Sonnenschein von Daša Drndić [Gegen das Vergessen]

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Ihre Geschichte ist eine kleine Geschichte, eine der unzähligen Geschichten von Begegnungen, von erhaltenen Spuren zwischenmenschlicher Kontakte, sie weiß das, doch solange sich nicht alle Geschichten der Welt zu einer gigantischen kosmischen Patchwork-Decke verbinden, die die Erde umhüllt, damit die Erde schlafen kann, wird die Geschichte, dieses Ungeheuer aus der Wirklichkeit, weiterhin die Nähte auftrennen, schnippeln, reißen, Fetzen des Universums klauen und sie in ein eigenes Leichentuch nähen.“

Sonnenschein“ von Daša Drndić ist so eine kleine Geschichte. Eine dieser unzähligen kleinen Geschichten, die für den Verlauf der Weltgeschichte keinerlei Bedeutung zu haben scheinen. Und doch verbirgt sich hinter diesem kleinen Quadrat der universellen Patchwork-Decke mehr als nur eine Geschichte. Ohne sie zu kennen verlieren wir den Kontakt zu den Fäden, die sie mit dem Rest der Weltgeschichte verbinden. Und die losen Enden dieser Fäden sind die losen Synapsen im kollektiven Gedächtnis der folgenden Generationen, die eine Verbindung vom individuellen Leid auf die unvorstellbare Dimension der Verbrechen des Holocaust nicht mehr zulassen.

Die kroatische Autorin Daša Drndić geht hier gemeinsam mit dem Verlag Hoffmann und Campe einen besonderen Weg, um dem kollektiven Vergessen entgegenzutreten und den Lesern in einer beeindruckenden Mischung aus fiktiv-realem Dokumentar-Roman eine dieser kleinen Geschichten zu erzählen, die dann so plötzlich ausufert, als hätte man jeden Faden der Patchwork-Decke in Schwingung versetzt. Dieser Weg besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Der teilweise fiktiven Handlung, die mit vielen dokumentarischen Einschüben immer wieder auf den Boden der Realität gezogen wird und dem Buch selbst.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Die Rolle des Buches ist keine unerhebliche in diesem komplexen Projekt. Es fühlt sich an, als habe man ein geheimes Buch aus einem verborgenen Archiv der damaligen nationalsozialistischen Machthaber in den Händen. Es ist wie für die Ewigkeit gemacht. Extrem stabil verarbeitet, höchst wertvoll und nostalgisch im Buchschnitt. Die ungleichen Seitenlängen des sehr hochwertigen Papiers in Verbindung mit seiner unverwüstlichen Bindung lassen in jedem Kapitel, bei jedem Wort und jeder einzelnen Illustration das Gefühl entstehen, man habe ein authentisches Zeitzeugnis in Händen. Die aus dem Wort „Sonnenschein“ wachsende SS-Rune und die Spuren von Abnutzung verstärken dieses haptisch-optische Echtheitsgefühl.

Die Anordnung der Fotos und Dokumente gleicht eher einer Ermittlungsakte und manche Kapitel und Einschübe erinnern im Schriftsatz sehr an Vernehmungsprotokolle. Das gesamte Innere wirkt unharmonisch, wie von einem akribischen Sachbearbeiter in jahrelanger aber zeitlich nicht chronologischer Reihenfolge mit neuen Erkenntnissen angereichert. Es finden sich Lebensläufe, Stammbäume und ein Mittelteil, den ich so in meinem Leseleben noch nie erlebt habe.

Unter der Überschrift „Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte“ sind auf siebzig Seiten ungefähr 9000 Namen von jüdischen Menschen verzeichnet, die in den Jahren 1943 und 1945 aus Italien deportiert oder dort ermordet wurden. Spätestens an diesem Punkt erzielt das Buch schon als solches eine unbeschreibliche Wirkung. Man ist nicht in der Lage, die Liste nur zu überfliegen, erkennt ganze Familienzweige und realisiert, dass dies alles kleine Geschichten sind, die zur großen Patchwork-Decke des Holocaust in Italien gehören. 9000 Menschen. 9000 Geschichten und doch nur ein kleiner Teil der Patchwork-Decke, die das Totenbett der Opfer des Nationalsozialismus bedeckt.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Dieses Buch ist als Buch gewagt. Es ist mutig und es ist außergewöhnlich und dabei ist es doch als Kunstwerk so wichtig, da es eine Geschichte beinhaltet, die in einer anderen bibliophilen Darreichungsform an der erforderlichen Authentizität verlieren könnte. Diese Geschichte ist nicht von dieser Welt. Sie ist nicht aus unserer Zeit. Sie ist unfassbar und unbegreiflich zugleich. Sie ist oftmals schwer zu lesen, schwer zu verdauen, schwer zu verstehen und es ist schwer, das Buch überhaupt aus der Hand zu legen.

Die Geschichte entzieht sich jeder stilistischen Einordnung, sie ist ohne Rhythmus, folgt keiner chronologischen Abfolge. Sie ist fragmentarisch, setzt sich manchmal aus Fetzen und Schnappschüssen zusammen, doch immer dann, wenn sie zu entgleiten droht, wartet Daša Drndić genau auf der richtigen Seite des drohenden Verlusts und reicht ihrem Leser die nächsten Fäden der großen Decke in die Hand. Es sind jeweils pulsierende und teilweise glühende Fäden. Man nimmt die Fährte auf, spürt den Freiraum der eigenen Gedanken, die von der Autorin jederzeit vehement und beharrlich eingefordert werden. Aktiveres Lesen habe ich noch niemals in dieser Dimension erlebt.

Das Verstehen reift von Seite zu Seite und gleichzeitig wächst der innere Widerstand zu glauben, was damals im von Nazis besetzten Italien und in vielen anderen Ländern möglich war. Und wenn man dann kopfschüttelnd vor den Seiten, Zeilen, Worten und Fetzen dieser Geschichte sitzt und sich selbst sagt: NEIN.. Das kann doch nicht sein, genau dann öffnet die Autorin den Vorhang und konfrontiert den zweifelnden Leser mit den Tätern. Auge in Auge lesen wir die Vernehmungsprotokolle des Grauens. Und wenn wir dann extrem schluckend versucht sind, das Buch einmal kurz aus der Hand zu legen, öffnet sich der Vorhang zu den Überlebenden. Ihnen müssen wir zuhören. Ob wir wollen oder nicht und so treiben wir uns selbst durch eine Geschichte, die in sich in weiten Teilen erfunden ist. Begegnen Menschen und Begebenheiten, die es so nicht gegeben hat. ABER

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Aber genau das ist der einzige greifbare Rettungsanker für den Leser. Diese Fiktionalisierung rettet uns davor, diese kleine Geschichte von Haya Tedeschi als absolut zu betrachten und in der ausschließlichen Fixierung auf dieses Einzelschicksal die übergeordnete Dimension von „Sonnenschein“ aus unseren Augen zu verlieren. Haya steht hier als Suchende und Leidende stellvertretend für all diese kleinen Geschichten. In ihr findet sich das Leid, der Verlust, das Hoffen, Sehnen und Bangen wieder. Der staunende Unglaube und die Ernüchterung, das Verstehen und das Verweigern. Haya Tedeschi wird zu einem fiktiven menschlichen Synonym für all das Leid eines Individuums. Ein zeitloses Leid, da es die Zeit überdauert.

Seit 62 Jahren wartet sie auf ihren Sohn. Seit genau 62 Jahren durchforstet sie Archive, Dokumente, folgt allen denkbaren Spuren, nur um das Kind wiederzufinden, das im von Nazis besetzten Gorizia aus dem Kinderwagen entführt wurde. Ihre kurze Affäre mit einem der Besatzer, dem SS-Offizier Kurt Franz, war für sie mit Illusionen und Gefühlen verbunden. Dass sie als Jüdin einem arischen Herrenmenschen ein Kind schenkt ist ein nationalsozialistisches Sakrileg. Und es wird korrigiert. Eine Entführung beendet alles.

Im Gegensatz zu ihrer Familie überlebt die junge Jüdin den Zweiten Weltkrieg, nur um in der Folge über Jahrzehnte noch viele Tode zu erleiden. Sie findet alles über Kinder heraus, die in der damaligen Besatzungszeit als Bastarde von Nazis gezeugt wurden. Sie enträtselt den italienischen Holocaust, recherchiert sich mit viel Mühe an die brutalen Täter heran, sie realisiert, was Euthanasie im Wortsinn bedeutete. Sie findet Vernehmungsprotokolle der Beteiligten an der Aktion T4 zur Vernichtung von unwertem Leben. Sie nähert sich dem Projekt Lebensborn an, in dem der arischen Rasse genetisch reiner Nachwuchs durch Zucht beschert werden sollte. Sie erfährt auch, was mit jüdischen Kindern geschah, die von der katholischen Kirche gerettet wurden. Sie wurden ihren Eltern nicht zurückgegeben, da sie ja nun getauft und katholisch waren. Ihre Seelen sollten nicht mehr verloren werden. Unglaublich. Aber wahr.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić – Zeichnungen der T4 – Opfer von Peggy Steike

Sie recherchiert sich durch den Schrecken der Konzentrationslager, in denen die T4-Täter ihre perfiden Talente in der Beseitigung unwerten Lebens im großen Stil weiterführen konnten. Doch sie vermag es nicht, ihrem verlorenen Sohn näher zu kommen. Zu verflochten sind die Wege, zu viel wurde vernichtet. Und doch weiß sie, dass – wenn er noch lebt – er eines von zigtausend Kindern ohne jede Vergangenheit ist. Ohne Identität und ohne Wurzeln. Gefangen in einem manipulierten körperlich geistigen Käfig.

Wir durchforsten all diese Mosaiksteine mit ihr gemeinsam. Uns stockt der Atem in Treblinka. Wir verzweifeln mit ihr angesichts der Zeugenaussagen von Tätern und Opfern. Tränen der Verzweiflung und ungläubige Starre werden zu unseren Begleitern. Und doch richten wir uns immer wieder am aufrechten Kampf einer suchenden Mutter auf, die alles verloren geben kann. Sich selbst, ihre Familie, ja sogar ihr ganzes Land. Nur nicht das Kind, das sie nur kurze Zeit an ihre Brust schmiegen durfte.

Hoffnungslos ist Sonnenschein nicht. Es wirft seinen Schlagschatten bis in unsere Zeit. Das Buch erklärt in aller subjektiver Deutlichkeit, warum nicht vergessen werden darf. Weil eben nicht abgeschlossen wurde. Weil die Wunden noch offen sind und weil es auch heute noch Menschen gibt, die nicht den leisesten Hauch von ihrer eigenen Geschichte haben. Das merken wir mit der größten Gänsehaut unseres Lesens, wenn wir im Buch plötzlich einem erwachsenen Mann begegnen, der sehr spät in seinem Leben erkennen musste, dass er nicht derjenige ist, der er immer zu sein glaubte. Und genau dieser Mann macht sich von seiner Seite aus auf die Suche nach seiner Mutter. Einer Frau, die nun sehr alt sein muss und aus Italien stammen soll. Aus Gorizia…

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Ich kann dieses Buch ans Herz legen. Aber es sollte ein stabiles Herz sein, das weiß, worauf es sich einlässt. In der drastischen Schilderung der Realität des Holocaust bleibt kein moralischer Stein auf dem anderen. Alle bekannten Grundfesten unserer Gefühle werden eingerissen. Es ist eines der wichtigsten Bücher Gegen das Vergessen“, das ich jemals lesen durfte. Aber ich habe nicht gut geschlafen in unserer gemeinsamen Zeit.

Sonnenschein wird Teil meines gemeinsamen Projektes „Gegen das Vergessen“ mit Peggy Steike. Sie versucht gerade auf ihre ganz besondere Art und Weise den unschuldigen Opfern der T4-Aktion wieder ein Gesicht zu geben. Als Rekonstruktion von Originaldokumenten, weil hier weitgehend im Geheimen gemordet werden konnte. Im absolut Verborgenen. Es war der große Testlauf für den Völkermord.

Sonnenschein“ bringt Licht ins Dunkel. Und es ist dabei der wohl blendendste Suchscheinwerfer der Geschichte in Buchform.

Du kannst Teil unseres Projektes „Gegen das Vergessen“ werden. Ein Exemplar von „Sonnenschein“ möchte ich gerne an einen interessierten Leser weitergeben. Peggy und ich haben uns dem Ziel verschrieben, dem Erinnern ein Gesicht zu geben und den Opfern des Holocaust durch unsere Arbeit ein wenig Würde zurückgeben zu können. Dafür musst Du nur bereit sein, uns ein wenig zu helfen. Auf der Liste der 9000 Deportierten und Ermordeten hat sich mir der Name Jenni Dienstfertig ins Gedächtnis gebrannt. Ich möchte mehr über sie erfahren. Wenn Du helfen möchtest, mehr über sie herauszufinden, dann kommentiere bitte diesen Artikel. Danke fürs Lesen…

Ronja stellt sich der Herausforderung "Gegen das Vergessen"

Ronja stellt sich der Herausforderung „Gegen das Vergessen“

Update zum Artikel:

Ronja Grage wird sich auf die Suche nach Jenni Dienstfertig machenWir sind schon alle sehr gespannt, was sie nach den ersten unglaublichen Informationen noch herausfindet.

Der Lesebericht und die Recherche-Ergebnisse von Ronja wurden nun auf ihrem Blog Bücherstöberecke veröffentlicht. Hierbei ist es besonders bewegend zu sehen, dass nicht nur „Sonnenschein“ seinen Schlagschatten auf die Artikel dort geworfen hat, sondern über die eigentliche Bitte hinaus, etwas über Jenni Dienstfertig herauszufinden ein ganzes Projekt entstanden ist… Hinter jedem Namen eine Geschichte.

Zur Rezension „Sonnenschein“ von Ronja Grage
Zu den Recherche-Ergebnissen „Jenni Dienstfertig“
Zur Projektseite „Hinter jedem Namen eine Geschichte“
Sonnenschein – „Bruno Farber“

sonnenschein_dasa drndic_astrolibrium_hoffmann und campe_buchhandlung calliebe

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30 Gedanken zu „Sonnenschein von Daša Drndić [Gegen das Vergessen]

  1. Danke für diesen Artikel….seit du dieses Buch das erste mal gezeigt hast, hat es sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Viele Geschichten wurden mir in Büchern zu dem Thema bereits erzählt…viele Schicksale offenbart….viele starke MMenschen habe ich kennen gelernt. Und das alles dank des Projektes „Gegen das Vergessen“.

    Wahnsinnig gern würde ich dieses Buch lesen und es für meine Tochter aufheben, bis sie das Thema in der Schule haben. So können nicht nur Schüler, sondern auch die Lehrer noch viel dazu lernen…erfahren.

    Ich danke dir, dass du dich so sehr dafür engagierst und uns daran teilhaben lässt.

      • Ich hab mich über Jenni informiert…leider ist nicht viel in deutsch oder englisch zu finden. Am 7.3.44 ist sie ermordet worden 😦 In Auschwitz….man hat ihr einen Stolperstein gewidmet (und natürlich auch vielen anderen). Ich werd mich nochmal am PC und einem Übersetzungsprogramm damit befassen…vielleicht findet sich in Italienisch noch mehr zu ihr.

      • Ihr recherchiert euch schon an die Grenzen des recherchierbaren, dabei solltet ihr eigentlich nur mitteilen,ob ihr dazu breit seid, wenn das Buch bei euch zuhause ist… aber ich sehe schon, dass diese Frage manchmal keinen Aufschub duldet…

        Frohe Ostern Dir…

      • Als ich das Buch „Der Fotograf von Auschwitz“ las, hab ich mir auch einen Namen notiert, der mir direkt auffiel…von einer Frau…muss ich mal auf den Zettel schauen. Manche Namen erscheinen manchmal so, als wären sie dazu bestimmt, dass man über sie mehr erfährt.

        Ich wünsche dir auf jeden Fall auch ein tolles Osterfest 🙂

  2. Ach, Arndt… Ich musste das Lesen von diesem Artikel mehrmals unterbrechen, weil ich immer wieder hier saß und den Kopf geschüttelt habe… Seit du „Sonnenschein“ das erste Mal gezeigt hast, war mir klar, dass es ein Buch mit starkem Inhalt sein würde… Nun weiß ich, wie wichtig dieses Buch im Lesen gegen das Vergessen ist. Wie du schon weißt, würde ich es gerne zu einem Begleiter auf meinem eigenen Weg machen. Es ist wirklich unglaublich, was du in deinem Artikel beschreibst. Ich glaube dir gerne, dass du nicht sonderlich gut schlafen konntest.

    Tatsächlich musste ich bei deinen letzten Sätzen stutzen, weil mir der Name „Dienstfertig“ etwas sagte. Ich habe mich mal schnell durch meine – zum Glück gut geordnete – Geschichtsmappe gewühlt und habe Jenni gefunden. Wir haben uns in der Schule mal mit der Aktion „Stolpersteine“ beschäftigt und dabei eine Liste von diesen Steinen erstellt. Jenni Dienstfertig Vogel steht ebenfalls auf dieser Liste. Ich weiß, dass sie nach Reichenau deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. Da sie ja aber aus Italien stammt, haben wir uns nicht weiter mit ihr beschäftigt. Meine Neugier wurde geweckt, also habe ich mich gerade auf die Suche gemacht.

    Jenni Dienstfertig wurde 1866 in Frankenstein in Schlesien geboren (heute Zabkowice Slaskie, Polen). Sie heiratete Markus Vogel und bekam 1898 ihre Tochter Ernestina, geboren in Meran. Nach dem Tod ihres Mannes führte Jenni die Pension Vogel weiter, bis diese 1940 verkauft werden musste.
    Nur wenige Tage nach der Besetzung Norditaliens durch deutsche Truppen kam es zu Verhaftungen der in Meran ansässigen Juden. Am 16.September wurden 1943 wurden 25 Personen verhaftet, nur eine von ihnen überlebte den Holocaust. Zusammen mit ihrer Tochter wurde Jenni am 16. oder 17.September 1943 ins KZ Reichenau deportiert und von dort vermutlich im März 1944 weiter ins KZ Auschwitz-Birkenau, das beide nicht überlebten.
    Jenni starb am 07.März 1944. Das Todesdatum ihrer Tochter ist unbekannt.
    Mehr finde ich nicht… Nur auf Italienisch und das kann ich leider nicht… Eigentlich schade…

    • Ich bin sehr beeindruckt, besonders, weil der Name mir nur aufgrund seines Klangs aufgefallen ist… Weißt du eigentlich, was du gerade vollbracht hat?

      Einem leeren Namen Inhalt und Gesicht gegeben, dich an eine Zeit erinnert, in der man sich mit Jenni nicht weiter beschäftigt hat, aber es ist etwas geblieben.

      Ich denke, dass die nun irgendwo vielleicht eine kleine Träne vergießt, dass sie nicht vergessen ist und ich denke, dass du noch mehr herausfinden würdest, wenn das Buch erst bei dir ist. Die Sprache ist da kein Hindernis…

      Wir werden sehen, was „Sonnenschein“ entscheidet. Ich umarme dich einfach ,mal ganz herzlich.

      Ich rief dir mal hinterher, dass du wichtig bist. Weißt du wie schön es ist, dass Menschen dieses Prädikat immer wieder bestätigen.

      Danke Ronja…

      • Ich finde es traurig, dass man über so viele Opfer des Holocausts nichts weiß. Das Projekt „Stolpersteine“ fand ich persönlich sehr interessant. In unserer Stadt kann man sich allerdings leider bisher nur schulisch beteiligen. Meine Schule hat sich leider nicht dazu bereiterklärt. Vielleicht auch, weil zu wenig Schüler Interesse hatten.
        Es ist immer schön zu sehen, dass die Menschen nicht vergessen wurden. Das denke ich jedes Mal, wenn ich einen dieser Steine sehe.

        Ich habe dir ja schon erzählt, dass „Sonnenschein“ jetzt bereits einen Platz in meinem Herzen eingenommen hat und wir uns auf jeden Fall irgendwann in die Arme schließen können (Ich rede von dem Büchlein schon wieder, wie von einem guten Freund). Wenn es denn dann bei mir ist, werde ich die komplette Liste durchgehen. Vermutlich schon einfach deshalb, weil ich die Geschichten hinter den Namen kennen will, auch wenn es wie bei Jenni bei den meisten nur ein kleiner Teil ist. Denn nach all dieser Zeit kann man leider nur noch auf Daten zurückgreifen… nicht auf Gefühle…
        Es sei denn jemand hat seine Geschichte noch aufgeschrieben, so wie Leon Leyson… Aber bei all den Opfern, gerade bei Kindern, ist es für uns nicht möglich, jede Geschichte mit all ihren Facetten zu erfassen.
        (Vielleicht sollte ich doch Geschichte studieren…)
        Auch die Zeitzeugenberichte können uns nur erahnen lassen, was für Gefühle, welche Schrecken, die Menschen damals durchlebt haben.
        Für mich beginnt bald eine neuer Reiseweg auf der anderen Seite. „Liebste Schwester, wir müssen hier sterben oder siegen“ von Marie Moutier aus dem Blessing Verlag, ist eine Sammlung von Briefen deutscher Wehrmachtssoldaten von 1939-45. Es wird mir helfen, die andere Seite, außerhalb der Maschendrahtzäune kennen zu lernen.

      • Dein Leseweg ist beeindruckend Ronja, und ich bin froh, dich dabei begleiten zu dürfen. Die andere Seite ist ebenso lesenswert, denn auch in den Briefen der Soldaten taucht man in Abgründe aus Angst und Verzweiflung ein.

        Den Opfern ein Gesicht zu geben, ist eine wichtige Mission und unabhängig von diesem Buch würde ich dich gerne malim Atelier von Peggy Steike sehen, und deine Reaktion auf ihre Bilder erleben.

        Ich wünsche mir sehr, dass uns unsere Wege eines Tages in diesen Raum führen und wir gemeinsam am Erinnern arbeiten können….

        Das wäre ein Traum von mir…

      • Das wäre ein sehr emotionales Treffen… Irgendwann… Peggys Zeichnungen sind der Wahnsinn… Würde ich mir wirklich gerne mal aus der Nähe ansehen…
        Dein Traum ist zu meinem geworden… Träumen wir ihn gemeinsam, bis er wahr geworden ist.

  3. Ich habe ja schon geschrieben, ein absoluter Gänsehautartikel! Die Idee, etwas über Jenni herauszufinden ist wunderbar. So wird aus einem Namen eine Geschichte und für alle anderen erhebt sich hoffentlich ein greifbarer Mensch, nicht nur ein gesichtsloser Name auf dem Papier. Daher finde ich es auch so wichtig, was Peggy macht. Namen bekommen ein Gesicht, sie bleiben nicht anonym oder werden vergessen, weil es keine Verwandte und Freunde gibt, die von ihrem Schicksal erzählen können. Aber nur so dringen sie zu den Herzen vieler Menschen durch…

    LG Anja

    • Diesen Weg ohne Peggy zu gehen kann ich mir nicht mehr vorstellen. Während ich dies schreibe rekonstruiert sie in eindrucksvoller Art und Weise Porträts von T4 Opfern. Es gibt kaum verwertbare Fotos und sie arbeitet sich mit Gefühl und anatomischen Kenntnissen an die Phantombilder der Euthanasie..

      Dieses Buch wird ein wichtiger Begleiter unseres gemeinsamen Wirkens.. Ihr werdet noch viel davon hören und dank Peggy auch sehen.

      Hand in Hand…

  4. Als ich die Zeichnungen sah, dachte ich mir gleich, die können nur von Peggy sein, so ausdrucksstarke Bilder macht nur sie. Habe schon von diesem Buch gelesen und ich denke, mein Herz wird es überstehen, wenn ich lese. Ich finde, die Einzelschickschale berühren irgendwie mehr als eine irrationale Millionenzahl.
    So hatte mich z.B. bei einem meiner Besuche in Buchenwald ein einzelner Babyschuh, der in einem Regal lag, fix und fertig gemacht und ich mußte mich sehr zusammenreißen, um nicht vor der Gruppe zusammen zu brechen.

    Ich habe das Buch von dem Fotografen von Auschwitz noch nicht gelesen, fühlte mich dazu noch nicht in der richtigen Stimmung. Aber bald …

    Ich wünsche dir und deiner Familie ein wunderbares Osterfest 🙂

    Ulla

  5. Ich hab ja dem Amos OZ auf deine Empfehlung gelesen und rezensiert, der war auch ein bißchen GEGEN DAS VERGESSEN, nun beschäftige ich mich gerade mit NACKT UNTER WÖLFEN, auch das gehört zu mThema, daher überlasse ich diese Sache euch, bleibe aber interessiert.
    Irgendwann kommt Hanas Koffer ja zu mir, dann geht es weiter.

  6. Ich würde, sofort! Hand in Hand mit Peggy und dir. Manchmal braucht es für einen Anfang nur das kleine Steinchen, was ins Rollen kommt. Danke, dass du diesen Anfang gemacht hast und uns alle mit angestoßen hast!

  7. „Sonnenschein“ hat sich heute entschieden.

    Kiel ist das Ziel und ich denke, es ist bei Ronja in besten Händen… sie sprüht nur so vor Energie noch viel mehr über eine Frau herauszufinden, deren Name im Buch nur an einer Stelle auftaucht. Auf einer Liste der deportierten und ermordeten italienischen Juden…

    Herzlichen Dank für eure lieben und bewegenden Kommentare und wir werden wohl noch viel von Ronja dazu erfahren….

    Euer Raily

  8. Habe heute das Buch sprachlos beendet – deshalb bleibt mein Fazit eingeschränkt und danke dir für deine sehr treffende wertschätzende Rezension!

    Dunkle Wege im Gestrüpp von gestern
    monströses Grauen bleibt blutverwandt
    Schweigen erstarrt zwischen Herzschlägen
    die verblassten Bilder namenlos
    die nackten Namen gehen einsam
    den Himmelsweg erlösen
    niemand im Sonnenschein

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