„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern

„Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

„Mein Urgroßvater ist zu alt, um noch viel im Museum zu arbeiten,
dessen Bücheraufseher er eine lange Reihe von Jahren war,
doch bringt er eine ziemliche Zeit hier zu, und wahrhaftig,
es kommt mir vor,
als ob er entweder sich als einen
Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil
von sich betrachtete.“

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Ihr habt das sicher auch schon mal erlebt. Ihr lest einen Roman, vertieft euch in den eigentlichen Inhalt, seid begeistert und doch bleibt euer Auge immer wieder an einem Satz hängen, der gar nicht vom Autor selbst stammt. Die Rede ist hier von Zitaten, die häufig auf der ersten Seite eines Buches auftauchen, um die Handlung in den Kontext der großen Weltliteratur zu stellen.

Ein solches Zitat ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, als ich Das Haus der zwanzigtausend Bücher von Sasha Abramsky (dtv) für mich entdeckte. Begeistert durchforstete ich dieses magisch anmutende Gebäude und erfreute mich an Bildern von Zimmern, die eigentlich keinen Platz mehr zum Leben ließen. Außer man hatte sich für das Leben mit Büchern entschieden und ihnen mehr Raum überlassen, als sich selbst.

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

Das einleitende Zitat stammt aus der Feder von William Morris, einem britischen Architekten, Maler, Sozialisten, Teppichhersteller und leidlich bekannten Schriftsteller. Es stammt aus seinem 1890 veröffentlichten Roman Kunde von Nirgendwo und traf mich mitten ins Leserherz. Für einen Bruchteil einer Sekunde hatte ich das untrügliche Gefühl, mich selbst in diesem Satz wiederzufinden. Vielleicht war es auch der Bruchteil meines Lebens, den ich dort las:

„Es kommt mir vor, als ob er entweder sich als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.“

Natürlich ließ mich dieses Zitat nicht mehr ruhen. Ich musste einfach mehr erfahren über diesen geheimnisvollen Menschen, der mir ziemlich ähnlich zu sein schien. Und während ich noch in der erdrückenden Enge eines Hauses zu Besuch war, in dem sich gesellschaftspolitische und philosophische Abhandlungen bis unter die hohen Decken stapelten, begann bereits meine erste Recherche zur „Kunde von Nirgendwo“, die darin gipfelte, dass dieser Roman den Weg in mein kleines Haus der Bücher fand.

„News from Nowhere“ sollte meine Fragen klären. Was veranlasste den Hersteller geknüpfter Teppiche dazu, einen utopischen Zeitreise-Roman zu schreiben? Wer steckt hinter der bibliophilen Fassade des im Zitat erwähnten Mannes, der Bücher als einen Teil von sich empfand und in welche Zeit würde mich diese Zeitreise entführen? Wo liegt dieses Nirgendwo und ähnelt der Entwurf den Science-Fiction-Welten von Jules Verne?

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

„Wenn ich nur einen Tag der neuen Zeit erleben könnte, nur einen einzigen Tag!“

Damit fängt alles an. William Gast hat seine Zeit gründlich satt. Das Ende des 19. Jahrhunderts ist geprägt vom industriellen Aufschwung, der Ausbeutung der Arbeiter, Umweltverschmutzung, der Kluft zwischen den einzelnen Klassen der Gesellschaft und der täglichen Hetze des Großstadtlebens in London. Das viktorianische England steht vor sozialen Unruhen und William Gast engagiert sich politisch für Umwälzungen.

Der Sozialismus prägt die Gedanken und hält Einzug in die Clubs und Unruhen in der Arbeiterschaft scheinen vorprogrammiert. Seinen Wunsch, nur einen einzigen Tag der Zukunft erleben zu dürfen, kann man gut nachvollziehen. Das Bürgertum steht vor dem Abgrund – es wird nach Wegweisern und Ratgebern gesucht, wie die Entwicklung zu stoppen ist.

Dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, dämmert unserem gerade aus dem Schlaf erwachten Zeitreisenden nur ganz langsam. Allzu idyllisch kommt ihm die neue Umwelt vor. Alle Menschen strahlen jugendliche Frische aus und altern kaum. Hektik scheint zum Fremdwort geworden zu sein und William realisiert, dass er – nomen es omen – zum Gast in einer neuen Zeit geworden ist. Das Jahr 2000 ist überschritten und die Gesellschaft hat sich gewandelt.

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

Arbeit dient nur noch der Selbstverwirklichung. Geld wird nicht mehr benötigt. Ein moderner und individueller Tauschhandel hat das Kaufen ad absurdum geführt. Jeder beteiligt sich freiwillig an gemeinschaftlichen Aufgaben und über allem steht ein tief ins Leben ausstrahlender Friede. Kriminalität ist aufgrund fehlender Armut nicht mehr Teil der Gesellschaft und das große, weitgehend selbstlose Miteinander prägt den Alltag.

Auch die streng reglementierte politische Landschaft hat sich völlig verändert. Das altehrwürdige Parlamentsgebäude in London wird als Lagerhalle zweckentfremdet. Obwohl das aus der Sicht der Menschen dieser Zeit gar nicht so gesehen wird. Es hat endlich seine wahre Bestimmung gefunden:

„Oder wo haben Sie Ihr jetziges Parlament untergebracht?“

„Der alte Mann beantwortete mein Lächeln mit einem herzlichen Lachen: „Nun, nun, Dünger ist nicht die schlechteste Art der Verfaultheit und Verderbnis; aus dem Dünger kann Fruchtbarkeit kommen, während nur Mangel und Not von der anderen Art der Fäulnis kam, deren Hauptstützen einst diese Mauern bargen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, lieber Gast, dass unser jetziges Parlament sehr schwer in einem Hause unterzubringen wäre, weil das ganze Volk unser Parlament ist.“

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

William Gast begegnet dieser neuen Welt aufgeschlossen und doch ängstlich. Er möchte sich nicht verraten. Er ist neugierig und saugt die Eindrücke dieses Idealbildes auf, das den Menschen so viel Freiraum in ihren Leben schenkt. Als er dem ehemaligen Bücheraufseher des Museums begegnet, lernt er den Mann kennen, auf den das Zitat passt wie das Lesezeichen ins Buch.

Der Dialog zwischen diesen beiden Gelehrten des Alltags ist eine Reflektion der Geschehnisse seit dem 19. Jahrhundert. Es ist eine klare Vision und liebevoll gedachte Fantasie. Ein ideales Gesellschaftsmodell basierend auf dem Gedanken der Gleichheit und geprägt von einem vorurteilsfreien Menschenbild. Manchmal scheint William Gast sich selbst zu begegnen. Manchmal scheint es, als würde er Kraft tanken wollen, bevor er wieder in sein Jahrhundert zurückkehren kann, um endlich die Welt zu verändern. Ob der Sprung gelingt?

William Morris hat keinen großen philosophischen Wurf gelandet. Er hat einen idealen und wenig realen Traum erschaffen, in dem wir auch heute noch gerne zu Gast sind (wie sein gleichnamiger Protagonist). Und doch klingen so viele seiner Ideen nach. Unter der Überschrift „Ach wie schön könnte es sein“ ist dieser Roman einer zum Träumen. Nicht der technische Fortschritt dominiert diese Zeitreise, es ist kein Science Fiction Roman. Nein, es ist eine humanistische Vision, der man anhängen kann.

Die William Morris Society hat den Text auch in einer deutschen Fassung online zugänglich gemacht. Eine Rezension, die nicht im Buchkauf enden muss. Wann gab es das schon mal? Ich entschied mich für das Buch vom Golkonda Verlag. Es ist mir wichtig. Und es ist mit originalen Zeichungen des sehr talentierten Autors illustriert. Das gab den Ausschlag, das greifbare Buch erlesen zu wollen. Thats me…

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Also für mich liegt der Fall klar auf der Hand! Eines Tages wird es soweit sein, ich schneide mir an einer scharfkantigen Seite eines Romans die Pulsadern auf, werde von einem Lesezeichen überrollt oder von einer tonnenschweren Enzyklopädie erschlagen. Sei`s drum. Schön war die Zeit. Abmarsch ins neue Leben danach, oder in eine ganz neue Daseinsform im Paradies. „Wolke Sieben“ mit Harfe und gutem Buch. Das ist Fakt. Fehlt nur noch die schnelle Aufnahmeformalität an der Himmelspforte und schon wird man eingekleidet mit Flügelchen und hat seine himmlische Ruhe.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre - Rezension zum Hören zum Hören

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre – Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Das ist jedenfalls der Plan. Und da ich in meinem ganzen Leben nur Gutes vollbracht habe, immer brav zu meinen Nächsten war und niemandem ein Haar gekrümmt habe, ist der Einlass ins Paradies so gut wie gebongt. Andere mögliche Alternativen, wie ein lausiges Fegefeuer oder gar der Höllenschlund kommen für mich nicht in Betracht. Also wirklich. Wieso auch? Da gibt es schon ein paar Gestalten, die ich am Heiligen Petrus viel eher verzweifeln sehe. Aber ich? Nein… Kein Gedanke.

So denkt auch der gute Simon Laroche, als es ihn im zarten Alter von gerade einmal 50 Jahren plötzlich dahinrafft und er sich an der Himmelstür wiederfindet. Dem kurzen Erstaunen über das eigene Ableben folgt bereits die fundamentale Erkenntnis, durch diesen finalen Schritt von allem Irdischen befreit zu sein und quasi körperlos als gute Seele weiter existieren zu können. Der Himmel rief und Simon war da. Ein bisschen früh für seinen Geschmack, aber besser jetzt, als nie.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Was ihn dann im „Vorzimmer zum Paradies“ jedoch erwartet, macht ihn ein wenig sprachlos. Es ist nicht gerade so, wie er sich das alles vorgestellt hatte. Gut, er ist tot und insofern ist er schon erleichtert, dass es überhaupt ein Leben danach zu geben scheint. Von einer großen hässlichen Wartehalle jedoch war in der Bibel nicht die Rede.

„Trotzdem erinnerte mich der Ort, an dem ich erwacht war, in nichts an den watteweichen Weg unter endlosem azurblauem Himmel, den ich erwartet hatte und an dessen Ende mich ein Komitee aus Erzengeln hätte in Empfang nehmen sollen.“

Simon scheint geradewegs in der irdischen Bürokratie angekommen zu sein. Er wird registriert, erhält eine Wartenummer und muss danach bei seinem zuständigen Sachbearbeiter einen Fragebogen ausfüllen. Ganz banale Fragen über seine Herkunft, den Ort seiner Geburt und den seines Todes, sowie seine sexuelle Orientierung. Und letztlich gilt es auf der Rückseite einige Angaben zu ergänzen, die in keiner Weise auf ihn zutreffen.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

„Waren Sie aktiv an einem Völkermord beteiligt?“
„Haben Sie je die Existenz des Klimawandels geleugnet?
„Waren Sie der sexuellen Belästigung angeklagt?“
„Wurden Sie der Pädophilie beschuldigt?“

Na, Gelächter aber auch. Die Fragen sind schnell beantwortet und gerade für Simon ist es als ehemaliger Vorsitzender der „Ethik-Kommission für öffentliche Freiheit“ der französischen Regierung völlig unproblematisch, all diese Punkte wahrheitsgemäß zu verneinen. Reine Formsache. Was sonst? Er bereitet sich auf eine kurze Wartezeit vor, bis es dann endgültig auf die Reise zur letzten Station seines Daseins geht. Ab in den Himmel.

Doch weit gefehlt. Mit dem harmlosen Fragebogen fängt der Ärger im Vorzimmer zum Paradies erst richtig an und Simon gerät in die Mühlen des „Jüngsten Gerichts“. Statt seine Himmelsampel auf Grün zu schalten, findet er sich einem Anwalt gegenüber, der ihm nun versichert, alles für ihn zu unternehmen, obwohl der Fall ziemlich kompliziert sei und er sich nicht allzu große Hoffnungen machen dürfe. Hier läuft etwas ganz und gar falsch im Himmel. Davon ist Simon Laroche fest überzeugt, denn er hat alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet und auch die Fragen auf der Rückseite verneint! Was auch sonst?

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Aber genau da liegt sein Problem. Genau hier setzt die peinliche Untersuchung im „Vorzimmer zum Paradies“ an und Simon Laroche wird mit den Verfehlungen seines Lebens konfrontiert, wobei es wohl nur darum geht, dass er auf der Rückseite dieses Fragebogens zu den Themen „Pädophilie, Völkermord, Klimawandel und sexuelle Belästigung“ ein paar falsche Angaben gemacht haben soll. Als er nach den griffigen Beweisen für die Zweifel an seinen Aussagen fragt, beginnt sein Weltbild zu kippen und damit rückt auch das Himmelsbild für ihn in weite Ferne. Die Antwort seines Anwalts ist beängstigend:

„Das geht Sie zwar nichts an, aber mir liegen die detaillierten Aufzeichnungen Ihres Browserbetreibers vor. Der „Allerhöchste“ nimmt solche Dinge nicht auf die leichte Schulter. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt hier einige E-Mails von Ihnen… Vor allem über, ich zitiere: „Die Invasion der Zigeuner“. Haben Sie das vergessen?“

Simon fällt es wie Schuppen von den gebrochenen Augen. Der Heilige Petrus nutzt die Cloud. Der Himmel ist im Besitz aller Daten, die zu Lebzeiten mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten. Und da ist die blöde „Zigeuner-Mail“ noch recht harmlos. Viel schwerer wiegt Simons obsessive „Recherche“ nach einer gewissen Natascha, deren Bilder nur auf einschlägigen Seiten zu finden sind. Ob sie volljährig war? Diese Frage hatte er sich nie gestellt. Bis jetzt!

„Im Gegensatz zum katholischen Glauben, bei dem der Sündenzähler auf null zurückgesetzt werden konnte, war der Glaube an die Vernichtung von Daten reine Illusion.“

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Benoît Duteurtre entwirft in seinem Roman „Vorzimmer zum Paradies(Eichborn) eine morbid-fantastische Utopie eines Himmels, der sich zum wahren Schrecken der Menschheit verändert hat. Dabei greift er auf sozial-politische Themen zurück, die auch am himmlischen Paradies nicht gänzlich spurlos vorübergegangen sind. Datenschutz, Privatsphäre, Emanzipation, Überbevölkerung, Bürokratisierung und der Umgang mit persönlicher Verantwortung. Dies sind nur einige Aspekte, die dieser intelligente Roman aufgreift und in seinen Handlungsfäden zu einer Datenflut der Verfehlungen kumuliert.

Dabei ist es nur allzu klar, dass der Schwerpunkt des Romans im Rückblick auf das gelebte Leben des Simon Laroche liegt. Hier werden wir alle fündig auf der Suche nach den großen Verfehlungen, den kleinen Missverständnissen und der Mücke, die plötzlich zum Elefanten mutiert und auf diese Art und Weise das ganze Leben verändert. Was Medien auf Erden verursachen, bleibt dann auch dem Himmel nicht verborgen.

Das „Vorzimmer zum Paradies“ ist das WikiLeaks unter den Romanen und Benoît Duteurtre ist der Whistleblower des Allmächtigen.

Am Ende wird klar, dass unser eigener Weg unter Berücksichtigung der Transparenz im Datenaustausch zwischen Himmel und Erde definitiv nicht ins Paradies führen wird. In einem Leben, in dem wir selbst bei Facebook auf jeglichen Schutz der Privatsphäre verzichten ist es nur logisch, dass wir beim „Jüngsten Gericht“ mit Fakten konfrontiert werden, die uns auf dem direkten Weg in die Hölle führen.

Aber so ganz unter uns gesagt…! Seit dem Lesen dieses Romans freue ich mich ein wenig darauf. Warum? Na lest mal schön selbst. Es ist sehr erhellend.

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„Greenwash, Inc.“ – Imagepflege mit Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

AstroLibrium ist jetzt ein international anerkannter BioBlog. Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Meine literarischen Artikel sind biologisch abbaubar, ich verzichte gänzlich auf Genmanipulationen, engagiere mich für das Verbot von Kinderarbeit, habe mich dem Fair Trade-Gedanken verschrieben und trage nur Maßanzüge, die in Europa hergestellt wurden. Und all dies habe ich mir erst vor wenigen Tagen zertifizieren lassen, um mich gegen die aus dem Boden schießenden Blogs mit Bio-Ambiente durchzusetzen.

Das habe ich natürlich nicht selbst gemacht. Dafür habe ich eine Agentur. Und was für eine. Die Urkunden hängen nun in meiner Redaktion und ich bin als deren Kunde wirklich in allerbester Gesellschaft. Von „Mars & Jung“ werden nämlich alle betreuten Klienten mit ganz individuellen Image-Paketen ausgestattet, auch wenn sie es mit der Bio-Philosophie gar nicht so ernst nehmen. „Mars & Jung“ bieten ein umfangreiches Sorglos-Programm, wenn man sich etwas auf die Fahne schreiben möchte, das man jedoch gar nicht richtig vorleben mag.

Aber die Klienten stehen nun mal drauf! Sie vermitteln das Gefühl, dass man den tropischen Regenwald mit einer Kiste Bier schön-, oder Bolzplätze aus dem Nichts hersaufen kann. Und darüber hinaus glauben wir Endverbraucher so gerne an diese Geschichten, kaufen völlig überteuerte Produkte mit fragwürdigen Bio-Aufklebern und fragen uns doch nicht, was wirklich dahinter steckt. Darauf setzen „Mars & Jung“!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Dumm nur, dass die nationale Presse immer wieder versucht, investigativ genau diesen schwarzen Unternehmens-Schafen auf die Spuren zu kommen, die sich hier ganz gezielt „grünwaschen“ lassen. Und da sind „Mars & Jung“ immer sofort im Visier. Aber so gut, wie diese Agentur auf solche Angriffe vorbereitet ist, so gut ist keiner ihrer Konkurrenten in medialer und strategischer Hinsicht aufgestellt. Eine absolut perfekte Agentur mit einem vielschichtigen Portfolio, das jedem Klienten nachhaltig das perfekte Image beschert.

Alles nur frei erfunden? Mag ja sein, aber wenn Ihr in die Welt von Karl Wolfgang Flender eintaucht und den wirtschafts-utopischen Roman Greenwash, Inc. vom DuMont Buchverlag lest, dann gehen Euch schon die Augen auf. Spätestens, wenn Ihr wieder einmal Werbung, TV-Spots, Presse-Mitteilungen und ganzseitige Anzeigen in Printmedien seht, beginnt Ihr darüber nachzudenken, was Euch hier auf höchstem Niveau vorgegaukelt wird. Alle BIO – oder was? Sicher nicht.

Wir begeben uns mit Thomas Hessel in das Zentrum von „Mars & Jung“. Mitten hinein in eine neue Welt, in der das Schlagwort „Greenwash“ mehr als nur ein hohler Slogan ist. Denn Thomas Hessels Spezialität ist es nicht, das Image für einen Kunden zu designen, sondern es in Krisensituationen innovativ zu verteidigen. Und das gerade dann, wenn die Medienschlacht schon fast verloren zu sein scheint.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Mit seinem Kollegen Christoph bereist er die ganze Welt. Von Brasilien über Indien bis nach Ghana. Er taucht immer genau dort auf, wo das Image eines Klienten einen absoluten Totalschaden zu erleiden droht. Und statt auf völlig veraltete Praktiken wie Bestechung oder Schmiergeld zurückzugreifen, legt dieses Team in aller Kreativität los und gibt Vollgas. Hier werden Legenden gebaut und der Angriff gilt der Gefühlsebene potentieller Kunden.

Sie gehen in die Offensive, wo andere schon lange abtauchen. Sie bringen Opfer, wo andere bereit sind zu bezahlen. Sie betreiben innovative Krisen-Kommunikation mit der Presse, indem sie Bilder erzeugen, die an die Emotionen der Betrachter appellieren. Ihre Ideen sind revolutionär, unvorhersehbar und erfolgreich. Sie bedienen sich aller Mechanismen einer modernen Medienkultur und führen den aufrechten Journalismus ad absurdum.

Dabei werfen sie alles über Bord, was dem Ziel im Weg stehen könnte. Der Erfolg steht im Mittelpunkt und ein persönliches schlechtes Gewissen kann man sich in dieser Funktion nicht leisten. Darüber hinaus gibt es nichts, was man nach der Mission nicht großzügig und im Geheimen finanziell entschädigen könnte. Die Öffentlichkeit will aufs Neue überzeugt werden und das gelingt von Mission zu Mission. Beispiele gefällig?

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

So verschwindet mal eben ein tropischer Regenwald in einer selbst verursachten Brandrodung, nur um zu zeigen, wie überrascht man doch selbst von diesen brutalen Methoden der Landgewinnung ist. Und ganz nebenbei inszeniert man sich selbst als zufälliger Lebensretter in ausweglosen Situationen. Oder man findet Peinliches in der von Kinderarbeit getragenen und gerade im Feuer versunkenen indischen Kleiderfabrik. Frei nach dem Motto: „Wenn ich meinen Schaden schon nicht mehr beheben kann, dann reiße wenigstens die Konkurrenz mit in die Hölle“.

Opfer pflastern ihren skrupellosen Weg. Menschliches Leid und Armut werden als Kollateralschäden einkalkuliert. Und der freie Markt bestätigt sie. Ihre Strategien gehen auf. Erfolg wird zum Markenzeichen des stets im Verborgenen agierenden Teams. Sie kreieren „Hope-Stories“ und verstehen sich selbst als Vereinfacher. Je komplexer eine Botschaft ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie verstanden wird. Sie erzählen ihre Geschichten knapp und präzise. Das wirkt.

Und das alles unter der Führung des charismatischen Agenturleiters Jens Mars. Aber wie sieht es hinter den Kulissen der Agentur aus? Wenn schon die ganze Welt systematisch belogen wird, wie geht man dann mit seinen Mitarbeitern um? Und was, wenn jemanden das schlechte Gewissen plagt? Auch hier wird nur erdichtet, gelogen, gemobbt, erzwungen und subtil unter Druck gesetzt. So sehr, dass man wirklich nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Als Thomas Hessel die Lügen-Fäden zu entgleiten drohen, die er so meisterhaft gesponnen hat, gerät er zwischen die Fronten. Er, der Meister der YouTube-Methode. Er, der große Meister der Hope-Stories fällt einem medialen Phantom zum Opfer, das seinesgleichen sucht und doch in aller Munde ist. Thomas Hessel braucht dringend eine eigene Hope-Story. Ein wenig Hoffnung bei sinkenden eigenen Imagewerten. Er wendet sich an die Öffentlichkeit.

Ob Karl Wolfgang Flender mit „Greenwash, Inc.“ eine reine Utopie ersann? Ob er bereits ganz nah an der Realität eine Story erfand, die so gar keine Hope-Story ist und schon jetzt in der Lage ist, seine Leser völlig zu verunsichern? Das solltet Ihr selbst erlesen und beurteilen. Jedenfalls hat sein Roman Tempo und Sprengkraft. Zwei sehr wertvolle Ingredienzien, die ihn zu einem extrem lesenswerten Buch machen.

Kein Bio-Label wird Euch nach „Greenwash, Inc.“ mehr unschuldig vorkommen, kein noch so verwackeltes YouTube-Video wird euch noch amateurhaft erscheinen und keine Pressemeldung zum Image einer Firma wird mehr harmlos und wahr klingen. Ich gehe jetzt zurück in meine kleine Bio-Redaktion und genieße meine ganzen Zertifikate. Verklagt mich doch! „Mars & Jung“ hauen mich garantiert raus und machen aus jeder Niederlage einen Sieg. Brandrodung inklusive. Man sollte sich nur von seinem Gewissen verabschieden. Das schadet nur!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. – Buchhandlung Calliebe mit chlorfreiem Online-Service

„Planet Magnon“ von Leif Randt

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die kleine literarische Sternwarte ist seit Anbeginn der Zeitrechnung auf der Suche nach neuen Fixsternen am Bücherhimmel. Dies ist schon lange kein Geheimnis mehr. Als ich beim aufmerksamen Blick durch mein buchiges Teleskop allerdings ein völlig neues Sonnensystem mit eigenen Planeten und Monden entdeckte, war ich natürlich mehr als fasziniert. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Gibt es ein Leben da draußen und wenn ja, wie mag sie aussehen, die Gesellschaft, die in diesem kleinen Universum lebt?

Planet Magnon“ von Leif Randt (Kiepenheuer und Witsch) bringt uns mit einem sehr exklusiven Shuttle direkt mitten ins Herz dieser bisher unentdeckten Galaxie und bereits die ersten Kapitel des Romans zeigen deutlich, dass wir tatsächlich Leben außerhalb unserer vorstellbaren Welt gefunden haben. Und nicht nur das. Menschen bevölkern die Planeten, die sich auf der immer gleichen zyklischen Umlaufbahn um die Sonne im Mittelpunkt des Systems bewegen.

Zeitlos und utopisch mutet dieses Sonnensystem an. Die Menschen scheinen in völligem Frieden miteinander zu leben und alle Planeten des Sonnensystems sind mehr oder weniger kultiviert. Lebensraum ohne Ende und soziale Gemeinschaften, die mit ihren unterschiedlichen Philosophien eine harmonische Gesellschaft etabliert haben. Sechs Planeten und zwei Monde umkreisen einander in stiller Eintracht und dienen dabei unterschiedlichen Bestimmungen. Vom Metropolenplaneten „Blossom“ über den Ferien-Himmelskörper „Cromit“ bis hin zur stinkenden Müllhalde der Galaxie, dem Planeten „Toadstool“ reicht das Spektrum unterschiedlicher Heimaten für die großen Kollektive der neuen Zeitrechnung.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Kollektive der Bewohner haben alles hinter sich gelassen, was in der „alten Zeit“ für Konflikte verantwortlich war. Sie haben sich post-demokratisch von fast allen Ansprüchen auf Macht oder Entscheidungsbefugnis verabschiedet und befinden sich trotz aller Unterschiede auf der beharrlichen Suche nach dem innovativen Potenzial von Glück. Bei aller Eintracht im Vorleben ihres individuellen Lebensstils konkurrieren die Kollektive nur noch um mögliche neue Mitglieder, um bloß nicht von der Bildfläche zu verschwinden.

Die Regierung und Steuerung ihrer kompletten Welt haben sie alle einem weisen und allmächtigen Computersystem übertragen, das immer in der Lage ist, die gesamten Abläufe des Sonnensystems auf der Grundlage perfekter Statistiken und im Sinne von Wohlstand für alle ausgewogen und fair treffen zu können. ActualSanity heißt das technische Wunder, das alle Wahlen abgeschafft hat, Missverständnisse zwischen den Kollektiven beseitigt und die bestehenden Gesetze dynamisch und fair den aktuellen Erfordernissen anpasst.

Und so können sie sich ganz auf sich selbst konzentrieren und die Suche nach dem perfekten Glück zum unanfechtbaren Mantra des Alltags erheben. Losgelöst von Verpflichtungen und Verantwortung geben sich die Menschen den unterschiedlichen Lebensmodellen hin. Sie unterscheiden sich in Nuancen und doch fühlt man sich nur geborgen, wenn man inmitten eines speziellen Kollektivs mit den anderen verschmilzt.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Dolfins, Fuels, Purpurs, Shifts, Zeldas und Westphals dominieren in ihren Ansichten und Stilen das Leben in diesem komplexen System. Und für jedes Kollektiv hat sich ein Planet gefunden, der den jeweiligen Vorlieben ganz besonders entspricht. Liebe und Beziehungsmodelle sind überholt. Man probiert sich gegenseitig aus. Trennt sich, sucht neue Partner und ist völlig losgelöst von täglichen Pflichten traditioneller Beziehungen. Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt und der Kontakt zwischen den Kollektiven ist harmonisch und von gegenseitiger Toleranz geprägt.

Das Streben nach Glück und die Suche nach dem Inhalt für die Leere, die durch fehlende Verantwortung entstanden ist, führen zu ausschweifenden Sinnsuchen. Pure Unterhaltung, reine Lustbefriedigung und Drogenkonsum sind die tragenden Säulen der individuellen Bewusstseinserweiterung und dabei gesellschaftlich hoch angesehen. Das Kollektiv der Dolfins zum Beispiel hat sich durch die Entwicklung der Droge „Magnon“ in diesem Bereich einen großen Vorteil verschafft. Eine Droge, deren Wirkung wie eine Erweckung beschrieben wird. Größte Objektivität und Emotion. Eine Wunderdroge.

Alles könnte so schön sein, müssten die Dolfins nicht um Nachwuchs bangen. Und wenn der Nachwuchs der Gemeinschaft fehlt, könnte ActualSanity zu der Entscheidung gelangen, das Kollektiv sofort aufzulösen. Also entscheidet man sich dazu, zwei absolute Vorzeige-Mitglieder auf Werbetour durch das Sonnensystem zu schicken. Marten Eliot und Emma Glendale besuchen die anderen Gemeinschaften und ihre Wahl-Planeten, kommen selbst dabei in Versuchung und entdecken das Unglaubliche. Abtrünnige ihres eigenen Kollektivs suchen nach neuen Wahrheiten und spalten sich ab. Gefahr ist im Verzug.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Als gleichzeitig Explosionen und Giftgasangriffe das System erschüttern wird klar, dass erstmals in der Geschichte der „Neuen Zeit“ ein Kollektiv gegen die allgemeine Abstumpfung kämpft und bereit ist, Gewalt einzusetzen. Die „Gebrochenen Herzen“, wie sie sich selbst nennen, wenden sich von der Oberflächlichkeit des Lebens ohne Verantwortung und wahres Gefühl ab. Lebensgrundlage wird die Verletzung der eigenen Gefühle, die jedes Mitglied des Kollektivs bewusster leben lässt als die Vision der Dolfins von einem Planeten unter Drogen. Dem „Planeten Magnon.“

Eine geheimnisvolle Frau mit Tigermaske führt die Bewegung an und die beiden Reisenden in Sachen Kollektiv-Nachwuchswerbung geraten zwischen die Fronten. Sie kommen den „Gebrochenen Herzen“ bedrohlich nahe und beginnen zu verstehen, dass die Anschläge nichts anderes sind als bewusste Schmerzimpulse, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Können Marten und Emma sich selbst treu bleiben, den Umsturz verhindern und die große Vision ihres Kollektivs realisieren? Oder werden sie zu Opfern ihrer eigenen Herzen, die gerade gebrochen werden?

Leif Randt entwirft in seiner packend und geistreich verfassten Utopie „Planet Magnon“ eine Szenerie, die uns vor Augen führt, was es heißt, ein anscheinend völlig befreites, jedoch gänzlich vom Lebenssinn entleertes Leben zu führen. Die Sucht nach purem Genuss und Ablenkung, Drogenkosum zur Erweiterung der Wahrnehmung und die völlige Loslösung von sozialen Werten wie Verantwortung, Pflicht und Empathie bei gleichzeitiger Akzeptanz einer technischen Ebene für alle Entscheidungen macht aus den Menschen aller Kollektive Abziehbilder ihrer Selbst.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Gesellschaft verlässt sich auf ein Navigationssystem und sorgt sich nicht mehr um eigene Wegmarkierungen oder Orientierungspunkte. Die Fahrt ist zwar rasant und scheinbar zielgerichtet. Man verfährt sich nicht und verlässt sich blind auf das Navi. Der Autopilot verursacht ein Ausmaß an Abstumpfung, das zu immer größerer Blindheit führt. Eine Tendenz, die in jeder Gesellschaft vermehrt wahrnehmbar ist. Berieselung durch Massenmedien und Abkehr von der Realität des Lebens. Kommt das nicht schon jetzt bekannt vor?

Der Gegenentwurf ist der reale Erfahrungshorizont des „Gebrochenen Herzens“. Schmerz als Indikator für das eigene Gefühl macht empathisch für die Gefühle anderer. Er öffnet Augen für Mitmenschen und für sich selbst. Die Tigermaske steht uns allen gut. Gebrochene Herzen maskieren sich und verdrängen das Ausmaß des eigenen tiefen Leidens. Aber um welchen Preis?. Man lügt sich selbst an und beginnt andere mit Eifersucht zu zerstören. Das Lesen verzweifelt verfasster Liebesbriefe dient als Quelle der Inspiration und ist wirksamer als der Konsum der Droge „Magnon“. Probiert es aus. Es funktioniert.

Dabei trägt die Reise von Marten und Emma viel von der Botschaft des „Kleinen Prinzen“. Sie lernen abgestumpfte, fehlgeleitete und oberflächliche Menschen kennen und die Angst vor der Verletzung des eigenen Herzens lässt die Gesellschaft gefühllos werden. Lieber stumpf als schmerzvoll zu leiden. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Dieses Zitat von Antoine de St. Exupéry vollendet Leif Randt durch den Zusatz „Das Herz muss zuvor gebrochen sein!“. Das Lesen dieser großartigen sozialen Utopie hat mich verändert. Es hat mich in mein gebrochenes Herz blicken lassen. Ich sehe nun besser. Auch ohne Maske und Magnon. Ein Buch wie ein Herzensspiegel.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

„Planet Magnon“ hat die utopische Strahlkraft eines Dave Eggers, ist dabei jedoch bewegender, verfügt über die literarische Brillanz eines David Foster Wallace, ist aber strukturierter und besticht durch die Gedanken, die sich im Leser festsetzen, während er selbst darüber nachdenkt, auf welchem Planeten er gerne einfach nur das lockere Leben genießen würde. Denkanstöße, die mehr als wichtig sind.

Leif Randt erweitert die Umlaufbahn unserer Empfindung. LESEN!

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