrheiten vor und hinter der Kamera. Im Fokus von Reiner Engelmann verschwimmen weder Opfer noch Täter. Er zeichnet Wilhelm Brasses Leben nach, führt die Nazi-Schergen ins helle Licht und gedenkt der Opfer, deren Bilder so oft für sich selbst sprechen. Diesen Raum lässt er ihnen.

Engelmann schreibt kein Wort zu viel. Er interpretiert und fantasiert nicht, sondern liefert für diejenigen Leser, die sich bereits intensiv mit dem Thema beschäftigt haben zusätzliche Informationen, die auf einer mehr als fundierten Recherche und einer klaren Methodik im Vorgehen basieren. Dabei widmet er sich den kurzen, jedoch intensiven Episoden und Schlaglichtern, die Wilhelm Brasse hinter der Kamera erleben musste, in ebensolcher Knappheit. Drei Minuten blieben Brasse pro Bild. Drei bis vier Seiten benötigt Engelmann für die Beschreibung einzelner Kapitel des Grauens. Er muss nicht mehr schreiben. Diese Struktur wird den Opfern gerecht. Ebenso, wie demjenigen, der sie nur zu fotografieren hatte. Dieses Album ist ein Blick in den realen Abgrund.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann legt ein der Wahrheit verpflichtetes Buch vor, das besonders auch für junge Leser immer nachvollziehbar und nah bleibt. Er ordnet Fakten präzise ein und bringt das Auschwitz-Album in einen klaren zeitlichen Bezug zur Zwangsarbeit von Wilhelm Brasse. Wir werden Zeuge der Begegnung zwischen dem Fotografen und dem Mädchen, von dem nur diese Momente blieben. Czeslawa Kwoka, über die ich einen emotionalen Artikel des Aufschreis geschrieben habe, weil ein anderes aktuelles Buch über den Fotografen von Auschwitz die Fakten so sehr verfälschte, dass die Erinnerung an Czeslawa beschädigt wurde. (Siehe Artikel)

Danke Reiner Engelmann für diese Kapitel in Ihrem Buch. Danke, dass dieses Buch dem wahren Erinnern an die Opfer des Holocaust keinen Filter vor die Linse hält, der alles verzerrt. Der klarsichtige Blick wird der Bedeutung der Fotografie, der Bedeutung eines Menschenlebens und der Hoffnung, dass sich die Geschichte niemals wieder in solcher Dimension wiederholen kann, gerecht. Hier liegt endlich der Beweis in meinen Händen, der die Kritik an der Publikation zweier italienischer Autoren bestätigt.

Wenn man sich für das Leben des Fotografen von Auschwitz interessiert und die Gesichter der zum Tode verurteilten verkraftet, dann sollte man auf dieses Buch zurückgreifen. Es ist die wahre Geschichte in all ihren Facetten und realen Dramen. Eine große Autorenleistung, die einen Menschen in den Vordergrund stellt, der sich dort nie gesehen hat. Der Fotograf von Auschwitz wird uns durch unser gemeinsames Projekt Gegen das Vergessen als konstantes Schwerpunktthema begleiten. Es ist der mehr als gelungene journalistische Versuch, eine unfassbare Geschichte aus der geheimen Dunkelkammer des Nationalsozialismus ans Licht zu bringen und sie den Menschen zu erzählen, die heute nicht mehr glauben können, was damals geschehen ist.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann hat das Negativ von Wilhelm Brasse entwickelt, damit wir uns heute ein Bild von diesem mutigen Mann machen können, ohne den diese Fotos niemals überdauert hätten. Im Lebensalbum dieses Buches hat Reiner Engelmann nicht nur Czeslawa Kwoka, sondern auch uns allen etwas Verlorenes zurückgegeben. Ihr die Würde des Erinnerns und uns den Glauben an aufrechten Journalismus.

Ich danke Peggy Steike für den beharrlichen Rückhalt, die unglaublich intensive Wegbegleitung und den gemeinsamen Schritt in die Zukunft unseres Projekts. Wir werden wohl nie vergessen, wie viele Tränen beim Malen und Schreiben über die Bücher zu Wilhelm Brasse geflossen sind…

Nachtrag: Eine wichtige Stimme zu diesem Buch ist absolut lesenswert. Anja Schmidt rezensiert auf ihrem Literaturblog Zwiebelchens Plauderecke mit Gefühl und Spürsinn. Auch zu Reiner Engelmann hat sie umfassend geschrieben. HIER.