Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger - AstroLibrium

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Es gibt Bücher, die das Leben verändern können. Es gibt Bücher, die geeignet sind, die eigenen Wahrnehmungen zu verändern und aufmerksamer durchs Leben zu gehen. Ich stoße recht häufig auf Geschichten, die mich aufrütteln und bewegen. Sie bleiben in Erinnerung. Es passiert jedoch relativ selten, dass ich schon während des Lesens eine veränderte Umwelt registriere. Als würde sich die Realität krümmen und sich den Inhalt eines Romans zum Vorbild nehmen. Nichts ist ab diesem Moment mehr so, wie es mal war. Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger tauchte überraschend am Horizont auf, bestach durch ein sehr ansprechendes Cover und vermittelte mir den Eindruck, ein weiteres Mal in meinem Lesen einem Wal zu begegnen, der mein Leben bereichern könnte. Das Ausmaß dieser Bereicherung war dann sehr überraschend, da ich plötzlich begann, Nachrichten und Schlagzeilen anders zu interpretieren.

Ironmonger macht aus seinen Lesern Analysten des aktuellen Weltgeschehens. Er spielt mit der Welt der Großbanken auf der einen Seite und der Abgeschiedenheit einer ländlichen Region auf der anderen. Wo steckt das wahre Leben? Was ist eigentlich von Bedeutung und wie verändert sich das Leben, wenn in der Welt etwas aus der Balance gerät. Fragen, denen sein utopisch anmutender Roman auf den Grund geht. Der Autor weckt Leser aus einer immer weiter um sich greifenden Lethargie auf und schärft unser Wahrnehmungsvermögen für die wirklich relevanten Veränderungen, die zumeist ganz harmlos und im Verborgenen beginnen. Seine erzählerischen Mittel sind wie Weckrufe eines fabulierenden Fantasten, dessen Visionen real werden könnten.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Wie man sich dieses Aufwecken vorstellen darf? Ganz einfach. John Ironmonger schreibt uns Bilder in die Seele, die uns daran zweifeln lassen, dass unsere Zukunft so aussieht, wie wir sie uns in unseren bunten Träumen vorstellen:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Truthahn… Das Leben scheint es gut mit Ihnen zu meinen. Der Bauer gibt Ihnen mehr Futter, als Sie essen können. Er kümmert sich um Sie, hält Sie warm, schützt Sie vor Raubtieren… Und jeder Tag ist genau wie der Tag zuvor. Wenn Sie, als Truthahn eine Vorhersage für den nächsten Tag machen müssten, wie sähe sie aus? Wir werden nicht hungern. Denn Sie wissen nicht, dass morgen der Tag vor Weihnachten ist.“

Das hat gesessen. Zumindest bei mir. Der Truthahn in mir ist erwacht und beginnt mit dem täglichen Jogging und beobachtet seine Umgebung genauer. Die Story, in die der britische Schriftsteller seine Hallo-Wach-Effekte einbaut ist bestens geeignet, lange im Gedächtnis zu bleiben. Sie hebt sich deutlich von vergleichbaren Geschichten ab, wird niemals kitschig oder belanglos. Ihre Relevanz trägt uns durch eine Erzählung, die sich in metaphorischer Hinsicht mit den großen Walgesängen der Literatur vergleichen lässt.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Wale ziehen mich magisch an. Spätestens seit Moby Dick ist mir ihre metaphorische Dimension in der Literatur bewusst, stehen sie doch einerseits für die Meer-Ungeheuer, die das Leben der einfachen Seeleute bedrohen und andererseits für Herausforderung und Abenteuerlust. Die urwüchsige Konfrontation des Menschen mit der Natur wird oft auf ihrem Rücken (oder Buckel) ausgetragen. Welche Geschichte mir John Ironmonger jedoch wirklich erzählen wollte, erschloss sich mir erst, als es zu spät war umzukehren. Oh nein. Keine Sorge, wir begeben uns nicht an Bord eines Walfangschiffes und jagen auch nicht mit Harpunen. Der Wal in diesem Roman spielt eine völlig andere Rolle, als wir sie bisher in der Literatur wahrgenommen haben. Er mutiert zu einer Metapher, die dem größten Säugetier dieser Erde eine neue Bedeutung verleiht: Lebensretter.

„Der Wal und das Ende der Welt“ verbindet zwei Erzählräume miteinander, die so unterschiedlich sind, wie die interagierenden Protagonisten. Die Welt des Kommerzes, der Großbanken, Spekulanten und Hochfinanz-Heuschrecken mit der heilen Welt des kleinen Fischerdorfes St. Piran in Cornwall. Hierhin verschlägt es das wohl begabteste Analysten-Talent einer britischen Großbank. Joe Haak taucht wie aus dem Nichts auf. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nackt am Strand liegend, wird er von einigen Bewohnern von St. Piran gefunden und gerettet. Seine Geschichte klingt sehr abstrus. Ein Finnwal habe ihn gerettet, nachdem er zu weit rausgeschwommen war. Ein Banker im Meer. Ein Wal viel zu nah an der Küste und eine Geschichte, die sich entwickelt, wie das Horrorszenario vom Weltuntergang. Bestandteile einer Erzählung, die hier beginnt.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Dabei schließen sich in St. Piran die Kreise der groß angelegten Geschichte. Was in einer Großbank mit einer Analyse globaler Zusammenhänge begann, sich zu einem elektronischen Vorhersagesystem des genialen Analytikers Joe Haak entwickelte und plötzlich begann, Szenarien über den totalen Kollaps der Erde zu prognostizieren, führt zur Spiegelung eines zutiefst egoistischen Menschenbildes in einem Computersystem. Als Joe Haak plötzlich in St. Piran auftaucht, hat er diese Welt hinter sich gelassen. Er hat die ganze Welt hinter sich gelassen und spürt bei den 307 Bewohnern des kleinen Fischerdorfes erstmals ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit. Hier beginnt er, sich neu zu erfinden. Was kann er tun, um dieses kleine Nest vor dem totalen Untergang zu bewahren? Er hat einen Plan. Diesmal einen nicht egoistischen.

Sein Rettungsplan stellt das Gefüge des kleinen Dörfchens auf eine Zerreißprobe. Ein ganz eigener Menschenschlag trifft auf einen Sonderling. Der Außenseiter mit dem Glauben an den Weltuntergang passt kaum in diese Gemeinschaft. Wäre da nicht der Wal, der Joe Haak nicht nur einmal zur Hilfe eilt. Menschliche Beziehungen stehen auf dem Prüfstand, eine zart aufflammende Leidenschaft für die junge Ehefrau des älteren Pfarrers vereinfacht Joe Haaks Situation nicht wirklich. Als die ersten Nachrichten einer weltumspannenden Krise das Dorf erreichen, wendet sich das Blatt erneut. Ironmonger konfrontiert uns mit einer Utopie in der Utopie. Sein Roman ist das Frühwarnsystem im literarischen Sinne. Auch, wenn man nicht an die theoretischen Grundlagen der Utopie glauben mag, ein Blick in die Nachrichten und die Beobachtung der Weltbörsen lassen diesen Roman wie eine Alarmglocke wirken, die schon längst in größter Lautstärke zu schlagen begonnen hat.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Nein, das ist nicht real. Nein, die Menschen des Dorfes mit ihren aberwitzigen Namen kann es so nicht geben. Der Plan von Joe Haak ist nicht realisierbar. Gemeinschaften funktionieren nicht so. Das Menschenbild John Ironmongers ist zu romantisch. Nein. Es entbehrt alles sicher jeder Grundlage. Man kann sich zurücklehnen und sich einfach so berieseln lassen. Passiert schon nichts. Und doch. Denken wir an den Truthahn. Was wäre, wenn? Die zentrale Frage aller Utopien. Sie darf gestellt werden. Und mit einem wachen Blick auf die Großbanken erkennen wir täglich, dass ihr Profit auf den Dramen fußt, die sich stündlich mit zahllosen Verknüpfungen weltweit abspielen. 

Ich lese Nachrichten anders. Plötzlich. Ich suche Verbindungen, die unsichtbar sind. Wenn in Neuseeland ein Sturm aufzieht, in Saudi-Arabien das Öl teurer wird, ein Krieg im Sudan ausufert und eine Epidemie in Äthiopien grassiert, dann denke ich an diesen Roman und weiß, dass irgendwo im Verborgenen Banker analysieren, wie man davon profitieren kann. Die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner ist Teil des ganz großen Wirtschaftsplans. Das Ausschlachten ist Programm. Hier tut ein Roman gut, der eine Variable dieser Kalkulation verändert. Den Menschen. Genauer gesagt, Menschen aus einem kleinen Fischerdorf in Cornwall. Wer jemals daran zweifelt, sollte keinesfalls einen Wal vergessen. John Ironmogers Roman heißt nicht ohne Grund im Original „Not Forgetting the Whale“.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Der Wal und das Ende der Welt“ / John Ironmonger / S. Fischer Verlag / Hardcover / Übersetzung: Maria Poets, Tobias Schnettler / 480 Seiten / 22 Euro

Utopien in der kleinen literarischen Sternwarte: „Was wäre wenn„.

NSA von Andreas Eschbach

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NSA von Andreas Eschbach

Gesellschaftsutopien sind zukunftsgerichtet. Sie holen uns im Hier und Jetzt ab und halten uns vor Augen, wie sich die Welt verändern kann, wenn man nicht gut aufpasst. George Orwell begann schon 1946 das zu schreiben, womit wir uns bis ins Jahr 1984 nachhaltig zu beschäftigen hatten. Nur um dann zu erkennen, dass es keinesfalls allzu utopisch war, was er über totale Überwachungssysteme in die Welt setzte. Gerne wird das Sujet der Zeitreise mit dem Genre der Utopie verbunden, um einen Augenzeugen einen Blick in die Zukunft werfen zu lassen. Wesentlich seltener setzen Utopien in der Vergangenheit an. Erstens, weil uns diese bekannt und absolut unveränderbar ist, und zweitens, weil man sich als Autor in der Zukunft einfach freier bewegen kann. Hier sind der intelligenten Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Ausnahmen jedoch bestätigen die Regel. Utopien, die nur funktionieren, weil hier die Vergangenheit vom Schriftsteller bewusst manipuliert wurde. „Vaterland“ von Richard Harris zum Beispiel geht davon aus, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewann und versetzt seine Leser in das utopische Horrorszenario einer nationalsozialistischen Welt- und Allmacht, die in der Welthauptstadt Germania 1964 ihren Höhepunkt erreicht hat. Stephen Fry dagegen fabulierte sich in seinem Roman „Geschichte machen“ mit der Idee durch die Zeit, indem er es möglich machte, Hitlers Geburt zu verhindern. Er schickte einfach ein Unfruchtbarkeit erzeugendes Medikament rückwärts durch die Zeit. Mitten in die beschauliche Ruhe des kleinen Örtchens Braunau. Harris und Fry konnten auf diesem veränderten historischen Setting ihren Utopien freien Lauf lassen. Grandios.

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NSA von Andreas Eschbach

Es ist die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, die es literarisch möglich macht, der Vergangenheit ein Schnippchen zu schlagen und Utopien entstehen zu lassen, die uns nicht nur in die Welt der Fantasie entführen, sondern vielfältige Botschaften im Gepäck haben. Wenn man sich auf ein solches Gedankenspiel einlässt und wenn es dem Autor gelingt, das utopische Szenario plausibel und authentisch mit Leben zu füllen, dann hat man gerade in solchen „bipolaren Utopien“ seine wahre Freude. In der Manipulation der Vergangenheit liegt der Schlüssel für die Veränderung unserer Wahrnehmung, was in der Zukunft möglich ist. Und diese Zukunft sind in diesem Fall genau wir. Magisch!

Andreas Eschbach hat mit NSA einen großen literarischen Wurf in genau dieser Gattung historisch manipulierter Utopien gelandet. Sein Roman setzt Maßstäbe im Umgang mit historischen Fakten in Bezug auf die Möglichkeiten, sie so in eine fiktionale Geschichte einzubetten, dass die Geschichtsfälschung als Stilmittel erlaubt scheint. Im ersten Moment erschienen mir viele Handlungselemente wie ein Sakrileg. Eschbach ist ein großer Provokateur, wenn es darum geht, sich geheiligte historische Wahrheiten so zurechtzubiegen, bis sie zum explosiven Treibstoff seiner Romane werden. Seine „Was wäre wenn“-Frage zielt auf die technologischen Möglichkeiten des Dritten Reichs ab. Es ist abstrus, was er konstruiert und doch ist es geradezu faszinierend, sich seinen Ideen hinzugeben. Die Wahrheit war nur einen Katzensprung von dem entfernt, was Andreas Eschbach hier so intelligent zu seiner eigenen Fantasie werden lässt.

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NSA von Andreas Eschbach

Was wäre, wenn es im Dritten Reich Computer gegeben hätte? Was wäre, wenn es in der NAZI-Diktatur ein Äquivalent zum heutigen Internet mit allen Chancen aber auch Risiken gegeben hätte. Was wäre, wenn die Menschen zu dieser Zeit über sogenannte „Volkstelephone“ verfügt hätten? Eine vollkommen vernetzte braune Gesellschaft wäre das gefundene Fressen für die Geheimdienste dieses Reiches gewesen. Vergessen wir einfach mal den Konjunktiv und ziehen den Vorhang zu „NSA“ auf. Es ist einfach Fakt. Nazi-Deutschland ist vernetzt. Das Nationale Sicherheitsamt (NSA) ist eine Behörde, in der die Fäden zusammenlaufen. Hier werden alle Informationen gespeichert, die man sich nur vorstellen kann.

Alle Einträge im „Deutschen Forum“, die Inhalte aller Elektrobriefe, die versandt werden und alle Telefongespräche mit Ortungsangaben. Darüber hinaus ist man in der Lage, das Volk live zu überwachen, weil jedes Fernsehgerät dem Geheimdienst als Sender aus dem Wohnzimmer der normalen Familien dient. In Weimar nun beschäftigt sich das „NSA“ mit der Auswertung all dieser Informationen. Wer die Datenflut im Griff hat, ist kriegswichtig und unverzichtbar für eine Diktatur. Und nur wer kriegswichtig ist, der wird nicht an der Front verheizt. Was für eine Motivation, der Regierung mal richtig zu zeigen, was man kann. Ein dunkles Szenario, in dem Eschbach seine Protagonisten zur vollen Entfaltung bringt und der wahren Geschichte Einhalt gebietet.

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NSA von Andreas Eschbach

„Ja mir scheint, die Grausamkeit und Schärfe der Daten übertrifft die des Stahls bei weitem.“

Diese bedeutenden Worte legt Andreas Eschbach einem gewissen Reichsführer SS Heinrich Himmler in den Mund. Hier beginnt er mit den wahren Tätern zu spielen und bedient sich ihrer Ideologie, wie sie sich der Technik bedient hätten, wenn es sie in dieser Epoche gegeben hätte. Skrupellos. Eschbach und die Nazis. Faszinierend, wie der Autor seine Story aufzieht und gnadenlos durchdacht, jedes noch so kleine Detail. Von hohem Sachverstand geprägt, wie er den Nazis alle Informationen zur Verfügung stellt, die ihrer Ideologie noch gefehlt haben. Durchdacht und sehr perfide, mit welchen Möglichkeiten sich die Mitarbeiter des „NSA“ nun auf die Suche nach Regimekritikern begeben können.

Und nicht nur das. Eschbach macht die Technik zum Instrument der Verfolgung der Juden in Deutschland. Der Abgleich aller verfügbaren Daten (Kontobewegungen, Einkaufsverhalten, Wohnungsgrößen, Melde-Listen, Volkstelephon-Verbindungen) lässt keinen Spielraum zum Entkommen. Die Leistungsfähigkeit des „NSA“ wird untermauert, als es in Anwesenheit Himmlers gelingt, versteckte Juden in Amsterdam aufzuspüren. Hier bricht Eschbach mit allen denkbaren Tabus. Hier sorgt er dafür, dass seine Leser aufschrecken, den Kopf schütteln, „unmöglich“ ausrufen und sofort weiterlesen müssen, weil es nicht anders geht. Das „NSA“ verrät Anne Frank, enttarnt die Angehörigen der Weißen Rose und liefert auch noch Georg Elser ans Messer. Daten werden Verräter. Mitarbeiter des „NSA“ werden Täter. Doch damit nicht genug.

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Während Eschbach Täter präsentiert, die jedes Opfer bringen würden, nur um selbst nicht ein Opfer zu werden, platziert er die junge Programmstrickerin Helene im Herzen seiner Utopie. Für sie ist der Umgang mit Daten rein analytisch. Sie beantwortet durch geschicktes Programmieren (übrigens reine Frauenarbeit) alle ideologisch motivierten Fragen. Sie versucht erst gar nicht zu begreifen, was sie mit den gelieferten Daten aus der Hand gibt und wen sie ausliefert. Erst als der Groschen fällt, wird aus Helene mehr als nur die brave Datenmaus der „NSA“. Sie beginnt das System zu verändern, weil sie plötzlich betroffen ist. Sie versteckt die Liebe ihres Lebens bei Freunden. Tja, und nach solchen wie ihm sucht das „NSA“ händeringend. Desertierte Soldaten… Das Gewissen wird wach. Der Roman implodiert vor Spannung. 

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte. Es lässt kein Buch unberührt, das mich durch das Lesen gegen das Vergessen begleitet hat. Es zerrt mit aller Macht an Stella, lässt Die Untergetauchten nicht in Ruhe und begeht Hochverrat an Anne Frank. Und all dies um uns die Augen zu öffnen, welche Daten wir freiwillig bereitstellen, die uns im ganz realen Leben schon jetzt jedem Missbrauch ausliefern.

NSA, TTIP und weitere heute sehr gebräuchliche Abkürzungen sollen uns hier die Augen öffnen. Ob es gelingt? Ob wir unser Weltnetz bewusster nutzen? Ich zweifle.

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NSA von Andreas Eschbach

Als ich dachte bereits auf dem Höhepunkt des Grauens angelangt zu sein, drehte Andreas Eschbach die Schraube seines Romans noch eine Umdrehung weiter. In meinem ganzen Lesen habe ich ein Buch noch nie so hilflos beendet wie dieses. Es ist nicht leicht, dieses Ende. Passend zu einem literarischen Schwergewicht.

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NSA von Andreas Eschbach und weitere Utopien auf AstroLibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks [Dystopie]

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Nicht wundern bitte. In dieser Rezension findet man wirklich alles was es braucht um einen Roman vorzustellen. Nur eben kein einziges Komma. Wird ein ziemlich flüssig zu lesender Text. Warum sollte ich auch auf Satzzeichen zurückgreifen (ups – hier müsste eigentlich eins hin) auf die Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bewusst verzichtet hat? Wie Du mir so ich Dir. Punkt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht zu erklären was die Schriftsprache in „Deathland Dogs“ von Kevin Brooks so einzigartig macht dass es auch in der deutschen Fassung galt Zeichen zu setzen indem man einfach keine setzte. Also keine Kommata. Dafür aber umso mehr Gedankenstriche. Einerseits wird das dem Original gerecht und andererseits haben wir unser Kommunikationsverhalten schon auf den Verzicht von Kommata ausgerichtet. WhattsApp lässt grüßen.

Warum dies alles wird man sich fragen. Ganz einfach. Die Geschichte wird von Jeet erzählt. Und genau das ist nicht leicht für ihn wurde er doch von Hunden großgezogen. Ein Hundskind steht im Mittelpunkt einer Dystopie die in der Zukunft spielt. Der Mensch hat sich fast selbst abgeschafft. Die Natur ist zum lebensbedrohlichen Raum geworden und der Kampf um die letzten Ressourcen macht aus zwei Clans erbitterte Feinde. Und Jeet steckt mittendrin. Aus den Klauen der Deathland Dogs befreit die ihn als Säugling entführten. Rehumanisiert und in den eigenen Clan integriert so gut es eben ging. Er ist anders als seine Leute. Robust. Schnell. Instinktiv. Das hat er wohl mit der Muttermilch seiner Hundsmutter aufgesaugt zu der er immer noch eine tiefe innere Verbindung fühlt. Es ist die große Frage seines jungen Lebens was er wirklich ist. Mensch oder Hund?

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Kevin Brooks führt seine Leser bestens strukturiert in die Deathlands ein. Er lässt keine Frage offen indem er Jeet zum Chronisten der Ereignisse macht. Eigentlich passt das gar nicht gut weil das Hundskind alles besser kann als die Geschichte seiner Leute niederzuschreiben. Das wird in der Schriftsprache deutlich. Ein Stilmittel das den Leser zum Gefährten von Jeet macht. Er schreibt wie er spricht. Flüssig und oftmals spontan ohne groß zu überlegen. Er schreibt unter Anleitung seines Ziehvaters Starry über das was er fühlt und beobachtet. Das Ergebnis. Beeindruckend. Authentisch und voller Sog. Unwiderstehlich. Und schon befinden wir uns selbst mittendrin. Im Kampf zweier Clans. Den Leuten von Jeet und den DAU die ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Es läuft auf das letzte Gefecht um die Wasservorräte hinaus. Die Dau im offenen Gelände flexibel und schlagkräftig. Jeets Clan in einer isolierten Stadt. Eingeschlossen und vom Feind belagert.

Kevin Brooks nimmt Fahrt auf und macht aus seiner dystopischen Ausgangslage einen spannungsgeladenen Action-Mix der im Setting an Mad Max erinnert. Dabei verbindet er die Außenseiterstellung des Hundskindes auf eindrucksvolle Weise mit den zentralen Handlungselementen des Romans. Hier finden wir mehr als bloße Action. Es ist das Anderssein das dominiert. Aus dem Underdog wird ein Kämpfer für die Zukunft seiner Leute. Gut dass Jeet nicht alleine ist. Er ist nicht das einzige Hundskind seines Clans. Chola Se das Hundsmädchen und er fühlen sich voneinander angezogen. Eine Beziehung die in den Augen des Clans nicht sein darf. Das ist gegen das Gesetz. Und doch lässt sich gegen die Faszination die beide Dogchilds aufeinander ausüben nichts machen. Sie ist übermächtig.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Als Chola Se entführt und Jeet ins feindliche Lager geschickt wird um zu stehlen was die letzte Schlacht entscheiden kann entscheidet er sich nicht nur den gefährlichen Auftrag auszuführen sondern auch seine Freundin zu befreien. Kevin Brooks lässt Jeet zwischen allen Fronten ins Verderben laufen. Und doch lässt er ihn nicht allein. Hier ist es ein unsichtbares Band zu den Deathland Dogs und die Beziehung zur Hundsmutter das dieser Geschichte eine Dimension verleiht die uns extrem in ihren Bann zieht. Zwei Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zwei Hundskinder. Traumatisiert und von ihrer Sonderstellung gezeichnet. Gefährten mit besonderen Begabungen. Und ein Verräter in den eigenen Reihen der seine Spuren so gut verwischt dass man ihm kaum auf die Schliche kommt. Und ein Rudel Deathland Dogs das draußen auf den verloren geglaubten Sohn wartet. Handlungselemente die eine explosive Mischung versprechen und ein Autor der jedes Versprechen hält. 

Ein waffenstarrendes apokalyptisches Szenario. Eine Mischung aus blutrünstigem Machtkampf zweier Clans und dem urwüchsigen Überlebenstrieb von Wildhunden. Ein actiongeladenes Gefecht auf mehreren Ebenen. Hier fließt Blut. Hier rollen Köpfe. Hier wird Auge um Auge abgerechnet. Gut und Böse verschmelzen in explosivstem Setting. Einzig den Hunden und den Hundskindern kann man vielleicht Gefolgschaft schwören. Den Menschen zu vertrauen fällt schwer. Und diejenigen denen man folgen würde sind die ersten Opfer des Schlachtens. Ein Pageturner dem ein extrem guter Plan zugrunde liegt. Eine Story die in all ihren Facetten so vielschichtig und greifbar ist dass man sich freiwillig mit Chola Se und Jeet jeder menschlichen Übermacht entgegenwerfen würde. Und eine Geschichte in der Raum bleibt für emotionale Momente.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Wir sind Hunde sagte sie einfach. Hunde paaren sich fürs Leben. Das heißt wir sind jetzt eins – verstehst du? Wir leben zusammen kämpfen zusammen sterben zusammen.“

Ich liebe Dystopien. Ich liebe utopisch aus der Gegenwart abgeleitete Geschichten in einer literarischen Qualität die mich zum Nachdenken bringt. Was bei „Deathland Dogs“ augenscheinlich nur nach Action riecht hat einen inhaltlichen Beigeschmack der lange anhält. Ausgrenzung. Benachteiligung. Anderssein. Integration durch Zwang. Gesetze und Regeln zum Wohle einer Gemeinschaft und zu Lasten derer die außerhalb stehen. Hundskinder sind im Zweifelsfall unnütze Esser. Eine absolut unnötige Beanspruchung begrenzter Ressourcen. Unwertes Leben. Elementarer Bestandteil aller Ideologien die ihren Reichtum auf Kosten von Underdogs erwirtschaften. Spätestens hier schlägt der Roman eine wichtige Brücke zu politischen Diktaturen in denen die beschriebenen und gelebten Automatismen zum Massenmord führten.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Darüber hinaus ist diese Dystopie eine Liebeserklärung an die Wildhunde in den Deathlands. Sie stehen als sozialer tierischer Gegenentwurf den menschlichen Clans gegenüber. Urwüchsig und brutal. Und doch nur tötend wenn es sein muss. Hassend wenn es dem Arterhalt dient und treu bis in den Tod. Wenn ich die Wahl hätte ich wäre im Freien unterwegs. An der Seite der Hunde. Inmitten des Rudels. Ob Jeet und Chola Se sich diesen Traum erfüllen können beantwortet „Deathland Dogs“ ohne eine Frage offen zu lassen. Ich hatte das Vergnügen Kevin Brooks und den Übersetzer des Buchs anlässlich der Jubiläumslesung zum 60. Geburtstag des Autors in München zu treffen. Natürlich war ich nicht allein vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu München. Steffi von „Nur Lesen ist schöner“ wollte mich den Hunden nicht alleine zum Fraß vorwerfen. Nicht unser erster gemeinsamer Lesungsbesuch. Es wird viel zu erzählen geben.

Der Lesungsbericht schließt sich bald an. Blogübergreifend. Es sind wichtige und unbequeme Fragen die beantwortet wurden. Fragen ob das Ausmaß an Gewalt in den Romanen von Kevin Brooks eigentlich für jugendliche Leser geeignet scheint. Fragen nach der Notwendigkeit von Gewalt aber eben auch Fragen nach der Moralvorstellung die hier vermittelt wird. Über die geniale Übersetzung wird zu sprechen sein. Aber auch darüber wie oft man in den „Deathlands“ schießen kann wenn man eine Pistole mit 15 Schuss Munition findet. Eine überraschende Frage. Zugegeben. Aber ich habe gezählt.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Steffi und ich werden über den Abend berichten. Und ich werde die Kommata die in dieser Rezension eingespart wurden im Lesungsbericht verwenden. Eine Investition in die Zukunft. Bis bald an genau dieser Stelle und bei Steffi. Danke fürs Lesen.

Deathland Dogs“ / Kevin Brooks / dtv / 538 Seiten / 18,95 Euro / Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog

„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern