NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Wenn Zeitzeugen sterben, wird aus Zeitgeschichte Geschichte. Wenn die Quellen zu schweigen beginnen, verlieren wir den wichtigsten Maßstab für den Wahrheitsgehalt dessen, was in Sekundärquellen berichtet wird. Wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr zu uns sprechen, wenn wir ihnen keine Fragen mehr stellen, und wir ihren Warnungen nicht mehr folgen können, dann wird aus Geschichte Wissen aus zweiter Hand. Die Deutungshoheit über den real erlittenen Schrecken der Opfer liegt dann bei Menschen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Im schlimmsten Fall bei Zweiflern, politisch motivierten Leugnern und Populisten, die uns glauben machen wollen, nichts habe sich so zugetragen, wie wir denken. Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, öffnen sich die Tore, unwidersprochen zu behaupten, den Holocaust habe es nie gegeben.

Nur jetzt, nur heute sind wir noch in der Lage, den Opfern des Nationalsozialismus zuzuhören, ihnen zu begegnen und aus ihren Geschichten zu lernen. Nur jetzt sind wir in der Lage, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie Zeugnis ablegen. Vielleicht ein letztes Mal. Zu viele Zeitzeugen des Holocaust sind in den letzten Jahren gestorben. Bis zuletzt erzählten sie kraftvoll ihre Geschichten vor Schülern, besuchten Gedenkstätten gegen den Naziterror und richteten flammende Appelle an uns, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie gaben uns keine Schuld an den Verfolgungen von einst. Sie wollten nur, dass millionenfaches Sterben und Leid nicht umsonst sein sollten. Sie hofften, dass wir den Ausgegrenzten und Entwürdigten ihre Würde zurückgegeben würden. Sie hielten sich an uns fest, weil es nur in unseren Händen liegt, die Wahrheit für sie weiter in die Welt zu tragen, wenn sie es selbst nicht mehr können.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Auch Noah Klieger war einer von ihnen. Ein Überlebender. Ein verfolgter Jude, in dessen Geschichte das eigene Leben am seidenen Faden des Zufalls hing. Er sprach über seine Erlebnisse, er gab Interviews, diskutierte mit jungen Menschen und war bis zuletzt getrieben von der Mission, nichts möge in Vergessenheit geraten. Noah Klieger verstarb am 13. Dezember 2018 in Israel. Und heute? Schweigt er für immer? Gerät in Vergessenheit, was ihm damals in Auschwitz und in anderen Lagern widerfuhr? Nein. Einerseits kann man sein Zeugnis noch immer hören. Er gab Interviews, wurde gefilmt und schrieb selbst über sein Leben. Dass er niemals ganz in Vergessenheit gerät, ist sicherlich auch Takis Würger zu verdanken. Der Journalist und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, von dem man nicht behaupten kann, es sei ein „Buch über Noah KliegerNein. Es ist das Buch Noah, das er schrieb, weil er seine eigene Stimme in den Dienst eines Opfers des Holocaust stellte. Rechtzeitig, wie wir heute wissen.

Noah – Von einem, der überlebte

Warum jedoch sollten wir dieses Buch lesen? Man könnte sich Dokumentationen im Fernsehen und die Interviews mit Noah Klieger anschauen. Reicht das denn nicht aus? Eine schwere Frage, die eine komplexe Antwort verdient. Nein. Es reicht nicht aus. Ich habe sie mir angeschaut, die Momentaufnahmen seines Erinnerns. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte musste Noah zugleich formulieren, erinnern, denken und abwägen. Das Narrativ des Überlebens passte sich dem zeitlichen Rahmen des Formates an und weist immer wieder leichte Veränderungen auf. Mal stehen die Wunder im Mittelpunkt. Wunder, denen er das Überleben zu verdanken hatte. Dann wieder sind es die Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. Es bleiben eindringliche Momentaufnahmen, die unvergesslich sind. Takis Würger jedoch erweitert das Spektrum der Erinnerungen von Noah Klieger um die Dimension Zeit, die er mit dem Zeitzeugen verbrachte.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Es waren 2 1/2 Monate, die Takis Würger mit Noah Klieger in Tel Aviv verbrachte. Aus einer Momentaufnahme in Fernsehstudios oder Zeitungsinterviews wurde hier eine Dauerbelichtung der Erinnerung in der Dunkelkammer des Holocaust. Es ist jener nachhaltige Effekt, der sich in diesem Zeitzeugenbericht niederschlägt. Es ist nicht nur der Extrakt einer schnellen Verschlusszeit, den wir nacherleben dürfen. Es ist mehr. Im Nachwort zum Buch schreibt Alice Klieger, Noahs Nichte und letzte Blutsverwandte:

„Die Journalisten kamen normalerweise für einen Tag, oder eine Woche
und gingen wieder. Dieser war anders. Er blieb und hörte zu.“

Genau hier liegt das große Alleinstellungsmerkmal des nun vorliegenden Buches Noah – Von einem, der überlebteAus kürzester Distanz gelingt Takis Würger das Porträt eines Zeitzeugen, das nicht der Eile jeder Augenblicklichkeit unterworfen ist. Er beobachtete, hörte zu und schrieb dann, was sich hier dauerhaft verfestigt hatte. Takis Würger schrieb nicht seine Version der Geschichte. Er schrieb dazu:

