Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Eigentlich sollte man ja denken, dass der Zufluchtsort für einen Büchermenschen eine Bibliothek oder eine kleine verschwiegene Buchhandlung wäre. Vielleicht wäre dies bei mir sogar der Fall, würde ich nicht in der Nähe von München wohnen und hätte ich nicht zufällig 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies gelesen, und wäre ich nicht dort auf die Spur eines ganz besonderen Blauen Pferdes gestoßen.

Dann wäre sehr vieles in meinem Leben anders gelaufen, denn ich hätte mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf die Suche nach einem Gemälde begeben. Ich hätte wohl niemals die Städtische Galerie im Lenbachhaus besucht und würde sie heute nicht als meinen „geistigen Kraftraum“ bezeichnen. Oft werde ich in den letzten Wochen danach gefragt, was diese Galerie für mich bedeutet und warum es ausgerechnet das Blaue Pferd von Franz Marc ist, das mich immer wieder magisch anzuziehen scheint.

Manche Fragen lassen sich gar nicht so leicht beantworten. Diese eigentlich schon, auch wenn ich in diesem Zusammenhang viel von meinem Innenleben preisgeben muss. Ich halte solche Reservate für unglaublich wichtig. Gerade in unserer heutigen Zeit. Sie helfen dabei, den geistigen „Reset-Knopf“ zu finden, entschleunigen, dienen der Erdung und machen den Kopf frei für die kreativen Ideen jenseits unseres Alltags. Vielleicht kann man mich etwas besser verstehen, wenn man sich in meine Bildwelt hineinversetzt. Vielleicht hilft es, mich dorthin zu begleiten. Mit meinem Tunnelblick das Licht am Ende desselben zu sehen.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes – Jetzt mit Jahreskarte

Die Eingangshalle des Lenbachhauses wartet mit einer Lichtinstallation auf, die in München ihresgleichen sucht. Als würden ein Regenbogen in immer kleiner werdenden Segmenten vom Himmel regnen, bleibt man auch beim wiederholten Besuch atemlos stehen, erhebt den Blick und fühlt sich, wie in einer Tropfsteinhöhle aus Spektralfarben. Ein Stalaktit aus leuchtenden Farben ragt in den Vorraum und verdrängt ihn zugleich. Beruhigend und erhaben wirkt diese Begrüßung auf den Besucher. Eine Erleuchtung, die für mich immer wieder einem Wunder gleicht.

Wenn man sich dann vor Augen hält, dass diese Galerie unter der Herrschaft der Braunen Horden für die eckig kantig heroische arische Kunst genutzt wurde, weil alles nicht zur Nazi-Ideologie Passende als Entartete Kunst verbannt wurde, dreht sich dem Besucher noch heute der Magen um. Und doch ist das Lenbachhaus mit all seinen dort ausgestellten Werken das beste lebendige Zeichen für den Sieg des „Entarteten“ über die menschenverachtende Ideologie des Dritten Reichs. Der Blaue Reiter hat hier seine Heimat, Joseph Beuys dominiert eigene Räume und neben allem Abstrakten und Impressionistischen kommen auch die alten Meister zur Geltung.

Diese Vielfalt entspricht einer modernen Gesellschaft. Sie bietet Raum, öffnet die Herzen und lässt uns vorurteilsfrei genießen, was wir heute Kunst nennen. Die Galerie bietet die Möglichkeit, sich in unterschiedliche Werke zu verlieben, das Gesamtkonzept zu bewundern und auch die Freiheit, über einige Kunstformen zu lächeln. Dies jedoch voller Respekt, denn für platte Häme ist in diesem Ambiente und in der heutigen Zeit kein Platz mehr. Und sie wird nie wieder dort Platz haben. Hier wohnt die wahre Kunst. Und wir sind im bunten Wohnzimmer dieser Galerie herzlich willkommen.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes – Licht und Text

In ihrem nie veröffentlichten Vorwort für ihren Almanach zum Blauen Reiter hatten Franz Marc und Wassily Kandinsky schon 1912 die richtigen Worte für diese Vielfalt unter einem Dach gefunden, die auch heute wieder als Leitmotiv über die Ausstellung zum Blauen Reiter im Lenbachhaus stehen:

„Das ganze Werk, Kunst genannt, kennt keine Grenzen und Völker, sondern die Menschheit.“

Nichts sollte ausgeklammert werden, alles sollte seinen Platz bekommen, niemand sollte um seinen ganz individuellen Kunstgeschmack betrogen werden und Vorschriften waren den beiden Künstlern fremd. Diesem Leitmotiv hat sich auch heute noch das Lenbachhaus verschrieben. Die künstlerische Wahrhaftigkeit steht im Mittelpunkt und die direkte Nachbarschaft von Kunstwerken unterschiedlichster Stilrichtungen ergeben eine wundervolle Symbiose, die für ihren Betrachter den Begriff Kunst greifbar werden lässt.

Hier hat die einstige Avantgarde des Blauen Reiters mit ihrer visionären Kraft Spuren hinterlassen, die abseits der Kunstwissenschaft jeder modernen Gesellschaft gut zu Gesicht stehen würden. Und letztlich musste nur ein 1000jähriges dunkles Kapitel der deutschen Geschichte überwunden werden, um diese Saat aufgehen zu lassen und zur vollen Blüte zu bringen. Hier können wir von der Kunst lernen. Ob Expressionismus, Pop-Art, Kubismus, Impressionismus, Hinterglasmalerei, Realismus oder Kinderkunst. In der Vielfalt liegt die Einzigartigkeit.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Und doch möge man mir bitte bei aller Vielfalt verzeihen, dass ich bereits mit dem Betreten der Galerie fokussiert bin. Es ist ein Gefühl, als würde ich einen sehr guten Freund besuchen, der in einer modernen Wohngemeinschaft lebt. Einen Freund, der nicht aus dem Haus kommt, weil er einfach zu viele Verpflichtungen hat, obwohl er doch eigentlich den ganzen Tag nur rumhängt. Nur, dass mein Freund in diesem Fall das wohl bekannteste Pferd der Kunstgeschichte ist. Zwei Treppenaufgänge, ein Wegweiser mit der Inschrift „Der Blaue Reiter“ und ein kurzer Weg, gesäumt von den Klees, Kandinskys und Mackes dieser Welt führt mich zu ihm. Darf ich vorstellen:

Das Blaue Pferd von Franz Marc

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

In seiner Farbgebung spiegelt sich die ganze Geschichte eines Malers aus dem blauen Land, im sanft geneigten Kopf die Zuneigung, der er Gestalt verlieh und in der majestätischen Haltung der Respekt, mit dem es heute auf Besucher wartet. Und doch scheint dieses Pferd seit 1916 auf Franz Marc zu warten. Als verstünde es nicht, dass derjenige, der es erschuf, vom Sattel seines braunen Pferdes geschossen wurde, als er als grauer Reiter vor Verdun sein Leben ließ.

Sehr andächtig bin ich in seiner Gegenwart. Erinnere mich an Tage, an denen ich ihm hilflos gegenüber stand. Tage, an denen ich nur vergessen wollte, was ich zuvor in der Klinik am Bett meiner Tochter erlebte. Und ich denke an jenen Tag, an dem es sich zu bewegen schien. Den Tag, als Lena zurück ins Leben fand. Ich denke an einen Tag, an dem ich das Pferd mit anderen Augen sah, als ich fühlte, dort nicht alleine zu sein. Jenen Tag, als ich ihm erstmals begegnete. Nachdem ich alles gelesen hatte.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

Ich denke an das München jener Zeit. An Else Lasker-Schüler, die ganz besondere Lebenszeichen von Franz Marc erhielt. Blaue Pferde, gemalt auf Postkarten. Pferde, die ihr zeigen sollten, was er malt. Mehr als bloße Skizzen, und viel später, als der Turm der blauen Pferde verbrannt war, konnte nur noch diese eine Karte bezeugen, wie sehr das Bild gestrahlt hat. Ich denke an ihre tiefen Worte, ihren Nachruf auf Franz Marc, als sie von seinem Tod erfuhr:

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten… wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“

Ich denke an all jene, die mit Franz Marc im Ersten Weltkrieg fielen, wie August Macke. Denke an jene, die Zeugen der Entartung ihrer Kunst wurden und nicht erleben durften, dass ihre Vision letztlich siegte, wie Paul Klee und Wassily Kandinsky. Und ich denke daran, wie lange ich nun schon mit all den tiefen Gefühlen in genau diesem Raum, diesem Bild gegenüber stehe und das Gefühl habe, das blaue Pferd habe mehr als einhundert Jahre nur auf mich gewartet.

Und nun werde ich beginnen, Biographien über Franz Marc zu lesen, um mich auf weiteren Ebenen zu nähern. Reichhaltig ist das literarische Angebot, mit dem ich bei diesem Vorhaben unterstützt werde. Ich schreibe darüber und die Bücher werden mich hierhin begleiten. Ich weiß ja, wen ich fragen kann, wenn ich etwas nicht verstehe.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes – Ein tiefer Moment

Das ist mein Kraftraum des Geistes. Hier bin ich fernab des Alltags völlig frei. Hier fühle ich tief in mich hinein und halte Zwiesprache mit einem Bild. Es ist magisch. Nicht viele Menschen haben mich dort erlebt. Einige ahnen nur, was dort passiert. Und doch gibt es Bilder von mir, die Julia ganz heimlich machte. Gut, dass meine Augen nicht zu sehen sind. Ich habe auch diesmal erneut von vielen Menschen gegrüßt. Ich habe über meine Gefühle geschrieben. Das Blaue Pferd hat mir dabei über die Schulter geschaut und ich soll schön grüßen. Vielleicht begleitet ihr mich mal, wenn ihr in München seid. Bis es soweit ist, könnt ihr in die folgende Dia-Show genießen. Und dann sehen wir uns.

Herzlich willkommen zur Bildergalerie und zur Bücherkette zum Lenbachhaus

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Die Bücherkette zu Franz Marc und dem Blauen Reiter auf AstroLibrium.
Die Biographien folgen noch… Der Leseweg im Kraftraum geht weiter.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Bücherkette zu Franz Marc und dem Blauen Reiter

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8 Gedanken zu „Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

  1. Pingback: Klee & Kandinsky – Nachbarn, Freunde, Konkurrenten | AstroLibrium

  2. Pingback: 1914 – Ein Maler zieht in den Krieg [Der Blaue Reiter vor Verdun] | AstroLibrium

  3. Was für ein schöner Beitrag – ich hoffe, auch bald vor Ort zu sein und alles auf mich wirken zu lassen. Habe schon einige Bücher über den blauen Reiter gelesen, eines liegt grad noch hier, ebenso ein Band über Franz Marc.

  4. Pingback: Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Brieffreundschaft | AstroLibrium

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