„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Ich blätterte gerade in der Vogue – Eine Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Biographien zählen oftmals zu den eher trockenen Vertretern der Literatur, weil sie sich mit zumeist verstorbenen Prominenten beschäftigen und aus dem Vollen schöpfen, was verborgene Quellen, fundierte Recherchen und der soziokulturelle Hintergrund aus dem Leben des Biographierten hergeben. Dabei spürt man den Autoren an, dass sie im Verlauf der Beschäftigung mit dem Objekt ihrer Begierde so viel Wissen angehäuft und verinnerlicht haben und kaum noch in der Lage sind, Unwesentliches auszulassen.

So werden auch die noch so entferntesten Verästelungen von Stammbäumen der Ahnengalerie kultiviert, alle verfügbaren Anekdoten ein- statt ausgeblendet und selbst irrelevanteste Randereignisse zu Wegmarken eines Lebens überhöht. Wozu also in der heutigen Zeit noch Biographien, wo wir doch auf Wikipedia zurückgreifen können und die meisten aktuellen Biographien am eigentlichen Bild des Porträtierten nichts ändern?

Gerade in der heutigen medial geprägten Zeit verkommt die Biographie als Genre zum reinen sekundärliterarischen Relikt, das nur noch dann herangezogen wird, wenn sich ein Leser ausgiebig und auf der Grundlage verbriefter nachweisbarer Quellen mit einer historischen oder noch lebenden Person des öffentlichen Lebens beschäftigt. Ich formuliere das deshalb so überspitzt, weil ich in meinem bisherigen Lesen sehr oft mit genau solchen Biographien konfrontiert wurde.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Umso erfreulicher ist es auf wahre Ausreißer dieses Genres zu stoßen, die gerade in unserer Zeit eine Relevanz aufweisen, die unumstößlich ist und neue Sichtweisen zu den beschriebenen Menschen aufzeigen, die wir ohne eine fundierte Biographie sicher nicht erlangt hätten. Ich meine hiermit Bücher, die nicht um ihrer selbst willen verfasst wurden, sondern auch Leser mitreißen, die sich ganz gezielt und ohne akademischen Hintergrund für das Leben einer bedeutenden Persönlichkeit interessieren.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer anist nun nicht der absolut typische Titel für eine solche literarische Persönlichkeitsbeschreibung. Erst der abgesetzte Untertitel „Unitiy Mitford – Eine Biographie“ lässt darauf schließen, was uns erwartet, obwohl wir das bei dem knalligen Pop-Art-Cover vielleicht nicht erwarten würden: Eine brillant erzählte, herausragend recherchierte und schlichtweg flüssig zu lesende Biographie über eine der schillerndsten Frauen im Dunstkreis der Machthaber des Dritten Reiches.

„Unity Mitford – Eine Biographie“. Schon hier kokettiert die Autorin Michaela Karl mit einer sehr sympathischen Bescheidenheit. Es ist nicht „DIE“ Biographie, es ist nicht die erste Publikation über das Leben der heftig umstrittenen englischen Adeligen und es ist auch sicherlich nicht die letzte Auseinandersetzung mit einer Person, die sich im Alter von gerade einmal zwanzig Jahren den nationalsozialistischen Machthabern an den Hals geworfen hat und damit international für Furore sorgte. Die Akte „Mitford“ ist bis heute nicht geschlossen. Zu viele Mythen und ungeklärte Rätsel ranken sich um ihr Leben und ihren Tod. Eines steht jedoch fest:

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Nach der vorliegenden Biographie müssen Teile ihrer offiziellen Geschichte völlig neu bewertet werden. Was will man mehr von einem solchen Buch erwarten?

Mit wem haben wir es nun zu tun? Vielleicht mit dem ersten It-Girl der Geschichte. Kaum eine zweite Frau beherrschte während der unsäglichen NAZI-Herrschaft so sehr die Schlagzeilen, über kaum eine andere Angehörige des britischen Hochadels wurde im In- und Ausland kontroverser diskutiert. Und kaum eine zweite Zwanzigjährige hat sich in der Nazi-Diktatur besser in Szene gesetzt. Unity Mitford. 1934 in München zu einem Sprachstudium angereist, mutiert sie angesichts charismatischer Machthaber in der aufstrebenden Ideologie zum wahren Fan von Adolf Hitler.

