„In Schnee und Eis“ von Rudi Palla [Eine Expedition]

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Doch wer schreibt in diesem Themenfeld schon vom Versagen? Wer widmet seine Recherchen den sogenannten ewigen Zweiten in der Geschichte der Reisen zu bislang unerforschten Hotspots unseres Planeten? Wen interessiert der zweite Mann, auf dem Mount Everest? Wer liest über die zweite Reise nach Amerika und wer reibt sich heute noch neugierig die Augen angesichts gescheiterter Expeditionen zum Nordpol. Hier gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern. Eine erfolgreiche Expedition ist eine Sensation. Punkt. Der Zweite ist schon der erste Verlierer. Siehe Charles Darwin und seinen vergessenen Vorläufer Alfred Russel Wallace, von dem hier bald noch die Rede sein wird.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Also. Wer traut es sich, über das Scheitern zu schreiben? Die Antwort ist einfach. Rudi Palla! Sein bei Galiani erschienenes Buch thematisiert die Blütezeit der großen Expeditionen und Entdeckungsreisen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts existieren noch ausreichend viele weiße Flecken auf der Erdkugel, die es zu entdecken gilt. Darwin hat ausgedient und wird von seinem Ruhm an weiteren Reisen gehindert. Die Briten haben alle Fühler in die ganze Welt ausgestreckt um im Namen von Royal Societies oder der Ostindien-Kompanie zu erobern, was zu erobern ist. Geld spielt kaum eine Rolle. Hier gilt es nur der Erste zu sein und mit prall gefüllten Kisten voller Exponate nach Hause in die gute alte Welt zu finden. Hier legt der österreichische Schriftsteller Rudi Palla seine Finger in die Wunde des Vergessens. Und das sehr, sehr tief.

In Schnee und Eis – Die Himalaja-Expedition der Brüder Schlagintweitheißt sein neuestes Werk. Und ja, richtig gelesen: Schlagintweit. Nie gehört? Keine Sorge. Das ist nicht wirklich schlimm, denn Rudi Palla hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns genau zu erklären, worin dieses Vergessen begründet ist. Münchener Brüder auf dem Weg zum ganz großen Ruhm. Vorschusslorbeeren ohne Ende, ein paar erfolgreiche Alpentouren und ein guter Draht zu Charles Darwin. Das sollte reichen, um die Fachwelt in Staunen zu versetzen und Finanziers für ganz große Expeditionen aufzutreiben. Wäre nicht das wirklich große Problem im Weg gewesen, dass sie keine Engländer waren, vieles wäre sicher ganz anders verlaufen. Aber junge deutsche Entdecker auf dem Spielfeld eines rein britischen Wettlaufs zu den jungfräulichen Flecken dieser Erde? Fast ein Sakrileg.

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Rudi Palla holt weit aus, um uns an Bord seiner Entdeckungsreise zu holen. Sein Ziel ist es nicht nur, uns aufzuzeigen, was es zu entdecken galt, sondern auch erfahren zu lassen, was es bedeutete, mit nur rudimentär tauglicher Ausrüstung und ohne große Hilfsmittel quer durch die unbekannte Welt zu reisen, um sie zu vermessen, zu wiegen, zu kartographieren und herauszufinden, wie sich das Klima und die Lage auf Flora und Fauna auswirken. Ein Vorstoß ins Unbekannte. Krankheiten, gefährliche Tiere, Völker, deren soziopolitische und kulturelle Eigenarten den Forschern unbekannt waren, waren die großen Risikofaktoren, an denen man scheitern konnte. Und nun machen sich drei Jungs aus Bayern auf den Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya (ich mag das Y im Wort), auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele weitere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. So dachten sie.

„In Schnee und Eis“ ist in vielfacher Hinsicht ebenso abenteuerlich verfasst, wie das Thema, das beschrieben wird. Man friert beim Lesen, verdurstet fast, schwitzt und zittert zugleich, wird von Malaria und Mücken geplagt und beginnt sich vor Geräuschen zu fürchten, die man nicht kennt. Verzweifelt geht man täglich die Vorräte durch, die im Stile einer Handelskarawane durch die fremden Länder getragen werden. Nur nicht ein einziges Detail vergessen. Dieses Gefühl vermittelt der versierte Bergsteiger Palla und man merkt schnell, dass er genau weiß wovon er schreibt. Da steckt schon eine große Portion Fabulierkunst in und zwischen den Zeilen. Gepaart mit ganz großer Sehnsucht. Da steckt schon ganz viel Reinhold Messner drin, was die Detailverliebtheit und die in jeder Hinsicht spürbare Begeisterung für die Zeit der großen Entdeckungen betrifft.

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Rudi Palla bringt uns die drei Schlagintweit-Brüder näher. Hermann, Robert und Alfons. Er beschreibt ihre Passion, ihre Fähigkeiten, ihre körperliche Konstitution und den unbändigen Willen, berühmt zu werden. Hier werden wir zum Teil einer Expedition, von der man heute kaum noch etwas weiß. Auch hier ist der Autor in seiner Recherche umfassend auskunftsfähig. Er glorifiziert nicht, sondern zeigt klar die Schwächen dieser Entdecker auf, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass sie nur als Karikaturen einer eigentlich gut durchdachten Entdeckungsreise wahrgenommen werden. Als „Gebrüder Schnabelweit“ werden sie satirisch verballhornt. Sie sind Geltungssüchtig und gehen sprichwörtlich über Leichen, wenn es gilt, Exponate zu sammeln. Da werden selbst vor kurzem Gehenkte vom Galgen genommen, um ein einheimisches Skelett in die Hände zu bekommen.

Aber dies sind nicht alle Gründe, die zum großen Scheitern führten. Sie haben auf ihren Reisen unbestreitbar große Erfolge erzielt, haben vermessen, gemessen und mit großer Akribie gesammelt, was ihnen in die Hände fiel. Letztlich jedoch erklärt uns Rudi Palla, was Entdecker wirklich beherzigen sollten. Hier wird aus dem Buch ein wichtiger wissenschaftlicher Ratgeber für die eigenen Vorhaben und Pläne. In der Konzentration auf das Wesentliche liegt der Zauber des Erfolges verborgen. Die Gefahr, in der Masse gesammelter Exponate zu versinken, sich in seinen vielfältigen Zielen zu verzetteln und in jeder Beziehung den Überblick zu verlieren, ist allgegenwärtig. Hier liegt die Ursache des Versagens begründet.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Wer die Leistungen der drei Schlagintweit-Brüder vor diesem sehr differenzierten Hintergrund gewürdigt sehen möchte, für den ist dieses Buch unverzichtbar. Hier ist ein Grundstein für das Verständnis des damaligen Runs auf die Hotspots der fremden Welt gelegt. Hier wird veranschaulicht, was erfolgreiche Expeditionen ausmacht und wir sind trotzdem am Ende des Buches in der Lage, den Kern der Leistungen dieser jungen Männer zu erkennen. „In Schnee und Eis“ sollte man im Rucksack haben, wenn man den Gedanken an eigene Abenteuer hegt. Man sollte dieses Buch lesen, um nicht den Kopf zu verlieren, weil man geopolitischen Strömungen zu optimistisch gegenübersteht, und wie Alfons Schlagintweit zu enden.

Nicht zuletzt schließt dieses Buch viele Kreise zu den Berichten der Erfolgreichen und großen ihres Metiers. Man erkennt, dass es oftmals nur am Quäntchen Glück und der Portion Fügung liegt, ob man in die Geschichte eingeht, oder vergessen wird. Hier setzt mein weiteres Lesen an. Charles Darwin wird erneut eine wichtige Rolle spielen. Hat er die Ziellinie des großen Entdeckers der Evolutionstheorie als Erster überschritten oder war es ein ganz anderer Forscher? Wie konnte es passieren, dass Alfred Russel Wallace deutlich früher startete und doch nur als Zweiter in die Geschichte einging? Es bleibt spannend, mit mir die großen Entdeckungen zu erlesen und zu erhören. Folgt mir einfach. Und vertraut meinen Reiseführern…

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen – Eine Artikelserie bei AstroLibrium… Seilschaft gerne gesehen.

(In Schnee und Eis – Rudi Palla – Galiani Verlag Berlin – 192 Seiten – 16,99 Euro)

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3 Gedanken zu „„In Schnee und Eis“ von Rudi Palla [Eine Expedition]

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