Terror – Ferdinand von Schirach – Das TV-Experiment en Blog

Terror - Ferdinand von Schirach - Ein moralisches Experiment

Terror – Ferdinand von Schirach – Ein moralisches Experiment

In welcher Verfassung befindet sich Ihr Gewissen? Eine mehrdeutig zu verstehende Frage! Ist Moral in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verankert? Urteilen unsere Richter auf der Grundlage von Maßstäben, die unser Gewissen berücksichtigen oder basiert unser Rechtssystem auf abstrakten Prinzipien, die das gemeinsame Leben in einer modernen Gesellschaft regeln sollen? Wie würden wir entscheiden? Wird hier wirklich immer Im Namen des Volkes Recht gesprochen oder würden wir selbst anders urteilen, wenn wir es dürften?

Ferdinand von Schirach ermöglicht uns in seinem experimentellen Theaterstück Terror“ unseren gesunden Menschenverstand in die Waagschale der Justiz zu werfen. Dabei basiert seine Idee darauf, die Zuschauer im Theater in die Rolle von vollwertigen Schöffen zu versetzen, die am Ende der Aufführung auf schuldig oder nicht schuldig zu plädieren haben. Die Gerichtsverhandlung wendet sich an das Publikum. Einzigartig in seiner Relevanz und bemerkenswert in seiner Tragweite für das eigene Denken, weil man selbst zum Teil eines Schuld- oder Freispruches wird.

Terror - Ferdinand von Schirach - Ein moralisches Experiment

Terror – Ferdinand von Schirach – Ein moralisches Experiment

Der zu verhandelnde Fall berührt unsere Moralvorstellungen im Kern und jeder ist betroffen, da es sich um ein Horrorszenario handelt, über das wir uns schon Gedanken gemacht haben. Spätestens nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Darf ein Kampfpilot der Bundeswehr eine mit 164 Menschen besetzte Passagiermaschine abschießen, die von einem Terroristen entführt wurde, der nun den gezielten Absturz in die mit 70000 Zuschauern ausverkaufte Allianz Arena einleitet? Mit dieser Frage hat sich das Gericht auseinanderzusetzen und damit sind auch wir persönlich betroffen, da wir am Ende der Beweisführung und der Plädoyers das Urteil gegen den Kampfpiloten zu fällen haben, der die Rakete abgefeuert hat.

Keine Sorge. Es erwartet Sie kein trockenes juristisches Lehrstück! Von Schirach liefert alle Fakten und lässt sowohl den Verteidiger als auch die Staatsanwältin in jeder Hinsicht fundiert argumentieren. In militärischer, juristischer und moralischer Hinsicht ist am Ende der Verhandlung alles gesagt und der neutrale Zuschauer, Schöffe oder Leser ist frei in seinem Urteil. Wir sind frei. Wir stimmen auf einheitlicher Wissensbasis über das Schicksal eines Menschen ab, der seine „Tat“ weder leugnet, noch abstreitet. Von Schirach hat brillant recherchiert. Er selbst entscheidet nicht. Das überlässt er uns. Die Chance sollten wir nutzen. Der Verantwortung sollten wir uns stellen.

Terror - Ferdinand von Schirach - Ein moralisches Experiment

Terror – Ferdinand von Schirach – Ein moralisches Experiment

Wir können „Terror“ in einer Taschenbuchausgabe des btb Verlages lesen. Wir können ins Theater gehen und die Verhandlung live erleben oder wir stellen uns diesem einzigartigen Experiment am Montag, den 17. Oktober im Fernsehen. Die ARD hat das brillante Buch verfilmt und macht die Zuschauer zu den Aktivposten des Experiments. In einem ersten Teil verfolgen wir den Prozess, und im Anschluss daran können wir in der Sendung „Hart aber fair“ abstimmen, erleben die Verlesung unseres Urteils und können der Livediskussion folgen. Wir beeinflussen diesen Abend mit unserem eigenen Urteil.

Urteilen Sie selbst! Ich selbst werde mein Urteil nach dem TV-Prozess abgeben. Ich bin gespannt auf den Verlauf dieses Abends, den Ausgang der Abstimmung im TV und auf die Urteilsverlesung, zu der wir letztlich alle beigetragen haben. Für mich gibt es in dieser Frage keine absolute Wahrheit, da dieser Fall die Zerrissenheit unserer Wert- und Moralvorstellungen widerspiegelt, wie kaum ein anderer. Lassen Sie sich auf das einzigartige Experiment ein. Urteilen Sie auch hier. Unter allen Kommentaren verlose ich eine Ausgabe des Taschenbuches. Das ist insofern mehr als interessant, da im Buch beide Urteilssprüche mit ihrer jeweiligen Begründung zu lesen sind, während wir am Ende des TV-Events wohl nur eine Variante zu sehen bekommen.

Einsendeschluss: Sonntag, 23.10.2016 bis Mitternacht

Terror - Ferdinand von Schirach -Sie sind gefragt...

Terror – Ferdinand von Schirach – Sie sind gefragt…

MEIN URTEIL: Freispruch

Ich habe so entschieden, weil der Artikel 1 unseres Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ nicht zu einem leeren Prinzip verkommen darf, das uns erpressbar macht. Das menschliche Leben zu schützen ist vornehmste Aufgabe aller Staatsorgane. Würden wir diesem Prinzip blind folgen, wären wir im Falle von politisch motivierten Geiselnahmen (Hans-Martin Schleyer) handlungsunfähig und als Terrorziel perfekt geeignet.

Auch die TRIAGE, die Sichtungsgrundsätze beim Massenanfall von Verletzten, stellt keine Verletzung des Artikels 1 dar. Hier wird priorisiert, wer aufgrund der Schwere der Verletzung zuerst versorgt wird, und wer eben nicht. In engster Auslegung der Gesetze wäre jeder Notarzt schuldig, weil er nicht versucht hat, jeden Verletzten zu versorgen. Die moralischen Werte unserer Gesellschaft verlangen nach Ausnahmen in Situationen, die vom Gesetzgeber nicht explizit gefasst wurden. Diese Werte gilt es zu schützen.

Hier die bisherigen internationalen Abstimmungsergebnisse

Das Ergebnis der ARD-Abstimmung: Freispruch (86 %)

Terror - Ferdinand von Schirach - Ein moralisches Experiment

Terror – Ferdinand von Schirach – Ein moralisches Experiment

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56 Gedanken zu „Terror – Ferdinand von Schirach – Das TV-Experiment en Blog

  1. Lieber Arndt,

    ich kann den Fall heute leider nicht am TV verfolgen, habe mir aber in den letzten Tagen viele Gedanken über dieses Thema gemacht.

    Ein wirklich eindeutiges gerechtes Urteil kann es meiner Meinung nach nicht geben.
    Einerseits gibt es da Gesetzesgrundlagen, gegen die eindeutig verstoßen wurde. Gesetze gelten für uns alle und Zuwiderhandeln sollte bestraft werden.

    Doch nun kommt ein wichtiges Detail ins Spiel. Er hat mit seiner Handlungsweise eine größere Katastrophe verhindert und viele weitere Menschenleben gerettet. Hätte ich Angehörige im Stadion gehabt oder wäre selbst dort gewesen, wäre ich unendlich dankbar, dass dieser Kampfpilot den Mut hatte, diese Gewissensentscheidung zu treffen und sich nicht hinter dem Gesetzt zu verstecken.

    Auf der anderen Seite stehen die Opfer in der zum Absturz gebrachten Maschine. Aber wären diese nicht auch beim geplanten Absturz ins Stadion ums Leben gekommen? Als Angehöriger würde ich wahrscheinlich den letzten Aspekt beiseite schieben und eine Verurteilung des „Täters“ wünschen, um meinen inneren Frieden finden zu können. Doch wie ich in der Realität urteilen würde, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, da man sich in bestimmten Situationen immer anders als gedacht verhält.

    Müsste ich ein Urteil fällen, würde ich den Gesetzesverstoß an sich ahnden, aber keine zu verbüßende Gefängnisstrafe verhängen.
    Da es hier aber um einen Schuld- oder Freispruch bzgl. Mordes geht, würde ich mich für einen Freispruch entscheiden.

    So, das wurde nun doch etwas länger, aber ich wollte nicht einfach nur so ein Urteil abgeben.

    LG Anja

  2. von Schirach hat ein Problem. Als das Buch erschien, hate das BVerfG bereits geurteilt, dass § 14 Abs. 3 LuftSiG nicht angewandt werden kann, da Menschenleben gegen Menschenleben nicht einfach gegeneinander abgewogen werden können.

      • Da bin ich ja gespannt, gelesen habe ich es nicht. Das der Zeuge nicht danach befragt wurde, wundert mich ein wenig, andererseits zitieren Gerichte nicht unbedingt während der Beweisaufnahme andere Urteile, hier aber ist es für die Motivtion des Angeklagen doch notwendig, meine ich…

      • Es wurde explizit zu Beginn der Verhandlung erwähnt und steht so im Buch. Auch die Aussagen von Ex-Minister Jung zielen auf diese Änderung ab.

  3. Das Weichensteller-Beispiel gibt es tatsächlich? Die Erweiterung ist unerheblich. Aber die fünf Gleisarbeiter hätten die Chance, den Wagon zu bemerken und die gleise zu verlassen. Die Menschen im Stadion und die Menschen im Flugzeug und die Menschen im Zug haben diese Möglichkeit nicht. Dieser Gedankengang Schierachs ist nicht schlüssig.

  4. Ich habe mich entschieden. Koch hat sich der Befehlsverweigerung schuldig gemacht, aber nicht des Mordes. er hatte keine niederen Beweggründe. Und ob hier Befehlsverweigerung überhaupt einschlägig ist, dass ist ein Fall für Militärjuristen.
    Die polizei kennt den finalen Rettungsschuss aber es ist richtig, dass dieses juristische Problem kein absolutes ist, der Einzelfall muss geprüft werden.
    Der Verteidiger hat recht, das BVerfG hat den $ 14 abs. 3 in seinem Wortlaut abgelehnt, dies hat mit dem Fall nichts zu tun.

  5. Gerhard Baum: „Der Kampf gegen den Terror darf uns nicht veranlassen, den Boden des Rechts zu verlassen. Diesen Gefallen dürfen wir den Terroristen nicht machen. Und es gibt eben kein Allheilmittel gegen das Risiko.“, so der ehemalige Innenminister. Wenn man aber die Entscheidung zwischen falsch und falsch treffen muss, sehe ich dies immer nur im konkreten Fall als relevant. In diesem Falle würde sich die Argumentation von Baum ins genaue Gegenteil verkehren, die Terroristen würden in ihrem Tun ermuntert und bestätigt werden. Also von meiner Seite „FREISPRUCH“!

  6. Guten Morgen,
    mein Hirn rattert immer noch.
    Von Schirach hat erreicht, was er erreichen wollte. Das darüber nachgedacht und diskutiert wird. Nicht mehr und nicht weniger war sein Anliegen. Wer ein wenig den familiären Hintergrund von Schirachs kennt, weiß warum das so ist. Außerdem ist er selbst Jurist. Selbstverständlich kann sich keiner von uns ein rechtmäßig geltendes Urteil bilden. Und doch sage ich, dass was man seine Schuld nennen könnte ist, dass er sich der Befehlskette widersetzte.
    Was mich überzeugt hat, war das Argument, dass wenn nicht abgeschlossen wird, den Terroristen hier freie Fahrt gewährt wird. Kann man sicher auch darüber streiten.
    Fakt ist, dass die Piloten dort oben auf sich allein gestellt werden und Entscheidungen treffen müssen mit denen sie leben können/müssen.
    Sicher ist die Würde des Menschen unantastbar, aber dann dürfte kein Arzt, kein Rettungsschwimmer, kein Feuerwehrmann mehr entscheiden… Und sie tun dies täglich.
    Und ein Terrorist lässt sich nicht abbringen von seinem Vorhaben. Die Argumentation das der Pilot ja gewiss die Maschine neben das Stadion gelenkt hätte, hinkt in meinen Augen.
    Und das die Passagiere den Terroristen überwältigt hätten, geht auch nicht. Die Türen zum Cockpit sind seit 9/11 fest gesichert.

    Also für mich auch Freispruch. Außer das er die Befehlskette missachtete.

    Liebe Grüße

    Lili

    PS: Stimmt das, dass die Allianz Arena in 15 Minuten evakuiert werden könnte?

    • Das ist bedingt richtig. Das Stadion wäre theoretisch leer. 70000 Menschen wären allerdings noch im Umfeld der Arena. Keine Bahn-Anbindung. Nur Busse und alle Autos in den Tiefgaragen. Keine relevante Rechnung mit den 15 Minuten.

  7. Der Staat würde sich erpressbar machen und das darf nicht sein. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat 1977 sehr schweren Herzens so entschieden und dadurch den Tod von Hanns Martin Schleyer „in Kauf genommen“ .. nehmen MÜSSEN.
    Auch der Sturm auf die „Landshut“ hätte sehr viele Opfer fordern können, war aber notwendig.
    Schmidt schreibt in einem seiner Bücher, als H.J. Wischnewski ihm berichtete, dass es keine gab, habe er geweint.
    Ich habe auch für Freispruch gestimmt

  8. Hallo Arndt,

    ich habe gestern das TV-Ereignis auch verfolgt und am Ende mit abgestimmt. Es war sehr interessant sich selbst die Frage zu stellen, wie man zu so einem brisanten Thema steht, und wie man die Gewissensfrage beantworten würde.

    Meiner Meinung nach hat sich der Pilot zwar auf eine Weise schuldig gemacht, indem er „unschuldige“ Menschen mit dem Abschuss eines Passagierflugzeuges den Tod bringt. Auf der anderen Seite hat er jedoch vielen unschuldigen Menschen dadurch das Leben gerettet. Außerdem sollte man nicht außer acht lassen, dass die Menschen im Flugzeug wohl auch ohne den Abschuss zu Tode gekommen wären.

    Im Endeffekt finde ich, dass der Pilot richtig gehandelt hat und er in diesem Einzelfall für nicht schuldig befunden werden sollte. Die Gegenargumentation, dass die Passagiere den Terroristen ja evt. noch überwältigen könnten oder der Pilot den Kurs doch noch vom Stadtion abbringt, enthält für mich zuviel Spekulation.

    Sehr Schade fand ich, dass die Politik nicht die Entscheidung getragen hat, sondern der Pilot auf sich alleine gestellt war.

    Viele Grüße
    Bella

  9. Dann werde ich meinen Senf bzw. mein Urteil auch hier noch abgeben 🙂

    Ich bin zugegeben vor einigen Monaten auf das TV-Event aufmerksam geworden, weil ich den Schauspieler Florian David Fitz, also Major Lars Koch, sehr überzeugend finde. Ich war wirklich sehr gespannt auf den Film, da er ein leider sehr aktuelles Thema aufgreift. Gut fand ich die Idee, anschließend eine Diskussion mit Experten zu starten. Da hat sich der ARD was einfallen lassen. Leider konnte ich telefonisch oder im Internet nicht abstimmen, weil alles zusammengebrochen ist, meine Kollegin hatte Glück und konnte ihr Urteil in die gestrige Abstimmung einbringen. Es ist für uns beide aber dasselbe, wir plädieren beide für Nicht schuldig.

    Zur Urteilsbegründung führe ich aus, dass es zwar verfassungswidrig gewesen sein mag, das Flugzeug abzuschiessen. In diesem Sinne ist der Pilot schon schuldig, auf der anderen Seite finde ich seine Entscheidung gut. Denn wie die Theologin sagte, es gibt nur falsch und noch falscher. Es ist zwar grausam, in diesem Moment Menschenleben gegeneinander abzuwägen, aber dennoch wurde der „Schaden“ klein gehalten. Die Menschen im Flugzeug waren doch schon dem Tod geweiht. Dass man als Passagier nicht so einfach ins Cockpit kommen kann, zeigt doch der German Wings Vorfall im letzten Jahr. Da ist nicht einmal der Pilot in sein Cockpit gelangt, wie sollen es dann Zivilisten schaffen? Das Szenario, dass sie den Attentäter hätten überwältigen oder es aber dem Co-Piloten noch gelungen wäre, die Waffe (wer sagt denn, dass der Täter eine Waffe hatte und nichts anderes bei sich trug?) zu entreißen, halte ich doch etwas für weit her geholt.

    Es wurde im Vorfall alles getan, um ein Abschiessen zu verhindern. Der Plan „Kontaktaufnahme, Abdrängen, Warnschuss“ wurde eingehalten, nichts hat geholfen. Und das ein Attentäter nicht von seinem Plan abzubringen ist, steht für mich außer Frage. Der hätte das Flugzeug nicht irgendwo landen lassen, wobei.. doch, schon, aber mit dem großtmöglichen Schaden, den er dabei anrichten kann. Also wären Menschen im Flugzeug sowie im und um das Stadion zu Tode gekommen (der Olympiapark ist ja auch in unmittelbarer Nähe). Wer hätte denn den Angehörigen erklärt, warum keiner etwas unternommen hätte, die Mehrheit zu retten? Der Aufschrei wäre noch viel größer gewesen. Eine so große Arena in wenigen Minuten zu evakuieren, ohne, dass Panik ausbricht (und die wäre mit Sicherheit aufgekommen, keiner bleibt ruhig, wenn man aufgefordert wird, ruhig eine große Veranstaltung zu verlassen), halte ich für fast unmöglich. Es hätte aber versucht werden können, zumindest einen Teil zu evakuieren. Hier trägt aber nicht der Major die Schuld, dass nichts am Boden unternommen wurde.

    Wenn Lars Koch nur nach der Verfassung und nach seinem sturen Befehl gehandelt hätte, hätten es die Terroristen im Ernstfall doch sehr einfach. Die denken sich, „wenn wir einmal das Flugzeug unter Kontrolle haben, schießen die uns nicht ab, uns kann nichts passieren.“ Das darf auch nicht sein. Klar, es darf auch nicht so ohne weiteres abgeschossen werden, so viel ist sicher. Aber es wurde in diesem Fall alles nötige getan, um die Katastrophe zu verhindern und als das nicht gelang, sah es der Major als seine Pflicht an, wenigstens die Masse zu schützen und hat, ich drücke es mal salopp aus „das kleinere Übel“ gewählt. Er hat die Schuld auf sich genommen, wie ich finde, auch zu Unrecht. Hier haben auch die anderen am Stab beteiligten ihre Verantwortung zu tragen, nicht nur einer alleine. Die Anklage auf Mord halte ich auch für etwas „überzogen“, es treffen zwar alle Merkmale des Mordes zu, aber hier wurde ja auch zum Schutze von anderen gehandelt.

    Um zum Abschluss zu kommen, Gesetze sind wichtig und nach ihnen muss sich orientiert und gehandelt werden. So viel ist klar. Aber in solchen Ernstfällen (hoffentlich werden wir so einen nie haben) muss es einen Handlungsspielraum geben, der nicht direkt jeden Piloten oder wen auch immer zum Mörder macht, nur weil er den Befehl im letzten Moment verweigert hat, aber dadurch viele andere Menschen gerettet hat.

    „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil, der Angeklagte ist freizusprechen, die Kosten..“ ähm, du weißt schon 🙂 So, ich bin fertig.

      • Ja, irgendwie hat mich das Thema doch schon etwas mehr beschäftigt 😀 Und alles weitere ist Berufskrankheit, mit begründen und belegen etc.. Ich bin grad nur froh, dass wir hier keine reinen Strafsachen bearbeiten, sondern nur Verkehrsstrafsachen und selbst da gibt es Lücken, um milde Strafen zu bekommen, wenn man gut argumentiert. Also sollte es im Falle eines möglichen Terroraktes auch einen gewissen Spielraum geben.

  10. Der § 14 LuftSiG lautet:

    (1) Zur Verhinderung des Eintritts eines besonders schweren Unglücksfalles dürfen die Streitkräfte im Luftraum Luftfahrzeuge abdrängen, zur Landung zwingen, den Einsatz von Waffengewalt androhen oder Warnschüsse abgeben.
    (2) Von mehreren möglichen Maßnahmen ist diejenige auszuwählen, die den Einzelnen und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten beeinträchtigt. Die Maßnahme darf nur so lange und so weit durchgeführt werden, wie ihr Zweck es erfordert. Sie darf nicht zu einem Nachteil führen, der zu dem erstrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis steht.
    (3) Die unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ist nur zulässig, wenn nach den Umständen davon auszugehen ist, dass das Luftfahrzeug gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll, und sie das einzige Mittel zur Abwehr dieser gegenwärtigen Gefahr ist.
    (4) Die Maßnahme nach Absatz 3 kann nur der Bundesminister der Verteidigung oder im Vertretungsfall das zu seiner Vertretung berechtigte Mitglied der Bundesregierung anordnen. Im Übrigen kann der Bundesminister der Verteidigung den Inspekteur der Luftwaffe generell ermächtigen, Maßnahmen nach Absatz 1 anzuordnen.
    Fußnote
    § 14 Abs. 3: Nach Maßgabe der Entscheidungsformel mit GG unvereinbar und nichtig gem. BVerfGE v. 15.2.2006 I 466 – 1 BvR 357/05 –
    §§ 13 bis 15: Nach Maßgabe der Entscheidungssformel mit dem GG vereinbar gem. BVerfGE v. 20.3.2013 I 1118 – 2 BvF 1/05 –

    Abs 1 nennt Maßnahmen, immer noch möglich sind, wobei im polizeilichen Gefahrenabwehrrecht das abgeben von Warnschüssen meist die Voraussetzungen für den Gebrauch der Waffen gegen Menschen oder Sachen bedingen. Dies wäre dann der Abs. 3 und der ist durch das BVerfG (siehe Fußnote) abgelehnt wurden.

    Abs. 2 verweist auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, der ebenfalls Verfassungsrang besitzt. Danach muss ein Mittel geeignet sein, die Gefahr abzuwehren, d.h. im vorliegenden Fall von den Menschen im Stadion. Unzweifelhaft wäre der Abschuss der LH geeignet. Das Mittel muss erforderlich sein, d.h., es ist kein geringeres Mittel mehr vorhanden, die Räumung des Stadions erscheint untunlich weil im Zeitraum unmöglich. Der dritte Fakt ist die Abwägunge von Rechtsgütern gegeneinander. Der funktioniert nicht, weil Leben gegen Leben nicht abgewogen werden können. Das ist die Grundaussage des Urteils des BVerfG und unstrittig.
    Daher ist in der kommenden Novellierung des LuftSiG der Abs 3. (hoffentlich) gestrichen. Das zweite genannte Urteil war ein Normenkontrollverfahren, schließt die Aussagen des § 4 (3) ebenso aus und ist für den Fall nicht ganz so wichtig, da es sich unter anderem mit der Gesetzgebungskompetenz des Bundes beschäftigt.

    Hier hilft uns das Gesetz nicht übermäßig weiter.
    Als Helmut Schmidt den Einsatz der GSG 9 in Mogadishu 1977 befahl, wusste er, geht dies schief, dann muss er zurücktreten. Er hat die Verantwortung angenommen. Der diensthabende General hat dies, ebenso sicherlich nicht gewissenlos, ebenso getan, genau wie der Pilot. Ergo, finde ich, wenn es schon kein Gesetz gibt, diesen Fall zu entscheiden (vor Abschuss) und ein Gericht wegen Gefahr im Verzug sowieso nicht zur Verfügung steht, dann muss ein Regierungsmitglied die Verantwortung übernehmen. Das könnte nur der Innenminister (bei Gefahren durch innländische Terroristen), vielleicht die Verteidigungsministerin bei Angriffen von außerhalb oder aber die Bundeskanzlerin sein. Wie Helmut Schmidt, der dies noch konnte, so wie hier aber nicht musste. Man mag über Jung denken was man will, aber er hat in dem Frankfurter Fall aus meiner Sicht Courage bewiesen.

    Der Pilot war der letzte und gleichzeitg der Erste. Er wurde letztlich im Stich gelassen.

    Ich bin weiterhin für Freispruch.

  11. Ihr mögt mich verstehen oder nicht, aber ich selbst möchte nicht urteilen zwischen schuldig und unschuldig…

    Ich habe nun einige Sequenzen aus dem Film gesehen und mich ein wenig mit dem Thema beschäftigt…
    Wenn ich aufgrund von diesen Sequenzen und Informationen urteilen würde, dann würde ich den jungen Mann für unschuldig befinden. Gerade weil er ein Argument gebracht hat, dass mir sehr im Kopf blieb: Wenn wir nicht bereit sind wenige Unschuldige zu opfern, um viele zu retten, dann geben wir den Terroristen eine riesige Waffe in die Hand… Sie bräuchten sich nur hinter ein paar Unschuldigen als Schutzschild verstecken… um tausende zu töten…

    Ich glaube generell ist die Frage des schuldig oder nicht schuldig seins, aber eine die sich stark verändert, je nachdem welche Werte man vertritt…
    Auf Artikel 1 des Grundgesetzes bist du ja schon eingegangen, sodass ich dazu nichts mehr sagen muss.
    Sollte man allerdings den Grundsatz vertreten, dass sämtliches Leben kostbar und gleichwertig ist, dann dürfte man theoretisch dieses Flugzeug nicht zum Absturz bringen…

    Wir sind Menschen und wir lassen uns von Ängsten, Emotionen und manchmal auch von Gesetzen leiten.
    Sollte jemand im Stadion sein, den man kennt, lässt man das Flugzeug abstürzen… sollte jemand im Flugzeug sein, sieht das ganze schon anders aus…

    Ich bin nicht dazu in der Lage, dieses Szenario in die Realität zu übertragen (auch wenn das Thema aktueller wie nie ist…)…
    Denn alleine die Vorstellung eine solche Entscheidung in der Realität beurteilen oder gar treffen zu müssen, tut schon weh…
    Meine Meinung den Film betreffend habe ich ja anfangs erläutert…

    Ich weiß nicht, wie wirr meine Gedanken nun sind, aber ich hoffe, sie sind nachvollziehbar irgendwie…

  12. Keine Sorge, ich habe die Verlosung nicht vergessen, aber erstens hat der ausgeloste Uwe Rennicke das Buch bereits und die Buchmesse hat viel Zeit verkostet. Am Wochenende folgt der zweite Verlosungs-Versuch…

  13. Leider enthält der Film VIELE FEHLER und führt in die IRRE. Er enthält falsche Behauptungen, diffamiert das deutsche Recht und stellt falsche Fragen, also Fragen, die sich so nicht stellen. Ich schließe mich der Meinung eines der höchsten und besten Strafrechtlers, des BGH-Richters a.D. Thomas Fischer an: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht/komplettansicht
    Ein schwerer, dummer Fehler, der mir schon während des Films aufgefallen war: Der Vorsitzende Richter beginnt beide Urteils-Alternativen mit dem Satz, die Schöffen hätten mehrheitlich entschieden, …
    Das ist grottenfalsch!!!
    1. Die Entscheidung wird nicht nur von den Schöffen (Laienrichter), sondern auch von den Berufsrichtern gefällt. Jeder Laien- und jeder Berufsrichter hat genau eine Stimme. Alle Stimmen haben den gleichen Wert. Bei Gleichstand entscheidet aber die Stimme des Vorsitzenden Richters. (§ 196 GVG)
    2. Ob eine Entscheidung einstimmig oder nur mehrheitlich gefällt wird, unterliegt dem Beratungsgeheimnis. Niemand darf über das Abstimmungsergebnis berichten. Richtig wäre, wenn gesagt wird, das Gericht habe entschieden (statt: „Die Schöffen haben mehrheitlich entschieden …“).
    Mir ist natürlich bewusst, dass einstimmig auch eine Variante der mehrheitlichen Entscheidung ist. Aber der Begriff „mehrheitlich entschieden“ ist insofern missverständlich, dass er bei vielen Menschen suggerieren könnte, dass es keine einstimmige Entscheidung gab. Und ein Gericht muss missverständliche Formulierungen vermeiden. Dass die Entscheidung, die das Gericht verkündet, mehrheitlich oder sogar einstimmig getroffen wurde, kann jeder im Gesetz (§ 196 GVG) nachlesen. Daher ist eine solche missverständliche Äußerung zu unterlassen!

    • Die fachjuristische Sicht der dinge habe ich in verschiedenen Diskussionsrunden auch schon live erlebt. hier streiten sich aber auch die Gelehrten. Ich habe das Buch und den Casus auf meinen beschränkten juristischen Horizont runtergebrochen und empfinde es nach wie vor als ein extrem denkenswertes Experiment, die Verantwortung am Ende auch in die Hand des Lesers zu legen. Das mindeste Ziel, einen Diskussionsanreiz zu bieten, wurde mehr als erreicht. Dazu sind nicht alle Autoren in der Lage…

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