1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Vor wenigen Wochen schrieb ich voller Vorfreude auf das neue Buch von Florian Illies 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte und im Rückblick auf seine vorausgegangene Hommage an das Jahr 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts:

Vielleicht versteht man jetzt, worauf ich mich wirklich freue. Es sind die Seiten des Lesens neben diesem Buch, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, die mich aber vielleicht erneut verändern und prägen werden. Es sind Geschichten, auf die mich Florian Illies direkt stößt, während er mir indirekt ganz andere Wege weist. Ich möchte euch schon heute einladen, zurückzublicken, die Artikel von damals zu lesen und mich zu begleiten, wenn der Autor weitererzählt. Ich kann es kaum erwarten, mich wieder in das Jahr 1913 fallenzulassen. Ich kann es kaum erwarten, neue rote Fäden zu finden und sie zu einem Lesemuster zu vereinen. Ich werde das neue Buch lesen und hören. Ich werde wie von einem Wahn besessen sein und mich außerhalb der Geschichte auf Geschichten zubewegen, die ich jetzt noch nicht kenne. Wird das ein goldener Herbst.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Das Sequel „1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ ist selbsterfüllende Prophezeiung und literarische Schicksalsfügung zugleich. Wenn man sich als Leser so verhält, dass sich die Vorhersage erfüllen kann, indem man eine positive Rückkopplung zwischen Erwartung und Verhalten an den Tag legt, dann findet man in der Fortsetzung des Bestsellers „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ das erhoffte Meisterwerk vor. Neugier, Wissensdurst, eine gesunde Portion Voyeurismus und die pure Lust am Lesen sind die besten Voraussetzungen, um sich erneut mit einem Jahr zu beschäftigen, das dem Lauf der Weltgeschichte nicht genug positive Energie entgegenstellen konnte, um zu verhindern, was nahezu unausweichlich schien. Ein Meilenstein-Jahr überbordender Revolutionen in den Bereichen Malerei, Musik und Literatur reichte nicht aus, das Feuer zu löschen, an dem 1914 die Fackeln des Ersten Weltkrieges entzündet wurden.

Ja, es gibt viel zu erzählen zu diesem letzten echten Sonnenjahr, bevor sich das 20. Jahrhundert fast dauerhaft verdunkelte. Und ja, Florian Illies hat noch so viel im Köcher seiner ausgezeichneten Beobachtungs- und Kombinationsgabe, was unbedingt noch erzählt werden musste. Er knüpft nahtlos an sein erstes Buch an, erweitert seinen Fokus auf bisher unerwähnte Zeitgeister und besticht erneut in der humorvoll brillanten Analyse und Verknüpfung individueller Lebenswege, die sich niemals kreuzten. Florian Illies verbindet scheinbar lose Enden eines Jahres miteinander, erzeugt Nähe, wo doch nur Distanz zu herrschen schien und erweist sich als literarischer Prophet für das, was unweigerlich kommen musste.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

„Am 1. Oktober (1913) war (Alfred) Lichtenstein als Einjährig-Freiwilliger in das Zweite Bayerische Infanterieregiment eingetreten. Und er hatte das mit dem „Einjährigen“ ernst gemeint. Er fällt am 25. September 1914, also genau ein Jahr später.“

Illies vermag es, sich zum Propheten zu erheben, weil er seinen Recherchen glaubt, und mit scharfen Blick auf die folgenden Ereignisse zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden weiß. Er nimmt seine Leser mit ins Boot und lässt ihnen genügend Raum für eigene Schlussfolgerungen. Ein formidables Spiel mit prominenten Lebenswegen im Kontext der großen Geistesströmungen und Sittenbilder einer einzigartigen Epoche. Es sind Skandale und Liebesgeschichten, die dem Jahr 1913 den Stempel aufdrücken. Es sind Erfindungen, die ihm Tempo verleihen. Es werden Loopings geflogen, Rekorde um Rekorde gebrochen, Konventionen zermalmt und kulturelle Grenzen überwunden. Der Tango erobert die Welt, Fliegerasse stürzen reihenweise ab und ebnen doch die Wege für die neue Wunderwaffe des Jahres 1914. Frauen zeichnen ein völlig neues Bild von sich selbst und abstrakte Maler zeichnen Frauen derart verfremdet, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen. 1913 – Ein Jahr des Bildersturms.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Und ja, Rilke hat noch immer Schnupfen. Wer hätte anderes erwartet. Illies beglückt literaturbegeisterte Leser mit Anekdoten, Hintergründigem und Erzählenswertem zu den großen Schriftstellern dieser Zeit. Marcel Proust bringt Verleger und Lektoren mit einer sehr individuellen Form der Bearbeitung von Korrekturfahnen um den Verstand; Karen Blixen verlässt Rungstedlund und reist nach Afrika; Ambrose Bierce verschwindet am 26. Dezember mit dem Satz „Morgen werde ich gehen, und zwar mit unbestimmtem Ziel“ und die kommenden Klassiker, wie „Ulysses“, „Mann ohne Eigenschaften“, „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ oder „Der Zauberberg“, können das magische Jahr 1913 als Geburtshelfer in die Danksagung aufnehmen. Und der gute Arthur Schnitzler weiß schon jetzt kaum noch, welcher Frau er sich zuwenden soll. Die Sternwartestraße in Wien erlebt die wohl letzten ruhigen Tage vor dem Sturm, der Schnitzler heimsuchen wird. Seine Tochter Lili lebt noch. Er ist im vierten Akt seines Lebens. Der fünfte folgt.

In der Malerei wird es abstrakt. Franz Marc und viele „Art“-Genossen prägen das Bild der Zeit mit Bildern, die den Kunstbegriff über den Haufen werfen. Ich begegne meinen Wegbegleitern die mein Leben seit dem Jahrhundertsommer nachhaltig geprägt haben. Else Lasker-Schüler, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner sowie Gabriele Münter schlagen eine Brücke, über die Blaue Reiter galoppieren. Und all das  in einer wirren Zeit, in der sich Geld-, Hoch- und Kunstadelige gegenseitig in den Armen zu liegen scheinen. Das Leben ist abstrakt und rast auf eine Apokalypse zu. Sehenden Auges, angesichts der Aufrüstung in allen Ländern. Es mutet an wie ein Abgesang, den jeder anzustimmen vermag, der alte Feindbilder pflegt und neue Kunstbilder schon jetzt als entartet bezeichnet. Da sieht man das Unheil schon kommen.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Es ist ein besonders Buch. Es ist voller Geschichten, die unbedingt noch erzählt werden mussten. Die beiden 1913er von Florian Illies gehören zusammen und sollten nicht voneinander getrennt werden. Das signalisieren schon die Cover, die so viel mehr erzählen, als viele Geschichten dieses Jahres. Farbfotos, fast noch experimentell, aber doch schon so ausdrucksstark, dass sie eigene Welten zu bewahren scheinen. Sie sind beide aus der Hand eines Fotografen. Gesehen mit demselben Auge, fokussiert und für alle Zeit bewahrt. Und nicht nur das. Auf beiden Büchern gehen wir mit Edeltrude Kühn, der Tochter des experimentierfreudigen Lichtbildners Heinrich Kühn, in ein Jahr voller Widersprüche und Geschichten, die in diesen Fotografien ihre Entsprechung finden. Sie sollten die Geschichte hinter den Bildern selbst erlesen und gut darauf achten, wem sie künftig gestatten, Familienfotos zu machen. Amüsant und tragisch zugleich.

Ulrich Noethen verleiht der Hörbuchfassung zu 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ eine ganz eigene Atmosphäre. Er mutiert zum Chronisten, der von Florian Illies durch dieses Jahr geführt wird. Noethen gelingt der Spagat zwischen einer teils sachlichen Schilderung von Ereignissen und der immer wieder sehr pointierten und scharfzüngigen Bewertung der Hintergründe mehr als brillant. Seine Stimme legt ihren sonoren Finger in die Wunde der Geschichte, an die sich niemand mehr erinnern kann. (Oder mag). Zuhören wird hier allemal zum aktiven Prozess, weil man seine Hände frei hat, um parallel zum Hörgenuss in den Büchern zu blättern, die das Jahr 1913 erwähnt, aufgreift oder berührt. Mehr kann man nicht wollen, wenn man sich unter Kopfhörern für ein paar Stunden abschottet, um eine Zeitreise zu unternehmen. Ein Genuss.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Jetzt ist sie komplett. Meine Begegnung mit dem Jahr 1913. Dabei gäbe es sicher noch so viel zu erzählen…

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Die Reise in ein besonderes Jahr
Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Verwunschene Bilder
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – In memoriam Else Lasker-Schüler
1913- Der Sommer des Jahrhunderts geht weiter“ – Eine Hommage

Unter dem Schlagwort 1913 findet man alle Einflüsse auf mein heutiges Lesen…

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

„1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ geht weiter

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

Es ist jetzt schon fast sechs Jahre her, da wurde ich von einem Buch angefallen, mit Haut und Haaren verzehrt, und an Geist und Seele extrem verändert wieder in mein Lesen zurückgeworfen. Es war eine Zeit, in der das oberflächliche Lesen von mir Besitz ergriffen hatte und ich auf der Suche nach der ultimativen Inspiration war. Eine Zeit, die für mich immer noch mit einem Jahrhundertsommer in Verbindung steht, der nachhaltig in mir verankert bleibt. Es handelt sich um ein Buch, dessen Erfolg man nicht vorhersah und das sich durch Mundpropaganda, Literaturkritiken und Rezensionen langsam in die Herzen der Leser fraß. Ein Buch, von dem man noch heute spricht, wenn man von dem literarischen Highlight des Jahres 2013 spricht.

1913 Der Sommer des Jahrhunderts“ von Florian Illies schlug damals eine Brücke mit hundertjährigem Fundament in eine Vergangenheit, die als der letzte Sonnenstrahl eines Zeitalters galt, bevor die großen Kriege die Welt verdunkelten. Ich hatte viel über die beiden großen Weltkriege, ihre Auslöser und Folgen, Täter und Opfer gelesen und geschrieben. Ich habe oft daran gedacht, wie meine Großeltern diese Zeit empfunden haben könnten und ich habe oft versucht, in mich selbst hineinzuhorchen, ob ich diese Vorboten der Weltuntergangsstimmung wahrgenommen hätte. Niemals zuvor jedoch in meinem Lesen hat mich ein Autor so einfühlsam an die Hand genommen und mir einen Blick in das Kaleidoskop eines Jahres gewährt, das noch heute als der letzte und längst vergangene Moment der Ruhe vor dem großen Sturm gesehen werden kann.

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

Ich reiste in das letzte jungfräuliche Jahr des 20. Jahrhunderts. Ich begegnete den großen und kleinen, den wichtigen und scheinbar unwichtigen Figuren, ich traf hier auf Menschen, denen ich zuvor nie begegnet war, die mir seitdem zu lieben Wegbegleitern in der Literatur wurden. Jeder Blick in dieses Kaleidoskop zeigte mir eine neue Episode und jede kleine Drehung dieses literarischen Panoptikums veränderte meinen Blick auf die mir bekannte Welt. Ich schrieb wie vom Wahn besessen über dieses Buch. Ich war ihm total verfallen, weil die vielen kleinen Geschichten in der Geschichte mich fesselten und nicht mehr losließen. Warum ich heute, so lange nach dem Lesen dieses Romans wieder zu schreiben beginne? Keine Sorge, ich werde mein damaliges Lesen nicht vor euch ausbreiten, wie einen längst plattgetretenen Teppich.

Ich hatte am Ende des Buches nur einen einzigen Wunsch an den Autor, der sich zur einstigen Artikelserie über seinen Roman übrigens so äußerte: „Welch wunderbare Anverwandlung meines Romans.“ Ich wünschte mir von ihm ein solches Buch für jedes Jahr des vergangenen Jahrhunderts. Ich wünschte mir den Menschen weiter folgen zu dürfen, sie aus der Perspektive des brillanten Erzählers weiter zu beobachten und ihre Geschichte bis zum Ende erlesen zu dürfen. Ein Wunsch, der mir nicht erfüllt wurde. In der Denkwelt des Florian Illies schien es nicht vorstellbar zu sein, das Dunkel jenes 20. Jahrhunderts zu beschreiben, dessen Sonnenuntergang er in unnachahmlicher Weise literarisch zelebriert hatte. Und doch jubiliere ich heute, weil ich gute Nachrichten habe, die ich nicht im Giftschrank der kleinen literarischen Sternwarte verschließen mag.

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“. Na, wie klingt das? Florian Illies hat wohl mit dem Jahrhundertsommer niemals abgeschlossen. Wie wir heute erfahren, hat der Erfolgsautor seit dem Erscheinen seines Bestsellers aus dem Jahr 2013 weiter recherchiert, nach großen und kleinen Geschichten gesucht und wird diese nun schon am 24. Oktober auf ganzen 274 Seiten auf den hungrigen Buchmarkt bringen. Für mich ist das ein wahres Fest fürs Lesen. Und nicht nur das. Ich habe mich mit dem Hörbuch wieder in den Jahrhundertsommer zurückgezogen, um aufzufrischen, was nun auch als Hörbuchfassung seine Fortsetzung erfährt. Ich tauche wieder ein und veranschauliche mir, auf was ich mich besonders freue. 

Dabei sind es nicht nur neue Geschichten, auf die ich hoffe. Ich bin mir sehr sicher, dass Rilke immer noch Schnupfen hat (einer der Running-Gags dieses Sommers), ich denke mir, dass Klimt nach wie vor völlig nackt unter seinem Kittel malt und porträtiert und ich weiß mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass die Blauen Reiter und Franz Marc immer noch bestrebt sind, Else Lasker-Schüler unter ihre zarten Arme zu greifen. Dies waren Geschichten, die mich 2013 prägten, meine Suche nach Blauen Pferden und Zeugnissen einer besonderen literarischen Freundschaft lostraten. Es war dieser Sommer des Jahrhunderts, den man noch heute bei AstroLibrium in allen Ecken aufspüren kann. Wenn mich jemals ein Buch beeinflusst hat, dann dieses. Wenn ich in meinem Lesen ein einziges Mal beim Aufspüren einer Fährte aus einem Buch geweint habe, dann hier. Unvergessen bleibt mir ein absolut magischer Moment, in dem ich auf Fotos eines jungen Mädchens stieß, die Florian Illies eigentlich nur am Rande erwähnt hatte. Wahrhaft verwunschene Bilder

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

Die Fotografien eines britischen Colonels, der seine Tochter Christina in zeitloser Schönheit am Strand für die Ewigkeit festhielt, haben das Bild von diesem Sommer geprägt. Diese Bilder strahlten nicht nur eine geradezu majestätische Zeitlosigkeit aus, sie machten dieses junge Mädchen für alle Epochen dieser Welt unsterblich. Die Wahl ihrer Bekleidung allein ist in den frühen Jahren der Farbfotografie Grundlage für diesen emotionalen Meilenstein. Rot. Erst seit kurzer Zeit war man in der Lage, diese Farbe zu reproduzieren, aber genau bis zu diesem Zeitpunkt war es niemandem gelungen, diese Farbtöne auf solch beeindruckende Art und Weise mit Leben zu füllen. Randgeschichte könnte man sagen. Es ist viel mehr. Es ist ein Mosaikstein außerhalb des Mosaiks. Das ist der Spielraum der Inspiration, in dem wir uns so gerne ausleben.

Vielleicht versteht man jetzt, worauf ich mich wirklich freue. Es sind die Seiten des Lesens neben diesem Buch, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, die mich aber vielleicht erneut verändern und prägen werden. Es sind Geschichten, auf die mich Florian Illies direkt stößt, während er mir indirekt ganz andere Wege weist. Ich möchte euch schon heute einladen, zurückzublicken, die Artikel von damals zu lesen und mich zu begleiten, wenn der Autor weitererzählt. Ich kann es kaum erwarten, mich wieder in das Jahr 1913 fallenzulassen. Ich kann es kaum erwarten, neue rote Fäden zu finden und sie zu einem Lesemuster zu vereinen. Ich werde das neue Buch lesen und hören. Ich werde wie von einem Wahn besessen sein und mich außerhalb der Geschichte auf Geschichten zubewegen, die ich jetzt noch nicht kenne. Wird das ein goldener Herbst.

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

Die Lesereise aus dem Jahr 2013 in meinem AstroLibrischen Archiv:

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Die Reise in ein besonderes Jahr
Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Verwunschene Bilder
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – In memoriam Else Lasker-Schüler

Unter dem Schlagwort 1913 findet man alle Einflüsse auf mein heutiges Lesen…

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

Die Reise geht weiter: „1913 – Was ich unbedingt noch eräzhlen wollte

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

„Wild“ – Der letzte Trip auf Erden mit Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner zuzuhören ist ein Erlebnis. Ihn zu lesen steht dem in nichts nach. Er weiß sehr genau worüber er schreibt, wenn er das Extreme beschreibt, wenn er über die Motivation von Menschen spricht, die sich Ziele gesteckt haben, von denen wir noch nicht einmal zu träumen wagen. Messner weiß dies, weil er selbst ein Besessener war, dessen Reputation noch heute auf der Bewältigung des Extremen gründet. Berge ohne Sauerstoff zu besteigen, Alleingänge und Erstbesteigungen, Rekorde über Rekorde, im ewigen Eis Spuren zu hinterlassen, das sind die Wegmarken seines Lebens, die uns an den Reinhold Messner erinnern, wie er sich selbst gerne sieht.

Aber es sind auch die Konflikte mit seinen Bergkameraden, den Männern an seiner Seite, die von seinem extremen Ego künden und den Eindruck erwecken, es mit einem Leitwolf, einem Alphatier zu tun zu haben. Keinesfalls jedoch mit einem empathischen Teamleader. Umso erstaunlicher scheint es, dass er sich in seinem neuesten Buch mit einem Menschen auseinandersetzt, der genau aus diesem Grund zu einer Legende in der Geschichte der Polar-Expeditionen wurde. Einer fast vergessenen Legende, muss man dazu sagen, denn den Ruhm erntete ein anderer, der in seinem Wesen eher dem Extrembergsteiger Reinhold Messner gleicht.

Wild von Reinhold Messner

Wild“ [waild] erzählt die Geschichte des englischen Abenteurers Frank Wild, der die Antarktis im frühen 20. Jahrhundert besser kannte als seine Westentasche. Zahllos waren seine Beteiligungen an Expeditionen zur Erforschung dieses neuen Kontinents, zahllos seine Versuche mit unterschiedlichsten Expeditionen zum Südpol vorzustoßen und ihn für sein Land in Besitz zu nehmen. Zahllos waren auch seine Kontrahenten, die in einem wahren Wettlauf zum Südpol das letzte große Ziel für Entdecker erobern und sich selbst dadurch unsterblich machen wollten. Die Geschichte von Frank Wild jedoch ist nicht die Geschichte eines Robert Falcon Scott oder eines Roald Amundsen. Wir haben es hier nicht mit einem großen Forscher zu tun, der berühmt werden möchte.

Frank Wild ist der sogenannte Zweite Mann an der Seite von Ernest Shackleton, der „Right Hand Man“ ohne den man heute wahrscheinlich über die vielen Toten berichten müsste, die Shackletons Ehrgeiz zum Opfer gefallen wären. Jenem Shackleton, der es nicht geschafft hatte, im Wettrennen um den Südpol eine wichtige Rolle zu spielen, der sogar von Robert F. Scott ausgebootet und bei Weitem übertroffen wurde. Gescheitert und frustriert beschließt Shackleton in einem letzten Anlauf und mit einem aberwitzigen Plan im Jahr 1915 die so sehr ersehnte polare Unsterblichkeit zu erlangen.

Wild von Reinhold Messner

„Der letzte Trip auf Erden“ soll ihm den Durchbruch bringen. Eine Expedition, mit der er endlich zu Weltruhm gelangen könnte. Die Durchquerung der Antarktis. Wissend um seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen setzt Ernest Shackleton erneut auf den Mann, der als sein Stellvertreter dafür verantwortlich ist, die Mannschaft zu führen und die Männer der Expedition in bedrohlichen Situationen durch persönliches Vorbild zum Überleben zu motivieren. Frank Wild ist der symbiotische Charakter, der Shackleton im Kampf gegen die Natur komplementär zu ergänzen scheint. Ruhmsucht ist ihm fremd, Empathie scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein und sein Umgang mit denen, die ihm anvertraut sind ist entscheidend für den Erfolg dieser Mission.

Shackletons „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ scheitert krachend. Sein Schiff „Endurance“ bleibt im Packeis stecken, wird von den Eismassen zermalmt und die 28 Männer müssen sich mit Rettungsbooten einen Weg zu einer kleinen Insel erkämpfen. Dort heißt es warten und sterben oder in einer letzten aberwitzigen Aktion alles auf die Karte Shackleton zu setzen. 22 Männer bleiben im antarktischen Winter auf Elephant Island zurück, während Shackleton mit fünf Begleitern in einem der Boote losfährt, um Hilfe zu holen. Frank Wild ist es, der zurückbleibt. Als Führer der verzweifelten Gruppe, die zur Untätigkeit verurteilt ist und nichts tun kann, außer auf Hilfe zu warten.

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner stellt nun diesen Frank Wild in den Mittelpunkt. Eine Position, in der er sich sicher nicht wohlgefühlt hätte. Messner beschreibt sein Wesen, Gründe und Ursachen für seine Fähigkeit, Menschen zu führen und entwickelt dabei ein zeitloses in sich geschlossenes Bild, was charismatische Führer ausmacht. Messner schreibt über grenzenloses Vertrauen, Vorbildhaftigkeit und Bescheidenheit. Alles Wesensmerkmale über die Frank Wild zweifelsohne verfügt und die in den Tagebuchaufzeichnungen der Überlebenden belegt sind. Vier Monate dauert das Martyrium der 22 auf der Insel. Kein einziger von ihnen begeht Selbstmord, niemand wird aufgegeben, alle überleben bis zu dem Moment der Rückkehr von Ernest Shackleton.

Messner schreibt sich und seine Leser voller Ehrfurcht auf diese Insel. Er macht uns zu Schiffbrüchigen, die das Bersten der Schiffsplanken der Endurance noch im Ohr haben, die hungern, frieren und in ihrer Hoffnungslosigkeit versinken. Der Gestank der Männer macht alles mürbe, die Sehnsucht nach Wärme frisst sich ins Herz und die pure Angst beherrscht unser Schlafen. Immer wenn wir denken, es geht nicht weiter, ist da jener Frank Wild. Unerschütterlich, in sich selbst ruhend und alle Entbehrungen mit seinen Männern teilend. Loyal gegenüber dem Boss, der sicher bald kommt und ruhig, wo andere die Nerven verlieren. Reinhold Messner erweist einem Mann die Ehre, der er selbst nie hätte sein können. Reinhold Messner wäre selbst losgefahren, hätte Rettung geholt und wäre dann als Held der in die Geschichte eingegangen. Und genau das ist es, was dieses Buch so magisch macht. Nur ein Leitwolf kann einem Zweiten Mann die Ehre erweisen, weil ein Zweiter Mann nie über sich schreiben würde. Nur ein Alphatier kann auf den stärksten Charakter im Rudel zeigen. Ohne Rigth Hand Man Frank Wild wäre die Geschichte der Endurance die Geschichte eines Massengrabes auf Elephant Island.

Wild von Reinhold Messner

Ein fesselndes und nachhaltig wirkendes Buch! Wie sein „Absturz des Himmels“ bringt es uns die Leistungsfähigkeit von Menschen unter extremen Bedingungen näher und erweitert unseren Horizont, auch weil er die jeweiligen Expeditionen in ihren sozio-historischen Hintergrund einbettet. Es ist bitter für Shackleton zu erkennen, dass kaum jemand an seiner Story interessiert ist, weil Europa in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges ausblutet. Und doch ist dies auch ein Buch mit einem erstaunlichen Bruch, da Reinhold Messner ein Kapitel ausblendet, das für die Männer der Endurance mehr als traumatisch war und ewig nachwirkte. Ein Kapitel, das nicht mal das Bilderbuch von William Grill „Shackletons Reise“  ausblendet, obwohl hier die Zielgruppe Kinder sind.

Ich spreche hier von 69 Schlittenhunden die an Bord der Endurance waren. Tiere, die erschossen werden mussten, nachdem ihre Rettung ausgeschlossen war. Hunde, die der Besatzung mehr als ans Herz gewachsen waren. Teams, die blind funktioniert haben und Bindungen, die von Frank Wild zerrissen wurden, weil ihm die Aufgabe ihrer Erschießung zukam. Er selbst schrieb dazu:

Ich habe Männer gekannt, die ich an diesem Tag lieber erschossen hätte, als den schlechtesten dieser Hunde.

Einige der Männer haben ihm das nie verziehen. Ein Aspekt, den man nicht einfach vernachlässigen darf, wenn man über Frank Wild schreibt. Denn das Überleben auf der Insel war nicht harmonisch. Signifikant dafür ist auch, dass vier Überlebende von einer Liste gestrichen wurden, mit der Ernest Shackleton seine Besatzung für die Verleihung der Polarmedaille vorschlug. Unter ihnen auch der Schiffszimmermann Harry McNish.

Wild von Reinhold Messner

Von ihm wird noch zu reden sein. Er brachte die Schiffskatze Mrs. Chippy an Bord. Auch Mrs. Chippy wurde erschossen. Ihre Geschichte wurde von Caroline Alexander in einem bewegenden Buch erzählt. „Mrs. Chippys letzte Expedition in die Antarktis“ ist schon insofern erwähnenswert, weil die Autorin neben diesem Kinderbuch auch das absolute Standardwerk zur Expedition „Die Endurance“ verfasst und Elephant Island mit Reinhold Messner besucht hat. Eigentlich schließen sich hier alle Kreise. Ich mag jedoch einen Kreis öffnen und die Geschichte der Schiffskatze von einer Autorität auf diesem Gebiet rezensieren und beleuchten lassen.

Pauli vom Blog Lesende Samtpfote wird an Bord der Endurance gehen und sich auf die Suche nach den Spuren von Mrs. Chippy begeben. Hier geht’s bald weiter.

Wild wirft Fragen auf, die vielleicht die Schiffskatze der Endurance beantworten kann

„Und es schmilzt“ von Lize Spit – Vorsicht vor diesem Buch

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Es ist noch gar nicht so lange her, da sah man unzählige Videos von Menschen, die sich Eiswürfel über den Kopf schütteten. Es war die Zeit der Ice Booket Challenge. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich es für absolut ausgeschlossen hielt, dass ich mich selbst einer solchen Herausforderung stellen würde. Dass ich jedoch eines Tages beim Lesen eines Romans an diese virale Online-Aktion denken würde, hätte ich auch nicht gedacht. Genau das jedoch ist mir nun passiert. Doch es kam dann ganz anders, als ich es mir gedacht habe. (Hier weiterhören oder -lesen. Sie haben die Wahl)

Und es schmilzt von Lize Spit – Der Radio-PodCast

Und es schmilzt“ von Lize Spit ist die Ice Book Challenge unserer Tage. Leser in Deutschland und Holland überschütten sich mit dem Schmelzwasser eines Eisblocks, den sie so schnell nicht wieder aus den Köpfen bekommen, nachdem sie den Thriller aus dem Hause S. Fischer Verlag schockgefrostet verlassen haben. Was man vorher jedoch mit der Protagonistin des Romans durchzumachen hat, ist mehr, als so manch zartes Leserherz zu verkraften in der Lage ist. Ein Buch aus der Kategorie „Ist es zu hart, bist du zu weich!„.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Und sagt nach dem Lesen nicht, Ihr hättet keine Ahnung gehabt. Die Warnungen des Verlages sind zu eindeutig. Da reicht ein Blick auf das eisige Buchcover und jeder erfahrene Leser weiß, was er vom Inhalt zu erwarten hat. „Diese Geschichte packt Sie an der Kehle“, „Dieser Roman ist eine Granate, die erst nur einen Schatten wirft, und dann mit kaltblütiger Präzision einschlägt“, „…besetzt eine besondere Stelle in Ihrem Kopf, irgendwo zwischen Behaglichkeit, Unruhe, Vertrautheit und Entsetzen“, so das Presseecho aus den Niederlanden. Und nicht zuletzt prangt dieser Slogan über diesem Psychothriller „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.

Normalerweise gehören diese Blurbs ja ins Reich der Legende, denn wer druckt schon so negative Äußerungen, wie „Langatmig“ oder „Netter Versuch“ auf ein Cover, möchte man diese Zitate aus professionellem Munde doch verkaufsfördernd einsetzen? Diesmal jedoch bin ich eher verleitet diese Prädikate nicht zu kritisieren, da sie jedes für sich im Kern einen Punkt berühren, der diesen Roman so außergewöhnlich macht und dafür sorgt, dass man ihn nicht so schnell vergessen kann. Er verlangt wirklich alles von seinem Leser: Durchhaltevermögen, einen langen Atem und gestählte Nerven, wenn es darum geht, am Ende der Story bei klarem Verstand zu bleiben.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Worum geht es eigentlich, was macht dieses Buch so gefährlich? Schauen wir uns doch einfach einmal die Ausgangssituation ganz in Ruhe an und überlegen dann weiter, ohne vorschnelle Rückschlüsse zu ziehen. Denn wenn diese Story eines gar nicht mag, dann sind es vorschnelle Urteile. Allein der Begriff „vorschnell“ ist mit diesem Thriller in keiner Weise zu vereinbaren. Also fangen wir ganz von vorne an. Eine junge Frau kehrt nach neun Jahren zurück in ihr Heimatdorf, das sie fast vollständig aus ihrem Leben zu verdrängen versucht hat bis eine Einladung eines ihrer beiden ältesten Jugendfreunde Eva zur Rückkehr veranlasst.

Und so kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück. An den Ort, an dem sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen ist, den Ort, an dem ihre Eltern noch wohnen und an den Ort, der sie und ihre beiden besten Freunde Laurens und Pim nur als „Die drei Musketiere“ kannte, so eng waren sie einander verbunden. Einer für alle, alle für einen. Das war seit Anbeginn des Denkens das gemeinsame Mantra. Doch was nimmt eine junge Frau mit, wenn sie nach so langer Zeit beschließt, der Einladung von Pim zu folgen, wissend, dass auch Laurens anwesend sein wird? Was hat man im Gepäck?

Eva reist mit einem langsam schmelzenden Eisblock im Kofferraum nach Hause.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Schon bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich Euch gerne mit diesem Roman alleinelassen würde, nicht jedoch ohne einige rezensorische Hinweise zu geben, die mir das Lesen erleichtert hätten. Lize Spit nimmt sich Zeit, ihren Thriller zu entwickeln. Sie nimmt sich viel Zeit, was in der heutigen schnelllebigen Zeit vielleicht oftmals gar nicht so gut ankommt, möchte man doch immer schnell zum Punkt kommen, um dann wieder in andere Geschichten einzutauchen. Das ist nicht drin bei Lize Spit. Evas Rückkehr in ihr Heimatdorf lüftet jenes Geheimnis, das seit 13 Jahren in ihr verborgen ist, im tiefsten Inneren gärt, brodelt und nie zum Ausbruch kam. Ihr Weg zurück ist ein weiter Weg, für den es keine Abkürzung gibt. Schon gar nicht in diesem Roman.

Der Eisblock schmilzt nicht schnell im Winter ihrer Heimkehr. Es ist manchmal ein quälend langsamer Prozess, dem sich Eva in der Rückschau auf ihr Leben aussetzt. Es ist ein quälend langsamer Prozess, der sie selbst zu der Frau gemacht hat die sie heute ist. „Und es schmilzt“ ist ein steter langsamer Fluss an Schmelzwasser, der sich unter uns ausbreitet wie eine Pfütze und Eva zum Kern der Ereignisse von damals vorstoßen lässt. Ihre besten Freunde werden sich wundern, was es mit diesem Eisblock auf sich hat. Wir reißen die Augen auf, wenn wir lesend erkennen, was Eva mit diesem Klotz im Kofferraum ihres Autos bezweckt. Und wir alle, weder die Weggefährten von einst, noch die Leser von heute werden jemals vergessen, welchen Plan Eva verfolgt.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Geben Sie Lize Spit die Zeit, die sie selbst der Geschichte einräumt, um Eva zu verstehen. Verzagen Sie nicht, wenn Sie das Gefühl haben, einen Handlungsfaden in Händen zu halten, der Sie nicht weiterbringt. Und wiegen Sie sich nie in Sicherheit, weil Sie verleitet sein könnten, es hier mit einem herkömmlichen Entwicklungsroman zu tun zu haben. Das ist es gerade nicht, was Ihnen begegnet, wenn Sie die Füße schon tief im Schmelzwasser der Geschichte stehen haben. Lize Spit erzählt im schonungslosen und beklemmenden Klartext von einer Zeit, in der die jugendlichen Spiele ihre Unschuld für immer verlieren. Machen Sie sich auf Beschreibungen gefasst, die Sie zu Beginn dieses Romans nicht für möglich gehalten hätten.

Und es schmilzt ist ein außergewöhnlicher Thriller, der unvorhersehbar bleibt, bis das Schmelzwasser des Eisblocks seine Leser in tiefe Schockstarre versetzt. Emotional sind wir ganz nah bei Eva und wünschen uns dabei doch oftmals, wir hätten ihr nicht so gut zugehört. Wir wünschten uns, wir hätten uns geirrt. Aber Lize Spit ist gnadenlos. Es ist eine Geschichte, die keine Gnade kennt, weil Gnade das Letzte ist, wovon Lize Spit hier erzählt. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Sagen Sie nur das nicht. Aber sagen Sie auch nicht, ich hätte es Ihnen nicht empfohlen, denn genau das ist mein Ziel,

Litze Spit lässt am Ende des Schreibens keine Fragen offen. Leider.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Seine Jungs sind anders. Das waren sie schon immer und sie werden es immer sein. John Boyne schreibt seit Anbeginn der Tage über junge Menschen, die sich von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden und aufgrund ihrer Wesensmerkmale ausgegrenzt oder isoliert werden. Nur weil sie anders sind. Bei John Boyne lernt man als Leser nicht nur damit umzugehen, es ertragen und aushalten zu können. Man lernt auch, wie lächerlich es ist, andere auszugrenzen, weil sie nicht so ticken, aussehen, fühlen, lieben, denken wie es die Normen vorzugeben scheinen. Seine Romane waren, sind und werden stets zeitlos bleiben.

Ich habe durch ihn Barnaby, Danny, Noah, Alfie und Bruno kennengelernt. Jungs, die tiefe Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Jungs, die sich in die Herzen der Leser geschlichen haben, Herzen brachen, Gänsehaut verursachten und Tränen ihren Weg ebneten. Unvergessen bleibt auch sein ältester Protagonist in Erinnerung. Tristan Sadler. Anders ist auch er. Ein Soldat im Ersten Weltkrieg. Mehr als nur befreundet mit seinem besten Kameraden. Viel mehr als das. Und doch schämt er sich seiner Gefühle. Am Ende der Scham steht ein Mantra, das Tristan Sadler allen Romanfiguren aus der Feder von John Boyne ins Stammbuch schreibt. Uns Lesern gleich mit dazu.

„Anders zu sein ist immer ein Problem, aber Du kannst es überleben – Du kannst damit zurechtkommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Krieg. Ein zentrales Thema bei John Boyne. Der Umgang mit traumatisierten Vätern, Verlust, Zerstörung und Massenmord beendeten die Kindheit einiger seiner Jungs und machten sie zu Opfern ihrer Zeit. Alfie erlebte das psychische Wrack seines Vaters am Ende des Ersten Weltkrieges und Bruno traf am dunkelsten Ort der Weltgeschichte auf einen Freund, der sein Schicksal besiegelte. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bleibt wohl das bedeutendste Werk John Boynes. Ein fiktionales Gedankenspiel, in dem das Schicksal einen der schlimmsten Täter des Holocaust auf grausame Weise bestraft. Es sind dabei immer die unschuldigsten und reinsten Herzen, die den Preis für die Untaten anderer zu bezahlen haben. Bruno folgt einem Jungen im gestreiften Pyjama. Ins Gas. In Auschwitz. Aus Neugier und Freundschaft. Sein Vater, der Massenmörder, verliert was er allen nahm. Ein Meisterwerk, dem John Boyne nun ein weiteres folgen lässt.

Der Junge auf dem Berg“, erschienen im Fischer Verlag, verdichtet erneut den Krieg und seine Folgen zu einem geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss keines der Werke von John Boyne kennen, um diesen Roman in sein Herz zu schließen. Sollte man sich jedoch an Alfie und Bruno erinnern, dann wird man an einigen Stellen in diesem Roman Stiche im Leserherz empfinden, weil hier Wunden aufgerissen werden, die niemals verheilt sind. Pierrot ist “Der Junge auf dem Berg“. Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Keine gute Konstellation nach dem Ersten Weltkrieg. Ganz besonders nicht, wenn man in Frankreich lebt und im eigenen Vater das seelische Wrack eines besiegten und traumatisierten Menschen vor Augen hat. Alfie und Pierrot eint das Leben mit den Folgen des Krieges.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne macht uns in Der Junge auf dem Berg erneut zu den Weggefährten eines kleinen Jungen mit reinem Herzen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1936 auf sich allein gestellt und plötzlich elternlos den Weg in ein unbestimmtes Leben antritt. Seinen besten Freund, den jüdischen Jungen Anshel und seine Heimatstadt Paris muss er nun hinter sich lassen, um in einem Waisenhaus seine Kindheit zu verbringen. Bis dahin ist Pierrots Leben so verlaufen, wie das vieler französischer Kinder. Behütet und ruhig. Als die Schwester seines Vaters den kleinen Jungen jedoch nach Deutschland holt, ändert sich alles. Die Zeit ist kritisch, das Land ist fremd und der Ort, an dem er nun leben soll ist der wohl ungewöhnlichste für eine unbeschwerte Kindheit.

Der Berghof. Hitlers Refugium bei Berchtesgaden. Die nationalsozialistische Idylle eines Ferienhauses am Rande der eskalierenden Weltpolitik. Von all dem ahnt Pierrot nichts, als er in die Gepflogenheiten des Ortes eingewiesen wird, an dem seine eigene Tante als Haushälterin arbeitet. John Boyne nähert sich authentisch und intensiv dieser abgelegenen Machtzentrale an, die nur von Zeit zu Zeit von Hitler bewohnt wurde. Und doch entstand in diesen Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dort ein Nazitraum vor der malerischen Kulisse der Alpen. Ein Traum, der im Lauf der nächsten Jahre Schauplatz wichtiger politischer Begegnungen und braunes Auge des Nazi-Orkans werden sollte.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Aus dem kleinen französischen Jungen muss natürlich ein deutscher Junge werden, wenn er schon das Privileg genießt, auf dem Berghof leben zu dürfen. Aus Pierrot wird Peter. Und aus seiner lässigen und städtischen Kleidung wird die Knabenuniform des Jungvolks. Mit den äußeren gehen auch andere Veränderungen einher. Nur eine Frage der guten Erziehung. Nur eine Frage der Vermittlung neuer Werte. Das ist im Alter von acht Jahren doch schnell zu vermitteln. Hier ist der Geist formbar und willig. Und in der Anwesenheit des legendären Führers doch nur selbstverständlich. „Heil Hitler“ wird die Formel für das Leben auf dem Berghof. Vergessen wir Pierrot, so wie er sich selbst zu vergessen beginnt. Es lebe Peter. Peter der Große, so wie er sich selbst bald zu fühlen scheint. Diagnose des Lesers: „Zustand nach brauner Hirnwäsche“…

John Boyne bleibt sich selbst treu und wagt doch erneut viel. Er beschreibt in dem Umerziehungsprozess die Schwäche des Menschen und die scheinbare Stärke, die am Ende der Assimilation zu erwachen scheint. Aus unsicheren kleinen Jungs werden die machtgeilen Despoten der Zukunft. Gewagt ist es, diesen Roman in zwei Teilen sehen zu müssen. Einen rein fiktionalen Teil über die französische Kindheit Pierrots bis zu der Ankunft auf dem Berghof und einen zweiten authentischeren Teil, in dem Peter nun als Zaungast den historisch verbrieften Ereignissen auf dem Berghof beiwohnt. Boyne hat durch diesen literarischen Kunstgriff Fiktion und Realität vermischt und doch ist es ihm gerade dadurch gelungen, dem Nationalsozialismus die Maske der Bergidylle von der braunen Fratze zu reißen. Indoktrination wird greifbar. Flucht unmöglich. Peter wird zu einem Produkt seiner Zeit. Einer von vielen… Einer von zu vielen…

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne beantwortet in seinem Jugendbuch „Der Junge auf dem Berg“ viele komplexe Fragen der Manipulierbarkeit des Menschen, seiner Korrumpierbarkeit in Hinblick auf den Zuwachs der eigenen Macht über andere und zeigt dabei sehr deutlich die Automatismen auf, die den Einzelnen in einer solchen Situation „umkippen“ lassen. Sprachlich und inhaltlich gelingt John Boyne erneut das literarische Kunststück, seinen Roman so zu verfassen, dass er gerade von jüngeren Lesern verstanden wird. Es fällt nicht schwer, sich in Pierrot hineinzuversetzen. Es tut weh, mit ihm zu Peter zu werden. In der Scham für seine Taten und Handlungen liegt die Kraft, sich selbst aufzulehnen.

Ich möchte nicht, dass Kinder jemals wieder zu einem Peter werden. Ich mag mir nicht vorstellen, dass diese Hirnwäsche an meinen Kindern vollzogen würde. Die letzte Konsequenz des „sich Ergebens“ liegt auf der Hand. Mitläufer und Mittäter entstehen nur so. Das zeigt auch „Der Junge auf dem Berg“. Pierrot/Peter begegnet auf seinem Weg Romanfiguren, die wir aus dem Konzentrationslager in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestens kennen. Sie stehen hier sinnbildlich für die Lebenswege, die aus den Menschen von heute die Täter der Zukunft werden lassen. Hier kreuzen Menschen den Weg eines kleinen Jungen, die viele Jahre später im KZ ihren Hass ausleben dürfen.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Ob „Der Junge auf dem Berg“ über den Berg kommt, sollten Sie selbst lesen. Der Roman trägt das Gütesiegel Boyne und wird ihm mehr als gerecht. Hintergründe und Hintergründiges zu seinem Schreiben finden Sie in meinem Interview mit diesem ganz Großen seiner Zunft. Hier

Auch Bianca und Literatwo sind beim Thema „Gegen das Vergessen“ noch längst nicht über den Berg… Hier geht´s zur Boyne-Rezension auf den Berghof.