[Gegen das Vergessen] Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ ist der Titel des illustrierten Kinder- und Jugendbuchs aus der Feder von Birgitta Behr, mit dem der Versuch unternommen werden soll, 10 – 12-jährigen Lesern die Schrecken der Juden­ver­folgung im Nazi-Deutsch­land von 1933 bis 1945 näher­zubringen. Ich habe bereits zwei Bilder­bücher oder Graphic Novels zu diesem sensiblen Thema vorgestellt und bin der Meinung, dass ein solches erzählendes Bilderbuch ein geeignetes Medium ist, um die Tür zu einem Erzählraum zu öffnen, dessen Inhalt für junge Leser schwer zu greifen und darüber hinaus sogar eher verstörend sein kann.

Behutsam sollte man vorgehen, ohne zu beschönigen oder abzuschrecken. Eine literarische Gratwanderung angesichts der Zielgruppe, bei der man nicht voraus­setzen darf und kann, dass sie sich im Vorfeld bereits intensiv mit dem Thema beschäf­tigt hat. Und genau hier beginnt mein ambi­valentes Verhältnis zum vor­liegen­den Buch. Es ist auf den ersten Blick hochwertig und erscheint für einen Preis von gerade einmal 12,99 Euro im wahrsten Sinne des Wortes preis­wert. Der Verlag Ars Edition wird hier einem Ruf gerecht, der hinsichtlich der rein haptischen und optischen Qualität seiner Produkte schon immer Maß­stäbe gesetzt hat.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Ein Haus erzählt…

„Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“ hat mich darüber hinaus auch rein inhaltlich absolut überzeugt, weil es der Autorin Birgitta Behr gelungen ist, eine Erzählstimme zu finden, die in der Rolle eines neutralen Betrachters der Ereignisse unbestechlich und in sich plausibel erscheint. Es ist ein Haus, das uns diese Ge­schichte erzählt. Eine wahre, an biografische und zeitgeschichtliche Ereignisse angelehnte Geschichte verspricht das Haus uns zu erzählen. Eine Perspektive, die auch jüngsten Lesern zugänglich ist. Eine Per­spek­tive, die in ihrer Geschlossenheit besticht, weil wir uns sicherlich alle schon mal gefragt haben, wie es wäre, wenn alte Gebäude erzählen könnten.

Dieses Haus Nummer 4 am Nikolsburger Platz in Berlin hat viel zu erzählen. Es ist die Geschichte seiner Be­wohner, es ist die Geschichte von Susi und ihrer Familie, eine Geschichte, die eindringlich zu beschrei­ben vermag, wie sehr sich Deutschland in den Jahren nach der Machtübernahme durch die National­sozia­listen veränderte und welche Auto­matis­men bedient wurden, um den Hass eines ganzen Volkes auf eine Minderheit zu richten. Birgitta Behr bleibt erstaunlich sachlich und schildert auf leicht verständ­liche Art und Weise die Ent­wicklung einer Diktatur, wie eine gewählte Partei die Demokratie aushöhlte und alles auf einen Führer fokussierte, der aus seinen wahren Ab­sichten nie einen Hehl gemacht hatte.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Der rote Faden…

In diesen historischen Kontext bettet Birgitta Behr ihre Erzählung ein, beschreibt das Unfeld der 1936 ge­boren­en Susi Collm, deren jüdische Familie schon bis zum Tag ihrer Geburt an den Folgen der Gesetz­gebung für die jüdischen Bürger in Deutsch­land zu leiden hatte. Der Vater schon arbeits­los, die Mutter hoffnungs­los an­ge­sichts der um sich greifenden Un­gerech­tigkeit und der zunehmenden Bedrohung für ihr Leben. Susis Groß­mutter schenkt dem kleinen Mädchen einen ganz per­sönlichen Zauberer, der auf alles aufpassen soll. Ein großer Halt für das Mädchen, dessen kleine Welt schon bald in Scherben liegen sollte.

Eine kleine große Geschichte voller Wahrheit, die uns ein Berliner Haus aus seiner Sicht erzählt. Eine wahre Geschichte, die man in Teilen selbst recherchieren kann und die in ihrer Dramatik den zahllosen Geschichten von Entrechtung und Verfolgung aller Menschen ent­spricht, die nicht ins Rasse-Raster der Nazis passten. Der rote Faden der braunen Parolen zieht sich durch das ganze Buch und die Ausweg­losig­keit überstrahlt das Leben eines Mädchens, das kaum versteht, warum es plötzlich zu den Gejagten im Land gehört. Dieser rote Faden verbindet aber auch ihre Geschichte mit der Geschichte von Menschen, die nicht zuschauen wollten. Menschen, die eine Zeit der ver­steckten Judensterne erst möglich machten. Doch nicht jeder konnte auf Rettung hoffen, wie es heute noch die Stolpersteine zeigen, die vor dem damaligen Haus Nummer 4 liegen.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Die Gestaltung im Vergleich…

Inhaltlich gelungen, verkürzt und vereinfacht für die Ziel­gruppe angemessen und mit Begriffs­erklärung­en und Zeit­schienen versehen, die das Schicksal von Susis kleiner Familie in Verbin­dung mit der historisch ver­brief­ten Situation des Landes verbinden. Es ist vor diesem Hinter­grund für mich rein inhaltlich ein mehr als wichtiges Buch, dem ich wegen anderer Aspekte jedoch immer noch zweifelnd gegenüber­stehe. Die Gestal­tung der Seiten ist auffällig anders und augenscheinlich so interessant, als würde man durch lebendige Bilder laufen, Schlag­lichter und Wort­fetzen wahrnehmen und die Reden von Adolf Hitler am eigenen Leib gefährlich nah spüren.

Im Vergleich zu „Das versteckte Kind“, einer Graphic Novel zum Holocaust, verfehlt dieses Buch jedoch ein wesentliches Kriterium, um sich mit den Opfern iden­tifi­zieren zu können. Die Manga-ähnliche Dar­stellung der Menschen, besonders die Zeichnung von Susi hat mich erschreckt. Die Bilder machen Angst. Die dar­gestell­ten Menschen sind in einer befremd­lichen Art und Weise abgrundtief hässlich und gerade Kinder, mit denen ich mich unterhalten habe, wollten schon aufgrund dieser Darstellung nicht mehr weiter einsteigen. Diese aus meiner Bewertung einfach grauen­haften Bilder konter­karieren die unglaublich in­ten­sive Aussage­kraft des Buches.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Überzeichnet…

Sie stehen im krassen Gegensatz zu den Fotos von Susi, die im Buch veröffent­licht sind. Diese Zeichnungen lassen keine Sympathie für dieses Mädchen entstehen. Dies ist in „Das versteckte Kind“ für die Zielgruppe adä­qua­ter umgesetzt. Gerade Mangas sollen uns den Frei­raum lassen, um uns mit den Personen iden­tifi­zieren zu können, die beschrie­ben werden. Das gelingt in dem hier vorliegenden Fall nicht. Kinder emp­finden keine Nähe zu Susi und bewerten über­ein­stimmend auch schon das Cover des Buches als abschreckend. Sandra Wendeborn hat für mich hier deutlich Über­Zeichnet.

Ambivalent sagte ich eingangs. Ich bleibe dabei. Ich be­trachte dieses Buch als einen inhaltlich großen Wurf, der in den bildlichen Aspekten keine Ent­sprechung findet. Diese Ansicht habe ich gerade im Aus­tausch mit denjenigen Menschen gewonnen, die dieses Buch ge­winnen möchte, um sich einem besonders wichtigen Thema zu widmen. Es ist erhellend, dieses Buch mit Werken für die gleiche Ziel­gruppe zu vergleichen. Bilden Sie sich Ihre Meinung. Ich verstehe meine Sicht­weise nicht als Dogma, sondern als Anstoß. Was bleibt ist die tiefe Bot­schaft des Buches, die un­verwüst­lich ist und jede Zeich­nung überdauert. Lasst es nicht nochmal zu – Schaut hin und helft.

Hier geht es zu „Das versteckte Kind“ und „Erikas Geschichte„… Ein Vergleich.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr – Ein Vergleich

„Austerlitz“ von W.G Sebald – (Buch und Hörbuch)

Austerlitz von W.G. Sebald

Ehrenwort: Ich verfasse diese Rezension nicht im Stil des Schriftstellers, den ich hier mit seinem Roman „Austerlitz“ vorstelle. Wobei ich zugeben muss, dass es gar nicht so leicht ist, sich von der Sprache und Fabulier­kunst des im Jahr 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Autors und Dozenten W.G. Sebald zu lösen. Allzu dominant und ausufernd er­scheint sein Erzählen. Es wirkt, als habe er ohne Punkt und Komma gedacht, ohne Absätze geschrieben und dem Ge­danken­fluss an keiner Stelle Einhalt gebieten wollen.

Ich begegne W.G. Sebald erstmals in meinem Lesen. Und das hörend. Ich tat mich anfänglich sehr schwer, den Gedanken und ausufernden Beschreibungen zu folgen. Es ist dem Sprecher Michael Krüger zu ver­danken, dass ich mich 11 Stunden, verteilt auf 9 CDs, durch einen Roman treiben ließ, ohne jemals den Faden zu verlieren. Dabei war es die größte Heraus­forder­ungen, Sollbruch­stellen zu finden, an denen man den Faden für einen Moment aus der Hand legen konnte, um eine Pause zu machen. Schwierig in einem Roman, der keine Kapitel oder Absätze kennt…

Austerlitz von W.G. Sebald – Frederick, der Namensvetter Fred Astaire

Die Geschichte…

Dabei ist die Geschichte eigentlich leicht erzählt – zumindest rein inhaltlich. Dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans fällt 1967 im Bahnhof von Antwerpen ein Mann auf, der in völliger Konzentration versunken die Architektur des Gebäudes bewundert. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und verabreden sich für den folgenden Tag. Aus dieser ersten zufälligen Be­geg­nung entwickelt sich Dialog, der in un­regel­mäßigen Abständen und weiteren zufälligen Treffen über mehr als dreißig Jahre fortgesetzt wird. Austerlitz, Kunst­historiker, so stellt sich der Fremde vor und beginnt sogleich über das Wunder der Konstruktion der Bahnhofs­halle zu dozieren.

Atemlos und gebannt folgt man seinen Ausführungen. Von Gespräch zu Gespräch, von Ort zu Ort reift langsam das Verstehen. London, Paris und Prag sind Stationen der beiden Männer. Festungsanlagen, Friedhöfe und Archive werden zum Gegenstand der detailreichen Schilderungen von Austerlitz. Doch während unser Erzähler eher zufällig vor Ort ist, folgt Austerlitz dem unsichtbaren Plan, der das große Rätsel seines Lebens lösen soll. Als Kleinkind von seinen jüdischen Eltern aus Prag nach England verschickt, unter neuem Namen in Wales aufgewachsen; erst viel zu spät erfahren, wie er wirklich heißt; erst viel zu spät begriffen, warum seine Leidenschaften und Talente nicht zu den Eltern passte, die ihn aufgezogen hatten; zu spät begriffen, warum er Sprachen spricht, die er niemals lernte. Zu spät erkannt, dass ihn seine wahren Eltern zwar vor den Nazis gerettet hatten, aber seine Identität vollständig verloren ging. Austerlitz. Das bin ich. So die große Erkenntnis auf der langen Reise zum Ich.  

Austerlitz von W.G. Sebald – Kindertransporte im Dritten Reich

Die Kindertransporte…

Diese Kindertransporte nach England sind mir nicht neu. Die dramatischen Folgen für die vermeintlich Geretteten beschrieb auch Marion Charles in ihrem Lebensbericht „Ich war ein Glückskind. Der Moment des Erkennens der Hintergründe dieser Suche nach der wahren Familie, nach den Orten der Kindheit, dem Moment der Trennung und nach Menschen, die viel­leicht noch lebten und ihn kannten, lassen die Erzählungen von Austerlitz in neuem Licht erscheinen. Er sucht nach Verwandten, nach Stationen seiner Kind­heit und stößt sogar auf einen berühmten Namens­vetter. Frederick (Fred Astaire) Austerlitz. Un­be­irrt eilt der immer älter werdende Mann der Ver­gangen­heit hinterher.

Aus den Begegnungen mit dem Erzähler erfahren wir die Fortschritte der Reisen. Wir werden Zeugen einer Geschichte, die unerträglich scheint und doch so wahr ist. Es ist die Geschichte der Judenvernichtung, die Geschichte des Holocaust, dem Austerlitz entging. Aber um welchen Preis. W.G. Sebald wird zum Chronisten von Deportation und Entrechtung, er skizziert das Geflecht eines Genozids und die Automatismen einer gezielten Auslöschung. Ohne Absätze schreibt er, weil Atemlosigkeit und Entsetzen die Wegbegleiter des Hörens und Lesens werden. Die Zeit rast durch diesen Roman. Nach vorne mit den beiden Männern. Zurück durch die Recherche. Sie bleibt niemals stehen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Der große Unterschied…

Die Stationen der Reise sind die Stationen eines Le­bens. Ich war verleitet, selbst zu recherchieren, wo sich die beiden Männer trafen und stieß dabei auf eine Besonderheit des Romans, die das Buch von seiner Hörbuchadaption erheblich unterscheidet. H.G. Sebald verzichtet in seinem Erzählstil bewusst auf Brüche im Tempo. Er bleibt im Fluss und verlagert dabei die Authen­tizität des Erzählten auf verschiedene Ebenen. Austerlitz lebt hier vom Hörensagen und genau so gibt er seine Erkenntnisse an den Ich-Erzähler weiter. Auch dieser filtert nicht, sondern weist in seiner Zu­sammen­fassung darauf hin, aus welcher Quelle die jeweilige Be­schreibung stammt.

„Sagte Agáta, sagte Vera, sagte Austerlitz…“

Durch diese Quellenverschiebung von der ersten bis hin zur dritten Ebene erfolgt auch gleichzeitig die Rela­tivierung des Wahrheitsgehaltes, weil Erinnerung sub­jek­tiv ist. Im Buch jedoch bedient sich Sebald eines Instruments, das genau dieses Problem der Authen­tizi­tät von Augenzeugenberichten in mehrfacher Hinsicht konterkariert. Dort, wo Kapitel und Absätze fehlen, fügt er 80 Fotografien ein, die in ihrer Beweis­kraft für das Gesagte bestechen. Das Highlight ist hierbei das Kinder­bild, das Austerlitz so zeigt, wie er auf dem Titelbild von Hörbuch und Roman zu sehen ist.

Diese elementare Ebene fehlt dem Hörbuch und sie ist auch nicht zu ersetzen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Das Buch

Was blieb mir also übrig, als mir noch während des Hörens das Buch zu bestellen, es parallel zu inhalieren, den unglaublichen Sätzen über bis zu neun Seiten zu folgen und die Bilder zu betrachten, die das Erzählte nicht nur flankieren, sondern ihm den letzten Schuss Wahrheitsgehalt verleihen. Am Ende der gehörten und gelesenen Geschichte bin ich nun in der Lage, allein durch die Betrachtung der Fotografien im Roman alles zu rekapitulieren, als wären sie lebendige Lesezeichen aus der Vergangenheit.

Hier wäre es hilfreich gewesen, die Bilder im bei­liegen­den Booklet des Hörbuchs zu veröffentlichen. Man benötigt keine Seitenzahlen, um sie einzusortieren. Ein Blick genügt und man weiß ganz genau, wann Auster­litz dieses Bild vor Augen hatte und wie er sich dabei fühlte. Der Vortragskunst von Michael Krüger ist es geschuldet, dass ich dem Hörbuch bis zum Ende treu geblieben bin. Ohne die Buchvorlage mit ihren Bildern würde mir jedoch eine der wesentlichen Ebenen dieses großartigen Romans fehlen. Ich kann „Austerlitz“ in dieser Kombination nur empfehlen. Lesen und hören. Wer sich für einen einzigen Weg entscheiden mag oder muss, dem bleibt nur das Buch, da seine Bilder nicht lügen.

Austerlitz von W.G. Sebald – Der Friedhof von London

Die „Wannseekonferenz“ von Peter Longerich – Ein Protokoll

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Manchmal werden Orte zum Synonym für bestimmte Ereignisse. Manchmal kommt es vor, dass die Geschichte einen Ort mit einem historischen Kontext verbindet und die Stigmata der Vergangenheit nie mehr gelöst werden können. Allein die Erwähnung des Ortsnamens ruft Assoziationen hervor, die mit der heutigen Realität nichts zu tun haben und für die Bewohner eher belastend sind. Woran denken wir eigentlich, wenn folgende Namen ganz zufällig erwähnt werden? Dachau. Hiroshima. Utøya. Eschede?

Woran denken wir, wenn wir heute an den Ortsteil von Berlin denken, der zu den begehrtesten Ausflugszielen der Hauptstädter gehört, weil ein Binnengewässer und ein Strandbad zum Abkühlen einladen? Woran denken wir, wenn wir das Wort „Wannsee“ hören? An die Sängerin Conny Froboes und den Refrain ihres legendären Schlagers?

Pack die Badehose ein,
nimm dein kleines Schwesterlein
Und dann nischt wie raus nach Wannsee

Das wäre schön. Aber schwingt nicht auch heute noch ein anderes Ereignis mit, wenn wir diese Zeilen trällern? War da nicht was? Haben sich nicht vor fast genau 75 Jahren einige hochrangige Uniformierte zu einer Villa am Westufer des Großen Wannsees auf den Weg gemacht, um dort ein – wir würden es heute so nennen – Meeting abzuhalten und die aus ihrer Sicht wichtigste Frage für die Zukunft ihrer Heimat zu diskutieren? Es darf aus heutiger Sicht angenommen werden, dass die Herrschaften keine Badehosen im Gepäck hatten. Ebenso sicher ist, dass dieses Treffen dafür verantwortlich war, dass aus einem Erholungsort das Synonym für den Holocaust wurde. Hier fand sie statt:

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

DIE WANNSEEKONFERENZ

Ich versuche mir das einfach mal bildlich vorzustellen. Da machen sich im Januar 1942 fünfzehn Männer auf den Weg in die damals sogenannte Reichshauptstadt Berlin. Sie packen ihre Koffer, planen ihre An- und Abreisen, werden von ihren Ehefrauen und Kindern fröhlich verabschiedet und sehr fürsorglich darauf hingewiesen, dass sie sich immer schön warm anziehen sollen (es ist ja ein kalter Winter in diesem Jahr) und dann machen sie sich mit den fröhlichen Worten „Papa ist bald wieder da und bringt euch was Schönes mit!“ auf den Weg…

Und dann treffen sie sich endlich mal wieder. Luxuriös ist das Ambiente. Neben den fünfzehn Teilnehmern an der Konferenz eilen fleißige Vertreter wichtiger Behörden und eifrige Sachbearbeiter hinzu. Die Konferenz ist perfekt vorbereitet und man will ja auch vorwärts kommen und die Zeit drängt. Mehr als einen Tag wird man nicht brauchen. Es sind ja alle Spezialisten anwesend, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Man ist im dritten Kriegsjahr und nachdem eigentlich alles wie geschmiert läuft, bleibt nur noch eine Frage übrig, die schnellstens geklärt werden muss.

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Wie kann man den bereits beschlossenen und zum Teil bereits in Gang gesetzten Völkermord an den Juden Europas bürokratisch strukturieren und organisieren?

Ja. So kann hätte man das Thema der Wannseekonferenz umreißen können, hätte man sich aus Gründen der Geheimhaltung nicht unverfänglicherer Formulierungen, wie zum Beispiel:

„Unter Beteiligung der infrage kommenden anderen Zentralinstanzen
alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher
und materieller Hinsicht für die Gesamtlösung
der Judenfrage in Europa zu treffen.“

bedient, um den finalen Eindruck zu vermeiden, hier würde der Holocaust beschlossen. Über die Tagesordnungspunkte der Konferenz herrschte lange Zeit Unklarheit. Geheim sollte bleiben, was hier im kleinen Kreis entworfen und anschließend nahezu perfekt im ganzen „Reichsgebiet“ umgesetzt wurde. Warum die Inhalte der Wannseekonferenz in vollem Umfang zugänglich sind ist leicht zu beantworten. Die akribische Recherche von unermüdlichen Historikern hat Dokumente ans Tageslicht gebracht, die eine eindeutige Bewertung der Konferenz aus heutiger Sicht ermöglicht.

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Peter Longerich, Professor für moderne deutsche Geschichte und Gründungsdirektor des Holocaust Research Centre der Universität London, hat sich als absoluter Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus einen Namen gemacht. Seine Bücher über die Politik der Vernichtung und ihre Resonanz in der deutschen Bevölkerung sind heute Standardwerke. Sein Buch Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung muss hier als einer der wichtigsten Mosaiksteine in der historisch verlässlichen Aufarbeitung aller Verbrechen der Nazi-Diktatur angesehen werden.

Peter Longerich nähert sich dieser Wannseekonferenz präzise an und seziert den bis zu diesem Zeitpunkt zurückgelegten Weg der Nationalsozialisten mit dem Skalpell des Historikers, der hier allerdings nicht für Studenten oder Wissenschaftler schreibt. Es ist leicht, ihm in seiner Argumentation zu folgen, seine Herleitungen nachzuvollziehen und seinen Schlussfolgerungen zu vertrauen. Dabei ist sein Buch nicht ausufernd und bleibt an den Fakten orientiert, die in dieser gestrafften Form allerdings erneut geeignet sind, dem Leser das Grauen der geplanten, industriell betriebenen Massenvernichtung menschlichen Lebens näherzubringen.

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge - siehe Erikas Geschicte

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge – siehe Erikas Geschichte

Um die Wannseekonferenz in den historischen Kontext einreihen und bewerten zu können, arbeitet sich Peter Longerich durch das einzige Exemplar des Protokolls der Wannseekonferenz, das nach dem Krieg aufgefunden werden konnte. Seite für Seite ist es im vorliegenden Buch abgebildet und in sich unmissverständlich. Hier wird auf Linie getrimmt. Hier werden bürokratisch alle Zuständigkeiten für die Deportationen geregelt, die Zielgruppen innerhalb der jüdischen Bevölkerung nach Alter und Geschlecht ganz klar festgelegt. Es geht in der Konferenz zu, als würde man über die rein administrative Bewältigung eines Vorhabens diskutieren, das nichts mit Menschenleben zu tun hat.

Hier zeigt die deutsche Bürokratie ihre wahre Stärke, wenn sie von einem perfiden System instrumentalisiert wird. Es ist erschreckend, diesem Protokolltext zu folgen. Es ist erschreckend, in den handelnden Personen die Schlächter der kommenden Jahre zu sehen und es ist erschreckend zu erkennen, wie viele von ihnen auch nach der Tagung behaupten konnten, nichts von den Zusammenhängen geahnt zu haben.

Das Lesen von Peter Longerichs neuem Standardwerk „Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung“ ist viel mehr als das Eintauchen in die Sekundärliteratur des Dritten Reichs. Es ist der gezielte Vorstoß in eine der Primärquellen, der deutlich zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn ihnen die Ideologie den Weg ebnet, das eigene rassistische Menschenbild auf unmenschlichste Art und Weise zum Holocaust werden zu lassen.

Gegen das Vergessen - Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen...

Gegen das Vergessen – Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen…

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„Die Nachtigall“ – Mit Kristin Hannah im besetzten Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah - AstroLibrium

Die Nachtigall von Kristin Hannah – AstroLibrium

Wie kann ich am Anfang beginnen, wenn alles, woran ich denken kann, das Ende ist?

Historische Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund stehen derzeit hoch im Kurs. Wenn man sich als Autor jedoch einer Epoche verschreibt, die in der tragischen Dimension eine besondere Relevanz für die heutige Zeit hat, dann sind gute Recherche und Authentizität die wesentlichen Parameter, die jenseits aller Fiktionalität zu beachten sind. Die Geschichte zur bloßen Kulisse für den eigenen Romanstoff zu degradieren ist nur vertretbar, wenn eben diese Geschichte in sich selbst harmlos und unbedeutend ist.

Einen Roman im Zweiten Weltkrieg anzusiedeln und das von Nationalsozialisten besetzte Frankreich in den Mittelpunkt zu stellen ist literarisch gewagt, weil dieses historisch facettenreiche Thema differenziert zu betrachten ist. Ein kleiner Fehler in der Plausibilität der beschriebenen Rahmenbedingungen schadet nicht nur der Geschichte, sondern ist auch in der Lage, dem sensiblen Gedenken an die Opfer nicht mehr gerecht zu werden. Letztlich führt es dazu, dass auch die fiktionalen Protagonisten im luftleeren Raum hängen und ein Roman ohne tragfähige Botschaft entsteht.

Kristin Hannah hat ihren Roman Die Nachtigall ganz bewusst in diesem Kontext angesiedelt und damit Rahmenbedingungen ausgewählt, die unveränderbar historisch verbrieft sind. Wenn man an die Jahre der deutschen Besetzung von Frankreich denkt, sind folgende Begriffe die brutalen Konstanten einer instabilen Zeit. Resistance, Flucht und Vertreibung der Zivilbevölkerung, Kollaboration, Repressalien, Willkür der Besatzer, Judenverfolgung und Deportation unter Beteiligung der französischen Vichy-Regierung und nicht zuletzt die Rolle der großen Religionen angesichts des Holocaust.

Die Nachtigall von Kristin Hannah - Das besetzte Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

Kristin Hannah tangiert in ihrem Roman jeden einzelnen dieser Themenbereiche. Der Spielraum für freie Interpretation ist klein und mein persönlicher Anspruch an ihren Roman ist hoch, wenn er sich von reiner kulissenhafter Unterhaltungsliteratur abheben möchte. Ich habe viel über diese Zeit gelesen. Ich habe über das besetzte Frankreich einige Artikel verfasst, die auf der Basis von Zeitzeugenberichten und Romanen zeigen, ob ein Roman wie „Die Nachtigall“ an der Oberfläche bleibt, oder sich mit Plausibilität und Tiefgang einer Zeit widmet, die gerade heute nicht vergessen werden darf.

Kristin Hannah trifft mit ihrem Roman, seiner Konstruktion und ihrer Sprache die Seele Frankreichs, weil sie keine gefährliche Klippe umschifft hat. Das Frankreich, von dem sie schreibt ist so authentisch und präzise, dass man sich bereits im ersten Kapitel des Romans fühlt, als wäre man von der Autorin in das Jahr 1939 versetzt worden. Ihre Geschichte zweier Schwestern ist historisch präzise-komplex und authentisch angelegt. Sie beschreibt die Stimmung eines ganzen Landes an der Schwelle zum Krieg mit dem Erzfeind Deutschland so bildhaft und greifbar, dass man sich vollends auf das Schicksal von Vianne und Isabelle konzentrieren kann.

Ihr Weg ist der Weg so vieler Frauen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges in einem zerrissenen Frankreich, das sich einerseits mit den Besatzern arrangiert, auf der anderen Seite jedoch in kleinen effektiven Widerstandsgruppen der Resistance widmet Vianne und Isabelle könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl sie Schwestern sind. Vianne, die Ältere von ihnen glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter steht für den Erhalt der Familie und alle Kompromisse, die man eingehen muss um sich zu schützen. Koste es was es wolle. Isabelle hingegen irrt ziellos durch ihr Leben. Widerspenstig und ohne jede Bindung ist sie in der Lage und bereit, alles in die Waagschale zu werfen, um gegen Unterdrückung zu kämpfen.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

So entwickeln sich die Lebenswege der Schwestern unterschiedlich, nachdem die Wehrmacht von Paris und halb Frankreich Besitz ergriffen hat. Viannes Ehemann gerät schnell in Kriegsgefangenschaft und so gilt es nun, allein auf sich gestellt zu überleben. Schnell quartiert sich ein deutscher Offizier im Haus von Vianne ein und die Ambivalenz aus Hass und Kompromissbereitschaft wird zum täglichen Begleiter. Isabelle findet ihre Bestimmung in den Reihen der Resistance. Widerstand – das passt zu ihr. Alles geben und selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen. Das ist ihr Weg.

Zwei Wege, die Vianne und Isabelle voneinander entfernen. Kristin Hannah gelingt es durch diese beiden Perspektiven zwei komplexe Erzählräume zu gestalten, die den Schrecken des Krieges zum hautnahen Leseerlebnis machen. Während Vianne an der Seite ihrer Tochter das Grauen der Okkupation, die sich täglich verschlechternde Lage in der Versorgung mit Lebensmitteln und die Eskalation der antijüdischen Gesetze auf dem Land erlebt, stürzt sich Isabelle in ein lebensgefährliches Abenteuer. Ihr gelingt es, abgeschossene alliierte Piloten auf geheimer Route über die Pyrenäen zu bringen und sie macht sich als „Nachtigall“ einen Namen in der Resistance.

Und doch verbindet die Schwestern mehr, als sie wahrhaben wollen. In Zeiten des Krieges und der Einsamkeit stellen beide fest, dass Lieben nicht geliebt werden dürfen, Gefühl zu gefährlich ist und man beharrlich lügen muss, um sich selbst und andere zu schützen. Die Vergangenheit und der Vater, der nie für sie da war, zehrt an beiden. Die Gegenwart zwängt sie in ein Korsett und nur langsam und mit fortschreitender Brutalität des Krieges gelingt es Vianne und Isabelle die Fesseln abzustreifen. Beide beginnen zu kämpfen. Nicht nur für ihr Land. Auch für sich selbst und ihre Freunde.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Kristin Hannah entwirft hier kein Roman-Panorama. Sie erzählt eine Geschichte, die sich tausendfach zugetragen hat. Sie blendet nichts aus. Sie zeichnet die Charaktere nicht in einfachen Gut-und-Böse-Klischées, sondern arbeitet sehr präzise heraus, was sich in den Zwischentönen einer Persönlichkeit abspielen kann. Ihr gelingt sogar, einen deutschen Besatzer im Hause von Vianne so differenziert zu skizzieren, dass Gefühle verständlich werden, die beide in dieser Zeit verbinden. Sprachlich fesselt die Autorin in ihrem Spagat zwischen romantischer Sichtweise, naiver Schwärmerei und knallhartem Realismus angesichts der Kriegssituation.

„Die Nachtigall“ ist eine literarische Herausforderung für alle Leser, die sich nicht mit Oberflächlichkeiten begnügen. Dieser Roman dringt in die Tiefe vor, schildert in aller Härte die Abgründe des menschlichen Geistes und seine Größe. Kristin Hannah gelingt es, Perspektiven zum Tragen zu bringen, die das Herz brechen und den Verstand ganz langsam um seinen Glauben an die Menschheit bringen. Die größte Leistung allerdings ist die Botschaft, die dieser Roman in aller Nachhaltigkeit vermittelt. „Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk.“ Diese nachhaltige Strahlkraft hätte ich dem Roman nicht zugetraut. Deshalb habe ich ihn auf Herz und Nieren geprüft, meine vielen Bücher über diese Zeit zurate gezogen und anhand dieser Referenzen mein Urteil über „Die Nachtigall“ gebildet.

Selten habe ich ein Buch so kritisch beleuchtet. Selten musste eine Schriftstellerin so große Hürden in meinem Lesen überwinden. Nur einige Werke möchte ich an dieser Stelle aufführen, um zu verdeutlichen wie ich zu meiner abschließenden Bewertung des Romans komme und warum ich ihm das Prädikat „besonders wertvoll“ verleihe. „Die Nachtigall“ vermag durch Spannung zu fesseln, durch den Erzählkosmos zu begeistern und so ganz gezielt Hintergründe zu vermitteln, die man sich nur anlesen könnte, wenn man einen ganzen Kosmos an Literatur zu dieser Zeit verschlingen würde.

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Die Nachtigallist so französisch authentisch, wie die „Suite Francaise“ von Irène Némirovsky. Jener jüdischen Schriftstellerin, die ihr Frankreich als besetztes Land so verzweifelt beschrieb, als könnten ihre Worte es retten, bevor sie selbst nach Auschwitz deportiert wurde und starb. „Die Nachtigall“ ist so erhellend, wie „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr, weil es die kindliche Hilflosigkeit in diesem Krieg so greifbar macht. Der Roman ist so bitter wie „Charlotte“ von David Foenkinos, weil er zeigt wie chancenlos jüdisches Leben damals nicht nur in Frankreich war. Der Roman ist relevant, weil er die Rolle der Religionen nicht ausklammert und wie Sonnenschein von Daša Drndić den Identitätsverlust geretteter Kinder thematisiert.

Und nicht zuletzt ist „Die Nachtigall so herzzerreißend, wie „Das versteckte Kind„, weil das Buch den Weg jüdischer Familien in den Holocaust begleitet. Und das in aller Härte und schonungslos. Darüber hinaus ist „Die Nachtigall“ so widerstandsfähig, wie „Der Finsternis entgegen“ von Arne Molfenter, der die grausame Brutalität der Nazis gegenüber den Angehörigen der Resistance beschreibt. Ich habe keinerlei Lücken im Roman von Kristin Hannah gefunden. Ich bin von diesem Buch überzeugt und empfehle es mit gutem Gewissen. Es ist in der Lage, Empathie zu wecken, gegen Gleichgültigkeit anzukämpfen und den Blick für die heutige Zeit zu schärfen. „Die Nachtigall ist keine Kulisse.

Wappnen Sie sich für dieses Buch. Es ist voller Überraschungen, Tragödien, Dramen und Hoffnung. Bestechend in seiner Konstruktion empfand ich den Rahmen, den Kristin Hannah um den gesamten Roman gespannt hat. Ein Rückblick auf die Ereignisse von einst. Ein Blick zurück auf zwei Leben, die durch Blut miteinander verbunden sind. Zwei Schwestern, die sich im Gedächtnis der Leser einen wichtigen Platz erobern werden. Aus wessen Perspektive dieser Rückblick und damit die ganze Geschichte erzählt wird, das gilt es selbst zu erlesen. Ich empfehle Taschentücher. Großes Kino. Großes Buch.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

„Mein geheimes Tagebuch“ von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Tagebücher sind handschriftliche Zeitmaschinen, die in ihrer unmittelbaren Wirkung auf den Leser treffen, der dann doch mit zumeist etwas mulmigem Gefühl in den Seiten versinkt, die er niemals hätte zu Gesicht bekommen sollen. Hätte Anne Frank geahnt, wie viele Menschen auf der Welt sich durch ihr Tagebuch bewegen, sie hätte wohl das ein oder andere Bekenntnis ihres Lebens anders formuliert.

Dies schrieb ich noch vor kurzer Zeit in meinem Artikel zum Tag des Tagebuches. Tagebücher sind zumeist authentisch, unterliegen nicht der Zensur und werden selten in der Absicht verfasst, sie zu veröffentlichen. Tagebücher finden sich auch heute noch im Nachlass von längst Verstorbenen und bieten immer wieder einen neuen Blick auf eine längst vergangene Zeit. Und immer, wenn man glaubt, schon fast alles über eine Epoche gelesen zu haben, wird man wieder von bisher unveröffentlichten Tagebüchern mehr als überrascht.

So auch diesmal. Ich stieß auf ein solches persönliches Dokument, das sich von fast allen Tagebüchern aus dieser Zeit deutlich abhebt. Seine Verfasserin schrieb es in der Hoffnung, dass es irgendwann entdeckt und von vielen Menschen gelesen wird. Seine Verfasserin schrieb es in solch schonungsloser Offenheit, dass es fatal gewesen wäre, wenn man es bei ihr gefunden hätte. Und seine Verfasserin war alles, nur keine große Schriftstellerin, keine Journalistin, sondern eine einfache holländische Näherin mit der Beobachtungsgabe eines stets wachsamen Geistes.

Und den musste sie haben in dieser Zeit.

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Die Rede ist von der jüdischen Näherin Klaartje de Zwarte-Walvisch. Die Rede ist hier von ihrem Tagebuch und die Rede ist vom einem Zeitfenster März bis Juli 1943. Die Rede ist vom Holocaust und der Judenverfolgung in den besetzten Niederlanden. Die erst vor wenigen Jahren entdeckten Aufzeichnungen von Klaartje, die im Alter von 32 Jahren im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde, heben sich deutlich von den uns bisher bekannten Tagebüchern ab.

Mein geheimes Tagebuchbeginnt genau dort, wo andere Tagebücher abbrechen. Klaartje de Zwarte-Walvisch schreibt ihre ersten Zeilen nach ihrer Deportation in ein niederländisches Durchgangslager. Ihre Worte manifestieren sich in einem Notizbuch, auf dessen kartoniertem Deckel ein Kalender von 1933 abgedruckt ist. Sie schreibt mit Bleistift, sauber und ordentlich, als sei es die Reinschrift ihrer Notizen. Sie schreibt im Klartext, voller Verbitterung über ihr Schicksal, die Ungerechtigkeit und das Vorgehen gegen die jüdischen Mitmenschen und sie schreibt in Gefangenschaft. Unter Aufsicht!

Sie schreibt unter ständiger Lebensgefahr! Klaartje jedoch schreibt unbeirrt, weil sie bereits zu ahnen scheint, dass sie hier ihr Vermächtnis zu Papier bringt, sie schreibt in den wenigen Stunden, die ihr eigentlich zum Schlaf und zum Kraft tanken dienen, weil sie zu ahnen scheint, dass ihr die Zeit fortläuft. Und sie schreibt schonungslos und von tiefem Fatalismus erfüllt. Sie weiß, dass es kaum noch schlimmer kommen kann, sie ist sich sicher, dass man sie nicht noch mehr verletzten kann und hat abgeschlossen mit der Vorstellung eines friedlichen Lebens an der Seite ihres ebenfalls deportierten, aber von ihr getrennten, Ehemannes.

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Das so entstehende Bild beschreibt den Tag der Deportation und den Schrecken der Inhaftierung. Klaartjes Beschreibungen sind so messerscharf, dass man sich dem Text an keiner Stelle entziehen kann. Sie reißt den Nazi-Machthabern und den eigenen Landsleuten, die mit ihnen kollaborieren, die Maske vom Gesicht. Sie schreibt aus der Perspektive einer entmenschlichten lebensunwerten Frau, die es hier mit ihren eigenen Worten allen zeigt. Jeder von ihr beschriebene Tag bohrt sich quälend ins Bewusstsein der Leser. Jeder Appell in der Kälte kriecht frostig in die eigenen Knochen.

Jede Provokation, jede Misshandlung und jede Drohung wird greifbar. Das Gefühl der völligen Hilflosigkeit und Verunsicherung bemächtigt sich des Lesers. Wutlesen ist das Motto unter dem wir uns von Seite zu Seite bewegen. Wissend, dass sie nur in der Lage war ein paar Wochen ihres Überlebens zu dokumentieren. Jedes Wort klingt wie eines der letzten Worte aus dem bald endenden Sprachschatz dieser einfachen Frau, die durch jedes Wort zu wahrer Größe aufsteigt.

Ihr geschärfter Blick lässt keine Fragen offen. Ihr Verstand klammert sich an ihren Bleistift. Das Schreiben selbst wirkt wie ein sich Bewusstmachen, dass man dies alles nicht träumt. An manchen Stellen können wir mit Klartje lachen, weil sie in ihrer klaren Sichtweise die NAZI-Gesellschaftsordnung völlig ad absurdum führt und demaskiert. An den meisten Stellen jedoch liest man hilflos, weinend, verzweifelt und erschüttert, weil der eigene Beschützerinstinkt versagt und die letzten Reste von Empathie auf Seiten der Mächtigen durch ihre Ideologie pervertiert sind. Man wird zum taumelnden Zeugen des Untergangs eines mutigen Lebens.

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Es ist unerträglich, sich vorzustellen, was Klaartje erleiden musste. Die perfide Strategie der Nazis geht jedoch bei ihr nicht auf. Sie ergibt sich nicht kampflos in ihr Schicksal. Sie weiß, dass die Gerechtigkeit irgendwann siegen wird. Oder zumindest hofft sie dies. Ihr Tagebuch gibt ihr in den schwersten Stunden Halt und sie gibt ihren Mitgefangenen Halt, da sie zulässt, dass ihre Zeilen in der Baracke gelesen werden.

Sie veröffentlicht sich selbst in dieser hermetisch abgeriegelten Leidenswelt. Die Prämisse ihres Schreibens ist die Hoffnung, dass nichts im Verborgenen bleibt. Und so wird jeder Satz zu einer Botschaft an uns. Jedes Wort hat Signalwirkung und mit jeder Faser ihres Geistes klammert sie sich an die Hoffnung, den letzten Weg nicht sinnlos gehen zu müssen. Vor dem Weitertransport nach Sobibor gelingt es ihr, das geheime Tagebuch ihrem Schwager Salomon zuzustecken, der sie bis zum Zug begleitet. Hier beginnt sich die Hoffnung zu erfüllen, auch wenn es lange dauern sollte…

Ich hoffe inständig, dass alles, was ich hier aufgeschrieben habe, einmal die Außenwelt erreicht.“

Mein geheimes Tagebuchvon Klaartje de Zwarte-Walvisch ist für mich eines der bedeutendsten Zeitzeugnisse aus der Zeit der Nazi-Diktatur. Es ist Anklage und Abrechnung zugleich. Es verdeutlicht die schrecklichen Automatismen der Vernichtung menschlichen Lebens durch eine „Herrenrasse“, die ihre wahre Fratze nicht verbergen kann. Klaartjes Tagebuch ist auch heute noch Mahnung an unsere Generationen, sich nicht über andere Menschen zu erheben, sie als minderwertig zu bezeichnen oder sie auszugrenzen. In den seichten und harmlos wirkenden Anfängen liegt die Gefahr, dass die alten Automatismen erneut zu greifen beginnen.

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch

Dieses Tagebuch spricht heute für sich selbst und legt Zeugnis ab. Es sind Worte aus der Hölle, die zu uns dringen und das Unfassbare greifbarer machen. Klaartje hat ihr Schreiben nicht überlebt. Sie hatte schon vom ersten Wort an keine Chance. Ihren Worten folgend spürt man in und zwischen den Zeilen, dass sie die Chancenlosigkeit sah, sich aber nicht von ihr besiegen ließ. Ihr Tagebuch muss gelesen werden. Es ist so wichtig, sich in Menschen hineinzuversetzen, die heute als Opfer gesehen werden. Der Weg durch die Hölle der Unmenschlichkeit ist und bleibt unbeschreiblich.

Ganz privat (und das sei mir hier gestattet) hat Klaartje viel mehr berührt. Sie war schon zum Zeitpunkt ihrer Deportation ins Zwischenlager schwer krank. Sie konnte nur essen, wenn sich ihre Speiseröhre nicht verkrampfte, was regelmäßig geschah. Meine Tochter verbindet diese Erkrankung mit Klaartje. Ich weiß, was es bedeutet, Hunger zu haben und nicht essen zu können. Ich weiß, was es bedeutet hätte, Lena ohne ärztliche Hilfe allein zu lassen. Ich weiß, wie sehr Klaartje gelitten hat, wenn sie das wenige Brot, das man ihr zuteilte nicht mal runterschlucken konnte. Mehr bringe ich nicht übers Herz an dieser Stelle. Und Tränen schreiben nicht.

Mein geheimes Tagebuch“ von Klaartje de Zwarte-Walvisch hat sich auf die Reise nach Dresden begeben, um dort unter der Überschrift „AstroLibrium – Die Nachlese“ von Verena gelesen zu werden. Ich danke für die Begleitung durch dieses Buch. Allein ist es sehr schwierig. Gerade in diesen Zeiten.

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch - Verenas Nachlese

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvisch – Verenas Nachlese

Die Nachlese mit Verena aus Dresden:

Ich bin sehr beeindruckt von Klaartje. Eine sehr starke Frau, die voller Hoffnung und Verzweiflung zugleich, oft sarkastisch festgehalten hat, was ihr und anderen Menschen widerfahren ist. Man hat das Gefühl neben ihr zu stehen, ballt beim Lesen unbewusst die Faust um irgend etwas gegen diese Menschenverachtung zu tun. Es rüttelt auf, egal wie intensiv sich jemand mit diesen Jahren beschäftigt hat.

Hart, realistisch und schonungslos schreibt sie über ihre letzten Tage. Mit Anne Frank nicht zu vergleichen, denn hier schrieb eine Erwachsene. Meine Empfehlung wäre tatsächlich: Schullektüre ab Klasse 9/10. Durch Klaartjes harte Worte wird die Ernsthaftigkeit dieses Kampfes um das nackte Überleben real. Wieder einmal bin ich unglaublich traurig und wütend über jeden Menschen der sterben musste und leider auch heute noch muss. Ich danke dir für das Vertrauen und dieses gute Buch, das hier in Dresden eine Reise durch den Freundeskreis antreten wird.

Mein geheimes Tagebuch von Klaartje de Zwarte-Walvischund mehr...

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Gegen das Vergessen. Einer der absoluten Schwerpunkte meines Lebens.

AstroLibrium - Erzähl mir Deine Geschichte - Gegen das Vergessen

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