Was mit Stalking in Münchner Gaststätten begann und in einer ersten persönlichen Begegnung gipfelt, entwickelt sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu einer Story, die in ihrem vollen Umfang heute ebenso skurril anmutet, wie damals. Wer kann  sich schon ernsthaft vorstellen, dass Adolf Hitler die Nähe einer englischen Adeligen sucht, um die Beziehungen zwischen beiden Ländern besser beeinflussen zu können? Und wer kann sich vorstellen, dass die strahlende Schönheit von der Insel gerade dem Mann verfällt, der ein völlig anderes Schönheitsideal propagiert. Schlicht und ländlich? Nein, alles konnte man behaupten. Aber das war Unity Mitford nicht.

Wer nun aber der jungen Frau lediglich die Faszination für Macht und grenzenlose Geltungssucht als Motive des Handelns unterstellt, der sollte Michaela Karl folgen und mit ihr gemeinsam in der Vogue blättern. Die Politologin und versierte Biographin macht es uns und der Geschichte nicht leicht, in Klischeebilder zu verfallen und das Bild von der Schönen und dem Biest zu kultivieren. Michaela Karl erkennt in ihrer Recherche die wahrlich politischen Motivationen, die Unity Mitford auf die Seite der Nazis ziehen. Hier setzt sie dezidiert an und schon früh im Lesen ihres Buches präzisiert sich ein Bild der jungen Engländerin, das von Seite zu Seite an Tiefenschärfe gewinnt.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, die Michaela Karl rekonstruiert. Sie zeigt eine junge Frau, der es gelingt, sich aus der Masse der gleichgeschalteten Frauen des Dritten Reiches zu erheben und über ihnen allen zu thronen. Sie zeigt eine Frau, deren Gefühle für die eigene Heimat so stark ausgeprägt waren, dass sie fast jedes Opfer zu bringen breit wäre, um einen Krieg zu verhindern. Sie zeigt aber auch eine Frau, die bereitwillig die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich unterstützt, um in ihrer politischen Linie unverrückbar zu sein.

Michaela Karl lässt uns an der Seite von Unity Mitford die Massenhysterie und den Führerkult um Adolf Hitler erleben. Sie legt den Finger in jede Wunde der Geschichte und beleuchtet Hintergründe, die sich mir in dieser Komplexität erstmals eröffnet haben. Zusammenhänge zwischen der Vorsehung und Unity Mitford bleiben bei Michaela Karl nicht nur Spekulation. Sie weiß, warum Hitler ein Attentat überlebte, weil sein geplanter Tag anders verlief, als es geplant war. Der Grund: eine englische Lady.

Und zuletzt schreibt Michaela Karl die Geschichte neu, indem sie mit aller Präzision die Theorien vom Selbstmordversuch Unity Mitfords seziert, in ihre Bestandteile zerlegt und zu einem überraschenden Ergebnis kommt. Die Autorin spekuliert nicht. Sie bleibt den Fakten treu und analysiert Beweggründe im Vergleich zu reißerischen Thesen. Das macht diese Biographie relevant und lesenswert. Wir enden am Ende des Lesens in der Heimat der englischen Lady, die zerstört, verstört und gebrochen nach Hause kommt, um festzustellen, dass sie dort eine Fremde ist. Das Abenteuer Drittes Reich endet für Unity Mitford schmerzhaft. Mitleid lässt Michaela Karl an keiner Stelle aufkommen. Aus gutem Grund. Ihr beeindruckendes Schlusswort schlägt eine Brücke aus der damaligen in unsere Zeit.

Hier geht Michaela Karl für eine Biographin einen Schritt zu weit! Es ist der beste Schritt, den sie je machen konnte.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Ich werde Michaela Karl auf der Frankfurter Buchmesse zum Interview treffen. Es beschäftigen mich viele Fragen zu ihrer Herangehensweise, zur Methodik und auch zu ihrer ganz persönlichen subjektiven Meinung zum Tod von Unity Mitford. Vielleicht kann ich die Autorin für Literatur Radio Bayern dazu verleiten, ein wenig zu spekulieren. Im Anhang zu diesem Artikel finden Sie den Link zum Podcast.

Folgen Sie mir ins Interview zu „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford – eine Biographie, zur Buchmesse im Hoffmann und Campe Verlag erschienen. Lesens- und hörenswert – Gegen das Vergessen.

Ich blätterte gerade in der Vogue... Michaela Karl - Das Interview

Ich blätterte gerade in der Vogue… Michaela Karl – Das Interview

„Smith & Wesson“ – Im freien Fall mit Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Womit haben wir es zu tun, wenn wir von kreativem Schreiben sprechen? Womit haben wir es zu tun, wenn wir den Akt der Wortschöpfung derart überhöhen, dass sich schon aus dem Adjektiv ein Prädikat ergibt? Ist nicht jede Form unseres Schreibens in sich kreativ, da immer wieder aus der Fantasie unseres menschlichen Geistes heraus Neues entsteht? Ist nicht jedes Buch die Manifestation eines kreativen Prozesses? Ist nicht auch diese Rezension kreatives Schreiben, weil sie die zuvor erbrachte kreative Leistung des Schriftstellers mit neuen Worten reflektiert?

Was aber, wenn ein Schriftsteller kreatives Schreiben lehrt? Was ist, wenn ihm ein Ruf vorauseilt, der ihn von vielen Meistern ihrer Kunst unterscheidet? Wie lehrt er, was lehrt er und wie groß muss der Druck auf den Lehrenden sein, mit eigenen Werken den Schülern unter die Augen zu treten und kraftvoll zu schreien: „So geht das…„? Wo findet Kreativität ihre Grenzen? Wann beginnt die Gratwanderung zu einer einsamen Reise in die Welt der Literatur zu werden? Fragen, die nur einer beantworten kann.

„Weil es ein Traum ist. Ein Traum, den schon viele geträumt haben.“

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco. Er ist dies alles in einer Person. Meister, Autor, Lehrer. Sein Schreiben gilt als die literarische Blaupause geballter kreativer Wortkunst. Ihm gelingt es immer wieder, Romanbilder, Wortmelodien, Textrhythmen zu komponieren, die eine ganz eigene Sprache sprechen und meine Wahrnehmung für die Schönheit von Texten nachhaltig verändern. Für einen Schriftsteller seines Formats ist Schreiben mehr als nur das Mittel zum Zweck. Er will nicht nur Geschichten erzählen.

Sein Schreiben ist experimentell, stilprägend und avantgardistisch. Seine Bücher gehören zur Haute Couture der Literatur. Nur, dass man sich seine Bücher leisten kann Was man von den Mode-Kreationen der Pariser Laufstege nicht behaupten kann. Wer jemals „Seide„, „Novecento“ oder „Mr. Gwyn“ aus seiner Feder las, versteht wie gut diese kreativen Wortgeflechte in unsere oftmals mehr als stereotype Lesewelt passen. Sie schmiegen sich an unser Lesen an und senden elektrisierende Schlüsselreize des Neuen und Ungelesenen.

„Worte sind kleine, höchst präzise Apparaturen, glauben Sie mir, wenn einer sie nicht zu benutzen weiß, sollte er sie nicht benutzen, es ist besser für alle, wenn er sich damit begnügt, das zu bleiben, was er ist, nämlich ein wildes Tier…“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson ist der neueste Kreativschub aus dem Literatur-Atelier dieses großen italienischen Avantgardisten. Eine schmale Geschichte, die im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist und sich dadurch auszeichnet, eigentlich gar nicht schmal zu sein. Auf ihren zarten 111 Seiten wartet sie mit einer verlockenden Grundidee auf ihren Leser, umschmeichelt ihn mit zarten Klängen des Erinnerns, überrascht auf jeder Seite durch Inspirationen, die auszuufern scheinen, ohne dabei jemals den Erzählraum auch nur für einen kleinen Moment zu verlassen.

Baricco entführt uns an die Niagarafälle und macht uns im Jahr 1902 mit zwei ganz besonderen Männern bekannt, deren Namen nicht nur diesen Buchtitel zieren, sondern Assoziationen wecken, die weit über das zu lesende Buch hinausgehen. Hier wirken die Namen bereits wie die Patronen aus der gleichnamigen Waffenschmiede, nur dass die beiden Protagonisten dieses Romans nichts, aber auch gar nichts mit jenen Herren zu tun haben, deren Namen zur Marke für Feuerwaffen wurden. Smith & Wesson. Bis auf eine Kleinigkeit haben sie nichts gemeinsam: Eine gewisse Explosivität der Gedanken.

Smith: Wie überaus schade.
Wesson: Sowas, zum Henker…
Smith: Wirklich Wesson, wie dieser Mensch?
Wesson: Smith, wirklich Smith, Smith?

Smith: Na gut.
Wesson: Wir erzählen das besser nicht überall herum.
Smith: Es könnte eine Lösung sein, sich mit Vornamen anzusprechen.
Wesson: Sehr gut.

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Schon hier spürt der Leser die überraschende Struktur des Romans. Wie für das Theater geschrieben, unterbrechen „unverbindliche“ Regieanweisungen das Lesen und zeigen dabei deutlich auf, wie Baricco seine Geschichte gerne im Herzen seiner Leser verankert sehen würde. Es ist grandios, sich hier auf das Bühnenstück am Rande der Niagarafälle einzulassen und die Charaktere zur Entfaltung zu bringen. Smith, der mit fast allen Wassern gewaschene Meteorologe, der auf skurrile Art und Weise das Wetter voraussagen kann und Wesson, der Leichenangler, der die Karte der Wasserfälle im Kopf hat und die Selbstmörder der letzten Jahre aus dem Fluss fischte.

Diesen beiden eher trostlos schrägen und verträumten Abenteurern schließt sich die Journalistin Rachel an, die auf ihrer Suche nach der großen Story am Wasserfall fast verzweifelt. Drei im Leben gescheiterte Individualisten machen den Kassensturz ihres Lebens und neben ein paar Dollarscheinen bleibt eine bittere Erkenntnis:

„Jetzt fasse ich zusammen: Wir hatten große Erwartungen an das Leben und wir haben nichts zustande gebracht, wir sind dabei, ins Nichts abzurutschen, und das tun wir am Arsch der Welt in einem miesen Loch, wo ein herrlicher Wasserfall uns jeden Tag daran erinnert, dass Erbärmlichkeit eine Erfindung der Menschen ist und die Großartigkeit der normale Lauf der Welt.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - Abwärts in den Strom

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – Abwärts in den Strom

Doch anstatt sich gegenseitig zu erschießen, fassen sie einen Plan, der nach dem Kassensturz einen anderen Sturz zur Sprache bringt. Einen Sturz, der sie mit nur einem Schlag weltbekannt machen wird. Die furiose Idee schweißt drei Menschen zusammen, die nun aufeinander angewiesen sind. Der große Coup nimmt Formen an. Baricco hat seine Leser fest im Griff. Die Sympathien gehören seinen Figuren und man beginnt, so wie er es sich wohl gewünscht hat, die Dialoge laut zu lesen. Regieanweisungen des Meisters.

Smith & Wesson“ ist eine ganz kleine Geschichte über Freundschaft und Liebe. Wie kaum einem anderen Schriftsteller gelingt es Alessandro Baricco durch sein feines und wohldosiertes Schreiben, durch seine Melodie und die Zartheit seiner Wortbilder, alles auszublenden, was unwichtig ist. Die Charaktere entwickeln sich miteinander und aneinander. Was so entsteht, ist der melancholische Abgesang auf das Scheitern und eine Hymne auf die Unverwüstlichkeit des Menschen.

Diesmal gelingt es Alessandro Baricco, seine Leser sehr emotional die Niagarafälle hinunterzustürzen. Kreatives Schreiben ist dann in Vollendung vollbracht, wenn man bei einem Satz weint, der in sich gar kein Tränenpotenzial birgt. Ihr werdet weinen, wenn ihr erfahrt, warum Smith & Wesson am Ende der Geschichte…

„… mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern ziehen.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco, Mr. Rail und AstroLibrium – Hier und in meinem Archiv

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - AstroLibrium

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – AstroLibrium – Ein Lesensweg

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Eifersucht ist ein mächtiges Gefühl. Nagende Selbstzweifel, bohrende Fragen, Angst vor Enttäuschung und das drohende Damoklesschwert, sich nach außen zu blamieren, setzen Gefühlswallungen und emotionale Irritationen frei, die ihresgleichen suchen. Es ist sicher nicht gewagt zu behaupten, dass gerade Frauen empfänglich sind für diesen emotionalen Wirbelsturm. Ich könnte ja ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, aber das ist eine andere Geschichte. Eine gute allerdings… (weiterhören?)

Mit nur einem Klick zur Radio-Rezension - Hören Sie gut

Mit nur einem Klick zur Radio-Rezension – Hören Sie gut

Eifersucht bedient sich in der heutigen Zeit einiger Hilfsmittel, die wie ein Ventil in der Lage sind, das Gefühlschaos in die weite Welt zu tragen. Von Überwachung bis hin zur üblen Nachrede hinter vorgehaltener Hand reicht das Spektrum, wenn es gilt, seine Eifersucht so richtig auszuleben. Man nehme ein Beispiel. Der Geliebte steigt zu einer völlig fremden Frau ins Auto und verschwindet ohne Abschiedsworte mit ihr ins Nichts. Was passiert?

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Die Technik schlägt zu. WhattsApp beginnt seinen Dienst zu verrichten. Eine Flut von Nachrichten, Vorwürfen und Fragen erreicht den auf der Flucht befindlichen Mann. Die blauen „Ich habe gelesen-Häkchen“ zeigen der Verschmähten sofort an, ob die Texte gelesen wurden. Und sollten diese Häkchen stumm bleiben, geht es eben mit anderen Medien weiter. SMS, Telefonate dienen der inneren Klammerbewegung. Facebook und Instagram machen den Zweifel erstmals öffentlich und hintergründige Gruppenchats mit gemeinsamen Freunden werfen die Klatsch- und Tratsch-Maschine an. Und wenn alles nichts hilft, dann erfolgt die Rache mit allen verfügbaren High-Tech-Mitteln.

Die Dame von heute zelebriert ihre Eifersucht im Format 2 Punkt Null.

Wie war dies früher? Wie konnte sich Eifersucht ihren Weg bahnen, als es diese Kommunikationswege noch nicht gab? Eifersucht im Wandel der Zeit kann ein mehr als interessantes Thema sein, besonders wenn man ein literarisches Werk zurate zieht, das hier als echter Meilenstein betrachtet werden kann. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frauvon Constanze de Salm beschreibt das Dilemma des plötzlich verschwindenden Geliebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und aus dem bereits oben genannten Beispiel müssen wir nur einige Parameter dezent verändern, um den Verlust im richtigen situativen Kontext verstehen zu können.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Wir streichen das Auto und ersetzen es durch eine Kutsche, in der sich die Flucht des Geliebten mit einer fremden Frau vollzieht. Wir ersetzen die HightTechWelt unserer sozialen Medien durch einen Bogen Briefpapier und einen Stift und billigen der soeben Verlassenen das komplette Gefühlspaket der Eifersucht zu, wie wir sie auch heute noch kennen. Und dann beobachten wir die Dame dabei, wie sie in vierundzwanzig Stunden unzählige Briefe an die verloren geglaubte Liebe ihres Lebens schreibt. Briefe, auf die sie niemals eine Antwort erhält.

Statt auf WhattsApp muss sie sich auf den treuen Diener Charles verlassen, der ihre Briefe zu übergeben hat. Und wie das nervöse Warten auf die Lesebestätigung auf unserem Smartphone frisst sich die Wartezeit auf Charles ins Gemüt der Dame, die so dringend auf ein Lebenszeichen ihres Geliebten wartet. Die Botengänge jedoch bleiben erfolglos. Wo heute Handys besetzt sind, SMS zwar gesendet, jedoch nicht empfangen werden und sich der WhattsApp-Haken nicht blau verfärbt, findet der Diener niemanden vor, dem er die Briefe übergeben kann. Die Eifersucht bekommt krankhafte Schübe.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Heute wie früher ist die gefühlte Isolation die wahre Triebfeder der Eifersucht. Es sind die bedrohlichen Gedanken, Spekulationen und das eigene Ego, die unkalkulierbar und selbstzerstörerisch wirken. Gefühlstaumel entstehen dann, wenn Nachrichten nicht ankommen, ignoriert werden und die eigene Fantasie Bilder erzeugt, die bestimmt jeder Grundlage entbehren. Der Verstand setzt aus. Und die eruptiven Wellen der Eifersucht verursachen emotionale Automatismen, gegen die man nur schwer angekämpfen kann. Constance de Salm gelingt in ihrem Briefroman ein literarisches Meisterwerk in kleinem Maßstab, da sie die Perspektive ihrer Protagonistin zum absoluten Erzählraum erhebt.

Enge, Abschottung und das Fehlen von Informationen sind Brandbeschleuniger für die verzweifelte Frau. Ihre Eifersucht bahnt sich wortreich einen Weg in ihre Briefe, die ihren Adressaten nicht erreichen. Verzweiflung löst unterschiedliche Szenarien aus, die typische Verlaufsmuster der Eifersucht sind. Selbstzweifel, Drohung, Hass, Vergebung, grenzenlose Unterwerfung, Auflehnung, Rache, Selbstzerstörung, Vertrauensbruch und der Weg an die Öffentlichkeit. All dies lässt sich auch heute noch beobachten. Als dann auch noch ein Mann auftaucht und der leidenden empfindsamen Frau seine tiefen und verborgenen Gefühle gesteht, geht das Gefühlskarussell erst richtig los.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Eine Lektion in Sachen Eifersucht erteilt die Autorin nicht nur ihren Lesern. Auch sich selbst scheint sie zeigen zu wollen, wie Frau tickt, wenn alle Dämme brechen. Die einzelnen so entstehenden Briefe gleichen dem Psychogramm einer verletzten Seele, die in ihrer Hilflosigkeit alle Wechselbäder der Eifersucht durchlebt. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau, erschienen bei Hoffmann und Campe, ist zeitlos und überzeugt in der Selbstbetrachtung der Protagonistin zutiefst.

Die Eifersucht hat sich nicht geändert. Ihre Ventile sind in der heutigen Zeit sicher facettenreicher und vielfältiger. Letztlich jedoch helfen sie nichts. Der innere Schmerz wird nicht gelindert. Einsamkeit und enttäuschte Gefühle müssen sich ihren Weg nach draußen bahnen, bevor das selbstzerstörerische Element dominant wird. Das versteht man von Brief zu Brief mehr. Die Spirale der Verunsicherung dreht sich weiter und es ist nur der Autorin zu verdanken, dass am Ende aller Briefe nicht das Ende einer Liebe steht. Ein überraschendes Ende, das vom Leben geschrieben sein könnte.

24 Stunden dauert der Tag der Ungewissheit. Ein Tag, den auch wir zum Lesen des Romans benötigen. Ein Tag, der in Erinnerung bleibt. Literatur pur.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Mr. Rail trifft „Mr. Gwyn“ von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Baricco lesen und sterben.

Eine schönere Liebeserklärung an einen Schriftsteller, der mich geprägt hat, wie kein zweiter, kann ich mir nicht vorstellen. Er ist verantwortlich für meine Reisen auf der Virginian, meine tiefe Freundschaft zu einem Ozeanpianisten namens Novecento und die in Seide gehüllten Erinnerungen an die verzweifelten Fluchten eines gewissen Hervé Joncour. Lavilledieu – Japan – Lavilledieu. Seide – Der Roman meines Lebens.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco - Die Rezension fürs Ohr

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco – Die Rezension fürs Ohr – Hier weiterhören

Baricco lesen und sterben. Mehr fällt mir kaum ein, wenn ich mir heute wünschen dürfte, wie mein Leserleben enden könnte. Am Ende eines Buches aus seiner Feder. Am Ende seines Schreibens und damit gleichzeitig immer auch wieder am Anfang einer lebenslangen Inspiration, die er durch seine endlose Kreativität auf die Gleise stellt und zu höchster Geschwindigkeit beschleunigt. Die Lokomotive hieß Elisabeth. In Land aus Glas durchzog ihre Schönheit die Welt. Ihr Besitzer hieß Mr. Rail. Unbeirrbar, nur der Geradlinigkeit seiner Lebensstrecke verbunden.

Mr. Rail. Mein Name, wenn es darum geht, mich zu beschreiben. Wenn es darum geht, über mich zu sprechen. Selbst gewählt und niemals verloren. Mr. Rail taucht oft in Bariccos Werken auf. Immer als jener Mann, der eine schnurgerade Eisenbahnstrecke bauen wollte. Immer auf seiner Suche nach dem höchsten Tempo auf schnurgerader Linie. Genauso las ich mich als „Mr. Rail“ durch alle Werke von Alessandro Baricco. Ich durchlebte sie, war begeistert, verstört, verliebt und stets betroffen. Baricco lesen und sterben. Lesendlächelnd sterben, das mag ich mir nur bei ihm vorstellen.

Nichts wünsche ich mir sehnlicher am Zielbahnhof der Lesereise eines gewissen Mr. Rail.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco - Ein Lebensweg an der Seite von Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco – Ein Lebensweg an der Seite von Baricco

Ich hoffe allerdings nicht, dass der neue Roman von Alessandro Baricco die letzte Station auf unserem langen Weg darstellt. Mr. Rail trifft „Mr. Gwyn, so könnte man diesmal sagen, denn dieser schlichte Name schmückt ein vielgesichtiges Cover aus dem Hause Hoffmann und Campe. Endlich ist es wieder soweit und mit großen Erwartungen begann ich „Mr. Gwyn“ lesend stilvoll zu zelebrieren. Eingebettet in meine Lebensbücher aus der Feder des kreativen Meisters suchte ich nach den Stilmitteln seines Schreibens, die bei mir seit jeher Lese-Gänsehaut auslösen.

Jasper Gwyn. Ein Name, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Und eine erste Begegnung im Roman, die bereits Maßstäbe setzt und mich fühlen lässt, wieder bei „meinem“ Baricco angekommen zu sein. Eine Einleitung, die mich dazu verleitet, das Buch zu schließen und Jasper Gwyn nachzueifern, indem ich seinen Ausstieg aus dem Alltag zu meinem Ausstieg mache. Denn Jasper Gwyn, ein recht erfolgreicher und passionierter englischer Schriftsteller, fasst einen folgenschweren Entschluss, der nicht nur sein Leben verändern wird. Er veröffentlicht einen Artikel im legendären Guardian, in dem er eine mehr als außergewöhnliche Liste veröffentlicht.

Er listet genau 52 Dinge auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedenkt. 52 Dinge, von denen er sich in aller Form verabschiedet und von denen er mehr als deutlich Abstand nimmt. Und beginnt die Liste auch scheinbar völlig harmlos, und scheint sie das oberflächliche Ergebnis einer tiefen Selbstbetrachtung zu sein, dann steigern sich das Ausmaß und die Tragweite seiner Entscheidungen in zunehmendem Maße. Es klingt noch ein wenig paradox, wenn Jasper Gwyn an erster Stelle erwähnt, nie wieder einen Artikel für den Guardian zu schreiben. Aber schon dieser erste Ausstieg aus seinem Leben kündigt weitere Schritte an, die aufhorchen lassen.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Was Jasper Gwyn NIE wieder zu tun gedenkt:

– Sich mit der Hand am Kinn in nachdenklicher Pose fotografieren zu lassen
– Höflich zu Kollegen zu sein, die er in Wirklichkeit verachtete
– Selbstsicherheit bei der Begegnung mit Schulklassen vorzutäuschen

und so weiter… und so weiter.

Den Höhepunkt erreicht diese Auflistung mit dem letzten und 52. Punkt, der einem literarischen Selbstmord gleichzusetzen ist, denn Jasper Gwyn verkündet unwiderruflich und zu guter Letzt:

– Nie wieder Bücher schreiben zu wollen.

In aller Öffentlichkeit beendet der empathische Erzähler seine Karriere als Autor. Und das mit knapp über vierzig Jahren, auf dem Höhepunkt seines leidenschaftlichen Schaffens und zum Entsetzen nicht nur seiner Fans, sondern auch seines Agenten. Und genau dieser Tom Bruce Shepperd hält diesen letzten Artikel von Jasper Gwyn nur für einen brillanten Scherz, eine wundervolle Anklage gegen die Literatur-Branche. Bis es ihm wie Schuppen von den gierigen Agentenaugen fällt, dass sein bestes Pferd im Stall das Reiten eingestellt hat.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Und um die Endgültigkeit seiner Entscheidung zu untermauern, absentiert sich Mr. Gwyn

„Jasper Gwyn verbrachte noch sechzehn Tage in Granada. Dann reiste auch er ab. In dem kleinen Hotel vergaß er drei Hemden, einen einzelnen Strumpf, einen Spazierstock…, ein Sandelholzduftbad und zwei Telefonnummern, die mit Filzstift auf den Duschvorhang aus Plastik geschrieben waren.“

Und Stopp. Vollbremsung im Lesen. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, mein Herz schlug bis zum Anschlag. Da war er endlich wieder. Genau hier hatte ich ihn wiedergefunden: Meinen Alessandro Baricco. Eine fulminante Ausgangssituation, die als Eingangsidee alle Türen beim Leser öffnet und sein einzigartiger Schreibstil, der den Lauf der Dinge mit den Aufzählungen scheinbar alltäglicher Dinge beschleunigt. Wer denkt hier nicht an seine Beschreibung des Reiseweges von Hervé Joncour nach Japan? Baricco-Kenner geraten schon auf den ersten Seiten ins Schwärmen.

Ihm gelingt dabei ganz beiläufig (so scheint es immer), seine Leser aus dem Buch zu katapultieren, um still und heimlich ihre eigene Liste der 52 Dinge zu erstellen, die sie selbst nie wieder zu tun gedenken. Und kaum hat man vor Augen, wie das eigene künftige Leben verlaufen könnte, wird man schon wieder vom Roman angezogen, den man gerade (und wirklich und ganz kurz) verlassen hatte. Jasper Gwyn erobert den Verstand des Lesers. Seine Beweggründe und die Frage, wie konsequent er seinem neuen Weg folgen würde, entwickeln eine unglaubliche Sogwirkung, die im Inneren dieses grandiosen Romans ihre Entsprechung findet. Jasper Gwyn, der Wortschöpfer, kommt nicht sehr lange ohne sein kreatives Schreiben aus. Zu sehr verändert ihn der eigene Entschluss, auf das Schreiben von Büchern zu verzichten.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Aber Jasper Gwyn wäre nicht Jasper Gwyn, wenn er nicht ein Ventil finden würde. Er beschließt, Kopist zu werden und fortan Porträts zu schreiben. Richtig gelesen. Porträts zu schreiben. Bilder von Menschen sind Mr. Gwyn zu stumm. Er folgt seiner Eingebung, mietet sich ein Atelier, stattet es mit einer Beleuchtung auf Zeit aus und lässt einen Komponisten den Soundtrack zu seiner zukünftigen Berufung komponieren. Ein besonderer Klang, vereint mit Glühbirnen von eng begrenzter Lebensdauer und ein Raum mit einem Bett stellen den Rahmen für seine neue Kunstform dar. Er beobachtet Menschen und porträtiert sie in Worten. Er findet ihre Geschichte. Eine Geschichte, in der jeder Baum, jedes Blatt, jeder Berg, jede Melodie und jedes Ereignis die Züge des zu Porträtierenden trägt. Kunstwerke allesamt.

Folgen wir Alessandro Baricco in einen Roman, der an seine großen Geschichten anknüpft. Folgen wir ihm in Bilder, die so noch nie geschrieben wurden. Folgen wir ihm in sein Atelier, genießen das ersterbende Licht und den Rhythmus der Geräusche und beobachten mit ihm gemeinsam die Menschen, die er porträtieren soll. Nackt liefern sie sich dem ehemals großen Schriftsteller aus. Nackt warten sie auf den einen Moment, in dem Mr. Gwyn endlich sein Schweigen bricht und völlig nackt erkennen sie sich auf den wenigen Seiten ihrer Porträts wieder. Ungeschminkt und in aller Tiefe.

Ein Weg, der uns an seiner Seite von Begegnung zu Begegnung führt. Ein Weg, der uns staunen lässt, was Worte erschaffen können. Ein Weg, der erst endet, als ein junges Mädchen vor ihm sitzt, das sich seinen Regeln entzieht. Ein magischer Moment. Baricco porträtiert neben seinen Kunden auch seine Leser. Man liest ihn nackt und setzt sich der Beobachtung des Meisters aus. Jeder Blick in das eigene Leselicht ist begleitet von der Hoffnung, es möge bitte nicht sterblich sein. Man beginnt sich im Atelier von Mr. Gwyn wohlzufühlen und sucht in den unzähligen Zetteln auf dem Boden nach Hinweisen auf das eigene Porträt.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Baricco entblättert seine Leser. Er fabuliert sich in einen Erzählraum, der schon für sich allein eine Befreiung vom alltäglichen Ballast verspricht. Entschleunigung trägt dazu bei, sein wahres Gesicht zu zeigen. Man ist getrieben von dem Wunsch, auch nur eines dieser geheimen Porträts lesen zu dürfen. Zur Not auch gegen Unterschrift und unter Inkaufnahme einer empfindlichen Geldstrafe, wenn man etwas davon verraten würde. So las ich dieses Buch.

Ich schweige. Ich habe es versprochen. Kein Wort dringt über meine versiegelten Lippen. Ich bin wieder in meinem realen Leben angekommen. Habe Schieflagenlesen und Gänsehautflüstern gefühlt. Und dann am Ende des Romans angekommen stelle ich fest, dass dort gar nicht „Ende“ steht. Was folgt ist ein kleines Wunder. Was folgt ist eine kleine Fortsetzung aus der Feder von Alessandro Baricco, die in Italien erst ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Mr. Gwyn“ als Buch erschien. Ein kleines Wunder, dass Hoffmann und Campe diese gefühlte Fortsetzung zum Bestandteil dieses Romans macht.

Dreimal im Morgengrauen ist viel mehr als nur eine kleine Fingerübung. Die drei Begegnungen zwischen zwei Menschen verleihen dem zuvor Erlebten Tiefenschärfe und Kontur. Vielleicht sind es die Porträts, auf die man so lange wartete. Vielleicht sind es paradox wirkende Momentaufnahmen, die „Mr. Gwyn“ zu dem machen, was er ist. Zu einem der ganz Großen aus der Feder Bariccos.

Mr. Rail und Mr. Gwyn. Wir haben uns gefunden. Wir werden uns nicht mehr aus den Augen verlieren. Das Leben ist inhaltsreicher seit dieser Begegnung. Zeilen wanderten zwischen Menschen, die „Mr. Gwyn“ begegneten. Ich schrieb ein Porträt für Julia. Sie begegnete dem sterbenden Licht mit mir. Glühbirnen sind keine normalen Lichtschöpfer mehr. Worte sind keine Worte mehr. Alles wird zu Mr. Gwyn“.

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Mr. Gwyn von Alessandro Baricco

Kreuzt seinen Weg. Dreimal im Morgengrauen werdet ihr an Mr. Gwyn denken. Lesenslang. Heike ist das auf Irve liest auch passiert. Und hier könnt ihr mir beim Schwärmen zuhören… Die Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern.

Und hier folgt schon sein neues Meisterwerk: „Smith & Wesson

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco