Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

„Klara vergessen“ von Isabelle Autissier

Murmansk. Nördlich des Polarkreises. Schauplatz einer Generationengeschichte aus der Feder der französischen Autorin Isabelle Autissier und regionales Epizentrum einer epischen Erzählung, die zwar nach Russland schmeckt, klingt und sich so anfühlt, jedoch weit größere Kreise zieht, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Es ist die vielbeschworene russische Seele, die den politischen Wechselbädern einer Nation zugrunde liegt, die hier heraufbeschworen wird. Es ist die Mentalität der Menschen, die ihre Heimat unter immer neuen ideologischen Rahmenbedingungen verehren. Isabelle Autissier erzählt eine Geschichte von Identität, Prägung und Vorbestimmung. Es ist die Geschichte einer Familie, die an einem bestimmten Tag durch Verrat in ein Davor und ein Danach zerschnitten wird. Aus der Heimat wird ein Niemandsland. Aus der Familie wird ein Fragment und aus der Zukunft der folgenden Generationen wird ein Vorbehalt, unter dem das Leben anders verläuft, als man es sich gewünscht hätte…

Juri kommt erstmals wieder nach Hause. Das Murmansk seiner Jugend hat sich seit seinem Weggang augenscheinlich verändert. Der Begriff Heimat kommt ihm jedoch nur schwer über die Lippen. Der Ornithologe, der inzwischen in Nordamerika lebt kehrt nur zurück, weil ihn die Nachricht vom baldigen Ableben seines Vaters Rubin erreicht hat. Unversöhnlich war ihr Abschied. Unversöhnlich sind die Erinnerungen an den brutalen und oftmals betrunkenen Kapitän eines Fischtrawlers und unüberwindlich hoch sind die Mauern, die sich zwischen ihnen aufgetürmt haben. Schikane, Leibesertüchtigung und der Wille des Vaters, sein Sohn möge in seine Fußstapfen treten haben Juris Kindheit und Jugend zu einem Martyrium ungeahnten Ausmaßes gemacht. Jetzt, am Sterbebett seines Vaters, erfährt er vom Familiengeheimnis, das alles in neuem Licht erscheinen lässt.

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Die Zeit läuft. Rubin schickt seinen Sohn auf eine Reise in die Vergangenheit. Ihr Ziel trägt einen Namen: „Klara“. Juris Großmutter und Rubins Mutter. Die aufstrebende Wissenschaftlerin wurde vor über siebzig Jahren im stalinistischen Russland verhaftet. Ihr Verschwinden stellt die feste Größe im Narrativ der Familie dar. Der Grund und ihr Verbleib, ihr Schicksal und die genauen Zusammenhänge sind bis heute ungeklärt. Es ist nun Juris Mission, seinem sterbenden Vater die Fragen zu beantworten, die er sich zeitlebens nicht zu stellen gewagt hat. Viel Zeit bleibt Juri nicht. Ansatzpunkte liegen im Verborgenen. Und doch findet er in einer Anlaufstelle zur Klärung von Vermisstenfällen in der Stalin-Ära erste Ansatzpunkte, denen er folgen kann. Verrat, Haft, Deportation und Gulag. Horrorbegriffe für die tief verletzte russische Seele. 

Isabelle Autissier verknüpft drei Generationen mit diesem Ereignis. Sie erzählt die Geschichte aus den Perspektiven von Rubin, Juri und ergänzt sie durch die Fragmente der Recherchen zu einer längst vergangenen Zeit. Juri setzt das Mosaik durch eigene Erinnerungen, Gespräche mit seinem Vater, alten Freunden der Familie und auf Basis gefundener Unterlagen zu einem verstörenden Bild zusammen. Hierbei ist es sicherlich interessant, diesen Spuren zu folgen und sie in die Ursache-Wirkung-Beziehung setzen zu können. Viel interessanter jedoch ist die Erkenntnis, wie sehr sich die Ereignisse von einst unmittelbar auf das Leben des heutigen Ornithologen ausgewirkt haben.

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Kein Stein bleibt auf dem anderen. Kein loser Faden eines Lebens bleibt unverknüpft und kein Teil seiner eigenen Vita entzieht sich des Zusammenhangs mit der Verhaftung seiner Großmutter. Hier spannt Isabelle Autissier einen Bogen über die Zeitscheiben in denen Lebensgeschichten von politischen Systemen geprägt, beeinflusst und verändert werden. Hier verdichtet sie einen Erzählraum, der in Ithaka, Nordamerika, verankert ist und den wahrheitssuchenden Juri über seine Geburtsstadt Murmansk hinaus tief in die Polarregionen der einstigen UdSSR führt. Sie kehrt Homers Odyssee um und lässt den Sohn im sicheren Ithaka aufbrechen, um nach dem Rest der Familie zu suchen. Dabei schreibt sie sich in ihren, die Landschaft und ihre Bewohner beschreibenden Kapiteln in eine literarische Hochform eines Leo Tolstoi hinein. Hier atmet die russische Seele und doch trägt sie schwer am Verrat, der ihr durch das eigene Land aufgebürdet wurde.

Was ändert sich im Leben einer Familie, wenn die eigene Mutter und Ehefrau als Verräterin festgenommen wird? Welche Stellschrauben werden hier justiert und sind für die Zukunft als unveränderbar hinzunehmen? Wie verändern sich Einstellungen und Gefühle der Zurückbleibenden? Was wäre anders verlaufen, wenn Klara nicht gewesen wäre. Wessen Schuld ist es, dass sie verraten wurde? Was hat sie verbrochen? Hat sie mit dem Glück ihrer Familie „russisch Roulette“ gespielt? Der Leser weiß nicht mehr, als die Protagonisten des aufwühlenden Romans. Die Spurensuche droht oft im Nichts zu versanden. Dabei bleibt kein einzelner Handlungsfaden ohne Bedeutung und ohne Zusammenhang. Wie wurde aus Rubin der augenscheinlich brutale Vater? Warum nur flieht Juri in eine Welt, in der die Vogelkunde für Freiheit steht? Was steckt hinter den großen Metaphern dieses Romans?

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier lässt keine Frage offen. Wir bereisen an ihrer Seite die Barentsee, um auf dem Fischtrawler 305 die Netze einzuholen. Wir dienen unter dem Kommando von Juris Vater um aus Juris Sicht zu erkennen, warum der Versuch einer Nachfolge in dieser Fischereiflotte zum Scheitern verurteilt war. Wir begleiten sowohl Vater, als auch den Sohn in ihre jeweilige Kindheit und Jugend und erkennen bewegende Muster. Wir erleben aus Juris Sicht eine unglaublich empathisch und zart erzählte Episode, die uns seine Liebe zu einem anderen Jungen verstehen lässt. Wir begegnen der Homophobie des heutigen Russlands mit den Augen des Ornithologen, der sein Leben in Ithaka als alternativlos bezeichnet. Und wir reisen auf der Grundlage gefundener Dokumente an die Orte, die nur Klara mit ihren Augen gesehen hat.

Klara vergessen. Das sollten sie wohl alle. Ihr Verschwinden war Staatsdoktrin. Doch kein Geheimnis währt ewig. Wie Isabelle Autissier die Lebenswege von Klara, Rubin und Juri miteinander verbindet, habe ich als literarisch herausragend und authentisch empfunden. Hier ist nichts konstruiert. Hier basiert das Erlesene auf den Erkenntnissen der heutigen Zeit über den Gulag. Kaum eine russische Familie hat im stalinistischen System keine Opfer zu beklagen gehabt. Selten tauchten Unterlagen wieder auf. Lager bis tief ins vereiste Sibirien schluckten Millionen von Menschen, die dem Regime in die Quere kamen. Oder den Anschein erweckten… Die Geschichte Klaras muss man sich selbst erlesen. Isabelle Autissier wirft mit Klara einen einzigen Stein in einen See und zeigt mit den sich kreisförmig ausdehnenden Wellen, was in der verschleppten Mutter und Ehefrau seinen Ursprung findet.

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier fesselt in ihrem Roman von der ersten bis zur letzten Seite. Sie erzählt uns vom unbekannten Russland. Dem Leben auf hoher See, dem Leben in der Tundra, im Eis und in Murmansk. Sie konfrontiert uns mit der Urbevölkerung im Umfeld des Machtbereichs der Diktatur und zeigt uns die Randgruppen einer Gesellschaft, die doch eigentlich für Gleichheit eintreten wollte. Sie demaskiert Diktatur und Mitläufer in gleichem Maße. Und sie macht vor nichts Halt. Ein wahrhaft großer Roman, der seinen Leser mit den Fragen konfrontiert, die er zuvor nur interessiert aufgenommen hat. Wer hat mein Leben beeinflusst? Wo wurden unsere Weichen gestellt und was würden wir heute herausfinden, wenn wir unseren Blick auf die Vergangenheit richten würden und nach Zusammenhängen suchen wollten? Ein Roman wie ein Echolot. Wir reflektieren seine Signale und finden die Metaphern unseres Lebens.

Es gibt Bücher, die für mich eine tiefe Verbindung zu Klara vergessen eingehen. Ich hatte sie alle in der Hand, als ich durch Murmansk reiste. Keines dieser Bücher hat mich unberührt zurückgelassen. Eine Lesereise durch die russische Seele kann sich in eine Odyssee verwandeln, der man nur gewachsen ist, wenn man sich auf dieses Land und seine Menschen einlässt. Erlesnisreisen mit AstroLibrium… Folgt mir…

Ich war nicht allein bei Klara in Murmansk. Danke Kathleen für Deine inspirierenden Metaphern und einen wärmenden Gedankenaustausch zum Buch in eisiger Umgebung.

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Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier – Mare Verlag. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig – OT: „Oublier Klara“ – gebunden – 304 Seiten – 24 Euro

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Es ist eine Stadt, die mich fasziniert, obwohl ich sie nie in meinem Leben mit den eigenen Augen sah. Es ist eine Stadt, die ich literarisch bereiste und die im Laufe des letzten Jahrhunderts nicht nur häufig ihren Namen wechselte, sondern auch das Leben ihrer Bewohner vor immer größere Herausforderungen stellte. Ich betrat Leningrad auf meinen Reisen „Gegen das Vergessen“, erlebte die russische Metropole belagert und umklammert von allen Seiten. Die Wehrmacht versuchte die Stadt im Zweiten Weltkrieg auszuhungern. Eine Belagerung nach mittelalterlichen Maßstäben. Das Ziel lag auf der Hand: Der Exodus der Zivilbevölkerung durch Hunger, Krankheit und Kälte.

Ich befand mich lesend in der Stadt, verfolgte ihre Belagerung von innen und außen, verteidigte sie mit allen Mitteln und verhungerte schließlich am langen Arm der Diktatur des Dritten Reichs. Ich überlebte beseelt durch eine Sinfonie und überstand die großen Entbehrungen an der Seite der verzweifelten Bewohner. Im „Lärm der Zeit“ musizierte ich gegen den Feind an. „Mein Leutnant“ reihte mich freiwillig in die große Schar der Verteidiger ein, mit dem „Echolot“ gelang es mir, die Feldpostbriefe und Tagesbefehle der Wehrmacht zu durchforsten und doch verhungerte ich fast beim Lesen von „Lenas Tagebuch“. Leningrad hat sich mir eingebrannt, und doch war ich neugierig, die Stadt vor und nach dem Krieg kennenzulernen. Ich wollte den Glanz der großen Zarenstadt erleben, Sankt Petersburg entdecken und auf meiner Reise durch die Zeit eine Lücke schließen, die ich als schmerzhaft empfand.

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Sankt Petersburg, Petrograd, Leningrad, Sankt Petersburg. Oder einfach liebevollPiter“, wie die einheimischen ihre Stadt an der Newa immer nannten. Unterschiedliche Namen für das Herz Russlands. Ich begab mich auf die Suche nach Büchern, die mich der Stadt der 2300 Paläste näherbringen konnten, Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt wurde ich fündig. Nun hat diese Reise in die Zeit begonnen und am Ende der ersten Lese-Etappe habe ich 100 Jahre an der Seite des Autors Jewgeni Wodolaskin in Sankt Petersburg verbracht. Dabei kam es mir nur vor, als seien es ein paar Wochen gewesen. Ein Gefühl, das ich mit Innokenti Platonow, dem Protagonisten des Buches teilte. Der „Luftgänger“ führte mich an die Grenzen der Metropole, bis an die Grenzen meiner Wahrnehmungsfähigkeit und über die Grenzen meiner Vorstellungskraft hinaus.

Es hat gedauert, bis ich mich mit dem „Luftgänger“ anfreunden konnte. Ich muss zugeben, dass mir meine Vorstellungen von Zeit und der Chronologie von Ereignissen zu Beginn des Romans im Weg standen. Chronos und Logik mussten erst überwunden werden, bevor mich Sankt Petersburg in seine Arme schließen durfte. Ich möchte Euch diese Geschichte ans Herz legen. Ich kann sie nur wärmstens empfehlen, weil in ihr die perfekte Mischung aus Politthriller, historischem Roman und romantischer Lovestory zu einem generationsübergreifenden Erzählraum verdichtet wurde. Und doch muss ich ein wenig genauer werden, warum es sich unbedingt lohnt, sich auf den „Luftgänger“ aus der Feder von Jewgeni Wodolaskin einzulassen.

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

„Innokentis Geschichte ist nicht nur zeitlos. Ihre Besonderheit liegt zudem darin, dass sie nicht aus Ereignissen besteht, sondern aus Phänomenen.“

Dieses Zitat aus dem Roman steht für den Roman. Wenn man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lässt und sich von Kapitel zu Kapitel vorwärts und rückwärts durch die Zeit bewegt, dann nimmt einen jedes einzelne Bild, jeder Satz und jedes Gefühl der sprachlich brillant erzählten Geschichte gefangen. Wir begegnen Innokenti Platonow zum ersten Mal 1999 in einer Sankt Petersburger Klinik. Sein Gesundheitszustand ist miserabel. Sein Erinnerungsvermögen gleicht der Ruine eines prächtigen Palastes. Er memoriert Gefühle, Stimmungen und kann sich an Gesprächsfetzen und Menschen in seinem Leben erinnern. Allerdings völlig losgelöst von den Ereignissen und Jahren, in denen sie sich in seinem Kopf festgesetzt haben. 

Er liebt Sankt Petersburg. Das steht fest. Er weiß auch, dass er die Stadt seit ewigen Zeiten zu kennen scheint und er hat Bilder aus der alten Kaiserstadt vor Augen, die auf die Jahrhundertwende zurückzuführen sind. Sein behandelnder Arzt empfiehlt ihm alles aufzuschreiben, was ihm durch den Kopf geht, um dann ganz langsam die Geschichte zu rekonstruieren, die hier im Krankenbett des Jahres 1999 erwacht ist. Sein Name, ob er einen Unfall hatte und sein echtes Alter? Ein großes Rätsel für Innokenti Platonow. Und nicht nur für ihn. An seiner Seite tappen wir völlig im Dunkeln, bis sich Erinnerung an Erinnerung reiht, in ihrem Kontext Jahreszahlen auszumachen sind und ein Muster entsteht, in dem man die unglaubliche Lebensgeschichte eines Mannes erkennt. Diese Erkenntnis ist ein literarischer Paukenschlag, den Jewgeni Wodolaskin zelebriert, wie eine Sinfonie eines Orchesters, das zuvor nie miteinander gespielt hat.

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Töne finden zueinander, Instrumente vereinigen sich und der literarische Dirigent lässt eine Harmonie entstehen, die zu Beginn des Romans undenkbar schien. Es klingt paradox, aber es ist umso wahrer. Platonow ist ein wahres Jahrhundertereignis. Er ist so alt, wie das vergangene 20. Jahrhundert. Geboren 1900. Er wacht am seinem Ende in einer Klinik des Jahres 1999 auf und ist doch erst dreißig Jahre alt. Erinnerung um Erinnerung an die ersten dreißig Lebensjahre in Sankt Petersburg kehrt zurück und dann herrscht Leere bis zum Tag des Erwachens. Der Zweite Weltkrieg, Leningrad, der russische Sieg, der Wettlauf zum Mond, die erste Mondlandung, die moderne Technik, tragbare Telefone, das Internet und Fernsehübertragungen, der aktuelle Präsident und Europa in der jetzigen Form, all dies ist völlig neu für ihn. Nicht erlebt. Nicht erinnerbar.

Dieses zeitliche Paradoxon zu verstehen, ist eine der zentralen Herausforderungen des „Luftgängers“. Es dauert eine Weile, dann jedoch schlägt Jewgeni Wodolaskin mit voller Wucht zu. Sein Konstrukt ist nicht an den Haaren herbeigezogen, es basiert viel mehr auf der Ideologie der kommunistischen Machthaber und auf der Realität des Umgangs von Machthabern mit politischen Gegnern. Wer in seinem Lesen jemals den Gulag der Sowjetunion ermessen hat, wer jemals ein „Lager“ dieser Ideologie betreten hat und wer das Leid der Inhaftierten dort sah, der weiß, was man gerne unternommen hätte, um seine Gegner mundtot zu machen. Jewgeni Wodolaskin lässt diese Vision real werden. Er macht aus Innokenti Platonow das Opfer einer Diktatur und lässt mit ihm einen wahren Zeitzeugen auf die heutige Welt los.

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Was sich politisch, utopisch und fast fantastisch anhört, hat einen unglaublichen inhaltlichen Kern, den man nicht mehr schnell vergisst. Wir erleben Russland mehr als intensiv. Wir lesen uns durch alle Zeitscheiben der Erinnerungen des Patienten und lassen uns von seinem Arzt die Zeitlücken erklären. Das Bild von Sankt Petersburg hat alles, was ich mir von einer solchen Zeitreise erhofft habe. Man wird selbst zum tiefsten Liebhaber dieser Metropole. Und an der Seite von Innokenti Platonow stellen wir uns die Frage aller Fragen. Könnte es sein, dass die erste große Liebe seines Lebens, von der er vor fast sechzig Jahren getrennt wurde, noch lebt? Anastassija. Wie würde sie reagieren ihn als unverändert jungen Mann wiederzusehen? Was würde dies alles mit ihm selbst machen. Fragen, auf die Jewgeni Wodolaskin Antworten gibt. Antworten, die mich berühren, aufwühlen und meinen Traum vom heiligen Sankt Petersburg am Leben erhalten.

Es wird weitergehen. Ich reise mit „Lubotschka“ ins Sankt Petersburg von heute, höre ganz genau zu, wenn „Der Trompeter von Sankt Petersburg“ seine Fanfare über den Glanz und den Untergang der Deutschen an der Newa schmettert. Es ist schön, Euch an meiner Seite zu wissen. Es tut gut, nicht alleine zu reisen und ich wäre sehr froh, auf diesem Weg weitere gute Bücher zu dieser historischen Stadt empfohlen zu bekommen. Auf geht´s nach „Pita“. Ich bin stets reisefertig…

„Der Mensch ist tot, aber ein Buch, ja, ein Buch lebt weiter.“

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Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Luftgänger / Jewgeni Wodolaskin / Aufbau Verlag / 429 Seiten / Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt / 24 Euro

„Die Heimkehrer“ von Sana Krasikov – Eine Spurensuche

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Kann man sich seine Heimat selbst verorten“, oder ist dieser so emotional geprägte Begriff eher als Konstante in unserem Geist verankert? Kann man seine eigene Heimat verleugnen und hinter sich lassen ohne gleichzeitig seine Identität infrage zu stellen? In ihrem vielschichtigen Familienroman „Die Heimkehrer“ widmet sich eine Autorin dieser zutiefst aufwühlenden Materie, deren eigene Entwurzlungen vermuten lassen, dass sie aus berufenem Mund erzählen und aus dem persönlichen Vollen schöpfen kann. Sana Krasikov, geboren und aufgewachsen in den Teilrepubliken der alten Sowjetunion. Die Ukraine als Geburtsland. Georgien das Land ihrer Kindheit, aus dem sie 1988 im zarten Alter von neun Jahren mit ihren Eltern auswanderte. Amerika wurde zur neuen Heimat der Emigranten. Nach ihrem Literaturstudium und einem Fulbright-Stipendium lebt und schreibt sie nun als US-amerikanische Autorin mit Lebensschwerpunkt New York.

Wenn Sana Krasikov nun also von Heimkehrern schreibt, könnte man vermuten, es mit einer autobiografischen Anwandlung zu tun zu haben, die ihre eigene Geschichte in das Land zurückträgt, dem ihre Familie den Rücken gekehrt hat. Weit gefehlt. Für Sana Krasikov spielt der Heimatbegriff eine weitaus abstraktere Rolle, der sie mit ihrem Buch Nachdruck verleiht. Ihre Protagonistin Florence Fein wendet sich von ihrer bisherigen Heimat ab. Sie folgt ihrem Herzen und flieht vor der großen Depression und den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Auf zu neuen Ufern. Im Gegensatz zu den üblichen Mustern in den Wellenbewegungen der Emigration zieht es die junge Frau aus New York jedoch in ein Land, das zu dieser Zeit nicht gerade die Weltrangliste der Fluchtorte anführte. 

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Florence wandert nach Russland aus. Moskau und Magnitogorsk werden Ziele einer Neuausrichtung, die nicht nur ihr Leben verändern wird. Auf satten 800 Seiten entwirft Sana Krasikov ein soziopolitisches Kaleidoskop der Irrungen und Wirrungen. Mehr als 75 Jahre umspannt ihre epische Erzählung, die von Motiven, Hoffnungen, enttäuschten Hoffnungen und Entfremdung geprägt ist. Der Traum von einer sozialen Utopie und der gerechten sozialistischen Gesellschaft pulverisiert sich ebenso wie das Trugbild Sergej. Statt des russischen Ingenieurs, in den sie sich noch in Amerika verliebt, treibt es sie in die Arme eines Mannes, der wie sie nach Russland ausgewandert ist. Niemals wird sie in der neuen Heimat als Russin gesehen. Sie bleibt die Außenseiterin, die am eigenen Leib erleben muss, was es bedeutet, Treibgut der eigenen Träume zu sein. Die wahre Heimat ist immer dort, wo man gerade nicht ist. Heimweh wird zum brutalen Opfer des Fernwehs und die Selbstaufgabe führt zu Kompromissen, die aus Florence eine willige Mitläuferin des kommunistischen Regimes machen. Keine Lebensversicherung, wie sie erfahren muss.

Drei Generationen umfasst der Roman „Die Heimkehrer“. Von den Ursprüngen bis zu den Nachkömmlingen spannt Sana Krasikov ihren Handlungsbogen, der die großen Fragen nach Identität und Identifikation in den Mittelpunkt stellt. An der Weltgeschichte ändert Florence nichts. Alle Illusionen zerplatzen wie Seifenblasen. Was sie erlebt, eint sie mit unzähligen Opfern des stalinistischen Systems. Aus der Emigrantin wird bei den Säuberungswellen, die das Land durchziehen eine politische Gefangene. Gulag. Lager. Trennung von ihrem Sohn Julian der sie erst Jahre später wieder in die Arme schließen darf. Getrennt von ihrer kleinen Familie, die sie sich in der neuen Heimat aufgebaut hat. Die volle Breitseite der Tyrannei trifft mitten ins Herz, wenn man an einem Bahnhof zum Zeugen der Begegnung zwischen Mutter und Sohn wird.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Acht Jahre in Sibirien hatten Florence nachhaltig verändert, als sie im Jahr 1956 endlich ihren 13jährigen Sohn wiedersehen darf. Er verbrachte diese Zeit in einem Waisenhaus. Und doch ist sie in ihrem Inneren das kleine amerikanische Mädchen mit Träumen und Hoffnungen geblieben. Eine Begegnung in Russland. Mutter und Sohn in einer Heimat, die sie verschlungen hatte. Weit von dem Land ihrer Herkunft entfernt. Es ist die gemeinsame amerikanische Sprache, die den Weg in eine neue Zukunft weisen sollte. Hier springt Sana Krasikov durch die Zeitscheiben ihrer Geschichte. Es ist kein in sich geschlossener Erzählraum, den sie öffnet. Wir werden zu Zeugen von Remigration und Heimkehren. Wir werden zu Zeugen einer Heimholung, die zur Heimsuchung wird. Lebenslang versucht Julian zu ergründen, was seine Mutter verbrochen haben soll, um im russischen Gulag zur „Achtundfünfzigerin“ zu werden. Politisch gefangen. 

Sana Krasikov erzählt nicht linear und nicht chronologisch geordnet. Genau das macht den großen Reiz dieser Geschichte aus. Ursachen und Folgen der Entscheidung ihres Lebens verfolgen Florence und ihre Familie lebenslang. Bewegend und spannend werden Fiktion und Geschichte miteinander verbunden. Das uns unbekannte Russland wird greifbar und wirkt mehr als erschreckend auf die Leser. Nicht minder erschreckend jedoch verläuft die parallele Entwicklung in den westlichen Ländern. Eine echte Heimat zu finden war in diesen Zeiten wohl unmöglich, ohne sich gleichzeitig mit einem System zu verheiraten. Julian gelingt es nicht nur, seine Mutter Florence von ihrer Rückkehr in die USA zu überzeugen, er gibt selbst niemals auf, ihrer und seiner eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Nirgendwo selbst richtig angekommen im eigenen Leben. In Amerika Russe. In Russland Amerikaner. Ein Schicksal, dem Entwurzelte zeitlos anheimfallen. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man und auch, dass sich Geschichte wiederholt. Dieser Roman spuckt auf die heilende Wirkung der Zeit. Er wiederholt sich inhaltlich auf dramatischste Art und Weise, als Julian 2008 nicht nur in den inzwischen zugänglichen Archiven des Geheimdienstes nach der Geschichte seiner Mutter sucht, sondern er einem Motiv folgt, das zum Schicksal seiner Familie geworden zu sein scheint. Er, der „russische Simpel“, der „Gestörte zweiter Generation“, als der er in Amerika immer gesehen wurde, ist auf der Suche nach seinem eigenen Sohn Lenny. Geschichte wiederholt sich und reißt nie geheilte Wunden wieder auf. So ist der Vater, dessen Mutter den russischen Gulag nur knapp überlebte auf der Suche nach seinem Sohn, der sein Russland finden möchte.

Selten hat mich eine Autorin so gepackt, wenn es um die Austauschbarkeit von Heimat ging. Selten war der Heimatbegriff so willkürlich veränderbar, so variabel und dann doch wieder so nah und greifbar. Heimweh fühlt nur, wer Identität besitzt. Diese unterliegt dem Wandel der Zeit, kann genommen und verfestigt werden. Man ist selbst seines Glückes eigener Schmied. Man sollte nur sehr gut darauf achten, auf welchem Amboss man liegt. Sana Krasikov relativiert die die Schrecken politischer Systeme, da sie keiner Gesellschaft übergroße Toleranzwerte zubilligt. Die jüdischen Wurzeln ihrer Familie bringen überall Probleme mit sich. Ob im freien Amerika oder der scheinbar so geknechteten Sowjetunion. Aus diesem Buch spricht die große Sehnsucht der Autorin, einen selbstbestimmten Heimatbegriff zur Ausgangsbasis des eigenen Lebens machen zu können.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Dabei benötigen Menschen Hilfe. Heimatlose integrieren sich nicht. Beheimatete sind nicht automatisch Zuhause angekommen. Die Gefühle reichen tiefer. Es ist zeitlos und in jeder Beziehung relevant, was uns Sana Krasikov ins Stammbuch schreibt. In diesen Zeiten, in denen wieder ideologische Mauern zwischen Ost und West errichtet werden, sollte man an die Menschen denken, die hinter den eisernen Vorhängen verborgen sind und neidisch auf die jeweils anderen Welten schauen. Was auf der Strecke bleibt ist die Empathie. Egal wo man sich umschaut. Heimat wird mit gefletschten Zähnen verteidigt. Heimatschutz, Heimatgarde, Heimatministerien. Als würde sie nur uns gehören. Es sind die Patrioten dieser Welt, die diesen Begriff stets mit Leben füllen. Zumeist ideologisch unterfüttert. Heimaterde.

The Patriots. So, lautet der Originaltitel des RomansDie Heimkehrer“. Das klingt offensiver, angriffslustiger und passt aus meiner persönlichen Sicht extrem gut zu einer Geschichte, die weniger durchs Heimkehren als durch das austauschbare Bekenntnis einer patriotischen Leidenschaft geprägt ist. Hier ist das Weggehen bestimmender als die Rückkehr. Hier ist es der aktive Prozess der Veränderung, der die Handlung trägt. Hier ist es der Rahmen, aus dem das normale Leben fällt. Hier ist es die hoffnungsvolle Aktion, die einen hochpolitischen, menschlichen und gesellschaftlichen Roman zu dem macht, was er ist. Großes Kopfkino mit antizyklischen Voraussetzungen. Ich schreibe und lese viel über das, was ich als Heimat empfinde. Mein Denken hat sich durch Sana Krasikov ein wenig verändert. Austauschbar war Heimat nie für mich. Florence Fein hat gehörige Zweifel in mir gesät.

Heimat und die kleine literarische Sternwarte: eine tiefe Auseinandersetzung.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Über die russische Seele zu schreiben bedeutet, sich mit den Besonderheiten und der Geschichte eines Landes und seiner Menschen auseinanderzusetzen, um dann zu erfühlen, was es für einen Russen heißt, wenn er von Heimat spricht. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, welche Welten aufeinanderprallen, wenn diese unverfälschte Seele auf politische Systeme trifft und instrumentalisiert wird. Nur so verstehen wir, was so gerne hinter vorgehaltener Hand und voller Vorurteile über einen historischen Kamm geschert wird. Nur wenn wir Menschen von Systemen trennen, erkennen wir die Kreise, die sich in der Geschichte geschlossen haben und solche, die bis heute offen sind.

„Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein;
sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein.
Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich.“

Julian Barnes bewegt sich in seinem Roman Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer und Witsch) genau auf der Grenzlinie dieser Verwerfung und konfrontiert seine Leser mit einem Menschen, der zeitlebens zwischen den Mühlsteinen dieses tiefen Widerspruchs aufgerieben wurde. Dmitri Schostakowitsch, einer der wohl berühmtesten russischen Komponisten, dessen Biographie sich liest, wie die Lebensschreibung eines Wanderers zwischen den Welten. Einerseits verfemt, bedroht, verboten, verfolgt, ausgestoßen und als gefährdend für die sowjetische Kultur eingestuft, andererseits hofiert, mit Orden und Ehren überhäuft als linientreuer Repräsentant des Kommunismus der Vorzeigekünstler einer ganzen Nation. Was für eine Gratwanderung.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes schlüpft in die Rolle des virtuosen Komponisten, der zeitlebens nur wollte, dass seine Musik einfach nur Musik sein könnte. Ein Wunsch, der ihm verwehrt wurde, weil er eben in einem Land lebte, das in seiner ideologischen Zerrissenheit und den diktatorischen Anwandlungen genau nach den Künstlern suchte, deren Musik sich für die politischen Zwecke instrumentalisieren ließ. Da liegen sich die Diktatoren dieser Welt einträchtig in den Armen, wenn es gilt „entartete Kunst“ zu brandmarken und sich der Kunst zu bedienen, die dem Machterhalt dient. Die Kriterien sind fließend, kaum zu identifizieren und der ständigen Willkür unterworfen. Kein guter Nährboden für kreative Freiheit. Kein Nährboden für Kultur. Lebensgefährlich für Freidenker.

So lernen wir Schostakowitsch kennen. Gefeiert, weltweit aufgeführt und geschätzt. Nicht nur in Leningrad eines der Aushängeschilder der Hochkultur eines Landes. Seine Werke erobern die Konzerthäuser der Welt. Alles könnte einfach sein, der Weg könnte so harmonisch verlaufen, gäbe es nicht die eine kleine Disharmonie, die das Leben von Schostakowitsch von heute auf morgen unter Vorbehalt stellt. Der 26. Januar 1936 war der Startpunkt eines heißen Ritts auf der musikalischen Rasierklinge, von dem sich der große Komponist nie wieder erholen sollte.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wäre sicher ein erneuter Erfolg gewesen, wäre nicht ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Stalin, persönlich in einer Loge Zeuge der Inszenierung gewesen. Alles wäre wie gewohnt gelaufen, hätte Stalin nicht vorzeitig das Konzerthaus verlassen und wäre nicht am nächsten Tag ein Artikel in der Prawda erschienen, der Schostakowitschs Kunst unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ zu einer volksgefährdenden Abart der wahren Kunst erklärte. Und wäre dieser Artikel nicht von Josef Stalin selbst verfasst worden, man hätte ihn vielleicht überleben können.

So jedoch kamen diese Zeilen einem Todesurteil gleich. Julian Barnes entwirft auf der Grundlage dieser Ausgangssituation das Psychogramm und eine Charakterstudie des zartbesaiteten Komponisten, dessen Saiten fortan zum Bersten gespannt sind. Mit seiner oftmals minimalistisch erscheinenden, aber umso eindringlicheren Erzählweise ermöglicht Barnes den Blick ins Innere eines Künstlers, der sich plötzlich ausgegrenzt und verfolgt sieht, wo ihm zuvor nur Zuneigung begegnete. Aus dem Treibenden wird ein Getriebener.

„Jetzt besprachen sie nicht einfach seine Musik,
jetzt schrieben sie Leitartikel über seine Existenz.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Hier ist der Roman Lärm der Zeit system- und zeitlos. Das Schicksal der Künstler, die plötzlich in die Mühlen der politischen Systeme geraten gleicht sich von Diktatur zu Diktatur und von Land zu Land. Die Mittel der Ausgrenzung und Unterdrückung fühlen sich weltweit identisch an und die psychologischen Begleiterscheinungen sind fatal. Aus Menschen werden Gejagte und das Verschwinden von Bekannten und deren Familien wird zum Damoklesschwert des eigenen Lebens. So finden wir Schostakowitsch Nacht für Nacht mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl vor seiner Wohnung stehen. Wartend auf den Zugriff der Staatsorgane. Hoffend, dass man ihn alleine inhaftiert und verschwinden lässt, ohne auch noch Hand an seine Familie zu legen.

Ein Bild, das sich nicht nur auf dem Buchcover wiederfindet, sondern sich im Leser festsetzt. Julian Barnes folgt Schostakowitsch psychologisch und biografisch durch ein langes Leben unter sich verändernden politischen Vorzeichen. Er veranschaulicht einen Weg, der in sich unverständlich scheint. Er macht transparent, was Zwang und Angst in einem Künstler auslösen und wie leicht es letztlich ist, aus einem Opfer einen Täter zu machen. Schostakowitsch tritt nach Stalins Tod in die Kommunistische Partei ein. Seine Handlungsweisen, Ämter und Auszeichnungen lassen ihn aus heutiger Sicht als reinen Opportunisten wirken, der alles unternahm, um seine eigene Musik zur Staatsmusik im kommunistischen Umfeld zu erheben. So leicht macht es sich Julian Barnes nicht. Sein empathischer Roman ist keine Rechtfertigungsschrift für einen Irrläufer der Geschichte. „Der Lärm der Zeit“ veranschaulicht die Automatismen der Ausgrenzung und Entartung, die aus Menschen voller Harmonie blinde Schafe machen, die froh sind, einfach nur zu leben.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes präsentiert mit „Der Lärm der Zeit“ einen bedeutenden Roman, der gerade in der heutigen Zeit an Relevanz gewinnt. Er widmet sich den Fragen, wem die Kunst gehört und wie weit Opportunismus in seiner Außenwirkung gehen darf, ohne den Einzelnen nachhaltig zu beschädigen. Julian Barnes fällt kein Urteil, sondern macht es seinen Lesern leicht, den Blick hinter die Kulissen totalitärer Systeme zu werfen und zu hinterfragen, wo denn wirklich die Möglichkeiten eines Einzelnen liegen, Widerstand zu leisten. Dieses Buch beschreibt eindringlich die sympathische und bewundernswerte Seite der russischen Seele, die so oft vom Personenkult in den Dreck gezogen wurde.

Was Barnes ausblendet ist die erzielte Außenwirkung der Strategie Stalins. Musik wurde zur Waffe. Auch Schostakowitsch lieferte Munition und Zündstoff, um selbst nicht unterzugehen. Er komponierte regimetreu, ängstlich und brav. Die Musik verfehlte ihre Wirkung niemals. Seine „Sinfonie gegen den Faschismus“ wurde im August 1942 mit Lautsprecherwagen im besetzten Leningrad übertragen. Die Menschen schöpften Kraft und Schostakowitsch trug wohl erheblich dazu bei, dass Hitler schon besiegt war, bevor die Musik verklang. Die kleine Lena Muchina und Daniil Granin wissen ein Lied davon zu singen.

Man sollte auch heute noch ganz genau hinhören, was man zu hören bekommt, wenn man hinhört…

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes - Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes – Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

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„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt NACH dem Lesen? Welche Leitbilder eines Romans bleiben in Erinnerung und ist man auch nach Jahren noch in der Lage, eine große Geschichte am Lagerfeuer mit guten Freunden teilen zu können? Oder bleiben nur Fragmente, Impressionen und der Titel eines Romans, den man zum Wegbegleiter des Lesens auserkoren hat? Diese Fragen sind meine Parameter für die Nachhaltigkeit von guter Literatur. Zu viele Bücher sind durch mein Lesen gerauscht ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Nur die ganz guten unter ihnen geben im Kopfkino meines Lesens eine lebenslange Dauervorstellung.

Dabei kommt es auch auf die Rahmenbedingungen des Lesens an. Lese ich allein oder begebe ich mich mit wichtigen Menschen gemeinsam auf eine Lesereise? Welche Lebenssituation flankiert mein Lesen und gelingt es dem Buch, wichtige Ereignisse mit seinem Inhalt zu verbinden? All dies führt in der Rückschau dazu, dass aus einem Buch ein Herzensbuch wird. Unvergesslich eingebrannt in die Festplatte der Leserseele. Ein absoluter Volltreffer ins Herz und ein Buch, dessen Relevanz sich nicht mehr verliert.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina (Aufbau Verlag) ist ein solches Buch, da es untrennbar mit meinem Lebens- und Leseweg verbunden sein wird. Einerseits ist es ein brillant erzählter Roman über die russische Seele und die unergründliche Weite des Landes. Andererseits ist dieses Buch auch noch zutiefst politisch und beleuchtet in aller Präzision die gesellschaftlichen Umwälzungen im Großen und ihre Auswirkungen auf den kleinen Mann und die kleine Frau, die völlig unpolitisch plötzlich ins Räderwerk der Geschichte geraten.

Und es ist ein Roman, den ich nicht alleine gelesen habe. Suleika hat immer dann, wenn sie ihre Augen öffnete zwei Leser erkannt, die sie auf ihrem Weg durch Russland begleiteten. AstroLibrium und Literatwo waren in Sibirien, Bianca und ich fanden uns in endlosen Zügen wieder, wurden auf engstem Raum verschifft, deportiert und in einer der unwirtlichsten Regionen Russlands angesiedelt. Dabei ging es uns beiden gut. Wir hatten es warm unter den Lesedecken. Was man von Suleika nicht behaupten kann. Es ist ein Roman der Entbehrungen und des Verlustes, auf den wir uns sehenden Auges eingelassen haben. Es ist Suleika, der wir folgten und es ist eine Geschichte, die wir mit Mühe und Not überlebt haben.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Weit zurück sind wir gereist. In das Russland der frühen 1930er Jahre. In eine Zeit der Repressalien gegen Menschen, die der kommunistischen Partei im Weg waren. Ob wohlhabende Bauern oder einfache Landbewohner, die das kleine Stückchen Land, auf dem sie lebten als ihr eigenes betrachteten, sie alle standen dem Kollektivismus Stalins im Weg. Enteignungen und Umsiedlungen ganzer Familien fanden im großen Maßstab statt. Sibirien lautete das Ziel. Der GULAG begann, die Kinder Russlands zu fressen.

Wem die Lebensumstände russischer Bauern zu dieser Zeit nichts sagen und wer keine Vorstellung vom Frauenbild in der russischen Gesellschaft hat, der sollte sich nur ein einziges Mal in die Lage Suleikas versetzen. Wenn sie die Augen öffnet, beginnt der Tag an der Seite ihres Mannes und unter der Fuchtel ihrer Schwiegermutter, der für uns mehr als unvorstellbar ist. Bis sie die Augen wieder schließen kann, vergehen endlose und entbehrungsreiche Stunden, die schon dem Leser alle Kraft rauben. Gusel Jachina gelingt alleine schon auf den ersten 95 Seiten ihres Romans ein atemberaubender und desillusionierender Parforceritt durch den Alltag der jungen Bäuerin, die nicht ahnt, wie sehr die Kommunisten ihr Leben verändern sollten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

An einem Punkt, an dem man glaubt, es könnte nicht schlimmer kommen, beginnt Suleikas eigentlicher Leidensweg. Der Hof wird enteignet, ihr Mann erschossen und sie selbst wird umgesiedelt. Erstmals ohne die Bevormundung durch einen Mann. Auf sich allein gestellt und heimatlos. Eine Deportation unter menschenunwürdigen Umständen entwurzelt die junge Frau. Ihr ist das Ziel unbekannt. Nur der Mörder ihres Mannes hat eine Vorstellung davon, wohin die Reise geht. Das Schicksal will es so. Der linientreue Rotarmist Iwan Ignatow führt nicht nur diesen Transport der Deportierten nach Sibirien an. Er muss sich dort seinem eigenen Schicksal stellen.

Gusel Jachina lässt uns die Seele Russlands fühlen. In aller Hoffnungslosigkeit und unter ständiger Lebensgefahr erkennen wir in Suleika und den Menschen, denen sie in ihrer Geschichte begegnet eine tiefe Spiritualität, einen unbedingten Glauben und eine Kraft, die aus der Größe eines Landes und seiner Tradition gespeist wird. Die Autorin schreibt uns hierbei Menschen ins Herz, die von großer Bedeutung sind, wenn Suleika die Augen öffnet. Der Blick der jungen Frau hat uns in ihren Bann gezogen. Ihre Stärke und die persönliche Entwicklung geben der ganzen Geschichte Halt in haltlosen Zeiten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Unvergessen bleibt ein Arzt, der durch die Deportation aus seiner Lethargie gerissen und fast neu geboren wird. Unvergessen ein Kunstmaler, der für die Deportierten in der Kälte Sibiriens Träume von Paris entstehen lässt. Unvergessen all die Nebenfiguren im Taumel der Umsiedlung. Unvergessen auch Suleika, der die Augen in Sibirien geöffnet werden. Nicht nur für sich selbst. Nicht nur für die Menschen, die sie am Leben hielten. Auch für das größte und gleichzeitig gefährlichste Geschenk, das ihr ermordeter Mann ihr mit auf die Reise gab. Ein ungeborenes Kind….

Das ist kein Frauenroman, auch wenn er von einer unfassbaren Frau handelt. Es ist kein historischer Roman, weil er in sich geschlossen mehr als zeitlos ist. Es ist keine eindimensionale Geschichte, weil sie uns auf allen Ebenen packt. Es ist kein politischer Roman, weil er zutiefst menschlich ist. Es ist eine facettenreiche und sehr unpathetisch klingende Erzählung, die uns fühlen lässt, was russische Heimat bedeutet. Sibirien ist das Synonym für diese Geschichte. Lebensfeindlich, einsam, kalt, gefährlich und doch unergründlich schön. „Suleika öffnet die Augen“ entführte mich erneut in ein Lager“. Angela Rohr und Suleika vereint die Zeit im GULAG während des Zweiten Weltkrieges. Beide Bücher vereint die tiefe Kälte, in die sie eingebettet sind und die Wärme, die aus ihnen herausstrahlt.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt von diesem Buch? Mir bleibt die gesamte Geschichte. Es bleiben die Tiefe und Weite des Landes, endlose Zugfahrten in Viehwaggons, ein Schiffsuntergang, eine schreckliche Zeit in Reisighütten und die quälende Ungewissheit, wie man dieses Buch überleben soll. Mir bleibt der gemeinsame Leseweg an der Seite von Bianca. Wir haben uns an manchen Wegmarken getrennt, an Lagerfeuern aufeinander gewartet, die vielen Winter miteinander durchfroren und Menschen hassen und lieben gelernt. Wir staunten über Gemälde, die in der Taiga entstanden und schliefen im Lazarett. Wir fanden unser kleines bescheidenes Glück an einem Ort, der alles zu verheißen schien, nur das nicht. Und am Ende der Geschichte begegneten wir uns auf einer Lichtung um einen der ganz großen literarischen Momente unseres Lesens zu erleben. Hier wurden uns die Augen geöffnet.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina - Ein gemeinsamer Weg

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina – Ein gemeinsamer Weg

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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