„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die Bücherschmuggler von Timbuktu von Charlie English

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Unterhaltung, Spannung, Bildung, bibliophile Leidenschaft oder die intellektuelle Auseinandersetzung mit weltbewegenden Themen, denen man literarisch kaum entrinnen kann. Tausend Bücher gilt es zu lesen, um alle Facetten aufzuspüren, die das Lesen so wichtig machen. Ganz selten passiert es jedoch, dass ein einzelnes Buch jeden dieser tausend Gründe abdeckt. Wenn dies geschieht, hat man einen wahrlich großen Fund im Büchermeer gemacht und sollte ihn ganz besonders bewahren und schätzen. Heute schreibe ich über ein Buch, das alles bietet, was man sich von einem perfekten Leseabenteuer erhofft. Heute stelle ich euch ein Buch vor, das sich liest wie ein Roman, das sich so anfühlt wie ein Sachbuch und das die Atmosphäre eines großen Expeditionsberichtes verbreitet. Ein Buch, in dem ich las, stöberte, träumte und mit dem ich recherchierte. Ein Buch, von dem man denkt, es stamme aus der geheimen Bibliothek einer versunkenen Stadt.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu„. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes von Charlie English. (Hoffmann und Campe)

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Afrika hat vor der Ankunft der Europäer praktisch keine Geschichte…, da die Geschichte erst dann beginnt, wenn der Mensch zu schreiben anfängt.“ 

Diesen Worten des britischen Historikers A.P. Newton verdanken wir noch heute ein Bild vom afrikanischen Kontinent, das jahrhundertelang Ausgang jeden Denkens war, wenn es um die Vormachtstellung des ach so wohlmeinenden Weißen ging. Afrika war ein unbekannter blinder Fleck, den es zu entdecken und zu erobern galt. Afrika war nicht mehr als eine Landmasse voller Bodenschätze, jener Sehnsuchtsort für Entdecker und ein wichtiger Wirtschaftsraum für das expandierende Europa. Eines war der dunkle Kontinent jedoch nicht. Lebensraum gleichberechtigter Menschen. Afrika ist Quelle der Sklaverei. Afrika ist Heimstatt für Rassismus. Afrika ist Synonym für Unterentwicklung und Rückständigkeit seiner Bewohner. Afrika ist das perfekte Opfer zur Ausbeutung.

Viele dieser Vorurteile haben die Zeit überdauert. Entwicklungsländer und „Dritte Welt“. Klingelt da nichts in unseren alltagsrassistischen Ohren?

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Was aber, wenn diese vorherrschende Meinung fehlender schriftlicher Zeugnisse erschüttert würde? Was, wenn sich in Afrika Manuskripte und Bücher finden würden, die der Möchtegern-Überlegenheit der weißen Kolonisatoren einen Riegel vorschieben könnten? Was, wenn man in Afrika nicht nur Reichtum, sondern Kultur finden würde? Was, wenn die legendäre Stadt Timbuktu nicht nur mit goldenen Dächern, sondern mit Bibliotheken aufwarten würde? Diesen Fragen widmeten sich ganze Generationen von Entdeckern. Die Geschichte dieser Forscher erzählt das vorliegende Buch. Es ist einer von zwei Perspektiv-Strängen, die uns Afrika und Timbuktu in neu erstrahlendem Licht erscheinen lassen. Es ist die Geschichte mutiger Männer und ihrer Expeditionen, die sie ins Herz von Afrika führten. Es ist die verlustreiche, tragische und meist tödliche Geschichte, die uns dieses Buch näherbringt.

Diese Geschichte ist wichtig für das Verständnis des zweiten Handlungsfadens derBücherschmuggler von Timbuktu“. Denn was man zwischen 1795 und 1855 in Afrika fand, war alles andere als purer Reichtum. Es waren schriftliche Quellen, deren Ursprung teilweise weit vor den ersten christlichen oder europäischen Aufzeichnungen datiert werden musste und die deutlich belegen, wessen Kultur hier fortgeschritten war!

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die lebendigen Expeditionsberichte entführen uns in eine längst vergangene Zeit und zeigen in der Aufarbeitung ihrer Ergebnisse durch die europäischen Zentren des Wissens, wie der Royal Geographic Society, dass sie letztlich doch nur dazu dienten, einen ganzen Kontinent zu unterjochen. Faszinierend beschrieben, mehr als schlüssig erklärt und unabdingbar für unser Verständnis des heutigen Afrikas. Parallel zu diesen Entdeckungen konfrontiert uns Charlie English mit den religiösen Abwegen, die sich nicht nur auf Afrika, sondern inzwischen auf die ganze Welt auswirken. Er erklärt die Kausalzusammenhänge zwischen Kolonisatoren und religiösem Fanatismus. Er bringt auf den Punkt, was heute in extreme Schieflage geraten ist. Er erzählt die Geschichte der Islamisten, denen nicht mal eigene schriftliche Überlieferungen, Manuskripte und Baudenkmäler heilig sind, wenn es darum geht ihre Macht auszudehnen. Er erzählt die Geschichte vom Krieg der Al-Quaida gegen die eigene Bevölkerung und er erzählt von Timbuktu und seinen Menschen, die sich mit aller Macht und unter Lebensgefahr gegen die Vernichtung ihrer überlieferten Geschichte wehren.

Diesen gefährlichen Weg mussten sie alleine gehen, denn die Hüter des Welterbes erklärten schlicht und ergreifend, dass Bücherschmuggel nicht zur Kernkompetenz der UNESCO gehören würde. So machten sich schließlich drei Männer und eine Frau auf den Weg, tausende Manuskripte und Bücher aus dem besetzten Timbuktu in Sicherheit zu bringen.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ ist nicht nur ihre Geschichte. Es ist die Geschichte von Timbuktu, das als Sehnsuchtsort wie ein magnetischer Pol wirkte. Es ist nicht nur eine Geschichte. Es ist eine Ansammlung in sich geschlossener Kreise, die uns verstehen lässt, wo Fehlentwicklungen begonnen habe, was wir selbst verursacht haben und was der religiöse Wahn von Salafisten heute alles unter sich begräbt. Dies ist eine Geschichte, die man lesen sollte. Nicht nur wegen der Bücherschmuggler oder um Timbuktu besser zu verstehen. Es ist eine Geschichte, die in der Lage ist, uns vom hohen Ross zu holen, wenn es darum geht den Begriff „Dritte Welt“ zu verwenden und dabei das Gefühl von Überlegenheit zu empfinden. .

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Ich habe euch vielleicht nur 597 genannt. Ich gehe jede Wette ein, dass ihr die restlichen 403 selbst entdecken werdet. Selten habe ich in einem derart spannend erzählten Buch so vieles gelernt. Dinge, die ich zu kennen glaubte und von denen ich letztlich keine Ahnung hatte. Charlie English gibt sich nicht mit Oberflächlichem zufrieden. Er geht in die Tiefe, erklärt, fabuliert und relativiert. Ihm zu folgen ist so leicht.

Kein wissenschaftliches Kunststück. Viel mehr ein absolutes Bravourstück… 

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Mehr Afrika in der Literatur: Ich hatte einen Blog in Afrika„. Meine Lesereise zum dunklen Kontinent… Vielschichtig, facettenreich, romantisch, politisch… Afrika.

Afrika und AstroLibrium eine interkontinentale Vrbindung

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„So sprach Achill“. Alessandro Baricco erobert Troja

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Troja. Synonym für Verrat, Heldentum und Verlust. Wer kennt nicht Achill, Aeneas, Odysseus und die schöne Helena? Doch wer hat Homers „Ilias“ gelesen? Ist das Epos aus der griechischen Antike für uns heute überhaupt noch lesbar? Eher nein. Gedichte, Reime, Oden, Versformate, die Gliederung in Gesänge und nicht zuletzt die unüberschaubare Flut an Göttern mit zahllosen Stammbäumen und Verflechtungen sorgen beim Lesen des Originals schnell für Verzweiflung. Zumindest,wenn man kein altgriechisches Studium in der Hinterhand hat. Also was tun, wenn man die größte Heldensage verstehen möchte?

„So sprach Achill“ verspricht Rettung. Man greife einfach zum großen italienischen Wortmagier Alessandro Baricco (Seide) und vertraue sich seiner Nacherzählung des Trojanischen Krieges, erschienen bei Hoffmann und Campe, an. Was ihm gelingt ist grandios. Wie er uns zeitgemäß und zeitlos in die Schlacht führt?

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Ganz einfach. Man nehme das Original von Homer; entfrachte es von allen Göttern; mache die Helden zu eigenständig denkenden und handelnden Menschen; lasse diese aus ihrer Sicht erzählen und füge eigene typische Baricco-Texte ein. Was so entstand ist ein spannendes und flüssig zu lesendes Meisterwerk. Gleichsam eine Hommage an Homer, wie auch ein Buchkunstwerk für jeden, der mit der griechischen Mythologie auf Kriegsfuß steht. Alessandro Baricco erzählt hier von der größten Liebe aller Zeiten, von unglaublicher Feigheit, bedenkenlosem Verrat und tragischem Verlust, von betörendem Stursinn und wahrem Heldenmut. Zeitloser war Troja niemals zuvor. Und doch ist es eine große literarische Herausforderung sich in der heutigen Zeit mit Agamemnon, Ajax und Hektor vor die Tore Trojas zu begeben und ein Schlachtengemetzel zu erleben, das in der Literaturgeschchte seinesgleichen sucht.

Ich tat es aus gutem Grund. Ich musste nach Troja, weil mich die Sehnsucht trieb. Es war Tania Blixen, die mich schon vor langer Zeit in die Schlacht trieb. Endlich war ich bereit, ihr zu folgen. Tania Blixen? Richtig gelesen…

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil…

„Infandum, regina, jubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie mit Troja. Jetzt stehe ich mit Alessandro Baricco vor den Toren der Stadt. Rüste mich einerseits für ihre Verteidigung, plane andererseits die Eroberung und denke dabei an eine dänische Schriftstellerin. „So sprach Achill“ öffnet bei mir die Schleusen, die 1986 in meinem Herzen errichtet wurden.

Ach Tane, Du würdest das gerade jetzt so gut verstehen. Und nicht nur ich folgte dem Ruf zu den Waffen. Alessandro Baricco vollbrachte mit seiner Nacherzählung der „Ilias“ ein wahres Wunder.

So sprach Achill von Alessandro Baricco

10.000 Menschen zahlten Eintritt, um in Rom einer Lesung zu folgen, die Homers „Ilias“ zum Thema hatte. Nicht jedoch zur Originalfassung aus der Feder des großen Homer. Alessandro Baricco hatte eingeladen seiner Nacherzählung des Epos zu folgen. Eine Bearbeitung, die das Heldenepos rund um den Trojanischen Krieg auf neue Füße stellt. Einige chirurgisch präzise Eingriffe, einige Perspektivwechsel, neue Zutaten und schon war mit „So sprach Achill“ ein neues Werk entstanden. Ich lud Homer in meine kleine literarische Sternwarte ein. Ich wollte die „Ilias“ aus dem Anaconda Verlag und den neuen Achill miteinander vergleichen. Ich wollte Homer fragen und sehen, was von ihm übrig geblieben ist. Ich ließ mich vor die Tore von Troja schleifen, kämpfte dort um mein gutes Lesen und erlebte einen Gänsehautmoment nach dem anderen.

Baricco nimmt Homer nicht, was des Homers ist. Er würdigt sein Schreiben, macht es jedoch durch die inhaltliche Verkürzung transparent und nachvollziehbar. Die eigene schriftstellerische Leistung Bariccos setzt mit seinen Texten ein, die er ganz zart in das Epos einfließen lässt und die wir durch die kursive Schriftart sofort erkennen. Ehre und Heldenmut relativiert er ebenso, wie er Liebe und Abhängigkeit hervorhebt. Hier werden Helden lebendig, verwundbar und nachdenklich. Baricco entfrachtet und revitalisiert die Geschichte, die Geschichte schrieb. Seine Handschrift ist deutlich spürbar:

„Wir kämpften mit den Waffen in der Hand:
Dieser Mann ging in die Schlacht,
und in seiner Hand hielt er die Welt“

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Wer erfahren möchte, warum Baricco in die Schlacht zog, der wird am Ende des Buchs in Staunen versetzt. Sein Nachwort ist das Nachwort eines Pazifisten, der dem Krieg der heutigen Zeit den Krieg erklärt. Er verdammt und verurteilt nicht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Krieg eine besondere Schönheit, eine magische Anziehungskraft und eine zeitlose Faszination auf uns Menschen ausübt. Das Gegenmittel? Eine andere Schönheit ins Feld zu führen. Eine Schönheit die noch faszinierender ist, als das Töten auf dem Schlachtfeld. Seine „Postille über den Krieg“ zeigt deutlich, dass er mit „So sprach Achill“ ein Trojanisches Pferd vor unsere Stadttore geschoben hat, dem er nun entsteigt um eine Geschichte zu erzählen. Manchmal sind es die Erzähler, die der Welt den Frieden bringen. Ein großes, ein zeitloses, ein wichtiges Buch.

„Wir wussten, auch der lange Krieg, den wir führten, war alt,
und eines Tages würde ihn der gewinnen,
der imstande sein würde,
ihn auf eine neue Weise zu führen.“

Alessandro Baricco zu lesen ist ein Privileg. Über ihn zu schreiben, meine wahre Passion. Hier geht´s zu meiner Baricco-Lebensbibliothek… 

So sprach Achill von Alessandro Baricco und mehr von Hoffmann und Campe

„Herr Origami“ und „Sadako“ – Mein Lesemoment 2017

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Da ist er nun. Mein Lesemoment 2017. Das literarische Highlight, das man im Verlauf eines Lesejahres so sehnlich herbeisehnt. Das Buch, von dem man später sagen kann, dass es das Buch des Jahres war. Die Ursache für dieses Prädikat ist natürlich höchst subjektiv und in besonderer Weise individuell, da ein Buch alleine selten in der Lage ist, mich zu diesen Jubelstürmen aufsteigen zu lassen. Es ist die Perlenkette aus Büchern, die ein solches Werk knüpfen, es sind die Assoziationen, die es in mir auslösen und es sind die Gefühle, die es wecken muss, um mich zu diesem Urteil zu verleiten. Ich habe ihn erlebt, diesen Moment 2017, und das schon im September.

Es sind schmale 157 Seiten, die mich aufjauchzen lassen. Es ist ein Roman, der in seiner literarischen Dimension vielleicht nur mich so sehr aufrüttelt, weil er Lesegefühle mit neuem Leben erweckt, die ich bisher nur in einem meiner absoluten Herzensbücher durchleben durfte. Aber es ist auch eine Geschichte, die in der Lage ist, bibliophile und empathische Leseseelen zu bewegen, die meine Erfahrungen nicht teilen. Denn dieses Buch wird eine Lesekette auslösen, der man sich nicht verweigern kann. Hier ist er nun, mein Lesemoment des Jahres.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci, erschienen bei Hoffmann und Campe, kommt in seinem Erscheinungsbild schlicht und schmal daher. Ein gefalteter Kranich, eine Wiese und zwei Bäume zieren das Buchcover. 157 Seiten warten auf ihre Leser. Zarte Seiten, die aufgrund des Buchlayouts jeweils mit japanischen Schriftzeichen eingeleitet werden und dann recht überschaubar gefüllt sind. Beim oberflächlichen Blättern kann schon der Eindruck entstehen, es würde sich um Gedichte handeln. Kurz gesagt, es ist ein kurzes Lesevergnügen. Nur eine Stunde verging zwischen der ersten und der letzten Seite. Es ist die Stunde, die ich nicht mehr vergessen werde. Es ist eine Sehnsuchtsgeschichte voller Lebensweisheit, Philosophie und mit einem Tiefgang, den man eigentlich in dem vorliegenden Format kaum erzeugen kann. Und doch gelingt es Jean-Marc Ceci auf so beeindruckende Art und Weise.

Es ist die Geschichte eines Japaners, der seine Heimat für die große Liebe seines Lebens verlassen hat. Herr Origami“ wird er genannt. Mit „Meister Kurogiko“ sollte man ihn jedoch anreden, wenn man ihm begegnet. Denn er ist ein wahrer Meister. Sein Leben hat er der Herstellung von „Washi“ gewidmet, japanischem Papier. Seine wahre Leidenschaft jedoch ist es, aus dem schönsten Papier Origami-Kraniche zu falten. Seit nunmehr 40 Jahren lebt Herr Origami in Italien. Er schöpft Papier, faltet seine Kraniche, entfaltet sie wieder und meditiert, die so entstandenen Faltlinien betrachtend. Das tiefe Geheimnis, dem dieses spirituelle Leben zugrunde liegt, heißt Liebe.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Ein einziges Mal hat Herr Origami sie gesehen. Dieser eine Augenblick hat gereicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen und ihr zu folgen. Nur ihre Herkunft war ihm bekannt. Italien. Seit 40 Jahren nun lebt Herr Origami in der Abgeschiedenheit der Toskana und wartet auf den Moment, in dem das Schicksal ihn und die von ihm verzweifelt Geliebte wieder vereint. Die Tage des Wartens verbringt er schöpfend, faltend entfaltend und still meditierend. Bis ein unerwarteter Besuch alles ändert. Der Uhrmacher Casparo dringt in diese geschlossene Welt ein und verführt den Meister dazu, sich langsam zu öffnen und seine Geschichte zu erzählen.

Spätestens hier befand sich mein Herz im Aufruhr. Japan, schrie es. Und schon war es um mich geschehen. „Seide“ von Alessandro Baricco erzählt spiegelverkehrt, was Jean-Marc Ceci mir gerade in die Seele schreibt. Baricco lässt einen Franzosen immer wieder nach Japan reisen, um IHR zu begegnen. Der großen Liebe seines Lebens. Ein junges Mädchen, das er nur ein einziges Mal sah, dessen Stimme er nie vernahm und das sein Leben für immer veränderte. Baricco lässt seinen Hervé Joncour in das Japan seiner Sehnsucht eintauchen, ohne je die Chance zu haben, seine Geliebte zu finden.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Jean-Marc Ceci bringt nun seinerseits einen japanischen Liebenden nach Europa und verzaubert seine Leser mit der poetischen, philosophischen Erzählung, die unsere Sichtweise auf eine hoffnungslose Liebe nachhaltig verändert. Was sich hier von Seite zu Seite entwickelt ist ein fast schon meditatives Bild der inneren Balance, wo doch nur aufgewühlte Gefühle toben. In der Begegnung mit dem Uhrmacher Casparo entwickelt Ceci einen Diskurs über die Gemeinsamkeiten von Leidenschaften, Perfektion und der ewigen Suche nach den Antworten zu allen Sinnfragen des Lebens. Die Zeitvorstellung des Uhrmachers kollidiert mit der zeitlosen Dimension des Origami-Künstlers.

Auch hier schließt Herr Origami einen unsichtbaren Pakt mit einem Buch, das in seiner Entschleunigung verzaubert. „Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon hat mir ein längst vergangenes Japan nähergebracht, das jedoch im „Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci allgegenwärtig ist. Philosophie, Kontemplation und Spiritualität führen uns in ein Leben, in dem Abgeschiedenheit nur eine besondere Form von Leidenschaft ist. Im tiefsten Inneren beider Bücher spürt man einen japanischen Geist, der inspirierend und entschleunigend ist. Lebensweisheiten werden hier nicht nur zitiert, sie werden geprägt. Werte und Ansichten werden gelebt. Liebe wird um ihretwillen geliebt, auch wenn es so hoffnungslos erscheint wie bei Baricco oder Ceci. Selten hat ein poetischer Roman mir so viele Türen geöffnet. Selten habe ich so tiefe Verbindungen zu den Büchern meines Lebens gespürt. Und selten hat mir dabei ein Autor eine doch ganz eigenständige und wertvolle Geschichte erzählt.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci und Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen

Jean-Marc Ceci gelingt es weit auszuholen ohne dabei zu fabulieren. Nicht nur die Kunst der Papierherstellung in Japan wird hier zur Kunstform erhoben, auch das Falten dieses Papiers – für uns meist nur kreativer Zeitvertreib – wird hier über jeden Verdacht erhaben, die Zeit zu vertreiben. Hier kommt Ceci zu einer Bücherkette, die er in seinem Schreiben auslöst, die zu einen weiteren unglaublichen Lesemoment bei mir führte. Er erzählt von der Legende der tausend Kraniche. Er erzählt von einem kleinen Mädchen, dem es nicht vergönnt war, so viele Kraniche zu falten, um einen Lebenswunsch erfüllt zu bekommen. Er erzählt von „Sadako“.

Ich sprang lesend auf, griff in den SUB meiner ungelesenen Köstlichkeiten und es war mir bewusst, dass ich diesen Namen schon gehört hatte. Und da lag das Buch. Ein aktuelles Kinderbuch, erschienen im Aladin Verlag, mit Origami-Kranichen und einem jungen Mädchen im Krankenbett auf dem illustrierten Cover. Gänsehaut. „Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen“ von Johanna Hohnhold hatte mich erst vor wenigen Tagen erreicht. Nun weiß ich, dass Bücher Schicksale haben. „Habent sua fata libelli“. Es kann doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet dieses Buch auf mich wartet. Es ist kein Zufall, davon bin ich überzeugt. Hier liegt der Zauber von „Herr Origami“ auch für Leser verborgen, die weder Seide noch das kopfkissenbuch gelesen haben. Hier weist eine Bücherkette in die Zukunft und man kann gar nicht anders, als sich Sadako ganz behutsam zu nähern.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci – Sadako – Eine wichtige Geschichte

Geht auch diesen Pakt ein, den Herr Origami für euch geschlossen hat. Besucht Sadako in Hiroshima und lasst euch in einem Kinderbuch, das viel mehr ist, von einem Mädchen erzählen, dem nicht nur in Hiroshima, sondern unter anderem auch in Köln weltweit Denkmäler gewidmet sind, die eines gemeinsam haben. Den Origami-Kranich. Lasst diese Geschichte zu. Lasst es zu, einem Mädchen zu begegnen, das ohne jede Hoffnung auf Genesung als Opfer der Spätfolgen des Atombomben-Abwurfes alle Kraft in die tausend Origami-Kraniche steckte, die ihr einer alten Legende zufolge das Leben retten sollten.

Zeitvertreib? Nein. Herr Origami und Sadako öffnen einzigartige Perspektiven auf die japanische Papierkunst. Beide Bücher öffnen neue Perspektiven auf das Leben. Vielleicht kann man jetzt nachvollziehen, warum „Herr Origami“ und „Sadako“ für mich zu einem einzigen, tief miteinander verwobenen Lesemoment wurden. Vielleicht kann man sich vorstellen, dass beide Bücher und meine eigene kleine japanische Bibliothek ein philosophisch romantisches Bündnis geschlossen haben, um mich zu verzaubern.

Darum lese ich!

Herr Origami von Jean-Marc Cec

Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Was habe ich nicht schon alles mit Alessandro Baricco erlebt! Ich bin mehrmals in meinem Leben mit ihm nach Japan gereist, um Seidenraupen zu erstehen, obwohl mir völlig klar war, dass die Augen eines jungen Mädchens der eigentliche Grund für diese Fluchten war. Ich habe mit ihm ein Schiff betreten, auf dem ein Ozeanpianist die Musik neu erfand und sich doch nicht traute, jemals an Land zu gehen. Ich habe mit ihm und einem gewissen Mr. Rail kilometerlange schnurgerade Eisenbahnstrecken konstruiert, um der Lokomotive Elisabeth im Land aus Glas die größtmögliche Geschwindigkeit zu ermöglichen. Ich habe mich in einer Pension am Oceano Mare eingemietet, um einen Maler zu beobachten, der das Meer täglich mit Ozeanwasser zu malen beginnt. Ich war Zeuge einer legendären Boxkampf-Reportage in einer City, die sich jeder literarischen Kategorie entzog. (Weiterhören…: hier)

Die junge Braut – Alessandro Baricco – Die Radio-Rezension – hier klicken

Ich konstruierte mit ihm eine Autobahn, die nur den Sinn hatte, einen Lebensweg in die Landschaft zu kopieren, um eine verlorengeglaubte Prinzessin wiederzufinden. Ich listete mit Mr. Gwyn genau 52 Tätigkeiten auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedachte um sich auf seine neue Profession vorzubereiten. Portraits zu schreiben. Ich stürzte vor den Augen der Geschäftsfreunde Smith & Wesson in einem Holzfass die Niagarafälle herab, nur um am Ende jenes freien Falls mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern zu ziehen. Ich zog mit ihm durch unzählige einzigartige Welten, begegnete dabei Romanfiguren von einer literarischen Strahlkraft, die ihresgleichen sucht, befreite mich vom strukturierten Denken und erweiterte meinen Horizont und hielt mich oftmals an Worten fest, die durch ihn einen völlig neuen Sinn erhielten. Ich sehe heute noch mit meinem geistigen Auge Grabsteine, die nur die Inschrift „Ach“ tragen, denke oft an ein leeres Schmuckkästchen, das die Rückkehr eines geliebten Ehemannes ankündigt und weine still vor mich hin, wenn ich die Zeilen „Komm zurück Fremder, oder ich sterbe“ lese.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich habe in, durch und neben seinen Romanen junge Mädchen kennengelernt, die mein Leben verändert haben, und kann mich mit jeder Faser meines Herzens an jeden Satz aus seiner Feder erinnern, der meinen eigenen Weg so treffend beschreibt. Jedes neue Buch von Alessandro Baricco erscheint mir wie ein Schatz, den ich vielleicht gar nicht verdient habe. Jedes neue Buch aus seinem kreativen Gedankenatelier stellt eine Herausforderung für mich dar, der ich aktiv gerecht zu werden versuche. Dabei sind mir seine Stilmittel inzwischen so vertraut, dass ich einen Baricco hundert Kilometer gegen den Bücherwind erkenne. Seine Listen und Aufzählungen sind geradezu legendär. Die Melodie seiner Geschichten gleicht avantgardistischen Kompositionen, die niemals nur Schlager sind, immer jedoch unvergessliche literarische Ohrwürmer voller Tiefgang.

Mit zitternder Hand und pochendem Herzen betrachtete ich sein neues Buch Die junge Brautsehr lange, bevor ich es wagte, die heiligen Hallen seines Schreibens zu betreten. Ehrfürchtig und auf wirklich alles gefasst, erinnerte ich mich an jene Momente meines Lebens, die durch seine Romane geprägt wurden. Sollte dies auch einer dieser magischen Augenblicke werden? Sollte mir auch hier ein Mädchen begegnen, dem ich lebenslang verfalle? Sollte ich auch in diesem Buch Zitate entdecken, die ich in meinen Notizbüchern der wichtigsten Zitate meines Lebens eintragen würde? Sollte es so sein, wie es immer war? NEIN… Diesmal war es anders.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Romane von Alessandro Baricco entziehen sich für mich jeglicher Norm für eine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich mag nicht über den Inhalt schreiben, weil sich gerade diese kreativen und ungewöhnlichen Geschichten für jeden geneigten Leser in einer ganz eigenen Art erschließen. Darüber hinaus entfalten sie ihre Wirkung in einer literarischen Dynamik, die es anschließend wenig sinnvoll erscheinen lässt, sie auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner zu verdampfen. Für mich gilt es hier meine Gefühle zu beschreiben, meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen und festzuhalten, wie mir „Die junge Braut“ auch noch in zehn Jahren in Erinnerung bleiben wird. Wenn es mir dann gelingen sollte, die pure Neugier auf diesen Roman zu wecken, ohne dabei vorwegzunehmen, was zwingend vorenthalten bleiben muss, dann bin ich wahrlich der glücklichste Literaturblogger der Welt.

Wenn mein Blick in einigen Jahren auf dieses Buch fällt, dann werden Bilder in mir lebendig, die sich schon nach wenigen Stunden in meinem Herzen eingebrannt haben. Wenn ich dann an diesen Buchtitel denke, werde ich mich auch daran erinnern, warum dieser Roman so anders ist, als all die zuvor gelesenen von Alessandro Baricco. Dann werde ich an Begegnungen in der Geschichte denken, die mich nicht mehr losgelassen haben und ich werde erneut zu Gast im wohl ungewöhnlichsten italienischen Haushalt sein, der mir in meinem Lesen bisher begegnet ist. Und ich werde erneut nachdenken, warum mir das Originalcover (das in allen anderen europäischen Ländern das Buch ins Auge des Betrachters rückt) besser gefällt, als die augenlose Silhouette der deutschen Ausgabe von Hoffmann und Campe. Vielleicht ist es so, weil „Die junge Braut“ in jeder Beziehung der bisher erotischste und obsessivste Roman des italienischen Autors ist.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ja, sie scheint auf den Mund reduziert zu sein: Die Junge Braut. Für mich jedoch wird sie immer mehr als das sein, obwohl diese Fokussierung der Geschichte sehr wohl entspricht. Namenlos ist das Mädchen, versprochen und zur Hochzeit bereit, als sie im Haus der Familie ihres Bräutigams erscheint. Namenlos ist auch die Überraschung, da man augenscheinlich nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet hat. Alles ist verabredet, es könnte so einfach sein und eigentlich sind alle da: Die unfassbar schöne Mutter, deren Ausstrahlung einem geheimen erotischen Universum gleicht; der herzkranke Vater, der gar kein Vater ist; die Tochter des Hauses, die nur im Sitzen oder Liegen schön ist und der Onkel, der sich in einem Zustand des Dauerschlafens befindet . Einzig der Verlobte fehlt. Spurlos fast. Ein Telegramm soll helfen. Doch was nur tun mit der jungen Braut?

„So wurde sie ein Teil des Hauses, und dort, wo sie sich in ihrer Vorstellung als Ehefrau hatte eintreten sehen, fand sie sich jetzt als Schwester, Tochter, Gast, willkommene Anwesenheit und Dekoration.“

Niemals werde ich diesen Haushalt vergessen. Niemals jene vier Regeln, die für das komplexe und immer gleich verlaufende Leben seiner Bewohner stehen. Regeln, deren tiefer Sinn nur darin zu bestehen scheint, die Ängste der Familie im Zaum zu halten. Es fällt der jungen Braut schwer, alles zu begreifen, sich auf alles einzulassen und letztlich auch zu warten, bis der Sohn zurückkehrt, sollte dies je der Fall sein. Unvergessen, die Zeichen für sein baldiges Erscheinen. Unvergessen das erotische Knistern, das von der jungen Braut Besitz ergreift und tief in mein Herz gebrannt die Irrwege, denen sie folgt, um ihr Ziel zu erreichen. Zu viel hat es sie gekostet, hier zu sein. Zu viel hat sie riskiert. Unvorstellbar, wenn es jetzt nicht zur Ehe käme. Alles wäre verloren.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich sehe die junge Braut, ihren Mund und ihre schlanke Figur noch immer durchs Haus schleichen. Ich fühle alle Berührungen, die sie erfährt und die sie gewährt. Ganz beiläufig scheinbar nähert sie sich den großen Geheimnissen der Familie. Sie wird mit allen vertraut und doch gelingt das Trauen nicht, weil einer fehlt. Der rote Faden einer obsessiven Leidenschaft zieht sich durch diesen Roman wie die Spur einer erotischen Selbstzerfleischung. Jede Flucht, jeder Hauch und jede Berührung öffnen einen neuen Zugang, neue Perspektiven auf die Geschichte und geben Anlass für Spekulationen. In diese inhaltlich dichte Atmosphäre dringt von Seite zu Seite ein in literarischer Hinsicht anarchisch wirkender Aspekt in den Vordergrund. Wer erzählt hier eigentlich? Warum wechselt die Erzählstimme plötzlich vom neutralen „sie“ ins persönliche „ich“?

Mit einem Donnerhall der Erkenntnis reift im Leser ein Gedanke, was Alessandro Baricco hier wagen könnte. Eine erste Spur, ein leises Aufflammen eines Gedankens und dann die Wucht des Erkennens sind Wesensmerkmale des Lesens. Jemand dringt ins Innerste des Buches ein und bemächtigt sich unserer Seele. Aus einer Geschichte werden zwei und aus zwei Geschichten wird die Eine, die es zu erzählen gilt. Nur diese eine Geschichte zählt. Es ist die Geschichte wahrer Leidenschaft, des Wartens und der Opferbereitschaft für die Liebe eines Lebens. Für mich wird sie dies immer bleiben. Und doch beginne ich so langsam zu begreifen, was ich eigentlich gelesen habe. Es ist ein ganz besonderes literarisches Momentum, das ich jedem Leser ans Herz legen mag.

Wer mit seinem Herzen liest, der muss sich auf Alessandro Baricco einlassen. Es ist nie zu spät für einen neuen Baricco, es ist nie zu spät für den ersten Baricco.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Wie unterschiedlich und doch vergleichbar das Lesen von Baricco ist, kann man bei Bianca & Literatwo sehen. Wir haben gemeinsam stundenlang mit der Familie im Haus gefrühstückt, sind der jungen Braut durch die Geschichte gefolgt, haben Zitate in Hülle und Fülle gesammelt um sie ins Notizbuch unseres Lebens einzutragen. Wir sind in den Kern einer großen Geschichte vorgedrungen und doch zeigt ihre Rezension, wie unterschiedlich unsere Empfindungen am Ende des gemeinsamen Lesens sind. Genau in diesem Unterschied liegt das Geheimnis dieses Romans verborgen. Man empfindet ihn aus den unterschiedlichsten Gründen als Meisterwerk. Wagt es selbst…

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Im Leben vereint – in den Büchern getrennt – in meinem Lesen wieder vereint. So wird mein Bücherregal zu einem magischen Ort, einem geschützten Raum und letztlich zu einem Literaturbiotop, in dem sich Zelda und F. Scott Fitzgerald wieder gefunden haben. Ich erlebe in den letzten Monaten die Omnipräsenz dieser außergewöhnlichen Menschen. Ich lese ihre Erzählungen, fühle die Gemeinsamkeiten ihrer Erlebnisse und deren Verarbeitung in ihren Texten. Ich erkenne sie in anderen Büchern wieder und bin begeistert, weil die Dynamik ihrer Sprache in absoluter Zeitlosigkeit pulsiert.

Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald, ein wundervoller Erzählband aus der Feder einer Schriftstellerin, die zeitlebens im Schatten ihres erfolgreichen und bewunderten Ehemannes stand, hat mein Lesen und mein Leben erobert. Obwohl ich mich früher nachhaltig geweigert habe Kurzgeschichten zu lesen, habe ich den Einstieg in die Denkwelt der Zelda Fitzgerald niemals bereut. Im eigentlichen Sinne hat sie mir ihren Ehemann schon hier ganz persönlich vorgestellt, weil ihr gemeinsames Leben in ihren Erzählungen mitschwingt. Viel Autobiografisches kann man finden, wenn man in aller Tiefe danach sucht.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Omnipräsent sind die beiden Schriftsteller, weil sie Paris bereits erobert hatten, als der noch völlig unbekannte Ernest Hemingway dort seine Zelte aufschlug, um die Welt der Literatur zu verändern. Die wilden Zwanziger Jahre in Paris hallen noch heute nach, wenn ich in Hemingways „Paris, ein Fest fürs Leben“ versinke, oder ihm und seinem Umfeld in Romanen, Biografien und Erzählungen aus dieser Zeit erneut begegne. Eine Zeit, in der literarisch alles möglich war, in der die Sprache neu erfunden wurde und in der sich auch Autoren neu erfanden. Zelda und F. Scott Fitzgerald bildeten in diesem Paris DAS magische Doppel, an dem es kein Vorbeikommen gab.

Sie waren das Auge des literarischen Orkans. Um sie drehte sich alles. Wonach alle Autoren-Newcomer in ihrem Schreiben strebten, sie hatten es bereits erreicht. Lesley M.M. Blume verdeutlicht dies in ihrem Buch „Und alle benehmen sich daneben“ (dtv) nachhaltig. Überall wo Hemingway damals auftauchte, F. Scott Fitzgerald war schon da und alles was Hemingway erreichen wollte, lag dem Konkurrenten schon zu Füßen. Der erste große Roman Hemingways, der seinen Durchbruch bringen sollte, erschien lange nach den ersten umjubelten Romanen seines Kontrahenten. Vor „Fiesta“ stand immer „Der große Gatsby. F. Scott schien der ewige Sieger dieses Literatur-Wettrennens zu sein. Ein Erfolgsautor, der mit seiner Frau das moderne Leben zelebrierte.

F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway – Konkurrenten

Doch nach diesem beachtlichen Frühstart sollten sich die Zeiten ändern. Auch in der damaligen Zeit wurden Autoren gerne zu Opfern ihres eigenen Schreibens und des Schubladendenkens der großen Verleger. Erwartete man von F. Scott Fitzgerald genau das, wofür er und der schillernde Lebensstil seiner Frau standen, dann wollte man auch nichts anderes aus seiner Feder lesen oder verlegen. Nach dem Boom der Zwanziger Jahre wurde es schwer für ihn. Viele seiner neuen Geschichten, die nicht mehr viel mit jener unbeschwerten Pariser Zeit zu tun hatten blieben unverkäuflich. Seine Versuche, sich von den Flapper-Stories zu distanzieren scheiterten am Desinteresse der Verlage und leise Verzweiflung machte sich breit.

Für dich würde ich sterben (Hoffmann und Campe Verlag) ist insofern eine kleine literarische Sensation, weil in diesem Buch genau diese unveröffentlichten Geschichten erstmals das Licht der Bücherwelt erblicken. Dabei sind sie brillant, inspirierend und in jeder Hinsicht mit einer sprachlichen Zeitlosigkeit gesegnet, dass man niemals auf den Verfasser schließen könnte, wüsste man seinen Namen nicht. Jede dieser Erzählungen könnte heute entstanden sein. Ihre inhaltliche Relevanz hat nichts an Brisanz verloren. Es ist ein anderer  F. Scott Fitzgerald, der uns in seinem Schreiben der Dreißiger Jahre begegnet. Es ist ein nachdenklicher, nach dem Sinn des Lebens suchender Autor, der durch private Krisen und die zunehmenden psychischen Probleme seiner Lebensliebe Zelda gezeichnet ist.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Und doch bereitet das Lesen seiner Erzählungen extrem großes Lesevergnügen. Er wirkt gereift, gewachsen und weitsichtig. Themen wie Liebe im Alter, Selbstmord und Misserfolg ziehen sich wie rote Fäden durch seine Texte. Dabei sind sie jedoch immer noch voller Strahlkraft, unglaublich intelligent, humorvoll und leicht lesbar. Was sie von früheren Geschichten unterscheidet, ist vielleicht die Tiefe der Erkenntnis, nach der hier gesucht wird und die Komplexität der inhaltlichen Konstruktion, die jede einzelne dieser Sequenzen wie eine vollwertige Geschichte wirken lässt. Fitzgerald steht hier nach wie vor für seinen Stil, den er Jahre zuvor geprägt hatte. Er beschreibt nichts Überflüssiges. Er verliert sich nicht in seitenfüllenden Details und das, was er letztlich zu Papier bringt ist der Extrakt einer ausgereiften Erzählung. Der Rest liegt in der Hand des Lesers.

Wir begegnen in seinen Geschichten den Gescheiterten und endlos Verliebten. Es sind die Suchenden und Zweifelnden, die sich hier einen Erzählraum erobern, der es in sich hat. Es sind die Gescheiterten, die wie Phönix aus der Asche auferstehen um sich selbst zu finden. Es sind Menschen, die im Zenit des Erfolgs erkennen, dass ihnen das Schicksal ein Bein gestellt hat. In „Spielschulden“ versucht ein verzweifelter Verleger seinen absoluten Bestseller zu retten. Eine kleine Indiskretion könnte seine Pleite sein. Es ist aber auch abstrus, dass ein Sachbuch über den parapsychologischen Kontakt zu einem Verstorbenen schon dadurch zur Farce wird, weil der Verleger dem Totgesagten persönlich begegnet. Jetzt heißt es handeln oder untergehen.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Wir begegnen den Verrückten und für verrückt Erklärten in einer Irrenanstalt und sind schon nach wenigen Seiten nicht mehr in der Lage zwischen gesund und krank zu unterscheiden. „Ein böser Traum“ endet zwar mit einem Erwachen, aber ob die Suche nach der wahren Liebe unter diesen Umständen erfolgreich ist, das bleibt fraglich. Hier strahlt die Erkrankung Zeldas in eine Kurzgeschichte hinein. Verunsicherung und tiefe Sorge um geliebte Menschen haben sich tief in den Text eingegraben. Zerrissenheit in Liebesfragen  könnte man eine der Motivlinien in den Erzählungen nennen. Liebe auf den ersten Blick bleibt „Die große Frage“ und das Niemandsland zwischen Pflicht und Kür wird zum Tummelplatz der Protagonisten.

Wer herzhaft lachen möchte, der sollte mit „Gracie auf See“ gehen. Wundervoll in seiner sprachlichen Ausgestaltung erleben wir die Bemühungen eines vom Vater eines wahren Mauerblümchens engagierten Werbefachmanns, die Unvermittelbare unter die Haube zu bugsieren. Ein fingierter Schönheitswettbewerb und ein desaströses Konzert machen aus dem Werbefeldzug in Sachen Gracie eine Posse im Stil von Pleiten, Pech und Pannen. Und doch gelingt dem Schriftsteller das Wunder der ewigen Liebe. Dieses Leitmotiv prägt das Buch. Ist Liebe eine Verrücktheit oder ein beseelter Zustand höchst zufriedener Menschen? Was kann und was darf man wagen? Wie weit geht Liebe? Es ist wohl die Frage seines Lebens an der Seite von Zelda, die ihn ewig beschäftigte.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald – Omnipräsenz

Für dich würde ich sterben“. Wie das Buch, so heißt auch die vielleicht nachhaltigste Geschichte der Kollektion. Was macht die Liebe aus einem Menschen? Kann man sich so sehr verlieben, dass man sich umbringt, weil man zu viel liebt? Wie begegnet man Männern, die in ihrer herzlosen Distanz Gefühle erzeugen, sie aber nicht erwidern? Es ist die ewig währende Geschichte von der Tragik der Liebe, die F. Scott Fitzgerald auf dem Gipfel eines Berges überhöht. Selbstmord oder nicht? Weiterleben oder nicht? Es sind Fragen, die auftauchen, wenn das Gefühl so groß und doch unerwidert bleibt. Was Fitzgerald hier über Liebe schreibt, lässt die Verliebten unserer Tage hoffen.

Das Leben war abwechselnd fröhlich und melancholisch,
aber es war immer das, wozu er es machte.

So ist es auch mit diesem Buch. Es ist traurig, lustig, romantisch, verzweifelt und steht sinnbildlich für das Leben, Streben und Lieben. Und egal, wie wir es lesen und empfinden, es ist immer das Buch zu dem er es machte. F. Scott Fitzgerald.

F. Scott Fitzgerald – Eine Erfolgsgeschichte