„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Über die russische Seele zu schreiben bedeutet, sich mit den Besonderheiten und der Geschichte eines Landes und seiner Menschen auseinanderzusetzen, um dann zu erfühlen, was es für einen Russen heißt, wenn er von Heimat spricht. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, welche Welten aufeinanderprallen, wenn diese unverfälschte Seele auf politische Systeme trifft und instrumentalisiert wird. Nur so verstehen wir, was so gerne hinter vorgehaltener Hand und voller Vorurteile über einen historischen Kamm geschert wird. Nur wenn wir Menschen von Systemen trennen, erkennen wir die Kreise, die sich in der Geschichte geschlossen haben und solche, die bis heute offen sind.

„Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein;
sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein.
Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich.“

Julian Barnes bewegt sich in seinem Roman Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer und Witsch) genau auf der Grenzlinie dieser Verwerfung und konfrontiert seine Leser mit einem Menschen, der zeitlebens zwischen den Mühlsteinen dieses tiefen Widerspruchs aufgerieben wurde. Dmitri Schostakowitsch, einer der wohl berühmtesten russischen Komponisten, dessen Biographie sich liest, wie die Lebensschreibung eines Wanderers zwischen den Welten. Einerseits verfemt, bedroht, verboten, verfolgt, ausgestoßen und als gefährdend für die sowjetische Kultur eingestuft, andererseits hofiert, mit Orden und Ehren überhäuft als linientreuer Repräsentant des Kommunismus der Vorzeigekünstler einer ganzen Nation. Was für eine Gratwanderung.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes schlüpft in die Rolle des virtuosen Komponisten, der zeitlebens nur wollte, dass seine Musik einfach nur Musik sein könnte. Ein Wunsch, der ihm verwehrt wurde, weil er eben in einem Land lebte, das in seiner ideologischen Zerrissenheit und den diktatorischen Anwandlungen genau nach den Künstlern suchte, deren Musik sich für die politischen Zwecke instrumentalisieren ließ. Da liegen sich die Diktatoren dieser Welt einträchtig in den Armen, wenn es gilt „entartete Kunst“ zu brandmarken und sich der Kunst zu bedienen, die dem Machterhalt dient. Die Kriterien sind fließend, kaum zu identifizieren und der ständigen Willkür unterworfen. Kein guter Nährboden für kreative Freiheit. Kein Nährboden für Kultur. Lebensgefährlich für Freidenker.

So lernen wir Schostakowitsch kennen. Gefeiert, weltweit aufgeführt und geschätzt. Nicht nur in Leningrad eines der Aushängeschilder der Hochkultur eines Landes. Seine Werke erobern die Konzerthäuser der Welt. Alles könnte einfach sein, der Weg könnte so harmonisch verlaufen, gäbe es nicht die eine kleine Disharmonie, die das Leben von Schostakowitsch von heute auf morgen unter Vorbehalt stellt. Der 26. Januar 1936 war der Startpunkt eines heißen Ritts auf der musikalischen Rasierklinge, von dem sich der große Komponist nie wieder erholen sollte.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wäre sicher ein erneuter Erfolg gewesen, wäre nicht ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Stalin, persönlich in einer Loge Zeuge der Inszenierung gewesen. Alles wäre wie gewohnt gelaufen, hätte Stalin nicht vorzeitig das Konzerthaus verlassen und wäre nicht am nächsten Tag ein Artikel in der Prawda erschienen, der Schostakowitschs Kunst unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ zu einer volksgefährdenden Abart der wahren Kunst erklärte. Und wäre dieser Artikel nicht von Josef Stalin selbst verfasst worden, man hätte ihn vielleicht überleben können.

So jedoch kamen diese Zeilen einem Todesurteil gleich. Julian Barnes entwirft auf der Grundlage dieser Ausgangssituation das Psychogramm und eine Charakterstudie des zartbesaiteten Komponisten, dessen Saiten fortan zum Bersten gespannt sind. Mit seiner oftmals minimalistisch erscheinenden, aber umso eindringlicheren Erzählweise ermöglicht Barnes den Blick ins Innere eines Künstlers, der sich plötzlich ausgegrenzt und verfolgt sieht, wo ihm zuvor nur Zuneigung begegnete. Aus dem Treibenden wird ein Getriebener.

„Jetzt besprachen sie nicht einfach seine Musik,
jetzt schrieben sie Leitartikel über seine Existenz.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Hier ist der Roman Lärm der Zeit system- und zeitlos. Das Schicksal der Künstler, die plötzlich in die Mühlen der politischen Systeme geraten gleicht sich von Diktatur zu Diktatur und von Land zu Land. Die Mittel der Ausgrenzung und Unterdrückung fühlen sich weltweit identisch an und die psychologischen Begleiterscheinungen sind fatal. Aus Menschen werden Gejagte und das Verschwinden von Bekannten und deren Familien wird zum Damoklesschwert des eigenen Lebens. So finden wir Schostakowitsch Nacht für Nacht mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl vor seiner Wohnung stehen. Wartend auf den Zugriff der Staatsorgane. Hoffend, dass man ihn alleine inhaftiert und verschwinden lässt, ohne auch noch Hand an seine Familie zu legen.

Ein Bild, das sich nicht nur auf dem Buchcover wiederfindet, sondern sich im Leser festsetzt. Julian Barnes folgt Schostakowitsch psychologisch und biografisch durch ein langes Leben unter sich verändernden politischen Vorzeichen. Er veranschaulicht einen Weg, der in sich unverständlich scheint. Er macht transparent, was Zwang und Angst in einem Künstler auslösen und wie leicht es letztlich ist, aus einem Opfer einen Täter zu machen. Schostakowitsch tritt nach Stalins Tod in die Kommunistische Partei ein. Seine Handlungsweisen, Ämter und Auszeichnungen lassen ihn aus heutiger Sicht als reinen Opportunisten wirken, der alles unternahm, um seine eigene Musik zur Staatsmusik im kommunistischen Umfeld zu erheben. So leicht macht es sich Julian Barnes nicht. Sein empathischer Roman ist keine Rechtfertigungsschrift für einen Irrläufer der Geschichte. „Der Lärm der Zeit“ veranschaulicht die Automatismen der Ausgrenzung und Entartung, die aus Menschen voller Harmonie blinde Schafe machen, die froh sind, einfach nur zu leben.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes präsentiert mit „Der Lärm der Zeit“ einen bedeutenden Roman, der gerade in der heutigen Zeit an Relevanz gewinnt. Er widmet sich den Fragen, wem die Kunst gehört und wie weit Opportunismus in seiner Außenwirkung gehen darf, ohne den Einzelnen nachhaltig zu beschädigen. Julian Barnes fällt kein Urteil, sondern macht es seinen Lesern leicht, den Blick hinter die Kulissen totalitärer Systeme zu werfen und zu hinterfragen, wo denn wirklich die Möglichkeiten eines Einzelnen liegen, Widerstand zu leisten. Dieses Buch beschreibt eindringlich die sympathische und bewundernswerte Seite der russischen Seele, die so oft vom Personenkult in den Dreck gezogen wurde.

Was Barnes ausblendet ist die erzielte Außenwirkung der Strategie Stalins. Musik wurde zur Waffe. Auch Schostakowitsch lieferte Munition und Zündstoff, um selbst nicht unterzugehen. Er komponierte regimetreu, ängstlich und brav. Die Musik verfehlte ihre Wirkung niemals. Seine „Sinfonie gegen den Faschismus“ wurde im August 1942 mit Lautsprecherwagen im besetzten Leningrad übertragen. Die Menschen schöpften Kraft und Schostakowitsch trug wohl erheblich dazu bei, dass Hitler schon besiegt war, bevor die Musik verklang. Die kleine Lena Muchina und Daniil Granin wissen ein Lied davon zu singen.

Man sollte auch heute noch ganz genau hinhören, was man zu hören bekommt, wenn man hinhört…

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes - Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes – Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

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„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt NACH dem Lesen? Welche Leitbilder eines Romans bleiben in Erinnerung und ist man auch nach Jahren noch in der Lage, eine große Geschichte am Lagerfeuer mit guten Freunden teilen zu können? Oder bleiben nur Fragmente, Impressionen und der Titel eines Romans, den man zum Wegbegleiter des Lesens auserkoren hat? Diese Fragen sind meine Parameter für die Nachhaltigkeit von guter Literatur. Zu viele Bücher sind durch mein Lesen gerauscht ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Nur die ganz guten unter ihnen geben im Kopfkino meines Lesens eine lebenslange Dauervorstellung.

Dabei kommt es auch auf die Rahmenbedingungen des Lesens an. Lese ich allein oder begebe ich mich mit wichtigen Menschen gemeinsam auf eine Lesereise? Welche Lebenssituation flankiert mein Lesen und gelingt es dem Buch, wichtige Ereignisse mit seinem Inhalt zu verbinden? All dies führt in der Rückschau dazu, dass aus einem Buch ein Herzensbuch wird. Unvergesslich eingebrannt in die Festplatte der Leserseele. Ein absoluter Volltreffer ins Herz und ein Buch, dessen Relevanz sich nicht mehr verliert.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina (Aufbau Verlag) ist ein solches Buch, da es untrennbar mit meinem Lebens- und Leseweg verbunden sein wird. Einerseits ist es ein brillant erzählter Roman über die russische Seele und die unergründliche Weite des Landes. Andererseits ist dieses Buch auch noch zutiefst politisch und beleuchtet in aller Präzision die gesellschaftlichen Umwälzungen im Großen und ihre Auswirkungen auf den kleinen Mann und die kleine Frau, die völlig unpolitisch plötzlich ins Räderwerk der Geschichte geraten.

Und es ist ein Roman, den ich nicht alleine gelesen habe. Suleika hat immer dann, wenn sie ihre Augen öffnete zwei Leser erkannt, die sie auf ihrem Weg durch Russland begleiteten. AstroLibrium und Literatwo waren in Sibirien, Bianca und ich fanden uns in endlosen Zügen wieder, wurden auf engstem Raum verschifft, deportiert und in einer der unwirtlichsten Regionen Russlands angesiedelt. Dabei ging es uns beiden gut. Wir hatten es warm unter den Lesedecken. Was man von Suleika nicht behaupten kann. Es ist ein Roman der Entbehrungen und des Verlustes, auf den wir uns sehenden Auges eingelassen haben. Es ist Suleika, der wir folgten und es ist eine Geschichte, die wir mit Mühe und Not überlebt haben.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Weit zurück sind wir gereist. In das Russland der frühen 1930er Jahre. In eine Zeit der Repressalien gegen Menschen, die der kommunistischen Partei im Weg waren. Ob wohlhabende Bauern oder einfache Landbewohner, die das kleine Stückchen Land, auf dem sie lebten als ihr eigenes betrachteten, sie alle standen dem Kollektivismus Stalins im Weg. Enteignungen und Umsiedlungen ganzer Familien fanden im großen Maßstab statt. Sibirien lautete das Ziel. Der GULAG begann, die Kinder Russlands zu fressen.

Wem die Lebensumstände russischer Bauern zu dieser Zeit nichts sagen und wer keine Vorstellung vom Frauenbild in der russischen Gesellschaft hat, der sollte sich nur ein einziges Mal in die Lage Suleikas versetzen. Wenn sie die Augen öffnet, beginnt der Tag an der Seite ihres Mannes und unter der Fuchtel ihrer Schwiegermutter, der für uns mehr als unvorstellbar ist. Bis sie die Augen wieder schließen kann, vergehen endlose und entbehrungsreiche Stunden, die schon dem Leser alle Kraft rauben. Gusel Jachina gelingt alleine schon auf den ersten 95 Seiten ihres Romans ein atemberaubender und desillusionierender Parforceritt durch den Alltag der jungen Bäuerin, die nicht ahnt, wie sehr die Kommunisten ihr Leben verändern sollten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

