Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset - Astrolibrium

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Ich weine nicht unter meinem Niveau. Besonders dann nicht, wenn es um Literatur geht. Ein Roman muss mich schon im Mark treffen, meine Gefühlswelten bewegen und am Ende schlichtweg überzeugen, um meine Tränenkanäle in Aktion zu versetzen. Es sind nicht immer die groß angelegten Dramen oder Geschichten, deren Hauptziel darin besteht, auf die Tränendrüse zu drücken, die mich zum Weinen bringen. Es sind meist die ganz kleinen Erzählungen, deren Protagonisten mich nachhaltig aufwühlen, die das Potenzial mitbringen, deutliche Spuren zu hinterlassen. Eine Träne muss man sich als Autor schon redlich verdienen. Zumindest bei mir. Ich kann die Tränenbücher an einer Hand abzählen. Bücher, die mich in diesem Jahr berührt haben. Seltenheitswert.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich nie geglaubt hätte, dass mich eine Islandsaga aus dem Jahr 1909 dazu bringen würde, heute eine Rezension zu schreiben, die mich als literarische Heulsuse outet. Und doch ist genau das passiert. Ein Stoff, der wohl nur deshalb veröffentlicht und gelesen wird, weil Norwegen als Gastland der Frankfurter Buchmesse firmiert. So dachte ich. Ansonsten holt man mit „Viga-Ljot und Vigdis“ im Leben keine Leser hinter dem Ofen hervor. So glaubte ich zu wissen. Sicher verstaubt und antiquiert in Stil und Ausdrucksweise. Nicht mehr zeitgemäß und (mit Verlaub) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so spannend und zeitgemäß, wie Bücher über die abenteuerliche Weinlese zur Zeit der französischen Renaissance. Zumindest hätte der Hoffmann und Campe Verlag einen Norwegen-Titel im Sortiment und damit auch schon genug getan, um dem Gastland zu huldigen. Vermutete ich… Zu Unrecht.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Beim gezielten Blick hinter die Fassade von „Viga-Ljot und Vigdis“ aus der Feder von Sigrid Undset erkennt man, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, dieses Buch auch heutigen Lesern erneut zugänglich zu machen. Dabei ist die Gastland-Rolle einer Literatur-Nobelpreisträgerin aus dem Jahr 1928 als nebensächlich zu bewerten. Sigrid Undset war gerade einmal 27 Jahre alt, als ihre Islandsaga erschien. Im Vorwort zum Roman erläutert Kristof Magnusson die Besonderheiten dieser Geschichte und ordnet sie gleichzeitig im Genre historischer Roman ein, nicht ohne die Brüche zu erklären, die das Buch von genau diesem Sujet abheben. Sigrid Undset blieb sprachlich der Zeit, die sie in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt, verbunden. Mittelalterlich, traditionell, mehr als alle anderen Geschichten auf der Grundlage mündlicher Überlieferungen, den doch eher kleinen Leuten gewidmet. So, wie sie schrieb, konnte man sich die Saga auch an den Lagerfeuern des Mittelalters erzählt haben.

Der rein inhaltlichen Brisanz des Werks ist es zu verdanken, dass in der aktuellen Übersetzung von Gabriele Haefs zeitlose Töne angeschlagen werden, die in der Lage sind, einerseits dieser Geschichte einen modernen Anstrich zu verleihen und doch dem Charme der Saga nicht den Boden entziehen. Das klingt nicht verstaubt oder ungelenk. Es liest sich flüssig und elegant, was sich uns auf 180 Seiten offenbart. Und doch bleibt die Schönheit der Formulierungen von Sigrid Undset erhalten. Ein gelungener Weg, ein Buch zu reanimieren, das man einfach gelesen haben muss. Ohne es zu datieren und ohne jegliche Hintergrundinformationen zur Autorin könnte man das Gefühl bekommen, es hier mit einer Geschichte zu tun zu haben, die die Schlagworte #MeToo und Victim Blaming in die Vergangenheit transportiert, um sie aus dieser verfremdeten Umgebung in unsere heutige Zeit zu projizieren. Weit gefehlt. Diese Headlines sind älter, als wir es gerne wahrhaben möchten.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Archaische Gesellschaften sind grundsätzlich frauenfeindlich organisiert, obwohl sie auf Gedeih und Verderb von ihnen abhängig sind. Die Entrechtung der Frau und die Zuweisung klarer Rollenbilder entstammen wohl immer jenen Zeiten, in denen die Welt nur für Männer absolut in Ordnung war. Mit nichts anderem assoziieren wir auch heute noch Romane, in denen Wikinger und ihre Volksstämme eine Rolle spielen. Frauen als Haushälterinnen, Geliebte, Mütter und Tauschobjekte auf dem Heiratsmarkt. Mehr darf man nicht erwarten. Also zumindest nicht als Frau. Weitere Rollen wurden ihnen auch literarisch kaum zugewiesen. Bescheidenheit war angesagt. Patriarchat in Reinform. 

So lernen wir auch die junge Vigdis kennen. Als Tochter des wohlhabenden Bauern Gunnar begegnet sie dem jungen Isländer Viga-Ljot auf dem Hof ihres Vaters. Aus der ersten leichten Faszination entsteht bald eine Romanze, die auf eine glückliche Zeit als Paar hindeutet. Gunnar gestattet seiner Tochter das Privileg, eine Ehe einzugehen, die nicht arrangiert wurde. Sie ist also frei in ihrer Entscheidung und Viga-Ljot würde gut in die Familie passen. Wäre da nicht der jung verliebte Wikinger selbst, mit dem der Gaul gleich mehrmals durchgeht. Die vornehme Schüchternheit von Vigdis schiebt er rabiat zur Seite und nimmt sich mit Gewalt, was er schon zu besitzen glaubt. Aus dem brutal geraubten Kuss und der folgenden Vergewaltigung entsteht die größte Schande, die er dem jungen Mädchen jemals hätte antun können. Ein Kind! Einen Sohn. Ulvar.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Diese Schande stürzt die gesamte Familie von Vigdis ins Chaos. Denn nicht sie ist im traditionellen Sinn als Opfer anzusehen. Die Vergewaltigung stellt ihren und den Ruf ihres Vaters in Frage. Während Viga-Ljot das Weite sucht, versinkt Vigdis in der Scham und erlebt am eigenen Körper mit, was es bedeutet, durch die sozialen Raster der Zeit zu fallen. Entrechtet, entwurzelt und ganz auf sich gestellt zieht sie das ungewollte Kind groß und sinnt auf Rache an jenem Mann, der ihr Leben gewaltsam verändert hat. Wir folgen beiden auf den verschlungenen Wegen der Saga. Zwei Erzählstränge, die sich nur noch in gemeinsamen Träumen und Trugbildern begegnen. Zwei Wege, auf denen Sigrid Undset die eingetretenen Pfade von Schuld und Sühne verlässt, um differenziert zu betrachten, was ihren Protagonisten widerfährt.

Hier zeichnet sie kein einfaches Bild. Sie verlässt den schmalen Grat der klaren und eindeutigen Schuldzuweisung und vermittelt ein differenziertes Bild zweier gepeinigter Seelen. Vigdis als Opfer schmiedet einen Plan, der sie zur Täterin werden lässt. Ulvar wird in die Rolle des Werkzeugs ihrer Rache gedrängt. Versöhnung oder Vergebung ist von ihr nicht zu erwarten. Viga-Ljot hingegen findet kaum mehr Ruhe. Der Täter wird in ein Leben gedrängt, in dem er keinen Frieden mit sich selbst schließen kann. So brutal seine Tat auch war, Sigrid Undset verdammt ihn nicht und beschreibt einen geläuterten Mann, der zu sehr geliebt und begehrt hat. Der Preis für dieses Verlangen war zu hoch. Den Preis bezahlen beide. Nicht jedoch zu gleichen Teilen. Das ist ihm klar. Und doch wächst er dem Leser ans Herz. Voller Zweifel zwar, aber er bleibt nicht der Täter, dem man nur verachtungsvoll hinterherblickt.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Das Finale des Romans zerreißt alle Herzen. Es bewegt und verstört zugleich. Es ist konsequent und passt in die Zeit. Aber wir bleiben lesend auf der Strecke, weil es so viele Auswege gegeben hätte. Kleine Schritte hätten genügt. Von beiden Seiten. So bleiben „Viga-Ljot und Vigdis“ als tragisches Liebespaar in Erinnerung. So bleibt diese Geschichte in Erinnerung und strahlt bis in unsere Zeit aus. Opfer und Täter werden in unserer Gesellschaft immer noch in ihren Rollen vertauscht. Vergewaltigungsopfer sind dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien selbst verantwortlich. Täter führen Strafmilderndes ins Gefecht. So auch hier. Das eigentliche Opfer steht am Rand einer Gesellschaft, die ausgrenzt, was nicht standesgemäß ist. Der Täter lebt unbescholten weiter. Hier finden wir Botschaften, die auch heute noch bohrende Fragen aufwerfen. Was für eine starke Geschichte.

Wenn ich an ihrem Ende weinte, dann, weil die Beziehung von Viga-Ljot und Vigdis so viel Potenzial gehabt hätte, um glücklich zu enden. Wenn ich Tränen vergoss, dann nicht wegen eines klassischen Opfers im klassischen Sinn, sondern vielleicht habe ich um einen geläuterten Täter geweint, weil Sigrid Undset in ihrem Farbmalkasten für das große Islandgemälde keinen Platz für schwarz oder weiß hatte. Eine Leseempfehlung ohne jede Einschränkung.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset – Bald geht es im Norden weiter…

Viga-Ljot und Vigdis“ von Sigrid Undset / Hoffmann und Campe / 190 Seiten / dt. von Gabriele Haefs / Vorwort von Kristof Magnusson / 24 Euro

„Die Aussprache“ von Miriam Toews

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Ich befinde mich in einem klaustrophobischen Erzählraum. Ich fühle mich nicht gut. Beklemmung macht sich breit und meine Wut ufert beim Lesen aus. Es riecht nicht nur nach Angst, es schmeckt nicht nur nach aufgestautem Hass, man kann die kollektiven Verletzungen spüren, die sich hier Gehör verschaffen. Ich bin in unserer Zeit. Nicht im Mittelalter. Ich bin in Bolivien, halte ein Buch in Händen, das wohl als Roman zu sehen ist, jedoch auf wahren Begebenheiten beruht. Ich befinde mich in einer Kolonie, in einer Gemeinde gläubiger Mennoniten. Gottesfürchtige Menschen. Sollte man meinen. Es ist ein Heuboden, in dem sich abspielt, was ich im Leben nicht mehr vergessen werde. Es ist ein Versteck, in das sich acht Frauen der Gemeinde geflüchtet haben. (Rezi hören)

Die Aussprache - Die Rezension fürs Ohr - Ein Klick genügt - Astrolibrium

Die Aussprache – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Es ist Die Aussprache, der ich beiwohnen darf, weil mir die kanadische Autorin Miriam Toews ihren neuen Roman anvertraut, der nichts anderes ist, als das fiktive Protokoll dieser unglaublichen Versammlung. Ich bin mucksmäuschenstill. Ziehe mich atemlos in den hintersten Winkel des Heubodens zurück und höre den Frauen zu. Sie sind nicht grundlos hier. Mein Gott, das auf keinen Fall. Am Ende der Leidensfähigkeit und erfüllt von dem verzweifelten Wunsch, sich selbst und ihre Kinder zu retten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als „Die Aussprache“ zu führen und eine Entscheidung zu treffen, die alles verändert. Ihr eigenes Leben, das ihrer Familien und den Fortbestand der gesamten Mennoniten-Kolonie Molotschna.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Der Grund für „Die Aussprache“? Verstörend… Über Jahre hinweg wachten Frauen und Mädchen infolge nächtlicher Übergriffe benommen, unter Schmerzen und verletzt, blutend und psychisch gequält auf. Vergewaltigt. Die Ursache der Überfälle war für die Männer der Gemeinde schnell klar. Es war die Strafe Gottes für die unreinen Gedanken der Frauen. Eine Strafe Gottes oder des Teufels für all ihre Sünden. Erst als sich einige Frauen auf die Lauer legten, kam das Entsetzliche ans Tageslicht. Acht Männer hatten sie systematisch mit einem pflanzlichen Tierbetäubungsmittel bewusstlos gemacht und sich an ihnen vergangen. Ihre Opfer: Frauen, Mädchen, kleine Kinder. Ihr Beistand, als die Gewalttaten offensichtlich wurden: Fehlanzeige. Aus Sicht ihres Bischofs waren die Frauen bei den Gewalttaten ohne Bewusstsein. Was sollte man ihnen da beistehen im Nachhinein?

So. Das musste sich setzen. Ich war angesichts dieses Missbrauchs angewidert. Ein in sich geschlossenes patriarchalisches System mit einem archaischen Frauenbild als Basis für den systematischen sexuellen Missbrauch ist nur eine Seite des Grauens. Die Konsequenzen für die Frauen setzten dem Ganzen für mich die Krone auf. Für die Gemeinschaft nicht mehr tauglich waren sie. Nicht mehr jungfräulich, schwanger einige und beschmutzt. Man hatte diese Frauen und Mädchen an den Rand der Gemeinschaft vergewaltigt. Mir war zum Kotzen zumute. Und genau hier beginnt „Die Aussprache“. Aus Angst vor der Rache einiger Frauen befinden sich die Täter vor Gericht. Der Rest der Männer ist vor Ort, um die Kaution für ihre Freilassung aufzubringen. 48 Stunden bleiben den Frauen. 48 Stunden für eine Entscheidung. „Die Aussprache“ als Akt der Befreiung oder des Aufgebens.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Alternativen? Grundsätzlich sind sie da. Jedoch ist das mennonitische Frauenbild in Perfektion das geeignete Machtinstrument, die Wahlmöglichkeiten der Opfer drastisch einzuengen. Sie können weder lesen noch schreiben. Sie sprechen nur Plautdietsch, wissen nicht, wo sich die Kolonie befindet, weil sie den Ort nie verlassen durften. Doch trotz all dieser Grenzen sind acht Frauen nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie begeben sich auf den Heuboden und beraten, was zu tun ist. Nichtstun. Bleiben und Kämpfen. Gehen. Miriam Toews schreibt uns in einen existenziellen Meinungsaustausch, in dem das Für und Wider der Optionen aufgelistet wird. In jeder Konsequenz wird klar, was es für die Frauen und Mädchen bedeutet, an diesem Punkt ihres Lebens angekommen zu sein. Vernichtend.

Hier sind sie nun versammelt. Generationsübergreifend, traumatisiert, verprügelt, zerschlagen, ungewollt schwanger. Sie sprechen für diejenigen, die sich bereits das Leben genommen haben. Sie sprechen für diejenigen, die zu verängstigt sind, um eine eigene Meinung zu haben. Und sie sprechen für sich selbst. Für all ihren Schmerz. Für ihre Verwundungen, die verbaute Zukunft, aber auch die Werte, für die sie bisher tapfer gekämpft haben. Alle Meinungen sind vertreten. Mord, Rache, Vergebung, Schweigen. Jede Option wird beleuchtet und erbittert diskutiert. Es gibt keinen Königsweg, für den sich die Frauen entscheiden können. Jedes Ergebnis der „Aussprache“ beinhaltet sehr schmerzliche Konsequenzen. Bis hin zum Zurücklassen der eigenen Söhne, die zu alt sind, um ihnen zu folgen. Sollten sie es denn wagen, zu fliehen.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Miriam Toews seziert mit den Gedanken dieser Frauen jedes Wort. Was bedeutet Vergebung. Ist das Gehen mit Flucht gleichzusetzen? Was ist man selbst wert? Ist man Tier oder Mensch? Was bedeutet Zukunft? Wer trägt Verantwortung und was bedeutet der Glaube an ihre orthodoxe Religion? Machen sie sich schuldig, wenn sie den Tätern nicht vergeben? Werden sie exkommuniziert, wenn sie gehen? Was geschieht mit ihrer Familie, wenn sie bleiben? Die Allmacht der Männer ist fühlbar. Ihre Abwesenheit kann nur kurz zum Durchatmen genutzt werden. Entscheidungen müssen her. Miriam Toews zermalmt jeden Hoffnungsfunken in den widerstrebenden Argumenten. Hier sind Mütter und Töchter in ihren Bildern so gefangen, dass es nicht um Emanzipation geht. Es geht ums nackte Überleben.

Die kanadische Autorin mit mennonitischen Wurzeln lässt in ihrem Buch Frauen zu Wort kommen, deren Zukunft durch ein allmächtiges Patriarchat zerstört wurde. In größter Not wagen sie daran zu denken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es ist allzu schmerzhaft, diesen Diskussionen zu folgen. Es ist schmerzhaft, Empathie zu empfinden, weil sie ein vernichtendes Gefühl der Wertlosigkeit aufkommen lässt. Es ist ausweglos, mir vorzustellen, was ich fühlen würde. Was Miriam Toews hier im Großen entfaltet wird zum ganz individuellen Leidensweg, der besonders in der Figur von Ona sichtbar wird. Schwanger von einem der Täter. Nervlich am Ende. Unbrauchbar für die Gemeinde und doch eine so warmherzige, zutiefst liebende und Stärke ausstrahlende Frau, dass man sie lesend eigentlich dauernd im Arm halten möchte. Dafür jedoch ist Ona Friesen zu stolz!  

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Die Aussprache von Miriam Toews

Die Relevanz dieses Romans unterstreicht Miriam Toews mit einem literarischen Schachzug der Meisterklasse. Sie lässt die Aussprache von einem Mann zu Protokoll bringen. Ein Rückkehrer in die Kolonie. Ein Ausgestoßener. August Epp. Aus Sicht der anderen Männer ein „Halbmann“. Untauglich für die Landwirtschaft. Hier jedoch brilliert er als Mediator und Moderator. Seine Anwesenheit versöhnt mit einem Patriarchat, das aus der Zeit gefallen ist. Seine Impulse und Gedanken machen ihn zum Spiegelbild der Männerwelt, wie sie sein könnte. Der Grund für seine Anwesenheit wird erst zum Ende der Aussprache klar. Ein ganz feiner literarischer und emotionaler Moment, der beweist, dass man manchmal die Flinte ins Korn werfen muss, um eine Zukunft für sich und die Menschen zu gestalten, die einem am Herzen liegen. Wahre Größe…

In Zeiten der MeToo-Debatte und dem um sich greifenden Missbrauch gegenüber Frauen zeigt dieser Roman, dass es immer die von Männern gestalteten Umstände im Leben sind, die den Weg zur Machtausübung ebnen. Brandaktuell lässt uns die Autorin mit dem Gefühl zurück, dass jede moderne Gesellschaft mennonitische Dogmen pflegt. Selbst eine kleine Familie kann zu einer Kolonie werden, in der sich eine Frau zu fügen hat. Unvorstellbar und doch beginnt der Missbrauch im Kleinen. Mit Worten, sprachlich ungenauen Begrifflichkeiten, verbalen und deshalb sehr psychischen Verletzungen. Mit Abwertung und zuletzt mit Gewalt und Zwang. Hier würde jedem Mikrokosmos Familie ein gezielter Blick auf den Makrokosmos „Kolonie“ weiterhelfen. Ob Religion, Ideologie oder gesellschaftliche Dogmatik. Die Mechanismen sind vorhanden. Die Automatismen folgen. Und wenn man bei Frauen keinen Erfolg hat, dann nimmt man sich Kinder. Wie es der systematische Missbrauch in der katholischen Kirche eindrucksvoll beweist. Lest „Die Aussprache“. Eines der wohl relevantesten Bücher des Jahres.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Viele verlorene Mädchen finden sich in „Die Aussprache“. Ein wichtiges Thema für mich. Besucht meine Literatursammlung zu den Lost Girls der Gesellschaft

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Die Aussprache von Miriam Toews und die verlorenen Mädchen

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Man steht vor einem Ölgemälde, das aus der Ferne betrachtet unglaublich realistisch wirkt und bemerkt, je näher man ihm kommt ein maschenartiges Netz kleiner Risse, die sich über das gesamte Bild ziehen. In der Kunstwissenschaft bezeichnet man diese oft auftretende Erscheinung bei Ölgemälden als „Krakelüre“. Die Risse entstehen, weil der Bildhintergrund arbeitet, während die Ölfarbe fest ist und mit zunehmender Zeit deutlich an Flexibilität verliert. Selbst die Mona Lisa ist von einem solchen Netz überzogen. Was hat das jedoch mit einem Roman zu tun?

Was hatDas brennende Mädchenvon Claire Messud mit der Mona Lisa zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Lesend schiebt sich mir jedoch dieser Alterungsprozess eines Bildes immer tiefer ins Bewusstsein, je weiter ich der Geschichte im Roman folge. Was im Auge des Künstlers bei der Entstehung eines Bildes so frisch und gegenwärtig erscheint, zeigt bereits kurz nach der Fertigstellung erste Risse. Wie kleine Kontinente beginnen sich die Bildbestandteile voneinander zu lösen, bis man die ganze Schönheit eines solchen Werkes nur noch aus der Ferne wahrnehmen kann…

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud ist ein absoluter Krakelüre-Roman. Die Autorin zeichnet das Bild der außergewöhnlichen Freundschaft zweier Mädchen, in die sich schon beim Zeichnen der Rahmenbedingungen die ersten Risse einschleichen, ohne dass sie bemerkt werden. Julia und Cassie kennen sich seit frühester Kindheit. Im Sandkasten begann, was hier im Rückblick aus der Perspektive von Julie erzählt wird. Einprägsam beginnt diese typische, jedoch nie stereotype, Coming-of-Age-Geschichte. Sie beginnt am Ende der Beziehung. Sie beginnt mit dem Verlust, an dem Julie immer noch leidet, obwohl ihre damalige Lebensfreundin schon vor zwei Jahren weggezogen ist und sie in der amerikanischen Kleinstadt zurückgelassen hat.

Nun steht Julie vor der entscheidenden Frage ihres noch jungen Lebens. Was ist damals, in jenem wundervollen „Zwillingssommer“ passiert, was hat sie nicht realisiert und woran zerbrach diese innige Beziehung zu Cassie, dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben? Claire Messud erzählt von der Spurensuche einer jungen Frau, die nicht wahrnehmen konnte oder wollte, auf welch unterschiedlichen Lebensentwürfen die tiefe Freundschaft zu Cassie angelegt war. Die Autorin entführt uns in eine Welt, die für zwei Mädchen ganz einfach zu verstehen war, wenn sie nur zusammen unterwegs waren.

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Es ist unspektakulär, was Claire Messud erzählt. Es ist spektakulär, wie sie diese Geschichte erzählt. Es sind die kleinen Bilder, an die sich Julie erinnert. Es sind Bilder die sie als Zwölfjährige in ihre Leben gemalt haben. Es sind kleine Gemeinsamkeiten in zwei Herzen, die sie stärker machten, als sie es alleine waren. Es sind Ausflüge, Spiele und erste Wagnisse, die sie nur wagen konnten, weil sie sich wie Zwillinge aufeinander verlassen konnten. Jetzt im Rückblick, kann sich Julie kaum noch an eine Zeit erinnern, in der sie Cassie nicht kannte.

Und doch muss etwas schiefgelaufen sein, das Julie nicht erkannt hat. Und doch muss diese Freundschaft an den feinen Rissen, die sich unaufhörlich durch das Portrait zweier Mädchen zogen zerbrochen sein. Wie in einem Ölgemälde muss auch hier der Bildhintergrund gearbeitet haben, während diese Freundschaft zuerst an Festigkeit und dann an Flexibilität verlor, auf geänderte Rahmenbedingungen richtig zu reagieren. Wo haben diese Risse begonnen? Welche Rolle spielten die beiden Familien, Freunde und andere Menschen, die ihnen beiden auf ihrem Weg begegneten?

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Erwachsenwerden ist schwer, weil jeder von uns einem eigenen Stern folgen muss. Und ich fürchte, manche von uns haben hellere Sterne als andere.“

Das brennende Mädchen ist so brillant angelegt, dass man als Leser immer das Gefühl hat, einen solchen Riss wahrzunehmen, über den Julie und Cassie später noch stolpern würden. Die Autorin hält uns zwar immer auf Augenhöhe, und doch verstehen wir mit zunehmender Nähe zum Bild dieser Freundschaft, dass man oft zu nah dran ist, um Veränderungen überhaupt erkennen zu können. Claire Messud lässt viel Raum für Spekulationen, da sie uns mit der rein subjektiven Sichtweise der verlassenen Freundin konfrontiert. Sachlich kann und darf Julie nicht bleiben. Emotionen überlagern den Plot und so wird aus der Geschichte zweier heranwachsender Mädchen auch die, zweier im Kern ihrer Lebensentwürfe, unterschiedlicher Elternhäuser.

Hier steht behütete Kindheit gegen vaterloses Aufwachsen. Hier stehen Werte und Normen gegen Improvisation. Hier prallen Welten aufeinander, bei denen Julies Welt in konstanten Kreisen verläuft, während Cassie einen Umbruch nach dem anderen erlebt.

„… so ähnlich ging es mit Cassie und mir. Ich glaube, ich war Goya und machte einfach mein Ding, und sie war die Französische Revolution.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Die Goya-Erkenntnis kommt spät für Julie. Während Francisco de Goya spanischer Hofmaler wurde und das Leben genoss, rollten in Frankreich die Köpfe der Monarchen. Die Einsicht kommt zu spät, um etwas zu retten, aber sie kommt früh genug, um nicht am Verlust einer Freundschaft für das spätere Leben zu scheitern. Wir können viel aus dieser Geschichte mitnehmen. Sie lässt sich nicht auslöschen, dazu ist das brennende Mädchen zu intensiv in Flammen gehüllt. Ein sehr lesenswerter Roman und sicher kein „Frauenbuch“. Bevormundung und Restriktionen in Familien kommen zumeist nicht aus der weiblichen Ecke. Oft sind es die Väter, die Riegel vorschieben oder einfach fehlen, wenn man sie am meisten braucht.

Ich halte mich am Ende des Romans an der Erkenntnis fest, dass man gar nicht aufmerksam genug sein kann, wenn es darum geht, genau hinzuschauen. Ansonsten geht es einem wie Julie, die zwar sieht, aber allzu oft nur vermutet, was sie wirklich zu sehen denkt.

„Das ist wie bei einem Planeten: Man weiß, dass er rund sein muss, man sieht aber nur einen Halbmond oder einen Halbkreis. Also schlussfolgert man, dass ein Teil davon im Schatten liegt. Dann muss man herausfinden, was in diesem Schatten liegt und warum.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Bleibt ganz nah am Bild eurer Freundschaften und verhindert Krakelüre! Sie lässt sich nicht restaurieren, wie ihr an der Mona Lisa seht. Hier geht´s zu weiteren Mädchen in der kleinen literarischen Sternwarte. Es sind immer besondere Mädchen...

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„Belladonna“ von Daša Drndić – Ein Vermächtnis

Belladonna von Daša Drndić

„Habent sua fata libelli“. Bücher haben ihre Schicksale. Dieses Zitat aus dem alten Gedicht von Terentianus Maurus hat sich in meinem Lesen schon oft bestätigt. Bücher tragen nicht nur ihre jeweils erzählte Geschichte in sich. Sie werden nicht losgelöst von den situativen Rahmenbedingungen des Lesens aufgenommen und verändern sich im Lauf der Zeit. Deutungen sind schicksalhaft von den Entwicklungen der Geschichte und dem Verständnis der Leser abhängig. Bücher als zeitlos zu bezeichnen, bedeutet also eher, ihnen eine konstante Aussagekraft bei sich ständig verändernden Gegebenheiten zu attestieren. Egal, wann man sie liest, egal, welche politische oder soziale Strömung sie tangiert, ihre Botschaft bleibt tragfähig und relevant.

Belladonna“ von Daša Drndić ist in jeglicher Hinsicht ein schicksalhaftes Buch. Der kroatischen Autorin gelingt in ihrem letzten Werk ein vielschichtiger Abgesang auf die zerrissene Geschichte ihres Heimatlandes. Zugleich verknüpft die am 05. Juni 2018 verstorbene bedeutende literarische Stimme ihren großen Roman „Sonnenschein“ mit einer an Aktualität und Zeitlosigkeit kaum zu übertreffenden Geschichte, die uns erneut zeigt, dass sich Geschehenes und Erlebtes wiederholen kann. Was in „Sonnenschein“ mit der verzweifelten Suche nach verschleppten und der Identität beraubten jüdischen Kindern nach dem Holocaust begann, setzt sich in „Belladonna“ mit den Ursachen und Folgen des Zusammenbruches Jugoslawiens und der Renaissance einer Ideologie fort, die bereits für den Völkermord im Zweiten Weltkrieg verantwortlich war.

Belladonna von Daša Drndić

Es sind die ideologischen Wellenbewegungen, die Daša Drndić antrieben. Es sind die Parallelen und Muster, die man erkennen kann, wenn man nur genau hinschaut. Es ist der leise und doch unüberhörbare Unterton einer nationalsozialistischen Doktrin, die nicht auszurotten ist. Hier legt die Autorin die Finger in alle offenen Wunden, bricht mit allen nationalen Legenden ihrer kroatischen Heimat und hält uns damit den Spiegel für die eigene Blindheit vor. Ebenso fragmentarisch wie sich reale Geschichte im täglichen Leben zeigt, konstruiert sie ihren Roman. Ebenso in seine Einzelteile zerlegt präsentiert sie uns ihren Protagonisten Andreas Ban, der in der finalen Krise seines Lebens alles dem Vergessen entreißen will, was die Gesellschaft erfolgreich verdrängt hat.

Er, der Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Der Fremdenführer, der niemanden mehr führt. Der Psychologe, der nicht mehr analysiert. Er, der Intellektuelle ist nicht mehr sichtbar. Aus den offiziellen Ämtern verdrängt, der Lehrtätigkeit enthoben, an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, die sich national neu erfinden möchte und doch der aufmerksame Beobachter dessen, was wirklich in Kroatien und Serbien geschah, als in den 1990er Jahren die ungeliebte gemeinsame Heimat Jugoslawien in ihre Einzelteile zerbrach. Er, Andreas Ban, lehnt sich in der Einsamkeit eines Sehers gegen den Krebs auf, der ihn so zerfrisst, wie der Nationalismus das Innere seiner Heimat verzehrt. Hier tauchen sie schemenhaft am Rande seiner Wahrnehmung auf: die Verantwortlichen für den neuerlichen Völkermord, die Täter und deren Nachfahren von einst, die nach vielen Jahrzehnten des Exils nach Hause kommen, um wiederentstehen zu lassen, wovon sie ewig gestrig träumten.

Belladonna von Daša Drndić

Daša Drndić macht aus dem von allen Seiten Ungewollten den Heilsbringer einer gemeinsamen Zukunft. Wäre nur jemand da, der sich noch vom Außenseiter Andreas Ban therapieren oder überzeugen ließe. Wäre nur noch jemand empfänglich für seinen zeitlosen Blick auf die Geschichte seiner Heimat. Auf die Opfer und Täter, auf zahllose Beispiele, die jenen populistischen Automatismus des Nationalismus veranschaulichen. Auf die Konsequenzen, die er hatte und immer haben wird. Hilflos kommt sich Andreas Ban vor. Ungehört, unerhört, vergessen. Dabei sollte man gerade ihm Aufmerksamkeit schenken. Er leitet ab, er leitet her und er leitet über, was niemand wahrhaben möchte. Genozid und Ausgrenzung haben ihre Vorgeschichte. Sie liegt nur solange im Schatten, wie man den „Sonnenschein“ leugnet.

Hier gelingt Daša Drndić in literarischer Hinsicht ein brillanter Geniestreich, zitiert sie sich doch an entscheidenden Stellen des Romans selbst. Sie hebt ihr eigenes Buch „Sonnenschein“ auf die Ebene einer Referenzquelle für die Sichtweisen von Andreas Ban. Er bezieht sich in seinen fragmentarischen Erinnerungen genau auf dieses Werk, seine inhaltliche Tragweite und die humanistische Botschaft, die es so relevant für das Verstehen des nationalsozialistischen Gedankengutes macht.

In Sonnenschein liest Andreas Ban über den bekannten Grafiker Christoph Meckel und seine Bücher Suchbild. Über meinen Vater. Meine Mutter, über
Monika Göth
(Tochter des Kommandanten des KZs in Plaszów, der zum Tod
durch Erhängen verurteilt wurde), die heute nach Überlebenden der Lager
sucht, nach Opfern ihres toten Vaters Amon Göth, und sie um Verzeihung bittet.

Belladonna von Daša Drndić

Hier schlägt Daša Drndić den Bogen ihres Romans „Belladonna“ bis zurück zum Zweiten Weltkrieg. So vermag sie die wahre Rolle ihrer kroatischen Vorfahren aus der Vergangenheit ans Tageslicht zu zerren, das Versagen der Kultur, die aktive Rolle ihrer Landsleute im Holocaust und die nicht überwundenen Demütigungen durch die Sieger nach dem verlorenen Krieg. Hier zeigt sich, wie lange dieses Gedankengut im Exil vor sich hin keimte, bevor es beim Zerfall Jugoslawiens wieder neu erblühen durfte. Hier ist augenfällig, wie fatal es ist, die Folgen der Geschichte zu vergessen. Einer Geschichte unter der heute noch die Nachkommen der Opfer von einst leiden. Anreas Ban lernt sie kennen, die Menschen, die noch heute auf der Suche nach ihren Familien sind. Kreise schließen sich und werden doch gewaltsam aufgerissen. Dem verweigert er sich. Hier kämpft er beharrlich gegen die Windmühlen des Vergessens.

Und vergessen ist nur, wessen Name vergessen ist. Hier setzt Daša Drndić auch in ihrem unvergessenen Stil an ihr vorheriges Buch an. Seiten voller Namen unterbrechen das Lesen nicht, sie torpedieren es und machen aus einem Roman ein Gedenkbuch für die Opfer der Völkermorde. Sie machen aus diesem Buch eine lebendige Warnung an alle, die heute willfährig in Kauf nehmen, dass erneut solche Listen niedergeschrieben werden. Diese Namen verleihen „Belladonna“ eine unfassbare Wucht, weil sie zeigen, dass sie nicht auszumerzen sind. Sie bleiben. Sie stehen wie Geister aus der brutalen Vergangenheit auf und fordern ihren Tribut. Als Stolperstein, als Erinnerung oder eben als immer noch lebendiges Ausrufezeichen für Völkermord.

Belladonna von Daša Drndić

„Belladonna“ – Das Teufelskraut, die Irrbeere. Ein Strauchgewächs, das sein Gift in hübschen lilafarbenen Beeren verbirgt. „Belladonna“, ein Roman, der nicht in den Giftschrank gehört. Er verbirgt die todbringende Wirkung nicht. Er stellt sie sogar offen zur Schau. Dies ist kein Roman über Kroatien und Serbien. Es ist keine separatistische Geschichte einer Zersplitterung. Es ist der Sonnenaufgang, der bis heute seine dunklen Schatten wirft. Wer bei der Fußball-WM in Russland erlebt hat, wie Nationalspieler der Schweiz mit Kosovo-Albanischen Wurzeln ihre Siegtore gegen Serbien mit dem Zeigen des Doppeladlers von einst feierten, weil sie pausenlos nationalistisch ausgepfiffen und beleidigt wurden, sieht, wieviel Belladonna das ehemalige Jugoslawien noch in harmlos scheinenden Beeren verspritzt.

„Belladonna“ lässt uns vieles verstehen. „Belladonna“ lässt uns an vielem zweifeln. Unzweifelhaft ist dieses Buch das literarische Vermächtnis einer bedeutenden Autorin, die nie aufgehört hat, gegen das Vergessen anzuschreiben. Ich halte „Sonnenschein“ und „Belladonna“ für zwei der wichtigsten Bücher zur Völkerverständigung. Wir sollten nicht vergessen, sondern verstehen und immer in der Lage sein, uns über den Gräbern von einst die Hand zu reichen. Ansonsten riskieren wir, dass sich wiederholt, was nicht wiederholbar sein sollte. Im Erkennen der Automatismen liegt ein Gegengift verborgen, gegen das auch die Tollkirsche machtlos ist. Im Vergessen liegt ihre wahre Kraft. Den Gefallen sollten wir dem Gesellschaftsgift nicht erweisen.

Belladonna von Daša Drndić

Am Ende des Lesens ergänze ich eine der Namenslisten im Buch um den Namen Daša Drndić. Ich weiß, dass sie unvergessen bleibt. Ich weiß, dass ihre beiden Bücher immer wieder zu Rate gezogen werden, wenn es gilt ideologisches Gift zu bekämpfen. Ein Zitat von Daša Drndić mag uns als Mahnung und Ratschlag für die Zukunft dienen. Ich trage es in meinem Herzen, weil ich nicht Teil einer Gesellschaft sein will, die ihre Opfer in Listen erfasst.

“Am Samstag, den 19. Januar 2002 nähen sich sechzig Insassen eines Flüchtlingslagers den Mund zu. Sechzig Menschen mit zugenähten
Mündern irren durch das Lager und starren in den Himmel. Kleine
streunende Hunde springen kläffend um sie herum. Die zuständigen
Stellen verzögern es hartnäckig, die Asylanträge dieser Menschen
zu bearbeiten.“

Lieber ein Vergissmeinnicht hegen, als mit Tollkirschen vergiftet zu werden

Mein Schreiben und Lesen „Gegen das Vergessen„. Eine eigene Welt.

Eine relevante Rezension zu Belladonna ist auch auf Zeichen & Zeiten zu finden.

„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die Bücherschmuggler von Timbuktu von Charlie English

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Unterhaltung, Spannung, Bildung, bibliophile Leidenschaft oder die intellektuelle Auseinandersetzung mit weltbewegenden Themen, denen man literarisch kaum entrinnen kann. Tausend Bücher gilt es zu lesen, um alle Facetten aufzuspüren, die das Lesen so wichtig machen. Ganz selten passiert es jedoch, dass ein einzelnes Buch jeden dieser tausend Gründe abdeckt. Wenn dies geschieht, hat man einen wahrlich großen Fund im Büchermeer gemacht und sollte ihn ganz besonders bewahren und schätzen. Heute schreibe ich über ein Buch, das alles bietet, was man sich von einem perfekten Leseabenteuer erhofft. Heute stelle ich euch ein Buch vor, das sich liest wie ein Roman, das sich so anfühlt wie ein Sachbuch und das die Atmosphäre eines großen Expeditionsberichtes verbreitet. Ein Buch, in dem ich las, stöberte, träumte und mit dem ich recherchierte. Ein Buch, von dem man denkt, es stamme aus der geheimen Bibliothek einer versunkenen Stadt.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu„. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes von Charlie English. (Hoffmann und Campe)

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Afrika hat vor der Ankunft der Europäer praktisch keine Geschichte…, da die Geschichte erst dann beginnt, wenn der Mensch zu schreiben anfängt.“ 

Diesen Worten des britischen Historikers A.P. Newton verdanken wir noch heute ein Bild vom afrikanischen Kontinent, das jahrhundertelang Ausgang jeden Denkens war, wenn es um die Vormachtstellung des ach so wohlmeinenden Weißen ging. Afrika war ein unbekannter blinder Fleck, den es zu entdecken und zu erobern galt. Afrika war nicht mehr als eine Landmasse voller Bodenschätze, jener Sehnsuchtsort für Entdecker und ein wichtiger Wirtschaftsraum für das expandierende Europa. Eines war der dunkle Kontinent jedoch nicht. Lebensraum gleichberechtigter Menschen. Afrika ist Quelle der Sklaverei. Afrika ist Heimstatt für Rassismus. Afrika ist Synonym für Unterentwicklung und Rückständigkeit seiner Bewohner. Afrika ist das perfekte Opfer zur Ausbeutung.

Viele dieser Vorurteile haben die Zeit überdauert. Entwicklungsländer und „Dritte Welt“. Klingelt da nichts in unseren alltagsrassistischen Ohren?

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Was aber, wenn diese vorherrschende Meinung fehlender schriftlicher Zeugnisse erschüttert würde? Was, wenn sich in Afrika Manuskripte und Bücher finden würden, die der Möchtegern-Überlegenheit der weißen Kolonisatoren einen Riegel vorschieben könnten? Was, wenn man in Afrika nicht nur Reichtum, sondern Kultur finden würde? Was, wenn die legendäre Stadt Timbuktu nicht nur mit goldenen Dächern, sondern mit Bibliotheken aufwarten würde? Diesen Fragen widmeten sich ganze Generationen von Entdeckern. Die Geschichte dieser Forscher erzählt das vorliegende Buch. Es ist einer von zwei Perspektiv-Strängen, die uns Afrika und Timbuktu in neu erstrahlendem Licht erscheinen lassen. Es ist die Geschichte mutiger Männer und ihrer Expeditionen, die sie ins Herz von Afrika führten. Es ist die verlustreiche, tragische und meist tödliche Geschichte, die uns dieses Buch näherbringt.

Diese Geschichte ist wichtig für das Verständnis des zweiten Handlungsfadens derBücherschmuggler von Timbuktu“. Denn was man zwischen 1795 und 1855 in Afrika fand, war alles andere als purer Reichtum. Es waren schriftliche Quellen, deren Ursprung teilweise weit vor den ersten christlichen oder europäischen Aufzeichnungen datiert werden musste und die deutlich belegen, wessen Kultur hier fortgeschritten war!

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die lebendigen Expeditionsberichte entführen uns in eine längst vergangene Zeit und zeigen in der Aufarbeitung ihrer Ergebnisse durch die europäischen Zentren des Wissens, wie der Royal Geographic Society, dass sie letztlich doch nur dazu dienten, einen ganzen Kontinent zu unterjochen. Faszinierend beschrieben, mehr als schlüssig erklärt und unabdingbar für unser Verständnis des heutigen Afrikas. Parallel zu diesen Entdeckungen konfrontiert uns Charlie English mit den religiösen Abwegen, die sich nicht nur auf Afrika, sondern inzwischen auf die ganze Welt auswirken. Er erklärt die Kausalzusammenhänge zwischen Kolonisatoren und religiösem Fanatismus. Er bringt auf den Punkt, was heute in extreme Schieflage geraten ist. Er erzählt die Geschichte der Islamisten, denen nicht mal eigene schriftliche Überlieferungen, Manuskripte und Baudenkmäler heilig sind, wenn es darum geht ihre Macht auszudehnen. Er erzählt die Geschichte vom Krieg der Al-Quaida gegen die eigene Bevölkerung und er erzählt von Timbuktu und seinen Menschen, die sich mit aller Macht und unter Lebensgefahr gegen die Vernichtung ihrer überlieferten Geschichte wehren.

Diesen gefährlichen Weg mussten sie alleine gehen, denn die Hüter des Welterbes erklärten schlicht und ergreifend, dass Bücherschmuggel nicht zur Kernkompetenz der UNESCO gehören würde. So machten sich schließlich drei Männer und eine Frau auf den Weg, tausende Manuskripte und Bücher aus dem besetzten Timbuktu in Sicherheit zu bringen.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ ist nicht nur ihre Geschichte. Es ist die Geschichte von Timbuktu, das als Sehnsuchtsort wie ein magnetischer Pol wirkte. Es ist nicht nur eine Geschichte. Es ist eine Ansammlung in sich geschlossener Kreise, die uns verstehen lässt, wo Fehlentwicklungen begonnen habe, was wir selbst verursacht haben und was der religiöse Wahn von Salafisten heute alles unter sich begräbt. Dies ist eine Geschichte, die man lesen sollte. Nicht nur wegen der Bücherschmuggler oder um Timbuktu besser zu verstehen. Es ist eine Geschichte, die in der Lage ist, uns vom hohen Ross zu holen, wenn es darum geht den Begriff „Dritte Welt“ zu verwenden und dabei das Gefühl von Überlegenheit zu empfinden. .

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Ich habe euch vielleicht nur 597 genannt. Ich gehe jede Wette ein, dass ihr die restlichen 403 selbst entdecken werdet. Selten habe ich in einem derart spannend erzählten Buch so vieles gelernt. Dinge, die ich zu kennen glaubte und von denen ich letztlich keine Ahnung hatte. Charlie English gibt sich nicht mit Oberflächlichem zufrieden. Er geht in die Tiefe, erklärt, fabuliert und relativiert. Ihm zu folgen ist so leicht.

Kein wissenschaftliches Kunststück. Viel mehr ein absolutes Bravourstück… 

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Mehr Afrika in der Literatur: Ich hatte einen Blog in Afrika„. Meine Lesereise zum dunklen Kontinent… Vielschichtig, facettenreich, romantisch, politisch… Afrika.

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