Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

„Klara vergessen“ von Isabelle Autissier

Murmansk. Nördlich des Polarkreises. Schauplatz einer Generationengeschichte aus der Feder der französischen Autorin Isabelle Autissier und regionales Epizentrum einer epischen Erzählung, die zwar nach Russland schmeckt, klingt und sich so anfühlt, jedoch weit größere Kreise zieht, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Es ist die vielbeschworene russische Seele, die den politischen Wechselbädern einer Nation zugrunde liegt, die hier heraufbeschworen wird. Es ist die Mentalität der Menschen, die ihre Heimat unter immer neuen ideologischen Rahmenbedingungen verehren. Isabelle Autissier erzählt eine Geschichte von Identität, Prägung und Vorbestimmung. Es ist die Geschichte einer Familie, die an einem bestimmten Tag durch Verrat in ein Davor und ein Danach zerschnitten wird. Aus der Heimat wird ein Niemandsland. Aus der Familie wird ein Fragment und aus der Zukunft der folgenden Generationen wird ein Vorbehalt, unter dem das Leben anders verläuft, als man es sich gewünscht hätte…

Juri kommt erstmals wieder nach Hause. Das Murmansk seiner Jugend hat sich seit seinem Weggang augenscheinlich verändert. Der Begriff Heimat kommt ihm jedoch nur schwer über die Lippen. Der Ornithologe, der inzwischen in Nordamerika lebt kehrt nur zurück, weil ihn die Nachricht vom baldigen Ableben seines Vaters Rubin erreicht hat. Unversöhnlich war ihr Abschied. Unversöhnlich sind die Erinnerungen an den brutalen und oftmals betrunkenen Kapitän eines Fischtrawlers und unüberwindlich hoch sind die Mauern, die sich zwischen ihnen aufgetürmt haben. Schikane, Leibesertüchtigung und der Wille des Vaters, sein Sohn möge in seine Fußstapfen treten haben Juris Kindheit und Jugend zu einem Martyrium ungeahnten Ausmaßes gemacht. Jetzt, am Sterbebett seines Vaters, erfährt er vom Familiengeheimnis, das alles in neuem Licht erscheinen lässt.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Die Zeit läuft. Rubin schickt seinen Sohn auf eine Reise in die Vergangenheit. Ihr Ziel trägt einen Namen: „Klara“. Juris Großmutter und Rubins Mutter. Die aufstrebende Wissenschaftlerin wurde vor über siebzig Jahren im stalinistischen Russland verhaftet. Ihr Verschwinden stellt die feste Größe im Narrativ der Familie dar. Der Grund und ihr Verbleib, ihr Schicksal und die genauen Zusammenhänge sind bis heute ungeklärt. Es ist nun Juris Mission, seinem sterbenden Vater die Fragen zu beantworten, die er sich zeitlebens nicht zu stellen gewagt hat. Viel Zeit bleibt Juri nicht. Ansatzpunkte liegen im Verborgenen. Und doch findet er in einer Anlaufstelle zur Klärung von Vermisstenfällen in der Stalin-Ära erste Ansatzpunkte, denen er folgen kann. Verrat, Haft, Deportation und Gulag. Horrorbegriffe für die tief verletzte russische Seele. 

Isabelle Autissier verknüpft drei Generationen mit diesem Ereignis. Sie erzählt die Geschichte aus den Perspektiven von Rubin, Juri und ergänzt sie durch die Fragmente der Recherchen zu einer längst vergangenen Zeit. Juri setzt das Mosaik durch eigene Erinnerungen, Gespräche mit seinem Vater, alten Freunden der Familie und auf Basis gefundener Unterlagen zu einem verstörenden Bild zusammen. Hierbei ist es sicherlich interessant, diesen Spuren zu folgen und sie in die Ursache-Wirkung-Beziehung setzen zu können. Viel interessanter jedoch ist die Erkenntnis, wie sehr sich die Ereignisse von einst unmittelbar auf das Leben des heutigen Ornithologen ausgewirkt haben.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Kein Stein bleibt auf dem anderen. Kein loser Faden eines Lebens bleibt unverknüpft und kein Teil seiner eigenen Vita entzieht sich des Zusammenhangs mit der Verhaftung seiner Großmutter. Hier spannt Isabelle Autissier einen Bogen über die Zeitscheiben in denen Lebensgeschichten von politischen Systemen geprägt, beeinflusst und verändert werden. Hier verdichtet sie einen Erzählraum, der in Ithaka, Nordamerika, verankert ist und den wahrheitssuchenden Juri über seine Geburtsstadt Murmansk hinaus tief in die Polarregionen der einstigen UdSSR führt. Sie kehrt Homers Odyssee um und lässt den Sohn im sicheren Ithaka aufbrechen, um nach dem Rest der Familie zu suchen. Dabei schreibt sie sich in ihren, die Landschaft und ihre Bewohner beschreibenden Kapiteln in eine literarische Hochform eines Leo Tolstoi hinein. Hier atmet die russische Seele und doch trägt sie schwer am Verrat, der ihr durch das eigene Land aufgebürdet wurde.

Was ändert sich im Leben einer Familie, wenn die eigene Mutter und Ehefrau als Verräterin festgenommen wird? Welche Stellschrauben werden hier justiert und sind für die Zukunft als unveränderbar hinzunehmen? Wie verändern sich Einstellungen und Gefühle der Zurückbleibenden? Was wäre anders verlaufen, wenn Klara nicht gewesen wäre. Wessen Schuld ist es, dass sie verraten wurde? Was hat sie verbrochen? Hat sie mit dem Glück ihrer Familie „russisch Roulette“ gespielt? Der Leser weiß nicht mehr, als die Protagonisten des aufwühlenden Romans. Die Spurensuche droht oft im Nichts zu versanden. Dabei bleibt kein einzelner Handlungsfaden ohne Bedeutung und ohne Zusammenhang. Wie wurde aus Rubin der augenscheinlich brutale Vater? Warum nur flieht Juri in eine Welt, in der die Vogelkunde für Freiheit steht? Was steckt hinter den großen Metaphern dieses Romans?

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier lässt keine Frage offen. Wir bereisen an ihrer Seite die Barentsee, um auf dem Fischtrawler 305 die Netze einzuholen. Wir dienen unter dem Kommando von Juris Vater um aus Juris Sicht zu erkennen, warum der Versuch einer Nachfolge in dieser Fischereiflotte zum Scheitern verurteilt war. Wir begleiten sowohl Vater, als auch den Sohn in ihre jeweilige Kindheit und Jugend und erkennen bewegende Muster. Wir erleben aus Juris Sicht eine unglaublich empathisch und zart erzählte Episode, die uns seine Liebe zu einem anderen Jungen verstehen lässt. Wir begegnen der Homophobie des heutigen Russlands mit den Augen des Ornithologen, der sein Leben in Ithaka als alternativlos bezeichnet. Und wir reisen auf der Grundlage gefundener Dokumente an die Orte, die nur Klara mit ihren Augen gesehen hat.

Klara vergessen. Das sollten sie wohl alle. Ihr Verschwinden war Staatsdoktrin. Doch kein Geheimnis währt ewig. Wie Isabelle Autissier die Lebenswege von Klara, Rubin und Juri miteinander verbindet, habe ich als literarisch herausragend und authentisch empfunden. Hier ist nichts konstruiert. Hier basiert das Erlesene auf den Erkenntnissen der heutigen Zeit über den Gulag. Kaum eine russische Familie hat im stalinistischen System keine Opfer zu beklagen gehabt. Selten tauchten Unterlagen wieder auf. Lager bis tief ins vereiste Sibirien schluckten Millionen von Menschen, die dem Regime in die Quere kamen. Oder den Anschein erweckten… Die Geschichte Klaras muss man sich selbst erlesen. Isabelle Autissier wirft mit Klara einen einzigen Stein in einen See und zeigt mit den sich kreisförmig ausdehnenden Wellen, was in der verschleppten Mutter und Ehefrau seinen Ursprung findet.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier fesselt in ihrem Roman von der ersten bis zur letzten Seite. Sie erzählt uns vom unbekannten Russland. Dem Leben auf hoher See, dem Leben in der Tundra, im Eis und in Murmansk. Sie konfrontiert uns mit der Urbevölkerung im Umfeld des Machtbereichs der Diktatur und zeigt uns die Randgruppen einer Gesellschaft, die doch eigentlich für Gleichheit eintreten wollte. Sie demaskiert Diktatur und Mitläufer in gleichem Maße. Und sie macht vor nichts Halt. Ein wahrhaft großer Roman, der seinen Leser mit den Fragen konfrontiert, die er zuvor nur interessiert aufgenommen hat. Wer hat mein Leben beeinflusst? Wo wurden unsere Weichen gestellt und was würden wir heute herausfinden, wenn wir unseren Blick auf die Vergangenheit richten würden und nach Zusammenhängen suchen wollten? Ein Roman wie ein Echolot. Wir reflektieren seine Signale und finden die Metaphern unseres Lebens.

Es gibt Bücher, die für mich eine tiefe Verbindung zu Klara vergessen eingehen. Ich hatte sie alle in der Hand, als ich durch Murmansk reiste. Keines dieser Bücher hat mich unberührt zurückgelassen. Eine Lesereise durch die russische Seele kann sich in eine Odyssee verwandeln, der man nur gewachsen ist, wenn man sich auf dieses Land und seine Menschen einlässt. Erlesnisreisen mit AstroLibrium… Folgt mir…

Ich war nicht allein bei Klara in Murmansk. Danke Kathleen für Deine inspirierenden Metaphern und einen wärmenden Gedankenaustausch zum Buch in eisiger Umgebung.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier – Mare Verlag. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig – OT: „Oublier Klara“ – gebunden – 304 Seiten – 24 Euro

„Die Heimkehrer“ von Sana Krasikov – Eine Spurensuche

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Kann man sich seine Heimat selbst verorten“, oder ist dieser so emotional geprägte Begriff eher als Konstante in unserem Geist verankert? Kann man seine eigene Heimat verleugnen und hinter sich lassen ohne gleichzeitig seine Identität infrage zu stellen? In ihrem vielschichtigen Familienroman „Die Heimkehrer“ widmet sich eine Autorin dieser zutiefst aufwühlenden Materie, deren eigene Entwurzlungen vermuten lassen, dass sie aus berufenem Mund erzählen und aus dem persönlichen Vollen schöpfen kann. Sana Krasikov, geboren und aufgewachsen in den Teilrepubliken der alten Sowjetunion. Die Ukraine als Geburtsland. Georgien das Land ihrer Kindheit, aus dem sie 1988 im zarten Alter von neun Jahren mit ihren Eltern auswanderte. Amerika wurde zur neuen Heimat der Emigranten. Nach ihrem Literaturstudium und einem Fulbright-Stipendium lebt und schreibt sie nun als US-amerikanische Autorin mit Lebensschwerpunkt New York.

Wenn Sana Krasikov nun also von Heimkehrern schreibt, könnte man vermuten, es mit einer autobiografischen Anwandlung zu tun zu haben, die ihre eigene Geschichte in das Land zurückträgt, dem ihre Familie den Rücken gekehrt hat. Weit gefehlt. Für Sana Krasikov spielt der Heimatbegriff eine weitaus abstraktere Rolle, der sie mit ihrem Buch Nachdruck verleiht. Ihre Protagonistin Florence Fein wendet sich von ihrer bisherigen Heimat ab. Sie folgt ihrem Herzen und flieht vor der großen Depression und den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Auf zu neuen Ufern. Im Gegensatz zu den üblichen Mustern in den Wellenbewegungen der Emigration zieht es die junge Frau aus New York jedoch in ein Land, das zu dieser Zeit nicht gerade die Weltrangliste der Fluchtorte anführte. 

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Florence wandert nach Russland aus. Moskau und Magnitogorsk werden Ziele einer Neuausrichtung, die nicht nur ihr Leben verändern wird. Auf satten 800 Seiten entwirft Sana Krasikov ein soziopolitisches Kaleidoskop der Irrungen und Wirrungen. Mehr als 75 Jahre umspannt ihre epische Erzählung, die von Motiven, Hoffnungen, enttäuschten Hoffnungen und Entfremdung geprägt ist. Der Traum von einer sozialen Utopie und der gerechten sozialistischen Gesellschaft pulverisiert sich ebenso wie das Trugbild Sergej. Statt des russischen Ingenieurs, in den sie sich noch in Amerika verliebt, treibt es sie in die Arme eines Mannes, der wie sie nach Russland ausgewandert ist. Niemals wird sie in der neuen Heimat als Russin gesehen. Sie bleibt die Außenseiterin, die am eigenen Leib erleben muss, was es bedeutet, Treibgut der eigenen Träume zu sein. Die wahre Heimat ist immer dort, wo man gerade nicht ist. Heimweh wird zum brutalen Opfer des Fernwehs und die Selbstaufgabe führt zu Kompromissen, die aus Florence eine willige Mitläuferin des kommunistischen Regimes machen. Keine Lebensversicherung, wie sie erfahren muss.

Drei Generationen umfasst der Roman „Die Heimkehrer“. Von den Ursprüngen bis zu den Nachkömmlingen spannt Sana Krasikov ihren Handlungsbogen, der die großen Fragen nach Identität und Identifikation in den Mittelpunkt stellt. An der Weltgeschichte ändert Florence nichts. Alle Illusionen zerplatzen wie Seifenblasen. Was sie erlebt, eint sie mit unzähligen Opfern des stalinistischen Systems. Aus der Emigrantin wird bei den Säuberungswellen, die das Land durchziehen eine politische Gefangene. Gulag. Lager. Trennung von ihrem Sohn Julian der sie erst Jahre später wieder in die Arme schließen darf. Getrennt von ihrer kleinen Familie, die sie sich in der neuen Heimat aufgebaut hat. Die volle Breitseite der Tyrannei trifft mitten ins Herz, wenn man an einem Bahnhof zum Zeugen der Begegnung zwischen Mutter und Sohn wird.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Acht Jahre in Sibirien hatten Florence nachhaltig verändert, als sie im Jahr 1956 endlich ihren 13jährigen Sohn wiedersehen darf. Er verbrachte diese Zeit in einem Waisenhaus. Und doch ist sie in ihrem Inneren das kleine amerikanische Mädchen mit Träumen und Hoffnungen geblieben. Eine Begegnung in Russland. Mutter und Sohn in einer Heimat, die sie verschlungen hatte. Weit von dem Land ihrer Herkunft entfernt. Es ist die gemeinsame amerikanische Sprache, die den Weg in eine neue Zukunft weisen sollte. Hier springt Sana Krasikov durch die Zeitscheiben ihrer Geschichte. Es ist kein in sich geschlossener Erzählraum, den sie öffnet. Wir werden zu Zeugen von Remigration und Heimkehren. Wir werden zu Zeugen einer Heimholung, die zur Heimsuchung wird. Lebenslang versucht Julian zu ergründen, was seine Mutter verbrochen haben soll, um im russischen Gulag zur „Achtundfünfzigerin“ zu werden. Politisch gefangen. 

Sana Krasikov erzählt nicht linear und nicht chronologisch geordnet. Genau das macht den großen Reiz dieser Geschichte aus. Ursachen und Folgen der Entscheidung ihres Lebens verfolgen Florence und ihre Familie lebenslang. Bewegend und spannend werden Fiktion und Geschichte miteinander verbunden. Das uns unbekannte Russland wird greifbar und wirkt mehr als erschreckend auf die Leser. Nicht minder erschreckend jedoch verläuft die parallele Entwicklung in den westlichen Ländern. Eine echte Heimat zu finden war in diesen Zeiten wohl unmöglich, ohne sich gleichzeitig mit einem System zu verheiraten. Julian gelingt es nicht nur, seine Mutter Florence von ihrer Rückkehr in die USA zu überzeugen, er gibt selbst niemals auf, ihrer und seiner eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Nirgendwo selbst richtig angekommen im eigenen Leben. In Amerika Russe. In Russland Amerikaner. Ein Schicksal, dem Entwurzelte zeitlos anheimfallen. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man und auch, dass sich Geschichte wiederholt. Dieser Roman spuckt auf die heilende Wirkung der Zeit. Er wiederholt sich inhaltlich auf dramatischste Art und Weise, als Julian 2008 nicht nur in den inzwischen zugänglichen Archiven des Geheimdienstes nach der Geschichte seiner Mutter sucht, sondern er einem Motiv folgt, das zum Schicksal seiner Familie geworden zu sein scheint. Er, der „russische Simpel“, der „Gestörte zweiter Generation“, als der er in Amerika immer gesehen wurde, ist auf der Suche nach seinem eigenen Sohn Lenny. Geschichte wiederholt sich und reißt nie geheilte Wunden wieder auf. So ist der Vater, dessen Mutter den russischen Gulag nur knapp überlebte auf der Suche nach seinem Sohn, der sein Russland finden möchte.

Selten hat mich eine Autorin so gepackt, wenn es um die Austauschbarkeit von Heimat ging. Selten war der Heimatbegriff so willkürlich veränderbar, so variabel und dann doch wieder so nah und greifbar. Heimweh fühlt nur, wer Identität besitzt. Diese unterliegt dem Wandel der Zeit, kann genommen und verfestigt werden. Man ist selbst seines Glückes eigener Schmied. Man sollte nur sehr gut darauf achten, auf welchem Amboss man liegt. Sana Krasikov relativiert die die Schrecken politischer Systeme, da sie keiner Gesellschaft übergroße Toleranzwerte zubilligt. Die jüdischen Wurzeln ihrer Familie bringen überall Probleme mit sich. Ob im freien Amerika oder der scheinbar so geknechteten Sowjetunion. Aus diesem Buch spricht die große Sehnsucht der Autorin, einen selbstbestimmten Heimatbegriff zur Ausgangsbasis des eigenen Lebens machen zu können.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Dabei benötigen Menschen Hilfe. Heimatlose integrieren sich nicht. Beheimatete sind nicht automatisch Zuhause angekommen. Die Gefühle reichen tiefer. Es ist zeitlos und in jeder Beziehung relevant, was uns Sana Krasikov ins Stammbuch schreibt. In diesen Zeiten, in denen wieder ideologische Mauern zwischen Ost und West errichtet werden, sollte man an die Menschen denken, die hinter den eisernen Vorhängen verborgen sind und neidisch auf die jeweils anderen Welten schauen. Was auf der Strecke bleibt ist die Empathie. Egal wo man sich umschaut. Heimat wird mit gefletschten Zähnen verteidigt. Heimatschutz, Heimatgarde, Heimatministerien. Als würde sie nur uns gehören. Es sind die Patrioten dieser Welt, die diesen Begriff stets mit Leben füllen. Zumeist ideologisch unterfüttert. Heimaterde.

The Patriots. So, lautet der Originaltitel des RomansDie Heimkehrer“. Das klingt offensiver, angriffslustiger und passt aus meiner persönlichen Sicht extrem gut zu einer Geschichte, die weniger durchs Heimkehren als durch das austauschbare Bekenntnis einer patriotischen Leidenschaft geprägt ist. Hier ist das Weggehen bestimmender als die Rückkehr. Hier ist es der aktive Prozess der Veränderung, der die Handlung trägt. Hier ist es der Rahmen, aus dem das normale Leben fällt. Hier ist es die hoffnungsvolle Aktion, die einen hochpolitischen, menschlichen und gesellschaftlichen Roman zu dem macht, was er ist. Großes Kopfkino mit antizyklischen Voraussetzungen. Ich schreibe und lese viel über das, was ich als Heimat empfinde. Mein Denken hat sich durch Sana Krasikov ein wenig verändert. Austauschbar war Heimat nie für mich. Florence Fein hat gehörige Zweifel in mir gesät.

Heimat und die kleine literarische Sternwarte: eine tiefe Auseinandersetzung.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

„Lager“ von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Wissen Sie, wie ideologisch motivierter Massenmord ohne Täter funktioniert?

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie man es schafft, politische Gegner, Kriminelle, Andersgläubige, Kriegsgefangene oder sogenannte „sozialverdächtige Elemente“ auf Nimmerwiedersehen spurlos verschwinden zu lassen und sie zu ermorden, ohne selbst Hand anzulegen? Können Sie sich vorstellen, dass man auf diese Art und Weise mehr als zwei Millionen Menschen ums Leben bringt?

Oh… Entschuldigung. Nicht „MAN“. Die Todesursache ist natürlich eher natürlich. Also nicht von fremder Hand herbeigeführt. So nach dem Motto: „Den Umständen der Haft geschuldet!“ Sie denken jetzt an den Holocaust? An die industriell konzipierten Fabriken zur Vernichtung von Menschen, die nicht ins nationalsozialistische Rassebild passten? Sie denken hier an Gaskammern und Krematorien? Ihnen fallen Namen wie Buchenwald und Auschwitz ein?

Nein. Davon ist gerade nicht die Rede. Dort gab es die aktiven Täter. Die Henker und Vernichter. Die brutalen Schlächter im Namen einer Diktatur. Diejenigen, die tatsächlich Hand anlegen mussten, um das „unwerte“ Leben zu beenden. Es geht auch anders. Es geht auch, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Die Perversion des Mordens ohne schlechtes Gewissen trägt einen ganz eigenen Namen.

GULAG

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Hier übernahmen unmenschliche, weil nicht-menschliche Helfer das Morden. Hier nutzte das kommunistische Regime der damaligen Sowjetunion die Tiefe und Größe des Landes, um sich seiner Gegner zu entledigen. Sibirien. Die unendliche Weite der Taiga. Temperaturen jenseits der minus 30 Grad. Unzweckmäßige Bekleidung. Kaum Hygiene. Hunger. Krankheiten. Einsamkeit. Suizid. Desorientierung. Entkräftung. Das waren die Todesursachen in den Todeslagern des GULAG.

Das Regime nutzte die Ressourcen des eigenen Landes, um all jene zu liquidieren oder abzuschotten, die den eigenen Machtanspruch gefährden konnten. Massenmord ohne Dreck an den eigenen Händen. Den besonderen Umständen der Haft geschuldet. Unerwartete Todesfälle. Plötzlich auftretende epidemische Krankheiten. Was sollte man angesichts der Armut der Bevölkerung dagegen unternehmen? GULAG. Dieser Begriff reicht aus.

Von 1930 bis in die Mitte der 1950er Jahre durchzog ein in sich geschlossenes Netz von Lagern, psychiatrischen Kliniken, Sondergefängnissen und Kolonien die wahrhaft unwirtlichen Teile der Sowjetunion. In diesem Zeitraum wurden insgesamt mehr als 18 Millionen Menschen aus der Gesellschaft entfernt, inhaftiert und letztlich auch ermordet, obwohl sie ja nicht wirklich ermordet wurden. Über 2 Millionen Tote. Was für eine Zahl. Und über allem Stand das eigentliche Mittel zum Zweck. Die Drohung an eine ganze Gesellschaft mit dem Druckmittel namens Willkür. Wer nicht spurt: GULAG.

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Lager“. Ein bedeutungsschwerer Buchtitel. Ein einzelner Eisenbahnwaggon auf dem Abstellgleis des Lebens vor dem schneeweißen Frost-Hintergrund Sibiriens. Zäune als einziges verwittertes Empfangskomitee. Und um diesen trostlos bedrohenden Eindruck mit dem nötigen Kontrast zu versehen, verbleiben mehr als zwei Drittel des Covers in Schwarz. Ein Damoklesschwert der Literatur, das nichts Gutes verheißt. Man fühlt die grenzenlose Kälte, die dieses Buch ausstrahlt. Man spürt die gnadenlose Einsamkeit der ewigen Verbannung. Mutig und doch stark, das Cover des Aufbau Verlages.

Angela Rohr würde diese dunkle Aufmachung gefallen. Da bin ich mir sehr sicher. Ihr Leben steckt in diesem Buch. Ihr Vermächtnis füllt die Seiten eines Werks, das als autobiografischer Roman daherkommt, im eigentlichen Sinne jedoch Autobiografie ist. Über den Begriff Roman kann man sehr trefflich streiten in diesem Zusammenhang. Er bezeichnet hier weniger die Fiktion, die wahrlich keine ist. Er bezeichnet die Struktur, die reine literarische Qualität und die unbeschreibliche Namenlosigkeit der Opfer des Gulag, die uns begegnen.

Ich denke nicht, dass Angela Rohr je einen Roman schreiben wollte und ich habe „Lager“ auch nicht als solchen gelesen. Ein Sachbuch ist es jedoch auch nicht, denn es ist die subjektive Perspektive der zu Lagerhaft verurteilten Autorin, die hier alles in den Brennpunkt rückt, was ihr selbst widerfuhr. Und gerade diese Subjektivität fern ab jeder gesicherten Information, genau der Stil, in dem Angela Rohr dachte und schrieb, macht die ungeheure Wucht dieses Buches aus.

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

Ihre eigene Geschichte liest sich schon wie ein ganzes Buch. Ihr Leben ist voller Rätsel und teilweise verschwand sie ganz von der Bildfläche. 1890 geboren, Künstlerin, Autorin, kritischer Geist, Medizinstudentin, gute Freundin von Rainer Maria Rilke, der sie als seine „Schützlingin“ bezeichnete, bevor sie mit ihrem Mann nach Moskau ging. Dort wird die Österreicherin nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch als „Deutsche“ gesehen, 1941 mit ihrem Ehemann inhaftiert und als „sozialverdächtiges Element“ zu 5 Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt.

Sibirien, Taiga, Gulag, Lager. Lebensrettend für sie ist nur noch ihre medizinische Ausbildung. Zwar ist sie keine Ärztin, aber es reicht, die Lagerkommandanten davon zu überzeugen, als solche in der Todesmaschine „Lager“ zu arbeiten. Mit nichts als ihrer positiven Grundhaltung Menschen gegenüber bewaffnet beginnt ein Kampf gegen die Windmühlen des GULAG. Keine Medikamente, keine Instrumente und keine Chance, ihre Vorstellungen von Medizin umzusetzen dient ihr Handeln zumeist als Alibi für die Wärter, da man von ihr nicht mehr erwartet, als ihre Patienten für „arbeitsfähig“ zu erklären. Und sie damit in den Tod zu schicken.

Lager. Nicht singulär gemeint. Der Plural ist hier gemeint, denn eines der Merkmale des perfiden Systems ist es, bei den Inhaftierten kein Gefühl für Sicherheit aufkommen zu lassen. Unvorhergesehene Wechsel der Lager sorgen für Angst, Desorientierung, Zermürbung und verhindern jegliche Routine oder Strukturierung des eigenen Lebens unter diesen Umständen. Als ihre Haftstrafe endlich endet, wird Angela Rohr entlassen. Nicht in die Freiheit jedoch, sondern in den Status „Ewig Verbannte“. Rechtlos ist sie zum Bleiben in Sibirien verdammt. Für die Kranken und Sterbenden in den Lagern ein Segen. Für sie selbst ein Debakel.

Lager von Angela Rohr

Lager von Angela Rohr

In ihrem Zyklus „Ein zeitgemäßes Ereignis“ schrieb sich Angela Rohr nach ihrer Begnadigung und Rehabilitierung 1957 ihre Erlebnisse von der Seele. Sie nimmt ihre Leser mit in die Todesmaschine und macht sie zu Zeugen eines Massenmordes, den niemand bezeugen sollte. Die Tatsache, dass ihre Manuskripte den Weg in den Westen gefunden haben ist eine abenteuerliche Geschichte für sich. Lager ist hierbei der in sich geschlossene Band, der sich mit der Zeit nach ihrer Verurteilung bis zur Phase der Befreiung nach 16 Jahren GULAG auseinandersetzt.

Nein. Im eigentlichen Sinne lesen wir keinen Roman. Und doch ist es einer. Sie lehnt ihr Schreiben an literarische Leitbilder an und verkommt nicht zur Chronistin einer Zeit, sondern wird zum lebendigen und greifbaren Zeitzeugnis voller Gefühl. Kälte dominiert. Isolation und Krankheit beherrschen das Denken und der Anonymität der Opfer setzt sie ihre Erinnerungen entgegen. Sie zeigt uns auf, wie die Vernichtung von Menschenleben ohne greifbare Täter funktioniert und verweigert sich dabei der ihr zugedachten Rolle einer bloßen Erfüllungsgehilfin.

Jede Diktatur findet ihre Mittel zur Unterdrückung der Beherrschten. Jede Diktatur übertrifft die andere an Kreativität. Für die Opfer ist es einerlei. Ihr Tod ist das Ziel, das Überleben unwahrscheinlich, die Zermürbung wird Methode und der Schrecken regiert das Land. So funktioniert Ideologie und in immer wiederkehrenden Wellen erkennen wir die Muster auch in unserer heutigen Zeit. Das Lesen dieses Romans war bewegend. Der Vergleich der Systeme und ihrer Lager ist quälend. Angela Rohr hält unsere Augen offen. Auch 30 Jahre nach ihrem Tod. Nur dafür schrieb sie. Dafür sollten wir sie lesen. Das ist ihr Verdienst in humanitärer und literarischer Hinsicht.

lager_angela rohr_astrolibrium_2

Ein bibliophiler Nachtrag:

Glauben Sie eigentlich an Zufälle im Lesen? Ich schon lange nicht mehr. Lesen Sie doch noch meinen kleinen Facebook-Beitrag über meine Begegnung mit Angela Rohr und Rainer Maria Rilke. Manches fügt sich. Manches ist Fügung. Einiges ist magisch. Deshalb lese ich. Hier geht`s lang.

Diese Rezension ist auch als Radio-Podcast bei Literatur Radio Bayern verfügbar. Hören sie gut. Hier geht´s zur Rezension fürs Ohr.

Es gibt keine Zufälle im Lesen. Rilke, Rohr und Mr. Rail

Es gibt keine Zufälle im Lesen. Rilke, Rohr und Mr. Rail