An einem Punkt, an dem man glaubt, es könnte nicht schlimmer kommen, beginnt Suleikas eigentlicher Leidensweg. Der Hof wird enteignet, ihr Mann erschossen und sie selbst wird umgesiedelt. Erstmals ohne die Bevormundung durch einen Mann. Auf sich allein gestellt und heimatlos. Eine Deportation unter menschenunwürdigen Umständen entwurzelt die junge Frau. Ihr ist das Ziel unbekannt. Nur der Mörder ihres Mannes hat eine Vorstellung davon, wohin die Reise geht. Das Schicksal will es so. Der linientreue Rotarmist Iwan Ignatow führt nicht nur diesen Transport der Deportierten nach Sibirien an. Er muss sich dort seinem eigenen Schicksal stellen.

Gusel Jachina lässt uns die Seele Russlands fühlen. In aller Hoffnungslosigkeit und unter ständiger Lebensgefahr erkennen wir in Suleika und den Menschen, denen sie in ihrer Geschichte begegnet eine tiefe Spiritualität, einen unbedingten Glauben und eine Kraft, die aus der Größe eines Landes und seiner Tradition gespeist wird. Die Autorin schreibt uns hierbei Menschen ins Herz, die von großer Bedeutung sind, wenn Suleika die Augen öffnet. Der Blick der jungen Frau hat uns in ihren Bann gezogen. Ihre Stärke und die persönliche Entwicklung geben der ganzen Geschichte Halt in haltlosen Zeiten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Unvergessen bleibt ein Arzt, der durch die Deportation aus seiner Lethargie gerissen und fast neu geboren wird. Unvergessen ein Kunstmaler, der für die Deportierten in der Kälte Sibiriens Träume von Paris entstehen lässt. Unvergessen all die Nebenfiguren im Taumel der Umsiedlung. Unvergessen auch Suleika, der die Augen in Sibirien geöffnet werden. Nicht nur für sich selbst. Nicht nur für die Menschen, die sie am Leben hielten. Auch für das größte und gleichzeitig gefährlichste Geschenk, das ihr ermordeter Mann ihr mit auf die Reise gab. Ein ungeborenes Kind….

Das ist kein Frauenroman, auch wenn er von einer unfassbaren Frau handelt. Es ist kein historischer Roman, weil er in sich geschlossen mehr als zeitlos ist. Es ist keine eindimensionale Geschichte, weil sie uns auf allen Ebenen packt. Es ist kein politischer Roman, weil er zutiefst menschlich ist. Es ist eine facettenreiche und sehr unpathetisch klingende Erzählung, die uns fühlen lässt, was russische Heimat bedeutet. Sibirien ist das Synonym für diese Geschichte. Lebensfeindlich, einsam, kalt, gefährlich und doch unergründlich schön. „Suleika öffnet die Augen“ entführte mich erneut in ein Lager“. Angela Rohr und Suleika vereint die Zeit im GULAG während des Zweiten Weltkrieges. Beide Bücher vereint die tiefe Kälte, in die sie eingebettet sind und die Wärme, die aus ihnen herausstrahlt.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt von diesem Buch? Mir bleibt die gesamte Geschichte. Es bleiben die Tiefe und Weite des Landes, endlose Zugfahrten in Viehwaggons, ein Schiffsuntergang, eine schreckliche Zeit in Reisighütten und die quälende Ungewissheit, wie man dieses Buch überleben soll. Mir bleibt der gemeinsame Leseweg an der Seite von Bianca. Wir haben uns an manchen Wegmarken getrennt, an Lagerfeuern aufeinander gewartet, die vielen Winter miteinander durchfroren und Menschen hassen und lieben gelernt. Wir staunten über Gemälde, die in der Taiga entstanden und schliefen im Lazarett. Wir fanden unser kleines bescheidenes Glück an einem Ort, der alles zu verheißen schien, nur das nicht. Und am Ende der Geschichte begegneten wir uns auf einer Lichtung um einen der ganz großen literarischen Momente unseres Lesens zu erleben. Hier wurden uns die Augen geöffnet.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina - Ein gemeinsamer Weg

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina – Ein gemeinsamer Weg

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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„Sterndeutung“ und die kleine literarische Sternwarte

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Manchmal ist man einfach zu blind, um das Naheliegende zu erkennen. Manchmal ist man zu vertieft in den eigenen Ideen, dass man kaum realisiert, was man eigentlich geschaffen hat. Meine kleine literarische Sternwarte folgt seit Jahren einem tieferen Sinn. Buchsterne am literarischen Himmelszelt zu entdecken und Fixsterne zu finden, die auch im wahren Leben der Orientierung in dunkler Nacht dienen, das sind die Ziele, denen ich beharrlich folge. Dabei mein Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust als moralische Leitlinie zu sehen, war und ist meine wichtigste Intention.

Bisher betrachtete ich beides voneinander losgelöst. Ich war zu blind zu erkennen, was ich hier im übertragenen Sinne schon mit meiner Blog-Philosophie aufgebaut und umgesetzt habe. Literarischer Sternwärter wollte ich sein. Sternbilder entdecken, in der Weite des Bücheruniversums jene Gestirne finden, die immer leuchten und dabei mein Lesen unter den Stern des Erinnerns stellen. War ich wirklich zu blind um erkennen zu können, dass ich schon mit den ersten Gedanken an meinen Blog etwas ganz anderes verwirklicht habe? Ein Buch musste mir die Augen öffnen. Ein Buch, das meinem Blog eine völlig neue Bedeutung verleiht, obwohl sie unterschwellig seit den ersten Stunden meines Schreibens hier existierte. Ich habe sie nur nicht erkannt.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung“ von Jan Himmelfarb (C.H. Beck Verlag) ist ein facettenreicher und tief angelegter Genre-Hybrid aus historischem Familienroman, Bewältigungsliteratur und aktueller Reflexion zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei blickt der Autor aus der Perspektive des russlanddeutschen Aussiedlers Arthur Segall in eine Vergangenheit zurück, die von Sternen geprägt war. Ein vergangenes Leben, das unter keinem gutem Stern begann und in dem Arthur Segall nur durch Glück und Zufall davor bewahrt wurde, mit Abermillionen anderen Sternträgern im endlos erscheinenden Treck der Sterne an Sternorte gebracht und dort ausgelöscht zu werden.

Denn Arthur Segall ist Jude. Sein Geburtsort steht nicht so genau fest, da er in einem Zug die Dunkelheit der Welt erblickte. Von Licht konnte keine Rede sein, da sich dieser Zug im Oktober 1941 auf der Flucht ins russische Hinterland befand. Das Unternehmen Barbarossa hatte begonnen und die Nazis begannen ihren Feldzug mit unglaublichem Tempo und ebensolcher Brutalität. Arthur Segall ist ein Kind des Zuges. Flüchtling in einer Zeit, in der andere Züge zu rollen beginnen. Der systematische Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten beginnt und Deportationszüge in unvorstellbarer Zahl bestimmen den Fahrplan des Holocaust.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Für Arthur Segall sind es die Jahre, in denen die Nazis Menschen zu Sternträgern machen, sie danach als Sternschnuppen betrachten, um sie an den dunklen Sternorten Auschwitz, Treblinka und Sobibor für immer auszulöschen. Für Arthur sind es Jahre, an die er sich nicht eigenständig erinnern kann. Deshalb beginnt er im Alter von 51 Jahren zu recherchieren, niederzuschreiben und zu archivieren, was ihm und seiner Mutter auf der Flucht geschah, wer überlebte und wo die Wurzeln seiner Familie zu finden sind.

Er zeichnet ein Bild einer zum Tode verurteilten Generation. Er skizziert die Sterne seiner Familie, die erloschen sind, begreift das Glück, das ihm zum Überleben verhalf und beschreibt in quälenden Beschreibungen, was ihm und seiner Mutter erspart blieb. Die Abläufe der Sternenauslöschung. Die systematische und industrielle Vernichtung in einem Ausmaß, das noch immer unvorstellbar ist. Er beschreibt die Tilgung der ganzen jüdischen Galaxie vom Sternenhimmel.

„Ich habe einmal gelesen: Für die einen sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Welche Sterne sah ich? Welche hörte ich? Alle, alle schwiegen.“

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Der Ausgangspunkt seiner Betrachtung stellt den Bruch der Geschichte dar. Das Land der Täter wurde zur neuen Heimat des damaligen Flüchtlings und nun lebt er seit der Wiedervereinigung Deutschlands in dem Land, das damals die Sterne vom Himmel holte. Und Arthur Segall lebt gut, seine Tochter studiert an einer Elite-Universität und es könnte fast besser nicht sein. Und doch zeigt sein schonungsloser Blick, was hier unter Integration verstanden wird, wie Migrationshintergründe das Leben erschweren und es neuen Zuwanderern schwer gemacht wird, ihre Identität im neuen Leben zu bewahren.

Arthur Segall beschreibt eine ganz eigene Sternzeit. Sowohl in seiner alten als auch der neuen Heimat werden Sterne immer unterschiedlichen Gruppen zugeschoben. Ein gesellschaftliches Leben ohne Underdogs scheint nirgendwo auf der Welt möglich zu sein und das Zuschieben vollzieht sich in ähnlich präziser bürokratischer Genauigkeit, mit der auch der Holocaust organisiert wurde. Überall auf der Welt sind die Nachfolger der Wannseekonferenz in den Räderwerken der Verwaltungen zu finden. Sternzeit. Es ist immer Sternzeit.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Jan Himmelfarb gelingt mit Sterndeutung ein großer und aktueller Wurf ins Herz unserer Denkkultur. Seine Deutungshoheit ist polyglott und er entlarvt die Sternzeit in all jenen Ländern, die sich selbst als weltoffen und frei bezeichnen. Und gleichzeitig ist es sein Verdienst, der Gedenkkultur neue Impulse zu geben. Seine Sternbilder sind es, die das Gedenken an einzelne erloschene Sterne erhellen. Er setzt sie ins rechte Licht und ruft dazu auf, dem Versuch seines Protagonisten zu folgen. Der Blick zurück zeigt, wo man steht, warum man genau da angekommen ist, wo man ist und wie weit man zu gehen bereit ist, um nicht mitschuldig zu werden.

Hier schließt sich der Kreis. Ich bin Sternwärter. Nicht nur weil Bücher wie Sterne sind. Nein. Ich empfinde mich seit dem Lesen dieses Buches und vor dem Hintergrund meiner Hoffnung, den Opfern des Nationalsozialismus gedenken zu können noch viel mehr in der Pflicht, erloschene Sterne mit Namen zu versehen und aktiv zu verhindern, dass Menschen Sterne zugeschoben bekommen, damit unzufriedene Gruppen sich ein wenig besser fühlen. Ich habe meine kleine literarische Sternwarte schon längst in den Dienst der Sterndeutung gestellt. Dieses Buch hat mir allerdings die Augen geöffnet und verdeutlicht, unter welch gutem Stern wir geboren sind. Lasst ihn uns teilen.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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„Mein Leutnant“ von Daniil Granin (аниил Гранин)

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit!“ Hiram Johnson (1866 – 1946)

Viel Wahres steckt in diesem Zitat. Zeitloses und Allgemeingültiges. Wahrheit scheint nicht unmittelbar zur Begriffswelt eines Krieges zu gehören, denn Wahrheit (besonders die schonungslose) hat für die Mächtigen der Welt den faden Beigeschmack, sich nicht besonders motivierend auf diejenigen auszuwirken, die man auf die Schlachtfelder der Weltgeschichte schickt. Da leidet die Motivation und auch die Mobilisierung aller Kräfte ist nicht einfach, wenn man auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

War so. Ist so. wird immer so bleiben. Besonders interessant ist jedoch der Umgang mit Wahrheit, wenn ein Krieg beendet ist. Sieger schreiben Kriegsgeschichte und es ist unumstößlicher Fakt, dass diese Geschichte von Ruhm und Glorie getränkt ist. Was mit Lügen beginnt, kann ja nicht in Wahrheit enden. Fehler werden übertüncht, Zufälle sind plötzlich Teil der großen Strategie und sinnlose Opfer werden auf Heldenfriedhöfen der Sieger in den Himmel gehoben. Keine Anstrengung war umsonst. Alles war gewollt.

„Die Heldentat besteht darin, dass er den Befehl – Keinen Schritt zurück – ausgeführt hat. Das ist ein grausames Beispiel, aber ein Beispiel für alle.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die Memoiren der Kommandeure zeugen von den großen Taten, während einfache Soldaten ihre Erinnerungen zu relativieren haben, da sie ja nie den Blick auf das Ganze haben konnten. Wahrheit ist relativ. Ja, sie wird sogar bewusst erzeugt und damit auch zum Instrument der Propaganda. Ein besonders signifikantes Beispiel findet sich in der jüngeren Geschichtsschreibung. „Der große Vaterländische Krieg“ der Sowjetunion gegen die Militärwalze des Dritten Reichs war an Menschenverachtung gegenüber den eigenen Soldaten kaum zu übertreffen. Stalin war ein Kriegsverbrecher an der eigenen Bevölkerung und an den Soldaten seiner Roten Armee.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde über die unmenschlichen Bedingungen geschwiegen. Stalins Verbündete wussten um die Zustände, wollten den Erfolg jedoch nicht durch Kritik aufs Spiel setzen und nach Stalins Tod gehörten die Legenden dieses „Vaterländischen Krieges“ bereits zum kollektiven Allgemeingut der Gesellschaft. Aus Lügen und der Vertuschung eigenen Versagens war historische Wahrheit geworden. Es blieben Gerüchte, Erzählungen der Veteranen und es blieben sehr wenige authentische Bücher, in denen russische Soldaten dieser gewachsenen Wahrheit die Stirn boten.

„Die Soldaten hatten ihre eigene, bittere Wahrheit: fliehende Truppen, die ihre Führung verloren hatten, eingekesselte Armeen, aus denen sie zu tausenden
in Gefangenschaft gerieten, verbrecherische Befehle von Kommandierenden,
die ihre Vorgesetzten mehr fürchteten als ihre Gegner.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Unser Krieg war ungeschickt, unsinnig, aber das wurde nicht gezeigt,
darüber wurde nicht geschrieben. Unser Krieg war ein anderer.“

Daniil Granin hat der Scheinhistorie seine Schützengrabenwahrheit des einfachen Soldaten entgegengesetzt. Dabei zeichnet der russische Autor ein anderes, ein neues Bild dieses Krieges aus Sicht eines jungen Mannes, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet und ohne große Vorbereitung, gänzlich unbewaffnet als Volkswehrmann an die Front geworfen wird. Der Überfall der Hitler-Diktatur auf die Sowjetunion hat gerade erst begonnen und doch findet sich Daniil Graniin in einer Kampflinie wieder, die in heilloser Auflösung begriffen ist.

Das konnte nicht seine heldenhafte Rote Armee sein! Seine Helden fliehen panisch vor dem heranrückenden Feind. Die ganze Front ist in Auflösung und der Volkssturm ist schon jetzt das letzte Bollwerk gegen den Feind. Mangelhaft ausgerüstet, unbewaffnet und ohne erfahrene Führung gilt es zuerst, Waffen zu organisieren, sie einzutauschen und dann allen Mut in die Waagschale zu werfen, um den Deutschen standzuhalten. Es ist die pure Verzweiflung, die den jungen Soldaten überfällt. Die Verluste sind enorm.

„Der Tod hatte aufgehört zufällig zu sein. Zufall war es, zu überleben.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die russische Kriegsführung war ein Verbrechen nach innen. Ein Menschenleben hatte keinen Wert. Die Masse sollte den Feind besiegen. Strategie, Taktik oder Führung basierten nur auf dem Gedanken unerschöpflicher menschlicher Ressourcen. Schon in den ersten Kriegstagen verlor die Rote Armee mehr als drei Millionen Soldaten. Welle um Welle wurden Divisionen ins Gefecht geworfen. Koste es was es wolle. Basis dieser menschenverachtenden Vorgehensweise war, dass die Soldaten mehr Angst vor ihren Vorgesetzten haben mussten, als vor den Gegnern. Dem Einzelnen wurde sehr schnell klar, dass sein Leben nichts zählte. Graniin verschwand in dieser Masse.

Wie kann man siebzig Jahre nach diesen Ereignissen darüber schreiben? Wie der abstrusen Dimension der Ereignisse begegnen und dabei sortiert chronologisch eigene Erinnerungen rekapitulieren? Daniil Granin gelingt dies mit einem doppelten Kunstgriff. Zwei Perspektiven schildern den Krieg aus eigentlich einer Sicht. „D“ ist hierbei Daniil, der einfache Soldat, der sich vor Angst in die Hosen macht, sich zu seiner Feigheit und Mutlosigkeit bekennt, der kritisiert, schimpft und an der Führung zweifelt.

Mein Leutnant“ nennt er seine zweite Sicht auf die Dinge. Daniil Granin als frisch beförderter Offizier (weil die anderen gefallen sind) ist nun plötzlich der an den Sieg und die Macht der Roten Armee glaubende Soldat, der nun selbst Verstärkung ins Gefecht wirft und Menschenleben im Schlachtkessel opfert. Als sei er mit der neuen Aufgabe in sich gewachsen, stellt sich der Leutnant seinem Krieg. Die Verteidigung der belagerten Stadt Leningrad scheint ebenso aussichtslos wie die Belagerung selbst. Hier wird nur gestorben. Verreckt.

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Doch diese Perspektiven allein genügen Granin nicht. Den beiden Soldaten stellt er einen weiteren, in die heutige Zeit entrückten Erzähler zur Seite, der nun in der tiefen Rückschau nach siebzig Jahren mit all den Klischees, Legenden und Heldengesängen aufräumen kann, die „D“ und „Mein Leutnant“ subjektiv wahrgenommen haben. Hier berichtet ein literarisches Triumvirat über die Schrecken des Krieges, wobei die eigene Armee und ihre Führung die Rollen der eigentlichen Höllenhunde einnehmen.

Ein verstörend aktuelles Buch gegen den Krieg. Ein Appell, ihn nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen und nicht obrigkeitshörig blind zu glauben. Ein Manifest gegen die Gewalt der Worte und der Waffen und ein Buch, das inzwischen auch international für Aufsehen gesorgt hat. Daniil Granin hat an den Denkmälern einer ganzen Gesellschaft gekratzt. Einige davon hat er zum Einsturz gebracht und neue errichtet. Die einfachen und kleinen Leute rücken nun ins Licht.

Mit ihnen für mich immer unvergessen, die kleine Lena Muchina, die in Leningrad eingeschlossen war, während Daniil Granin die Stadt verteidigen sollte. Manchmal ist die ganze Welt nur ein paar Quadratkilometer groß. Manchmal ist sie aber viel zu klein für all die Opfer, die der Kampf um wenige Meter Boden gekostet hat. Der Schriftsteller Granin erobert längst verlorenes Terrain zurück. Sein Sieg heißt Menschenwürde.

Sein Buch trägt den Namen Mein Leutnant und ist beim Aufbau Verlag erschienen.

PS: Ein Nachruf am 05. Juli 2017 zum Tode von Daniil Granin.

Mein Leutnant von Daniil Granin - Gegen das Vergessen

Mein Leutnant von Daniil Granin – Gegen das Vergessen

Der Kriegsschauplatz Russland bei AstroLibrium „Gegen das Vergessen„:

Und noch eine persönliche Betrachtung aus rein familiärer Sicht

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