„Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ [Neil MacGregor]

Deutschland - Erinnerungen einer Nation

Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Ich bin zugegebenermaßen ziemlich unbedeutend. Zumindest bin ich ganz bestimmt nicht vergleichbar mit einem ganzen Land oder sogar einer Nation. Auch, wenn meine eigene Familiengeschichte untrennbar mit der Geschichte meines Vaterlandes (ja, das darf man so sagen) verknüpft ist, so bin ich doch nur ein kleines Rädchen mit eigener Wahrnehmung, persönlichen und  familiären Erinnerungen, Traditionen, Anschauungen und einer ziemlich individuellen Lebensweise.

Ich überlege mir nun, was ich davon halten würde, wenn jemand – sagen wir mal, ein britischer Museumsdirektor – mir eine Ausstellung widmen, und seinen Landsleuten anhand einiger ausgewählter Exponate aus meiner Familienhistorie versuchen würde zu erklären, was es bedeutet, ein Deutscher zu sein. Hm. Amüsanter Gedanke und mit an großer Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Fehlschlag, da man von mir sicher nicht auf ein ganzes Land schließen kann.

Aber reizvoll ist es schon, denn allein die Vorstellung, dass ein neutraler Außenseiter versuchen würde, meine Erinnerungen in einer Kollektion zugänglich zu machen und daraus abzuleiten, wie ich so denke, lässt mich zu der Überzeugung kommen, dass ich mich in dieser Ausstellung meines Lebens selbst völlig neu entdecken würde. Vielleicht würde ich über Klischees lachen, denen ich begegne. Vielleicht würde ich mich darüber wundern, was aus anderer Perspektive so interessant und charakteristisch für mich sein könnte. Vielleicht würden die Besucher und ich selbst auf diese Weise viel voneinander lernen. Aber das ist natürlich nur ein Hirngespinst im Kleinen.

Deutschland - Erinnerungen einer Nation - Astrolibrium - Meine Exponate

Deutschland – Erinnerungen einer Nation – Meine Exponate

Was aber, wenn der schottische Direktor des „British Museum“ versuchen würde, den Deutschen eine solche Ausstellung zu widmen, um seinen britischen Landsleuten sowohl unsere Lebensweise, Wertvorstellungen und Erinnerungen näher zu bringen? Was nun? Würde es ihm gelingen, mit dieser bahnbrechenden Ausstellung Klischees zu überwinden, in seiner Heimat Großbritannien mehr Verständnis für unsere historisch gewachsene sozio-politische Gesellschaft im Spiegel der Geschichte zu wecken?

Und wie würden wir uns letztlich selbst sehen, wenn wir die Museumspforten hinter uns ließen, um einen Blick auf unser kollektives Gedächtnis zu werfen? Wohl gemerkt, aus der Perspektive eines Nicht-Deutschen konzipiert für Nicht-Deutsche. Würden wir uns erkennen? Würden wir uns anders wahrnehmen oder käme uns die gesamte Idee absurd und typisch britisch vor? Könnten wir über uns selbst lachen und auch besser verstehen, warum man wegen uns geweint hat?

Wären wir hart genug im Nehmen, oder sind wir inzwischen einen Schritt weiter und könnten sogar neutral zuschauen, wie wir im Schaukasten der Geschichte als Exponat zu sehen wären? Ein immer noch abstruser Gedanke? Nein, weit gefehlt, denn diese Ausstellung hat es tatsächlich gegeben und unter dem Namen Germany – Memories of a Nation für erhebliches Aufsehen gesorgt.

Deutschland - Erinnerungen einer Nation

Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Zeit und Raum sind bei Ausstellungen limitierende Faktoren, um ihnen selbst einen Besuch abstatten zu können. Schade? In diesem ganz speziellen Fall eigentlich nicht, denn genau diese Ausstellung kommt zu uns! Als Buch und in einer brillant adaptierten Hörbuchfassung. Verfasst von jenem Museumsdirektor, der diese großartige Idee hatte, uns allen unsere Geschichte so aufzubereiten und zur Schau zu stellen, dass wir fast selbsterklärend Auskunft über den Mythos Deutschland geben können.

Der Prachtband „Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor, erschienen bei C.H. Beck, wiegt schwer. Und dies nicht nur, weil dieses Buch mehr ist, als nur ein Ausstellungskatalog in gebundenem Format. Es ist mehr als nur der Extrakt dessen, was im British Museum zu bestaunen war. MacGregor hat hier nachhaltig festgehalten, was aus seiner Sicht in den Brennpunkt gerückt werden muss, wenn man heute an unser Deutschland denkt.

Er hat einen lebendigen Anachronismus geschaffen, der viele Fragen aufwirft, viel Spielraum für Interpretation lässt und das Bild einer Nation zeichnet, das in seiner Tiefe und Ausgewogenheit beeindruckender nicht sein kann. Frei von bekannten Klischees und Vorurteilen nähert er sich, nähert er seine Landsleute einer Nation an, mit der man in der jüngsten Vergangenheit mehr im Krieg als im gemeinsamen Brautbett lag. (Mal ganz ungeachtet der royalen Verstrickungen in den deutschen Hochadel.)

Deutschland - Erinnerungen einer Nation

Deutschland – Erinnerungen einer Nation

So finden wir uns also wieder in einem schweren aber nicht überfrachteten Buch. Kein Geschichtsunterricht wartet hier auf uns, sondern das bunte Kaleidoskop dessen, was uns alle ausmacht. Zumindest aus britischer Perspektive. Von Kunstwerken über die Musik, von ulkigen Gartenzwergen bis hin zum Mauerfall, von der Vertreibung besiegter Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Teilung des Landes, vom Mauerfall bis zum legendären VW-Käfer. Vom Land der Dichter und Denker bis zum Holocaust. Von Weimar nach Weimar, wo man auf beide Seiten der Geschichte stößt. Vom gediegenen Meißner Porzellan bis hin zu unserer Denkmalskultur.

MacGregor liefert keine einfachen Antworten. Er zeigt auf. Regt an. Er startet eine Diskussion und beschreibt Deutschland in weichen und knallharten Tönen. Er verleitet Menschen aus anderen Ländern, sich an diesen Beispielen zu reiben und sich selbst zu hinterfragen, wie sie denn selbst mit diesen facettenreichen Themen umgehen, wo ihre kollektiven Erinnerungen zu finden sind, und wie sehr man geneigt ist, sich selbst zu belügen, wenn man in die Geschichte zurückblickt.

MacGregor bleibt im gewagten Ausstellungs-Spagat, wenn er unsere Kultur auf ein Schild der Bewunderung hebt, Dichter und Denker präsentiert und dann die Welt und uns selbst damit konfrontiert, dass eine solche Nation zum Holocaust fähig war. Er löst den Gewissenskonflikt nicht auf. Er zeigt, dass dies wohl überall geschehen kann, wenn die Geschichte den Raum lässt. Wenn ein Volk Kunst als entartet bezeichnet, wenn es Bücher und Bilder verbrennt, dann ist es bereits selbst entartet. Wer Erich Kästner und Paul Klee dem lodernden Scheiterhaufen der Leitkultur übergibt, der verbrennt zuletzt auch Menschen. Jedem das Seine. Ein ganz besonderes Kapitel dieser Ausstellung, des Buches und der Audio-Fassung. Nie wieder!

Deutschland - Erinnerungen einer Nation

Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Er wundert sich, warum es bei uns noch Hansestädte gibt, obwohl der Staatenbund längst vergangen ist. Er schaut sich das Münchner Siegestor von beiden Seiten an und schmunzelt darüber, was dort zu lesen ist. Kein Siegestor. Eher das der Besiegten und wenn mal gesiegt wurde, dann standen die bayerischen Truppen immer auf der Seite der Franzosen. Und wieso heißt es eigentlich Freistaat? Ja, MacGregor weiß genau, wo er fündig wird. Wir lernen selbst unglaublich viel über uns und wundern uns, wie es gelingen konnte, aus unzähligen Kleinstaaten mit über 200 Währungen im Lauf der Zeit zu dem zu werden, was wir heute sind.

Und dabei wird er plastisch, greifbar und anschaulich. Nicht nur wir, auch geneigte Nicht-Deutsche erkennen auf hochwertigen Fotografien, Skizzen und Karten, was diese Nation einst zerrissen und dann wieder zusammengefügt hat. Er macht den Schrecken der Deutschen Teilung am Beispiel des Bahnhofs Friedrichsstraße deutlich und wundert sich, wie es in der Nähe von Dresden gelingen konnte, aus Porzellan kleine Wunder zu schaffen, während es in China nur für Teller und Tassen taugte.

Er zeigt in diesem hochwertigen Buch auf, was uns so vielseitig macht und gibt uns unsere eigene Vergangenheit in die Hände, schmunzelnd, ohne erhobenen Zeigefinger und doch mit allem Schrecken, den unsere Vorfahren verbreitet haben. Vieles erscheint paradox. Vieles wie gewollt und nicht gekonnt und vieles unvergleichbar schön. Stolz oder Patriotismus kommen in „Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ nicht auf. Es sind gelungene AHA-EFFEKTE, es ist das Staunen über Unbekanntes und der Blick in den Spiegel der Erinnerung, der auch uns beeindruckt. Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich. Ein Buch, das jedem privaten Bücherregal und seinem Besitzer gut zu Gesicht steht.

Deutschland - Erinnerungen einer Nation

Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Allerdings ist es nichts für unterwegs. Es ist einfach zu schwer. Kein S-Bahn-Buch. ABER. Auch hier findet sich ein ungewöhnlicher und guter Zugang. Das gleichnamige Hörbuch mit 11 CD´s, umfangreichem Booklet und einer Laufzeit von über 14 Stunden erweitert das Gelesene um die unerhörte Dimension der dichten Atmosphäre. Dies liegt einerseits am Sprecher Burghart Klaußner, der uns Deutschland – Erinnerungen einer Nation (Der Hörverlag) mit seiner Stimme in die Seele spricht.

Darüber hinaus ist das gesamte Hörbuch mit einer besonderen Klangfarbe unterlegt. Es trommelt, es knistert. Gewehrschüsse hallen durch den Raum, alte Radioaufnahmen werden lebendig und historische O-Töne erzeugen eine geschichtsträchtige Gänsehaut. „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Hier hat das Hörbuch eine ganz eigene Daseinsberechtigung und gehört zu den Unterhaltsamsten seiner Art.

Mein Rat: Es muss beides sein. Die Kombination aus beiden Medien bringt das British Museum nach Hause. Zurücklehnen, zuhören, lesen, Bilder auf sich wirken lassen. Das ist unsere Geschichte, an der wir täglich selbst weiterschreiben. Wenn man dann Buch und Hörbuch auf den bibliophilen Gabentisch legt, kann man sich ganz sicher sein, dem geschichtsinteressierten Leser/Hörer die ganzen Erinnerungen einer Nation quasi zu Füßen gelegt zu haben.

Ein perfektes Geschenk „Gegen das Vergessen“ ist es noch dazu.

Deutschland - Erinnerungen einer Nation - Es geht weiter...

Deutschland – Erinnerungen einer Nation – Es geht weiter…

Dieses Projekt rund um Buch und Hörbuch hat Gedankenketten in mir ausgelöst. Meine Auseinandersetzung mit der Geschichte hat mit einem Exponat begonnen, ohne das meine ganze Familiengeschichte nicht zu erklären wäre. Weihnachten 1944 – Ein Ring, der alles veränderte. Ich schrieb ausführlich darüber. Und gibt es noch offene Fragen, die tief in mir toben, denen ich aber noch keine Zeilen gewidmet habe.

Was bedeutete die Teilung meines Landes für mich? Wie habe ich den Terror der RAF als Jugendlicher erlebt? Welche Momente der Zeitgeschichte haben mein Leben nachhaltig geprägt und nicht zuletzt, was wäre ich ohne die Wiedervereinigung dieses Landes? Wen hätte ich niemals kennengelernt, was würde mir fehlen und was geistert in mir herum, wenn ich den Fortbestand der Mauer als Gedankenspiel weitergehe?

Was wäre ich ohne die entartete Kunst von einst? Wie würde „mein“ Lenbachhaus heute aussehen, wenn das Braune gesiegt hätte? Welche Bücher hätte ich nie gelesen, wenn die Scheiterhaufen noch heute loderten? Ich werde mich diesen Fragen widmen. Sehr intensiv und in aller Offenheit. Bleibt gespannt…

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Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner - AstroLibrium

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Er trägt die Verantwortung, er darf jetzt keinen Fehler machen, seinen Gast nicht beunruhigen. Wären sie weiter zum Gipfel gestiegen, wie dieser es wollte, sie säßen jetzt auf der anderen Seite, beim Abstieg, in der Falle: irgendwo, ohne Schutz, hoch oben am Berg.

Er muss es auch dieses Mal nach unten schaffen, ins Tal mit seinem Gast, zurück in ihr Leben. Nur noch einmal. Er trägt die Verantwortung.

Es gibt Sätze, die in sich bereits ganze Geschichten erzählen. Sätze, die in sich zu toben scheinen, die alle Gefahren dieser Welt heraufbeschwören und nach Auswegen suchen, wo es scheinbar keine Rettung gibt. Es sind diese Sätze, die dazu verleiten, sich der verborgenen Geschichte noch mehr zu nähern. Auch wenn man dabei selbst in akute Lesensgefahr geraten sollte. Man kann nicht anders.

Absturz des Himmels“ von Reinhold Messner (Fischer Verlag) verdeutlicht schon mit diesen Worten im einleitenden Kapitel, dass wir es nicht nur mit einem Sachbuch über die Erstbesteigung des Matterhorns zu tun haben. Es sind diese Sätze des großen und nicht immer unumstrittenen Extrembergsteigers, die seine Leser zu einer Seilschaft formen, und sie in einer alpinen Todeszone auf Gedeih und Verderb der Intuition und dem Verantwortungsbewusstsein des Bergführers ausliefern. Und dies in der Hoffnung, zurück ins Leben zu kommen. Nur noch einmal.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Reinhold Messner ist wohl der berufenste Experte, der sich ein Urteil erlauben darf und kann, welche fatalen Umstände 1865 zum „Absturz des Himmels“ am Matterhorn führten. Er weiß, worüber er schreibt, wenn er seine Leser zu einer Erstbesteigung anseilt, sie die Vorbereitungen erleben lässt und ihnen den inneren Druck vermittelt, der mit einer solchen Unternehmung einhergeht. Der Erste zu sein. Das unterscheidet einen solchen Gipfelsturm von allen anderen Versuchen, einen Berg zu bezwingen.

Sein Traum gilt dem Gipfel des Matterhorns. Dafür braucht er keine Erklärung. Er will nur als Erster dort oben stehen. Mit den Leuten aus seinem Tal.

Eine Erstbesteigung ist verbunden mit Ruhm. Ein solcher Erfolg kann von keinem Zweiten auf der Welt wiederholt werden und dafür sind die Pioniere am Berg seit jeher bereit gewesen, besondere Risiken auf sich zu nehmen. Es gibt keine Routen, denen man folgen kann, keine Alternativen und Erfahrungswerte. Der Erste zu sein heißt, das Ungesehene zu sehen, das Unbetretene zu betreten und Spuren zu hinterlassen, die einzigartig sind.

Reinhold Messner weiß wovon er schreibt, wenn er den Individualisten und Egoisten am Berg beschreibt und ihn vom Bergführer unterscheidet, der für eine solche Tour engagiert wird und die volle Verantwortung trägt. Nicht nur für sich selbst, sondern eine Verantwortung, die weiter reicht. Verantwortung für die „Gäste“, die zu führen sind und die Verantwortung für eine ganze Zunft von Bergführern eines kleinen Ortes, die durch einen Misserfolg in Verruf geraten würde. Es ist eine große Last, die man zu tragen hat, wenn man keinen Alleingang wagt.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Diese beiden Perspektiven zeichnen „Absturz des Himmels“ aus. Messner versetzt sich selbst und seine Bergleser in zwei völlig unterschiedliche Ausgangssituationen, die historisch verbrieft sind, in dieser Kombination aber bisher nicht in einer gemeinsamen Geschichte erzählt wurden. Jedenfalls nicht in der Tiefe der Charakterzeichungen, die Messner wohl deshalb so präzise gelingt, weil er diese beiden Seelen in seiner eigenen Brust fühlt.

Beide Seiten sind ihm absolut nicht fremd, da er selbst als extremer Draufgänger alle Grenzen der bekannten Bergsteiger-Welt gesprengt hat und dabei schon fast im Vorbeigehen alle Rekorde brach, die man sich im alpinen Bereich vorstellen kann. Hierbei war er für sich selbst verantwortlich, konnte alle Risiken eingehen, die er zu tragen bereit war, da er ganz allein die Konsequenzen zu tragen hatte. Aber auch die Perspektive dessen, der rein funktionaler Teil einer Seilschaft ist, Verantwortung trägt und keinen Alleingang wagen sollte, ist tief in ihm verankert, weil er genau in diesem Bereich sein größtes alpines und menschliches Debakel erlebte. (Siehe Video)

Umso verständlicher ist es, dass er uns im „Absturz des Himmels“ beide Extreme vor Augen führt. Wir lernen den sehr von sich überzeugten jugendlichen Gipfelstürmer Edward Whymper kennen, der nur ein Ziel kennt: Rauf aufs Matterhorn. Als Erster. Koste es, was es wolle. Unzählige seiner Versuche scheiterten. Von allen Seiten hatte er sich dem Matterhorn genähert. Mit wahren Engelszungen hatte er so oft versucht, die fähigsten Bergführer zu engagieren, die ihm den Weg weisen sollten.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Whymper selbst wollte dabei jedoch im Mittelpunkt stehen. Bergführer waren für ihn Mittel zum Zweck. Keinesfalls sollte auch nur ein kleines Quäntchen Ruhm auf sie abfärben. Whymper war ein absoluter Egozentriker, wenn es darum ging, seine Ziele zu erreichen. Nur ein einziges Ziel blieb ihm dauerhaft verwehrt. Den besten Bergführer zu engagieren. Jean-Antoine Carrel galt zur damaligen Zeit als der fähigste Führer, wenn es darum ging, das Matterhorn zu bezwingen.

Carrel war der komplette menschliche Gegenentwurf zum Edward Whymper. Er fühlte die Verantwortung. Er entschied selbständig für die ihm anvertraute Seilschaft. Er ging keine Risiken ein, die nicht zu verantworten waren. Carrel war das, was man als den echten Prototypen des verantwortungsvollen Expeditionsleiters bezeichnen kann. Lieber scheitern, als auch nur einen Mann verlieren. Das war sein Mantra. Und deshalb kamen Whymper und Carrel niemals zusammen, wenn es darum ging, den Gipfelsturm zu wagen.

Als Edward Whymper erfährt, dass Jean-Antoine Carrel im Auftrag italienischer Alpinisten eine Seilschaft aufs Matterhorn führt, wird aus der Erstbesteigung des Matterhorns ein wahres Wettrennen auf den Gipfel. Nur hat Carrel keine Ahnung, was Whymper plant. Als sich die Italiener dem höchsten Punkt des Berges langsam nähern hören sie schon die Sieger über ihnen feiern. Whymper steht auf dem Gipfel, winkt ihnen überlegen zu und krönt seinen Erfolg dadurch, dass er Steine nach unten wirft. Er hatte es tatsächlich geschafft, mit einer zufällig zusammengewürfelten Seilschaft den Berg zu besiegen. Er war der Erste!

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Reinhold Messner holt weit aus, um diese Leistung greifbar zu machen. Er besteigt das Matterhorn mit zwei Seilschaften. Er ist bei Whymper und seiner Zufalls-Truppe und er klettert mit Carrel. Bedächtig und langsam, bestens ausgerüstet. Messner lässt die Faszination eines solchen Unternehmens spürbar werden und doch lässt er auch keinen Zweifel daran, mit wem wir lieber unterwegs wären. Und die Geschichte bestätigt die Bedenken der Leser. Whympers Seilschaft stürzt beim Abstieg ab. Das Seil reißt. Nur er selbst und zwei seiner Bergführer überleben durch einen Zufall.

Ein Desaster. Eine Katastrophe. Aus der Erstbesteigung wird eine Niederlage und die Weltpresse beginnt Whymper zu zerreißen. Aber ebenso wenig, wie er den Ruhm teilen wollte, ist er nun bereit Verantwortung zu übernehmen und scheut keine Verleumdung, die überlebenden Bergführer zu diskreditieren. Whymper bleibt der Egozentriker, den man kannte. Carrel war und blieb der heimliche Held von der anderen Seite, der jedoch in Vergessenheit geriet, weil Verantwortung vom schnellen Ruhm überflügelt wurde.

Reinhold Messner erklärt die wahren Gründe für den tragischen Absturz. Er zitiert aus Whympers Quellen und analysiert scharf, welche Fehler gemacht wurden. Und dabei beleuchtet er die menschliche Seite hinter dem Drama mehr als genau. Whymper als geschlagener Sieger und Carrel als besiegter moralischer Gewinner. Die Lehren darf man selbst ziehen. Auch dafür lässt Reinhold Messner Raum. Es ist ein schmaler Grat den er beschreibt – nicht nur für uns Leser. Auch für ihn selbst scheint dieses Buch eine Aufarbeitung zum Thema Verantwortung zu sein.

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Absturz des Himmels von Reinhold Messner

Denn Messner ist in völliger Empathie mit den beiden Menschen verbunden, die er beschreibt. Er selbst war David Whymper, als er bei der Erstbesteigung des Nanga Parbat einen Alleingang wagte, den man ihm bis heute vorwirft. Er selbst war Jean-Antoine Carrel, als er seinen Bruder, der ihm überraschend folgte, zu retten versuchte. Er selbst war wie David Whymper, als er nach dem Absturz seines Bruders am Nanga Parbat von der internationalen Presse wie eine Sau durch die Bergwelt getrieben wurde. Er selbst ist wie Jean-Antoine Carrel, weil er den Absturz von Günter niemals verwunden hat. Die Verantwortung wog schwer. Sie wiegt schwer.

Reinhold Messner beschreibt zwei Extreme, die in ihm selbst einen ewigen Kampf zu führen scheinen und die er vielleicht niemals in seiner aktiven Karriere miteinander in Einklang bringen konnte. Vielleicht ist „Absturz des Himmels“ viel mehr als nur ein Buch über die Erstbesteigung des Matterhorns. Vielleicht ist dieses Buch viel mehr als der Versuch, die Begriffe „Verantwortung“ und „Schuld“ am Berg neu zu definieren. Für Reinhold Messner ist es mehr als nur ein Buch. Das macht es so ergreifend greifbar.

Dies ist nicht meine erste Reise auf einen Gipfel. Die Katastrophe am Mount Everest sorgte damals für unglaubliche Schlagzeilen und der Weltbestseller von Jon Krakauer „In eisige Höhen“ galt lange als authentischer Bericht über die Abläufe des Dramas. Wir haben die Bücher all jener Menschen gelesen, die mit Krakauer am Everest waren. Auch hier geht es um Verantwortung und Schuld. Auch hier geht es um Bewältigung. Vielleicht klettern Sie auch in dieser Seilschaft mit. Buchblick und Bergblick in einer Reportage.

Klettern Sie gut.  Schauen Sie doch einfach in der Buchhandlung Calliebe vorbei, wenn sie diese alpine Gratwanderung selbst erlesen wollen. 

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Eine weitere Expedition, die in der Fachwelt für Fürore sorgte. Schlagintweit

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