Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Was habe ich nicht schon alles mit Alessandro Baricco erlebt! Ich bin mehrmals in meinem Leben mit ihm nach Japan gereist, um Seidenraupen zu erstehen, obwohl mir völlig klar war, dass die Augen eines jungen Mädchens der eigentliche Grund für diese Fluchten war. Ich habe mit ihm ein Schiff betreten, auf dem ein Ozeanpianist die Musik neu erfand und sich doch nicht traute, jemals an Land zu gehen. Ich habe mit ihm und einem gewissen Mr. Rail kilometerlange schnurgerade Eisenbahnstrecken konstruiert, um der Lokomotive Elisabeth im Land aus Glas die größtmögliche Geschwindigkeit zu ermöglichen. Ich habe mich in einer Pension am Oceano Mare eingemietet, um einen Maler zu beobachten, der das Meer täglich mit Ozeanwasser zu malen beginnt. Ich war Zeuge einer legendären Boxkampf-Reportage in einer City, die sich jeder literarischen Kategorie entzog.

Ich konstruierte mit ihm eine Autobahn, die nur den Sinn hatte, einen Lebensweg in die Landschaft zu kopieren, um eine verlorengeglaubte Prinzessin wiederzufinden. Ich listete mit Mr. Gwyn genau 52 Tätigkeiten auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedachte um sich auf seine neue Profession vorzubereiten. Portraits zu schreiben. Ich stürzte vor den Augen der Geschäftsfreunde Smith & Wesson in einem Holzfass die Niagarafälle herab, nur um am Ende jenes freien Falls mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern zu ziehen. Ich zog mit ihm durch unzählige einzigartige Welten, begegnete dabei Romanfiguren von einer literarischen Strahlkraft, die ihresgleichen sucht, befreite mich vom strukturierten Denken und erweiterte meinen Horizont und hielt mich oftmals an Worten fest, die durch ihn einen völlig neuen Sinn erhielten. Ich sehe heute noch mit meinem geistigen Auge Grabsteine, die nur die Inschrift „Ach“ tragen, denke oft an ein leeres Schmuckkästchen, das die Rückkehr eines geliebten Ehemannes ankündigt und weine still vor mich hin, wenn ich die Zeilen „Komm zurück Fremder, oder ich sterbe“ lese.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich habe in, durch und neben seinen Romanen junge Mädchen kennengelernt, die mein Leben verändert haben, und kann mich mit jeder Faser meines Herzens an jeden Satz aus seiner Feder erinnern, der meinen eigenen Weg so treffend beschreibt. Jedes neue Buch von Alessandro Baricco erscheint mir wie ein Schatz, den ich vielleicht gar nicht verdient habe. Jedes neue Buch aus seinem kreativen Gedankenatelier stellt eine Herausforderung für mich dar, der ich aktiv gerecht zu werden versuche. Dabei sind mir seine Stilmittel inzwischen so vertraut, dass ich einen Baricco hundert Kilometer gegen den Bücherwind erkenne. Seine Listen und Aufzählungen sind geradezu legendär. Die Melodie seiner Geschichten gleicht avantgardistischen Kompositionen, die niemals nur Schlager sind, immer jedoch unvergessliche literarische Ohrwürmer voller Tiefgang.

Mit zitternder Hand und pochendem Herzen betrachtete ich sein neues Buch Die junge Brautsehr lange, bevor ich es wagte, die heiligen Hallen seines Schreibens zu betreten. Ehrfürchtig und auf wirklich alles gefasst, erinnerte ich mich an jene Momente meines Lebens, die durch seine Romane geprägt wurden. Sollte dies auch einer dieser magischen Augenblicke werden? Sollte mir auch hier ein Mädchen begegnen, dem ich lebenslang verfalle? Sollte ich auch in diesem Buch Zitate entdecken, die ich in meinen Notizbüchern der wichtigsten Zitate meines Lebens eintragen würde? Sollte es so sein, wie es immer war? NEIN… Diesmal war es anders.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Romane von Alessandro Baricco entziehen sich für mich jeglicher Norm für eine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich mag nicht über den Inhalt schreiben, weil sich gerade diese kreativen und ungewöhnlichen Geschichten für jeden geneigten Leser in einer ganz eigenen Art erschließen. Darüber hinaus entfalten sie ihre Wirkung in einer literarischen Dynamik, die es anschließend wenig sinnvoll erscheinen lässt, sie auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner zu verdampfen. Für mich gilt es hier meine Gefühle zu beschreiben, meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen und festzuhalten, wie mir „Die junge Braut“ auch noch in zehn Jahren in Erinnerung bleiben wird. Wenn es mir dann gelingen sollte, die pure Neugier auf diesen Roman zu wecken, ohne dabei vorwegzunehmen, was zwingend vorenthalten bleiben muss, dann bin ich wahrlich der glücklichste Literaturblogger der Welt.

Wenn mein Blick in einigen Jahren auf dieses Buch fällt, dann werden Bilder in mir lebendig, die sich schon nach wenigen Stunden in meinem Herzen eingebrannt haben. Wenn ich dann an diesen Buchtitel denke, werde ich mich auch daran erinnern, warum dieser Roman so anders ist, als all die zuvor gelesenen von Alessandro Baricco. Dann werde ich an Begegnungen in der Geschichte denken, die mich nicht mehr losgelassen haben und ich werde erneut zu Gast im wohl ungewöhnlichsten italienischen Haushalt sein, der mir in meinem Lesen bisher begegnet ist. Und ich werde erneut nachdenken, warum mir das Originalcover (das in allen anderen europäischen Ländern das Buch ins Auge des Betrachters rückt) besser gefällt, als die augenlose Silhouette der deutschen Ausgabe von Hoffmann und Campe. Vielleicht ist es so, weil „Die junge Braut“ in jeder Beziehung der bisher erotischste und obsessivste Roman des italienischen Autors ist.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ja, sie scheint auf den Mund reduziert zu sein: Die Junge Braut. Für mich jedoch wird sie immer mehr als das sein, obwohl diese Fokussierung der Geschichte sehr wohl entspricht. Namenlos ist das Mädchen, versprochen und zur Hochzeit bereit, als sie im Haus der Familie ihres Bräutigams erscheint. Namenlos ist auch die Überraschung, da man augenscheinlich nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet hat. Alles ist verabredet, es könnte so einfach sein und eigentlich sind alle da: Die unfassbar schöne Mutter, deren Ausstrahlung einem geheimen erotischen Universum gleicht; der herzkranke Vater, der gar kein Vater ist; die Tochter des Hauses, die nur im Sitzen oder Liegen schön ist und der Onkel, der sich in einem Zustand des Dauerschlafens befindet . Einzig der Verlobte fehlt. Spurlos fast. Ein Telegramm soll helfen. Doch was nur tun mit der jungen Braut?

„So wurde sie ein Teil des Hauses, und dort, wo sie sich in ihrer Vorstellung als Ehefrau hatte eintreten sehen, fand sie sich jetzt als Schwester, Tochter, Gast, willkommene Anwesenheit und Dekoration.“

Niemals werde ich diesen Haushalt vergessen. Niemals jene vier Regeln, die für das komplexe und immer gleich verlaufende Leben seiner Bewohner stehen. Regeln, deren tiefer Sinn nur darin zu bestehen scheint, die Ängste der Familie im Zaum zu halten. Es fällt der jungen Braut schwer, alles zu begreifen, sich auf alles einzulassen und letztlich auch zu warten, bis der Sohn zurückkehrt, sollte dies je der Fall sein. Unvergessen, die Zeichen für sein baldiges Erscheinen. Unvergessen das erotische Knistern, das von der jungen Braut Besitz ergreift und tief in mein Herz gebrannt die Irrwege, denen sie folgt, um ihr Ziel zu erreichen. Zu viel hat es sie gekostet, hier zu sein. Zu viel hat sie riskiert. Unvorstellbar, wenn es jetzt nicht zur Ehe käme. Alles wäre verloren.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich sehe die junge Braut, ihren Mund und ihre schlanke Figur noch immer durchs Haus schleichen. Ich fühle alle Berührungen, die sie erfährt und die sie gewährt. Ganz beiläufig scheinbar nähert sie sich den großen Geheimnissen der Familie. Sie wird mit allen vertraut und doch gelingt das Trauen nicht, weil einer fehlt. Der rote Faden einer obsessiven Leidenschaft zieht sich durch diesen Roman wie die Spur einer erotischen Selbstzerfleischung. Jede Flucht, jeder Hauch und jede Berührung öffnen einen neuen Zugang, neue Perspektiven auf die Geschichte und geben Anlass für Spekulationen. In diese inhaltlich dichte Atmosphäre dringt von Seite zu Seite ein in literarischer Hinsicht anarchisch wirkender Aspekt in den Vordergrund. Wer erzählt hier eigentlich? Warum wechselt die Erzählstimme plötzlich vom neutralen „sie“ ins persönliche „ich“?

Mit einem Donnerhall der Erkenntnis reift im Leser ein Gedanke, was Alessandro Baricco hier wagen könnte. Eine erste Spur, ein leises Aufflammen eines Gedankens und dann die Wucht des Erkennens sind Wesensmerkmale des Lesens. Jemand dringt ins Innerste des Buches ein und bemächtigt sich unserer Seele. Aus einer Geschichte werden zwei und aus zwei Geschichten wird die Eine, die es zu erzählen gilt. Nur diese eine Geschichte zählt. Es ist die Geschichte wahrer Leidenschaft, des Wartens und der Opferbereitschaft für die Liebe eines Lebens. Für mich wird sie dies immer bleiben. Und doch beginne ich so langsam zu begreifen, was ich eigentlich gelesen habe. Es ist ein ganz besonderes literarisches Momentum, das ich jedem Leser ans Herz legen mag.

Wer mit seinem Herzen liest, der muss sich auf Alessandro Baricco einlassen. Es ist nie zu spät für einen neuen Baricco, es ist nie zu spät für den ersten Baricco.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Wie unterschiedlich und doch vergleichbar das Lesen von Baricco ist, kann man bei Bianca & Literatwo sehen. Wir haben gemeinsam stundenlang mit der Familie im Haus gefrühstückt, sind der jungen Braut durch die Geschichte gefolgt, haben Zitate in Hülle und Fülle gesammelt um sie ins Notizbuch unseres Lebens einzutragen. Wir sind in den Kern einer großen Geschichte vorgedrungen und doch zeigt ihre Rezension, wie unterschiedlich unsere Empfindungen am Ende des gemeinsamen Lesens sind. Genau in diesem Unterschied liegt das Geheimnis dieses Romans verborgen. Man empfindet ihn aus den unterschiedlichsten Gründen als Meisterwerk. Wagt es selbst…

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„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Im Leben vereint – in den Büchern getrennt – in meinem Lesen wieder vereint. So wird mein Bücherregal zu einem magischen Ort, einem geschützten Raum und letztlich zu einem Literaturbiotop, in dem sich Zelda und F. Scott Fitzgerald wieder gefunden haben. Ich erlebe in den letzten Monaten die Omnipräsenz dieser außergewöhnlichen Menschen. Ich lese ihre Erzählungen, fühle die Gemeinsamkeiten ihrer Erlebnisse und deren Verarbeitung in ihren Texten. Ich erkenne sie in anderen Büchern wieder und bin begeistert, weil die Dynamik ihrer Sprache in absoluter Zeitlosigkeit pulsiert.

Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald, ein wundervoller Erzählband aus der Feder einer Schriftstellerin, die zeitlebens im Schatten ihres erfolgreichen und bewunderten Ehemannes stand, hat mein Lesen und mein Leben erobert. Obwohl ich mich früher nachhaltig geweigert habe Kurzgeschichten zu lesen, habe ich den Einstieg in die Denkwelt der Zelda Fitzgerald niemals bereut. Im eigentlichen Sinne hat sie mir ihren Ehemann schon hier ganz persönlich vorgestellt, weil ihr gemeinsames Leben in ihren Erzählungen mitschwingt. Viel Autobiografisches kann man finden, wenn man in aller Tiefe danach sucht.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Omnipräsent sind die beiden Schriftsteller, weil sie Paris bereits erobert hatten, als der noch völlig unbekannte Ernest Hemingway dort seine Zelte aufschlug, um die Welt der Literatur zu verändern. Die wilden Zwanziger Jahre in Paris hallen noch heute nach, wenn ich in Hemingways „Paris, ein Fest fürs Leben“ versinke, oder ihm und seinem Umfeld in Romanen, Biografien und Erzählungen aus dieser Zeit erneut begegne. Eine Zeit, in der literarisch alles möglich war, in der die Sprache neu erfunden wurde und in der sich auch Autoren neu erfanden. Zelda und F. Scott Fitzgerald bildeten in diesem Paris DAS magische Doppel, an dem es kein Vorbeikommen gab.

Sie waren das Auge des literarischen Orkans. Um sie drehte sich alles. Wonach alle Autoren-Newcomer in ihrem Schreiben strebten, sie hatten es bereits erreicht. Lesley M.M. Blume verdeutlicht dies in ihrem Buch „Und alle benehmen sich daneben“ (dtv) nachhaltig. Überall wo Hemingway damals auftauchte, F. Scott Fitzgerald war schon da und alles was Hemingway erreichen wollte, lag dem Konkurrenten schon zu Füßen. Der erste große Roman Hemingways, der seinen Durchbruch bringen sollte, erschien lange nach den ersten umjubelten Romanen seines Kontrahenten. Vor „Fiesta“ stand immer „Der große Gatsby. F. Scott schien der ewige Sieger dieses Literatur-Wettrennens zu sein. Ein Erfolgsautor, der mit seiner Frau das moderne Leben zelebrierte.

F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway – Konkurrenten

Doch nach diesem beachtlichen Frühstart sollten sich die Zeiten ändern. Auch in der damaligen Zeit wurden Autoren gerne zu Opfern ihres eigenen Schreibens und des Schubladendenkens der großen Verleger. Erwartete man von F. Scott Fitzgerald genau das, wofür er und der schillernde Lebensstil seiner Frau standen, dann wollte man auch nichts anderes aus seiner Feder lesen oder verlegen. Nach dem Boom der Zwanziger Jahre wurde es schwer für ihn. Viele seiner neuen Geschichten, die nicht mehr viel mit jener unbeschwerten Pariser Zeit zu tun hatten blieben unverkäuflich. Seine Versuche, sich von den Flapper-Stories zu distanzieren scheiterten am Desinteresse der Verlage und leise Verzweiflung machte sich breit.

Für dich würde ich sterben (Hoffmann und Campe Verlag) ist insofern eine kleine literarische Sensation, weil in diesem Buch genau diese unveröffentlichten Geschichten erstmals das Licht der Bücherwelt erblicken. Dabei sind sie brillant, inspirierend und in jeder Hinsicht mit einer sprachlichen Zeitlosigkeit gesegnet, dass man niemals auf den Verfasser schließen könnte, wüsste man seinen Namen nicht. Jede dieser Erzählungen könnte heute entstanden sein. Ihre inhaltliche Relevanz hat nichts an Brisanz verloren. Es ist ein anderer  F. Scott Fitzgerald, der uns in seinem Schreiben der Dreißiger Jahre begegnet. Es ist ein nachdenklicher, nach dem Sinn des Lebens suchender Autor, der durch private Krisen und die zunehmenden psychischen Probleme seiner Lebensliebe Zelda gezeichnet ist.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Und doch bereitet das Lesen seiner Erzählungen extrem großes Lesevergnügen. Er wirkt gereift, gewachsen und weitsichtig. Themen wie Liebe im Alter, Selbstmord und Misserfolg ziehen sich wie rote Fäden durch seine Texte. Dabei sind sie jedoch immer noch voller Strahlkraft, unglaublich intelligent, humorvoll und leicht lesbar. Was sie von früheren Geschichten unterscheidet, ist vielleicht die Tiefe der Erkenntnis, nach der hier gesucht wird und die Komplexität der inhaltlichen Konstruktion, die jede einzelne dieser Sequenzen wie eine vollwertige Geschichte wirken lässt. Fitzgerald steht hier nach wie vor für seinen Stil, den er Jahre zuvor geprägt hatte. Er beschreibt nichts Überflüssiges. Er verliert sich nicht in seitenfüllenden Details und das, was er letztlich zu Papier bringt ist der Extrakt einer ausgereiften Erzählung. Der Rest liegt in der Hand des Lesers.

Wir begegnen in seinen Geschichten den Gescheiterten und endlos Verliebten. Es sind die Suchenden und Zweifelnden, die sich hier einen Erzählraum erobern, der es in sich hat. Es sind die Gescheiterten, die wie Phönix aus der Asche auferstehen um sich selbst zu finden. Es sind Menschen, die im Zenit des Erfolgs erkennen, dass ihnen das Schicksal ein Bein gestellt hat. In „Spielschulden“ versucht ein verzweifelter Verleger seinen absoluten Bestseller zu retten. Eine kleine Indiskretion könnte seine Pleite sein. Es ist aber auch abstrus, dass ein Sachbuch über den parapsychologischen Kontakt zu einem Verstorbenen schon dadurch zur Farce wird, weil der Verleger dem Totgesagten persönlich begegnet. Jetzt heißt es handeln oder untergehen.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

Wir begegnen den Verrückten und für verrückt Erklärten in einer Irrenanstalt und sind schon nach wenigen Seiten nicht mehr in der Lage zwischen gesund und krank zu unterscheiden. „Ein böser Traum“ endet zwar mit einem Erwachen, aber ob die Suche nach der wahren Liebe unter diesen Umständen erfolgreich ist, das bleibt fraglich. Hier strahlt die Erkrankung Zeldas in eine Kurzgeschichte hinein. Verunsicherung und tiefe Sorge um geliebte Menschen haben sich tief in den Text eingegraben. Zerrissenheit in Liebesfragen  könnte man eine der Motivlinien in den Erzählungen nennen. Liebe auf den ersten Blick bleibt „Die große Frage“ und das Niemandsland zwischen Pflicht und Kür wird zum Tummelplatz der Protagonisten.

Wer herzhaft lachen möchte, der sollte mit „Gracie auf See“ gehen. Wundervoll in seiner sprachlichen Ausgestaltung erleben wir die Bemühungen eines vom Vater eines wahren Mauerblümchens engagierten Werbefachmanns, die Unvermittelbare unter die Haube zu bugsieren. Ein fingierter Schönheitswettbewerb und ein desaströses Konzert machen aus dem Werbefeldzug in Sachen Gracie eine Posse im Stil von Pleiten, Pech und Pannen. Und doch gelingt dem Schriftsteller das Wunder der ewigen Liebe. Dieses Leitmotiv prägt das Buch. Ist Liebe eine Verrücktheit oder ein beseelter Zustand höchst zufriedener Menschen? Was kann und was darf man wagen? Wie weit geht Liebe? Es ist wohl die Frage seines Lebens an der Seite von Zelda, die ihn ewig beschäftigte.

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald – Omnipräsenz

Für dich würde ich sterben“. Wie das Buch, so heißt auch die vielleicht nachhaltigste Geschichte der Kollektion. Was macht die Liebe aus einem Menschen? Kann man sich so sehr verlieben, dass man sich umbringt, weil man zu viel liebt? Wie begegnet man Männern, die in ihrer herzlosen Distanz Gefühle erzeugen, sie aber nicht erwidern? Es ist die ewig währende Geschichte von der Tragik der Liebe, die F. Scott Fitzgerald auf dem Gipfel eines Berges überhöht. Selbstmord oder nicht? Weiterleben oder nicht? Es sind Fragen, die auftauchen, wenn das Gefühl so groß und doch unerwidert bleibt. Was Fitzgerald hier über Liebe schreibt, lässt die Verliebten unserer Tage hoffen.

Das Leben war abwechselnd fröhlich und melancholisch,
aber es war immer das, wozu er es machte.

So ist es auch mit diesem Buch. Es ist traurig, lustig, romantisch, verzweifelt und steht sinnbildlich für das Leben, Streben und Lieben. Und egal, wie wir es lesen und empfinden, es ist immer das Buch zu dem er es machte. F. Scott Fitzgerald.

F. Scott Fitzgerald – Eine Erfolgsgeschichte

„Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

„Er ist dick, hässlich – aber es ist hoffnungslos, heute wie vor 20 Jahren habe ich den Eindruck einer schrecklich starken geistigen Verwandtschaft mit ihm, ehrlich gesagt, habe ich Angst… Es ist eine Art Gehirnvergiftung…“

Dorothea (Mopsa) Sternheim über Gottfried Benn an Betty George im September 1952

Faszination bis zur Hirnvergiftung. Zeilen, die viel andeuten, ohne etwas zu verraten. Zeilen aus der Feder einer Frau, deren Leben von der obsessiven Zuneigung zu einem Mann geprägt war, der sich ihr nie zugeneigt hatte. Zeilen aus der Feder von Dorothea Sternheim, die jeder nur liebevoll Mopsa nannte. Zeilen, die am Ende ihres bewegten Lebens zeigen, wie sehr sich das Gift der Leidenschaft in Körper und Geist eingenistet hatte und wie hilflos sie dieser fatalen Begierde gegenüberstand.

Fünfunddreißig Jahre, nachdem sie Benns Stimme zum ersten Mal gehört hatte, beendete sie einen Brief an ihn, wieder voller Ausflüchte und Unwahrheiten, mit dem Satz:

„Ich lege mich dem Meister zu Füßen.“

Dorothea (Mopsa) Sternheim an Gottfried Benn im Oktober 1952

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

Die beiden Zitate lassen auf eine lebenslange verzweifelte Leidenschaft schließen, die in ihrer Einseitigkeit unerwidert blieb. Eigentlich der perfekte Stoff für einen Roman, sollte man meinen. Wenn man jedoch die Namen der beiden Protagonisten betrachtet, dann ahnt man schnell, dass es hier keiner Fiktionalisierung bedarf, wenn man über die Widersprüchlichkeit von Gefühlen schreiben möchte. Lea Singer hat sich dieser beiden Menschen angenommen und ihnen in ihrem aktuellen Buch „Die Poesie der Hörigkeit“ ein literarisches Denkmal gesetzt, an dem man jederzeit rütteln darf.

Lea Singer stellt nicht so sehr die Hörigkeit oder die Obsession ins Zentrum ihrer Geschichte. Sie nähert sich dem Dichter Gottfried Benn und „Mopsa Sternheim, der Tochter des Bühnenautors Carl Sternheim, behutsam und versucht zu erklären was aus heutiger Sicht nicht erklärbar scheint. Tagebücher, Briefwechsel und Gedichte sind die Basis für die wuchtige Aussagekraft ihres Buches. Menschenkenntnis, tiefe Empathie, das Verständnis des historischen Kontextes und die Fähigkeit, Ursache und Wirkung in ihre molekularen Bestandteile zu zerlegen, machen aus einer geheimen Obsession das Psychogramm einer verzweifelt einsam Liebenden.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12

Ich lerne Mopsa schon im Alter von 12 Jahren kennen und schlage mich schnell auf ihre Seite. Was sie bisher erlebt hat und auch im Jahr 1917 zu erleiden hat, ist prägend für ihr weiteres Leben. Schaut man sich Fotos von Mopsa aus dieser Zeit an, dann fällt ihre tiefe Verletzlichkeit auf, die alles überstrahlt. Die sexuellen Übergriffe ihres Vaters bestimmen ihren Alltag. Es gibt keinen Fluchtpunkt. Es gibt keine Privatsphäre und ihre Mutter Thea verschließt die Augen. Der einzige Mann, der sich nicht für sie interessiert und der nichts von ihr will, ist ein Gast im Hause ihrer Eltern. Gottfried Benn.

Abstoßend wirkt er und doch eilt ihm ein Ruf voraus, der die Frauenwelt seiner Zeit elektrisierte. Thea Sternheim erliegt der Faszination, himmelt den Dichter an und nimmt die Sorgen und verzweifelten Nöte der eigenen Tochter nicht wahr. Auch Mopsa verfällt dem grobschlächtigen Frauenarzt und Schriftsteller ohne sich erklären können, warum. Gottfried Benn ist unnahbar, abweisend und extrem gefühlskalt. Und doch entbrennt ein unsichtbarer Kampf zwischen Mutter und Tochter um einen Mann, der sich in der Rolle des angehimmelten Poeten mehr als gefällt.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

So beginnt 1917 eine Liebesgeschichte, die uns bis ins Jahr 1954 trägt. Einseitig und unerfüllt ist das Hoffen der jungen Mopsa. Eifersucht gegenüber ihrer Mutter Thea wird zur Triebfeder ihrer eigenen Triebe, die intellektuelle Verehrung für die Poesie des Wortmagiers übersteigt das Fassbare und mit zunehmendem Alter steigt das Maß der inneren Hörigkeit. Fortan ist es ein emotionaler Dämmerschlaf, der Mopsa einhüllt, wie das Leichentuch der Hoffnungslosigkeit. Die Weltgeschichte passt sich Mopsas Leben an. Was in der Depression des verlorenen Ersten Weltenbrandes beginnt, setzt sich in der menschenverachtenden Ideologie des Dritten Reiches fort.

Das Psychogramm Mopsa Sternheims ist so konturiert gezeichnet, dass man früh erkennen kann, wie sehr sie sich im eigenen Leben verstricken wird. Lea Singer führt uns beharrlich, drastisch und in eigenem Sprachrhythmus durch dieses zum Scheitern verurteilte Leben. Immer wieder scheint Mopsa kurz zu erwachen. Immer wieder stößt sie genau in diesen lichten Momenten jenseits der Drogen, der Gefühlskälte gegenüber anderen Männern und der Beziehungsunfähigkeit auf Gottfried Benn. Diese konstante Obsession führt sie in den Untergang.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit – Wenn Worte zu lebendigen Bildern werden (hier klicken)

Wo Mopsa Stabilität und Sicherheit sucht, wird sie bitter enttäuscht. Wo sie sich nur anlehnen möchte, trifft sie auf kalte Schultern und wo sie die letzte Chance wittert, Gottfried Benn ihre ewige Liebe zu gestehen, steht ihr die eigene Mutter erneut im Weg. Lea Singer skizziert kein Leben, sie zeichnet es und malt es aus. Wir gehen mit Mopsa in den politischen Widerstand gegen das Dritte Reich, werden mit ihr gefoltert und auch deportiert. Wir werden an ihrer Seite schwer traumatisiert aus Ravensbrück befreit und sagen mit ihr vor Gericht gegen die Täter aus. Doch immer, wenn wir hoffen, sie möge sich von Gottfried Benn lösen können, sehen wir, dass genau dieser Schritt unmöglich ist.

Lea Singers „Poesie der Hörigkeit“ hat eine ganz eigene Melodie, der man sich hingeben muss, wenn man Mopsa Sternheim kennenlernen möchte. Der Stil ihres Romans ist poetisch und verzaubernd, als würde die Autorin Traum und Alptraum mit Worten zu einer Geschichte verdichten. Gottfried Benns Gedichte bringen das Fass der überbordenden Gefühle zum Überlaufen, wenn Mopsa in ihnen nach sich selbst sucht. Ein faszinierender Künstlerroman, der in Konstruktion, Aussagekraft und Sprache hörig macht. Die Poesie der Hörigkeit wirkt wie eine Droge im Kampf gegen das Vergessen eines kleinen Mädchens, dem der eigene Vater die Sicherheit der Gefühle genommen hatte. Ein Verlust, den Mopsa nie wieder kompensieren konnte.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer im Dialog mit Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten. Nur trug Mopsa einen weiteren Dämon in sich: Den Dichter Gottfried Benn, den Folterknecht und Henkersmeister ihres hilfesuchenden Lebens.

Auch Constanze Matthes hat Ihren Blog Zeichen und Zeiten in hellHörigkeit versetzt.

„Giacinta“ von Luigi Capuana und „Die Poesie der Hörigkeit“

Im Schicksal vereint. „Giacinta von Luigi Capuana – Eine verletzte Kinderseele

„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Ich blätterte gerade in der Vogue – Eine Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Biographien zählen oftmals zu den eher trockenen Vertretern der Literatur, weil sie sich mit zumeist verstorbenen Prominenten beschäftigen und aus dem Vollen schöpfen, was verborgene Quellen, fundierte Recherchen und der soziokulturelle Hintergrund aus dem Leben des Biographierten hergeben. Dabei spürt man den Autoren an, dass sie im Verlauf der Beschäftigung mit dem Objekt ihrer Begierde so viel Wissen angehäuft und verinnerlicht haben und kaum noch in der Lage sind, Unwesentliches auszulassen.

So werden auch die noch so entferntesten Verästelungen von Stammbäumen der Ahnengalerie kultiviert, alle verfügbaren Anekdoten ein- statt ausgeblendet und selbst irrelevanteste Randereignisse zu Wegmarken eines Lebens überhöht. Wozu also in der heutigen Zeit noch Biographien, wo wir doch auf Wikipedia zurückgreifen können und die meisten aktuellen Biographien am eigentlichen Bild des Porträtierten nichts ändern?

Gerade in der heutigen medial geprägten Zeit verkommt die Biographie als Genre zum reinen sekundärliterarischen Relikt, das nur noch dann herangezogen wird, wenn sich ein Leser ausgiebig und auf der Grundlage verbriefter nachweisbarer Quellen mit einer historischen oder noch lebenden Person des öffentlichen Lebens beschäftigt. Ich formuliere das deshalb so überspitzt, weil ich in meinem bisherigen Lesen sehr oft mit genau solchen Biographien konfrontiert wurde.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Umso erfreulicher ist es auf wahre Ausreißer dieses Genres zu stoßen, die gerade in unserer Zeit eine Relevanz aufweisen, die unumstößlich ist und neue Sichtweisen zu den beschriebenen Menschen aufzeigen, die wir ohne eine fundierte Biographie sicher nicht erlangt hätten. Ich meine hiermit Bücher, die nicht um ihrer selbst willen verfasst wurden, sondern auch Leser mitreißen, die sich ganz gezielt und ohne akademischen Hintergrund für das Leben einer bedeutenden Persönlichkeit interessieren.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer anist nun nicht der absolut typische Titel für eine solche literarische Persönlichkeitsbeschreibung. Erst der abgesetzte Untertitel „Unitiy Mitford – Eine Biographie“ lässt darauf schließen, was uns erwartet, obwohl wir das bei dem knalligen Pop-Art-Cover vielleicht nicht erwarten würden: Eine brillant erzählte, herausragend recherchierte und schlichtweg flüssig zu lesende Biographie über eine der schillerndsten Frauen im Dunstkreis der Machthaber des Dritten Reiches.

„Unity Mitford – Eine Biographie“. Schon hier kokettiert die Autorin Michaela Karl mit einer sehr sympathischen Bescheidenheit. Es ist nicht „DIE“ Biographie, es ist nicht die erste Publikation über das Leben der heftig umstrittenen englischen Adeligen und es ist auch sicherlich nicht die letzte Auseinandersetzung mit einer Person, die sich im Alter von gerade einmal zwanzig Jahren den nationalsozialistischen Machthabern an den Hals geworfen hat und damit international für Furore sorgte. Die Akte „Mitford“ ist bis heute nicht geschlossen. Zu viele Mythen und ungeklärte Rätsel ranken sich um ihr Leben und ihren Tod. Eines steht jedoch fest:

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Nach der vorliegenden Biographie müssen Teile ihrer offiziellen Geschichte völlig neu bewertet werden. Was will man mehr von einem solchen Buch erwarten?

Mit wem haben wir es nun zu tun? Vielleicht mit dem ersten It-Girl der Geschichte. Kaum eine zweite Frau beherrschte während der unsäglichen NAZI-Herrschaft so sehr die Schlagzeilen, über kaum eine andere Angehörige des britischen Hochadels wurde im In- und Ausland kontroverser diskutiert. Und kaum eine zweite Zwanzigjährige hat sich in der Nazi-Diktatur besser in Szene gesetzt. Unity Mitford. 1934 in München zu einem Sprachstudium angereist, mutiert sie angesichts charismatischer Machthaber in der aufstrebenden Ideologie zum wahren Fan von Adolf Hitler.

Was mit Stalking in Münchner Gaststätten begann und in einer ersten persönlichen Begegnung gipfelt, entwickelt sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu einer Story, die in ihrem vollen Umfang heute ebenso skurril anmutet, wie damals. Wer kann  sich schon ernsthaft vorstellen, dass Adolf Hitler die Nähe einer englischen Adeligen sucht, um die Beziehungen zwischen beiden Ländern besser beeinflussen zu können? Und wer kann sich vorstellen, dass die strahlende Schönheit von der Insel gerade dem Mann verfällt, der ein völlig anderes Schönheitsideal propagiert. Schlicht und ländlich? Nein, alles konnte man behaupten. Aber das war Unity Mitford nicht.

Wer nun aber der jungen Frau lediglich die Faszination für Macht und grenzenlose Geltungssucht als Motive des Handelns unterstellt, der sollte Michaela Karl folgen und mit ihr gemeinsam in der Vogue blättern. Die Politologin und versierte Biographin macht es uns und der Geschichte nicht leicht, in Klischeebilder zu verfallen und das Bild von der Schönen und dem Biest zu kultivieren. Michaela Karl erkennt in ihrer Recherche die wahrlich politischen Motivationen, die Unity Mitford auf die Seite der Nazis ziehen. Hier setzt sie dezidiert an und schon früh im Lesen ihres Buches präzisiert sich ein Bild der jungen Engländerin, das von Seite zu Seite an Tiefenschärfe gewinnt.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, die Michaela Karl rekonstruiert. Sie zeigt eine junge Frau, der es gelingt, sich aus der Masse der gleichgeschalteten Frauen des Dritten Reiches zu erheben und über ihnen allen zu thronen. Sie zeigt eine Frau, deren Gefühle für die eigene Heimat so stark ausgeprägt waren, dass sie fast jedes Opfer zu bringen breit wäre, um einen Krieg zu verhindern. Sie zeigt aber auch eine Frau, die bereitwillig die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich unterstützt, um in ihrer politischen Linie unverrückbar zu sein.

Michaela Karl lässt uns an der Seite von Unity Mitford die Massenhysterie und den Führerkult um Adolf Hitler erleben. Sie legt den Finger in jede Wunde der Geschichte und beleuchtet Hintergründe, die sich mir in dieser Komplexität erstmals eröffnet haben. Zusammenhänge zwischen der Vorsehung und Unity Mitford bleiben bei Michaela Karl nicht nur Spekulation. Sie weiß, warum Hitler ein Attentat überlebte, weil sein geplanter Tag anders verlief, als es geplant war. Der Grund: eine englische Lady.

Und zuletzt schreibt Michaela Karl die Geschichte neu, indem sie mit aller Präzision die Theorien vom Selbstmordversuch Unity Mitfords seziert, in ihre Bestandteile zerlegt und zu einem überraschenden Ergebnis kommt. Die Autorin spekuliert nicht. Sie bleibt den Fakten treu und analysiert Beweggründe im Vergleich zu reißerischen Thesen. Das macht diese Biographie relevant und lesenswert. Wir enden am Ende des Lesens in der Heimat der englischen Lady, die zerstört, verstört und gebrochen nach Hause kommt, um festzustellen, dass sie dort eine Fremde ist. Das Abenteuer Drittes Reich endet für Unity Mitford schmerzhaft. Mitleid lässt Michaela Karl an keiner Stelle aufkommen. Aus gutem Grund. Ihr beeindruckendes Schlusswort schlägt eine Brücke aus der damaligen in unsere Zeit.

Hier geht Michaela Karl für eine Biographin einen Schritt zu weit! Es ist der beste Schritt, den sie je machen konnte.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Ich werde Michaela Karl auf der Frankfurter Buchmesse zum Interview treffen. Es beschäftigen mich viele Fragen zu ihrer Herangehensweise, zur Methodik und auch zu ihrer ganz persönlichen subjektiven Meinung zum Tod von Unity Mitford. Vielleicht kann ich die Autorin für Literatur Radio Bayern dazu verleiten, ein wenig zu spekulieren. Im Anhang zu diesem Artikel finden Sie den Link zum Podcast.

Folgen Sie mir ins Interview zu „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford – eine Biographie, zur Buchmesse im Hoffmann und Campe Verlag erschienen. Lesens- und hörenswert – Gegen das Vergessen.

Ich blätterte gerade in der Vogue... Michaela Karl - Das Interview

Ich blätterte gerade in der Vogue… Michaela Karl – Das Interview