„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard – Prix Goncourt 2017

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man nichts versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debut
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Diese jeweils besten französischsprachigen Romane eines Jahres rütteln auf und bewegen zugleich. Sie thematisieren (für mich sehr überraschend) häufig die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die vielfältigen Verstrickungen der globalen Politik in eine Zeit, die man ansonsten in Frankreich lieber nicht mehr beschreiben würde. Und doch ist es ein großer Literaturpreis, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie auch noch prämiert. Nunja. Immerhin mit symbolischen 10 Euro, aber trotzdem ist der Prix Goncourt als ältester französischer Literaturpreis nicht nur bei Autoren heiß begehrt. (Ihr könnt diese Rezension auch hören)

Die Tagesordnung von Éric Vuillard – Als Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Kann es da verwundern, dass nun auch der Preisträger des Jahres 2017 in meine Bibliothek aufgenommen wurde? Nein. „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard passt genau in mein literarisches Beuteschema. Diesmal in mehrfacher Hinsicht. Ein Thema, an dem ich einfach nicht vorbeikomme, ein Literaturpreis, den ich nicht ignorieren kann und ein Cover, das mich mehr als neugierig macht. Keine Überraschung also, dass ich meine Tagesordnung des guten Lesens um einen Roman von Matthes & Seitz Berlin erweiterte, mich erwartungsfroh ins Buch stürzte und sofort ergründen wollte, was denn der gute alte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach so staatsmännisch strahlend auf diesem Buch zu suchen hat. Wer hier einen stahlharten Wirtschaftsroman erwartet, der sieht sich mehr als getäuscht. Viel interessanter ist es vielleicht, dass dieses Bild einen der 24 Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes zeigt.

Der in sämtlichen vier Punkten Angeklagte wurde jedoch niemals verurteilt, weil sein bedenklicher Gesundheitszustand eine Eröffnung des Verfahrens verhindert hatte. Und nun spricht man in Frankreich wieder über eine Zeit, in der sich Menschen vierfach schuldig gemacht haben? Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nun wird ein Roman ausgezeichnet, der alte Wunden aufreißt und die Schuldigen in neuem Licht erscheinen lässt. Wie soll das bitte gehen? Wie kann das auf 117 Seiten funktionieren und wo ist der literarische Aspekt einer solchen Tagesordnung, deren Geheimnisse schon längst enzyklopädisch abgehandelt sind?

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Éric Vuillard besticht alleine schon damit, dass er die Zeit zwischen Machtergreifung und Machtverlust der Nazis auf genau diesen magischen 117 Seiten bündelt, ohne hier in den Jargon eines Sachbuches zu verfallen oder in epischer Breite abzuschweifen. Er packt die Geschichte bei ihrem Extrakt und verdichtet das Konzentrat angereichert mit Namen und Fakten zu einer Momentaufnahme mit einer Belichtungszeit von 12 Jahren. Manche Gestalten verwischen bei dieser Art der Fotografie, einige Figuren hinterlassen kaum Spuren und andere sind auch nach Jahren noch scharf zu sehen, weil sie immer wieder an der gleichen Stelle auftauchen. Éric Vuillard skizziert die Automatismen einer Diktatur, er lässt Einschüchterung und Machtspiele wie einen perfekt einstudierten Tanz erscheinen. Dabei legte er das Stakkato der mörderischen Marschmusik unter seine, in jeder Hinsicht brillant erzählte, Aufführung. 

Es sind 24 Industrielle, die Hitler mit Finanzspritzen an die Macht spritzen. Es sind unpolitische Firmenmagnaten, die sich Gewinn versprechen, die denken, etwas steuern zu können, das sonst aus dem Ruder läuft. Es sind 24 Superreiche, die profitieren statt verlieren wollen. Und doch sind es für Éric Vuillard nur 24 Abziehbildchen im Album der vergangenen Unmenschen. Was bleibt sind die Firmen selbst. Was bleibt ist der schier unglaubliche Reichtum, den man trotz eines verlorenen Krieges anhäufen konnte. Was bleibt ist das müde Naserümpfen über die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter. Was bleibt ist die saubere Weste des Konzerns. Was bleibt ist die Übelkeit, die Vuillard in unserem Geschichtsverständnis hinterlässt.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

„Die Tagesordnung“ vereint alle Marionetten der historischen Vergangenheit zu einem skurrilen Kasperletheater, in dem die witzige Figur mit der Klatsche die größte Klatsche hat und gar nicht witzig ist. Éric Vuillard reißt den Nazi-Schergen die Masken vom Gesicht und blendet sich durch seine Zeitscheiben mit einer Präzision eines Laser-Pointers, der uns einschneidende Erkenntnisse aufzeigt. Zentral erleben wir den Ablauf des vermeintlichen Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich. Zentral können wir kaum glauben, was wir lesen. Zentral zeigt uns Éric Vuillard brutal auf, dass es nicht die Fakten, sondern eben Fake-News waren, die eine ganze Welt in einen Krieg zogen. Damit gelingt es ihm, unsere heutige Wahrnehmung auf „Die Tagesordnung“ zu setzen, genau hinzuhören, hinzuschauen, Skurriles nicht als oberflächlich, sondern als Intention zu verstehen.

Es sind große 117 Seiten, die hinter mir liegen. Es sind 117 Seiten, die dazu führen, dass man Sekundärliteratur um „Die Tagesordnung“ schart. Es ist ein schmales Buch, das es ganz schön dick hinter dem Einband hat. Man kann dieses Buch unterschätzen. Man kann denken, alles schon mal gelesen zu haben. Man kann es für eine Geschichte halten, die mit uns nichts mehr zu tun hat. All dies kann man. Aber man hält diese Sicht der Dinge nicht lange durch. Spätestens wenn man liest, wie die Angeklagten Nazis in Nürnberg ihr Schauspiel offen belächeln. Wie ertappte Kinder beim Schummeln. Leider hat dieses miese Schauspiel mehr Opfer gefordert als alle Kriege der Welt zusammen. Haltet die Augen auf und setzt das auffällig Unauffällige auf die Tagesordnung.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard und andere Konferenzen

Vieles Stand auf der Tagesordnung, Nichts ging ohne Konferenzbescheinigung. Auch nicht am Wannsee, wie man später leidvoll erfahren musste. „Die Wannseekonferenz

„Der Umweg“ – Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis

Der Umweg von Luce d´Eramo

Das Lesen und Schreiben „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust sind die wesentlichen inhaltlichen Triebfedern der kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin ständig auf der Suche nach authentischen Zeitzeugenberichten, die das Erinnern in uns wachhalten, und den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht geben. Ihre Identität und ihre Würde sollten Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersfühlenden, Behinderten, Homosexuellen und besonderen, als Untermenschen definierten Volksgruppen kollektiv genommen werden. Entrechtung, Entmenschlichung und Ausgrenzung wurden auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hemmschwelle zum industriellen Massenmord wurde auf die Art und Weise systematisch in der Gesellschaft gesenkt. Aus Tätern wurden reflexartig nur noch Befehlsempfänger und der Rest hat nichts gewusst.

Alle Zeitzeugenberichte sind immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle der Opfer dramatisch zu überhöhen, in Details zu übertreiben und den Verfasser selbst zur Ikone aller Opferbilder zu stilisieren. Misstrauen regiert. Beweise sind Mangelware, weil die Nazi-Bürokratie alles ebenso akribisch dokumentierte, was sie zum Kriegsende hin systematisch vernichtete. Und so geraten Opferberichte in den Zweifronten-Krieg einer Geschichtsinterpretation, die zumeist nur Pro und Contra kennt. Zweifel wird es immer geben, außer es gelingen wahre Husarenritte, die Beweise für die Nachwelt bewahren. Wilhelm Brasse ist hierfür wohl das beste Beispiel. Hätte der Fotograf von Auschwitz nicht tausende von Portraitfotos von Deportierten vor den Flammen gerettet, sie wären schon längst vergessen. Sein Zeitzeugnis ist zweifelsfrei authentisch. Schade, dass ich auch heute noch erleben muss, wie sehr vergleichbare Opferberichte angezweifelt und als Fake bezeichnet werden.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Was aber, wenn ein solcher Zeitzeugen-Opfer-Bericht so gar nicht in die üblichen Standards passt? Was, wenn er gar nicht von jemandem geschrieben wurde, der den ideologischen Rasterfahndungs-Klischees der Nazis entsprach? Was, wenn er aus der Feder einer Frau stammt, die das nationalsozialistische Deutschland als Idealbild einer modernen faschistischen Gesellschaft betrachtete und die ihr Heimatland Italien verließ, um sich in Deutschland davon zu überzeugen, dass die Gerüchte über Verbrechen und Konzentrationslager jeder Grundlage entbehren? Was, wenn die Verfasserin Bilder von Hitler und Mussolini im Gepäck hatte, weil sie nicht ohne ihre ideologischen Idole in das Land der Verheißung reisen wollte. Was, wenn die Autorin eine bekennende Faschistin war? Glauben wir ihr dann? Ich bin gespannt.

Wir sollten. Besonders unter diesen Voraussetzungen. Denn was der in Frankreich geborenen und aufgewachsenen und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern in die eigentliche Heimat Italien zurückgekehrten Luce d´Eramo zustieß ist nicht repräsentativ, unvergleichbar und absolut einzigartig. Ihr autobiografischer Roman „Der Umweg“ (Klett-Cotta) eröffnet uns eine bisher nie dagewesene Sichtweise auf ein Land am Rande des Untergangs. Eine Perspektive jedoch, die eher dazu gedacht war, seine Regierung zu verteidigen und mit schlimmen Gerüchten aufzuräumen. Eine Faschistin, die sich 1944 im Alter von 18 Jahren als Freiarbeiterin nach Deutschland meldet, gerät selbst in die Fänge der von ihr bewunderten Diktatur. Eine junge Frau voller Ideale wird zum Opfer, weil sie sich gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auflehnt, die sie zuvor nicht wahrhaben wollte. Vom Saulus zum Paulus im Dritten Reich. Ein Bericht voller Widersprüche und Ausrufezeichen. Das Zeitzeugnis einer Desillusionierten.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Luce d´Eramo war erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Chronologisch geordnet ist es nicht, was wir in ihrem Buch lesen. Chronologisch sind lediglich die Zeitpunkte, zu denen sie von ihrer Erinnerung eingeholt wurde. In dieser Reihenfolge sind sie angeordnet. Und doch ist es sinnvoll, diese Bilder ihrer Vernissage nicht umzuhängen, sie in die Phasen des Lebens einzureihen, sondern sie in ihren Widersprüchen wirken zu lassen. Was im Buch im KZ Dachau beginnt, hat eine Vorgeschichte. Was eine junge Flüchtende 1944 in München erlebt hat eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte voranzustellen würde dem Erlebten nicht gerecht. Die volle Wucht der Erkenntnis reift mit dem wachsenden Wissen um alle Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Odyssee. 

Wie wird aus der freiwilligen Arbeiterin in den Fabriken der IG Farben in Frankfurt Höchst in letzter Konsequenz eine Gefangene im KZ Dachau? Was führt eine junge Frau dazu, diesem Lager zu entfliehen, in welchen illegalen Orbit im Hagel der alliierten Bomben taucht sie in München ein, was führte zu ihrer Deportation und wie gelang ihre Flucht bis nach Mainz, warum war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort und wieso stürzte ein Mauerrest gerade auf sie und nahm ihr zeitlebens die Möglichkeit ihre Beine zu bewegen? Was macht aus der linientreuen und nach Bestätigung suchenden jungen Faschistin in den Lagern der IG Farben eine Kämpferin für Gleichberechtigung und wie reagiert ihre Familie auf die Erkenntnisse eines Mädchens, dem alle Illusionen geraubt wurden? Hier schärft sich der Blick des Außenstehenden. Fassaden bröckeln und auch ideal wirkende Ideale werden zum Opfer der Machtgier. Die Welt der IG Farben besteht auf Freiarbeitern voller Ambitionen und Zwangsarbeitern, die dort gehalten werden wie Tiere. Russische und polnische Kriegsgefangene, Aufständische aus dem Warschauer Ghetto, inhaftierte Partisanen und französische Kriegsgefangene bilden den Kosmos in dem die kriegswichtige Produktion auf menschenverachtende Methoden zurückgreift.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Hier wird aus der freiwilligen Faschistin die Kollaborateurin mit vielen Privilegien. Hier erlebt die junge Italienerin die Zustände, in denen die Zwangsarbeiter vor sich hin vegetieren. Hier regt sich ihr Gewissen. Hier wird sie zur Zeugin von Zuständen, die sie niemals wahrhaben wollte. Hier begehrt sie auf. Hier wechselt sie die Seite und schließt sich den „Bolschewiken“ an. Am untersten Rand der Nahrungskette angekommen, wird sie fast zur Märtyrerin für die Rechte der Gefangenen. Hier wird aus der Faschistin eine verzweifelt Zweifelnde, eine Hassende und Kämpfende. Hier wendet sich das Schicksal von Luce d´Eramo. Aus einer Anhängerin wird eine registrierte Gegnerin. Sie wird nach Italien repatriiert. Dort von der SS festgesetzt und nach Dachau deportiert. Hier beginnt „Der Umweg“ auf dem sie erneut nach Deutschland verbracht wird. Fortan wird sie, die ehemals Linientreue, zur Alliierten der Verzweifelten.

Was nun bei den Nazis als menschlicher Abschaum gilt, entwickelt sich zu treuen Weggefährten durch eine unglaubliche Odyssee. Eine Irrfahrt, die man als Leser auf sich nehmen sollte. Die Läuterung der Faschistin vollzieht sich nicht schlagartig, jedoch mehr als nachhaltig. Dass Luce d´Eramo den Zweiten Weltkrieg überlebte hat sie jenen zu verdanken deren Schicksal sie bezweifelte. „Der Umweg“ könnte einen Ausweg aus dem allzu linearen Denken darstellen. Perspektivwechsel und eigenes Erleben. Das ist es, was wir Populisten von heute wünschen. Eine Fahrt in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, eine Nacht in Aleppo, zwei Monate im Status asylsuchend, abgeschoben in eine Heimat, die keine Sicherheit bietet. Es sind diese Perspektiven, die wir uns für die Menschen wünschen, die auch heute noch Kollaborateure der Unmenschlichkeit sind.

Der Umweg von Luce d´Eramo – Zurück in Dachau – Mehr als eine Impression…

Ich lese und schreibe weiter Gegen das Vergessen an. Ich suche nach wie vor die großen und kleinen wahren Geschichten aus einer Zeit, vor deren Wiederholung immer noch gewarnt werden muss. Populisten verbergen ihre wahren Absichten gut. Sie sind immer wieder in der Lage, Automatismen zu nutzen, Ideologien zu verbiegen und sich durch das Verbreiten von Angst unersetzlich zu machen. Populisten brauchen niemals Lösungsansätze. Sie brauchen nur die Unzahl von „Neins“ und „Abers“. Ihnen wünsche ich zahllose Luce d´Eramos. Begeisterte Anhänger, die schnell merken wohin der Hase läuft. „Der Umweg“ ist unter Berücksichtigung dieser besonderen Rahmenbedingungen ein wichtiges Buch, das „Gegen das Vergessen“ kämpft und die individuelle Geschichte von Menschen zutage fördert, die wir ansonsten vergessen würden.

Diesen Umweg habe ich gerne gemacht. Er zeigt mir, wie sehr die Betroffenen, egal ob nun als Opfer, Mitläufer oder Täter lebenslang mit der Verarbeitung der Geschichten ihres Lebens beschäftigt sind. Die schonungslose Offenheit mit der eigenen Erinnerung sticht besonders aus diesem Zeitzeugenbericht heraus. Luce d´Eramo gesteht sich und uns gegenüber ein, wie lange es gedauert hat, klar zu sehen, Wahres von Illusionen zu trennen und im Ergebnis die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Eingeständnis der Autorin, sich jahrelang selbst belogen zu haben, um mit ihrer Geschichte leben und sie verarbeiten zu können, macht aus einem ganz normalen Buch ein Standardwerk zu den großen Themen unserer Zeit. Ideologisch populistische Verführung und die Folgen für Linientreue und Gradlinige. Meine Gradlinigkeit ist durch eine rote Linie definiert, der Luce d´Eramo mehr Kontur verliehen hat.

Vor wenigen Tagen führte mich Der Umweg nach Dachau. Ein wichtiger Moment.

Freiwillig im KZ – Wahrlich kein Einzelfall

Freiwillig ins Konzentrationslager? Kein Einzelfall in der Geschichte.

 

„Ein Ire in Paris“ von Jo Baker

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ich liebe Romane, die sich den existenziellen Lebensfragen in aller Tiefe widmen. Ich folge gerne sehr biografisch angehauchten Lebenslinien, die darüber hinaus Fragen beantworten, die mich auch über das eigentliche Lesen hinaus beschäftigen. Fragen, in denen ich Muster erkenne, die andere Bücher aufrufen, mit dem gerade Erlesenen eine literarische Einheit einzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Was macht ein Krieg aus den Menschen? Wie verändern sich Bedürfnisse, Begabungen? Wie geht man mit diesen Extremsituationen um und was bleibt am Ende des Weltenbrandes von demjenigen übrig, der in ihn verwickelt wurde? Wenn die Balance verlorengeht und der pure Überlebenswille regiert, dann verlieren andere Lebensbereiche an Bedeutung.

Die Bedürfnispyramide wird neu geordnet. Eines der ersten Opfer ist die Kultur. Wer täglich um sein Leben kämpft, braucht keine Bilder oder Romane, kein kreatives Feuer und keine Fantasie. Was macht dies nur mit einem Künstler? Vernichtet es ihn oder ist es eher so, dass genau diese Extremsituationen benötigt werden, um am Ende wie ein Phoenix aus der Asche ins Licht der Erkenntnis fliegen zu können. Was wäre ein Ernst Jünger ohne seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg? Gäbe es Remarque ohne Schlacht und hätte Hemingway den Nobelpreis gewonnen, ohne sich ganz bewusst als Reporter in den Krieg zu stürzen? Was trieb den Maler Franz Marc an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um vor Verdun von einem braunen Ross geschossen zu werden? Was wäre die Literatur oder die bildende Kunst ohne die Grenzerfahrung Krieg?

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Die britische Autorin Jo Baker beschäftigt sich in ihrem Roman „Ein Ire in Paris“ mit genau diesen Fragen. Es ist der Zweite Weltkrieg, der bei ihr die Grenzwerte des Lebens neu definiert. Es ist der irische Autor Samuel Beckett, den sie durch den Krieg begleitet und dem sie diese autobiografische Hommage widmet. Es ist jener Autor, der 1969 mit dem Literatur-Nobelpreis für seine Werke ausgezeichnet wurde, die sehr vom französischen Kriegsschauplatz der Jahre 1939 bis 1945 geprägt waren. Ein Autor, der mit „Warten auf Godot“ alle Sinnfragen des eigenen Lebens reflektierte. Ein Autor, der kein Wort zu Papier brachte, als es ihm in konsolidierten Verhältnissen gut ging, der im Grenzbereich der eigenen Todesangst jedoch zum sprudelnden Quell der Literatur und zum Schriftsteller von Weltformat mutierte. Wer sich für diesen Spagat interessiert, wer Godot als langweilig und nichtssagend empfindet, und wer einen Roman lesen möchte, dessen inhaltliche Tiefe die Sinnkrise eines Autors adaptiert und veranschaulicht, dem sei „Ein Ire in Paris“ ans Hirn gelegt. Und keine Sorge. Das Herz liest mit.

Samuel Beckett. Irischer, als man irisch nur sein kann. Grün im Herzen, grün in der Seele und stets von Heimweh erfüllt, selbst wenn er Zuhause ist. Und doch treibt es ihn nach Frankreich. Vor dem Krieg ist es die Fluchtbewegung vor dem Elternhaus und der konservativen Erziehung. Während des Krieges zieht ihn die Liebe zurück in das Land, das kurz vor der Eroberung durch die Nazis steht. Die Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil hat sein Herz erobert. Und nicht nur das. Sie fördert seine Leidenschaft zur Literatur und hält ihm den Rücken frei damit er schreiben kann. Seine Bekanntschaften zu den Großen der Literatur beflügeln sie. Seine Nähe zu James Joyce beflügelt sie. In Paris ist der Nährboden für eine literarische Karriere besonders fruchtbar.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Nur. Samuel Beckett schreibt nicht. Er vergeudet seine Zeit. In Gedanken versunken durchlebt er eine Schreibblockade nach der anderen, fühlt sich sinnlos, nutzlos und ist nicht mehr als der stille Beobachter einschneidender Veränderungen, die aus Paris das Paris der Deutschen machen. An seiner Seite wachen wir nächtelang am Radio, hören Nachrichten von der Maginot-Linie, die nicht hielt, was sie versprach. Spüren die Enge in den Herzen der Franzosen, die den Rachefeldzug nach dem Ersten Weltenbrand auf sich zukommen sehen. Wir sehen die Zerschlagung einer Gesellschaft, werden Zeugen von Judenverfolgung, Deportation und Unterdrückung. Das Umfeld wird kleiner, Gewalt regiert, die Gestapo durchsucht jeden Winkel. Fehler enden tödlich.

Wir werden aber auch zu Zeugen eines Ausbruchs. Angesichts des Unrechts und in Folge der erlebten Erniedrigungen erhebt sich der bisher lethargische Beobachter und beschließt, den Krieg nicht mehr nur passiv über sich ergehen zu lassen. Was kann er als Schriftsteller tun? Wie kann er der Resistance helfen? Fragen, die wichtig sind, ihn aber wenig interessieren. Er will handeln, agieren und den Besatzern Schaden zufügen. Aus dem Beobachter wir ein Akteur. Er sammelt geheime Nachrichten, sortiert sie nach Übereinstimmungen und filtert relevante Informationen aus dem Dickicht. Als sich dann die Begriffe Brest, Gneisenau, Scharnhorst und Prinz Eugen häufen, weiß er was zu tun ist. Hilfe naht. Frankreich taumelt in die schmerzhafte Befreiung. Flucht und Elend werden zu Stellgrößen der dunklen Zukunft.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Jo Baker wirft uns literarisch ins Gefecht, lässt uns mit Beckett und seiner Geliebten durch Frankreich fliehen, hungern, frieren und verzweifeln. Hier vollzieht sich, was nun zur Unzeit geschieht. Beckett kann schreiben. Seine Worte fliegen. Angst befreit seine Seele und setzt einen Prozess in Gang, den Suzanne gerade jetzt nicht brauchen kann. Statt Feuerholz und Eiern liefert er nun Notizbücher voller klarer Gedanken. Hier greift Beckett erstmals die Themen auf, die signifikant für sein Schreiben sind. Das ständige und an Sinnlosigkeit grenzende Warten, die Tatenlosigkeit, das Gefühl, keinen Nutzen zu haben. Und immer wieder entsteht auf dieser Grundlage am Straßenrand einer der großen Fluchtrouten durchs Land eine neue brillante Idee.

Die irische Melancholie bleibt seine emotionale Triebfeder. Als James Joyce blind und verbittert stirbt, scheint ein zweiter Geist Besitz von Beckett zu ergreifen. Getrieben von der neu erwachten Rastlosigkeit kämpft er sich und seine Geliebte mit Worten und Taten aus der Hoffnungslosigkeit. Die tobenden inneren Konflikte, Gewissensbisse und die an Psychosen grenzenden Denkprozesse zerlegt Jo Baker in literarische Bilder, die Beckett verständlich machen. Wer einmal seinen Godot las und die wartenden Männer vor sich sieht, wird jetzt erahnen, wie sie in seinem Geist entstanden. Er selbst hat das sinnlose Warten erduldet und sich auf einer weitaus höheren Ebene davon befreit. Im ständigen Wechsel seiner Jugenderinnerungen begreifen wir die Zerrissenheit Becketts zwischen einer Straße, die wie ein steiler Pfad erobert werden muss und dem höchsten Baum, auf dem man sich selbst zum Warten verurteilt.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Es ist ein großes literarisches Erlebnis, Jo Baker nach Paris zu folgen. Sie knüpft für mich an Bilder an, die ich in anderen Romanen zu diesem Thema las. Und doch ist es Jo Baker, die einen neuen Maßstab aufstellt, wenn es darum geht, Extremwelten in der Literatur literarisch zu antizipieren. Ihre sprachliche Wucht gleicht einer Lawine. Die Trägheit des Wartens ist ebenso quälend wie bewusstseinserweiternd. Sie schreibt im poetischsten Sinne poetisch, wenn es gilt Wortgemälde zu malen. Sie schreibt Klartext, wenn der Krieg in seiner ausufernden Dimension zu entgleiten beginnt. Sie erzählt und weiß zu packen. Sie lässt uns nicht los und vermittelt in ihrer Hommage ein deutliches und inhaltsgeladenes Psychogramm eines Schriftstellers und der besonderen Zeit, die ihn geprägt und verändert hat.

„A Country Road. A Tree.“ Ich mag diesen Originaltitel des Romans. Er spiegelt die Zerrissenheit zwischen Straße und Baum so eindringlich wider. Der deutsche Titel ist ebenfalls gelungen, obwohl der „Ire in Paris“ erst zu dem wird, den wir heute kennen, nachdem er die sterbende Metropole an der Seine verlassen hatte. Mein letzter Urlaub in Paris steht mir noch vor Augen. Zeichen der damaligen Besatzung sind immer noch deutlich zu erkennen. Zeichen, die die Zeit überdauert, den Hass aufeinander jedoch in vielfacher Hinsicht besiegt haben. Das Heute sieht anders aus, weil wir nicht vergessen und weil wir bereit sind, über den Tellerrand der Vergangenheit zu schauen. Jo Baker leistet einen großen Beitrag im Verständnis für diese Zeit und in der Wertschätzung für einen Schriftsteller, der sich mir bisher entzogen hat.

Ein Ire in Paris von Jo Baker und mehr Bücher zum besetzten Frankreich – Astrolibrium

Das besetzte Frankreich bot und bietet Stoff für große Romane. Sofern es gelingt, die üblichen Klischees im Keim zu ersticken und die Wahrheit plastisch und authentisch zu Wort kommen zu lassen, wird es immer lehrreich sein sich dieser Zeit zu widmen. In beiden Ländern hat man das Erbe vom Erzfeind abgelegt. Warum sollten wir zulassen, dass man heute politisch wieder in die andere Richtung manövriert. Besucht Paris, geht mit offenen Augen durch die Stadt der Liebe. Lasst euch fallen und vergesst nicht.

„Der Frauenchor von Chilbury“ von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Wann stellt der situative Kontext eines Romans nur seine dekorative Kulisse dar und wann ist er von existenzieller Bedeutung für die gesamte Handlung? Fragen, die man sich immer dann stellen muss, wenn man Bücher liest, die in einem historisch fundierten Rahmen eingebettet sind. Ist die Handlung und sind die Verhaltensweisen in diesem Buch nur unter den gegebenen Rahmenbedingungen möglich oder können sie sich auch in einem gänzlich anderen Kontext vergleichbar entwickeln? Wenn dem so ist haben wir es mit einer austauschbaren Kulisse zu tun.

Nehmen wir zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Facetten. Wenn ich einen Roman lese, der in diese dramatische Zeit eingebettet ist, dann erwarte ich schon Protagonisten, die sich der Zeit entsprechend verhalten und eine Story, die durch diese Rahmensituation dramatisch beeinflusst wird. Wenn ich feststelle, dass ich den Plot aus dem Setting herauslösen kann, und dieser dann immer noch funktioniert, dann ist diese Kulisse austauschbar und weniger relevant für das gesamte Lesegefühl. Dann ist es im besten Wortsinn Unterhaltungsliteratur.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan spielt in England. Wir schreiben das Jahr 1940 und die Vorboten des Zweiten Weltkrieges haben die Insel erreicht. Die Bedrohung durch die Nazis, die ihren Siegeszug durch Europa unbeirrt fortsetzen und die Angst vor einer Invasion bestimmen den Tagesablauf. Die Männer befinden sich in der Armee, man ist in Sorge um die „Jungs in Dünkirchen“, Verdunkelung und deutlich spürbare Auswirkungen des beginnenden Luftkrieges um England lasten auf der Seele. Flüchtlinge vom Festland sind zu integrieren, Frauenrollen werden durch den Einsatz in kriegswichtigen Produktionszweigen neu definiert und traditionelle Gepflogenheiten der englischen Gesellschaft geraten zunehmend ins Wanken. Das ist die Kulisse für diesen Roman.

Ich sage bewusst Kulisse, denn wesentliche Teile der Handlung haben nicht viel mit diesen Rahmenbedingungen zu tun. Sie könnten auch 100 Jahre zuvor spielen. Das ist ein Vorteil für die Leser, die keinen Roman lesen wollen, der kriegslastig erscheint. Das ist ein Vorteil für die Autorin, die sich in der Kulisse frei bewegen kann. Die Bedrohung von außen ist das Salz in der Suppe. Eine literarische Suppe allerdings, die sehr nach brillant erzählten Familienromanen aus England schmeckt. Wenn man einmal mit dem Verzehr begonnen hat, kann man nicht mehr aufhören. Unterhaltsames Suchtpotenzial ist zweifelsohne gegeben.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Ich hatte, rein historisch und gesellschaftlich, mehr erwartet. Und doch möchte ich an diese Stelle nicht enttäuscht klingen, denn was mir erzählt wurde ist so typisch und charakteristisch für das stereotype Unterhaltungsbild der britischen Society, dass man wirklich bestens unterhalten wird. Wir finden alle Charaktere, die einen Plot in Schwung bringen. Wir finden alle Zutaten, die unverzichtbar sind, um uns die Seiten verschlingen zu lassen. Ich mag die Bilder, die sich in mir festgesetzt haben. Ich mag die Idee dieses Frauenchors, der eigentlich verboten war, weil Singen ohne Männer nicht statthaft war. Ich mag den emanzipatorischen Ansatz der Selbstverwirklichung, der hier sehr deutlich mitschwingt.

Ich mag die unglückliche und fast unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges. Ich bin gerne der Spur des geheimnisvollen Künstlers gefolgt, der das beschauliche Chilbury aufmischt, obwohl er einer ganz anderen Mission folgt. Ich mag die Idee, dass der Chor den Frauen Halt gibt und bestehende soziale Grenzen überwindet. Ich mag den Humor, der durch die Kapitel zieht und der so typisch britisch, also so richtig schwarz ist. Und natürlich mag ich die typische englische Adelsfamilie, die im Mittelpunkt steht. Ich mag die beiden unterschiedlichen und verwöhnten Töchter, die trotz ihrer Naivität in der Zeit, an der Zeit und an sich selbst zu wachsen scheinen und ich mag die Art und Weise, in der die Autorin mir diese Geschichte erzählt hat.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Multiperspektivisch öffnet sie das Tor nach Chilbury. Es sind die Tagebücher und Briefe der Menschen, die wir kennenlernen, die ihren ganz individuellen Blick auf eine Geschichte werfen, die aus vielen kleinen Geschichten besteht. In der Schnittmenge, in den Überschneidungen der Blickwinkel und in den gemeinsam geschilderten und doch anders bewerteten Geschehnissen liegt der Zauber dieses Romans. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass einige der Rahmenbedingungen mehr im Vordergrund gestanden und die Handlung beeinflusst hätten. Das ist jedoch meine subjektive Sicht der Dinge.

Die einzelnen Charaktere hätten aus meiner Sicht das Potenzial für mehr gehabt. Dass im Mittelpunkt des Romans allerdings eine reine Adels-Story immer mehr Raum einnimmt, hat mich eigentlich enttäuscht, denn dieser wesentliche Erzählstrang passt in jede englische Kulisse, die man sich nur vorstellen kann. Die Zutaten sind dabei recht überschaubar. Man nehme einen sturen englischen Adeligen, gebe ihm eine treue und folgsame Frau zur Seite, statte ihn mit zwei ebenso hübschen wie oberflächlich naiven Töchtern aus und knüpfe an den Fortbestand des Adelstitels das Vorhandensein eines männlichen Erben. Und eben dieser Erbe ist nicht in Sicht.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Also gebe man rücksichtslose kriminelle Energie, eine ebensolche Hebamme und einige gleichzeitig schwangere Frauen in Chilbury hinzu. Dazu gehört natürlich die Frau des Adelsherrn, die jedoch eher für weiblichen Nachwuchs steht. Und dann kann der Plan des alten Adeligen reifen. Sollte das Neugeborene ein Mädchen sein, na dann muss er stattfinden: Der Austausch mit einem Jungen, der zur gleichen Zeit in Chilbury das Licht der Welt erblickt. Dieser Handlungsstrang ist brillant ausgearbeitet, stark und plausibel erzählt, unterhaltsam, dramatisch und rührend. Leider jedoch verdrängt er die Ebenen in den Hintergrund, die mir relevanter erschienen und sich dann doch als reine Kulisse erwiesen.

Ich wurde im Frauenchor von Chilbury bestens unterhalten. Mehr aber auch nicht. Handlungsstränge, die für die Menschen dieser Zeit und Region prägender waren, fand ich nur ganz zart angedeutet. Die Evakuierung der britischen Soldaten aus Dünkirchen war für die Küstenbevölkerung Englands eine Mammutaufgabe, wurden die Soldaten in der großen Masse mit zivilen Kähnen und Fischerbooten gerettet. Im Buch taucht diese wichtige Episode der Geschichte mit massiven Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung nur in wenigen Worten auf. Kulisse eben…

Trotzdem lesenswert, wenn man gut erzählte historisch angelehnte Unterhaltung mag.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog