27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber...

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Es war kalt und das Schneegestöber hatte das Gelände in einen weißen Mantel gehüllt. Seit Tagen waren Veränderungen deutlich zu spüren, aber letztlich war es das Fehlen der Wachen, das vermuten ließ, dass es jetzt nicht mehr sehr lange dauern konnte. Am frühen Nachmittag dann näherten sich Soldaten in Wintertarnanzügen dem Lager. Erst als die Menschen im Lager erkannten, dass es sich nicht um die SS handelte, flammten erste Rufe auf. „Wir sind frei“

Wir schreiben den 27. Januar 1945 und können heute noch den wenigen Zeitzeugen dieses Tages zuhören, wenn sie von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz berichten. Und wenn wir sehr aufmerksam zuhören, dann erkennen wir das ungläubige Staunen, das sich damals langsam über diesem schrecklichen Ort ausgebreitet hat. Die verbliebenen Opfer der Nazis konnten es nicht glauben, dass der Schrecken ein Ende haben sollte.

Eva Mozes Kor hatte mit ihrer Zwillingsschwester Miriam die medizinischen Versuche des Lagerarztes Josef Mengele überlebt und nun mussten sie es einfach versuchen. Sie durchquerten das offene Tor des endlich von russischen Truppen befreiten Todeslagers, verharrten, betraten das Lager erneut und verließen es sofort wieder. Sie wollten so die Freiheit fühlen und etwas tun, das in den letzten Jahren absolut unmöglich war. Das KZ lebendig und frei zu verlassen. In ihrem Buch Ich habe den Todesengel überlebt legt sie Zeugnis ab und hinterlässt uns mehr als ihre Geschichte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Wir feiern heute erneut den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wir feiern diesen Tag als Meilenstein in der Überwindung des Holocaust. Wir gedenken der Opfer und verfolgen zahllose Dokumentationen und Reden im Fernsehen, die sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigen. Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz stellt für uns in vielfacher Hinsicht das Ende des Schreckens dar. Aber war es das?

Befreiung ist ein positives Wort. Es beschreibt einen Akt des Erlangens von Freiheit. Opfer werden in den Schoß der Gesellschaft zurückgeführt und ihnen widerfährt endlich Gerechtigkeit. Geiselbefreiungen mögen hier als Beispiel dienen. Sie werden nach ihrer Befreiung psychologisch betreut und medizinisch versorgt. Man kümmert sich um sie und ist sich der Ungerechtigkeit der Geiselnahme bewusst.

Ist es das, was die Überlebenden des Holocaust erfahren haben? Ist es das, was ihnen nach der Befreiung widerfahren ist? Gerechtigkeit. Betreuung? Rückführung in ihr altes Leben? Wiedergutmachung? Nein. Bestimmt nicht. Wenn man den Überlebenden aufmerksam zuhört, wird man schnell feststellen, dass am Tag der Befreiung viele Dinge gleichzeitig geschahen, die eine Verarbeitung des Erlittenen fast unmöglich machten.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Nachdem alle verfügbare Energie dem Überleben galt, setzte nun das Begreifen ein. Das Verstehen breitete sich aus. Die Überlebenden begannen zu realisieren, wen sie verloren hatten, dass sie völlig auf sich selbst gestellt einfach ausgesetzt wurden in einer Welt, die sie vor wenigen Tagen noch zum Abschlachten freigegeben hatte. Enteignet, deportiert, heimat- und elternlos, verletzt, tief traumatisiert und ohne Orientierung war die schlichte Befreiung das Maximale, das sie erwarten durften.

Und dabei sollten sie sich glücklich schätzen, denn die Tatsache, dass sie noch im Konzentrationslager waren, als die Befreier anrückten, hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, dass sie zu schwach oder zu klein für die Todesmärsche waren, auf die in den Tagen vor der Befreiung weit mehr als 60000 Menschen getrieben wurden. Nach dem Zusammenbruch der Tötungsmaschine musste ein Weg gefunden werden, Zeugen zu beseitigen.

Diese Todesmärsche durchzogen nicht nur das besetzte Polen, sondern auch das Reichsgebiet. 200 000 Menschen kamen auf diesen Märschen in Schnee und Eis ums Leben. Am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz waren nur noch 7000 Überlebende im Lager. Zu schwach für die Strapazen eines Marschs und nur deshalb nicht erschossen, weil die russische Armee zu schnell vorrückte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Als die Lagertore sich öffneten, zeichnete sich für die Befreiten ein diffuses Bild von Freiheit ab und je näher sie ihrer eigentlichen Heimat kamen, desto mehr realisierten sie, dass niemand, aber auch wirklich niemand, mit der Rückkehr der Opfer rechnete, geschweige denn, sich darauf freute, die Deportierten von einst wiederzusehen. In den Häusern lebten längst die Profiteure des Holocaust und in den Dörfern hatte man das Hab und Gut der abgeschobenen Juden schnell aufgeteilt.

In bewegenden Zeitzeugnissen haben Überlebende diese Zeit unmittelbar nach der Befreiung beschrieben und diese Zeilen zu lesen, macht nachdenklich. Die zum Tode Verurteilten wurden in eine lebensfeindliche Umwelt ausgesetzt. Energie zum Kämpfen war nicht mehr da, und die harte Realität, langsam festzustellen, dass kaum jemand aus der Familie den Holocaust überlebt hatte traf die Geretteten wie ein neuer Faustschlag ins Gesicht. George Brady verfiel in ein fast lebenslanges Schweigen, nachdem er verstehen musste, dass seine Schwester Hana und seine Eltern Auschwitz nicht überlebt hatten. Hanas Koffer ist hier viel mehr als eine Spurensuche. Es ist ein lebendiges Zeitzeugnis der Leere, in die ein Mensch verschwinden kann.

Manche kamen sogar vom Regen in die Traufe und mussten feststellen, dass die neuen russischen Ausweispapiere ihnen keine neue Identität verschafften oder sie zu gleichwertigen Bürgern machten. Nein – der Begriff Bürger war durchgestrichen und durch das Wort JUDE ersetzt. Niemand kann sich heute vorstellen, welche Gefühle durch diese erneute Ausgrenzung ausgelöst wurden. Schoschana Rabinovici schildert dies in ihrem Buch Dank meiner Mutter als die größte Unmenschlichkeit, die sie nach den Nazis erleben musste.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Und wenn die Überlebenden vom Schrecken im KZ berichten wollten, schlug ihnen heftiger Unglaube entgegen. Wenn sie vom Hunger sprachen, hörten sie nur, dass auch die Menschen auf dem Land gehungert haben. Die Dimension des Hungers in einem Nazi-Lager war nicht zu vermitteln. Leon Leyson schrieb dazu in seinem Lebensbericht Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete“: 

„Ich konnte nicht von meinem Leiden berichten, ohne gleichzeitig das Leid der anderen herabzuwürdigen“.

Und genau dieser Leon Leyson erlebte dann in seiner Heimatstadt Krakau das Aufflammen von neuem Hass. Die Zurückgekehrten stellten wohl eine Bedrohung dar. Man hatte sich in der Stadt breitgemacht. Jüdische Gemeinden existierten nicht mehr und so sammelte sich erneut der Mob auf den Straßen und warf die Scheiben ein. So lange, bis die Vertriebenen erneut vertrieben waren.

Wer selbst den Todesmarsch überlebt hatte und in seiner alten Heimat Freunde traf, die ihm einen Neubeginn ermöglichen wolltenm der litt fortan unter den körperlichen und psychischen Traumatisierungen, die im KZ entstanden waren. Wilhelm Brasse, Der Fotograf von Auschwitz konnte seinem Beruf nicht mehr nachgehen. Jedes Mal, wenn er durch den Sucher einer Kamera blickte, sah er all die Gesichter der Opfer vor sich, die er in Auschwitz fotografieren musste, ohne ihnen helfen zu können. Auch sein Schweigen dauerte lange.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Freiheit sieht ganz anders aus. Freiheit fühlt sich anders an. Überleben wird zu einem ausschließlich physischen Privileg. Mit dem Rest hatte man selbst zurecht zu kommen. Und so begannen viele Opfer zu schweigen. Sie flüchteten erneut und verbargen ihre Geschichten in ihrem Inneren. Alpträume und Horrornächte wurden ihre Wegbegleiter. Nicht einmal ihren neuen Familien erzählten sie von ihren Qualen.

Das neue Leben wollten sie nicht belasten mit einer Vergangenheit, die ihnen sowieso niemand glauben würde. Erst Jahre später, viele Jahre später, lösten sich die Fesseln und das Erzählen begann. Eva Mozes Kor sagt noch heute, dass man über das Erlebte und Erlittene reden muss, um es irgendwann zu verarbeiten. Wir haben Eva erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Sie hat überlebt. Sie hat vergeben. Aber sie wird nie vergessen.

Vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. An einem verschneiten eiskalten Tag im frühen Nachmittag. Befreit fühlen konnten sich die Wenigsten, im normalen Leben ist kaum jemand wieder richtig angekommen. Dieser Tag der Befreiung war nicht der letzte Tag des Holocaust. Es war der erste Tag „Gegen das Vergessen“ – ein langer Marsch ins Leben.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Meine Gedanken weilen bei den Menschen, die diesen Tag nicht erleben durften. Stellvertretend für die unzähligen Opfer erzählen wir auch ihre Geschichten, zeigen ihre Portraits und Augen, lassen sie nicht namenlos werden. Um sie weine ich heute ganz besonders. Für sie haben sich die Tore der Konzentrationslager nie wieder geöffnet. Sie starben im Gas, an Hunger und Gewalt. Sie starben in Auschwitz, Leningrad und an vielen anderen Orten. Für sie alle pflanzen wir unser Vergissmeinnicht. Auch für sie vereinen Peggy Steike und ich Bilder und Worte Gegen das Vergessen. Gerade in der heutigen Zeit!

Czeslawa Kwoka, Hana Brady, Charles Apteker, Lena Muchina, Anne Frank….

Der Junge auf der Holzkiste – Leon Leyson und Schindlers Liste

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Ein kleines Mädchen in einem Schwarzweißfilm. Ein kleines Mädchen, das ganz allein und verlassen durch eine Stadt irrt, während Soldaten Menschen vor sich her treiben und wahllos erschießen. Ein kleines Mädchen, das man nur deshalb nie wieder aus den Augen verliert, weil es einen roten Mantel trägt. Der einzige Farbfleck im ganzen Film. Wer kennt diese bewegende Aufnahme aus dem Film „Schindlers Liste“ nicht? Eine Szene, die dem Holocaust eine ganz persönliche Dimension verleiht.

Die Individualisierung des Erinnerns. Keine Filmsequenz über den Holocaust steht meinem Schreiben und Denken Gegen das Vergessen näher. Keine Filmszene wühlt mehr auf und erlaubt doch den tiefen Blick auf die unglaubliche Größenordnung der Shoa. Dieses kleine Mädchen tritt aus der Masse heraus und fesselt unseren Blick. Das Grauen wird greifbar und der rote Mantel zum Symbol für den gesamten Holocaust. Aufkommende Beschützerinstinkte lassen uns verzweifeln angesichts der Hilflosigkeit des Kindes.

Leon Leyson verteilt in diesem Buch über sein eigenes Leben viele rote Mäntel. Er verleiht seiner Familie und ganz besonders seinen verlorenen Brüdern, den Menschen in ihrem Umfeld und ihrem Retter Gesicht und Identität. Er individualisiert und schärft den Blick auf das große Ganze. Schindlers Liste ist dabei viel mehr als nur ein Wendepunkt seines Lebens. Die Liste selbst rettet ihn, der Film lässt ihn die Sprache wiederfinden.

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

„Schindlers Liste“ von Steven Spielberg – ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazi-Machthaber. Und gleichzeitig auch Auslöser einer besonderen Welle, die ohne die Verfilmung dieser wahren Geschichte Oskar Schindlers niemals losgetreten worden wäre. Jenem Oskar Schindler, der selbst Nationalsozialist war und im besetzten Polen durch Mut und Erfindungsreichtum mehr als 1200 jüdischen Zwangsarbeitern das Leben retten konnte, die ihm von den Machthabern zur Verfügung gestellt wurden.

