Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

Das versteckte Kind - Der Holocaust im Comic

Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

In den letzten Monaten habe ich mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, mit welchen Mitteln man in der heutigen Zeit Jugendliche erreichen kann, um das Erinnern an die vielen Opfer des Holocaust mit konstantem Leben zu füllen. Die grundlegende Veränderung der Medienwahrnehmung von Heranwachsenden bedingt, dass man neue Ansätze suchen muss und sich auf Augenhöhe mit denjenigen begeben sollte, denen man eine tiefe Botschaft mit auf den Lebensweg geben möchte.

Eine Botschaft die eine Wiederholung der Geschichte verhindern, ein schuldfreies Gedenken ermöglichen und den Transfer lebenswichtiger und vorurteilsfreier Gedanken ins Jetzt ermöglichen soll. „Niemals wieder“, wohl das wichtigste Zitat aus der Rede von Papst Franziskus in Yad Vashem vor genau zwei Tagen. An einem Tag, der durch einen Anschlag auf eine Synagoge mit vier Todesopfern in Brüssel überschattet wurde. Niemals wieder.

Aber wie erreicht man dies? Unser Projekt des Erinnerns im Schulprojekt Hannah geht einen besonderen Weg. Wort und Bild – Hand in Hand. Und Hannah ist eben ein modernes Mädchen, das mit seinen Gefühlen nach einem Besuch in Auschwitz nicht zurechtkommt. Wir versuchen hier gemeinsam verständliche Antworten zu geben. Das Erinnern zu Individualisieren. Das ist der gemeinsame Weg, den ich mit der politischen Malerin Peggy Steike eingeschlagen habe. Einer von vielen denkbaren Wegen, neben Jugendbüchern, Filmen, Diskussionen und Begegnungen.

Das versteckte Kind - Der Holocaust im Comic

Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

Nun liegt mit dem Buch „Das versteckte Kind“ aus dem Panini Verlag erstmals ein Comic (Graphic Novel) vor mir, der die Geschichte eines kleinen jüdischen Mädchens erzählt, das dem ideologischen Wahnsinn des Nationalsozialismus im Dritten Reichs schutzlos ausgeliefert ist. Ich habe mich in die erzählende und bildreiche, ja mehr als bildgewaltige Welt dieses Comics fallen lassen und bin sprachlos und voller neuer Eindrücke aufgetaucht. Um es vorweg zu nehmen – ich bin berührt und begeistert.

Ein mutiges Buch, vor dem man sich nicht fürchten darf. Ein Comic, bei dem man Kinder und Jugendliche nicht allein lassen sollte – sie werden auch nicht alleine bleiben wollen, weil Fragen kommen – wichtige Fragen. Ein Comic, der in der Lage ist, einen Dialog zwischen Alt und Jung zu entfachen. Und genau so beginnt die Geschichte von Dounia und ihrer Enkelin Elsa im heutigen Frankreich. Mit einem solchen bewegenden generationsübergreifenden Dialog.

Großmutter Dounia Cohen denkt oft an die Zeit zurück, in der sie so alt war wie ihre kleine Enkelin. Sie sitzt in sich zusammengesunken im Sofa und betrachtet die wenigen Bilder, die ihr geblieben sind. Familienfotos aus einer glücklichen Zeit. Andenken an ein unbeschwertes Leben im Frankreich vor der Besetzung durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg. An einem solchen Abend der Erinnerung kuschelt sich die kleine Elsa ganz dich an ihre Oma und fragt nach dem Grund für ihre Traurigkeit. Und Großmutter beginnt zu erzählen und die Bilder des Comics beginnen einen unglaublich intensiven Sog in die Vergangenheit zu erzeugen.

Das versteckte Kind - Der Holocaust im Comic

Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

Elternhaus, Schule und Freunde… So sah der Alltag von Dounia aus. Sie beschreibt aus der Sicht eines kleinen Mädchens, wie schön diese Zeit war. Unbeschwert. Bis zu dem Tag, an dem sich alles änderte. Papa erklärte ihr scheinbar fröhlich, dass man ab jetzt eine Sheriff-Familie sei… und als Sheriff habe man einen gelben Stern zu tragen, damit einen auch jeder erkennt. Dounia findet das cool und trägt den Stern auch stolz… aber sie bemerkt, dass sich zuhause die Stimmung ändert.

So wie sich alles ändert. Die Sheriff-Illusion zerbricht, als Dounia plötzlich von allen anders behandelt wird. Ausgegrenzt, verachtet und schlecht behandelt. Lehrer verweisen sie in die letzte Reihe, beim Spielen auf dem Schulhof darf sie nicht mehr mitmachen und egal, wie oft sie sich im Unterricht meldet, sie wird ignoriert.

So wie sich ihr Leben ändert, so verändert sich das Straßenbild ihrer kleinen Stadt. Deutsche Soldaten beschmieren Geschäfte mit dem Davidstern, Verbote schränken das Leben der kleinen Familie immer mehr ein und sie versteht, dass alles damit zusammenhängt, dass sie Juden sind. Beängstigend schnell dramatisiert sich die Lage. Wohnungen werden durchsucht und eines Abends gelingt es Dounias Eltern nur noch, ihre Tochter im Schrank zu verstecken, bevor das Unfassbare geschieht. Vater und Mutter werden verhaftet und fortgebracht. Deportation… Konzentrationslager.

Das versteckte Kind - Der Holocaust im Comic

Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

Hier beginnt in Wort und Bild der große Leidens- und Hoffnungsweg der kleinen Dounia. Helfende Hände nehmen sie auf, verstecken sie, und kümmern sich darum, dass sie auf den verschiedenen Stationen ihrer Flucht nicht als Jüdin zu erkennen ist. Mit vereinten Kräften gelingt es guten Menschen, das kleine Mädchen zu retten. Als der Krieg zu Ende ist, beginnt die Suche nach ihren Eltern.

Die Opferlisten sind endlos lang. Die Hoffnung beginnt zu schwinden, besonders weil man nun erfährt, dass die jüdische Bevölkerung systematisch ermordet wurde. Und trotzdem kommt es am Ende allen Leids zu einer Begegnung, die nicht nur der Leser, sondern ganz speziell der Betrachter des Comics sein Leben lang nicht vergessen wird. Dounias Mama hat überlebt… aber um welchen Preis.

„Das versteckte Kind“ ist ein großer Beitrag im Kampf „Gegen das Vergessen“. Das Team aus Autor Loïc Dauvillier, Zeichner Marc Lizano und Farbgeber Greg Salsedo haben mehr als einen Versuch gewagt, das Erinnern in Wort und Bild mit sämtlichen Stilmitteln des Comics greifbar zu machen. Gerade hier liegt die Stärke des Genres. Es begibt sich in die Erlebniswelt der Jugend von heute, für die Comics Teil der Lebenseinstellung sind.

Das versteckte Kind - Der Holocaust im Comic

Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

Der Verzicht auf zu große Detailgetreue in der Gestaltung der Figuren gibt Raum, sich mit ihnen zu identifizieren. Ein Phänomen, dem man nicht erst seit den Zeiten der Manga-Comics begegnet. Die Farbgestaltung vermittelt in allen Nuancen Gefühle, die durch Worte oder Beschreibungen kaum transportiert werden können. Tiefdunkle Traurigkeit, lichte Hoffnungsschimmer und blasse Alltäglichkeit. Und der Text vermittelt eine Nähe, die man wirklich nur empfindet, wenn man seiner eigenen Großmutter zuhört.

Die Stilmittel des Comics sind gestattet und erlaubt, sie sind wünschenswert, sie sind sogar mehr als zeitgemäß, um an den Schrecken des Holocaust zu erinnern. Empathisch geht man mit der Opfersicht um, Verniedlichungen wird man vergeblich suchen und die reine Fiktionalität des Werks wird durch bewegende Vor- und Nachworte in einen realen Zusammenhang gerückt. Das Menschliche Schicksal mit der notwendigen Ernsthaftigkeit begreifbar zu machen, das ist diesem Comic in außerordentlicher Weise gelungen. Es darf nicht nur einen Weg des Erinnerns geben – die Formenvielfalt entspricht der Wahrnehmungsvielfalt unserer Gesellschaft!

Besonders bemerkenswert ist, dass im Nachwort die französische Geschichte im Dritten Reich offen thematisiert und verarbeitet wird. Die französischen Politiker der Regierung Vichy werden für die Morde an 14000 jüdischen Kindern verantwortlich gemacht. Es ist ein großer Versuch, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen – fern ab der ach so einfachen Möglichkeit, die Schuld in deutsche Hände zu legen. Im Nachwort wird die in bewegender Weise klar. Diese Geschichte soll ermutigen, gegen Willkür und Ungerechtigkeit zu kämpfen, seine Stimme zu erheben und damit zu verhindern, dass jemals wieder der ideologische Wille, ein ganzes Volk auszulöschen, ausreicht millionenfach unschuldiges Leben auszulöschen.

Das versteckte Kind - Der Holocaust im Comic

Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

Am Ende der Geschichte kommen die Tränen. Die der Großmutter Dounia über alle Verluste und Opfer. Es sind hoffnungsvolle Tränen, weil das Überleben der Mutter sie vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Es sind erleichterte Tränen, sich von der Last der Erinnerung befreit zu haben, indem sie geteilt wurde. Es sind Tränen, die den Opfern gerecht werden und den jüdischen Menschen, die den Holocaust überlebten.

Diese Tränen verleihen dem Erinnern ein Gesicht, auch wenn es das Gesicht einer alten Frau in einem Comic ist. Dieses eine Gesicht ist jedes Gesicht. Das wird jedem Betrachter klar, ebenso, wie man realisiert, dass dieses Opfer jedes Opfer ist.

Wir sind die Enkel. Wir können die Last nehmen, auch ohne persönlich betroffen zu sein. Wir können das Gewicht der Erinnerung und der Sinnlosigkeit tragen helfen, indem wir zuhören und betrachten, erzählen und gedenken. Es wird die Zeit kommen, in der wir uns nicht mehr mit Überlebenden der Shoa unterhalten können. Es wird die Zeit kommen, da werden nur noch indirekte Erinnerungen greifbar sein. Es wird die Zeit kommen, in der wir den künftigen Generationen berichten müssen.

Wir gehen diesen Weg mit Hannah… und haben Dounia und die kleine Elsa im Herzen.

Das versteckte Kind findet das Hannah-Projekt

Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

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8 Gedanken zu „Das versteckte Kind – Der Holocaust im Comic

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  2. Nach deiner Rezension sollte ich mich dem Buch nun wohl doch mal widmen. Der Tagesspiegel scheint bisher auch das einzige Medium zu sein, das den Zeichenstil als ungeeignet für diese Thematik erachtet: http://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/das-versteckte-kind-die-sheriffsterne-von-paris/10060052.html Ich verlass mich aber lieber auf die Meinungen von Personen, die entweder mit der Thematik intensiv vertraut sind, die Kontakt zur Zielgruppe haben oder die mit Graphic Novels vertrauter sind als die meisten Redakteure im Feuilleton – und die Urteile solcher Leser sind bislang durchweg positiv ausgefallen

    • Liebe Kathrin, danke für deinen Kommentar.

      Ich habe den Vorteil, die Reaktionen der Zielgruppe live erlebt zu haben. Die Bilder haben sofort gefangen genommen und einen eigenen Zugang ermöglicht, den manchmal ein Buch nicht erreicht.

      Ich halte an meiner Meinung fest. Jedes Medium, jedes Genre ist geeignet, „Gegen das Vergessen“ zu kämpfen.

      Wichtig ist, dass Menschen erreicht werden und die Meinung des Feuilletons ist mir da zu theoretisch und abgehoben. Ich sage nur… geht mit den Büchern zu den Jugendlichen und schaut in die Augen der Leser…

      Am Schreibtisch entsteht keine Meinung….

  3. Aaaaaaah….wie hat es dieses Buch nur an mir vorbei geschafft?! o.O das klingt so interessant – das muss ich unbedingt haben und lesen. Gut, dass es mir heute Nacht in deinem Artikelmosaik aufgefallen ist. Du schreibst so positiv und ansteckend von dem Comic, dass man es nur lesen möchte trotz oder vielleicht sogar wegen der Thematik…ich werde mir das Buch auf jeden Fall gleich mal notieren! 🙂

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