„Lager“ von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Wissen Sie, wie ideologisch motivierter Massenmord ohne Täter funktioniert?

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie man es schafft, politische Gegner, Kriminelle, Andersgläubige, Kriegsgefangene oder sogenannte „sozialverdächtige Elemente“ auf Nimmerwiedersehen spurlos verschwinden zu lassen und sie zu ermorden, ohne selbst Hand anzulegen? Können Sie sich vorstellen, dass man auf diese Art und Weise mehr als zwei Millionen Menschen ums Leben bringt?

Oh… Entschuldigung. Nicht „MAN“. Die Todesursache ist natürlich eher natürlich. Also nicht von fremder Hand herbeigeführt. So nach dem Motto: „Den Umständen der Haft geschuldet!“ Sie denken jetzt an den Holocaust? An die industriell konzipierten Fabriken zur Vernichtung von Menschen, die nicht ins nationalsozialistische Rassebild passten? Sie denken hier an Gaskammern und Krematorien? Ihnen fallen Namen wie Buchenwald und Auschwitz ein?

Nein. Davon ist gerade nicht die Rede. Dort gab es die aktiven Täter. Die Henker und Vernichter. Die brutalen Schlächter im Namen einer Diktatur. Diejenigen, die tatsächlich Hand anlegen mussten, um das „unwerte“ Leben zu beenden. Es geht auch anders. Es geht auch, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Die Perversion des Mordens ohne schlechtes Gewissen trägt einen ganz eigenen Namen.

GULAG

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Hier übernahmen unmenschliche, weil nicht-menschliche Helfer das Morden. Hier nutzte das kommunistische Regime der damaligen Sowjetunion die Tiefe und Größe des Landes, um sich seiner Gegner zu entledigen. Sibirien. Die unendliche Weite der Taiga. Temperaturen jenseits der minus 30 Grad. Unzweckmäßige Bekleidung. Kaum Hygiene. Hunger. Krankheiten. Einsamkeit. Suizid. Desorientierung. Entkräftung. Das waren die Todesursachen in den Todeslagern des GULAG.

Das Regime nutzte die Ressourcen des eigenen Landes, um all jene zu liquidieren oder abzuschotten, die den eigenen Machtanspruch gefährden konnten. Massenmord ohne Dreck an den eigenen Händen. Den besonderen Umständen der Haft geschuldet. Unerwartete Todesfälle. Plötzlich auftretende epidemische Krankheiten. Was sollte man angesichts der Armut der Bevölkerung dagegen unternehmen? GULAG. Dieser Begriff reicht aus.

Von 1930 bis in die Mitte der 1950er Jahre durchzog ein in sich geschlossenes Netz von Lagern, psychiatrischen Kliniken, Sondergefängnissen und Kolonien die wahrhaft unwirtlichen Teile der Sowjetunion. In diesem Zeitraum wurden insgesamt mehr als 18 Millionen Menschen aus der Gesellschaft entfernt, inhaftiert und letztlich auch ermordet, obwohl sie ja nicht wirklich ermordet wurden. Über 2 Millionen Tote. Was für eine Zahl. Und über allem Stand das eigentliche Mittel zum Zweck. Die Drohung an eine ganze Gesellschaft mit dem Druckmittel namens Willkür. Wer nicht spurt: GULAG.

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Lager“. Ein bedeutungsschwerer Buchtitel. Ein einzelner Eisenbahnwaggon auf dem Abstellgleis des Lebens vor dem schneeweißen Frost-Hintergrund Sibiriens. Zäune als einziges verwittertes Empfangskomitee. Und um diesen trostlos bedrohenden Eindruck mit dem nötigen Kontrast zu versehen, verbleiben mehr als zwei Drittel des Covers in Schwarz. Ein Damoklesschwert der Literatur, das nichts Gutes verheißt. Man fühlt die grenzenlose Kälte, die dieses Buch ausstrahlt. Man spürt die gnadenlose Einsamkeit der ewigen Verbannung. Mutig und doch stark, das Cover des Aufbau Verlages.

Angela Rohr würde diese dunkle Aufmachung gefallen. Da bin ich mir sehr sicher. Ihr Leben steckt in diesem Buch. Ihr Vermächtnis füllt die Seiten eines Werks, das als autobiografischer Roman daherkommt, im eigentlichen Sinne jedoch Autobiografie ist. Über den Begriff Roman kann man sehr trefflich streiten in diesem Zusammenhang. Er bezeichnet hier weniger die Fiktion, die wahrlich keine ist. Er bezeichnet die Struktur, die reine literarische Qualität und die unbeschreibliche Namenlosigkeit der Opfer des Gulag, die uns begegnen.

Ich denke nicht, dass Angela Rohr je einen Roman schreiben wollte und ich habe „Lager“ auch nicht als solchen gelesen. Ein Sachbuch ist es jedoch auch nicht, denn es ist die subjektive Perspektive der zu Lagerhaft verurteilten Autorin, die hier alles in den Brennpunkt rückt, was ihr selbst widerfuhr. Und gerade diese Subjektivität fern ab jeder gesicherten Information, genau der Stil, in dem Angela Rohr dachte und schrieb, macht die ungeheure Wucht dieses Buches aus.

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Ihre eigene Geschichte liest sich schon wie ein ganzes Buch. Ihr Leben ist voller Rätsel und teilweise verschwand sie ganz von der Bildfläche. 1890 geboren, Künstlerin, Autorin, kritischer Geist, Medizinstudentin, gute Freundin von Rainer Maria Rilke, der sie als seine „Schützlingin“ bezeichnete, bevor sie mit ihrem Mann nach Moskau ging. Dort wird die Österreicherin nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch als „Deutsche“ gesehen, 1941 mit ihrem Ehemann inhaftiert und als „sozialverdächtiges Element“ zu 5 Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt.

Sibirien, Taiga, Gulag, Lager. Lebensrettend für sie ist nur noch ihre medizinische Ausbildung. Zwar ist sie keine Ärztin, aber es reicht, die Lagerkommandanten davon zu überzeugen, als solche in der Todesmaschine „Lager“ zu arbeiten. Mit nichts als ihrer positiven Grundhaltung Menschen gegenüber bewaffnet beginnt ein Kampf gegen die Windmühlen des GULAG. Keine Medikamente, keine Instrumente und keine Chance, ihre Vorstellungen von Medizin umzusetzen dient ihr Handeln zumeist als Alibi für die Wärter, da man von ihr nicht mehr erwartet, als ihre Patienten für „arbeitsfähig“ zu erklären. Und sie damit in den Tod zu schicken.

Lager. Nicht singulär gemeint. Der Plural ist hier gemeint, denn eines der Merkmale des perfiden Systems ist es, bei den Inhaftierten kein Gefühl für Sicherheit aufkommen zu lassen. Unvorhergesehene Wechsel der Lager sorgen für Angst, Desorientierung, Zermürbung und verhindern jegliche Routine oder Strukturierung des eigenen Lebens unter diesen Umständen. Als ihre Haftstrafe endlich endet, wird Angela Rohr entlassen. Nicht in die Freiheit jedoch, sondern in den Status „Ewig Verbannte“. Rechtlos ist sie zum Bleiben in Sibirien verdammt. Für die Kranken und Sterbenden in den Lagern ein Segen. Für sie selbst ein Debakel.

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

In ihrem Zyklus „Ein zeitgemäßes Ereignis“ schrieb sich Angela Rohr nach ihrer Begnadigung und Rehabilitierung 1957 ihre Erlebnisse von der Seele. Sie nimmt ihre Leser mit in die Todesmaschine und macht sie zu Zeugen eines Massenmordes, den niemand bezeugen sollte. Die Tatsache, dass ihre Manuskripte den Weg in den Westen gefunden haben ist eine abenteuerliche Geschichte für sich. Lager ist hierbei der in sich geschlossene Band, der sich mit der Zeit nach ihrer Verurteilung bis zur Phase der Befreiung nach 16 Jahren GULAG auseinandersetzt.

Nein. Im eigentlichen Sinne lesen wir keinen Roman. Und doch ist es einer. Sie lehnt ihr Schreiben an literarische Leitbilder an und verkommt nicht zur Chronistin einer Zeit, sondern wird zum lebendigen und greifbaren Zeitzeugnis voller Gefühl. Kälte dominiert. Isolation und Krankheit beherrschen das Denken und der Anonymität der Opfer setzt sie ihre Erinnerungen entgegen. Sie zeigt uns auf, wie die Vernichtung von Menschenleben ohne greifbare Täter funktioniert und verweigert sich dabei der ihr zugedachten Rolle einer bloßen Erfüllungsgehilfin.

Jede Diktatur findet ihre Mittel zur Unterdrückung der Beherrschten. Jede Diktatur übertrifft die andere an Kreativität. Für die Opfer ist es einerlei. Ihr Tod ist das Ziel, das Überleben unwahrscheinlich, die Zermürbung wird Methode und der Schrecken regiert das Land. So funktioniert Ideologie und in immer wiederkehrenden Wellen erkennen wir die Muster auch in unserer heutigen Zeit. Das Lesen dieses Romans war bewegend. Der Vergleich der Systeme und ihrer Lager ist quälend. Angela Rohr hält unsere Augen offen. Auch 30 Jahre nach ihrem Tod. Nur dafür schrieb sie. Dafür sollten wir sie lesen. Das ist ihr Verdienst in humanitärer und literarischer Hinsicht.

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Ein bibliophiler Nachtrag:

Glauben Sie eigentlich an Zufälle im Lesen? Ich schon lange nicht mehr. Lesen Sie doch noch meinen kleinen Facebook-Beitrag über meine Begegnung mit Angela Rohr und Rainer Maria Rilke. Manches fügt sich. Manches ist Fügung. Einiges ist magisch. Deshalb lese ich. Hier geht`s lang.

Diese Rezension ist auch als Radio-Podcast bei Literatur Radio Bayern verfügbar. Hören sie gut. Hier geht´s zur Rezension fürs Ohr.

Es gibt keine Zufälle im Lesen. Rilke, Rohr und Mr. Rail

Es gibt keine Zufälle im Lesen. Rilke, Rohr und Mr. Rail

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13 Gedanken zu „„Lager“ von Angela Rohr

  1. Ihnen fallen Namen wie Buchenwald und Auschwitz ein?
    Nein. Davon ist gerade nicht die Rede. Dort gab es die aktiven Täter. Die Henker und Vernichter. Die brutalen Schlächter im Namen einer Diktatur.

    Das Stimmt nicht ganz, im Lager von Buchenwald wurden sogenannte „Kapos“ eingesetzt und diese „Kapos“ waren ebenfalls Häftlinge nur waren diese Mörder oder andere schwerkriminelle die die Arbeit der Wachmannschaften zum Teil übernahmen und dadurch eine extraration Essen bekamen oder Zugang zum Bordell welches es ebenfalls im Lager von Buchenwald gab.
    Im Krematorium wurden Häftlinge eingesetzt die als „Bonus“ eine Flasche Schnaps bekamen als „Danke schön“. Es gab auch Aufgaben die von der Wachmannschaft übernommen wurden.

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