Wer ein Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk. So lautete die Inschrift in dem Ring, den die überlebenden „Schindler-Juden“ ihrem Retter schenkten. Einer von ihnen hatte die Jahre der Verfolgung, der Todesangst und des Hungers ganz tief in sich verborgen. Seine Familie wollte er nicht mit den Verlusten seines Lebens überschatten. Wie so viele andere Überlebende schwieg er, bis ein Reporter im Rahmen einer Recherche seinen Namen auf einer Liste fand. Ein Reporter, der den Film gesehen hatte und sich dann auf die Spur der letzten Zeitzeugen machte.

Dieser Reporter riss den Mann aus dem Schweigen, der für alle nur „Der Junge auf der Holzkiste“ war. Leon Leyson, das Kind mit der Nummer 289 auf Schindlers Liste. Der Junge, der damals noch Leb Lejzon hieß.

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Leb Lejzon hätte am 15.09.1939 so gerne seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Er lebte jedoch zur falschen Zeit am falschen Ort, gehörte aus Sicht der neuen Machthaber einer falschen Religion an und fiel einem System des Grauens in die Hände. Leb Lejzon war Jude, lebte mit seiner Familie im polnischen Krakau und musste hilflos mit ansehen, wie die Nazis einmarschierten. Das ganze Leben veränderte sich von der einen auf die andere Minute. Denn mit den Nazis betrat der Holocaust das Land.

In seinem bewegenden Lebensbericht nimmt uns Leon Leyson mit auf seine ganz persönliche Zeitreise in ein Leben, das er verdrängt hatte und von dem er nie wieder reden wollte. Er erzählt von seinen Verlusten und Ängsten, lässt uns teilhaben an der Geschichte seiner Familie und öffnet sich den Menschen, denen seine Geschichte am Herzen liegt. An seiner Seite erleben wir die Veränderungen des Alltags der jüdischen Bevölkerung in Krakau, spüren, wie sich die Krallen der Nazi-Ideologie immer tiefer ins Fleisch der Opfer graben und begeben uns mit ihm auf den schwersten Weg, den man sich nur vorstellen kann.

Sie werden im Ghetto Krakau vor den Augen der Welt verborgen. 

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Ein Ghetto, das den zusammengepferchten Juden schonungslos vermittelt, wohin der Weg letztendlich führen wird. Umgeben von einer drei Meter hohen Mauer in Form jüdischer Grabsteine suggeriert sie den eingeschlossenen Juden, sich schon auf einem Friedhof zu befinden. Sofort beginnen willkürliche Ermordungen, Erniedrigungen und zermürbende Zwangsarbeit. Der Tod der Menschen im Ghetto ist Programm. Auch der junge Leb hat die ersten persönlichen Verluste zu beklagen. Zwei seiner Brüder verlieren ihr Leben.

Einziger Hoffnungsschimmer scheint ein deutscher Unternehmer zu sein, der mit den Nazis kooperiert um eine Fabrik betreiben zu können. Oskar Schindler ist selbst Nazi, feiert rauschende Feste mit den Machthabern und nutzt jüdischen Zwangsarbeiter aus. So zumindest der erste Eindruck. Dass er in Wirklichkeit versucht, die Menschen, die auf seiner Arbeiterliste stehen zu retten, ihre Familien zusammenzuhalten und die Deportation nach Auschwitz zu verhindern, erschließt sich nur langsam. Aber Leb Lejzon erkennt das schnell und greift nach dem Strohhalm Schindler.

Wer nur ein Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk.

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson

Ein Junge, der auf einer Holzkiste stehen muss, um eine Maschine zu bedienen, kann nur sehr schwer als unverzichtbarer Facharbeiter verkauft werden. Oskar Schindler gelingt dies. Mehr als 1200 jüdische Arbeiter kann er unter Einsatz seines Lebens retten. Mehr als 1200 Völker hat er gerettet und die Nachkommen dieser Menschen haben es ihm nie vergessen. Er liegt heute als einziger Angehöriger der Nazi-Partei auf dem Berg Zion bestattet und sein Grab hat sich zum Denkmal entwickelt.

Der Lebensbericht von Leon Leyson, der die Veröffentlichung dieses Buches nicht mehr erlebte, ist eines der wichtigsten Zeitdokumente eines Holocaust-Überlebenden. Es ist aus der unverfälschten naiv-kindlichen Sicht geschrieben, reflektiert jedoch den Schrecken des Holocausts in all seiner Tragweite. Es ist die bewegende Geschichte einer kleinen Familie, die schwer gezeichnet vom Verlust zweier Söhne den Weg in die Zukunft antreten durfte. Und es ist eine Geschichte die nicht mit der Befreiung endet.

Leon Leyson erzählt mehr. Er lässt uns teilhaben an seiner unglaublichen Wut. Einer Wut, die sich in ihm ausbreitet, als er feststellen muss, was es heißt in einem freien Land zu leben und Zeuge von Diskriminierung zu werden. Er konnte nicht fassen, dass es in amerikanischen Bussen Plätze gab, die nur weißen Menschen vorbehalten waren. Frei sein hatte er sich anders vorgestellt…

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson - Bücher gegen das Vergessen

Der Junge auf der Holzkiste von Leon Leyson – Bücher gegen das Vergessen

Es ist nicht nur meine Mission, die wahren Fixsterne am Bücherhimmel zu entdecken, sondern auch, sie mit euch zu teilen. Als Bibliothekar gegen das Vergessen werde ich immer wieder versuchen, von mir zum Thema Holocaust vorgestellte Bücher an euch euch weiterzugeben. Ihr könnt „Der Junge auf der Holzkiste“ sehr gerne in eurem Bücherregal begrüßen. Hinterlasst einfach einen Kommentar zu euren Gefühlen zum Mädchen mit dem roten Mantel im Film Schindlers Liste. Ich wähle dann den nächsten Leser des Buchs von Leon Leyson aus.

Dem Buch wird ein besonderes Lesezeichen beiliegen, um euch daran zu erinnern, dass man Ornamente lieben, sie aber auch missbrauchen kann. Die perfide Ghettomauer von Krakau darf nie wieder entstehen auf dieser Welt…

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Hannah – Eine Vernissage „Gegen das Vergessen“ in Wort und Bild

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Das Lesen, Schreiben und Malen „Gegen das Vergessen gehen seit langer Zeit im gemeinsamen Projekt des positiven Erinnerns mit Peggy Steike Hand in Hand durch das reale Leben und die große Welt des Internets. Das Schulprojekt Hannah stellte bis jetzt den Höhepunkt unseres Projekts dar. Namen statt Zahlen, die Individualisierung des Erinnerns und Erinnerung braucht Farbe, dies sind nur einige Schlagworte, die dieses Engagement treffend beschreiben.

Nun ist die Zeit reif, einen weiteren großen Schritt gemeinsam zu gehen. Ab dem 11. Januar werden die Bilder aus dem Zyklus „Holocaust“ von Peggy Steike für mehr als zwei Monate als Dauerausstellung in der renommierten Galerie Eifel Kunst zu sehen sein. Diese Bilder sprechen ihre ganz besondere Sprache, vermitteln dem Betrachter ein tiefes Gefühl für die unzähligen Opfer des Holocaust, geben ihnen Würde und Identität zurück und führen dazu, dass man selbst zu recherchieren beginnt, um mehr zu erfahren.

Bilder gegen das Vergessen, die uns nachhaltig die Augen öffnen.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Im Rahmen unseres gemeinsamen Projekts sind Bilder entstanden, die im tiefen inneren Kontext zu Büchern stehen, die vor dem Hintergrund des  Erinnerns eine wichtige Rolle einnehmen. Wir haben nun die Ehre, die Ausstellung mit einer „Vernissage gegen das Vergessen“ gemeinsam eröffnen zu können und dabei „Wort und Bild“ erstmals auch in dieser Form Hand in Hand zu präsentieren. So packen wir nun Worte, Bücher und Bilder ein, verladen unsere Emotionen, Gedanken und Tränen im Reisegepäck und reisen in die Eifel. Meine Heimat…

Im Rahmen dieser besonderen Vernissage stellen wir diese gemeinsamen Wege vor, die sich in Gemünd zu einer hell erleuchteten Prachtstraße des Erinnerns vereinen. Dazu haben wir die absoluten Musterbeispiele aus dem Bereich der aktuellen Literatur dabei, um aufzuzeigen, wie Bücher berühren und bewegen können, welche Form der Publikation den Opfern gerecht wird und welche negativen Ausprägungen wir unter der Überschrift „Holo-Kitsch“ bereits auf dem Buchmarkt entdeckt haben. Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit im Buch finden ihre Entsprechung in den Bildern der Ausstellung.

Der Fotograf von Auschwitz“ von Reiner Engelmann (cbj-Verlag) wird gemeinsam mit Peggy Steikes Bildern der jungen Czeslawa Kwoka Zeugnis für die aufrechte Recherche und die emotional/sachlich mustergültige journalistische Publikation Gegen das Vergessen ablegen und einer aktuellen Publikation gegenübergestellt, die  genau diesen Anspruch leider nicht erfüllt. Die Mission des Fotografen Wilhelm Brasse, die Opferbilder zu retten, die unter Zwang in Auschwitz entstanden, ist des würdevollen Gedenkens wert und darf nicht verfälscht werden. Dem haben wir uns verschrieben. Das eint uns mit Reiner Engelmann.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Elisabeth Zöllers Jugendbuch „Anton oder die Zeit des unwerten Lebens schließt einen Kreis zu aktuellen Bildern von Peggy Steike, die den Opfern der T4 – Euthanasie-Programme der Nazis gewidmet sind und deutlich aufzeigen, dass rassistische Willkür und Ideologie jeden Menschen in den tödlichen Fokus des Regimes bringen konnten. Hier geben Bilder Identitäten zurück, die von den Machthabern systematisch vernichtet wurden.

Und natürlich wird „Hanas Koffer“ bei uns sein. Ein Blogprojekt, das hier vor fast sechs Monaten seinen Ursprung fand und inzwischen als Wanderbuch durch die ganze Republik unterwegs ist. Die Kassette mit dem Buch über das Schicksal von Hana Brady wird in einem Staffellauf des Erinnerns von insgesamt 20 Menschen gelesen, die mit ihren Namen für dieses Projekt des gemeinsamen Lesens und Gedenkens einstehen.

Aus Plauen wird die Kassette mit dem Buch „Hanas Koffer, Notizbuch, persönlichen Erinnerungen, Vergissmeinnicht-Samen und kleinen Beigaben der bisherigen Leser nach Gemünd in die Eifel geschickt, wo sie Mitgliedern des Fördervereins der Gedenkstätte des SS-Außenlagers/Konzentrationslager Hinzert übergeben wird. Unser Projekt wird dann am 27. Januar in der Gedenkstätte mit einem Portraitbild von Hana Brady und ihrem Bruder aus der Feder von Peggy Steike vorgestellt.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Es ist eine große Ehre für uns alle, am 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz unseren kleinen Beitrag des Erinnerns in dieser besonderen Form präsentieren zu dürfen. Auch in Hinzert werden Vergissmeinnicht-Samen gepflanzt und „unser“ Wanderbuch wird von dort aus seinen Weg zum nächsten Leser fortsetzen. Eine Lichterkette des Lesens.

Nachdem Czeslawa Kwoka und Hana Brady, Wilhelm Brasse und viele andere Opfer in Wort und Bild greifbar und fühlbar ihre Stimme erhoben haben, wird unsere ganz eigene Hannah aus dem Schulprojekt auch die Besucher der Vernissage ansprechen. Mit dem bisher einzigen fiktionalen Bild Peggy Steikes und einem von mir eigens dazu verfassten Text versuchen wir, den Schülern die Angst vor der Dimension des Erinnerns zu nehmen. Wir bringen Farbe ins Erinnern und gehen mit Hannah einen neuen Weg des Gedenkens. Wir laden Sie alle herzlich ein, uns auch auf diesem Weg zu begleiten.

Wir freuen uns auf treue Wegbegleiter, die wir in Schleiden-Gemünd treffen werden. Wir freuen uns auf intensive Gespräche und neue Begegnungen unter der Überschrift des Erinnerns. Unser Dank gilt ganz besonders Marita Rauchberger, die es uns ermöglicht, die Galerie Eifel Kunst mit Wort und Bild zu erfüllen. Ebenso danken wir Irmgard Veit, die „Hanas Koffer“ auf ihrer persönlichen Lese-Etappe in Hinzert vorstellte. Wir werden bald wieder in die Eifel reisen, um mit den Hanas und Hannahs unseres Projekts auch die Schulen vor Ort zu besuchen.

Vernissage "Gegen das Vergessen" - Peggy Steike und Arndt Stroscher - AstroLibrium

Vernissage „Gegen das Vergessen“ – Peggy Steike und Arndt Stroscher

Wir sehen uns am:

Sonntag, den 11. Januar 2015
15 Uhr

Galerie Eifel Kunst
Schleidener Str. 1
53937 Schleiden-Gemünd

zur „Vernissage gegen das Vergessen“. Der Eintritt ist natürlich frei. Musikalisch wird die Vernissage von Georg Kaiser untermalt. Und natürlich werden wir ausführlich auf AstroLibrium berichten. Auf meiner Facebook-Seite werden viele Impressionen der Veranstaltung live gepostet. Wir freuen uns auf diesen besonderen Tag und haben alle Menschen im Herzen bei uns, die unsere Projekte bisher so herzenswarm begleitet haben.

Peggy Steike & Arndt Stroscher

Gegen das Vergessen - Peggy Steike und ArndtStroscher

Gegen das Vergessen – Peggy Steike und Arndt Stroscher

„Der Fotograf von Auschwitz“ von Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

„Ich bin kein Brasse mehr“, war der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, nachdem er seine Nummer bekam. „Ich bin nur noch Häftling Nummer 3444.“

Der Fotograf von Auschwitz - Die Rezension anhören? Ein Klick genügt!

Der Fotograf von Auschwitz – Die Rezension anhören? Ein Klick genügt!

Reduziert auf eine Nummer. Aussortiert. Inhaftiert. Deportiert. Konzentriert. Brasses erster Blick fällt auf den Schriftzug über dem Lagertor: „Arbeit macht frei“. Danach durchmisst er die unglaublichen Ausmaße eines Areals, das für zahllose Gefangene errichtet worden sein musste. Am 31. August 1940 wird aus dem erst 23-jährigen Polen Wilhelm Brasse der politische Inhaftierte 3444 im Konzentrationslager Auschwitz. Eine Nummer, ein kahl rasierter Schädel und Häftlingskleidung lassen ihn in der Masse der todgeweihten Lagerinsassen untergehen.

Von Wilhelm Brasse, dem lebenslustigen aufrechten und heiteren jungen Mann ist nach den entwürdigenden Strapazen der Deportation nicht mehr viel übrig. Und das Ziel der Machthaber ist noch klarer definiert. Nichts sollte mehr übrig bleiben von ihm und den anderen. Zumindest Wilhelm Brasse hätte sich anders entscheiden können. Sein Vater Österreicher, seine Mutter Polin. Eine Unterschrift im von den Nazis besetzten Polen hätte ausgereicht, ihn zum Deutschen zu machen. Er verweigerte sich bewusst und trug die Konsequenzen. Nummer 3444. Nun geht der gelernte Fotograf den Weg der Deportation.

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Schnell wird ihm klar, dass sich dieses Lager von allem unterscheidet, was er jemals über Gefängnisse gehört hatte. Die Arbeitskommandos denen er zugeteilt wird dienen in erster Linie ausschließlich der Zermürbung der Inhaftierten. Hygiene, Ernährung und Medizin werden auf ein Maß heruntergeschraubt, das ein qualvolles Dahinsiechen im KZ Auschwitz beschleunigt. Eine Todesmaschine, die erst ihren Betrieb aufgenommen hat und sich zu einer von vielen industriellen Vernichtungsfabriken der Nazis entwickeln sollte.

Wilhelm Brasse kämpft um sein Leben und mit viel Glück gelingt es ihm durch den eigenmächtigen und gewagten Wechsel von Arbeitskommandos durch einen puren Zufall für eine Tätigkeit im KZ ausgewählt zu werden, die zumindest sein Leben sichert. Solange er nur gehorcht und funktioniert. Wilhelm Brasse wird Der Fotograf von Auschwitz“ und ist fortan dafür verantwortlich, dass alle Neuankömmlinge fotografiert werden. Drei Porträt-Aufnahmen von jedem Opfer. Mit Kopfbedeckung im Profil. Ohne Kopfbedeckung im Profil und frontal in die Kamera schauend. Eine Karte im Bild, auf der man Haftgrund, Nummer und den Namen des KZs erkennen kann.

Lückenlose Nazi-Bürokratie erfordert lückenlose Dokumentation und gute Bildqualität unter unsäglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen bei täglicher Todesangst. Brasse wird zum Zeugen der Massenvernichtung (nicht nur) jüdischen Lebens. Er wird Zeuge der Erniedrigung von Menschen, die durch das dichte Raster der braunen Machthaber gefallen sind. Behinderte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, politisch Andersdenkende. Wilhelm Brasse hat zu funktionieren. Nur drei Minuten pro Bildserie. Drei Minuten pro Opfer, von denen er genau weiß, dass sie unrettbar verloren sind. Drei Einstellungen als letztes Lebenszeugnis.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann - AstroLibrium - Peggy Steike

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Er blickt ihnen in die Augen. Bannt ihren verunsicherten Blick für immer auf die Bilder, die nur zum internen Gebrauch gedacht waren. Helfen konnte er keinem einzigen Opfer. Es hätte sein Leben gekostet. Einzig diese drei Minuten blieben ihm, um die Menschen zu beruhigen. Ihnen ein kurzes Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Seine Arbeit jedoch verändert sich im Laufe der Jahre. Bald werden Juden nicht mehr fotografiert und registriert, da sie sofort nach ihrem Eintreffen im Konzentrationslager vergast werden. Die Menschenversuche Mengeles erfordern ebenfalls eine saubere Dokumentation und Brasse sieht und fotografiert, was kein Mensch anschauen oder fotografieren könnte.

Kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Sowjetarmee am 27. Januar 1945 erhält er den Befehl, alle Beweise zu vernichten und die Bilder zu verbrennen. Brasse lehnt sich auf. Er wird zum Kämpfer für das Erinnern und rettet einen Großteil der Fotos, die er selbst gemacht hat. Er rettet die Geschichten vieler einzelner Opfer. Er rettet die Identitäten und liefert unbestechliche Beweise für die unmenschlichen Verbrechen in Auschwitz. Zehntausende Gesichter überleben als Fotos mit Wilhelm Brasse den Holocaust und werden zu den wichtigsten Zeitzeugnissen. Augenzeugen im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn man heute über Wilhelm Brasse spricht oder schreibt, dann muss man sich vor Augen halten, was diese Zeit im KZ Auschwitz aus ihm gemacht hat. Er hat die Gesichter der Todgeweihten nicht nur für immer festgehalten, sie haben sich auch in seinem Inneren eingebrannt, weil er nicht helfen konnte. Seine Mission begann später. Er sprach über die Opfer, gab den Gesichtern ihre unverfälschten Geschichten zurück und legte Zeugnis ab, um das Erinnern zu ermöglichen. Wer heute über den Mann schreibt, der die Menschen vor seinem Objektiv in den Fokus rückte und sich selbst dabei im Hintergrund hielt, der muss in besonderer Weise darauf achten, neben dem Fotografen auch den Opfern von einst gerecht zu werden.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann schrieb über Wilhelm Brasse. „Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben des Wilhelm Brasse“ (cbj) schildert diesen einzigartigen Augenzeugen, der uns zu Augenzeugen macht, ohne jegliche Fiktionalisierung oder Ausschmückung, ohne zusätzliche Dramatisierung oder Heroisierung. Engelmann hat sehr präzise recherchiert, Gespräche mit Wilhelm Brasse geführt und sich selbst vor Ort in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz einen Überblick verschafft, was Brasse täglich sehen konnte und versucht, ein Gefühl für diesen besonderen Menschen zu entwickeln, der am 23.10 2012 verstarb. Es blieben seine Bilder, Aufzeichnungen und die veröffentlichten Videos seiner Interviews. Es blieben die Porträts, die ihm wichtiger waren, als seine eigene Geschichte.

Reiner Engelmann gelingt mit seinem Buch, was Brasse mit den Fotos gelang. Der Autor zieht sich weit zurück. Man fühlt ihn kaum. Er wird zum Chronisten eines Lebens und vermittelt die ungeschönten Wahrheiten vor und hinter der Kamera. Im Fokus von Reiner Engelmann verschwimmen weder Opfer noch Täter. Er zeichnet Wilhelm Brasses Leben nach, führt die Nazi-Schergen ins helle Licht und gedenkt der Opfer, deren Bilder so oft für sich selbst sprechen. Diesen Raum lässt er ihnen.

Engelmann schreibt kein Wort zu viel. Er interpretiert und fantasiert nicht, sondern liefert für diejenigen Leser, die sich bereits intensiv mit dem Thema beschäftigt haben zusätzliche Informationen, die auf einer mehr als fundierten Recherche und einer klaren Methodik im Vorgehen basieren. Dabei widmet er sich den kurzen, jedoch intensiven Episoden und Schlaglichtern, die Wilhelm Brasse hinter der Kamera erleben musste, in ebensolcher Knappheit. Drei Minuten blieben Brasse pro Bild. Drei bis vier Seiten benötigt Engelmann für die Beschreibung einzelner Kapitel des Grauens. Er muss nicht mehr schreiben. Diese Struktur wird den Opfern gerecht. Ebenso, wie demjenigen, der sie nur zu fotografieren hatte. Dieses Album ist ein Blick in den realen Abgrund.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann legt ein der Wahrheit verpflichtetes Buch vor, das besonders auch für junge Leser immer nachvollziehbar und nah bleibt. Er ordnet Fakten präzise ein und bringt das Auschwitz-Album in einen klaren zeitlichen Bezug zur Zwangsarbeit von Wilhelm Brasse. Wir werden Zeuge der Begegnung zwischen dem Fotografen und dem Mädchen, von dem nur diese Momente blieben. Czeslawa Kwoka, über die ich einen emotionalen Artikel des Aufschreis geschrieben habe, weil ein anderes aktuelles Buch über den Fotografen von Auschwitz die Fakten so sehr verfälschte, dass die Erinnerung an Czeslawa beschädigt wurde. (Siehe Artikel)

Danke Reiner Engelmann für diese Kapitel in Ihrem Buch. Danke, dass dieses Buch dem wahren Erinnern an die Opfer des Holocaust keinen Filter vor die Linse hält, der alles verzerrt. Der klarsichtige Blick wird der Bedeutung der Fotografie, der Bedeutung eines Menschenlebens und der Hoffnung, dass sich die Geschichte niemals wieder in solcher Dimension wiederholen kann, gerecht. Hier liegt endlich der Beweis in meinen Händen, der die Kritik an der Publikation zweier italienischer Autoren bestätigt.

Wenn man sich für das Leben des Fotografen von Auschwitz interessiert und die Gesichter der zum Tode verurteilten verkraftet, dann sollte man auf dieses Buch zurückgreifen. Es ist die wahre Geschichte in all ihren Facetten und realen Dramen. Eine große Autorenleistung, die einen Menschen in den Vordergrund stellt, der sich dort nie gesehen hat. Der Fotograf von Auschwitz wird uns durch unser gemeinsames Projekt Gegen das Vergessen als konstantes Schwerpunktthema begleiten. Es ist der mehr als gelungene journalistische Versuch, eine unfassbare Geschichte aus der geheimen Dunkelkammer des Nationalsozialismus ans Licht zu bringen und sie den Menschen zu erzählen, die heute nicht mehr glauben können, was damals geschehen ist.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann hat das Negativ von Wilhelm Brasse entwickelt, damit wir uns heute ein Bild von diesem mutigen Mann machen können, ohne den diese Fotos niemals überdauert hätten. Im Lebensalbum dieses Buches hat Reiner Engelmann nicht nur Czeslawa Kwoka, sondern auch uns allen etwas Verlorenes zurückgegeben. Ihr die Würde des Erinnerns und uns den Glauben an aufrechten Journalismus.

Ich danke Peggy Steike für den beharrlichen Rückhalt, die unglaublich intensive Wegbegleitung und den gemeinsamen Schritt in die Zukunft unseres Projekts. Wir werden wohl nie vergessen, wie viele Tränen beim Malen und Schreiben über die Bücher zu Wilhelm Brasse geflossen sind…

Nachtrag: Eine wichtige Stimme zu diesem Buch ist absolut lesenswert. Anja Schmidt rezensiert auf ihrem Literaturblog Zwiebelchens Plauderecke mit Gefühl und Spürsinn. Auch zu Reiner Engelmann hat sie umfassend geschrieben. HIER.

Welt in Flammen – Literarisches Kopfkino von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Man nehme ein beliebiges historisches Datum in der gar nicht jungen Vergangenheit (vielleicht den 25. Mai 1940) und versetze sich dann als Autor tief in die Denkwelt der Menschen, die genau zu diesem Zeitpunkt ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Dann wähle man sich ein wundervolles Land aus (Frankreich zum Beispiel), in dem die eigene Geschichte beginnen soll, und schon hat man den situativen Rahmen für einen Roman.

Danach konstruiere man eine fiktive, aber bitte sehr plausible Ausgangssituation, die tragfähig genug ist um eine immerhin 800-seitige Handlung in Schwung zu versetzen und mit einer solchen Dynamik auszustatten, die dem geneigten zukünftigen Leser die buchigen Schweißtropfen ins Gesicht zaubert. Dabei achte man darauf, das beachtliche Kunststück zu vollbringen, einen auf den ersten Blick historischen Stoff so zu erzählen, dass er eine zeitlose Dynamik erhält, und die Auswirkungen von Geschichte auf unsere Gesellschaft mehr widerspiegelt, als man es auf den ersten Blick wahrhaben möchte.

Was noch fehlt ist ein literarisches Erzählbiotop, in dem man die soeben gestaltete literarische Freiheit fast grenzenlos ausleben kann, ohne dabei jedoch auszuufern und den roten Faden zu verlieren. Ein geschlossener Erzählraum bietet sich hier an und schon kann es losgehen mit einem Roman, der mit Sicherheit nicht als „historisch“ bezeichnet werden kann, aber das Zeug dazu hat, selbst Geschichte zu schreiben.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Schon sind wir mittendrin in einem der wohl außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres. „Welt in Flammenvon Benjamin Monferat (Wunderlich Verlag), vereint die skizzierte Ausgangssituation mit der großen Erzählkunst eines Autors, der bisher unter dem Namen Stephan M. Rother in sehr vielen Facetten von sich Reden gemacht hat. Schauspieler, Autor historischer Romane, Journalist und vieles mehr. Also ein absolutes Multitalent besonderer Güte, das uns nun auf eine besondere Reise entführt.

Frankreich liegt am Boden. Der Zweite Weltkrieg scheint bereits zu Beginn des Jahres 1940 verloren zu sein. Das Land steht kurz vor der Kapitulation. Und was könnte die geschundene französische Seele mehr verletzen, als die eigene bittere Niederlage in jenem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne einzugestehen, in dem man noch vor wenigen Jahren die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelte?

Wenn schon den Krieg verlieren, dann doch zumindest noch der Nazi-Diktatur einen emotionalen Tiefschlag versetzen, so lautet das Ziel der Resistance und es gilt schnell zu handeln, um den „heiligen“ Waggon außer Reichweite der Besatzer zu bringen. Was liegt näher, als eben diesen Waggon an den letzten Zug anzukoppeln, der das bedrohte Paris verlassen kann. Der Simplon Orient Express wird zum Fluchtfahrzeug für eine nationale Legende.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Nun hat er seine Ausgangssituation und auch seinen geschlossenen Erzählraum. Was könnte geeigneter sein, als ein durch das fast besetzte Europa fliehender Zug mit einer Mission und einer illustren Schar von Mitreisenden, die der nun immer rasanter werdenden Handlung ihren unvergleichlichen Stempel aufdrückt? Stephan M. Rother hat mit einem genialen Kunstgriff die Basis geschaffen, seine Leser einzuschließen, ihnen den Fluchtweg zu versperren und die Notbremsen durch Cliffhanger unerreichbar zu machen. Ein Luxuszug als Erzählraum. Volldampf voraus.

Hier treffen wir auf die lebenden Anachronismen, die den Orient Express zu einem Panoptikum der damaligen Weltordnung mutieren lassen. Gekrönte Häupter, die jetzt damit leben müssen, Gemeinschaftstoiletten zu benutzen. Eingefleischte Kommunisten in einem Zug, der als DAS Synonym für den Begriff Luxus steht. Überlebende eines Zarenhauses, denen in der eigenen Heimat keine Zukunft mehr gegönnt ist. Anhänger des grausamen Nazi-Regimes in geheimer Mission. Katholische Würdenträger, die im tiefen Gewissenskonflikt zwischen Wegschauen und Mitwisserschaft des Holocaust hin- und hergerissen sind. Deutsche Widerstandskämpfer auf der verzweifelten Suche nach Unterstützung. Und doch ist niemand an Bord dieses Zuges derjenige, der er zu sein scheint oder vorgibt.

Die Summe der Widersprüche an Bord des Orient-Express lässt eine Schnittmenge entstehen, die eine explosive Stimmung erzeugt, und sollte es einmal ein wenig ruhiger sein im Zug, dann hängt man unterwegs einfach einen Gesellschaftswagen an, der diese Bezeichnung wahrlich konterkariert. Den Luxuswagen der Führung des Dritten Reichs mit einigen offiziellen Vertretern der 1000-jährigen Machthaber. Ein bizarres Wechselspiel um neue und alte Machtansprüche beginnt. Historische Konflikte wechseln sich mit völlig neuen Brandherden ab, und der gesellschaftliche Schmelztiegel Orient Express lässt sich nicht mehr bremsen. Eine tolle Fahrt. Steigen Sie ein, bevor es zu spät ist, denn im letzten Waggon tickt etwas, das dort gar nicht ticken dürfte. 

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ebenso wenig, wie „Welt in Flammen“ ein historischer Roman ist, kann man diese Rezension als eigentliche Rezension empfinden. Mich hat das Buch in der typischen Leseumgebung eingeholt. Ich las es auf meinen täglichen Fahrten in Zügen und S-Bahnen und insofern ist meine Perspektive eine mehr als individuelle. Ich saß plötzlich nicht mehr auf einer kaum gepolsterten Bank, empfand nicht mehr die Eiseskälte eines ungeheizten Nahverkehrszuges, suchte nicht weiter nach doch nicht vorhandenen Speisewagen und verzehrte mich nach der Anwesenheit prominenter Mitreisender, die etwas zu erzählen hätten.

Ich fühlte die Seide der dicken Polster, dinierte mit gekrönten Häuptern und reichen Amerikanern, wurde vom Personal bestens umsorgt, erlebte die abendliche Umrüstung meiner Sitzbank in die gemütliche Nachtkonfiguration und genoss mein eigenes kleines Abteil im Simplon Orient Express. Ich schreckte verwirrt auf, wenn Schüsse durch den Zug peitschten und half dabei, eine Leiche im Tunnel aus dem offenen Waggon zu werfen (wobei ich mich nicht unerheblich erkältete) und ich erwachte irritiert an den Endstationen meines Lesens, die mich in die Realität zurückwarfen.

„Welt in Flammen“ löste ein Kopfkino-Erlebnis der ganz besonderen Art bei mir aus und ich werde die Fahrten mit diesem Buch niemals vergessen. Diese Erlebnisse teilte ich in kleinen Stationen auf meiner Facebookseite mit und als dann der Autor persönlich neben mit Platz nahm, und mir ein wenig mehr über eine Burg und einen besonderen Säbel erzählte, spätestens da war dieses Lesen eine der wundervollsten Buch-Erfahrungen für mich. Wie grandios man doch heute unterhalten werden kann und wie grandios diese Fehleinschätzung von der puren Unterhaltung doch sein kann… Das habe ich am eigenen Leib erfahren, denn…

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

In dieser persönlichen Fehleinschätzung liegt für mich der wahre Wert und die Größe dieses Romans verborgen, denn er hinterlässt bei aller guten Unterhaltung und der kurzweilig spannenden Atmosphäre eine Vielfalt von Gefühlen, die man erfühlen muss, um heutige Konflikte besser verstehen zu können. Stephan M. Rother gelingt es wie kaum einem zweiten Schriftsteller, diese tiefe Gefühlsebene so direkt indirekt zu erreichen.

Ich habe gefühlt, was es für einen Russen bedeutet, wenn er von Heimat spricht. Habe mit der stolzen französischen Seele tief in die Wunden der Geschichte geschaut. Habe das schlechte Gewissen katholischer Geistlicher angesichts der Ignoranz des damaligen Papstes gegenüber dem unsäglich schrecklichen Holocaust ertastet. Habe die wirre Machtgier winziger Usurpatoren geschmeckt, denen auf der Verstandesebene nicht beizukommen ist. Wurde Zeuge von grenzenlosem Fanatismus, der ungesteuert im fatalen Extremismus endet. Und ich habe die Leidenschaft gefühlt, die oftmals mehr Triebfeder ist als jede Ideologie.

„Welt in Flammen“ erzählt vielleicht gar nicht von einer vergangenen Welt, die sich selbst flambiert hat. Nach dem Lesen bleibt eine Gefühlsebene zurück, von der wir uns zu oft entfernen, um den Dingen rein versachlicht auf den Grund zu gehen. Konflikte werden Lösungen zugeführt, die das Gefühl der Betroffenen in keinster Weise beachten. Diese indirekte Injektion hat gesessen und ich hoffe, dass viele Leser dieses Gefühl teilen, wenn sie den Orient Express verlassen. Denn man verlässt ihn verändert.

„Die Würde dieses Buches ist unantastbar“, weil es dem Wesen des Menschen im Gestern, Heute und Morgen vorurteilsfrei gerecht wird und Ideologien an den Pranger der Realität stellt. Ein großes Buch und eben weil es nicht rein historisch, sondern eher perspektivisch ist, auch ein Roman, dem ich in meiner ganz eigenen Leselandschaft Vergissmeinnicht unter den Büchern gegen das Vergessen einen großen Bahnhof mache.

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Welt in Flammen von Benjamin Monferat

Ich liebe es, von Autoren mehrfach in eine ganz besondere Zeitmaschine verfrachtet zu werden und dann Kopfkino in Großformat zu erleben. Benjamin Monferat / Stephan M. Rother hat in seinem letzten Roman die „Welt in Flammen“ gesetzt und ich musste 1940 im Simplon Orient Express aus Paris fliehen, nur um erneut in die Stadt an der Seine zurückzukehren.

Gleicher Ort, gleicher Autor, doch irgendwer hat an der Uhr gedreht. Wir schreiben das Jahr 1889 und der Eiffelturm ist funkelnagelneu. Die Weltausstellung steht vor der Tür und es könnte so schön sein, wäre nicht genau diese Welt politisch aus den Fugen geraten.

Paris – Tummelplatz der Intrigen und Verschwörungen. Ich fürchte, der Herr Autor hat auch diesmal gewaltig gezündelt. Auf nach Paris. Ganz nach oben auf den Turm der Welt. Encore une fois.

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft...

Eine neue Reise beginnt. Der Turm der Welt ruft…