„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard – Prix Goncourt 2017

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man nichts versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debut
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Diese jeweils besten französischsprachigen Romane eines Jahres rütteln auf und bewegen zugleich. Sie thematisieren (für mich sehr überraschend) häufig die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die vielfältigen Verstrickungen der globalen Politik in eine Zeit, die man ansonsten in Frankreich lieber nicht mehr beschreiben würde. Und doch ist es ein großer Literaturpreis, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie auch noch prämiert. Nunja. Immerhin mit symbolischen 10 Euro, aber trotzdem ist der Prix Goncourt als ältester französischer Literaturpreis nicht nur bei Autoren heiß begehrt. (Ihr könnt diese Rezension auch hören)

Die Tagesordnung von Éric Vuillard – Als Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Kann es da verwundern, dass nun auch der Preisträger des Jahres 2017 in meine Bibliothek aufgenommen wurde? Nein. „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard passt genau in mein literarisches Beuteschema. Diesmal in mehrfacher Hinsicht. Ein Thema, an dem ich einfach nicht vorbeikomme, ein Literaturpreis, den ich nicht ignorieren kann und ein Cover, das mich mehr als neugierig macht. Keine Überraschung also, dass ich meine Tagesordnung des guten Lesens um einen Roman von Matthes & Seitz Berlin erweiterte, mich erwartungsfroh ins Buch stürzte und sofort ergründen wollte, was denn der gute alte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach so staatsmännisch strahlend auf diesem Buch zu suchen hat. Wer hier einen stahlharten Wirtschaftsroman erwartet, der sieht sich mehr als getäuscht. Viel interessanter ist es vielleicht, dass dieses Bild einen der 24 Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes zeigt.

Der in sämtlichen vier Punkten Angeklagte wurde jedoch niemals verurteilt, weil sein bedenklicher Gesundheitszustand eine Eröffnung des Verfahrens verhindert hatte. Und nun spricht man in Frankreich wieder über eine Zeit, in der sich Menschen vierfach schuldig gemacht haben? Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nun wird ein Roman ausgezeichnet, der alte Wunden aufreißt und die Schuldigen in neuem Licht erscheinen lässt. Wie soll das bitte gehen? Wie kann das auf 117 Seiten funktionieren und wo ist der literarische Aspekt einer solchen Tagesordnung, deren Geheimnisse schon längst enzyklopädisch abgehandelt sind?

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Éric Vuillard besticht alleine schon damit, dass er die Zeit zwischen Machtergreifung und Machtverlust der Nazis auf genau diesen magischen 117 Seiten bündelt, ohne hier in den Jargon eines Sachbuches zu verfallen oder in epischer Breite abzuschweifen. Er packt die Geschichte bei ihrem Extrakt und verdichtet das Konzentrat angereichert mit Namen und Fakten zu einer Momentaufnahme mit einer Belichtungszeit von 12 Jahren. Manche Gestalten verwischen bei dieser Art der Fotografie, einige Figuren hinterlassen kaum Spuren und andere sind auch nach Jahren noch scharf zu sehen, weil sie immer wieder an der gleichen Stelle auftauchen. Éric Vuillard skizziert die Automatismen einer Diktatur, er lässt Einschüchterung und Machtspiele wie einen perfekt einstudierten Tanz erscheinen. Dabei legte er das Stakkato der mörderischen Marschmusik unter seine, in jeder Hinsicht brillant erzählte, Aufführung. 

Es sind 24 Industrielle, die Hitler mit Finanzspritzen an die Macht spritzen. Es sind unpolitische Firmenmagnaten, die sich Gewinn versprechen, die denken, etwas steuern zu können, das sonst aus dem Ruder läuft. Es sind 24 Superreiche, die profitieren statt verlieren wollen. Und doch sind es für Éric Vuillard nur 24 Abziehbildchen im Album der vergangenen Unmenschen. Was bleibt sind die Firmen selbst. Was bleibt ist der schier unglaubliche Reichtum, den man trotz eines verlorenen Krieges anhäufen konnte. Was bleibt ist das müde Naserümpfen über die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter. Was bleibt ist die saubere Weste des Konzerns. Was bleibt ist die Übelkeit, die Vuillard in unserem Geschichtsverständnis hinterlässt.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

„Die Tagesordnung“ vereint alle Marionetten der historischen Vergangenheit zu einem skurrilen Kasperletheater, in dem die witzige Figur mit der Klatsche die größte Klatsche hat und gar nicht witzig ist. Éric Vuillard reißt den Nazi-Schergen die Masken vom Gesicht und blendet sich durch seine Zeitscheiben mit einer Präzision eines Laser-Pointers, der uns einschneidende Erkenntnisse aufzeigt. Zentral erleben wir den Ablauf des vermeintlichen Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich. Zentral können wir kaum glauben, was wir lesen. Zentral zeigt uns Éric Vuillard brutal auf, dass es nicht die Fakten, sondern eben Fake-News waren, die eine ganze Welt in einen Krieg zogen. Damit gelingt es ihm, unsere heutige Wahrnehmung auf „Die Tagesordnung“ zu setzen, genau hinzuhören, hinzuschauen, Skurriles nicht als oberflächlich, sondern als Intention zu verstehen.

Es sind große 117 Seiten, die hinter mir liegen. Es sind 117 Seiten, die dazu führen, dass man Sekundärliteratur um „Die Tagesordnung“ schart. Es ist ein schmales Buch, das es ganz schön dick hinter dem Einband hat. Man kann dieses Buch unterschätzen. Man kann denken, alles schon mal gelesen zu haben. Man kann es für eine Geschichte halten, die mit uns nichts mehr zu tun hat. All dies kann man. Aber man hält diese Sicht der Dinge nicht lange durch. Spätestens wenn man liest, wie die Angeklagten Nazis in Nürnberg ihr Schauspiel offen belächeln. Wie ertappte Kinder beim Schummeln. Leider hat dieses miese Schauspiel mehr Opfer gefordert als alle Kriege der Welt zusammen. Haltet die Augen auf und setzt das auffällig Unauffällige auf die Tagesordnung.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard und andere Konferenzen

Vieles Stand auf der Tagesordnung, Nichts ging ohne Konferenzbescheinigung. Auch nicht am Wannsee, wie man später leidvoll erfahren musste. „Die Wannseekonferenz

„Der Umweg“ – Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis

Der Umweg von Luce d´Eramo

Das Lesen und Schreiben „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust sind die wesentlichen inhaltlichen Triebfedern der kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin ständig auf der Suche nach authentischen Zeitzeugenberichten, die das Erinnern in uns wachhalten, und den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht geben. Ihre Identität und ihre Würde sollten Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersfühlenden, Behinderten, Homosexuellen und besonderen, als Untermenschen definierten Volksgruppen kollektiv genommen werden. Entrechtung, Entmenschlichung und Ausgrenzung wurden auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hemmschwelle zum industriellen Massenmord wurde auf die Art und Weise systematisch in der Gesellschaft gesenkt. Aus Tätern wurden reflexartig nur noch Befehlsempfänger und der Rest hat nichts gewusst.

Alle Zeitzeugenberichte sind immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle der Opfer dramatisch zu überhöhen, in Details zu übertreiben und den Verfasser selbst zur Ikone aller Opferbilder zu stilisieren. Misstrauen regiert. Beweise sind Mangelware, weil die Nazi-Bürokratie alles ebenso akribisch dokumentierte, was sie zum Kriegsende hin systematisch vernichtete. Und so geraten Opferberichte in den Zweifronten-Krieg einer Geschichtsinterpretation, die zumeist nur Pro und Contra kennt. Zweifel wird es immer geben, außer es gelingen wahre Husarenritte, die Beweise für die Nachwelt bewahren. Wilhelm Brasse ist hierfür wohl das beste Beispiel. Hätte der Fotograf von Auschwitz nicht tausende von Portraitfotos von Deportierten vor den Flammen gerettet, sie wären schon längst vergessen. Sein Zeitzeugnis ist zweifelsfrei authentisch. Schade, dass ich auch heute noch erleben muss, wie sehr vergleichbare Opferberichte angezweifelt und als Fake bezeichnet werden.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Was aber, wenn ein solcher Zeitzeugen-Opfer-Bericht so gar nicht in die üblichen Standards passt? Was, wenn er gar nicht von jemandem geschrieben wurde, der den ideologischen Rasterfahndungs-Klischees der Nazis entsprach? Was, wenn er aus der Feder einer Frau stammt, die das nationalsozialistische Deutschland als Idealbild einer modernen faschistischen Gesellschaft betrachtete und die ihr Heimatland Italien verließ, um sich in Deutschland davon zu überzeugen, dass die Gerüchte über Verbrechen und Konzentrationslager jeder Grundlage entbehren? Was, wenn die Verfasserin Bilder von Hitler und Mussolini im Gepäck hatte, weil sie nicht ohne ihre ideologischen Idole in das Land der Verheißung reisen wollte. Was, wenn die Autorin eine bekennende Faschistin war? Glauben wir ihr dann? Ich bin gespannt.

Wir sollten. Besonders unter diesen Voraussetzungen. Denn was der in Frankreich geborenen und aufgewachsenen und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern in die eigentliche Heimat Italien zurückgekehrten Luce d´Eramo zustieß ist nicht repräsentativ, unvergleichbar und absolut einzigartig. Ihr autobiografischer Roman „Der Umweg“ (Klett-Cotta) eröffnet uns eine bisher nie dagewesene Sichtweise auf ein Land am Rande des Untergangs. Eine Perspektive jedoch, die eher dazu gedacht war, seine Regierung zu verteidigen und mit schlimmen Gerüchten aufzuräumen. Eine Faschistin, die sich 1944 im Alter von 18 Jahren als Freiarbeiterin nach Deutschland meldet, gerät selbst in die Fänge der von ihr bewunderten Diktatur. Eine junge Frau voller Ideale wird zum Opfer, weil sie sich gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auflehnt, die sie zuvor nicht wahrhaben wollte. Vom Saulus zum Paulus im Dritten Reich. Ein Bericht voller Widersprüche und Ausrufezeichen. Das Zeitzeugnis einer Desillusionierten.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Luce d´Eramo war erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Chronologisch geordnet ist es nicht, was wir in ihrem Buch lesen. Chronologisch sind lediglich die Zeitpunkte, zu denen sie von ihrer Erinnerung eingeholt wurde. In dieser Reihenfolge sind sie angeordnet. Und doch ist es sinnvoll, diese Bilder ihrer Vernissage nicht umzuhängen, sie in die Phasen des Lebens einzureihen, sondern sie in ihren Widersprüchen wirken zu lassen. Was im Buch im KZ Dachau beginnt, hat eine Vorgeschichte. Was eine junge Flüchtende 1944 in München erlebt hat eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte voranzustellen würde dem Erlebten nicht gerecht. Die volle Wucht der Erkenntnis reift mit dem wachsenden Wissen um alle Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Odyssee. 

