„Einzig“ von Kathryn Evans

Einzig von Kathryn Evans

Wenn man sich vorbehaltlos auf die Ausgangssituation des Thrillers „Einzig“ aus der Feder von Kathryn Evans einlässt, dann steht dem un­einge­schränkten Lesespaß nichts im Wege. Sollte man jedoch eher auf der Suche nach Romanen sein, die in jeder Beziehung wissen­schaftl­ich wasserdicht sind und Probleme mit be­stim­mten Szenarien haben, die fernab der Realität liegen, dann sollte man sich und dem Buch den Gefallen tun, es nicht zu lesen. Hier gilt es, sich auf die Fantasie der Autorin einzulassen, ihr fast blind zu vertrauen und sich durch einen Thriller führen zu lassen, dessen Grundidee so faszinierend ist, dass sie diesen Roman zum „Einzig“artigen Leseerlebnis werden lässt.

Die Ausgangssituation:

Teva ist eine ganz normale Sechzehnjährige. Ein le­bens­lustiges Mädchen mit allem was man sich so vom Leben wünscht. Status: glücklich verliebt, beste Freun­din immer an ihrer Seite und schulisch läuft alles reibungslos. Wäre alles wunderbar, wüsste Teva nicht, dass ihr nur 365 Tage ihres eigenen Lebens bleiben, bevor für sie alles so endet, wie es bereits fünfzehn Mal sein Ende in einem neuen Anfang fand. Sie ist nicht einzig. Das bildet sie sich nicht ein, sie sieht es täglich mit eigenen Augen. Einmal im Jahr teilt sich der Körper, den Teva für ihren hält, lässt seine Vor­gänger­version zurück und geht hinaus ins Leben. Teva selbst hat „Fünf­zehn“ auf diese Weise verlassen und ihr Leben, ihren Freund, die beste Freun­din und das gesamte Umfeld erobert. Nun bleibt ihr genau ein Jahr, bis auch sie zurückgelassen wird.

Einzig von Kathryn Evans

„Ich bin stärker in ihr geworden.“

Dieser erste Satz des Thrillers mit dem Original­titel „More of me“ steht signi­fikant für die spannungs­geladene Story. Denn während diese Teilungen bei den jüngeren Tevas ohne großen Wider­stand verliefen, haben die Mädchen mit zun­ehmen­dem Alter wesent­lich mehr zu verlieren. Die Liebe ihres Lebens zum Beispiel. Das Versteckspiel dauert nun schon sech­zehn Jahre. Nur die aktuelle Version darf am Leben teilnehmen, während ihre Vorgänger­innen von der Mutter zuhause versteckt werden. Jedes Kind in dem Alter, in dem es zurück­gelassen wurde und jedes Kind zeitlos in dieser endlosen Schleife gefangen. Teva beschließt aus dem Kreislauf auszubrechen. Sie will ihr Leben leben und einen Ausweg aus der Einjahres-Spirale finden. Die einzigen Menschen, die ihr dabei helfen können ahnen nicht, dass sie mit einem Mädchen befreundet sind, das sie erst seit wenigen Wochen kennt und dessen Erinne­rungen aus dem Gedächt­nis der Vorgänger­innen stammt.

Teva übernimmt die beste Freundin und den Freund von „Fünfzehn“. Während die Zurückgelassene zuhause um ihr vergangenes Leben, um ihre Chancen und die große Liebe ihres Lebens trauert, muss sie erkennen, dass Teva alle Lücken geschlossen hat und niemand gemerkt hat, was passiert ist. Eifersucht ist eine mächtige Trieb­feder und Teva prallt bei „Fünfzehn“ auf eine un­erbitt­liche Gegnerin in den eigenen Reihen. Hier entbrennt ein Kampf an allen Fronten des Lebens. Wird Teva einen Ausweg finden der verhindert, dass sie zurück­gelassen wird und eine neue Variante sie zu „Sechzehn“ mit einem Leben im Ver­borgenen macht? Wird die Zeit reichen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen oder macht ihr „Fünfzehn“ einen gewaltigen Strich durch die Rechnung?

Einzig von Kathryn Evans

Oh ja, das klingt skurril und ist wissenschaftlich nicht haltbar, könnte man denken. Sicher ein Thriller, bei dem die Protagonistin am Ende feststellt, dass sie in einem ewig währenden Traum gefangen war und alles ganz normal ist. Oh nein. So leicht macht es sich die Autorin nicht. Sie konstruiert eine Ausgangs­situation, die eine Lawine möglich macht, in der jeder einzelne Charakter des Romans unterzugehen droht. Per­spek­tiven und ihr Wechsel machen diesen Thriller absolut lesens­wert. Wie fühlt sich ein Mensch, der realisieren muss, dass er nicht älter wird, nur ein Jahr lang am Leben teil­haben darf und dann von einer aktuelleren Version ersetzt wird? Wie fühlt man sich im Körper von Menschen, die zuvor in ihm gelebt haben und jetzt zusehen müssen, wie ihr Leben für sie hätte weitergehen können?

Und wie fühlt man sich in einem Leben, dem nur ein Jahr Zeit bleibt? Hier wirft die Autorin Fragen auf, die den geneigten Leser von Seite zu Seite atemloser durch diesen facetten­reichen Roman peitschen. Die Charak­tere sind plausibel angelegt, kämpferisch gezeichnet und in ihrer Hilflosigkeit dem Schicksal ausge­liefert. Die Szenerie verknappt die eigentlichen Fragen des Lebens auf den Zeitraum eines Jahres. Jeder Mensch fühlt sich in einer Zeit­scheibe gefangen, die endlich ist. Und doch strebt jeder nach Erfolg im Leben. Man häuft Reichtümer an, begnügt sich mit Ober­flächlich­keit und verschwendet lebens­wichtige Zeit. Darf es dann wundern, wenn auch Teva in ganz normale Muster in einem nicht normalen Leben verfällt?

Einzig von Kathryn Evans

Darf es verwundern, wenn sie Pläne macht, sich der Liebe öffnet und in der Schule erfolgreich sein will? Die Spirale ihres Lebens ist zeitlich klarer dimensioniert. Ein Jahr. Mehr bleibt ihr nicht. Die Flucht nach vorne ent­spricht nicht nur ihrem Charakter. In ihr liegt die kollektive Gefühls- und Gedächtniswelt ihrer Schwes­tern verborgen, die eben genau das nicht sind. Schwestern. Sie sind im weitesten Sinne eher mit Matrjoschka-Puppen zu vergleichen. Ineinander steckend, für sich selbst exis­tierend, aber niemals weiter wachsend. An diesem Bild kann man sich orientieren, wenn der Zweifel wächst. Ein Bild, das für mich diesen Thriller versinn­bildlicht. Auf mein Leben übertragen würde ich abends nach Hause kommen und 54 Vorgänger­versionen würden auf mich warten, würden mich argwöhnisch beobachten und neidisch auf dieses eine Jahr schauen, das mir alleine gehört.

Die zeitliche Nähe zum Vorgänger würde dabei das größte Konfliktpotenzial mit sich bringen. Was hat jemand aufgebaut, das er nicht fortsetzen kann? Worauf hat man sich gefreut und kann es doch nicht selbst erleben? Wo sind die Grenzen der eigenen Welt und wie enttäuscht ist man von Freunden und Geliebten, die gar nicht erkennen, dass man selbst nicht mehr vor ihnen steht? Wie weit könnte man gehen, um diesem Leben zu entfliehen? Fragen, die aus dem Buch springen und als Denkmodell der utopischen Ausgangslage be­wusst­seins­erweiternd sein können.

Einzig von Kathryn Evans

Teva stößt an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Existenz. Sie erlebt absolute Grenz­erfahrungen und versucht, alle Steine in Rollen zu bringen, um nicht nur ein einziges Jahr am Leben teil­haben zu können, bevor die nächste Variante schlüpft. Dabei greift sie zu drastischen Schritten, als die ersten An­zeichen von „Siebzehn“ sich Raum ver­schaffen. Nichts für schwache Nerven, nichts für Zart­besaitete und schon gar nichts für die hemmungs­losen Realisten, die nur glauben, was in Wikipedia steht. Man darf in diesem Thriller keine Lösung erwarten, die aus einer Utopie eine Realität macht. Aber man darf von Kathryn Evans am Ende allen Lesens ein Ende erwarten, das nicht so einfach gestrickt ist, wie man es oftmals vorfindet.

Ich habe der Autorin vertraut. Das Gedankenexperiment hat sich gelohnt. Ich war in jeder Sequenz dieses Thril­lers an der Seite von Teva, weil es leicht ist, mit ihr zu fühlen und zu denken, wenn man sich auf diesen Roman einlässt. Dann wird er „Einzig“ und bleibt lange im Gedächtnis, weil er sich erfreulich abhebt vom geistigen Einerlei, das in diesem Genre um sich greift. Lesens- und empfehlens­wert. Auch wenn wir uns noch nicht teilen können, die Leser­erlebnisse sind teilbar. Und das völlig risikolos…

Einzig von Kathryn Evans

„Austerlitz“ von W.G Sebald – (Buch und Hörbuch)

Austerlitz von W.G. Sebald

Ehrenwort: Ich verfasse diese Rezension nicht im Stil des Schriftstellers, den ich hier mit seinem Roman „Austerlitz“ vorstelle. Wobei ich zugeben muss, dass es gar nicht so leicht ist, sich von der Sprache und Fabulier­kunst des im Jahr 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Autors und Dozenten W.G. Sebald zu lösen. Allzu dominant und ausufernd er­scheint sein Erzählen. Es wirkt, als habe er ohne Punkt und Komma gedacht, ohne Absätze geschrieben und dem Ge­danken­fluss an keiner Stelle Einhalt gebieten wollen.

Ich begegne W.G. Sebald erstmals in meinem Lesen. Und das hörend. Ich tat mich anfänglich sehr schwer, den Gedanken und ausufernden Beschreibungen zu folgen. Es ist dem Sprecher Michael Krüger zu ver­danken, dass ich mich 11 Stunden, verteilt auf 9 CDs, durch einen Roman treiben ließ, ohne jemals den Faden zu verlieren. Dabei war es die größte Heraus­forder­ungen, Sollbruch­stellen zu finden, an denen man den Faden für einen Moment aus der Hand legen konnte, um eine Pause zu machen. Schwierig in einem Roman, der keine Kapitel oder Absätze kennt…

Austerlitz von W.G. Sebald – Frederick, der Namensvetter Fred Astaire

Die Geschichte…

Dabei ist die Geschichte eigentlich leicht erzählt – zumindest rein inhaltlich. Dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans fällt 1967 im Bahnhof von Antwerpen ein Mann auf, der in völliger Konzentration versunken die Architektur des Gebäudes bewundert. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und verabreden sich für den folgenden Tag. Aus dieser ersten zufälligen Be­geg­nung entwickelt sich Dialog, der in un­regel­mäßigen Abständen und weiteren zufälligen Treffen über mehr als dreißig Jahre fortgesetzt wird. Austerlitz, Kunst­historiker, so stellt sich der Fremde vor und beginnt sogleich über das Wunder der Konstruktion der Bahnhofs­halle zu dozieren.

Atemlos und gebannt folgt man seinen Ausführungen. Von Gespräch zu Gespräch, von Ort zu Ort reift langsam das Verstehen. London, Paris und Prag sind Stationen der beiden Männer. Festungsanlagen, Friedhöfe und Archive werden zum Gegenstand der detailreichen Schilderungen von Austerlitz. Doch während unser Erzähler eher zufällig vor Ort ist, folgt Austerlitz dem unsichtbaren Plan, der das große Rätsel seines Lebens lösen soll. Als Kleinkind von seinen jüdischen Eltern aus Prag nach England verschickt, unter neuem Namen in Wales aufgewachsen; erst viel zu spät erfahren, wie er wirklich heißt; erst viel zu spät begriffen, warum seine Leidenschaften und Talente nicht zu den Eltern passte, die ihn aufgezogen hatten; zu spät begriffen, warum er Sprachen spricht, die er niemals lernte. Zu spät erkannt, dass ihn seine wahren Eltern zwar vor den Nazis gerettet hatten, aber seine Identität vollständig verloren ging. Austerlitz. Das bin ich. So die große Erkenntnis auf der langen Reise zum Ich.  

Austerlitz von W.G. Sebald – Kindertransporte im Dritten Reich

Die Kindertransporte…

Diese Kindertransporte nach England sind mir nicht neu. Die dramatischen Folgen für die vermeintlich Geretteten beschrieb auch Marion Charles in ihrem Lebensbericht „Ich war ein Glückskind. Der Moment des Erkennens der Hintergründe dieser Suche nach der wahren Familie, nach den Orten der Kindheit, dem Moment der Trennung und nach Menschen, die viel­leicht noch lebten und ihn kannten, lassen die Erzählungen von Austerlitz in neuem Licht erscheinen. Er sucht nach Verwandten, nach Stationen seiner Kind­heit und stößt sogar auf einen berühmten Namens­vetter. Frederick (Fred Astaire) Austerlitz. Un­be­irrt eilt der immer älter werdende Mann der Ver­gangen­heit hinterher.

Aus den Begegnungen mit dem Erzähler erfahren wir die Fortschritte der Reisen. Wir werden Zeugen einer Geschichte, die unerträglich scheint und doch so wahr ist. Es ist die Geschichte der Judenvernichtung, die Geschichte des Holocaust, dem Austerlitz entging. Aber um welchen Preis. W.G. Sebald wird zum Chronisten von Deportation und Entrechtung, er skizziert das Geflecht eines Genozids und die Automatismen einer gezielten Auslöschung. Ohne Absätze schreibt er, weil Atemlosigkeit und Entsetzen die Wegbegleiter des Hörens und Lesens werden. Die Zeit rast durch diesen Roman. Nach vorne mit den beiden Männern. Zurück durch die Recherche. Sie bleibt niemals stehen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Der große Unterschied…

Die Stationen der Reise sind die Stationen eines Le­bens. Ich war verleitet, selbst zu recherchieren, wo sich die beiden Männer trafen und stieß dabei auf eine Besonderheit des Romans, die das Buch von seiner Hörbuchadaption erheblich unterscheidet. H.G. Sebald verzichtet in seinem Erzählstil bewusst auf Brüche im Tempo. Er bleibt im Fluss und verlagert dabei die Authen­tizität des Erzählten auf verschiedene Ebenen. Austerlitz lebt hier vom Hörensagen und genau so gibt er seine Erkenntnisse an den Ich-Erzähler weiter. Auch dieser filtert nicht, sondern weist in seiner Zu­sammen­fassung darauf hin, aus welcher Quelle die jeweilige Be­schreibung stammt.

„Sagte Agáta, sagte Vera, sagte Austerlitz…“

Durch diese Quellenverschiebung von der ersten bis hin zur dritten Ebene erfolgt auch gleichzeitig die Rela­tivierung des Wahrheitsgehaltes, weil Erinnerung sub­jek­tiv ist. Im Buch jedoch bedient sich Sebald eines Instruments, das genau dieses Problem der Authen­tizi­tät von Augenzeugenberichten in mehrfacher Hinsicht konterkariert. Dort, wo Kapitel und Absätze fehlen, fügt er 80 Fotografien ein, die in ihrer Beweis­kraft für das Gesagte bestechen. Das Highlight ist hierbei das Kinder­bild, das Austerlitz so zeigt, wie er auf dem Titelbild von Hörbuch und Roman zu sehen ist.

Diese elementare Ebene fehlt dem Hörbuch und sie ist auch nicht zu ersetzen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Das Buch

Was blieb mir also übrig, als mir noch während des Hörens das Buch zu bestellen, es parallel zu inhalieren, den unglaublichen Sätzen über bis zu neun Seiten zu folgen und die Bilder zu betrachten, die das Erzählte nicht nur flankieren, sondern ihm den letzten Schuss Wahrheitsgehalt verleihen. Am Ende der gehörten und gelesenen Geschichte bin ich nun in der Lage, allein durch die Betrachtung der Fotografien im Roman alles zu rekapitulieren, als wären sie lebendige Lesezeichen aus der Vergangenheit.

Hier wäre es hilfreich gewesen, die Bilder im bei­liegen­den Booklet des Hörbuchs zu veröffentlichen. Man benötigt keine Seitenzahlen, um sie einzusortieren. Ein Blick genügt und man weiß ganz genau, wann Auster­litz dieses Bild vor Augen hatte und wie er sich dabei fühlte. Der Vortragskunst von Michael Krüger ist es geschuldet, dass ich dem Hörbuch bis zum Ende treu geblieben bin. Ohne die Buchvorlage mit ihren Bildern würde mir jedoch eine der wesentlichen Ebenen dieses großartigen Romans fehlen. Ich kann „Austerlitz“ in dieser Kombination nur empfehlen. Lesen und hören. Wer sich für einen einzigen Weg entscheiden mag oder muss, dem bleibt nur das Buch, da seine Bilder nicht lügen.

Austerlitz von W.G. Sebald – Der Friedhof von London

„George“ von Alex Gino

George von Alex Gino

George von Alex Gino

„Für dich, als du das Gefühl hattest, nicht dazuzugehören.“

Diese Widmung von Alex Gino könnte schon der Titel des Debüt-Romans dieses ganz besonderen Menschen sein. Sie ist so allumfassend und steht für jedes in der Folge zu lesende Wort, wie kaum ein zweites Zitat aus diesem Buch. Diese Widmung spricht nicht nur den Menschen an, dem sie wohl zugeeignet ist. Jeder Leser darf sie als persönlichen Willkommensgruß empfinden und auf diese Weise wird mit einfachen und tiefen Worten ein Gefühl vermittelt, das man selten spürtt, bevor man ein Buch zu lesen beginnt.

Nicht mehr ausgeschlossen, allein und isoliert zu sein. Schon mit diesem Satz, der noch vor dem ersten Satz des Romans ins Auge sticht, fesselt Gino die Leser, da jeder von uns dieses Gefühl schon am eigenen Leib erfahren hat. Jeder sehnt sich danach, akzeptiert und anerkannt zu werden. Jeder fühlt sich schlecht, wenn Ausgrenzung oder Isolation zum Wegbegleiter seines eigenen Lebens werden. Und jeder sollte eigentlich verstehen, wie leicht es sein kann, anderen Menschen dieses Gefühl zu ersparen.

Doch weit gefehlt. In einer Gesellschaft, die immer noch nach Außenseitern sucht, die am besten funktioniert, wenn man eigene Unzulänglichkeiten verschleiern kann, indem man sie auf Underdogs abwälzt, ist Ausgrenzung der beste Automatismus, um selbst dazuzugehören. Klingt komisch, ist aber so. Jede Gruppe funktioniert so. Hat man erst einmal einen gemeinsamen Feind gefunden, wächst der Zusammenhalt. Es ist wirklich leicht zu durchschauen, funktioniert aber im Großen, wie im Kleinen.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

George“, das literarische Debüt von Alex Gino, wird dieser Widmung gerecht.

Als Alex Gino im Jahr 2003 damit begann, diesen Roman zu schreiben, gab es im Bereich der Jugendliteratur nur ganz wenige Protagonisten, bei denen ihre Schöpfer es gewagt hatten, sie in allen Facetten ihres schwulen oder lesbischen Lebens der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei sind es gerade Bücher für junge Leser, die aus der Sicht von Alex Gino dazu in der Lage sind, Verständnis zu wecken und Blickwinkel auf andere Sichtweisen zu eröffnen. Was Alex Gino damals aber gar nicht vorfand, waren Bücher, die sich den Themen Transgender oder Genderidentitäten widmeten.

Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die nicht in das System unserer Geschlechterrollen passten. Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht in dem Geschlecht wahrgenommen werden, dem sie sich selbst zugehörig fühlen. Unabhängig von äußeren Geschlechtsmerkmalen. Es war damals undenkbar, diese Gedanken auch nur zu denken. Darüber zu schreiben und zu hoffen, publiziert zu werden, war erst recht undenkbar.

Und doch begann Alex Gino mit diesem Buch. Schritt für Schritt entstand George, weil es an der Zeit war, den nächsten Schritt in der öffentlichen Akzeptanz zu gehen. Alex Gino bezeichnet sich selbst als genderquer und empfindet sich als Mensch, der die gewohnte Dualität von Mann und Frau um die eigene Geschlechtsidentität erweitert. Ist die Zeit jetzt reif für George? Sind wir bereit für den Roman eines Schriftstellers, der sich in Interviews und im privaten Leben genderneutral mit „THEY“ anreden lässt und sich anstelle von Mr. oder Mrs. für die Höflichkeitsform „Mx“ entschieden hat?

Ich denke, ja. Die Zeit ist reif. Wir sind reif. Wir sollten es sein.

George von Alex Gino - Transgender-Literatur

George von Alex Gino – Transgender-Literatur

Die Literatur hat den Weg geebnet. Menschen haben den Weg geebnet. Wir sind es nun, die diesen Weg gehen sollten. Vorbehaltlos, vorurteilsfrei und offen. Empathie darf nicht zum leeren Fremdwort verkommen und gegenseitiges Verständnis kann nur dann entstehen, wenn wir dazu bereit sind, uns diesen sensiblen Themen zu öffnen. Ich war bereit für „George“. Es ist nicht mein erstes Buch zum Thema Transgender. Ich habe schon viel darüber geschrieben.

The Danish Girl von David Ebershoff und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson haben mich sensibilisiert. Zuletzt habe ich im Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose das Schicksal von Lou Villars erlesen. Und jetzt erforderte es einen weiteren großen Schritt, um mich „George“ zu nähern. Denn George ist erst zehn Jahre alt. Ein Alter, in dem Kinder nicht ernst genommen werden. Ganz besonders dann nicht, wenn es um ihre Selbstwahrnehmung im geschlechtlichen Rollenbild geht. Hier ist unsere dogmatische Rollenverteilung zu dominant und wirkt wie unüberwindbare Mauern.

Oder wäre jemand von euch bereit, auf die Farben Rosa und Blau zu verzichten, bis der geliebte Nachwuchs alt genug ist zu entscheiden, in welcher Identität er oder sie sich wahrnimmt? Oder entsprechen wir eher unseren eigenen Rollenbildern? Sind wir in der Lage, Abweichungen zu akzeptieren, wenn sie uns selbst betreffen? Wie sollten wir das dem geneigten Umfeld erklären? „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Das ist doch keine Frage, auf die man mit „Das stellt sich noch raus!“ antwortet. Oder?

George von Alex Gino

George von Alex Gino

So sollten wir „George“ jedoch begegnen. Sonst wäre unser Lesen unaufrichtig und geheuchelt. So sollten wir unsere Kinder mit „George“ bekannt machen. Sonst wäre es nämlich so, dass wir dem „Anderssein“ nur zustimmen, wenn es uns nicht betrifft. Wir brauchen Mut für dieses Buch. Schranken gibt es genug auf dieser Welt. Daran haben Dogmatiker aller Länder und Religionen lange genug gearbeitet. Wenn ihr diesen Mut in die Waagschale des Lesens werft, dann wird euch „George“ nicht fremd erscheinen.

Denn SIE will alles, nur nicht fremd sein. SIE will dazugehören, aber eben nicht von anderen Menschen in Kategorien gepresst werden, die IHR nicht entsprechen. Auch im zarten Alter von erst zehn Jahren muss man „George“ so wahrnehmen, wie SIE sich selbst wahrnimmt. Als Mädchen im Körper eines Jungen. Eines Jungen, der schön brav jedem elterlichen Rollenbild zu entsprechen hat, um fein in der Norm zu bleiben.

Freunde findet man selten in diesen Situationen. Und wenn, dann sind sie mehr als ein Glücksgriff im Leben eines jungen Menschen, der sich in der zermürbenden Phase der Selbstfindung befindet. George hat Kelly. Sie urteilt nicht, wertet nicht, wiegt nicht und tut einfach das, was man von einer besten Freundin erwartet. Sie sieht „George“ mit den Augen, die aufrichtig und wahr sind. Sie erkennt „Melissa“ und ebnet ihr gegen alle Widerstände von außen einen Weg, der sonst undenkbar wäre.

George von Alex Gino

George von Alex Gino – Die Hauptrolle als Befreiuungsschlag

Kelly bestärkt ihre beste Freundin darin einfach so zu sein, wie sie sein will. Doch steht sie damit allein auf weiter Flur. Als George sich bei einer Schulaufführung für die Rolle der weiblichen Hauptdarstellerin bewirbt, bricht der Sturm los. Alle Fragen werden gestellt. Normal? Unnormal? Was kann man nur dagegen tun? Was sagen die Anderen und wie stehen wir als Eltern da? Wo haben wir bei „George“ versagt? Und letztlich ist völlig offen, wie sie es verkraftet, ihr Outing auf offener Bühne zu erleben. Die Rolle der Spinne Charlotte im Theaterstück Charlotte`s Webist wie für sie gemacht. Aber ihre Familie, die Lehrer und „Georges“ Bruder – alle sind überfordert.

Kann Kelly zur Geburtshelferin von Melissa werden?

Gefühl und Empathie werden in diesem beeindruckenden Jugendbuch aus dem Fischer Verlag groß geschrieben. Bei aller Offenheit ist es doch kein leichter Weg durch dieses Buch, wenn man sich selbst hinterfragt, wie sehr man einengt oder in den alten sozialen Abziehbildern von Norm verhaftet ist. Alex Gino hat lange gebraucht, bis dieses Buch seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Vielleicht hat Gino die oben zitierte Widmung auch an sich selbst adressiert. Durch diese Rezension möchte ich nur zeigen, dass ich „George“ ernst- und wahrgenommen habe.

Mx. Alex Gino – THEY belong to us.

Anmerkung als Mann: Bei allem Verständnis für die Selbstfindung von George in diesem brillant erzählten Roman entspricht die Darstellung der „Männerwelt“ genau den Klischees, mit denen die Geschichte für ihren Protagonisten eigentlich aufräumen möchte. Väter haben sich schon lange von den Familien getrennt oder sind nicht in der Lage, unfallfrei für ihre Kinder zu kochen. Große Brüder sind Rabauken und bestechen durch den Satz „Habe ich dich beim Kacken gestört“ und die Schule ist eine bunte kleine Mädchenwelt, in der man Farben tanzt. Ich hätte mir hier einen ebenso neutralen Blick gewünscht, wie man ihn von mir als Leser letztlich erwartet. Das nur am Rande.

Hierzu lohnt sich auch der weibliche Blick auf „George“. Anja und Zwiebelchens Plauderecke im kreativen Gleichschritt in der Bewertung des Romans.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

Worte von „George“ / „Melissa“ die unvergessen bleiben:

„Die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten Schmetterlinge in ihren Bäuchen.“

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner - AstroLibrium

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Er trägt die Verantwortung, er darf jetzt keinen Fehler machen, seinen Gast nicht beunruhigen. Wären sie weiter zum Gipfel gestiegen, wie dieser es wollte, sie säßen jetzt auf der anderen Seite, beim Abstieg, in der Falle: irgendwo, ohne Schutz, hoch oben am Berg.

Er muss es auch dieses Mal nach unten schaffen, ins Tal mit seinem Gast, zurück in ihr Leben. Nur noch einmal. Er trägt die Verantwortung.

Es gibt Sätze, die in sich bereits ganze Geschichten erzählen. Sätze, die in sich zu toben scheinen, die alle Gefahren dieser Welt heraufbeschwören und nach Auswegen suchen, wo es scheinbar keine Rettung gibt. Es sind diese Sätze, die dazu verleiten, sich der verborgenen Geschichte noch mehr zu nähern. Auch wenn man dabei selbst in akute Lesensgefahr geraten sollte. Man kann nicht anders.

Absturz des Himmels“ von Reinhold Messner (Fischer Verlag) verdeutlicht schon mit diesen Worten im einleitenden Kapitel, dass wir es nicht nur mit einem Sachbuch über die Erstbesteigung des Matterhorns zu tun haben. Es sind diese Sätze des großen und nicht immer unumstrittenen Extrembergsteigers, die seine Leser zu einer Seilschaft formen, und sie in einer alpinen Todeszone auf Gedeih und Verderb der Intuition und dem Verantwortungsbewusstsein des Bergführers ausliefern. Und dies in der Hoffnung, zurück ins Leben zu kommen. Nur noch einmal.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Reinhold Messner ist wohl der berufenste Experte, der sich ein Urteil erlauben darf und kann, welche fatalen Umstände 1865 zum „Absturz des Himmels“ am Matterhorn führten. Er weiß, worüber er schreibt, wenn er seine Leser zu einer Erstbesteigung anseilt, sie die Vorbereitungen erleben lässt und ihnen den inneren Druck vermittelt, der mit einer solchen Unternehmung einhergeht. Der Erste zu sein. Das unterscheidet einen solchen Gipfelsturm von allen anderen Versuchen, einen Berg zu bezwingen.

Sein Traum gilt dem Gipfel des Matterhorns. Dafür braucht er keine Erklärung. Er will nur als Erster dort oben stehen. Mit den Leuten aus seinem Tal.

Eine Erstbesteigung ist verbunden mit Ruhm. Ein solcher Erfolg kann von keinem Zweiten auf der Welt wiederholt werden und dafür sind die Pioniere am Berg seit jeher bereit gewesen, besondere Risiken auf sich zu nehmen. Es gibt keine Routen, denen man folgen kann, keine Alternativen und Erfahrungswerte. Der Erste zu sein heißt, das Ungesehene zu sehen, das Unbetretene zu betreten und Spuren zu hinterlassen, die einzigartig sind.

Reinhold Messner weiß wovon er schreibt, wenn er den Individualisten und Egoisten am Berg beschreibt und ihn vom Bergführer unterscheidet, der für eine solche Tour engagiert wird und die volle Verantwortung trägt. Nicht nur für sich selbst, sondern eine Verantwortung, die weiter reicht. Verantwortung für die „Gäste“, die zu führen sind und die Verantwortung für eine ganze Zunft von Bergführern eines kleinen Ortes, die durch einen Misserfolg in Verruf geraten würde. Es ist eine große Last, die man zu tragen hat, wenn man keinen Alleingang wagt.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Diese beiden Perspektiven zeichnen „Absturz des Himmels“ aus. Messner versetzt sich selbst und seine Bergleser in zwei völlig unterschiedliche Ausgangssituationen, die historisch verbrieft sind, in dieser Kombination aber bisher nicht in einer gemeinsamen Geschichte erzählt wurden. Jedenfalls nicht in der Tiefe der Charakterzeichungen, die Messner wohl deshalb so präzise gelingt, weil er diese beiden Seelen in seiner eigenen Brust fühlt.

Beide Seiten sind ihm absolut nicht fremd, da er selbst als extremer Draufgänger alle Grenzen der bekannten Bergsteiger-Welt gesprengt hat und dabei schon fast im Vorbeigehen alle Rekorde brach, die man sich im alpinen Bereich vorstellen kann. Hierbei war er für sich selbst verantwortlich, konnte alle Risiken eingehen, die er zu tragen bereit war, da er ganz allein die Konsequenzen zu tragen hatte. Aber auch die Perspektive dessen, der rein funktionaler Teil einer Seilschaft ist, Verantwortung trägt und keinen Alleingang wagen sollte, ist tief in ihm verankert, weil er genau in diesem Bereich sein größtes alpines und menschliches Debakel erlebte. (Siehe Video)

Umso verständlicher ist es, dass er uns im „Absturz des Himmels“ beide Extreme vor Augen führt. Wir lernen den sehr von sich überzeugten jugendlichen Gipfelstürmer Edward Whymper kennen, der nur ein Ziel kennt: Rauf aufs Matterhorn. Als Erster. Koste es, was es wolle. Unzählige seiner Versuche scheiterten. Von allen Seiten hatte er sich dem Matterhorn genähert. Mit wahren Engelszungen hatte er so oft versucht, die fähigsten Bergführer zu engagieren, die ihm den Weg weisen sollten.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Whymper selbst wollte dabei jedoch im Mittelpunkt stehen. Bergführer waren für ihn Mittel zum Zweck. Keinesfalls sollte auch nur ein kleines Quäntchen Ruhm auf sie abfärben. Whymper war ein absoluter Egozentriker, wenn es darum ging, seine Ziele zu erreichen. Nur ein einziges Ziel blieb ihm dauerhaft verwehrt. Den besten Bergführer zu engagieren. Jean-Antoine Carrel galt zur damaligen Zeit als der fähigste Führer, wenn es darum ging, das Matterhorn zu bezwingen.

Carrel war der komplette menschliche Gegenentwurf zum Edward Whymper. Er fühlte die Verantwortung. Er entschied selbständig für die ihm anvertraute Seilschaft. Er ging keine Risiken ein, die nicht zu verantworten waren. Carrel war das, was man als den echten Prototypen des verantwortungsvollen Expeditionsleiters bezeichnen kann. Lieber scheitern, als auch nur einen Mann verlieren. Das war sein Mantra. Und deshalb kamen Whymper und Carrel niemals zusammen, wenn es darum ging, den Gipfelsturm zu wagen.

Als Edward Whymper erfährt, dass Jean-Antoine Carrel im Auftrag italienischer Alpinisten eine Seilschaft aufs Matterhorn führt, wird aus der Erstbesteigung des Matterhorns ein wahres Wettrennen auf den Gipfel. Nur hat Carrel keine Ahnung, was Whymper plant. Als sich die Italiener dem höchsten Punkt des Berges langsam nähern hören sie schon die Sieger über ihnen feiern. Whymper steht auf dem Gipfel, winkt ihnen überlegen zu und krönt seinen Erfolg dadurch, dass er Steine nach unten wirft. Er hatte es tatsächlich geschafft, mit einer zufällig zusammengewürfelten Seilschaft den Berg zu besiegen. Er war der Erste!

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Reinhold Messner holt weit aus, um diese Leistung greifbar zu machen. Er besteigt das Matterhorn mit zwei Seilschaften. Er ist bei Whymper und seiner Zufalls-Truppe und er klettert mit Carrel. Bedächtig und langsam, bestens ausgerüstet. Messner lässt die Faszination eines solchen Unternehmens spürbar werden und doch lässt er auch keinen Zweifel daran, mit wem wir lieber unterwegs wären. Und die Geschichte bestätigt die Bedenken der Leser. Whympers Seilschaft stürzt beim Abstieg ab. Das Seil reißt. Nur er selbst und zwei seiner Bergführer überleben durch einen Zufall.

Ein Desaster. Eine Katastrophe. Aus der Erstbesteigung wird eine Niederlage und die Weltpresse beginnt Whymper zu zerreißen. Aber ebenso wenig, wie er den Ruhm teilen wollte, ist er nun bereit Verantwortung zu übernehmen und scheut keine Verleumdung, die überlebenden Bergführer zu diskreditieren. Whymper bleibt der Egozentriker, den man kannte. Carrel war und blieb der heimliche Held von der anderen Seite, der jedoch in Vergessenheit geriet, weil Verantwortung vom schnellen Ruhm überflügelt wurde.

Reinhold Messner erklärt die wahren Gründe für den tragischen Absturz. Er zitiert aus Whympers Quellen und analysiert scharf, welche Fehler gemacht wurden. Und dabei beleuchtet er die menschliche Seite hinter dem Drama mehr als genau. Whymper als geschlagener Sieger und Carrel als besiegter moralischer Gewinner. Die Lehren darf man selbst ziehen. Auch dafür lässt Reinhold Messner Raum. Es ist ein schmaler Grat den er beschreibt – nicht nur für uns Leser. Auch für ihn selbst scheint dieses Buch eine Aufarbeitung zum Thema Verantwortung zu sein.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Denn Messner ist in völliger Empathie mit den beiden Menschen verbunden, die er beschreibt. Er selbst war David Whymper, als er bei der Erstbesteigung des Nanga Parbat einen Alleingang wagte, den man ihm bis heute vorwirft. Er selbst war Jean-Antoine Carrel, als er seinen Bruder, der ihm überraschend folgte, zu retten versuchte. Er selbst war wie David Whymper, als er nach dem Absturz seines Bruders am Nanga Parbat von der internationalen Presse wie eine Sau durch die Bergwelt getrieben wurde. Er selbst ist wie Jean-Antoine Carrel, weil er den Absturz von Günter niemals verwunden hat. Die Verantwortung wog schwer. Sie wiegt schwer.

Reinhold Messner beschreibt zwei Extreme, die in ihm selbst einen ewigen Kampf zu führen scheinen und die er vielleicht niemals in seiner aktiven Karriere miteinander in Einklang bringen konnte. Vielleicht ist „Absturz des Himmels“ viel mehr als nur ein Buch über die Erstbesteigung des Matterhorns. Vielleicht ist dieses Buch viel mehr als der Versuch, die Begriffe „Verantwortung“ und „Schuld“ am Berg neu zu definieren. Für Reinhold Messner ist es mehr als nur ein Buch. Das macht es so ergreifend greifbar.

Dies ist nicht meine erste Reise auf einen Gipfel. Die Katastrophe am Mount Everest sorgte damals für unglaubliche Schlagzeilen und der Weltbestseller von Jon Krakauer „In eisige Höhen“ galt lange als authentischer Bericht über die Abläufe des Dramas. Wir haben die Bücher all jener Menschen gelesen, die mit Krakauer am Everest waren. Auch hier geht es um Verantwortung und Schuld. Auch hier geht es um Bewältigung. Vielleicht klettern Sie auch in dieser Seilschaft mit. Buchblick und Bergblick in einer Reportage.

Klettern Sie gut.  Schauen Sie doch einfach in der Buchhandlung Calliebe vorbei, wenn sie diese alpine Gratwanderung selbst erlesen wollen. 

Tod in eisigen Höhen - Eine Reportage- AstroLibrium

Tod in eisigen Höhen – Eine Reportage

Landezone der Artikelspringer im Advent 2015

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„Nur Meer und Himmel“ von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Man vergleicht ihn in seinem Heimatland oft mit Robert Louis Stevenson. Man sagt ihm nach, dass seine mehr als erfolgreichen Kinder- und Jugendbücher Abenteuer so hautnah vermitteln, dass man meint, nicht nur Teil des Lesens, sondern aktiver Teil der Geschichte zu sein. Im deutschsprachigen Raum ist Michael Morpurgo vielleicht noch einer der bekanntesten unbekannten Autoren unserer Zeit. In England jedoch genießt er große Aufmerksamkeit und erfreut sich einer treuen Leserschaft.

Woher wir ihn kennen könnten? Was wir von ihm gelesen haben? Nun, vielleicht haben wir ihn lesend noch nicht so richtig entdeckt, aber die Verfilmung eines seiner Bücher hat auch hier Millionen Menschen in die Kinos gelockt. 1984 schrieb er War Horse und die cineastische Adaption von Steven Spielberg mit Benedict Cumberbatch (Sherlock) in einer mehr als tragenden Rolle hat wohl gezeigt, wie Morpurgo erzählt und was ihn beschäftigt.

Michael Morpurgo - Der Autor von War Horse - Gefährten

Michael Morpurgo – Der Autor von War Horse – Gefährten

Gefährten“ erzählt die bewegende Geschichte eines Pferdes im Ersten Weltkrieg. Die Geschichte einer Familie, der nur dieser Gefährte bleibt, um das karge Stückchen Land zu bestellen. Und genau dieses treue Pferd wird nun von der britischen Kavallerie konfisziert und an die französische Front verschifft. Joey galoppiert gequält über die Schlachtfelder, während sein junger Besitzer Albert Narracot seinem besten Freund in den Krieg folgt. Ein ganz großer, ein bewegender, ein grandioser Film. Ebenso erzählt Michael Morpurgo. Und genau so schreibt er.

Nun können wir uns in einem besonderen Jugendbuch davon überzeugen, denn seine Erzählung „Half a Man“ ist gerade in der Reihe „Die Bücher mit dem blauen Band“ im Fischer Verlag erschienen. Wenn „War Horse“ eine epische Geschichte mit vielen verschachtelten Nebenhandlungen war, dann haben wir es in Nur Meer und Himmel mit dem puren Extrakt einer großen Erzählung zu tun.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Illustriert von Gemma O`Callaghan entwickelt Morpurgo aus der Rückschau seines Ich-Erzählers auf seine Jugend die bewegende Geschichte seines Großvaters. Viele Worte benötigt der britische Schriftsteller nicht. Verschnörkelungen oder pathetische Phrasen sucht man vergebens. „Nur Meer und Himmel“ gleicht dem Kern einer Praline. Sie kommt ohne Verpackung, ohne Mantel und ohne Verzierung aus, sondern entfaltet ihren vollen Geschmack schon auf der ersten Seite.

Michael fürchtet sich vor den seltenen Besuchen seines Großvaters in London. Allzu verbittert ist der alte Mann, allzu allein und allzu versehrt an Körper und Seele. Eine dramatische Kombination für einen Jungen, der so gerne den eigenen Großvater erleben würde. Aber alle Warnungen besagen, dass er genau das nicht darf. Verbote bereiten die Besuche seines Opas vor.

Keinen Krach darf er machen! Opa ist empfindlich! Keine Fragen soll er stellen! Das gehört sich nicht… Und ganz besonders wichtig: Michael darf seinen Großvater auf keinen Fall anstarren. Darauf würde er sehr empfindlich reagieren. Und das aus gutem Grund. Er hat im Krieg sein Gesicht verloren. Verbrannt, vernarbt und entstellt kam er zurück. Was damals genau geschah, hat er nie erzählt. Auch nicht, warum ihm so viele Finger fehlen. Niemanden hatte das zu interessieren.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Doch Michael durchbricht die Verbote. Er starrt. Nicht neugierig angewidert, sondern auf der Suche nach den Augen seines Großvaters. Doch erst Jahre später, bei seinen ersten Ferien auf der kleinen Scilly Insel Bryher kommt es beim gemeinsamen Angeln zur ersten richtigen Annäherung der beiden.

Und dann, an Bord eines kleinen Bootes, beginnt der alte Mann zu erzählen. Von der Handelsmarine, dem Torpedo, den Flammen und all dem, was geschah, nachdem er lichterloh brannte. Sein Großvater erzählt ihm zum ersten Mal die ganze Geschichte vom „Halben Mann“. Und nicht nur das. Er erzählt von einer Welt, die sich völlig veränderte nachdem von seinem Gesicht nicht viel geblieben war.

53 Seiten benötigt Michael Morpurgo. Einige davon in bunten Bildern malerisch und berührend illustriert. Wenig Text. Stimmung und Gefühl sollen intensiv vermittelt werden und greifen von Seite zu Seite mehr nach der Seele des Lesers. In der Mitte des Buches kamen die Tränen. Rührung überkam mich und Erinnerungen an meinen sprachlosen eigenen Großvater.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Erinnerungen und Lücken in den eigenen Geschichten, die viele Menschen sehr gut nachempfinden können, die auf die eine Sekunde warten, in der sich die Großeltern öffnen und erzählen, wie es damals war und was ihnen zugestoßen ist. Die Tränen hörten nicht mehr auf und von Seite zu Seite wächst man mehr mit den beiden Männern im kleinen Boot zusammen. Eine wohl sehr autobiografische Geschichte und die Antwort auf viele Fragen von Eltern. Lasst Kinder fragen, lasst sie schauen. Es ist kein Starren. Es ist normal. Eine Geschichte die integriert und die Augen öffnet. Nur dann versteht man…

Bis am Ende ein Sturzbach der befreienden Tränen fließt und man leise vor sich hin murmelt „Ist das eine schöne Geschichte“. Nicht weil sie als schön, im eigentlichen Sinne betrachtet werden darf. Sie ist einfach nur ehrlich, authentisch und von einer tiefen menschlichen Herzlichkeit geprägt, dass man sie sofort wieder von Neuem zu lesen und betrachten beginnt. Ich habe dieses Buch an einem ruhigen Abend am „Lagerfeuer“ einem sehr wichtigen Menschen vorgelesen. Die gemeinsamen Gefühle bleiben unvergessen.

Wort und Bild gehen auch hier Hand in Hand. Was Michael Morpurgo nicht beschreibt, zeichnet Gemma O`Callaghan in warmen Farben wie einen lebendigen Dialog hinzu. Ein großer geschriebener Film spielt sich vor unseren Herzen ab. Öffnet der Sehnsucht nach der einen leuchtenden Sekunde des Erzählens euer Herz und lasst diese Geschichte zu. Gebt ihr einen kleinen Platz bei euch. Sie ist viel mehr als nur „Meer und Himmel“. Sie ist genau das Zwischendrin. Das Zentrum des Gefühls.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Bücher über Menschen, die im Krieg ihr Gesicht verloren haben begleiten mich schon lange. Eins wollt ich dir noch sagen und In finsteren Himmeln beleuchten den wahren und dramatischen medizinischen und seelischen Hintergrund. Diese Bücher geben sich die Hand. Aufrichtig.

Update:

Anja hat auf ihrem Blog „Zwiebelchens Plauderecke wundervoll über dieses Buch geschrieben. Diese Sicht sollte man sich nicht entgehen lassen… Darf man nicht…