Junischnee von Ljuba Arnautovic

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Niemals trennen. So lautet mein Mantra, das ich ständig vor Augen habe, wenn ich mich mit Geschichten auseinandersetze, in denen Eltern ihre Kinder in die Obhut von fremden Menschen oder Institutionen übergeben, um sie zu retten. Allein im Zweiten Weltkrieg vertrauten zahllose ideologisch verfolgte Eltern ihre Kinder Menschen und Organisationen an, die für die Sicherheit der Schutzbefohlenen bürgten. Für Eltern in Sorge der wohl letzte Ausweg und die letzte Chance, zumindest ihre Kinder zu retten. Und nach dem Krieg? Fanden sie sich wieder? In den seltensten Fällen. Dramatische Berichte von Überlebenden legen erschreckende Zeugnisse darüber ab, was eben mit genau diesen Kindern geschah. Sie waren immer zur falschen Zeit an falschen Orten. Sie wurden verraten, verkauft, zurückgelassen, deportiert, getötet oder verschwanden in den Archiven von Institutionen, die sich weigerten, sie wieder herauszugeben. Wenn ich in meiner Auseinandersetzung mit Kinderschicksalen bis in die heutige Zeit hinein etwas gelernt habe, dann, dass man sich nicht von seinen Kindern trennen sollte. Auf keinen Fall. Niemals. Never. Auch Ljuba Arnautovic kann ein Lied davon singen. Das Lied ihrer eigenen Familie, das sie in ihrem Roman „Junischnee“ erzählt.

Es ist das Klagelied der Nachfahren auf eine verlorene Generation. Es ist eine der Geschichten, die von Entwurzelung, Trennung, Identitäts- und Heimatverlust und jener Leere erzählen, die diese Kinder hinterlassen, nachdem sie von ihren eigenen Eltern in bester Absicht in eine trügerische Sicherheit „verschickt“ wurden. Es ist eine dieser so typischen und fatalen Geschichten von „Cut Out Children„, die an uns appellieren, es anders zu machen, wenn wir vor die Wahl gestellt werden. Es sind Kinder, die aus den Familienalben herausgeschnitten wurden und deren Bilder bis heute fehlen. Selbst im positivsten Fall einer erfolgreichen Suche und Wiedervereinigung mit den Eltern haben diese „Cut Out Children“ nichts mehr mit den Kindern gemein, die man weggegeben hatte. Sie sind traumatisiert, sprechen kaum noch die eigene Muttersprache und sind als lose Fäden einer komplexen Familiengeschichte kaum noch mit dem Stammbaum zu verbinden, der ihre Wurzeln bedeutet. „Junischnee“ ist eine solche Geschichte.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

„Junischnee“ ist die, im Roman auf literarische Distanz gebrachte, fiktionalisierte Geschichte der Familie von Ljuba Arnautovic. Es ist die Geschichte ihrer Eltern und deren Vorfahren und sie beginnt in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der die Länder Europas weit voneinander entfernt sind. Nichts ist global, nichts ist mal eben so mit einem Katzensprung zu erreichen und das einfache Leben in der Sowjetunion ist Welten entfernt vom pulsierenden Wien. Es sind zwei Familien, die dieser Geschichte ihre prägenden Stempel aufdrücken. Und nicht nur das. Es sind die Eruptionen der Weltgeschichte, die sich auf die Landkarten dieser Familien auswirken. Sie werden zusammengefaltet, verlieren ihre realen Distanzen, lassen Orte in beiden Ländern kurz miteinander verschmelzen und erweisen sich später als zerknitterte und kaum noch rekonstruierbare Zeugen einer Trennung, die niemals wieder ausgebügelt werden konnte. Und dabei haben es die Eltern von Karl und Slavko Arnautovic mehr als gut gemeint…

Eva Arnautovic schickt ihre Söhne in die Sowjetunion. Sie, die wacker kämpfende politisch denkende Frau aus den Reihen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, sieht, wie sich das politische Blatt im Österreich der dreißiger Jahre wendet. Sie wird verfolgt, inhaftiert und ihre Familie gerät in den Fokus der rechtsgerichteten Regierung. Hier ist die paramilitärische Gruppierung innerhalb der Sozialdemokraten, der „Demokratische Schutzbund“ der letzte Ausweg, um die eigenen Kinder in Sicherheit zu bringen. Noch dazu, wo sich im benachbarten Deutschland die Nationalsozialisten auf den Thron der ehemaligen Demokratie schwingen. Die Halbbrüder werden über die Hilfsorganisation der Kommunistischen Internationale evakuiert und zuerst in die Sommerfrische auf die Krim und anschließend nach Moskau gebracht. Es sind für viele Jahre die letzten Spuren ihrer beiden Söhne, die Eva Arnautovic im Mai 1934 erkennt, als sie sich von ihnen trennt.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Wie sehr sich doch das Leben von Jjodor und Anastasia in der Sowjetunion von dem Leben einer Mutter im hart umkämpften Wien unterscheidet. Sie freuen sich auf die Geburt der Tochter, bereiten alles für das Kind vor und folgen der alten Tradition, eine Birke zu pflanzen. Doch man verwechselt die Samen und statt der Birke wird eine Pappel gepflanzt, die im Juni die Kinder mit ihrem Samenflug begeistern wird. Es ist der „Junischnee„, der Ninas Leben fortan begleiten wird. Vielleicht ist es die Verwechslung, die alles verändert. Vielleicht ist es aber auch das Rad der Zeit, die Weltgeschichte, die jetzt ausufert und ihrerseits beginnt, die Weltkarte zu zerknittern und neu zu falten. Es ist die sich ständig verändernde politische Situation in allen Ländern, die sich auf jene Menschen auswirkt, die sich sonst nie begegnet wären. Es ist die junge Nina, die dem österreichischen Flüchtling Karl begegnet. Es sind zwei Stammbäume, die sich hier in den Wirren der Geschichte vereinen und es ist die tiefe Tragik dieser Begegnung, die aus der Tochter dieser beiden Getriebenen die Frau werden ließ, die uns heute diese Geschichte erzählt: Ljuba Arnautovic.

Wir sollten ihr in das Leben ihrer Eltern folgen, um zu verstehen, was Kriege und Diktaturen aus Menschen machen. Wenn wir ihr folgen, müssen wir uns wappnen, in den Lebenswegen dieser beiden Menschen dramatische Verluste zu erleben. Es sind verstörende Bilder, die kaum erklärbar wären, wenn wir nicht wüssten, was die Politik mit Menschen macht. Es sind Bilder aus dem „Gulag, dem Netz aus Straflagern, das die ganze Sowjetunion durchzog und in dem sich politische Gegner zu Tode arbeiten und hungern sollten. Genau hier landen die beiden Halbbrüder Karl und Slavko. Hier werden sie gefoltert und als Feinde betrachtet. Spätestens seit dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion gelten sie als DEUTSCHE und damit als Feinde. Nur einer von ihnen wird überleben. Nur einer von ihnen wird in einem der Lager eine Frau kennenlernen, die sein neues Leben bedeuten wird. Hier entsteht der Hauch einer Vision von einem Leben in seiner Heimat. Nina folgt ihm Jahre nach dem Krieg in seine Heimat. Es ist eine weitere Entwurzelung, die sich durch die Geschichte dieser Menschen ziehen wird.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Ljuba Arnautovic erzählt ihre Familiengeschichte in einer erschreckend plastischen Dichte. Ihre Bilder sind atmosphärisch und empathisch zugleich. Sie zeigt auf, wo sich das Schicksal in eine nicht beabsichtigte Richtung wendet und wie unkalkulierbar und unbeherrschbar die politischen Entwicklungen auf einem Kontinent sein können. In der Folge erleben wir, was die Traumatisierungen aus dem Gulag aus dem „verschickten“ Karl gemacht haben. Die Autorin macht uns zu Zeugen der Suche nach einem Bruder, der nicht zurückkehrte. Es sind die erschreckenden Aufzeichnungen aus dem Archiv des Grauens, die uns sprachlos machen. Wir sehen neue Beziehungen zerbrechen, psychologische Abgründe der Überlebenden und tragische Lebenswege, die mit der Entscheidung einer Mutter begannen, ihre Söhne in Sicherheit zu bringen. Was wäre geschehen, wenn sie sich nicht getrennt hätte? Das vermag niemand zu sagen. Mich jedoch würde eine jahrzehntelange Ungewissheit über die Schicksale meiner Kinder mehr treffen, als mit ihnen gemeinsam in eine Krise zu gehen.

Es ist die Frage nach Verantwortung, die hier im Raum steht. Es ist die Frage, ob man überhaupt eine andere Chance gehabt hätte. Für mich liegen viele Antworten auf der Hand. Zu viele Geschichten enden in ewiger Trennung, Unwissenheit und Tod. Zu viele Geschichten zeigen, dass man sich nicht trennen sollte. Ein kleines Verzeichnis von Büchern, die dies belegen, findet Ihr am Ende dieses Artikels. Ljuba Arnautovic hat einen sehr relevanten Roman geschrieben, weil seine Tragweite das Geschehene in der Vergangenheit immer wieder auf neue Ebenen hebt. Unbeaufsichtigt reisende Flüchtlingskinder – Dieser Begriff verursacht einen Kloß im Hals, wenn man ihn heute in den Nachrichten hört. Was wird in fünfzig Jahren sein? Werden sie ihre Eltern oder Verwandten jemals wiederfinden? Welche Geschichten verbinden sie dann noch? Und wann hätte man daran etwas ändern können? Ein zeitlos lesenswerter Roman für all jene, die ihre Kinder niemals gehen lassen würden. 

Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich auf „Zeichen & Zeiten„.
„Es wäre spannend und überaus wünschenswert, wenn die Autorin mit weiteren Werken ihre literarische Familiengeschichte ergänzen würde – auch als wichtiger Beitrag einer Erinnerungskultur.“ (Constanze Matthes)

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Es sind Fluchtwege und Fluchtrouten, die im Zweiten Weltkrieg Menschen in ihrem Schicksal vereinten. Es ist die literarische Aufarbeitung dieser Schicksale, aus der wir heute noch lernen können. Ich lese und recherchiere viel, wenn ich in einem Buch eine solche Flucht erlebe. Im „Junischnee“ werden zwei Brüder nach Russland geschickt, um sie vor den Nazis zu retten. Die Eltern bleiben zurück und erleben in ihrer Heimat  eigene Odysseen. Eine führt nach England. Dort als „Enemy Alien“ stigmatisiert, wird der Vater eines der beiden Jungen nach Australien deportiert. Die Reise ins Ungewisse beginnt auf dem britischen Flottenschiff „Dunera“

Hier zucke ich kurz zusammen. Den Namen kenne ich. Ein anderer Flüchtling teilte dieses Schicksal. Er war ebenfalls an Bord. Ulrich Alexander Boschwitz. Es ist „Der Reisende„, in dem er seine Flucht verarbeitete. Für ihn war dies allerdings eine Reise ohne Wiederkehr. Sein Versuch, nach Europa zurückzukehren endete mit dem Angriff eines deutschen U-Bootes. Wenn die Literatur Schicksale verbindet

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und vermisste Kinder in der Literatur.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Archiv der verlorenen Kinder

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

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