„Book of Lies“ von Teri Terry – Bücher lügen nicht

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

„Es gibt Dinge, die man lieber nicht tun sollte. Wie auf den Gleisen stehen, wenn ein Zug kommt, oder die Hand über eine offene Flamme zu halten.“

Oder das „Book of Lies“ von Teri Terry zu lesen, wenn man sich an einem frostigen Tag nach der Wärme einer gut erzählten Geschichte sehnt. Dann sollte man genau das nicht tun. Greift zu einer anderen Lektüre, aber lasst die Finger von diesem Roman mit dem eindrucksvollen Cover. Schon der Untertitel sollte zu denken geben: „Sie ist dein Zwilling, aber du darfst ihr nicht trauen.“ Na Bravo. Ich habe es trotzdem getan, weil sowohl die Aufmachung als auch die Ausgangssituation dieses Jugendbuches aus dem Coppenrath Verlag mir keine Chance ließen, es zu ignorieren.

Ich sollte diese Entscheidung bereuen. Gänsehaut, Spannungsattacken und frostige Leseatmosphäre haben von mir Besitz ergriffen. Die Nächte waren unruhig, die Tage in fiebriger Erwartung des nächsten Kapitels fahrig und nervös und die Lesestunden voller Spannung und Sorge. Leserherz, was willst du mehr. Doppelherz ist angesagt. Es geht um:

Zwillinge. Ein weites Feld in der Literatur und ein weites Feld im realen Leben. Wer hat nicht schon mal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, das Leben mit einem Zwilling zu teilen? Mit jemandem, der so fühlt und denkt, wie man selbst? Mit jemandem der so eineiig spiegelbildlich gleich aussieht, wie man selbst und mit dem man die ganze Welt an der Nase herumführen könnte? Aber eben auch mit jemandem, der zeigt, dass man selbst nur ein Teil eines Paares ist, das nur gemeinsam ein Ganzes ergibt. Wie wäre es wohl, ein Zwilling zu sein?

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

„Es ist, als würde ich in den Spiegel schauen. Selbst ihr Haar, das sie sich hinters linke Ohr gesteckt hat, fällt in einer weichen, feuchten Welle übers Gesicht, wie bei mir sonst.“

Eigentlich keine Überraschung, diese Ähnlichkeit zwischen Piper und Quinn. Das haben Zwillingsschwestern so an sich, dass sie sich gleichen, wie ein Ei dem anderen. Wäre da nicht ein kleines, aber entscheidendes Detail, das sie von unserer Vorstellung des idealtypischen Zwillingspärchens unterscheidet. Die beiden rothaarigen Mädchen lernen sich erst im Alter von siebzehn Jahren bei der Beerdigung ihrer Mutter kennen.

„Der Schock in ihren Augen ist nicht gespielt. Sie hat es nicht gewusst.“

Hier setzt die Autorin Teri Terry mit ihrer Geschichte an. Auf einem Friedhof fängt alles an. Nicht nur für uns als Leser, auch für die Zwillingsschwestern Piper und Quinn, deren Leben bis zu diesem Tag nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Piper steht als trauernde Tochter am Sarg der Mutter, während Quinn sich als Außenseiterin und stille Beobachterin zur Trauergemeinde gesellt. Siebzehn Jahre nach ihrer Geburt sehen sich die beiden Mädchen zum ersten Mal und Teri Terry würzt diese Begegnung mit literarischem Treibstoff, der das „Book of Lies“ zum Pageturner werden lässt.

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Tausend Fragen suchen nach Antworten. Warum wurden die Zwillinge schon bei der Geburt getrennt? Was verbindet sie? Wie hat sich ihre unterschiedlich erlebte Kindheit auf die beiden Mädchen ausgewirkt und welchen Geheimnissen können sie nur auf den Grund gehen, indem sie alle Mosaiksteinchen ihrer jeweiligen Erinnerungen zu einem gemeinsamen Bild vereinen? Zwei Perspektiven fesseln den Leser, der sich plötzlich im Mahlstrom einer dunklen Familiengeschichte voller mythischer Geheimnisse, Legenden und Gefahren wiederfindet.

Teri Terry hat sich nicht in das Klischee einer Hanny-und-Nanny-Story verstrickt. Sie spielt mit ihren Lesern, ebenso wie das Leben mit Piper und Quinn gespielt hat. Nur dass die beiden Mädchen siebzehn Jahre lang die Spielregeln nicht kannten. Während Piper in der scheinbar behüteten Welt mit Vater und Mutter aufgewachsen ist, war ihre Schwester gezwungen ein anderes Leben zu führen. Weitgehend abgeschottet und im Verborgenen. Gemeinsam gehen sie auf Spurensuche in der Vergangenheit und sind zum ersten Mal aufeinander angewiesen.

Hier mischen sich Mythen und Fantasy-Elemente mit alten Legenden. Wahrheit ist etwas sehr Subjektives, wenn das ganze Leben auf Lügen aufbaut. Kann man Wahrheit finden, wo eine ganze Familie versucht hat, genau diese zu verschleiern? Ist es wirklich so, dass Quinn die dunkle Seite des Zwillingspärchens darstellt? Ist sie eine Bedrohung für ihre Schwester und musste deshalb isoliert werden? Löst die Begegnung der beiden eine verhängnisvolle Kette alter Vorahnungen aus? Alle Wege führen zu einer Frau, die alle Antworten kennen sollte. Alle Wege führen zur gemeinsamen Großmutter und dem „Book of Lies“, dem Buch der Lügen, mit dem alles begann.  

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Bei aller Geheimniskrämerei um die Ursache für die Trennung der Zwillinge, weiß Teri Terry bestens zu unterhalten. Piper und Quinn tauchen in die bisher unbekannte Welt ihres Gegenübers ein und sorgen für Verwirrung. Alleine schon Pipers Freund ist mit dem plötzlich auftretenden doppelten Lottchen in Rot sichtlich überfordert. Aus dem gemeinsamen Roadtrip in die Familiengeschichte wird für beide Mädchen eine Reise zu sich selbst. Die Sympathien des Lesers sind klar verteilt, doch sollte man sich nicht von all den Lügen täuschen lassen.

Das „Book of Lies“ ist mehr als nur ein Buch. Es steht über der Geschichte wie ein Mantra der Aufrichtigkeit, denn schnell wird klar, welche Bedeutung das Lügen für die Schwestern hat. Auch hier sind sie unterschiedlicher, als es ihnen lieb sein kann. Denn während Quinn auf die Wahrheit setzt, scheint es Piper nicht bewusst zu sein, dass es Lügen sind, die für die Zwillinge lebensgefährlich sind. Bücher lügen nicht, sagt man so schön. Das „Book of Lies“ macht da keine Ausnahme. Paradox? Nein! Sicher nicht.

Ein grandioser All-Age-Roman für Leser, die eine satte Portion „Twin & Mystery“ verkraften können. Jede Familie hat ihre Geheimnisse und Legenden. Niemand lässt sich gerne in Schubladen stecken, die mit der Aufschrift „Du bist gefährlich“ versehen sind. Wir alle sind auf der Suche nach den tiefen Wahrheiten unseres Lebens. Hier hat Teri Terry ihre Leser im Kern ihrer Seelen getroffen und ganz nebenbei und spielerisch wichtige Themen berührt, die das Leben von Zwillingen so geheimnisvoll machen. Ist es die Umwelt oder sind es die Gene, die dem Menschen die Richtung vorgeben? Fühlen und denken Zwillinge immer das Gleiche? Was geschieht, wenn man Eineiiges trennt?

Gefährliche Themen für Zwillinge, wie die Geschichte zeigt…

Book of Lies von Teri Terry

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Doppelherz: Zwillinge und ihre Geschichten auf AstroLibrium

Auch im Mystery-Thriller „The Returned“ ist das Thema Zwillinge elementar für die Handlung. Aber eben ganz anders, als man es erwartet. That´s Horror.

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The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück

The Returned - Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

Ich mal wieder. Da sucht man sich auf einer Buchmesse einen spannenden Roman mit tiefgreifendem Thema aus, freut sich auf den Erscheinungstermin und taucht frohen Mutes in die Tiefe der Seiten ein und verlässt sich darauf, auch nachts ruhig schlafen zu können. Ist ja auch ein Roman aus dem Verlag script5. Also nichts für die gänzlich Unerschrockenen in diesem Lande. Und bei einer Altersempfehlung ab 14 Jahre wähne ich mich in Sicherheit.

Ich mal wieder. Buchpaket öffnen, Buch aus seiner Schutzfolie entfernen und bereits zum ersten Mal leicht zurückzucken. Huch. Wer schaut mir denn da mit einer Mischung aus Stolz und Neugier direkt in die Augen? Der Junge auf dem Cover sieht nicht gerade aus, als wäre er einem ganz normalen Klassenfoto entsprungen. Ganz im Gegenteil. Auf den ersten Blick wirkt er ja noch ganz normal, aber man darf ihm nicht in die Augen schauen. Auf keinen Fall. Auf absolut gar, gar keinen Fall. Denn sonst setzt sofort das Denken ein, was mit ihm nicht stimmen mag.

Im Hintergrund schleichen die Schatten weiterer Menschen durch die Szenerie. Alltagsgestalten und die ganz leicht verschwommene Silhouette eines Gebirges werden langsam sichtbar, als würden sich alle Nebel lichten. Insgesamt ein leicht verstörendes Cover. Geheimnisvoll und doch ganz alltäglich. Jedenfalls wird mir schnell klar, dass ich hier brisante Bücherware in den Händen halte. Und, dass genau diese Hände beginnen so langsam vor sich hin zu schwitzen.

The Returned - Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück“ von Seth Patrick hat meine Sinne schon geschärft, bevor ich auch nur den ersten Blick auf den Klappentext geworfen und den ersten Satz gelesen habe. Ab 14 Jahre. Mir kann nichts passieren. Garantiert nicht, denn ich bin ja schon ein großer Junge und kann so einiges vertragen. Dann soll die Vergangenheit doch bitte zurückkehren. Mir jagt das keinen Schrecken ein. Da habe ich schon ganz andere Bücher gelesen. Also… Hinein ins Buch…

Ich mal wieder. Ganz schnell bin ich drin in der idyllischen Welt einer Gemeinde in den französischen Alpen. Schnell finde ich mich zurecht in dieser Welt und doch beginne ich auch zu realisieren, was mich hier erwartet. Denn ohne große Umschweife kommt Seth Patrick auf den Punkt. Bereits auf der ersten Seite stolpert ein junges Mädchen in mich hinein. Sehr hungrig, desorientiert, viel zu leicht bekleidet für diese Jahreszeit und müde. Ihr einziger Wunsch: Nach Hause zu gehen.

Passt ja zum Titel „The Returned“, denke ich mir noch und hefte mich lesend an ihre Fersen. Ich bin ja selbst froh, wenn meine Tochter nach ihren Ausflügen in die Welt wieder nach Hause kommt, aber dann reißt mich der Autor völlig unvermittelt und mit einer weit ausholenden psychologischen Mystery-Keule brutal aus meinen illusorischen Träumen vom entspannten Lesen. Denn dieses Nach-Hause-Kommen ist so anders.

