Deathland Dogs von Kevin Brooks [Dystopie]

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Nicht wundern bitte. In dieser Rezension findet man wirklich alles was es braucht um einen Roman vorzustellen. Nur eben kein einziges Komma. Wird ein ziemlich flüssig zu lesender Text. Warum sollte ich auch auf Satzzeichen zurückgreifen (ups – hier müsste eigentlich eins hin) auf die Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bewusst verzichtet hat? Wie Du mir so ich Dir. Punkt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht zu erklären was die Schriftsprache in „Deathland Dogs“ von Kevin Brooks so einzigartig macht dass es auch in der deutschen Fassung galt Zeichen zu setzen indem man einfach keine setzte. Also keine Kommata. Dafür aber umso mehr Gedankenstriche. Einerseits wird das dem Original gerecht und andererseits haben wir unser Kommunikationsverhalten schon auf den Verzicht von Kommata ausgerichtet. WhattsApp lässt grüßen.

Warum dies alles wird man sich fragen. Ganz einfach. Die Geschichte wird von Jeet erzählt. Und genau das ist nicht leicht für ihn wurde er doch von Hunden großgezogen. Ein Hundskind steht im Mittelpunkt einer Dystopie die in der Zukunft spielt. Der Mensch hat sich fast selbst abgeschafft. Die Natur ist zum lebensbedrohlichen Raum geworden und der Kampf um die letzten Ressourcen macht aus zwei Clans erbitterte Feinde. Und Jeet steckt mittendrin. Aus den Klauen der Deathland Dogs befreit die ihn als Säugling entführten. Rehumanisiert und in den eigenen Clan integriert so gut es eben ging. Er ist anders als seine Leute. Robust. Schnell. Instinktiv. Das hat er wohl mit der Muttermilch seiner Hundsmutter aufgesaugt zu der er immer noch eine tiefe innere Verbindung fühlt. Es ist die große Frage seines jungen Lebens was er wirklich ist. Mensch oder Hund?

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Kevin Brooks führt seine Leser bestens strukturiert in die Deathlands ein. Er lässt keine Frage offen indem er Jeet zum Chronisten der Ereignisse macht. Eigentlich passt das gar nicht gut weil das Hundskind alles besser kann als die Geschichte seiner Leute niederzuschreiben. Das wird in der Schriftsprache deutlich. Ein Stilmittel das den Leser zum Gefährten von Jeet macht. Er schreibt wie er spricht. Flüssig und oftmals spontan ohne groß zu überlegen. Er schreibt unter Anleitung seines Ziehvaters Starry über das was er fühlt und beobachtet. Das Ergebnis. Beeindruckend. Authentisch und voller Sog. Unwiderstehlich. Und schon befinden wir uns selbst mittendrin. Im Kampf zweier Clans. Den Leuten von Jeet und den DAU die ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Es läuft auf das letzte Gefecht um die Wasservorräte hinaus. Die Dau im offenen Gelände flexibel und schlagkräftig. Jeets Clan in einer isolierten Stadt. Eingeschlossen und vom Feind belagert.

Kevin Brooks nimmt Fahrt auf und macht aus seiner dystopischen Ausgangslage einen spannungsgeladenen Action-Mix der im Setting an Mad Max erinnert. Dabei verbindet er die Außenseiterstellung des Hundskindes auf eindrucksvolle Weise mit den zentralen Handlungselementen des Romans. Hier finden wir mehr als bloße Action. Es ist das Anderssein das dominiert. Aus dem Underdog wird ein Kämpfer für die Zukunft seiner Leute. Gut dass Jeet nicht alleine ist. Er ist nicht das einzige Hundskind seines Clans. Chola Se das Hundsmädchen und er fühlen sich voneinander angezogen. Eine Beziehung die in den Augen des Clans nicht sein darf. Das ist gegen das Gesetz. Und doch lässt sich gegen die Faszination die beide Dogchilds aufeinander ausüben nichts machen. Sie ist übermächtig.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Als Chola Se entführt und Jeet ins feindliche Lager geschickt wird um zu stehlen was die letzte Schlacht entscheiden kann entscheidet er sich nicht nur den gefährlichen Auftrag auszuführen sondern auch seine Freundin zu befreien. Kevin Brooks lässt Jeet zwischen allen Fronten ins Verderben laufen. Und doch lässt er ihn nicht allein. Hier ist es ein unsichtbares Band zu den Deathland Dogs und die Beziehung zur Hundsmutter das dieser Geschichte eine Dimension verleiht die uns extrem in ihren Bann zieht. Zwei Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zwei Hundskinder. Traumatisiert und von ihrer Sonderstellung gezeichnet. Gefährten mit besonderen Begabungen. Und ein Verräter in den eigenen Reihen der seine Spuren so gut verwischt dass man ihm kaum auf die Schliche kommt. Und ein Rudel Deathland Dogs das draußen auf den verloren geglaubten Sohn wartet. Handlungselemente die eine explosive Mischung versprechen und ein Autor der jedes Versprechen hält. 

Ein waffenstarrendes apokalyptisches Szenario. Eine Mischung aus blutrünstigem Machtkampf zweier Clans und dem urwüchsigen Überlebenstrieb von Wildhunden. Ein actiongeladenes Gefecht auf mehreren Ebenen. Hier fließt Blut. Hier rollen Köpfe. Hier wird Auge um Auge abgerechnet. Gut und Böse verschmelzen in explosivstem Setting. Einzig den Hunden und den Hundskindern kann man vielleicht Gefolgschaft schwören. Den Menschen zu vertrauen fällt schwer. Und diejenigen denen man folgen würde sind die ersten Opfer des Schlachtens. Ein Pageturner dem ein extrem guter Plan zugrunde liegt. Eine Story die in all ihren Facetten so vielschichtig und greifbar ist dass man sich freiwillig mit Chola Se und Jeet jeder menschlichen Übermacht entgegenwerfen würde. Und eine Geschichte in der Raum bleibt für emotionale Momente.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Wir sind Hunde sagte sie einfach. Hunde paaren sich fürs Leben. Das heißt wir sind jetzt eins – verstehst du? Wir leben zusammen kämpfen zusammen sterben zusammen.“

Ich liebe Dystopien. Ich liebe utopisch aus der Gegenwart abgeleitete Geschichten in einer literarischen Qualität die mich zum Nachdenken bringt. Was bei „Deathland Dogs“ augenscheinlich nur nach Action riecht hat einen inhaltlichen Beigeschmack der lange anhält. Ausgrenzung. Benachteiligung. Anderssein. Integration durch Zwang. Gesetze und Regeln zum Wohle einer Gemeinschaft und zu Lasten derer die außerhalb stehen. Hundskinder sind im Zweifelsfall unnütze Esser. Eine absolut unnötige Beanspruchung begrenzter Ressourcen. Unwertes Leben. Elementarer Bestandteil aller Ideologien die ihren Reichtum auf Kosten von Underdogs erwirtschaften. Spätestens hier schlägt der Roman eine wichtige Brücke zu politischen Diktaturen in denen die beschriebenen und gelebten Automatismen zum Massenmord führten.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Darüber hinaus ist diese Dystopie eine Liebeserklärung an die Wildhunde in den Deathlands. Sie stehen als sozialer tierischer Gegenentwurf den menschlichen Clans gegenüber. Urwüchsig und brutal. Und doch nur tötend wenn es sein muss. Hassend wenn es dem Arterhalt dient und treu bis in den Tod. Wenn ich die Wahl hätte ich wäre im Freien unterwegs. An der Seite der Hunde. Inmitten des Rudels. Ob Jeet und Chola Se sich diesen Traum erfüllen können beantwortet „Deathland Dogs“ ohne eine Frage offen zu lassen. Ich hatte das Vergnügen Kevin Brooks und den Übersetzer des Buchs anlässlich der Jubiläumslesung zum 60. Geburtstag des Autors in München zu treffen. Natürlich war ich nicht allein vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu München. Steffi von „Nur Lesen ist schöner“ wollte mich den Hunden nicht alleine zum Fraß vorwerfen. Nicht unser erster gemeinsamer Lesungsbesuch. Es wird viel zu erzählen geben.

Der Lesungsbericht schließt sich bald an. Blogübergreifend. Es sind wichtige und unbequeme Fragen die beantwortet wurden. Fragen ob das Ausmaß an Gewalt in den Romanen von Kevin Brooks eigentlich für jugendliche Leser geeignet scheint. Fragen nach der Notwendigkeit von Gewalt aber eben auch Fragen nach der Moralvorstellung die hier vermittelt wird. Über die geniale Übersetzung wird zu sprechen sein. Aber auch darüber wie oft man in den „Deathlands“ schießen kann wenn man eine Pistole mit 15 Schuss Munition findet. Eine überraschende Frage. Zugegeben. Aber ich habe gezählt.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Steffi und ich werden über den Abend berichten. Und ich werde die Kommata die in dieser Rezension eingespart wurden im Lesungsbericht verwenden. Eine Investition in die Zukunft. Bis bald an genau dieser Stelle und bei Steffi. Danke fürs Lesen.

Deathland Dogs“ / Kevin Brooks / dtv / 538 Seiten / 18,95 Euro / Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog

„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern

„Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

„Mein Urgroßvater ist zu alt, um noch viel im Museum zu arbeiten,
dessen Bücheraufseher er eine lange Reihe von Jahren war,
doch bringt er eine ziemliche Zeit hier zu, und wahrhaftig,
es kommt mir vor,
als ob er entweder sich als einen
Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil
von sich betrachtete.“

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Ihr habt das sicher auch schon mal erlebt. Ihr lest einen Roman, vertieft euch in den eigentlichen Inhalt, seid begeistert und doch bleibt euer Auge immer wieder an einem Satz hängen, der gar nicht vom Autor selbst stammt. Die Rede ist hier von Zitaten, die häufig auf der ersten Seite eines Buches auftauchen, um die Handlung in den Kontext der großen Weltliteratur zu stellen.

Ein solches Zitat ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, als ich Das Haus der zwanzigtausend Bücher von Sasha Abramsky (dtv) für mich entdeckte. Begeistert durchforstete ich dieses magisch anmutende Gebäude und erfreute mich an Bildern von Zimmern, die eigentlich keinen Platz mehr zum Leben ließen. Außer man hatte sich für das Leben mit Büchern entschieden und ihnen mehr Raum überlassen, als sich selbst.

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

Das einleitende Zitat stammt aus der Feder von William Morris, einem britischen Architekten, Maler, Sozialisten, Teppichhersteller und leidlich bekannten Schriftsteller. Es stammt aus seinem 1890 veröffentlichten Roman Kunde von Nirgendwo und traf mich mitten ins Leserherz. Für einen Bruchteil einer Sekunde hatte ich das untrügliche Gefühl, mich selbst in diesem Satz wiederzufinden. Vielleicht war es auch der Bruchteil meines Lebens, den ich dort las:

„Es kommt mir vor, als ob er entweder sich als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.“

Natürlich ließ mich dieses Zitat nicht mehr ruhen. Ich musste einfach mehr erfahren über diesen geheimnisvollen Menschen, der mir ziemlich ähnlich zu sein schien. Und während ich noch in der erdrückenden Enge eines Hauses zu Besuch war, in dem sich gesellschaftspolitische und philosophische Abhandlungen bis unter die hohen Decken stapelten, begann bereits meine erste Recherche zur „Kunde von Nirgendwo“, die darin gipfelte, dass dieser Roman den Weg in mein kleines Haus der Bücher fand.

„News from Nowhere“ sollte meine Fragen klären. Was veranlasste den Hersteller geknüpfter Teppiche dazu, einen utopischen Zeitreise-Roman zu schreiben? Wer steckt hinter der bibliophilen Fassade des im Zitat erwähnten Mannes, der Bücher als einen Teil von sich empfand und in welche Zeit würde mich diese Zeitreise entführen? Wo liegt dieses Nirgendwo und ähnelt der Entwurf den Science-Fiction-Welten von Jules Verne?

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

„Wenn ich nur einen Tag der neuen Zeit erleben könnte, nur einen einzigen Tag!“

Damit fängt alles an. William Gast hat seine Zeit gründlich satt. Das Ende des 19. Jahrhunderts ist geprägt vom industriellen Aufschwung, der Ausbeutung der Arbeiter, Umweltverschmutzung, der Kluft zwischen den einzelnen Klassen der Gesellschaft und der täglichen Hetze des Großstadtlebens in London. Das viktorianische England steht vor sozialen Unruhen und William Gast engagiert sich politisch für Umwälzungen.

Der Sozialismus prägt die Gedanken und hält Einzug in die Clubs und Unruhen in der Arbeiterschaft scheinen vorprogrammiert. Seinen Wunsch, nur einen einzigen Tag der Zukunft erleben zu dürfen, kann man gut nachvollziehen. Das Bürgertum steht vor dem Abgrund – es wird nach Wegweisern und Ratgebern gesucht, wie die Entwicklung zu stoppen ist.

Dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, dämmert unserem gerade aus dem Schlaf erwachten Zeitreisenden nur ganz langsam. Allzu idyllisch kommt ihm die neue Umwelt vor. Alle Menschen strahlen jugendliche Frische aus und altern kaum. Hektik scheint zum Fremdwort geworden zu sein und William realisiert, dass er – nomen es omen – zum Gast in einer neuen Zeit geworden ist. Das Jahr 2000 ist überschritten und die Gesellschaft hat sich gewandelt.

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

Arbeit dient nur noch der Selbstverwirklichung. Geld wird nicht mehr benötigt. Ein moderner und individueller Tauschhandel hat das Kaufen ad absurdum geführt. Jeder beteiligt sich freiwillig an gemeinschaftlichen Aufgaben und über allem steht ein tief ins Leben ausstrahlender Friede. Kriminalität ist aufgrund fehlender Armut nicht mehr Teil der Gesellschaft und das große, weitgehend selbstlose Miteinander prägt den Alltag.

Auch die streng reglementierte politische Landschaft hat sich völlig verändert. Das altehrwürdige Parlamentsgebäude in London wird als Lagerhalle zweckentfremdet. Obwohl das aus der Sicht der Menschen dieser Zeit gar nicht so gesehen wird. Es hat endlich seine wahre Bestimmung gefunden:

„Oder wo haben Sie Ihr jetziges Parlament untergebracht?“

„Der alte Mann beantwortete mein Lächeln mit einem herzlichen Lachen: „Nun, nun, Dünger ist nicht die schlechteste Art der Verfaultheit und Verderbnis; aus dem Dünger kann Fruchtbarkeit kommen, während nur Mangel und Not von der anderen Art der Fäulnis kam, deren Hauptstützen einst diese Mauern bargen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, lieber Gast, dass unser jetziges Parlament sehr schwer in einem Hause unterzubringen wäre, weil das ganze Volk unser Parlament ist.“

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

William Gast begegnet dieser neuen Welt aufgeschlossen und doch ängstlich. Er möchte sich nicht verraten. Er ist neugierig und saugt die Eindrücke dieses Idealbildes auf, das den Menschen so viel Freiraum in ihren Leben schenkt. Als er dem ehemaligen Bücheraufseher des Museums begegnet, lernt er den Mann kennen, auf den das Zitat passt wie das Lesezeichen ins Buch.

Der Dialog zwischen diesen beiden Gelehrten des Alltags ist eine Reflektion der Geschehnisse seit dem 19. Jahrhundert. Es ist eine klare Vision und liebevoll gedachte Fantasie. Ein ideales Gesellschaftsmodell basierend auf dem Gedanken der Gleichheit und geprägt von einem vorurteilsfreien Menschenbild. Manchmal scheint William Gast sich selbst zu begegnen. Manchmal scheint es, als würde er Kraft tanken wollen, bevor er wieder in sein Jahrhundert zurückkehren kann, um endlich die Welt zu verändern. Ob der Sprung gelingt?

William Morris hat keinen großen philosophischen Wurf gelandet. Er hat einen idealen und wenig realen Traum erschaffen, in dem wir auch heute noch gerne zu Gast sind (wie sein gleichnamiger Protagonist). Und doch klingen so viele seiner Ideen nach. Unter der Überschrift „Ach wie schön könnte es sein“ ist dieser Roman einer zum Träumen. Nicht der technische Fortschritt dominiert diese Zeitreise, es ist kein Science Fiction Roman. Nein, es ist eine humanistische Vision, der man anhängen kann.

Die William Morris Society hat den Text auch in einer deutschen Fassung online zugänglich gemacht. Eine Rezension, die nicht im Buchkauf enden muss. Wann gab es das schon mal? Ich entschied mich für das Buch vom Golkonda Verlag. Es ist mir wichtig. Und es ist mit originalen Zeichungen des sehr talentierten Autors illustriert. Das gab den Ausschlag, das greifbare Buch erlesen zu wollen. Thats me…

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Also für mich liegt der Fall klar auf der Hand! Eines Tages wird es soweit sein, ich schneide mir an einer scharfkantigen Seite eines Romans die Pulsadern auf, werde von einem Lesezeichen überrollt oder von einer tonnenschweren Enzyklopädie erschlagen. Sei`s drum. Schön war die Zeit. Abmarsch ins neue Leben danach, oder in eine ganz neue Daseinsform im Paradies. „Wolke Sieben“ mit Harfe und gutem Buch. Das ist Fakt. Fehlt nur noch die schnelle Aufnahmeformalität an der Himmelspforte und schon wird man eingekleidet mit Flügelchen und hat seine himmlische Ruhe.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre - Rezension zum Hören zum Hören

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre – Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Das ist jedenfalls der Plan. Und da ich in meinem ganzen Leben nur Gutes vollbracht habe, immer brav zu meinen Nächsten war und niemandem ein Haar gekrümmt habe, ist der Einlass ins Paradies so gut wie gebongt. Andere mögliche Alternativen, wie ein lausiges Fegefeuer oder gar der Höllenschlund kommen für mich nicht in Betracht. Also wirklich. Wieso auch? Da gibt es schon ein paar Gestalten, die ich am Heiligen Petrus viel eher verzweifeln sehe. Aber ich? Nein… Kein Gedanke.

So denkt auch der gute Simon Laroche, als es ihn im zarten Alter von gerade einmal 50 Jahren plötzlich dahinrafft und er sich an der Himmelstür wiederfindet. Dem kurzen Erstaunen über das eigene Ableben folgt bereits die fundamentale Erkenntnis, durch diesen finalen Schritt von allem Irdischen befreit zu sein und quasi körperlos als gute Seele weiter existieren zu können. Der Himmel rief und Simon war da. Ein bisschen früh für seinen Geschmack, aber besser jetzt, als nie.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Was ihn dann im „Vorzimmer zum Paradies“ jedoch erwartet, macht ihn ein wenig sprachlos. Es ist nicht gerade so, wie er sich das alles vorgestellt hatte. Gut, er ist tot und insofern ist er schon erleichtert, dass es überhaupt ein Leben danach zu geben scheint. Von einer großen hässlichen Wartehalle jedoch war in der Bibel nicht die Rede.

„Trotzdem erinnerte mich der Ort, an dem ich erwacht war, in nichts an den watteweichen Weg unter endlosem azurblauem Himmel, den ich erwartet hatte und an dessen Ende mich ein Komitee aus Erzengeln hätte in Empfang nehmen sollen.“

Simon scheint geradewegs in der irdischen Bürokratie angekommen zu sein. Er wird registriert, erhält eine Wartenummer und muss danach bei seinem zuständigen Sachbearbeiter einen Fragebogen ausfüllen. Ganz banale Fragen über seine Herkunft, den Ort seiner Geburt und den seines Todes, sowie seine sexuelle Orientierung. Und letztlich gilt es auf der Rückseite einige Angaben zu ergänzen, die in keiner Weise auf ihn zutreffen.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

„Waren Sie aktiv an einem Völkermord beteiligt?“
„Haben Sie je die Existenz des Klimawandels geleugnet?
„Waren Sie der sexuellen Belästigung angeklagt?“
„Wurden Sie der Pädophilie beschuldigt?“

Na, Gelächter aber auch. Die Fragen sind schnell beantwortet und gerade für Simon ist es als ehemaliger Vorsitzender der „Ethik-Kommission für öffentliche Freiheit“ der französischen Regierung völlig unproblematisch, all diese Punkte wahrheitsgemäß zu verneinen. Reine Formsache. Was sonst? Er bereitet sich auf eine kurze Wartezeit vor, bis es dann endgültig auf die Reise zur letzten Station seines Daseins geht. Ab in den Himmel.

Doch weit gefehlt. Mit dem harmlosen Fragebogen fängt der Ärger im Vorzimmer zum Paradies erst richtig an und Simon gerät in die Mühlen des „Jüngsten Gerichts“. Statt seine Himmelsampel auf Grün zu schalten, findet er sich einem Anwalt gegenüber, der ihm nun versichert, alles für ihn zu unternehmen, obwohl der Fall ziemlich kompliziert sei und er sich nicht allzu große Hoffnungen machen dürfe. Hier läuft etwas ganz und gar falsch im Himmel. Davon ist Simon Laroche fest überzeugt, denn er hat alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet und auch die Fragen auf der Rückseite verneint! Was auch sonst?

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Aber genau da liegt sein Problem. Genau hier setzt die peinliche Untersuchung im „Vorzimmer zum Paradies“ an und Simon Laroche wird mit den Verfehlungen seines Lebens konfrontiert, wobei es wohl nur darum geht, dass er auf der Rückseite dieses Fragebogens zu den Themen „Pädophilie, Völkermord, Klimawandel und sexuelle Belästigung“ ein paar falsche Angaben gemacht haben soll. Als er nach den griffigen Beweisen für die Zweifel an seinen Aussagen fragt, beginnt sein Weltbild zu kippen und damit rückt auch das Himmelsbild für ihn in weite Ferne. Die Antwort seines Anwalts ist beängstigend:

„Das geht Sie zwar nichts an, aber mir liegen die detaillierten Aufzeichnungen Ihres Browserbetreibers vor. Der „Allerhöchste“ nimmt solche Dinge nicht auf die leichte Schulter. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt hier einige E-Mails von Ihnen… Vor allem über, ich zitiere: „Die Invasion der Zigeuner“. Haben Sie das vergessen?“

Simon fällt es wie Schuppen von den gebrochenen Augen. Der Heilige Petrus nutzt die Cloud. Der Himmel ist im Besitz aller Daten, die zu Lebzeiten mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten. Und da ist die blöde „Zigeuner-Mail“ noch recht harmlos. Viel schwerer wiegt Simons obsessive „Recherche“ nach einer gewissen Natascha, deren Bilder nur auf einschlägigen Seiten zu finden sind. Ob sie volljährig war? Diese Frage hatte er sich nie gestellt. Bis jetzt!

„Im Gegensatz zum katholischen Glauben, bei dem der Sündenzähler auf null zurückgesetzt werden konnte, war der Glaube an die Vernichtung von Daten reine Illusion.“

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Benoît Duteurtre entwirft in seinem Roman „Vorzimmer zum Paradies(Eichborn) eine morbid-fantastische Utopie eines Himmels, der sich zum wahren Schrecken der Menschheit verändert hat. Dabei greift er auf sozial-politische Themen zurück, die auch am himmlischen Paradies nicht gänzlich spurlos vorübergegangen sind. Datenschutz, Privatsphäre, Emanzipation, Überbevölkerung, Bürokratisierung und der Umgang mit persönlicher Verantwortung. Dies sind nur einige Aspekte, die dieser intelligente Roman aufgreift und in seinen Handlungsfäden zu einer Datenflut der Verfehlungen kumuliert.

Dabei ist es nur allzu klar, dass der Schwerpunkt des Romans im Rückblick auf das gelebte Leben des Simon Laroche liegt. Hier werden wir alle fündig auf der Suche nach den großen Verfehlungen, den kleinen Missverständnissen und der Mücke, die plötzlich zum Elefanten mutiert und auf diese Art und Weise das ganze Leben verändert. Was Medien auf Erden verursachen, bleibt dann auch dem Himmel nicht verborgen.

Das „Vorzimmer zum Paradies“ ist das WikiLeaks unter den Romanen und Benoît Duteurtre ist der Whistleblower des Allmächtigen.

Am Ende wird klar, dass unser eigener Weg unter Berücksichtigung der Transparenz im Datenaustausch zwischen Himmel und Erde definitiv nicht ins Paradies führen wird. In einem Leben, in dem wir selbst bei Facebook auf jeglichen Schutz der Privatsphäre verzichten ist es nur logisch, dass wir beim „Jüngsten Gericht“ mit Fakten konfrontiert werden, die uns auf dem direkten Weg in die Hölle führen.

Aber so ganz unter uns gesagt…! Seit dem Lesen dieses Romans freue ich mich ein wenig darauf. Warum? Na lest mal schön selbst. Es ist sehr erhellend.

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