KAIROS von Jenny Erpenbeck

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

KAIROS“ von Jenny Erpenbeck, erschienen im Penguin Verlag, ist in der Kategorie Belletristik für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man alle Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Bayerischer Buchpreis - Nominiert - Kairos - Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis – Nominiert – Kairos – Jenny Erpenbeck

Ich sollte die Gelegenheit nutzen, um dieses Buch vorzustellen. Nie zuvor war die Gelegenheit günstiger, mich dem Roman von Jenny Erpenbeck zu widmen und, wenn ich diesen günstigen Zeitpunkt verstreichen lasse, werde ich es wohl ewig bereuen. Es ist mir egal, wie viel Zeit gerade verstreicht, während ich lese und schreibe. Jetzt ist der richtige und wertvolle Moment, jetzt muss es geschehen. Jetzt steht alles hinten an. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes „KAIROS“ für „KAIROS„, steht doch dieser religiös- philosophische Begriff aus dem alten Griechenland genau für diesen besten Zeitpunkt, eine Entscheidung zu treffen, die das weitere Leben prägen und beeinflussen wird. Es ist an der Zeit, „KAIROS“ beim Schopf zu fassen und ausführlich vorzustellen. Chronos hin oder her.

Schon im Prolog fällt dieser Roman aus der Zeit. Schon auf den ersten Seiten fühle ich, wie sehr sich Zeitbegriffe voneinander entfernen. Dieser Prolog zeigt Vergängliches und Ewiges, beides Bestimmungsgrößen für den Roman. Hier begegnen wir den letzten Ausläufern eines amourösen Hochdruckgebietes. Sturm zieht auf. Er fragt sie, ob sie zu seiner Beerdigung kommen würde. Sie versichert ihm, dass sie natürlich da sein würde. Sie, das ist die junge Frau. Katharina. Er, der 34 Jahre ältere Mann, von dem sie nicht lassen kann. Hans. Hier, im Prolog endet alles. Vier Monate später ist er tot und sie ist natürlich nicht auf seiner Beerdigung. Hier beginnen unsere Fragen. Hier kommen wir zu dem Moment, an dem zwei große Kartons bei Katharina abgegeben werden. Es ist der Nachlass einer Liebesbeziehung, in den sie hier eintaucht. Jenny Erpenbeck sei Dank, dass wir Katharina begleiten dürfen. In ihren und seinen Erinnerungen.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

„Vor langer Zeit haben die Papiere, die aus seinen Kartons und die aus ihrem Koffer, einen Dialog miteinander geführt. Jetzt führen sie einen Dialog mit der Zeit.“

Es ist ihre Sprache, mit der uns Jenny Erpenbeck zu Gefangenen ihres Romans werden lässt. Es sind der unverbrauchte Tiefgang und die Unschuld der Worte, die uns an der Hand nehmen und in den Sog einer Geschichte entführen, die alles ist, nur nicht unschuldig und unverbraucht. Die Beschreibungen der in Ostberlin geborenen Autorin lassen schon zu einem ganz frühen Zeitpunkt des Lesens darauf schließen, dass mit „KAIROS“ jener Moment gemeint ist, an dem für Katharina und Hans alles beginnt. Es ist der schicksalhafte Moment, der sie zusammenführt. Sie, gerade 19. Er Mitte fünfzig. Sie ungebunden und frei, suchend, forschend, vibrierend. Die Schriftsetzerin. Er, nicht ungebunden, Ehemann, Vater, Schriftsteller, auf fest verlegten Schienen durchs Leben fahrend. Es sind fünf Jahre in Ostberlin, die wir an ihrer Seite verbringen. Es sind jene letzten Jahre der DDR und die ersten beiden eines neuen Landes. 1986 bis 1991. Und alles begann mit „KAIROS„, dem großen zufälligen und wohl doch vorherbestimmtem Moment der ersten Begegnung.

„Und er antwortete ihr: Trinken wir einen Kaffee?
Und sie sagte: Ja. 
Das war alles. Alles war so gekommen, wie es hatte kommen sollen.
An diesem 11. Juli im Jahr 86.“

Was zu Beginn nach Romantik, Liebe auf den ersten Blick und unmöglicher Liebe schmeckt, verkehrt sich schnell ins gefühlte Gegenteil. Jenny Erpenbeck entwickelt ein Szenario, in dem das geschriebene und gesprochene Wort im krassen Gegensatz zum tatsächlich gefühlten Gefühlsleben steht. Es ist nicht leicht, sich hinter die Kulissen der Worte und der Hülsen zu begeben. Es ist ernüchternd, in der Perspektive von Hans zu erkennen, wie sehr er sich selbst im Mittelpunkt stehend sieht, Katharina zu dominieren beginnt und keine Anstalten macht, sich zu ihr zu bekennen. Eine toxische Beziehung, die allerdings nur für Katharina Gift zu sein scheint. Er fühlt sich wohl. Und er begründet alles mit seiner Selbstsicherheit, seinem Standing, seiner Reputation. Er ist Machthaber im Reich der Gefühle.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

„Ohne Ehe wäre ich nicht der, der ich bin.“

Die wohl erniedrigendsten Worte aus seinem Mund. Und Worte, die nicht nur seine junge Geliebte Katharina ertragen muss. Da sind auch noch andere. Im Hintergrund, in seinen Gedanken und seinem Leben. Eine brutale Liebe, die zunehmend brutaler wird. So, wie das Land, in dem die Geschichte spielt, so ist auch die Beziehung nur auf Lug und Trug gebaut. So, wie die DDR im Untergehen begriffen ist, beginnt auch das Leben von Hans und Katharina nach einem Mauerfall zu schreien. Stark konstruiert und doch schwer zu verdauen, weil man an der bodenlosen Naivität der jungen Frau verzweifelt und den Narzissmus des alternden Autors von Seite zu Seite zu hassen beginnt. Keine Seite lädt zur Identifikation ein, kein Protagonist steht mir nah, die Trennung ist so sehr vorprogrammiert, wie das Scheitern der DDR. Ein glückliches Ende? Keine Option.

Jenny Erpenbeck inszeniert den Mauerfall der Kletterei auf der Emotionsfassaden auf hohem Niveau. Der hilflos naiven und in Sachen Gefühl sogar abhängigen jungen Katharina mag man pausenlos zurufen, dass sie sich in Sicherheit bringt und dem alten kalkulierenden und kalt agierenden Schriftsteller möchte man am liebsten ein Bein nach dem anderen stellen. Doch vielleicht ist hier auch nichts so wie es scheint, vielleicht hat das Zwischenspiel auf der Hälfte der Sichtung der beiden Kartons Überraschendes auf Lager. Vielleicht ist der Abgesang auf eine Liebe zugleich der Abgesang auf ein ganzes Land und vielleicht ähneln sich beide zu sehr. Auferstanden aus Ruinen. Diese Melodie und der Text haben wohl ausgedient. Nicht ausgedient hat der Roman, weil man in ihm Spurenelemente von Machtmissbrauch, Betrug, Illoyalität und tiefer Melancholie findet. Vielleicht das einzige Gefühl, das hier oftmals ernst gemeint und gefühlt ist.

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KAIROS von Jenny Erpenbeck

Was als ein Lesen über eine unmögliche Liebe, den zu großen Altersunterschied und den Untergang eines politischen Systems als Rahmenhandlung begann, endet mit der Erkenntnis, dass jeder von uns seine eigenen Kartons mit sich durchs Leben trägt. Sie fühlen sich an, wie Ballast der Seele, sich in sie zu vertiefen mag verletzen und im Endeffekt zerstörerisch wirken. Sie ungeöffnet im Keller zu lassen ist selbstmörderisch. In der Konfrontation liegt der Spiegel unserer Seele verborgen. Seelenverwandtschaft ist ein hochtrabender Begriff. In KAIROS trabt er nicht. Er galoppiert. Sicher ist dieser Roman zeitlos. sicher passt er zu jedem untergehenden System und zu jeder Liebe in den Wirren solcher Zeiten. Vielleicht hat Jenny Erpenbeck einige Triggerpunkte in mir berührt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mit Katharina mit Hans warm werden konnte. Zu extrem waren manche Ausflüge in ihrer Beziehung, zu derb gestaltete sich der Anspruch des Schriftstellers an eine junge Frau. Hier verlor mich dieser Roman oft. Im Rückblick auf die gesamte Geschichte, gelingt es nur wahrer Literatur, in mir diese Reaktionen auszulösen. Das, liebe Jenny Erpenbeck, ist Ihnen gelungen. Chapeau. Ich blieb nicht kalt in und zwischen ihren Zeilen. Das ist unmöglich.

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

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KAIROS von Jenny Erpenbeck

Last but not least: Die GlockenbachWelle goes Buchmesse. Alle Informationen  zu unserem Messeauftritt vom 20. bis 24. Oktober am Bayernstand von XPLR-Media in Bavaria, in Kooperation mit dem Börsenverein des Buchhandels, Landesverband Bayern und der Bayerischen Staatskanzlei erfahren Sie auf unseren Social-Media-Accounts, insbesondere auf Instagram Seiten . Wir sehen uns in Halle 3.1 Stand D 11.

Wir sind besonders stolz, Teil dieser besonderen Überschrift zu sein: Frankfurter Buchmesse: 5 bayerische Erfolgsstories, die Du nicht verpassen darfst. Und ganz nebenbei sind wir für den Bayerischen Buchpreis am Start. Am selben Stand.

Hier werden wir auch Jenny Erpenbeck begegnen. Ihr lest und hört von uns.

GlockenbachWelle - Bayerischer Buchpreis - Frankfurter Buchmesse - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Frankfurter Buchmesse – Das Interview

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

 

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart – Philipp Sarasin

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ von Philipp Sarasin, erschienen im Suhrkamp Verlag, ist in der Kategorie bestes Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Diese Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man #baybuch-Hintergründe, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Wir erwarten gespannt das Ergebnis der öffentlichen Jury-Debatte, in der am 11. November über die Preisträger:innen entschieden wird.

1977 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart - Philipp Sarasin - nominiert - Sachbuch

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart – Philipp Sarasin – nominiert – Sachbuch

Das ist ein spannender Sprung von einem Buch zum anderen. Während ich gerade noch Die Welt neu beginnen durfte und an der Seite von Helge Hesse ein Zeitfenster von genau fünfundzwanzig Jahren erlebte, ist es nun Philipp Sarasin, der sich nur ein einziges Jahr ausgesucht hat, um einen Zeitenwandel zu beschreiben. Hier sind es die Ereignisse und ihre Verzahnung, die sich auf die Gesellschaft auswirken, wie die große Französische Revolution. Hier prallen alte und neue Werte aufeinander. Verknappt auf ein einziges Jahr der unumkehrbaren Umwälzungen, in dem zumindest in Deutschland kein Stein auf dem anderen blieb. Und noch dazu handelt es sich um ein Jahr, das ich selbst als fünfzehnjähriger Gymnasialschüler erlebte. Im Gegensatz zu Helge Hesses Zeitscheibe von 1775 bis 1977 begebe ich mich nun als Zeitzeuge mit Philipp Sarasin zurück in ein Jahr, das ich selbst nie vergessen habe.

Es ist eine kurze Geschichte der Gegenwart, die Philipp Sarasin in 1977 skizziert. Er versucht Muster, Verbindungslinien und Ähnlichkeiten aufzuspüren, die Ereignisse in diesem Jahr miteinander verbinden. Er analysiert, seziert und rekonstruiert. Er scheint, selbst in diesem Buch, lange mit sich zu hadern, ob ein einziges Jahr repräsentativ für seine Methodik sein kann. Dann kommt er in Schwung, dann gelingt ihm eine Struktur, in der man sich zurechtfindet. Ob als Zeitzeuge oder als Spätgeborener. Mir wird sehr klar, dass ich hier Ereignissen und Menschen begegnen werde, die einst meinen Alltag bestimmt haben. Ich werde mit Begriffen konfrontiert, die einen Fünfzehnjährigen sehr bedrückten, beeinflussten und prägten. RAF, Mogadischu, Landshut, GSG-9, Hanns Martin Schleyer, Roter Herbst, Arbeitgeberpräsident. Es waren Wochen intensivster Diskussionen mit Freunden und Eltern. Es waren Monate im Gefühl einer Unsicherheit, wohin das Land driften würde. Terrorismus oder Staatsgewalt? Die Schere öffnete sich gewaltig.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Und genau hier prallen Autor und Leser (also ich) aufeinander. Ich erlebte (wie er) dieses Jahr als Zeitzeuge. Er jedoch schreibt nicht als solcher darüber, sondern begibt sich in die Rolle des Historikers, distanziert sich von Emotionen und Ängsten und lässt dabei doch tiefe Einblicke in sein Seelenleben zu, weil auch er sich nicht ganz von den Erinnerungen dieser Tage befreien kann. Es ist ein facettenreiches Buch, das uns der Professor für neue allgemeine Geschichte in die Hände legt. Ihm gelingt einerseits, in seinem Schreiben keine professorale Distanz aufkommen zu lassen. Ich fühle mich in keiner Weise als Gasthörer seiner Vorlesungen. Leichte Kost jedoch darf man von der Auseinandersetzung Sarasins mit dem Jahr 1977 nicht erwarten. Es ist nicht die reine Atmosphäre, die er zu erklären versucht, es ist nicht der Blick in die Seelenlandschaft der Menschen. No. Sarasin zeigt mir, dass ich als Fünfzehnjähriger die Symptome der Zeit erlebt habe. Von den Ursachen oder dem Verstehen der Zusammenhänge war ich meilenweit entfernt. Andererseits ist es genau das, was mir seither fehlte. Dieser klare Blick auf die Ereignisse hinter den Kulissen, die Zusammenhänge und mehr.

Wie bei Helge Hesse ist es auch hier die Theorie der eher zufälligen Parallelitäten von Ereignissen, die aus ihnen wahre Geschichtsbündel machen, die erst später zu erkennen und zu analysieren sind. Philipp Sarasin hält dagegen:

„Jede Gegenwart ist ein Geflecht solcher Gleichzeitigkeiten und unzähliger, disperater Ereignisse. Dieses Buch widmet sich der Frage, welche
Verbindungen es zwischen ihnen gab, welche Muster und Ähnlichkeiten… sichtbar werden, wenn man den Blick auf (fast) ein Jahr konzentriert.“

Und so erschließt sich schnell, dass es sich hier nicht um einen willkürlichen Mix aus Geschichte und Geschichten handelt. Schon in der reinen Identifizierung als relevantes Ereignis liegt hier der Schlüssel zur Decodierung der im Hintergrund verlaufenden Kette aus Parallelereignissen. Das liest sich zuweilen spannend, zuweilen ist es jedoch auch sehr anstrengend, der Argumentationskette zu folgen, bis man an ihr offensichtlich nicht offensichtliches Ende gelangt. Der neutrale Ausgangspunkt der Betrachtung, sich quasi im Leerlauf in ein bedeutungsschweres Jahr zu begeben, eint den Verfasser mit seinen Lesern. Sarasins Hintergrund jedoch untermauert und verfestigt seine Abschweifungen in Soziologie, Philosophie und Geschichte, nur um die Verbindungen später sichtbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, das in den fünf groß angelegten Kapiteln recht gut gelingt. Zumal er jedem der Kapitel einen großen Geist der Geschichte voranstellt, an dem sich die anderen großen Geister geschieden hatten, und der genau im Jahr 1977 sein Leben ausgehaucht hat. Ironie der Geschichte, könnte man sagen.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

So begeben wir uns jeweils postmortem nach dem Tod von Ernst Bloch, Fannie Lou Hamer, Anaïs Nin, Jacques Prévert und Ludwig Erhard ins Herz des Buches. Philipp Sarasin hat in mir besonders die „Offensive 77“ der RAF in Erinnerung gerufen und in einer bestechend vorgebrachten Argumentation die Entstehungsgeschichte des linken Terrors als logische Reaktion auf eher rechtskonservativ orientierte Leitlinien der politischen Grundordnung in der BRD aufgezeigt. Es gab Vorverurteilungen, es gab nie „mutmaßliche Terroristen“, es existierte keine Unschuldsvermutung, es wurde offen die Todesstrafe für die RAF-Mitglieder gefordert und in der öffentlichen Diskussion war das freie Deutschland auf dem Weg, in eine gefährliche Richtung abzudriften. Dies alles im Zusammenhang logisch verknüpft erlesen zu können, ist erhellend und wichtig zugleich, stehen wir doch immer wieder an den Wendepunkten der Geschichte und urteilen eher voreilig als überlegt. Hinter Mauern verschanzt lässt es sich gut mit Steinen werfen.

Wie Philipp Sarasin seinen „interkontinentalen Bogen“ vom deutschen Terrorismus bis zum Durchbruch der Theorie der allgemeinen Menschenrechte, dem Kampf gegen letzte Bastionen der Sklaverei in den USA, bis hin zum Selbstbild einer Generation im Verbund mit der Entwicklung des ersten Personal-Computers spannt, ist brillant und in jeder Hinsicht erhellend. Ja, dieses Jahr hat Maßstäbe gesetzt. Die Menschen haben demonstriert, terrorisiert, polarisiert. Die Gleichzeitigkeit von gesellschaftlichen Strömen ist kein Zufall. Das sieht nur so aus. Sarasin ist in der Lage das zu belegen und weist in diesem Zusammenhang auch klar darauf hin, wie wir unserer heutigen Zeit kritisch und beobachtend, handelnd und wahrheitssuchend gegenüberstehen können. Viele Bilder sind im Jahr 1977 vom Sockel gestoßen worden. Frauenbilder wurden neu geboren, in Stein gemeißelt wurden sie noch nicht. Emanzipation wurzelt in diesem Jahr. Vielleicht eine der weniger schönen Erkenntnisse des Buches, dass die feministische Wende in vielen Teilen der Gesellschaft noch nicht angekommen ist.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Ich wäre 1977 gerne so weit gewesen, alles zu verstehen, was Philipp Sarasin mir in seinem wegweisenden Buch erläutert. Es war nur schlichtweg nicht möglich, wie es auch nicht möglich ist, das Jahr 2021 schon heute einer solchen vergleichenden und bewertenden Analyse zu unterziehen. Der Autor macht keinen Hehl aus seiner eigenen Subjektivität in der Herangehensweise an dieses Jahr und lässt natürlich auch Kritik an seiner grundlegenden Methodik zu. Er regt dazu an, einen breiten Diskurs zu führen, in Ursachen und Wirkungen zu unterscheiden, der Parallelität der Ereignisse Beachtung zu schenken und sich vor jenen zu hüten, die mit einfachen Wahrheiten polarisieren. In dieser Hinsicht hat 1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart sicher den Preis als klares Frühwarnsystem gegen die Vereinfachung von Perspektiven und Meinungen verdient.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür

Bayerischer Buchpreis 2019 – Am Tag danach

Jetzt ist er schon Geschichte, der Bayerische Buchpreis 2019 und wir waren dabei, als ein Stück Literaturgeschichte geschrieben wurde. Was hat diesen Abend so besonders gemacht? Es ist die Summe der atmosphärischen Einzelfaktoren, die aus einem Event ein Ereignis machen. Eine glänzend aufgelegte Jury. Streitkultur in Reinform. Ein Eklat der ganz besonderen Art. Autoren und Autorinnen, die sich Lob und Kritik stellen, ohne zu wissen, ob ihr Schreiben am Ende mit einem Porzellanlöwen prämiert wird und nicht zuletzt Joachim Meyerhoff, dem der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten verliehen wurde, und der es sich in seiner fulminanten Dankesrede nicht nehmen ließ, dem kurzfristig verhinderten Markus Söder entgegenzuwerfen, dass man sich als Autor natürlich gewünscht hätte, dass der Ehrenpreisverleiher auch anwesend sein sollte. So eloquent und satirisch formuliert, dass unsere Lachmuskeln arg strapaziert wurden.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür – David Wagner

Wie ging man nun mit den Büchern um? Wie hat man sie und ihre Schöpfer bei der offenen Jury-Debatte behandelt? Fair. Zumeist jedenfalls. Natürlich ist es ein Konflikt in Reinkultur, wenn ein Jurymitglied ein Buch einbringt, das im Disput verteidigt werden muss. Wer verliert hier schon gerne? Manchmal schoss man in der Argumentation ein wenig über das Ziel hinaus. Gerade Steffen Kopetzky musste erleben, dass sein Buch „Propaganda“ vom Jury-Mitglied Svenja Flaßpöhler auf flapsige Art und Weise durch den Saal getrieben wurde. Im Großen und Ganzen jedoch verlief die Debatte sachlich und der große Gewinner des Abends zeichnete sich schnell ab. David Wagner hat mit „Der vergessliche Riese“ den Nerv der Jury ebenso getroffen, wie den der Leser. Die Dankesrede von David Wagner war ebenso sympathisch, wie typisch für ihn. „Ich hab` alles vergessen, was ich sagen wollte. Ich sag` nichts weiter! 

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Nominierten – Steffen Kopetzky – Carmen Buttjer – David Wagner

Damit hat sich in der Belletristik der Favorit der Buchpreisblogger durchgesetzt. Sowohl, Evelyn Unterfrauner vom Buch- und Lyfestyleblog Book Broker, Steffi Sack mit ihrem Buchblog Nur Lesen ist schöner und ich waren vom vergesslichen Riesen mehr als überzeugt. Glückwunsch an dieser Stelle. Dass es an diesem Abend jedoch noch zu einem echten Eklat kam, lag nicht an der Jury. Man hatte der Autorin Cornelia Koppetsch, die in der Kategorie Sachbuch für Die Gesellschaft des Zorns nominiert war, im Vorfeld der Preisverleihung geraten, ihr Buch zurückzuziehen. Es wurden erste Vorwürfe laut, dass sie Zitate aus anderen Büchern nicht kenntlich gemacht habe. Sie hat es nicht zurückgezogen. Der Vorwurf eines Plagiats stand im Raum als Juror Knut Cordsen deutlich wurde, das Buch seinerseits aus der Liste der Nominierungen strich und diesen Schritt mit eindeutigen Zitaten aus dem Werk belegte, die sich wortgleich in anderen Publikationen wiederfinden. Er sprach gar von fehlendem Berufsethos. Harter Tobak. Das Buch wird nun einer wissenschaftlich fundierten Prüfung unterzogen. Aber schon jetzt ist zu vermuten, dass Cornelia Koppetsch einen Flächenbrand losgetreten hat, der ihr, dem Verlag und der Buchbranche extrem schadet.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Buchpreisblogger

Soweit ein erstes Fazit. Vieles muss sich setzen. Viele Eindrücke müssen sich erst verfestigen. Es war ein Vergnügen, als einer von drei Buchpreisbloggern berichten und rezensieren zu dürfen. Der Abend der Preisverleihung war grandios, die Gespräche mit Verlagsmenschen, Autoren und Pressevertretern waren schier unerschöpflich. Auf den üblichen Kanälen wie Instagram, Facebook, auf unseren Blogs und in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks dürft ihr gerne ein wenig rumstöbern. Und wer immer noch nach guten Büchern sucht. Hier werdet ihr fündig. Ob David Wagner, Steffen Kopetzky oder Carmen Buttjer. Lesenswert sind sie alle. Und wer sich in der Sachbuchecke nach einem Buchpreisträger umschaut, dem sei Jan-Werner Müller: Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus empfohlen. Der Porzellanlöwe gehört nun ihm.

Mein besonderer Dank an dieser Stelle gilt (und die Damen wissen genau, wen ich meine) Eva und Sonja für die Chance, Steffi und Evelyn für das Teamplay, Luise Behr und Barbara Voit und ganz besonders den Nominierten, die uns vorbehaltlos und offen begegneten. Das Lesen lebt. Der bayerische Porzellanlöwe hat gut gebrüllt. Wir sind schon jetzt gespannt auf das Jahr 2020. Sehr sogar…

Updates zur Situation von Cornelia Koppetsch finden Sie in den Kommentaren.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür – AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

„Oft komme ich mir vor, als wäre ich aus einem Buch gefallen
und könnte nicht zurück. Ich bin plötzlich in einer ganz anderen
Geschichte und weiß nicht, was ich da soll.“

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür – David Wagner

Es ist „Der vergessliche Riese“, der so fühlt und denkt. Er ist Vater, Stiefvater und Großvater. Er war Ehemann zweier bereits verstorbener Frauen. Es ist sein Sohn, der uns vom Riesen erzählt, der seinen Lebensabend an seine fortschreitende Demenz zu verlieren scheint. Es ist der Sohn, der ihn besucht und Veränderungen feststellt, die er nur schwer begreifen kann. Es sind seine Worte, die den vergesslichen Riesen in einer Welt beschreiben, die immer dunkler zu werden scheint.

Früher wusste er alles. Er war der Riese, auf den ich klettern konnte, er war der Größte.

Rechts von mir sitzt mein Vater, und ich nehme seine Hand, die sich nun wieder wie eine Kinderhand anfühlt, dabei war es mal die größte Hand der Welt.

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Der vergessliche Riese von David Wagner

Es ist der Schriftsteller David Wagner, der in seinem aktuellen Roman über einen alternierenden Prozess geistigen Verfalls schreibt und damit zugleich ein weiteres, deutlich autobiografisch geprägtes Kapitel seines Lebens öffnet. Schnell wird klar, dass er nicht über irgendjemanden schreibt. Schnell wird deutlich, dass er selbst in die Rolle des Sohnes und Ich-Erzählers geschlüpft ist und dass der vergessliche Riese niemand anderer ist, als sein eigener Vater. Und doch ist es ein Roman, weil man als Autor bei einer solch persönlichen Geschichte Distanz aufbauen muss, um nicht unterzugehen.

So fühlen sich die von David Wagner brillant und empathisch erzählten Bilder an. Er flieht ins Beobachtbare, bewegt sich auf der Demarkationslinie zwischen Gesundheit und Krankheit und blendet seine Innenansichten aus, um den Vater nicht zur Randfigur zu machen. Es ist diese schonungs- und liebevolle Distanz, die es uns ermöglicht, an der Seite der beiden Männer zu bleiben, ohne in Mitleid zu versinken. Es ist die Distanz, die der Demenz eine literarische Würde verleiht, die den Erkrankten in der Realität vom eigenen Umfeld oftmals genommen wird.

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Der vergessliche Riese von David Wagner

Vom eigenen Gedächtnis im Stich gelassen, droht auch noch die Entmündigung durch Verwandte, Ärzte und Pfleger. Aus Erwachsenen werden Kinder, unmündig in jeder Beziehung, der Fremdbestimmung und Bevormundung ausgesetzt. Pflegefälle in geriatrischen Einrichtungen und im schlimmsten Fall: Abgeschobene und Ausgesetzte. David Wagner verweigert in seinem Roman diesen stereotypen Prozess, indem er dem vergesslichen Riesen helle Momente schenkt und ihn reflektieren lässt. Der alte Mann darf sich in diesem Roman seiner Schwächen bewusst sein. Er darf seine Ängste und Gefühle äußern. Er wird nicht therapiert, ruhiggestellt oder fixiert. Er verliert nicht seine Freiheit. Und doch erfahren wir aus seinem Munde Wahrheiten, die sich im Gedächtnis festbrennen… Bis es vielleicht auch eines Tages… wer weiß…

David Wagner gelingt mit seinem Roman ein glaubwürdiger Grenzübertritt in die Denkwelt eines Alzheimerpatienten. Er entwickelt eine Perspektive, die zeigt, wie ein Mensch im Vergessen sogar vor unliebsamen Erinnerungen geschützt wird. Eine Sicht, die vielleicht schwer nachzuvollziehen ist. Und doch erscheint der vergessliche Riese in seiner Welt seltsam entrückt, befreit vom Alltäglichen und frei von Verpflichtungen. Ein Biotop des Vergessens umgeben von Menschen, die vom Erinnern geplagt sind, damit leben müssen, dass jeder Besuch schnell vergessen ist und Fragen in Endlosschleifen wiederholt werden. Hier verliert nicht der Kranke seine Identität. Es ist das Umfeld, das verblasst. Ein Kreislauf dem sich dieser Roman intensiv widmet.

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

David Wagner beschreibt auch das Skurrile im Katastrophalen. Er lässt Anekdoten zu ohne sie dabei komisch wirken zu lassen. Die Krankheit ist nicht komisch. An keiner Stelle dieses Romans setzt David Wagner seinen vergesslichen Riesen einer Situation aus, die uns zum Lachen bringt. Er erweitert seinen Erzählraum um die Dimension der Patchwork-Familie mit ihren Konflikten, Eifersüchteleien und niemals gestellten Fragen. Der liebevolle Blick des Sohnes auf seinen Vater, der Kampf um Normalität, Ausflüge in die gemeinsame Vergangenheit und verlorene Erinnerungen sind die Konstanten einer Geschichte, die von Variablen lebt. Als die alten Konflikte aufbrechen ist es fast zu spät für eine Bewältigung eines Urschmerzes, der die Beziehung zwischen Vater und Sohn seit Jahren belastet.

Nein, David Wagner hat keinen Bewältigungsroman verfasst. Dieses Buch ist auch kein Ratgeber. Es ist der zutiefst aufrechte Blick in eine Welt, die sich jedem Gesunden weitgehend entzieht und ihn dadurch hilflos macht. Würde. Dies ist die Überschrift, die für diesen Roman steht. Menschen, für die ihre Zeit stehengeblieben ist, sind begleitbar und zugänglich, wenn man seine eigene Zeit anhält. Auch wenn es frustrierend ist, dem Feind des Erinnerns täglich zu begegnen. Wer den Kampf aufgibt, verliert einen Riesen der letztlich nur gegen das Vergessen kämpft. Der letzte Satz dieses Romans bedeutet mir persönlich sehr viel, da er einen Weg weist, dem man sich am Ende zu stellen hat. Ein Ende, das dem vergesslichen Riesen gerecht wird, weil er von jenen in Erinnerung behalten wird, die ihm entgleiten. Ein wahrlich großes Buch.

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Ich begegnete David Wagner auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Spaziergang an seiner Seite und ein Gespräch über sein Buch bedeuten mir viel. Aus gutem Grunde. Ich erzählte ihm, dass auch mein Riese vergesslich wurde. Mein Zugang zum Buch war komplex, weil es mir an Distanz mangelte. Ein gefährliches Lesen, wenn man sich betroffen fühlt. Manches was ich so gerne vergessen hätte, kommt wieder hoch. Vieles, was mein Riese behalten wollte, ging unter. Ein bitteres Pendel. Es schwingt bis heute. Ich hätte nicht so über meinen Vater schreiben können. David Wagner hat mit seinem Riesen gezeigt, wie es vielleicht gegangen wäre. Ein beeindruckender Schriftsteller, der nicht polternd durch diese Welt läuft. Er ist ein Mann der bedachten, unaufgeregten und leisen Töne. Er schreibt präzise, bildhaft, auf den Punkt und man kann ihm leicht folgen auf den Wegen in seinen Erzählräumen. Was er schreibend in mir ausgelöst hat? Man kann das hier lesen, weil sich in dieser Rezension auch etwas verbirgt, über das ich im Leben nicht schreiben wollte. Ist so eine Sache mit der fehlenden Distanz.

David Wagner ist für seinen Roman Der vergessliche Riese für den Bayerischen Buchpreis 2019 nominiert. Neben Steffen Kopetzky für „Propaganda“ und Carmen Buttjer für „Levi“ ist er der Dritte im Bunde der Nominierten. Ich darf den Buchpreis als einer von drei Buchpreisbloggern begleiten. Auf meiner Projektseite kann man gerne nachlesen, was diesen Preis auszeichnet und hier finden Sie auch meine Rezensionen zu den nominierten Büchern. Ich werde natürlich auch von der Preisverleihung am 07. November 2019 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz berichten. Mein Favorit? Ich werde das oft gefragt in diesen Tagen. Wiegesagt. Fehlende Distanz ist so ein Ding. David Wagner hat in mir etwas ausgelöst, was mir verlorengegangen war. Ich würde mich sehr freuen, wenn „Der vergessliche Riese“ unvergesslich würde.

Update 07. November 2019

David Wagner ist Bayerischer Buchpreisträger 2019. Weitere Informationen zur Kür der Gewinner in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz finden sie hier.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Der vergessliche Riese von David Wagner / Rowohlt Verlag / 269 Seiten / 22 Euro

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia – Astrolibrium

Kinderbuch-Update:

Wer neben Entenblau“ als Kinderbuch gerne einen Roman lesen würde, den ich guten Herzens empfehlen kann, dann greifen Sie zu Der vergessliche Riese von David Wagner.  Das gilt auch umgekehrt! Wie man hie unschwer erlesen kann.

LEVI von Carmen Buttjer

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Die Superlative überschlagen sich derzeit gewaltig, wenn von Carmen Buttjer die Rede ist. Es wäre deutlich untertrieben ihren Roman „LEVI“ lediglich als vielbeachtetes Debüt zu sehen. Das bei Galiani Berlin erschienene Buch ist wie eine Blendgranate im undurchschaubaren Dickicht der Neuerscheinungen eingeschlagen und hat sowohl im Feuilleton als auch bei Literaturbloggern Spuren hinterlassen. Den Rezensionen folgten Nominierungen für renommierte Literaturpreise. Beim Harbour Front Literaturfestival ging „LEVI“ in der Kategorie Debütpreis ins Rennen. Erfolglos. Ebenso beim begehrten Aspekte-Literaturpreis. Hier schaffte es Carmen Buttjer auf die Shortlist, wurde aber schon aus dem Rennen genommen, bevor es eigentlich begann. Der Roman habe den Debüt-Statuten des Literaturpreises nicht entsprochen. So die Pressemeldung.

Wo liegt das Problem? Geht die Schere zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Preisverleihung so weit auseinander? Es ist viel mehr die Frage der Kategorisierung dieses Buches. Ein Debüt wird in seinen illustren Kreisen gefeiert. Punkt. Gibt es dann Zweifel, ob es sich wirklich um ein Erstlingswerk handelt, dann feiern die Debüts alleine. Doppelpunkt. Wie hier geschehen. Sie veröffentlichte 2017 unter offenem Pseudonym den autobiografischen Text „Fuchsteufelsstill“ beim Ullstein Verlag. Die Autorin selbst sieht dieses Werk nicht als Roman an. Die Debütanten-Bälle der Buchbranche wollten in geschlossener Gesellschaft gefeiert werden. Ausrufezeichen! Und nun? Sollte man „LEVI“ weiterhin begeistert feiern ohne das Buch formell zu würdigen? Wohl kaum.

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Hier kommt der Bayerische Buchpreis 2019 gerade recht. Keine Auszeichnung für Debütanten. Ein erwachsener und in sich gewachsener Literaturpreis, der sich deutlich von anderen Formaten unterscheidet. Als diesjähriger Buchpreisblogger darf ich das sagen und ich schrieb ausführlich darüber. Die Modalitäten dieser Auszeichnung lassen wenig Spielraum für Ausgrenzung und Statutenverstoß. Hier kann man das lesen. So saß ich also plötzlich vor einem Roman, der gefeiert und verstoßen wurde. So saß ich vor einem Buch, bei dem mir wirklich egal war, ob es ein Erst-, Zweit- oder Drittling war. Ein Roman, der aktuell für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist. Die Shortlist steht. Ich war neugierig auf den Inhalt, wollte die Sprache fühlen und war bereit einzutauchen. Unbefangen und neutral. Einfach voller Hoffnung, auf eine neue literarische Stimme zu stoßen, die etwas zu erzählen und nicht nur zu schreiben hat.

Und das hat Carmen Buttjer. Zweifellos. Wir lernen den erst elfjährigen Levi kennen. Nicht da, wo man für gewöhnlich auf seine Protagonisten stößt. Nein. Ohne Einleitung, ohne Umschweife werden wir Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses. Wir sind Zaungäste bei der Beerdigung von Levis Mutter. Werden eingeblendet in die Denkwelt eines Kindes, das plötzlich erwachsen werden muss. Wir erleben, wie diffus ihm diese Zeremonie vorkommt. Seinem Vater scheint nur der Dress-Code wichtig zu sein. Levi jedoch hat anderes im Sinn. Gegen jede von seinem Vater für diesen Tag aufgestellte Regel stürmt er nach vorne, greift sich die Urne mit der Asche seiner Mutter und macht sich aus dem Staub. Er taucht unter, die Warnungen und Drohungen seines Vaters im Ohr.

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Eine ungewöhnliche Ausgangssituation für einen Roman über Verlust, Trauer und das Zusammenbrechen einer heilen Welt aus der Sicht eines Kindes. Verstörend auch, was wir danach erfahren. Eine gar nicht heile Familie, Streit war an der Tagesordnung, die Beziehung zum Vater eher gestört, die zur Mutter vom Alltag und ihrem Beruf mehr als überlagert. Zeitungsmeldungen berichten von einem Mord an einer Pathologin und einer vermissten Leiche. Levis kindliche Schutzmechanismen greifen und brennen sich beim Leser ein. Fantasien von Tigern und Panthern bewahren ihn vor der Realität. Das Versteck – gewagt. Auf dem Dach des Hauses, in dem auch sein Vater wohnt. Freunde sind Mangelware. Ein geheimnisvoller Nachbar und der Besitzer eines Kiosks nehmen sich des Jungen an. Der Großstadtdschungel Berlin verschluckt ihn mit seiner Urne.

Wer sich auf Levi einlässt, begibt sich auf Augenhöhe mit einem Kind. Man möge nicht erwarten, dass er in der Lage ist, den Gründen für den Mord an seiner Mutter auf die Spur zu kommen. Man möge nicht erwarten, dass hier die Aufklärung eines Mordes im Mittelpunkt steht. Das ist der Auslöser für die nächtliche Flucht in Tagträume und die Verdrängung der Realität. Seine Weggefährten tragen ähnliche Narben, wie der Junge. Sie scheinen ihn besser zu verstehen, als der eigene Vater. Verstörend real. Betörend erzählt. Carmen Buttjer lässt Levi den Entfaltungsspielraum, den er benötigt. Sie gönnt ihm den Spielraum für eigene Erklärungen und Theorien. Und vor allem gönnt sie ihm Zeit mit der Asche seiner Mutter. Ein exklusives Abschiednehmen im Gefühlschaos.

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Levi von Carmen Buttjer

Was den Roman so besonders macht, ist seine bildhafte und poetische Sprache, die sich anfühlt, als würde man die traumatisierte Welt eines Kindes neu entdecken. Es sind Sätze, die sich tief verankern; Worte, die sich festsetzen und es ist eine Stimmung tiefer Melancholie, die uns begleitet. Wir lesen von Menschen auf den Straßen, die sich in der Luft anlehnen und sich bewegen, als wären sie miteinander verbunden. Wir sind mit Levi auf dem Dach des Hauses, liegen im Zelt und vermissen doch nur ein Katapult und die Seilbahn zu anderen Dächern. Wir verzweifeln mit ihm daran, dass Batman viel schneller ist, als Levis Vater, der doch so dringend von ihm benötigt wird. Gotham City ist nicht Berlin und Superhelden sind Mangelware. Wir sehen Levis Finger Wörter in die Nacht schreiben. Wir folgen seinen Bewegungen…

Ich streckte meinen Arm aus dem Fenster und schrieb mit dem Finger Wörter in die Häuser, auf die Blätter und in die Gesichter, strich sie wieder weg und neue darüber…“

Die Flüchtigkeit des Augenblicks wird zum Bild für diesen Roman. Carmen Buttjer ist nicht auf der Suche nach einfachen Lösungen oder Auswegen aus der ausweglosen Situation. Man muss sich in ihrem Erzählfluss treiben lassen. Man muss den Puls Levis fühlen, seine Gefühle nachempfinden und mit ihm auf der Flucht vor menschfressenden Tigern in die Nacht eintauchen. Sie schafft es, uns Levi in die Seele zu schreiben. Wir halten Ausschau nach dem Jungen mit der Urne. Ein dichter Roman in unverbrauchten Bildern. Eine Atmosphäre, die sich über uns senkt, als würde man eine Urne schließen. Und doch lässt die Autorin immer einen kleinen Schlitz frei, durch den man sehen kann. Ein einschneidendes Ereignis wird zum Auslöser für ein einschneidendes Leseerlebnis. Hier zieht etwas Neues durch die Straßen unseres Lesens. Staying in Age ist für mich eine logische Gegenbewegung zum Coming of Age. Lasst die Zeit stehen. Gebt Levi die Chance zu trauern und an Tiger zu glauben. Die Wahrheit würde ihn zerstören. Ich halte die Zeit für ihn an. Gerne.

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Am 7. November wird der diesjährige Bayerische Buchpreis in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen. Kein Debütanten-Ball. Was für große Literaten. Ein echtes Finale. Eine öffentliche Jury-Debatte mit anschließender Krönung des Gewinners / der Gewinnerin. Steffen Kopetzky steht mit „Propaganda“ im Feuer und David Wagner hofft, dass „Der vergessliche Riese“ unvergesslich bleibt. Einzige Frau in ihrer Mitte: Carmen Buttjer, die mit ihrem erst elfjährigen Protagonisten „LEVI“ platznehmen wird. Und nein. Sicher nicht verschämt und zu bescheiden. LEVI braucht kein Debütanten-Kostüm, oder einen Erstlings-Smoking. Er muss nicht aufschauen zu den Großen seiner Zunft. Mit breitem Kreuz und festem Blick kann der junge Urnendieb darauf hoffen, nun auch in den Besitz eines Porzellan-Löwen zu gelangen. Zumindest wäre das nicht verboten. Also, nicht so, wie im Roman.

Sollte man hoch über den Dächern von Berlin nicht nur ein mit roter Plastiktüte beflaggtes Zelt, sondern auch noch einen Weißen Löwen sehen. Hey. Das wäre nicht so ungewöhnlich. Carmen Buttjer hätte lediglich LEVI`s Traum-Wegbegleitern Tiger und Panther den entsprechenden Artgenossen mitgebracht. Ich würde es ihr gönnen…

LEVI-Autorin Carmen Buttjer - Die Begegnung - AstroLibrium

LEVI-Autorin Carmen Buttjer – Die Begegnung

Mein Gespräch mit Carmen Buttjer auf der Frankfurter Buchmesse gehört zu den absoluten Highlights dieses Literaturfestes. Ich wollte der Schriftstellerin begegnen, die mein Lesen mit so vielen unverbrauchten Wortbildern bereichert hat. Wen ich traf? Eine junge Frau, die in sich ruhend, völlig authentisch und offen über ihr Schreiben und ihren Roman sprach. Ein Messespaziergang und eine entspannte Unterhaltung auf der Terrasse vor Halle 3.1, zahllose Menschen am Messesamstag und die mir gut vertraute literarische Käseglocke, die sich über uns senkte, um auszublenden, was störend wäre. Und dann die Erkenntnis, dass Carmen Buttjer so spricht, wie sie schreibt. Voller Tiefe und Emotion, mal zaghaft, mal bestimmt. Überlegt und doch spontan. Alles geprägt von einer unterschwelligen Fröhlichkeit, die ansteckend wirkt.

Ja, es gab mehrere Fassungen von Levi. Die Entscheidung, ihren Roman bei Galiani zu veröffentlichen ist dem guten Gefühl der Autorin im ersten Kontakt mit dem Lektor zu verdanken, der genau den Nerv traf, den es zu treffen galt: Jene Passagen im Text, die verfeinert werden sollten. Nein, beim Schreiben muss sie alleine sein, weil Dialoge und ganze Passagen von der Autorin laut gesprochen und aufgezeichnet werden. Dass sie dabei den richtigen Ton trifft, spürt man im Roman. Und ja, man fühlt das sympathische Understatement, mit dem sie über David Wagner und Steffen Kopetzky spricht. Beide mit so viel Erfahrung ausgestattet und für große Romane nominiert. Und doch blitzt der Stolz über LEVI aus ihren Augen. Ein Wiedersehen in München bei der Preisverleihung des Bayerischen Buchpreises am 07. November steht fest. Ende offen. Wir sind sehr gespannt.

Ich berichte natürlich von der Verleihung. Bald geht´s hier weiter.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher