Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

„Ich war damals acht Jahre alt.
Die Ferien über habe ich täglich
einen Satz in mein Heft geschrieben,
eine Sache, die ich erlebt habe.
Das war meine Aufgabe, damit ich
in die 2. Klasse versetzt werden konnte. 
Das Heft habe ich immer noch.“

Michal Skibinski

Solche und ähnliche Aufgaben kennen wir vielleicht aus unserer Schulzeit. Nennt es Nachhilfe oder Nachsitzen. Egal, es kann ja nicht so schwer sein, ein paar Dinge zu Papier zu bringen, die sich in den Ferien ereignen. Für einen Erstklässler kein Problem. Das dachte sich der achtjährige Michal Skibinski auch, als er damit begann, die kleine Welt zu beschreiben, die in den großen Ferien auf ihn wartete. Und außerdem war die Belohnung sicherlich motivierend für den kleinen Kerl. Also frisch ans Werk. Er beginnt sein Tagebuch der kurzen Sätze, die eigentlich gar nicht für ihn bestimmt sind, sondern zu Beginn des nächsten Schuljahres von einem Lehrer gesichtet würden. Ob sie dabei helfen würden, ihn in eine neue Klasse zu bringen…?

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

15.07. Ich war mit meinem Bruder und dem Kindermädchen am Bach.
16.07. Ich war in der Kirche.
17.07. Ein kleines Mädchen ist in die Pension gekommen, in der ich wohne.
18.07. Ich war mit meinem Freund im Wald.

Michal Skibinski schreibt schlicht, authentisch und kein Wort zuviel. Da ist er wohl wie die Schüler überall auf der Welt. Und doch liest man sich gut gelaunt in den Juli an seiner Seite hinein. Es klingt nach einer behüteten Kindheit und wie so viele Ferien, die wir vielleicht selbst erlebt haben. Wir spazieren mit Michal durch die Natur. Begleitet nur von seiner Großmutter, dem eigenen Bruder, einem Kindermädchen oder seiner Mutter. Alles fühlt sich gut an, es sind nur ein Gewitter und ein Stromausfall, die den Alltag zum Abenteuer werden lassen. Und es ist ein sonniger Julitag, der diesem Buch den Namen gibt.

28.07. Ich habe einen schönen Specht gesehen.

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Ein wundervolles Buch. Mit brillanten Landschaftszeichnungen illustriert von Ala Bankroft. Jeder Doppelseite gehört ein Satz aus der Feder des achtjährigen Schülers. Unterbrochen nur von den Originalseiten aus dem Heft von Michal Skibinski. Doch was will uns dieses Buch sagen? Welche Botschaften trägt es zu uns? Nein, es ist nicht die Naivität eines Schuljungen, die uns hier zeitlos begeistern soll. Es ist unser Wissen um die Geschichte, das aus einem schönen Sommer und ein paar warmen Ferientagen im Kreise einer Familie den Abgesang auf ein normales Leben macht. Wir müssen nur die beiden wesentlichen Informationen hinzufügen, um die Sätze von Michal Skibinski im Kontext der Weltgeschichte richtig werten zu können. Ort und Zeit. 

Wir befinden uns im letzten Sommer vor dem Zweiten Weltkrieg. Wir sind in Polen. Wir schreiben das Jahr 1939. Die Schule wird nach diesen Ferien wohl nicht beginnen. Am 1. September wird die Wehrmacht das Land überfallen. In wenigen Tagen bricht die heile Welt von Michal Skibinski in sich zusammen. In wenigen Tagen werden sich alle Sätze aus seiner kindlich naiven Schülerfeder verändern. Und mit diesem Heft der ganz kleinen und einfachen Sätze macht er uns zu Zeitzeugen eines Kriegsausbruchs…

01.09.1939 Der Krieg hat begonnen.
02.09.1939 Ich bin in Milanówek angekommen.
03.09.1939 Ich habe mich vor den Flugzeugen versteckt.

06.09.1939 Sie haben in der Nähe eine Bombe abgeworfen…

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Zwischen den Zeilen erleben wir eine Flucht, hören den Gefechtslärm, erleben die Wucht der Gerüchte aus den Nachrichten und sehen seine Familie, die versucht, sich in den Wirren des Krieges wiederzufinden. Die vormals strahlend blauen Illustrationen von Ala Bankroft werden zunehmend dunkler, bedrohend und apokalyptisch. Wort und Bild beginnen jetzt im Krieg Hand in Hand zu gehen. Keine Spechte mehr, keine Sonne. Es brennt. Es raucht. Und Michal schreibt weiter, als würde er immer noch hoffen, bald wieder in die Schule gehen zu können… Vergebens, wie wir heute wissen. Der Krieg ist nicht mehr zu stoppen…

Dieses reichhaltig illustrierte Buch der kleinen gewichtigen Sätze ist für mich kein Bilderbuch im klassischen Sinne. Es ist ein Hybrid-Bildband gegen das Vergessen, in dem wir zu Zeugen der Unvorhersehbarkeit von Politik und Geschichte werden, und in der Naivität des kleinen Jungen die eigene Gedankenlosigkeit gespiegelt sehen. Es ist die Welt der Erwachsenen, die eine Kindheit beendet. Es sind Kriege und Krisen, die in vielen Jahren ihre psychischen Nachwirkungen bei Kindern zeigen. Auch heute ist es in vielen Ländern fraglich, ob die Schulen nach den Ferien wieder beginnen. Vielleicht ist in genau diesem Moment ein Schulkind dabei, seine tiefen Gedanken in einem kleinen Heft für uns festzuhalten. Dieses Buch eignet sich besonders, um es mit Schulkindern zu entdecken. Es ist auch ein Buch der Hoffnung, da es zwar am 15. September 1939 endet. Nicht jedoch das Leben von Michal Skibinski. Er lebt und schließt einen Kreis, den er vor mehr als achtzig Jahren geöffnet hat. Prädikat besonders wertvoll…  

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Weitere Bücher zu meinem Zyklus „Gegen das Vergessen“ finden Sie hier…

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Gegen das Vergessen bei AstroLibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist wieder einmal Japan. Es ist der gesamte Kosmos einer Kultur, die sich gerne in seidene Gewänder hüllt und sich vor den Augen der Welt verbirgt. Es sind Traditionen, die sich der westlichen Sichtweise entziehen und es ist eine Lebensweise, die Werte in den Vordergrund stellt, die in ihrer kaum nachvollziehbaren Überhöhung schon oft den Untergang Japans heraufbeschworen haben. Stolz bis zur Selbstaufgabe, Tapferkeit in den aussichtslosesten Situationen, Treue bis zum Kadavergehorsam, Kaiserverehrung, die Unmöglichkeit, Gefühle offen zu zeigen und das Bekenntnis der Frauen zu devotem Verhalten. Traditionelle Verhaltensmuster, die noch heute auf der Abschottung Japans gegenüber der restlichen Welt basieren. Unverfälscht und aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. 

Und doch wieder so faszinierend, weil diese sozialen Codes dafür verantwortlich sind, dass die japanische Bevölkerung mit Schicksalsschlägen oder Katastrophen eher souverän, als kopflos umgeht. Vieles ist in der Vergangenheit angelegt und oftmals sind wir Europäer angesichts der Fremdartigkeit dieser Kultur eher ratlos. In der Literatur ist es schon oft gelungen, Brücken zu bauen, Verständnis und Empathie zu wecken, fremd und fern wirkende Denkweisen transparenter zu machen und dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden. Ich war schon oft in Japan. Literarisch wohlgemerkt und immer kam ich mir fremd vor. Ein echter Gaijin, der es wagt japanischen Boden zu betreten und schon im Denken und Fühlen kein einziges Fettnäpfchen auslassen kann. Aber ich gebe nicht auf. Japan. Immer wieder Japan.

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Diesmal jedoch bin ich nicht allein. Ich fühle mich nicht allein, weil ein anderer Gaijin an meiner Seite ist und mir eine Geschichte erzählt, die so japanisch ist, wie kaum eine zweite in meinem bisherigen Lesen. Es ist der legendäre Filmemacher und Schriftsteller Werner Herzog, der nach vielen Jahren des Schweigens ein literarisches Signal in die Welt sendet, das aufhorchen lässt. Es ist „Das Dämmern der Welt“ dem er den Kampf ansagt. Es ist der einsame Kampf eines verlorenen japanischen Soldaten auf einer fast einsamen Insel, die am Ende des Zweiten Weltkrieges auch am Ende der Befehlskette der Kaiserreichs angelangt ist. Vergessen, aufgegeben und wertlos, da der gottgleiche Kaiser am 02. September 1945 die Waffen vor den USA gestreckt und kapituliert hatte. Ein unerhörter Vorgang. Nicht vereinbar mit japanischer Tradition, mit den Ehrbegriffen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft, die genau das nicht kennt: Aufgeben.

Eine kriegerische Nation, deren Vorstellung von Treue, Ehre und Loyalität immer noch mit Samurai, rituellen Selbstmorden und Kamikaze-Piloten in Verbindung gebracht wird, erlebte das absolute Horroszenario. Die unehrenhafte Niederlage. Nur ein paar wenige Japaner blieben davon verschont. Soldaten, die auf den abgeschnittenen Außenposten ihres Landes nichts vom Ende des Krieges erfuhren und mit den letzten Befehlen ihrer Offiziere ausharrten, um ihr Fleckchen Erde bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. „Das Dämmern der Welt“ erzählt die Geschichte eines solchen Soldaten. Es ist nicht nur die Geschichte eines Leutnants, der in seiner Ahnungslosigkeit mehr als 29 Jahre lang seine kleine Insel Lubang gegen einen nicht mehr existierenden Feind verteidigte. Es ist die Geschichte von Menschen deren Kadavergehorsam einer Einordnung in den Wertekanon einer Gesellschaft bedarf, um sie nicht als selbstvergessene Trottel in die Geschichte eingehen zu lassen. Werner Herzog gelingt diese Einordnung.

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist Hiroo Onoda, den uns Werner Herzog ins Leben schreibt. Es ist ein realer und leibhaftiger Mensch, der sich jeglicher Fiktionalisierung entzieht, da es ihn wirklich gab. Seine Geschichte ist im kollektiven Gedächtnis seines Landes verankert, für uns jedoch so fremd, als würden wir von der Verteidigung eines Planeten erfahren. Herzog lässt es dämmern über der Insel, er macht uns zu Zeugen einer letzten Befehlsausgabe an den viel zu jungen Soldaten. Es sind Durchhalteparolen und Guerilla-Anweisungen, die ihn für die nächsten 29 Jahre zum unsichtbaren Gespenst auf dieser Insel machen. Es ist die Natur, mit der er verschmelzen muss. Es ist seine Intelligenz, die ihn zum absoluten Überlebenskünstler macht. Es sind seine Empathie und die Leaderqualitäten, die dabei helfen, die wenigen versprengten Soldaten unter seinem Kommando zu halten. Es ist ein Leben ohne Freund-Feind-Kennung, das ihn in Atem hält, weil er niemandem mehr vertrauen kann. Es sind mehr als hundert Hinterhalte, die gelegt werden und denen er entkommt. Es sind Versuche, ihn zur Aufgabe zu bewegen, Manipulation, Propaganda und Betrug. Alles prallt an ihm ab. Er zieht sein Ding durch.

Werner Herzog gelingt auf schmalen 128 Seiten eine facettenreiche Annäherung an einen Mann, der zur Legende wurde. Zeitebenen verschieben sich, Gegenwärtiges und Zukünftiges verschmelzen in der Wahrnehmung des einsamen Kämpfers. Er lebt in der eigenen Zeitzone des Kommandosoldaten, dem alles erlaubt ist, um im Besitz der Insel zu bleiben. Anschläge, Morde, Plünderung. Alles drin im kaiserlichen Freifahrtschein. In letzter Konsequenz ein abschreckendes Beispiel für einen Verblendeten, der als einzig Sehender „Das Dämmern der Welt“ zu durchschauen glaubt. Und doch macht Werner Herzog klar, dass dieser Kampf alternativlos ist. Tief verankert in der Seele jener, die in ihrer Treue fehlgeleitet und instrumentalisiert werden. Es sind unglaubliche Erlebnisse, die wir an der Seite von Hiroo Onada und einigen wenigen Kameraden machen, die er nach und nach verliert. Es sind bewegende und skurrile Momente, die wir erleben, als der einsame Kämpfer gefunden und vom Ende dies Krieges überzeugt wird. Es ist ein besonderer Moment, den uns Werner Herzog literarisch erschließt. Keine letzte Klappe des großen Regisseurs könnte dem letzten Kapitel aus seiner Feder das Wasser auch nur ansatzweise reichen. Herzog ist nicht nur ein König des Films, er ist im literarischen Hochadel unseres Landes ein Autor, für den man sein letztes Buch bis zur letzten Seite verteidigen würde.

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Die Essenz dieses Romans ist der Extrakt eines Begriffs, dem man sich kaum noch neutral nähern kann. Wie sollte ein Krieg aussehen? Welche Regeln sollten gelten und wie könnte man einen Krieg auf das Wesentliche reduzieren. Es sind tiefgreifende und bewegende Erkenntnisse, die den Geist Japans greifbar und begreifbar machen. Es ist der Blick zurück auf die große Tradition der Samurai, es sind Pfeil und Bogen, die im Gefecht von Ehre und Treue zum Kaiserreich erzählen. Es ist der Verrat am Krieg, den moderne Schusswaffen begehen. Es ist das Eigenleben des Krieges, dem Herzog im Herzen seines Protagonisten begegnet. Gerade im Hinblick auf aktuelle Konflikte kann dieses Buch die Dämmerung über so manchem Kriegsschauplatz lichten. Wenn es hell wird, bleiben die Verblendeten und es dauert lange, bis sie die Erkenntnis trifft. Oftmals hat die Geschichte ihre Krieger vergessen. Krieger jedoch vergessen ihre Heimat nicht. Das klingt vielleicht pathetisch, aber nach 38 Jahren im Dienste einer Armee, weiß ich was ich hier schreibe. Viele waren auf verlorenem Posten. Leutnant Hiroo Onada ist kein Einzelfall in der Geschichte.

Eine ungewöhnliche Geschichte für Werner Herzog? Eher nein. Es war ein Wunsch des Schriftstellers und Regisseurs, jenem Hiroo Onada zu begegnen. Ein Wunsch, der sich erfüllte. Ein direkter Draht sei zwischen ihnen entstanden. Ein Wunder? Nein. Hier begegneten sich zwei Einzelkämpfer. Einer, der seinen Dschungel bewaffnet überlebte und einer, der ihn mit seiner Kamera festhielt. Zwei ergebene Kämpfer, die für das Alte und gegen die neuen Einflüsse ins Gefecht zogen. Ein Japaner, der sicher aufmerksam lauschte, als ihm der Deutsche von einem Dampfer erzählte, den er durch den Urwald von einem Fluss zum anderen ziehen ließ. Eine Geschichte von einem Opernhaus im peruanischen Dschungel mag den japanischen Veteran ebenso begeistert haben, wie der deutsche Filmveteran von der Verteidigung der verlorenen Insel begeistert war. Ob nun alles wahr ist, wie es geschrieben steht?

Werner Herzog ist ein wahrer Meister seiner Fächer. Er schreibt im Vorwort dazu:

„Viele Details stimmen, viele stimmen nicht. Dem Autor kam es auf etwas
anderes an, auf etwas Wesentliches, wie er es bei seiner Begegnung mit
dem Protagonisten dieser Erzählung zu erkennen glaubte..“

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Junischnee von Ljuba Arnautovic

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Niemals trennen. So lautet mein Mantra, das ich ständig vor Augen habe, wenn ich mich mit Geschichten auseinandersetze, in denen Eltern ihre Kinder in die Obhut von fremden Menschen oder Institutionen übergeben, um sie zu retten. Allein im Zweiten Weltkrieg vertrauten zahllose ideologisch verfolgte Eltern ihre Kinder Menschen und Organisationen an, die für die Sicherheit der Schutzbefohlenen bürgten. Für Eltern in Sorge der wohl letzte Ausweg und die letzte Chance, zumindest ihre Kinder zu retten. Und nach dem Krieg? Fanden sie sich wieder? In den seltensten Fällen. Dramatische Berichte von Überlebenden legen erschreckende Zeugnisse darüber ab, was eben mit genau diesen Kindern geschah. Sie waren immer zur falschen Zeit an falschen Orten. Sie wurden verraten, verkauft, zurückgelassen, deportiert, getötet oder verschwanden in den Archiven von Institutionen, die sich weigerten, sie wieder herauszugeben. Wenn ich in meiner Auseinandersetzung mit Kinderschicksalen bis in die heutige Zeit hinein etwas gelernt habe, dann, dass man sich nicht von seinen Kindern trennen sollte. Auf keinen Fall. Niemals. Never. Auch Ljuba Arnautovic kann ein Lied davon singen. Das Lied ihrer eigenen Familie, das sie in ihrem Roman „Junischnee“ erzählt.

Es ist das Klagelied der Nachfahren auf eine verlorene Generation. Es ist eine der Geschichten, die von Entwurzelung, Trennung, Identitäts- und Heimatverlust und jener Leere erzählen, die diese Kinder hinterlassen, nachdem sie von ihren eigenen Eltern in bester Absicht in eine trügerische Sicherheit „verschickt“ wurden. Es ist eine dieser so typischen und fatalen Geschichten von „Cut Out Children„, die an uns appellieren, es anders zu machen, wenn wir vor die Wahl gestellt werden. Es sind Kinder, die aus den Familienalben herausgeschnitten wurden und deren Bilder bis heute fehlen. Selbst im positivsten Fall einer erfolgreichen Suche und Wiedervereinigung mit den Eltern haben diese „Cut Out Children“ nichts mehr mit den Kindern gemein, die man weggegeben hatte. Sie sind traumatisiert, sprechen kaum noch die eigene Muttersprache und sind als lose Fäden einer komplexen Familiengeschichte kaum noch mit dem Stammbaum zu verbinden, der ihre Wurzeln bedeutet. „Junischnee“ ist eine solche Geschichte.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

„Junischnee“ ist die, im Roman auf literarische Distanz gebrachte, fiktionalisierte Geschichte der Familie von Ljuba Arnautovic. Es ist die Geschichte ihrer Eltern und deren Vorfahren und sie beginnt in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der die Länder Europas weit voneinander entfernt sind. Nichts ist global, nichts ist mal eben so mit einem Katzensprung zu erreichen und das einfache Leben in der Sowjetunion ist Welten entfernt vom pulsierenden Wien. Es sind zwei Familien, die dieser Geschichte ihre prägenden Stempel aufdrücken. Und nicht nur das. Es sind die Eruptionen der Weltgeschichte, die sich auf die Landkarten dieser Familien auswirken. Sie werden zusammengefaltet, verlieren ihre realen Distanzen, lassen Orte in beiden Ländern kurz miteinander verschmelzen und erweisen sich später als zerknitterte und kaum noch rekonstruierbare Zeugen einer Trennung, die niemals wieder ausgebügelt werden konnte. Und dabei haben es die Eltern von Karl und Slavko Arnautovic mehr als gut gemeint…

Eva Arnautovic schickt ihre Söhne in die Sowjetunion. Sie, die wacker kämpfende politisch denkende Frau aus den Reihen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, sieht, wie sich das politische Blatt im Österreich der dreißiger Jahre wendet. Sie wird verfolgt, inhaftiert und ihre Familie gerät in den Fokus der rechtsgerichteten Regierung. Hier ist die paramilitärische Gruppierung innerhalb der Sozialdemokraten, der „Demokratische Schutzbund“ der letzte Ausweg, um die eigenen Kinder in Sicherheit zu bringen. Noch dazu, wo sich im benachbarten Deutschland die Nationalsozialisten auf den Thron der ehemaligen Demokratie schwingen. Die Halbbrüder werden über die Hilfsorganisation der Kommunistischen Internationale evakuiert und zuerst in die Sommerfrische auf die Krim und anschließend nach Moskau gebracht. Es sind für viele Jahre die letzten Spuren ihrer beiden Söhne, die Eva Arnautovic im Mai 1934 erkennt, als sie sich von ihnen trennt.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Wie sehr sich doch das Leben von Jjodor und Anastasia in der Sowjetunion von dem Leben einer Mutter im hart umkämpften Wien unterscheidet. Sie freuen sich auf die Geburt der Tochter, bereiten alles für das Kind vor und folgen der alten Tradition, eine Birke zu pflanzen. Doch man verwechselt die Samen und statt der Birke wird eine Pappel gepflanzt, die im Juni die Kinder mit ihrem Samenflug begeistern wird. Es ist der „Junischnee„, der Ninas Leben fortan begleiten wird. Vielleicht ist es die Verwechslung, die alles verändert. Vielleicht ist es aber auch das Rad der Zeit, die Weltgeschichte, die jetzt ausufert und ihrerseits beginnt, die Weltkarte zu zerknittern und neu zu falten. Es ist die sich ständig verändernde politische Situation in allen Ländern, die sich auf jene Menschen auswirkt, die sich sonst nie begegnet wären. Es ist die junge Nina, die dem österreichischen Flüchtling Karl begegnet. Es sind zwei Stammbäume, die sich hier in den Wirren der Geschichte vereinen und es ist die tiefe Tragik dieser Begegnung, die aus der Tochter dieser beiden Getriebenen die Frau werden ließ, die uns heute diese Geschichte erzählt: Ljuba Arnautovic.

Wir sollten ihr in das Leben ihrer Eltern folgen, um zu verstehen, was Kriege und Diktaturen aus Menschen machen. Wenn wir ihr folgen, müssen wir uns wappnen, in den Lebenswegen dieser beiden Menschen dramatische Verluste zu erleben. Es sind verstörende Bilder, die kaum erklärbar wären, wenn wir nicht wüssten, was die Politik mit Menschen macht. Es sind Bilder aus dem „Gulag, dem Netz aus Straflagern, das die ganze Sowjetunion durchzog und in dem sich politische Gegner zu Tode arbeiten und hungern sollten. Genau hier landen die beiden Halbbrüder Karl und Slavko. Hier werden sie gefoltert und als Feinde betrachtet. Spätestens seit dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion gelten sie als DEUTSCHE und damit als Feinde. Nur einer von ihnen wird überleben. Nur einer von ihnen wird in einem der Lager eine Frau kennenlernen, die sein neues Leben bedeuten wird. Hier entsteht der Hauch einer Vision von einem Leben in seiner Heimat. Nina folgt ihm Jahre nach dem Krieg in seine Heimat. Es ist eine weitere Entwurzelung, die sich durch die Geschichte dieser Menschen ziehen wird.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Ljuba Arnautovic erzählt ihre Familiengeschichte in einer erschreckend plastischen Dichte. Ihre Bilder sind atmosphärisch und empathisch zugleich. Sie zeigt auf, wo sich das Schicksal in eine nicht beabsichtigte Richtung wendet und wie unkalkulierbar und unbeherrschbar die politischen Entwicklungen auf einem Kontinent sein können. In der Folge erleben wir, was die Traumatisierungen aus dem Gulag aus dem „verschickten“ Karl gemacht haben. Die Autorin macht uns zu Zeugen der Suche nach einem Bruder, der nicht zurückkehrte. Es sind die erschreckenden Aufzeichnungen aus dem Archiv des Grauens, die uns sprachlos machen. Wir sehen neue Beziehungen zerbrechen, psychologische Abgründe der Überlebenden und tragische Lebenswege, die mit der Entscheidung einer Mutter begannen, ihre Söhne in Sicherheit zu bringen. Was wäre geschehen, wenn sie sich nicht getrennt hätte? Das vermag niemand zu sagen. Mich jedoch würde eine jahrzehntelange Ungewissheit über die Schicksale meiner Kinder mehr treffen, als mit ihnen gemeinsam in eine Krise zu gehen.

Es ist die Frage nach Verantwortung, die hier im Raum steht. Es ist die Frage, ob man überhaupt eine andere Chance gehabt hätte. Für mich liegen viele Antworten auf der Hand. Zu viele Geschichten enden in ewiger Trennung, Unwissenheit und Tod. Zu viele Geschichten zeigen, dass man sich nicht trennen sollte. Ein kleines Verzeichnis von Büchern, die dies belegen, findet Ihr am Ende dieses Artikels. Ljuba Arnautovic hat einen sehr relevanten Roman geschrieben, weil seine Tragweite das Geschehene in der Vergangenheit immer wieder auf neue Ebenen hebt. Unbeaufsichtigt reisende Flüchtlingskinder – Dieser Begriff verursacht einen Kloß im Hals, wenn man ihn heute in den Nachrichten hört. Was wird in fünfzig Jahren sein? Werden sie ihre Eltern oder Verwandten jemals wiederfinden? Welche Geschichten verbinden sie dann noch? Und wann hätte man daran etwas ändern können? Ein zeitlos lesenswerter Roman für all jene, die ihre Kinder niemals gehen lassen würden. 

Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich auf „Zeichen & Zeiten„.
„Es wäre spannend und überaus wünschenswert, wenn die Autorin mit weiteren Werken ihre literarische Familiengeschichte ergänzen würde – auch als wichtiger Beitrag einer Erinnerungskultur.“ (Constanze Matthes)

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Es sind Fluchtwege und Fluchtrouten, die im Zweiten Weltkrieg Menschen in ihrem Schicksal vereinten. Es ist die literarische Aufarbeitung dieser Schicksale, aus der wir heute noch lernen können. Ich lese und recherchiere viel, wenn ich in einem Buch eine solche Flucht erlebe. Im „Junischnee“ werden zwei Brüder nach Russland geschickt, um sie vor den Nazis zu retten. Die Eltern bleiben zurück und erleben in ihrer Heimat  eigene Odysseen. Eine führt nach England. Dort als „Enemy Alien“ stigmatisiert, wird der Vater eines der beiden Jungen nach Australien deportiert. Die Reise ins Ungewisse beginnt auf dem britischen Flottenschiff „Dunera“

Hier zucke ich kurz zusammen. Den Namen kenne ich. Ein anderer Flüchtling teilte dieses Schicksal. Er war ebenfalls an Bord. Ulrich Alexander Boschwitz. Es ist „Der Reisende„, in dem er seine Flucht verarbeitete. Für ihn war dies allerdings eine Reise ohne Wiederkehr. Sein Versuch, nach Europa zurückzukehren endete mit dem Angriff eines deutschen U-Bootes. Wenn die Literatur Schicksale verbindet

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und vermisste Kinder in der Literatur.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Archiv der verlorenen Kinder

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

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Russische Literatur bei AstroLibrium – Ein Klick genügt…

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

„Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja – Hanser Literaturverlage

Du kommst vom Einkaufen nach Hause, desinfizierst zuerst deine Hände, verstaust deine FFP2-Maske, hörst in den Nachrichten die aktuellen Inzidenz-Zahlen und machst dir über die Corona-Impfung Gedanken, rufst deine Freundin an, die sich seit Tagen in Quarantäne befindet und lebst seit Monaten unter dem Vorbehalt einer Ansteckung mit einem Virus, das die ganze Welt verändert. Du suchst dir Fluchtpunkte, genießt deine wenigen Biotope, die nicht infizierbar sind und versuchst, das Beste für dich und deine Familie aus dieser Situation zu machen. Du hast eine Seuche in der Stadt. Wenn du dann auf ein gleichnamiges Buch stößt, wirst du wohl primär abgestoßen, weil es ja mal gut sein muss. Nicht auch noch in deiner literarischen Auszeit, nicht auch noch in dem Refugium, in dem du dich sicher fühlst. Warum sollte ich gerade jetzt ein solches Buch lesen? Ja, warum nur?

Noch dazu, wenn es sich augenscheinlich um ein Drehbuch handelt, und nicht um ein Sachbuch oder einen Roman zur Lage, um vielleicht Aspekte zu beleuchten, die dir bisher entgangen sind. Es gäbe doch ganz andere Stilformen. Aber jetzt ausgerechnet ein Drehbuch? Warum? Weil es meine aktuellen Gedanken in turbulente Umdrehungen versetzt? Drehbuch, weil es die szenischen Wechsel eines Romans zur Vorbereitung für einen Film in schnellen Schnittfolgen verknappt wiedergibt? Drehbuch, weil sich in diesem Buch alles um ein eng umrissenes Thema dreht. Oder Drehbuch, weil sich mir beim Lesen nicht nur der Magen, sondern auch mehrfach das Hirn umdreht? Ich fand meine Antworten, weil ich „Eine Seuche in der Stadt“ von Ljudmila Ulitzkaja las. Hier wurde die Drehzahl meines Geistes beschleunigt, das Drehmoment meines Gehirns in Wallung gebracht und meine intellektuelle Drehscheibe in Schwung versetzt. Drehbuch halt.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Wir befinden uns im stalinistischen Moskau des Jahres 1939. Der Rahmen dieser wahren Geschichte ist schnell abgesteckt. Der Zweite Weltkrieg hält Russland fest im Griff, das kommunistische Regime konzentriert alle Anstrengungen auf den Feind und dann kommt es zu einem Zwischenfall. Rudolf Iwanowitsch Mayer wird aus der tiefen Provinz in die Hauptstadt zitiert, um über den Stand seiner Forschungen zu berichten. Er arbeitet in einem geheimen Labor an einem Impfstoff und das Volkskommissariat für Gesundheit verlangt ein Update und Ergebnisse. So weit, so gut. Wäre es nur im Labor nicht zu dieser kleinen Unachtsamkeit gekommen. Wäre die Schutzmaske nicht ein klein wenig verrutscht und hätte sich der Wissenschaftler nicht selbst mit der Pest infiziert, die Dienstreise nach Moskau wäre unspektakulär verlaufen. So jedoch hat er eine Seuche im Gepäck, die sich schneller ausbreitet, als man sie eindämmen kann.

Ljudmila Ulitzkaja hätte dies in einem weit ausschweifendem historischen Roman in der Tradition der größten russischen Erzähler*innen verarbeiten können. Aber genau das war nicht ihre Intention. Sie war auf diesen wahren Fall gestoßen, hatte sich durch Recherchen sattelfest gemacht und ein Szenario verfasst, das sie schon 1978 in dieser Fassung als Bewerbung für einen Drehbuchgrundkurs eingereicht hatte. Ihr war damals klar, dass die Geschichte an sich keine Aussicht auf Erfolg haben konnte, weil sie im Zusammenprall zwischen der Naturgewalt einer Seuche und der Staatsgewalt der kommunistischen Geheimdienste einen diffizilen Aspekt herausgearbeitet hatte, den man lieber unter den Tisch fallen lassen wollte. Wie war es damals gelungen, das Virus an seiner Ausbreitung zu hindern? Zu welchen Mitteln hatte das Regime gegriffen, um die Hauptstadt vor einer Katastrophe zu bewahren? Und hatte sie hier eine Blaupause zur Bewältigung künftiger Epidemien entdeckt?

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Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Hier entfaltet das Drehbuch seine literarische Urgewalt. Es sind schnelle Schnitte, die uns durch ein „cineastisch“ anmutendes Lesen treiben. Ein Anruf im Labor, Hektik, ein kleiner Fehler, die Verabschiedung und eine Zugreise nach Moskau. Begegnungen und Zufallsbekanntschaften, der Vortrag vor der Kommission, Schulterklopfen und die obligatorischen Bruderküsse, ein harmloser Haarschnitt im Hotel, eine Delegierte, die aus Moskau abreist, um in der Provinz Hof zu halten. Bewegungsmuster, die uns nicht unberührt lassen, wissen doch nur wir, dass der Pest-Forscher bei jeder Interaktion zu einem Auslöser einer neuen Infektionskette wird. Als er die ersten Symptome zeigt, in einer Klinik auf einen aufmerksamen Arzt trifft, der schnell begreift, womit er es zu tun hat, beginnt eine beispiellose Aktion eines totalitären Staates zur Verhinderung einer Katastrophe. Die Pest  wird zur Geheimdienstsache.

Und genau hier finden wir die Ursache für das Verschwinden dieses Textes. Darf man es als Erfolg eines menschenverachtenden Systems bezeichnen, die Ausbreitung einer Seuche durch eine Inhaftierungswelle des Geheimdienstes verhindert zu haben? Welche Türen würde man öffnen? Könnte die Büchse der Pandora je wieder versiegelt werden? Diese Fragen stößt „Eine Seuche in der Stadt“ an. Gerade in einer Zeit, die durch die Einschränkungen von Grundrechten gekennzeichnet ist, die zum Schutz der Gesellschaft ergriffen werden, muss eine Diskussion geführt werden, wie weit man hier gehen darf. Gerade in einer Zeit, in der sich eine Demokratie offen den Vergleich mit einer Diktatur gefallenlassen muss, sollte man den Blick auf wahrhaft totalitäre Systeme richten. Dieses Drehbuch stößt eine Diskussion an, die unerlässlich ist. Es zeigt aber ebenso beeindruckend auf, wie weit wir von autokratischen Zuständen entfernt sind.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Dieses Buch wird polarisieren, weil es beschreibt, dass die Pest in diesem Fall nur durch die brutale Staatsgewalt besiegt werden konnte. Wie harmlos kommen uns dann die Maßnahmen unserer Regierung vor. Und wie weit würden wir gehen, um den Rest der Bevölkerung vor jenen zu schützen, die bewusst oder unbewusst zu Virenträgern wurden? Es sind 102 Seiten, die sich unvergesslich ins Hirn einbrennen. Es sind die Momente der Ansteckung, die uns verdeutlichen, wie schnell man zum Opfer werden kann. Es ist die Wucht des Virus, die uns vor Augen geführt wird. Und es ist ein Text, der genau in dieser Form genau jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort angekommen ist.

Ljudmila Ulitzkaja reiht sich mit dem Drehbuch Eine Seuche in der Stadt in die systemrelevante russische Literatur ein, die so viel über die Seele dieses Landes aussagt und deren Signalwirkung niemals unterschätzt werden sollte. Ihre kurzen und prägnanten Aufzüge, die bewegenden Szenenwechsel und Charakterzeichnungen der Menschen, denen wir begegnen, bedürfen keiner weiteren Worte. Leseempfehlung: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Die Seele Russlands in der Literatur auf AstroLibrium

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Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Funkenflug von Hauke Friederichs [August 1939]

Funkenflug von Hauke Friedrichs - AstroLibrium

Funkenflug von Hauke Friederichs

In absolut seltenen Fällen sind diejenigen, die in die Glut pusten auch diejenigen, die anschließend im Feuer stehen. Eine Erkenntnis, die nicht nur zu den Ereignissen rund um die Entstehung des Zweiten Weltkriegs passt. Aber eben eine Erkenntnis, die hier besonders nachhaltig wirkt, wenn man sich das Tauziehen anschaut, das im Jahr 1939 die Welt in Atem hielt. Auf der einen Seite des Taus jene, die so fest daran zogen, um den Frieden zu retten. Auf der anderen Seite ein Diktator mit der ganzen Wucht des autokratischen Systems. Die Kräfteverhältnisse schienen dafür zu sprechen, dass man den Ausbruch eines Krieges vielleicht mit diplomatischen Mitteln verhindern könnte. Am Ende brannte die ganze Welt. Adolf Hitler hatte so intensiv in die Glut des schwelenden Feuers gepustet, dass es letztlich nicht mehr zu löschen war. Der „Funkenflug“ setzte alles in Brand. Und dies kaum mehr als 20 Jahre nach dem Ende jenes Weltenbrandes, der fortan „Der Erste“ genannt werden durfte…

„Funkenflug“. Was für ein passender Titel. Man fühlt sich vor der Glut eines Feuers sitzen und ahnt, was passiert, wenn man hineinbläst. So war es wohl im August 1939. Im Sommer, bevor der Krieg begann glimmt Europa leise vor sich hin. Und doch schürt man die Glut. Funkenflug von Hauke Friederichs geht den Ursachen für den Weltkrieg auf die Spur. Klingt, wie ein politisches Sachbuch. Klingt analytisch und angesichts der Thematik systematisch trocken, wie chronologische Spurensuchen eben so sind. Klingt nur so. Ist es nicht. „Funkenflug“ ähnelt eher einer Collage relevanter Tagebücher der letzten Momente vor dem Weltenbrand. Perspektivwechsel dominieren die Technik der Rekonstruktion der relevanten Ereignisse, die letztlich in einer Explosion gipfelten. Und die war geplant. Vorbestimmt. Nicht mehr zu verhindern, weil die Machthaber im Dritten Reich genau darauf hingearbeitet hatten. Krieg um jeden Preis.

Funkenflug von Hauke Friedrichs - AstroLibrium

Funkenflug von Hauke Friederichs

Im szenisch gelungenen Schnittwechsel zwischen wichtigen Protagonisten dieser Zeit blendet Hauke Friederichs das Wesentliche ein, verzichtet aber auch nicht auf die kleinen atmosphärischen Strömungen und Gefühlslagen der Beteiligten, was das Buch nur umso lebendiger werden lässt. Hier ist nicht nur Raum für kühle Taktiker und sehr berechnend vorgehende Diplomaten. Hier ist Raum für Verzweiflung, Hoffnung, Genie und Wahnsinn. Hauke Friederichs gelingt es, die Lesenden in den dynamischen Strudel des Jahres hineinzuziehen, das der kurzen Nachkriegszeit einen qualvollen Todesstoß versetzte. Europas Gräber wirkten noch frisch aufgeschüttet. Kriegsmüdigkeit sollte ein wirksames Gegenmittel gegen Kriegstreiberei sein, aber die Kapitulation Deutschlands am Ende des Ersten Weltkriegs, die damit verbundenen Reparationszahlungen und die Besetzung von Teilen des alten Kaiserreichs durch die Siegermächte, sorgten für einen ungesättigten Nährboden auf dem der Hass und die Großmachtfantasien der Nazis die wundersamsten Blüten trieben.

Hier zeigt Hauke Friederichs in eindrucksvoller Weise auf, wie es den Nazis gelang die Welt an der sprichwörtlichen Nase herumzuführen. Wenn Demokratien mit eigenen Waffen geschlagen werden, wenn Populisten mit Propaganda und der Gleichschaltung der Presse Fakenews zum Führungsmittel machen, wenn die Reihen fest geschlossen sind, dann ist der Krieg vorprogrammiert und nicht mehr zu verhindern. Dann geht eine Legende vom neuen Lebensraum im Osten auf, dann blühen die ideologischen Träume vom Herrenmenschen in der Psyche der Besiegten. Dann werden aus Ausgegrenzten Sündenböcke, die ein Regime braucht, um die Lunte zu zünden. Automatismen, die im Lauf der Weltgeschichte so oft ihre brutale Wirkung entfaltet haben. Eine Wiederholung schien ausgeschlossen. Das reden wir uns auch heute wieder ein. Dabei lassen wir es gerade zu, dass man in die erkaltete Asche alter Ideologien bläst. Und ob man es nun glaubt oder nicht, da sind noch ein paar Funken übrig, die sich wieder leicht entfachen lassen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Hauke Friederichs erzählt also nicht nur vom letzten Sommer vor dem Krieg. Ihm gelingt es, diese Epoche in unserem Unterbewusstsein in unsere Zeit zu spiegeln und dabei ein besonderes Augenmerk auf die beschworenen Automatismen zu legen. Hier verdeutlicht er, wie leicht Demokratien mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen sind. Hier wird auf dem diplomatischen Parkett ein Showtanz aufgeführt, der uns vor Augen führt, was es bedeutet, in existenziell bedrohlichen Situationen blauäugig, zögerlich und allzu vertrauensselig zu sein. Jeder hat den Wolf erkannt. Er musste sich nicht mal mit dem Schafsfell tarnen. Aufgerüstet, uniformiert, Klartext redend, fordernd, erpressend und in jeder Hinsicht gewalttätig passte Hitler zu keinem Zeitpunkt auf das Diplomatenparkett, das den Frieden bringen sollte.

Hauke Friederichs hat eine beachtliche Besetzungsliste für seine Dokumentation der damaligen Ereignisse zusammengestellt. Wir reisen mit Diplomaten durch das halbe Europa, erleben die Machthaber im kleinen Kreis, sehen die Welt aus verblendet wirkenden Augen und werden zu Angehörigen von Sondereinheiten, die vorbereitende und streng geheime Kriegsmaßnahmen ergreifen. Wir reisen nach Danzig und werden uns bewusst, wie intensiv sich die ganze Welt um diesen Zankapfel streitet. Hier leitet Hauke Friederichs aus der Vergangenheit in die Zeit vor dem Kriegsausbruch über und veranschaulicht die Sonderrolle dieser Stadt aus polnischer und deutscher Sicht. Hitler weiß gekonnt zu provozieren und zu instrumentalisieren. Da ändert auch das Who-is-Who der internationalen Diplomatie nichts an der Absicht des deutschen Diktators. Alle Wege führen in den Krieg. Allianzen werden zu Mausefallen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erlebt ein lebendiges Stück Geschichte. Geschichte, die aus der Perspektive von Menschen nähergebracht wird, die sich auf verschiedenen Seiten gegenüberstanden. Einig mehr, einige weniger schuldig an der Entwicklung und doch sind sie alle Teile eines Mosaiks, das den fatalen Titel trägt: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“ – Eine der größten Lügen der Weltgeschichte. Folgen wir Hauke Friederichs in seine brillante Aufarbeitung dieser Zeit. Lernen wir Brandstifter, Mitläufer, Beobachter, Provokateure, Agenten, Friedensengel, Idealisten, Widerständler, Politiker, Exilanten, Träumer und Wahnsinnige kennen. Sie haben viel zu erzählen:

Albert Einstein
Wilhelm Canaris
Winston Churchill
Birger Dahlerus
John Fitzgerald Kennedy
Hermann Göring
Reinhard Heydrich
Thomas Mann
Georg Elser
Robert Koch
Katia Mann
Unity Mitford
Adolf Hitler
Joachim von Ribbentrop
Sophie Scholl
William Shirer
Swetlana Iossifowna Stalina
Ernst von Weizsäcker und natürlich Günter Grass

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erkennt, wie leicht entflammbar Danzig war. Wer das Danzig dieser Zeit betritt, der begegnet dem jungen Günter Grass, der den Angriff auf die Polnische Post nie vergaß. Sein Onkel gehörte zu den Opfern dieses abgekarteten Spiels. Grass schreibt darüber. In der Danziger Trilogie, in der Blechtrommel. Er hat Danzig im Blut gehabt. Ewig. Es sind solche Verbindungen, die mir den „Funkenflug“ nachhaltig in Erinnerung halten. Es ist Unitiy Miford, über die ich bereits schrieb. Eine englische Adelige, die Hitler verfallen war und ein Bündnis zwischen ihrem Heimatland und dem Deutschen Reich herbeisehnte. Am Ende des Sehnens gab sie sich die Kugel und wurde zum Synonym für braune Verblendung. 

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Am Ende des Lesens bleiben Gedanken zur heutigen Zeit, die mich beschäftigen. Wie könnte man Vergleichbares heute verhindern? Vertrauen wir den richtigen Playern im globalen Mit- und Gegeneinander? Könnte heute eine einzige Twitter-Meldung einen Krieg auslösen? Wer profitiert und wer wird zum Opfer? Wer bläst heute in die Glut und wer versucht, die langsam züngelnden Flammen auszutreten? Was lässt sich heute mit Fakenews bewirken? Kann man verhindern, dass sich Geschichte wiederholt? Kennen wir die Rollenspieler von heute von ihrer wahren Seite? Der „Funkenflug“ mag für viele Lesende ein lebendiges Geschichtsbuch sein. Für mich ist Hauke Friederichs Werk ein deutlicher Fingerzeig auf das Hier und Jetzt. Fast schon ein Appell an die Wachsamkeit einer sich im Tiefschlaf befindenden Gesellschaft, die zu blind ist, um Funken zu sehen, die bereits heute wieder zündeln…

Ein alternativloses Buch zur deutschen Geschichte. Ein Rückspiegel, der es heute ermöglichen sollte, nicht wieder rechts abzubiegen. Lasst uns mit solchen Büchern im Gepäck in eine gemeinsame und friedliche Zukunft fahren….

Bald geht es weiter mit den wahren Funkenbläsern… „Sturmabteilung“…

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