Emma Bonn – Eine Spurensuche

Emma Bonn – Eine Spurensuche - Astrolibrium

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Mein Name ist Bonn, Emma Bonn… Das war meine erste Assoziation, als ich diesen Namen zum ersten Mal hörte. Ich denke, das hätte der wahren Emma Bonn ein wenig gefallen, wenn sie das Spiel mit ihrem Namen heute miterleben könnte. Kann sie nicht, wie mir die weitere intensive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte deutlich machte. Es war erneut ein Buch aus der Münchner Stroux Edition, das mich in seiner schlicht und doch so erfreulich auffällig gestalteten Aufmachung auf einen Menschen neugierig machte, den man eigentlich hätte vergessen sollen. Einen Menschen, der in vielfacher Hinsicht keinem der sozialen Bilder seiner Zeit entsprach und dem man zeigen musste, wie Fehl am Platz er war. Ein Mensch, dessen Besitz man sich aneignete, dem man in Anwendung eindeutiger Gesetze alles verbieten konnte, was für andere Bürger normal war. Das Schreiben, die Behandlung in einer Klinik oder medizinischen Beistand durch eine eigene Haushälterin. Alles verboten. Nichts sollte sie, die deutsch-jüdische Autorin Emma Bonn der Nachwelt hinterlassen, nichts sollte an sie erinnern. Die Auslöschung war das Ziel.

Ich stelle mir gerade vor, wie sehr die Nazis von einst vor Wut schäumen würden, wenn sie noch am Leben wären und in Feldafing am Starnberger See vor der Villa der Schriftstellerin stehen und ein paar Details bestaunen müssten. Eine Gedenktafel, die an die Dichterin und nicht an ihre Unterdrücker erinnert. Ein Stolperstein, der auf ihre Vergangenheit in ihrer Villa und ihre Deportation hinweist und nicht auf die Machthaber, die sich hier breitgemacht hatten. Menschen, die plötzlich ihre Geschichte erzählen und sich an sie erinnern. Eine Schriftstellerin, die zugleich eine Verwandte von Emma Bonn ist, Bürger und Bürgerinnen von Feldafing, die neuen Besitzer dieses Anwesens und in zunehmender Anzahl Interessierte, die von ihrer tragischen Geschichte erfahren. Leser und Leserinnen, die sich der Spurensuche nach jener deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Dichterin anschließen, um ihre Gesichte aufleben zu lassen und an sie zu denken. Sie dem Vergessen zu entreißen und der menschenverachtenden Ideologie eine klare Abfuhr zu erteilen. Ein für alle Mal. Jetzt und für alle Zeiten. 

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Emma Bonn – Eine Spurensuche

Und so hat sich Angela von Gans einer Mission verschrieben, die der eigenen weit verzweigten Familiengeschichte gerecht wird. Die in Melbourne geborene, in Indien und Österreich aufgewachsene, und seit 1970 in München lebende Weltenbürgerin hat sich intensiv mit ihrem Stammbaum auseinandergesetzt und ist dabei doch eher zufällig auf ihre entfernte Verwandte Emma Bonn gestoßen. Es waren Recherchen im Kreise ihrer Familie und ein unerwartetes Paket voller unveröffentlichter Gedichte aus Amerika, die der Spurensuche neue Nahrung verliehen und zu diesem Buch führten. „Emma Bonn, 1879 – 1942, Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“ Ich habe mich schnell dazu entschieden, mich ihrer Mission anzuschließen, liegt doch Feldafing fast vor meiner Haustür. Also rein ins Buch, versinken in den Gedichten und auf mit der ganzen Familie raus zum Starnberger See. Das Erinnern mit allen Sinnen und auf allen Kanälen ist unsere Triebfeder…..

„Doch einst, das weiss ich, wird die Seele frei,
Bleibt mir verhüllt auch, wann und wie das sei,
Die Kehle bebt schon vor dem Jubelschrei,
Die Flamme zieht mich hoch, die Stricke sind entzwei.“

Emma Bonn (März 1941)

Angela von Gans braucht nicht viel Raum, wenn sie das Leben von Emma Bonn rekonstruiert. Es sind zarte 150 Seiten, die nun Zeugnis ablegen von einem Leben in Deutschland, das in anfänglich behüteten Bahnen verläuft, doch langsam und sicher in eine Richtung abdriftet, die ins absehbare Chaos führt. Es sind Familienchroniken und Stammbäume, die der Familie von Emma Bonn Kontur verleihen, es sind diese frühen Aufzeichnungen, die der Spurensuche Halt geben. Dann jedoch verliert sich Emma im Schreiben und in ihren Romanen und Gedichten. Es ist ein brillanter Versuch, ihr durch die Enthüllung der autobiografischen Anteile ihres Schreibens auf die spur zu kommen. Angela von Gans beschreibt die Hoffnungen und Ängste eines jungen Mädchens, die zunehmende Verzweiflung angesichts einer unerklärlichen Nervenkrankheit, die Emma ans Bett fesselt und zuletzt die letzten Strudel in der Hass-Spirale der Judenverfolgung durch die Nazis. Enteignung, Deportation, Tod.

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Emma Bonn – Eine Spurensuche

Angela von Gans lässt die Hoffnungen und Wünsche eines jungen Mädchens neu entflammen, und bringt uns dadurch einer Schriftstellerin näher, die erst in ihrer Poesie und in ihren Geschichten das konnte, was ihr die Gesundheit verwehrte.

„Hätte sie frei laufen und in dem natürlichen Rhythmus des kleinen Körpers
sich austoben dürfen, Schnee und Kälte wären ein Spaß gewesen…“

Emma Bonn (Das Kind im Spiegel)

Auf diese Art und Weise gelingt nicht nur eine kleine Rennaissance sondern auch die Retrospektive auf das Gesamtwerk einer Autorin, die im Dritten Reich weder als lebens- noch als lesenswert betrachtet wurde. Angela von Gans verliert sich dabei nicht in Sentimentalitäten oder Gefühlsausbrüchen. Es ist eine gesunde Distanz, die sie hier einnimmt, um der Rolle der Berichterstatterin gerecht zu werden. Die Emotionen sind in weiten Teilen uns überlassen. Es sind die Gedichte, die berühren, es sind die Romane, in denen wir Emma Bonn wiederfinden und ganz zuletzt ist es die Bürokratie der Nazi-Diktatur, die Zeugnis über Deportation und Tod ablegt. All dies wird wieder lebendig. In jedem Wort, auf jeder Seite und in jedem Kapitel zeigt dieses Buch auf, dass man auch Jahrzehnte nach dem Vergessen Menschen ins Erinnern retten kann. Es ist die höchste und zugleich nachhaltigste Form des Sieges gegen die nationalsozialistische Ideologie.

„Was wirklich lebt, kann nie und nie ersticken.
Es keimt und sprosst und grünt, es steigt der Saft.
Mag dich die Zeit, in der Du lebst, auch nicht erquicken,
Die Zeit, in der Du lebst, hält Dich in Haft.“

Emma Bonn (April 1933)

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Emma Bonn – Eine Spurensuche

Ich fand die Villa Bonn in Feldafing, ich las die Inschrift der Gedenktafel, ich sprach mit den neuen Besitzern, denen es so wichtig ist, an Emma zu erinnern, ich stand vor dem Stolperstein, der das Wort Theresienstadt trägt, wie den ewig zu hörenden Schrei der Ungerechtigkeit und ich wurde auf den jüdischen Friedhof Feldafing aufmerksam Eine dramatische Geschichte von befreiten KZ-Insassen, die in Feldafing aufgefangen wurden. Nach dem Krieg entstand hier ein Hoffnungsort. Dieser Friedhof zeugt jedoch auch von jenen Opfern, die den Krieg nicht lange überlebten. Aber das ist eine andere Geschichte. Typisch jedoch für die Geschichte von Emma Bonn, weil das Erinnern an ein Opfer des Nazi-Terrors das Erinnern an so viele andere Opfer nach sich zieht. Ein lesenswertes Buch über unsere jüngere Geschichte, eine Wiederentdeckung und die Neuentdeckung von Gedichten, die uns die Geschichte fast vorenthalten hätte. Wenn es nicht so viele aufrechte Menschen gegeben hätte, die dem widerstanden haben.

Ich danke auf diesem Weg ganz besonders jenen Lesern, die mir auf meinem Weg zu Emma auf Instagram oder Facebook gefolgt sind. Jürgen Gielsdorf zum Beispiel war mit Buch und Kamera zeitgleich im Norden unseres Landes unterwegs. Man kann sich vorstellen, wie bewegend es ist, mit den Erinnerungen an Emma Bonn nicht allein zu sein. Der Weg geht weiter. Erinnern und immer weiter erinnern, das ist mein Ziel im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen. Wir werden Emma Bonn in der nächsten Ausgabe unseres literarischen PodCasts „GlockenbachWelle“ mit der Stroux Edition einen ganz besonderen Platz einräumen. Dazu schon bald mehr, wenn wir mit Marie Gaté, Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt, der Verlegerin Annette Stroux und einem noch gut gehüteten Geheimnis auf Sendung gehen. 

Hier geht´s zu meiner Bibliothek „Gegen das Vergessen„.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Was geht in einer versierten und etablierten Kinder- und Jugendbuchautorin vor, wenn sie in diesen Tagen, in unserem Land, in diesem gesellschaftlichen Szenario um sich blickt und politische Tendenzen und Automatismen erkennt, die an die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland erinnern? Was geht in einer Autorin vor, die in ihrem gesamten Schaffen immer wieder an die Jugend der Welt appellierte, niemanden aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seines Geschlechtes auszugrenzen oder anders zu behandeln? Welche Kriege toben in ihr, wenn sie merkt, dass es gerade jetzt an der Zeit ist, erneut und eindringlich Farbe zu bekennen, Flagge zu zeigen und in aller Deutlichkeit mit ihren Mitteln gegen die Verführung einer Jugend anzukämpfen, die ihr so sehr am Herzen liegt. Was geht da in Kirsten Boie vor?

Man kann es sich ganz gut vorstellen, wenn man ihr aktuelles Buch zur Hand nimmt. Man kommt schnell dahinter, wenn man sich anschaut, mit welcher Verve sie sich einer Zeit angenommen hat, die auch sie nur vom „Hörensagen kennt. Oder sollte man hier besser vom „Verschweigen sagen, weil man der im Jahr 1950 in Hamburg geborenen vielseitig interessierten jungen Frau von einst ihre bohrenden Fragen zur Vergangenheit in Deutschland beharrlich nicht beantwortete? Ja, man spürt sofort, was in der vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin vorgegangen sein muss, als sie in ihren Gedanken die ersten Spuren einer Geschichte aufspürte, die sich zum Ende des Zweiten Weltkrieges im bayerischen Städtchen Penzberg zugetragen hatte. Eine unerzählte Geschichte, die auch im heutigen veränderten Stadtbild kaum Spuren hinterlassen hat. Und doch eben eine Geschichte, die wie kaum eine andere geeignet ist, den Irrsinn einer ideologischen Verblendung aufzuzeigen. Der Titel dieses Buches zeigt, wie sich das Herz verkrampft.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

DUNKELNACHT

Mit diesem Titel werden schon die Weichen gestellt. Kein ausschweifender Roman, keine Geschichte, die nur vierundzwanzig Stunden erzählt und eine ganze Epoche nur als Kulisse missbraucht, keine Dokumentation mit uferlosen Quellenangaben und auch kein Erlebnisbericht aus der Sicht eines Protagonisten. Nein, Kirsten Boie schrieb eine Novelle, in der sie sich als allwissende Erzählerin alle Perspektiven aneignet, Zugänge zu den Gedanken aller Charaktere hat und auf allen Zeitebenen weiß, was passiert war, gerade geschieht und noch passieren wird. Dabei dient ihr eine wahre Begebenheit als Kern einer Erzählung, die sie mit Protagonisten anreichert, die erfunden sind und somit den Zugang zu den Geschehnissen erleichtern. Es ist diese distanzierte Nähe, die aus Zeitgeschichte einen Jugendroman werden lässt, der sich zur Pflichtlektüre für Schüler und Schülerinnen eignet, die im Alter von 15 Jahren sehr gut nachempfinden können, warum diese Geschichte relevant für ihre Gegenwart und Zukunft ist.

Es ist eine Geschichte von Schuld, Verantwortung, Opportunismus (also eine der wissentlichen Mitläufer) und Versagen. Es ist eine Geschichte, die sich in einer Zeit abspielt, in der die Machtstrukturen instabil und die Variablen des Handelns vielfältigst waren. Der Zweite Weltkrieg steht kurz vor seinem Ende. Die Nationalsozialisten sind an den meisten Fronten geschlagen und die Alliierten stoßen gegen Berlin vor. Auch in Bayern warten nun die ehemaligen Anhänger auf ihre Niederlage, ihre Gegner auf ihre Befreiung durch die Amerikaner. Ein größeres Ungleichgewicht der Kräfte ist nur kaum vorstellbar. Niemand weiß, was der morgige Tag bringt. Während man sich in Penzberg mit weißen Fahnen auf eine friedliche Übergabe der Stadt vorbereitet, sind es nicht die amerikanischen Soldaten, die einmarschieren. Es ist die Wehrmacht auf ihrem Weg in die Heimat. Allen Gerüchten und allen falschen Meldungen des Radios zum Trotz wird dieser 27. April 1945 nicht zum Tag der Befreiung in Penzberg. Ganz und gar nicht.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Hier holt Kirsten Boie nicht weit aus, sie agiert und schreibt präzise an der Timeline der wahren Ereignisse entlang und lässt uns fortan nicht mehr zum Luftholen kommen. Drei Jugendliche stellt sie in den Mittelpunkt ihrer Novelle. Drei Charaktere, die für alle stehen, die damals in Penzberg und an anderen Orten gelebt haben könnten . Es sind Marie, Schorsch und Gustl, aus deren Sicht wir die wichtigen Details erleben. Wobei der Schorsch eher hoffnungsvoll in Marie verliebt ist, während der Gustl das nicht von sich behaupten kann. In diesem Strudel der Gefühle verliert man leicht den Überblick, im Strudel der Geschichte verliert man sich nunmehr plötzlich ganz. Was eben noch in den baldigen Frieden zu münden schien, entpuppt sich nun als das letzte Aufflammen der Macht der Nazis in Penzberg. Nichts spricht mehr von der Übergabe der Stadt an die Eroberer. Jetzt hallen Parolen vom „Halten bis zum letzten Mann“ durch die leeren Straßen. Jetzt soll Geschichte geschrieben werden. Jetzt ist die Endzeit da. Es kommt zur DUNKELNACHT. Und Gustl ist mittendrin im letzten Aufgebot der Nazis. Werwölfe.

Kirsten Boie wertet und bewertet nicht. Sie erzählt und überlässt die Deutungshoheit ihren atemlosen Lesern und Leserinnen. Sie lässt allerdings keinen Zweifel an Wahrheit und Lüge, an Propaganda, Hass und Manipulation. Sie zwingt uns alle sehenden Auges in eine Mordnacht in Penzberg, die kaum vorstellbar ist. Endphasenverbrechen nennt man heute halbjuristisch, was damals nicht nur in Penzberg geschah. In den Wirren der letzten Kriegstage kam es vielerorts zu den wahnwitzigsten Taten der Nazis. Hier führt die Autorin alle psychologischen Parameter ins Feld, die zu den Ausschweifungen und letztlich zu den Morden führten. Angst, Rache, Eifersucht und Endzeitstimmung. Jedes Gefühl für sich schon tödlich genug. Die Kombination in der Dunkelnacht jedoch ist ein tödlicher Mix, dem man nicht entfliehen konnte. Der Ruf des Werwolfs erschallt…

„Hass ist unser Gebet, und Rache ist unser Feldgeschrei.“

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Angesichts der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen, angesichts der Parolen gegen Andersdenkende und der zunehmenden rechten Gewalt in unserer Gesellschaft, sind es gerade diese Geschichten, die in Erinnerung gerufen werden müssen. Es sind jene Ereignisse, die zeigen, wie leicht es Mitläufern gemacht wird, wenn sie das Gefühl haben, nur Befehlen zu folgen. Es sind genau jene wahren Geschichten, die uns heute noch zeigen, wie hilflos man sich in unsicheren Zeit fühlen konnte. Und doch war und ist es möglich, die richtigen Entscheidungen zu treffen, nicht auf der falschen Seite zu stehen, Mensch zu bleiben und nicht willenlos zum Täter oder Mittäter zu werden. Hier geht Kirsten Boie jeden erforderlichen Schritt, den man gehen muss, um uns heute zu erklären, was damals geschah, wie es geschehen konnte und wie nah wir erneut einer Gefahr ausgesetzt sind, rechten Populisten Glauben zu schenken.

Dunkelnacht sprengt den Rahmen eines Jugendbuches. Dunkelnacht fordert viel von seinen Lesern und Leserinnen. Wer verstehen will, muss wissen, wer wissen will muss lesen. Wer liest, wird sich erschrecken, angewidert den Kopf abwenden und sich fragen, wie das nur geschehen konnte. Kirsten Boie hat viele Antworten in diesem Text verborgen. Manche augenscheinlich, andere wieder gut versteckt. Es ist gerade an der Jugend von heute, diese Antworten zu finden, und eigene Antworten für die Zukunft zu entwerfen. Und dann heißt es, dafür einzustehen. Die Mordnacht von Penzberg kostete 16 Menschenleben. Die Spur der Hinrichtungen zog sich durch die ganze Stadt. Dabei gingen den Nazi-Schergen die Bäume für die Erhängung der willkürlich ausgesuchten Opfer aus. Nichts lässt Kirsten Boie im Verborgenen. Klartext ist Synonym für dieses Buch. Die deutsche Geschichte ist nichts für Zartbesaitetes. Das wird in diesem Buch mehr als klar. Dieses Sonnenklare besiegt die möglichen Dunkelnächte.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Kirsten Boie und Gudrun Pausewang gehen in ihren Geschichten Hand in Hand. „Der einhändige Briefträgervon Gudrun Pausewang beschreibt ebenfalls eines der tragischsten Kapitel in den letzten Kriegstagen. Ich habe dieses Jugendbuch aus gleich mehreren Gründen sehr oft verschenkt. Es ist die Geschichte, die aufrüttelt, es sind die unkalkulierbaren Zeiten, die uns nicht ruhen lassen und es ist die Tatsache, dass diese wundervolle Autorin ihre junge Leserschaft so ernst genommen hat, um ihr eine solche dramatische Geschichte anzuvertrauen. Dieses kraftvolle Vertrauen spüre ich auch bei Kirsten Boie und die Reaktion ihrer Leser und Leserinnen spricht Bände. Ich weise an dieser Stelle auf den „Buchpalast in München Haidhausen hin. Katrin Rüger war in unserer Buchhändlerinnen-Glockenbachwelle zu Gast in einem Gespräch über Buch und die Welt. Hier stellte sie „Dunkelnacht“ als Empfehlung für den Gabentisch vor.

Und nicht nur das. Die Bücherfresser (der Jugendleseclub der Buchhandlung trifft sich wöchentlich als Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises) haben nicht nur „Dunkelnacht“ für sich entdeckt, sie haben es rezensiert und Kirsten Boie in einem bewegenden Interview zu dieser Geschichte befragt. Hier findet ihr dieses Gespräch. Und erneut muss ich sagen: Nicht nur das. Derzeit befinden sich ungefähr 50 signierte Exemplare des Buches im Buchpalast. Frei nach dem Motto, wer zuerst kommt, liest zuerst. Ach ja. Sagte ich eigentlich schon: Und nicht nur das? Ich sage es jetzt zur Sicherheit ein letztes Mal: Eines der von Kirsten Boie signierten Exemplare gehört zu unserem Preisausschreiben der Buchhändlerinnenwelle… Wie Ihr das vom Buchpalast gestiftete Buch gewinnen könnt, erfahrt ihr hier

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

„Ich war damals acht Jahre alt.
Die Ferien über habe ich täglich
einen Satz in mein Heft geschrieben,
eine Sache, die ich erlebt habe.
Das war meine Aufgabe, damit ich
in die 2. Klasse versetzt werden konnte. 
Das Heft habe ich immer noch.“

Michal Skibinski

Solche und ähnliche Aufgaben kennen wir vielleicht aus unserer Schulzeit. Nennt es Nachhilfe oder Nachsitzen. Egal, es kann ja nicht so schwer sein, ein paar Dinge zu Papier zu bringen, die sich in den Ferien ereignen. Für einen Erstklässler kein Problem. Das dachte sich der achtjährige Michal Skibinski auch, als er damit begann, die kleine Welt zu beschreiben, die in den großen Ferien auf ihn wartete. Und außerdem war die Belohnung sicherlich motivierend für den kleinen Kerl. Also frisch ans Werk. Er beginnt sein Tagebuch der kurzen Sätze, die eigentlich gar nicht für ihn bestimmt sind, sondern zu Beginn des nächsten Schuljahres von einem Lehrer gesichtet würden. Ob sie dabei helfen würden, ihn in eine neue Klasse zu bringen…?

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

15.07. Ich war mit meinem Bruder und dem Kindermädchen am Bach.
16.07. Ich war in der Kirche.
17.07. Ein kleines Mädchen ist in die Pension gekommen, in der ich wohne.
18.07. Ich war mit meinem Freund im Wald.

Michal Skibinski schreibt schlicht, authentisch und kein Wort zuviel. Da ist er wohl wie die Schüler überall auf der Welt. Und doch liest man sich gut gelaunt in den Juli an seiner Seite hinein. Es klingt nach einer behüteten Kindheit und wie so viele Ferien, die wir vielleicht selbst erlebt haben. Wir spazieren mit Michal durch die Natur. Begleitet nur von seiner Großmutter, dem eigenen Bruder, einem Kindermädchen oder seiner Mutter. Alles fühlt sich gut an, es sind nur ein Gewitter und ein Stromausfall, die den Alltag zum Abenteuer werden lassen. Und es ist ein sonniger Julitag, der diesem Buch den Namen gibt.

28.07. Ich habe einen schönen Specht gesehen.

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Ein wundervolles Buch. Mit brillanten Landschaftszeichnungen illustriert von Ala Bankroft. Jeder Doppelseite gehört ein Satz aus der Feder des achtjährigen Schülers. Unterbrochen nur von den Originalseiten aus dem Heft von Michal Skibinski. Doch was will uns dieses Buch sagen? Welche Botschaften trägt es zu uns? Nein, es ist nicht die Naivität eines Schuljungen, die uns hier zeitlos begeistern soll. Es ist unser Wissen um die Geschichte, das aus einem schönen Sommer und ein paar warmen Ferientagen im Kreise einer Familie den Abgesang auf ein normales Leben macht. Wir müssen nur die beiden wesentlichen Informationen hinzufügen, um die Sätze von Michal Skibinski im Kontext der Weltgeschichte richtig werten zu können. Ort und Zeit. 

Wir befinden uns im letzten Sommer vor dem Zweiten Weltkrieg. Wir sind in Polen. Wir schreiben das Jahr 1939. Die Schule wird nach diesen Ferien wohl nicht beginnen. Am 1. September wird die Wehrmacht das Land überfallen. In wenigen Tagen bricht die heile Welt von Michal Skibinski in sich zusammen. In wenigen Tagen werden sich alle Sätze aus seiner kindlich naiven Schülerfeder verändern. Und mit diesem Heft der ganz kleinen und einfachen Sätze macht er uns zu Zeitzeugen eines Kriegsausbruchs…

01.09.1939 Der Krieg hat begonnen.
02.09.1939 Ich bin in Milanówek angekommen.
03.09.1939 Ich habe mich vor den Flugzeugen versteckt.

06.09.1939 Sie haben in der Nähe eine Bombe abgeworfen…

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Zwischen den Zeilen erleben wir eine Flucht, hören den Gefechtslärm, erleben die Wucht der Gerüchte aus den Nachrichten und sehen seine Familie, die versucht, sich in den Wirren des Krieges wiederzufinden. Die vormals strahlend blauen Illustrationen von Ala Bankroft werden zunehmend dunkler, bedrohend und apokalyptisch. Wort und Bild beginnen jetzt im Krieg Hand in Hand zu gehen. Keine Spechte mehr, keine Sonne. Es brennt. Es raucht. Und Michal schreibt weiter, als würde er immer noch hoffen, bald wieder in die Schule gehen zu können… Vergebens, wie wir heute wissen. Der Krieg ist nicht mehr zu stoppen…

Dieses reichhaltig illustrierte Buch der kleinen gewichtigen Sätze ist für mich kein Bilderbuch im klassischen Sinne. Es ist ein Hybrid-Bildband gegen das Vergessen, in dem wir zu Zeugen der Unvorhersehbarkeit von Politik und Geschichte werden, und in der Naivität des kleinen Jungen die eigene Gedankenlosigkeit gespiegelt sehen. Es ist die Welt der Erwachsenen, die eine Kindheit beendet. Es sind Kriege und Krisen, die in vielen Jahren ihre psychischen Nachwirkungen bei Kindern zeigen. Auch heute ist es in vielen Ländern fraglich, ob die Schulen nach den Ferien wieder beginnen. Vielleicht ist in genau diesem Moment ein Schulkind dabei, seine tiefen Gedanken in einem kleinen Heft für uns festzuhalten. Dieses Buch eignet sich besonders, um es mit Schulkindern zu entdecken. Es ist auch ein Buch der Hoffnung, da es zwar am 15. September 1939 endet. Nicht jedoch das Leben von Michal Skibinski. Er lebt und schließt einen Kreis, den er vor mehr als achtzig Jahren geöffnet hat. Prädikat besonders wertvoll…  

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Weitere Bücher zu meinem Zyklus „Gegen das Vergessen“ finden Sie hier…

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Gegen das Vergessen bei AstroLibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Niemals trennen. So lautet mein Mantra, das ich ständig vor Augen habe, wenn ich mich mit Geschichten auseinandersetze, in denen Eltern ihre Kinder in die Obhut von fremden Menschen oder Institutionen übergeben, um sie zu retten. Allein im Zweiten Weltkrieg vertrauten zahllose ideologisch verfolgte Eltern ihre Kinder Menschen und Organisationen an, die für die Sicherheit der Schutzbefohlenen bürgten. Für Eltern in Sorge der wohl letzte Ausweg und die letzte Chance, zumindest ihre Kinder zu retten. Und nach dem Krieg? Fanden sie sich wieder? In den seltensten Fällen. Dramatische Berichte von Überlebenden legen erschreckende Zeugnisse darüber ab, was eben mit genau diesen Kindern geschah. Sie waren immer zur falschen Zeit an falschen Orten. Sie wurden verraten, verkauft, zurückgelassen, deportiert, getötet oder verschwanden in den Archiven von Institutionen, die sich weigerten, sie wieder herauszugeben. Wenn ich in meiner Auseinandersetzung mit Kinderschicksalen bis in die heutige Zeit hinein etwas gelernt habe, dann, dass man sich nicht von seinen Kindern trennen sollte. Auf keinen Fall. Niemals. Never. Auch Ljuba Arnautovic kann ein Lied davon singen. Das Lied ihrer eigenen Familie, das sie in ihrem Roman „Junischnee“ erzählt.

Es ist das Klagelied der Nachfahren auf eine verlorene Generation. Es ist eine der Geschichten, die von Entwurzelung, Trennung, Identitäts- und Heimatverlust und jener Leere erzählen, die diese Kinder hinterlassen, nachdem sie von ihren eigenen Eltern in bester Absicht in eine trügerische Sicherheit „verschickt“ wurden. Es ist eine dieser so typischen und fatalen Geschichten von „Cut Out Children„, die an uns appellieren, es anders zu machen, wenn wir vor die Wahl gestellt werden. Es sind Kinder, die aus den Familienalben herausgeschnitten wurden und deren Bilder bis heute fehlen. Selbst im positivsten Fall einer erfolgreichen Suche und Wiedervereinigung mit den Eltern haben diese „Cut Out Children“ nichts mehr mit den Kindern gemein, die man weggegeben hatte. Sie sind traumatisiert, sprechen kaum noch die eigene Muttersprache und sind als lose Fäden einer komplexen Familiengeschichte kaum noch mit dem Stammbaum zu verbinden, der ihre Wurzeln bedeutet. „Junischnee“ ist eine solche Geschichte.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

„Junischnee“ ist die, im Roman auf literarische Distanz gebrachte, fiktionalisierte Geschichte der Familie von Ljuba Arnautovic. Es ist die Geschichte ihrer Eltern und deren Vorfahren und sie beginnt in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der die Länder Europas weit voneinander entfernt sind. Nichts ist global, nichts ist mal eben so mit einem Katzensprung zu erreichen und das einfache Leben in der Sowjetunion ist Welten entfernt vom pulsierenden Wien. Es sind zwei Familien, die dieser Geschichte ihre prägenden Stempel aufdrücken. Und nicht nur das. Es sind die Eruptionen der Weltgeschichte, die sich auf die Landkarten dieser Familien auswirken. Sie werden zusammengefaltet, verlieren ihre realen Distanzen, lassen Orte in beiden Ländern kurz miteinander verschmelzen und erweisen sich später als zerknitterte und kaum noch rekonstruierbare Zeugen einer Trennung, die niemals wieder ausgebügelt werden konnte. Und dabei haben es die Eltern von Karl und Slavko Arnautovic mehr als gut gemeint…

Eva Arnautovic schickt ihre Söhne in die Sowjetunion. Sie, die wacker kämpfende politisch denkende Frau aus den Reihen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, sieht, wie sich das politische Blatt im Österreich der dreißiger Jahre wendet. Sie wird verfolgt, inhaftiert und ihre Familie gerät in den Fokus der rechtsgerichteten Regierung. Hier ist die paramilitärische Gruppierung innerhalb der Sozialdemokraten, der „Demokratische Schutzbund“ der letzte Ausweg, um die eigenen Kinder in Sicherheit zu bringen. Noch dazu, wo sich im benachbarten Deutschland die Nationalsozialisten auf den Thron der ehemaligen Demokratie schwingen. Die Halbbrüder werden über die Hilfsorganisation der Kommunistischen Internationale evakuiert und zuerst in die Sommerfrische auf die Krim und anschließend nach Moskau gebracht. Es sind für viele Jahre die letzten Spuren ihrer beiden Söhne, die Eva Arnautovic im Mai 1934 erkennt, als sie sich von ihnen trennt.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Wie sehr sich doch das Leben von Jjodor und Anastasia in der Sowjetunion von dem Leben einer Mutter im hart umkämpften Wien unterscheidet. Sie freuen sich auf die Geburt der Tochter, bereiten alles für das Kind vor und folgen der alten Tradition, eine Birke zu pflanzen. Doch man verwechselt die Samen und statt der Birke wird eine Pappel gepflanzt, die im Juni die Kinder mit ihrem Samenflug begeistern wird. Es ist der „Junischnee„, der Ninas Leben fortan begleiten wird. Vielleicht ist es die Verwechslung, die alles verändert. Vielleicht ist es aber auch das Rad der Zeit, die Weltgeschichte, die jetzt ausufert und ihrerseits beginnt, die Weltkarte zu zerknittern und neu zu falten. Es ist die sich ständig verändernde politische Situation in allen Ländern, die sich auf jene Menschen auswirkt, die sich sonst nie begegnet wären. Es ist die junge Nina, die dem österreichischen Flüchtling Karl begegnet. Es sind zwei Stammbäume, die sich hier in den Wirren der Geschichte vereinen und es ist die tiefe Tragik dieser Begegnung, die aus der Tochter dieser beiden Getriebenen die Frau werden ließ, die uns heute diese Geschichte erzählt: Ljuba Arnautovic.

Wir sollten ihr in das Leben ihrer Eltern folgen, um zu verstehen, was Kriege und Diktaturen aus Menschen machen. Wenn wir ihr folgen, müssen wir uns wappnen, in den Lebenswegen dieser beiden Menschen dramatische Verluste zu erleben. Es sind verstörende Bilder, die kaum erklärbar wären, wenn wir nicht wüssten, was die Politik mit Menschen macht. Es sind Bilder aus dem „Gulag, dem Netz aus Straflagern, das die ganze Sowjetunion durchzog und in dem sich politische Gegner zu Tode arbeiten und hungern sollten. Genau hier landen die beiden Halbbrüder Karl und Slavko. Hier werden sie gefoltert und als Feinde betrachtet. Spätestens seit dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion gelten sie als DEUTSCHE und damit als Feinde. Nur einer von ihnen wird überleben. Nur einer von ihnen wird in einem der Lager eine Frau kennenlernen, die sein neues Leben bedeuten wird. Hier entsteht der Hauch einer Vision von einem Leben in seiner Heimat. Nina folgt ihm Jahre nach dem Krieg in seine Heimat. Es ist eine weitere Entwurzelung, die sich durch die Geschichte dieser Menschen ziehen wird.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Ljuba Arnautovic erzählt ihre Familiengeschichte in einer erschreckend plastischen Dichte. Ihre Bilder sind atmosphärisch und empathisch zugleich. Sie zeigt auf, wo sich das Schicksal in eine nicht beabsichtigte Richtung wendet und wie unkalkulierbar und unbeherrschbar die politischen Entwicklungen auf einem Kontinent sein können. In der Folge erleben wir, was die Traumatisierungen aus dem Gulag aus dem „verschickten“ Karl gemacht haben. Die Autorin macht uns zu Zeugen der Suche nach einem Bruder, der nicht zurückkehrte. Es sind die erschreckenden Aufzeichnungen aus dem Archiv des Grauens, die uns sprachlos machen. Wir sehen neue Beziehungen zerbrechen, psychologische Abgründe der Überlebenden und tragische Lebenswege, die mit der Entscheidung einer Mutter begannen, ihre Söhne in Sicherheit zu bringen. Was wäre geschehen, wenn sie sich nicht getrennt hätte? Das vermag niemand zu sagen. Mich jedoch würde eine jahrzehntelange Ungewissheit über die Schicksale meiner Kinder mehr treffen, als mit ihnen gemeinsam in eine Krise zu gehen.

Es ist die Frage nach Verantwortung, die hier im Raum steht. Es ist die Frage, ob man überhaupt eine andere Chance gehabt hätte. Für mich liegen viele Antworten auf der Hand. Zu viele Geschichten enden in ewiger Trennung, Unwissenheit und Tod. Zu viele Geschichten zeigen, dass man sich nicht trennen sollte. Ein kleines Verzeichnis von Büchern, die dies belegen, findet Ihr am Ende dieses Artikels. Ljuba Arnautovic hat einen sehr relevanten Roman geschrieben, weil seine Tragweite das Geschehene in der Vergangenheit immer wieder auf neue Ebenen hebt. Unbeaufsichtigt reisende Flüchtlingskinder – Dieser Begriff verursacht einen Kloß im Hals, wenn man ihn heute in den Nachrichten hört. Was wird in fünfzig Jahren sein? Werden sie ihre Eltern oder Verwandten jemals wiederfinden? Welche Geschichten verbinden sie dann noch? Und wann hätte man daran etwas ändern können? Ein zeitlos lesenswerter Roman für all jene, die ihre Kinder niemals gehen lassen würden. 

Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich auf „Zeichen & Zeiten„.
„Es wäre spannend und überaus wünschenswert, wenn die Autorin mit weiteren Werken ihre literarische Familiengeschichte ergänzen würde – auch als wichtiger Beitrag einer Erinnerungskultur.“ (Constanze Matthes)

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Es sind Fluchtwege und Fluchtrouten, die im Zweiten Weltkrieg Menschen in ihrem Schicksal vereinten. Es ist die literarische Aufarbeitung dieser Schicksale, aus der wir heute noch lernen können. Ich lese und recherchiere viel, wenn ich in einem Buch eine solche Flucht erlebe. Im „Junischnee“ werden zwei Brüder nach Russland geschickt, um sie vor den Nazis zu retten. Die Eltern bleiben zurück und erleben in ihrer Heimat  eigene Odysseen. Eine führt nach England. Dort als „Enemy Alien“ stigmatisiert, wird der Vater eines der beiden Jungen nach Australien deportiert. Die Reise ins Ungewisse beginnt auf dem britischen Flottenschiff „Dunera“

Hier zucke ich kurz zusammen. Den Namen kenne ich. Ein anderer Flüchtling teilte dieses Schicksal. Er war ebenfalls an Bord. Ulrich Alexander Boschwitz. Es ist „Der Reisende„, in dem er seine Flucht verarbeitete. Für ihn war dies allerdings eine Reise ohne Wiederkehr. Sein Versuch, nach Europa zurückzukehren endete mit dem Angriff eines deutschen U-Bootes. Wenn die Literatur Schicksale verbindet

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und vermisste Kinder in der Literatur.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Archiv der verlorenen Kinder

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Russische Literatur bei AstroLibrium – Ein Klick genügt…

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Wenn Zeitzeugen sterben, wird aus Zeitgeschichte Geschichte. Wenn die Quellen zu schweigen beginnen, verlieren wir den wichtigsten Maßstab für den Wahrheitsgehalt dessen, was in Sekundärquellen berichtet wird. Wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr zu uns sprechen, wenn wir ihnen keine Fragen mehr stellen, und wir ihren Warnungen nicht mehr folgen können, dann wird aus Geschichte Wissen aus zweiter Hand. Die Deutungshoheit über den real erlittenen Schrecken der Opfer liegt dann bei Menschen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Im schlimmsten Fall bei Zweiflern, politisch motivierten Leugnern und Populisten, die uns glauben machen wollen, nichts habe sich so zugetragen, wie wir denken. Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, öffnen sich die Tore, unwidersprochen zu behaupten, den Holocaust habe es nie gegeben.

Nur jetzt, nur heute sind wir noch in der Lage, den Opfern des Nationalsozialismus zuzuhören, ihnen zu begegnen und aus ihren Geschichten zu lernen. Nur jetzt sind wir in der Lage, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie Zeugnis ablegen. Vielleicht ein letztes Mal. Zu viele Zeitzeugen des Holocaust sind in den letzten Jahren gestorben. Bis zuletzt erzählten sie kraftvoll ihre Geschichten vor Schülern, besuchten Gedenkstätten gegen den Naziterror und richteten flammende Appelle an uns, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie gaben uns keine Schuld an den Verfolgungen von einst. Sie wollten nur, dass millionenfaches Sterben und Leid nicht umsonst sein sollten. Sie hofften, dass wir den Ausgegrenzten und Entwürdigten ihre Würde zurückgegeben würden. Sie hielten sich an uns fest, weil es nur in unseren Händen liegt, die Wahrheit für sie weiter in die Welt zu tragen, wenn sie es selbst nicht mehr können.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Auch Noah Klieger war einer von ihnen. Ein Überlebender. Ein verfolgter Jude, in dessen Geschichte das eigene Leben am seidenen Faden des Zufalls hing. Er sprach über seine Erlebnisse, er gab Interviews, diskutierte mit jungen Menschen und war bis zuletzt getrieben von der Mission, nichts möge in Vergessenheit geraten. Noah Klieger verstarb am 13. Dezember 2018 in Israel. Und heute? Schweigt er für immer? Gerät in Vergessenheit, was ihm damals in Auschwitz und in anderen Lagern widerfuhr? Nein. Einerseits kann man sein Zeugnis noch immer hören. Er gab Interviews, wurde gefilmt und schrieb selbst über sein Leben. Dass er niemals ganz in Vergessenheit gerät, ist sicherlich auch Takis Würger zu verdanken. Der Journalist und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, von dem man nicht behaupten kann, es sei ein „Buch über Noah KliegerNein. Es ist das Buch Noah, das er schrieb, weil er seine eigene Stimme in den Dienst eines Opfers des Holocaust stellte. Rechtzeitig, wie wir heute wissen.

Noah – Von einem, der überlebte

Warum jedoch sollten wir dieses Buch lesen? Man könnte sich Dokumentationen im Fernsehen und die Interviews mit Noah Klieger anschauen. Reicht das denn nicht aus? Eine schwere Frage, die eine komplexe Antwort verdient. Nein. Es reicht nicht aus. Ich habe sie mir angeschaut, die Momentaufnahmen seines Erinnerns. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte musste Noah zugleich formulieren, erinnern, denken und abwägen. Das Narrativ des Überlebens passte sich dem zeitlichen Rahmen des Formates an und weist immer wieder leichte Veränderungen auf. Mal stehen die Wunder im Mittelpunkt. Wunder, denen er das Überleben zu verdanken hatte. Dann wieder sind es die Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. Es bleiben eindringliche Momentaufnahmen, die unvergesslich sind. Takis Würger jedoch erweitert das Spektrum der Erinnerungen von Noah Klieger um die Dimension Zeit, die er mit dem Zeitzeugen verbrachte.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Es waren 2 1/2 Monate, die Takis Würger mit Noah Klieger in Tel Aviv verbrachte. Aus einer Momentaufnahme in Fernsehstudios oder Zeitungsinterviews wurde hier eine Dauerbelichtung der Erinnerung in der Dunkelkammer des Holocaust. Es ist jener nachhaltige Effekt, der sich in diesem Zeitzeugenbericht niederschlägt. Es ist nicht nur der Extrakt einer schnellen Verschlusszeit, den wir nacherleben dürfen. Es ist mehr. Im Nachwort zum Buch schreibt Alice Klieger, Noahs Nichte und letzte Blutsverwandte:

„Die Journalisten kamen normalerweise für einen Tag, oder eine Woche
und gingen wieder. Dieser war anders. Er blieb und hörte zu.“

Genau hier liegt das große Alleinstellungsmerkmal des nun vorliegenden Buches Noah – Von einem, der überlebteAus kürzester Distanz gelingt Takis Würger das Porträt eines Zeitzeugen, das nicht der Eile jeder Augenblicklichkeit unterworfen ist. Er beobachtete, hörte zu und schrieb dann, was sich hier dauerhaft verfestigt hatte. Takis Würger schrieb nicht seine Version der Geschichte. Er schrieb dazu:

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Genau an dieser Stelle lasse ich euch inhaltlich mit dem Buch alleine. Genau hier muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, einem Überlebenden in dessen Geschichte zu folgen. Auschwitz, Josef Mengele, Zwangsarbeit bis zur Vernichtung, Ravensbrück, Todesmärsche, Willkür und systematische Entrechtung sind die Wegmarken, die hier gesetzt sind und in denen sich das Leben von Noah Klieger abspielt. Es sind relevante Aspekte, die er beleuchtet. Die Hilflosigkeit, die brutale Gewalt und auch der Großmut einiger Weniger, die ihm geholfen haben. Es ist die Erkenntnis, nach dem Ende eines Vernichtungskrieges nicht frei zu sein. Es ist der nachvollziehbare Wunsch, endlich in einem Land leben zu wollen, in dem man sicher ist. Es ist die zionistische Perspektive des Überlebenden, die man verstehen kann. Und es ist die Geschichte einer weiteren Flucht an Bord eines Schiffes, das zum Synonym für nicht enden wollendes Leid steht: „Exodus„.

Wer diesen Weg mit Noah Klieger und Takis Würger geht, wird verstehen, warum diese Geschichte niemals vergessen werden darf. Hier ist nicht nur von Noah die Rede. An den Kreuzungen zwischen Leben und Tod wird auch jenen Menschen gedacht, die durch ihren Mut Leben gerettet haben. Hier zeigt sich wozu man fähig ist, wenn man es wirklich will. Die große Stärke dieses Buches und der große Unterschied zu Interviews mit Noah Klieger ist seine eigene Positionierung in diesem Medium. Bisher hatte er die Fragen zu beantworten. Hier stellt er sie. Hier wendet sich der Überlebende mit einem Fragenkatalog an uns, an seine Nachwelt, an alle Menschen. Und er fragt sich selbst, ohne Antworten zu finden:

„Wie kann ein normaler Menschen begreifen, dass er plötzlich in der Hölle ist?
Wie kann ein Mensch das verkraften?

„Wieso folgt ein Volk einem dahergelaufenen Anstreicher,
einem Österreicher, der aussieht wie eine Karikatur?“ 

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Ich werde Noah Klieger nicht vergessen. Ich werde auch die Menschen nicht mehr vergessen, die seinen Schicksalsweg teilten. Eva Mozes Kor oder Max Mannheimer. Ich habe Überlebende des Holocaust kennengelernt, mit ihnen gesprochen und weiß wie sehr die offenen Fragen auch ihr Leben beeinflusst haben. Takis Würger hat sich in diesem Buch sehr weit zurückgenommen. Er lässt es für sich und Noah sprechen. In der Vergangenheit hat er viel Kritik für seine literarische Methodik eingesteckt. „Stella“ habe auch ich vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. „Noah“ ist aus meiner Sicht ein wichtiges und großes Buch, weil es inhaltlich und methodisch über jeden Zweifel an seiner Entstehung und Intention erhaben ist. Es ist das Buch von Noah. Das sollten wir nicht vergessen. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und die erfüllte Hoffnung von Noah Klieger, man möge sich erinnern. Das ist die Essenz dieses Werks.

Der Tradition der mündlichen Überlieferung folgt nicht nur Takis Würger, ihr folgt auch die aufwendige Umsetzung seines Buches in seiner Hörbuchfassung. Was sich eigentlich anfühlt, wie eine Geschichte, die von einem Sprecher erzählt werden müsste, wird zu einem mehrstimmigen Kanon, der sich in mir eingebrannt hat. Jedes der vier Buchkapitel wird von einem Sprecher gelesen. So entsteht ein bleibender Eindruck der Staffelübergabe jenes Erlebnisberichts von einem Menschen zum nächsten. Höhepunkt dieser Inszenierung ist der Teil, in dem sich Noahs Fragen Raum verschaffen. Es sind viele Stimmen, die diese Fragen stellvertretend für ihn stellen. Es sind letztlich wir selbst, die hier zu Fragenden werden. Hier wird deutlich, dass uns alle dieses Buch angeht. Es mag die Geschichte eines Einzelnen sein und doch ist es die Geschichte vieler, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Hier erreicht das Hörbuch eine ungekünstelte Wucht, die zeigt, was Stimmen bewegen können. Eine eigens den Nachworten gewidmete CD rundet diesen Gesamteindruck ab. Herausragend.

Noah – Von einem der überlebte“ – ungekürzte Lesung mit Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras, Anna Thalbach, Takis Würger. Drei Stunden und 30 Minuten gegen das Vergessen vertiefen den Eindruck, den Noah Klieger selbst immer wieder in den Mittelpunkt stellte:

„Ich weiß, es ist schwer zu verkraften, 
aber es war so.“

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