Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

„Ich war damals acht Jahre alt.
Die Ferien über habe ich täglich
einen Satz in mein Heft geschrieben,
eine Sache, die ich erlebt habe.
Das war meine Aufgabe, damit ich
in die 2. Klasse versetzt werden konnte. 
Das Heft habe ich immer noch.“

Michal Skibinski

Solche und ähnliche Aufgaben kennen wir vielleicht aus unserer Schulzeit. Nennt es Nachhilfe oder Nachsitzen. Egal, es kann ja nicht so schwer sein, ein paar Dinge zu Papier zu bringen, die sich in den Ferien ereignen. Für einen Erstklässler kein Problem. Das dachte sich der achtjährige Michal Skibinski auch, als er damit begann, die kleine Welt zu beschreiben, die in den großen Ferien auf ihn wartete. Und außerdem war die Belohnung sicherlich motivierend für den kleinen Kerl. Also frisch ans Werk. Er beginnt sein Tagebuch der kurzen Sätze, die eigentlich gar nicht für ihn bestimmt sind, sondern zu Beginn des nächsten Schuljahres von einem Lehrer gesichtet würden. Ob sie dabei helfen würden, ihn in eine neue Klasse zu bringen…?

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

15.07. Ich war mit meinem Bruder und dem Kindermädchen am Bach.
16.07. Ich war in der Kirche.
17.07. Ein kleines Mädchen ist in die Pension gekommen, in der ich wohne.
18.07. Ich war mit meinem Freund im Wald.

Michal Skibinski schreibt schlicht, authentisch und kein Wort zuviel. Da ist er wohl wie die Schüler überall auf der Welt. Und doch liest man sich gut gelaunt in den Juli an seiner Seite hinein. Es klingt nach einer behüteten Kindheit und wie so viele Ferien, die wir vielleicht selbst erlebt haben. Wir spazieren mit Michal durch die Natur. Begleitet nur von seiner Großmutter, dem eigenen Bruder, einem Kindermädchen oder seiner Mutter. Alles fühlt sich gut an, es sind nur ein Gewitter und ein Stromausfall, die den Alltag zum Abenteuer werden lassen. Und es ist ein sonniger Julitag, der diesem Buch den Namen gibt.

28.07. Ich habe einen schönen Specht gesehen.

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Ein wundervolles Buch. Mit brillanten Landschaftszeichnungen illustriert von Ala Bankroft. Jeder Doppelseite gehört ein Satz aus der Feder des achtjährigen Schülers. Unterbrochen nur von den Originalseiten aus dem Heft von Michal Skibinski. Doch was will uns dieses Buch sagen? Welche Botschaften trägt es zu uns? Nein, es ist nicht die Naivität eines Schuljungen, die uns hier zeitlos begeistern soll. Es ist unser Wissen um die Geschichte, das aus einem schönen Sommer und ein paar warmen Ferientagen im Kreise einer Familie den Abgesang auf ein normales Leben macht. Wir müssen nur die beiden wesentlichen Informationen hinzufügen, um die Sätze von Michal Skibinski im Kontext der Weltgeschichte richtig werten zu können. Ort und Zeit. 

Wir befinden uns im letzten Sommer vor dem Zweiten Weltkrieg. Wir sind in Polen. Wir schreiben das Jahr 1939. Die Schule wird nach diesen Ferien wohl nicht beginnen. Am 1. September wird die Wehrmacht das Land überfallen. In wenigen Tagen bricht die heile Welt von Michal Skibinski in sich zusammen. In wenigen Tagen werden sich alle Sätze aus seiner kindlich naiven Schülerfeder verändern. Und mit diesem Heft der ganz kleinen und einfachen Sätze macht er uns zu Zeitzeugen eines Kriegsausbruchs…

01.09.1939 Der Krieg hat begonnen.
02.09.1939 Ich bin in Milanówek angekommen.
03.09.1939 Ich habe mich vor den Flugzeugen versteckt.

06.09.1939 Sie haben in der Nähe eine Bombe abgeworfen…

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Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Zwischen den Zeilen erleben wir eine Flucht, hören den Gefechtslärm, erleben die Wucht der Gerüchte aus den Nachrichten und sehen seine Familie, die versucht, sich in den Wirren des Krieges wiederzufinden. Die vormals strahlend blauen Illustrationen von Ala Bankroft werden zunehmend dunkler, bedrohend und apokalyptisch. Wort und Bild beginnen jetzt im Krieg Hand in Hand zu gehen. Keine Spechte mehr, keine Sonne. Es brennt. Es raucht. Und Michal schreibt weiter, als würde er immer noch hoffen, bald wieder in die Schule gehen zu können… Vergebens, wie wir heute wissen. Der Krieg ist nicht mehr zu stoppen…

Dieses reichhaltig illustrierte Buch der kleinen gewichtigen Sätze ist für mich kein Bilderbuch im klassischen Sinne. Es ist ein Hybrid-Bildband gegen das Vergessen, in dem wir zu Zeugen der Unvorhersehbarkeit von Politik und Geschichte werden, und in der Naivität des kleinen Jungen die eigene Gedankenlosigkeit gespiegelt sehen. Es ist die Welt der Erwachsenen, die eine Kindheit beendet. Es sind Kriege und Krisen, die in vielen Jahren ihre psychischen Nachwirkungen bei Kindern zeigen. Auch heute ist es in vielen Ländern fraglich, ob die Schulen nach den Ferien wieder beginnen. Vielleicht ist in genau diesem Moment ein Schulkind dabei, seine tiefen Gedanken in einem kleinen Heft für uns festzuhalten. Dieses Buch eignet sich besonders, um es mit Schulkindern zu entdecken. Es ist auch ein Buch der Hoffnung, da es zwar am 15. September 1939 endet. Nicht jedoch das Leben von Michal Skibinski. Er lebt und schließt einen Kreis, den er vor mehr als achtzig Jahren geöffnet hat. Prädikat besonders wertvoll…  

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Weitere Bücher zu meinem Zyklus „Gegen das Vergessen“ finden Sie hier…

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Gegen das Vergessen bei AstroLibrium

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