The Returned - Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

Seth Patrick entwirft ein Szenario, das aus zwei Perspektiven der Hoffnung und des Grauens besteht. Perspektiven, in die Seth Patrick so tief eintaucht, als hätte er das Erzählte als Augenzeuge erlebt. So psychologisch angelegt, als würde er in das tiefste Innere seiner Protagonisten blicken können. Und so verstörend präzise erzählt, dass sich jeder Satz und jedes Kapitel im dunkelsten Winkel des Lesers einnistet. Mich traf es eben besonders, weil ich diesen Roman als Vater las und mir ganz langsam vorstellen konnte, was mir in diesem Fall emotional geblüht hätte.

Stell Dir vor, Deine Tochter ist im Alter von 15 Jahren bei einem Busunfall ums Leben gekommen. Ein grausamer Einschnitt für den ganzen Ort, weil viele Kinder in diesem Bus saßen und ihr Leben verloren. Stell Dir vor, Dein Leben wäre nur ganz langsam wieder in die Spur gekommen und trotzdem hätte ihr Tod wirklich alles verändert. Deine Beziehung zerbricht, Du zerbrichst und trauerst, verarbeitest und bewältigst allein und in Begleitung von Therapeuten und in Gesprächskreisen.

Stell Dir vor, alles was Dir bleibt ist die Zwillingsschwester Deiner Tochter. Nun eine junge Frau, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit zur Verstorbenen nie mehr ein eigenes Leben führen durfte. Die als wandelnde Erinnerung an ihre Schwester wahrgenommen wurde. Stell Dir vor, dieses Mädchen würde schon seit vier Jahren beharrlich darum kämpfen, als eigenständiger Mensch akzeptiert zu werden. Und stell Dir nun vor… wage einfach den Gedanken… versuch es… Stell dir vor…

The Returned - Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

Deine totgeglaubte Tochter kehrt zurück. Vier Jahre nach dem Unfall. Unverletzt, als sei nie etwas geschehen. Stell Dir vor, sie steht vor der Tür, ahnungslos, was passiert ist und überlege Dir dann, wie Deine Familie reagiert. Und wenn Dir dann noch ein Rest Vorstellungsvermögen bleibt, stell Dir vor, wie ihre Zwillingsschwester reagiert. Denn das Mädchen vor der Tür hat sich überhaupt nicht verändert. Sie ist immer noch 15. Habt Ihr schon genug?

Dann wechseln wir die Perspektive und schauen uns die Situation aus der Sicht des gar nicht toten Mädchens an. Stell Dir vor, Du kommst nach Hause, keine Ahnung, was passiert ist, Deine Eltern haben sich getrennt, Deine Zwillingsschwester ist plötzlich vier Jahre älter und Du beginnst zu realisieren, dass Du eigentlich tot sein solltest. So wie all Deine Freunde, die mit Dir im Bus saßen. Und dann kannst Du Dir eine Vorstellung davon machen, wie das Umfeld, das Dorf und Deine ehemaligen Mitschüler auf Deine Rückkehr reagieren. Genug?

Nein… Denn was bei anderen Autoren für einen komplexen Psycho-Mystery-Thriller ausreichen würde ist bei Seth Patrick in „The Returned“ nur der Appetithappen. Der Titel des Romans ist durchaus als Plural zu lesen, was nun auch die Menschen im Nebel auf dem Cover erklärt. Fast gleichzeitig kehrt nämlich nicht nur das tote Mädchen zurück. In der friedlichen Alpenidylle erscheinen Menschen wieder, die man seit langer Zeit auf dem Friedhof gewähnt hat.

The Returned von Seth Patrick

The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück von Seth Patrick

Ein kleiner Junge, der schon vor 35 Jahren bei einem Einbruch ermordet wurde. Ein Bräutigam, der am Tag seiner Hochzeit starb. Die zänkische Ehefrau eines Greises, der nur noch seine Ruhe haben wollte. Sie alle kommen zurück und wollen an ihr Leben anknüpfen. Sie alle haben keine Ahnung, dass es sie eigentlich gar nicht geben dürfte. Und sie alle wundern sich darüber, wie sehr sich die Menschen verändert haben, aus deren Leben sie gerissen wurden.

Und wenn man denkt, dies würde Seth Patrick nun ausreichen, eine komplexe Story auf den Weg zu bringen, der liegt sehr schief. Mehr als das. Denn während die Rückkehrer diesen kleinen Ort fluten, verändert sich der Pegelstand im Stausee. Modrig riechendes Wasser wird aus der Kanalisation gedrückt und ein altes Geheimnis aus der Tiefe des Sees drängt nach oben. Und wie aus dem Nichts scheint ein Serienmörder wieder zuzuschlagen, dessen grausames Tatmuster eigentlich vor Jahren mit seinem Tod beendet schien. Stell Dir vor, wie sich das jetzt einzig überlebende Opfer dieses Kannibalen fühlen muss.

Seth Patrick gelingt mit „The Returned – Die Vergangenheit kehrt zurück“ ein absolutes Bravourstück des düsteren psychologischen Mystery-Thrillers. Alles wirkt so greifbar, alles wirkt so echt. Alles ist durchdacht bis ins allerkleinste Detail und sprachlich so auf den Punkt gebracht, dass man seine Augen nicht mehr aus dem Buch losreißen kann. Mein Respekt vor 14-jährigen Lesern steigt ins Unermessliche. Ihr seid ganz schön hart im Nehmen. Respekt. Ich schlafe nicht so gut seit dem Lesen, vielleicht warte ich auf Rückkehrer.

The Returned - Seth Patrick - Die Serie bei SKY ab Mai im Handel

The Returned – Seth Patrick – Die Serie bei SKY ab Mai im Handel

Die gleichnamige US-TV-Serie habe ich nicht gesehen. Wenn sie so ist, wie ich es vermute, dann würde ich sie nur mit über meinen Kopf gezogener Bettdecke und auf gar keinen Fall alleine anschauen. Die erste Staffel kommt im Mai in den Handel. In den USA wird sie jedenfalls nicht fortgesetzt. Im Gegensatz zum Roman, woraus man ganz klar ableiten darf, dass er nicht endet. Jedenfalls nicht so, wie man ein Buch ganz ruhig ausklingen lässt. Erwartet das nicht. Dieses Ende ist erst der Anfang. Denn alles gerät in den Strudel der untoten Rückkehrer. Die Natur, Tiere und die Menschen, die „noch“ leben…

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„Der Name meines Bruders“ von Larry Tremblay

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

„Wenn Amed weinte, dann weinte auch Aziz. Wenn Aziz lachte, dann lachte auch Amed. Die Leute machten sich über sie lustig und sagten: „Später werden sie bestimmt heiraten!“

Mit diesen Zeilen empfängt uns der kanadische Schriftsteller Larry Tremblay in seinem aktuellen Roman „Der Name meines Bruders“. Ein recht schmaler Band von gerade einmal 176 Seiten, der in diesen Tagen im C.H. Beck Verlag erschienen ist. Ein Buch dessen Cover in seiner klaren Aussage neugierig macht und dessen Klappentext die Geschichte einer Familie in einem Krieg, an einem Ort ohne Namen verspricht. Eine Geschichte, die überall auf der Welt spielen könnte.

Eigentlich lag dieser Roman nicht ganz oben auf dem Stapel meiner ungelesenen Kostbarkeiten. Eigentlich hielt ich ihn nur kurz in der Hand und wagte den Blick auf die erste Seite. Und eigentlich war ich dann erst auf Seite 117 zum ersten Mal in der Lage, meinen Blick bewusst zu erheben um eine kleine Pause zu machen. Wenn ich von einer literarischen Sogwirkung berichte, dann bitte ich darum, richtig verstanden zu werden.

Wenn ich heute davon erzähle, dass ich tief in einem Roman versank, dann bitte ich darum, auch ein ganz klein wenig in dieser Buchvorstellung zu versinken. Sie ist nur der Versuch, darauf aufmerksam zu machen, welches Buch ich wohl nicht gelesen hätte, hätten nicht die ersten Worte Sätze nach sich gezogen, die wieder Kapitel nach sich zogen, die es mir unmöglich machten, das Buch aus der Hand zu legen.

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Ein Land ohne Namen. Ja, das trifft wohl zu, da im gesamten Buch der Name nicht erwähnt wird. Und doch verdichtet sich das Gefühl des Lesers für diese Region nicht nur durch die Namen seiner Protagonisten. Es verdichtet sich auch durch die vielen kleinen Hinweise, die mir persönlich schnell verdeutlicht haben, wo ich mich befinde. Ich war zurückgekehrt zu den Orangen. Ich traf auf zwei Brüder. Zwillinge. Neun Jahre alt. Amed und Aziz.

Orangen sind ihr Leben und Orangen sind der Grund dafür, warum die beiden Jungs mit ihrer Familie genau hier lebten. Im palästinensischen Grenzgebiet zu Israel. Auf dem kargen Land, das ihnen nach der Vertreibung blieb, grenzte es fast an ein Wunder, was der Vater ihres Vaters vollbracht hatte:

„Hier gab es vorher nur Wüste. Mit Gottes Hilfe hat dein Vater ein Wunder vollbracht. Er hat Orangen wachsen lassen, wo es nur Sand und Steine gab.“

L´Orangeraie – Die Orangerie, so der Originaltitel des Romans, versetzte mich zurück in das Lesegefühl von Ismaels Orangen von Claire Hajaj, deren Roman nicht nur im übertragenen Sinne neben mir Wurzeln geschlagen hat. Das kleine Orangenbäumchen wächst seit dem Lesen gedeihlich und wirft immer wieder die nachhaltige Frage auf, ob Liebe wachsen kann, wo Hass gesät wurde.

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Ich bin wieder bei den Orangen angekommen, aber im Unterschied zu Ismael muss ich diesmal keinem jungen Palästinenser folgen, der seine Heimat verlässt und sich mit seiner Familie auf die heillose Flucht begibt. Ganz im Gegenteil. Wir bleiben. Und das trotz aller Widrigkeiten, trotz allen Hasses, trotz der Angriffe und trotz der Gewaltspirale, an der beide Seiten beharrlich drehen.

Und genau damit beginnen wir auf der allerersten Seite von „Der Name meines Bruders“. Die Zwillingsbrüder graben ihre Großeltern genau an der Stelle aus den Trümmern eines Hauses aus, an der ihr Großvater das Wunder der Orangen vollbracht hatte. Eine einzige Bombe, ein einziger von vielen Angriffen von der anderen Seite der Grenze aus hatte ausgereicht, das Leben aus dem Lot zu bringen.

Für Trauer bleibt keine Zeit. Ganz im Gegenteil. Der Hass macht die Runde und von Rache wird schnell geredet. Ohne Rache würden die Toten keine Ruhe finden. Ohne Blut zu vergießen könne man nicht weiterleben. Keine Gedanken, die der Vater von Aziz und Amed hegt. Es sind die Gedanken aus dem Umfeld. Die Gelüste derer, die Macht ausüben und jeden Angriff zum Gegenangriff nutzen, obwohl es sich beim Angriff aus Sicht der anderen Seite vielleicht um einen Schlag der Vergeltung handelte. Schuld und Ursache sind relativ. Hass ist universell.

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Die Spirale dreht sich. Sie dreht sich in endlosen Bahnen und niemand kann sich dem Taumel aus purer Gewalt entziehen, möchte man nicht beim eigenen Volk als tatenloser Verräter gebrandmarkt werden. Der Druck auf die Familie der beiden Kinder wird immer größer und schließlich verlangt man vom Vater, einen der beiden Söhne auszuwählen, der nur mit einem Sprengstoffgürtel bewaffnet auf der feindlichen Seite des Gebirges zum Selbstmordattentäter und Märtyrer werden soll.

Amed oder Aziz? Aziz oder Amed? Die Perversion der Rachespirale wird in diesen beiden unschuldigen Kindern greifbar. Sie wird in den zermürbenden Gedanken ihrer Eltern fühlbar. Ein gewaltiger Gewissenskonflikt, dem sie sich stellen müssen und der die Welt der kleinen traumatisierten Familie auf eine große Probe stellt. Eine Probe, die man schon mit normalem Menschenverstand nicht bestehen kann. Doch hier kommt noch eine Ebene dazu, die an Dramatik nicht zu überbieten ist.

Aziz ist sterbenskrank, ohne es zu wissen. Nur seinen Eltern ist bewusst, dass ihr Sohn nicht mehr lange zu leben hat. Amed hingegen ist kerngesund. Wie kann man nun entscheiden, wie nur auswählen. Opfert man das Kind, dem der Tod schon deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Opfert man den gesunden Sohn und verliert beide? Und die Frage, die über allem steht: Wäre der Selbstmord des todkranken Aziz wirklich das Opfer, nach dem man hier verlangt? Würde das von den religiösen Fanatikern akzeptiert oder würde man es als ungültig und absolut wertlos erachten, weil nur ein gesunder Selbstmörder zum Märtyrer taugt?

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay

Der Vater der Zwillingsbrüder trifft seine einsame Entscheidung und übergibt den Gürtel mit seiner tödlichen Fracht an einen seiner Söhne. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Die Spirale wird eine Umdrehung weiter in endlose Höhen geschraubt. Und doch ist alles anders als es scheint und all die Gedanken über Rache, Hass und Genugtuung werden unbedeutend in dem Moment, als der Daumen eines 9-jährigen Jungen auf den Zünder des Sprengstoffgürtels drückt.

Larry Tremblay wirft auf jeder einzelnen Seite seines Romans Fragen auf, die sehr leicht zu beantworten wären. Und doch erkennt man im ständigen Kreislauf der ewigen Manipulation und Instrumentalisierung jede Nuance des religiösen Fanatismus, der die Welt beherrscht und wie ein Taifun über die Opfer und Täter gleichermaßen tobt. Ein Roman, der uns sprachlos macht. Ein großer Roman, der tief in die eigenen Gedanken eindringt. Ein Roman, der Väter nicht mehr gut schlafen lässt, Müttern die Tränen der Hilflosigkeit in die Augen treibt und Jugendliche laut rufen lässt: „Nicht mit uns!“ Ich befürchte nur, dass man ihren Ruf nicht hören wird. Nirgendwo auf dieser Welt.

Die Romane Ismaels Orangenvon Claire Hajaj, Judasvon Amos Oz und Der Himmel über Jerusalemvon Gabriella Ambrosio bilden einen in sich geschlossenen Zyklus des Lesens zu diesem Thema. Es geht nicht um Schuldzuweisung an eine der beteiligten Parteien. Es geht auch nicht um denjenigen, der irgendwann den ersten Stein warf. Es geht darum zu verstehen, dass es enden muss. Auch Dorit Rabinyan hat in ihrem Roman Wir sehen uns am Meer den literarischen Versuch gewagt, ein Ende zu finden. Voller Liebe und umso unmöglicher…

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Ein wohl niemals endenwollendes Thema…

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Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Kein anderer Name ist in den letzten Tagen so häufig medial vertreten, wenn es um das Gedenken an die Opfer des Holocaust geht. Kein anderer Name steht so sehr im Fokus, wenn es um die Begleitung des wohl letzten großen „Auschwitz-Prozesses“ gegen einen der letzten noch lebenden Täter geht. Keine andere Frau wird, angesichts ihrer Gesten und Aussagen zur eigenen Verarbeitung des Grauens, in aller Öffentlichkeit gerade so argwöhnisch betrachtet. Niemand zeigt in diesen Tagen mehr menschliche Größe als sie: EVA MOZES KOR

Und warum? Weil sie beharrlich erinnert und mahnt? Weil sie mit ihren 81 Jahren die Welt bereist, Gedenkveranstaltungen besucht, vor Schülern spricht oder anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als eloquenter Gesprächsgast von Jauch zu Lanz herumgereicht wird? Weil sie eine agile Zeitzeugin ist, die noch in der Lage ist, von allem Zeugnis abzulegen? Weil sie Nebenklägerin im Prozess gegen den „Buchhalter von Auschwitz“ Oskar Gröning ist? Nein – keineswegs.

EVA MOZES KOR ist deshalb so präsent, weil sie eine Botschaft vermittelt, die in der heutigen Zeit so unglaublich klingt und so sehr von Größe zeugt, dass man mehrmals hinhören und –schauen muss, um zu begreifen, dass sie es ernst meint. „Vergebe und heile!“ so lauten ihre markigen Kernworte, die sie jedem Menschen mit auf den Weg gibt. Worte, die in jugendlichen Herzen verankert werden und die heutige Generation zum Nachdenken bringen. Worte jedoch, die bei den Überlebenden des Holocaust nicht unumstritten sind. Worte, die bei Betroffenen ungläubige Reaktionen hervorrufen.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor und Reiner Engelmann – Vergebung ist kein Freispruch

Ich bin Eva Mozes Kor erst vor kurzem begegnet. Anlässlich ihrer Lesung zum 70. Jahrestag der glücklichen Befreiung des Todeslagers Auschwitz am 27. Januar 1944 in einer gemeinsamen Veranstaltung mit Reiner Engelmann und dessen Buchvorstellung zuDer Fotograf von Auschwitz bin ich gemeinsam mit Peggy Steike der Einladung des cbj-Verlages gefolgt und wurde Zeuge eines denkwürdigen Abends. Ein Abend, der Peggy dazu inspiriert hat, Eva in ihrer Lieblingsfarbe ein lebendiges und leuchtendes Bild zu widmen, wie man am „Schulterblick“ im Atelier Steike deutlich erkennt. Blau im tiefen Kontrast mit der Vergangenheit. Symbolkraft für die Schüler, denen wir von Eva erzählen.

Ich habe den Todesengel überlebt, die bewegende Überlebensgeschichte von Eva Mozes Kor, begleitet unser gemeinsames Schulprojekt schon seit Jahren. Unter der Überschrift „Die Kunst des Vergebens“ beeindruckt ihre Botschaft ganz besonders junge Menschen, für die es aus heutiger Sicht schon unvorstellbar erscheint was Eva in Auschwitz erleiden musste. Umso unvorstellbarer sind dann ihre Worte „Vergebe und heile!“ Wir erklären den Jugendlichen immer wieder den Hintergrund der Botschaft und merken an den Reaktionen, dass aus dem Unglauben pure Bewunderung wächst.

Denn Vergebung ist für Eva Mozes Kor kein Akt der Selbstverleugnung oder gar ein Verzeihen im eigentlichen Wortsinn. Ihre Vergebung ist die größte Rache, die sie am Nazi-Regime nehmen kann. Es ist ein aktives Loslassen vom Trauma, ein sich selbst Distanzieren vom Grauen dieser Tage und ein ganz individueller Prozess, der es den Peinigern von damals nicht mehr gestattet, auch heute noch Macht über Eva Mozes Kor zu besitzen. Diese ganz eigene Form von Vergebung erlaubte ihr, die Opferrolle abstreifen und ihren Kampf Gegen das Vergessen aktiv beginnen zu können

Eva Mozes Kor - Peggy Steike malt gegen das Vergessen

Eva Mozes Kor – Peggy Steike malt gegen das Vergessen

„Jedes Opfer hat das Recht auf Heilung. Und das Gute an diesem Heilmittel Vergebung ist, dass es absolut keine Nebenwirkungen hat. Und jeder kann es sich leisten.“

Ihr Auftreten an jenem Abend in München entspricht ihrer Persönlichkeit. Sie vermag es den ganzen Saal im Amerikahaus zum atemlosen Schweigen zu bringen, als sie von der Selektion an der Rampe erzählt. Von der Trennung von ihren Eltern, von dem letzten Blick den sie mit ihrer Zwillingschwester Miriam auf ihre Familie werfen kann. Sie bringt Menschen zum Staunen, als sie darüber berichtet, wie der unbändige Wille zum Überleben entstand und wie sehr sich die Schwestern geschworen haben, nicht als Kinderleiche in einer Kloake zu enden.

Sie bringt die Menschen zum Lachen, als sie voller Sarkasmus erklärt, dass es die Aufseher nicht leicht mit ihr hatten. Ihre Kindheit sei nicht sehr harmonisch gewesen, berichtet sie. Körperliche Züchtigung durch den mehr als strengen Vater sei an der Tagesordnung gewesen und im Angesicht der Kapos des Konzentrationslagers mit ihren Knüppeln habe sie sich nur gedacht:

„Ihr habt euch wirklich das falsche Opfer ausgesucht. Ich bin bestens auf euch vorbereitet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Zwillinge im KZ

Sie sorgt für Applaus als sie davon berichtet, wie sie nach ihrer Befreiung aus dem Todeslager versucht hat, gemeinsam mit ihrer Schwester Miriam herauszufinden, welche Krankheitserreger man Miriam verabreicht hat, und die Verantwortlichen ihr den Rat gaben, doch einen ehemaligen Nazi-Arzt des Konzentrationslagers zu kontaktieren.

„Ich konnte das kaum glauben. Ich sagte denen dann, dass im Telefonbuch leider niemand unter der Berufsbezeichnung <Ehemaliger KZ-Arzt Auschwitz> zu finden sei und ich auch nicht annehme, dass sich da jemand auf eine Annonce in der Zeitung melden würde. Spaßvögel.“

Und sie vermag es, ihre Zuhörer und Leser intensiv mit Dr. Josef Mengele zu konfrontieren und allen zwiespältigen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Einerseits habe sie es ihm zu verdanken, dass sie nicht sofort vergast wurde, weil er nach Zwillingen für seine abscheulichen Menschenversuche gesucht habe. Wie ein Wissenschaftler habe er gehandelt. Keine menschliche Regung habe er gezeigt. Er war nie unfreundlich oder freundlich. Er war die wohl schwierigste menschliche Erfahrung, die Eva jemals erleben musste. Er sprach niemals. Kein persönliches Wort richtete er an seine Opfer. Er war ordentlich, stolz auf seine Arbeit. Ein Wissenschaftler umgeben von Versuchstieren.

Er tötete gezielt und doch im Vorbeigehen. Trotzdem lebten Eva und Miriam nur wegen ihm. Das musste den Mädchen vorkommen, als hätten sie es mit Gott persönlich zu tun. Diese Hilflosigkeit und die völlige Abhängigkeit, in Verbindung mit der ständigen Todesangst seien die ständigen Wegbegleiter gewesen. Nichts wurde den Mädchen jemals erklärt und es blieb ihnen keine Energie, als sich um das eigenen Überleben zu kümmern.

„Das hat alle Kraft gekostet!“

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Lesezeichen von Eva

Und heute kostet es sie alle Kraft, als Überlebende des Holocaust mit ihrer Botschaft der Vergebung zur Selbstbefreiung nicht an den Rand des Gedenkens gedrängt zu werden. Reine „Selbstinszenierung“ wirft man ihr vor. Als „falsch zu verstehende Geste des Freispruchs für alle Täter“ wird ihre Geste gedeutet, dem Angeklagten in Lüneburg die Hand zu reichen. Und selbst das internationale Auschwitz Komitee wird zitiert mit den Worten: „Den Tätern Verzeihung zu gewähren, dazu fühlen sich die Überlebenden angesichts deren jahrzehntelangen unbelehrbaren Schweigens nicht in der Lage!“

Eva Mozes Kor ist dazu in der Lage. Sie spricht die Täter nicht frei von Schuld. Sie hat sich befreit von Tätern, die sie jahrelang in ihrer Gewalt hatten. Nur dieser Weg hat es ihr ermöglicht, ihren eigenen Weg aus dem Dunkel des Daseins als Opfer zu finden. Wir hören ihr aufmerksam zu und ich ziehe meinen Hut vor dem Kampfesmut von Eva Mozes Kor.

Eva Mozes Kor - Vergebung ist kein Freispruch

Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch

Ihr Mut steht auch heute noch als Beispiel, warum es sich lohnt für das Überleben zu kämpfen. Nun geht sie ihren Weg der Selbstheilung und der Selbstbefreiung. Wer das kritisiert, hat sich nie in die Lage der Überlebenden versetzt. Wer das kritisiert, hat sich nie mit dem Weg von Eva Mozes Kor auseinandergesetzt. Aber eines ist sicher. Keine Kritik der Welt wird aus ihr wieder das machen, was man ihr jahrelang im wahrsten Sinne des Wortes eingeimpft hat: EIN OPFER.

Sie hat einige Exemplare von „Ich habe den Todesengel überlebt“ für Schüler in Bayern mit dieser Botschaft versehen und signiert. Sie werden Peggy Steike und mich durch unser gemeinsames Schulprojekt begleiten. Sie uns hat ihre Botschaft mit auf unseren Weg gegeben und wir werden sie sicher nicht sinnentfremdet weitergeben, sondern so, wie ich es hier schrieb. In ihrem Sinne, der auch unserer ist.

„Forgive & Heal“

Thank you, Eva, forbeing part of your Message

Thank you, Eva, for being part of your Message

Nachtrag: auch Reiner Engelmann wird uns nach seinem Buch Der Fotograf von Auschwitz weiter begleiten. Ihm wird ein eigenständiger Artikel zu diesem Abend gewidmet. Auch seinem schon bald bei cbj erscheinenden neuen BuchWir haben das KZ überlebt gilt es, die vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Er steckt tief im Thema. Differenziert und journalistisch höchst profund und seriös. Seine Emotionalität angesichts der sehr bewegenden Aussagen von Eva Mozes Kor in ihrer gemeinsamen Veranstaltung „Gegen das Vergessen“ werde ich nicht vergessen.

Zertrennlich von Saskia Sarginson – Ein unglaubliches Debüt

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

„Wir sind nicht immer Zwillinge gewesen. Früher waren wir ein einziger Mensch.“

Mit diesen Worten beginnt Saskia Sarginsons Romandebüt „Zertrennlich (Script 5 Verlag). Mit diesen Worten zieht uns die Lektorin, Journalistin, Ghostwriterin und nun auch Schriftstellerin aus London tief hinein in ein bewegendes Jugendbuch und lässt bereits in den ersten beiden Sätzen erkennen, worauf wir uns als Leser einlassen.

Trennung und Verlust – in der Rückschau bewertet – von einem unbestimmten Früher in ein ganz präzises Jetzt hinein, das für zwei eineiige Zwillingsschwestern vom Begriff „Zertrennlich“ geprägt ist. Zwei Sätze, die für mich den ersten Lesemoment darstellten, in dem ich das Buch bereits beiseite legte und darüber nachdachte, wie viel Aussagekraft sie besitzen, was sie alles verraten und wie sehr sie die Neugier auf das zu lesende Buch anstacheln.

Geniale erste Sätze, auf die (verteilt über 412 Seiten) noch so viele wundervolle Sätze und Kapitel folgen sollten, die mich für einige Zeit mit dem Buch und seiner Geschichte, seinen Protagonisten und ihren Leben verschmelzen ließen.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Sehr schnell wuchs ich unzertrennlich mit „Zertrennlich“ zusammen. Der rote Faden des Romans: Saskia Sarginsons wortreiche Nabelschnur, die ihre Leser mit den eineiigen Zwillingen Isolte (Issy) und Viola verbindet. An dieser Lebensader zieht sie uns durch ihren Roman, während wir hoffen, nicht abgenabelt zu werden. Zumindest nicht so abgenabelt, wie es die ersten beiden Sätze vermuten lassen.

Eigentlich ist es Viola, die uns die Geschichte der Familie erzählt. Ihre Erinnerungen an die frühe Kindheit, wohl behütet, obwohl vaterlos, sind tief verwurzelt mit ihrer Liebe zur Mutter und natürlich zu ihrer Zwillingsschwester Isolte. Alles hatten sie gemeinsam, alles wurde geteilt und es gab keine Geheimnisse.

Liebevolle Erinnerungen an das Leben in der wundervollen Natur, den Geruch des Meeres und den kindlich naiven Aberglauben sind ebenso eingebrannt, wie das Gefühl der ersten Zuneigung zu Jungs, des ersten Kusses und der ersten zarten Liebe. Eigentlich ist es Viola, die uns diese Geschichte erzählt, aber in den Rückblicken auf die gemeinsame Jugend wirkt die Sichtweise ihrer Schwester Isolte immer stabiler und unverfälschter. So, als habe sie ihre Schwester Viola im Leben auf der Überholspur abgehängt.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Kein Wunder, denn heute, fünfzehn Jahre später, ist von der rückblickenden Viola nicht mehr viel übrig. Ein tristes Krankenzimmer ist ihr geblieben und von der strahlend schönen jungen Frau, die sie sein könnte, ist ein abgemagertes Etwas geblieben. Viola ist ein magersüchtiger Pflegefall geworden. Fast schon bewegungsunfähig, mental fast völlig ausgebrannt… nur die Erinnerung hält sie wach, weil sie quälend ist.

„Viola verschwindet, jeden Tag ein Stückchen mehr. Ihr Ziel ist es, sich komplett aufzulösen.“

Violas Weg ins Nichts ist ein bewusster und selbst gewählter. Er stellt eine ankerlose Flucht in die Tiefe ihrer Selbst dar – unerreichbar für Dritte – und nur ansprechbar, wenn sie Besuch von ihrer Schwester Issy bekommt. Jener Isolte, die mit aller Energie im Leben steht, modebewusst und energisch auf ihr Äußeres achtet und nur durch Viola an die Vergangenheit erinnert zu werden scheint.

Gegensätzlicher können zwei Lebensentwürfe nicht sein. Gegensätzlicher können sich eineiige Zwillinge nicht entwickeln. „Zertrennlich“ fühlen sie sich heute, wo sie sich früher wie ein Ei dem anderen geglichen haben und in den gleichen Gedanken versanken.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Und so sitzen wir als Leser hilflos am Bett der vor sich hin vegetierenden Viola und wollen ihr so gerne dabei helfen, auch nur eine Kleinigkeit zu essen, während wir gleichzeitig mit Issy durch ein scheinbar normales Leben voller Äußerlichkeiten und Job schlendern. Nur in den seltenen Momenten, in denen beide im Krankenhaus vereint sind, erkennen wir, dass sie sich nicht gegenseitig verletzt haben.

Es ist ein großes gemeinsames Geheimnis, das sie voneinander entfernt hat. Es ist ein Moment, der aus einem Weg zwei und aus einem Leben zwei gemacht hat. Er hat eineiige Zwillinge zu völlig unterschiedlichen Menschen werden lassen, weil sie beide auf ihre Art und Weise versuchen, vor genau jenem Moment in der Vergangenheit zu fliehen. Einen gemeinsamen Weg scheint es nicht zu geben.

Ich habe mich sehr schnell gefragt, welche der beiden jungen Frauen die Stärkere zu sein scheint. Diejenige, die sich auflösen will, oder diejenige mit dem scheinbar normalen Leben. Und von Seite zu Seite wächst die Frage nach dem Grund für die „Zertrennlichkeit“ von Issy und Viola. Ich ahne schnell, dass es um gemeinsame Schuld geht, doch als der Moment der Klarheit im Buch mit aller Macht ins Leserauge springt, da sitze ich auch sprachlos vor den Trümmern zweier Geschöpfe, die so unschuldig schuldig sind, wie man es sich schlimmer nicht vorstellen kann.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Als Saskia Sarginson uns den passenden Schlüssel zum Geheimnis dieses Romans überreicht, öffnen wir keine Tür in einen eindimensionalen Raum. Wir blicken tief in eine facettenreiche Kombination aus unglücklichen Verkettungen, vielschichtigen Konflikten und aufrichtig tobenden Gefühlen. Wenn wir in diesem Raum das Licht anmachen, dann wird uns klar, dass nicht nur die beiden Mädchen lebenslang leiden.

Sie sind nicht allein. Sie waren es nie, aber seit dem Tag, an dem das Unwiderrufliche geschah, werden sie gepeinigt von der Frage nach der eigenen Schuld. Viola und Issy versuchen auf ganz individuelle Weise, mit dieser Last zu leben, oder eben auch nicht zu leben. Während die eine Schwester im antiseptischen Geruch des Krankenhausalltags versinkt, hüllt sich die andere in eine Wolke ihres Lieblingsparfüms „Poison“. Keiner dieser Gerüche ist natürlich. Sie stehen für die Kunstwelten der nie zu bewältigenden Schuld und der Lawine, die damals losgetreten wurde.

Einen tiefen Blick in die vielfältigen Ursachen von Magersucht mag man im Roman werfen dürfen, einen tiefen Blick in die scheinbare Normalität eines Lebens der künstlichen Äußerlichkeiten darf man wagen. Der letzte Blick ist entscheidend. Der Blick in das Spiegelbild zweier Schwestern, die sich wohl niemals näher waren als im Moment der größten Distanz. „Zertrennlich“ ist ein herausragendes Jugendbuch voller Gefühl und Empathie. Ich bleibe ihm unzertrennlich verbunden, weil Saskia Sarginson am Ende des Romans eine zerstörte Nabelschnur zu heilen vermag. Ein einziger fehlender Stein reicht aus.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson