„Der Frauenchor von Chilbury“ von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Wann stellt der situative Kontext eines Romans nur seine dekorative Kulisse dar und wann ist er von existenzieller Bedeutung für die gesamte Handlung? Fragen, die man sich immer dann stellen muss, wenn man Bücher liest, die in einem historisch fundierten Rahmen eingebettet sind. Ist die Handlung und sind die Verhaltensweisen in diesem Buch nur unter den gegebenen Rahmenbedingungen möglich oder können sie sich auch in einem gänzlich anderen Kontext vergleichbar entwickeln? Wenn dem so ist haben wir es mit einer austauschbaren Kulisse zu tun.

Nehmen wir zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Facetten. Wenn ich einen Roman lese, der in diese dramatische Zeit eingebettet ist, dann erwarte ich schon Protagonisten, die sich der Zeit entsprechend verhalten und eine Story, die durch diese Rahmensituation dramatisch beeinflusst wird. Wenn ich feststelle, dass ich den Plot aus dem Setting herauslösen kann, und dieser dann immer noch funktioniert, dann ist diese Kulisse austauschbar und weniger relevant für das gesamte Lesegefühl. Dann ist es im besten Wortsinn Unterhaltungsliteratur.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan spielt in England. Wir schreiben das Jahr 1940 und die Vorboten des Zweiten Weltkrieges haben die Insel erreicht. Die Bedrohung durch die Nazis, die ihren Siegeszug durch Europa unbeirrt fortsetzen und die Angst vor einer Invasion bestimmen den Tagesablauf. Die Männer befinden sich in der Armee, man ist in Sorge um die „Jungs in Dünkirchen“, Verdunkelung und deutlich spürbare Auswirkungen des beginnenden Luftkrieges um England lasten auf der Seele. Flüchtlinge vom Festland sind zu integrieren, Frauenrollen werden durch den Einsatz in kriegswichtigen Produktionszweigen neu definiert und traditionelle Gepflogenheiten der englischen Gesellschaft geraten zunehmend ins Wanken. Das ist die Kulisse für diesen Roman.

Ich sage bewusst Kulisse, denn wesentliche Teile der Handlung haben nicht viel mit diesen Rahmenbedingungen zu tun. Sie könnten auch 100 Jahre zuvor spielen. Das ist ein Vorteil für die Leser, die keinen Roman lesen wollen, der kriegslastig erscheint. Das ist ein Vorteil für die Autorin, die sich in der Kulisse frei bewegen kann. Die Bedrohung von außen ist das Salz in der Suppe. Eine literarische Suppe allerdings, die sehr nach brillant erzählten Familienromanen aus England schmeckt. Wenn man einmal mit dem Verzehr begonnen hat, kann man nicht mehr aufhören. Unterhaltsames Suchtpotenzial ist zweifelsohne gegeben.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Ich hatte, rein historisch und gesellschaftlich, mehr erwartet. Und doch möchte ich an diese Stelle nicht enttäuscht klingen, denn was mir erzählt wurde ist so typisch und charakteristisch für das stereotype Unterhaltungsbild der britischen Society, dass man wirklich bestens unterhalten wird. Wir finden alle Charaktere, die einen Plot in Schwung bringen. Wir finden alle Zutaten, die unverzichtbar sind, um uns die Seiten verschlingen zu lassen. Ich mag die Bilder, die sich in mir festgesetzt haben. Ich mag die Idee dieses Frauenchors, der eigentlich verboten war, weil Singen ohne Männer nicht statthaft war. Ich mag den emanzipatorischen Ansatz der Selbstverwirklichung, der hier sehr deutlich mitschwingt.

Ich mag die unglückliche und fast unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges. Ich bin gerne der Spur des geheimnisvollen Künstlers gefolgt, der das beschauliche Chilbury aufmischt, obwohl er einer ganz anderen Mission folgt. Ich mag die Idee, dass der Chor den Frauen Halt gibt und bestehende soziale Grenzen überwindet. Ich mag den Humor, der durch die Kapitel zieht und der so typisch britisch, also so richtig schwarz ist. Und natürlich mag ich die typische englische Adelsfamilie, die im Mittelpunkt steht. Ich mag die beiden unterschiedlichen und verwöhnten Töchter, die trotz ihrer Naivität in der Zeit, an der Zeit und an sich selbst zu wachsen scheinen und ich mag die Art und Weise, in der die Autorin mir diese Geschichte erzählt hat.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Multiperspektivisch öffnet sie das Tor nach Chilbury. Es sind die Tagebücher und Briefe der Menschen, die wir kennenlernen, die ihren ganz individuellen Blick auf eine Geschichte werfen, die aus vielen kleinen Geschichten besteht. In der Schnittmenge, in den Überschneidungen der Blickwinkel und in den gemeinsam geschilderten und doch anders bewerteten Geschehnissen liegt der Zauber dieses Romans. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass einige der Rahmenbedingungen mehr im Vordergrund gestanden und die Handlung beeinflusst hätten. Das ist jedoch meine subjektive Sicht der Dinge.

Die einzelnen Charaktere hätten aus meiner Sicht das Potenzial für mehr gehabt. Dass im Mittelpunkt des Romans allerdings eine reine Adels-Story immer mehr Raum einnimmt, hat mich eigentlich enttäuscht, denn dieser wesentliche Erzählstrang passt in jede englische Kulisse, die man sich nur vorstellen kann. Die Zutaten sind dabei recht überschaubar. Man nehme einen sturen englischen Adeligen, gebe ihm eine treue und folgsame Frau zur Seite, statte ihn mit zwei ebenso hübschen wie oberflächlich naiven Töchtern aus und knüpfe an den Fortbestand des Adelstitels das Vorhandensein eines männlichen Erben. Und eben dieser Erbe ist nicht in Sicht.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Also gebe man rücksichtslose kriminelle Energie, eine ebensolche Hebamme und einige gleichzeitig schwangere Frauen in Chilbury hinzu. Dazu gehört natürlich die Frau des Adelsherrn, die jedoch eher für weiblichen Nachwuchs steht. Und dann kann der Plan des alten Adeligen reifen. Sollte das Neugeborene ein Mädchen sein, na dann muss er stattfinden: Der Austausch mit einem Jungen, der zur gleichen Zeit in Chilbury das Licht der Welt erblickt. Dieser Handlungsstrang ist brillant ausgearbeitet, stark und plausibel erzählt, unterhaltsam, dramatisch und rührend. Leider jedoch verdrängt er die Ebenen in den Hintergrund, die mir relevanter erschienen und sich dann doch als reine Kulisse erwiesen.

Ich wurde im Frauenchor von Chilbury bestens unterhalten. Mehr aber auch nicht. Handlungsstränge, die für die Menschen dieser Zeit und Region prägender waren, fand ich nur ganz zart angedeutet. Die Evakuierung der britischen Soldaten aus Dünkirchen war für die Küstenbevölkerung Englands eine Mammutaufgabe, wurden die Soldaten in der großen Masse mit zivilen Kähnen und Fischerbooten gerettet. Im Buch taucht diese wichtige Episode der Geschichte mit massiven Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung nur in wenigen Worten auf. Kulisse eben…

Trotzdem lesenswert, wenn man gut erzählte historisch angelehnte Unterhaltung mag.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

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„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog

„Marlenes Geheimnis“ von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Ich weiß, was ich mir von einem Roman aus der Feder Brigitte Riebe versprechen darf. Ich weiß, dass unter einer jeweils brillant erzählten Schicht guter Unterhaltung die Ebene verborgen liegt, die es der Historikerin erlaubt, einen Erzählraum zu gestalten, in dem sie authentisch und fundiert aus dem Vollen schöpft. Ihr aktuelles Werk „Marlenes Geheimnis“ beinhaltet diese Ebene. Sie entführt die Leser an die Schwelle des zweiten Weltkriegs und konfrontiert sie mit Menschen, die an dem Wendepunkt ihres Schicksals angelangt sind. Ein Wendepunkt, der sich nicht nur auf ihr eigenes Leben auswirkt. Ein Wendepunkt, der das Leben der nachfolgenden Generationen nachhaltig verändert.

„Ach bleib mir doch weg mit dem alten Käse von gestern. Das ist alles schon so lange her, das hat doch mit mir gar nichts zu tun.“

Das hört man immer wieder, wenn es um Geschichte geht. Man hört es gerade dann, wenn diese Geschichte unbequem sein kann. Und doch ist es so, dass nur ein einziger Blick zurück das ganze Leben beeinflussen kann. Er kann aufschlussreich sein, ganze Familien in neuem Licht dastehen lassen und Augen öffnen. Sacha Batthyany hat ein Buch darüber geschrieben, das dem Ernst der Sache gerecht wird. „Und was hat das mit mir zu tun“ ist mehr als ein Blick in den Rückspiegel der Gegenwart. Brigitte Riebe hat diese wichtige Frage in einen Roman gekleidet, der auf den ersten Blick literarisch beste Unterhaltung verspricht. Zumindest was die Oberfläche betrifft.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis“ geht jedoch schnell in die Tiefe, ohne seinen Charakter zu verlieren. Brigitte Riebe bleibt sich treu. Sie erzählt große Geschichten, die im Kleinen entstehen. Sie sensibilisiert uns mit diesen Geschichten, Sachverhalte und Gegebenes zu hinterfragen und auch einen von Empathie geprägten Blick auf das Leben zu werfen, das jenseits unseres Tellerrandes tobt. Ja, dies alles kann Unterhaltung sein. Es muss sogar Unterhaltung sein, weil man bestimmte Themen außerhalb reiner Sachbücher in Romanen platzieren muss, um Gefühlsebenen zu erreichen. Indirektes Lernen hat auch seine unterhaltsamen Seiten.

Folgen wir ihr an den Bodensee. Malerisch, idyllisch und einfach wundervoll gestaltet sie den Rahmen für eine doch eher traurige Ausgangssituation. Ein Familientreffen im beschaulichen Rickenbach steht an. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Besonders die Familie Auberlin, die für ihre florierende Schnapsbrennerei bekannt ist. Marlene führt die Geschäfte des Traditionshauses in dem kleinen Ort, in dem sie vor mehr als siebzig Jahren mit ihrer Mutter Eva ein neues Leben begann. Die gemeinsame Flucht und ihre Vertreibung hat sie weit hinter sich gelassen. Doch nun ist Eva tot und zur Beerdigung erwartet Marlene ihre Schwester Vicky und deren Tochter Nane. Kein leichter Weg für die beiden ungleichen Schwestern, nun am Grab der Mutter zu stehen und zu trauern.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Was sich wie ein Familienroman anhört, in dem es dann vielleicht ums gemeinsame Erbe oder vergleichbare Banalitäten geht, entwickelt sich rasant zu einer Geschichte, in der die Geschichte eine weitere Erzählebene öffnet, die Marlenes Geheimnis ist. Alles dreht sich um die Erinnerungen der verstorbenen Großmutter, in die ihre Enkelin Nane nun eintaucht. Erinnerungen, in einem Tagebuch niedergeschrieben und persönlich an die Enkelin adressiert. Evas Vermächtnis. Hier öffnet sich eine längst vergangene Welt für das junge Mädchen und sie muss erfahren, dass selbst in diesem Ort, in dem jeder jeden kennt, man sich noch lange nicht selbst kennen muss. Schicht um Schicht dringt sie tiefer vor in ein Leben, das geprägt war von Flucht und Vertreibung, von Gewalt und Angst, von Neubeginn und Schweigen und von einem Geheimnis, das die Zukunft ihrer Töchter veränderte.

Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane stellen könnte. Warum heiße ich eigentlich Christiane Julika? Warum sind meine Mutter Vicky und ihre Schwester so grundverschieden? Und warum gab es das kategorische Verbot ihrer Großmutter, mit einer Nachbarfamilie im so vertrauten Rickenbach in Kontakt zu treten? Brigitte Riebe entführt uns in einen tiefgründigen und facettenreichen Familienroman, der vielleicht gar kein Familienroman im eigentlichen Wortsinn ist. Denn dafür hätte die Verstorbene Eva Auberlin, geborene Menzel, ja eine Familie zurücklassen müssen. Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane am Ende der Geschichte nicht mehr stellt. Es muss nicht „Marlenes Geheimnis“ bleiben, was in der Vergangenheit geschah und wie sich die Geschichte auf die Auberlins von heute ausgewirkt hat. Man kann es lesen. Ich rate dazu. Aus gutem Grund und mit Nachdruck.

Bei Brigitte Riebe fällt der Apfel oftmals recht weit vom Stamm…

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe und weitere Werke

„Ikarien“ von Uwe Timm – Ein Opus Magnum

Ikarien von Uwe Timm

Um eines vorwegzunehmen, wir haben es bei „Ikarien“ von Uwe Timm mit einem der wohl fairsten Romane zu tun, den ich jemals über idealtypische gesellschaftspolitische Systeme, soziale Weltordnungen und ideologische Utopien lesen durfte. In seinem, nur zu Recht als Opus Magnum zu bezeichnenden Werk gelingt es dem Autor, eine Brücke über Epochen der Zeitgeschichte zu schlagen, auf der wir Leser traumwandlerisch zu Zeugen der Entstehung von Ideen werden, die das Zusammenleben von Menschen für alle Zeit verbessern sollten.

Fair ist dieser historisch brillant recherchierte und literarisch opulent aufbereitete Roman, weil Uwe Timm nicht stigmatisiert, vorverurteilt oder ideologisiert. Er führt uns an die Schwellen der modernen Staatstheorien und veranschaulicht brillant, worauf die Ideen der sozialen Neuordnung basierten und warum sie in ihrer Überhöhung scheitern mussten. Zuletzt zeigt der Schriftsteller in beeindruckender Weise auf, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder gelang, selbst die allerbesten Ansätze für gesellschaftlich zwingend erforderliche Reformen aus machtpolitischen Interessen zu pervertieren und unter dem Deckmantel der perfekten und humanistischen Weltordnung Terrorsysteme entstehen zu lassen.

Ikarien von Uwe Timm

Wer den Nationalsozialismus und seine Ideologie vom Herrenmenschen bis heute nicht verstanden hat, seine Entstehung nicht nachvollziehen kann und sich auch nicht vorstellen mag, warum so viele Opportunisten sich scheinbar so willfährig in die Fänge einer Massenmordmaschinerie begeben haben, dem werden in „Ikarien“ endgültig die Augen geöffnet. Man muss sich nur auf Uwe Timm und sein Schreiben einlassen, ihm durch das Deutschland des Jahres 1945 folgen, das Kriegsende aus sich wirken lassen und sich in einen amerikanischen Jeep setzen, um im Land der Trümmerfrauen auf die Fährte der wahren Verbrecher zu kommen.

Und auch hier bleibt Uwe Timm fair, da er jenen klugen Köpfen, die ihr ganzes Leben in den Dienst neuer und bahnbrechender sozialer Strukturen gestellt haben, dieselben nicht abreißt, sondern vielmehr aufzeigt, wie sie schrittweise zu den Opfern ihrer Ideen wurden, oder sich eben durch bewusste Entscheidungen dazu machen ließen. Hier ist die Ausgangssituation von „Ikarien“ konsequent fiktionalisiert, um sich als Leser selbst in den Protagonisten hineinversetzen zu können und dann historisch verbrieften Boden zu betreten. Uwe Timm gelingt mehr als ein historischer Roman. Er weiß zu unterhalten und dabei doch seine Finger in die offenen Wunden der Geschichte zu legen. Hier wird aus gut gemeinten sozialen Idealbildern der Nährboden für Euthanasie und Holocaust.

Ikarien von Uwe Timm

Am Ende des Desasters kehrt der 25jährige deutschstämmige US-Offizier Michael Hansen in seine Heimat zurück. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird er beauftragt sich auf die Spur eines Mannes zu begeben, der seit Jahren tot ist, aber als Vordenker der braunen Rassenideologie gilt. Der Eugeniker Alfred Ploetz. Hansen soll seine Rolle im Konzert der Wissenschaftler aufklären, die den Nazis den Weg bereitet haben, sich aller Gegner zu entledigen, die dem Regime gefährlich werden konnten. Hansen trifft in einem Münchener Antiquariat auf den langjährigen Weggefährten des Professors. Aus den akribisch dokumentierten Gesprächen entwickelt sich die intensive Lebensbeichte eines Mannes, der Alfred Ploetz aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben weiß.

Der Antiquar Wagner wird zum Zeitzeugen eines Lebensweges, der im Verlauf der Geschichte zum ideologischen Irrweg wurde. Abwegig und ohne Ausweg. Mörderisch und vernichtend. Und doch nachvollziehbar, blickt man mit Wagner auf den Moment im Leben des Eugenikers zurück, in dem das Gute nur das Beste wollte. Eine Abkehr von der Ungleichbehandlung der Menschen. Ein humanistisches Weltbild, ein Ideal, Vielfalt und unter dem Zeichen der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ein Modell für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. Hier war es ein Roman, eine Utopie, die alles in Gang setzte, was Jahrzehnte später für den Mord an Millionen Menschen verantwortlich sein sollte.

