Funkenflug von Hauke Friederichs [August 1939]

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Funkenflug von Hauke Friederichs

In absolut seltenen Fällen sind diejenigen, die in die Glut pusten auch diejenigen, die anschließend im Feuer stehen. Eine Erkenntnis, die nicht nur zu den Ereignissen rund um die Entstehung des Zweiten Weltkriegs passt. Aber eben eine Erkenntnis, die hier besonders nachhaltig wirkt, wenn man sich das Tauziehen anschaut, das im Jahr 1939 die Welt in Atem hielt. Auf der einen Seite des Taus jene, die so fest daran zogen, um den Frieden zu retten. Auf der anderen Seite ein Diktator mit der ganzen Wucht des autokratischen Systems. Die Kräfteverhältnisse schienen dafür zu sprechen, dass man den Ausbruch eines Krieges vielleicht mit diplomatischen Mitteln verhindern könnte. Am Ende brannte die ganze Welt. Adolf Hitler hatte so intensiv in die Glut des schwelenden Feuers gepustet, dass es letztlich nicht mehr zu löschen war. Der „Funkenflug“ setzte alles in Brand. Und dies kaum mehr als 20 Jahre nach dem Ende jenes Weltenbrandes, der fortan „Der Erste“ genannt werden durfte…

„Funkenflug“. Was für ein passender Titel. Man fühlt sich vor der Glut eines Feuers sitzen und ahnt, was passiert, wenn man hineinbläst. So war es wohl im August 1939. Im Sommer, bevor der Krieg begann glimmt Europa leise vor sich hin. Und doch schürt man die Glut. Funkenflug von Hauke Friederichs geht den Ursachen für den Weltkrieg auf die Spur. Klingt, wie ein politisches Sachbuch. Klingt analytisch und angesichts der Thematik systematisch trocken, wie chronologische Spurensuchen eben so sind. Klingt nur so. Ist es nicht. „Funkenflug“ ähnelt eher einer Collage relevanter Tagebücher der letzten Momente vor dem Weltenbrand. Perspektivwechsel dominieren die Technik der Rekonstruktion der relevanten Ereignisse, die letztlich in einer Explosion gipfelten. Und die war geplant. Vorbestimmt. Nicht mehr zu verhindern, weil die Machthaber im Dritten Reich genau darauf hingearbeitet hatten. Krieg um jeden Preis.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Im szenisch gelungenen Schnittwechsel zwischen wichtigen Protagonisten dieser Zeit blendet Hauke Friederichs das Wesentliche ein, verzichtet aber auch nicht auf die kleinen atmosphärischen Strömungen und Gefühlslagen der Beteiligten, was das Buch nur umso lebendiger werden lässt. Hier ist nicht nur Raum für kühle Taktiker und sehr berechnend vorgehende Diplomaten. Hier ist Raum für Verzweiflung, Hoffnung, Genie und Wahnsinn. Hauke Friederichs gelingt es, die Lesenden in den dynamischen Strudel des Jahres hineinzuziehen, das der kurzen Nachkriegszeit einen qualvollen Todesstoß versetzte. Europas Gräber wirkten noch frisch aufgeschüttet. Kriegsmüdigkeit sollte ein wirksames Gegenmittel gegen Kriegstreiberei sein, aber die Kapitulation Deutschlands am Ende des Ersten Weltkriegs, die damit verbundenen Reparationszahlungen und die Besetzung von Teilen des alten Kaiserreichs durch die Siegermächte, sorgten für einen ungesättigten Nährboden auf dem der Hass und die Großmachtfantasien der Nazis die wundersamsten Blüten trieben.

Hier zeigt Hauke Friederichs in eindrucksvoller Weise auf, wie es den Nazis gelang die Welt an der sprichwörtlichen Nase herumzuführen. Wenn Demokratien mit eigenen Waffen geschlagen werden, wenn Populisten mit Propaganda und der Gleichschaltung der Presse Fakenews zum Führungsmittel machen, wenn die Reihen fest geschlossen sind, dann ist der Krieg vorprogrammiert und nicht mehr zu verhindern. Dann geht eine Legende vom neuen Lebensraum im Osten auf, dann blühen die ideologischen Träume vom Herrenmenschen in der Psyche der Besiegten. Dann werden aus Ausgegrenzten Sündenböcke, die ein Regime braucht, um die Lunte zu zünden. Automatismen, die im Lauf der Weltgeschichte so oft ihre brutale Wirkung entfaltet haben. Eine Wiederholung schien ausgeschlossen. Das reden wir uns auch heute wieder ein. Dabei lassen wir es gerade zu, dass man in die erkaltete Asche alter Ideologien bläst. Und ob man es nun glaubt oder nicht, da sind noch ein paar Funken übrig, die sich wieder leicht entfachen lassen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Hauke Friederichs erzählt also nicht nur vom letzten Sommer vor dem Krieg. Ihm gelingt es, diese Epoche in unserem Unterbewusstsein in unsere Zeit zu spiegeln und dabei ein besonderes Augenmerk auf die beschworenen Automatismen zu legen. Hier verdeutlicht er, wie leicht Demokratien mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen sind. Hier wird auf dem diplomatischen Parkett ein Showtanz aufgeführt, der uns vor Augen führt, was es bedeutet, in existenziell bedrohlichen Situationen blauäugig, zögerlich und allzu vertrauensselig zu sein. Jeder hat den Wolf erkannt. Er musste sich nicht mal mit dem Schafsfell tarnen. Aufgerüstet, uniformiert, Klartext redend, fordernd, erpressend und in jeder Hinsicht gewalttätig passte Hitler zu keinem Zeitpunkt auf das Diplomatenparkett, das den Frieden bringen sollte.

Hauke Friederichs hat eine beachtliche Besetzungsliste für seine Dokumentation der damaligen Ereignisse zusammengestellt. Wir reisen mit Diplomaten durch das halbe Europa, erleben die Machthaber im kleinen Kreis, sehen die Welt aus verblendet wirkenden Augen und werden zu Angehörigen von Sondereinheiten, die vorbereitende und streng geheime Kriegsmaßnahmen ergreifen. Wir reisen nach Danzig und werden uns bewusst, wie intensiv sich die ganze Welt um diesen Zankapfel streitet. Hier leitet Hauke Friederichs aus der Vergangenheit in die Zeit vor dem Kriegsausbruch über und veranschaulicht die Sonderrolle dieser Stadt aus polnischer und deutscher Sicht. Hitler weiß gekonnt zu provozieren und zu instrumentalisieren. Da ändert auch das Who-is-Who der internationalen Diplomatie nichts an der Absicht des deutschen Diktators. Alle Wege führen in den Krieg. Allianzen werden zu Mausefallen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erlebt ein lebendiges Stück Geschichte. Geschichte, die aus der Perspektive von Menschen nähergebracht wird, die sich auf verschiedenen Seiten gegenüberstanden. Einig mehr, einige weniger schuldig an der Entwicklung und doch sind sie alle Teile eines Mosaiks, das den fatalen Titel trägt: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“ – Eine der größten Lügen der Weltgeschichte. Folgen wir Hauke Friederichs in seine brillante Aufarbeitung dieser Zeit. Lernen wir Brandstifter, Mitläufer, Beobachter, Provokateure, Agenten, Friedensengel, Idealisten, Widerständler, Politiker, Exilanten, Träumer und Wahnsinnige kennen. Sie haben viel zu erzählen:

Albert Einstein
Wilhelm Canaris
Winston Churchill
Birger Dahlerus
John Fitzgerald Kennedy
Hermann Göring
Reinhard Heydrich
Thomas Mann
Georg Elser
Robert Koch
Katia Mann
Unity Mitford
Adolf Hitler
Joachim von Ribbentrop
Sophie Scholl
William Shirer
Swetlana Iossifowna Stalina
Ernst von Weizsäcker und natürlich Günter Grass

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erkennt, wie leicht entflammbar Danzig war. Wer das Danzig dieser Zeit betritt, der begegnet dem jungen Günter Grass, der den Angriff auf die Polnische Post nie vergaß. Sein Onkel gehörte zu den Opfern dieses abgekarteten Spiels. Grass schreibt darüber. In der Danziger Trilogie, in der Blechtrommel. Er hat Danzig im Blut gehabt. Ewig. Es sind solche Verbindungen, die mir den „Funkenflug“ nachhaltig in Erinnerung halten. Es ist Unitiy Miford, über die ich bereits schrieb. Eine englische Adelige, die Hitler verfallen war und ein Bündnis zwischen ihrem Heimatland und dem Deutschen Reich herbeisehnte. Am Ende des Sehnens gab sie sich die Kugel und wurde zum Synonym für braune Verblendung. 

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Am Ende des Lesens bleiben Gedanken zur heutigen Zeit, die mich beschäftigen. Wie könnte man Vergleichbares heute verhindern? Vertrauen wir den richtigen Playern im globalen Mit- und Gegeneinander? Könnte heute eine einzige Twitter-Meldung einen Krieg auslösen? Wer profitiert und wer wird zum Opfer? Wer bläst heute in die Glut und wer versucht, die langsam züngelnden Flammen auszutreten? Was lässt sich heute mit Fakenews bewirken? Kann man verhindern, dass sich Geschichte wiederholt? Kennen wir die Rollenspieler von heute von ihrer wahren Seite? Der „Funkenflug“ mag für viele Lesende ein lebendiges Geschichtsbuch sein. Für mich ist Hauke Friederichs Werk ein deutlicher Fingerzeig auf das Hier und Jetzt. Fast schon ein Appell an die Wachsamkeit einer sich im Tiefschlaf befindenden Gesellschaft, die zu blind ist, um Funken zu sehen, die bereits heute wieder zündeln…

Ein alternativloses Buch zur deutschen Geschichte. Ein Rückspiegel, der es heute ermöglichen sollte, nicht wieder rechts abzubiegen. Lasst uns mit solchen Büchern im Gepäck in eine gemeinsame und friedliche Zukunft fahren….

Bald geht es weiter mit den wahren Funkenbläsern… „Sturmabteilung“…

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Es ist das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust, das für mich im Mittelpunkt steht. Es ist das wohl zentralste Thema meines Blogs und im Laufe der Zeit haben sich zahllose Bücher in die Kette des Erinnerns eingereiht. Einige von ihnen verdienen ein besonderes Prädikat, weil sie in ihrer Perspektive und Struktur einzigartig sind. „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sich dieser auf Tatsachen beruhende Roman in die Phalanx jener Bücher schieben würde, die mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal versehen sind. Dies erschließt sich tatsächlich auf den zweiten Blick und natürlich beim Lesen.

Es ist der Originaltitel, der mich nachdenklich machte. Frei aus dem Norwegischen übersetzt lautet er: „Das Lexikon von Licht und Dunkelheit“. Hier erschließen sich in seinem Kontext sowohl die Struktur des Buches als auch sein Inhalt. Denn während ich mich beim deutschen Titel „Vergesst unsere Namen nicht“ direkt von einem der Opfer angesprochen fühle und den Appell an das Erinnern fast wörtlich spüre, lenkt mich der Originaltitel in eine andere Richtung. Er fühlt sich nicht an, wie ein Opferroman-Titel. Er wirkt facettenreicher und dunkler und möchte gerne beim Wort genommen werden. Ich halte diesen Titel für den eigentlichen Türöffner zu diesem Roman, weil er inhaltlich im direkten Zusammenhang zur Geschichte steht, die Simon Stranger erzählt.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Wann liest man schon mal ein Buch über die Judenverfolgung im Dritten Reich, das die Psychologie des Täters in den Vordergrund stellt? Wann kann man eintauchen in Denkwelten von Menschen, die sich schuldig gemacht haben und wo findet man die nachhaltigen Motiv-Spuren der Täter? „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell stellt bis heute eine absolute Ausnahme dar. Bis zur Veröffentlichung dieses Romans. Es ist der norwegische Autor Simon Stranger, der sich auf Spurensuche in seiner Familie im besetzten Norwegen des Zweiten Weltkriegs begibt. Es ist historisch verbrieft, wessen Spuren er folgt. Es sind die Verwandten seiner Ehefrau, denen er mit seiner Recherche einen Platz in der Familie zurückgibt, den die Nazis ihnen gestohlen haben. 

Es sind die jüdischen Vorfahren seiner eigenen Ehefrau, die direkt und indirekt zu Opfern wurden. Verraten, liquidiert, traumatisiert und fürs Leben gezeichnet. Es ist die verstörende Geschichte von Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz waren und für sie nimmt dieses Buch die Rolle eines Stolpersteins ein, der uns heute dazu anhalten soll, diese Menschen nicht zu vergessen. Er erzählt die Geschichte des Urgroßvaters seiner Frau. Hirsch Kommissar, der im Rahmen einer Vergeltungsaktion der Nazis inhaftiert und erschossen wurde. Er nimmt sich die Zeit, nicht nur ihre Familie in ihrer lebensbedrohlichen Lebenssituation zu beschreiben. Er geht weiter und gliedert sein Buch nach den Buchstaben des Alphabets. 26 Kapitel. Von A bis Z. Ein Lexikon von Licht und Dunkelheit, in dem die Dunkelheit überwiegt….  

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Hier wird aus einem Opferroman ein Täterroman. Simon Stranger kann nicht anders, als einen der Hauptverantwortlichen der Verfolgung zu sezieren und bis auf die Fasern seines Charakters zu zerlegen. Es handelt sich um Henry Oliver Rinnan, den Agenten der Gestapo, der mit seinen Opfern ein perfides Spiel spielte. Sein Hauptquartier lag in Trondheim und ist auch heute noch als Bandenkloster bekannt. Hier ließ er verhören, foltern und morden. Hier spielten sich die brutalsten Schrecken ab. Verborgen vor den Augen der Welt. Simon Stranger gibt sich nicht damit zufrieden, über diese Untaten zu schreiben. Ihm gelingt mit seinem Psychogramm eines Täters ein Literatur-Meilenstein zum Verständnis der damaligen Zeit.

Von A bis Z durchleuchtet er das Leben des künftigen Täters, zeigt ihn als wenig akzeptierten jungen Mann, der um Anerkennung buhlt. Er beschreibt einen Underdog, dem es in seiner Heimat unter Seinesgleichen nie gelingen würde sozial aufzusteigen. Hier kommen ihm die Nazis gerade recht. Hier wittert der Mitläufer seine Chance und beginnt in Diensten der Gestapo ein Doppelagentenspiel. Er erschleicht sich Vertrauen auf der Seite des Widerstands, lässt sich Verstecke jüdischer Flüchtlinge zeigen und ist dann der unersetzliche Faktor im ideologischen Vernichtungskrieg, wenn er alles verrät, was ihm eigentlich heilig sein sollte. Diese Macht korrumpiert ihn und macht ihn selbst zum Folterer und Mörder.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Simon Stranger legt den Finger in alle Wunden. Er zeigt die Charakterlosigkeit eines Menschen, der die Haltung wechseln kann, wie eine Fahne im Wind. Erschreckend ist hierbei, dass klar wird, dass genau dieser Henry Oliver Rinnan auf der richtigen Seite in Reihen des norwegischen Widerstands gekämpft hätte, wäre er dort wertgeschätzt worden. Eine typische Täter-Karriere. Ein Stereotyp des Mitläufers, der sich bereitwillig schuldig macht. Das Ego siegt über das Gewissen. Als ausgerechnet die Familie des ermordeten Hirsch Kommissar nach Ende des Krieges im Bandenkloster unterkommt, weil das Haus zum Verkauf steht, reißen die geschichtsträchtigen Wände die Wunden wieder auf. Ein Haus des Schreckens, das fortan in der Familie Angst und Schrecken verbreitet.

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen und noch weniger leicht zu verkraften. Wenn man die Perspektive der Opfer eingenommen hat, wird man urplötzlich mit einem Täter konfrontiert, der sich dominant in den Vordergrund drängt. Das jedoch ist die wichtigste und größte Leistung dieses Buches. Es beschreibt historisch präzise und wird nur dort fiktional, wo die tatsächlichen Aufzeichnungen Interpretationsspielraum für Dialoge und Gefühle lassen. Simon Stranger bewegt sich auf perfekt recherchiertem Terrain. Jeder, der von sich behauptet, er würde sich niemals von Macht korrumpieren lassen, müsste dieses Buch lesen. Jeder, dem es an Vorstellungskraft fehlt, wie leicht man Täter wird, sollte dieses Buch lesen.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Und jeder, der denkt, man könne nichts gegen heutige Populisten unternehmen, der sollte nie vergessen, dass man einen Henry Oliver Rinnan lange genug in seinem Umfeld hätte auffangen und wahrnehmen können, anstatt ihn auszugrenzen, der sollte sich überlegen, ob man Rechtsradikale von heute lieber an den Rand drängt oder sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen und reden sollte. Eins der wohl wichtigsten und nachhaltigsten Bücher gegen das Vergessen, weil die Automatismen dieser Täterschaft ebenso beschrieben werden, wie die lebenslange Traumatisierung der Opfer. Hier liegt ein literarischer Stolperstein in unseren Händen.

Ein letztes Wort gilt der Übersetzung dieses Romans. Wenn es einem Übersetzer gelingt, ein Buch aus dem Norwegischen ins Deutsche zu transferieren, das nach den Buchstaben des Alphabets gegliedert ist, 26 norwegische Begriffe über die jeweiligen Kapitel stellt und diese in den Kontext des Gesamttextes einbettet, dann ist ihm Großes gelungen. Nicht viele der originalen Begriffe finden im Deutschen ihre Entsprechung. In vielen Überschriften musste das passende deutsche Wort aus dem Zusammenhang im folgenden Text gefunden werden. Dass die deutschen Leser nicht ins Stocken kommen und keine Plausibilitätslücken finden adelt Thorsten Alms. Hier kann man mit Fug und Recht behaupten, dass durch seine Übersetzung ein eigenständiges literarisches Werk entstanden ist. Chapeau…

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Vergesst unsere Namen Nicht von Simon Stranger / Eichborn Verlag / 350 Seiten / aus dem Norwegischen von Thorsten Alms / gebunden / 22 Euro – Hier finden Sie mehr Literaturempfehlungen „Gegen das Vergessen“ bei AstroLibrium…

PROPAGANDA von Steffen Kopetzky

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

NOMINIERT FÜR DEN BAYERISCHEN BUCHPREIS 2019

Bayerischer Buchpreis 2019 - Nominiert - Propaganda - Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Nominiert – Propaganda – Steffen Kopetzky

Propaganda (lat. propagare) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen durch Manipulation zu beeinflussen und zu formen, um das Verhalten in eine vom Propagandisten erwünschte Richtung zu steuern.

PROPAGANDA“ heißt auch der aktuelle Roman aus der Feder von Steffen Kopetzky mit dem der Autor jedoch keineswegs seine Leser manipulativ beeinflussen möchte. Er dreht den Spieß um und erzählt eine große Geschichte, in deren Mittelpunkt das Lügen steht. Ein Lügen, das nur einer Sache dient: Dem Machterhalt politischer Systeme. Und genau hier legt der Autor des Erfolgsromans „RISIKO“ den Finger in die offene Wunde der heutigen Machthaber, Populisten und Regierenden. Sein Roman ist geeignet unser Frühwarnsystem zu aktivieren, da er seinen Spannungsbogen vom Zweiten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg spannt und zeigt, wie man bewaffnete Konflikte schüren und am Leben halten kann, wenn es den Interessen „gewisser Kreise“ dient.

Steffen Kopetzky ist ein brillanter Erzähler. Dies sei vorsichtig vorausgeschickt. Sein Erzählräum besteht aus einer Vielzahl von Zimmern, zu denen er seinen Lesern Schritt für Schritt Zugang gewährt. Es ist stilsichere Absicht in der Konstruktion seiner Romane den Eindruck zu erwecken, diese Zimmer seien nicht miteinander verbunden. Als gäbe es keinen Flur, von dem jedes dieser Zimmer abzweigt. Als gäbe es keine gemeinsame Adresse. Als würden wir orientierungslos im Dunkeln tappen und auf einen leuchtenden Erkenntnisfunken warten, bewegen wir uns in den wuchtigen Bildern seiner Erzählung. Literarisch bewegt sich Steffen Kopetzky hierbei auf sicherem Terrain. Er weiß, was er tut. Er weiß, was er schreibt. Er fabuliert auf den Grundlagen seiner validen Recherche, bevor er fiktive Elemente zumischt, die danach kaum noch als solche zu erkennen sind.

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

PROPAGANDA wird getragen vom jungen US-amerikanischen Leutnant John Glueck. Der deutschstämmige Offizier dient im Zweiten Weltkrieg in den Reihen von „Sykewar“, der Abteilung für Propaganda und psychologische Kriegsführung der US-Streitkräfte. In seinen Aufgabenbereich fällt das „Sternenbanner“, eine deutschsprachige Zeitung, die über dem Gebiet des Dritten Reichs abgeworfen wird, um die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu destabilisieren. Zuvor schrieb er mit anderen Psychologen, Historikern und Germanisten das „Handbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland“, um die Eroberer mit dem Land und seinen Menschen vertraut zu machen, die sie befreien sollten. Jetzt kann er es kaum noch erwarten, endlich den Boden seines Heimatlandes zu betreten. Nie zuvor war er dort, obwohl ihm Kultur und Sprache in die Wiege gelegt wurden.

Der Zufall spielt ihm jetzt in die Hände, während das Kriegsgeschehen 1944 in seine entscheidende Phase tritt. Er steht an der Grenze. Einen Schritt entfernt. Die Ardennen. Der Hürtgenwald. Die Eifel. November. Jetzt sollte es schnell gehen. Was er nicht weiß, ihm gegenüber steht die Elite des letzten Aufgebots der Wehrmacht. Der Wald wird zu einer der größten Niederlagen, die US-Streitkräfte je hinnehmen mussten. Es kommt zu einem Gefecht, das als Allerseelenschlacht in die Geschichte der Ardennenoffensive eingeht. Dabei sollte er nur einem der prominentesten Kriegsberichterstatter folgen und sich an seine Fersen heften. Ihn für die Propaganda gewinnen, ihn instrumentalisieren und vereinnahmen. Einen Mann, dessen Name und Ruf wie Donnerhall wirkten. Ernest Hemingway.

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Hier stehen wir nun an der Seite des jungen US-Offiziers auf der Suche nach der Extremsituation, die Hemingway so sehr anzog. Hier riechen wir den Pulverdampf im Hürtgenwald. Hier begeben wir uns mit John Glueck und einem indianischen Scout auf Patrouille. Und dann tritt Steffen Kopetzky in den Spiegel und zerschmettert ihn mit nur einem Tritt. Wo wir in einem Zug wochenlang hätten weiterlesen wollen, springt er mit einem gewaltigen Satz in eine andere Zeitebene. 1971. Der Vietnamkrieg tobt und der uns gut bekannte John Glueck wird bei einer Fahrzeugkontrolle in Missouri festgesetzt. Kein Zufall. Pure Absicht. Er trägt ein Geheimnis mit sich herum, dessen Kern das Land erschüttern kann. Der durch einen Unfall mit Chemikalien nach dem Weltkrieg entstellte Offizier sucht Schutz in einem Gefängnis. Schutz vor der Staatsmacht. In seinem Besitz befinden sich Papiere, die die Geschichte der Kriege seit 1944 neu schreiben. Es sind die Pentagon-Papers.  

Mühsam setzen wir die Spiegelscherben der Geschichte zusammen. Der Blutwald scheint sicherer gewesen zu sein, als das verzweifelte Gefecht, das John Glueck jetzt führt. Steffen Kopetzky schöpft aus dem Vollen. Geheimdienst, Propaganda, Verrat und ein Vorläufer von WikiLeaks erweitern den Erzählraum um die oben beschriebenen und so sehr gefürchteten Zimmer. Er, nur er hat den Generalschlüssel in der Hand und lässt uns nicht nur hineinblicken. Er stößt uns in alle Räume, lässt uns jeden Schrecken des Krieges, die Propagandamaschinerie, die Profiteure, die Leidenden und Lobbyisten am eigenen Leib spüren. Es ist das Menschenverachtende, das Kopetzky hier gegen den Krieg ins Feld führt. Man kann sich diesem Roman nicht entziehen. Seine Ebenen sind so facettenreich, dass wir am Ende kaum eine Ahnung haben, ob wir nun einen Kriegs-, Wirtschafts-, Spionage- oder Justizroman gelesen haben. Oder ob wir ganz einfach nur der ganz brillanten literarischen Propaganda eines Autors auf den Leim gegangen sind, der uns die Augen für die heutigen Konflikte öffnen möchte.

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

Ich bin versucht zu schreiben, dass ich einen ganz großen amerikanischen Roman gelesen habe. Wüsste ich nicht, dass er von Steffen Kopetzky verfasst wurde, ich wäre unsicher. Es ist ein großes amerikanisches Thema, es sind Protagonisten, die Spuren hinterlassen und es ist ein unglaublich packender Erzählstil, der mich immer wieder an den Mann erinnert, dem wir im Roman so oft über den Weg laufen. Die Kapitel, die von der Präsenz Ernest Hemingways durchflutet werden, sind signifikant für den Roman. Er wollte keine Gefühle beschreiben, er wollte sie verursachen. John Glueck beneidete ihn um seine Gabe und als er nun in einem amerikanischen Gefängnis sein Leben sortiert und memoriert scheint es so, als würde er das Niveau Ernest Hemingways mit seinem Denkmal zu Boden reißen und neu erfinden.

Dabei ist es Steffen Kopetzky, der diese Gefühle verursacht und nicht beschreibt. Er lässt uns den Juckreiz der verschuppten Haut John Gluecks förmlich spüren, er hat den Schlüssel zu unseren Ängsten vor dem Waldgefecht in der Hand, er macht uns zu Mördern, Opfern, Strategen und Versagern. Er setzt uns auf eine Geschworenenbank und lässt uns Recht sprechen, während wir einer Strafverteidigerin folgen, der wir das eigene Leben blind anvertrauen würden. Er macht uns zu Augenzeugen und findet den direkten Weg in unser Gewissen. Vom Mitläufer zum Kriegsverbrecher ist es nicht sehr weit in diesem brillanten Roman.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Mir liegt dasHandbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland vor, was das Lesen von „PROPAGANDA“ noch authentischer machte. Ich hatte mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer zeitgleich die andere Perspektive vor Augen. Den Imker aus der Eifel, der von der „Allerseelenschlacht“ in den Krieg gezogen wird. Zwei Romane mit einem Erzählraum von 50 Quadratkilometern. Solche Zufälle schreibt nur die Literatur. Als Buchhändler würde ich sie gemeinsam in das Fenster der guten Leseempfehlungen stellen. Sie sind komplementär und doch so grundverschieden. Zwei deutsche Stimmen mit Tiefgang und Nachhall.

Darüber hinaus ist PROPAGANDA auf eine mehr als unmittelbare Art und Weise sehr lehrreich und (es klingt komisch, aber es ist so) kriegswichtig. Wir verstehen die Automatismen von Gefechten, lernen an der Taktiktafel die Abhängigkeit zwischen Nachschub und Erfolg und erfahren in einer brillanten Reprise aus Steffen Kopetzkys  Roman „Risiko“ den rein praktischen Nutzen eines hochtheoretischen Kriegsspiels. Er durchbricht alle Fronten mit einem brillanten Gedankenspiel, das sich garantiert genau so zugetragen hat. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Humanität hat auf jeder Seite ihre unmittelbare Entsprechung. LESEEMPFEHLUNG zum Quadrat!

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Es ist somit keine große Überraschung, dass Steffen Kopetzky mit Propaganda für den Bayerischen Buchpreis 2019 nominiert wurde. In Literaturkreisen eine sehr beachtenswerte Nominierung, da die dreiköpfige Jury die Vorschläge eigenständig und unabhängig einbringt. Als Buchpreisblogger habe ich die Ehre, die Preisverleihung in München und die heiße Phase nach Bekanntgabe der Shortlist zu begleiten. Dass ich „Propaganda“ bereits lange vor der Nominierung gelesen und rezensiert habe, ist hier für mich von großem Vorteil. Steffen Kopetzky hat die Messlatte sehr hoch gelegt. Der weiße Porzellanlöwe würde dem monumentalen Antikriegsroman gut zu Gesicht stehen und einen Schriftsteller auszeichnen, der sich nicht erst mit diesem Roman in die erste Linie der deutschen Autoren geschrieben hat. John Glueck. Vielleicht bringt der Name des Protagonisten wahrlich Glück…

Alle Berichte zum Bayerischen Buchpreis, den nominierten Titeln, zu Hintergründen und zur Preisverleihung am 07. November finden Sie auf meiner Projektseite.

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Propaganda von Steffen Kopetzky / Rowohlt / gebunden / 495 Seiten / 25 Euro

Winterbienen von Norbert Scheuer – Ein Durchbruch

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Es ist, als würde eine der wichtigsten Erzählquellen der Eifel über die Ufer treten. Es ist, als würde sich der Erzählfluss eines Heimatschriftstellers mit den Erzählströmen der bedeutenden Autoren unseres Landes vereinen und einen Stausee füllen, aus dem wir unendlich schöpfen können. Es fühlt sich an wie ein Naturereignis, da der Eifelfluss nicht in diesen Erzählfluten unterzugehen droht, sondern unverwechselbare und extrem nachhaltige Spuren im großen Literatur-Meer hinterlässt. Es ist wie die Neugeburt einer Stimme, der man zuvor vielleicht eher regionale Relevanz beigemessen hat. Die Rede ist hier von Norbert Scheuer, der mit seinen bisherigen Romanen einen authentischen und emotionalen Blick auf seine Heimat, die Eifel, gerichtet hat.

Kall – Eifel“ und „Am Grund des Universums“. Zwei Romane, die den Menschen der ländlichen Region huldigen. Geschichten über Heimkehren, Bleiben und die Sehnsucht nach dem einen Ort, mit dem man alles verbindet. Es sind Erzählungen, in denen sich Norbert Scheuer durch die Sedimentschichten seiner Heimat gräbt, den Menschen, die ihm täglich begegnen ein literarisches Gesicht und Identität verleiht. Romane, die nicht nur in der Eifel gelesen werden. Scheuer lässt seine traumatisierten Protagonisten aus Afghanistan in die Heimat zurückkehren. Er lässt uns aus ihrer Perspektive beobachten und agieren. Er errichtet neue Gebäude auf den Ruinen der Vergangenheit, lässt einen Stausee trockenlegen, um aus den Fundstücken Geschichten zu erzählen. Scheuer ist ganz nah am Puls der Menschen, denen er aus der Seele zu schreiben scheint.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Und doch hängt seinen Werken das Regionale an. Das Lokalkolorit und der typische Menschenschlag, sowie die Themen, denen er sich widmete mögen Gründe dafür sein, dass er nicht so wahrgenommen wurde, wie ihn Literatur-Insider schon immer gesehen haben. Als ganz großen Erzähler. Ich bin selbst ein Kind der Eifel. Ich bin vom Schlage dieser Menschen. Ich bin typisch und doch bin ich gegangen. Seine Romane waren für mich, wie die Rückkehr nach Hause. Hoffend, man möge im Stausee Dinge finden, die mit mir in Verbindung stehen. Hoffend, mein Heimatgefühl zu reanimieren. Jetzt hat der (vielleicht unterschätzte) Heimatschriftsteller (und ich meine das nicht despektierlich) in seinem neuen Buch ein Kapitel seines Schaffens aufgeschlagen, das ihn stilistisch und inhaltlich in eine neue Dimension vorstoßen lässt.

Winterbienen“ von Norbert Scheuer – C.H. Beck Verlag

Ja, er beheimatet seine Geschichte in der Eifel. Ja, es ist erneut das Dörfchen Kall, das im Mittelpunkt seines Romans steht. Und ja, es sind diese so typischen, aber nicht stereotypen Menschen, die den Landstrich mit Leben füllen. Diesmal jedoch öffnet sich der Mikrokosmos Eifel und wird vom großen Weltgeschehen vereinnahmt, vergewaltigt und vernichtet. Wir erleben Kall im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. 1944. Eine eigentlich ländliche Idylle, in der sich die Nazi-Ideologie ebenso ausgebreitet hat, wie in ganz Deutschland. Eine Idylle, in der die Zeit stehenzubleiben scheint. Und doch rückt die Eifel ins Zentrum der alliierten Aufmarschpläne zur Eroberung des Dritten Reichs.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Schlagworte wie Ardennenoffensive, Allerseelenschlacht und Hürtgenwald sind bis heute unvergessen. Überschriften über einem Kapitel im Leben der Menschen in Kall, die zu Beginn dieses Jahres 1944 noch nicht getextet waren, ihre Spuren jedoch in Form alliierter Bomberverbände in den Nachthimmel schrieben. Hier treffen wir auf den Imker Egidius Arimond. Auch ihn hebt Norbert Scheuer aus der Bedeutungslosigkeit eines kleinen regionalen Charakters hinaus, indem er das Drama der Nazi-Ideologie in seiner Existenz spiegelt. Epileptiker, Fluchthelfer für jüdische Emigranten auf dem Weg nach Belgien und leidenschaftlicher Bienenzüchter. Überschriften über einem Leben, in dem nichts so ist, wie es sein sollte.

Als Epileptiker aussortiert, weil er das unwerte Leben repräsentiert, während andere im Krieg ihren Mann stehen. Als Fluchthelfer unverzichtbares Bindeglied auf der letzten Route ins vermeintlich sichere Belgien und als Bienenzüchter auf der Suche nach dem einen widerstandsfähigen Volk, das sein Überleben sichert. Flüchtlinge verbirgt Egidius in präparierten Bienenstöcken. Sein Wissen rettet Leben. Für sich selbst kann er kaum etwas tun. Medikamente: Fehlanzeige. Unterstützung: Fehlanzeige. Und jeder Tag, den der Krieg länger dauert, reduziert seine Hoffnung. Ein einfacher Mensch. Ein typischer und sich doch von der Masse der Mitläufer so sehr unterscheidender Mensch. Ein ganz großer literarischer Wurf, weil alle Erzählräume des Romans hier ihren Ursprung finden.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Während sich die Weltgeschichte der Eifel nähert, während D-Day und das Attentat auf Jupp (so Hitlers Spitzname in der Eifel) vom 20. Juli 1944 nur aus der Ferne in das Bewusstsein der Menschen rauschen, zieht sich die Schlinge um Egidius immer enger zusammen. Verrat, Denunziation, Bombenangriffe, Minenfelder, das letzte Aufgebot der Wehrmacht und zurückkehrende verwundete Soldarten, die ihn beneiden, stellen seine Existenz unter Vorbehalt. Dazu noch die häufiger auftretenden epileptischen Anfälle. In kaum einem Roman wird ein gefährdetes Biotop so spürbar vom situativen Rahmen der Zeit aufgesaugt. Hier schreibt sich Norbert Scheuer auf eine metaphorische Ebene und öffnet die Szenerie für die großen Widersprüchlichkeiten des Lebens. Während Bienen gehegt und gepflegt, gezüchtet und umgesiedelt, zu Völkern vereint werden und Honig geerntet wird, kommen wir Leser aus dem Staunen nicht heraus.

Das Opfer der nationalsozialistischen Reinrassigkeit, derjenige, der sieht, wie man Völker untergehen lässt und vernichtet, der Ausgegrenzten zur Hilfe eilt, sucht nach der perfekten und überlebensfähigen Bienenrasse. Er sortiert aus, selektiert, siedelt Völker um, erweitert ihren Lebensraum, beobachtet und fördert Königinnenmord, er notiert die Fortschritte akribisch, erntet, entsorgt nutzlose Drohnen und Arbeiterinnen, während er mit Abscheu beobachtet, wie man Zwangsarbeiter prügelt. Die Widersprüchlichkeit der Rassetheorien wird greifbar. Die Perversion der Nazis tritt im langsamen Erzählfluss in immer erschreckenderen Bildern zutage. Norbert Scheuers Sprache erhebt sich über den Schrecken der Zeit. Wenn er von Nazi-Goldfasanen spricht, wird er zum literarisch brillanten Widerstandskämpfer. Wenn er von Bienen spricht, dann macht er Forschern Konkurrenz:

„Sie bilden in den ersten frostigen Nächten eine Traube,
in der sie sich gegenseitig wärmen… wenn man ihnen zusieht,
ist es, als blicke man in ein träumendes Gehirn.“

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

„Winterbienen“ ist ein großer Roman. Er vereint Erzählräume aus „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde mit den Perspektiven der Widerstandskämpfer in unserer Literaturgeschichte. Fallada lässt grüßen. Wir leben, leiden und lieben mit Egidius. Wir begleiten ihn, wohlwissend, was sich von allen Seiten über ihn ergießen wird. Wir sind an seiner Seite, wenn er Leben rettet und Bienenvölker selektiert. Wir stehen zu ihm in allen Situationen, in denen er uns ängstlich, mutig, zögernd und forsch vorausgeht. Die Epilepsie als tickende Zeitbombe im eigenen Körper, britische Bomber über sich, Nazis im Rücken und die Wunderwaffe des Dritten Reichs, V2-Raketen, als Schreckgespenst eines andauernden Krieges im Auge. Dieser Roman ist relevant, er ist brillant erzählt, in seiner Konstruktion unantastbar und gnadenlos zu Ende gedacht.

„Winterbienen“ schließt Kreise im Schreiben von Norbert Scheuer. Das Nachwort ist eine Offenbarung. Der Stausee bei Kall verschluckt am Ende Gegenstände, die erst Jahrzehnte später „Am Grund des Universums“ gefunden werden. Dieser Roman ist ein literarischer Fingerzeig auf die Eifel im Krieg, die Folgen von Ausgrenzung und den grenzenlosen Fanatismus der braunen Ideologie. Norbert Scheuer öffnet eine Tür zur Eifel, die man durchschreiten sollte. Nicht nur, um Scheuers Schreiben in einem neuen Kontext zu sehen. Sondern ganz besonders, um eine Stimme zu vernehmen, die ihren Durchbruch dem Einbruch einer heilen Welt verdankt.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Die deutsche Literatur ist im Flow. Wildwasser und ruhige Erzählströme sind von so großer Reinheit, wie selten zuvor. Man sollte davon kosten. Und dann sollten wir unser geschultes Auge schweifen lassen und Bücher vereinen, die der Mensch nicht trennen darf. Propaganda von Steffen Kopetzky fällt wie ein Wirbelsturm über die Eifel her. Die Allerseelenschlacht, ein Stausee, die Ardennenoffensive aus Sicht der Eroberer im Hürtgenwald und das unbekannte Terrain Eifel. All dies findet seine Entsprechung. Im Buchhandel würde ich beide Romane gemeinsam präsentieren. Sie sind komplementär. Zwei große Geschichten – 50 Quadratkilometer Erzählraum!

Winterbienen von Norbert Scheuer / C.H. Beck Verlag / 319 Seiten / gebunden / mit 13 Illustrationen von Erasmus Scheuer (Kampfflugzeug-Vignetten) / 22 Euro

„Der Schmerz“ von Marguerite Duras [Hörbuch]

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

La Douleur. Lassen Sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen. Spüren Sie, wie es immer schwerer wird, sich einfach nicht runterschlucken lässt und nur darauf wartet, im richtigen Moment zuzuschlagen, um eine alles zersetzende Kraft freizusetzen? Spüren Sie die zerstörerische Macht in diesem französischen Wort? Es steht über einem Buch der großen französischen Autorin Marguerite Duras. Es steht für dieses Buch und jetzt dringt es auch in meine Ohren vor, verschafft sich Gehör und vergewaltigt den Glauben an das Gute im Menschen. Ich kann das im Folgenden vorgestellte Hörbuch nicht ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Ich kann den Inhalt zum Muss eines Diskurses eines kritischen Lesens und Hörens gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus erheben. Aber ich kann es nicht empfehlen, weil es nur bei bester geistiger Konstitution verkraftbar ist.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras

40 Jahre haben die Texte in ihren Manuskripten geschlummert. Wie ein Tagebuch memorierte sie ihre Erinnerungen zum Kriegsende. Die Befreiung ihrer Stadt Paris von den Nazis. Den Umschwung der Stimmung in der Bevölkerung und die Farben, die nun wieder sichtbar wurden, nach den Jahren des braunen Terrors. Wahre Texte. Biografie pur. Und daneben Texte, in denen sie fiktional mit den Erlebnissen dieser Monate und mit ihrer eigenen Rolle in der Resistance umgeht. Befreiung steht über allem, habe ich gedacht. Das Aufblühen einer Nation nach der Unterdrückung, so stieg ich in die Texte ein. Dabei hätte mir klar sein müssen, warum sie so lange unveröffentlicht blieben. Zu groß war „Der Schmerz“ der alles überlagerte. Zu verstörend, jedes Detail und jede zu präzise Erinnerung. La Douleur. Der Schmerz. Wer ihn verkraften kann, der möge mir folgen und immer den Appell von Marguerite Duras vergegenwärtigen:

„Lernt zu lesen. Es sind heilige Texte“

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

„Der Schmerz“ steht für die Ungewissheit dieser Tage. Er steht für das Warten auf ihren Ehemann, der als Angehöriger des Widerstands von den Nazis deportiert wurde. Er steht für die Sehnsucht einer Frau und die Sorge um den Mann, den sie liebt. Es ist der überbordende Schmerz, der Marguerite Duras miterleben lässt, wie die Heimkehrer Paris fluten. Die Deportierten aus den Konzentrationslagern. Es ist ihr Zustand, der sie verzweifeln lässt. Es ist der Hass der Franzosen, den sie miterlebt und mitträgt, als die freiwilligen Hilfsarbeiter aus dem besiegten Deutschland zurückkehren. Es ist der Hass gegenüber den Kollaborateuren, der die Seele zerfrisst. Es ist das Psychogramm einer Frau, die nicht weiß, wohin mit ihrem Schmerz.

„Der Schmerz“ überlagert das Hören. Heilige Texte. Schonungslos und ohne jeden Hauch von Rücksichtnahme auf sich selbst oder die Gefühle anderer beschreibt sie die Rückkehr ihres Mannes. Totgeglaubt. Jetzt steht er vor ihr. Sein Zustand. Unerträglich. Robert Antelme (L. genannt) ist zuhause. Zurück aus Dachau. Abgemagert auf nur 37 Kilogramm. Ausgezehrt. Traumatisiert. Fertig mit dem Leben. Zu keiner Regung fähig. Ein Pflegefall. Sie gibt sich der Pflege über Wochen hin. Hilft dabei, ihren Mann wieder aufzupäppeln, lässt keine Beschreibung aus. Nichts, was unbeschrieben bleiben sollte, erspart sie uns. Nichts erspart sie ihm. Seine Ausscheidungen, sein Essverhalten, sein Mangel an dem, was ihn zu ihrem Mann gemacht hatte. Nichts bleibt unausgesprochen. Sie ekelt sich. Sie entfernt sich emotional von dem Mann, den sie so herbeigesehnt hat. Am Ende bleibt ihm nur, gesund zu werden, um zu erfahren, dass sie ihn verlassen und sich scheiden lassen muss. Hart. Zum Kotzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Der Opfergang des Robert Antelme endet nicht mit der Befreiung. Die Freiheit wird lediglich zum anderen Rahmen seines Siechtums. Man hat das Gefühl, Frankreich sei am Ende noch ein weiteres Mal besiegt worden. Mir hat sich hörend der Magen häufig umgedreht. Mir wurde schlecht. Nur wer auf dem Boden dieser Erkenntnis zuhören und lesen kann, wird verstehen, wie traumatisiert Marguerite Duras selbst war. Nur wer hier bei der Stange bleibt, wird die unglaubliche Tragweite dieses Werks ermessen können. Marguerite Duras erhebt die Opfer des Nationalsozialismus aus der kleinen regionalen Ebene heraus, die sie einnehmen. Sie macht aus ihnen keine Opfer der Deutschen. Es sind die Opfer der Menschheit. Jeder trägt Verantwortung für die Entgleisung humaner Weltanschauungen im Zweiten Weltkrieg. Sie wirft ihren Hut in einen globalen Ring und gibt dem Leid der Opfer einen übergeordneten Sinn. 

Es ist schwer, diesen Texten zu folgen. Wobei nur der Schmerz autobiografisch bis zum letzten Blutstropfen ist. Die weiteren Texte zeigen, wie es ihr als Autorin gelang, in ihrem fiktionalen Schreiben zu verarbeiten, was nie zu verkraften war. Das ist erfunden. Das stellt sie diesen Texten voran. Und doch schlägt sie eine Brücke, indem sie betont, dass sie selbst unter anderem Namen darin vorkommt. Als „Therese“ übt sie Rache. In schonungslosen Sequenzen schildert sie die Folter eines Gestapo-Kollaborateurs. Hier liegt die andere Seite der Gewalt auf dem Seziertisch ihres Buches. Sie beschreibt die Geschichte eines Nazis, der sie in seine Gewalt bringt, sie unter Druck setzt, sie hoffen lässt, er könne ihren Mann befreien. Sie schildert die Ambivalenz der Gefühlslage und lässt den Gestapo-Mann nach der Befreiung auffliegen. Vor Gericht jedoch sagt sie zu seinen Gunsten aus. Unfassbar und paradox und doch so typisch für die Zeit.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Am Ende des Schmerzes bleibt ein flammender Appell, dem ich gerne folge. Das Grauen ist zu groß, um es klein zu halten. Kollektivschuld vor individuellem Versagen. Marguerite Duras bricht mit dieser Aussage alle Tabus, lässt alle Grenzen fallen und ist die wahre Avantgardistin im Denken für ein gemeinsames Europa. Ich verneige mich.

„Die einzige Antwort, die sich auf dieses Verbrechen geben lässt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen. Ebenso wie die Idee der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Um es zu ertragen, um die Vorstellung davon auszuhalten, das Verbrechen teilen.“

Der Schmerz in der Hörbuchfassung von Der Audio Verlag ist brillant. Ungekürzt warten fast sechs Stunden auf 5 CDs gelesen von Doris Wolters auf uns. Ich kann das Hörbuch nicht empfehlen. Nein. Ich kann es nur ans Herz legen, wenn man in der Lage ist, es zu verkraften. Doris Wolters lässt die Ambivalenz der Gefühle und die Perversion allen Denkens in unseren Ohren nachhallen. Sie ist verliebt, verzweifelt, brutal, verwirrt und angeekelt. Sie spricht Marguerite Duras wohl aus der Seele, so wie sie diese Texte eingelesen hat.

Lernt zu hören. Es sind heilige Texte. Gegen das Vergessen. Mehr zum besetzten Frankreich in der Literatur: HIER

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras