„Junge ohne Namen“ von Steve Tasane

Junge ohne Namen von Steve Tasane - Astrolibrium

Junge ohne Namen von Steve Tasane

Ich muss nicht weit ausholen, um einen Zugang zu einem Jugendbuch zu finden, das in diesen Tagen im S. Fischer Verlag erschienen ist. Junge ohne Namen“ von Steve Tasane besticht schon im Buchdesign, weil die eigentliche Geschichte schon auf dem Cover beginnt. Kein Autorenname. Kein Verlag. Nichts. Nur der Titel des Romans und schon geht es rein in die Handlung. Goldgeprägt und damit sehr auffällig. Ein Titel, der uns nachdenklich macht. In schlichtem Beige gehalten das ganze Buch. Ohne Effekte. Ohne Abbildung oder verlockendes Cover. Einzig ein kleiner, ebenso goldgeprägter und an eine Spielzeugfigur erinnernder Junge ziert das Cover der Steifbroschur. Unauffällig macht es gerade in seiner Schlichtheit viel her. Der Inhalt ist alles andere als schlicht.

Junge ohne Namen - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Junge ohne Namen – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Mein Zugang zu diesem schmalen Buch liegt in meinem Lesen der letzten Tage. Ohne Familien gibt es keine Geschichten“. Dies las ich, als ich dem „Mädchen mit dem Poesiealbum“ begegnete. Ich las es aufmerksam, weil die kleine Jüdin Lientje die Verfolgung in den von Nazis besetzten Niederlanden und ihr späteres Leben wohl nicht erzählt hätte, weil sie ihre Familie verloren hatte und damit auch ihre eigene Geschichte und ihre Identität. Ein verstörendes Buch, bei dem man sich trotzdem auch immer noch fragen lassen muss: „Ist es nicht langsam genug? Das Thema ist doch längst abgehakt und sollte jetzt endlich ad acta gelegt werden!“ Ist es das? Haben wir gelernt? Passiert es heute nicht mehr, dass Kinder ihrer Identität beraubt werden und ohne Geschichte in ein neues Leben gehen müssen? (Sie können die Rezension auch hören. Hier)

Junge ohne Namen von Steve Tasane - Astrolibrium

Junge ohne Namen von Steve Tasane

Beide Bücher haben sich in meinem Bücherregal vereint. Sie scheinen einander zu verstehen und zu mögen. Sie sind in unterschiedlichen Epochen angesiedelt und doch scheinen sie Geschichten zu erzählen, die viel gemeinsam haben. Nur dass der „Junge ohne Namen“ in unserer alltäglichen Gegenwart spielt. Flüchtlingsschicksale stehen im Mittelpunkt beider Bücher. Verfolgung vereint und Krieg verbindet sie. Der Verlust ihrer Eltern steht als Ausrufezeichen über der Zukunft. Nur darf Lientje ihren Namen und das Poesiealbum mit den Fotos ihrer Familie behalten. Wenigstens dies. Der „Junge ohne Namen“ hat nichts, außer einem Buchstaben, der ihm geblieben ist.

Meine Familie ist weg. Meine Papiere auch. Ich habe nur noch einen Buchstaben. I – so werde ich hier genannt. Ich bin ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.“

Wo wir uns befinden, ist egal. Es ist eines jener Flüchtlingslager, die wir aus den Nachrichten so gut kennen. Kriegsgebiet. Menschen ohne Habseligkeiten. Ein Leben im Provisorium. Wer es gemeinsam geschafft hat, gehört zu den Glücklichen im Drama. Kinder ohne Begleitung, ohne Pässe oder sonstige Dokumente, zu jung, um überhaupt ernstgenommen zu werden, verlieren alles. Hier bleibt ihnen nur ein einziger Buchstabe und eine schlammbespritze Hütte. I ist gerade einmal zehn Jahre alt. Denkt er. Belegen kann er es nicht. Sein „Lebensbuch“ ist verloren. Kein Ausweis, keine Vergangenheit in Reichweite und keine Zukunft greifbar. Wären nicht andere Kinder, wie L, E und V, man wäre ganz alleine und rettungslos verloren. Man spricht nicht die Sprache der Wachen im Lager. Es gibt keinen Ausweg. Nur zurück in die zerbombte Heimat darf man. Sehr gerne sogar.

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Den Rest des Buches sollte man auf seinen 138 Seiten auf sich wirken lassen. Es entspricht im Schreibstil, der Sprache und im gesamten Inhalt der Altersempfehlung ab dem 12. Lebensjahr. Aus der Sicht von I erlebt man den Alltag im Flüchtlingslager, lernt seine Freunde, Feinde und Helfer kennen. Steve Tasane treibt den Schlamm bildlich in unser Leben. Schlammverkrustet würden wir längst untergehen, während die Kinder in bewundernswerter Art und Weise um eine kleine Insel der Normalität bemüht sind. Was ihnen fehlt ist die Perspektive. Was fehlt ist die Zukunft. Was fehlt ist alles, was wir uns nur vorstellen können. I kämpft gegen sein Schicksal an, doch als die Planierraupen im Lager auftauchen, droht selbst dieser letzte Rest von eigener Welt unterzugehen. 

Steve Tasane ist der Sohn von Flüchtlingen. Er betont, dass dies nicht seine eigene Geschichte ist. Er schrieb sie für all die namenlosen Kinder, die in jenen Lagern darauf warten, dass man sie endlich rettet und in eine sichere Zukunft begleitet. Kinder, deren Lebensweg dieses Buch kreuzt, erkennen schnell was I und seinen Freunden fehlt. Sie entwickeln, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, ein tiefes Verständnis für die Verluste und deren Konsequenzen. Und sie sehen, dass man manchmal gar nicht viel tun muss, um helfen zu können. Ein Buch gegen das Wegschauen. Ein Jugendbuch, in dem sich die Kinder dieser Welt solidarisieren können, weil sie immer nur eine Frage im Herzen tragen: „Wollen wir spielen?“ Steve Tasane ist eine hoffnungsvolle Stimme in der Dunkelheit der Flüchtlingslager. Wir können dafür sorgen, dass man sie weiter hört, als sie eigentlich tragen kann.

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Ein Gedanke, den wir beim gemeinsamen Lesen mit Kindern vielleicht wie einen Impuls in ihr Leben tragen könnten: Was ist mit diesen unbegleiteten Kindern, wenn sie es schaffen? Wie kann man sie hier in unserem Land richtig begleiten? Ihnen einen ganz neuen Weg aufzeigen, eine neue Sprache beibringen, neue Bilder vermitteln? Ein ganz neues Lebensalbum beginnen und damit alles zu vergessen, was sie waren? Hier kann man versuchen, Begriffe wie Integration anders zu denken. Assimilation vernichtet die eigene Geschichte und verdrängt die verlorene Familie ins Nichts. Und nur wer eine Familie hat, kann später Geschichten erzählen.

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Glaubt Lientje, Lien de Jong und helft I dabei, sich zu erinnern….

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Ein Gedanke zu „„Junge ohne Namen“ von Steve Tasane

  1. Pingback: Rezension: Arndt Stroscher stellt das Jugendbuch "Junge ohne Namen" vor – Literatur Radio Hörbahn

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