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Genau an dieser Stelle lasse ich euch inhaltlich mit dem Buch alleine. Genau hier muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, einem Überlebenden in dessen Geschichte zu folgen. Auschwitz, Josef Mengele, Zwangsarbeit bis zur Vernichtung, Ravensbrück, Todesmärsche, Willkür und systematische Entrechtung sind die Wegmarken, die hier gesetzt sind und in denen sich das Leben von Noah Klieger abspielt. Es sind relevante Aspekte, die er beleuchtet. Die Hilflosigkeit, die brutale Gewalt und auch der Großmut einiger Weniger, die ihm geholfen haben. Es ist die Erkenntnis, nach dem Ende eines Vernichtungskrieges nicht frei zu sein. Es ist der nachvollziehbare Wunsch, endlich in einem Land leben zu wollen, in dem man sicher ist. Es ist die zionistische Perspektive des Überlebenden, die man verstehen kann. Und es ist die Geschichte einer weiteren Flucht an Bord eines Schiffes, das zum Synonym für nicht enden wollendes Leid steht: „Exodus„.

Wer diesen Weg mit Noah Klieger und Takis Würger geht, wird verstehen, warum diese Geschichte niemals vergessen werden darf. Hier ist nicht nur von Noah die Rede. An den Kreuzungen zwischen Leben und Tod wird auch jenen Menschen gedacht, die durch ihren Mut Leben gerettet haben. Hier zeigt sich wozu man fähig ist, wenn man es wirklich will. Die große Stärke dieses Buches und der große Unterschied zu Interviews mit Noah Klieger ist seine eigene Positionierung in diesem Medium. Bisher hatte er die Fragen zu beantworten. Hier stellt er sie. Hier wendet sich der Überlebende mit einem Fragenkatalog an uns, an seine Nachwelt, an alle Menschen. Und er fragt sich selbst, ohne Antworten zu finden:

„Wie kann ein normaler Menschen begreifen, dass er plötzlich in der Hölle ist?
Wie kann ein Mensch das verkraften?

„Wieso folgt ein Volk einem dahergelaufenen Anstreicher,
einem Österreicher, der aussieht wie eine Karikatur?“ 

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Ich werde Noah Klieger nicht vergessen. Ich werde auch die Menschen nicht mehr vergessen, die seinen Schicksalsweg teilten. Eva Mozes Kor oder Max Mannheimer. Ich habe Überlebende des Holocaust kennengelernt, mit ihnen gesprochen und weiß wie sehr die offenen Fragen auch ihr Leben beeinflusst haben. Takis Würger hat sich in diesem Buch sehr weit zurückgenommen. Er lässt es für sich und Noah sprechen. In der Vergangenheit hat er viel Kritik für seine literarische Methodik eingesteckt. „Stella“ habe auch ich vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. „Noah“ ist aus meiner Sicht ein wichtiges und großes Buch, weil es inhaltlich und methodisch über jeden Zweifel an seiner Entstehung und Intention erhaben ist. Es ist das Buch von Noah. Das sollten wir nicht vergessen. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und die erfüllte Hoffnung von Noah Klieger, man möge sich erinnern. Das ist die Essenz dieses Werks.

Der Tradition der mündlichen Überlieferung folgt nicht nur Takis Würger, ihr folgt auch die aufwendige Umsetzung seines Buches in seiner Hörbuchfassung. Was sich eigentlich anfühlt, wie eine Geschichte, die von einem Sprecher erzählt werden müsste, wird zu einem mehrstimmigen Kanon, der sich in mir eingebrannt hat. Jedes der vier Buchkapitel wird von einem Sprecher gelesen. So entsteht ein bleibender Eindruck der Staffelübergabe jenes Erlebnisberichts von einem Menschen zum nächsten. Höhepunkt dieser Inszenierung ist der Teil, in dem sich Noahs Fragen Raum verschaffen. Es sind viele Stimmen, die diese Fragen stellvertretend für ihn stellen. Es sind letztlich wir selbst, die hier zu Fragenden werden. Hier wird deutlich, dass uns alle dieses Buch angeht. Es mag die Geschichte eines Einzelnen sein und doch ist es die Geschichte vieler, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Hier erreicht das Hörbuch eine ungekünstelte Wucht, die zeigt, was Stimmen bewegen können. Eine eigens den Nachworten gewidmete CD rundet diesen Gesamteindruck ab. Herausragend.

Noah – Von einem der überlebte“ – ungekürzte Lesung mit Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras, Anna Thalbach, Takis Würger. Drei Stunden und 30 Minuten gegen das Vergessen vertiefen den Eindruck, den Noah Klieger selbst immer wieder in den Mittelpunkt stellte:

„Ich weiß, es ist schwer zu verkraften, 
aber es war so.“

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Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte - Astrolibrium

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte

Wir schreiben den 27. Januar 2020. Weltweit wird an diesem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945 gedacht. 75 Jahre ist es nun schon her und trotzdem kann man immer noch nicht zur Tagesordnung übergehen und so tun, als wäre inzwischen alles gesagt zu den nationalsozialistischen Massenmorden. Aber nein. Dem ist nicht so. Während einerseits die KZ-Gedenkstätten einen deutlichen Zuwachs der Besucherzahlen verzeichnen, verschärft sich der Ton in unserem Land zusehends. Das ist keine Vermutung, ich kann dies für mich belegen. Meine Artikel zur Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus werden zunehmend aggressiv kommentiert und weitgehend anonyme EMails zeugen von einer offenen Form des Antisemitismus, die mir in den letzten Jahren nicht begegnet ist…

Umso wichtiger ist es, auch am 75. Jahrestag der Befreiung der „Todesmaschine Auschwitz“ einen Zeitzeugenbericht vorzustellen, der über jeden Verdacht erhaben ist, frei erfunden zu sein. Ich kann nicht an diesen Tag denken, ohne an Zeitzeugen der Vernichtung zu denken, die heute nicht mehr zu uns sprechen können. Besonders Eva Mozes Kor, eine der wenigen Überlebenden der Mengele-Experimente, bleibt mir wohl immer im Gedächtnis, weil ihre Botschaft der Vergebung ihren Tod überstrahlt. Wer ihr jemals persönlich begegnet ist, wäre niemals auf die Idee gekommen „der Holocaust sei frei erfunden“. Die Überlebenden haben uns ihre Lebensgeschichten hinterlassen. Nur wenige können uns noch selbst erzählen, wie alles begann und wo es endete. Wir sind diejenigen, die darauf achten müssen, dass die Leugner des Schreckens aus den Höhlen kriechen und alte Automatismen bedienen, nur um sich selbst als Übermensch wiederbeleben zu können.

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte - Astrolibrium

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgtevon Jeremy Dronfield ist für den Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz von herausragender Relevanz. In vielfacher Hinsicht. Nicht nur, weil die wahre Geschichte den Lebens- und Leidensweg einer jüdischen Familie aus Wien erzählt. Nicht nur, weil diese Geschichte auf Fakten, Tagebüchern und Zeugenaussagen beruht. Nicht nur, weil sie also authentisch ist. Sie zeigt in besonderer Weise auf, was dieser Jahrestag der Befreiung für die Betroffenen damals bedeutete. Freiheit. Befreiung. Nichts klingt schöner. Und doch fühlte sich die Befreiung nicht so an, wie wir es uns vorstellen. Vor dem Anrücken der Alliierten lösten die Nazis ihre Lager zum Teil auf, erhöhten die Anzahl der Massenmorde und schickten die Überlebenden auf Todesmärsche in den Frost. Die Tage vor der Befreiung waren in jeder Hinsicht für die Inhaftierten unkalkulierbar. Und am Tag der Befreiung selbst war die Internierung nicht beendet. Und selbst, wenn man das Lager dann verlassen durfte, war man heimat- und besitzlos. Niemand wollte die Überlebenden zurück.

Ich habe viele Zeitzeugenberichte genau auf diesen Tag der Befreiung untersucht und darüber geschrieben. „27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei. Aber was nun?“ Ein Artikel, der für die ergänzende Betrachtung der Authentizität des vorgestellten Buches relevant ist, weil alle Zeitzeugen hier dieselbe Sprache sprechen. Jedes Nazi-Opfer hat seine ganz eigene Geschichte. Viele scheinen wir zu kennen. Viele haben wir gelesen. Was jedoch das Buch „Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte“ gerade aus heutiger Sicht so außergewöhnlich lesenswert macht, ist die Tatsache, dass hier in einer unglaublichen Komplexität die Geschichte einer jüdischen Familie weitergegeben wird, die von Rettung, Überleben und Auslöschung erzählen kann. Eine Familie, die es nicht verhindern konnte, die volle Wucht der Nazi-Ideologie zu erleiden, die es aber im Vorfeld der Deportationen zumindest schaffte, zwei Kinder aus Österreich in Sicherheit zu bringen. Zwei Angehörige der Familie starben. Zwei überlebten den Holocaust. Eine sechsköpfige Familie, deren Familienfoto von Nazis für alle Zeit zerrissen wurde. Die losen Enden konnten nie wieder vereint werden.

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Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte

Dieses Familienfoto finden wir, wenn wir die Schutzbroschur aufklappen. 1938 in Wien entstanden, sehen wir dort die Familie Kleinmann. Vater Gustav, Mutter Tini, zwei Töchter, zwei Söhne. Ihnen folgen wir auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen des Familienoberhauptes und Interviews mit den Überlebenden der Familie. Der Autor Jeremy Dronfield hat sich tief in die Familiengeschichte hineinrecherchiert. Er hat die Gespräche persönlich geführt, Mosaiksteine zusammengefügt und Primärquellen durch die Hinzuziehung sekundärer Dokumente untermauert. So entstand eine anschauliche und lebendig erzählte Familiengeschichte, die stellvertretend für die vielen unerzählten Geschichten des Holocaust steht. Was Jeremy Dronfield hier so lebendig wie in einem Roman erzählt, ist nicht leicht zu lesen. Hier schlägt uns die ganze ungeschönte Wucht der Menschenverachtung des Nazi-Regimes entgegen. Man kann sich dem Buch nicht entziehen. So grausam die Details, so unfassbar das Grauen auch ist.

Allein die schleichenden Anfänge der Judenverfolgung in Österreich machen uns hellhörig für jede Form von Antisemitismus, die uns heute begegnet. Es braucht nicht besonders viel Fantasie, um den Bogen weiterzuspinnen, um zu erkennen, wohin eine Gesellschaft abdriftet, die den Sprachjargon der Nazizeit wieder salonfähig macht. Wer heute die alten Automatismen bedient und sich erneut auf die Suche nach Underdogs der Gesellschaft macht, kann später jedoch nicht mehr sagen „Wir haben davon nichts gewusst!“ Geschichte wiederholt sich nur zu augenfällig. Das Lesen dieses Buches ist wesentlich für das Verständnis der Schlinge, die sich immer enger um die Kleinmanns zog. Ihre Lebensgeschichte beweist erneut, dass der Judenhass in der Gesellschaft tief verankert war und nur auf dieser Grundlage ein Genozid in diesem großen Stil realisiert werden konnte.

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte - Astrolibrium

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte

Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte gewappnet sein für eine Grenzerfahrung im Bereich der Literatur über den Holocaust. Man wird Wegbegleiter zweier Kinder, die in Sicherheit gebracht und gleichzeitig der Familie dauerhaft entfremdet werden. Im weiteren Verlauf der Geschichte erleben wir die Verzweiflung der Mutter und einer ihrer Töchter, denen es nicht gelingt zu fliehen. Bürokratische Grenzen der freien Länder im Angesicht der Judenverfolgung verhindern ihre Ausreise. Mit tödlichen Folgen, was uns an die heutigen Diskussionen zu sicheren Herkunftsländern erinnert. Gustav Kleinmann und sein Sohn Fritz werden deportiert und erleben die Vernichtungsmaschinerie einiger Konzentrationslager am eigenen Leib. Nur ihr Zusammenhalt und der pure Zufall retten ihnen das Leben. Doch Freiheit und die Befreiung aus Auschwitz haben nichts mit dem 27. Januar 1945 zu tun. Eine Geschichte, die vielfache Botschaften in sich trägt.

Ist eine solch tragische Familiengeschichte über den Holocaust und seine Folgen sakrosankt und darf nicht kritisiert werden? Sicherlich nicht. Sie ist unantastbar und wahr. Und doch sollte ein Historiker und Autor, der ein menschenverachtendes System beschreibt, das seine Gegner schon an Äußerlichkeiten festmacht und Untermenschen physiognomisch als „hässliche Juden“ vermessen lässt, bei Beschreibungen der Täter nicht in ein ähnliches Schema verfallen. Dronfield macht Täter an Äußerlichkeiten, wie Schweinegesicht, flachen Köpfen und charakterlosen Augen fest. Wenn man sich aber Fotos anschaut, die sie zeigen, ist es viel auffälliger, wie harmlos sie eigentlich wirken. Eine Beobachtung, die Hannah ArendtDie Banalität des Bösen“ nannte. Hier muss der Schriftsteller – gerade in einem solchen Buch – darauf achten, sich nicht angreifbar zu machen. Hier wird vieles zur Gratwanderung. Ebenso empfand ich einen Satz mehr als grenzwertig, wenn:

…er die Geschichten aus Birkenau hörte, besonders der schrecklichen Gerüchte der Geheimnisträger, die im Sonderkommando im Krematorium gedient hatten, heizten sie seine Fantasie auf grausame Weise an.

Ich denke, hier ist sprachlich mehr Vorsicht geboten. „Krematorien heizen Fantasie an“… schwer zu verdauen im Kontext.

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte - Astrolibrium

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte

Ich bin kritisch bei diesen Büchern. Ich will verhindern, dass neue Rechte sie in den Bereich der Unsachlichkeit abschieben können. Ich will ihren Inhalt wirken sehen, weil die Zeitzeugen nicht mehr selbst erzählen können. Wir können diese Geschichten und damit auch die Menschen in Erinnerung halten. Wir können sie lesen, sie empfehlen, in den Mittelpunkt unseres Interesses stellen und sie auch verteidigen. Dieses Buch ist es wert, verteidigt zu werden. Meine Kritik richtet sich nicht gegen den Kern des Erzählten. Es geht mir nur um den sorgsamen Gebrauch von Worten, Attributen und Prädikaten.

Wien. Wer bei „Mein Name ist Judith“ von Martin Horváth noch davon ausgehen durfte, dass Fiktionales erzählt wurde, der sollte die Geschichte der Kleinmanns im direkten Zusammenhang sehen. Im Kern beginnen beide im Jahr 1938 in Wien. Beide Familien, die erfundene Familie Klein und die wahrhaftige Familie Kleinmann, leben in der Leopoldstadt. Hier schließen beide Bücher einen Kreis, den nur aufmerksame und sensibilisierte Leser erkennen. Was bei Judith allzu unwirklich erscheint, wird in diesem Buch umso realer. Wer Distanz benötigt, sollte Judith kennenlernen. Wer die Wahrheit verkraften kann, muss den Weg mit Gustav und Fritz gehen. Beiden Familien zu folgen ist mutig. Sehr sogar…

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Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte

Gegen das Vergessen bei Astrolibrium. Lebenslang verpflichtet. Dieser Artikel ist Eva Mozes Kor in liebevoller Erinnerung gewidmet. Shalom.

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte - Astrolibrium

Für Eva Mozes Kor

„Das Lachen und der Tod“ von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lesen „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust muss in diesen Tagen einiges verkraften und erfordert vom Leser einen wachen Geist, gute Nerven und eine große Stabilität der eigenen Psyche. Berichte von Zeitzeugen, Reportagen und Romane vermitteln auch in diesem Jahr immer neue Seiten des Grauens und gehen dabei auch literarisch neue Wege.

Jenseits aller Andeutungen und abseits des Vorstellbaren sind Autoren zusehends in der Lage, der unvorstellbaren Unmenschlichkeit der Nazi-Diktatur den Schleier vom Antlitz zu reißen und Klartext zu sprechen.

Die Täter des Holocaust hatten sich in den entlegenen Winkeln Europas unsichtbar gewähnt und in dieser Welt der Unsichtbarkeit waren sie in der Lage, alle Grenzen des Denkbaren zu überschreiten und dem Zitat Platos folgend eine Stufe der Grausamkeit zu erreichen, die bis heute alles in den Schatten stellt.

„Unsichtbare Menschen werden unmoralisch.“

Es ist an der Zeit, diese Taten und die Ideologie, die sie ermöglichte, für alle Welt sichtbar zu machen. Nicht nur das Gedenken an die Opfer allein ist entscheidend, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern, auch die Täter, ihre Motive und perfiden Vorgehensweisen müssen ans Licht gezerrt werden, um zu verdeutlichen, was Genozid, Shoa und Holocaust tatsächlich bedeuten. Viele Schriftsteller leisten heute einen unschätzbaren Beitrag in der Aufarbeitung dieser dunklen Epoche, doch nur wenigen gelingt es dabei, neue Maßstäbe zu setzen oder Grenzen zu überschreiten, die es hinter sich zu lassen gilt, um mehr zu erzählen, als das, was wir schon wissen.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Pieter Webeling geht in seinem Roman „Das Lachen und der Tod“ (Heyne Verlag) diesen Weg. Er macht seine Leser zu direkten Zeitzeugen des Holocaust und erspart ihnen dabei keine einzelne Sequenz des Grauens, keine Beschreibung des Unsäglichen und kein Bild des Unvorstellbaren. Er schreckt nicht davor zurück, Details zu erzählen, die selbst in den Berichten der Überlebenden der Todeslager ausgespart werden, weil sie einfach zu unbeschreiblich sind. Wer sich auf diesen Roman einlässt, sollte genau wissen, welchen Leseweg er mit dem Autor beschreitet.

Wer sich Webeling anschließt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass sich die Tore des Konzentrationslagers Auschwitz hinter ihm schließen und das Lesen des Romans allein keine Chance zur Flucht bietet. Wer ihm folgt, sollte sich darauf einstellen, dass er eine Welt betritt, aus der es keine Flucht gibt und in der das Grauen zum Alltag gehört. Leser müssen das wissen. Webeling verlangt extrem viel. Und genau damit geht er weit über das Erwartete hinaus. Dort, wo andere Autoren den Schrecken unserer Fantasie überlassen, schreibt Webeling weiter. Schonungslos und doch so wahr. Klartext.

„Eigentlich waren das gar keine Menschen mehr, sondern nur noch Schatten mit leeren Augen, entfleischte Körper mit hervorstehenden Knochen. Bei einigen funktionierte der Schließmuskel nicht mehr, sodass ihnen der Enddarm ein paar Zentimeter aus dem Anus hing.“

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Nur so gelingt es Webeling den harten Kontrast seines Romans zur vollen Wirkung zu bringen. Nur im Klartext vermag er seinen Lesern zu vermitteln, was es bedeutet, einen kleinen Hoffnungsschimmer inmitten des Grauens zu erkennen. Wer sich einlässt, wird am eigenen Leib spüren, wie befreiend ein Lachen sein kann, welche Macht Humor hat und wie lebenswichtig es ist, in lebensbedrohlichen Situationen nicht aufzugeben. Aber als Leser muss man sich immer vor Augen halten, dass einem genau dieses Lachen oft im Halse stecken bleibt. Dieser Leseweg ist ein schwieriger und nachhaltiger.

Charly Chaplin hat dies deutlich unter Beweis gestellt. Mit seinem Film „Der große Diktator“ hat der legendäre Komiker und Pantomime einen Paukenschlag der Hoffnung in die Welt gesetzt und das Unsichtbare sichtbar gemacht. Er vermochte es in einer grandiosen Parodie auf Adolf Hitler den Humor zu einer Waffe werden zu lassen, die in der Lage war, die Sichtweise von Menschen nachhaltig zu verändern. Und genau dieser Charly Chaplin gehört zu den Vorbildern eines Komikers aus Holland, der im Roman von Pieter Webeling die Hauptrolle spielt.

Der fiktive Ernst Hoffmann zählt zu den berühmtesten Komikern seines Landes, als er aufgrund seines jüdischen Glaubens in ein Konzentrationslager deportiert wird. An einem frostigen Tag im Frühjahr 1944 findet er sich in einem Viehwaggon wieder. Er, der prominente Künstler, wird zusammengeschlagen und mit zahllosen weiteren Juden unter unsäglichen hygienischen Bedingungen einer tödlichen Reise ausgesetzt. Das Ziel ist ihnen nicht bekannt. Was sie dort erwartet ebenso wenig. Die Bedingungen lassen allerdings keinen Spielraum für Hoffnung und Panik macht sich breit. Und doch gelingt es dem versierten Komiker, seine Leidensgenossen mit Witzen abzulenken und ein wenig zu beruhigen.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

„Wir sitzen hier in einem Viehwaggon. Ist das ein Grund zum Lachen? Nein, im Gegenteil. Aber es erinnert mich an ein Foto, auf dem Hitler neben einer Kuh steht. Wissen sie, was mir sofort aufgefallen ist? Der intelligente Blick der Kuh!“

Die Menschen vertrauen ihm und seiner magischen Ausstrahlung und auch er beginnt zu hoffen, weil er genau in dieser fatalen Situation auf die junge Helena trifft. Ein kurzer Moment des Erkennens, ein Augenblick reicht aus, zwei verzweifelte Opfer miteinander zu verbinden. Ein zartes Band, das bei der Selektion auf der Rampe des KZs zerrissen wird. Ebenso brutal, wie hier alles endgültig getrennt wird. In Leben und Tod. Den Nazis bleibt Ernst Hoffmann nicht verborgen. Zumal er in seiner Baracke immer wieder dafür sorgt, dass der Hoffnungslosigkeit durch Humor und ein einziges Lachen am Tag die Grenzen aufgezeigt werden. Der Lagerleiter persönlich beginnt sich für den Künstler zu interessieren.

Sie schmückten sich mit den Bekannten und Talentierten. Sie führten sie vor und ergötzten sich an ihren eingesperrten Talenten. Ob Musiker, Kabarettisten oder Sänger. Die Nazi-Schergen benutzten sie in allen Todeslagern als Funktionshäftlinge. Und so soll auch der berühmteste Komiker Hollands vor den Wärtern der Todesmaschine auftreten, um ihnen den „ach so schweren Alltag“ zu versüßen. Doch Ernst Hoffmann verweigert sich diesem Ansinnen. Kollaboration ist nicht seine Welt. Lieber geht er in den Tod. So tief will er nicht sinken. Das klare NEIN bringt ihn aus der Vorhölle ins Zentrum des Wahnsinns, denn dem Leiter des Lagers ist die einzige Schwäche des Komikers nicht verborgen geblieben. Ein Druckmittel, das schwerer wiegt, als der Tod: HELENA.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling

In diesem Moment verliert der Komiker seine Seele an den Mephisto von Auschwitz. Er fällt tief in den Abgrund seines eigenen Anspruches weil er nun um das Leben einer Frau kämpft, die er nur kurz gesehen hat. Und genau an dieser Stelle öffnet der Autor Pieter Webeling den letzten Vorhang des Grauens und führt uns an der Hand seines Protagonisten ins Herz aus Vernichtung, Zermürbung und Erniedrigung. Ein industriell organisierter Menschen-Schlachthof ohne jegliche Empathie der Täter verschlingt den Leser und den Komiker mit einem gezielten Happen. Die Unerträglichkeit des Lesens wird hier greifbar. 

Der Hund steht über dem Menschen, wie wir schon im Roman Sonnenschein von Daša Drndić erfahren konnten. Die beiden Bücher beginnen hier laut miteinander zu sprechen. Und doch geht Webeling viel weiter. Er führt uns in eine Gaskammer, lässt uns Tote und Lebende im Krematorium verbrennen, ihre Asche in Gruben verscharren. Er macht uns zu Zeugen brutaler Morde und Hinrichtungen, führt uns vor Augen, was Ungeziefer und Hunger aus einem Menschen machen können und verschont auch seinen Protagonisten nicht davor, immer tiefer in den Abgrund zu stürzen.

Jenseits allen Lachens verliert Ernst Hoffmann seine Unschuld. Und doch ist es die Kraft seiner intellektuellen Begabung, die ihn am „Point of no Return“ zu dem werden lässt, was ihn von den Nazi-Schergen unterscheidet. Zu einem Menschen. Die Hölle ist greifbarer denn je und ich hätte niemals gedacht, die folgenden Bilder der politischen Malerin Peggy Steike als Artikelbilder verwenden zu können. Sie sprengen die Grenzen des Fühl- und Vorstellbaren. Sie sind bildlicher Klartext und genau aus diesem Grund werden sie dieses Buch in unserem gemeinsamen Projekt Vergissmeinnicht weiter begleiten. Grenzen sprengen um zu erkennen, was wirklich geschah.

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling - Bilder von Peggy Steike

Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling – Bilder von Peggy Steike

Kritisches zum Schluss:

Webeling schrieb einen Roman. Jenseits der Realität des Holocausts, die er in einer unvergleichlich tiefen Art und Weise vermittelt, bleibt er im Kern seines Themas recht blass. Der Humor seines großen Komikers Ernst Hoffmann kommt an vielen Stellen des Romans nicht über platte Hitler-Witze hinaus. Das kabarettistische Zerfleischen des NS-Regimes gelingt selten. Hier hätte ich mir mehr Esprit gewünscht.

Die Beschreibung der Abläufe im Konzentrationslager ist authentisch. Allerdings geht Webeling im fiktiven Teil des Romans einige Kompromisse mit der Realität ein, die das Verhalten seiner Protagonisten nachvollziehbar machen sollen. Die Rolle Helenas im Hause des Lagerkommandaten ist für mich persönlich nicht vorstellbar. Das kann man vielschichtig diskutieren. Angesichts des Wahnsinns im Holocaust sind diese kleinen Schwächen jedoch zu akzeptieren. Pieter Webeling ist ein wichtiges Buch gelungen.

Betrachten Sie die Holocaust-Bilder von Peggy Steike. Wenn Sie in der Lage sind, diesen Anblick zu ertragen, dann sollten Sie Das Lachen und der Tod lesen. Genau diese Bilder werden Sie durchs Buch begleiten. Es setzt neue Maßstäbe!

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27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber...

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Es war kalt und das Schneegestöber hatte das Gelände in einen weißen Mantel gehüllt. Seit Tagen waren Veränderungen deutlich zu spüren, aber letztlich war es das Fehlen der Wachen, das vermuten ließ, dass es jetzt nicht mehr sehr lange dauern konnte. Am frühen Nachmittag dann näherten sich Soldaten in Wintertarnanzügen dem Lager. Erst als die Menschen im Lager erkannten, dass es sich nicht um die SS handelte, flammten erste Rufe auf. „Wir sind frei“

Wir schreiben den 27. Januar 1945 und können heute noch den wenigen Zeitzeugen dieses Tages zuhören, wenn sie von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz berichten. Und wenn wir sehr aufmerksam zuhören, dann erkennen wir das ungläubige Staunen, das sich damals langsam über diesem schrecklichen Ort ausgebreitet hat. Die verbliebenen Opfer der Nazis konnten es nicht glauben, dass der Schrecken ein Ende haben sollte.

Eva Mozes Kor hatte mit ihrer Zwillingsschwester Miriam die medizinischen Versuche des Lagerarztes Josef Mengele überlebt und nun mussten sie es einfach versuchen. Sie durchquerten das offene Tor des endlich von russischen Truppen befreiten Todeslagers, verharrten, betraten das Lager erneut und verließen es sofort wieder. Sie wollten so die Freiheit fühlen und etwas tun, das in den letzten Jahren absolut unmöglich war. Das KZ lebendig und frei zu verlassen. In ihrem Buch Ich habe den Todesengel überlebt legt sie Zeugnis ab und hinterlässt uns mehr als ihre Geschichte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Wir feiern heute erneut den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wir feiern diesen Tag als Meilenstein in der Überwindung des Holocaust. Wir gedenken der Opfer und verfolgen zahllose Dokumentationen und Reden im Fernsehen, die sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigen. Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz stellt für uns in vielfacher Hinsicht das Ende des Schreckens dar. Aber war es das?

Befreiung ist ein positives Wort. Es beschreibt einen Akt des Erlangens von Freiheit. Opfer werden in den Schoß der Gesellschaft zurückgeführt und ihnen widerfährt endlich Gerechtigkeit. Geiselbefreiungen mögen hier als Beispiel dienen. Sie werden nach ihrer Befreiung psychologisch betreut und medizinisch versorgt. Man kümmert sich um sie und ist sich der Ungerechtigkeit der Geiselnahme bewusst.

Ist es das, was die Überlebenden des Holocaust erfahren haben? Ist es das, was ihnen nach der Befreiung widerfahren ist? Gerechtigkeit. Betreuung? Rückführung in ihr altes Leben? Wiedergutmachung? Nein. Bestimmt nicht. Wenn man den Überlebenden aufmerksam zuhört, wird man schnell feststellen, dass am Tag der Befreiung viele Dinge gleichzeitig geschahen, die eine Verarbeitung des Erlittenen fast unmöglich machten.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Nachdem alle verfügbare Energie dem Überleben galt, setzte nun das Begreifen ein. Das Verstehen breitete sich aus. Die Überlebenden begannen zu realisieren, wen sie verloren hatten, dass sie völlig auf sich selbst gestellt einfach ausgesetzt wurden in einer Welt, die sie vor wenigen Tagen noch zum Abschlachten freigegeben hatte. Enteignet, deportiert, heimat- und elternlos, verletzt, tief traumatisiert und ohne Orientierung war die schlichte Befreiung das Maximale, das sie erwarten durften.

Und dabei sollten sie sich glücklich schätzen, denn die Tatsache, dass sie noch im Konzentrationslager waren, als die Befreier anrückten, hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, dass sie zu schwach oder zu klein für die Todesmärsche waren, auf die in den Tagen vor der Befreiung weit mehr als 60000 Menschen getrieben wurden. Nach dem Zusammenbruch der Tötungsmaschine musste ein Weg gefunden werden, Zeugen zu beseitigen.

Diese Todesmärsche durchzogen nicht nur das besetzte Polen, sondern auch das Reichsgebiet. 200 000 Menschen kamen auf diesen Märschen in Schnee und Eis ums Leben. Am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz waren nur noch 7000 Überlebende im Lager. Zu schwach für die Strapazen eines Marschs und nur deshalb nicht erschossen, weil die russische Armee zu schnell vorrückte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Als die Lagertore sich öffneten, zeichnete sich für die Befreiten ein diffuses Bild von Freiheit ab und je näher sie ihrer eigentlichen Heimat kamen, desto mehr realisierten sie, dass niemand, aber auch wirklich niemand, mit der Rückkehr der Opfer rechnete, geschweige denn, sich darauf freute, die Deportierten von einst wiederzusehen. In den Häusern lebten längst die Profiteure des Holocaust und in den Dörfern hatte man das Hab und Gut der abgeschobenen Juden schnell aufgeteilt.

In bewegenden Zeitzeugnissen haben Überlebende diese Zeit unmittelbar nach der Befreiung beschrieben und diese Zeilen zu lesen, macht nachdenklich. Die zum Tode Verurteilten wurden in eine lebensfeindliche Umwelt ausgesetzt. Energie zum Kämpfen war nicht mehr da, und die harte Realität, langsam festzustellen, dass kaum jemand aus der Familie den Holocaust überlebt hatte traf die Geretteten wie ein neuer Faustschlag ins Gesicht. George Brady verfiel in ein fast lebenslanges Schweigen, nachdem er verstehen musste, dass seine Schwester Hana und seine Eltern Auschwitz nicht überlebt hatten. Hanas Koffer ist hier viel mehr als eine Spurensuche. Es ist ein lebendiges Zeitzeugnis der Leere, in die ein Mensch verschwinden kann.

Manche kamen sogar vom Regen in die Traufe und mussten feststellen, dass die neuen russischen Ausweispapiere ihnen keine neue Identität verschafften oder sie zu gleichwertigen Bürgern machten. Nein – der Begriff Bürger war durchgestrichen und durch das Wort JUDE ersetzt. Niemand kann sich heute vorstellen, welche Gefühle durch diese erneute Ausgrenzung ausgelöst wurden. Schoschana Rabinovici schildert dies in ihrem Buch Dank meiner Mutter als die größte Unmenschlichkeit, die sie nach den Nazis erleben musste.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Und wenn die Überlebenden vom Schrecken im KZ berichten wollten, schlug ihnen heftiger Unglaube entgegen. Wenn sie vom Hunger sprachen, hörten sie nur, dass auch die Menschen auf dem Land gehungert haben. Die Dimension des Hungers in einem Nazi-Lager war nicht zu vermitteln. Leon Leyson schrieb dazu in seinem Lebensbericht Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete“: 

„Ich konnte nicht von meinem Leiden berichten, ohne gleichzeitig das Leid der anderen herabzuwürdigen“.

Und genau dieser Leon Leyson erlebte dann in seiner Heimatstadt Krakau das Aufflammen von neuem Hass. Die Zurückgekehrten stellten wohl eine Bedrohung dar. Man hatte sich in der Stadt breitgemacht. Jüdische Gemeinden existierten nicht mehr und so sammelte sich erneut der Mob auf den Straßen und warf die Scheiben ein. So lange, bis die Vertriebenen erneut vertrieben waren.

Wer selbst den Todesmarsch überlebt hatte und in seiner alten Heimat Freunde traf, die ihm einen Neubeginn ermöglichen wolltenm der litt fortan unter den körperlichen und psychischen Traumatisierungen, die im KZ entstanden waren. Wilhelm Brasse, Der Fotograf von Auschwitz konnte seinem Beruf nicht mehr nachgehen. Jedes Mal, wenn er durch den Sucher einer Kamera blickte, sah er all die Gesichter der Opfer vor sich, die er in Auschwitz fotografieren musste, ohne ihnen helfen zu können. Auch sein Schweigen dauerte lange.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Freiheit sieht ganz anders aus. Freiheit fühlt sich anders an. Überleben wird zu einem ausschließlich physischen Privileg. Mit dem Rest hatte man selbst zurecht zu kommen. Und so begannen viele Opfer zu schweigen. Sie flüchteten erneut und verbargen ihre Geschichten in ihrem Inneren. Alpträume und Horrornächte wurden ihre Wegbegleiter. Nicht einmal ihren neuen Familien erzählten sie von ihren Qualen.

Das neue Leben wollten sie nicht belasten mit einer Vergangenheit, die ihnen sowieso niemand glauben würde. Erst Jahre später, viele Jahre später, lösten sich die Fesseln und das Erzählen begann. Eva Mozes Kor sagt noch heute, dass man über das Erlebte und Erlittene reden muss, um es irgendwann zu verarbeiten. Wir haben Eva erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Sie hat überlebt. Sie hat vergeben. Aber sie wird nie vergessen.

Vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. An einem verschneiten eiskalten Tag im frühen Nachmittag. Befreit fühlen konnten sich die Wenigsten, im normalen Leben ist kaum jemand wieder richtig angekommen. Dieser Tag der Befreiung war nicht der letzte Tag des Holocaust. Es war der erste Tag „Gegen das Vergessen“ – ein langer Marsch ins Leben.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Meine Gedanken weilen bei den Menschen, die diesen Tag nicht erleben durften. Stellvertretend für die unzähligen Opfer erzählen wir auch ihre Geschichten, zeigen ihre Portraits und Augen, lassen sie nicht namenlos werden. Um sie weine ich heute ganz besonders. Für sie haben sich die Tore der Konzentrationslager nie wieder geöffnet. Sie starben im Gas, an Hunger und Gewalt. Sie starben in Auschwitz, Leningrad und an vielen anderen Orten. Für sie alle pflanzen wir unser Vergissmeinnicht. Auch für sie vereinen Peggy Steike und ich Bilder und Worte Gegen das Vergessen. Gerade in der heutigen Zeit!

Czeslawa Kwoka, Hana Brady, Charles Apteker, Lena Muchina, Anne Frank….