„Das Lachen und der Tod“ von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lesen „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust muss in diesen Tagen einiges verkraften und erfordert vom Leser einen wachen Geist, gute Nerven und eine große Stabilität der eigenen Psyche. Berichte von Zeitzeugen, Reportagen und Romane vermitteln auch in diesem Jahr immer neue Seiten des Grauens und gehen dabei auch literarisch neue Wege.

Jenseits aller Andeutungen und abseits des Vorstellbaren sind Autoren zusehends in der Lage, der unvorstellbaren Unmenschlichkeit der Nazi-Diktatur den Schleier vom Antlitz zu reißen und Klartext zu sprechen.

Die Täter des Holocaust hatten sich in den entlegenen Winkeln Europas unsichtbar gewähnt und in dieser Welt der Unsichtbarkeit waren sie in der Lage, alle Grenzen des Denkbaren zu überschreiten und dem Zitat Platos folgend eine Stufe der Grausamkeit zu erreichen, die bis heute alles in den Schatten stellt.

„Unsichtbare Menschen werden unmoralisch.“

Es ist an der Zeit, diese Taten und die Ideologie, die sie ermöglichte, für alle Welt sichtbar zu machen. Nicht nur das Gedenken an die Opfer allein ist entscheidend, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern, auch die Täter, ihre Motive und perfiden Vorgehensweisen müssen ans Licht gezerrt werden, um zu verdeutlichen, was Genozid, Shoa und Holocaust tatsächlich bedeuten. Viele Schriftsteller leisten heute einen unschätzbaren Beitrag in der Aufarbeitung dieser dunklen Epoche, doch nur wenigen gelingt es dabei, neue Maßstäbe zu setzen oder Grenzen zu überschreiten, die es hinter sich zu lassen gilt, um mehr zu erzählen, als das, was wir schon wissen.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Pieter Webeling geht in seinem Roman „Das Lachen und der Tod“ (Heyne Verlag) diesen Weg. Er macht seine Leser zu direkten Zeitzeugen des Holocaust und erspart ihnen dabei keine einzelne Sequenz des Grauens, keine Beschreibung des Unsäglichen und kein Bild des Unvorstellbaren. Er schreckt nicht davor zurück, Details zu erzählen, die selbst in den Berichten der Überlebenden der Todeslager ausgespart werden, weil sie einfach zu unbeschreiblich sind. Wer sich auf diesen Roman einlässt, sollte genau wissen, welchen Leseweg er mit dem Autor beschreitet.

Wer sich Webeling anschließt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass sich die Tore des Konzentrationslagers Auschwitz hinter ihm schließen und das Lesen des Romans allein keine Chance zur Flucht bietet. Wer ihm folgt, sollte sich darauf einstellen, dass er eine Welt betritt, aus der es keine Flucht gibt und in der das Grauen zum Alltag gehört. Leser müssen das wissen. Webeling verlangt extrem viel. Und genau damit geht er weit über das Erwartete hinaus. Dort, wo andere Autoren den Schrecken unserer Fantasie überlassen, schreibt Webeling weiter. Schonungslos und doch so wahr. Klartext.

„Eigentlich waren das gar keine Menschen mehr, sondern nur noch Schatten mit leeren Augen, entfleischte Körper mit hervorstehenden Knochen. Bei einigen funktionierte der Schließmuskel nicht mehr, sodass ihnen der Enddarm ein paar Zentimeter aus dem Anus hing.“

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Nur so gelingt es Webeling den harten Kontrast seines Romans zur vollen Wirkung zu bringen. Nur im Klartext vermag er seinen Lesern zu vermitteln, was es bedeutet, einen kleinen Hoffnungsschimmer inmitten des Grauens zu erkennen. Wer sich einlässt, wird am eigenen Leib spüren, wie befreiend ein Lachen sein kann, welche Macht Humor hat und wie lebenswichtig es ist, in lebensbedrohlichen Situationen nicht aufzugeben. Aber als Leser muss man sich immer vor Augen halten, dass einem genau dieses Lachen oft im Halse stecken bleibt. Dieser Leseweg ist ein schwieriger und nachhaltiger.

Charly Chaplin hat dies deutlich unter Beweis gestellt. Mit seinem Film „Der große Diktator“ hat der legendäre Komiker und Pantomime einen Paukenschlag der Hoffnung in die Welt gesetzt und das Unsichtbare sichtbar gemacht. Er vermochte es in einer grandiosen Parodie auf Adolf Hitler den Humor zu einer Waffe werden zu lassen, die in der Lage war, die Sichtweise von Menschen nachhaltig zu verändern. Und genau dieser Charly Chaplin gehört zu den Vorbildern eines Komikers aus Holland, der im Roman von Pieter Webeling die Hauptrolle spielt.

Der fiktive Ernst Hoffmann zählt zu den berühmtesten Komikern seines Landes, als er aufgrund seines jüdischen Glaubens in ein Konzentrationslager deportiert wird. An einem frostigen Tag im Frühjahr 1944 findet er sich in einem Viehwaggon wieder. Er, der prominente Künstler, wird zusammengeschlagen und mit zahllosen weiteren Juden unter unsäglichen hygienischen Bedingungen einer tödlichen Reise ausgesetzt. Das Ziel ist ihnen nicht bekannt. Was sie dort erwartet ebenso wenig. Die Bedingungen lassen allerdings keinen Spielraum für Hoffnung und Panik macht sich breit. Und doch gelingt es dem versierten Komiker, seine Leidensgenossen mit Witzen abzulenken und ein wenig zu beruhigen.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

„Wir sitzen hier in einem Viehwaggon. Ist das ein Grund zum Lachen? Nein, im Gegenteil. Aber es erinnert mich an ein Foto, auf dem Hitler neben einer Kuh steht. Wissen sie, was mir sofort aufgefallen ist? Der intelligente Blick der Kuh!“

Die Menschen vertrauen ihm und seiner magischen Ausstrahlung und auch er beginnt zu hoffen, weil er genau in dieser fatalen Situation auf die junge Helena trifft. Ein kurzer Moment des Erkennens, ein Augenblick reicht aus, zwei verzweifelte Opfer miteinander zu verbinden. Ein zartes Band, das bei der Selektion auf der Rampe des KZs zerrissen wird. Ebenso brutal, wie hier alles endgültig getrennt wird. In Leben und Tod. Den Nazis bleibt Ernst Hoffmann nicht verborgen. Zumal er in seiner Baracke immer wieder dafür sorgt, dass der Hoffnungslosigkeit durch Humor und ein einziges Lachen am Tag die Grenzen aufgezeigt werden. Der Lagerleiter persönlich beginnt sich für den Künstler zu interessieren.

Sie schmückten sich mit den Bekannten und Talentierten. Sie führten sie vor und ergötzten sich an ihren eingesperrten Talenten. Ob Musiker, Kabarettisten oder Sänger. Die Nazi-Schergen benutzten sie in allen Todeslagern als Funktionshäftlinge. Und so soll auch der berühmteste Komiker Hollands vor den Wärtern der Todesmaschine auftreten, um ihnen den „ach so schweren Alltag“ zu versüßen. Doch Ernst Hoffmann verweigert sich diesem Ansinnen. Kollaboration ist nicht seine Welt. Lieber geht er in den Tod. So tief will er nicht sinken. Das klare NEIN bringt ihn aus der Vorhölle ins Zentrum des Wahnsinns, denn dem Leiter des Lagers ist die einzige Schwäche des Komikers nicht verborgen geblieben. Ein Druckmittel, das schwerer wiegt, als der Tod: HELENA.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

In diesem Moment verliert der Komiker seine Seele an den Mephisto von Auschwitz. Er fällt tief in den Abgrund seines eigenen Anspruches weil er nun um das Leben einer Frau kämpft, die er nur kurz gesehen hat. Und genau an dieser Stelle öffnet der Autor Pieter Webeling den letzten Vorhang des Grauens und führt uns an der Hand seines Protagonisten ins Herz aus Vernichtung, Zermürbung und Erniedrigung. Ein industriell organisierter Menschen-Schlachthof ohne jegliche Empathie der Täter verschlingt den Leser und den Komiker mit einem gezielten Happen. Die Unerträglichkeit des Lesens wird hier greifbar. 

Der Hund steht über dem Menschen, wie wir schon im Roman Sonnenschein von Daša Drndić erfahren konnten. Die beiden Bücher beginnen hier laut miteinander zu sprechen. Und doch geht Webeling viel weiter. Er führt uns in eine Gaskammer, lässt uns Tote und Lebende im Krematorium verbrennen, ihre Asche in Gruben verscharren. Er macht uns zu Zeugen brutaler Morde und Hinrichtungen, führt uns vor Augen, was Ungeziefer und Hunger aus einem Menschen machen können und verschont auch seinen Protagonisten nicht davor, immer tiefer in den Abgrund zu stürzen.

Jenseits allen Lachens verliert Ernst Hoffmann seine Unschuld. Und doch ist es die Kraft seiner intellektuellen Begabung, die ihn am „Point of no Return“ zu dem werden lässt, was ihn von den Nazi-Schergen unterscheidet. Zu einem Menschen. Die Hölle ist greifbarer denn je und ich hätte niemals gedacht, die folgenden Bilder der politischen Malerin Peggy Steike als Artikelbilder verwenden zu können. Sie sprengen die Grenzen des Fühl- und Vorstellbaren. Sie sind bildlicher Klartext und genau aus diesem Grund werden sie dieses Buch in unserem gemeinsamen Projekt Vergissmeinnicht weiter begleiten. Grenzen sprengen um zu erkennen, was wirklich geschah.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling - Bilder von Peggy Steike

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling – Bilder von Peggy Steike

Kritisches zum Schluss:

Webeling schrieb einen Roman. Jenseits der Realität des Holocausts, die er in einer unvergleichlich tiefen Art und Weise vermittelt, bleibt er im Kern seines Themas recht blass. Der Humor seines großen Komikers Ernst Hoffmann kommt an vielen Stellen des Romans nicht über platte Hitler-Witze hinaus. Das kabarettistische Zerfleischen des NS-Regimes gelingt selten. Hier hätte ich mir mehr Esprit gewünscht.

Die Beschreibung der Abläufe im Konzentrationslager ist authentisch. Allerdings geht Webeling im fiktiven Teil des Romans einige Kompromisse mit der Realität ein, die das Verhalten seiner Protagonisten nachvollziehbar machen sollen. Die Rolle Helenas im Hause des Lagerkommandaten ist für mich persönlich nicht vorstellbar. Das kann man vielschichtig diskutieren. Angesichts des Wahnsinns im Holocaust sind diese kleinen Schwächen jedoch zu akzeptieren. Pieter Webeling ist ein wichtiges Buch gelungen.

Betrachten Sie die Holocaust-Bilder von Peggy Steike. Wenn Sie in der Lage sind, diesen Anblick zu ertragen, dann sollten Sie Das Lachen und der Tod lesen. Genau diese Bilder werden Sie durchs Buch begleiten. Es setzt neue Maßstäbe!

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27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber...

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Es war kalt und das Schneegestöber hatte das Gelände in einen weißen Mantel gehüllt. Seit Tagen waren Veränderungen deutlich zu spüren, aber letztlich war es das Fehlen der Wachen, das vermuten ließ, dass es jetzt nicht mehr sehr lange dauern konnte. Am frühen Nachmittag dann näherten sich Soldaten in Wintertarnanzügen dem Lager. Erst als die Menschen im Lager erkannten, dass es sich nicht um die SS handelte, flammten erste Rufe auf. „Wir sind frei“

Wir schreiben den 27. Januar 1945 und können heute noch den wenigen Zeitzeugen dieses Tages zuhören, wenn sie von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz berichten. Und wenn wir sehr aufmerksam zuhören, dann erkennen wir das ungläubige Staunen, das sich damals langsam über diesem schrecklichen Ort ausgebreitet hat. Die verbliebenen Opfer der Nazis konnten es nicht glauben, dass der Schrecken ein Ende haben sollte.

Eva Mozes Kor hatte mit ihrer Zwillingsschwester Miriam die medizinischen Versuche des Lagerarztes Josef Mengele überlebt und nun mussten sie es einfach versuchen. Sie durchquerten das offene Tor des endlich von russischen Truppen befreiten Todeslagers, verharrten, betraten das Lager erneut und verließen es sofort wieder. Sie wollten so die Freiheit fühlen und etwas tun, das in den letzten Jahren absolut unmöglich war. Das KZ lebendig und frei zu verlassen. In ihrem Buch Ich habe den Todesengel überlebt legt sie Zeugnis ab und hinterlässt uns mehr als ihre Geschichte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Wir feiern heute erneut den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wir feiern diesen Tag als Meilenstein in der Überwindung des Holocaust. Wir gedenken der Opfer und verfolgen zahllose Dokumentationen und Reden im Fernsehen, die sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigen. Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz stellt für uns in vielfacher Hinsicht das Ende des Schreckens dar. Aber war es das?

Befreiung ist ein positives Wort. Es beschreibt einen Akt des Erlangens von Freiheit. Opfer werden in den Schoß der Gesellschaft zurückgeführt und ihnen widerfährt endlich Gerechtigkeit. Geiselbefreiungen mögen hier als Beispiel dienen. Sie werden nach ihrer Befreiung psychologisch betreut und medizinisch versorgt. Man kümmert sich um sie und ist sich der Ungerechtigkeit der Geiselnahme bewusst.

Ist es das, was die Überlebenden des Holocaust erfahren haben? Ist es das, was ihnen nach der Befreiung widerfahren ist? Gerechtigkeit. Betreuung? Rückführung in ihr altes Leben? Wiedergutmachung? Nein. Bestimmt nicht. Wenn man den Überlebenden aufmerksam zuhört, wird man schnell feststellen, dass am Tag der Befreiung viele Dinge gleichzeitig geschahen, die eine Verarbeitung des Erlittenen fast unmöglich machten.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Nachdem alle verfügbare Energie dem Überleben galt, setzte nun das Begreifen ein. Das Verstehen breitete sich aus. Die Überlebenden begannen zu realisieren, wen sie verloren hatten, dass sie völlig auf sich selbst gestellt einfach ausgesetzt wurden in einer Welt, die sie vor wenigen Tagen noch zum Abschlachten freigegeben hatte. Enteignet, deportiert, heimat- und elternlos, verletzt, tief traumatisiert und ohne Orientierung war die schlichte Befreiung das Maximale, das sie erwarten durften.

Und dabei sollten sie sich glücklich schätzen, denn die Tatsache, dass sie noch im Konzentrationslager waren, als die Befreier anrückten, hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, dass sie zu schwach oder zu klein für die Todesmärsche waren, auf die in den Tagen vor der Befreiung weit mehr als 60000 Menschen getrieben wurden. Nach dem Zusammenbruch der Tötungsmaschine musste ein Weg gefunden werden, Zeugen zu beseitigen.

Diese Todesmärsche durchzogen nicht nur das besetzte Polen, sondern auch das Reichsgebiet. 200 000 Menschen kamen auf diesen Märschen in Schnee und Eis ums Leben. Am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz waren nur noch 7000 Überlebende im Lager. Zu schwach für die Strapazen eines Marschs und nur deshalb nicht erschossen, weil die russische Armee zu schnell vorrückte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Als die Lagertore sich öffneten, zeichnete sich für die Befreiten ein diffuses Bild von Freiheit ab und je näher sie ihrer eigentlichen Heimat kamen, desto mehr realisierten sie, dass niemand, aber auch wirklich niemand, mit der Rückkehr der Opfer rechnete, geschweige denn, sich darauf freute, die Deportierten von einst wiederzusehen. In den Häusern lebten längst die Profiteure des Holocaust und in den Dörfern hatte man das Hab und Gut der abgeschobenen Juden schnell aufgeteilt.

In bewegenden Zeitzeugnissen haben Überlebende diese Zeit unmittelbar nach der Befreiung beschrieben und diese Zeilen zu lesen, macht nachdenklich. Die zum Tode Verurteilten wurden in eine lebensfeindliche Umwelt ausgesetzt. Energie zum Kämpfen war nicht mehr da, und die harte Realität, langsam festzustellen, dass kaum jemand aus der Familie den Holocaust überlebt hatte traf die Geretteten wie ein neuer Faustschlag ins Gesicht. George Brady verfiel in ein fast lebenslanges Schweigen, nachdem er verstehen musste, dass seine Schwester Hana und seine Eltern Auschwitz nicht überlebt hatten. Hanas Koffer ist hier viel mehr als eine Spurensuche. Es ist ein lebendiges Zeitzeugnis der Leere, in die ein Mensch verschwinden kann.

Manche kamen sogar vom Regen in die Traufe und mussten feststellen, dass die neuen russischen Ausweispapiere ihnen keine neue Identität verschafften oder sie zu gleichwertigen Bürgern machten. Nein – der Begriff Bürger war durchgestrichen und durch das Wort JUDE ersetzt. Niemand kann sich heute vorstellen, welche Gefühle durch diese erneute Ausgrenzung ausgelöst wurden. Schoschana Rabinovici schildert dies in ihrem Buch Dank meiner Mutter als die größte Unmenschlichkeit, die sie nach den Nazis erleben musste.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Und wenn die Überlebenden vom Schrecken im KZ berichten wollten, schlug ihnen heftiger Unglaube entgegen. Wenn sie vom Hunger sprachen, hörten sie nur, dass auch die Menschen auf dem Land gehungert haben. Die Dimension des Hungers in einem Nazi-Lager war nicht zu vermitteln. Leon Leyson schrieb dazu in seinem Lebensbericht Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete“: 

„Ich konnte nicht von meinem Leiden berichten, ohne gleichzeitig das Leid der anderen herabzuwürdigen“.

Und genau dieser Leon Leyson erlebte dann in seiner Heimatstadt Krakau das Aufflammen von neuem Hass. Die Zurückgekehrten stellten wohl eine Bedrohung dar. Man hatte sich in der Stadt breitgemacht. Jüdische Gemeinden existierten nicht mehr und so sammelte sich erneut der Mob auf den Straßen und warf die Scheiben ein. So lange, bis die Vertriebenen erneut vertrieben waren.

Wer selbst den Todesmarsch überlebt hatte und in seiner alten Heimat Freunde traf, die ihm einen Neubeginn ermöglichen wolltenm der litt fortan unter den körperlichen und psychischen Traumatisierungen, die im KZ entstanden waren. Wilhelm Brasse, Der Fotograf von Auschwitz konnte seinem Beruf nicht mehr nachgehen. Jedes Mal, wenn er durch den Sucher einer Kamera blickte, sah er all die Gesichter der Opfer vor sich, die er in Auschwitz fotografieren musste, ohne ihnen helfen zu können. Auch sein Schweigen dauerte lange.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Freiheit sieht ganz anders aus. Freiheit fühlt sich anders an. Überleben wird zu einem ausschließlich physischen Privileg. Mit dem Rest hatte man selbst zurecht zu kommen. Und so begannen viele Opfer zu schweigen. Sie flüchteten erneut und verbargen ihre Geschichten in ihrem Inneren. Alpträume und Horrornächte wurden ihre Wegbegleiter. Nicht einmal ihren neuen Familien erzählten sie von ihren Qualen.

Das neue Leben wollten sie nicht belasten mit einer Vergangenheit, die ihnen sowieso niemand glauben würde. Erst Jahre später, viele Jahre später, lösten sich die Fesseln und das Erzählen begann. Eva Mozes Kor sagt noch heute, dass man über das Erlebte und Erlittene reden muss, um es irgendwann zu verarbeiten. Wir haben Eva erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Sie hat überlebt. Sie hat vergeben. Aber sie wird nie vergessen.

Vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. An einem verschneiten eiskalten Tag im frühen Nachmittag. Befreit fühlen konnten sich die Wenigsten, im normalen Leben ist kaum jemand wieder richtig angekommen. Dieser Tag der Befreiung war nicht der letzte Tag des Holocaust. Es war der erste Tag „Gegen das Vergessen“ – ein langer Marsch ins Leben.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Meine Gedanken weilen bei den Menschen, die diesen Tag nicht erleben durften. Stellvertretend für die unzähligen Opfer erzählen wir auch ihre Geschichten, zeigen ihre Portraits und Augen, lassen sie nicht namenlos werden. Um sie weine ich heute ganz besonders. Für sie haben sich die Tore der Konzentrationslager nie wieder geöffnet. Sie starben im Gas, an Hunger und Gewalt. Sie starben in Auschwitz, Leningrad und an vielen anderen Orten. Für sie alle pflanzen wir unser Vergissmeinnicht. Auch für sie vereinen Peggy Steike und ich Bilder und Worte Gegen das Vergessen. Gerade in der heutigen Zeit!

Czeslawa Kwoka, Hana Brady, Charles Apteker, Lena Muchina, Anne Frank….