NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Wenn Zeitzeugen sterben, wird aus Zeitgeschichte Geschichte. Wenn die Quellen zu schweigen beginnen, verlieren wir den wichtigsten Maßstab für den Wahrheitsgehalt dessen, was in Sekundärquellen berichtet wird. Wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr zu uns sprechen, wenn wir ihnen keine Fragen mehr stellen, und wir ihren Warnungen nicht mehr folgen können, dann wird aus Geschichte Wissen aus zweiter Hand. Die Deutungshoheit über den real erlittenen Schrecken der Opfer liegt dann bei Menschen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Im schlimmsten Fall bei Zweiflern, politisch motivierten Leugnern und Populisten, die uns glauben machen wollen, nichts habe sich so zugetragen, wie wir denken. Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, öffnen sich die Tore, unwidersprochen zu behaupten, den Holocaust habe es nie gegeben.

Nur jetzt, nur heute sind wir noch in der Lage, den Opfern des Nationalsozialismus zuzuhören, ihnen zu begegnen und aus ihren Geschichten zu lernen. Nur jetzt sind wir in der Lage, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie Zeugnis ablegen. Vielleicht ein letztes Mal. Zu viele Zeitzeugen des Holocaust sind in den letzten Jahren gestorben. Bis zuletzt erzählten sie kraftvoll ihre Geschichten vor Schülern, besuchten Gedenkstätten gegen den Naziterror und richteten flammende Appelle an uns, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie gaben uns keine Schuld an den Verfolgungen von einst. Sie wollten nur, dass millionenfaches Sterben und Leid nicht umsonst sein sollten. Sie hofften, dass wir den Ausgegrenzten und Entwürdigten ihre Würde zurückgegeben würden. Sie hielten sich an uns fest, weil es nur in unseren Händen liegt, die Wahrheit für sie weiter in die Welt zu tragen, wenn sie es selbst nicht mehr können.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Auch Noah Klieger war einer von ihnen. Ein Überlebender. Ein verfolgter Jude, in dessen Geschichte das eigene Leben am seidenen Faden des Zufalls hing. Er sprach über seine Erlebnisse, er gab Interviews, diskutierte mit jungen Menschen und war bis zuletzt getrieben von der Mission, nichts möge in Vergessenheit geraten. Noah Klieger verstarb am 13. Dezember 2018 in Israel. Und heute? Schweigt er für immer? Gerät in Vergessenheit, was ihm damals in Auschwitz und in anderen Lagern widerfuhr? Nein. Einerseits kann man sein Zeugnis noch immer hören. Er gab Interviews, wurde gefilmt und schrieb selbst über sein Leben. Dass er niemals ganz in Vergessenheit gerät, ist sicherlich auch Takis Würger zu verdanken. Der Journalist und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, von dem man nicht behaupten kann, es sei ein „Buch über Noah KliegerNein. Es ist das Buch Noah, das er schrieb, weil er seine eigene Stimme in den Dienst eines Opfers des Holocaust stellte. Rechtzeitig, wie wir heute wissen.

Noah – Von einem, der überlebte

Warum jedoch sollten wir dieses Buch lesen? Man könnte sich Dokumentationen im Fernsehen und die Interviews mit Noah Klieger anschauen. Reicht das denn nicht aus? Eine schwere Frage, die eine komplexe Antwort verdient. Nein. Es reicht nicht aus. Ich habe sie mir angeschaut, die Momentaufnahmen seines Erinnerns. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte musste Noah zugleich formulieren, erinnern, denken und abwägen. Das Narrativ des Überlebens passte sich dem zeitlichen Rahmen des Formates an und weist immer wieder leichte Veränderungen auf. Mal stehen die Wunder im Mittelpunkt. Wunder, denen er das Überleben zu verdanken hatte. Dann wieder sind es die Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. Es bleiben eindringliche Momentaufnahmen, die unvergesslich sind. Takis Würger jedoch erweitert das Spektrum der Erinnerungen von Noah Klieger um die Dimension Zeit, die er mit dem Zeitzeugen verbrachte.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Es waren 2 1/2 Monate, die Takis Würger mit Noah Klieger in Tel Aviv verbrachte. Aus einer Momentaufnahme in Fernsehstudios oder Zeitungsinterviews wurde hier eine Dauerbelichtung der Erinnerung in der Dunkelkammer des Holocaust. Es ist jener nachhaltige Effekt, der sich in diesem Zeitzeugenbericht niederschlägt. Es ist nicht nur der Extrakt einer schnellen Verschlusszeit, den wir nacherleben dürfen. Es ist mehr. Im Nachwort zum Buch schreibt Alice Klieger, Noahs Nichte und letzte Blutsverwandte:

„Die Journalisten kamen normalerweise für einen Tag, oder eine Woche
und gingen wieder. Dieser war anders. Er blieb und hörte zu.“

Genau hier liegt das große Alleinstellungsmerkmal des nun vorliegenden Buches Noah – Von einem, der überlebteAus kürzester Distanz gelingt Takis Würger das Porträt eines Zeitzeugen, das nicht der Eile jeder Augenblicklichkeit unterworfen ist. Er beobachtete, hörte zu und schrieb dann, was sich hier dauerhaft verfestigt hatte. Takis Würger schrieb nicht seine Version der Geschichte. Er schrieb dazu:

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Genau an dieser Stelle lasse ich euch inhaltlich mit dem Buch alleine. Genau hier muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, einem Überlebenden in dessen Geschichte zu folgen. Auschwitz, Josef Mengele, Zwangsarbeit bis zur Vernichtung, Ravensbrück, Todesmärsche, Willkür und systematische Entrechtung sind die Wegmarken, die hier gesetzt sind und in denen sich das Leben von Noah Klieger abspielt. Es sind relevante Aspekte, die er beleuchtet. Die Hilflosigkeit, die brutale Gewalt und auch der Großmut einiger Weniger, die ihm geholfen haben. Es ist die Erkenntnis, nach dem Ende eines Vernichtungskrieges nicht frei zu sein. Es ist der nachvollziehbare Wunsch, endlich in einem Land leben zu wollen, in dem man sicher ist. Es ist die zionistische Perspektive des Überlebenden, die man verstehen kann. Und es ist die Geschichte einer weiteren Flucht an Bord eines Schiffes, das zum Synonym für nicht enden wollendes Leid steht: „Exodus„.

Wer diesen Weg mit Noah Klieger und Takis Würger geht, wird verstehen, warum diese Geschichte niemals vergessen werden darf. Hier ist nicht nur von Noah die Rede. An den Kreuzungen zwischen Leben und Tod wird auch jenen Menschen gedacht, die durch ihren Mut Leben gerettet haben. Hier zeigt sich wozu man fähig ist, wenn man es wirklich will. Die große Stärke dieses Buches und der große Unterschied zu Interviews mit Noah Klieger ist seine eigene Positionierung in diesem Medium. Bisher hatte er die Fragen zu beantworten. Hier stellt er sie. Hier wendet sich der Überlebende mit einem Fragenkatalog an uns, an seine Nachwelt, an alle Menschen. Und er fragt sich selbst, ohne Antworten zu finden:

„Wie kann ein normaler Menschen begreifen, dass er plötzlich in der Hölle ist?
Wie kann ein Mensch das verkraften?

„Wieso folgt ein Volk einem dahergelaufenen Anstreicher,
einem Österreicher, der aussieht wie eine Karikatur?“ 

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Ich werde Noah Klieger nicht vergessen. Ich werde auch die Menschen nicht mehr vergessen, die seinen Schicksalsweg teilten. Eva Mozes Kor oder Max Mannheimer. Ich habe Überlebende des Holocaust kennengelernt, mit ihnen gesprochen und weiß wie sehr die offenen Fragen auch ihr Leben beeinflusst haben. Takis Würger hat sich in diesem Buch sehr weit zurückgenommen. Er lässt es für sich und Noah sprechen. In der Vergangenheit hat er viel Kritik für seine literarische Methodik eingesteckt. „Stella“ habe auch ich vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. „Noah“ ist aus meiner Sicht ein wichtiges und großes Buch, weil es inhaltlich und methodisch über jeden Zweifel an seiner Entstehung und Intention erhaben ist. Es ist das Buch von Noah. Das sollten wir nicht vergessen. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und die erfüllte Hoffnung von Noah Klieger, man möge sich erinnern. Das ist die Essenz dieses Werks.

Der Tradition der mündlichen Überlieferung folgt nicht nur Takis Würger, ihr folgt auch die aufwendige Umsetzung seines Buches in seiner Hörbuchfassung. Was sich eigentlich anfühlt, wie eine Geschichte, die von einem Sprecher erzählt werden müsste, wird zu einem mehrstimmigen Kanon, der sich in mir eingebrannt hat. Jedes der vier Buchkapitel wird von einem Sprecher gelesen. So entsteht ein bleibender Eindruck der Staffelübergabe jenes Erlebnisberichts von einem Menschen zum nächsten. Höhepunkt dieser Inszenierung ist der Teil, in dem sich Noahs Fragen Raum verschaffen. Es sind viele Stimmen, die diese Fragen stellvertretend für ihn stellen. Es sind letztlich wir selbst, die hier zu Fragenden werden. Hier wird deutlich, dass uns alle dieses Buch angeht. Es mag die Geschichte eines Einzelnen sein und doch ist es die Geschichte vieler, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Hier erreicht das Hörbuch eine ungekünstelte Wucht, die zeigt, was Stimmen bewegen können. Eine eigens den Nachworten gewidmete CD rundet diesen Gesamteindruck ab. Herausragend.

Noah – Von einem der überlebte“ – ungekürzte Lesung mit Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras, Anna Thalbach, Takis Würger. Drei Stunden und 30 Minuten gegen das Vergessen vertiefen den Eindruck, den Noah Klieger selbst immer wieder in den Mittelpunkt stellte:

„Ich weiß, es ist schwer zu verkraften, 
aber es war so.“

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Adressat unbekannt. Die Geschichte ist nicht neu. Der Briefroman von Kressmann Taylor wurde bereits 1938 in der New Yorker Zeitung Story und dann im Folgejahr als Buch im US-Verlag Simon & Schuster publiziert. Katherine Taylor musste dabei ihr wahres Geschlecht hinter dem maskulinen Pseudonym „Kressmann“ verschleiern, da ihr Verleger der Meinung war, dass ein höchst politischer Text von einer Frau in dieser Zeit nicht ernst genommen würde und keine Beachtung fände. So kam es, dass dieser epochale und aufrüttelnde Briefroman über das Zerbrechen einer Freundschaft bis in unsere Zeit einem „intelligenten und vorausschauenden Schriftsteller“ zugeschrieben wird. Was für ein Irrtum, welch literarische Fehleinschätzung.

Ihr Briefroman war so politisch, wie ein Roman nur sein konnte. Er traf die Nation mitten ins Herz, weil die Autorin das Schicksal jüdischer Immigranten ins Zentrum der Erzählung stellte, die sie ihren Mitbürgern um die Ohren schlug. Man verhielt sich noch zurückhaltend gegenüber dem Nationalsozialismus in Deutschland. Man ignorierte alle Aufrufe der jüdischen Gemeinden angesichts aufkommender Gerüchte über Pogrome, Verfolgung und die geplante Massenvernichtung jüdischen Lebens. Man setzte auf gute wirtschaftliche Beziehungen zum Dritten Reich und wollte vermeiden, dass in Berlin als Störfeuer empfunden wurde, was eigentlich Humanität hieß. Und dann kam sie. Dann kam „Adressat unbekannt“ und demaskierte die Nazi-Diktatur mit einem Schlag und auf ganz wenigen Seiten.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Kressmann Taylor lässt in diesem legendären Briefwechsel zwei deutsche Freunde zu Wort kommen. In San Francisco betrieben sie eine gut gehende Kunstgalerie, bevor Martin Schulse 1932 nach Deutschland zurückkehrte. Vierzehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zieht es ihn nach Hause. München ist sein Ziel. Sein jüdischer Geschäftspartner bleibt in San Francisco und führt von dort das gemeinsame Geschäft. Max Eisenstein schreibt nach Bayern. Er schreibt vom Fehlen seines Freundes, vom Erfolg der Galerie und ist interessiert an der politischen Entwicklung der gemeinsamen Heimat. Es sind emotionale Briefe, die München und San Francisco verbinden. Bis der Ton beginnt, zunehmend politisch zu werden.

Während sich Max Eisenstein zunehmend besorgt über die Machtergreifung der Nazis äußert, muss er den Worten seines Freundes aus München entnehmen, wie es den neuen Machthabern immer mehr gelingt, das Land, die Gefühle und den Hass im Sinne dieser Ideologie zu kultivieren. Es ist ein schleichender Prozess, der von Martin Schulse Besitz ergreift. Er gerät ins Schwärmen, wenn er über die neue Stärke seines Heimatlandes schreibt. Man spürt, wie sehr er Partei ergreift und wie sich die Diktatur langsam um ihn schließt und ihn in einem braunen Kokon verschwinden lässt. Als Max Eisenstein beginnt, besorgte Fragen über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung zu stellen, zeigt ihm sein Freund die kalte Schulter. Indoktriniert bis in die Haarspitzen ist Martin auf dem besten Wege, Teil des Systems zu werden. Koste es, was es wolle.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Die Informationen über die Entrechtung der Juden in Nazi-Deutschland, die sich in diesen Briefen verbergen, sorgten in Amerika für Betroffenheit. Mehr jedoch nicht. Man war nicht bereit, dem Glauben zu schenken. Man ließ sich von Adolf Hitler einlullen und setzte auf Deeskalation. Kressmann Taylor besaß den Mut, über Judenverfolgung und die völlige Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus der deutschen Gesellschaft zu schreiben, als ihre eigenen Mitbürger die Wahrheit noch ignorieren wollten. Es war die Zeit, in der es auch dem großen Charlie Chaplin nicht gelingen wollte, sein Filmprojekt Der große Diktator zu finanzieren. Eine Zeit der Blindheit und Taubheit aller Sinne.

Kressmann Taylor lässt die Briefe eskalieren. Max Eisensteins Sorge um Griselle bestimmt seine Texte. Die eigene Schwester befindet sich in Deutschland, sie fühlt den Atem der Nazis in ihrem Nacken, ihre Zeit als Schauspielerin endet mit Beschimpfung und Berufsverbot. Sie fühlt sich verfolgt. Max bittet seinen Freund um Hilfe. Er fleht ihn an. Er empfiehlt seiner Schwester bei Martin Schulse in München Zuflucht zu suchen. Brief um Brief bittet er seinen „guten Freund“, Griselle zu helfen. Die Antworten sind erschütternd. Sie beginnen mit der Begrüßungsformel eines echten Nazis. „Heil“ steht fortan für Distanz und Ablehnung. Als Eisenstein seiner Schwester verzweifelt schreibt, erhält er keine Antwort mehr. Sein Brief wird retourniert. „Adressat unbekannt„. Die Sorge steigt ins Unermessliche.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Diese Briefe zu lesen, ist sehr hart. Sich vorzustellen, wie viel Zeit der Ungewissheit zwischen ihnen liegt, zermartert die Leserseele. Und doch schützt das Lesen vor allzu großer Gefühlswallung. Man kann sich distanzieren, die Zeilen analysieren. Aus dieser Distanz wird das schier Unerträgliche zumindest ein wenig gemildert. Den immer mehr aufkommenden Hass in mir jedoch konnte ich auch lesend nicht unterdrücken. Das zu hören, es von zwei brillanten Stimmen gelesen zu hören, die sich in diese Geschichte fallen lassen, versetzte mich in atemloses Erschrecken. Die brutale Dynamik der Briefe erhält in der Hörbuchproduktion „Adressat unbekannt“ aus dem Hause ZYX Music in genau einer Stunde eine neue Dimension des literarischen Nachempfindens.

Es ist Matthias Brandt, Grimme Preisträger, Bambi-Besitzer, Deutscher Hörbuchpreis ausgezeichneter Willy-Brandt-Sohn, Schauspieler und Schriftsteller, der seine Stimme für Max Eisenstein ins Gefecht wirft. Versachlicht und verbindlich beginnt sein Lesen in der Zeit, in der sich die Freunde nur Gutes schreiben. Aufgewühlt, zerrissen, flehentlich und verzweifelt appelliert er in den Briefen an den Freund in Bayern, der Schwester zu helfen. Matthias Brandt legt alle Emotionalität in seinen Vortrag, der es bedarf, um sich in den Juden Eisenstein hineinversetzen zu können. Das gelingt ihm bravourös. Seinen Appellen sitzt im Studio Stephan Schad gegenüber, der sich in seinem Tonfall zu dem glühenden Verehrer des Führers entwickelt, den man sich lesend nicht besser denken kann. Er wird härter, distanziert und egoistisch. Brutal wird die Sprache, brutal wird die Stimme. Der Egoismus eines ideologisch Verblendeten kann besser nicht interpretiert werden.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Als Kressmann Taylor das Blatt wendet, wenden sich auch die Stimmen. Aus der besorgten Eisenstein-Stimme wird der brutale, sein Gegenüber sezierende Rächer, in dessen Tonlage sich ein tödlicher Plan widerspiegelt, der das Nazi-System und seinen Freund mit den eigenen Waffen schlägt. Währenddessen kultiviert Stephan Schad sein Atmen zum Stilmittel des Erkennenden, des sehenden Auges in den Untergang und in den Tod Getriebenen. Die Rollen wechseln. Die Sprecher agieren, als wären sie selbst involviert. Es ist bedrückend und faszinierend zugleich, miterleben zu dürfen, wie sich die zeitlose Botschaft von Kressmann Taylor nun auch sprachlich Bahn bricht.

Am Ende hört man atemlos die letzten Umdrehungen der CD. Man wagt es kaum, die Stopp-Taste zu drücken. Es ist ein magischer Moment. Sei dir nicht sicher in dem System, das auf der Basis der Entrechtung von Menschen funktioniert. Eine Diktatur frisst alles auf, was ihr im Weg steht. Dieses Wissen muss man nutzen, um gegen sie zu kämpfen. Kressmann Taylors Botschaft ist tragfähig, auch wenn sie die Rache im Herzen trägt. Diese Rache jedoch ist ein Signal für all jene, die denken, sie wären im Herzen des Nazi-Gedankenguts sicher. Eine Botschaft, die auch heute noch trägt.

Raumpatrouille von Matthias Brandt - Astrolibrium

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Nehmt euch eine Stunde Zeit. Ihr werdet sie nie vergessen. Mehr zu diesem Thema findet ihr in meiner Blog-Kategorie „Vergissmeinnicht. Gegen das Vergessen„. Mehr zum Autor Matthias Brandt findet ihr in meiner Rezension zur „Raumpatrouille„. Hier schreibt es, wie ihm der autobiografische Schnabel gewachsen ist. Ein Brandt-Buch…

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – A.L. Correa

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust ist ein Wagnis. Es besteht gerade bei Romanen die Gefahr, in eine verkitschte Darstellung der Verfolgung von Regimegegnern und ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen abzudriften. Allzu oft ist die Realität des menschenverachtenden Nationalsozialismus dann nur die Kulisse, die ein Schriftsteller benötigt, um eine Herzschmerzgeschichte zu erzählen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Zeitgeschichte zu Geschichte wird, weil die Zeitzeugen sich nicht mehr äußern können, wird die Grenze zum „Holokitsch“ und zur romantisierten Form der literarischen Aufarbeitung häufig überschritten. Ich stehe dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber und versuche weiterhin beharrlich, jene Romane zu finden, die den hohen Anforderungen an die seriöse Auseinandersetzung mit einem Genozid gerecht werden.

Die verlorene Tochter der Sternbergs von Armando Lucas Correa gehört in die Phalanx der Romane, die nicht nur das Etikett „nach einer wahren Geschichte“ tragen, sondern sich dieser authentischen Vorlage tatsächlich verschrieben haben, um uns die Geschichte zu erzählen, die ansonsten niemand mehr niederschreiben könnte. Es geht nicht um die Symptome einer menschenverachtenden Ideologie. Es geht nicht um eine herzzerreißende Erzählung, die ihre Leser zu Tränen rührt. Hier geht es nicht um eine Geschichte, die uns packen soll, Spannungsbögen zur Dramatisierung konstruiert und in deren Verlauf wir auch noch unterhalten werden. Ganz im Gegenteil. Correa bedient sich stilistisch einer wenig emotionalen und angenehm sachlichen Beschreibung, der man ohne Ablenkung folgen kann, um das wahre Ausmaß der Ereignisse zu ermessen.

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Die Sternbergs werden im Berlin der 1930er Jahre von der Machtübernahme der Nazis überrollt, so wie es ihren jüdischen Mitbürgern ergeht. Es ist die schleichende Entrechtung, die wir an ihrem Beispiel erleben. Es sind die Einschränkungen im Alltag, die das Familienleben immer enger eingrenzen. Es ist die absolut fatale Hoffnung einer Familie, am Ende mit einem blauen Auge davonzukommen. Es ist die Fehleinschätzung der Eltern zweier kleiner Töchter, dass die Nazis nicht so weit gehen würden, wie man es in ihrem Umfeld behauptet. Erst als die Bücher des eigenen Buchladens in Flammen aufgehen und der eigene Ehemann ins Konzentrationslager verschleppt wird, sieht sich Amanda Sternberg in der Ausweglosigkeit der Situation dazu gezwungen, alles hinter sich zu lassen und mit ihren Töchtern zu fliehen.

Hier beginnt eine Odyssee, die den Entwurzelten alles nimmt, was ein normales Leben ausmacht. Hier wird eine Mutter vor die schwierigsten Entscheidungen gestellt, die man sich auch nur näherungsweise vorstellen kann. Eine Schiffspassage ist schon organisiert, alles verläuft nach Plan und doch scheitert die Flucht, wie so viele in dieser Zeit. Es gelingt Amanda nicht, ihre beiden Töchter ins sichere Kuba zu schicken. Im letzten Moment bringt sie es nicht übers Herz, sich von ihrer jüngsten Tochter Lina zu trennen und vertraut nur ihre sechsjährige Tochter Viera einem fremden Ehepaar an. Hier trennen sich die Lebenswege zweier Geschwister. Und nicht nur das. Das ist der Beginn einer Geschichte von Identitätsverlust, der Verleugnung des eigenen Glaubens und einer Zukunft, in der die Familienbande wie lose Enden in der Geschichte hängen.

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Es ist aber auch die Geschichte der wenigen aufrechten Helfer, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um verfolgte Juden zu retten. Es ist die Geschichte Frankreichs, das sich als Zufluchtsort anbietet und tragischerweise zur Todesfalle mutiert. 1939 schien es so, als wäre der Nationalsozialismus weit weg. Für Amanda und ihre Tochter Lien jedoch rückt die Gefahr immer näher. Das kleine Örtchen, in dem sie Zuflucht und Anschluss finden, gerät nach dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich ins Zentrum der Gewalt. Correa erzählt komplex, verwebt diese Familiengeschichte mit den Geschehnissen im besetzten Frankreich und engt den Freiraum von Mutter und Tochter immer mehr ein. Als sich schließlich die SS bei Vergeltungsaktionen gegen die Zivilbevölkerung wendet, wird das Massaker von Oradour-sur-Glane zum Fanal für die beiden Sternbergs, aus dem es kaum ein Entrinnen geben kann.

Armando Lucas Correa bleibt in seinem Roman nicht an der Oberfläche. Er taucht in die Tiefe der Urängste von Eltern ein, denen es nicht gelingt, ihre eigenen Kinder zu retten. Er versetzt uns in die Lage der Menschen, die vor die Wahl gestellt werden, für fremde Kinder Verantwortung zu übernehmen oder sie ihrem Schicksal zu überlassen. Correa stellt in seinem Roman Wegweiser auf, an denen man sich zu entscheiden hat, ob der eigene moralische Kompass funktioniert oder ob wir vor Angst versagen würden. Bei aller Hoffnung, die man schöpfen kann, bei aller Großherzigkeit, die man auf diese Weise erlebt, muss man immer wieder die Augen vor der Realität verschließen, da die Rettung von Kindern in dieser Zeit mit dem Verlust ihrer Geschichte verbunden war. In vielen Überlebensberichten decken sich diese Erkenntnisse. Jüdische Kinder mussten katholisch werden, um sie zu tarnen. Sie mussten die Namen ändern, um zu überleben. Und danach? Nach dem Krieg? Nach dem Ende des Wahnsinns? Wird es die Chance geben, die Kinderfotos von einst wieder in das echte Familienalbum zu kleben?

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Armando Lucas Correa lässt diese Frage nicht unbeantwortet. Er knüpft in seinem aufwühlenden Roman an die Geschichten vieler „Cut-Out-Children“ an, die aus ihren Stammbäumen ausgeschnitten werden mussten, um sie zu retten. Viele von ihnen sind wohl noch heute ahnungslos, weil sie adoptiert wurden und alle Verbindungen zu ihren eigentlichen Eltern in den Krematorien der Nazis in Rauch aufgingen. Wer die Identität verliert, hat keine eigene Geschichte zu erzählen. Wer am Ende seines Lebens nur am Ende des Lebens einer anderen Person angelangt, der ist auch heute noch ein Opfer einer Ideologie, die längst der Geschichte angehören sollte. Sollte! Diesen Fingerzeig auf unsere Zeit finden wir auch in Correas Buch. Namenlose Flüchtlinge gehören fast schon wieder zum Alltag unserer Zeit. Denken wir an ihre Stammbäume und Familien. Denken wir daran, wer diese Kinder von heute im Alter von 90 Jahren sind.

Diesen Zeitsprung wagt Armando Lucas Correa in seinem Roman Die verlorene Tochter der SternbergsEr verbindet Zeitebenen und Geschichte, in dem er sie neu schreibt. Er lässt uns staunen, wem wir im Jahr 2015 in New York begegnen. Er lässt uns fast atemlos dabei zuschauen, wie eine alte Dame auf Nachrichten reagiert, die in ihrem Leben nicht mehr damit gerechnet hätte, eine Geschichte zu entdecken, die sie seit mehr als 70 Jahren verdrängen wollte. Es sind Briefe aus der Vergangenheit, die sie über einen unglaublichen Umweg erreichen. Ein Wendepunkt in einer Geschichte, die so unglaublich ist, dass sie nur vom wahren Leben so geschrieben werden konnte. Er lässt uns verwundert die Augen reiben, als wir erkennen, dass die Lebensweisheit eines Vaters die Zeit überdauert hat und etwas verbindet, was für immer getrennt war:

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Wenn du Angst hast und spürst, dass dein Herz rast, dann fang einfach an, die Herzschläge zu zählen. Zähle sie und konzentriere dich auf jeden Einzelnen…

Das Herzschlagfinale einer Geschichte, die sich in meinem Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen einen wichtigen Platz erobert hat, und sich inmitten von Büchern wiederfindet, die von Kindern erzählen, denen nicht nur die Familien geraubt wurden, bewegt gerade in Zeiten eines aufflammenden Neo-Antisemitismus und bleibt nicht ohne Wirkung. Kinder ohne eigene Geschichte, keine Seltenheit:

Sonnenschein
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Junge ohne Namen

Mein Lesen geht weiter. Mein Schreiben setzt sich fort. Wir vergessen die Namen nicht, wir bleiben den Schicksalen auf der Spur. Wir erinnern… 

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Wenn ich über verlorene Mädchen schreibe, ist es mir meist schwer ums Herz. In meinem Lesen bin ich vielen realen und fiktiven Schicksalen begegnet, die mir speziell als Vater sehr nah gegangen sind. Ich habe diesen Lost Girls eine eigene Kategorie in der kleinen literarischen Sternwarte gewidmet und habe die Suche nach ihnen nie ganz aufgegeben. Zu viele Geschichten erzählen von ihnen. Zu viele Mädchen gehen in und zwischen den Zeitfalten der Weltgeschichte verloren. Insbesondere in den dunklen und menschenunwürdigen Epochen der jüngeren Vergangenheit verlieren sich ihre Spuren. Deportationen, Genozide und die Auslöschung ganzer Familienstammbäume zeichnen dafür verantwortlich, dass sie verloren bleiben. Namenlos zumeist, ohne Identität, ohne eigene Geschichte. Ich schrieb sehr viel darüber…

Das Mädchen mit dem Poesiealbum steht stellvertretend für die realen Schicksale, die zur Zeit der Judenverfolgung unter dem Nazi-Regime zu beklagen sind. Holocaust. Ein schrecklicher Begriff für das Unaussprechliche. Mir ist bewusst, dass der Fokus auf den „Verlorenen Mädchen“ niemals die anderen Opfer ausblenden darf. Und doch bin ich, gerade als Vater einer wundervollen Tochter, emotional besonders betroffen, wenn ich ihnen begegne. Sie verdeutlichen die Wucht der Auslöschung ganzer Generationen. Sie mahnen uns und stehen für alles, was wir heute nicht mehr erleben wollen. Hier ist die literarische Aufarbeitung der Vergangenheit von besonderer Wichtigkeit. Und wem die realen Schicksale zu nahegehen, der sollte in der anspruchsvollen Fiktionalisierung eine Chance sehen, sich anzunähern. Lesen gegen die Namenlosigkeit und das ewige Vergessen ist ein gehaltvolles und wichtiges Lesen.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Ich möchte Euch heute ein besonderes Mädchen vorstellen. Und, so unglaublich diese Geschichte auch klingen mag, sie ist doch in der Lage, uns einen emotionalen und nachhaltigen Zugang zu einem Opfer des Nationalsozialismus zu gewähren. Diese unschuldige Seele erlangt im Roman von Martin Horváth eine Dimension, die in einer fiktionalisierten Figur selten zu finden ist. Sie überschreitet Grenzen des Vorstellbaren. Genau hier liegt die Stärke dieses Romans. Hier liegt die Stärke eines Romans. Denn Literatur darf alles. Sie darf Ebenen verschwimmen lassen, Illusionen und Traumbilder zur Realität erheben und Wege aufzeigen, die unser Verstand verweigert. Literatur ist hier Wegbereiter eines neuen Denkens. Dieses Mädchen wird zum Synonym für diese gewagte und doch gelungene Form der Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die auch heute noch nach uns greift. Gebt diesem Mädchen eine Chance.

Mein Name ist Judith“. Mit diesen Worten stellt sich uns ein 10-jähriges Mädchen vor, das aus der Zeit gefallen scheint. Wir begegnen Judith im Wien des Jahres 2023. Über der Stadt hängt nach terroristischen Anschlägen der Schatten des Ausnahmezustands. Panzer auf den Brücken. Polizei an allen Ecken und Enden. Angst geht um. Der Autor León Kortner verlor bei einem der Anschläge Frau und Tochter. Seine Welt ist aus den Fugen geraten. Nun versucht er, einen Roman über eine jüdische Familie zu schreiben, die in seinem Haus eine Buchhandlung betrieb, bis sie von den Nazis vertrieben wurde. Ein Verlorener schreibt über Verlorene. Über Menschen, die zwar ihr Leben retten und ins Ausland fliehen konnten, die aber doch ein Opfer brachten, das bis heute an ihnen nagt. Sie haben die jüngste Tochter zurückgelassen. Ihr Schicksal ist ungeklärt. Judith Klein, ihr Name.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Als plötzlich ein Mädchen in der Küche von León Kortner auftaucht, sich als Judith vorstellt und in jeder Hinsicht wie eine Scheingestalt aus dem letzten Jahrhundert wirkt, kommt der Schriftsteller völlig aus dem Tritt. Sie ist zehn Jahre alt. Sie trägt altmodisch wirkende Kleidung und besteht beharrlich darauf, dass der Buchladen im Erdgeschoss ihren Eltern gehört. Nur, da ist nichts mehr. Keine Spur von der alten Buchhandlung. In tiefster Verwirrung, ob er träumt oder ob alles real ist, beschäftigt sich León Kortner mit dem Mädchen. Judith nimmt einerseits die Rolle seiner toten Tochter ein, andererseits fühlt sich León in der Lage, ihr die Geschichte ihrer verlorenen Familie zu erzählen. Ein schmerzhafter Prozess, der von Ausflüchten über Lügen bis hin zur Wahrheit führt. Die Wahrheit, die auch den Verbleib von Judith Klein erklärt.

León Kortner nimmt die Rolle des unzuverlässigen Erzählers ein. Er bezweifelt, in seinen Wahrnehmungen richtig zu liegen. Er gesteht sich selbst zu, dass Judith nur ein Geist sein kann. Ich mag diese unzuverlässige Perspektive nicht, weil sie einem Autor jede Fluchtmöglichkeit aus einem Roman ermöglicht. Martin Horváth jedoch zelebriert diese Sichtweise so intensiv, dass Realität, Trugbilder und Träume zu einem plastisch wirkenden Bild verschmelzen. Letztlich ist es egal, ob es Judith in dieser Form gibt. Wir lernen sie kennen, wir lernen die Geschichte der Kleins kennen. Schnell schließen sich alle Kreise zu den Geschichten verlorener Kinder in Zeiten von Verfolgung, Flucht und Krieg. Sehr schnell wird deutlich, was Judith mit so vielen Mädchen gemeinsam hat, die man vor dem Zugriff der Nazis retten wollte.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth ist ein äußerst ungewöhnlicher, jedoch nicht minder fesselnder Roman über Verlust, Einsamkeit und niemals verheilte Wunden aus der Vergangenheit. Wer am Verstand von León Kortner zweifelt, der sollte auch am kollektiven Verstand der Menschheit zweifeln. Aus der Geschichte zu lernen, gehört zu den absoluten Fremdwörtern unserer Gesellschaft. Auch im Wien des Jahres 2023 wird Fremdenhass zur Methode. Terror, Ideologien und Ausgrenzung bestimmen den Alltag. Daneben wirkt die Geschichte dieses Mädchens, das wie in einer Zeitschleife gefangen ist und verzweifelt nach seiner verlorenen Geschichte sucht, wie eine kleine Unwucht in der Unendlichkeit. Und doch dominiert Judith diesen Roman. Sie stellt ihre Fragen wohl für alle Kinder dieser Welt, die im Niemandsland gestrandet sind.

Martin Horváth streut Geschichten in seinen Roman ein, die sich wie ein Buch im Buch lesen. Es sind die Verarbeitungstexte von Judiths Bruder, der sich nur schreibend und ganz in sich zurückgezogen mit dem Verlust der kleinen Judith, seiner Schwester, beschäftigen konnte. Es sind diese Texte, die schwer im Magen liegen. Sie strahlen im Buch wie leuchtende Fackeln gegen das Vergessen. Wir werden von Seite zu Seite zu Zeugen eines Heilungsprozesses in der Psyche von León Kortner. Hier zeigt sich, dass man über Verlust reden und schreiben muss. Man darf nichts verschweigen, denn nur, wenn man etwas totschweigt, wird es vergessen werden. Ein sinnstarker Roman, dem eine Dynamik innewohnt, die nicht mehr lockerlässt. Ein Roman voller Bilder, die mich verstört, zerstört und wieder aufgerichtet haben.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith“ von Martin Horváth ist eine literarische Ausnahmeerscheinung auf ganzer Linie. Sprachlich präzise und doch verträumt und verwundert. In seiner vom Autor gewählten Perspektive absolut einzigartig und in der Botschaft signifikant. Wenn man an Judiths Existenz glaubt, dann sieht man tausende von Kindern vor sich, denen wir Antworten schulden. Kinder, die uns in einer Parallelwelt begleiten. Fast können wir sie sehen, in den Wohnungen, in denen sie einst lebten. In den Städten, aus denen sie vertrieben wurden. Verlorene Kinder. Verlorene Mädchen. Es würde mich beruhigen zu wissen, dass ihre Schicksale zählbar sind. Das ist nicht der Fall. Freundet Euch mit der kleinen Judith an und passt auf sie auf. Sie ist einzigartig!

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Kinder mit Stern

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Bald werde ich mich auf einem anderen Kontinent mit verlorenen Kindern unserer Zeit auseinandersetzen. Ihre Zahl scheint wieder zu wachsen. Ob wir je ihre Fragen beantworten können? In welcher Sprache auch immer. Bald sind es mexikanische und andere südamerikanische Kinder, die auf der Suche nach ihren Eltern an einer Grenze stranden, an der man heute gerne eine Mauer errichten würde. Trump lässt grüßen.

Das „Archiv der velorenen Kinder“ – hier geht´s zur Rezension…

Das Archiv der verlorenen Kinder - Bald auf AstroLibrium

Das Archiv der verlorenen Kinder – Bald auf AstroLibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Es ist das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust, das für mich im Mittelpunkt steht. Es ist das wohl zentralste Thema meines Blogs und im Laufe der Zeit haben sich zahllose Bücher in die Kette des Erinnerns eingereiht. Einige von ihnen verdienen ein besonderes Prädikat, weil sie in ihrer Perspektive und Struktur einzigartig sind. „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sich dieser auf Tatsachen beruhende Roman in die Phalanx jener Bücher schieben würde, die mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal versehen sind. Dies erschließt sich tatsächlich auf den zweiten Blick und natürlich beim Lesen.

Es ist der Originaltitel, der mich nachdenklich machte. Frei aus dem Norwegischen übersetzt lautet er: „Das Lexikon von Licht und Dunkelheit“. Hier erschließen sich in seinem Kontext sowohl die Struktur des Buches als auch sein Inhalt. Denn während ich mich beim deutschen Titel „Vergesst unsere Namen nicht“ direkt von einem der Opfer angesprochen fühle und den Appell an das Erinnern fast wörtlich spüre, lenkt mich der Originaltitel in eine andere Richtung. Er fühlt sich nicht an, wie ein Opferroman-Titel. Er wirkt facettenreicher und dunkler und möchte gerne beim Wort genommen werden. Ich halte diesen Titel für den eigentlichen Türöffner zu diesem Roman, weil er inhaltlich im direkten Zusammenhang zur Geschichte steht, die Simon Stranger erzählt.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Wann liest man schon mal ein Buch über die Judenverfolgung im Dritten Reich, das die Psychologie des Täters in den Vordergrund stellt? Wann kann man eintauchen in Denkwelten von Menschen, die sich schuldig gemacht haben und wo findet man die nachhaltigen Motiv-Spuren der Täter? „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell stellt bis heute eine absolute Ausnahme dar. Bis zur Veröffentlichung dieses Romans. Es ist der norwegische Autor Simon Stranger, der sich auf Spurensuche in seiner Familie im besetzten Norwegen des Zweiten Weltkriegs begibt. Es ist historisch verbrieft, wessen Spuren er folgt. Es sind die Verwandten seiner Ehefrau, denen er mit seiner Recherche einen Platz in der Familie zurückgibt, den die Nazis ihnen gestohlen haben. 

Es sind die jüdischen Vorfahren seiner eigenen Ehefrau, die direkt und indirekt zu Opfern wurden. Verraten, liquidiert, traumatisiert und fürs Leben gezeichnet. Es ist die verstörende Geschichte von Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz waren und für sie nimmt dieses Buch die Rolle eines Stolpersteins ein, der uns heute dazu anhalten soll, diese Menschen nicht zu vergessen. Er erzählt die Geschichte des Urgroßvaters seiner Frau. Hirsch Kommissar, der im Rahmen einer Vergeltungsaktion der Nazis inhaftiert und erschossen wurde. Er nimmt sich die Zeit, nicht nur ihre Familie in ihrer lebensbedrohlichen Lebenssituation zu beschreiben. Er geht weiter und gliedert sein Buch nach den Buchstaben des Alphabets. 26 Kapitel. Von A bis Z. Ein Lexikon von Licht und Dunkelheit, in dem die Dunkelheit überwiegt….  

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Hier wird aus einem Opferroman ein Täterroman. Simon Stranger kann nicht anders, als einen der Hauptverantwortlichen der Verfolgung zu sezieren und bis auf die Fasern seines Charakters zu zerlegen. Es handelt sich um Henry Oliver Rinnan, den Agenten der Gestapo, der mit seinen Opfern ein perfides Spiel spielte. Sein Hauptquartier lag in Trondheim und ist auch heute noch als Bandenkloster bekannt. Hier ließ er verhören, foltern und morden. Hier spielten sich die brutalsten Schrecken ab. Verborgen vor den Augen der Welt. Simon Stranger gibt sich nicht damit zufrieden, über diese Untaten zu schreiben. Ihm gelingt mit seinem Psychogramm eines Täters ein Literatur-Meilenstein zum Verständnis der damaligen Zeit.

Von A bis Z durchleuchtet er das Leben des künftigen Täters, zeigt ihn als wenig akzeptierten jungen Mann, der um Anerkennung buhlt. Er beschreibt einen Underdog, dem es in seiner Heimat unter Seinesgleichen nie gelingen würde sozial aufzusteigen. Hier kommen ihm die Nazis gerade recht. Hier wittert der Mitläufer seine Chance und beginnt in Diensten der Gestapo ein Doppelagentenspiel. Er erschleicht sich Vertrauen auf der Seite des Widerstands, lässt sich Verstecke jüdischer Flüchtlinge zeigen und ist dann der unersetzliche Faktor im ideologischen Vernichtungskrieg, wenn er alles verrät, was ihm eigentlich heilig sein sollte. Diese Macht korrumpiert ihn und macht ihn selbst zum Folterer und Mörder.

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Simon Stranger legt den Finger in alle Wunden. Er zeigt die Charakterlosigkeit eines Menschen, der die Haltung wechseln kann, wie eine Fahne im Wind. Erschreckend ist hierbei, dass klar wird, dass genau dieser Henry Oliver Rinnan auf der richtigen Seite in Reihen des norwegischen Widerstands gekämpft hätte, wäre er dort wertgeschätzt worden. Eine typische Täter-Karriere. Ein Stereotyp des Mitläufers, der sich bereitwillig schuldig macht. Das Ego siegt über das Gewissen. Als ausgerechnet die Familie des ermordeten Hirsch Kommissar nach Ende des Krieges im Bandenkloster unterkommt, weil das Haus zum Verkauf steht, reißen die geschichtsträchtigen Wände die Wunden wieder auf. Ein Haus des Schreckens, das fortan in der Familie Angst und Schrecken verbreitet.

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen und noch weniger leicht zu verkraften. Wenn man die Perspektive der Opfer eingenommen hat, wird man urplötzlich mit einem Täter konfrontiert, der sich dominant in den Vordergrund drängt. Das jedoch ist die wichtigste und größte Leistung dieses Buches. Es beschreibt historisch präzise und wird nur dort fiktional, wo die tatsächlichen Aufzeichnungen Interpretationsspielraum für Dialoge und Gefühle lassen. Simon Stranger bewegt sich auf perfekt recherchiertem Terrain. Jeder, der von sich behauptet, er würde sich niemals von Macht korrumpieren lassen, müsste dieses Buch lesen. Jeder, dem es an Vorstellungskraft fehlt, wie leicht man Täter wird, sollte dieses Buch lesen.

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Und jeder, der denkt, man könne nichts gegen heutige Populisten unternehmen, der sollte nie vergessen, dass man einen Henry Oliver Rinnan lange genug in seinem Umfeld hätte auffangen und wahrnehmen können, anstatt ihn auszugrenzen, der sollte sich überlegen, ob man Rechtsradikale von heute lieber an den Rand drängt oder sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen und reden sollte. Eins der wohl wichtigsten und nachhaltigsten Bücher gegen das Vergessen, weil die Automatismen dieser Täterschaft ebenso beschrieben werden, wie die lebenslange Traumatisierung der Opfer. Hier liegt ein literarischer Stolperstein in unseren Händen.

Ein letztes Wort gilt der Übersetzung dieses Romans. Wenn es einem Übersetzer gelingt, ein Buch aus dem Norwegischen ins Deutsche zu transferieren, das nach den Buchstaben des Alphabets gegliedert ist, 26 norwegische Begriffe über die jeweiligen Kapitel stellt und diese in den Kontext des Gesamttextes einbettet, dann ist ihm Großes gelungen. Nicht viele der originalen Begriffe finden im Deutschen ihre Entsprechung. In vielen Überschriften musste das passende deutsche Wort aus dem Zusammenhang im folgenden Text gefunden werden. Dass die deutschen Leser nicht ins Stocken kommen und keine Plausibilitätslücken finden adelt Thorsten Alms. Hier kann man mit Fug und Recht behaupten, dass durch seine Übersetzung ein eigenständiges literarisches Werk entstanden ist. Chapeau…

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Vergesst unsere Namen Nicht von Simon Stranger / Eichborn Verlag / 350 Seiten / aus dem Norwegischen von Thorsten Alms / gebunden / 22 Euro – Hier finden Sie mehr Literaturempfehlungen „Gegen das Vergessen“ bei AstroLibrium…