„Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde“ – Eine Suche

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Ich liebe Bücher, die sich den existenziellen Lebensfragen in aller Tiefe widmen. Ich folge gerne autobiografisch angehauchten Lebenslinien, die darüber hinaus Fragen beantworten, die mich auch über das eigentliche Lesen hinaus beschäftigen. Fragen, in denen ich Muster erkenne, die andere Bücher aufrufen, mit dem gerade Erlesenen eine literarische Einheit einzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Was macht ein Krieg aus den Menschen? Wie verändern sich Bedürfnisse, Begabungen? Wie geht man mit diesen Extremsituationen um und was bleibt am Ende des Weltenbrandes von demjenigen übrig, der in ihn verwickelt wurde? Wenn die Balance verlorengeht und der pure Überlebenswille regiert, dann verlieren andere Lebensbereiche an Bedeutung…

Die Bedürfnispyramide wird neu geordnet. Eines der ersten Opfer ist die Kultur. Wer täglich um sein Leben kämpft, braucht keine Bilder oder Romane, kein kreatives Feuer und keine Fantasie. Was macht dies nur mit einem Künstler? Vernichtet es ihn oder ist es eher so, dass genau diese Extremsituationen benötigt werden, um am Ende wie ein Phoenix aus der Asche ins Licht der Erkenntnis fliegen zu können. Was wäre ein Ernst Jünger ohne seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg? Gäbe es Remarque ohne Schlacht und hätte Hemingway den Nobelpreis gewonnen, ohne sich ganz bewusst als Reporter in den Krieg zu stürzen? Was trieb den Maler Franz Marc an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um vor Verdun von einem braunen Ross geschossen zu werden? Was wäre die Literatur oder die bildende Kunst ohne die Grenzerfahrung Krieg?

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Aus literarischer Sicht erkennen wir die Einflüsse dieser Extreme auf Autoren in den autobiographisch angehauchten Romanen, die „post bellum“ (nach dem Krieg) entstehen. Traumatisierungen werden deutlich, ein anderer Blick auf die Welt und eine neue Lust am Leben sind diesen Werken gemein. Hier ist es die bewusste Flucht in die anarchische Daseinsebene, die zu einer neuen Wahrnehmung führt. Das haben Kriege mit Drogen gemeinsam. Künstler berauschen sich. Kein Klischee, wenn man sich sehr aufmerksam in einer Kulturwelt umschaut, die bewusstseinserweiternd wirken möchte. Oft kann diese Erweiterung erst herbeigeführt werden, indem sich Maler, Sänger oder Schriftsteller selbst auf die Meta-Ebene der Wahrnehmung katapultieren. Beispiele für diese Theorie finden wir in allen Bereichen des künstlerischen Schaffens.

Dieses Thema treibt mich seit Jahren um. Es beschäftigt mich, weil es sich mir aus heutiger Sicht nicht erschließt, wie man sich freiwillig in ein martialisches Szenario, wie einen Weltkrieg begeben kann, um Inspiration aus Blut zu gewinnen. Ich verstehe nicht warum man alles hinter sich lassen kann und sogar das eigene Leben riskiert, um eine neue Sicht auf die Welt zu bekommen. Am Beispiel des Malers Franz Marc versuchte ich mich schon oft damit auseinanderzusetzen, was sich ein Künstler davon versprach, frontal im Fronterlebnis neue Fronten des Schaffens auszuloten. Ich nähere mich dem Thema niemals aus theoretischer, wissenschaftlicher (wie auch?) oder soziokultureller Sicht. Ich versuche es emotional, weil meine Bindung an die Werke von Franz Marc in jeder Beziehung eine rein gefühlsmäßige ist.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Was trieb den Schöpfer des „Blauen Pferdes“ freiwillig in den Ersten Weltkrieg? Warum schreckten ihn die Fronterlebnisse nicht ab? Warum trennte er sich von seinen expressionistischen Meisterwerken, um neue Impressionen zu finden? Was trieb ihn an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um in der Nähe von Verdun von einem brauen Pferd geschossen zu werden? Und letztlich ist es die Frage, ob er die Sehnsucht nach seinem Meisterwerk im Gepäck hatte, als er Zeuge des großen Schlachtens wurde? Es gab wenige Antworten auf meine Fragen. Selbst im emotionalen Zwiegespräch mit dem Blauen Pferd im Lenbachhaus blieb alles um mich herum stumm. Nur eines steht für mich fest. Es wartet dort seit mehr als 100 Jahren auf die Rückkehr seines Schöpfers.

Viele Künstler verloren angesichts des Krieges schnell alle Illusionen und wurden zu erbitterten Pazifisten. Keine Spur mehr vom Pathos der eigenen Freiwilligkeit, keine Spur mehr von der Bewusstseinserweiterung. Nach dem Krieg kamen sie allesamt auf den Boden der Tatsachen zurück. Bei Franz Marc war dies anders. Für ihn büßten die Schlachten nichts von ihrer magischen Anziehungskraft ein. Distanziert und entrückt ist die Position zu sehen, in der er sich sah. Wie ein Betrachter eines Schlachtengemäldes blickt er fasziniert auf die Details des Sterbens. Anders kann man die Feldpostbriefe an seine Frau nicht lesen. Die morbide Faszination klingt verstörend…

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

„Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste.
Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde (zu) sehen.
Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches.
Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.“

Wie Franz Marc „post bellum“ gemalt hätte? Eine nicht zu beantwortende Frage. Er starb am 4. März 1916 während eines Erkundungsritts nahe Verdun. Ein Granatsplitter traf am Kopf. Franz Marc verblutete. Bis zum heutigen Tag wusste ich nicht, dass auch an diesem Tag ein Skizzenbuch in seinen Satteltaschen steckte. Viel habe ich über ihn gelesen, stand vor vielen seiner Bilder. Stellte mir viele Fragen, doch als ich vor einigen Tagen das „Skizzenbuch aus dem Felde“ in einer Buchhandlung entdeckte, wollte ich kaum glauben, welcher Schatz sich da plötzlich in meinen Händen befand. Es war klar, wonach ich suchte. Nur eine Frage stand für mich im Vordergrund. Hatte Franz Marc in diesen Kriegsjahren die Sehnsucht nach seinem Blauen Pferd im Herzen? War es bei ihm, als er fiel? Eine Frage, die mir endlich beantwortet wurde.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Das „Skizzenbuch aus dem Felde“ ist ein schmales und zugleich sehr wertvolles Bändchen aus dem Sieveking Verlag. Es beinhaltet 36 Bleistiftzeichnungen, die er in den Monaten März bis Juni 1915 geschaffen hatte. Es ist ein künstlerisches Testament, das jetzt in meinen Händen liegt. Ein magisches und beklemmendes Gefühl, in ihm zu blättern. Fast so wie ein geheimes und nicht für meine Augen bestimmtes Tagebuch zu lesen. Die kleinen Skizzen sind keine Skizzen. Es sind vollständig gestaltete Gemälde, denen nur die Farbe fehlt. Es sind so typische Marc-Impressionen, wie wir sie weltweit bewundern dürfen. Ich sehe viel in diesen Skizzen. Unruhe, Rastlosigkeit und fliehende Tiere, die vor dem Krieg noch in sich ruhten. Ich sehe einen wachsamen Fuchs, nicht mehr ruhend. Springende Rehe, aufgeschreckte Hirsche. Verstört dreinblickende Tiere und eine abstrakte Formenvielfalt, die manchmal an Kandinsky erinnert. Und dann…

Dann kann ich nicht mehr… Bei all den Unterschieden zu früher, in all der ruhelosen Spannung, nach all den Formen und Strukturen der Unruhe sitze ich plötzlich vor einer Skizze, die mich in allem Hoffen bestätigt. Es ist so, als würde mir Franz Marc zurufen „Siehst Du… es war immer bei mir.“ Es sind drei Pferde. Ausschau haltend, wachend und weidend. Zum Sprung und zur Flucht bereit. Unverkennbar edle Geschöpfe, deren Sinne bis auf Äußerste geschärft sind. Und über diesen drei Pferden thront majestätisch das Ebenbild des Blauen Pferdes, das mir so viel bedeutet. Beruhigend, in sich ruhend und erhaben. Unverwundbar. Fragment schrieb Franz Marc über diese Zeichnung. Ein Bruchstück. Ein unvollendetes Kunstwerk. Ein Überbleibsel. Und was für eins. Danke.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde – Begegnungen

Man möge mir den subjektiven Umgang mit diesem Sujet verzeihen. Er ist der rein emotionalen Bindung an das wichtigste Gemälde meines Lebens geschuldet. Ich kann nicht anders. Ich verweile oft im Lenbachhaus, betrachte mein Pferd, bin ihm dankbar für seine beruhigende Ausstrahlung, die mir in schweren Zeiten Kraft gegeben hat. Und nicht zuletzt habe ich durch dieses magische Wesen viele Menschen kennengelernt. Im Leben, wie in der Literatur. Ich schrieb viele Artikel, die ohne das Blaue Pferd niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Ich habe es meiner Tochter vorgestellt und mir dabei vorgestellt, was ich ohne diesen Ruhepol getan hätte, als es ihr nicht gut ging. Ich habe Franz Marc viel zu verdanken und stehe in seiner Schuld. Das mag vieles erklären.

Jetzt werde ich das Blaue Pferd mit einem Skizzenbuch besuchen. Ich werde ihm davon erzählen und ihm zeigen, dass es niemals vergebens gewartet hat. Ich kann nun berichten, wie wichtig Franz Marc diese Skizzen waren. Das Nachwort zu diesem Buch von Michael Semff ermöglicht einen eher versachlichten Zugang zu den Zeichnungen. Wobei der Autor hier nicht für Kunsthistoriker oder Wissenschaftler schreibt. Nein auch er muss sich wohl den Vorwurf gefallen lassen, emotional berührt worden zu sein. Nein. Das ist keine Kritik. Das ist ein Prädikat, das diesem Nachwort Nachdruck verleiht. Ich würde mich freuen, euch auf meine Welt des Blauen Reiters, des Blauen Pferdes und das „Lenbachhaus als Kraftraum meines Geistes“ neugierig gemacht zu haben. Ich muss los. Ich bin verabredet. Mit einem Pferd. Unglaublich oder?

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Schon bald geht es mit Franz Marc weiter, wenn Florian Illies mehr vom
„Sommer des Jahrhunderts 1913“ erzählt.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

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Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Eigentlich sollte man ja denken, dass der Zufluchtsort für einen Büchermenschen eine Bibliothek oder eine kleine verschwiegene Buchhandlung wäre. Vielleicht wäre dies bei mir sogar der Fall, würde ich nicht in der Nähe von München wohnen und hätte ich nicht zufällig 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies gelesen, und wäre ich nicht dort auf die Spur eines ganz besonderen Blauen Pferdes gestoßen.

Dann wäre sehr vieles in meinem Leben anders gelaufen, denn ich hätte mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf die Suche nach einem Gemälde begeben. Ich hätte wohl niemals die Städtische Galerie im Lenbachhaus besucht und würde sie heute nicht als meinen „geistigen Kraftraum“ bezeichnen. Oft werde ich in den letzten Wochen danach gefragt, was diese Galerie für mich bedeutet und warum es ausgerechnet das Blaue Pferd von Franz Marc ist, das mich immer wieder magisch anzuziehen scheint.

Manche Fragen lassen sich gar nicht so leicht beantworten. Diese eigentlich schon, auch wenn ich in diesem Zusammenhang viel von meinem Innenleben preisgeben muss. Ich halte solche Reservate für unglaublich wichtig. Gerade in unserer heutigen Zeit. Sie helfen dabei, den geistigen „Reset-Knopf“ zu finden, entschleunigen, dienen der Erdung und machen den Kopf frei für die kreativen Ideen jenseits unseres Alltags. Vielleicht kann man mich etwas besser verstehen, wenn man sich in meine Bildwelt hineinversetzt. Vielleicht hilft es, mich dorthin zu begleiten. Mit meinem Tunnelblick das Licht am Ende desselben zu sehen.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes – Jetzt mit Jahreskarte

Die Eingangshalle des Lenbachhauses wartet mit einer Lichtinstallation auf, die in München ihresgleichen sucht. Als würden ein Regenbogen in immer kleiner werdenden Segmenten vom Himmel regnen, bleibt man auch beim wiederholten Besuch atemlos stehen, erhebt den Blick und fühlt sich, wie in einer Tropfsteinhöhle aus Spektralfarben. Ein Stalaktit aus leuchtenden Farben ragt in den Vorraum und verdrängt ihn zugleich. Beruhigend und erhaben wirkt diese Begrüßung auf den Besucher. Eine Erleuchtung, die für mich immer wieder einem Wunder gleicht.

Wenn man sich dann vor Augen hält, dass diese Galerie unter der Herrschaft der Braunen Horden für die eckig kantig heroische arische Kunst genutzt wurde, weil alles nicht zur Nazi-Ideologie Passende als Entartete Kunst verbannt wurde, dreht sich dem Besucher noch heute der Magen um. Und doch ist das Lenbachhaus mit all seinen dort ausgestellten Werken das beste lebendige Zeichen für den Sieg des „Entarteten“ über die menschenverachtende Ideologie des Dritten Reichs. Der Blaue Reiter hat hier seine Heimat, Joseph Beuys dominiert eigene Räume und neben allem Abstrakten und Impressionistischen kommen auch die alten Meister zur Geltung.

Diese Vielfalt entspricht einer modernen Gesellschaft. Sie bietet Raum, öffnet die Herzen und lässt uns vorurteilsfrei genießen, was wir heute Kunst nennen. Die Galerie bietet die Möglichkeit, sich in unterschiedliche Werke zu verlieben, das Gesamtkonzept zu bewundern und auch die Freiheit, über einige Kunstformen zu lächeln. Dies jedoch voller Respekt, denn für platte Häme ist in diesem Ambiente und in der heutigen Zeit kein Platz mehr. Und sie wird nie wieder dort Platz haben. Hier wohnt die wahre Kunst. Und wir sind im bunten Wohnzimmer dieser Galerie herzlich willkommen.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes – Licht und Text

In ihrem nie veröffentlichten Vorwort für ihren Almanach zum Blauen Reiter hatten Franz Marc und Wassily Kandinsky schon 1912 die richtigen Worte für diese Vielfalt unter einem Dach gefunden, die auch heute wieder als Leitmotiv über die Ausstellung zum Blauen Reiter im Lenbachhaus stehen:

„Das ganze Werk, Kunst genannt, kennt keine Grenzen und Völker, sondern die Menschheit.“

Nichts sollte ausgeklammert werden, alles sollte seinen Platz bekommen, niemand sollte um seinen ganz individuellen Kunstgeschmack betrogen werden und Vorschriften waren den beiden Künstlern fremd. Diesem Leitmotiv hat sich auch heute noch das Lenbachhaus verschrieben. Die künstlerische Wahrhaftigkeit steht im Mittelpunkt und die direkte Nachbarschaft von Kunstwerken unterschiedlichster Stilrichtungen ergeben eine wundervolle Symbiose, die für ihren Betrachter den Begriff Kunst greifbar werden lässt.

Hier hat die einstige Avantgarde des Blauen Reiters mit ihrer visionären Kraft Spuren hinterlassen, die abseits der Kunstwissenschaft jeder modernen Gesellschaft gut zu Gesicht stehen würden. Und letztlich musste nur ein 1000jähriges dunkles Kapitel der deutschen Geschichte überwunden werden, um diese Saat aufgehen zu lassen und zur vollen Blüte zu bringen. Hier können wir von der Kunst lernen. Ob Expressionismus, Pop-Art, Kubismus, Impressionismus, Hinterglasmalerei, Realismus oder Kinderkunst. In der Vielfalt liegt die Einzigartigkeit.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Und doch möge man mir bitte bei aller Vielfalt verzeihen, dass ich bereits mit dem Betreten der Galerie fokussiert bin. Es ist ein Gefühl, als würde ich einen sehr guten Freund besuchen, der in einer modernen Wohngemeinschaft lebt. Einen Freund, der nicht aus dem Haus kommt, weil er einfach zu viele Verpflichtungen hat, obwohl er doch eigentlich den ganzen Tag nur rumhängt. Nur, dass mein Freund in diesem Fall das wohl bekannteste Pferd der Kunstgeschichte ist. Zwei Treppenaufgänge, ein Wegweiser mit der Inschrift „Der Blaue Reiter“ und ein kurzer Weg, gesäumt von den Klees, Kandinskys und Mackes dieser Welt führt mich zu ihm. Darf ich vorstellen:

Das Blaue Pferd von Franz Marc

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

In seiner Farbgebung spiegelt sich die ganze Geschichte eines Malers aus dem blauen Land, im sanft geneigten Kopf die Zuneigung, der er Gestalt verlieh und in der majestätischen Haltung der Respekt, mit dem es heute auf Besucher wartet. Und doch scheint dieses Pferd seit 1916 auf Franz Marc zu warten. Als verstünde es nicht, dass derjenige, der es erschuf, vom Sattel seines braunen Pferdes geschossen wurde, als er als grauer Reiter vor Verdun sein Leben ließ.

Sehr andächtig bin ich in seiner Gegenwart. Erinnere mich an Tage, an denen ich ihm hilflos gegenüber stand. Tage, an denen ich nur vergessen wollte, was ich zuvor in der Klinik am Bett meiner Tochter erlebte. Und ich denke an jenen Tag, an dem es sich zu bewegen schien. Den Tag, als Lena zurück ins Leben fand. Ich denke an einen Tag, an dem ich das Pferd mit anderen Augen sah, als ich fühlte, dort nicht alleine zu sein. Jenen Tag, als ich ihm erstmals begegnete. Nachdem ich alles gelesen hatte.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Ich denke an das München jener Zeit. An Else Lasker-Schüler, die ganz besondere Lebenszeichen von Franz Marc erhielt. Blaue Pferde, gemalt auf Postkarten. Pferde, die ihr zeigen sollten, was er malt. Mehr als bloße Skizzen, und viel später, als der Turm der blauen Pferde verbrannt war, konnte nur noch diese eine Karte bezeugen, wie sehr das Bild gestrahlt hat. Ich denke an ihre tiefen Worte, ihren Nachruf auf Franz Marc, als sie von seinem Tod erfuhr:

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten… wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“

Ich denke an all jene, die mit Franz Marc im Ersten Weltkrieg fielen, wie August Macke. Denke an jene, die Zeugen der Entartung ihrer Kunst wurden und nicht erleben durften, dass ihre Vision letztlich siegte, wie Paul Klee und Wassily Kandinsky. Und ich denke daran, wie lange ich nun schon mit all den tiefen Gefühlen in genau diesem Raum, diesem Bild gegenüber stehe und das Gefühl habe, das blaue Pferd habe mehr als einhundert Jahre nur auf mich gewartet.

Und nun werde ich beginnen, Biographien über Franz Marc zu lesen, um mich auf weiteren Ebenen zu nähern. Reichhaltig ist das literarische Angebot, mit dem ich bei diesem Vorhaben unterstützt werde. Ich schreibe darüber und die Bücher werden mich hierhin begleiten. Ich weiß ja, wen ich fragen kann, wenn ich etwas nicht verstehe.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes – Ein tiefer Moment

Das ist mein Kraftraum des Geistes. Hier bin ich fernab des Alltags völlig frei. Hier fühle ich tief in mich hinein und halte Zwiesprache mit einem Bild. Es ist magisch. Nicht viele Menschen haben mich dort erlebt. Einige ahnen nur, was dort passiert. Und doch gibt es Bilder von mir, die Julia ganz heimlich machte. Gut, dass meine Augen nicht zu sehen sind. Ich habe auch diesmal erneut von vielen Menschen gegrüßt. Ich habe über meine Gefühle geschrieben. Das Blaue Pferd hat mir dabei über die Schulter geschaut und ich soll schön grüßen. Vielleicht begleitet ihr mich mal, wenn ihr in München seid. Bis es soweit ist, könnt ihr in die folgende Dia-Show genießen. Und dann sehen wir uns.

Herzlich willkommen zur Bildergalerie und zur Bücherkette zum Lenbachhaus

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Die Bücherkette zu Franz Marc und dem Blauen Reiter auf AstroLibrium.
Die Biographien folgen noch… Der Leseweg im Kraftraum geht weiter.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Bücherkette zu Franz Marc und dem Blauen Reiter