„Ein Ire in Paris“ von Jo Baker

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ich liebe Romane, die sich den existenziellen Lebensfragen in aller Tiefe widmen. Ich folge gerne sehr biografisch angehauchten Lebenslinien, die darüber hinaus Fragen beantworten, die mich auch über das eigentliche Lesen hinaus beschäftigen. Fragen, in denen ich Muster erkenne, die andere Bücher aufrufen, mit dem gerade Erlesenen eine literarische Einheit einzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Was macht ein Krieg aus den Menschen? Wie verändern sich Bedürfnisse, Begabungen? Wie geht man mit diesen Extremsituationen um und was bleibt am Ende des Weltenbrandes von demjenigen übrig, der in ihn verwickelt wurde? Wenn die Balance verlorengeht und der pure Überlebenswille regiert, dann verlieren andere Lebensbereiche an Bedeutung.

Die Bedürfnispyramide wird neu geordnet. Eines der ersten Opfer ist die Kultur. Wer täglich um sein Leben kämpft, braucht keine Bilder oder Romane, kein kreatives Feuer und keine Fantasie. Was macht dies nur mit einem Künstler? Vernichtet es ihn oder ist es eher so, dass genau diese Extremsituationen benötigt werden, um am Ende wie ein Phoenix aus der Asche ins Licht der Erkenntnis fliegen zu können. Was wäre ein Ernst Jünger ohne seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg? Gäbe es Remarque ohne Schlacht und hätte Hemingway den Nobelpreis gewonnen, ohne sich ganz bewusst als Reporter in den Krieg zu stürzen? Was trieb den Maler Franz Marc an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um vor Verdun von einem braunen Ross geschossen zu werden? Was wäre die Literatur oder die bildende Kunst ohne die Grenzerfahrung Krieg?

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Die britische Autorin Jo Baker beschäftigt sich in ihrem Roman „Ein Ire in Paris“ mit genau diesen Fragen. Es ist der Zweite Weltkrieg, der bei ihr die Grenzwerte des Lebens neu definiert. Es ist der irische Autor Samuel Beckett, den sie durch den Krieg begleitet und dem sie diese autobiografische Hommage widmet. Es ist jener Autor, der 1969 mit dem Literatur-Nobelpreis für seine Werke ausgezeichnet wurde, die sehr vom französischen Kriegsschauplatz der Jahre 1939 bis 1945 geprägt waren. Ein Autor, der mit „Warten auf Godot“ alle Sinnfragen des eigenen Lebens reflektierte. Ein Autor, der kein Wort zu Papier brachte, als es ihm in konsolidierten Verhältnissen gut ging, der im Grenzbereich der eigenen Todesangst jedoch zum sprudelnden Quell der Literatur und zum Schriftsteller von Weltformat mutierte. Wer sich für diesen Spagat interessiert, wer Godot als langweilig und nichtssagend empfindet, und wer einen Roman lesen möchte, dessen inhaltliche Tiefe die Sinnkrise eines Autors adaptiert und veranschaulicht, dem sei „Ein Ire in Paris“ ans Hirn gelegt. Und keine Sorge. Das Herz liest mit.

Samuel Beckett. Irischer, als man irisch nur sein kann. Grün im Herzen, grün in der Seele und stets von Heimweh erfüllt, selbst wenn er Zuhause ist. Und doch treibt es ihn nach Frankreich. Vor dem Krieg ist es die Fluchtbewegung vor dem Elternhaus und der konservativen Erziehung. Während des Krieges zieht ihn die Liebe zurück in das Land, das kurz vor der Eroberung durch die Nazis steht. Die Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil hat sein Herz erobert. Und nicht nur das. Sie fördert seine Leidenschaft zur Literatur und hält ihm den Rücken frei damit er schreiben kann. Seine Bekanntschaften zu den Großen der Literatur beflügeln sie. Seine Nähe zu James Joyce beflügelt sie. In Paris ist der Nährboden für eine literarische Karriere besonders fruchtbar.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Nur. Samuel Beckett schreibt nicht. Er vergeudet seine Zeit. In Gedanken versunken durchlebt er eine Schreibblockade nach der anderen, fühlt sich sinnlos, nutzlos und ist nicht mehr als der stille Beobachter einschneidender Veränderungen, die aus Paris das Paris der Deutschen machen. An seiner Seite wachen wir nächtelang am Radio, hören Nachrichten von der Maginot-Linie, die nicht hielt, was sie versprach. Spüren die Enge in den Herzen der Franzosen, die den Rachefeldzug nach dem Ersten Weltenbrand auf sich zukommen sehen. Wir sehen die Zerschlagung einer Gesellschaft, werden Zeugen von Judenverfolgung, Deportation und Unterdrückung. Das Umfeld wird kleiner, Gewalt regiert, die Gestapo durchsucht jeden Winkel. Fehler enden tödlich.

Wir werden aber auch zu Zeugen eines Ausbruchs. Angesichts des Unrechts und in Folge der erlebten Erniedrigungen erhebt sich der bisher lethargische Beobachter und beschließt, den Krieg nicht mehr nur passiv über sich ergehen zu lassen. Was kann er als Schriftsteller tun? Wie kann er der Resistance helfen? Fragen, die wichtig sind, ihn aber wenig interessieren. Er will handeln, agieren und den Besatzern Schaden zufügen. Aus dem Beobachter wir ein Akteur. Er sammelt geheime Nachrichten, sortiert sie nach Übereinstimmungen und filtert relevante Informationen aus dem Dickicht. Als sich dann die Begriffe Brest, Gneisenau, Scharnhorst und Prinz Eugen häufen, weiß er was zu tun ist. Hilfe naht. Frankreich taumelt in die schmerzhafte Befreiung. Flucht und Elend werden zu Stellgrößen der dunklen Zukunft.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Jo Baker wirft uns literarisch ins Gefecht, lässt uns mit Beckett und seiner Geliebten durch Frankreich fliehen, hungern, frieren und verzweifeln. Hier vollzieht sich, was nun zur Unzeit geschieht. Beckett kann schreiben. Seine Worte fliegen. Angst befreit seine Seele und setzt einen Prozess in Gang, den Suzanne gerade jetzt nicht brauchen kann. Statt Feuerholz und Eiern liefert er nun Notizbücher voller klarer Gedanken. Hier greift Beckett erstmals die Themen auf, die signifikant für sein Schreiben sind. Das ständige und an Sinnlosigkeit grenzende Warten, die Tatenlosigkeit, das Gefühl, keinen Nutzen zu haben. Und immer wieder entsteht auf dieser Grundlage am Straßenrand einer der großen Fluchtrouten durchs Land eine neue brillante Idee.

Die irische Melancholie bleibt seine emotionale Triebfeder. Als James Joyce blind und verbittert stirbt, scheint ein zweiter Geist Besitz von Beckett zu ergreifen. Getrieben von der neu erwachten Rastlosigkeit kämpft er sich und seine Geliebte mit Worten und Taten aus der Hoffnungslosigkeit. Die tobenden inneren Konflikte, Gewissensbisse und die an Psychosen grenzenden Denkprozesse zerlegt Jo Baker in literarische Bilder, die Beckett verständlich machen. Wer einmal seinen Godot las und die wartenden Männer vor sich sieht, wird jetzt erahnen, wie sie in seinem Geist entstanden. Er selbst hat das sinnlose Warten erduldet und sich auf einer weitaus höheren Ebene davon befreit. Im ständigen Wechsel seiner Jugenderinnerungen begreifen wir die Zerrissenheit Becketts zwischen einer Straße, die wie ein steiler Pfad erobert werden muss und dem höchsten Baum, auf dem man sich selbst zum Warten verurteilt.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Es ist ein großes literarisches Erlebnis, Jo Baker nach Paris zu folgen. Sie knüpft für mich an Bilder an, die ich in anderen Romanen zu diesem Thema las. Und doch ist es Jo Baker, die einen neuen Maßstab aufstellt, wenn es darum geht, Extremwelten in der Literatur literarisch zu antizipieren. Ihre sprachliche Wucht gleicht einer Lawine. Die Trägheit des Wartens ist ebenso quälend wie bewusstseinserweiternd. Sie schreibt im poetischsten Sinne poetisch, wenn es gilt Wortgemälde zu malen. Sie schreibt Klartext, wenn der Krieg in seiner ausufernden Dimension zu entgleiten beginnt. Sie erzählt und weiß zu packen. Sie lässt uns nicht los und vermittelt in ihrer Hommage ein deutliches und inhaltsgeladenes Psychogramm eines Schriftstellers und der besonderen Zeit, die ihn geprägt und verändert hat.

„A Country Road. A Tree.“ Ich mag diesen Originaltitel des Romans. Er spiegelt die Zerrissenheit zwischen Straße und Baum so eindringlich wider. Der deutsche Titel ist ebenfalls gelungen, obwohl der „Ire in Paris“ erst zu dem wird, den wir heute kennen, nachdem er die sterbende Metropole an der Seine verlassen hatte. Mein letzter Urlaub in Paris steht mir noch vor Augen. Zeichen der damaligen Besatzung sind immer noch deutlich zu erkennen. Zeichen, die die Zeit überdauert, den Hass aufeinander jedoch in vielfacher Hinsicht besiegt haben. Das Heute sieht anders aus, weil wir nicht vergessen und weil wir bereit sind, über den Tellerrand der Vergangenheit zu schauen. Jo Baker leistet einen großen Beitrag im Verständnis für diese Zeit und in der Wertschätzung für einen Schriftsteller, der sich mir bisher entzogen hat.

Ein Ire in Paris von Jo Baker und mehr Bücher zum besetzten Frankreich – Astrolibrium

Das besetzte Frankreich bot und bietet Stoff für große Romane. Sofern es gelingt, die üblichen Klischees im Keim zu ersticken und die Wahrheit plastisch und authentisch zu Wort kommen zu lassen, wird es immer lehrreich sein sich dieser Zeit zu widmen. In beiden Ländern hat man das Erbe vom Erzfeind abgelegt. Warum sollten wir zulassen, dass man heute politisch wieder in die andere Richtung manövriert. Besucht Paris, geht mit offenen Augen durch die Stadt der Liebe. Lasst euch fallen und vergesst nicht.

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„Der Frauenchor von Chilbury“ von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Wann stellt der situative Kontext eines Romans nur seine dekorative Kulisse dar und wann ist er von existenzieller Bedeutung für die gesamte Handlung? Fragen, die man sich immer dann stellen muss, wenn man Bücher liest, die in einem historisch fundierten Rahmen eingebettet sind. Ist die Handlung und sind die Verhaltensweisen in diesem Buch nur unter den gegebenen Rahmenbedingungen möglich oder können sie sich auch in einem gänzlich anderen Kontext vergleichbar entwickeln? Wenn dem so ist haben wir es mit einer austauschbaren Kulisse zu tun.

Nehmen wir zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Facetten. Wenn ich einen Roman lese, der in diese dramatische Zeit eingebettet ist, dann erwarte ich schon Protagonisten, die sich der Zeit entsprechend verhalten und eine Story, die durch diese Rahmensituation dramatisch beeinflusst wird. Wenn ich feststelle, dass ich den Plot aus dem Setting herauslösen kann, und dieser dann immer noch funktioniert, dann ist diese Kulisse austauschbar und weniger relevant für das gesamte Lesegefühl. Dann ist es im besten Wortsinn Unterhaltungsliteratur.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan spielt in England. Wir schreiben das Jahr 1940 und die Vorboten des Zweiten Weltkrieges haben die Insel erreicht. Die Bedrohung durch die Nazis, die ihren Siegeszug durch Europa unbeirrt fortsetzen und die Angst vor einer Invasion bestimmen den Tagesablauf. Die Männer befinden sich in der Armee, man ist in Sorge um die „Jungs in Dünkirchen“, Verdunkelung und deutlich spürbare Auswirkungen des beginnenden Luftkrieges um England lasten auf der Seele. Flüchtlinge vom Festland sind zu integrieren, Frauenrollen werden durch den Einsatz in kriegswichtigen Produktionszweigen neu definiert und traditionelle Gepflogenheiten der englischen Gesellschaft geraten zunehmend ins Wanken. Das ist die Kulisse für diesen Roman.

Ich sage bewusst Kulisse, denn wesentliche Teile der Handlung haben nicht viel mit diesen Rahmenbedingungen zu tun. Sie könnten auch 100 Jahre zuvor spielen. Das ist ein Vorteil für die Leser, die keinen Roman lesen wollen, der kriegslastig erscheint. Das ist ein Vorteil für die Autorin, die sich in der Kulisse frei bewegen kann. Die Bedrohung von außen ist das Salz in der Suppe. Eine literarische Suppe allerdings, die sehr nach brillant erzählten Familienromanen aus England schmeckt. Wenn man einmal mit dem Verzehr begonnen hat, kann man nicht mehr aufhören. Unterhaltsames Suchtpotenzial ist zweifelsohne gegeben.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Ich hatte, rein historisch und gesellschaftlich, mehr erwartet. Und doch möchte ich an diese Stelle nicht enttäuscht klingen, denn was mir erzählt wurde ist so typisch und charakteristisch für das stereotype Unterhaltungsbild der britischen Society, dass man wirklich bestens unterhalten wird. Wir finden alle Charaktere, die einen Plot in Schwung bringen. Wir finden alle Zutaten, die unverzichtbar sind, um uns die Seiten verschlingen zu lassen. Ich mag die Bilder, die sich in mir festgesetzt haben. Ich mag die Idee dieses Frauenchors, der eigentlich verboten war, weil Singen ohne Männer nicht statthaft war. Ich mag den emanzipatorischen Ansatz der Selbstverwirklichung, der hier sehr deutlich mitschwingt.

Ich mag die unglückliche und fast unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges. Ich bin gerne der Spur des geheimnisvollen Künstlers gefolgt, der das beschauliche Chilbury aufmischt, obwohl er einer ganz anderen Mission folgt. Ich mag die Idee, dass der Chor den Frauen Halt gibt und bestehende soziale Grenzen überwindet. Ich mag den Humor, der durch die Kapitel zieht und der so typisch britisch, also so richtig schwarz ist. Und natürlich mag ich die typische englische Adelsfamilie, die im Mittelpunkt steht. Ich mag die beiden unterschiedlichen und verwöhnten Töchter, die trotz ihrer Naivität in der Zeit, an der Zeit und an sich selbst zu wachsen scheinen und ich mag die Art und Weise, in der die Autorin mir diese Geschichte erzählt hat.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Multiperspektivisch öffnet sie das Tor nach Chilbury. Es sind die Tagebücher und Briefe der Menschen, die wir kennenlernen, die ihren ganz individuellen Blick auf eine Geschichte werfen, die aus vielen kleinen Geschichten besteht. In der Schnittmenge, in den Überschneidungen der Blickwinkel und in den gemeinsam geschilderten und doch anders bewerteten Geschehnissen liegt der Zauber dieses Romans. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass einige der Rahmenbedingungen mehr im Vordergrund gestanden und die Handlung beeinflusst hätten. Das ist jedoch meine subjektive Sicht der Dinge.

Die einzelnen Charaktere hätten aus meiner Sicht das Potenzial für mehr gehabt. Dass im Mittelpunkt des Romans allerdings eine reine Adels-Story immer mehr Raum einnimmt, hat mich eigentlich enttäuscht, denn dieser wesentliche Erzählstrang passt in jede englische Kulisse, die man sich nur vorstellen kann. Die Zutaten sind dabei recht überschaubar. Man nehme einen sturen englischen Adeligen, gebe ihm eine treue und folgsame Frau zur Seite, statte ihn mit zwei ebenso hübschen wie oberflächlich naiven Töchtern aus und knüpfe an den Fortbestand des Adelstitels das Vorhandensein eines männlichen Erben. Und eben dieser Erbe ist nicht in Sicht.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Also gebe man rücksichtslose kriminelle Energie, eine ebensolche Hebamme und einige gleichzeitig schwangere Frauen in Chilbury hinzu. Dazu gehört natürlich die Frau des Adelsherrn, die jedoch eher für weiblichen Nachwuchs steht. Und dann kann der Plan des alten Adeligen reifen. Sollte das Neugeborene ein Mädchen sein, na dann muss er stattfinden: Der Austausch mit einem Jungen, der zur gleichen Zeit in Chilbury das Licht der Welt erblickt. Dieser Handlungsstrang ist brillant ausgearbeitet, stark und plausibel erzählt, unterhaltsam, dramatisch und rührend. Leider jedoch verdrängt er die Ebenen in den Hintergrund, die mir relevanter erschienen und sich dann doch als reine Kulisse erwiesen.

Ich wurde im Frauenchor von Chilbury bestens unterhalten. Mehr aber auch nicht. Handlungsstränge, die für die Menschen dieser Zeit und Region prägender waren, fand ich nur ganz zart angedeutet. Die Evakuierung der britischen Soldaten aus Dünkirchen war für die Küstenbevölkerung Englands eine Mammutaufgabe, wurden die Soldaten in der großen Masse mit zivilen Kähnen und Fischerbooten gerettet. Im Buch taucht diese wichtige Episode der Geschichte mit massiven Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung nur in wenigen Worten auf. Kulisse eben…

Trotzdem lesenswert, wenn man gut erzählte historisch angelehnte Unterhaltung mag.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog

„Marlenes Geheimnis“ von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Ich weiß, was ich mir von einem Roman aus der Feder Brigitte Riebe versprechen darf. Ich weiß, dass unter einer jeweils brillant erzählten Schicht guter Unterhaltung die Ebene verborgen liegt, die es der Historikerin erlaubt, einen Erzählraum zu gestalten, in dem sie authentisch und fundiert aus dem Vollen schöpft. Ihr aktuelles Werk „Marlenes Geheimnis“ beinhaltet diese Ebene. Sie entführt die Leser an die Schwelle des zweiten Weltkriegs und konfrontiert sie mit Menschen, die an dem Wendepunkt ihres Schicksals angelangt sind. Ein Wendepunkt, der sich nicht nur auf ihr eigenes Leben auswirkt. Ein Wendepunkt, der das Leben der nachfolgenden Generationen nachhaltig verändert.

„Ach bleib mir doch weg mit dem alten Käse von gestern. Das ist alles schon so lange her, das hat doch mit mir gar nichts zu tun.“

Das hört man immer wieder, wenn es um Geschichte geht. Man hört es gerade dann, wenn diese Geschichte unbequem sein kann. Und doch ist es so, dass nur ein einziger Blick zurück das ganze Leben beeinflussen kann. Er kann aufschlussreich sein, ganze Familien in neuem Licht dastehen lassen und Augen öffnen. Sacha Batthyany hat ein Buch darüber geschrieben, das dem Ernst der Sache gerecht wird. „Und was hat das mit mir zu tun“ ist mehr als ein Blick in den Rückspiegel der Gegenwart. Brigitte Riebe hat diese wichtige Frage in einen Roman gekleidet, der auf den ersten Blick literarisch beste Unterhaltung verspricht. Zumindest was die Oberfläche betrifft.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis“ geht jedoch schnell in die Tiefe, ohne seinen Charakter zu verlieren. Brigitte Riebe bleibt sich treu. Sie erzählt große Geschichten, die im Kleinen entstehen. Sie sensibilisiert uns mit diesen Geschichten, Sachverhalte und Gegebenes zu hinterfragen und auch einen von Empathie geprägten Blick auf das Leben zu werfen, das jenseits unseres Tellerrandes tobt. Ja, dies alles kann Unterhaltung sein. Es muss sogar Unterhaltung sein, weil man bestimmte Themen außerhalb reiner Sachbücher in Romanen platzieren muss, um Gefühlsebenen zu erreichen. Indirektes Lernen hat auch seine unterhaltsamen Seiten.

Folgen wir ihr an den Bodensee. Malerisch, idyllisch und einfach wundervoll gestaltet sie den Rahmen für eine doch eher traurige Ausgangssituation. Ein Familientreffen im beschaulichen Rickenbach steht an. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Besonders die Familie Auberlin, die für ihre florierende Schnapsbrennerei bekannt ist. Marlene führt die Geschäfte des Traditionshauses in dem kleinen Ort, in dem sie vor mehr als siebzig Jahren mit ihrer Mutter Eva ein neues Leben begann. Die gemeinsame Flucht und ihre Vertreibung hat sie weit hinter sich gelassen. Doch nun ist Eva tot und zur Beerdigung erwartet Marlene ihre Schwester Vicky und deren Tochter Nane. Kein leichter Weg für die beiden ungleichen Schwestern, nun am Grab der Mutter zu stehen und zu trauern.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Was sich wie ein Familienroman anhört, in dem es dann vielleicht ums gemeinsame Erbe oder vergleichbare Banalitäten geht, entwickelt sich rasant zu einer Geschichte, in der die Geschichte eine weitere Erzählebene öffnet, die Marlenes Geheimnis ist. Alles dreht sich um die Erinnerungen der verstorbenen Großmutter, in die ihre Enkelin Nane nun eintaucht. Erinnerungen, in einem Tagebuch niedergeschrieben und persönlich an die Enkelin adressiert. Evas Vermächtnis. Hier öffnet sich eine längst vergangene Welt für das junge Mädchen und sie muss erfahren, dass selbst in diesem Ort, in dem jeder jeden kennt, man sich noch lange nicht selbst kennen muss. Schicht um Schicht dringt sie tiefer vor in ein Leben, das geprägt war von Flucht und Vertreibung, von Gewalt und Angst, von Neubeginn und Schweigen und von einem Geheimnis, das die Zukunft ihrer Töchter veränderte.

Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane stellen könnte. Warum heiße ich eigentlich Christiane Julika? Warum sind meine Mutter Vicky und ihre Schwester so grundverschieden? Und warum gab es das kategorische Verbot ihrer Großmutter, mit einer Nachbarfamilie im so vertrauten Rickenbach in Kontakt zu treten? Brigitte Riebe entführt uns in einen tiefgründigen und facettenreichen Familienroman, der vielleicht gar kein Familienroman im eigentlichen Wortsinn ist. Denn dafür hätte die Verstorbene Eva Auberlin, geborene Menzel, ja eine Familie zurücklassen müssen. Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane am Ende der Geschichte nicht mehr stellt. Es muss nicht „Marlenes Geheimnis“ bleiben, was in der Vergangenheit geschah und wie sich die Geschichte auf die Auberlins von heute ausgewirkt hat. Man kann es lesen. Ich rate dazu. Aus gutem Grund und mit Nachdruck.

Bei Brigitte Riebe fällt der Apfel oftmals recht weit vom Stamm…

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe und weitere Werke

„Ikarien“ von Uwe Timm – Ein Opus Magnum

Ikarien von Uwe Timm

Um eines vorwegzunehmen, wir haben es bei „Ikarien“ von Uwe Timm mit einem der wohl fairsten Romane zu tun, den ich jemals über idealtypische gesellschaftspolitische Systeme, soziale Weltordnungen und ideologische Utopien lesen durfte. In seinem, nur zu Recht als Opus Magnum zu bezeichnenden Werk gelingt es dem Autor, eine Brücke über Epochen der Zeitgeschichte zu schlagen, auf der wir Leser traumwandlerisch zu Zeugen der Entstehung von Ideen werden, die das Zusammenleben von Menschen für alle Zeit verbessern sollten.

Fair ist dieser historisch brillant recherchierte und literarisch opulent aufbereitete Roman, weil Uwe Timm nicht stigmatisiert, vorverurteilt oder ideologisiert. Er führt uns an die Schwellen der modernen Staatstheorien und veranschaulicht brillant, worauf die Ideen der sozialen Neuordnung basierten und warum sie in ihrer Überhöhung scheitern mussten. Zuletzt zeigt der Schriftsteller in beeindruckender Weise auf, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder gelang, selbst die allerbesten Ansätze für gesellschaftlich zwingend erforderliche Reformen aus machtpolitischen Interessen zu pervertieren und unter dem Deckmantel der perfekten und humanistischen Weltordnung Terrorsysteme entstehen zu lassen.

Ikarien von Uwe Timm

Wer den Nationalsozialismus und seine Ideologie vom Herrenmenschen bis heute nicht verstanden hat, seine Entstehung nicht nachvollziehen kann und sich auch nicht vorstellen mag, warum so viele Opportunisten sich scheinbar so willfährig in die Fänge einer Massenmordmaschinerie begeben haben, dem werden in „Ikarien“ endgültig die Augen geöffnet. Man muss sich nur auf Uwe Timm und sein Schreiben einlassen, ihm durch das Deutschland des Jahres 1945 folgen, das Kriegsende aus sich wirken lassen und sich in einen amerikanischen Jeep setzen, um im Land der Trümmerfrauen auf die Fährte der wahren Verbrecher zu kommen.

Und auch hier bleibt Uwe Timm fair, da er jenen klugen Köpfen, die ihr ganzes Leben in den Dienst neuer und bahnbrechender sozialer Strukturen gestellt haben, dieselben nicht abreißt, sondern vielmehr aufzeigt, wie sie schrittweise zu den Opfern ihrer Ideen wurden, oder sich eben durch bewusste Entscheidungen dazu machen ließen. Hier ist die Ausgangssituation von „Ikarien“ konsequent fiktionalisiert, um sich als Leser selbst in den Protagonisten hineinversetzen zu können und dann historisch verbrieften Boden zu betreten. Uwe Timm gelingt mehr als ein historischer Roman. Er weiß zu unterhalten und dabei doch seine Finger in die offenen Wunden der Geschichte zu legen. Hier wird aus gut gemeinten sozialen Idealbildern der Nährboden für Euthanasie und Holocaust.

Ikarien von Uwe Timm

Am Ende des Desasters kehrt der 25jährige deutschstämmige US-Offizier Michael Hansen in seine Heimat zurück. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird er beauftragt sich auf die Spur eines Mannes zu begeben, der seit Jahren tot ist, aber als Vordenker der braunen Rassenideologie gilt. Der Eugeniker Alfred Ploetz. Hansen soll seine Rolle im Konzert der Wissenschaftler aufklären, die den Nazis den Weg bereitet haben, sich aller Gegner zu entledigen, die dem Regime gefährlich werden konnten. Hansen trifft in einem Münchener Antiquariat auf den langjährigen Weggefährten des Professors. Aus den akribisch dokumentierten Gesprächen entwickelt sich die intensive Lebensbeichte eines Mannes, der Alfred Ploetz aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben weiß.

Der Antiquar Wagner wird zum Zeitzeugen eines Lebensweges, der im Verlauf der Geschichte zum ideologischen Irrweg wurde. Abwegig und ohne Ausweg. Mörderisch und vernichtend. Und doch nachvollziehbar, blickt man mit Wagner auf den Moment im Leben des Eugenikers zurück, in dem das Gute nur das Beste wollte. Eine Abkehr von der Ungleichbehandlung der Menschen. Ein humanistisches Weltbild, ein Ideal, Vielfalt und unter dem Zeichen der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ein Modell für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. Hier war es ein Roman, eine Utopie, die alles in Gang setzte, was Jahrzehnte später für den Mord an Millionen Menschen verantwortlich sein sollte.

Ikarien von Uwe Timm

Alles beginnt mit der „Reise nach Ikarien“ des Frühsozialisten Étienne Cabet. Ein Roman über die Reise eines englischen Adeligen zur Insel Ikarien fasziniert Ploetz und seinen Freund Wagner gleichermaßen. Die gesellschaftliche Utopie der grenzenlosen Gelichbehandlung und Gleichberechtigung der Menschen auf dieser Insel entspricht in ihren Grundzügen einem idealtypischen Kommunismus, der Monarchien 50 Jahre nach der französischen Revolution ins Abseits stellte. Gütergemeinschaft und Wohlfahrt sind zentrale Elemente, die Ploetz und seinem Adlatus Wagner Ende des 19. Jahrhunderts so erstrebenswert erscheinen, dass man sie verwirklichen sollte. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem Uwe Timm seine Betrachtung eines Idealbildes beginnt.

Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem auseinanderdriftet, was in der Realität nicht funktionieren kann. Der Mensch erweist sich zu schwach, zu sehr in Konflikten verhaftet und in alten Bildern gefangen, dass schon erste Versuche scheitern. Wagner wendet sich enttäuscht dem Kommunismus zu und verschwindet Jahre später nach der Machtergreifung der Nazis im KZ Dachau. Ploetz geht einen anderen Weg. Eugenik ist sein Fachgebiet und die Gleichbehandlung des Menschen kann aus seiner Sicht nur in einer Welt garantiert werden, in der das Erbgut genutzt werden muss, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Ikarien von Uwe Timm

Von hier aus sind es nur kleine Schritte zum Chaos. Von der Züchtung des werten Lebens bis zur Vernichtung des unwerten. Von der Ausrottung des Minderwertigen bis zur Überhöhung des Herrenmenschen. Alfred Ploetz findet im Nationalsozialismus den Nährboden für seine Theorien. Die braunen Machthaber finden in ihm das Alibi für ihre perfiden Pläne. Es sind nur kleine Schritte, die von einem Roman über eine utopische Insel zu den Patientenakten eines gewissen Ernst Lossa führen. Die braune Saat geht auf und die Theoretiker verstecken sich hinter ihren guten Absichten.

Uwe Timm geht einen konsequenten Weg in seinem Roman. Er führt uns zeitlos vor Augen, was geschehen kann, wenn man sich opportunistisch andient. Er zeigt auf, wie selbstverständlich sich Machthaber bedienen und er erzählt fast nebenbei und doch so unglaublich eindringlich eine Geschichte von einem Neubeginn in den Trümmern eines zu Recht besiegten Landes. Aus wohlmeinenden Ideen werden die Extrakte von Horror und Massenmord gewonnen. Diktaturen funktionieren so. Es ist wiederholbar. Wagner weiß, wovon er redet und Hansen versteht, was er vernimmt. Dieser Roman deckt auf, wie vergewaltigte Idealbilder in der Evolution der Macht degenerieren. Ein wichtiger, in sich geschlossener und zeitloser Roman, der nicht nur Ernst Lossa gerecht wird. Lesen kann so intelligent und literarisch sein…

Ikarien von Uwe Timm – Alfred Ploetz – Vordenker und Wegbereiter des Wahnsinns

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