„Belladonna“ von Daša Drndić – Ein Vermächtnis

Belladonna von Daša Drndić

„Habent sua fata libelli“. Bücher haben ihre Schicksale. Dieses Zitat aus dem alten Gedicht von Terentianus Maurus hat sich in meinem Lesen schon oft bestätigt. Bücher tragen nicht nur ihre jeweils erzählte Geschichte in sich. Sie werden nicht losgelöst von den situativen Rahmenbedingungen des Lesens aufgenommen und verändern sich im Lauf der Zeit. Deutungen sind schicksalhaft von den Entwicklungen der Geschichte und dem Verständnis der Leser abhängig. Bücher als zeitlos zu bezeichnen, bedeutet also eher, ihnen eine konstante Aussagekraft bei sich ständig verändernden Gegebenheiten zu attestieren. Egal, wann man sie liest, egal, welche politische oder soziale Strömung sie tangiert, ihre Botschaft bleibt tragfähig und relevant.

Belladonna“ von Daša Drndić ist in jeglicher Hinsicht ein schicksalhaftes Buch. Der kroatischen Autorin gelingt in ihrem letzten Werk ein vielschichtiger Abgesang auf die zerrissene Geschichte ihres Heimatlandes. Zugleich verknüpft die am 05. Juni 2018 verstorbene bedeutende literarische Stimme ihren großen Roman „Sonnenschein“ mit einer an Aktualität und Zeitlosigkeit kaum zu übertreffenden Geschichte, die uns erneut zeigt, dass sich Geschehenes und Erlebtes wiederholen kann. Was in „Sonnenschein“ mit der verzweifelten Suche nach verschleppten und der Identität beraubten jüdischen Kindern nach dem Holocaust begann, setzt sich in „Belladonna“ mit den Ursachen und Folgen des Zusammenbruches Jugoslawiens und der Renaissance einer Ideologie fort, die bereits für den Völkermord im Zweiten Weltkrieg verantwortlich war.

Belladonna von Daša Drndić

Es sind die ideologischen Wellenbewegungen, die Daša Drndić antrieben. Es sind die Parallelen und Muster, die man erkennen kann, wenn man nur genau hinschaut. Es ist der leise und doch unüberhörbare Unterton einer nationalsozialistischen Doktrin, die nicht auszurotten ist. Hier legt die Autorin die Finger in alle offenen Wunden, bricht mit allen nationalen Legenden ihrer kroatischen Heimat und hält uns damit den Spiegel für die eigene Blindheit vor. Ebenso fragmentarisch wie sich reale Geschichte im täglichen Leben zeigt, konstruiert sie ihren Roman. Ebenso in seine Einzelteile zerlegt präsentiert sie uns ihren Protagonisten Andreas Ban, der in der finalen Krise seines Lebens alles dem Vergessen entreißen will, was die Gesellschaft erfolgreich verdrängt hat.

Er, der Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Der Fremdenführer, der niemanden mehr führt. Der Psychologe, der nicht mehr analysiert. Er, der Intellektuelle ist nicht mehr sichtbar. Aus den offiziellen Ämtern verdrängt, der Lehrtätigkeit enthoben, an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, die sich national neu erfinden möchte und doch der aufmerksame Beobachter dessen, was wirklich in Kroatien und Serbien geschah, als in den 1990er Jahren die ungeliebte gemeinsame Heimat Jugoslawien in ihre Einzelteile zerbrach. Er, Andreas Ban, lehnt sich in der Einsamkeit eines Sehers gegen den Krebs auf, der ihn so zerfrisst, wie der Nationalismus das Innere seiner Heimat verzehrt. Hier tauchen sie schemenhaft am Rande seiner Wahrnehmung auf: die Verantwortlichen für den neuerlichen Völkermord, die Täter und deren Nachfahren von einst, die nach vielen Jahrzehnten des Exils nach Hause kommen, um wiederentstehen zu lassen, wovon sie ewig gestrig träumten.

Belladonna von Daša Drndić

Daša Drndić macht aus dem von allen Seiten Ungewollten den Heilsbringer einer gemeinsamen Zukunft. Wäre nur jemand da, der sich noch vom Außenseiter Andreas Ban therapieren oder überzeugen ließe. Wäre nur noch jemand empfänglich für seinen zeitlosen Blick auf die Geschichte seiner Heimat. Auf die Opfer und Täter, auf zahllose Beispiele, die jenen populistischen Automatismus des Nationalismus veranschaulichen. Auf die Konsequenzen, die er hatte und immer haben wird. Hilflos kommt sich Andreas Ban vor. Ungehört, unerhört, vergessen. Dabei sollte man gerade ihm Aufmerksamkeit schenken. Er leitet ab, er leitet her und er leitet über, was niemand wahrhaben möchte. Genozid und Ausgrenzung haben ihre Vorgeschichte. Sie liegt nur solange im Schatten, wie man den „Sonnenschein“ leugnet.

Hier gelingt Daša Drndić in literarischer Hinsicht ein brillanter Geniestreich, zitiert sie sich doch an entscheidenden Stellen des Romans selbst. Sie hebt ihr eigenes Buch „Sonnenschein“ auf die Ebene einer Referenzquelle für die Sichtweisen von Andreas Ban. Er bezieht sich in seinen fragmentarischen Erinnerungen genau auf dieses Werk, seine inhaltliche Tragweite und die humanistische Botschaft, die es so relevant für das Verstehen des nationalsozialistischen Gedankengutes macht.

In Sonnenschein liest Andreas Ban über den bekannten Grafiker Christoph Meckel und seine Bücher Suchbild. Über meinen Vater. Meine Mutter, über
Monika Göth
(Tochter des Kommandanten des KZs in Plaszów, der zum Tod
durch Erhängen verurteilt wurde), die heute nach Überlebenden der Lager
sucht, nach Opfern ihres toten Vaters Amon Göth, und sie um Verzeihung bittet.

Belladonna von Daša Drndić

Hier schlägt Daša Drndić den Bogen ihres Romans „Belladonna“ bis zurück zum Zweiten Weltkrieg. So vermag sie die wahre Rolle ihrer kroatischen Vorfahren aus der Vergangenheit ans Tageslicht zu zerren, das Versagen der Kultur, die aktive Rolle ihrer Landsleute im Holocaust und die nicht überwundenen Demütigungen durch die Sieger nach dem verlorenen Krieg. Hier zeigt sich, wie lange dieses Gedankengut im Exil vor sich hin keimte, bevor es beim Zerfall Jugoslawiens wieder neu erblühen durfte. Hier ist augenfällig, wie fatal es ist, die Folgen der Geschichte zu vergessen. Einer Geschichte unter der heute noch die Nachkommen der Opfer von einst leiden. Anreas Ban lernt sie kennen, die Menschen, die noch heute auf der Suche nach ihren Familien sind. Kreise schließen sich und werden doch gewaltsam aufgerissen. Dem verweigert er sich. Hier kämpft er beharrlich gegen die Windmühlen des Vergessens.

Und vergessen ist nur, wessen Name vergessen ist. Hier setzt Daša Drndić auch in ihrem unvergessenen Stil an ihr vorheriges Buch an. Seiten voller Namen unterbrechen das Lesen nicht, sie torpedieren es und machen aus einem Roman ein Gedenkbuch für die Opfer der Völkermorde. Sie machen aus diesem Buch eine lebendige Warnung an alle, die heute willfährig in Kauf nehmen, dass erneut solche Listen niedergeschrieben werden. Diese Namen verleihen „Belladonna“ eine unfassbare Wucht, weil sie zeigen, dass sie nicht auszumerzen sind. Sie bleiben. Sie stehen wie Geister aus der brutalen Vergangenheit auf und fordern ihren Tribut. Als Stolperstein, als Erinnerung oder eben als immer noch lebendiges Ausrufezeichen für Völkermord.

Belladonna von Daša Drndić

„Belladonna“ – Das Teufelskraut, die Irrbeere. Ein Strauchgewächs, das sein Gift in hübschen lilafarbenen Beeren verbirgt. „Belladonna“, ein Roman, der nicht in den Giftschrank gehört. Er verbirgt die todbringende Wirkung nicht. Er stellt sie sogar offen zur Schau. Dies ist kein Roman über Kroatien und Serbien. Es ist keine separatistische Geschichte einer Zersplitterung. Es ist der Sonnenaufgang, der bis heute seine dunklen Schatten wirft. Wer bei der Fußball-WM in Russland erlebt hat, wie Nationalspieler der Schweiz mit Kosovo-Albanischen Wurzeln ihre Siegtore gegen Serbien mit dem Zeigen des Doppeladlers von einst feierten, weil sie pausenlos nationalistisch ausgepfiffen und beleidigt wurden, sieht, wieviel Belladonna das ehemalige Jugoslawien noch in harmlos scheinenden Beeren verspritzt.

„Belladonna“ lässt uns vieles verstehen. „Belladonna“ lässt uns an vielem zweifeln. Unzweifelhaft ist dieses Buch das literarische Vermächtnis einer bedeutenden Autorin, die nie aufgehört hat, gegen das Vergessen anzuschreiben. Ich halte „Sonnenschein“ und „Belladonna“ für zwei der wichtigsten Bücher zur Völkerverständigung. Wir sollten nicht vergessen, sondern verstehen und immer in der Lage sein, uns über den Gräbern von einst die Hand zu reichen. Ansonsten riskieren wir, dass sich wiederholt, was nicht wiederholbar sein sollte. Im Erkennen der Automatismen liegt ein Gegengift verborgen, gegen das auch die Tollkirsche machtlos ist. Im Vergessen liegt ihre wahre Kraft. Den Gefallen sollten wir dem Gesellschaftsgift nicht erweisen.

Belladonna von Daša Drndić

Am Ende des Lesens ergänze ich eine der Namenslisten im Buch um den Namen Daša Drndić. Ich weiß, dass sie unvergessen bleibt. Ich weiß, dass ihre beiden Bücher immer wieder zu Rate gezogen werden, wenn es gilt ideologisches Gift zu bekämpfen. Ein Zitat von Daša Drndić mag uns als Mahnung und Ratschlag für die Zukunft dienen. Ich trage es in meinem Herzen, weil ich nicht Teil einer Gesellschaft sein will, die ihre Opfer in Listen erfasst.

“Am Samstag, den 19. Januar 2002 nähen sich sechzig Insassen eines Flüchtlingslagers den Mund zu. Sechzig Menschen mit zugenähten
Mündern irren durch das Lager und starren in den Himmel. Kleine
streunende Hunde springen kläffend um sie herum. Die zuständigen
Stellen verzögern es hartnäckig, die Asylanträge dieser Menschen
zu bearbeiten.“

Lieber ein Vergissmeinnicht hegen, als mit Tollkirschen vergiftet zu werden

Mein Schreiben und Lesen „Gegen das Vergessen„. Eine eigene Welt.

Eine relevante Rezension zu Belladonna ist auch auf Zeichen & Zeiten zu finden.

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Sonnenschein von Daša Drndić [Gegen das Vergessen]

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Ihre Geschichte ist eine kleine Geschichte, eine der unzähligen Geschichten von Begegnungen, von erhaltenen Spuren zwischenmenschlicher Kontakte, sie weiß das, doch solange sich nicht alle Geschichten der Welt zu einer gigantischen kosmischen Patchwork-Decke verbinden, die die Erde umhüllt, damit die Erde schlafen kann, wird die Geschichte, dieses Ungeheuer aus der Wirklichkeit, weiterhin die Nähte auftrennen, schnippeln, reißen, Fetzen des Universums klauen und sie in ein eigenes Leichentuch nähen.“

Sonnenschein“ von Daša Drndić ist so eine kleine Geschichte. Eine dieser unzähligen kleinen Geschichten, die für den Verlauf der Weltgeschichte keinerlei Bedeutung zu haben scheinen. Und doch verbirgt sich hinter diesem kleinen Quadrat der universellen Patchwork-Decke mehr als nur eine Geschichte. Ohne sie zu kennen verlieren wir den Kontakt zu den Fäden, die sie mit dem Rest der Weltgeschichte verbinden. Und die losen Enden dieser Fäden sind die losen Synapsen im kollektiven Gedächtnis der folgenden Generationen, die eine Verbindung vom individuellen Leid auf die unvorstellbare Dimension der Verbrechen des Holocaust nicht mehr zulassen.

