„Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Zeit für ein kleines Experiment? Einen literaturbasierten Perspektivwechsel? Zeit für ein paar zeitlose Gedanken, die gerade jetzt aktueller sind, als wir es uns vorstellen können und wollen? Na dann mal los.

Wie sieht ein Flüchtling die Welt? Er fühlt sich subjektiv oder objektiv verfolgt und hat Angst um sein Leben. Im Heimatland ist er umgeben von Freunden, die sich abwenden, trifft auf Ausbeuter, die das immobile Eigentum zu Spottpreisen aufkaufen und fühlt sich jenen ausgeliefert, die sich seine Flucht ins Ausland teuer bezahlen lassen. Er sieht die eigene Familie zerfallen, weil eine gemeinsame Flucht zu gefährlich ist, oder nicht jeder aus der Familie körperlich dazu in der Lage ist zu fliehen. Er trifft auf Menschen, die im puren Egoismus handeln und seine Lage ausnutzen. Schuldner entziehen sich und die Menschen, die ihn immer schon um Kleinigkeiten beneidet haben, sehen ihre Chancen steigen, sich zu bereichern.

Fluchtrouten werden erkundet. Sichere Häfen im Ausland werden gesucht und schon steht man vor den nächsten Problemen. Die Zufluchtsländer schließen ihre Grenzen. Er ist nicht willkommen, man zweifelt an den Ursachen für seine Flucht. Er ist pleite, Arbeit war ihm verboten. Seine Freizügigkeit ist eingeschränkt, es droht die Abschiebung und eine Verlegung von einem Flüchtlingslager ins nächste. Die Menschen protestieren und beneiden nun diejenigen, die ihnen den Wohlstand streitig machen könnten. Die fremde Kultur, die fremde Religion und andere harte Faktoren werden ins Feld geführt. An den Nachzug der eigenen Familie ins sichere Ausland ist nicht zu denken. Wo kämen wir da hin? Die Welle wäre nicht absehbar und nicht zu bewältigen.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Dabei sind sich die Menschen nicht darüber im Klaren, dass sie selbst schon lange auf der Flucht wären, wenn sie mit ihm tauschen müssten. Menschen, die bei jeder sich bietenden Chance die Ungerechtigkeit anprangern, nach einem starken Staat schreien, vor Überfremdung warnen und dem Zuzug durch Flüchtlinge einen Riegel vorschieben wollen. Wirtschaftsflüchtlinge oder Fluchttouristen werden sie oft genannt. Diffamierung geht mit dem Vorurteil im Partnerlook. Illegale. Sollen sich doch andere drum kümmern. Nicht mit uns. Dabei hätte man viele Menschen retten können. Dabei hätte man einfach nur aufmerksam hinschauen sollen. Blind jedoch lebt es sich besser. Wegschauen wird zur Methode. Bei den Mitläufern im Heimatland des Flüchtlings und bei denjenigen, die ihm in Zufluchtsländern helfen könnten.

Kommt euch das bekannt vor? Welche Politiker, Parteien, Länder, Regierungen oder Fakten kommen uns da in den Sinn? Worüber schreibe ich hier eigentlich? Über unser Flüchtlings-Jahr 2018? Nein. Sicher nicht. Ich gieße doch hier kein Öl ins Feuer. Will ja nicht als Gutmensch beschimpft werden und suggerieren, dass wir das schon meistern. Nein. Ich rezensiere hier einen Roman, der im Deutschland des Jahres 1938 spielt und bereits 1939 veröffentlicht wurde. Natürlich nicht in Deutschland, versteht sich. Da hätte „Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz schon lange auf den Scheiterhaufen der zu verbrennenden Bücher gelegen…

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Ein Roman von einem jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich hätte in jener tausendjährigen Diktatur gerade zu diesem Zeitpunkt wenige Leser gefunden. Hatte man es doch gerade erst erfolgreich geschafft, nach Inkrafttreten vieler Judengesetze, die Reichskristallnacht am 9. November 1938 zum nationalen Zeichen des Aufbegehrens gegen das Judentum zu stilisieren. Da wäre das Buch eines gerade mal 24-jährigen Juden, der schon vor fünf Jahren nach Oslo geflohen war nicht wirklich ein Bestseller geworden. Immerhin schenkte man ihm ja schon in jenen Ländern, in die er sich nach Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 zu retten versuchte, keinen Glauben. Naja und nach Erscheinen seines Buches in England wurde er 1940 wie viele andere jüdische Flüchtlinge interniert und nach Australien deportiert. Ja, richtig gelesen.

Seine eigene Odyssee steht sinnbildlich für die Odyssee seiner Romanfigur Otto Silbermann. Nur, dass es Silbermann nach der Reichspogromnacht 1938 nicht mehr gelingt, Deutschland zu verlassen. Er mutiert zum Reisenden und erlebt seine Flucht in vollen Zügen. Die Reichsbahn und ihre Bahnhöfe werden zu seinen Refugien, in denen er doch ständig erwartet, festgenommen zu werden. Denunziation und Verfolgung von jüdischen Mitbürgern stehen ganz oben auf der Agenda dieser Tage. Ansonsten kann man das, was er erlebt nur so zusammenfassen, wie ich es in der Einleitung zu diesem Artikel versuchte. Zeitlos ist dieses Leben als Flüchtling. Zeitlos sind die Automatismen, Rahmenbedingungen und Lebensumstände für die Fliehenden. Zeitlos ist es, sie ganz allgemeingültig auf jeder Seite zu Underdogs degenerierter Gesellschaften zu machen.

„Das deutsche Volk wird mit Judenblut zusammengeklebt.“

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Otto Silbermann weigert sich, dieser Gesellschaft als Kleister zu dienen. Er begibt sich auf die Reise durch ein Land, das nicht mehr seine Heimat ist. Seine arische Frau bringt sich alleine in Sicherheit, der Sohn befindet sich in Frankreich. So erlebt er einen Kosmos aus Mitläufern, Tätern und hilfsbereiten Menschen, wobei Letztere an ein paar Fingern abzuzählen sind. Beste Freundschaften zerbrechen, Geschäftspartner wenden sich ab und der einzige verlässliche Partner für den Kaufmann Silbermann ist der Rest seines Vermögens, das er in der Aktentasche mit sich herumträgt. Doch Geld ist Fluch und Segen zugleich in diesen Tagen. Kein Geld zu haben bedeutet den sicheren Tod. Geld zu haben liefert den Häschern allerdings das nächste Argument, sich zu bedienen. Ein Teufelskreis auf den Gleisen der Reichsbahn.

Berlin, Hamburg, Aachen, Dortmund, Dresden und die belgische Grenze gehören zu den Stationen seiner Flucht. Als Silbermann seinen letzten Besitz verliert, wird die Zeit für eine Rettung knapp. Die Aktentasche mit dem Geld wird ihm gestohlen und die Zeit, die er sich hätte erkaufen können, zerrinnt wie Sand durch die Finger.

„Nun gibt es für mich keinen Zeitgewinn mehr, dachte er. Mit dem Geld hab´ ich auch mein Zeitkonto verloren.“

Ulrich Alexander Boschwitz beschreibt ein Szenario, in dem sich tausende Juden in diesen Tagen wie in einem Mahlstrom befanden. Rettung Fehlanzeige. Hoffnung und Unterstützung, Mangelware. Wie die Geschichte des jüdischen Kaufmannes endet kann man sich vielleicht denken, aber man sollte es doch selbst erlesen. Dieser Roman beantwortet viele Fragen, berührt viele Ebenen unseres Verstehens und Mitfühlens. Es ist einfach nur tragisch zu erkennen, dass wir heute wieder in Zeiten angekommen sind, in denen Menschen weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Flucht sind. Es ist dramatisch zu erkennen, dass wir heute zu denen gehören, die sich abschotten wollen. Abschiebung, Familiennachzug, Quoten, Zurückweisung. Ach, es kommt mir so bekannt vor. Dabei hätten wir die Chance der Welt zu beweisen, was sich nachhaltig in unseren Herzen verändert hat.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Und Ulrich Alexander Boschwitz? Er schrieb diesen Roman als Flüchtling. Er wurde so behandelt, wie er es in Otto Silbermann spiegelt. Sein Roman sollte sensibilisieren und Augen öffnen. Er sollte in der Zeit der Verfolgung die Zeit verändern. Er sollte auch Leben retten. Boschwitz konnte in der Dynamik der Ereignisse dieses Werk niemals so richtig lektorieren lassen. Er hatte viele Ideen für eine endgültig überarbeitete Fassung und wollte dem Buch noch mehr Wucht und Präzision verleihen. Dies ist Peter Graf in beeindruckender Art und Weise als Herausgeber gelungen. Sein Nachwort spannt den Bogen von Ulrich Alexander Boschwitz bis in unsere Zeit. Es ist eine Hommage an den fliehenden jungen Autor, der noch so viel vorhatte im Leben.

Am 29.10.1942 wird das von der britischen Regierung gecharterte Passagierschiff M.V. Abosso nordwestlich der Azoren von einem dem deutschen U-Boot versenkt. An Bord: Ulrich Alexander Boschwitz auf dem Weg zurück nach Europa. Auf dem Weg in einen Krieg, den er nie erleben sollte. Auf dem Weg zurück von dem Kontinent, auf den man ihn deportiert hatte. Auf dem Weg auch zu einem vielversprechenden Leben als Autor und Leuchtturm gegen die Ungerechtigkeit. Er starb im Alter von 27 Jahren. Im Gepäck: das letzte von ihm verfasste Manuskript zu „Der Reisende“.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

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