Hinterhaus – Die Annäherung an einen Romanentwurf

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Die Entstehungsgeschichten großer Romane sind oft ganz eigene Geschichten. Sie sind geeignet, eigene Bücher zu füllen, weil sie so spannend sind, wie die erdachte Erzählung selbst. Sie zeugen von der kreativen Energie, dem Wagemut und der Liebe zum geschrieben Wort, die aus einer Idee einen guten Roman entstehen lassen. Es ist oftmals ein steiniger Weg von der Initialzündung bis zur Schlussfassung eines Romans. Am Ende des Schreibens ist der Leidensweg vergessen. Die Isolation, der Verzicht und das Entsagen treten in den Hintergrund und stolze SchriftstellerInnen erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche, um ihr Werk zu präsentieren. Der Applaus der Leser, eine gute Rezeption in der Presse und positive Rezensionen sind der wahre Lohn am Ende eines Schaffensprozesses, der Spuren hinterlassen hat.

Ein Roman ist für mich immer an seine Entstehungsgeschichte gebunden. Er ist niemals losgelöst vom situativen Kontext und der Lebenssituation seines Verfassers zu betrachten. Die Seele von SchriftstellerInnen, die sie umgebenden Universen und eine Umgebung, in der das Schreiben erst möglich wurde, werden hier zu den Ingredienzien einer lesenswerten Geschichte. Ich liebe diesen Blick hinter die Kulissen eines Romans und genieße es in die Welt der WortschöpferInnen einzutauchen, weil ich auf diese Art und Weise besser verstehen kann, was sie mir erzählen wollen. Ihre Berufung wird zu meiner Leidenschaft. Heute beleuchte ich die besondere Entstehungsgeschichte eines Romans. Ich möchte von einer Schriftstellerin erzählen, die vom Wunsch einen Roman zu schreiben angetrieben wurde. Sie ist weltbekannt, aber ihren Namen verrate ich erst später.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Man kann sie schon als Außenseiterin bezeichnen. Nicht, dass sie sich diese Rolle selbst ausgesucht hätte, aber manchmal wird man einfach an den Rand gedrängt. Das schärft die Perspektive und setzt kreative Kräfte frei, die vielleicht niemals ans Licht der Welt gekommen wären. Sie lebte zurückgezogen, fast sogar isoliert, umgeben von nur wenigen vertrauten Menschen, die ihr nur wenig Privatsphäre ließen. Und doch gelang es ihr, über Jahre hinweg ein Manuskript zu entwickeln, aus dem später ein Bestseller werden sollte. Und doch war das Resultat ihres Schreibens nicht so ausgefallen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Schlussfassung ihres Werks unterschied sich deutlich von der Vision, die sie vor Augen hatte, als sie ihr umfassendes Manuskript neu sortierte, einer Straffung unterzog und Streichungen vornahm, weil ihre frühen Aufzeichnungen nicht in das endgültige Werk einfließen sollten.

Auf die Idee, dies zu tun, kam sie durch eine Radiosendung. Ein Minister rief dazu auf, alle privaten Briefe und Tagebücher gut aufzuheben, damit sie in einer hoffentlich friedlichen Zukunft die Geschichte seines Landes und der Menschen erzählen könnten. Der Wunsch des Politikers basierte auf Veränderungen, die sich gerade abzeichneten, sich jedoch noch nicht konkret ausgewirkt hatten. Die Zukunft im Blick. Teil der eigenen Geschichtsschreibung zu werden. Das klang gut. Besonders für das junge Mädchen, in dessen Aufzeichnungen sich seit zwei Jahren so viel Energie freigesetzt hatte. Ja, sie wollte alles aufheben. Teil der Zukunft werden und aus ihrem Manuskript einen Roman herausfiltern, der von der Welt gelesen werden sollte.

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Ein Romanentwurf

Ein Briefroman sollte es werden. In der Unmittelbarkeit der direkten Rede und in der persönlichen Ansprache an fiktive Menschen lag ihre Stärke. Sie, die seit Jahren keine Post mehr bekommen hatte, kompensierte in ihrem Schreiben nicht nur das Fehlen von sozialen Kontakten, sondern öffnete sich für alle Menschen, die in der Lage waren, sich in die Rolle der Adressatin dieser Briefe zu versetzen. Eine brillante Idee. Also blätterte sie in ihrem Manuskript zurück, strich allzu ungelenke und jugendliche Passagen, setzte einen Schlussstrich unter eine gerade aufkommende Liebesbeziehung und beginnt frei im Herzen und motiviert vom Radioaufruf den Roman ihres Lebens zu schreiben.

In knapp zweieinhalb Monaten verknappte sie ihr vorheriges Manuskript auf 215 Seiten, blieb dabei aber eng an den Texten, die sie für ihren Roman auswählte. Heute kann man dies an den Datumsangaben der Briefe ablesen, die sie ohne Änderungen in die Schlussfassung übernahm. Die Briefe an ihre Freundin, die den Kern ihres Romans bildeten, blieben Teil eines groß angelegten Tagebuches, das im Geheimen entstehen musste. Der Krieg spielt eine große Rolle, die Besetzung des Heimatlandes und die um sich greifende Entrechtung von Menschen. Jene äußere Bedrohungssituation wird zum geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Zeit schien Druck auf die junge Autorin auszuüben. Auch in der endgültigen Fassung des Romans wirken manche Briefe noch ein wenig ungelenk, aber sie verraten bereits jetzt viel vom Talent der aufstrebenden Nachwuchsautorin.

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Ein Romanentwurf

„Das Hinterhaus“. Ihr Arbeitstitel für einen Roman, der uns an die Seite eines jungen Mädchens trägt, die in einem Versteck auf Befreiung hofft. Ein Mädchen, das umgeben von wenigen vertrauten Menschen in einem hermetisch verschlossenen Versteck in der täglichen Angst vor Entdeckung lebt. Ein klaustrophobischer Erzählraum, in dem es gilt Ruhe zu bewahren und unsichtbar zu bleiben. Hier öffnet die junge Autorin ihrer fiktiven Freundin ihr Herz und beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Wir erfahren auf die unmittelbarste Art und Weise alles, was in dieser lebensbedrohlichen Situation in dieser jungen Frau vor sich geht. Ängste, Zweifel, Hoffnung, Träume und Fantasien schlagen sich aus dem Versteck bis zu unseren Herzen durch und bleiben haften. Am Ende hat man das Gefühl, in einer Zeitschleife wieder am Angang angelangt zu sein. Abrupt und unvermutet endet der Roman an der Stelle des Manuskripts, an der das Mädchen zum ersten Mal von der Idee schreibt, aus dem Tagebuch einen Roman zu extrahieren. 

Mittwoch 29. März 1944
Liebe Kitty,

Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde; allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman. Aber jetzt im Ernst. Es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon komisch wirken, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gegessen und geredet haben. Auch wenn ich Dir viel von uns erzähle, weißt Du nur ein ganz kleines bisschen von unserer Geschichte.

Deine Anne

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ihr Name: Anne Frank. Ihr Geburtstag der 12. Juni 1929, also heute vor 90 Jahren. Verraten und entdeckt im Hinterhof des Hauses an der Prinsengracht 263, Amsterdam, am 4. August 1944. Mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verbracht, nach Auschwitz deportiert, von dort ins KZ Bergen-Belsen verlegt. Verstorben: im Februar oder Anfang März 1945, nur einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Truppen.

Verzeiht mir, dass ich jetzt ein wenig angegriffen bin. Ihr Tagebuch ist seit Jahren einer der wichtigsten Wegbegleiter im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Anne Frank nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben und in meiner Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und systematischem Genozid ein. Ja, ich fühle mich ihr verpflichtet. Nun, zu ihrem Geburtstag ein Buch in Händen zu halten, das ihr den größten Wunsch ihres jungen Lebens erfüllt, ist ein ganz besonderes emotional zu nennender Moment.

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Secession Verlag und dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Übersetzt wurde das Buch aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Mit einem Essay von Waltraud Nussbaum, Literaturwissenschaftlerin und damalige Schulfreundin von Anne Frank. Nie zuvor wurde dieser Roman aus ihrem gesamten Tagebuch editiert und als eigenständiger Text veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag schließt sich jener Kreis, der durch nationalistische Rassisten für immer zum Schweigen gebracht werden sollte.

Liebe Anne. Ein großartiger Roman. Prädikat: Besonders lesenswert. Ein Fixstern am Firmament der nie verlöschenden Literatursterne in der kleinen literarischen Sternwarte. Und jetzt zitiere ich zum Ende dieses Artikels einen meiner Lieblingsschriftsteller David Foster Wallace:

„Weinen Sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ich werde das Anne Frank Haus in diesem Jahr besuchen. Amsterdam stand schon lange auf der Wunschliste der wichtigen Reiseziele. In Gedanken werde ich Euch ganz einfach mitnehmen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich werde berichten. Gerne könnt ihr mir Grüße und Geburtstagswünsche für Anne Frank in den Kommentaren hinterlassen. Ich werde sie bei mir haben, wenn ich das Hinterhaus betrete…

Anne Frank Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen / dt. von Waltraud Hüsmert / 208 Seiten / Secession Verlag / Nachwort von Prof. Dr. Laureen Nussbaum / 18 Euro

Weitere Artikel zu Anne Frank und zum Holocaust in meiner kleinen literarischen Sternwarte. Zum Beispiel „Kinder mit Stern„. Lesen Sie gut.

„Anne Frank und der Baum“ – Samen der Hoffnung

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Es gibt Bücher die unglaublich gefährlich sind. Bücher, die auf erschreckende Art und Weise aufzeigen, dass eine bestimmte politische Ideologie zwar in ihrer jeweiligen Zeit tun und lassen kann was sie will, dass die dabei begangenen Verbrechen und von der großen Masse eines Volkes getragenen Ansichten zwar möglich sind, aber niemals in Vergessenheit geraten. Besonders dann nicht, wenn der gesunde Menschenverstand wieder Einzug ins gesellschaftliche Leben hält und die Mitläufer und Täter von einst der Meinung sind, einfach in der neuen Masse untertauchen und weiter mitschwimmen zu können.

Es gibt Bücher, die für Diktaturen und ewig Gestrige der folgenden Generationen gefährlich werden, die Vergessenes ans Tageslicht bringen und Opportunismus, sowie die Folgen des Mitlaufens ebenso brandmarken, wie diejenigen, die sich aktiv und aus rein egoistischen Motiven an den Schwächeren einer Gesellschaft vergriffen haben. Es sind diese Bücher, die länger leben als die Menschen, von denen sie handeln. Es sind Bücher über Opfer, Ausgegrenzte, Deportierte, Entsorgte, Ermordete, Entrechtete und Entartete, die für Täter von gestern, heute und morgen gefährlich werden. Bücher, die uns nie mehr loslassen und einen zeitlosen Aufschrei gegen das Unrecht darstellen. Es sind Bücher „Gegen das Vergessen“ die uns wachhalten…

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Das Tagebuch der Anne Frank“ ist ein solches Buch. Brandgefährlich, weil es in der Lage ist, Menschen die Augen zu öffnen. Einerseits für den Rassenhass der Nazis von einst, andererseits für die frühen Symptome des Wiederaufflammens der Ideologie, die millionenhaftes Menschenleben ausgelöscht hat. Einzig beruhigend für die braunen Horden von heute mag es sein, dass dieses Zeitzeugnis erst so richtig verstanden wird, wenn Heranwachsende vielleicht schon den Verführungen der Wutgesellschaft erlegen sind und dieses Tagebuch gar nicht mehr ernst nehmen. Was also könnte gefährlicher sein, als die Botschaft der Anne Frank auch an ganz junge Menschen heranzutragen? Aus Sicht der rechten Radikalen von heute wäre das ein Tiefschlag in das Weltbild, das sie so gerne vermitteln würden.

Hier kommt ein erzählendes Bilderbuch ins Spiel. Ein wahrer Spielverderber für die Ansichten derer, die auf ihrer Suche nach den Underdogs unserer Gesellschaft erneut fündig geworden sind. Neid und Missgunst, Zukunftsangst und Hass fächern wieder aus. Grenzen schließen, Ausländer beschimpfen, Angst gegen Andersgläubige schüren und die freie Meinungsäußerung unterbinden. All dies scheint wieder salonfähig zu werden. Aber Vorsicht. Nichts bleibt im Verborgenen, nichts wird je vergessen und keiner kann sich später aus der Verantwortung ziehen oder leugnen. Vorsicht vor Bäumen. Lasst euch das gesagt sein. Bäume vergessen nichts. 

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Anne Frank und der Baum – Der Blick durch Annes Fenster von Jeff Gottesfeld, Peter McCarty und übersetzt von Mirjam Pressler ist dieser Spielverderber, der als einfaches Bilderbuch vom Sauerländer Verlag erscheint. Berührende Illustrationen und nachhaltig wirkende einfach gehaltene Texte ermöglichen einen Perspektivwechsel, der in der gemeinsamen Betrachtung von Jung und Alt eine neue Sichtweise auf einen Hinterhof im besetzten Amsterdam des Jahres 1944 bietet. Die Prinsengracht 263 war der Zufluchtsort der jüdischen Familie Frank. Bis zu dem Tag, an dem sie verraten und deportiert wurden, führte Anne Frank dort ihr Tagebuch. Nur ihr Vater überlebte. Kaum ein anderes Tagebuch hat so viele Menschen bewegt, kaum ein Schicksal hat sich uns so tief erschlossen, kaum ein zweites Mädchen war in der Lage, ihr Leben im Versteck so eindringlich zu beschreiben. Ein Versteck, von dem aus sie nur einen Ausschnitt der Welt sah, vor der sie sich verbergen wollte.

Was sie sah, war ein wenig Sonne, den Hinterhof und einen Kastanienbaum. Drei Zitate aus ihrem Tagebuch sind ihrer Kastanie gewidmet. Zitate die später dazu führten, dass diese Kastanie als „Anne-Frank-Baum“ selbst zum stummen Zeitzeugen erhoben wurde. Das Bilderbuch erzählt seine Geschichte. Aus seiner Perspektive. Die Kastanie schaut mit ihren Blättern in das Fenster, hinter dem sich das Leben der Familie Frank im Verborgenen abspielte. Der Baum erzählt uns vom Krieg, den Bomben und von dem Tag, an dem Anne Frank mit den Menschen aus ihrem Versteck gerissen und in Autos getrieben wurde. Er erzählt bis zu jenem Tag, als Annes Vater Otto alleine zurückkehrte und das Tagebuch seiner Tochter fand.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Was er las, bewegt heute noch die Welt. Was er über die Kastanie las, verdeutlichte ihm, wie wichtig dieser Baum für Anne Frank war.

23. Februar 1944

„Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so,
dass wir nicht mehr sprechen konnten.“

18. April 1944.

„Der April ist tatsächlich wunderbar, nicht zu warm und nicht zu kalt und ab und zu ein kleiner Regenschauer. Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.“

13. Mai 1944

„Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte
und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.“

Annes Vater Otto Frank in einer Rede 1968

„Wie konnte ich wissen, wie viel es für Anne bedeutete, ein Stückchen blauen Himmel zu sehen, die Möwen im Flug zu beobachten und wie wichtig ihr der Kastanienbaum war, wenn ich daran denke, dass sie sich früher nie für die
Natur interessiert hatte. Aber sie sehnte sich danach, als sie sich wie ein
Vogel im Käfig fühlte. Schon der Gedanke an die freie Natur gab ihr Trost.
Doch alle diese Gefühle hatte sie für sich behalten.“

Und dann geht das Buch einen Schritt weiter und erzählt den Teil der Geschichte, den der Baum selbst nicht mehr erlebt hat. Hoffnungssamen, Sprösslinge, Setzlinge gegen das Vergessen kennzeichnen das letzte Kapitel des stummen Zeitzeugen, der bis heute an vielen Orten der Welt für Anne Frank steht. Ein magisches Ende, das niemals ein Ende sein wird.

Folgt mir ins Bilderbuch „Anne Frank und der Baum“. Beurteilt selbst, was dieses Werk auszurichten in der Lage ist und welche Türen es heute noch zur Welt der Anne Frank öffnen kann. Folgt mir zu anderen Büchern, die ich hier vorgestellt habe und die das Erinnern an Anne am Leben halten. Ein Graphic Diary, Das Buch einer besten Freundin und natürlich die Gesamtausgabe des Tagebuches sind Meilensteine des Lesens gegen das Vergessen. Vergissmeinnicht ist die Überschrift dieses Lesens und Schreibens.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Und all jene, die dieses Bilderbuch niemals lesen werden, sollten auf ihren Wegen auf Bäume achten. Sie schauen auch heute noch zu. Sie stehen am Straßenrand und sehen die Fackelzüge und Mahnwachen gegen Ausländer, sie sehen Steine fliegen und vergessen die Werfer nicht. Achtet auf die Bäume. Sie künden später von euren Taten. Bäume vergessen nicht. Ich liebe diese stummen Zeitzeugen, die so laut schreien und erinnern können.

Zum 90. Geburtstag von Anne Frank wurde ihr Lebenstraum erfüllt. Ihr Roman hat das Licht der Welt erblickt. „Liebe Kitty“ – Hier geht´s zur Buchvorstellung.

„Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary“

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ –

Anne Frank – Tagebucheintrag, 5. April 1944

Ach Anne, mehr als 70 Jahre sind vergangen, seit Du diese Zeilen in Dein Tagebuch geschrieben hast. Jahre die davon geprägt waren, Gräben zu überbrücken, Wunden zu heilen und dafür zu sorgen, dass auch Du nicht in Vergessenheit gerätst. Immer wieder hört man in den letzten Jahren, es sei doch aber langsam mal gut. Ob es nicht wichtige Themen unserer Zeit gäbe, anstatt immer wieder über die Vergangenheit zu schreiben, an der wir sowieso nicht schuld sind. Reicht jetzt. Hey, lasst uns einfach unseren Spaß haben. An die Opfer des Holocaust zu denken ist echt von gestern.

Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Tja, das ist Dir wohl gelungen. Leider erlebst Du nicht, wie zeitlos Du geworden bist. Leider bekommst Du nicht mehr mit, wie aktuell Dein Name immer noch ist und wie oft er in den Medien erwähnt wird. Es ist nur gut, dass wir Dein Tagebuch kennen, weil es wichtig ist zu begreifen, was mit Deinem Namen geschieht. Stell Dir vor, in Italien liefen die Spieler eines Fußballteams mit Aufwärmtrikots auf den Platz, die Dein Foto zeigten. Der Schriftzug „Wir sind alle Anne Frank“ war deutlich zu lesen. Da kann man schon Gänsehaut bekommen. Was du sicher nicht wissen möchtest ist, warum sie dies getan haben.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Wenige Tage zuvor fand man Dein Porträt auf Aufklebern, die sogenannte Fans im Stadion verteilt hatten. Fans genau dieses Vereins, der nun Dein Porträt auf dem Shirt trägt. Was sie damit bezwecken wollten? An Dich erinnern? Wachrütteln? Oh nein. Sie verunglimpften ihren Stadtrivalen und hatten Dein Gesicht zu diesem Zweck auf dessen Trikots montiert. Naja, und dann kamen ein paar Texte dazu, die zeigen sollten, was sie von ihrem sportlichen Gegner halten und was sie ihm wünschen.

„Auschwitz ist euer Land. Die Öfen sind eure Heimat!“

Es fällt mir schwer, diese Zeilen hier zu dokumentieren. Es fällt mir schwer, darüber nachzudenken, wie tief der Mensch sinken kann, um Hass zu verbreiten. Es fällt mir so schwer, zu akzeptieren, dass dies erst vor wenigen Tagen geschah. Nicht in der tiefen Provinz. Nein. In der italienischen Serie A. Lazio Rom-Ultras gegen den AS Rom. Vor wenigen Tagen. Seitdem bist Du wieder in aller Munde. Dein Porträt ist immer noch so bekannt, dass es sogar zum Missbrauch taugt. Opferbilder sind so. Täter kommen hier immer wieder in Versuchung. Heute. Und harmlos ist das nicht. Alles, nur das nicht.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

All dies geschah nur wenige Tage nach der Frankfurter Buchmesse. Eine Messe, auf der ich Dir begegnete. Eine Messe, der es so gut getan hätte, wenn Du selbst dort gesprochen hättest. Zu den Menschen, die auch bei uns Ausgrenzung und Hass in die Köpfe anderer hämmern. Oder zu jenen, die am Messestand des Fischer Verlages die Augen verdrehten, als sie ein neues Buch entdeckten, das Deine Geschichte erzählt. In vielen Gesichtern las man die Gedanken deutlich: Ist jetzt aber genug – ist doch alles erzählt. Muss man nicht noch mehr breittreten. Und Du, Anne? Herrlich einfach. Du hast sie aus dem Buch heraus angeschaut, mit großen Augen, den Mund geschlossen, denn Füllfederhalter schreibbereit in der Hand und Dein Tagebuch mit beiden Händen zart beschützt. Als würdest Du uns stumm zurufen „Ich sehe euch! Es ist leider nicht vorbei.

Du würdest staunen über dieses Buch. Es ist kein Sachbuch, keine Biografie, es ist ein Graphic Diary, ein illustriertes Tagebuch und stell Dir vor, es sind Deine Worte, die hier die Illustrationen umrahmen und ihnen Leben einhauchen. Man hat nichts von dem verändert, was Du uns hinterlassen hast. Und doch hat man eine Tür geöffnet, die es gerade jüngeren Menschen möglich macht, Deinen Ängsten, Hoffnungen, Träumen und Leidenschaften zu folgen. Man hat gezeichnet, was Du in Worte gefasst hast. Nicht um es zu verdeutlichen oder neu zu interpretieren, nein, nur um Dir in ganz besonderer Weise gerecht zu werden. Du würdest diesen Weg lieben, weil er Dir nichts nimmt. Weil er Dich so lässt, wie Du Dich selbst gesehen hast. Weil Du einfach Du sein kannst.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Das Tagebuch der Anne Frank von Ari Folman und David Polonsky eroberte eine große eigene Bücherwand auf dieser Messe. Flankiert von den Originaltexten, Büchern über Dein Leben und Gesamtausgaben zu Deinem Tagebuch. Das neue Werk war dort eingebettet und allein das Cover ist so faszinierend gut gelungen, dass man nicht daran vorbeigehen kann, ohne an Dich und Dein Leben zu denken. Wer Deine Zeilen jemals las, der wird ermessen, was den beiden Autoren hier gelungen ist. Sie haben sich Dir in Wort und Bild behutsam angenähert, haben nicht überzeichnet und sich wie Regisseure an ein Projekt gewagt, das jederzeit scheitern kann. Du hast selbst so starke Bilder mit Deinen Worten gemalt, dass man sie eigentlich nicht illustrieren muss. Und doch haben Ari Folman und David Polonsky in ihrer Verdichtung deines Tagebuches Perspektiven gefunden, die nur mit dem Stilmittel eines Comics versinnbildlicht werden können. Das ist für mich tatsächlich das Mantra über diesem Buch. Versinnbildlichung. Deine Sicht auf die Welt war die einer Gefangenen und im Verborgenen Lebenden. Dein Blick nach draußen war durch Dein Versteck getrübt.

Folman und Polonsky erweitern diesen Blick, illustrieren Zusammenhänge, erfinden Dialoge, die authentisch sind, weil sie von Deinen Worten begleitet werden. Sie malen Deine Träume im Stile ganz großer Künstler und visualisieren das, was vielleicht nur Du in Deinen Gedanken gesehen hast. Sie verführen dazu, sich mit Dir zu beschäftigen. In jedem einzelnen Bild finden wir den Mikrokosmos Deines Lebens bis zu seinem bitteren Ende. Auch dieses Tagebuch endet am 1. August 1944, kurz vor Deiner Verhaftung. Es verführt dazu, gemeinsam mit Deinem Tagebuch gelesen zu werden. Es verleitet dazu, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen zu werden und es bringt Dich uns wieder ein Stück näher. Und das in einer Zeit, in der Distanz aufgebaut werden soll. Distanz zu Dir und zu weiteren Opfern des Holocaust, die noch heute in der Lage sind, Ideologien die Maske vom Gesicht zu reißen.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Man sollte dieses Buch vielleicht auch in Rom lesen. Nicht nur zum Aufwärmen ein Trikot tragen. Man sollte Dich nicht auf ein Bild und ein Schlagwort reduzieren. Du bist zeitlos und wir vermissen Dich mehr, als Du glaubst. In aller Melancholie und in allem Schmerz über das Ende Deines Lebensweges sind es doch Bücher, wie das von David Polonsky und Ari Folman, die Deinen Traum von damals ein stückweit lebendig halten. „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Für Dich und all jene, die heute nicht mehr für sich selbst sprechen können.

Arndt

Ein Nachtrag. Kurz nach diesem Artikel sorgt Anne Frank erneut für Aufsehen. Jetzt ist es eine Welle der Kritik an der Deutschen Bahn, weil einer der neuen ICE-Züge auf den Namen Anne Frank getauft werden soll. Mein Statement dazu: HIER

Zum 90. Geburtstag von Anne Frank wurde ihr Lebenstraum erfüllt. Ihr Roman hat das Licht der Welt erblickt. „Liebe Kitty“ – Hier geht´s zur Buchvorstellung.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst – Waldtraut Lewin

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Es gibt sie wirklich, diese ambivalenten Gefühle einem Buch gegenüber. Dieses „Einerseits“ und „Andererseits“. Zwei Gefühlswelten, die intensiv miteinander ringen und oftmals nur schwer in Einklang zu bringen sind. „Einerseits“ inspiriert der Grundgedanke eines Romans und treibt den Leser durch eine mehr als utopische Story, „andererseits“ beschleicht einen das Gefühl, genau dieses mutige Gedankenspiel gar nicht mitspielen zu wollen. Es vielleicht auch gar nicht mitspielen zu können.

Wenn du jetzt bei mir wärst“, erschienen bei cbj, ist mehr als „Eine Annäherung an Anne Frank“, wie es der Untertitel des Romans von Waldtraut Lewin beschreibt. Es ist die literarische Reanimation einer Ikone des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Waldtraut Lewin wagt sich mit ihrem Gedankenspiel auf ungewöhnliches Terrain. Sie, die etablierte Autorin, die mit Der Wind trägt die Worte schon fast ein Standardwerk zur Geschichte des Judentums in zwei Bänden verfasst hat.

Sie, die es in ihren Romanen wie kaum eine Zweite versteht, fiktive Protagonisten in historisch sehr fundiert recherchierte Kontexte einzubetten. Sie wählt einen Weg, der ihr selbst sicherlich schon mit dem Schreiben der ersten Zeilen als absolutes Wagnis vorgekommen sein muss. Sie lässt sich auf eine persönliche Begegnung mit Anne Frank ein. Nicht in der fernen Vergangenheit, nicht in Form einer kaum zu erklärenden Zeitreise. Nein.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Sie besucht das Anne-Frank-Haus in Amsterdam und während sie noch tief in ihre Gedanken über die wohl bekannteste Tagebuchautorin der Welt vertieft ist, steht Anne Frank plötzlich vor ihr. Geisterhaft vielleicht. Aber für Waldtraut Lewin greifbar und real. Niemand hat sich wohl so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, niemand hat so früh wie sie begonnen, den Spuren von Anne Frank zu folgen und niemandem außer Waldtraut Lewin selbst kommt der Touristenstrom in dieser Gedenkstätte unwirklicher vor, als das plötzliche Auftauchen einer Legende.

Die 14-jährige Anne Frank scheint auf der Suche nach jemandem zu sein, dem sie endlich vertrauen kann und kurz nach ihrem 85. Geburtstag begegnet sie der Autorin, die sie besser zu kennen scheint, als sie sich selbst fühlen kann. In der beängstigenden Enge des Verstecks in Amsterdam fühlt sich Anne Frank auch über den Verrat und den Tod hinaus eingesperrt. Vielleicht ist es das unsichtbare Band, das Schriftstellerin und Opfer des Holocaust miteinander verbindet. Vielleicht ist es die pure Imagination. Egal.

Die Verbindung ist hergestellt und Waldtraut Lewin kann einfach nicht widerstehen, diese Chance zu nutzen und Anne Frank auf der Grundlage der Selbstverständlichkeit dieser eigentlich aberwitzigen Situation aus der Prinsengracht 263 zu befreien. Sie nur ein einziges Mal in die heutige Welt mitzunehmen, um ihr zu zeigen, wie die Welt sich verändert hat, wie berühmt Anne Frank ist und damit auch sich selbst zu beweisen, dass dieses 85-jährige junge Mädchen nicht umsonst gestorben ist.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Jene Anne Frank, die sich von 1942 bis 1944 mit ihren Eltern während der Besetzung der Niederlande durch Nazis in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hielt, dann von Unbekannten verraten wurde, mit ihrer gesamten Familie inhaftiert und deportiert wurde und schließlich im Jahr 1944 im Konzentrationslager Bergen-Belsen wohl an den Folgen von Fleckfieber verstarb, das durch die katastrophale hygienische Situation im Lager verursacht wurde.

Und genau diese Anne Frank kann ihrerseits dem unwiderstehlichen Angebot der Schriftstellerin nicht widerstehen und folgt ihr ins Amsterdam unserer Tage. Endlich wieder atmen, endlich raus ins Leben und sich so fühlen, als sei man ein normales Mädchen. Und endlich die Fragen stellen, die einem seit Jahrzehnten auf der Seele brennen. Diese Gedanken toben im Herzen und im Verstand einer längst Verstorbenen. Und bei wem wäre sie in dieser Situation besser aufgehoben, als bei Waldtraut Lewin?

Das veränderte Amsterdam, die Fragen nach dem Ausgang des Krieges, der Rolle der Deutschen in unserer Zeit und über die Entwicklung des Judentums in Holland dominieren die ersten Augenblicke dieses gedanklichen Freifluges. Aber auch die ganz normalen Fragen des Lebens und die pure Sehnsucht nach Liebe machen aus Anne Frank plötzlich ein greifbares, neugieriges und suchendes Mädchen. Dass sie dabei erneut zu schreiben beginnt, verwundert nicht. Dass sie Notizbücher kauft, um das berühmteste Tagebuch der Weltliteratur fortzusetzen ist keine Überraschung.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Wie sehr hat man sich sein ganzes Lesen auf diesen Moment gefreut. Ich kann das für mich so behaupten. Wie sehr hat man sich selbst gewünscht, Anne heute zeigen zu können, wie berühmt sie ist und was sie bei jungen Menschen bewegt hat. Das ist das ganz große „Einerseits“ dieses Gedankenspiels. Denn „andererseits“ bleibt Anne Frank seltsam blass im Roman von Waldtraut Lewin. So, als gelinge ihr die Annäherung beim besten Willen nicht so, wie sie es sich selbst gewünscht hätte.

Anne wirkt passiv und agiert wenig. Sie lässt sich zu sehr führen und besucht Orte mit ihrer Begleiterin, die ich nicht zwingend auf der Liste der Orte gesehen hätte, an die eine Anne Frank heute reisen würde, wenn sie die Chance dazu hätte. Niemand weiß, wie lange die Phase ihres Bleibens anhalten wird. Beide nehmen sie als Geschenk. Ob ich Anne in dieser Situation auf die Spuren ihrer Herkunft nach Frankfurt gebracht hätte, ob ich ihr so ganz nebenbei den komprimierten Inhalt der beiden Bände Der Wind trägt die Worte in leicht verständlichen Bildern vermittelt hätte… Ich weiß es nicht.

Da es sich aber um ein Gedankenspiel handelt, ließ ich meinen eigenen Gedanken zum Buch an vielen Stellen freien Lauf. Ich stellte mir vor, was ich mit Anne besprochen hätte. Ich grübelte darüber, was ich ihr über unser Land erzählen würde, und was ich sie fühlen lassen würde, jetzt in diesem vielleicht einzigartigen Moment der mentalen Wiedergeburt. Dieser Transfer ist sicherlich eine der großen Leistungen von Wenn du jetzt bei mir wärst. Diese Frage soll, darf und muss sich in den Herzen junger Leser wie ein kleiner Samen festsetzen und zum Nachdenken anregen.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Hier hat Waldtraut Lewin vielleicht sogar den wahren Königsweg des Erzählens gefunden, obwohl mir vieles in diesem Buch wie eine Geschichtsstunde vorkam. Nicht nur für Anne Frank, sondern auch für den Leser, der sich eigentlich dem Mädchen annähern wollte. Nicht der Weltgeschichte. Diese Annäherung bleibt auf Distanz, obwohl wir Anne lieben, lachen und hoffen sehen. Obwohl wir sie vielleicht ein wenig besser greifen können. Aber letztlich blieb sie auch in diesem Gedankenspiel seltsam verpuppt und in sich gefangen.

Wenn man ein solches Buch schreibt, muss man auf der Gratwanderung für junge Leser genau aufpassen, in welche Richtung man argumentiert, wenn es politisch wird. Die Reise nach Israel, das Wagnis, Anne zu zeigen, was aus diesem Land geworden ist, von dessen Existenz sie absolut nichts weiß, sollte differenziert und neutral erfolgen. Ich habe das nicht so gelesen. Der tiefe Konflikt zwischen Israel, Palästinensern und Arabern wird aus Sicht Israels auf folgenden einfachen Nenner gebracht:

„Stell dir mal vor, Mexiko würde auf einmal Raketen aufs Gebiet der USA schießen. Was würden die wohl machen?“

Wenige Worte zur Besiedlungspolitik der Israelis, kaum Worte zur Landnahme und Ausdehnung dieses Staates der Flüchtlinge auf das Gebiet anderer Völker. Und dieser gewählte Vergleich ist unsachlich. Eine endlose Gewaltspirale, die sich zwischen Israel und der Hamas in heftigen Kreisen dreht, wird durch beide Seiten in Schwung gehalten. Das ist nicht Mexiko, das einfach so zum Spaß mit Raketen schießt. Das ist ein Konflikt, der sich so simpel einseitig nicht darstellen lässt. Den man sicher nicht so darstellen darf, sonst instrumentalisiert man Anne Frank in dem mehr als lobenswerten Versuch, dem Gedenken an sie neues Leben einzuhauchen. Sie ist kein israelisches Mädchen.

Das ist mein ganz persönliche „Andererseits“ an diesem Roman. Und es wiegt schwer im Lesen „Gegen das Vergessen„.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Meine Gedanken schließen mit einem tief angelegten Denkmodell aus der Feder von Nathan Englander. Vielleicht sollte man sich darüber Gedanken machen, bevor man andere Wege geht. In seinem Buch Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank redenwerden wir mit einem komplexen Gedankenspiel konfrontiert, das uns nachhaltig verstören kann:

Wir lernen in einer der bewegenden Kurzgeschichten jüdische Menschen kennen, die das sogenannte „Anne-Frank-Spiel“ spielen, in dem es darum geht, sich mit der folgenden Frage zu beschäftigen:

„Wenn wir heute an der Schwelle eines erneuten Holocausts stünden, welcher unserer Freunde würde uns für die nächsten Jahre unter Einsatz seines eigenen Lebens bei sich zuhause verstecken und versorgen?“

Die Antworten werden zum persönlichen Debakel. Für uns auch? Denkt mal darüber nach und bleibt bei Anne Frank, wenn sie es dringend braucht. Wir haben Anne Frank in einem besonderen Special gedacht. An ihrem Geburtstag und auch für Peggy Steike und mich war sie lebendig. Mehr als das… Sie bleibt es…

Aus aktuellem Anlass – „Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Novel„. Ein offener Brief an Anne Frank..

Zum 90. Geburtstag von Anne Frank wurde ihr Lebenstraum erfüllt. Ihr Roman hat das Licht der Welt erblickt. „Liebe Kitty“ – Hier geht´s zur Buchvorstellung.

wenn du jetzt bei mir wärst_eine annäherung an anne frank_waldtraut lewin_astrolibrium_calliebe

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber...

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Es war kalt und das Schneegestöber hatte das Gelände in einen weißen Mantel gehüllt. Seit Tagen waren Veränderungen deutlich zu spüren, aber letztlich war es das Fehlen der Wachen, das vermuten ließ, dass es jetzt nicht mehr sehr lange dauern konnte. Am frühen Nachmittag dann näherten sich Soldaten in Wintertarnanzügen dem Lager. Erst als die Menschen im Lager erkannten, dass es sich nicht um die SS handelte, flammten erste Rufe auf. „Wir sind frei“

Wir schreiben den 27. Januar 1945 und können heute noch den wenigen Zeitzeugen dieses Tages zuhören, wenn sie von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz berichten. Und wenn wir sehr aufmerksam zuhören, dann erkennen wir das ungläubige Staunen, das sich damals langsam über diesem schrecklichen Ort ausgebreitet hat. Die verbliebenen Opfer der Nazis konnten es nicht glauben, dass der Schrecken ein Ende haben sollte.

Eva Mozes Kor hatte mit ihrer Zwillingsschwester Miriam die medizinischen Versuche des Lagerarztes Josef Mengele überlebt und nun mussten sie es einfach versuchen. Sie durchquerten das offene Tor des endlich von russischen Truppen befreiten Todeslagers, verharrten, betraten das Lager erneut und verließen es sofort wieder. Sie wollten so die Freiheit fühlen und etwas tun, das in den letzten Jahren absolut unmöglich war. Das KZ lebendig und frei zu verlassen. In ihrem Buch Ich habe den Todesengel überlebt legt sie Zeugnis ab und hinterlässt uns mehr als ihre Geschichte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Wir feiern heute erneut den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wir feiern diesen Tag als Meilenstein in der Überwindung des Holocaust. Wir gedenken der Opfer und verfolgen zahllose Dokumentationen und Reden im Fernsehen, die sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigen. Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz stellt für uns in vielfacher Hinsicht das Ende des Schreckens dar. Aber war es das?

Befreiung ist ein positives Wort. Es beschreibt einen Akt des Erlangens von Freiheit. Opfer werden in den Schoß der Gesellschaft zurückgeführt und ihnen widerfährt endlich Gerechtigkeit. Geiselbefreiungen mögen hier als Beispiel dienen. Sie werden nach ihrer Befreiung psychologisch betreut und medizinisch versorgt. Man kümmert sich um sie und ist sich der Ungerechtigkeit der Geiselnahme bewusst.

Ist es das, was die Überlebenden des Holocaust erfahren haben? Ist es das, was ihnen nach der Befreiung widerfahren ist? Gerechtigkeit. Betreuung? Rückführung in ihr altes Leben? Wiedergutmachung? Nein. Bestimmt nicht. Wenn man den Überlebenden aufmerksam zuhört, wird man schnell feststellen, dass am Tag der Befreiung viele Dinge gleichzeitig geschahen, die eine Verarbeitung des Erlittenen fast unmöglich machten.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Nachdem alle verfügbare Energie dem Überleben galt, setzte nun das Begreifen ein. Das Verstehen breitete sich aus. Die Überlebenden begannen zu realisieren, wen sie verloren hatten, dass sie völlig auf sich selbst gestellt einfach ausgesetzt wurden in einer Welt, die sie vor wenigen Tagen noch zum Abschlachten freigegeben hatte. Enteignet, deportiert, heimat- und elternlos, verletzt, tief traumatisiert und ohne Orientierung war die schlichte Befreiung das Maximale, das sie erwarten durften.

Und dabei sollten sie sich glücklich schätzen, denn die Tatsache, dass sie noch im Konzentrationslager waren, als die Befreier anrückten, hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, dass sie zu schwach oder zu klein für die Todesmärsche waren, auf die in den Tagen vor der Befreiung weit mehr als 60000 Menschen getrieben wurden. Nach dem Zusammenbruch der Tötungsmaschine musste ein Weg gefunden werden, Zeugen zu beseitigen.

Diese Todesmärsche durchzogen nicht nur das besetzte Polen, sondern auch das Reichsgebiet. 200 000 Menschen kamen auf diesen Märschen in Schnee und Eis ums Leben. Am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz waren nur noch 7000 Überlebende im Lager. Zu schwach für die Strapazen eines Marschs und nur deshalb nicht erschossen, weil die russische Armee zu schnell vorrückte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Als die Lagertore sich öffneten, zeichnete sich für die Befreiten ein diffuses Bild von Freiheit ab und je näher sie ihrer eigentlichen Heimat kamen, desto mehr realisierten sie, dass niemand, aber auch wirklich niemand, mit der Rückkehr der Opfer rechnete, geschweige denn, sich darauf freute, die Deportierten von einst wiederzusehen. In den Häusern lebten längst die Profiteure des Holocaust und in den Dörfern hatte man das Hab und Gut der abgeschobenen Juden schnell aufgeteilt.

In bewegenden Zeitzeugnissen haben Überlebende diese Zeit unmittelbar nach der Befreiung beschrieben und diese Zeilen zu lesen, macht nachdenklich. Die zum Tode Verurteilten wurden in eine lebensfeindliche Umwelt ausgesetzt. Energie zum Kämpfen war nicht mehr da, und die harte Realität, langsam festzustellen, dass kaum jemand aus der Familie den Holocaust überlebt hatte traf die Geretteten wie ein neuer Faustschlag ins Gesicht. George Brady verfiel in ein fast lebenslanges Schweigen, nachdem er verstehen musste, dass seine Schwester Hana und seine Eltern Auschwitz nicht überlebt hatten. Hanas Koffer ist hier viel mehr als eine Spurensuche. Es ist ein lebendiges Zeitzeugnis der Leere, in die ein Mensch verschwinden kann.

Manche kamen sogar vom Regen in die Traufe und mussten feststellen, dass die neuen russischen Ausweispapiere ihnen keine neue Identität verschafften oder sie zu gleichwertigen Bürgern machten. Nein – der Begriff Bürger war durchgestrichen und durch das Wort JUDE ersetzt. Niemand kann sich heute vorstellen, welche Gefühle durch diese erneute Ausgrenzung ausgelöst wurden. Schoschana Rabinovici schildert dies in ihrem Buch Dank meiner Mutter als die größte Unmenschlichkeit, die sie nach den Nazis erleben musste.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Und wenn die Überlebenden vom Schrecken im KZ berichten wollten, schlug ihnen heftiger Unglaube entgegen. Wenn sie vom Hunger sprachen, hörten sie nur, dass auch die Menschen auf dem Land gehungert haben. Die Dimension des Hungers in einem Nazi-Lager war nicht zu vermitteln. Leon Leyson schrieb dazu in seinem Lebensbericht Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete“: 

„Ich konnte nicht von meinem Leiden berichten, ohne gleichzeitig das Leid der anderen herabzuwürdigen“.

Und genau dieser Leon Leyson erlebte dann in seiner Heimatstadt Krakau das Aufflammen von neuem Hass. Die Zurückgekehrten stellten wohl eine Bedrohung dar. Man hatte sich in der Stadt breitgemacht. Jüdische Gemeinden existierten nicht mehr und so sammelte sich erneut der Mob auf den Straßen und warf die Scheiben ein. So lange, bis die Vertriebenen erneut vertrieben waren.

Wer selbst den Todesmarsch überlebt hatte und in seiner alten Heimat Freunde traf, die ihm einen Neubeginn ermöglichen wolltenm der litt fortan unter den körperlichen und psychischen Traumatisierungen, die im KZ entstanden waren. Wilhelm Brasse, Der Fotograf von Auschwitz konnte seinem Beruf nicht mehr nachgehen. Jedes Mal, wenn er durch den Sucher einer Kamera blickte, sah er all die Gesichter der Opfer vor sich, die er in Auschwitz fotografieren musste, ohne ihnen helfen zu können. Auch sein Schweigen dauerte lange.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Freiheit sieht ganz anders aus. Freiheit fühlt sich anders an. Überleben wird zu einem ausschließlich physischen Privileg. Mit dem Rest hatte man selbst zurecht zu kommen. Und so begannen viele Opfer zu schweigen. Sie flüchteten erneut und verbargen ihre Geschichten in ihrem Inneren. Alpträume und Horrornächte wurden ihre Wegbegleiter. Nicht einmal ihren neuen Familien erzählten sie von ihren Qualen.

Das neue Leben wollten sie nicht belasten mit einer Vergangenheit, die ihnen sowieso niemand glauben würde. Erst Jahre später, viele Jahre später, lösten sich die Fesseln und das Erzählen begann. Eva Mozes Kor sagt noch heute, dass man über das Erlebte und Erlittene reden muss, um es irgendwann zu verarbeiten. Wir haben Eva erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Sie hat überlebt. Sie hat vergeben. Aber sie wird nie vergessen.

Vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. An einem verschneiten eiskalten Tag im frühen Nachmittag. Befreit fühlen konnten sich die Wenigsten, im normalen Leben ist kaum jemand wieder richtig angekommen. Dieser Tag der Befreiung war nicht der letzte Tag des Holocaust. Es war der erste Tag „Gegen das Vergessen“ – ein langer Marsch ins Leben.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Meine Gedanken weilen bei den Menschen, die diesen Tag nicht erleben durften. Stellvertretend für die unzähligen Opfer erzählen wir auch ihre Geschichten, zeigen ihre Portraits und Augen, lassen sie nicht namenlos werden. Um sie weine ich heute ganz besonders. Für sie haben sich die Tore der Konzentrationslager nie wieder geöffnet. Sie starben im Gas, an Hunger und Gewalt. Sie starben in Auschwitz, Leningrad und an vielen anderen Orten. Für sie alle pflanzen wir unser Vergissmeinnicht. Auch für sie vereinen Peggy Steike und ich Bilder und Worte Gegen das Vergessen. Gerade in der heutigen Zeit!

Czeslawa Kwoka, Hana Brady, Charles Apteker, Lena Muchina, Anne Frank….