Der Wintersoldat von Daniel Mason [Galizien 1915]

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason. Der Erste Weltkrieg. Ein Behelfslazarett in Galizien. Ein Medizinstudent, der sein Studium früher beenden darf, um als vollwertiger Arzt an der Front Leben zu retten. Ein diffuser Kriegsverlauf; eine einsame Kirche; eine Ordensschwester, die sich hier gänzlich auf sich gestellt um die Verwundeten kümmert und ebenjener „Halbarzt“, der in der Hoffnung lebt, von erfahrenen Kriegschirurgen viel lernen zu können. Doch schon seine Ankunft in den verschneiten Karpaten steht unter keinem guten Stern. Lucius Krzelewski erreicht seine Wirkungsstätte mit gebrochener Hand, völlig unterkühlt und verunsichert. Seine Frage nach dem leitenden Arzt wird von Schwester Margarete freundlich aber bestimmt beantwortet:

„Der Doktor? Haben Sie nicht gerade gesagt, das sind Sie?“

Diese Ausgangssituation verbirgt so viele Schlagworte, dass es mir unmöglich war, dieses Buch nicht zu lesen. Und genau an dieser Stelle möchte ich meinen Zugang zu diesem Roman voranstellen. Warum entscheidet man sich für ein Buch? Was ist dafür verantwortlich, dass man sich magisch zu einer Geschichte hingezogen fühlt? Was ist der Grund dafür, dass man eine Erzählung vielleicht anders liest und rezensiert, als die Mehrzahl der Leser dieses Romans. Ich finde, es ist wichtig, dies vorab zu erklären und zu verraten, welche Begriffe mich schon vor dem Lesen getriggert haben. Alles begann 1915. Ein 18jähriger junger Mann wird von heute auf morgen Soldat und findet sich, für Deutschland und den Kaiser kämpfend, schwer verletzt in einem Behelfslazarett im tief verschneiten Galizien wieder.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein Granatsplitter im Knie und ein Munddurchschuss, der ihn verstummen ließ. So lag er sprachlos und auf die Amputation wartend im verlausten Krankenbett. Er schrieb auf eine Schiefertafel: „Lieber tot, als mit einem Bein zur Mutter zurück.“ Man verzichtet darauf, das Bein abzunehmen. Man füttert ihn, versucht, die Gesichtsverletzung in den Griff zu bekommen, kämpft gegen Fieber und Entzündungen an und er muss hilflos mit ansehen, wie das Lazarett mehrfach überrannt wird. Da er nicht reden und gehen kann, wird auch er überrannt. Deutsche und verbündete Österreicher pflegen ihn, aber auch Russen, für die er nicht als Feind zu erkennen ist. Zuletzt kommt er auf zwei Beinen im heimatlichen Trier an. Am Ende einer Odyssee. Leicht hinkend bis an sein Lebensende und im Gesicht gezeichnet. Immerhin lebendig. Schweigend. Schwer traumatisiert. Und doch in der Lage, eine Familie zu gründen. Meine Familie. Mein Großvater reichte den Granatsplitter und einiges mehr an mich weiter. Wäre er damals im Lazarett gestorben, es gäbe diese Zeilen nicht.

Und nun ein Roman. „Der Wintersoldat“. Galizien. Die Karpaten. Ein Lazarett der KuK-Monarchie. Ein österreichischer Arzt, verzweifelte Zustände. Läuse, Typhus und Amputationen am Fließband. Rudimentäre medizinische Versorgung und Verwundete, deren Schicksal täglich am seidenen Faden hing. Hier könnte er gelegen haben. Dieser Gedanke war nicht mehr von meinem Lesen zu trennen, als ich mit Lucius und seiner Krankenschwester Margarete durch die Reihen der Verletzten schritt, um ihr Leben zu retten. Hier könnte er ein kleines Mosaiksteinchen gewesen sein. Unbedeutend und nur eine Zahl in der Liste der Gefallenen. Hier hätte auch meine Geschichte enden können, bevor sie eigentlich begann. Ich denke, hier wird deutlich, dass „Der Wintersoldat“ für mich kein Buch wie jedes andere ist. Und es auch niemals sein wird.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein außerordentlich scharfes Gespür für das Verborgene“ attestieren seine Lehrer dem jungen Medizinstudenten Lucius. Auf der Suche nach dem Unbekannten führt ihn sein Studium nah an die verborgenen Prozesse im Gehirn und an Störungen heran, die in der damaligen Zeit nicht therapierbar waren. Er brennt für sein Studium. Im Lazarett jedoch muss er sich der Erfahrung der Nonne Margarete unterwerfen. Sie hat alles im Griff. Sie hat Routine und sie hat die fehlenden Ärzte kompensiert. Amputationen hatte sie mehr durchgeführt, als er jemals auch nur in die Nähe von Patienten kam. Sie zeigt ihm, worauf es ankommt, steckt ihn mit ihrer selbstlosen Leidenschaft an und lässt ihn dabei nicht wie einen Anfänger aussehen. Ihre Loyalität ist signifikant für ihr Wesen. 

Daniel Mason versetzt uns schlagartig in das Szenario eines Lazaretts, in dem es an allem mangelt. Seine Beschreibungen sind verstörend präzise. Es ist der verzweifelt geführte Kampf gegen Läuse, der uns auch lesend dazu bringt, uns zu kratzen. Es sind Fieberschübe und Todesängste, die uns beschleichen; es ist Trauer, der wir nicht mehr entrinnen können und es ist die Hilflosigkeit jener Helfer, die wir nachvollziehen können, wenn wir mit ihnen am OP-Tisch stehen. Mason schildert alle Facetten von Verletzung und Traumatisierung, die einen Kampf so hoffnungslos erscheinen lassen. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Empathie angesichts des Grauens wirkt wie die unsichtbare Klammer, die alles zusammenhält. Die Frustration über diejenigen, die das Lazarett heimsuchen, um frontfähige Soldaten zu rekrutieren, macht sprachlos.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es verwundert nicht, dass der ins kalte Wasser geworfene Arzt und die erfahrene Krankenschwester sich in diesem Chaos menschlich nähern. Ihre Beziehung stößt mit jedem Gedanken an neue Grenzen. Und doch verlieren sie sich ineinander. Nonne und Arzt. Hier an der eisigen Front. In der Einsamkeit einer chaotischen Insel verletzter Körper und Seelen. Als „Der Wintersoldat“ eingeliefert wird, ändert sich alles. Es sind psychische Schäden, die ihn fast lähmen. Das Kriegszittern, die Panikattacken, die nun um sich greifen, sind kaum zu beherrschen. Dazu kommt noch die Befürchtung, dass er als Simulant und Deserteur verurteilt und erneut ins Gefecht geworfen wird. Margarete und Lucius beschließen, diese arme Seele zu retten. Ein Plan, der zum Fiasko wird.

Eine verbotene Liebe in unmöglichen Zeiten verleiht dem Roman eine emotionale Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Die individuellen Schicksale der Soldaten lassen keinen Spielraum für ruhige Lesephasen. Die Zustände im Lazarett verstören im wahrsten Sinne des Wortes. Und doch legt Simon Mason einen unaufgeregt verfassten und ruhigen Roman vor. Sein Kraft strahlt von innen heraus. Die Wucht der Geschichte entfaltet sich im Leser. Ein Pageturner ohne künstlichen Brandbeschleuniger. Der Krieg trennt zwei Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diesem Chaos füreinander bestimmt zu sein scheinen. Lucius` Suche nach Margarete wird zur Odyssee durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Mitfiebern garantiert…

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Es waren solche Ärzte und Krankenschwestern, die meinen Großvater retteten. Es waren solche Menschen, die bei ihm eine Ausnahme machten, die riskieren mussten, aus ihm einen Drückeberger zu machen, denn das Ziel der Kriegschirurgie lautete nur, den Verletzten so schnell wie möglich und wie auch immer erneut an die Front bringen zu können. Es waren solche Menschen, die ihm beistanden, als er selbst rettungslos in Schweigen und Schmerz versank. Es waren solche Menschen, die mich ermöglichten. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber so. Und vielleicht findet sich ja genau hier einer der wesentlichsten Gründe für meine persönliche Berufswahl. Warum sonst sollte ich mich genau dort wiederfinden, wo „Der Wintersoldat“ auch heute noch jederzeit eingeliefert werden könnte? Danke fürs Lesen.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason / C.H. Beck Verlag / dt. von Sky Nonnhoff und Judith Schwaab / gebunden / 430 Seiten / 1 Karte / 24 Euro

Meinem Großvater liebevoll zugeeignet. Johann Josef Jager (1897 – 1991).

Winterbienen von Norbert Scheuer – Ein Durchbruch

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Es ist, als würde eine der wichtigsten Erzählquellen der Eifel über die Ufer treten. Es ist, als würde sich der Erzählfluss eines Heimatschriftstellers mit den Erzählströmen der bedeutenden Autoren unseres Landes vereinen und einen Stausee füllen, aus dem wir unendlich schöpfen können. Es fühlt sich an wie ein Naturereignis, da der Eifelfluss nicht in diesen Erzählfluten unterzugehen droht, sondern unverwechselbare und extrem nachhaltige Spuren im großen Literatur-Meer hinterlässt. Es ist wie die Neugeburt einer Stimme, der man zuvor vielleicht eher regionale Relevanz beigemessen hat. Die Rede ist hier von Norbert Scheuer, der mit seinen bisherigen Romanen einen authentischen und emotionalen Blick auf seine Heimat, die Eifel, gerichtet hat.

Kall – Eifel“ und „Am Grund des Universums“. Zwei Romane, die den Menschen der ländlichen Region huldigen. Geschichten über Heimkehren, Bleiben und die Sehnsucht nach dem einen Ort, mit dem man alles verbindet. Es sind Erzählungen, in denen sich Norbert Scheuer durch die Sedimentschichten seiner Heimat gräbt, den Menschen, die ihm täglich begegnen ein literarisches Gesicht und Identität verleiht. Romane, die nicht nur in der Eifel gelesen werden. Scheuer lässt seine traumatisierten Protagonisten aus Afghanistan in die Heimat zurückkehren. Er lässt uns aus ihrer Perspektive beobachten und agieren. Er errichtet neue Gebäude auf den Ruinen der Vergangenheit, lässt einen Stausee trockenlegen, um aus den Fundstücken Geschichten zu erzählen. Scheuer ist ganz nah am Puls der Menschen, denen er aus der Seele zu schreiben scheint.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Und doch hängt seinen Werken das Regionale an. Das Lokalkolorit und der typische Menschenschlag, sowie die Themen, denen er sich widmete mögen Gründe dafür sein, dass er nicht so wahrgenommen wurde, wie ihn Literatur-Insider schon immer gesehen haben. Als ganz großen Erzähler. Ich bin selbst ein Kind der Eifel. Ich bin vom Schlage dieser Menschen. Ich bin typisch und doch bin ich gegangen. Seine Romane waren für mich, wie die Rückkehr nach Hause. Hoffend, man möge im Stausee Dinge finden, die mit mir in Verbindung stehen. Hoffend, mein Heimatgefühl zu reanimieren. Jetzt hat der (vielleicht unterschätzte) Heimatschriftsteller (und ich meine das nicht despektierlich) in seinem neuen Buch ein Kapitel seines Schaffens aufgeschlagen, das ihn stilistisch und inhaltlich in eine neue Dimension vorstoßen lässt.

Winterbienen“ von Norbert Scheuer – C.H. Beck Verlag

Ja, er beheimatet seine Geschichte in der Eifel. Ja, es ist erneut das Dörfchen Kall, das im Mittelpunkt seines Romans steht. Und ja, es sind diese so typischen, aber nicht stereotypen Menschen, die den Landstrich mit Leben füllen. Diesmal jedoch öffnet sich der Mikrokosmos Eifel und wird vom großen Weltgeschehen vereinnahmt, vergewaltigt und vernichtet. Wir erleben Kall im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. 1944. Eine eigentlich ländliche Idylle, in der sich die Nazi-Ideologie ebenso ausgebreitet hat, wie in ganz Deutschland. Eine Idylle, in der die Zeit stehenzubleiben scheint. Und doch rückt die Eifel ins Zentrum der alliierten Aufmarschpläne zur Eroberung des Dritten Reichs.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Schlagworte wie Ardennenoffensive, Allerseelenschlacht und Hürtgenwald sind bis heute unvergessen. Überschriften über einem Kapitel im Leben der Menschen in Kall, die zu Beginn dieses Jahres 1944 noch nicht getextet waren, ihre Spuren jedoch in Form alliierter Bomberverbände in den Nachthimmel schrieben. Hier treffen wir auf den Imker Egidius Arimond. Auch ihn hebt Norbert Scheuer aus der Bedeutungslosigkeit eines kleinen regionalen Charakters hinaus, indem er das Drama der Nazi-Ideologie in seiner Existenz spiegelt. Epileptiker, Fluchthelfer für jüdische Emigranten auf dem Weg nach Belgien und leidenschaftlicher Bienenzüchter. Überschriften über einem Leben, in dem nichts so ist, wie es sein sollte.

Als Epileptiker aussortiert, weil er das unwerte Leben repräsentiert, während andere im Krieg ihren Mann stehen. Als Fluchthelfer unverzichtbares Bindeglied auf der letzten Route ins vermeintlich sichere Belgien und als Bienenzüchter auf der Suche nach dem einen widerstandsfähigen Volk, das sein Überleben sichert. Flüchtlinge verbirgt Egidius in präparierten Bienenstöcken. Sein Wissen rettet Leben. Für sich selbst kann er kaum etwas tun. Medikamente: Fehlanzeige. Unterstützung: Fehlanzeige. Und jeder Tag, den der Krieg länger dauert, reduziert seine Hoffnung. Ein einfacher Mensch. Ein typischer und sich doch von der Masse der Mitläufer so sehr unterscheidender Mensch. Ein ganz großer literarischer Wurf, weil alle Erzählräume des Romans hier ihren Ursprung finden.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Während sich die Weltgeschichte der Eifel nähert, während D-Day und das Attentat auf Jupp (so Hitlers Spitzname in der Eifel) vom 20. Juli 1944 nur aus der Ferne in das Bewusstsein der Menschen rauschen, zieht sich die Schlinge um Egidius immer enger zusammen. Verrat, Denunziation, Bombenangriffe, Minenfelder, das letzte Aufgebot der Wehrmacht und zurückkehrende verwundete Soldarten, die ihn beneiden, stellen seine Existenz unter Vorbehalt. Dazu noch die häufiger auftretenden epileptischen Anfälle. In kaum einem Roman wird ein gefährdetes Biotop so spürbar vom situativen Rahmen der Zeit aufgesaugt. Hier schreibt sich Norbert Scheuer auf eine metaphorische Ebene und öffnet die Szenerie für die großen Widersprüchlichkeiten des Lebens. Während Bienen gehegt und gepflegt, gezüchtet und umgesiedelt, zu Völkern vereint werden und Honig geerntet wird, kommen wir Leser aus dem Staunen nicht heraus.

Das Opfer der nationalsozialistischen Reinrassigkeit, derjenige, der sieht, wie man Völker untergehen lässt und vernichtet, der Ausgegrenzten zur Hilfe eilt, sucht nach der perfekten und überlebensfähigen Bienenrasse. Er sortiert aus, selektiert, siedelt Völker um, erweitert ihren Lebensraum, beobachtet und fördert Königinnenmord, er notiert die Fortschritte akribisch, erntet, entsorgt nutzlose Drohnen und Arbeiterinnen, während er mit Abscheu beobachtet, wie man Zwangsarbeiter prügelt. Die Widersprüchlichkeit der Rassetheorien wird greifbar. Die Perversion der Nazis tritt im langsamen Erzählfluss in immer erschreckenderen Bildern zutage. Norbert Scheuers Sprache erhebt sich über den Schrecken der Zeit. Wenn er von Nazi-Goldfasanen spricht, wird er zum literarisch brillanten Widerstandskämpfer. Wenn er von Bienen spricht, dann macht er Forschern Konkurrenz:

„Sie bilden in den ersten frostigen Nächten eine Traube,
in der sie sich gegenseitig wärmen… wenn man ihnen zusieht,
ist es, als blicke man in ein träumendes Gehirn.“

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Winterbienen von Norbert Scheuer

„Winterbienen“ ist ein großer Roman. Er vereint Erzählräume aus „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde mit den Perspektiven der Widerstandskämpfer in unserer Literaturgeschichte. Fallada lässt grüßen. Wir leben, leiden und lieben mit Egidius. Wir begleiten ihn, wohlwissend, was sich von allen Seiten über ihn ergießen wird. Wir sind an seiner Seite, wenn er Leben rettet und Bienenvölker selektiert. Wir stehen zu ihm in allen Situationen, in denen er uns ängstlich, mutig, zögernd und forsch vorausgeht. Die Epilepsie als tickende Zeitbombe im eigenen Körper, britische Bomber über sich, Nazis im Rücken und die Wunderwaffe des Dritten Reichs, V2-Raketen, als Schreckgespenst eines andauernden Krieges im Auge. Dieser Roman ist relevant, er ist brillant erzählt, in seiner Konstruktion unantastbar und gnadenlos zu Ende gedacht.

„Winterbienen“ schließt Kreise im Schreiben von Norbert Scheuer. Das Nachwort ist eine Offenbarung. Der Stausee bei Kall verschluckt am Ende Gegenstände, die erst Jahrzehnte später „Am Grund des Universums“ gefunden werden. Dieser Roman ist ein literarischer Fingerzeig auf die Eifel im Krieg, die Folgen von Ausgrenzung und den grenzenlosen Fanatismus der braunen Ideologie. Norbert Scheuer öffnet eine Tür zur Eifel, die man durchschreiten sollte. Nicht nur, um Scheuers Schreiben in einem neuen Kontext zu sehen. Sondern ganz besonders, um eine Stimme zu vernehmen, die ihren Durchbruch dem Einbruch einer heilen Welt verdankt.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Die deutsche Literatur ist im Flow. Wildwasser und ruhige Erzählströme sind von so großer Reinheit, wie selten zuvor. Man sollte davon kosten. Und dann sollten wir unser geschultes Auge schweifen lassen und Bücher vereinen, die der Mensch nicht trennen darf. Propaganda von Steffen Kopetzky fällt wie ein Wirbelsturm über die Eifel her. Die Allerseelenschlacht, ein Stausee, die Ardennenoffensive aus Sicht der Eroberer im Hürtgenwald und das unbekannte Terrain Eifel. All dies findet seine Entsprechung. Im Buchhandel würde ich beide Romane gemeinsam präsentieren. Sie sind komplementär. Zwei große Geschichten – 50 Quadratkilometer Erzählraum!

Winterbienen von Norbert Scheuer / C.H. Beck Verlag / 319 Seiten / gebunden / mit 13 Illustrationen von Erasmus Scheuer (Kampfflugzeug-Vignetten) / 22 Euro

„Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen,
aber ein großer Sprung für die Menschheit
!“

Der Adler war gelandet und mit diesen salbungsvollen Worten verließ Neil Armstrong am 21. Juli 1969 die Landefähre und betrat als erster Mensch die Mondoberfläche. Ich saß gebannt vor dem Fernseher, bewunderte die verwaschenen schwarzweißen Bilder und konnte vor Aufregung kaum mehr schlafen. Der ersten Mondlandung waren einige Apollo-Missionen vorangegangen. Testflüge, Annäherungen, Fast-Landungen und eine finale Mission mit dem Namen „Apollo 11“. Dass diese komplexe Expedition ins All im Jahr 2019, also passend zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung sinnbildlich für die Struktur eines sinnlichen Romans stehen würde, hätte man sicher nicht gedacht.

Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk ist nun mit Sicherheit kein Raumfahrt- oder Mondlandungsroman. Beileibe nicht. Wobei man bei genauer Betrachtung denken muss, dass sich der Autor sehr gut überlegt hat, welches historisches Szenario er dem Roman zur Seite gestellt hat, um ihn mit entsprechender Schubkraft zu versorgen. Wir befinden uns im Kölner Vorland. Wir befinden uns im Jahr 1969 und wir befinden uns in einer Zeit der klar definierten mittelständischen Frauenbilder. Heim und Herd sind hier die wesentlichen Bestimmungsgrößen für den Alltag der von ihren Ehemännern perfekt versorgten und gehegten Ehefrauen. Die damalige Job-Description war recht simpel. In jeder Beziehung verlässlich, treusorgend und gute Mutter. Reicht aus.

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Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Zumindest im Kölner Umland änderte sich wenig, auch wenn die ganze Welt gerade einen Wandel durchlebte. Die Familie Ahrens ist hier sicher ein gutes Beispiel. Sie sind es, denen wir in diesem Sommer begegnen. Konservativ, finanziell abgesichert und im besten Sinne eine ganz normale Familie – zumindest was man damals unter „im besten Sinne“ verstehen konnte. Alles läuft (wie gleichzeitig bei einer Weltraummission) in sehr geregelten Bahnen. Vater Walter bringt das Geld nach Hause, Mutter Eva versorgt ihre Lieben und der elfjährige Tobias (zugleich auch der Ich-Erzähler des Romans) fiebert in freudiger Erwartung der Mondlandung entgegen. Ein behütetes Elternhaus, mehr kann man sich kaum wünschen.

Ulrich Woelk bringt diesen kleinen Kosmos gehörig durcheinander. Dazu benötigt er in seinem atmosphärischen Erzählraum nur neue Nachbarn, die so anders sind, wie man es nur sein kann. Zumindest neben der Familie Ahrens. So wie der Mond sich von der guten Erde unterscheidet, so sehr wirkt sich die Anziehungskraft der Leinhards auf ihre neuen Nachbarn aus. Und diese Leinhards bringen Schwung in den Laden. Auf der einen Seite Kommunisten, andererseits aber auch Verfechter einer eher schwerelosen Leichtigkeit, in der selbst die berufstätige Uschi Leinhard ihren Lebensinhalt findet. Hier prallen Welten aufeinander, während sich zeitgleich die Welt auf den Mond zubewegt.

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Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Wie die Landekapsel an der Spitze der Weltraumrakete, schlägt Rosa, die Tochter der Leinhards, im Leben von Tobias auf. Und nicht nur das. Sie erobert den Jungen mit Haut und Haaren, verkörpert die erste ungezielte Leidenschaft des Jungen und wird zu seiner allerersten großen Liebe. Landung geglückt. Planet Tobias in erobert. Wie er das aus seiner Warte erzählt, ist pubertierend herrlich naiv und von allem Glück und der Verwirrung eines Heranwachsenden geprägt. Tobias Welt gerät in jeglicher Hinsicht ins Wanken. Womit er jedoch niemals gerechnet hätte, sind die Veränderung, die er an der eigenen Mutter wahrnimmt. Eva eignet sich das Motto der ersten Mondlandung an und startet durch.

Per aspera ad astra – Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen. In ihrer neuen Nachbarin Uschi erkennt sie, was sie selbst hätte werden können, wenn sie in der Lage wäre, sich von ihrer Trägerrakete abzukoppeln. Durch Uschi werden Sehnsüchte wach, die bisher unter der Decke der treusorgenden Ehefrau und Mutter verborgen waren. Im schwülen und dunstigen Sommer entdeckt sie neue Seiten an sich selbst. Wie in einer Weltraummission stabilisiert sich zuerst die Flugbahn, Annäherungen werden geprobt, Testläufe gemacht und die Fühler in neue Welten ausgestreckt. Doch was im Juli 1969 auf der Mondoberfläche gelingt, droht bei Eva zu scheitern. Nur darf sie auf keinen Fall „Houston, wir haben ein Problem“ rufen. Der Skandal wäre zu groß. Undenkbar, was ihr da widerfährt. Während alle in den Himmel starren, durchlebt sie, was aus Sicht von Tobias als „Der Sommer meiner Mutter“ in die Familiengeschichte eingeht und seine Welt für immer verändert. Mehr als Rosa, mehr als die Mondlandung und mehr als alles Vorstellbare.

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Ich habe diese Zeit gut in Erinnerung. Mein Familienbild stimmt weitgehend mit jener Lebensweise der Ahrens überein. Ich konnte mich gut in Tobias hineindenken. Was er damals erlebte, war Initialzündung und Rohrkrepierer zugleich. Eine Zeit, in der man so schnell erwachsen wird, wie man es sich nicht vorstellen kann. Ulrich Woelk hat einen provinziellen, weltoffenen, erotischen und wissenschaftlichen Roman geschrieben. Der Mond steht für den Aufbruch. Die Landefähre für die Menschen und die Erde für alles, was man hinter sich lassen muss, wenn sich das Leben ändern soll. Ohne Opfer kann man den Fortschritt vergessen. Das Opfer, das dieser Roman kostet ist gigantisch.

Der Sommer meiner Mutter“, erschienen im Beck Verlag, entfaltet auch Sogwirkung, wenn man die Mondlandung nicht aus dem selbst Erlebten in Erinnerung hat. Mich hat die tiefe Charakterzeichnung der kleinen Rosa fasziniert. Ich wäre ihr im Jahr 1969 mit Haut und Haaren verfallen. Ich kann nur empfehlen, sich dem Countdown dieses guten Romans auszusetzen. Ein brillanter Mix aus Coming-of-Age- und Initiationsroman. Sowohl aus Sicht von Tobias, als auch aus der Perspektive seiner Mutter.

Drei.. Zwei… Eins… Zündung…

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk - Astrolibrium

Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

Bleiben Sie doch noch ein wenig. Es gibt viel zu entdecken:

Sommer-Literatur bei AstroLibrium

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ geht weiter
Der endlose Sommer“ – Ein Requiem von Madame Nielsen
Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ von Crystal Chan

Der Mond und das Leben bei AstroLibrium

Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve

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Der Somer meiner Mutter von Ulrich Woelk

„Mercy Seat“ von Elizabeth H. Winthrop

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Man nennt sie die „Grausige Gertie“. Sie zieht ihre Spuren durchs ganze Land, ist transportabel, lässt sich auf einen Truck verladen und ist die wahrlich letzte Instanz im finalen Akt der US-Amerikanischen Rechtsprechung bei Kapitalverbrechen. Gertie ist das, was man landauf landab als „Mercy Seat“ bezeichnet. Die Gnade, die der Stuhl gewährt ist jedoch eher von zweifelhafter Natur. Es handelt sich um einen elektrischen Stuhl, der zum Ort der geplanten Hinrichtung gebracht wird, weil das einfacher ist, als die Todeskandidaten quer durchs Land zu fahren. Und er bietet den Vorteil, dass die Exekution dort vollstreckt werden kann, wo die Tat begangen wurde.

Wir schreiben das Jahr 1943 und befinden uns tief im amerikanischen Süden. Es ist ein Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zahllose Opfer fordert und Todesnachrichten zur Tagesordnung gehören. Auch in St. Martinville im Herzen Louisianas. Hierhin ist er unterwegs. Der Mercy Seat. Und er wird von den Bewohnern des kleinen Städtchens sehnsuchtsvoll erwartet. Auf dem elektrischen Stuhl soll ein junger Schwarzer namens Will Jones hingerichtet werden. Seine Tat: unverzeihlich, kapital, eines Todesurteils in jeder Beziehung würdig. Gerade in dieser Gegend. Er soll Grace, ein weißes Mädchen vergewaltigt haben. Und voller Scham hat sich das junge Ding anschließend das Leben genommen. Das Urteil der Geschworenen war einstimmig und nun wartet man darauf, dass dieses schreckliche Verbrechen gesühnt wird.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Und bevor man sich jetzt aufregt, sollte man einfach mal überlegen, wie fair dieser Prozess bis zum Urteil abgelaufen ist. Früher haben die Weißen hier die Dinge selbst geregelt. Da waren Gerichtsverhandlungen überflüssig und auf den elekrtischen Stuhl musste man auch nicht warten, gab es doch ausreichend hohe Bäume, an denen man die Lynchjustiz selbst vollziehen konnte. Aber diese Zeiten sind doch längst vorbei. Hier geht jetzt alles mit rechten Dingen zu und die Hautfarbe des jungen Täters spielt sicher nur eine untergeordnete Rolle. Also nur die Ruhe bewahren. Recht und Ordnung sind hohe Güter, denen gerade im Süden der USA in den 1940er Jahren mit fairen Mitteln Geltung verschafft wurde. Ein Prozess, ein aufrechter Staatsanwalt, ein Verteidiger und neutrale örtliche Geschworene. Irgendwas auszusetzen? Jetzt muss das Todesurtel nur noch vollstreckt werden. Zeit für den „Mercy Seat„.

Elizabeth H. Winthrop erzählt in ihrem Roman „Mercy Seat“ die Geschichte eines Tages. Sie erzählt sie nicht nur, sie entführt uns multiperspektivisch in den kleinen Ort, in dem die Hinrichtung stattfinden soll und macht uns mit den Menschen bekannt, die in St. Martinville von diesem Ereignis mittelbar oder unmittelbar betroffen sind. Es ist ein brillant konstruiertes literarisches Puzzle, das sie vor uns ausbreitet und das sich Stein für Stein zu einem Bild zusammensetzen lässt, das uns zu wütenden Betrachtern eines Justizskandals macht. Denn hier ist was faul. Und zwar gewaltig. Nicht nur der Prozess und die Anklage stinken zum Himmel. Hier ist es die besondere rassistische Stimmung des amerikanischen Südens, die ein Todesurteil über jemanden fällt, der unschuldig ist.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Wir erkennen die üblichen RassisMuster und Automatismen einer rassistischen Gesellschaft, die alle Hebel in Bewegung setzt, um sich selbst in ihrem Hass gegen die Menschen zu bestätigen, die nicht der eigenen Norm entsprechen. Die Sklaverei wurde zwar de facto nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs abgeschafft. Jedoch nicht in den Köpfen derjenigen, die sich selbst und ihre weiße Hautfarbe als überlegen empfinden. Unschuldsvermutungen sind absolut unzulässig. Vorurteile führen schnell zu tatsächlichen Verurteilungen und die Wahrheit interessiert wirklich niemanden. Dies ist kein Einzelfall, keine kurze Periode in der Geschichte des amerikanischen Südens. Es ist ein Muster, das sich bis in unsere heutige Zeit aufspüren lässt. Auch in der Literatur. Denken wir nur an Mudbound oder Wer die Nachtigall stört. Denken wir nur an Ta-Nehisi Coates und sein Manifest „Zwischen mir und der Welt„. Muster, die immer wieder auftauchen. Rassismus ist wie eine unheilbare Epidemie. Zeitlos.

Elizabeth H. Winthrop führt uns die RassismusRisse vor Augen, die durch Familien und Beziehungen in die Tiefe des menschlichen Geistes reichen. Wir klopfen an Türen, die sich „Nur für Weiße“ öffnen, erleben im Inneren der Häuser jedoch auch aufrechte Frauen, die zwischen Gut und Böse zu unterscheiden versuchen. Wir treffen auf einen Geistlichen, der Will Jones in dessen letzten Stunden begleiten soll und dadurch an den Rand des Glaubens gebracht wird. Wir sitzen im Wohnzimmer des Staatsanwaltes, der mit besten vorurteilsfreien Vorsätzen nach Louisiana kam und nun einem Druck erliegt, den die Wutbürger subtil und schmerzhaft aufbauen. Wir erleben einen Vater, der den Brief mit der Nachricht über den Tod seines Sohnes im Krieg mit sich trägt und dessen Trauer sich angesichts des Todesurteils gegen einen jungen Menschen Bahn bricht. Es ist nur ein Tag, den wir hier verbringen. Der „Mercy Seat“ erreicht St. Martinville. Die Zeit läuft ab. Der Leser wird hier ebenso gegrillt, wie man es mit Will Jones vorhat.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Während sich die Rassisten im Ort auf den Weg in die Stadt machen, sind wir an der Seite des Vaters des Todeskandidaten. Er nähert sich mit einem Grabstein für den eigenen Sohn und befürchtet zu spät zu kommen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Wir zweifeln an der Schuld, zweifeln am Urteil, zweifeln an der Schuld. Doch wie sollen wir uns ein Urteil bilden? Erst als wir die Todeszelle betreten, Will Jones begegnen und ihm im besten literarischen Sinne in die Augen schauen, wird uns klar, was hier passieren wird. Er trauert um ein Mädchen, das er nicht lieben durfte. Eine Schande wäre es für sie gewesen. Und doch haben sie beide die Grenzen des Rassismus überwunden. Die Schande in den Augen ihres Vaters jedoch treibt sie ins Unausweichliche. Will ist nur der Liebe schuldig. Das reicht in einer schwarz-weißen Beziehung in diesen Tagen.

Alle Wege führen zum Ort der Hinrichtung. Der „Mercy Seat“ ist aufgebaut und ans Stromaggregat des Trucks angeschlossen. Die dumpfe Menge vor dem Gebäude johlt, die Zeugen nehmen ihre Plätze ein und zuletzt bringt man auch Will Jones, der nun zu büßen hat für einen einvernehmlichen Grenzübertritt über die Rassenschranken. In der Menschenmenge finden wir die verblendeten ewig Gestrigen, die Mitläufer, aber auch jene, die wissen, dass hier gerade himmelschreiendes Unrecht geschieht. Will Jones wird festgeschnallt. Das Urteil wird verlesen. Lese- und Stromspannung sind nicht mehr zu unterscheiden. Meine Sicherungen brennen durch. Mein Wutlesen bahnt sich seinen Weg und zitternd blättere ich um.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Was dann geschieht…? Nun, das sollte man sich selbst erlesen. Die Autorin zeigt ihr unfassbar authentisch wirkendes Erzählgefühl gerade im Höhepunkt dieses Romans und lässt nicht mehr locker, bis auch wir die Stromstöße am eigenen Leib fühlen. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Mitgefühl und Empathie erleiden einen Stromschlag nach dem anderen. Schockwellen lassen unsere Gedanken verschmoren und ein Hilfeschrei durchzuckt unseren Geist. Und doch kommt alles anders, als man denkt. Atemlos und am Ende der Nerven schließe ich das Buch an seinem Ende. Ein Ende, das wahrlich nie ein Ende war, denn diese Geschichte basiert auf einem tatsächlichen Geschehen.

Mercy Seat ist ein Manifest gegen die Todesstrafe als solche, ein lauter Abgesang auf die Rassisten dieser Welt und auch ein heiserer Weckruf an alle Opportunisten, die lieber im Gleichschritt mitlaufen, anstatt sich dem Unrecht in den Weg zu stellen. Wenn man den Anwalt Atticus Finch und seine Tochter Scout in „Wer die Nachtigall stört“ in sein Leseherz geschlossen hat, erlebt in diesem Roman mit dem Staatsanwalt Polly Livingstone und seinem Sohn Gabe die dramatische Überhöhung eines Konflikts, der nach menschlichem Ermessen kaum aufzulösen ist. Eine emotionale Denksportaufgabe von Format, vor die uns Elizabeth H. Winthrop hier stellt. Elektrisierend!

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Dies ist nicht mein erster „Mercy Seat“ in diesem Jahr. Reinhard Kleist hat in der Graphic Novel „Nick Cave – Mercy on me“ einen elektrischen Stuhl verewigt.

Und wer auf die Suche nach dem realen Vorbild für Will Jones gehen möchte, der sollte bis nach dem Lesen von „Mercy Seat“ warten. Danach lohnt sich die Recherche zu Willie Francis

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop und Von dieser Welt von James Baldwin

Bald mehr zum Thema Rassismus. Von dieser Welt – James Baldwin (März ´18)

„Am Grund des Universums“ von Norbert Scheuer [Heimat-Lesen]

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Heimat. Ein großer Begriff. Jeder füllt ihn mit ganz individuellen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Jeder verbindet Schlüsselerlebnisse seines Lebens mit der Heimat, den Menschen die dort leben und lebten. Heimweh. Ein Sehnsuchtsbegriff, der sich der Übersetzung in andere Sprachen entzieht. Dialekt, Familienwurzeln, Kindheit, die erste große Liebe und der gefühlte Verlust, wenn man die Heimat verlässt kennzeichnen das Empfinden, das wir Heimatgefühl nennen. Heimaterde. Mehr als ein geflügeltes Wort.

„Queequeg was a native of Rokovoko, an island far away to the West and South. It is not down on any map; true places never are.“ (Herman Melville – Moby Dick)

Wahre Orte sind ebenso wenig auf Karten zu finden, wie Heimweh messbar ist. Ich spreche aus guter Erfahrung und möchte aus gutem Grunde einen Leseschwerpunkt in diesem Jahr der „Heimat“ widmen. In Zeiten der Globalisierung ist es angebracht, sich vom Großen ins Kleine zu lesen. Das „Kaff“ als Gegenentwurf zur Metropole zu sehen und dem Fernweh das Heimweh gegenüberzustellen, kann uns dabei helfen, das Fehl zu verstehen, unter dem Heimatlose oder Entwurzelte leiden. Es kann aber auch dabei helfen, uns selbst zu verstehen. Unsere romantisch verklärten Gefühle, wenn wir nach Hause kommen oder uns der alten Heimat nähern, der wir aus irgendwelchen Gründen den Rücken gekehrt haben, besser einordnen zu können.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

„…er blickte gegen die Fahrtrichtung und dachte daran, dass die Menschen im antiken Griechenland angenommen hatten, den Hades rückwärts betreten zu müssen. Vor ihnen lag nur noch ihre Vergangenheit.“

So beschreibt Norbert Scheuer in seinem Roman Am Grund des Universums die Heimkehr eines jungen Mannes in die Eifel. Traumatisiert vom Krieg in Afghanistan, entwurzelt und von der großen Welt in die noch größere geworfen, kommt er nun nach Hause zurück. Ins kleine Städtchen Kall in der Eifel. Mal wieder. Diesmal jedoch ohne Rollstuhl. Diesmal ohne den Verlust des Erinnerungsvermögens und diesmal ohne die bohrenden Schmerzen im ganzen Körper. Und doch ist es wie immer. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, da Heimat keine Zukunft hat. Paul nähert sich dem Hades seines Lebens und in seinen Gedanken verschwimmen die Zeitebenen zu Zeitschleifen, deren Verwirbelungen ihn niemals losgelassen haben.

Norbert Scheuer führt seine Leser zum Grund seines Universums. An den Ort, wo alles begann. Den Ursprung. Man muss nicht aus der Eifel kommen, um die Heimkehr von Paul Arimond in allen Facetten erfühlen zu können. Man muss sich nur in das Bild des Schriftstellers fallen lassen, um jede eigene Heimkehr an einen Sehnsuchtsort am eigenen Leib nachempfinden zu können. Jeder hat sein persönliches „Kall“. Jeder fühlt in der Tiefe seines Herzens die gleichen widersprüchlichen Empfindungen, wenn man Gegenwart und Vergangenheit in Einklang bringen möchte, ohne den Gedanken an die Zukunft denken zu können. Es war einmal. So könnte man sagen. Vor uns liegt nur die Vergangenheit.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

So sehr sich Kall auch verändert haben mag, so sehr der Neubau eines Feriendorfs und die Vergrößerung des Stausees auch das Gesicht des kleinen Städtchens prägen, so wenig hat sich Kall in seinem Kern gewandelt, denn es gibt sie noch, die Epizentren im Orkan der Gegenwart. Die magischen Plätze, an denen sich das Leben abspielt und die Orte von denen aus man aus dem Inneren heraus den Gang der Zeit beobachtet. In Kall sind es die Grauköpfe, eine verschworene Gruppe alte Männer, deren Stammplatz in der Cafeteria des Einkaufszentrums seit Jahren das Auge des Orkans bildet. Um sie herum dreht sich die Geschichte des Ortes und wie ein Ältestenrat beobachten, werten und bewerten sie die Geheimnisse des Lebens.

Norbert Scheuer lässt uns mit den Grauköpfen verschmelzen. Wir erleben Kall aus erster Hand, wobei Gerüchte, Klatsch und Tratsch weit mehr Tradition haben, als Fake-News einer globalisierten Gesellschaft. Hier geschieht nichts ohne Grund. Vergangene Geschichten sind nie vergessen und das „Ich hab´s ja kommen sehen“ hat Konjunktur. So lernen wir die Menschen aus Kall kennen, die sich bisher erfolgreich gegen die Welt abgeschottet haben. Und mit Welt ist hier nicht das Große gemeint. Kall sieht sich hier schon eher wie das kleine gallische Dorf, für das die Fremde am Ortsschild beginnt. In Kall ist man schon Migrant, wenn man aus dem Nachbardorf kommt.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Wenn die Kneipe, die Sparkasse, der Friseurladen, die Bäckerei und der Stausee Geschichten erzählen könnten, wir kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier übernimmt Norbert Scheuer die Rolle der Zeitzeugen aus der Vergangenheit und führt uns durch Geschichten, die ihre Bedeutung in der Bedeutungslosigkeit erlangen. Es ist nicht weltbewegend, was sich hier abspielt. Es ist die Magie des Alltags, die uns daran erinnert, wie behütet, beobachtet, geschützt und gleichzeitig ausgeliefert man in einem kleinen Gebilde namens Heimatdorf sein kann. Wer sich jemals nach Anonymität sehnt, sollte Kall nicht betreten. Hier bleibt nichts lange verborgen, kein Fehltritt, keine Affäre und kein Fremdgehen. Über keinen Betrug, kein Geheimnis, keine Jugendsünde, keine Abweichung von der Norm wächst hier jemals Gras. Das Jetzt ist mit dem Einst so eng verwoben, wie ein Schleppnetz. Und jetzt gibt auch noch der Stausee sein Geheimnis preis. Man lässt das Wasser abfließen, und gräbt sich von der Dammkrone zur -sohle, wühlt mit schwerem Gerät am Grund des Universums und – keine Überraschung – man wird fündig.

Längst verschollene Gegenstände tauchen auf und die Grauköpfe stecken graue Köpfe zusammen, um weiteren Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Schicht um Schicht erweitert sich unser Blick auf die Menschen des Ortes. Die Eigenwilligen und Verschrobenen, die Verratenen und Verlorenen, die Betrogenen und Vertriebenen, die Erkrankten und längst Verstorbenen erzählen ihre Geschichten. Es sind Mosaiksteine aus erster Liebe, verstohlenem Verlangen, korrupter Gier, enttäuschter Leidenschaft in einem Hauch von Seide und menschlicher Schwäche, die in der meisterlichen Collage von Norbert Scheuer ein Bild vom Grund des Universums ergeben. Das Lesen dieses Romans ist wie eine Heimkehr. Besonders für mich, da ich der Eifel selbst den Rücken kehrte und genau weiß, was Heimweh heute bedeutet.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Norbert Scheuer hat sich nicht zum ersten Mal in sein ebenso reales wie fiktives Kall geschrieben. Als ich seinen ersten „Ortstermin“ mit dem Titel „Kall – Eifel“ in den Tiefen des Stausees meines Lesens entdeckte musste ich weiter zum Grund tauchen. Hier begegnen mir die Namen und Orte wieder, die unter dem Grund des Universums eine weitere literarische Sedimentschicht abgelagert haben. Man sollte sich den Claim für ein vertieftes Lesen sichern. Die Schürfrechte können uns bereichern. Ich werde in diesem Jahr noch einige Bücher lesen, die den Heimatbegriff im Kleinen thematisieren. Ihr Zauber wird vielleicht mein Heimweh im Zaum halten. Vor kurzem schrieb ich, man solle sich sein Heimweh bewahren, auch wenn man zuhause ist. Daran halte ich fest.

Begleitet mich auf der Lesereise in die Heimat. Findet heraus, was Heimat bedeutet und entdeckt weitere Bücher, die Heimweh mildern können. „Heimaterde und Acht Bergeergänzen schon jetzt die Bücherkette des Lesens jenseits der Globalisierung. Die Romane Heimkehren und Der Freund der Totenzeigen auf, dass Heimweh kein regional oder sozio-kulturell begrenzter abstrakter Begriff ist. Heimweh macht uns aus. Es macht die Region aus, aus der wir stammen und es ist die letzte fühlbare und immer schmerzende Wurzelspitze, die uns mit unseren Vorfahren verbindet. Ein kleines Interview – ein Gespräch zweier Eifeljungs – unterstreicht, was ich hier schrieb. Es ist mehr als ein normales Buchmesse-Interview, das ich mit Sven Nieder über sich selbst, seinen Eifelbildverlag und über die gemeinsame Heimat führte.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Welche Bücher würdet ihr mir auf dieser Reise ans Herz legen?

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Folgt Norbert Scheuer und seinen „Winterbienen“ ins Jahr 1944. Kall im Krieg.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer