„Und es schmilzt“ von Lize Spit – Vorsicht vor diesem Buch

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Es ist noch gar nicht so lange her, da sah man unzählige Videos von Menschen, die sich Eiswürfel über den Kopf schütteten. Es war die Zeit der Ice Booket Challenge. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich es für absolut ausgeschlossen hielt, dass ich mich selbst einer solchen Herausforderung stellen würde. Dass ich jedoch eines Tages beim Lesen eines Romans an diese virale Online-Aktion denken würde, hätte ich auch nicht gedacht. Genau das jedoch ist mir nun passiert. Doch es kam dann ganz anders, als ich es mir gedacht habe.

Und es schmilzt“ von Lize Spit ist die Ice Book Challenge unserer Tage. Leser in Deutschland und Holland überschütten sich mit dem Schmelzwasser eines Eisblocks, den sie so schnell nicht wieder aus den Köpfen bekommen, nachdem sie den Thriller aus dem Hause S. Fischer Verlag schockgefrostet verlassen haben. Was man vorher jedoch mit der Protagonistin des Romans durchzumachen hat, ist mehr, als so manch zartes Leserherz zu verkraften in der Lage ist. Ein Buch aus der Kategorie „Ist es zu hart, bist du zu weich!„.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Und sagt nach dem Lesen nicht, Ihr hättet keine Ahnung gehabt. Die Warnungen des Verlages sind zu eindeutig. Da reicht ein Blick auf das eisige Buchcover und jeder erfahrene Leser weiß, was er vom Inhalt zu erwarten hat. „Diese Geschichte packt Sie an der Kehle“, „Dieser Roman ist eine Granate, die erst nur einen Schatten wirft, und dann mit kaltblütiger Präzision einschlägt“, „…besetzt eine besondere Stelle in Ihrem Kopf, irgendwo zwischen Behaglichkeit, Unruhe, Vertrautheit und Entsetzen“, so das Presseecho aus den Niederlanden. Und nicht zuletzt prangt dieser Slogan über diesem Psychothriller „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.

Normalerweise gehören diese Blurbs ja ins Reich der Legende, denn wer druckt schon so negative Äußerungen, wie „Langatmig“ oder „Netter Versuch“ auf ein Cover, möchte man diese Zitate aus professionellem Munde doch verkaufsfördernd einsetzen? Diesmal jedoch bin ich eher verleitet diese Prädikate nicht zu kritisieren, da sie jedes für sich im Kern einen Punkt berühren, der diesen Roman so außergewöhnlich macht und dafür sorgt, dass man ihn nicht so schnell vergessen kann. Er verlangt wirklich alles von seinem Leser: Durchhaltevermögen, einen langen Atem und gestählte Nerven, wenn es darum geht, am Ende der Story bei klarem Verstand zu bleiben.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Worum geht es eigentlich, was macht dieses Buch so gefährlich? Schauen wir uns doch einfach einmal die Ausgangssituation ganz in Ruhe an und überlegen dann weiter, ohne vorschnelle Rückschlüsse zu ziehen. Denn wenn diese Story eines gar nicht mag, dann sind es vorschnelle Urteile. Allein der Begriff „vorschnell“ ist mit diesem Thriller in keiner Weise zu vereinbaren. Also fangen wir ganz von vorne an. Eine junge Frau kehrt nach neun Jahren zurück in ihr Heimatdorf, das sie fast vollständig aus ihrem Leben zu verdrängen versucht hat bis eine Einladung eines ihrer beiden ältesten Jugendfreunde Eva zur Rückkehr veranlasst.

Und so kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück. An den Ort, an dem sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen ist, den Ort, an dem ihre Eltern noch wohnen und an den Ort, der sie und ihre beiden besten Freunde Laurens und Pim nur als „Die drei Musketiere“ kannte, so eng waren sie einander verbunden. Einer für alle, alle für einen. Das war seit Anbeginn des Denkens das gemeinsame Mantra. Doch was nimmt eine junge Frau mit, wenn sie nach so langer Zeit beschließt, der Einladung von Pim zu folgen, wissend, dass auch Laurens anwesend sein wird? Was hat man im Gepäck?

Eva reist mit einem langsam schmelzenden Eisblock im Kofferraum nach Hause.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Schon bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich Euch gerne mit diesem Roman alleinelassen würde, nicht jedoch ohne einige rezensorische Hinweise zu geben, die mir das Lesen erleichtert hätten. Lize Spit nimmt sich Zeit, ihren Thriller zu entwickeln. Sie nimmt sich viel Zeit, was in der heutigen schnelllebigen Zeit vielleicht oftmals gar nicht so gut ankommt, möchte man doch immer schnell zum Punkt kommen, um dann wieder in andere Geschichten einzutauchen. Das ist nicht drin bei Lize Spit. Evas Rückkehr in ihr Heimatdorf lüftet jenes Geheimnis, das seit 13 Jahren in ihr verborgen ist, im tiefsten Inneren gärt, brodelt und nie zum Ausbruch kam. Ihr Weg zurück ist ein weiter Weg, für den es keine Abkürzung gibt. Schon gar nicht in diesem Roman.

Der Eisblock schmilzt nicht schnell im Winter ihrer Heimkehr. Es ist manchmal ein quälend langsamer Prozess, dem sich Eva in der Rückschau auf ihr Leben aussetzt. Es ist ein quälend langsamer Prozess, der sie selbst zu der Frau gemacht hat die sie heute ist. „Und es schmilzt“ ist ein steter langsamer Fluss an Schmelzwasser, der sich unter uns ausbreitet wie eine Pfütze und Eva zum Kern der Ereignisse von damals vorstoßen lässt. Ihre besten Freunde werden sich wundern, was es mit diesem Eisblock auf sich hat. Wir reißen die Augen auf, wenn wir lesend erkennen, was Eva mit diesem Klotz im Kofferraum ihres Autos bezweckt. Und wir alle, weder die Weggefährten von einst, noch die Leser von heute werden jemals vergessen, welchen Plan Eva verfolgt.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Geben Sie Lize Spit die Zeit, die sie selbst der Geschichte einräumt, um Eva zu verstehen. Verzagen Sie nicht, wenn Sie das Gefühl haben, einen Handlungsfaden in Händen zu halten, der Sie nicht weiterbringt. Und wiegen Sie sich nie in Sicherheit, weil Sie verleitet sein könnten, es hier mit einem herkömmlichen Entwicklungsroman zu tun zu haben. Das ist es gerade nicht, was Ihnen begegnet, wenn Sie die Füße schon tief im Schmelzwasser der Geschichte stehen haben. Lize Spit erzählt im schonungslosen und beklemmenden Klartext von einer Zeit, in der die jugendlichen Spiele ihre Unschuld für immer verlieren. Machen Sie sich auf Beschreibungen gefasst, die Sie zu Beginn dieses Romans nicht für möglich gehalten hätten.

„Und es schmilzt“ ist ein aßergewöhnlicher Thriller, der unvorhersehbar bleibt, bis das Schmelzwasser des Eisblocks seine Leser in tiefe Schockstarre versetzt. Emotional sind wir ganz nah bei Eva und wünschen uns dabei doch oftmals, wir hätten ihr nicht so gut zugehört. Wir wünschten uns, wir hätten uns geirrt. Aber Lize Spit ist gnadenlos. Es ist eine Geschichte, die keine Gnade kennt, weil Gnade das Letzte ist, wovon Lize Spit hier erzählt. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Sagen Sie nur das nicht. Aber sagen Sie auch nicht, ich hätte es Ihnen nicht empfohlen, denn genau das ist mein Ziel,

Litze Spit lässt am Ende des Schreibens keine Fragen offen. Leider.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

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„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Seine Jungs sind anders. Das waren sie schon immer und sie werden es immer sein. John Boyne schreibt seit Anbeginn der Tage über junge Menschen, die sich von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden und aufgrund ihrer Wesensmerkmale ausgegrenzt oder isoliert werden. Nur weil sie anders sind. Bei John Boyne lernt man als Leser nicht nur damit umzugehen, es ertragen und aushalten zu können. Man lernt auch, wie lächerlich es ist, andere auszugrenzen, weil sie nicht so ticken, aussehen, fühlen, lieben, denken wie es die Normen vorzugeben scheinen. Seine Romane waren, sind und werden stets zeitlos bleiben.

Ich habe durch ihn Barnaby, Danny, Noah, Alfie und Bruno kennengelernt. Jungs, die tiefe Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Jungs, die sich in die Herzen der Leser geschlichen haben, Herzen brachen, Gänsehaut verursachten und Tränen ihren Weg ebneten. Unvergessen bleibt auch sein ältester Protagonist in Erinnerung. Tristan Sadler. Anders ist auch er. Ein Soldat im Ersten Weltkrieg. Mehr als nur befreundet mit seinem besten Kameraden. Viel mehr als das. Und doch schämt er sich seiner Gefühle. Am Ende der Scham steht ein Mantra, das Tristan Sadler allen Romanfiguren aus der Feder von John Boyne ins Stammbuch schreibt. Uns Lesern gleich mit dazu.

„Anders zu sein ist immer ein Problem, aber Du kannst es überleben – Du kannst damit zurechtkommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Krieg. Ein zentrales Thema bei John Boyne. Der Umgang mit traumatisierten Vätern, Verlust, Zerstörung und Massenmord beendeten die Kindheit einiger seiner Jungs und machten sie zu Opfern ihrer Zeit. Alfie erlebte das psychische Wrack seines Vaters am Ende des Ersten Weltkrieges und Bruno traf am dunkelsten Ort der Weltgeschichte auf einen Freund, der sein Schicksal besiegelte. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bleibt wohl das bedeutendste Werk John Boynes. Ein fiktionales Gedankenspiel, in dem das Schicksal einen der schlimmsten Täter des Holocaust auf grausame Weise bestraft. Es sind dabei immer die unschuldigsten und reinsten Herzen, die den Preis für die Untaten anderer zu bezahlen haben. Bruno folgt einem Jungen im gestreiften Pyjama. Ins Gas. In Auschwitz. Aus Neugier und Freundschaft. Sein Vater, der Massenmörder, verliert was er allen nahm. Ein Meisterwerk, dem John Boyne nun ein weiteres folgen lässt.

Der Junge auf dem Berg“, erschienen im Fischer Verlag, verdichtet erneut den Krieg und seine Folgen zu einem geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss keines der Werke von John Boyne kennen, um diesen Roman in sein Herz zu schließen. Sollte man sich jedoch an Alfie und Bruno erinnern, dann wird man an einigen Stellen in diesem Roman Stiche im Leserherz empfinden, weil hier Wunden aufgerissen werden, die niemals verheilt sind. Pierrot ist “Der Junge auf dem Berg“. Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Keine gute Konstellation nach dem Ersten Weltkrieg. Ganz besonders nicht, wenn man in Frankreich lebt und im eigenen Vater das seelische Wrack eines besiegten und traumatisierten Menschen vor Augen hat. Alfie und Pierrot eint das Leben mit den Folgen des Krieges.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne macht uns in Der Junge auf dem Berg erneut zu den Weggefährten eines kleinen Jungen mit reinem Herzen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1936 auf sich allein gestellt und plötzlich elternlos den Weg in ein unbestimmtes Leben antritt. Seinen besten Freund, den jüdischen Jungen Anshel und seine Heimatstadt Paris muss er nun hinter sich lassen, um in einem Waisenhaus seine Kindheit zu verbringen. Bis dahin ist Pierrots Leben so verlaufen, wie das vieler französischer Kinder. Behütet und ruhig. Als die Schwester seines Vaters den kleinen Jungen jedoch nach Deutschland holt, ändert sich alles. Die Zeit ist kritisch, das Land ist fremd und der Ort, an dem er nun leben soll ist der wohl ungewöhnlichste für eine unbeschwerte Kindheit.

Der Berghof. Hitlers Refugium bei Berchtesgaden. Die nationalsozialistische Idylle eines Ferienhauses am Rande der eskalierenden Weltpolitik. Von all dem ahnt Pierrot nichts, als er in die Gepflogenheiten des Ortes eingewiesen wird, an dem seine eigene Tante als Haushälterin arbeitet. John Boyne nähert sich authentisch und intensiv dieser abgelegenen Machtzentrale an, die nur von Zeit zu Zeit von Hitler bewohnt wurde. Und doch entstand in diesen Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dort ein Nazitraum vor der malerischen Kulisse der Alpen. Ein Traum, der im Lauf der nächsten Jahre Schauplatz wichtiger politischer Begegnungen und braunes Auge des Nazi-Orkans werden sollte.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Aus dem kleinen französischen Jungen muss natürlich ein deutscher Junge werden, wenn er schon das Privileg genießt, auf dem Berghof leben zu dürfen. Aus Pierrot wird Peter. Und aus seiner lässigen und städtischen Kleidung wird die Knabenuniform des Jungvolks. Mit den äußeren gehen auch andere Veränderungen einher. Nur eine Frage der guten Erziehung. Nur eine Frage der Vermittlung neuer Werte. Das ist im Alter von acht Jahren doch schnell zu vermitteln. Hier ist der Geist formbar und willig. Und in der Anwesenheit des legendären Führers doch nur selbstverständlich. „Heil Hitler“ wird die Formel für das Leben auf dem Berghof. Vergessen wir Pierrot, so wie er sich selbst zu vergessen beginnt. Es lebe Peter. Peter der Große, so wie er sich selbst bald zu fühlen scheint. Diagnose des Lesers: „Zustand nach brauner Hirnwäsche“…

John Boyne bleibt sich selbst treu und wagt doch erneut viel. Er beschreibt in dem Umerziehungsprozess die Schwäche des Menschen und die scheinbare Stärke, die am Ende der Assimilation zu erwachen scheint. Aus unsicheren kleinen Jungs werden die machtgeilen Despoten der Zukunft. Gewagt ist es, diesen Roman in zwei Teilen sehen zu müssen. Einen rein fiktionalen Teil über die französische Kindheit Pierrots bis zu der Ankunft auf dem Berghof und einen zweiten authentischeren Teil, in dem Peter nun als Zaungast den historisch verbrieften Ereignissen auf dem Berghof beiwohnt. Boyne hat durch diesen literarischen Kunstgriff Fiktion und Realität vermischt und doch ist es ihm gerade dadurch gelungen, dem Nationalsozialismus die Maske der Bergidylle von der braunen Fratze zu reißen. Indoktrination wird greifbar. Flucht unmöglich. Peter wird zu einem Produkt seiner Zeit. Einer von vielen… Einer von zu vielen…

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne beantwortet in seinem Jugendbuch „Der Junge auf dem Berg“ viele komplexe Fragen der Manipulierbarkeit des Menschen, seiner Korrumpierbarkeit in Hinblick auf den Zuwachs der eigenen Macht über andere und zeigt dabei sehr deutlich die Automatismen auf, die den Einzelnen in einer solchen Situation „umkippen“ lassen. Sprachlich und inhaltlich gelingt John Boyne erneut das literarische Kunststück, seinen Roman so zu verfassen, dass er gerade von jüngeren Lesern verstanden wird. Es fällt nicht schwer, sich in Pierrot hineinzuversetzen. Es tut weh, mit ihm zu Peter zu werden. In der Scham für seine Taten und Handlungen liegt die Kraft, sich selbst aufzulehnen.

Ich möchte nicht, dass Kinder jemals wieder zu einem Peter werden. Ich mag mir nicht vorstellen, dass diese Hirnwäsche an meinen Kindern vollzogen würde. Die letzte Konsequenz des „sich Ergebens“ liegt auf der Hand. Mitläufer und Mittäter entstehen nur so. Das zeigt auch „Der Junge auf dem Berg“. Pierrot/Peter begegnet auf seinem Weg Romanfiguren, die wir aus dem Konzentrationslager in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestens kennen. Sie stehen hier sinnbildlich für die Lebenswege, die aus den Menschen von heute die Täter der Zukunft werden lassen. Hier kreuzen Menschen den Weg eines kleinen Jungen, die viele Jahre später im KZ ihren Hass ausleben dürfen.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Ob „Der Junge auf dem Berg“ über den Berg kommt, sollten Sie selbst lesen. Der Roman trägt das Gütesiegel Boyne und wird ihm mehr als gerecht. Hintergründe und Hintergründiges zu seinem Schreiben finden Sie in meinem Interview mit diesem ganz Großen seiner Zunft. Hier

Auch Bianca und Literatwo sind beim Thema „Gegen das Vergessen“ noch längst nicht über den Berg… Hier geht´s zur Boyne-Rezension auf den Berghof.

„Einzig“ von Kathryn Evans

Einzig von Kathryn Evans

Wenn man sich vorbehaltlos auf die Ausgangssituation des Thrillers „Einzig“ aus der Feder von Kathryn Evans einlässt, dann steht dem un­einge­schränkten Lesespaß nichts im Wege. Sollte man jedoch eher auf der Suche nach Romanen sein, die in jeder Beziehung wissen­schaftl­ich wasserdicht sind und Probleme mit be­stim­mten Szenarien haben, die fernab der Realität liegen, dann sollte man sich und dem Buch den Gefallen tun, es nicht zu lesen. Hier gilt es, sich auf die Fantasie der Autorin einzulassen, ihr fast blind zu vertrauen und sich durch einen Thriller führen zu lassen, dessen Grundidee so faszinierend ist, dass sie diesen Roman zum „Einzig“artigen Leseerlebnis werden lässt.

Die Ausgangssituation:

Teva ist eine ganz normale Sechzehnjährige. Ein le­bens­lustiges Mädchen mit allem was man sich so vom Leben wünscht. Status: glücklich verliebt, beste Freun­din immer an ihrer Seite und schulisch läuft alles reibungslos. Wäre alles wunderbar, wüsste Teva nicht, dass ihr nur 365 Tage ihres eigenen Lebens bleiben, bevor für sie alles so endet, wie es bereits fünfzehn Mal sein Ende in einem neuen Anfang fand. Sie ist nicht einzig. Das bildet sie sich nicht ein, sie sieht es täglich mit eigenen Augen. Einmal im Jahr teilt sich der Körper, den Teva für ihren hält, lässt seine Vor­gänger­version zurück und geht hinaus ins Leben. Teva selbst hat „Fünf­zehn“ auf diese Weise verlassen und ihr Leben, ihren Freund, die beste Freun­din und das gesamte Umfeld erobert. Nun bleibt ihr genau ein Jahr, bis auch sie zurückgelassen wird.

Einzig von Kathryn Evans

„Ich bin stärker in ihr geworden.“

Dieser erste Satz des Thrillers mit dem Original­titel „More of me“ steht signi­fikant für die spannungs­geladene Story. Denn während diese Teilungen bei den jüngeren Tevas ohne großen Wider­stand verliefen, haben die Mädchen mit zun­ehmen­dem Alter wesent­lich mehr zu verlieren. Die Liebe ihres Lebens zum Beispiel. Das Versteckspiel dauert nun schon sech­zehn Jahre. Nur die aktuelle Version darf am Leben teilnehmen, während ihre Vorgänger­innen von der Mutter zuhause versteckt werden. Jedes Kind in dem Alter, in dem es zurück­gelassen wurde und jedes Kind zeitlos in dieser endlosen Schleife gefangen. Teva beschließt aus dem Kreislauf auszubrechen. Sie will ihr Leben leben und einen Ausweg aus der Einjahres-Spirale finden. Die einzigen Menschen, die ihr dabei helfen können ahnen nicht, dass sie mit einem Mädchen befreundet sind, das sie erst seit wenigen Wochen kennt und dessen Erinne­rungen aus dem Gedächt­nis der Vorgänger­innen stammt.

Teva übernimmt die beste Freundin und den Freund von „Fünfzehn“. Während die Zurückgelassene zuhause um ihr vergangenes Leben, um ihre Chancen und die große Liebe ihres Lebens trauert, muss sie erkennen, dass Teva alle Lücken geschlossen hat und niemand gemerkt hat, was passiert ist. Eifersucht ist eine mächtige Trieb­feder und Teva prallt bei „Fünfzehn“ auf eine un­erbitt­liche Gegnerin in den eigenen Reihen. Hier entbrennt ein Kampf an allen Fronten des Lebens. Wird Teva einen Ausweg finden der verhindert, dass sie zurück­gelassen wird und eine neue Variante sie zu „Sechzehn“ mit einem Leben im Ver­borgenen macht? Wird die Zeit reichen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen oder macht ihr „Fünfzehn“ einen gewaltigen Strich durch die Rechnung?

Einzig von Kathryn Evans

Oh ja, das klingt skurril und ist wissenschaftlich nicht haltbar, könnte man denken. Sicher ein Thriller, bei dem die Protagonistin am Ende feststellt, dass sie in einem ewig währenden Traum gefangen war und alles ganz normal ist. Oh nein. So leicht macht es sich die Autorin nicht. Sie konstruiert eine Ausgangs­situation, die eine Lawine möglich macht, in der jeder einzelne Charakter des Romans unterzugehen droht. Per­spek­tiven und ihr Wechsel machen diesen Thriller absolut lesens­wert. Wie fühlt sich ein Mensch, der realisieren muss, dass er nicht älter wird, nur ein Jahr lang am Leben teil­haben darf und dann von einer aktuelleren Version ersetzt wird? Wie fühlt man sich im Körper von Menschen, die zuvor in ihm gelebt haben und jetzt zusehen müssen, wie ihr Leben für sie hätte weitergehen können?

Und wie fühlt man sich in einem Leben, dem nur ein Jahr Zeit bleibt? Hier wirft die Autorin Fragen auf, die den geneigten Leser von Seite zu Seite atemloser durch diesen facetten­reichen Roman peitschen. Die Charak­tere sind plausibel angelegt, kämpferisch gezeichnet und in ihrer Hilflosigkeit dem Schicksal ausge­liefert. Die Szenerie verknappt die eigentlichen Fragen des Lebens auf den Zeitraum eines Jahres. Jeder Mensch fühlt sich in einer Zeit­scheibe gefangen, die endlich ist. Und doch strebt jeder nach Erfolg im Leben. Man häuft Reichtümer an, begnügt sich mit Ober­flächlich­keit und verschwendet lebens­wichtige Zeit. Darf es dann wundern, wenn auch Teva in ganz normale Muster in einem nicht normalen Leben verfällt?

Einzig von Kathryn Evans

Darf es verwundern, wenn sie Pläne macht, sich der Liebe öffnet und in der Schule erfolgreich sein will? Die Spirale ihres Lebens ist zeitlich klarer dimensioniert. Ein Jahr. Mehr bleibt ihr nicht. Die Flucht nach vorne ent­spricht nicht nur ihrem Charakter. In ihr liegt die kollektive Gefühls- und Gedächtniswelt ihrer Schwes­tern verborgen, die eben genau das nicht sind. Schwestern. Sie sind im weitesten Sinne eher mit Matrjoschka-Puppen zu vergleichen. Ineinander steckend, für sich selbst exis­tierend, aber niemals weiter wachsend. An diesem Bild kann man sich orientieren, wenn der Zweifel wächst. Ein Bild, das für mich diesen Thriller versinn­bildlicht. Auf mein Leben übertragen würde ich abends nach Hause kommen und 54 Vorgänger­versionen würden auf mich warten, würden mich argwöhnisch beobachten und neidisch auf dieses eine Jahr schauen, das mir alleine gehört.

Die zeitliche Nähe zum Vorgänger würde dabei das größte Konfliktpotenzial mit sich bringen. Was hat jemand aufgebaut, das er nicht fortsetzen kann? Worauf hat man sich gefreut und kann es doch nicht selbst erleben? Wo sind die Grenzen der eigenen Welt und wie enttäuscht ist man von Freunden und Geliebten, die gar nicht erkennen, dass man selbst nicht mehr vor ihnen steht? Wie weit könnte man gehen, um diesem Leben zu entfliehen? Fragen, die aus dem Buch springen und als Denkmodell der utopischen Ausgangslage be­wusst­seins­erweiternd sein können.

Einzig von Kathryn Evans

Teva stößt an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Existenz. Sie erlebt absolute Grenz­erfahrungen und versucht, alle Steine in Rollen zu bringen, um nicht nur ein einziges Jahr am Leben teil­haben zu können, bevor die nächste Variante schlüpft. Dabei greift sie zu drastischen Schritten, als die ersten An­zeichen von „Siebzehn“ sich Raum ver­schaffen. Nichts für schwache Nerven, nichts für Zart­besaitete und schon gar nichts für die hemmungs­losen Realisten, die nur glauben, was in Wikipedia steht. Man darf in diesem Thriller keine Lösung erwarten, die aus einer Utopie eine Realität macht. Aber man darf von Kathryn Evans am Ende allen Lesens ein Ende erwarten, das nicht so einfach gestrickt ist, wie man es oftmals vorfindet.

Ich habe der Autorin vertraut. Das Gedankenexperiment hat sich gelohnt. Ich war in jeder Sequenz dieses Thril­lers an der Seite von Teva, weil es leicht ist, mit ihr zu fühlen und zu denken, wenn man sich auf diesen Roman einlässt. Dann wird er „Einzig“ und bleibt lange im Gedächtnis, weil er sich erfreulich abhebt vom geistigen Einerlei, das in diesem Genre um sich greift. Lesens- und empfehlens­wert. Auch wenn wir uns noch nicht teilen können, die Leser­erlebnisse sind teilbar. Und das völlig risikolos…

Einzig von Kathryn Evans

„Austerlitz“ von W.G Sebald – (Buch und Hörbuch)

Austerlitz von W.G. Sebald

Ehrenwort: Ich verfasse diese Rezension nicht im Stil des Schriftstellers, den ich hier mit seinem Roman „Austerlitz“ vorstelle. Wobei ich zugeben muss, dass es gar nicht so leicht ist, sich von der Sprache und Fabulier­kunst des im Jahr 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Autors und Dozenten W.G. Sebald zu lösen. Allzu dominant und ausufernd er­scheint sein Erzählen. Es wirkt, als habe er ohne Punkt und Komma gedacht, ohne Absätze geschrieben und dem Ge­danken­fluss an keiner Stelle Einhalt gebieten wollen.

Ich begegne W.G. Sebald erstmals in meinem Lesen. Und das hörend. Ich tat mich anfänglich sehr schwer, den Gedanken und ausufernden Beschreibungen zu folgen. Es ist dem Sprecher Michael Krüger zu ver­danken, dass ich mich 11 Stunden, verteilt auf 9 CDs, durch einen Roman treiben ließ, ohne jemals den Faden zu verlieren. Dabei war es die größte Heraus­forder­ungen, Sollbruch­stellen zu finden, an denen man den Faden für einen Moment aus der Hand legen konnte, um eine Pause zu machen. Schwierig in einem Roman, der keine Kapitel oder Absätze kennt…

Austerlitz von W.G. Sebald – Frederick, der Namensvetter Fred Astaire

Die Geschichte…

Dabei ist die Geschichte eigentlich leicht erzählt – zumindest rein inhaltlich. Dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans fällt 1967 im Bahnhof von Antwerpen ein Mann auf, der in völliger Konzentration versunken die Architektur des Gebäudes bewundert. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und verabreden sich für den folgenden Tag. Aus dieser ersten zufälligen Be­geg­nung entwickelt sich Dialog, der in un­regel­mäßigen Abständen und weiteren zufälligen Treffen über mehr als dreißig Jahre fortgesetzt wird. Austerlitz, Kunst­historiker, so stellt sich der Fremde vor und beginnt sogleich über das Wunder der Konstruktion der Bahnhofs­halle zu dozieren.

Atemlos und gebannt folgt man seinen Ausführungen. Von Gespräch zu Gespräch, von Ort zu Ort reift langsam das Verstehen. London, Paris und Prag sind Stationen der beiden Männer. Festungsanlagen, Friedhöfe und Archive werden zum Gegenstand der detailreichen Schilderungen von Austerlitz. Doch während unser Erzähler eher zufällig vor Ort ist, folgt Austerlitz dem unsichtbaren Plan, der das große Rätsel seines Lebens lösen soll. Als Kleinkind von seinen jüdischen Eltern aus Prag nach England verschickt, unter neuem Namen in Wales aufgewachsen; erst viel zu spät erfahren, wie er wirklich heißt; erst viel zu spät begriffen, warum seine Leidenschaften und Talente nicht zu den Eltern passte, die ihn aufgezogen hatten; zu spät begriffen, warum er Sprachen spricht, die er niemals lernte. Zu spät erkannt, dass ihn seine wahren Eltern zwar vor den Nazis gerettet hatten, aber seine Identität vollständig verloren ging. Austerlitz. Das bin ich. So die große Erkenntnis auf der langen Reise zum Ich.  

Austerlitz von W.G. Sebald – Kindertransporte im Dritten Reich

Die Kindertransporte…

Diese Kindertransporte nach England sind mir nicht neu. Die dramatischen Folgen für die vermeintlich Geretteten beschrieb auch Marion Charles in ihrem Lebensbericht „Ich war ein Glückskind. Der Moment des Erkennens der Hintergründe dieser Suche nach der wahren Familie, nach den Orten der Kindheit, dem Moment der Trennung und nach Menschen, die viel­leicht noch lebten und ihn kannten, lassen die Erzählungen von Austerlitz in neuem Licht erscheinen. Er sucht nach Verwandten, nach Stationen seiner Kind­heit und stößt sogar auf einen berühmten Namens­vetter. Frederick (Fred Astaire) Austerlitz. Un­be­irrt eilt der immer älter werdende Mann der Ver­gangen­heit hinterher.

Aus den Begegnungen mit dem Erzähler erfahren wir die Fortschritte der Reisen. Wir werden Zeugen einer Geschichte, die unerträglich scheint und doch so wahr ist. Es ist die Geschichte der Judenvernichtung, die Geschichte des Holocaust, dem Austerlitz entging. Aber um welchen Preis. W.G. Sebald wird zum Chronisten von Deportation und Entrechtung, er skizziert das Geflecht eines Genozids und die Automatismen einer gezielten Auslöschung. Ohne Absätze schreibt er, weil Atemlosigkeit und Entsetzen die Wegbegleiter des Hörens und Lesens werden. Die Zeit rast durch diesen Roman. Nach vorne mit den beiden Männern. Zurück durch die Recherche. Sie bleibt niemals stehen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Der große Unterschied…

Die Stationen der Reise sind die Stationen eines Le­bens. Ich war verleitet, selbst zu recherchieren, wo sich die beiden Männer trafen und stieß dabei auf eine Besonderheit des Romans, die das Buch von seiner Hörbuchadaption erheblich unterscheidet. H.G. Sebald verzichtet in seinem Erzählstil bewusst auf Brüche im Tempo. Er bleibt im Fluss und verlagert dabei die Authen­tizität des Erzählten auf verschiedene Ebenen. Austerlitz lebt hier vom Hörensagen und genau so gibt er seine Erkenntnisse an den Ich-Erzähler weiter. Auch dieser filtert nicht, sondern weist in seiner Zu­sammen­fassung darauf hin, aus welcher Quelle die jeweilige Be­schreibung stammt.

„Sagte Agáta, sagte Vera, sagte Austerlitz…“

Durch diese Quellenverschiebung von der ersten bis hin zur dritten Ebene erfolgt auch gleichzeitig die Rela­tivierung des Wahrheitsgehaltes, weil Erinnerung sub­jek­tiv ist. Im Buch jedoch bedient sich Sebald eines Instruments, das genau dieses Problem der Authen­tizi­tät von Augenzeugenberichten in mehrfacher Hinsicht konterkariert. Dort, wo Kapitel und Absätze fehlen, fügt er 80 Fotografien ein, die in ihrer Beweis­kraft für das Gesagte bestechen. Das Highlight ist hierbei das Kinder­bild, das Austerlitz so zeigt, wie er auf dem Titelbild von Hörbuch und Roman zu sehen ist.

Diese elementare Ebene fehlt dem Hörbuch und sie ist auch nicht zu ersetzen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Das Buch

Was blieb mir also übrig, als mir noch während des Hörens das Buch zu bestellen, es parallel zu inhalieren, den unglaublichen Sätzen über bis zu neun Seiten zu folgen und die Bilder zu betrachten, die das Erzählte nicht nur flankieren, sondern ihm den letzten Schuss Wahrheitsgehalt verleihen. Am Ende der gehörten und gelesenen Geschichte bin ich nun in der Lage, allein durch die Betrachtung der Fotografien im Roman alles zu rekapitulieren, als wären sie lebendige Lesezeichen aus der Vergangenheit.

Hier wäre es hilfreich gewesen, die Bilder im bei­liegen­den Booklet des Hörbuchs zu veröffentlichen. Man benötigt keine Seitenzahlen, um sie einzusortieren. Ein Blick genügt und man weiß ganz genau, wann Auster­litz dieses Bild vor Augen hatte und wie er sich dabei fühlte. Der Vortragskunst von Michael Krüger ist es geschuldet, dass ich dem Hörbuch bis zum Ende treu geblieben bin. Ohne die Buchvorlage mit ihren Bildern würde mir jedoch eine der wesentlichen Ebenen dieses großartigen Romans fehlen. Ich kann „Austerlitz“ in dieser Kombination nur empfehlen. Lesen und hören. Wer sich für einen einzigen Weg entscheiden mag oder muss, dem bleibt nur das Buch, da seine Bilder nicht lügen.

Austerlitz von W.G. Sebald – Der Friedhof von London

„George“ von Alex Gino

George von Alex Gino

George von Alex Gino

„Für dich, als du das Gefühl hattest, nicht dazuzugehören.“

Diese Widmung von Alex Gino könnte schon der Titel des Debüt-Romans dieses ganz besonderen Menschen sein. Sie ist so allumfassend und steht für jedes in der Folge zu lesende Wort, wie kaum ein zweites Zitat aus diesem Buch. Diese Widmung spricht nicht nur den Menschen an, dem sie wohl zugeeignet ist. Jeder Leser darf sie als persönlichen Willkommensgruß empfinden und auf diese Weise wird mit einfachen und tiefen Worten ein Gefühl vermittelt, das man selten spürtt, bevor man ein Buch zu lesen beginnt.

Nicht mehr ausgeschlossen, allein und isoliert zu sein. Schon mit diesem Satz, der noch vor dem ersten Satz des Romans ins Auge sticht, fesselt Gino die Leser, da jeder von uns dieses Gefühl schon am eigenen Leib erfahren hat. Jeder sehnt sich danach, akzeptiert und anerkannt zu werden. Jeder fühlt sich schlecht, wenn Ausgrenzung oder Isolation zum Wegbegleiter seines eigenen Lebens werden. Und jeder sollte eigentlich verstehen, wie leicht es sein kann, anderen Menschen dieses Gefühl zu ersparen.

Doch weit gefehlt. In einer Gesellschaft, die immer noch nach Außenseitern sucht, die am besten funktioniert, wenn man eigene Unzulänglichkeiten verschleiern kann, indem man sie auf Underdogs abwälzt, ist Ausgrenzung der beste Automatismus, um selbst dazuzugehören. Klingt komisch, ist aber so. Jede Gruppe funktioniert so. Hat man erst einmal einen gemeinsamen Feind gefunden, wächst der Zusammenhalt. Es ist wirklich leicht zu durchschauen, funktioniert aber im Großen, wie im Kleinen.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

George“, das literarische Debüt von Alex Gino, wird dieser Widmung gerecht.

Als Alex Gino im Jahr 2003 damit begann, diesen Roman zu schreiben, gab es im Bereich der Jugendliteratur nur ganz wenige Protagonisten, bei denen ihre Schöpfer es gewagt hatten, sie in allen Facetten ihres schwulen oder lesbischen Lebens der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei sind es gerade Bücher für junge Leser, die aus der Sicht von Alex Gino dazu in der Lage sind, Verständnis zu wecken und Blickwinkel auf andere Sichtweisen zu eröffnen. Was Alex Gino damals aber gar nicht vorfand, waren Bücher, die sich den Themen Transgender oder Genderidentitäten widmeten.

Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die nicht in das System unserer Geschlechterrollen passten. Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht in dem Geschlecht wahrgenommen werden, dem sie sich selbst zugehörig fühlen. Unabhängig von äußeren Geschlechtsmerkmalen. Es war damals undenkbar, diese Gedanken auch nur zu denken. Darüber zu schreiben und zu hoffen, publiziert zu werden, war erst recht undenkbar.

Und doch begann Alex Gino mit diesem Buch. Schritt für Schritt entstand George, weil es an der Zeit war, den nächsten Schritt in der öffentlichen Akzeptanz zu gehen. Alex Gino bezeichnet sich selbst als genderquer und empfindet sich als Mensch, der die gewohnte Dualität von Mann und Frau um die eigene Geschlechtsidentität erweitert. Ist die Zeit jetzt reif für George? Sind wir bereit für den Roman eines Schriftstellers, der sich in Interviews und im privaten Leben genderneutral mit „THEY“ anreden lässt und sich anstelle von Mr. oder Mrs. für die Höflichkeitsform „Mx“ entschieden hat?

Ich denke, ja. Die Zeit ist reif. Wir sind reif. Wir sollten es sein.

George von Alex Gino - Transgender-Literatur

George von Alex Gino – Transgender-Literatur

Die Literatur hat den Weg geebnet. Menschen haben den Weg geebnet. Wir sind es nun, die diesen Weg gehen sollten. Vorbehaltlos, vorurteilsfrei und offen. Empathie darf nicht zum leeren Fremdwort verkommen und gegenseitiges Verständnis kann nur dann entstehen, wenn wir dazu bereit sind, uns diesen sensiblen Themen zu öffnen. Ich war bereit für „George“. Es ist nicht mein erstes Buch zum Thema Transgender. Ich habe schon viel darüber geschrieben.

The Danish Girl von David Ebershoff und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson haben mich sensibilisiert. Zuletzt habe ich im Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose das Schicksal von Lou Villars erlesen. Und jetzt erforderte es einen weiteren großen Schritt, um mich „George“ zu nähern. Denn George ist erst zehn Jahre alt. Ein Alter, in dem Kinder nicht ernst genommen werden. Ganz besonders dann nicht, wenn es um ihre Selbstwahrnehmung im geschlechtlichen Rollenbild geht. Hier ist unsere dogmatische Rollenverteilung zu dominant und wirkt wie unüberwindbare Mauern.

Oder wäre jemand von euch bereit, auf die Farben Rosa und Blau zu verzichten, bis der geliebte Nachwuchs alt genug ist zu entscheiden, in welcher Identität er oder sie sich wahrnimmt? Oder entsprechen wir eher unseren eigenen Rollenbildern? Sind wir in der Lage, Abweichungen zu akzeptieren, wenn sie uns selbst betreffen? Wie sollten wir das dem geneigten Umfeld erklären? „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Das ist doch keine Frage, auf die man mit „Das stellt sich noch raus!“ antwortet. Oder?

George von Alex Gino

George von Alex Gino

So sollten wir „George“ jedoch begegnen. Sonst wäre unser Lesen unaufrichtig und geheuchelt. So sollten wir unsere Kinder mit „George“ bekannt machen. Sonst wäre es nämlich so, dass wir dem „Anderssein“ nur zustimmen, wenn es uns nicht betrifft. Wir brauchen Mut für dieses Buch. Schranken gibt es genug auf dieser Welt. Daran haben Dogmatiker aller Länder und Religionen lange genug gearbeitet. Wenn ihr diesen Mut in die Waagschale des Lesens werft, dann wird euch „George“ nicht fremd erscheinen.

Denn SIE will alles, nur nicht fremd sein. SIE will dazugehören, aber eben nicht von anderen Menschen in Kategorien gepresst werden, die IHR nicht entsprechen. Auch im zarten Alter von erst zehn Jahren muss man „George“ so wahrnehmen, wie SIE sich selbst wahrnimmt. Als Mädchen im Körper eines Jungen. Eines Jungen, der schön brav jedem elterlichen Rollenbild zu entsprechen hat, um fein in der Norm zu bleiben.

Freunde findet man selten in diesen Situationen. Und wenn, dann sind sie mehr als ein Glücksgriff im Leben eines jungen Menschen, der sich in der zermürbenden Phase der Selbstfindung befindet. George hat Kelly. Sie urteilt nicht, wertet nicht, wiegt nicht und tut einfach das, was man von einer besten Freundin erwartet. Sie sieht „George“ mit den Augen, die aufrichtig und wahr sind. Sie erkennt „Melissa“ und ebnet ihr gegen alle Widerstände von außen einen Weg, der sonst undenkbar wäre.

George von Alex Gino

George von Alex Gino – Die Hauptrolle als Befreiuungsschlag

Kelly bestärkt ihre beste Freundin darin einfach so zu sein, wie sie sein will. Doch steht sie damit allein auf weiter Flur. Als George sich bei einer Schulaufführung für die Rolle der weiblichen Hauptdarstellerin bewirbt, bricht der Sturm los. Alle Fragen werden gestellt. Normal? Unnormal? Was kann man nur dagegen tun? Was sagen die Anderen und wie stehen wir als Eltern da? Wo haben wir bei „George“ versagt? Und letztlich ist völlig offen, wie sie es verkraftet, ihr Outing auf offener Bühne zu erleben. Die Rolle der Spinne Charlotte im Theaterstück Charlotte`s Webist wie für sie gemacht. Aber ihre Familie, die Lehrer und „Georges“ Bruder – alle sind überfordert.

Kann Kelly zur Geburtshelferin von Melissa werden?

Gefühl und Empathie werden in diesem beeindruckenden Jugendbuch aus dem Fischer Verlag groß geschrieben. Bei aller Offenheit ist es doch kein leichter Weg durch dieses Buch, wenn man sich selbst hinterfragt, wie sehr man einengt oder in den alten sozialen Abziehbildern von Norm verhaftet ist. Alex Gino hat lange gebraucht, bis dieses Buch seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Vielleicht hat Gino die oben zitierte Widmung auch an sich selbst adressiert. Durch diese Rezension möchte ich nur zeigen, dass ich „George“ ernst- und wahrgenommen habe.

Mx. Alex Gino – THEY belong to us.

Anmerkung als Mann: Bei allem Verständnis für die Selbstfindung von George in diesem brillant erzählten Roman entspricht die Darstellung der „Männerwelt“ genau den Klischees, mit denen die Geschichte für ihren Protagonisten eigentlich aufräumen möchte. Väter haben sich schon lange von den Familien getrennt oder sind nicht in der Lage, unfallfrei für ihre Kinder zu kochen. Große Brüder sind Rabauken und bestechen durch den Satz „Habe ich dich beim Kacken gestört“ und die Schule ist eine bunte kleine Mädchenwelt, in der man Farben tanzt. Ich hätte mir hier einen ebenso neutralen Blick gewünscht, wie man ihn von mir als Leser letztlich erwartet. Das nur am Rande.

Hierzu lohnt sich auch der weibliche Blick auf „George“. Anja und Zwiebelchens Plauderecke im kreativen Gleichschritt in der Bewertung des Romans.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

Worte von „George“ / „Melissa“ die unvergessen bleiben:

„Die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten Schmetterlinge in ihren Bäuchen.“