NSA von Andreas Eschbach

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NSA von Andreas Eschbach

Gesellschaftsutopien sind zukunftsgerichtet. Sie holen uns im Hier und Jetzt ab und halten uns vor Augen, wie sich die Welt verändern kann, wenn man nicht gut aufpasst. George Orwell begann schon 1946 das zu schreiben, womit wir uns bis ins Jahr 1984 nachhaltig zu beschäftigen hatten. Nur um dann zu erkennen, dass es keinesfalls allzu utopisch war, was er über totale Überwachungssysteme in die Welt setzte. Gerne wird das Sujet der Zeitreise mit dem Genre der Utopie verbunden, um einen Augenzeugen einen Blick in die Zukunft werfen zu lassen. Wesentlich seltener setzen Utopien in der Vergangenheit an. Erstens, weil uns diese bekannt und absolut unveränderbar ist, und zweitens, weil man sich als Autor in der Zukunft einfach freier bewegen kann. Hier sind der intelligenten Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Ausnahmen jedoch bestätigen die Regel. Utopien, die nur funktionieren, weil hier die Vergangenheit vom Schriftsteller bewusst manipuliert wurde. „Vaterland“ von Richard Harris zum Beispiel geht davon aus, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewann und versetzt seine Leser in das utopische Horrorszenario einer nationalsozialistischen Welt- und Allmacht, die in der Welthauptstadt Germania 1964 ihren Höhepunkt erreicht hat. Stephen Fry dagegen fabulierte sich in seinem Roman „Geschichte machen“ mit der Idee durch die Zeit, indem er es möglich machte, Hitlers Geburt zu verhindern. Er schickte einfach ein Unfruchtbarkeit erzeugendes Medikament rückwärts durch die Zeit. Mitten in die beschauliche Ruhe des kleinen Örtchens Braunau. Harris und Fry konnten auf diesem veränderten historischen Setting ihren Utopien freien Lauf lassen. Grandios.

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NSA von Andreas Eschbach

Es ist die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, die es literarisch möglich macht, der Vergangenheit ein Schnippchen zu schlagen und Utopien entstehen zu lassen, die uns nicht nur in die Welt der Fantasie entführen, sondern vielfältige Botschaften im Gepäck haben. Wenn man sich auf ein solches Gedankenspiel einlässt und wenn es dem Autor gelingt, das utopische Szenario plausibel und authentisch mit Leben zu füllen, dann hat man gerade in solchen „bipolaren Utopien“ seine wahre Freude. In der Manipulation der Vergangenheit liegt der Schlüssel für die Veränderung unserer Wahrnehmung, was in der Zukunft möglich ist. Und diese Zukunft sind in diesem Fall genau wir. Magisch!

Andreas Eschbach hat mit NSA einen großen literarischen Wurf in genau dieser Gattung historisch manipulierter Utopien gelandet. Sein Roman setzt Maßstäbe im Umgang mit historischen Fakten in Bezug auf die Möglichkeiten, sie so in eine fiktionale Geschichte einzubetten, dass die Geschichtsfälschung als Stilmittel erlaubt scheint. Im ersten Moment erschienen mir viele Handlungselemente wie ein Sakrileg. Eschbach ist ein großer Provokateur, wenn es darum geht, sich geheiligte historische Wahrheiten so zurechtzubiegen, bis sie zum explosiven Treibstoff seiner Romane werden. Seine „Was wäre wenn“-Frage zielt auf die technologischen Möglichkeiten des Dritten Reichs ab. Es ist abstrus, was er konstruiert und doch ist es geradezu faszinierend, sich seinen Ideen hinzugeben. Die Wahrheit war nur einen Katzensprung von dem entfernt, was Andreas Eschbach hier so intelligent zu seiner eigenen Fantasie werden lässt.

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NSA von Andreas Eschbach

Was wäre, wenn es im Dritten Reich Computer gegeben hätte? Was wäre, wenn es in der NAZI-Diktatur ein Äquivalent zum heutigen Internet mit allen Chancen aber auch Risiken gegeben hätte. Was wäre, wenn die Menschen zu dieser Zeit über sogenannte „Volkstelephone“ verfügt hätten? Eine vollkommen vernetzte braune Gesellschaft wäre das gefundene Fressen für die Geheimdienste dieses Reiches gewesen. Vergessen wir einfach mal den Konjunktiv und ziehen den Vorhang zu „NSA“ auf. Es ist einfach Fakt. Nazi-Deutschland ist vernetzt. Das Nationale Sicherheitsamt (NSA) ist eine Behörde, in der die Fäden zusammenlaufen. Hier werden alle Informationen gespeichert, die man sich nur vorstellen kann.

Alle Einträge im „Deutschen Forum“, die Inhalte aller Elektrobriefe, die versandt werden und alle Telefongespräche mit Ortungsangaben. Darüber hinaus ist man in der Lage, das Volk live zu überwachen, weil jedes Fernsehgerät dem Geheimdienst als Sender aus dem Wohnzimmer der normalen Familien dient. In Weimar nun beschäftigt sich das „NSA“ mit der Auswertung all dieser Informationen. Wer die Datenflut im Griff hat, ist kriegswichtig und unverzichtbar für eine Diktatur. Und nur wer kriegswichtig ist, der wird nicht an der Front verheizt. Was für eine Motivation, der Regierung mal richtig zu zeigen, was man kann. Ein dunkles Szenario, in dem Eschbach seine Protagonisten zur vollen Entfaltung bringt und der wahren Geschichte Einhalt gebietet.

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NSA von Andreas Eschbach

„Ja mir scheint, die Grausamkeit und Schärfe der Daten übertrifft die des Stahls bei weitem.“

Diese bedeutenden Worte legt Andreas Eschbach einem gewissen Reichsführer SS Heinrich Himmler in den Mund. Hier beginnt er mit den wahren Tätern zu spielen und bedient sich ihrer Ideologie, wie sie sich der Technik bedient hätten, wenn es sie in dieser Epoche gegeben hätte. Skrupellos. Eschbach und die Nazis. Faszinierend, wie der Autor seine Story aufzieht und gnadenlos durchdacht, jedes noch so kleine Detail. Von hohem Sachverstand geprägt, wie er den Nazis alle Informationen zur Verfügung stellt, die ihrer Ideologie noch gefehlt haben. Durchdacht und sehr perfide, mit welchen Möglichkeiten sich die Mitarbeiter des „NSA“ nun auf die Suche nach Regimekritikern begeben können.

Und nicht nur das. Eschbach macht die Technik zum Instrument der Verfolgung der Juden in Deutschland. Der Abgleich aller verfügbaren Daten (Kontobewegungen, Einkaufsverhalten, Wohnungsgrößen, Melde-Listen, Volkstelephon-Verbindungen) lässt keinen Spielraum zum Entkommen. Die Leistungsfähigkeit des „NSA“ wird untermauert, als es in Anwesenheit Himmlers gelingt, versteckte Juden in Amsterdam aufzuspüren. Hier bricht Eschbach mit allen denkbaren Tabus. Hier sorgt er dafür, dass seine Leser aufschrecken, den Kopf schütteln, „unmöglich“ ausrufen und sofort weiterlesen müssen, weil es nicht anders geht. Das „NSA“ verrät Anne Frank, enttarnt die Angehörigen der Weißen Rose und liefert auch noch Georg Elser ans Messer. Daten werden Verräter. Mitarbeiter des „NSA“ werden Täter. Doch damit nicht genug.

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NSA von Andreas Eschbach

Während Eschbach Täter präsentiert, die jedes Opfer bringen würden, nur um selbst nicht ein Opfer zu werden, platziert er die junge Programmstrickerin Helene im Herzen seiner Utopie. Für sie ist der Umgang mit Daten rein analytisch. Sie beantwortet durch geschicktes Programmieren (übrigens reine Frauenarbeit) alle ideologisch motivierten Fragen. Sie versucht erst gar nicht zu begreifen, was sie mit den gelieferten Daten aus der Hand gibt und wen sie ausliefert. Erst als der Groschen fällt, wird aus Helene mehr als nur die brave Datenmaus der „NSA“. Sie beginnt das System zu verändern, weil sie plötzlich betroffen ist. Sie versteckt die Liebe ihres Lebens bei Freunden. Tja, und nach solchen wie ihm sucht das „NSA“ händeringend. Desertierte Soldaten… Das Gewissen wird wach. Der Roman implodiert vor Spannung. 

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte. Es lässt kein Buch unberührt, das mich durch das Lesen gegen das Vergessen begleitet hat. Es zerrt mit aller Macht an Stella, lässt Die Untergetauchten nicht in Ruhe und begeht Hochverrat an Anne Frank. Und all dies um uns die Augen zu öffnen, welche Daten wir freiwillig bereitstellen, die uns im ganz realen Leben schon jetzt jedem Missbrauch ausliefern.

NSA, TTIP und weitere heute sehr gebräuchliche Abkürzungen sollen uns hier die Augen öffnen. Ob es gelingt? Ob wir unser Weltnetz bewusster nutzen? Ich zweifle.

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NSA von Andreas Eschbach

Als ich dachte bereits auf dem Höhepunkt des Grauens angelangt zu sein, drehte Andreas Eschbach die Schraube seines Romans noch eine Umdrehung weiter. In meinem ganzen Lesen habe ich ein Buch noch nie so hilflos beendet wie dieses. Es ist nicht leicht, dieses Ende. Passend zu einem literarischen Schwergewicht.

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NSA von Andreas Eschbach und weitere Utopien auf AstroLibrium

„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern

„Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

„Mein Urgroßvater ist zu alt, um noch viel im Museum zu arbeiten,
dessen Bücheraufseher er eine lange Reihe von Jahren war,
doch bringt er eine ziemliche Zeit hier zu, und wahrhaftig,
es kommt mir vor,
als ob er entweder sich als einen
Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil
von sich betrachtete.“

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Ihr habt das sicher auch schon mal erlebt. Ihr lest einen Roman, vertieft euch in den eigentlichen Inhalt, seid begeistert und doch bleibt euer Auge immer wieder an einem Satz hängen, der gar nicht vom Autor selbst stammt. Die Rede ist hier von Zitaten, die häufig auf der ersten Seite eines Buches auftauchen, um die Handlung in den Kontext der großen Weltliteratur zu stellen.

Ein solches Zitat ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, als ich Das Haus der zwanzigtausend Bücher von Sasha Abramsky (dtv) für mich entdeckte. Begeistert durchforstete ich dieses magisch anmutende Gebäude und erfreute mich an Bildern von Zimmern, die eigentlich keinen Platz mehr zum Leben ließen. Außer man hatte sich für das Leben mit Büchern entschieden und ihnen mehr Raum überlassen, als sich selbst.

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

Das einleitende Zitat stammt aus der Feder von William Morris, einem britischen Architekten, Maler, Sozialisten, Teppichhersteller und leidlich bekannten Schriftsteller. Es stammt aus seinem 1890 veröffentlichten Roman Kunde von Nirgendwo und traf mich mitten ins Leserherz. Für einen Bruchteil einer Sekunde hatte ich das untrügliche Gefühl, mich selbst in diesem Satz wiederzufinden. Vielleicht war es auch der Bruchteil meines Lebens, den ich dort las:

„Es kommt mir vor, als ob er entweder sich als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.“

Natürlich ließ mich dieses Zitat nicht mehr ruhen. Ich musste einfach mehr erfahren über diesen geheimnisvollen Menschen, der mir ziemlich ähnlich zu sein schien. Und während ich noch in der erdrückenden Enge eines Hauses zu Besuch war, in dem sich gesellschaftspolitische und philosophische Abhandlungen bis unter die hohen Decken stapelten, begann bereits meine erste Recherche zur „Kunde von Nirgendwo“, die darin gipfelte, dass dieser Roman den Weg in mein kleines Haus der Bücher fand.

„News from Nowhere“ sollte meine Fragen klären. Was veranlasste den Hersteller geknüpfter Teppiche dazu, einen utopischen Zeitreise-Roman zu schreiben? Wer steckt hinter der bibliophilen Fassade des im Zitat erwähnten Mannes, der Bücher als einen Teil von sich empfand und in welche Zeit würde mich diese Zeitreise entführen? Wo liegt dieses Nirgendwo und ähnelt der Entwurf den Science-Fiction-Welten von Jules Verne?

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

„Wenn ich nur einen Tag der neuen Zeit erleben könnte, nur einen einzigen Tag!“

Damit fängt alles an. William Gast hat seine Zeit gründlich satt. Das Ende des 19. Jahrhunderts ist geprägt vom industriellen Aufschwung, der Ausbeutung der Arbeiter, Umweltverschmutzung, der Kluft zwischen den einzelnen Klassen der Gesellschaft und der täglichen Hetze des Großstadtlebens in London. Das viktorianische England steht vor sozialen Unruhen und William Gast engagiert sich politisch für Umwälzungen.

Der Sozialismus prägt die Gedanken und hält Einzug in die Clubs und Unruhen in der Arbeiterschaft scheinen vorprogrammiert. Seinen Wunsch, nur einen einzigen Tag der Zukunft erleben zu dürfen, kann man gut nachvollziehen. Das Bürgertum steht vor dem Abgrund – es wird nach Wegweisern und Ratgebern gesucht, wie die Entwicklung zu stoppen ist.

Dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, dämmert unserem gerade aus dem Schlaf erwachten Zeitreisenden nur ganz langsam. Allzu idyllisch kommt ihm die neue Umwelt vor. Alle Menschen strahlen jugendliche Frische aus und altern kaum. Hektik scheint zum Fremdwort geworden zu sein und William realisiert, dass er – nomen es omen – zum Gast in einer neuen Zeit geworden ist. Das Jahr 2000 ist überschritten und die Gesellschaft hat sich gewandelt.

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

Arbeit dient nur noch der Selbstverwirklichung. Geld wird nicht mehr benötigt. Ein moderner und individueller Tauschhandel hat das Kaufen ad absurdum geführt. Jeder beteiligt sich freiwillig an gemeinschaftlichen Aufgaben und über allem steht ein tief ins Leben ausstrahlender Friede. Kriminalität ist aufgrund fehlender Armut nicht mehr Teil der Gesellschaft und das große, weitgehend selbstlose Miteinander prägt den Alltag.

Auch die streng reglementierte politische Landschaft hat sich völlig verändert. Das altehrwürdige Parlamentsgebäude in London wird als Lagerhalle zweckentfremdet. Obwohl das aus der Sicht der Menschen dieser Zeit gar nicht so gesehen wird. Es hat endlich seine wahre Bestimmung gefunden:

„Oder wo haben Sie Ihr jetziges Parlament untergebracht?“

„Der alte Mann beantwortete mein Lächeln mit einem herzlichen Lachen: „Nun, nun, Dünger ist nicht die schlechteste Art der Verfaultheit und Verderbnis; aus dem Dünger kann Fruchtbarkeit kommen, während nur Mangel und Not von der anderen Art der Fäulnis kam, deren Hauptstützen einst diese Mauern bargen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, lieber Gast, dass unser jetziges Parlament sehr schwer in einem Hause unterzubringen wäre, weil das ganze Volk unser Parlament ist.“

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

William Gast begegnet dieser neuen Welt aufgeschlossen und doch ängstlich. Er möchte sich nicht verraten. Er ist neugierig und saugt die Eindrücke dieses Idealbildes auf, das den Menschen so viel Freiraum in ihren Leben schenkt. Als er dem ehemaligen Bücheraufseher des Museums begegnet, lernt er den Mann kennen, auf den das Zitat passt wie das Lesezeichen ins Buch.

Der Dialog zwischen diesen beiden Gelehrten des Alltags ist eine Reflektion der Geschehnisse seit dem 19. Jahrhundert. Es ist eine klare Vision und liebevoll gedachte Fantasie. Ein ideales Gesellschaftsmodell basierend auf dem Gedanken der Gleichheit und geprägt von einem vorurteilsfreien Menschenbild. Manchmal scheint William Gast sich selbst zu begegnen. Manchmal scheint es, als würde er Kraft tanken wollen, bevor er wieder in sein Jahrhundert zurückkehren kann, um endlich die Welt zu verändern. Ob der Sprung gelingt?

William Morris hat keinen großen philosophischen Wurf gelandet. Er hat einen idealen und wenig realen Traum erschaffen, in dem wir auch heute noch gerne zu Gast sind (wie sein gleichnamiger Protagonist). Und doch klingen so viele seiner Ideen nach. Unter der Überschrift „Ach wie schön könnte es sein“ ist dieser Roman einer zum Träumen. Nicht der technische Fortschritt dominiert diese Zeitreise, es ist kein Science Fiction Roman. Nein, es ist eine humanistische Vision, der man anhängen kann.

Die William Morris Society hat den Text auch in einer deutschen Fassung online zugänglich gemacht. Eine Rezension, die nicht im Buchkauf enden muss. Wann gab es das schon mal? Ich entschied mich für das Buch vom Golkonda Verlag. Es ist mir wichtig. Und es ist mit originalen Zeichungen des sehr talentierten Autors illustriert. Das gab den Ausschlag, das greifbare Buch erlesen zu wollen. Thats me…

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Also für mich liegt der Fall klar auf der Hand! Eines Tages wird es soweit sein, ich schneide mir an einer scharfkantigen Seite eines Romans die Pulsadern auf, werde von einem Lesezeichen überrollt oder von einer tonnenschweren Enzyklopädie erschlagen. Sei`s drum. Schön war die Zeit. Abmarsch ins neue Leben danach, oder in eine ganz neue Daseinsform im Paradies. „Wolke Sieben“ mit Harfe und gutem Buch. Das ist Fakt. Fehlt nur noch die schnelle Aufnahmeformalität an der Himmelspforte und schon wird man eingekleidet mit Flügelchen und hat seine himmlische Ruhe.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre - Rezension zum Hören zum Hören

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre – Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Das ist jedenfalls der Plan. Und da ich in meinem ganzen Leben nur Gutes vollbracht habe, immer brav zu meinen Nächsten war und niemandem ein Haar gekrümmt habe, ist der Einlass ins Paradies so gut wie gebongt. Andere mögliche Alternativen, wie ein lausiges Fegefeuer oder gar der Höllenschlund kommen für mich nicht in Betracht. Also wirklich. Wieso auch? Da gibt es schon ein paar Gestalten, die ich am Heiligen Petrus viel eher verzweifeln sehe. Aber ich? Nein… Kein Gedanke.

So denkt auch der gute Simon Laroche, als es ihn im zarten Alter von gerade einmal 50 Jahren plötzlich dahinrafft und er sich an der Himmelstür wiederfindet. Dem kurzen Erstaunen über das eigene Ableben folgt bereits die fundamentale Erkenntnis, durch diesen finalen Schritt von allem Irdischen befreit zu sein und quasi körperlos als gute Seele weiter existieren zu können. Der Himmel rief und Simon war da. Ein bisschen früh für seinen Geschmack, aber besser jetzt, als nie.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Was ihn dann im „Vorzimmer zum Paradies“ jedoch erwartet, macht ihn ein wenig sprachlos. Es ist nicht gerade so, wie er sich das alles vorgestellt hatte. Gut, er ist tot und insofern ist er schon erleichtert, dass es überhaupt ein Leben danach zu geben scheint. Von einer großen hässlichen Wartehalle jedoch war in der Bibel nicht die Rede.

„Trotzdem erinnerte mich der Ort, an dem ich erwacht war, in nichts an den watteweichen Weg unter endlosem azurblauem Himmel, den ich erwartet hatte und an dessen Ende mich ein Komitee aus Erzengeln hätte in Empfang nehmen sollen.“

Simon scheint geradewegs in der irdischen Bürokratie angekommen zu sein. Er wird registriert, erhält eine Wartenummer und muss danach bei seinem zuständigen Sachbearbeiter einen Fragebogen ausfüllen. Ganz banale Fragen über seine Herkunft, den Ort seiner Geburt und den seines Todes, sowie seine sexuelle Orientierung. Und letztlich gilt es auf der Rückseite einige Angaben zu ergänzen, die in keiner Weise auf ihn zutreffen.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

„Waren Sie aktiv an einem Völkermord beteiligt?“
„Haben Sie je die Existenz des Klimawandels geleugnet?
„Waren Sie der sexuellen Belästigung angeklagt?“
„Wurden Sie der Pädophilie beschuldigt?“

Na, Gelächter aber auch. Die Fragen sind schnell beantwortet und gerade für Simon ist es als ehemaliger Vorsitzender der „Ethik-Kommission für öffentliche Freiheit“ der französischen Regierung völlig unproblematisch, all diese Punkte wahrheitsgemäß zu verneinen. Reine Formsache. Was sonst? Er bereitet sich auf eine kurze Wartezeit vor, bis es dann endgültig auf die Reise zur letzten Station seines Daseins geht. Ab in den Himmel.

Doch weit gefehlt. Mit dem harmlosen Fragebogen fängt der Ärger im Vorzimmer zum Paradies erst richtig an und Simon gerät in die Mühlen des „Jüngsten Gerichts“. Statt seine Himmelsampel auf Grün zu schalten, findet er sich einem Anwalt gegenüber, der ihm nun versichert, alles für ihn zu unternehmen, obwohl der Fall ziemlich kompliziert sei und er sich nicht allzu große Hoffnungen machen dürfe. Hier läuft etwas ganz und gar falsch im Himmel. Davon ist Simon Laroche fest überzeugt, denn er hat alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet und auch die Fragen auf der Rückseite verneint! Was auch sonst?

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Aber genau da liegt sein Problem. Genau hier setzt die peinliche Untersuchung im „Vorzimmer zum Paradies“ an und Simon Laroche wird mit den Verfehlungen seines Lebens konfrontiert, wobei es wohl nur darum geht, dass er auf der Rückseite dieses Fragebogens zu den Themen „Pädophilie, Völkermord, Klimawandel und sexuelle Belästigung“ ein paar falsche Angaben gemacht haben soll. Als er nach den griffigen Beweisen für die Zweifel an seinen Aussagen fragt, beginnt sein Weltbild zu kippen und damit rückt auch das Himmelsbild für ihn in weite Ferne. Die Antwort seines Anwalts ist beängstigend:

„Das geht Sie zwar nichts an, aber mir liegen die detaillierten Aufzeichnungen Ihres Browserbetreibers vor. Der „Allerhöchste“ nimmt solche Dinge nicht auf die leichte Schulter. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt hier einige E-Mails von Ihnen… Vor allem über, ich zitiere: „Die Invasion der Zigeuner“. Haben Sie das vergessen?“

Simon fällt es wie Schuppen von den gebrochenen Augen. Der Heilige Petrus nutzt die Cloud. Der Himmel ist im Besitz aller Daten, die zu Lebzeiten mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten. Und da ist die blöde „Zigeuner-Mail“ noch recht harmlos. Viel schwerer wiegt Simons obsessive „Recherche“ nach einer gewissen Natascha, deren Bilder nur auf einschlägigen Seiten zu finden sind. Ob sie volljährig war? Diese Frage hatte er sich nie gestellt. Bis jetzt!

„Im Gegensatz zum katholischen Glauben, bei dem der Sündenzähler auf null zurückgesetzt werden konnte, war der Glaube an die Vernichtung von Daten reine Illusion.“

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Benoît Duteurtre entwirft in seinem Roman „Vorzimmer zum Paradies(Eichborn) eine morbid-fantastische Utopie eines Himmels, der sich zum wahren Schrecken der Menschheit verändert hat. Dabei greift er auf sozial-politische Themen zurück, die auch am himmlischen Paradies nicht gänzlich spurlos vorübergegangen sind. Datenschutz, Privatsphäre, Emanzipation, Überbevölkerung, Bürokratisierung und der Umgang mit persönlicher Verantwortung. Dies sind nur einige Aspekte, die dieser intelligente Roman aufgreift und in seinen Handlungsfäden zu einer Datenflut der Verfehlungen kumuliert.

Dabei ist es nur allzu klar, dass der Schwerpunkt des Romans im Rückblick auf das gelebte Leben des Simon Laroche liegt. Hier werden wir alle fündig auf der Suche nach den großen Verfehlungen, den kleinen Missverständnissen und der Mücke, die plötzlich zum Elefanten mutiert und auf diese Art und Weise das ganze Leben verändert. Was Medien auf Erden verursachen, bleibt dann auch dem Himmel nicht verborgen.

Das „Vorzimmer zum Paradies“ ist das WikiLeaks unter den Romanen und Benoît Duteurtre ist der Whistleblower des Allmächtigen.

Am Ende wird klar, dass unser eigener Weg unter Berücksichtigung der Transparenz im Datenaustausch zwischen Himmel und Erde definitiv nicht ins Paradies führen wird. In einem Leben, in dem wir selbst bei Facebook auf jeglichen Schutz der Privatsphäre verzichten ist es nur logisch, dass wir beim „Jüngsten Gericht“ mit Fakten konfrontiert werden, die uns auf dem direkten Weg in die Hölle führen.

Aber so ganz unter uns gesagt…! Seit dem Lesen dieses Romans freue ich mich ein wenig darauf. Warum? Na lest mal schön selbst. Es ist sehr erhellend.

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„Planet Magnon“ von Leif Randt

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die kleine literarische Sternwarte ist seit Anbeginn der Zeitrechnung auf der Suche nach neuen Fixsternen am Bücherhimmel. Dies ist schon lange kein Geheimnis mehr. Als ich beim aufmerksamen Blick durch mein buchiges Teleskop allerdings ein völlig neues Sonnensystem mit eigenen Planeten und Monden entdeckte, war ich natürlich mehr als fasziniert. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Gibt es ein Leben da draußen und wenn ja, wie mag sie aussehen, die Gesellschaft, die in diesem kleinen Universum lebt?

Planet Magnon“ von Leif Randt (Kiepenheuer und Witsch) bringt uns mit einem sehr exklusiven Shuttle direkt mitten ins Herz dieser bisher unentdeckten Galaxie und bereits die ersten Kapitel des Romans zeigen deutlich, dass wir tatsächlich Leben außerhalb unserer vorstellbaren Welt gefunden haben. Und nicht nur das. Menschen bevölkern die Planeten, die sich auf der immer gleichen zyklischen Umlaufbahn um die Sonne im Mittelpunkt des Systems bewegen.

Zeitlos und utopisch mutet dieses Sonnensystem an. Die Menschen scheinen in völligem Frieden miteinander zu leben und alle Planeten des Sonnensystems sind mehr oder weniger kultiviert. Lebensraum ohne Ende und soziale Gemeinschaften, die mit ihren unterschiedlichen Philosophien eine harmonische Gesellschaft etabliert haben. Sechs Planeten und zwei Monde umkreisen einander in stiller Eintracht und dienen dabei unterschiedlichen Bestimmungen. Vom Metropolenplaneten „Blossom“ über den Ferien-Himmelskörper „Cromit“ bis hin zur stinkenden Müllhalde der Galaxie, dem Planeten „Toadstool“ reicht das Spektrum unterschiedlicher Heimaten für die großen Kollektive der neuen Zeitrechnung.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Kollektive der Bewohner haben alles hinter sich gelassen, was in der „alten Zeit“ für Konflikte verantwortlich war. Sie haben sich post-demokratisch von fast allen Ansprüchen auf Macht oder Entscheidungsbefugnis verabschiedet und befinden sich trotz aller Unterschiede auf der beharrlichen Suche nach dem innovativen Potenzial von Glück. Bei aller Eintracht im Vorleben ihres individuellen Lebensstils konkurrieren die Kollektive nur noch um mögliche neue Mitglieder, um bloß nicht von der Bildfläche zu verschwinden.

Die Regierung und Steuerung ihrer kompletten Welt haben sie alle einem weisen und allmächtigen Computersystem übertragen, das immer in der Lage ist, die gesamten Abläufe des Sonnensystems auf der Grundlage perfekter Statistiken und im Sinne von Wohlstand für alle ausgewogen und fair treffen zu können. ActualSanity heißt das technische Wunder, das alle Wahlen abgeschafft hat, Missverständnisse zwischen den Kollektiven beseitigt und die bestehenden Gesetze dynamisch und fair den aktuellen Erfordernissen anpasst.

Und so können sie sich ganz auf sich selbst konzentrieren und die Suche nach dem perfekten Glück zum unanfechtbaren Mantra des Alltags erheben. Losgelöst von Verpflichtungen und Verantwortung geben sich die Menschen den unterschiedlichen Lebensmodellen hin. Sie unterscheiden sich in Nuancen und doch fühlt man sich nur geborgen, wenn man inmitten eines speziellen Kollektivs mit den anderen verschmilzt.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Dolfins, Fuels, Purpurs, Shifts, Zeldas und Westphals dominieren in ihren Ansichten und Stilen das Leben in diesem komplexen System. Und für jedes Kollektiv hat sich ein Planet gefunden, der den jeweiligen Vorlieben ganz besonders entspricht. Liebe und Beziehungsmodelle sind überholt. Man probiert sich gegenseitig aus. Trennt sich, sucht neue Partner und ist völlig losgelöst von täglichen Pflichten traditioneller Beziehungen. Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt und der Kontakt zwischen den Kollektiven ist harmonisch und von gegenseitiger Toleranz geprägt.

Das Streben nach Glück und die Suche nach dem Inhalt für die Leere, die durch fehlende Verantwortung entstanden ist, führen zu ausschweifenden Sinnsuchen. Pure Unterhaltung, reine Lustbefriedigung und Drogenkonsum sind die tragenden Säulen der individuellen Bewusstseinserweiterung und dabei gesellschaftlich hoch angesehen. Das Kollektiv der Dolfins zum Beispiel hat sich durch die Entwicklung der Droge „Magnon“ in diesem Bereich einen großen Vorteil verschafft. Eine Droge, deren Wirkung wie eine Erweckung beschrieben wird. Größte Objektivität und Emotion. Eine Wunderdroge.

Alles könnte so schön sein, müssten die Dolfins nicht um Nachwuchs bangen. Und wenn der Nachwuchs der Gemeinschaft fehlt, könnte ActualSanity zu der Entscheidung gelangen, das Kollektiv sofort aufzulösen. Also entscheidet man sich dazu, zwei absolute Vorzeige-Mitglieder auf Werbetour durch das Sonnensystem zu schicken. Marten Eliot und Emma Glendale besuchen die anderen Gemeinschaften und ihre Wahl-Planeten, kommen selbst dabei in Versuchung und entdecken das Unglaubliche. Abtrünnige ihres eigenen Kollektivs suchen nach neuen Wahrheiten und spalten sich ab. Gefahr ist im Verzug.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Als gleichzeitig Explosionen und Giftgasangriffe das System erschüttern wird klar, dass erstmals in der Geschichte der „Neuen Zeit“ ein Kollektiv gegen die allgemeine Abstumpfung kämpft und bereit ist, Gewalt einzusetzen. Die „Gebrochenen Herzen“, wie sie sich selbst nennen, wenden sich von der Oberflächlichkeit des Lebens ohne Verantwortung und wahres Gefühl ab. Lebensgrundlage wird die Verletzung der eigenen Gefühle, die jedes Mitglied des Kollektivs bewusster leben lässt als die Vision der Dolfins von einem Planeten unter Drogen. Dem „Planeten Magnon.“

Eine geheimnisvolle Frau mit Tigermaske führt die Bewegung an und die beiden Reisenden in Sachen Kollektiv-Nachwuchswerbung geraten zwischen die Fronten. Sie kommen den „Gebrochenen Herzen“ bedrohlich nahe und beginnen zu verstehen, dass die Anschläge nichts anderes sind als bewusste Schmerzimpulse, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Können Marten und Emma sich selbst treu bleiben, den Umsturz verhindern und die große Vision ihres Kollektivs realisieren? Oder werden sie zu Opfern ihrer eigenen Herzen, die gerade gebrochen werden?

Leif Randt entwirft in seiner packend und geistreich verfassten Utopie „Planet Magnon“ eine Szenerie, die uns vor Augen führt, was es heißt, ein anscheinend völlig befreites, jedoch gänzlich vom Lebenssinn entleertes Leben zu führen. Die Sucht nach purem Genuss und Ablenkung, Drogenkosum zur Erweiterung der Wahrnehmung und die völlige Loslösung von sozialen Werten wie Verantwortung, Pflicht und Empathie bei gleichzeitiger Akzeptanz einer technischen Ebene für alle Entscheidungen macht aus den Menschen aller Kollektive Abziehbilder ihrer Selbst.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Gesellschaft verlässt sich auf ein Navigationssystem und sorgt sich nicht mehr um eigene Wegmarkierungen oder Orientierungspunkte. Die Fahrt ist zwar rasant und scheinbar zielgerichtet. Man verfährt sich nicht und verlässt sich blind auf das Navi. Der Autopilot verursacht ein Ausmaß an Abstumpfung, das zu immer größerer Blindheit führt. Eine Tendenz, die in jeder Gesellschaft vermehrt wahrnehmbar ist. Berieselung durch Massenmedien und Abkehr von der Realität des Lebens. Kommt das nicht schon jetzt bekannt vor?

Der Gegenentwurf ist der reale Erfahrungshorizont des „Gebrochenen Herzens“. Schmerz als Indikator für das eigene Gefühl macht empathisch für die Gefühle anderer. Er öffnet Augen für Mitmenschen und für sich selbst. Die Tigermaske steht uns allen gut. Gebrochene Herzen maskieren sich und verdrängen das Ausmaß des eigenen tiefen Leidens. Aber um welchen Preis?. Man lügt sich selbst an und beginnt andere mit Eifersucht zu zerstören. Das Lesen verzweifelt verfasster Liebesbriefe dient als Quelle der Inspiration und ist wirksamer als der Konsum der Droge „Magnon“. Probiert es aus. Es funktioniert.

Dabei trägt die Reise von Marten und Emma viel von der Botschaft des „Kleinen Prinzen“. Sie lernen abgestumpfte, fehlgeleitete und oberflächliche Menschen kennen und die Angst vor der Verletzung des eigenen Herzens lässt die Gesellschaft gefühllos werden. Lieber stumpf als schmerzvoll zu leiden. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Dieses Zitat von Antoine de St. Exupéry vollendet Leif Randt durch den Zusatz „Das Herz muss zuvor gebrochen sein!“. Das Lesen dieser großartigen sozialen Utopie hat mich verändert. Es hat mich in mein gebrochenes Herz blicken lassen. Ich sehe nun besser. Auch ohne Maske und Magnon. Ein Buch wie ein Herzensspiegel.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

„Planet Magnon“ hat die utopische Strahlkraft eines Dave Eggers, ist dabei jedoch bewegender, verfügt über die literarische Brillanz eines David Foster Wallace, ist aber strukturierter und besticht durch die Gedanken, die sich im Leser festsetzen, während er selbst darüber nachdenkt, auf welchem Planeten er gerne einfach nur das lockere Leben genießen würde. Denkanstöße, die mehr als wichtig sind.

Leif Randt erweitert die Umlaufbahn unserer Empfindung. LESEN!

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