Die kroatische Autorin Daša Drndić geht hier gemeinsam mit dem Verlag Hoffmann und Campe einen besonderen Weg, um dem kollektiven Vergessen entgegenzutreten und den Lesern in einer sehr beeindruckenden Mischung aus fiktiv-realem Dokumentar-Roman eine dieser kleinen Geschichten zu erzählen, die dann so plötzlich ausufert, als hätte man jeden Faden der Patchwork-Decke in Schwingungen versetzt. Dieser Weg besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Der teilweise fiktiven Handlung, die mit vielen dokumentarischen Einschüben immer wieder auf den Boden der Realität gezogen wird und dem Buch selbst.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Die Rolle des Buches ist keine unerhebliche in diesem komplexen Projekt. Es fühlt sich an, als habe man ein geheimes Buch aus einem verborgenen Archiv der damaligen nationalsozialistischen Machthaber in den Händen. Es ist wie für die Ewigkeit gemacht. Extrem stabil verarbeitet, höchst wertvoll und nostalgisch im Buchschnitt. Die ungleichen Seitenlängen des sehr hochwertigen Papiers in Verbindung mit seiner unverwüstlichen Bindung lassen in jedem Kapitel, bei jedem Wort und jeder einzelnen Illustration das Gefühl entstehen, man habe ein authentisches Zeitzeugnis in Händen. Die aus dem Wort „Sonnenschein“ wachsende SS-Rune und die Spuren von Abnutzung verstärken dieses haptisch-optische Echtheitsgefühl.

Die Anordnung der Fotos und Dokumente gleicht eher einer Ermittlungsakte und manche Kapitel und Einschübe erinnern im Schriftsatz sehr an Vernehmungsprotokolle. Das gesamte Innere wirkt unharmonisch, wie von einem akribischen Sachbearbeiter in jahrelanger aber zeitlich nicht chronologischer Reihenfolge mit neuen Erkenntnissen angereichert. Es finden sich Lebensläufe, Stammbäume und ein Mittelteil, den ich so in meinem Leseleben noch nie erlebt habe.

Unter der Überschrift „Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte“ sind auf siebzig Seiten ungefähr 9000 Namen von jüdischen Menschen verzeichnet, die in den Jahren 1943 und 1945 aus Italien deportiert oder dort ermordet wurden. Spätestens an diesem Punkt erzielt das Buch schon als solches eine unbeschreibliche Wirkung. Man ist nicht in der Lage, die Liste nur zu überfliegen, erkennt ganze Familienzweige und realisiert, dass dies alles kleine Geschichten sind, die zur großen Patchwork-Decke des Holocaust in Italien gehören. 9000 Menschen. 9000 Geschichten und doch nur ein kleiner Teil der Patchwork-Decke, die das Totenbett der Opfer des Nationalsozialismus bedeckt.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Dieses Buch ist als Buch gewagt. Es ist mutig und es ist außergewöhnlich und dabei ist es doch als Kunstwerk so wichtig, da es eine Geschichte beinhaltet, die in einer anderen bibliophilen Darreichungsform an der erforderlichen Authentizität verlieren könnte. Diese Geschichte ist nicht von dieser Welt. Sie ist nicht aus unserer Zeit. Sie ist unfassbar und unbegreiflich zugleich. Sie ist oftmals schwer zu lesen, schwer zu verdauen, schwer zu verstehen und es ist schwer, das Buch überhaupt aus der Hand zu legen.

Die Geschichte entzieht sich jeder stilistischen Einordnung, sie ist ohne Rhythmus, folgt keiner chronologischen Abfolge. Sie ist fragmentarisch, setzt sich manchmal aus Fetzen und Schnappschüssen zusammen, doch immer dann, wenn sie zu entgleiten droht, wartet Daša Drndić genau auf der richtigen Seite des drohenden Verlusts und reicht ihrem Leser die nächsten Fäden der großen Decke in die Hand. Es sind jeweils pulsierende und teilweise glühende Fäden. Man nimmt die Fährte auf, spürt den Freiraum der eigenen Gedanken, die von der Autorin jederzeit vehement und beharrlich eingefordert werden. Aktiveres Lesen habe ich noch niemals in dieser Dimension erlebt.

