„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Seine Jungs sind anders. Das waren sie schon immer und sie werden es immer sein. John Boyne schreibt seit Anbeginn der Tage über junge Menschen, die sich von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden und aufgrund ihrer Wesensmerkmale ausgegrenzt oder isoliert werden. Nur weil sie anders sind. Bei John Boyne lernt man als Leser nicht nur damit umzugehen, es ertragen und aushalten zu können. Man lernt auch, wie lächerlich es ist, andere auszugrenzen, weil sie nicht so ticken, aussehen, fühlen, lieben, denken wie es die Normen vorzugeben scheinen. Seine Romane waren, sind und werden stets zeitlos bleiben.

Ich habe durch ihn Barnaby, Danny, Noah, Alfie und Bruno kennengelernt. Jungs, die tiefe Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Jungs, die sich in die Herzen der Leser geschlichen haben, Herzen brachen, Gänsehaut verursachten und Tränen ihren Weg ebneten. Unvergessen bleibt auch sein ältester Protagonist in Erinnerung. Tristan Sadler. Anders ist auch er. Ein Soldat im Ersten Weltkrieg. Mehr als nur befreundet mit seinem besten Kameraden. Viel mehr als das. Und doch schämt er sich seiner Gefühle. Am Ende der Scham steht ein Mantra, das Tristan Sadler allen Romanfiguren aus der Feder von John Boyne ins Stammbuch schreibt. Uns Lesern gleich mit dazu.

„Anders zu sein ist immer ein Problem, aber Du kannst es überleben – Du kannst damit zurechtkommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Krieg. Ein zentrales Thema bei John Boyne. Der Umgang mit traumatisierten Vätern, Verlust, Zerstörung und Massenmord beendeten die Kindheit einiger seiner Jungs und machten sie zu Opfern ihrer Zeit. Alfie erlebte das psychische Wrack seines Vaters am Ende des Ersten Weltkrieges und Bruno traf am dunkelsten Ort der Weltgeschichte auf einen Freund, der sein Schicksal besiegelte. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bleibt wohl das bedeutendste Werk John Boynes. Ein fiktionales Gedankenspiel, in dem das Schicksal einen der schlimmsten Täter des Holocaust auf grausame Weise bestraft. Es sind dabei immer die unschuldigsten und reinsten Herzen, die den Preis für die Untaten anderer zu bezahlen haben. Bruno folgt einem Jungen im gestreiften Pyjama. Ins Gas. In Auschwitz. Aus Neugier und Freundschaft. Sein Vater, der Massenmörder, verliert was er allen nahm. Ein Meisterwerk, dem John Boyne nun ein weiteres folgen lässt.

Der Junge auf dem Berg“, erschienen im Fischer Verlag, verdichtet erneut den Krieg und seine Folgen zu einem geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss keines der Werke von John Boyne kennen, um diesen Roman in sein Herz zu schließen. Sollte man sich jedoch an Alfie und Bruno erinnern, dann wird man an einigen Stellen in diesem Roman Stiche im Leserherz empfinden, weil hier Wunden aufgerissen werden, die niemals verheilt sind. Pierrot ist “Der Junge auf dem Berg“. Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Keine gute Konstellation nach dem Ersten Weltkrieg. Ganz besonders nicht, wenn man in Frankreich lebt und im eigenen Vater das seelische Wrack eines besiegten und traumatisierten Menschen vor Augen hat. Alfie und Pierrot eint das Leben mit den Folgen des Krieges.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne macht uns in Der Junge auf dem Berg erneut zu den Weggefährten eines kleinen Jungen mit reinem Herzen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1936 auf sich allein gestellt und plötzlich elternlos den Weg in ein unbestimmtes Leben antritt. Seinen besten Freund, den jüdischen Jungen Anshel und seine Heimatstadt Paris muss er nun hinter sich lassen, um in einem Waisenhaus seine Kindheit zu verbringen. Bis dahin ist Pierrots Leben so verlaufen, wie das vieler französischer Kinder. Behütet und ruhig. Als die Schwester seines Vaters den kleinen Jungen jedoch nach Deutschland holt, ändert sich alles. Die Zeit ist kritisch, das Land ist fremd und der Ort, an dem er nun leben soll ist der wohl ungewöhnlichste für eine unbeschwerte Kindheit.

Der Berghof. Hitlers Refugium bei Berchtesgaden. Die nationalsozialistische Idylle eines Ferienhauses am Rande der eskalierenden Weltpolitik. Von all dem ahnt Pierrot nichts, als er in die Gepflogenheiten des Ortes eingewiesen wird, an dem seine eigene Tante als Haushälterin arbeitet. John Boyne nähert sich authentisch und intensiv dieser abgelegenen Machtzentrale an, die nur von Zeit zu Zeit von Hitler bewohnt wurde. Und doch entstand in diesen Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dort ein Nazitraum vor der malerischen Kulisse der Alpen. Ein Traum, der im Lauf der nächsten Jahre Schauplatz wichtiger politischer Begegnungen und braunes Auge des Nazi-Orkans werden sollte.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Aus dem kleinen französischen Jungen muss natürlich ein deutscher Junge werden, wenn er schon das Privileg genießt, auf dem Berghof leben zu dürfen. Aus Pierrot wird Peter. Und aus seiner lässigen und städtischen Kleidung wird die Knabenuniform des Jungvolks. Mit den äußeren gehen auch andere Veränderungen einher. Nur eine Frage der guten Erziehung. Nur eine Frage der Vermittlung neuer Werte. Das ist im Alter von acht Jahren doch schnell zu vermitteln. Hier ist der Geist formbar und willig. Und in der Anwesenheit des legendären Führers doch nur selbstverständlich. „Heil Hitler“ wird die Formel für das Leben auf dem Berghof. Vergessen wir Pierrot, so wie er sich selbst zu vergessen beginnt. Es lebe Peter. Peter der Große, so wie er sich selbst bald zu fühlen scheint. Diagnose des Lesers: „Zustand nach brauner Hirnwäsche“…

John Boyne bleibt sich selbst treu und wagt doch erneut viel. Er beschreibt in dem Umerziehungsprozess die Schwäche des Menschen und die scheinbare Stärke, die am Ende der Assimilation zu erwachen scheint. Aus unsicheren kleinen Jungs werden die machtgeilen Despoten der Zukunft. Gewagt ist es, diesen Roman in zwei Teilen sehen zu müssen. Einen rein fiktionalen Teil über die französische Kindheit Pierrots bis zu der Ankunft auf dem Berghof und einen zweiten authentischeren Teil, in dem Peter nun als Zaungast den historisch verbrieften Ereignissen auf dem Berghof beiwohnt. Boyne hat durch diesen literarischen Kunstgriff Fiktion und Realität vermischt und doch ist es ihm gerade dadurch gelungen, dem Nationalsozialismus die Maske der Bergidylle von der braunen Fratze zu reißen. Indoktrination wird greifbar. Flucht unmöglich. Peter wird zu einem Produkt seiner Zeit. Einer von vielen… Einer von zu vielen…

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne beantwortet in seinem Jugendbuch „Der Junge auf dem Berg“ viele komplexe Fragen der Manipulierbarkeit des Menschen, seiner Korrumpierbarkeit in Hinblick auf den Zuwachs der eigenen Macht über andere und zeigt dabei sehr deutlich die Automatismen auf, die den Einzelnen in einer solchen Situation „umkippen“ lassen. Sprachlich und inhaltlich gelingt John Boyne erneut das literarische Kunststück, seinen Roman so zu verfassen, dass er gerade von jüngeren Lesern verstanden wird. Es fällt nicht schwer, sich in Pierrot hineinzuversetzen. Es tut weh, mit ihm zu Peter zu werden. In der Scham für seine Taten und Handlungen liegt die Kraft, sich selbst aufzulehnen.

Ich möchte nicht, dass Kinder jemals wieder zu einem Peter werden. Ich mag mir nicht vorstellen, dass diese Hirnwäsche an meinen Kindern vollzogen würde. Die letzte Konsequenz des „sich Ergebens“ liegt auf der Hand. Mitläufer und Mittäter entstehen nur so. Das zeigt auch „Der Junge auf dem Berg“. Pierrot/Peter begegnet auf seinem Weg Romanfiguren, die wir aus dem Konzentrationslager in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestens kennen. Sie stehen hier sinnbildlich für die Lebenswege, die aus den Menschen von heute die Täter der Zukunft werden lassen. Hier kreuzen Menschen den Weg eines kleinen Jungen, die viele Jahre später im KZ ihren Hass ausleben dürfen.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Ob „Der Junge auf dem Berg“ über den Berg kommt, sollten Sie selbst lesen. Der Roman trägt das Gütesiegel Boyne und wird ihm mehr als gerecht. Hintergründe und Hintergründiges zu seinem Schreiben finden Sie in meinem Interview mit diesem ganz Großen seiner Zunft. Hier

Auch Bianca und Literatwo sind beim Thema „Gegen das Vergessen“ noch längst nicht über den Berg… Hier geht´s zur Boyne-Rezension auf den Berghof.

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[Gegen das Vergessen] Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ ist der Titel des illustrierten Kinder- und Jugendbuchs aus der Feder von Birgitta Behr, mit dem der Versuch unternommen werden soll, 10 – 12-jährigen Lesern die Schrecken der Juden­ver­folgung im Nazi-Deutsch­land von 1933 bis 1945 näher­zubringen. Ich habe bereits zwei Bilder­bücher oder Graphic Novels zu diesem sensiblen Thema vorgestellt und bin der Meinung, dass ein solches erzählendes Bilderbuch ein geeignetes Medium ist, um die Tür zu einem Erzählraum zu öffnen, dessen Inhalt für junge Leser schwer zu greifen und darüber hinaus sogar eher verstörend sein kann.

Behutsam sollte man vorgehen, ohne zu beschönigen oder abzuschrecken. Eine literarische Gratwanderung angesichts der Zielgruppe, bei der man nicht voraus­setzen darf und kann, dass sie sich im Vorfeld bereits intensiv mit dem Thema beschäf­tigt hat. Und genau hier beginnt mein ambi­valentes Verhältnis zum vor­liegen­den Buch. Es ist auf den ersten Blick hochwertig und erscheint für einen Preis von gerade einmal 12,99 Euro im wahrsten Sinne des Wortes preis­wert. Der Verlag Ars Edition wird hier einem Ruf gerecht, der hinsichtlich der rein haptischen und optischen Qualität seiner Produkte schon immer Maß­stäbe gesetzt hat.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Ein Haus erzählt…

„Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“ hat mich darüber hinaus auch rein inhaltlich absolut überzeugt, weil es der Autorin Birgitta Behr gelungen ist, eine Erzählstimme zu finden, die in der Rolle eines neutralen Betrachters der Ereignisse unbestechlich und in sich plausibel erscheint. Es ist ein Haus, das uns diese Ge­schichte erzählt. Eine wahre, an biografische und zeitgeschichtliche Ereignisse angelehnte Geschichte verspricht das Haus uns zu erzählen. Eine Perspektive, die auch jüngsten Lesern zugänglich ist. Eine Per­spek­tive, die in ihrer Geschlossenheit besticht, weil wir uns sicherlich alle schon mal gefragt haben, wie es wäre, wenn alte Gebäude erzählen könnten.

Dieses Haus Nummer 4 am Nikolsburger Platz in Berlin hat viel zu erzählen. Es ist die Geschichte seiner Be­wohner, es ist die Geschichte von Susi und ihrer Familie, eine Geschichte, die eindringlich zu beschrei­ben vermag, wie sehr sich Deutschland in den Jahren nach der Machtübernahme durch die National­sozia­listen veränderte und welche Auto­matis­men bedient wurden, um den Hass eines ganzen Volkes auf eine Minderheit zu richten. Birgitta Behr bleibt erstaunlich sachlich und schildert auf leicht verständ­liche Art und Weise die Ent­wicklung einer Diktatur, wie eine gewählte Partei die Demokratie aushöhlte und alles auf einen Führer fokussierte, der aus seinen wahren Ab­sichten nie einen Hehl gemacht hatte.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Der rote Faden…

In diesen historischen Kontext bettet Birgitta Behr ihre Erzählung ein, beschreibt das Unfeld der 1936 ge­boren­en Susi Collm, deren jüdische Familie schon bis zum Tag ihrer Geburt an den Folgen der Gesetz­gebung für die jüdischen Bürger in Deutsch­land zu leiden hatte. Der Vater schon arbeits­los, die Mutter hoffnungs­los an­ge­sichts der um sich greifenden Un­gerech­tigkeit und der zunehmenden Bedrohung für ihr Leben. Susis Groß­mutter schenkt dem kleinen Mädchen einen ganz per­sönlichen Zauberer, der auf alles aufpassen soll. Ein großer Halt für das Mädchen, dessen kleine Welt schon bald in Scherben liegen sollte.

Eine kleine große Geschichte voller Wahrheit, die uns ein Berliner Haus aus seiner Sicht erzählt. Eine wahre Geschichte, die man in Teilen selbst recherchieren kann und die in ihrer Dramatik den zahllosen Geschichten von Entrechtung und Verfolgung aller Menschen ent­spricht, die nicht ins Rasse-Raster der Nazis passten. Der rote Faden der braunen Parolen zieht sich durch das ganze Buch und die Ausweg­losig­keit überstrahlt das Leben eines Mädchens, das kaum versteht, warum es plötzlich zu den Gejagten im Land gehört. Dieser rote Faden verbindet aber auch ihre Geschichte mit der Geschichte von Menschen, die nicht zuschauen wollten. Menschen, die eine Zeit der ver­steckten Judensterne erst möglich machten. Doch nicht jeder konnte auf Rettung hoffen, wie es heute noch die Stolpersteine zeigen, die vor dem damaligen Haus Nummer 4 liegen.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Die Gestaltung im Vergleich…

Inhaltlich gelungen, verkürzt und vereinfacht für die Ziel­gruppe angemessen und mit Begriffs­erklärung­en und Zeit­schienen versehen, die das Schicksal von Susis kleiner Familie in Verbin­dung mit der historisch ver­brief­ten Situation des Landes verbinden. Es ist vor diesem Hinter­grund für mich rein inhaltlich ein mehr als wichtiges Buch, dem ich wegen anderer Aspekte jedoch immer noch zweifelnd gegenüber­stehe. Die Gestal­tung der Seiten ist auffällig anders und augenscheinlich so interessant, als würde man durch lebendige Bilder laufen, Schlag­lichter und Wort­fetzen wahrnehmen und die Reden von Adolf Hitler am eigenen Leib gefährlich nah spüren.

Im Vergleich zu „Das versteckte Kind“, einer Graphic Novel zum Holocaust, verfehlt dieses Buch jedoch ein wesentliches Kriterium, um sich mit den Opfern iden­tifi­zieren zu können. Die Manga-ähnliche Dar­stellung der Menschen, besonders die Zeichnung von Susi hat mich erschreckt. Die Bilder machen Angst. Die dar­gestell­ten Menschen sind in einer befremd­lichen Art und Weise abgrundtief hässlich und gerade Kinder, mit denen ich mich unterhalten habe, wollten schon aufgrund dieser Darstellung nicht mehr weiter einsteigen. Diese aus meiner Bewertung einfach grauen­haften Bilder konter­karieren die unglaublich in­ten­sive Aussage­kraft des Buches.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Überzeichnet…

Sie stehen im krassen Gegensatz zu den Fotos von Susi, die im Buch veröffent­licht sind. Diese Zeichnungen lassen keine Sympathie für dieses Mädchen entstehen. Dies ist in „Das versteckte Kind“ für die Zielgruppe adä­qua­ter umgesetzt. Gerade Mangas sollen uns den Frei­raum lassen, um uns mit den Personen iden­tifi­zieren zu können, die beschrie­ben werden. Das gelingt in dem hier vorliegenden Fall nicht. Kinder emp­finden keine Nähe zu Susi und bewerten über­ein­stimmend auch schon das Cover des Buches als abschreckend. Sandra Wendeborn hat für mich hier deutlich Über­Zeichnet.

Ambivalent sagte ich eingangs. Ich bleibe dabei. Ich be­trachte dieses Buch als einen inhaltlich großen Wurf, der in den bildlichen Aspekten keine Ent­sprechung findet. Diese Ansicht habe ich gerade im Aus­tausch mit denjenigen Menschen gewonnen, die dieses Buch ge­winnen möchte, um sich einem besonders wichtigen Thema zu widmen. Es ist erhellend, dieses Buch mit Werken für die gleiche Ziel­gruppe zu vergleichen. Bilden Sie sich Ihre Meinung. Ich verstehe meine Sicht­weise nicht als Dogma, sondern als Anstoß. Was bleibt ist die tiefe Bot­schaft des Buches, die un­verwüst­lich ist und jede Zeich­nung überdauert. Lasst es nicht nochmal zu – Schaut hin und helft.

Hier geht es zu „Das versteckte Kind“ und „Erikas Geschichte„… Ein Vergleich.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr – Ein Vergleich

„Austerlitz“ von W.G Sebald – (Buch und Hörbuch)

Austerlitz von W.G. Sebald

Ehrenwort: Ich verfasse diese Rezension nicht im Stil des Schriftstellers, den ich hier mit seinem Roman „Austerlitz“ vorstelle. Wobei ich zugeben muss, dass es gar nicht so leicht ist, sich von der Sprache und Fabulier­kunst des im Jahr 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Autors und Dozenten W.G. Sebald zu lösen. Allzu dominant und ausufernd er­scheint sein Erzählen. Es wirkt, als habe er ohne Punkt und Komma gedacht, ohne Absätze geschrieben und dem Ge­danken­fluss an keiner Stelle Einhalt gebieten wollen.

Ich begegne W.G. Sebald erstmals in meinem Lesen. Und das hörend. Ich tat mich anfänglich sehr schwer, den Gedanken und ausufernden Beschreibungen zu folgen. Es ist dem Sprecher Michael Krüger zu ver­danken, dass ich mich 11 Stunden, verteilt auf 9 CDs, durch einen Roman treiben ließ, ohne jemals den Faden zu verlieren. Dabei war es die größte Heraus­forder­ungen, Sollbruch­stellen zu finden, an denen man den Faden für einen Moment aus der Hand legen konnte, um eine Pause zu machen. Schwierig in einem Roman, der keine Kapitel oder Absätze kennt…

Austerlitz von W.G. Sebald – Frederick, der Namensvetter Fred Astaire

Die Geschichte…

Dabei ist die Geschichte eigentlich leicht erzählt – zumindest rein inhaltlich. Dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans fällt 1967 im Bahnhof von Antwerpen ein Mann auf, der in völliger Konzentration versunken die Architektur des Gebäudes bewundert. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und verabreden sich für den folgenden Tag. Aus dieser ersten zufälligen Be­geg­nung entwickelt sich Dialog, der in un­regel­mäßigen Abständen und weiteren zufälligen Treffen über mehr als dreißig Jahre fortgesetzt wird. Austerlitz, Kunst­historiker, so stellt sich der Fremde vor und beginnt sogleich über das Wunder der Konstruktion der Bahnhofs­halle zu dozieren.

Atemlos und gebannt folgt man seinen Ausführungen. Von Gespräch zu Gespräch, von Ort zu Ort reift langsam das Verstehen. London, Paris und Prag sind Stationen der beiden Männer. Festungsanlagen, Friedhöfe und Archive werden zum Gegenstand der detailreichen Schilderungen von Austerlitz. Doch während unser Erzähler eher zufällig vor Ort ist, folgt Austerlitz dem unsichtbaren Plan, der das große Rätsel seines Lebens lösen soll. Als Kleinkind von seinen jüdischen Eltern aus Prag nach England verschickt, unter neuem Namen in Wales aufgewachsen; erst viel zu spät erfahren, wie er wirklich heißt; erst viel zu spät begriffen, warum seine Leidenschaften und Talente nicht zu den Eltern passte, die ihn aufgezogen hatten; zu spät begriffen, warum er Sprachen spricht, die er niemals lernte. Zu spät erkannt, dass ihn seine wahren Eltern zwar vor den Nazis gerettet hatten, aber seine Identität vollständig verloren ging. Austerlitz. Das bin ich. So die große Erkenntnis auf der langen Reise zum Ich.  

Austerlitz von W.G. Sebald – Kindertransporte im Dritten Reich

Die Kindertransporte…

Diese Kindertransporte nach England sind mir nicht neu. Die dramatischen Folgen für die vermeintlich Geretteten beschrieb auch Marion Charles in ihrem Lebensbericht „Ich war ein Glückskind. Der Moment des Erkennens der Hintergründe dieser Suche nach der wahren Familie, nach den Orten der Kindheit, dem Moment der Trennung und nach Menschen, die viel­leicht noch lebten und ihn kannten, lassen die Erzählungen von Austerlitz in neuem Licht erscheinen. Er sucht nach Verwandten, nach Stationen seiner Kind­heit und stößt sogar auf einen berühmten Namens­vetter. Frederick (Fred Astaire) Austerlitz. Un­be­irrt eilt der immer älter werdende Mann der Ver­gangen­heit hinterher.

Aus den Begegnungen mit dem Erzähler erfahren wir die Fortschritte der Reisen. Wir werden Zeugen einer Geschichte, die unerträglich scheint und doch so wahr ist. Es ist die Geschichte der Judenvernichtung, die Geschichte des Holocaust, dem Austerlitz entging. Aber um welchen Preis. W.G. Sebald wird zum Chronisten von Deportation und Entrechtung, er skizziert das Geflecht eines Genozids und die Automatismen einer gezielten Auslöschung. Ohne Absätze schreibt er, weil Atemlosigkeit und Entsetzen die Wegbegleiter des Hörens und Lesens werden. Die Zeit rast durch diesen Roman. Nach vorne mit den beiden Männern. Zurück durch die Recherche. Sie bleibt niemals stehen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Der große Unterschied…

Die Stationen der Reise sind die Stationen eines Le­bens. Ich war verleitet, selbst zu recherchieren, wo sich die beiden Männer trafen und stieß dabei auf eine Besonderheit des Romans, die das Buch von seiner Hörbuchadaption erheblich unterscheidet. H.G. Sebald verzichtet in seinem Erzählstil bewusst auf Brüche im Tempo. Er bleibt im Fluss und verlagert dabei die Authen­tizität des Erzählten auf verschiedene Ebenen. Austerlitz lebt hier vom Hörensagen und genau so gibt er seine Erkenntnisse an den Ich-Erzähler weiter. Auch dieser filtert nicht, sondern weist in seiner Zu­sammen­fassung darauf hin, aus welcher Quelle die jeweilige Be­schreibung stammt.

„Sagte Agáta, sagte Vera, sagte Austerlitz…“

Durch diese Quellenverschiebung von der ersten bis hin zur dritten Ebene erfolgt auch gleichzeitig die Rela­tivierung des Wahrheitsgehaltes, weil Erinnerung sub­jek­tiv ist. Im Buch jedoch bedient sich Sebald eines Instruments, das genau dieses Problem der Authen­tizi­tät von Augenzeugenberichten in mehrfacher Hinsicht konterkariert. Dort, wo Kapitel und Absätze fehlen, fügt er 80 Fotografien ein, die in ihrer Beweis­kraft für das Gesagte bestechen. Das Highlight ist hierbei das Kinder­bild, das Austerlitz so zeigt, wie er auf dem Titelbild von Hörbuch und Roman zu sehen ist.

Diese elementare Ebene fehlt dem Hörbuch und sie ist auch nicht zu ersetzen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Das Buch

Was blieb mir also übrig, als mir noch während des Hörens das Buch zu bestellen, es parallel zu inhalieren, den unglaublichen Sätzen über bis zu neun Seiten zu folgen und die Bilder zu betrachten, die das Erzählte nicht nur flankieren, sondern ihm den letzten Schuss Wahrheitsgehalt verleihen. Am Ende der gehörten und gelesenen Geschichte bin ich nun in der Lage, allein durch die Betrachtung der Fotografien im Roman alles zu rekapitulieren, als wären sie lebendige Lesezeichen aus der Vergangenheit.

Hier wäre es hilfreich gewesen, die Bilder im bei­liegen­den Booklet des Hörbuchs zu veröffentlichen. Man benötigt keine Seitenzahlen, um sie einzusortieren. Ein Blick genügt und man weiß ganz genau, wann Auster­litz dieses Bild vor Augen hatte und wie er sich dabei fühlte. Der Vortragskunst von Michael Krüger ist es geschuldet, dass ich dem Hörbuch bis zum Ende treu geblieben bin. Ohne die Buchvorlage mit ihren Bildern würde mir jedoch eine der wesentlichen Ebenen dieses großartigen Romans fehlen. Ich kann „Austerlitz“ in dieser Kombination nur empfehlen. Lesen und hören. Wer sich für einen einzigen Weg entscheiden mag oder muss, dem bleibt nur das Buch, da seine Bilder nicht lügen.

Austerlitz von W.G. Sebald – Der Friedhof von London

Die „Wannseekonferenz“ von Peter Longerich – Ein Protokoll

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Manchmal werden Orte zum Synonym für bestimmte Ereignisse. Manchmal kommt es vor, dass die Geschichte einen Ort mit einem historischen Kontext verbindet und die Stigmata der Vergangenheit nie mehr gelöst werden können. Allein die Erwähnung des Ortsnamens ruft Assoziationen hervor, die mit der heutigen Realität nichts zu tun haben und für die Bewohner eher belastend sind. Woran denken wir eigentlich, wenn folgende Namen ganz zufällig erwähnt werden? Dachau. Hiroshima. Utøya. Eschede?

Woran denken wir, wenn wir heute an den Ortsteil von Berlin denken, der zu den begehrtesten Ausflugszielen der Hauptstädter gehört, weil ein Binnengewässer und ein Strandbad zum Abkühlen einladen? Woran denken wir, wenn wir das Wort „Wannsee“ hören? An die Sängerin Conny Froboes und den Refrain ihres legendären Schlagers?

Pack die Badehose ein,
nimm dein kleines Schwesterlein
Und dann nischt wie raus nach Wannsee

Das wäre schön. Aber schwingt nicht auch heute noch ein anderes Ereignis mit, wenn wir diese Zeilen trällern? War da nicht was? Haben sich nicht vor fast genau 75 Jahren einige hochrangige Uniformierte zu einer Villa am Westufer des Großen Wannsees auf den Weg gemacht, um dort ein – wir würden es heute so nennen – Meeting abzuhalten und die aus ihrer Sicht wichtigste Frage für die Zukunft ihrer Heimat zu diskutieren? Es darf aus heutiger Sicht angenommen werden, dass die Herrschaften keine Badehosen im Gepäck hatten. Ebenso sicher ist, dass dieses Treffen dafür verantwortlich war, dass aus einem Erholungsort das Synonym für den Holocaust wurde. Hier fand sie statt:

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

DIE WANNSEEKONFERENZ

Ich versuche mir das einfach mal bildlich vorzustellen. Da machen sich im Januar 1942 fünfzehn Männer auf den Weg in die damals sogenannte Reichshauptstadt Berlin. Sie packen ihre Koffer, planen ihre An- und Abreisen, werden von ihren Ehefrauen und Kindern fröhlich verabschiedet und sehr fürsorglich darauf hingewiesen, dass sie sich immer schön warm anziehen sollen (es ist ja ein kalter Winter in diesem Jahr) und dann machen sie sich mit den fröhlichen Worten „Papa ist bald wieder da und bringt euch was Schönes mit!“ auf den Weg…

Und dann treffen sie sich endlich mal wieder. Luxuriös ist das Ambiente. Neben den fünfzehn Teilnehmern an der Konferenz eilen fleißige Vertreter wichtiger Behörden und eifrige Sachbearbeiter hinzu. Die Konferenz ist perfekt vorbereitet und man will ja auch vorwärts kommen und die Zeit drängt. Mehr als einen Tag wird man nicht brauchen. Es sind ja alle Spezialisten anwesend, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Man ist im dritten Kriegsjahr und nachdem eigentlich alles wie geschmiert läuft, bleibt nur noch eine Frage übrig, die schnellstens geklärt werden muss.

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Wie kann man den bereits beschlossenen und zum Teil bereits in Gang gesetzten Völkermord an den Juden Europas bürokratisch strukturieren und organisieren?

Ja. So kann hätte man das Thema der Wannseekonferenz umreißen können, hätte man sich aus Gründen der Geheimhaltung nicht unverfänglicherer Formulierungen, wie zum Beispiel:

„Unter Beteiligung der infrage kommenden anderen Zentralinstanzen
alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher
und materieller Hinsicht für die Gesamtlösung
der Judenfrage in Europa zu treffen.“

bedient, um den finalen Eindruck zu vermeiden, hier würde der Holocaust beschlossen. Über die Tagesordnungspunkte der Konferenz herrschte lange Zeit Unklarheit. Geheim sollte bleiben, was hier im kleinen Kreis entworfen und anschließend nahezu perfekt im ganzen „Reichsgebiet“ umgesetzt wurde. Warum die Inhalte der Wannseekonferenz in vollem Umfang zugänglich sind ist leicht zu beantworten. Die akribische Recherche von unermüdlichen Historikern hat Dokumente ans Tageslicht gebracht, die eine eindeutige Bewertung der Konferenz aus heutiger Sicht ermöglicht.

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Peter Longerich, Professor für moderne deutsche Geschichte und Gründungsdirektor des Holocaust Research Centre der Universität London, hat sich als absoluter Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus einen Namen gemacht. Seine Bücher über die Politik der Vernichtung und ihre Resonanz in der deutschen Bevölkerung sind heute Standardwerke. Sein Buch Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung muss hier als einer der wichtigsten Mosaiksteine in der historisch verlässlichen Aufarbeitung aller Verbrechen der Nazi-Diktatur angesehen werden.

Peter Longerich nähert sich dieser Wannseekonferenz präzise an und seziert den bis zu diesem Zeitpunkt zurückgelegten Weg der Nationalsozialisten mit dem Skalpell des Historikers, der hier allerdings nicht für Studenten oder Wissenschaftler schreibt. Es ist leicht, ihm in seiner Argumentation zu folgen, seine Herleitungen nachzuvollziehen und seinen Schlussfolgerungen zu vertrauen. Dabei ist sein Buch nicht ausufernd und bleibt an den Fakten orientiert, die in dieser gestrafften Form allerdings erneut geeignet sind, dem Leser das Grauen der geplanten, industriell betriebenen Massenvernichtung menschlichen Lebens näherzubringen.

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge - siehe Erikas Geschicte

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge – siehe Erikas Geschichte

Um die Wannseekonferenz in den historischen Kontext einreihen und bewerten zu können, arbeitet sich Peter Longerich durch das einzige Exemplar des Protokolls der Wannseekonferenz, das nach dem Krieg aufgefunden werden konnte. Seite für Seite ist es im vorliegenden Buch abgebildet und in sich unmissverständlich. Hier wird auf Linie getrimmt. Hier werden bürokratisch alle Zuständigkeiten für die Deportationen geregelt, die Zielgruppen innerhalb der jüdischen Bevölkerung nach Alter und Geschlecht ganz klar festgelegt. Es geht in der Konferenz zu, als würde man über die rein administrative Bewältigung eines Vorhabens diskutieren, das nichts mit Menschenleben zu tun hat.

Hier zeigt die deutsche Bürokratie ihre wahre Stärke, wenn sie von einem perfiden System instrumentalisiert wird. Es ist erschreckend, diesem Protokolltext zu folgen. Es ist erschreckend, in den handelnden Personen die Schlächter der kommenden Jahre zu sehen und es ist erschreckend zu erkennen, wie viele von ihnen auch nach der Tagung behaupten konnten, nichts von den Zusammenhängen geahnt zu haben.

Das Lesen von Peter Longerichs neuem Standardwerk „Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung“ ist viel mehr als das Eintauchen in die Sekundärliteratur des Dritten Reichs. Es ist der gezielte Vorstoß in eine der Primärquellen, der deutlich zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn ihnen die Ideologie den Weg ebnet, das eigene rassistische Menschenbild auf unmenschlichste Art und Weise zum Holocaust werden zu lassen.

Gegen das Vergessen - Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen...

Gegen das Vergessen – Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen…

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„Die Nachtigall“ – Mit Kristin Hannah im besetzten Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah - AstroLibrium

Die Nachtigall von Kristin Hannah – AstroLibrium

Wie kann ich am Anfang beginnen, wenn alles, woran ich denken kann, das Ende ist?

Historische Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund stehen derzeit hoch im Kurs. Wenn man sich als Autor jedoch einer Epoche verschreibt, die in der tragischen Dimension eine besondere Relevanz für die heutige Zeit hat, dann sind gute Recherche und Authentizität die wesentlichen Parameter, die jenseits aller Fiktionalität zu beachten sind. Die Geschichte zur bloßen Kulisse für den eigenen Romanstoff zu degradieren ist nur vertretbar, wenn eben diese Geschichte in sich selbst harmlos und unbedeutend ist.

Einen Roman im Zweiten Weltkrieg anzusiedeln und das von Nationalsozialisten besetzte Frankreich in den Mittelpunkt zu stellen ist literarisch gewagt, weil dieses historisch facettenreiche Thema differenziert zu betrachten ist. Ein kleiner Fehler in der Plausibilität der beschriebenen Rahmenbedingungen schadet nicht nur der Geschichte, sondern ist auch in der Lage, dem sensiblen Gedenken an die Opfer nicht mehr gerecht zu werden. Letztlich führt es dazu, dass auch die fiktionalen Protagonisten im luftleeren Raum hängen und ein Roman ohne tragfähige Botschaft entsteht.

Kristin Hannah hat ihren Roman Die Nachtigall ganz bewusst in diesem Kontext angesiedelt und damit Rahmenbedingungen ausgewählt, die unveränderbar historisch verbrieft sind. Wenn man an die Jahre der deutschen Besetzung von Frankreich denkt, sind folgende Begriffe die brutalen Konstanten einer instabilen Zeit. Resistance, Flucht und Vertreibung der Zivilbevölkerung, Kollaboration, Repressalien, Willkür der Besatzer, Judenverfolgung und Deportation unter Beteiligung der französischen Vichy-Regierung und nicht zuletzt die Rolle der großen Religionen angesichts des Holocaust.

Die Nachtigall von Kristin Hannah - Das besetzte Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

Kristin Hannah tangiert in ihrem Roman jeden einzelnen dieser Themenbereiche. Der Spielraum für freie Interpretation ist klein und mein persönlicher Anspruch an ihren Roman ist hoch, wenn er sich von reiner kulissenhafter Unterhaltungsliteratur abheben möchte. Ich habe viel über diese Zeit gelesen. Ich habe über das besetzte Frankreich einige Artikel verfasst, die auf der Basis von Zeitzeugenberichten und Romanen zeigen, ob ein Roman wie „Die Nachtigall“ an der Oberfläche bleibt, oder sich mit Plausibilität und Tiefgang einer Zeit widmet, die gerade heute nicht vergessen werden darf.

Kristin Hannah trifft mit ihrem Roman, seiner Konstruktion und ihrer Sprache die Seele Frankreichs, weil sie keine gefährliche Klippe umschifft hat. Das Frankreich, von dem sie schreibt ist so authentisch und präzise, dass man sich bereits im ersten Kapitel des Romans fühlt, als wäre man von der Autorin in das Jahr 1939 versetzt worden. Ihre Geschichte zweier Schwestern ist historisch präzise-komplex und authentisch angelegt. Sie beschreibt die Stimmung eines ganzen Landes an der Schwelle zum Krieg mit dem Erzfeind Deutschland so bildhaft und greifbar, dass man sich vollends auf das Schicksal von Vianne und Isabelle konzentrieren kann.

Ihr Weg ist der Weg so vieler Frauen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges in einem zerrissenen Frankreich, das sich einerseits mit den Besatzern arrangiert, auf der anderen Seite jedoch in kleinen effektiven Widerstandsgruppen der Resistance widmet Vianne und Isabelle könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl sie Schwestern sind. Vianne, die Ältere von ihnen glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter steht für den Erhalt der Familie und alle Kompromisse, die man eingehen muss um sich zu schützen. Koste es was es wolle. Isabelle hingegen irrt ziellos durch ihr Leben. Widerspenstig und ohne jede Bindung ist sie in der Lage und bereit, alles in die Waagschale zu werfen, um gegen Unterdrückung zu kämpfen.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

So entwickeln sich die Lebenswege der Schwestern unterschiedlich, nachdem die Wehrmacht von Paris und halb Frankreich Besitz ergriffen hat. Viannes Ehemann gerät schnell in Kriegsgefangenschaft und so gilt es nun, allein auf sich gestellt zu überleben. Schnell quartiert sich ein deutscher Offizier im Haus von Vianne ein und die Ambivalenz aus Hass und Kompromissbereitschaft wird zum täglichen Begleiter. Isabelle findet ihre Bestimmung in den Reihen der Resistance. Widerstand – das passt zu ihr. Alles geben und selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen. Das ist ihr Weg.

Zwei Wege, die Vianne und Isabelle voneinander entfernen. Kristin Hannah gelingt es durch diese beiden Perspektiven zwei komplexe Erzählräume zu gestalten, die den Schrecken des Krieges zum hautnahen Leseerlebnis machen. Während Vianne an der Seite ihrer Tochter das Grauen der Okkupation, die sich täglich verschlechternde Lage in der Versorgung mit Lebensmitteln und die Eskalation der antijüdischen Gesetze auf dem Land erlebt, stürzt sich Isabelle in ein lebensgefährliches Abenteuer. Ihr gelingt es, abgeschossene alliierte Piloten auf geheimer Route über die Pyrenäen zu bringen und sie macht sich als „Nachtigall“ einen Namen in der Resistance.

Und doch verbindet die Schwestern mehr, als sie wahrhaben wollen. In Zeiten des Krieges und der Einsamkeit stellen beide fest, dass Lieben nicht geliebt werden dürfen, Gefühl zu gefährlich ist und man beharrlich lügen muss, um sich selbst und andere zu schützen. Die Vergangenheit und der Vater, der nie für sie da war, zehrt an beiden. Die Gegenwart zwängt sie in ein Korsett und nur langsam und mit fortschreitender Brutalität des Krieges gelingt es Vianne und Isabelle die Fesseln abzustreifen. Beide beginnen zu kämpfen. Nicht nur für ihr Land. Auch für sich selbst und ihre Freunde.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Kristin Hannah entwirft hier kein Roman-Panorama. Sie erzählt eine Geschichte, die sich tausendfach zugetragen hat. Sie blendet nichts aus. Sie zeichnet die Charaktere nicht in einfachen Gut-und-Böse-Klischées, sondern arbeitet sehr präzise heraus, was sich in den Zwischentönen einer Persönlichkeit abspielen kann. Ihr gelingt sogar, einen deutschen Besatzer im Hause von Vianne so differenziert zu skizzieren, dass Gefühle verständlich werden, die beide in dieser Zeit verbinden. Sprachlich fesselt die Autorin in ihrem Spagat zwischen romantischer Sichtweise, naiver Schwärmerei und knallhartem Realismus angesichts der Kriegssituation.

„Die Nachtigall“ ist eine literarische Herausforderung für alle Leser, die sich nicht mit Oberflächlichkeiten begnügen. Dieser Roman dringt in die Tiefe vor, schildert in aller Härte die Abgründe des menschlichen Geistes und seine Größe. Kristin Hannah gelingt es, Perspektiven zum Tragen zu bringen, die das Herz brechen und den Verstand ganz langsam um seinen Glauben an die Menschheit bringen. Die größte Leistung allerdings ist die Botschaft, die dieser Roman in aller Nachhaltigkeit vermittelt. „Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk.“ Diese nachhaltige Strahlkraft hätte ich dem Roman nicht zugetraut. Deshalb habe ich ihn auf Herz und Nieren geprüft, meine vielen Bücher über diese Zeit zurate gezogen und anhand dieser Referenzen mein Urteil über „Die Nachtigall“ gebildet.

Selten habe ich ein Buch so kritisch beleuchtet. Selten musste eine Schriftstellerin so große Hürden in meinem Lesen überwinden. Nur einige Werke möchte ich an dieser Stelle aufführen, um zu verdeutlichen wie ich zu meiner abschließenden Bewertung des Romans komme und warum ich ihm das Prädikat „besonders wertvoll“ verleihe. „Die Nachtigall“ vermag durch Spannung zu fesseln, durch den Erzählkosmos zu begeistern und so ganz gezielt Hintergründe zu vermitteln, die man sich nur anlesen könnte, wenn man einen ganzen Kosmos an Literatur zu dieser Zeit verschlingen würde.

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Die Nachtigallist so französisch authentisch, wie die „Suite Francaise“ von Irène Némirovsky. Jener jüdischen Schriftstellerin, die ihr Frankreich als besetztes Land so verzweifelt beschrieb, als könnten ihre Worte es retten, bevor sie selbst nach Auschwitz deportiert wurde und starb. „Die Nachtigall“ ist so erhellend, wie „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr, weil es die kindliche Hilflosigkeit in diesem Krieg so greifbar macht. Der Roman ist so bitter wie „Charlotte“ von David Foenkinos, weil er zeigt wie chancenlos jüdisches Leben damals nicht nur in Frankreich war. Der Roman ist relevant, weil er die Rolle der Religionen nicht ausklammert und wie Sonnenschein von Daša Drndić den Identitätsverlust geretteter Kinder thematisiert.

Und nicht zuletzt ist „Die Nachtigall so herzzerreißend, wie „Das versteckte Kind„, weil das Buch den Weg jüdischer Familien in den Holocaust begleitet. Und das in aller Härte und schonungslos. Darüber hinaus ist „Die Nachtigall“ so widerstandsfähig, wie „Der Finsternis entgegen“ von Arne Molfenter, der die grausame Brutalität der Nazis gegenüber den Angehörigen der Resistance beschreibt. Ich habe keinerlei Lücken im Roman von Kristin Hannah gefunden. Ich bin von diesem Buch überzeugt und empfehle es mit gutem Gewissen. Es ist in der Lage, Empathie zu wecken, gegen Gleichgültigkeit anzukämpfen und den Blick für die heutige Zeit zu schärfen. „Die Nachtigall ist keine Kulisse.

Wappnen Sie sich für dieses Buch. Es ist voller Überraschungen, Tragödien, Dramen und Hoffnung. Bestechend in seiner Konstruktion empfand ich den Rahmen, den Kristin Hannah um den gesamten Roman gespannt hat. Ein Rückblick auf die Ereignisse von einst. Ein Blick zurück auf zwei Leben, die durch Blut miteinander verbunden sind. Zwei Schwestern, die sich im Gedächtnis der Leser einen wichtigen Platz erobern werden. Aus wessen Perspektive dieser Rückblick und damit die ganze Geschichte erzählt wird, das gilt es selbst zu erlesen. Ich empfehle Taschentücher. Großes Kino. Großes Buch.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich