Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Die Abenteuer des Pinocchio - Carlo Collodi - Astrolibrium

Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Kenn ich, kenn ich doch schon ewig. Alter Hut.“ So werden viele denken, wenn sie an „Die Abenteuer des Pinocchio“ von Carlo Collodi denken. Tausendfach gesehen und gelesen, damit lockt man doch kein Kind mehr hinter dem Ofen hervor. Ist das so? Nun, vielleicht steckt mehr hinter dieser Geschichte, als das, was uns die verknappten Kinderbuchausgaben der Vergangenheit mit ihrem Extrakt überliefert haben. Vielleicht hat Pinocchio doch mehr zu bieten, wenn man den Text, seinen Schöpfer und die Zeit der Entstehung dieses Märchens näher betrachtet. Vielleicht gelingt es uns ja, diesem „Erziehungshelfer“ der Vergangenheit ein paar neue Seiten abzugewinnen. Dass wir es hier mit einem italienischen Struwwelpeter zu tun haben, ist seit Generationen am lebenden Objekt, nämlich an Kindern, getestet worden.

Immer schön brav sein. Man sieht dir die Lügen an der Nasenspitze an. Du wirst erst zum echten Kind, wenn wir es zulassen und die Marionettenfäden abschneiden. Bis es jedoch soweit ist, gilt es sich an unsere Tugenden zu halten. Und die lauten Gehorsam, Fleiß, Genügsamkeit und Ehrlichkeit. Habt Ihr Pinocchio anders in Erinnerung? Könnt Ihr Euch noch an die pädagogische Wirkung der kleinen Holzfigur erinnern? Aus Holz geschnitzt, alleine nicht lebensfähig und immer dann, wenn sie versucht, einen eigenen Weg zu gehen, kommt es knüppeldicke. Also richtig mit Spaß und Vergnügen kann es nichts zutun haben, wenn Kinder sich dieser Geschichte nähern. Außer, wir verändern unsere Haltung. Außer, wir gehen neue Wege mit dem Text und mit den Kleinsten, die als alles auf diese Welt kommen, jedoch nicht als Teil unseres Marionettentheaters.

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MinaLima und der Coppenrath Verlag haben sich diese neue Herangehensweise auf die Fahne geschrieben. Die in London erschienenen Originale der Kinderbücher werden seit Jahren im Maßstab 1:1 „geklont“, gekonnt und flüssig übersetzt und bieten uns auf der Grundlage ihrer Ursprungstexte einen komplexen Zugang, den man dann im gemeinsamen Lesen mit Kindern beliebig vereinfachen und erweitern kann. Hier ist es das spielerische Erleben, das in den Vordergrund gerückt wird. Es sind faszinierende Illustrationen und Inlays, mit denen sich diese Bücher trefflich erleben lassen. Aber es sind eben auch die vollständigen Texte von einst, die uns Erwachsenen klar vor Augen führen, dass nicht jedes Kinderbuch vom ersten Federstrich an für die Zielgruppe der heutigen Zeit gedacht war. Erst durch Vereinfachungen, Kürzungen und Reduzierung auf schmale Erzählkerne wurde aus den Büchern das, was wir heute kennen. Extrakt.

Das ist in dieser Ausgabe anders. Ich denke nicht, dass man Pinocchio zuvor schon oft in seiner vollständigen Fassung gelesen hat. Wer an den kleinen Holzkerl denkt, hat eher Bilderbücher oder einen Disneyfilm vor Augen. Dabei ist diese Geschichte schon aus ihrer Entstehungsgeschichte heraus mehr als interessant. Schon 1881 erschienen die Abenteuer von Pinocchio als Fortsetzungsgeschichte in einer italienischen Zeitung. Erst die große Resonanz der Leser veranlasste den Satiriker und Autor Carlo Collodi dazu, die einzelnen Episoden in einem Buch zusammenzuführen. Warum aber liebten italienische Zeitungsleser (damit also sicher wenige Kinder) diese Geschichte? Weil es in einer Zeit sozialer und politischer Instabilität als Zeichen verstanden wurde, dass ein Autor seine Kritik an den Zuständen in einer Marionette spiegelte. Der arme Geppetto war eine Identifikationsfigur für das Volk. Fleißig, ehrlich, sympathisch und arm. Aber Polizisten und andere Offizialfiguren erscheinen als korrupt, dumm und einfach böse. Und dann versucht sich eine Marionette von den Fäden zu lösen, die sie steuern. Das traf den Nerv des bürgerlichen Lesers.

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Wenn man diese Hintergründe ein wenig verinnerlicht, wird auch unser Zugang zu Pinocchio vertieft. Es sind die zentralen und zeitlosen Botschaften des Buches, die man Kindern schrittweise mit auf ihren Weg geben kann. Man muss sein eigenes Glück in die Hand nehmen und darf nicht darauf vertrauen, dass immer irgendjemand bereitsteht, um einen aufzufangen. Man sollte andere nicht bevormunden, sich ehrlich verhalten und gut darauf achten, wer einem gut oder böse gesonnen ist. Alle Figuren dieser Geschichte sind hilfreich zur Vermittlung von wichtigen Lehren, die man ohne erhobenen Zeigefinger vielleicht mit eigenen Erfahrungen anreichern kann. Pinocchio ist sicher ein guter Lehrmeister, um zu erkennen, was passieren kann, wenn man sich von selbst gesteckten Zielen immer weiter entfernt und nicht beharrlich am Ball bleibt. Die Geschichte unterscheidet deutlich zwischen Gut und Böse. Sie wirkt hier wie jede gute Fabel, in der Tiere unsere wesentlichen Charaktereigenschaften spiegeln und so Sympathien wecken… Oder eben das genaue Gegenteil…

Und hier sind wir auch schon bei den Stärken dieses Prachtbandes. Wir können uns stundenlang und doch strukturiert in den kleinen Kapiteln mit Kindern verlieren. In kleinen Schritten schreitet diese Geschichte voran. Wundervoll illustriert und erneut mit interaktiven Inlays versehen, die zum Spielen und Verweilen einladen. Man kann hier mit Pinocchio spielen, seine Nase lang ziehen und die Marionette bewegen. Hier lohnt es sich, kleine Pausen einzulegen, um den Entdeckerdrang der Kinder zu fördern. So lassen sich ganze Theater aufklappen, verdeckte Klappkarten enthüllen Geheimnisse und im Bauch des Haifisches wird es so richtig gefährlich. Ausladende Elemente, die unglaublich einladend wirken. Die Tradition der „MinaLima-Kinderbuchklassiker“ lebt hier exquisit weiter. Ein Band, der in der Sammlung nicht fehlen darf. Ein Buch, das sich unter dem Weihnachtsbaum wie ein leuchtender Weihnachtsstern entfaltet.

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Eine Schlussbemerkung sei noch gestattet. Ich werde oft darauf angesprochen, in diesen Büchern sei doch nur die Nacherzählung der originalen Geschichten zu finden. Sie seien lieblos übersetzt oder eben nur Kurzfassungen der eigentlichen Werke. Ich bin diesen Aussagen auf den Grund gegangen und fündig geworden. Ein nicht näher genannter Online-Marktführer, der mit „A“ beginnt, schafft es scheinbar nicht, die bei ihm hinterlegten Rezensionen den Büchern zuzuordnen, auf die sie eigentlich abzielen. So findet man tatsächlich zu einigen der MinaLima Prachttausgaben vernichtende und enttäuschte Rezensionen, die vom Kauf abraten. Ein genauer Blick jedoch zeigt, dass es sich hier nicht um Rezensionen zu MinaLima-Titeln, sondern eher um Bewertungen zu gleichnamigen Büchern handelt, die fälschlicherweise mit aufgeführt werden.

Man merkt dies am Erstellungsdatum der Rezension, das vor dem Erscheinen des MinaLima-Buches liegt. Ebenso wenig gibt es diese Bücher als E-Book. Häufig wird ja bemängelt, der Seitenumbruch stimme nicht. Und dann merkt man spätestens am Text, dass es sich einfach nicht um diese Hochwertausgaben handeln kann. Ein Fehler, den der Online-Anbieter einfach nicht in den Griff bekommt, der aber gerade hier richtigen Schaden anrichtet. Kurz gesagt: Vertraut dem Blogger. Kauft im Buchhandel und lasst euch vor Ort beraten. Bei diesen Ausgaben habt ihr es immer mit den Originalen der Bücher zu tun, die ihr gerne lesen und erleben möchtet. Die Übersetzungen sind mehr als liebevoll und gelungen und die Inlays erweitern das Erlebnisspektrum dieser Bücher um Ebenen, die ein normales Bilderbuch nicht erreichen kann.

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Bisher erschienen in der Kinderbuch-Klassiker-Edition von MinaLima

Peter Panvon James M. Barrie
Die Schöne und das Biestvon Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve
Die kleine Meerjungfrauvon Hans Christian Andersen
Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Der geheime Garten“ von Frances H. Burnett und
Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll und wie hier gesehen
Die Abenteuer des Pinocchio“ von Carlo Collodi

Und ich plaudere ein wenig aus dem Nähkästchen, wenn ich verrate, dass man in London mit Hochdruck an „Der Zauberer von Oz“ von Lyman F. Baum arbeitet. 

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Ein Gedanke zu „Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

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