Ikarien von Uwe Timm

Alles beginnt mit der „Reise nach Ikarien“ des Frühsozialisten Étienne Cabet. Ein Roman über die Reise eines englischen Adeligen zur Insel Ikarien fasziniert Ploetz und seinen Freund Wagner gleichermaßen. Die gesellschaftliche Utopie der grenzenlosen Gelichbehandlung und Gleichberechtigung der Menschen auf dieser Insel entspricht in ihren Grundzügen einem idealtypischen Kommunismus, der Monarchien 50 Jahre nach der französischen Revolution ins Abseits stellte. Gütergemeinschaft und Wohlfahrt sind zentrale Elemente, die Ploetz und seinem Adlatus Wagner Ende des 19. Jahrhunderts so erstrebenswert erscheinen, dass man sie verwirklichen sollte. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem Uwe Timm seine Betrachtung eines Idealbildes beginnt.

Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem auseinanderdriftet, was in der Realität nicht funktionieren kann. Der Mensch erweist sich zu schwach, zu sehr in Konflikten verhaftet und in alten Bildern gefangen, dass schon erste Versuche scheitern. Wagner wendet sich enttäuscht dem Kommunismus zu und verschwindet Jahre später nach der Machtergreifung der Nazis im KZ Dachau. Ploetz geht einen anderen Weg. Eugenik ist sein Fachgebiet und die Gleichbehandlung des Menschen kann aus seiner Sicht nur in einer Welt garantiert werden, in der das Erbgut genutzt werden muss, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Ikarien von Uwe Timm

Von hier aus sind es nur kleine Schritte zum Chaos. Von der Züchtung des werten Lebens bis zur Vernichtung des unwerten. Von der Ausrottung des Minderwertigen bis zur Überhöhung des Herrenmenschen. Alfred Ploetz findet im Nationalsozialismus den Nährboden für seine Theorien. Die braunen Machthaber finden in ihm das Alibi für ihre perfiden Pläne. Es sind nur kleine Schritte, die von einem Roman über eine utopische Insel zu den Patientenakten eines gewissen Ernst Lossa führen. Die braune Saat geht auf und die Theoretiker verstecken sich hinter ihren guten Absichten.

Uwe Timm geht einen konsequenten Weg in seinem Roman. Er führt uns zeitlos vor Augen, was geschehen kann, wenn man sich opportunistisch andient. Er zeigt auf, wie selbstverständlich sich Machthaber bedienen und er erzählt fast nebenbei und doch so unglaublich eindringlich eine Geschichte von einem Neubeginn in den Trümmern eines zu Recht besiegten Landes. Aus wohlmeinenden Ideen werden die Extrakte von Horror und Massenmord gewonnen. Diktaturen funktionieren so. Es ist wiederholbar. Wagner weiß, wovon er redet und Hansen versteht, was er vernimmt. Dieser Roman deckt auf, wie vergewaltigte Idealbilder in der Evolution der Macht degenerieren. Ein wichtiger, in sich geschlossener und zeitloser Roman, der nicht nur Ernst Lossa gerecht wird. Lesen kann so intelligent und literarisch sein…

Ikarien von Uwe Timm – Alfred Ploetz – Vordenker und Wegbereiter des Wahnsinns

Gegen das Vergessen in der kleinen literarischen Sternwarte. Hier geht´s weiter.

„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Seine Jungs sind anders. Das waren sie schon immer und sie werden es immer sein. John Boyne schreibt seit Anbeginn der Tage über junge Menschen, die sich von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden und aufgrund ihrer Wesensmerkmale ausgegrenzt oder isoliert werden. Nur weil sie anders sind. Bei John Boyne lernt man als Leser nicht nur damit umzugehen, es ertragen und aushalten zu können. Man lernt auch, wie lächerlich es ist, andere auszugrenzen, weil sie nicht so ticken, aussehen, fühlen, lieben, denken wie es die Normen vorzugeben scheinen. Seine Romane waren, sind und werden stets zeitlos bleiben.

Ich habe durch ihn Barnaby, Danny, Noah, Alfie und Bruno kennengelernt. Jungs, die tiefe Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Jungs, die sich in die Herzen der Leser geschlichen haben, Herzen brachen, Gänsehaut verursachten und Tränen ihren Weg ebneten. Unvergessen bleibt auch sein ältester Protagonist in Erinnerung. Tristan Sadler. Anders ist auch er. Ein Soldat im Ersten Weltkrieg. Mehr als nur befreundet mit seinem besten Kameraden. Viel mehr als das. Und doch schämt er sich seiner Gefühle. Am Ende der Scham steht ein Mantra, das Tristan Sadler allen Romanfiguren aus der Feder von John Boyne ins Stammbuch schreibt. Uns Lesern gleich mit dazu.

„Anders zu sein ist immer ein Problem, aber Du kannst es überleben – Du kannst damit zurechtkommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Krieg. Ein zentrales Thema bei John Boyne. Der Umgang mit traumatisierten Vätern, Verlust, Zerstörung und Massenmord beendeten die Kindheit einiger seiner Jungs und machten sie zu Opfern ihrer Zeit. Alfie erlebte das psychische Wrack seines Vaters am Ende des Ersten Weltkrieges und Bruno traf am dunkelsten Ort der Weltgeschichte auf einen Freund, der sein Schicksal besiegelte. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bleibt wohl das bedeutendste Werk John Boynes. Ein fiktionales Gedankenspiel, in dem das Schicksal einen der schlimmsten Täter des Holocaust auf grausame Weise bestraft. Es sind dabei immer die unschuldigsten und reinsten Herzen, die den Preis für die Untaten anderer zu bezahlen haben. Bruno folgt einem Jungen im gestreiften Pyjama. Ins Gas. In Auschwitz. Aus Neugier und Freundschaft. Sein Vater, der Massenmörder, verliert was er allen nahm. Ein Meisterwerk, dem John Boyne nun ein weiteres folgen lässt.

Der Junge auf dem Berg“, erschienen im Fischer Verlag, verdichtet erneut den Krieg und seine Folgen zu einem geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss keines der Werke von John Boyne kennen, um diesen Roman in sein Herz zu schließen. Sollte man sich jedoch an Alfie und Bruno erinnern, dann wird man an einigen Stellen in diesem Roman Stiche im Leserherz empfinden, weil hier Wunden aufgerissen werden, die niemals verheilt sind. Pierrot ist “Der Junge auf dem Berg“. Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Keine gute Konstellation nach dem Ersten Weltkrieg. Ganz besonders nicht, wenn man in Frankreich lebt und im eigenen Vater das seelische Wrack eines besiegten und traumatisierten Menschen vor Augen hat. Alfie und Pierrot eint das Leben mit den Folgen des Krieges.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne macht uns in Der Junge auf dem Berg erneut zu den Weggefährten eines kleinen Jungen mit reinem Herzen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1936 auf sich allein gestellt und plötzlich elternlos den Weg in ein unbestimmtes Leben antritt. Seinen besten Freund, den jüdischen Jungen Anshel und seine Heimatstadt Paris muss er nun hinter sich lassen, um in einem Waisenhaus seine Kindheit zu verbringen. Bis dahin ist Pierrots Leben so verlaufen, wie das vieler französischer Kinder. Behütet und ruhig. Als die Schwester seines Vaters den kleinen Jungen jedoch nach Deutschland holt, ändert sich alles. Die Zeit ist kritisch, das Land ist fremd und der Ort, an dem er nun leben soll ist der wohl ungewöhnlichste für eine unbeschwerte Kindheit.

Der Berghof. Hitlers Refugium bei Berchtesgaden. Die nationalsozialistische Idylle eines Ferienhauses am Rande der eskalierenden Weltpolitik. Von all dem ahnt Pierrot nichts, als er in die Gepflogenheiten des Ortes eingewiesen wird, an dem seine eigene Tante als Haushälterin arbeitet. John Boyne nähert sich authentisch und intensiv dieser abgelegenen Machtzentrale an, die nur von Zeit zu Zeit von Hitler bewohnt wurde. Und doch entstand in diesen Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dort ein Nazitraum vor der malerischen Kulisse der Alpen. Ein Traum, der im Lauf der nächsten Jahre Schauplatz wichtiger politischer Begegnungen und braunes Auge des Nazi-Orkans werden sollte.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Aus dem kleinen französischen Jungen muss natürlich ein deutscher Junge werden, wenn er schon das Privileg genießt, auf dem Berghof leben zu dürfen. Aus Pierrot wird Peter. Und aus seiner lässigen und städtischen Kleidung wird die Knabenuniform des Jungvolks. Mit den äußeren gehen auch andere Veränderungen einher. Nur eine Frage der guten Erziehung. Nur eine Frage der Vermittlung neuer Werte. Das ist im Alter von acht Jahren doch schnell zu vermitteln. Hier ist der Geist formbar und willig. Und in der Anwesenheit des legendären Führers doch nur selbstverständlich. „Heil Hitler“ wird die Formel für das Leben auf dem Berghof. Vergessen wir Pierrot, so wie er sich selbst zu vergessen beginnt. Es lebe Peter. Peter der Große, so wie er sich selbst bald zu fühlen scheint. Diagnose des Lesers: „Zustand nach brauner Hirnwäsche“…

John Boyne bleibt sich selbst treu und wagt doch erneut viel. Er beschreibt in dem Umerziehungsprozess die Schwäche des Menschen und die scheinbare Stärke, die am Ende der Assimilation zu erwachen scheint. Aus unsicheren kleinen Jungs werden die machtgeilen Despoten der Zukunft. Gewagt ist es, diesen Roman in zwei Teilen sehen zu müssen. Einen rein fiktionalen Teil über die französische Kindheit Pierrots bis zu der Ankunft auf dem Berghof und einen zweiten authentischeren Teil, in dem Peter nun als Zaungast den historisch verbrieften Ereignissen auf dem Berghof beiwohnt. Boyne hat durch diesen literarischen Kunstgriff Fiktion und Realität vermischt und doch ist es ihm gerade dadurch gelungen, dem Nationalsozialismus die Maske der Bergidylle von der braunen Fratze zu reißen. Indoktrination wird greifbar. Flucht unmöglich. Peter wird zu einem Produkt seiner Zeit. Einer von vielen… Einer von zu vielen…

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne beantwortet in seinem Jugendbuch „Der Junge auf dem Berg“ viele komplexe Fragen der Manipulierbarkeit des Menschen, seiner Korrumpierbarkeit in Hinblick auf den Zuwachs der eigenen Macht über andere und zeigt dabei sehr deutlich die Automatismen auf, die den Einzelnen in einer solchen Situation „umkippen“ lassen. Sprachlich und inhaltlich gelingt John Boyne erneut das literarische Kunststück, seinen Roman so zu verfassen, dass er gerade von jüngeren Lesern verstanden wird. Es fällt nicht schwer, sich in Pierrot hineinzuversetzen. Es tut weh, mit ihm zu Peter zu werden. In der Scham für seine Taten und Handlungen liegt die Kraft, sich selbst aufzulehnen.

Ich möchte nicht, dass Kinder jemals wieder zu einem Peter werden. Ich mag mir nicht vorstellen, dass diese Hirnwäsche an meinen Kindern vollzogen würde. Die letzte Konsequenz des „sich Ergebens“ liegt auf der Hand. Mitläufer und Mittäter entstehen nur so. Das zeigt auch „Der Junge auf dem Berg“. Pierrot/Peter begegnet auf seinem Weg Romanfiguren, die wir aus dem Konzentrationslager in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestens kennen. Sie stehen hier sinnbildlich für die Lebenswege, die aus den Menschen von heute die Täter der Zukunft werden lassen. Hier kreuzen Menschen den Weg eines kleinen Jungen, die viele Jahre später im KZ ihren Hass ausleben dürfen.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Ob „Der Junge auf dem Berg“ über den Berg kommt, sollten Sie selbst lesen. Der Roman trägt das Gütesiegel Boyne und wird ihm mehr als gerecht. Hintergründe und Hintergründiges zu seinem Schreiben finden Sie in meinem Interview mit diesem ganz Großen seiner Zunft. Hier

Auch Bianca und Literatwo sind beim Thema „Gegen das Vergessen“ noch längst nicht über den Berg… Hier geht´s zur Boyne-Rezension auf den Berghof.