Wie wird aus der freiwilligen Arbeiterin in den Fabriken der IG Farben in Frankfurt Höchst in letzter Konsequenz eine Gefangene im KZ Dachau? Was führt eine junge Frau dazu, diesem Lager zu entfliehen, in welchen illegalen Orbit im Hagel der alliierten Bomben taucht sie in München ein, was führte zu ihrer Deportation und wie gelang ihre Flucht bis nach Mainz, warum war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort und wieso stürzte ein Mauerrest gerade auf sie und nahm ihr zeitlebens die Möglichkeit ihre Beine zu bewegen? Was macht aus der linientreuen und nach Bestätigung suchenden jungen Faschistin in den Lagern der IG Farben eine Kämpferin für Gleichberechtigung und wie reagiert ihre Familie auf die Erkenntnisse eines Mädchens, dem alle Illusionen geraubt wurden? Hier schärft sich der Blick des Außenstehenden. Fassaden bröckeln und auch ideal wirkende Ideale werden zum Opfer der Machtgier. Die Welt der IG Farben besteht auf Freiarbeitern voller Ambitionen und Zwangsarbeitern, die dort gehalten werden wie Tiere. Russische und polnische Kriegsgefangene, Aufständische aus dem Warschauer Ghetto, inhaftierte Partisanen und französische Kriegsgefangene bilden den Kosmos in dem die kriegswichtige Produktion auf menschenverachtende Methoden zurückgreift.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Hier wird aus der freiwilligen Faschistin die Kollaborateurin mit vielen Privilegien. Hier erlebt die junge Italienerin die Zustände, in denen die Zwangsarbeiter vor sich hin vegetieren. Hier regt sich ihr Gewissen. Hier wird sie zur Zeugin von Zuständen, die sie niemals wahrhaben wollte. Hier begehrt sie auf. Hier wechselt sie die Seite und schließt sich den „Bolschewiken“ an. Am untersten Rand der Nahrungskette angekommen, wird sie fast zur Märtyrerin für die Rechte der Gefangenen. Hier wird aus der Faschistin eine verzweifelt Zweifelnde, eine Hassende und Kämpfende. Hier wendet sich das Schicksal von Luce d´Eramo. Aus einer Anhängerin wird eine registrierte Gegnerin. Sie wird nach Italien repatriiert. Dort von der SS festgesetzt und nach Dachau deportiert. Hier beginnt „Der Umweg“ auf dem sie erneut nach Deutschland verbracht wird. Fortan wird sie, die ehemals Linientreue, zur Alliierten der Verzweifelten.

Was nun bei den Nazis als menschlicher Abschaum gilt, entwickelt sich zu treuen Weggefährten durch eine unglaubliche Odyssee. Eine Irrfahrt, die man als Leser auf sich nehmen sollte. Die Läuterung der Faschistin vollzieht sich nicht schlagartig, jedoch mehr als nachhaltig. Dass Luce d´Eramo den Zweiten Weltkrieg überlebte hat sie jenen zu verdanken deren Schicksal sie bezweifelte. „Der Umweg“ könnte einen Ausweg aus dem allzu linearen Denken darstellen. Perspektivwechsel und eigenes Erleben. Das ist es, was wir Populisten von heute wünschen. Eine Fahrt in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, eine Nacht in Aleppo, zwei Monate im Status asylsuchend, abgeschoben in eine Heimat, die keine Sicherheit bietet. Es sind diese Perspektiven, die wir uns für die Menschen wünschen, die auch heute noch Kollaborateure der Unmenschlichkeit sind.

Der Umweg von Luce d´Eramo – Zurück in Dachau – Mehr als eine Impression…

Ich lese und schreibe weiter Gegen das Vergessen an. Ich suche nach wie vor die großen und kleinen wahren Geschichten aus einer Zeit, vor deren Wiederholung immer noch gewarnt werden muss. Populisten verbergen ihre wahren Absichten gut. Sie sind immer wieder in der Lage, Automatismen zu nutzen, Ideologien zu verbiegen und sich durch das Verbreiten von Angst unersetzlich zu machen. Populisten brauchen niemals Lösungsansätze. Sie brauchen nur die Unzahl von „Neins“ und „Abers“. Ihnen wünsche ich zahllose Luce d´Eramos. Begeisterte Anhänger, die schnell merken wohin der Hase läuft. „Der Umweg“ ist unter Berücksichtigung dieser besonderen Rahmenbedingungen ein wichtiges Buch, das „Gegen das Vergessen“ kämpft und die individuelle Geschichte von Menschen zutage fördert, die wir ansonsten vergessen würden.

Diesen Umweg habe ich gerne gemacht. Er zeigt mir, wie sehr die Betroffenen, egal ob nun als Opfer, Mitläufer oder Täter lebenslang mit der Verarbeitung der Geschichten ihres Lebens beschäftigt sind. Die schonungslose Offenheit mit der eigenen Erinnerung sticht besonders aus diesem Zeitzeugenbericht heraus. Luce d´Eramo gesteht sich und uns gegenüber ein, wie lange es gedauert hat, klar zu sehen, Wahres von Illusionen zu trennen und im Ergebnis die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Eingeständnis der Autorin, sich jahrelang selbst belogen zu haben, um mit ihrer Geschichte leben und sie verarbeiten zu können, macht aus einem ganz normalen Buch ein Standardwerk zu den großen Themen unserer Zeit. Ideologisch populistische Verführung und die Folgen für Linientreue und Gradlinige. Meine Gradlinigkeit ist durch eine rote Linie definiert, der Luce d´Eramo mehr Kontur verliehen hat.

Vor wenigen Tagen führte mich Der Umweg nach Dachau. Ein wichtiger Moment.

Freiwillig im KZ – Wahrlich kein Einzelfall

Freiwillig ins Konzentrationslager? Kein Einzelfall in der Geschichte.

 

„Belladonna“ von Daša Drndić – Ein Vermächtnis

Belladonna von Daša Drndić

„Habent sua fata libelli“. Bücher haben ihre Schicksale. Dieses Zitat aus dem alten Gedicht von Terentianus Maurus hat sich in meinem Lesen schon oft bestätigt. Bücher tragen nicht nur ihre jeweils erzählte Geschichte in sich. Sie werden nicht losgelöst von den situativen Rahmenbedingungen des Lesens aufgenommen und verändern sich im Lauf der Zeit. Deutungen sind schicksalhaft von den Entwicklungen der Geschichte und dem Verständnis der Leser abhängig. Bücher als zeitlos zu bezeichnen, bedeutet also eher, ihnen eine konstante Aussagekraft bei sich ständig verändernden Gegebenheiten zu attestieren. Egal, wann man sie liest, egal, welche politische oder soziale Strömung sie tangiert, ihre Botschaft bleibt tragfähig und relevant.

Belladonna“ von Daša Drndić ist in jeglicher Hinsicht ein schicksalhaftes Buch. Der kroatischen Autorin gelingt in ihrem letzten Werk ein vielschichtiger Abgesang auf die zerrissene Geschichte ihres Heimatlandes. Zugleich verknüpft die am 05. Juni 2018 verstorbene bedeutende literarische Stimme ihren großen Roman „Sonnenschein“ mit einer an Aktualität und Zeitlosigkeit kaum zu übertreffenden Geschichte, die uns erneut zeigt, dass sich Geschehenes und Erlebtes wiederholen kann. Was in „Sonnenschein“ mit der verzweifelten Suche nach verschleppten und der Identität beraubten jüdischen Kindern nach dem Holocaust begann, setzt sich in „Belladonna“ mit den Ursachen und Folgen des Zusammenbruches Jugoslawiens und der Renaissance einer Ideologie fort, die bereits für den Völkermord im Zweiten Weltkrieg verantwortlich war.

Belladonna von Daša Drndić

Es sind die ideologischen Wellenbewegungen, die Daša Drndić antrieben. Es sind die Parallelen und Muster, die man erkennen kann, wenn man nur genau hinschaut. Es ist der leise und doch unüberhörbare Unterton einer nationalsozialistischen Doktrin, die nicht auszurotten ist. Hier legt die Autorin die Finger in alle offenen Wunden, bricht mit allen nationalen Legenden ihrer kroatischen Heimat und hält uns damit den Spiegel für die eigene Blindheit vor. Ebenso fragmentarisch wie sich reale Geschichte im täglichen Leben zeigt, konstruiert sie ihren Roman. Ebenso in seine Einzelteile zerlegt präsentiert sie uns ihren Protagonisten Andreas Ban, der in der finalen Krise seines Lebens alles dem Vergessen entreißen will, was die Gesellschaft erfolgreich verdrängt hat.

Er, der Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Der Fremdenführer, der niemanden mehr führt. Der Psychologe, der nicht mehr analysiert. Er, der Intellektuelle ist nicht mehr sichtbar. Aus den offiziellen Ämtern verdrängt, der Lehrtätigkeit enthoben, an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, die sich national neu erfinden möchte und doch der aufmerksame Beobachter dessen, was wirklich in Kroatien und Serbien geschah, als in den 1990er Jahren die ungeliebte gemeinsame Heimat Jugoslawien in ihre Einzelteile zerbrach. Er, Andreas Ban, lehnt sich in der Einsamkeit eines Sehers gegen den Krebs auf, der ihn so zerfrisst, wie der Nationalismus das Innere seiner Heimat verzehrt. Hier tauchen sie schemenhaft am Rande seiner Wahrnehmung auf: die Verantwortlichen für den neuerlichen Völkermord, die Täter und deren Nachfahren von einst, die nach vielen Jahrzehnten des Exils nach Hause kommen, um wiederentstehen zu lassen, wovon sie ewig gestrig träumten.

Belladonna von Daša Drndić

Daša Drndić macht aus dem von allen Seiten Ungewollten den Heilsbringer einer gemeinsamen Zukunft. Wäre nur jemand da, der sich noch vom Außenseiter Andreas Ban therapieren oder überzeugen ließe. Wäre nur noch jemand empfänglich für seinen zeitlosen Blick auf die Geschichte seiner Heimat. Auf die Opfer und Täter, auf zahllose Beispiele, die jenen populistischen Automatismus des Nationalismus veranschaulichen. Auf die Konsequenzen, die er hatte und immer haben wird. Hilflos kommt sich Andreas Ban vor. Ungehört, unerhört, vergessen. Dabei sollte man gerade ihm Aufmerksamkeit schenken. Er leitet ab, er leitet her und er leitet über, was niemand wahrhaben möchte. Genozid und Ausgrenzung haben ihre Vorgeschichte. Sie liegt nur solange im Schatten, wie man den „Sonnenschein“ leugnet.

Hier gelingt Daša Drndić in literarischer Hinsicht ein brillanter Geniestreich, zitiert sie sich doch an entscheidenden Stellen des Romans selbst. Sie hebt ihr eigenes Buch „Sonnenschein“ auf die Ebene einer Referenzquelle für die Sichtweisen von Andreas Ban. Er bezieht sich in seinen fragmentarischen Erinnerungen genau auf dieses Werk, seine inhaltliche Tragweite und die humanistische Botschaft, die es so relevant für das Verstehen des nationalsozialistischen Gedankengutes macht.

In Sonnenschein liest Andreas Ban über den bekannten Grafiker Christoph Meckel und seine Bücher Suchbild. Über meinen Vater. Meine Mutter, über
Monika Göth
(Tochter des Kommandanten des KZs in Plaszów, der zum Tod
durch Erhängen verurteilt wurde), die heute nach Überlebenden der Lager
sucht, nach Opfern ihres toten Vaters Amon Göth, und sie um Verzeihung bittet.

Belladonna von Daša Drndić

Hier schlägt Daša Drndić den Bogen ihres Romans „Belladonna“ bis zurück zum Zweiten Weltkrieg. So vermag sie die wahre Rolle ihrer kroatischen Vorfahren aus der Vergangenheit ans Tageslicht zu zerren, das Versagen der Kultur, die aktive Rolle ihrer Landsleute im Holocaust und die nicht überwundenen Demütigungen durch die Sieger nach dem verlorenen Krieg. Hier zeigt sich, wie lange dieses Gedankengut im Exil vor sich hin keimte, bevor es beim Zerfall Jugoslawiens wieder neu erblühen durfte. Hier ist augenfällig, wie fatal es ist, die Folgen der Geschichte zu vergessen. Einer Geschichte unter der heute noch die Nachkommen der Opfer von einst leiden. Anreas Ban lernt sie kennen, die Menschen, die noch heute auf der Suche nach ihren Familien sind. Kreise schließen sich und werden doch gewaltsam aufgerissen. Dem verweigert er sich. Hier kämpft er beharrlich gegen die Windmühlen des Vergessens.

Und vergessen ist nur, wessen Name vergessen ist. Hier setzt Daša Drndić auch in ihrem unvergessenen Stil an ihr vorheriges Buch an. Seiten voller Namen unterbrechen das Lesen nicht, sie torpedieren es und machen aus einem Roman ein Gedenkbuch für die Opfer der Völkermorde. Sie machen aus diesem Buch eine lebendige Warnung an alle, die heute willfährig in Kauf nehmen, dass erneut solche Listen niedergeschrieben werden. Diese Namen verleihen „Belladonna“ eine unfassbare Wucht, weil sie zeigen, dass sie nicht auszumerzen sind. Sie bleiben. Sie stehen wie Geister aus der brutalen Vergangenheit auf und fordern ihren Tribut. Als Stolperstein, als Erinnerung oder eben als immer noch lebendiges Ausrufezeichen für Völkermord.

Belladonna von Daša Drndić

„Belladonna“ – Das Teufelskraut, die Irrbeere. Ein Strauchgewächs, das sein Gift in hübschen lilafarbenen Beeren verbirgt. „Belladonna“, ein Roman, der nicht in den Giftschrank gehört. Er verbirgt die todbringende Wirkung nicht. Er stellt sie sogar offen zur Schau. Dies ist kein Roman über Kroatien und Serbien. Es ist keine separatistische Geschichte einer Zersplitterung. Es ist der Sonnenaufgang, der bis heute seine dunklen Schatten wirft. Wer bei der Fußball-WM in Russland erlebt hat, wie Nationalspieler der Schweiz mit Kosovo-Albanischen Wurzeln ihre Siegtore gegen Serbien mit dem Zeigen des Doppeladlers von einst feierten, weil sie pausenlos nationalistisch ausgepfiffen und beleidigt wurden, sieht, wieviel Belladonna das ehemalige Jugoslawien noch in harmlos scheinenden Beeren verspritzt.

„Belladonna“ lässt uns vieles verstehen. „Belladonna“ lässt uns an vielem zweifeln. Unzweifelhaft ist dieses Buch das literarische Vermächtnis einer bedeutenden Autorin, die nie aufgehört hat, gegen das Vergessen anzuschreiben. Ich halte „Sonnenschein“ und „Belladonna“ für zwei der wichtigsten Bücher zur Völkerverständigung. Wir sollten nicht vergessen, sondern verstehen und immer in der Lage sein, uns über den Gräbern von einst die Hand zu reichen. Ansonsten riskieren wir, dass sich wiederholt, was nicht wiederholbar sein sollte. Im Erkennen der Automatismen liegt ein Gegengift verborgen, gegen das auch die Tollkirsche machtlos ist. Im Vergessen liegt ihre wahre Kraft. Den Gefallen sollten wir dem Gesellschaftsgift nicht erweisen.

Belladonna von Daša Drndić

Am Ende des Lesens ergänze ich eine der Namenslisten im Buch um den Namen Daša Drndić. Ich weiß, dass sie unvergessen bleibt. Ich weiß, dass ihre beiden Bücher immer wieder zu Rate gezogen werden, wenn es gilt ideologisches Gift zu bekämpfen. Ein Zitat von Daša Drndić mag uns als Mahnung und Ratschlag für die Zukunft dienen. Ich trage es in meinem Herzen, weil ich nicht Teil einer Gesellschaft sein will, die ihre Opfer in Listen erfasst.

“Am Samstag, den 19. Januar 2002 nähen sich sechzig Insassen eines Flüchtlingslagers den Mund zu. Sechzig Menschen mit zugenähten
Mündern irren durch das Lager und starren in den Himmel. Kleine
streunende Hunde springen kläffend um sie herum. Die zuständigen
Stellen verzögern es hartnäckig, die Asylanträge dieser Menschen
zu bearbeiten.“

Lieber ein Vergissmeinnicht hegen, als mit Tollkirschen vergiftet zu werden

Mein Schreiben und Lesen „Gegen das Vergessen„. Eine eigene Welt.

Eine relevante Rezension zu Belladonna ist auch auf Zeichen & Zeiten zu finden.

„Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Zeit für ein kleines Experiment? Einen literaturbasierten Perspektivwechsel? Zeit für ein paar zeitlose Gedanken, die gerade jetzt aktueller sind, als wir es uns vorstellen können und wollen? Na dann mal los.

Wie sieht ein Flüchtling die Welt? Er fühlt sich subjektiv oder objektiv verfolgt und hat Angst um sein Leben. Im Heimatland ist er umgeben von Freunden, die sich abwenden, trifft auf Ausbeuter, die das immobile Eigentum zu Spottpreisen aufkaufen und fühlt sich jenen ausgeliefert, die sich seine Flucht ins Ausland teuer bezahlen lassen. Er sieht die eigene Familie zerfallen, weil eine gemeinsame Flucht zu gefährlich ist, oder nicht jeder aus der Familie körperlich dazu in der Lage ist zu fliehen. Er trifft auf Menschen, die im puren Egoismus handeln und seine Lage ausnutzen. Schuldner entziehen sich und die Menschen, die ihn immer schon um Kleinigkeiten beneidet haben, sehen ihre Chancen steigen, sich zu bereichern.

Fluchtrouten werden erkundet. Sichere Häfen im Ausland werden gesucht und schon steht man vor den nächsten Problemen. Die Zufluchtsländer schließen ihre Grenzen. Er ist nicht willkommen, man zweifelt an den Ursachen für seine Flucht. Er ist pleite, Arbeit war ihm verboten. Seine Freizügigkeit ist eingeschränkt, es droht die Abschiebung und eine Verlegung von einem Flüchtlingslager ins nächste. Die Menschen protestieren und beneiden nun diejenigen, die ihnen den Wohlstand streitig machen könnten. Die fremde Kultur, die fremde Religion und andere harte Faktoren werden ins Feld geführt. An den Nachzug der eigenen Familie ins sichere Ausland ist nicht zu denken. Wo kämen wir da hin? Die Welle wäre nicht absehbar und nicht zu bewältigen.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Dabei sind sich die Menschen nicht darüber im Klaren, dass sie selbst schon lange auf der Flucht wären, wenn sie mit ihm tauschen müssten. Menschen, die bei jeder sich bietenden Chance die Ungerechtigkeit anprangern, nach einem starken Staat schreien, vor Überfremdung warnen und dem Zuzug durch Flüchtlinge einen Riegel vorschieben wollen. Wirtschaftsflüchtlinge oder Fluchttouristen werden sie oft genannt. Diffamierung geht mit dem Vorurteil im Partnerlook. Illegale. Sollen sich doch andere drum kümmern. Nicht mit uns. Dabei hätte man viele Menschen retten können. Dabei hätte man einfach nur aufmerksam hinschauen sollen. Blind jedoch lebt es sich besser. Wegschauen wird zur Methode. Bei den Mitläufern im Heimatland des Flüchtlings und bei denjenigen, die ihm in Zufluchtsländern helfen könnten.

Kommt euch das bekannt vor? Welche Politiker, Parteien, Länder, Regierungen oder Fakten kommen uns da in den Sinn? Worüber schreibe ich hier eigentlich? Über unser Flüchtlings-Jahr 2018? Nein. Sicher nicht. Ich gieße doch hier kein Öl ins Feuer. Will ja nicht als Gutmensch beschimpft werden und suggerieren, dass wir das schon meistern. Nein. Ich rezensiere hier einen Roman, der im Deutschland des Jahres 1938 spielt und bereits 1939 veröffentlicht wurde. Natürlich nicht in Deutschland, versteht sich. Da hätte „Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz schon lange auf den Scheiterhaufen der zu verbrennenden Bücher gelegen…

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Ein Roman von einem jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich hätte in jener tausendjährigen Diktatur gerade zu diesem Zeitpunkt wenige Leser gefunden. Hatte man es doch gerade erst erfolgreich geschafft, nach Inkrafttreten vieler Judengesetze, die Reichskristallnacht am 9. November 1938 zum nationalen Zeichen des Aufbegehrens gegen das Judentum zu stilisieren. Da wäre das Buch eines gerade mal 24-jährigen Juden, der schon vor fünf Jahren nach Oslo geflohen war nicht wirklich ein Bestseller geworden. Immerhin schenkte man ihm ja schon in jenen Ländern, in die er sich nach Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 zu retten versuchte, keinen Glauben. Naja und nach Erscheinen seines Buches in England wurde er 1940 wie viele andere jüdische Flüchtlinge interniert und nach Australien deportiert. Ja, richtig gelesen.

Seine eigene Odyssee steht sinnbildlich für die Odyssee seiner Romanfigur Otto Silbermann. Nur, dass es Silbermann nach der Reichspogromnacht 1938 nicht mehr gelingt, Deutschland zu verlassen. Er mutiert zum Reisenden und erlebt seine Flucht in vollen Zügen. Die Reichsbahn und ihre Bahnhöfe werden zu seinen Refugien, in denen er doch ständig erwartet, festgenommen zu werden. Denunziation und Verfolgung von jüdischen Mitbürgern stehen ganz oben auf der Agenda dieser Tage. Ansonsten kann man das, was er erlebt nur so zusammenfassen, wie ich es in der Einleitung zu diesem Artikel versuchte. Zeitlos ist dieses Leben als Flüchtling. Zeitlos sind die Automatismen, Rahmenbedingungen und Lebensumstände für die Fliehenden. Zeitlos ist es, sie ganz allgemeingültig auf jeder Seite zu Underdogs degenerierter Gesellschaften zu machen.

„Das deutsche Volk wird mit Judenblut zusammengeklebt.“

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Otto Silbermann weigert sich, dieser Gesellschaft als Kleister zu dienen. Er begibt sich auf die Reise durch ein Land, das nicht mehr seine Heimat ist. Seine arische Frau bringt sich alleine in Sicherheit, der Sohn befindet sich in Frankreich. So erlebt er einen Kosmos aus Mitläufern, Tätern und hilfsbereiten Menschen, wobei Letztere an ein paar Fingern abzuzählen sind. Beste Freundschaften zerbrechen, Geschäftspartner wenden sich ab und der einzige verlässliche Partner für den Kaufmann Silbermann ist der Rest seines Vermögens, das er in der Aktentasche mit sich herumträgt. Doch Geld ist Fluch und Segen zugleich in diesen Tagen. Kein Geld zu haben bedeutet den sicheren Tod. Geld zu haben liefert den Häschern allerdings das nächste Argument, sich zu bedienen. Ein Teufelskreis auf den Gleisen der Reichsbahn.

Berlin, Hamburg, Aachen, Dortmund, Dresden und die belgische Grenze gehören zu den Stationen seiner Flucht. Als Silbermann seinen letzten Besitz verliert, wird die Zeit für eine Rettung knapp. Die Aktentasche mit dem Geld wird ihm gestohlen und die Zeit, die er sich hätte erkaufen können, zerrinnt wie Sand durch die Finger.

„Nun gibt es für mich keinen Zeitgewinn mehr, dachte er. Mit dem Geld hab´ ich auch mein Zeitkonto verloren.“

Ulrich Alexander Boschwitz beschreibt ein Szenario, in dem sich tausende Juden in diesen Tagen wie in einem Mahlstrom befanden. Rettung Fehlanzeige. Hoffnung und Unterstützung, Mangelware. Wie die Geschichte des jüdischen Kaufmannes endet kann man sich vielleicht denken, aber man sollte es doch selbst erlesen. Dieser Roman beantwortet viele Fragen, berührt viele Ebenen unseres Verstehens und Mitfühlens. Es ist einfach nur tragisch zu erkennen, dass wir heute wieder in Zeiten angekommen sind, in denen Menschen weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Flucht sind. Es ist dramatisch zu erkennen, dass wir heute zu denen gehören, die sich abschotten wollen. Abschiebung, Familiennachzug, Quoten, Zurückweisung. Ach, es kommt mir so bekannt vor. Dabei hätten wir die Chance der Welt zu beweisen, was sich nachhaltig in unseren Herzen verändert hat.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Und Ulrich Alexander Boschwitz? Er schrieb diesen Roman als Flüchtling. Er wurde so behandelt, wie er es in Otto Silbermann spiegelt. Sein Roman sollte sensibilisieren und Augen öffnen. Er sollte in der Zeit der Verfolgung die Zeit verändern. Er sollte auch Leben retten. Boschwitz konnte in der Dynamik der Ereignisse dieses Werk niemals so richtig lektorieren lassen. Er hatte viele Ideen für eine endgültig überarbeitete Fassung und wollte dem Buch noch mehr Wucht und Präzision verleihen. Dies ist Peter Graf in beeindruckender Art und Weise als Herausgeber gelungen. Sein Nachwort spannt den Bogen von Ulrich Alexander Boschwitz bis in unsere Zeit. Es ist eine Hommage an den fliehenden jungen Autor, der noch so viel vorhatte im Leben.

Am 29.10.1942 wird das von der britischen Regierung gecharterte Passagierschiff M.V. Abosso nordwestlich der Azoren von einem dem deutschen U-Boot versenkt. An Bord: Ulrich Alexander Boschwitz auf dem Weg zurück nach Europa. Auf dem Weg in einen Krieg, den er nie erleben sollte. Auf dem Weg zurück von dem Kontinent, auf den man ihn deportiert hatte. Auf dem Weg auch zu einem vielversprechenden Leben als Autor und Leuchtturm gegen die Ungerechtigkeit. Er starb im Alter von 27 Jahren. Im Gepäck: das letzte von ihm verfasste Manuskript zu „Der Reisende“.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

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„Anne Frank und der Baum“ – Samen der Hoffnung

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Es gibt Bücher die unglaublich gefährlich sind. Bücher, die auf erschreckende Art und Weise aufzeigen, dass eine bestimmte politische Ideologie zwar in ihrer jeweiligen Zeit tun und lassen kann was sie will, dass die dabei begangenen Verbrechen und von der großen Masse eines Volkes getragenen Ansichten zwar möglich sind, aber niemals in Vergessenheit geraten. Besonders dann nicht, wenn der gesunde Menschenverstand wieder Einzug ins gesellschaftliche Leben hält und die Mitläufer und Täter von einst der Meinung sind, einfach in der neuen Masse untertauchen und weiter mitschwimmen zu können.

Es gibt Bücher, die für Dikaturen und ewig Gestrige der folgenden Generationen gefährlich werden, die Vergessenes ans Tageslicht bringen und Opportunismus, sowie die Folgen des Mitlaufens ebenso brandmarken, wie diejenigen, die sich aktiv und aus rein egoistischen Motiven an den Schwächeren einer Gesellschaft vergriffen haben. Es sind diese Bücher, die länger leben als die Menschen, von denen sie handeln. Es sind Bücher über Opfer, Ausgegrenzte, Deportierte, Entsorgte, Ermordete, Entrechtete und Entartete, die für Täter von gestern, heute und morgen gefährlich werden. Bücher, die uns nie mehr loslassen und einen zeitlosen Aufschrei gegen das Unrecht darstellen. Es sind Bücher „Gegen das Vergessen“ die uns wachhalten…

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Das Tagebuch der Anne Frank“ ist ein solches Buch. Brandgefährlich, weil es in der Lage ist, Menschen die Augen zu öffnen. Einerseits für den Rassenhass der Nazis von einst, andererseits für die frühen Symptome des Wiederaufflammens der Ideologie, die millionenhaftes Menschenleben ausgelöscht hat. Einzig beruhigend für die braunen Horden von heute mag es sein, dass dieses Zeitzeugnis erst so richtig verstanden wird, wenn Heranwachsende vielleicht schon den Verführungen der Wutgesellschaft erlegen sind und dieses Tagebuch gar nicht mehr ernst nehmen. Was also könnte gefährlicher sein, als die Botschaft der Anne Frank auch an ganz junge Menschen heranzutragen? Aus Sicht der rechten Radikalen von heute wäre das ein Tiefschlag in das Weltbild, das sie so gerne vermitteln würden.

Hier kommt ein erzählendes Bilderbuch ins Spiel. Ein wahrer Spielverderber für die Ansichten derer, die auf ihrer Suche nach den Underdogs unserer Gesellschaft erneut fündig geworden sind. Neid und Missgunst, Zukunftsangst und Hass fächern wieder aus. Grenzen schließen, Ausländer beschimpfen, Angst gegen Andersgläubige schüren und die freie Meinungsäußerung unterbinden. All dies scheint wieder salonfähig zu werden. Aber Vorsicht. Nichts bleibt im Verborgenen, nichts wird je vergessen und keiner kann sich später aus der Verantwortung ziehen oder leugnen. Vorsicht vor Bäumen. Lasst euch das gesagt sein. Bäume vergessen nichts. 

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Anne Frank und der Baum – Der Blick durch Annes Fenster von Jeff Gottesfeld, Peter McCarty und übersetzt von Mirjam Pressler ist dieser Spielverderber, der als einfaches Bilderbuch vom Sauerländer Verlag daherkommt. Berührende Illustrationen und nachhaltig wirkende einfach gehaltene Texte ermöglichen einen Perspektivwechsel, der in der gemeinsamen Betrachtung von Jung und Alt eine neue Sichtweise auf einen Hinterhof im besetzten Amsterdam des Jahres 1944 bietet. Die Prinsengracht 263 war der Zufluchtsort der jüdischen Familie Frank. Bis zu dem Tag, an dem sie verraten und deportiert wurden, führte Anne Frank dort ihr Tagebuch. Nur ihr Vater überlebte. Kaum ein anderes Tagebuch hat so viele Menschen bewegt, kaum ein Schicksal hat sich uns so tief erschlossen, kaum ein zweites Mädchen war in der Lage, ihr Leben im Versteck so eindringlich zu beschreiben. Ein Versteck, von dem aus sie nur einen Ausschnitt der Welt sah, vor der sie sich verbergen wollte.

Was sie sah, war ein wenig Sonne, den Hinterhof und einen Kastanienbaum. Drei Zitate aus ihrem Tagebuch sind ihrer Kastanie gewidmet. Zitate die später dazu führten, dass diese Kastanie als „Anne-Frank-Baum“ selbst zum stummen Zeitzeugen erhoben wurde. Das Bilderbuch erzählt seine Geschichte. Aus seiner Perspektive. Die Kastanie schaut mit ihren Blättern in das Fenster, hinter dem sich das Leben der Familie Frank im Verborgenen abspielte. Der Baum erzählt uns vom Krieg, den Bomben und von dem Tag, an dem Anne Frank mit den Menschen aus ihrem Versteck gerissen und in Autos getrieben wurde. Er erzählt bis zu jenem Tag, als Annes Vater Otto alleine zurückkehrte und das Tagebuch seiner Tochter fand.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Was er las, bewegt heute noch die Welt. Was er über die Kastanie las, verdeutlichte ihm, wie wichtig dieser Baum für Anne Frank war.

23. Februar 1944

„Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so,
dass wir nicht mehr sprechen konnten.“

18. April 1944.

„Der April ist tatsächlich wunderbar, nicht zu warm und nicht zu kalt und ab und zu ein kleiner Regenschauer. Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.“

13. Mai 1944

„Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte
und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.“

Annes Vater Otto Frank in einer Rede 1968

„Wie konnte ich wissen, wie viel es für Anne bedeutete, ein Stückchen blauen Himmel zu sehen, die Möwen im Flug zu beobachten und wie wichtig ihr der Kastanienbaum war, wenn ich daran denke, dass sie sich früher nie für die
Natur interessiert hatte. Aber sie sehnte sich danach, als sie sich wie ein
Vogel im Käfig fühlte. Schon der Gedanke an die freie Natur gab ihr Trost.
Doch alle diese Gefühle hatte sie für sich behalten.“

Und dann geht das Buch einen Schritt weiter und erzählt den Teil der Geschichte, den der Baum selbst nicht mehr erlebt hat. Hoffnungssamen, Sprösslinge, Setzlinge gegen das Vergessen kennzeichnen das letzte Kapitel des stummen Zeitzeugen, der bis heute an vielen Orten der Welt für Anne Frank steht. Ein magisches Ende, das niemals ein Ende sein wird.

Folgt mir ins Bilderbuch „Anne Frank und der Baum“. Beurteilt selbst, was dieses Werk auszurichten in der Lage ist und welche Türen es heute noch zur Welt der Anne Frank öffnen kann. Folgt mir zu anderen Büchern, die ich hier vorgestellt habe und die das Erinnern an Anne am Leben halten. Ein Graphic Diary, Das Buch einer besten Freundin und natürlich die Gesamtausgabe des Tagebuches sind Meilensteine des Lesens gegen das Vergessen. Vergissmeinnicht ist die Überschrift dieses Lesens und Schreibens.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Und all jene, die dieses Bilderbuch niemals lesen werden, sollten auf ihren Wegen auf Bäume achten. Sie schauen auch heute noch zu. Sie stehen am Straßenrand und sehen die Fackelzüge und Mahnwachen gegen Ausländer, sie sehen Steine fliegen und vergessen die Werfer nicht. Achtet auf die Bäume. Sie künden später von euren Taten. Bäume vergessen nicht. Ich liebe diese stummen Zeitzeugen, die so laut schreien und erinnern können.