Das Verstehen reift von Seite zu Seite und gleichzeitig wächst der innere Widerstand zu glauben, was damals im von Nazis besetzten Italien und in vielen anderen Ländern möglich war. Und wenn man dann kopfschüttelnd vor den Seiten, Zeilen, Worten und Fetzen dieser Geschichte sitzt und sich selbst sagt: NEIN.. Das kann doch nicht sein, genau dann öffnet die Autorin den Vorhang und konfrontiert den zweifelnden Leser mit den Tätern. Auge in Auge lesen wir die Vernehmungsprotokolle des Grauens. Und wenn wir dann extrem schluckend versucht sind, das Buch einmal kurz aus der Hand zu legen, öffnet sich der Vorhang zu den Überlebenden. Ihnen müssen wir zuhören. Ob wir wollen oder nicht und so treiben wir uns selbst durch eine Geschichte, die in sich in weiten Teilen erfunden ist. Begegnen Menschen und Begebenheiten, die es so nicht gegeben hat. ABER

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Aber genau das ist der einzige greifbare Rettungsanker für den Leser. Diese Fiktionalisierung rettet uns davor, diese kleine Geschichte von Haya Tedeschi als absolut zu betrachten und in der ausschließlichen Fixierung auf dieses Einzelschicksal die übergeordnete Dimension von „Sonnenschein“ aus unseren Augen zu verlieren. Haya steht hier als Suchende und Leidende stellvertretend für alle kleinen Geschichten. In ihr findet sich das Leid, der Verlust, das Hoffen, Sehnen und Bangen wieder. Der staunende Unglaube, die Ernüchterung, das Verstehen und das Verweigern. Haya wird zum fiktiven menschlichen Synonym für all das Leid eines Individuums. Ein zeitloses Leid, da es die Zeit überdauert.

Seit 62 Jahren wartet sie auf ihren Sohn. Seit genau 62 Jahren durchforstet sie Archive, Dokumente, folgt allen denkbaren Spuren, nur um das Kind wiederzufinden, das im von Nazis besetzten Gorizia aus dem Kinderwagen entführt wurde. Ihre kurze Affäre mit einem der Besatzer, dem SS-Offizier Kurt Franz, war für sie mit Illusionen und Gefühlen verbunden. Dass sie als Jüdin einem arischen Herrenmenschen ein Kind schenkt ist ein nationalsozialistisches Sakrileg. Und es wird korrigiert. Eine Entführung beendet alles.

Im Gegensatz zu ihrer Familie überlebt die junge Jüdin den Zweiten Weltkrieg, nur um in der Folge über viele Jahrzehnte noch viele Tode zu erleiden. Sie findet alles über Kinder heraus, die in der damaligen Besatzungszeit als Bastarde von Nazis gezeugt wurden. Sie enträtselt den italienischen Holocaust, recherchiert sich mit viel Mühe an die brutalen Täter heran, sie realisiert, was Euthanasie im Wortsinn bedeutete. Sie findet Vernehmungsprotokolle der Beteiligten an der Aktion T4 zur Vernichtung von unwertem Leben. Sie nähert sich dem Projekt Lebensborn an, in dem der arischen Rasse genetisch reiner Nachwuchs durch Zucht beschert werden sollte. Sie erfährt auch, was mit den jüdischen Kindern geschah, die von der katholischen Kirche gerettet wurden. Sie wurden ihren verzweifelten Eltern nie zurückgegeben, da sie ja nun getauft und katholisch waren. Ihre Seelen sollten nicht mehr verloren werden. Unglaublich. Aber wahr.

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić – Zeichnungen der T4 – Opfer von Peggy Steike

Sie recherchiert sich durch den Schrecken der Konzentrationslager, in denen die T4-Täter ihre perfiden Talente in der Beseitigung unwerten Lebens im großen Stil weiterführen konnten. Doch sie vermag es nicht, ihrem verlorenen Sohn näher zu kommen. Zu verflochten sind die Wege, zu viel wurde vernichtet. Und doch weiß sie, dass – wenn er noch lebt – er eines von zigtausend Kindern ohne jede Vergangenheit ist. Ohne Identität und ohne Wurzeln. Gefangen in einem manipulierten körperlich geistigen Käfig.

Wir durchforsten all diese Mosaiksteine mit ihr gemeinsam. Uns stockt der Atem in Treblinka. Wir verzweifeln mit ihr angesichts der Zeugenaussagen von Tätern und Opfern. Tränen der Verzweiflung und ungläubige Starre werden zu unseren Begleitern. Und doch richten wir uns immer wieder am aufrechten Kampf einer suchenden Mutter auf, die alles verloren geben kann. Sich selbst, ihre Familie, ja sogar ihr ganzes Land. Nur nicht das Kind, das sie nur kurze Zeit an ihre Brust schmiegen durfte.

Hoffnungslos ist Sonnenschein nicht. Es wirft seinen Schlagschatten bis in unsere Zeit. Das Buch erklärt in aller subjektiver Deutlichkeit, warum nicht vergessen werden darf. Weil eben nicht abgeschlossen wurde. Weil die Wunden noch offen sind und weil es auch heute noch Menschen gibt, die nicht den leisesten Hauch von ihrer eigenen Geschichte haben. Das merken wir mit der größten Gänsehaut unseres Lesens, wenn wir im Buch plötzlich einem erwachsenen Mann begegnen, der sehr spät in seinem Leben erkennen musste, dass er nicht derjenige ist, der er immer zu sein glaubte. Und genau dieser Mann macht sich von seiner Seite aus auf die Suche nach seiner Mutter. Einer Frau, die nun sehr alt sein muss und aus Italien stammen soll. Aus Gorizia…

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

„Sonnenschein“ von Daša Drndić

Ich kann dieses Buch ans Herz legen. Aber es sollte ein stabiles Herz sein, das weiß, worauf es sich einlässt. In der drastischen Schilderung der Realität des Holocaust bleibt kein moralischer Stein auf dem anderen. Alle bekannten Grundfesten unserer Gefühle werden eingerissen. Es ist eines der wichtigsten Bücher Gegen das Vergessen“, das ich jemals lesen durfte. Aber ich habe nicht gut geschlafen in unserer gemeinsamen Zeit.

Sonnenschein wird Teil meines gemeinsamen Projektes „Gegen das Vergessen“ mit Peggy Steike. Sie versucht gerade auf ihre ganz besondere Art und Weise den unschuldigen Opfern der T4-Aktion wieder ein Gesicht zu geben. Als Rekonstruktion von Originaldokumenten, weil hier weitgehend im Geheimen gemordet werden konnte. Im absolut Verborgenen. Es war der große Testlauf für den Völkermord.

Sonnenschein“ bringt Licht ins Dunkel. Und es ist dabei der wohl blendendste Suchscheinwerfer der Geschichte in Buchform.

Du kannst Teil unseres Projektes „Gegen das Vergessen“ werden. Ein Exemplar von „Sonnenschein“ möchte ich gerne an einen interessierten Leser weitergeben. Peggy und ich haben uns dem Ziel verschrieben, dem Erinnern ein Gesicht zu geben und den Opfern des Holocaust durch unsere Arbeit ein wenig Würde zurückgeben zu können. Dafür musst Du nur bereit sein, uns ein wenig zu helfen. Auf der Liste der 9000 Deportierten und Ermordeten hat sich mir der Name Jenni Dienstfertig ins Gedächtnis gebrannt. Ich möchte mehr über sie erfahren. Wenn Du helfen möchtest, mehr über sie herauszufinden, dann kommentiere bitte diesen Artikel. Danke fürs Lesen…

Ronja stellt sich der Herausforderung "Gegen das Vergessen"

Ronja stellt sich der Herausforderung „Gegen das Vergessen“

Update zum Artikel:

Ronja Grage wird sich auf die Suche nach Jenni Dienstfertig machenWir sind schon alle sehr gespannt, was sie nach den ersten unglaublichen Informationen noch herausfindet.

Der Lesebericht und die Recherche-Ergebnisse von Ronja wurden nun auf ihrem Blog Bücherstöberecke veröffentlicht. Hierbei ist es besonders bewegend zu sehen, dass nicht nur „Sonnenschein“ seinen Schlagschatten auf die Artikel dort geworfen hat, sondern über die eigentliche Bitte hinaus, etwas über Jenni Dienstfertig herauszufinden ein ganzes Projekt entstanden ist… Hinter jedem Namen eine Geschichte.

Zur Rezension „Sonnenschein“ von Ronja Grage
Zu den Recherche-Ergebnissen „Jenni Dienstfertig“
Zur Projektseite „Hinter jedem Namen eine Geschichte“
Sonnenschein – „Bruno Farber“

Belladonna von Daša Drndić

Am 5. Juni 2018 starb Daša Drndić. Sie hinterließ nicht nur ihren „Sonnenschein“, sondern mit ihrem letzten Werk „Belladonna“ ein literarisches Vermächtnis, das sie auf einzigartige Art und Weise mit „Sonnenschein“ verbunden hat. Traurig.

Belladonna von Daša Drndić

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