Expedition Arktis von Esther Horvath

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ von Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) war gerade gelesen und rezensiert, da erreichte mich ein schweres Buchpaket aus dem Prestel Verlag. „Expedition Arktis. Die größte Forschungsreise aller Zeiten“ von Esther Horvath schloss einen Kreis, der fortan Polarliebe und Polarstern miteinander verbinden sollte. Und so möchte ich die Forschungsreise dieses Hightech-Forschungs-Eisbrechers mit den letzten Worten einleiten, die aus der Polarliebe-Rezension in diese Buchvorstellung überleiten sollten:

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Expedition Arktis von Esther Horvath und Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern.

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Expedition Arktis von Esther Horvath

Mehr als hundert Jahre nach Fridtjof Nansen, ist es nicht mehr die Polarliebe, die uns zum Nordpol treibt. Es ist nicht mehr Abenteuerlust oder der Wunsch, den Nordpol als erster Mensch zu betreten. Es sind nun die Sorgen um das Weltklima und die Angst vor den Folgen einer globalen Erwärmung, denen man in der Polarregion auf die Spur gehen will. Doch wie könnte es gelingen, dort über den Zeitraum eines ganzen Jahres, wissenschaftliche Daten zu erheben, um zu neuen Ergebnissen zu gelangen? Es war Fridtjof Nansen, der mit der Fram gezeigt hatte, wie der wissenschaftliche Husarenritt gelingen kann. Drift, lautet das Zauberwort. Sich mit dem Schiff auf einer Eisscholle im arktischen Strom festfrieren lassen und sich so ein Jahr lang mit dem Packeis treiben lassen. Was gewagt und gefährlich klingt, hat heute einen Namen. „Polarstern“. Der Forschungs-Eisbrecher ist das Herzstück der MOSAIC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate), einem Driftobservatorium zur Untersuchung des Arktisklimas, das sich nach langer Vorbereitungszeit im September 2019 auf den Weg ins ewige Eis begab.

Heute jedoch ist eine solche Forschungsexpedition nicht mehr im Alleingang zu bewältigen. 82 internationale Institute, Begleitschiffe, Flugzeuge und Hubschrauber, die feste Crew der Polarstern und hunderte von Wissenschaftlern, die sich abwechselnd in das Abenteuer stürzten, zeigen, welcher Aufwand hier betrieben wurde, um das Klima und seine Wechselwirkungen im Epizentrum des Klimawandels zu erforschen. Es war eine logistische Meisterleistung, ein Kunststück der Navigation, die Teamleistung einer eigentlich heterogenen Forschungsgemeinschaft und ein einzigartiges Erlebnis für die Teilnehmer der „größten Forschungsreise aller Zeiten„. Der großformatige Bildband „Expedition Arktis“ gibt uns die Möglichkeit, zum Teil der Besatzung zu werden. Hier haben wir die Chance, nicht nur zu lesen oder Ergebnisse zu analysieren. Wir dürfen an Bord der Polarstern gehen, weil die Expeditionsfotografin Esther Horvath es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre Augen zu unseren Augen zu machen. Durch sie, durch ihre Kamera und durch ihr Talent, mit ihren Fotografien Geschichten zu erzählen, hat diese Expedition jegliche Distanz verloren. Näher waren wir der Arktis nie zuvor.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

288 Seiten, Format: 24 cm (b) x 30 cm (h), 160 farbige Abbildungen (viele davon doppelseitig), Fakten basierte Informationen, Impressionen des Alltags auf dem Eis und an Bord, Kommentare der Crew und von Wissenschaftlern, ein Exkurs zum „Paten“ der Expedition, Fridtjof Nansen und das ausführliche Interview mit Esther Horvath, der Expeditionsfotografin. So könnte man das Buch „Expedition Arktis“ skizzieren. Aber das reicht nicht aus, um seine Wirkung zu beschreiben. Im hoch informativen Textteil zu klimatischen Veränderungen erhält man einen tiefen, und doch leicht verständlichen, Einblick in die dramatischen Veränderungen, auf die man während der einjährigen Reise gestoßen ist. Kipppunkte verlieren ihren rein abstrakten Charakter. Das ewige Eis, seine Qualität, sein Alter und seine Beschaffenheit erhalten besondere Bedeutung. Wir beginnen zu verstehen, dass es sich hier augenscheinlich nicht mehr um eine dauerhaft geschlossene Eisdecke handelt. Das muss man gesehen haben. Das muss man begreifen. Den Zugang zum Sehen und Begreifen findet man in diesem Bildband, der den Betrachter und Leser nicht mehr loslässt.

Hier erhält man einen lebendigen Einblick in die erheblichen Anstrengungen, die man aufbringen musste, um die Zukunft unserer Erde wissenschaftlich zu analysieren. Es sind die kleinen Geschichten an Bord der Polarstern, die uns verstehen lernen, was die Menschen der Expedition antreibt. Es sind Gefühle, die wir aufsaugen, damit wir in aller Klarheit begreifen, wie endlich die Schönheit der Arktis ist. Es ist eine Eisscholle, die zur unsicheren Heimat wird, es sind die Suchscheinwerfer der Polarstern, die dem Namen des Eisbrechers alle Ehre machen, es sind die Eisbärenwächter, ohne die man keinen Schritt wagen kann und es sind magische Momente auf dem Eis, die zeigen, in welcher Gefahr nicht nur wir sind. Eisbären auf der Suche nach Lebensraum und auf der Flucht vor der schmelzenden Lebensgrundlage. Eindringlich fotografiert von einer Fotografin, die viel mehr ist, als es die Berufsbezeichnung vermuten lässt.

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Expedition Arktis von Esther Horvath

Esther Horvath erzählt uns die Geschichte der Expedition mit ihren Fotografien. Sie sind nicht in Szene gesetzt, nicht inszeniert, es sind keine Schnappschüsse oder nebenbei entstandene Impressionen. Esther Horvath war die Bilderzählerin an Bord der Polarstern. Wie die Eisbärenwächter hat sie mit ihrer Kamera über die Menschen gewacht, die auf dem Eis arbeiteten und an Bord lebten. Sie wartete immer auf genau den einen Moment, in dem aus der Aufnahme eine Geschichte wurde. Mit gefrorenen Fingern den Auslöser zu betätigen und dann zu wissen, was man festgehalten hat, ist ihre Passion. Man spürt den Fotos an, wie sehr ihr die Menschen vertraut haben. Sie legt Zeugnis für sie ab. Und das spürt man. Manche Bilder wirken, als seien sie heilig. Das Interview mit Esther Horvath, deren Eisbären-Foto Weltruhm erlangt hat, muss man gelesen haben, um das Wunder dieser Bilder gänzlich fassen zu können.

Ein Gesamtkunstwerk, in dem die Fotografin vielleicht zugleich Abschied nimmt vom ewigen Eis. Man habe dem Eis beim Sterben zuschauen können. Eine Botschaft, die niemanden kalt lassen kann, weil das Eis seine schützende Funktion immer mehr einzubüßen droht. Gerade deshalb auch ein Bildband, den man mit Kindern betrachten sollte. Später kommt dann das Textverständnis dazu. Aber zuerst kann das Abenteuer faszinieren und Interesse dafür wecken, warum man sich für die Rettung der Umwelt engagiert. Ich liebe dieses Buch. Ich liebe die Reminiszenz an Nansen, der auch auf der Polarstern omnipräsent war. Man achte nur auf das Foto auf dem Tischchen in der Messe. Ich mag den Facettenreichtum der Expeditionsgeschichte. Der Gedanke, wie sich die Forscher fühlten, nach einem Jahr der Eisquarantäne wieder einen Kontinent zu betreten, der von Corona und tatsächlicher Quarantäne verändert war, hat mich im Herzen berührt. Diese Perspektivwechsel gelingen nur im Flutlicht einer ewigen Nacht auf ewigem Eis. Dieses Buch ist der Polarstern der wissenschaftlichen Bildbände.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Morgen unbedingt anschauen:

Der Tag für die Veröffentlichung dieser Rezension ist bewusst gewählt. Am 16.11. wird die High-End-Dokumentation „Expedition Arktis“ in der ARD ausgestrahlt. Schaut euch die Doku unbedingt an, sie wird anschließend in der Mediathek zu sehen sein, und dann könnt ihr euch die größte Forschungsreise aller Zeiten als Bildband ins Bücherregal eures Lebens holen. Polarliebe und Polarstern. Literatur zum Fest.

Hier geht´s zum Logbuch des Expeditionsleiters: Markus Rex – Eingefroren am Nordpol“ – Eine andere Sicht auf die Expedition.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

3 Gedanken zu „Expedition Arktis von Esther Horvath

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  3. Pingback: Das Jahr des Dugong von John Ironmonger | AstroLibrium

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