Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa – „Nebel im August“

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Gegen das Vergessen. Unter dieser Überschrift bemühe ich mich seit Jahren, Bücher vorzustellen, die sich dem Erinnern an die Opfer des Holocaust widmen. Dabei sind es insbesondere Berichte von Zeitzeugen und Opfern selbst, deren Tagebücher und auch fiktionale Texte, die mich beschäftigen und rastlos recherchieren lassen. In einer Zeit, in der die Stimmen der Überlebenden zusehends verstummen ist es wichtig, das Erinnern nur an der Wahrheit auszurichten. Authentizität ist das Maß der Dinge, dem ich absolut alles unterordne.

Den Holocaust als reine Kulisse herzunehmen, in der man lediglich eine spannende Geschichte erzählen kann, wird weder den Opfern noch ihrem Andenken gerecht, weil immer mehr Fakten verdreht werden. Beispiel gefällig? Lesen sie einfach meine Artikel zu Czesława Kwoka und vergleichen sie zwei Bücher miteinander. Eines von ihnen, aus der Feder von Reiner Engelmann, der Wahrheit verpflichtet. Das andere Werk zeichnet sich dadurch aus, dass seine Autoren die Abläufe im Konzentrationslager Auschwitz zu dramatisieren versuchten, um sie noch besser in Szene setzen zu können.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Den Holocaust dramatisieren? Ein Gedanke, der mir die Nackenhaare aufstellt. Hier gibt es nichts zu dramatisieren und wer der Meinung ist, die brutale Massenvernichtung menschlichen Lebens bedürfe zusätzlicher Spannungsbögen, der vergeht sich wissend um diese historischen Verfälschungen an den Opfern, Überlebenden und Nachfahren. HoloKitsch. Dieser Begriff charakterisiert treffend, was eine solche Überzeichnung für mich bedeutet. Eine solche Kulissenschieberei wird der Dimension des Schreckens im Dritten Reich nicht gerecht. Und sie ist überflüssig.

Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa unter dem Titel Nebel im August“ aus der Feder von Robert Domes ist über jeden Verdacht erhaben, ein schiefes Bild eines real existierenden Opfers des Nationalsozialismus zu zeichnen. Zu intensiv hat der Autor in mühevoller Kleinarbeit recherchiert. Zu bewusst hat er Spekulation und Interpretation in seinem Buch eine Absage erteilt. Zu aufrichtig nähert er sich einem Menschen, dessen einzige Lebenszeichen heute Fotos sind, die die Zeit überdauert haben. Domes hat hier nicht dramatisiert. Sein Buch lässt die Automatismen der Euthanasie wirken und bringt Leser dazu, sich Ernst Lossa so anzunähern, wie er es zu Lebzeiten nicht erlebt hat.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Wir müssen das Buch von Robert Domes als Roman bezeichnen, weil der Autor es mit der systematischen Auslöschung Ernst Lossas aus den Geschichtsbüchern einer Zeit zu tun hat, in der das sogenannte unwerte Leben spurlos verschwinden sollte. Hier existiert kein Tagebuch, aus dem man auf die Gefühlslage eines Jungen schließen darf. Es finden sich keine Aufzeichnungen, die über sein tatsächliches Verhalten Aufschluss geben und alle Dialoge und Interaktionen im Buch folgen dem recherchierten Bild, das sich Robert Domes von Ernst Lossa gemacht hat. Weiter geht er nicht. Der Autor kennt seine Grenzen und dichtet nichts hinzu, was nicht haltbar wäre.

Die Stationen des kleinen Jungen, der als Zigeuner in die Fänge der Nazis geriet, ziehen sich wie ein roter Faden durch den „Nebel im August“ und belegen, dass dem Euthanasieprogramm T 4 keineswegs nur behinderte oder schwerstkranke Kinder der Generation „Rassenwahn“ unterzogen wurden. Nein. Man beseitigte alles, was nicht zu 100 Prozent zur Ideologie passte. Psychisch auffällig, schwer erziehbar, aufsässig und ein Zigeuner zu sein, reichte da schon deutlich aus, um als asozialer Psychopath aus dem Kinderheim in eine sogenannte Heilanstalt verlegt zu werden.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

So zeichnet Robert Domes den Weg des eigentlich kerngesunden Jungen bis zu dessen letzter Lebensstation nach. Ernst Lossa wurde im August 1944 ermordet. Die tödliche Injektion setzte einem Leben ein Ende, das bis zu diesem Zeitpunkt isoliert von der Welt hinter den Mauern von Irrenhäusern und Pflegeanstalten verborgen blieb. Das Verdienst des Romans „Nebel im August“ ist es, nicht nur Ernst Lossas Schicksal vor dem Vergessen zu bewahren, sondern die Euthanasie als Ganzes in den Mittelpunkt zu rücken und das perfide Vorgehen als Vorstufe des Holocaust darzustellen. Die Täter in den Euthanasie-Anstalten wurden aufgrund ihrer Erfahrungen zu den Speerspitzen der Massenvernichtung in den Konzentrationslagern.

Nebel im August“ nun in seiner filmischen Adaption zu sehen, stellte eine neue Herausforderung für mich dar. Das Buch kennend war ich davon überzeugt, dass die literarische Steilvorlage völlig ausgereicht hätte, um einen einfühlsamen Film zu drehen und hier im Klartext dieses Romans Zeichen zu setzen. Regisseur Kai Wessel scheint jedoch der eigentliche Inhalt nicht gereicht zu haben, denn neben der Orientierung am Buch muss ihm wohl das ein oder andere Element gefehlt haben, das sich nun im Film wiederfindet. Wo Robert Domes der inneren Dramatik seines Schützlings vertraut, da wird Ernst Lossa im Film zum Widerstandskämpfer gegen das System stilisiert. Wo wir nur wissen, dass er zumeist in seiner Einsamkeit gefangen war, da wird aus der kleinen Nandl im Buch plötzlich eine Hauptrolle im Film. Eine romantische Rolle zudem. Bilder, die Ernst Lossa wohl nie erleben durfte. Hier greift der Kitsch nach meinem Verstand.

Nebel im August und Sonnenschein – T4 im Brennpunkt

Damit nicht genug. Nicht belegte Wahrheiten breiten sich im Film aus, als gelte es Historisches zu korrigieren. Da versuchen Ordensschwestern die Tötung der Kinder zu verhindern (dafür finden sich keine Belege), da plant Ernst Lossa seine Flucht mit seiner Nandl und er wagt es sogar, den Direktor der Anstalt  als Mörder zu bezeichnen. An diesen Stellen hätte ich mir die intelligente Zurückhaltung eines Robert Domes sehr gewünscht. Er hat nichts beschrieben, was er nicht belegen konnte. Er ging die Schritte nicht, die den Film durch die Kulissen holpern lassen. Eine historisch belegte Geste ist dagegen nicht Teil des Films. Leser des Buches werden wissen, wovon ich spreche.

Und doch ist der Film sehenswert, da die Darsteller bestechen. Alle Nuancen des Leids von Ernst Lossa sind im genialen Schauspiel von Ivo Pietzcker fühlbar. Alleine schon Sebastian Koch als Dr. Walter Veithausen (im Buch finden wir die historischen Namen der Täter – der Film fiktionalisiert) ist es wert, sich den Film anzuschauen. Hier zeigt sich die väterlich vertrauenswürdige Fratze des Todes. Man muss ihn fast mögen. Man muss ihn fast bewundern. Unglaublich stark gespielt. Und doch bleibe ich beim Buch. Es bedarf keiner Dramatisierung der Geschichte. Sie ist dramatisch genug.

Anton und Ernst – Bücher im Dialog

Eine zweite Stimme zum Buch lichtet den Nebel: Anja schreibt auf Zwiebelchens Plauderecke: „Beim Lesen bildet sich mehr als einmal ein Kloß im Hals. Hoffnung, Wut und Trauer bilden eine Kaskade an Gefühlen, die ich beim Lesen durchlaufen habe.“

Peggy Steike hat sich der Aufgabe verschrieben, den Opfern der Euthanasie auf ihre ganz eigene Art und Weise wieder ein Gesicht zu geben. Ihr Projekt nötigt mir allen Respekt dieser Welt ab, weil ich weiß, wie viel Kraft es sie kostet. Schaut bitte bei ihr vorbei. Hier geht´s zum Atelier des Erinnerns.

Peggy Steike und die Macht der Bilder

Das Morgen ist immer schon jetzt – Patrick Ness

Das Morgen ist immer schon jetzt - Patrick Ness

Das Morgen ist immer schon jetzt – Patrick Ness

Ach ist das herrlich. Manche Romane sind einfach so erfrischend anders, dass mein Leserherz vor Freude Luftsprünge veranstaltet. Man stelle sich nur vor, wie genial es wäre, wenn in „Hogwarts“, der größten Zauberschule der Fantasyliteratur, ein Schüler an der Seite des legendären Harry Potter lediglich daran interessiert wäre, sein Abitur zu machen, während um ihn herum die Zauberstäbe in wilden Kaskaden Tango tanzen. Man stelle sich einfach vor, einer der Schüler würde mit Mathebuch vor den Augen ein Quidditch-Spiel ignorieren.

Ach ist das herrlich, dass ein Schriftsteller den Wagemut aufbringt, seine Charaktere in einer Szenerie zu platzieren, die so grenzenlos absurd erscheint, durch ihr Verhalten aber jeglichen fiktionalen Charakter verliert, weil sie einfach nur leben wollen! Einfach sein. Sich den essenziellsten Fragen des Alltags widmen und hingeben, egal ob gerade die Welt untergeht oder Wesen von einem anderen Stern in blauem Licht leuchtend die Nachfolge der Seelenfresser antreten.

Das Morgen ist immer schon jetzt - Die Rezension fürs Ohr

Das Morgen ist immer schon jetzt – Die Rezension fürs Ohr – Mit einem Klick zum PodCast

Ach ist das herrlich. Patrick Ness ist wieder da!

Der fantastische Fantast, der fantasievolle Fantasy-Autor, der nicht nur seine Fans mit seinem Schreiben zu überzeugen weiß, hat nach seiner New-World-Trilogie und dem Roman Sieben Minuten nach Mitternacht erneut zugeschlagen. Und diesmal trifft er uns völlig unvorbereitet und überrascht von der ersten Seite an. Ness ist in sich gereift, hat mit seinen bisherigen Werken nachhaltig bewiesen, was er kann und wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Man sollte denken, dass man ihn kennt.

Das Morgen ist immer schon jetzt _ Patrick Ness

Das Morgen ist immer schon jetzt – Patrick Ness

Weit gefehlt. Unkalkulierbar kommt er nun daher. Mehr als ratlos schmeißt es mich schon nach wenigen Seiten aus der Bahn und ich lese erneut. Ahne dabei, wie er sich darüber amüsiert und mich freundlich anlächelt. Ich kenne seine schelmische Art. Zwei wundervolle Interviews durfte ich bisher mit ihm führen und… Ja.. Ich weiß, genau jetzt lächelt er und scheint mich anzustacheln, seinen neuen Roman aufmerksam zu lesen. Ihm geht es nicht darum, dass man seine Zeilen oberflächlich konsumiert. Nein. Man muss schon tief einsteigen. Ich gab mein Bestes Patrick…

Das Morgen ist immer schon jetzt – Der Titel allein klingt schon wie das Mantra für einen typischen Coming of Age – Roman. Junge Menschen an der großen Kreuzung zum künftigen Leben zu beobachten, zu erleben wie sie sich entscheiden, wie sich ihr Charakter entwickelt und was Freundschaft in dieser Situation wirklich bedeutet, kann wirklich großer Romanstoff sein. Leider werden uns gerade in diesem Segment oftmals Charaktere präsentiert, die so sehr an den Haaren herbeigezogen sind, dass man sich nur gruseln kann. Kunstfiguren pflastern den Weg solcher Romane.

Nicht bei Patrick Ness. Er führt eine kleine und verschworene Gruppe von Teenagern ins finale Rennen ihrer Jugendzeit. Die Schulzeit endet, der große Abschlussball steht vor der Tür und eigentlich sollte man sich auf das Wesentliche konzentrieren, würde nicht gerade die ganze Welt um die kleine Gruppe herum explodieren. Und genau hier gelingt es Patrick Ness den Brennpunkt auf seine Protagonisten zu richten, indem er alles um sie herum in einem bizarr anmutenden und deutlich überzeichneten Licht aus Fantasy-Elementen weichzeichnet.

Das Morgen ist immer schon jetzt _ Patrick Ness

Das Morgen ist immer schon jetzt – Patrick Ness

Götterwesen, Indie-Kids, blaues Licht und die an den Kapitelanfängen skizzierte Geschichte auserwählter Fantasiewesen stellen den Rahmen des Erzählraumes dar. Mit wenigen Worten entfaltet Patrick Ness ein Ablenkungsmanöver, das so verlockend ist, wie die unglaubliche Welt, die uns heute umgibt. Diese literarische Nebelkerze lüftet er mit dem Brennglas seiner Erzählkunst, indem er uns fünf junge Menschen ins Herz schreibt, die in ihrer Vitalität so unglaublich scharf gezeichnet sind, dass sie sich lange in unser Gedächtnis brennen werden.

„The Rest of Us Just Live Here“ – so der Originaltitel des Romans und genau um den Rest der noch hier lebt, geht es in diesem brillanten Entwicklungsroman. Dieser Rest ist das Auge des Orkans. Hier verläuft das Leben wie in Zeitlupe, während der Sturm ohne jede Kontrolle tobt. Diesen Rest solltet ihr kennenlernen. Es lohnt sich, denn genau mit diesen Menschen würdet ihr noch heute einen Baum pflanzen, wenn ihr wüsstet, dass morgen die Welt untergeht.

Da ist Mike. Siebzehn Jahre alt. Abschlussklasse. Auf der Suche nach sich selbst, in sexueller Hinsicht hin- und hergerissen. Schon immer verliebt in Henna, ohne jedoch den Mut aufzubringen, ihr seine Gefühle zu gestehen. Erzähler dieser Geschichte und gefangen in einer Welt der psychischen Zwangsstörung OCD. Mike ist anders. Mike ist gezwungen, Dinge ständig zu wiederholen, Türklinken immer wieder zu bewegen, nur um sicher zu sein, nichts falsch gemacht zu haben. Wiederholungen bestimmen sein Leben, doch eines darf sich nicht wiederholen. Das mit Mel.

Das Morgen ist immer schon jetzt - Patrick Ness

Das Morgen ist immer schon jetzt – Patrick Ness

Melissa, seine ältere Schwester. Gleiche Abschlussklasse. Achtzehn Jahre alt. Es ist nicht komisch, dass sie mit ihrem jüngeren Bruder in die gleiche Klasse geht, es ist eher komisch, dass sie überhaupt noch lebt, da sie nach einem Herzanfall schon tot war. Die Sucht, sich von dieser Welt zu hungern, bestimmte ihr Leben. Nicht mehr da zu sein, zu verschwinden. Nichts anderes wollte sie. Vielleicht auch, um den Eltern zu zeigen, dass sie noch da war. Mike und Melissa. Geschwister, die mehr füreinander sind. Anker und Halt zugleich. Da kann die Welt tun was sie mag. Die beiden trennt man nicht.

Und da sind Henna, Mikes angebetete heimliche Liebe, die nach einem dramatischen Verlust in ihrer Familie, den Weg zurück ins Leben finden muss; Nathan, der fast aus dem Nichts auftauchende Junge, der kurz vor dem Ende seiner Schulzeit gezwungen ist, die Schule zu wechseln und augenscheinlich das Begehren Hennas auf sich zieht (das sollte sich aus Mikes Sicht besser nicht wiederholen) und Jared, der beste Freund von Mike, der von einer geheimnisvollen Aura umgeben immer mehr zum Dreh- und Angelpunkt der kleinen Gruppe wird.

Und da ist der Abschlussball. Das letzte gemeinsame Date vor der Collegezeit. Die letzte Chance, das Kapitel Jugend zu beenden, offene Fragen zu klären und den Weg in die Zukunft zu gehen. Gemeinsam oder getrennt? Wer mit wem, wer bleibt zurück und was ist mit dem Orkan, dessen Strudel in immer enger werdenden Kreisen um die Gruppe zu drehen scheint? Kann man sich der ganzen Welt entziehen und die banalen Fragen des eigenen Lebens beantworten? Fragen nach einem Kuss, nach dem Gefühl des Vermissens, nach dem Wert von Freundschaft und letztlich auch die Frage „Wer bin ich eigentlich und was zeichnet mich aus?“

Das Morgen ist immer schon jetzt _ Patrick Ness

Das Morgen ist immer schon jetzt – Patrick Ness

Patrick Ness schreibt wie in einer Taucherglocke. Jedes Wort aus der Tiefe dient dem Druckausgleich. Jedes Kapitel dringt an die Oberfläche und will von uns inhaliert werden. Eine Deutungshoheit zum Roman gibt es nicht. Man muss seinen eigenen Weg finden. Das stellt dieses Buch auf die gleiche Ebene mit dem wahren Leben. Mag die Bücherwelt wie verrückt um dieses Buch kreisen, schlagt es auf und lasst euch fallen. Ihr werdet sehen: Das Morgen ist immer schon jetzt und dann werdet ihr all die großen und kleinen Augenblicke genießen, die unser kleines Leben auszeichnen.

Und wenn die Welt untergeht, wenn der ganze Planet sich in Wohlgefallen auflöst, wir wissen ganz genau, wo der Rest von uns noch immer lebt. Ein schönes Lesegefühl und eine grandiose Annäherung an die Welt in der Welt von jungen Menschen. Krankheit ist kein Grund für Einsamkeit. Anderssein ist keine Ursache für Isolation. Das WIR allein entscheidet über das Jetzt. Patrick Ness weiß wovon er schreibt, autobiografisch ist die Beschreibung des Innenlebens eines Menschen mit Zwangsstörungen. Seine Jugend war von zwanghaften Wiederholungen dominiert. Ein grandioses Buch mit einer tollen Botschaft::

„Nicht jeder muss der Erwählte sein. Nicht jeder muss die Welt retten. Den meisten bleibt nichts anderes übrig, als ihr Leben zu leben, so gut sie eben können, Dinge zu tun, die ihnen wichtig sind, tolle Freunde zu haben, ein besseres Leben anzustreben und die Menschen um sich herum aufrichtig zu lieben. In dem Wissen, dass die Welt keinen Sinn ergibt, trotzdem immer wieder aufs Neue versuchen, glücklich zu sein.“

Das Morgen ist immer schon jetzt _ Patrick Ness

Das Morgen ist immer schon jetzt – Patrick Ness

Das war es noch nicht zu Patrick Ness. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ wird noch in diesem Jahr als Buchverfilmung in unseren Kinos zu bestaunen sein. Hier schließen sich meine Ness-Kreise, die aus Lesen, Interviews und Staunen bestehen. Hier geht es bald weiter mit Patrick, weil der Rest von uns noch immer hier lebt.

„Die Nachlese“ auf AstroLibrium

Dieses zusätzliche Rezensionsformat bietet euch die Chance, das hier vorgestellte Buch zu lesen und euch hier zu äußern. Cordulas Nachlese:

Ich bin heute mit dem Buch fertig geworden und habe nochmal deine Rezension gelesen und ich muss dir bei dieser absolut zustimmen. Es ist kein einfaches Buch und man muss versuchen sich immer wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, wie es Jugendliche auch machen müssen, wenn ihre Welt aus den Fugen gerät und wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen.

AstroLibrium - Die Nachlese - Cordula liest

AstroLibrium – Die Nachlese – Cordula liest

„Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann

Reiner Engelmann - Wir haben das KZ überlebt - Eine Reportage

Reiner Engelmann – Wir haben das KZ überlebt – Eine Reportage

Reiner Engelmann ist kein Unbekannter. Er hat sich mit seinem Buch Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben des Wilhelm Brasseeinen Namen gemacht, obwohl er alles wollte, nur das nicht. Er wurde zum Chronisten eines Opfers des Holocaust. Er wurde zu seiner Stimme und zum Überbringer der zeitlosen Botschaft eines Menschen, der sein Leben riskierte, um die letzten Fotos der Opfer zu retten, die im KZ Auschwitz ermordet wurden. Reiner Engelmann zog sich dabei journalistisch weit zurück und gab den Lebenserinnerungen Wilhelm Brasses allen Raum.

Genau das unterscheidet dieses Buch von anderen Reportagen oder Chroniken. Es ist ein der Wahrheit verpflichtetes Buch, in dem nicht der Autor im Vordergrund steht, sondern der Mensch, über den er berichtet. Ohne Pathos, unverfälscht und auf einer klaren Methodik basierend. Persönliche Gespräche öffnen Reiner Engelmann die Türen zu Geschichten, die sonst nicht erzählt worden wären. Diese Interviews zeugen von der großen Empathie des Autors, die genau zu diesem oft verdrängten Teil des Erlebens aus Opfersicht Vertrauen aufbaut.

Wer sonst, als Reiner Engelmann sollte nun in der Lage sein, nach der Geschichte von Wilhelm Brasse in einem weiteren Buch unter der Überschrift Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichtenvon weiteren Überlebenden des Nazi-Terrors zu berichten? Wem sonst würden wir glauben, dass es sich bei diesen Geschichten nicht um Legenden, sondern um Wahrheit handelt? Mir fällt da nur Reiner Engelmann ein.

Reiner Engelmann - Wir haben das KZ überlebt - Eine Reportage

Reiner Engelmann – Wir haben das KZ überlebt – Eine Reportage

Diese Bücher sind angesichts der aktuellen Ereignisse wichtiger denn je. Und sie werden immer unverzichtbarer, weil es nicht mehr viele Zeitzeugen gibt, die man noch befragen kann, denen man zuhören darf, die aus erster – aus ihrer eigenen Hand berichten können. Reiner Engelmann hat zehn Überlebende des Holocaust befragt. Er hat sie erzählen lassen, ohne tief in die Gespräche einzugreifen oder sie zu lenken.

„Es ist ja ihre Geschichte!“

Engelmann eignet sich keine dieser Geschichten an, aber er macht sie zu unseren. Er erweitert das kollektive Erinnern an Einzelschicksale innerhalb der unvorstellbaren Masse der Vernichtung menschlichen Lebens und überlässt seinen Lesern dabei die Einordnung in das eigene Wertesystem und die eigene Vorstellung von Menschlichkeit. Eva Mozes Kor, die ich bereits kennenlernen durfte und über die ich vielfach schrieb, kommt ebenso zu Wort, wie Erna de Vries („Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“); Josef Königsberg („Erinnerung ohne Hass“); Heinz Hesdörffer („Ich rede, damit ihr wisst, wie es damals war!“); Max Mannheimer („Versöhnung als Stärke“) und weitere wortgewaltige Zeitzeugen des dunkelsten Kapitels der Menschheitsgeschichte.

Wenn diese Zeitzeugen des Holocaust bereit sind, der Jugend von heute die Hand zu reichen – ohne Schuldzuweisung, ohne Vorbehalte und ohne Hass – dann sollte die heutige Jugend die Geduld und Größe zeigen zuzuhören, um in letzter Konsequenz des eigenen Menschenbildes dafür Sorge zu tragen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Dieses Buch, Reiner Engelmann und die Zeitzeugen leisten einen wichtigen Beitrag zu diesem Prozess.

Mit einem Klick zur Reportage von der Buchpräsentation

Mit einem Klick zur Reportage zur Buchpräsentation

Die Buchpräsentation zu „Wir haben das KZ überlebt – Zeitzeugen berichten“ von Reiner Engelmann wurde vom cbj-Verlag im NS-Dokumentationszentrum in München veranstaltet. Herzlich willkommen zur Reportage, die an diesem besonderen Abend für Literatur Radio Bayern entstand. Hören Sie gut…

Das ausführliche Interview mit Reiner Engelmann wird ergänzt durch die Dia-Show mit vielen Impressionen rund um seine Bücher und den aktuellen Eindrücken von der Veranstaltung in München.

Engelmann bleibt relevant und wichtig, wenn es um das positive Erinnern geht.

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Eine weitere wichtige Stimme zum Buch: Anja und Zwiebelchens Plauderecke!

Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst – Waldtraut Lewin

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Es gibt sie wirklich, diese ambivalenten Gefühle einem Buch gegenüber. Dieses „Einerseits“ und „Andererseits“. Zwei Gefühlswelten, die intensiv miteinander ringen und oftmals nur schwer in Einklang zu bringen sind. „Einerseits“ inspiriert der Grundgedanke eines Romans und treibt den Leser durch eine mehr als utopische Story, „andererseits“ beschleicht einen das Gefühl, genau dieses mutige Gedankenspiel gar nicht mitspielen zu wollen. Es vielleicht auch gar nicht mitspielen zu können.

Wenn du jetzt bei mir wärst“, erschienen bei cbj, ist mehr als „Eine Annäherung an Anne Frank“, wie es der Untertitel des Romans von Waldtraut Lewin beschreibt. Es ist die literarische Reanimation einer Ikone des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Waldtraut Lewin wagt sich mit ihrem Gedankenspiel auf ungewöhnliches Terrain. Sie, die etablierte Autorin, die mit Der Wind trägt die Worte schon fast ein Standardwerk zur Geschichte des Judentums in zwei Bänden verfasst hat.

Sie, die es in ihren Romanen wie kaum eine Zweite versteht, fiktive Protagonisten in historisch sehr fundiert recherchierte Kontexte einzubetten. Sie wählt einen Weg, der ihr selbst sicherlich schon mit dem Schreiben der ersten Zeilen als absolutes Wagnis vorgekommen sein muss. Sie lässt sich auf eine persönliche Begegnung mit Anne Frank ein. Nicht in der fernen Vergangenheit, nicht in Form einer kaum zu erklärenden Zeitreise. Nein.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Sie besucht das Anne-Frank-Haus in Amsterdam und während sie noch tief in ihre Gedanken über die wohl bekannteste Tagebuchautorin der Welt vertieft ist, steht Anne Frank plötzlich vor ihr. Geisterhaft vielleicht. Aber für Waldtraut Lewin greifbar und real. Niemand hat sich wohl so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, niemand hat so früh wie sie begonnen, den Spuren von Anne Frank zu folgen und niemandem außer Waldtraut Lewin selbst kommt der Touristenstrom in dieser Gedenkstätte unwirklicher vor, als das plötzliche Auftauchen einer Legende.

Die 14-jährige Anne Frank scheint auf der Suche nach jemandem zu sein, dem sie endlich vertrauen kann und kurz nach ihrem 85. Geburtstag begegnet sie der Autorin, die sie besser zu kennen scheint, als sie sich selbst fühlen kann. In der beängstigenden Enge des Verstecks in Amsterdam fühlt sich Anne Frank auch über den Verrat und den Tod hinaus eingesperrt. Vielleicht ist es das unsichtbare Band, das Schriftstellerin und Opfer des Holocaust miteinander verbinden. Vielleicht ist es die pure Imagination. Egal.

Die Verbindung ist hergestellt und Waldtraut Lewin kann einfach nicht widerstehen, diese Chance zu nutzen und Anne Frank auf der Grundlage der Selbstverständlichkeit dieser eigentlich aberwitzigen Situation aus der Prinsengracht 263 zu befreien. Sie nur ein einziges Mal in die heutige Welt mitzunehmen, um ihr zu zeigen, wie die Welt sich verändert hat, wie berühmt Anne Frank ist und damit auch sich selbst zu beweisen, dass dieses 85-jährige junge Mädchen nicht umsonst gestorben ist.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Jene Anne Frank, die sich von 1942 bis 1944 mit ihren Eltern während der Besetzung der Niederlande durch Nazis in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hielt, dann von Unbekannten verraten wurde, mit ihrer gesamten Familie inhaftiert und deportiert wurde und schließlich im Jahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen wohl an den Folgen von Fleckfieber verstarb, das durch die katastrophale hygienische Situation im Lager verursacht wurde.

Und genau diese Anne Frank kann ihrerseits dem unwiderstehlichen Angebot der Schriftstellerin nicht widerstehen und folgt ihr ins Amsterdam unserer Tage. Endlich wieder atmen, endlich raus ins Leben und sich so fühlen, als sei man ein normales Mädchen. Und endlich die Fragen stellen, die einem seit Jahrzehnten auf der Seele brennen. Diese Gedanken toben im Herzen und im Verstand einer längst Verstorbenen. Und bei wem wäre sie in dieser Situation besser aufgehoben, als bei Waldtraut Lewin?

Das veränderte Amsterdam, die Fragen nach dem Ausgang des Krieges, der Rolle der Deutschen in unserer Zeit und über die Entwicklung des Judentums in Holland dominieren die ersten Augenblicke dieses gedanklichen Freifluges. Aber auch die ganz normalen Fragen des Lebens und die pure Sehnsucht nach Liebe machen aus Anne Frank plötzlich ein greifbares, neugieriges und suchendes Mädchen. Dass sie dabei erneut zu schreiben beginnt, verwundert nicht. Dass sie Notizbücher kauft, um das berühmteste Tagebuch der Weltliteratur fortzusetzen ist keine Überraschung.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Wie sehr hat man sich sein ganzes Lesen auf diesen Moment gefreut. Ich kann das für mich so behaupten. Wie sehr hat man sich selbst gewünscht, Anne heute zeigen zu können, wie berühmt sie ist und was sie bei jungen Menschen bewegt hat. Das ist das ganz große „Einerseits“ dieses Gedankenspiels. Denn „andererseits“ bleibt Anne Frank seltsam blass im Roman von Waldtraut Lewin. So, als gelinge ihr die Annäherung beim besten Willen nicht so, wie sich es sich selbst gewünscht hätte.

Anne wirkt passiv und agiert wenig. Sie lässt sich zu sehr führen und besucht Orte mit ihrer Begleiterin, die ich nicht zwingend auf der Liste der Orte gesehen hätte, an die eine Anne Frank heute reisen würde, wenn sie die Chance dazu hätte. Niemand weiß, wie lange die Phase des Existierens anhalten wird. Beide nehmen sie als Geschenk. Ob ich Anne in dieser Situation auf die Spuren ihrer Herkunft nach Frankfurt gebracht hätte, ob ich ihr so ganz nebenbei den komprimierten Inhalt der beiden Bände Der Wind trägt die Worte in leicht verständlichen Bildern vermittelt hätte… Ich weiß es nicht.

Da es sich aber um ein Gedankenspiel handelt, ließ ich meinen eigenen Gedanken zum Buch an vielen Stellen freien Lauf. Ich stellte mir vor, was ich mit Anne besprochen hätte. Ich grübelte darüber, was ich ihr über unser Land erzählen würde, und was ich sie fühlen lassen würde, jetzt in diesem vielleicht einzigartigen Moment der mentalen Wiedergeburt. Dieser Transfer ist sicherlich eine der großen Leistungen von Wenn du jetzt bei mir wärst. Diese Frage soll, darf und muss sich in den Herzen junger Leser wie ein kleiner Samen festsetzen und zum Nachdenken anregen.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Hier hat Waldtraut Lewin vielleicht sogar denn wahren Königsweg des Erzählens gefunden, obwohl mir vieles in diesem Buch wie eine Geschichtsstunde vorkam. Nicht nur für Anne Frank, sondern auch für den Leser, der sich eigentlich dem Mädchen annähern wollte. Nicht der Weltgeschichte. Diese Annäherung bleibt auf Distanz, obwohl wir Anne lieben, lachen und hoffen sehen. Obwohl wir sie vielleicht ein wenig besser greifen können. Aber letztlich blieb sie auch in diesem, Gedankenspiel seltsam verpuppt und in sich gefangen.

Wenn man ein solches Buch schreibt, muss man auf der Gratwanderung für junge Leser genau aufpassen, in welche Richtung man argumentiert, wenn es politisch wird. Die Reise nach Israel, das Wagnis, Anne zu zeigen, was aus diesem Land geworden ist, von dessen Existenz sie absolut nichts weiß, sollte differenziert und neutral erfolgen. Ich habe das nicht so gelesen. Der tiefe Konflikt zwischen Israel, Palästinensern und Arabern wird aus Sicht Israels auf folgenden einfachen Nenner gebracht:

„Stell dir mal vor, Mexiko würde auf einmal Raketen aufs Gebiet der USA schießen. Was würden die wohl machen?“

Wenige Worte zur Besiedlungspolitik der Israelis, kaum Worte zur Landnahme und Ausdehnung dieses Staates der Flüchtlinge auf das Gebiet anderer Völker. Und dieser gewählte Vergleich ist unsachlich. Eine endlose Gewaltspirale, die sich zwischen Israel und der Hamas in heftigen Kreisen dreht, wird durch beide Seiten in Schwung gehalten. Das ist nicht Mexiko, das einfach so zum Spaß mit Raketen schießt. Das ist ein Konflikt, der sich so simpel einseitig nicht darstellen lässt. Den man sicher nicht so darstellen darf, sonst instrumentalisiert man Anne Frank in dem mehr als lobenswerten Versuch, dem Gedenken an sie neues Leben einzuhauchen. Sie ist kein israelisches Mädchen.

Das ist mein ganz persönliche „Andererseits“ an diesem Roman. Und es wiegt schwer im Lesen „Gegen das Vergessen„.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Meine Gedanken schließen mit einem tief angelegten Denkmodell aus der Feder von Nathan Englander. Vielleicht sollte man sich darüber Gedanken machen, bevor man andere Wege geht. In seinem Buch Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank redenwerden wir mit einem komplexen Gedankenspiel konfrontiert, das uns nachhaltig verstören kann:

Wir lernen in einer der bewegenden Kurzgeschichten jüdische Menschen kennen, die das sogenannte „Anne-Frank-Spiel“ spielen, in dem es darum geht, sich mit der folgenden Frage zu beschäftigen:

„Wenn wir heute an der Schwelle eines erneuten Holocausts stünden, welcher unserer Freunde würde uns für die nächsten Jahre unter Einsatz seines eigenen Lebens bei sich zuhause verstecken und versorgen?“

Die Antworten werden zum persönlichen Debakel. Für uns auch? Denkt mal darüber nach und bleibt bei Anne Frank, wenn sie es dringend braucht. Wir haben Anne Frank in einem besonderen Special gedacht. An ihrem Geburtstag und auch für Peggy Steike und mich war sie lebendig. Mehr als das… Sie bleibt es…

Aus aktuellem Anlass – „Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Novel„. Ein offener Brief an Anne Frank..

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Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Kein anderer Name ist in den letzten Tagen so häufig medial vertreten, wenn es um das Gedenken an die Opfer des Holocaust geht. Kein anderer Name steht so sehr im Fokus, wenn es um die Begleitung des wohl letzten großen „Auschwitz-Prozesses“ gegen einen der letzten noch lebenden Täter geht. Keine andere Frau wird, angesichts ihrer Gesten und Aussagen zur eigenen Verarbeitung des Grauens, in aller Öffentlichkeit gerade so argwöhnisch betrachtet. Niemand zeigt in diesen Tagen mehr menschliche Größe als sie: EVA MOZES KOR

Und warum? Weil sie beharrlich erinnert und mahnt? Weil sie mit ihren 81 Jahren die Welt bereist, Gedenkveranstaltungen besucht, vor Schülern spricht oder anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als eloquenter Gesprächsgast von Jauch zu Lanz herumgereicht wird? Weil sie eine agile Zeitzeugin ist, die noch in der Lage ist, von allem Zeugnis abzulegen? Weil sie Nebenklägerin im Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning ist? Nein – keineswegs.

EVA MOZES KOR ist deshalb so präsent, weil sie eine Botschaft vermittelt, die in der heutigen Zeit so unglaublich klingt und so sehr von Größe zeugt, dass man mehrmals hinhören und –schauen muss, um zu begreifen, dass sie es ernst meint. „Vergebe und heile!“ so lauten ihre markigen Kernworte, die sie jedem Menschen mit auf den Weg gibt. Worte, die in jugendlichen Herzen verankert werden und die heutige Generation zum Nachdenken bringen. Worte jedoch, die bei den Überlebenden des Holocaust nicht unumstritten sind. Worte, die bei Betroffenen ungläubige Reaktionen hervorrufen.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor und Reiner Engelmann – Vergebung ist kein Freispruch

Ich bin Eva Mozes Kor erst vor kurzem begegnet. Anlässlich ihrer Lesung zum 70. Jahrestag der glücklichen Befreiung des Todeslagers Auschwitz am 27. Januar 1944 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit Reiner Engelmann und dessen Buchvorstellung zuDer Fotograf von Auschwitz bin ich gemeinsam mit Peggy Steike der Einladung des cbj-Verlages gefolgt und wurde Zeuge eines denkwürdigen Abends. Ein Abend, der Peggy dazu inspiriert hat, Eva in ihrer Lieblingsfarbe ein lebendiges und leuchtendes Bild zu widmen, wie man am „Schulterblick“ im Atelier Steike deutlich erkennt. Blau im tiefen Kontrast mit der Vergangenheit. Symbolkraft für die Schüler, denen wir von Eva erzählen.

Ich habe den Todesengel überlebt, die bewegende Überlebensgeschichte von Eva Mozes Kor, begleitet unser gemeinsames Schulprojekt schon seit Jahren. Unter der Überschrift „Die Kunst des Vergebens“ beeindruckt ihre Botschaft ganz besonders junge Menschen, für die es aus heutiger Sicht schon unvorstellbar erscheint was Eva in Auschwitz erleiden musste. Umso unvorstellbarer sind dann ihre Worte „Vergebe und heile!“ Wir erklären den Jugendlichen immer wieder den Hintergrund der Botschaft und merken an den Reaktionen, dass aus dem Unglauben pure Bewunderung wächst.

Denn Vergebung ist für Eva Mozes Kor kein Akt der Selbstverleugnung oder gar ein Verzeihen im eigentlichen Wortsinn. Ihre Vergebung ist die größte Rache, die sie am Nazi-Regime nehmen kann. Es ist ein aktives Loslassen vom Trauma, ein sich selbst Distanzieren vom Grauen dieser Tage und ein ganz individueller Prozess, der es den Peinigern von damals nicht mehr gestattet, auch heute noch Macht über Eva Mozes Kor zu besitzen. Diese ganz eigene Form von Vergebung erlaubte ihr, die Opferrolle abstreifen und ihren Kampf Gegen das Vergessen aktiv beginnen zu können

Eva Mozes Kor - Peggy Steike malt gegen das Vergessen

Eva Mozes Kor – Peggy Steike malt gegen das Vergessen

„Jedes Opfer hat das Recht auf Heilung. Und das Gute an diesem Heilmittel Vergebung ist, dass es absolut keine Nebenwirkungen hat. Und jeder kann es sich leisten.“

Ihr Auftreten an jenem Abend in München entspricht ihrer Persönlichkeit. Sie vermag es den ganzen Saal im Amerikahaus zum atemlosen Schweigen zu bringen, als sie von der Selektion an der Rampe erzählt. Von der Trennung von ihren Eltern, von dem letzten Blick den sie mit ihrer Zwillingschwester Miriam auf ihre Familie werfen kann. Sie bringt Menschen zum Staunen, als sie darüber berichtet, wie der unbändige Wille zum Überleben entstand und wie sehr sich die Schwestern geschworen haben, nicht als Kinderleiche in einer Kloake zu enden.

Sie bringt die Menschen zum Lachen, als sie voller Sarkasmus erklärt, dass es die Aufseher nicht leicht mit ihr hatten. Ihre Kindheit sei nicht sehr harmonisch gewesen, berichtet sie. Körperliche Züchtigung durch den mehr als strengen Vater sei an der Tagesordnung gewesen und im Angesicht der Kapos des Konzentrationslagers mit ihren Knüppeln habe sie sich nur gedacht:

„Ihr habt euch wirklich das falsche Opfer ausgesucht. Ich bin bestens auf euch vorbereitet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Zwillinge im KZ

Sie sorgt für Applaus als sie davon berichtet, wie sie nach ihrer Befreiung aus dem Todeslager versucht hat, gemeinsam mit ihrer Schwester Miriam herauszufinden, welche Krankheitserreger man Miriam verabreicht hat, und die Verantwortlichen ihr den Rat gaben, doch einen ehemaligen Nazi-Arzt des Konzentrationslagers zu kontaktieren.

„Ich konnte das kaum glauben. Ich sagte denen dann, dass im Telefonbuch leider niemand unter der Berufsbezeichnung <Ehemaliger KZ-Arzt Auschwitz> zu finden sei und ich auch nicht annehme, dass sich da jemand auf eine Annonce in der Zeitung melden würde. Spaßvögel.“

Und sie vermag es, ihre Zuhörer und Leser intensiv mit Dr. Josef Mengele zu konfrontieren und allen zwiespältigen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Einerseits habe sie es ihm zu verdanken, dass sie nicht sofort vergast wurde, weil er nach Zwillingen für seine abscheulichen Menschenversuche gesucht habe. Wie ein Wissenschaftler habe er gehandelt. Keine menschliche Regung habe er gezeigt. Er war nie unfreundlich oder freundlich. Er war die wohl schwierigste menschliche Erfahrung, die Eva jemals erleben musste. Er sprach niemals. Kein persönliches Wort richtete er an seine Opfer. Er war ordentlich, stolz auf seine Arbeit. Ein Wissenschaftler umgeben von Versuchstieren.

Er tötete gezielt und doch im Vorbeigehen. Trotzdem lebten Eva und Miriam nur wegen ihm. Das musste den Mädchen vorkommen, als hätten sie es mit Gott persönlich zu tun. Diese Hilflosigkeit und die völlige Abhängigkeit, in Verbindung mit der ständigen Todesangst seien die ständigen Wegbegleiter gewesen. Nichts wurde den Mädchen jemals erklärt und es blieb ihnen keine Energie, als sich um das eigenen Überleben zu kümmern.

„Das hat alle Kraft gekostet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Lesezeichen von Eva

Und heute kostet es sie alle Kraft, als Überlebende des Holocaust mit ihrer Botschaft der Vergebung zur Selbstbefreiung nicht an den Rand des Gedenkens gedrängt zu werden. Reine „Selbstinszenierung“ wirft man ihr vor. Als „falsch zu verstehende Geste des Freispruchs für alle Täter“ wird ihre Geste gedeutet, dem Angeklagten in Lüneburg die Hand zu reichen. Und selbst das internationale Auschwitz Komitee wird zitiert mit den Worten: „Den Tätern Verzeihung zu gewähren, dazu fühlen sich die Überlebenden angesichts deren jahrzehntelangen unbelehrbaren Schweigens nicht in der Lage!“

Eva Mozes Kor ist dazu in der Lage. Sie spricht die Täter nicht frei von Schuld. Sie hat sich befreit von Tätern, die sie jahrelang in ihrer Gewalt hatten. Nur dieser Weg hat es ihr ermöglicht, ihren eigenen Weg aus dem Dunkel des Daseins als Opfer zu finden. Wir hören ihr aufmerksam zu und ich ziehe meinen Hut vor dem Kampfesmut von Eva Mozes Kor.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Ihr Mut steht auch heute noch als Beispiel, warum es sich lohnt für das Überleben zu kämpfen. Nun geht sie ihren Weg der Selbstheilung und der Selbstbefreiung. Wer das kritisiert, hat sich nie in die Lage der Überlebenden versetzt. Wer das kritisiert, hat sich nie mit dem Weg von Eva Mozes Kor auseinandergesetzt. Aber eines ist sicher. Keine Kritik der Welt wird aus ihr wieder das machen, was man ihr jahrelang im wahrsten Sinne des Wortes eingeimpft hat: EIN OPFER.

Sie hat einige Exemplare von „Ich habe den Todesengel überlebt“ für Schüler in Bayern mit dieser Botschaft versehen und signiert. Sie werden Peggy Steike und mich durch unser gemeinsames Schulprojekt begleiten. Sie uns hat ihre Botschaft mit auf unseren Weg gegeben und wir werden sie sicher nicht sinnentfremdet weitergeben, sondern so, wie ich es hier schrieb. In ihrem Sinne, der auch unserer ist.

„Forgive & Heal“

Thank you, Eva, forbeing part of your Message

Thank you, Eva, for being part of your Message

Nachtrag: auch Reiner Engelmann wird uns nach seinem Buch Der Fotograf von Auschwitz weiter begleiten. Ihm wird ein eigenständiger Artikel zu diesem Abend gewidmet. Auch seinem schon bald bei cbj erscheinenden neuen BuchWir haben das KZ überlebt gilt es, die vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Er steckt tief im Thema. Differenziert und journalistisch höchst profund und seriös. Seine Emotionalität angesichts der sehr bewegenden Aussagen von Eva Mozes Kor in ihrer gemeinsamen Veranstaltung „Gegen das Vergessen“ werde ich nicht vergessen.