„Mercy Seat“ von Elizabeth H. Winthrop

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Man nennt sie die „Grausige Gertie“. Sie zieht ihre Spuren durchs ganze Land, ist transportabel, lässt sich auf einen Truck verladen und ist die wahrlich letzte Instanz im finalen Akt der US-Amerikanischen Rechtsprechung bei Kapitalverbrechen. Gertie ist das, was man landauf landab als „Mercy Seat“ bezeichnet. Die Gnade, die der Stuhl gewährt ist jedoch eher von zweifelhafter Natur. Es handelt sich um einen elektrischen Stuhl, der zum Ort der geplanten Hinrichtung gebracht wird, weil das einfacher ist, als die Todeskandidaten quer durchs Land zu fahren. Und er bietet den Vorteil, dass die Exekution dort vollstreckt werden kann, wo die Tat begangen wurde.

Wir schreiben das Jahr 1943 und befinden uns tief im amerikanischen Süden. Es ist ein Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zahllose Opfer fordert und Todesnachrichten zur Tagesordnung gehören. Auch in St. Martinville im Herzen Louisianas. Hierhin ist er unterwegs. Der Mercy Seat. Und er wird von den Bewohnern des kleinen Städtchens sehnsuchtsvoll erwartet. Auf dem elektrischen Stuhl soll ein junger Schwarzer namens Will Jones hingerichtet werden. Seine Tat: unverzeihlich, kapital, eines Todesurteils in jeder Beziehung würdig. Gerade in dieser Gegend. Er soll Grace, ein weißes Mädchen vergewaltigt haben. Und voller Scham hat sich das junge Ding anschließend das Leben genommen. Das Urteil der Geschworenen war einstimmig und nun wartet man darauf, dass dieses schreckliche Verbrechen gesühnt wird.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Und bevor man sich jetzt aufregt, sollte man einfach mal überlegen, wie fair dieser Prozess bis zum Urteil abgelaufen ist. Früher haben die Weißen hier die Dinge selbst geregelt. Da waren Gerichtsverhandlungen überflüssig und auf den elekrtischen Stuhl musste man auch nicht warten, gab es doch ausreichend hohe Bäume, an denen man die Lynchjustiz selbst vollziehen konnte. Aber diese Zeiten sind doch längst vorbei. Hier geht jetzt alles mit rechten Dingen zu und die Hautfarbe des jungen Täters spielt sicher nur eine untergeordnete Rolle. Also nur die Ruhe bewahren. Recht und Ordnung sind hohe Güter, denen gerade im Süden der USA in den 1940er Jahren mit fairen Mitteln Geltung verschafft wurde. Ein Prozess, ein aufrechter Staatsanwalt, ein Verteidiger und neutrale örtliche Geschworene. Irgendwas auszusetzen? Jetzt muss das Todesurtel nur noch vollstreckt werden. Zeit für den „Mercy Seat„.

Elizabeth H. Winthrop erzählt in ihrem Roman „Mercy Seat“ die Geschichte eines Tages. Sie erzählt sie nicht nur, sie entführt uns multiperspektivisch in den kleinen Ort, in dem die Hinrichtung stattfinden soll und macht uns mit den Menschen bekannt, die in St. Martinville von diesem Ereignis mittelbar oder unmittelbar betroffen sind. Es ist ein brillant konstruiertes literarisches Puzzle, das sie vor uns ausbreitet und das sich Stein für Stein zu einem Bild zusammensetzen lässt, das uns zu wütenden Betrachtern eines Justizskandals macht. Denn hier ist was faul. Und zwar gewaltig. Nicht nur der Prozess und die Anklage stinken zum Himmel. Hier ist es die besondere rassistische Stimmung des amerikanischen Südens, die ein Todesurteil über jemanden fällt, der unschuldig ist.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Wir erkennen die üblichen RassisMuster und Automatismen einer rassistischen Gesellschaft, die alle Hebel in Bewegung setzt, um sich selbst in ihrem Hass gegen die Menschen zu bestätigen, die nicht der eigenen Norm entsprechen. Die Sklaverei wurde zwar de facto nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs abgeschafft. Jedoch nicht in den Köpfen derjenigen, die sich selbst und ihre weiße Hautfarbe als überlegen empfinden. Unschuldsvermutungen sind absolut unzulässig. Vorurteile führen schnell zu tatsächlichen Verurteilungen und die Wahrheit interessiert wirklich niemanden. Dies ist kein Einzelfall, keine kurze Periode in der Geschichte des amerikanischen Südens. Es ist ein Muster, das sich bis in unsere heutige Zeit aufspüren lässt. Auch in der Literatur. Denken wir nur an Mudbound oder Wer die Nachtigall stört. Denken wir nur an Ta-Nehisi Coates und sein Manifest „Zwischen mir und der Welt„. Muster, die immer wieder auftauchen. Rassismus ist wie eine unheilbare Epidemie. Zeitlos.

Elizabeth H. Winthrop führt uns die RassismusRisse vor Augen, die durch Familien und Beziehungen in die Tiefe des menschlichen Geistes reichen. Wir klopfen an Türen, die sich „Nur für Weiße“ öffnen, erleben im Inneren der Häuser jedoch auch aufrechte Frauen, die zwischen Gut und Böse zu unterscheiden versuchen. Wir treffen auf einen Geistlichen, der Will Jones in dessen letzten Stunden begleiten soll und dadurch an den Rand des Glaubens gebracht wird. Wir sitzen im Wohnzimmer des Staatsanwaltes, der mit besten vorurteilsfreien Vorsätzen nach Louisiana kam und nun einem Druck erliegt, den die Wutbürger subtil und schmerzhaft aufbauen. Wir erleben einen Vater, der den Brief mit der Nachricht über den Tod seines Sohnes im Krieg mit sich trägt und dessen Trauer sich angesichts des Todesurteils gegen einen jungen Menschen Bahn bricht. Es ist nur ein Tag, den wir hier verbringen. Der „Mercy Seat“ erreicht St. Martinville. Die Zeit läuft ab. Der Leser wird hier ebenso gegrillt, wie man es mit Will Jones vorhat.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Während sich die Rassisten im Ort auf den Weg in die Stadt machen, sind wir an der Seite des Vaters des Todeskandidaten. Er nähert sich mit einem Grabstein für den eigenen Sohn und befürchtet zu spät zu kommen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Wir zweifeln an der Schuld, zweifeln am Urteil, zweifeln an der Schuld. Doch wie sollen wir uns ein Urteil bilden? Erst als wir die Todeszelle betreten, Will Jones begegnen und ihm im besten literarischen Sinne in die Augen schauen, wird uns klar, was hier passieren wird. Er trauert um ein Mädchen, das er nicht lieben durfte. Eine Schande wäre es für sie gewesen. Und doch haben sie beide die Grenzen des Rassismus überwunden. Die Schande in den Augen ihres Vaters jedoch treibt sie ins Unausweichliche. Will ist nur der Liebe schuldig. Das reicht in einer schwarz-weißen Beziehung in diesen Tagen.

Alle Wege führen zum Ort der Hinrichtung. Der „Mercy Seat“ ist aufgebaut und ans Stromaggregat des Trucks angeschlossen. Die dumpfe Menge vor dem Gebäude johlt, die Zeugen nehmen ihre Plätze ein und zuletzt bringt man auch Will Jones, der nun zu büßen hat für einen einvernehmlichen Grenzübertritt über die Rassenschranken. In der Menschenmenge finden wir die verblendeten ewig Gestrigen, die Mitläufer, aber auch jene, die wissen, dass hier gerade himmelschreiendes Unrecht geschieht. Will Jones wird festgeschnallt. Das Urteil wird verlesen. Lese- und Stromspannung sind nicht mehr zu unterscheiden. Meine Sicherungen brennen durch. Mein Wutlesen bahnt sich seinen Weg und zitternd blättere ich um.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Was dann geschieht…? Nun, das sollte man sich selbst erlesen. Die Autorin zeigt ihr unfassbar authentisch wirkendes Erzählgefühl gerade im Höhepunkt dieses Romans und lässt nicht mehr locker, bis auch wir die Stromstöße am eigenen Leib fühlen. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Mitgefühl und Empathie erleiden einen Stromschlag nach dem anderen. Schockwellen lassen unsere Gedanken verschmoren und ein Hilfeschrei durchzuckt unseren Geist. Und doch kommt alles anders, als man denkt. Atemlos und am Ende der Nerven schließe ich das Buch an seinem Ende. Ein Ende, das wahrlich nie ein Ende war, denn diese Geschichte basiert auf einem tatsächlichen Geschehen.

Mercy Seat ist ein Manifest gegen die Todesstrafe als solche, ein lauter Abgesang auf die Rassisten dieser Welt und auch ein heiserer Weckruf an alle Opportunisten, die lieber im Gleichschritt mitlaufen, anstatt sich dem Unrecht in den Weg zu stellen. Wenn man den Anwalt Atticus Finch und seine Tochter Scout in „Wer die Nachtigall stört“ in sein Leseherz geschlossen hat, erlebt in diesem Roman mit dem Staatsanwalt Polly Livingstone und seinem Sohn Gabe die dramatische Überhöhung eines Konflikts, der nach menschlichem Ermessen kaum aufzulösen ist. Eine emotionale Denksportaufgabe von Format, vor die uns Elizabeth H. Winthrop hier stellt. Elektrisierend!

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Dies ist nicht mein erster „Mercy Seat“ in diesem Jahr. Reinhard Kleist hat in der Graphic Novel „Nick Cave – Mercy on me“ einen elektrischen Stuhl verewigt.

Und wer auf die Suche nach dem realen Vorbild für Will Jones gehen möchte, der sollte bis nach dem Lesen von „Mercy Seat“ warten. Danach lohnt sich die Recherche zu Willie Francis

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop und Von dieser Welt von James Baldwin

Bald mehr zum Thema Rassismus. Von dieser Welt – James Baldwin (März ´18)

„Am Grund des Universums“ von Norbert Scheuer [Heimat-Lesen]

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Heimat. Ein großer Begriff. Jeder füllt ihn mit ganz individuellen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Jeder verbindet Schlüsselerlebnisse seines Lebens mit der Heimat, den Menschen die dort leben und lebten. Heimweh. Ein Sehnsuchtsbegriff, der sich der Übersetzung in andere Sprachen entzieht. Dialekt, Familienwurzeln, Kindheit, die erste große Liebe und der gefühlte Verlust, wenn man die Heimat verlässt kennzeichnen das Empfinden, das wir Heimatgefühl nennen. Heimaterde. Mehr als ein geflügeltes Wort.

„Queequeg was a native of Rokovoko, an island far away to the West and South. It is not down on any map; true places never are.“ (Herman Melville – Moby Dick)

Wahre Orte sind ebenso wenig auf Karten zu finden, wie Heimweh messbar ist. Ich spreche aus guter Erfahrung und möchte aus gutem Grunde einen Leseschwerpunkt in diesem Jahr der „Heimat“ widmen. In Zeiten der Globalisierung ist es angebracht, sich vom Großen ins Kleine zu lesen. Das „Kaff“ als Gegenentwurf zur Metropole zu sehen und dem Fernweh das Heimweh gegenüberzustellen, kann uns dabei helfen, das Fehl zu verstehen, unter dem Heimatlose oder Entwurzelte leiden. Es kann aber auch dabei helfen, uns selbst zu verstehen. Unsere romantisch verklärten Gefühle, wenn wir nach Hause kommen oder uns der alten Heimat nähern, der wir aus irgendwelchen Gründen den Rücken gekehrt haben, besser einordnen zu können.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

„…er blickte gegen die Fahrtrichtung und dachte daran, dass die Menschen im antiken Griechenland angenommen hatten, den Hades rückwärts betreten zu müssen. Vor ihnen lag nur noch ihre Vergangenheit.“

So beschreibt Norbert Scheuer in seinem Roman Am Grund des Universums die Heimkehr eines jungen Mannes in die Eifel. Traumatisiert vom Krieg in Afghanistan, entwurzelt und von der großen Welt in die noch größere geworfen, kommt er nun nach Hause zurück. Ins kleine Städtchen Kall in der Eifel. Mal wieder. Diesmal jedoch ohne Rollstuhl. Diesmal ohne den Verlust des Erinnerungsvermögens und diesmal ohne die bohrenden Schmerzen im ganzen Körper. Und doch ist es wie immer. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, da Heimat keine Zukunft hat. Paul nähert sich dem Hades seines Lebens und in seinen Gedanken verschwimmen die Zeitebenen zu Zeitschleifen, deren Verwirbelungen ihn niemals losgelassen haben.

Norbert Scheuer führt seine Leser zum Grund seines Universums. An den Ort, wo alles begann. Den Ursprung. Man muss nicht aus der Eifel kommen, um die Heimkehr von Paul Arimond in allen Facetten erfühlen zu können. Man muss sich nur in das Bild des Schriftstellers fallen lassen, um jede eigene Heimkehr an einen Sehnsuchtsort am eigenen Leib nachempfinden zu können. Jeder hat sein persönliches „Kall“. Jeder fühlt in der Tiefe seines Herzens die gleichen widersprüchlichen Empfindungen, wenn man Gegenwart und Vergangenheit in Einklang bringen möchte, ohne den Gedanken an die Zukunft denken zu können. Es war einmal. So könnte man sagen. Vor uns liegt nur die Vergangenheit.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

So sehr sich Kall auch verändert haben mag, so sehr der Neubau eines Feriendorfs und die Vergrößerung des Stausees auch das Gesicht des kleinen Städtchens prägen, so wenig hat sich Kall in seinem Kern gewandelt, denn es gibt sie noch, die Epizentren im Orkan der Gegenwart. Die magischen Plätze, an denen sich das Leben abspielt und die Orte von denen aus man aus dem Inneren heraus den Gang der Zeit beobachtet. In Kall sind es die Grauköpfe, eine verschworene Gruppe alte Männer, deren Stammplatz in der Cafeteria des Einkaufszentrums seit Jahren das Auge des Orkans bildet. Um sie herum dreht sich die Geschichte des Ortes und wie ein Ältestenrat beobachten, werten und bewerten sie die Geheimnisse des Lebens.

Norbert Scheuer lässt uns mit den Grauköpfen verschmelzen. Wir erleben Kall aus erster Hand, wobei Gerüchte, Klatsch und Tratsch weit mehr Tradition haben, als Fake-News einer globalisierten Gesellschaft. Hier geschieht nichts ohne Grund. Vergangene Geschichten sind nie vergessen und das „Ich hab´s ja kommen sehen“ hat Konjunktur. So lernen wir die Menschen aus Kall kennen, die sich bisher erfolgreich gegen die Welt abgeschottet haben. Und mit Welt ist hier nicht das Große gemeint. Kall sieht sich hier schon eher wie das kleine gallische Dorf, für das die Fremde am Ortsschild beginnt. In Kall ist man schon Migrant, wenn man aus dem Nachbardorf kommt.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Wenn die Kneipe, die Sparkasse, der Friseurladen, die Bäckerei und der Stausee Geschichten erzählen könnten, wir kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier übernimmt Norbert Scheuer die Rolle der Zeitzeugen aus der Vergangenheit und führt uns durch Geschichten, die ihre Bedeutung in der Bedeutungslosigkeit erlangen. Es ist nicht weltbewegend, was sich hier abspielt. Es ist die Magie des Alltags, die uns daran erinnert, wie behütet, beobachtet, geschützt und gleichzeitig ausgeliefert man in einem kleinen Gebilde namens Heimatdorf sein kann. Wer sich jemals nach Anonymität sehnt, sollte Kall nicht betreten. Hier bleibt nichts lange verborgen, kein Fehltritt, keine Affäre und kein Fremdgehen. Über keinen Betrug, kein Geheimnis, keine Jugendsünde, keine Abweichung von der Norm wächst hier jemals Gras. Das Jetzt ist mit dem Einst so eng verwoben, wie ein Schleppnetz. Und jetzt gibt auch noch der Stausee sein Geheimnis preis. Man lässt das Wasser abfließen, und gräbt sich von der Dammkrone zur -sohle, wühlt mit schwerem Gerät am Grund des Universums und – keine Überraschung – man wird fündig.

Längst verschollene Gegenstände tauchen auf und die Grauköpfe stecken graue Köpfe zusammen, um weiteren Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Schicht um Schicht erweitert sich unser Blick auf die Menschen des Ortes. Die Eigenwilligen und Verschrobenen, die Verratenen und Verlorenen, die Betrogenen und Vertriebenen, die Erkrankten und längst Verstorbenen erzählen ihre Geschichten. Es sind Mosaiksteine aus erster Liebe, verstohlenem Verlangen, korrupter Gier, enttäuschter Leidenschaft in einem Hauch von Seide und menschlicher Schwäche, die in der meisterlichen Collage von Norbert Scheuer ein Bild vom Grund des Universums ergeben. Das Lesen dieses Romans ist wie eine Heimkehr. Besonders für mich, da ich der Eifel selbst den Rücken kehrte und genau weiß, was Heimweh heute bedeutet.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Norbert Scheuer hat sich nicht zum ersten Mal in sein ebenso reales wie fiktives Kall geschrieben. Als ich seinen ersten „Ortstermin“ mit dem Titel „Kall – Eifel“ in den Tiefen des Stausees meines Lesens entdeckte musste ich weiter zum Grund tauchen. Hier begegnen mir die Namen und Orte wieder, die unter dem Grund des Universums eine weitere literarische Sedimentschicht abgelagert haben. Man sollte sich den Claim für ein vertieftes Lesen sichern. Die Schürfrechte können uns bereichern. Ich werde in diesem Jahr noch einige Bücher lesen, die den Heimatbegriff im Kleinen thematisieren. Ihr Zauber wird vielleicht mein Heimweh im Zaum halten. Vor kurzem schrieb ich, man solle sich sein Heimweh bewahren, auch wenn man zuhause ist. Daran halte ich fest.

Begleitet mich auf der Lesereise in die Heimat. Findet heraus, was Heimat bedeutet und entdeckt weitere Bücher, die Heimweh mildern können. „Heimaterde und Acht Bergeergänzen schon jetzt die Bücherkette des Lesens jenseits der Globalisierung. Die Romane Heimkehren und Der Freund der Totenzeigen auf, dass Heimweh kein regional oder sozio-kulturell begrenzter abstrakter Begriff ist. Heimweh macht uns aus. Es macht die Region aus, aus der wir stammen und es ist die letzte fühlbare und immer schmerzende Wurzelspitze, die uns mit unseren Vorfahren verbindet. Ein kleines Interview – ein Gespräch zweier Eifeljungs – unterstreicht, was ich hier schrieb. Es ist mehr als ein normales Buchmesse-Interview, das ich mit Sven Nieder über sich selbst, seinen Eifelbildverlag und über die gemeinsame Heimat führte.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Welche Bücher würdet ihr mir auf dieser Reise ans Herz legen?

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von J.E. Agualusa

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Rein literarisch gesehen habe ich eine sehr spezielle Theorie, welche Bücher man getrost vergessen darf. Es sind diejenigen Werke, die im Einerlei des oberflächlichen Erzählens weder durch Inhaltsreichtum, noch durch sprachliches Geschick bestechen. Dann wieder gibt es Bücher, die dem Leser in Erinnerung bleiben, weil zumindest eine dieser Komponenten im Text aufzuspüren war. Unvergessen brennen sich jedoch jene Romane in unser Lesegedächtnis ein, die mehr zu bieten haben, als man es gemeinhin erwarten darf.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von José Eduardo Agualusa reiht sich gleich aus mehreren Gründen in den Reigen brillant erzählter und außergewöhnlich gut konstruierter Romane ein, die ihre Spuren beim Lesen hinterlassen. Darüber hinaus ist der Schauplatz der Geschichte so ungewöhnlich, neu und fast unentdeckt, dass man in jedem Kapitel Neuland betritt. Mir zumindest ging es so, was die Revolution in Angola betrifft. Ich musste mich rückversichern, in welcher Zeit diese Handlung angesiedelt ist und in welchem politischen Kontext man den Revolutionsbegriff zu verstehen hat. Hier stieß ich auf eine große Lücke in meinem Wissen. Neuland. Ich mag diese literarischen Pionierleistungen sehr, weil ich mich dann wie ein Entdecker fühle.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wir befinden uns in Angola und ich bin damit lesend zurück in Afrika. Der dunkle Kontinent hat mich in meiner Artikelreihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“ schon häufig in eine für mich völlig fremde Welt entführt. Eines haben diese Bücher gemeinsam. Die tiefen Verletzungen einzelner afrikanischer Länder durch die Wunden, die europäische Kolonisatoren in das Land und die Menschen geschlagen haben, um hier Ausbeutung und Reichtum in Reinkultur zu zelebrieren. So auch in Angola. Zumindest bis zum Jahr 1974, als die Kolonialmacht nach der Nelkenrevolution im eigenen Land unversehens beschloss, allen Kolonien die Unabhängigkeit zu gewähren. Portugal zog sich zurück.

Und wie es uns die Geschichte lehrt folgt auf jede Revolution ein Vakuum, in dem die Neuverteilung der Macht hart umkämpft wird. So auch in Angola. Die Befreiung von den Kolonisatoren führte unmittelbar in einen Bürgerkrieg. Drei Parteien kämpften verbissen um die Vorherrschaft im eigenen Land und so brach 1975 das Chaos aus. In der Hauptstadt Luanda war niemand mehr seines Lebens sicher. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Motto, das seit der französischen Revolution zeitlos gültig blieb. Genau in diesen historischen Kontext platziert José Eduardo Agualusa seinen Roman, der in seinem Kern auf einer wahren Geschichte beruhen soll (auch wenn der Schriftsteller in aller Deutlichkeit die reine Fiktion der Handlung betont).

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Unkalkulierbare Gewalt, instabile Verhältnisse und keine Möglichkeit, Freund und Feind voneinander unterscheiden zu können. Das ist der Startpunkt der Geschichte. Ein Startpunkt, der die Portugiesin Ludovica Fernandes Mano dazu bringt, im Luanda des Bürgerkrieges unterzutauchen, bis die Luft rein ist. Nachdem sie den ersten Angriff auf ihre Wohnung abwehren konnte (mit einem tödlichen Blattschuss), zieht sie es vor, sich im obersten Stockwerk des Hochhauses, in dem sie lebt, einzumauern. Sie haben richtig gelesen. Ludovica zieht eine Mauer vor ihre Tür, beginnt die Dachterrasse in ein Biotop zu verwandeln, lebt von gefangenen Tauben und einer kleinen Hühnerzucht und verschwindet von der Bildfläche.

Den Bürgerkrieg beobachtet sie als Zaungast mit bester Aussicht. Verfolgung und Erschießungen sind an der Tagesordnung. Die Gewalt tobt in allen Straßen. Sicherheit findet Ludovica nur in ihren eigenen vier Wänden. Ein Zustand, an dem sie nichts mehr ändern möchte. Ihre Vergangenheit und die umkämpfte Gegenwart sorgen dafür, dass ihr selbst gewähltes Exil dreißig Jahre lang währt. Dreißig Jahre, die Ludos Dasein als Eremitin dauert. Eine Zeit, in der sie das Leben draußen nur in Radio-Ausschnitten und Gesprächsfetzen erlebt. Dreißig Jahre in denen sie Bücher verbrennt, um die Wohnung zu heizen. Jahrzehnte in der die reale Welt die klauen nicht mehr nach ihr ausstreckt.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Das hat etwas von Emma Donoghues „Raum“. Die Innenperspektive, die in beiden Fällen durch äußere Gewalt verursacht wird, lässt in der dramatischen Abkapslung von der realen Welt Parallelen erkennen, nur ist Ludo ihre eigene Gefangene im Gefängnis ihrer Wahl. Und doch vergleicht man beide Perspektiven, die Ängste und letztlich denkt man immer wieder an den Tag, an dem die Mauern fallen. Mit welcher Wucht bricht das Leben dann in den Stillstand ein? Wie kann man das verkraften. Ludovica beginnt ihre Wände wie ein Tagebuch zu beschreiben. Sehnsuchtstexte allesamt.

Der besondere Reiz dieses Romans liegt darin begründet, dass Ludovica die Welt verändert, ohne dies überhaupt zu bemerken. Sie tritt Ereignisse los, die unkontrollierte Folgen nach sich ziehen. Sie beobachtet passiv, ohne zu ahnen, dass sie in das Leben anderer Menschen in Luanda extrem eingreift. Hier fliegt uns diese Geschichte wie eine gebratene Taube in den Mund, da alles mit Tauben beginnt. Womit auch sonst, sind es doch die Ratten der Lüfte, die für Ludo überlebenswichtig sind. Wenn sie eine Taube in einer Falle fängt, dann genau die Brieftaube mit einer wichtigen Botschaft am Bein.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wenn sie eine Taube erfolglos anzulocken versucht, indem sie das Tier mit kleinen leuchtenden Steinen ködert, dann verwendet sie Diamanten. Einmal aufgepickt und in die Freiheit entschwunden, beschenkt diese Taube ahnungslose Menschen mit einem unermesslichen Reichtum. Und so werden wir in diesem Buch zu Zeugen einer Zeit, in der ein ganzes Land am Rad dreht. Opfer und Täter begegnen einander mehrfach und in ganz unterschiedlichen Rollen. Gefangene und Wärter werden angesichts der Gewalt fast zeitgleich miteinander verrückt. Polizisten leiden an der Angst, nicht vergessen zu werden. Identitäten werden gewechselt, Erschossene sterben mehrfach und das Haus der Bescheidenen, in dem Ludo lebt, ist das Auge im Orkan des Sturms der Zeit.

José Eduardo Agualusa fabuliert meisterlich. Nichts steht in dieser Geschichte nur für sich allein. Alle Handlungsfäden sind miteinander verwoben. Jede kleine Handlung ist in der Lage, eine Welle von Ereignissen loszutreten, die unkalkulierbare Folgen hat. Solche Geschichten schreibt nur das Leben, oder eben ein großartiger Autor. Am Ende fällt die Mauer. Am Ende des Lesens konfrontiert uns der Autor mit den Wahrheiten der Geschichte. Am Ende steht Ludovica den Menschen gegenüber, deren Leben sie ganz unbewusst verändert hat. „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ wird in diesem Schlussakkord zur Präambel eines Romans, den man nicht so schnell vergessen wird.

Nach Angola führt mich mein Weg nach Ghana….

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Für uns sind Habichte und Falken einfach Greifvögel. Aus Laiensicht kann man bei dieser Einordnung eigentlich keine Fehler machen, dachte ich zumindest. Und doch ist es nicht so einfach, wie es scheint. Nur die Habichtartigen sind fleisch­fressende Vögel dieser Ord­nung, während die Falken­artigen eher mit Papageien verwandt sind. Na, wer hätte das gedacht? Wie ich darauf komme? Ganz einfach. In den letzten Tagen hat sich meine kleine literarische Stern­warte zum Tauben­schlag entwickelt, zumindest was die Präsenz der Jagdkönige der Lüfte betrifft. Und obwohl Habicht und Falke sich so sehr voneinander unterscheiden, wie Hund und Katze, widme ich ihnen hier einen Artikel.

Schuld daran ist Helen Macdonald, die sich zeitlebens der unglaublichen Faszination dieser Vögel ver­schrie­ben hat. Dabei sind im Lauf der Zeit zwei Bü­cher entstanden, die zwar durch Verlage getrennt sind, von uns Lesern jedoch vereint werden sollten, um in unserem Bücher­nest gemeinsam zu brüten, weil sie viel mehr beinhalten als man von Sach­büchern im eigentlichen Sinne erwarten kann. Sie beschreiben keine Sache, sind nicht als anthro­polo­gische Lehrschriften zu verstehen und werden niemals in unserem Leben im Bücherregal verstauben. Beide Bücher gehen Hand in Hand, wenn wir erneut mit der epischen Begegnung zwischen Mensch und Tier konfrontiert werden, die in der Literatur ihre tiefen Spuren hinterlassen hat.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Die Lebensaufgabe…

Bekannt wurde Helen Macdonald in Deutschland mit Mabel. So zumindest heißt der Greifvogel, den sie zähmen und mit dem sie, einer jahrhundertealten Tradition folgend, auf Jagd gehen wollte. H wie Habicht entwickelte sich schnell zum Bestseller. Nicht, weil die Leser dieses Buches davon träumten, plötzlich selbst Falkner zu werden. Eher, weil es Helen Mac­donald so anschaulich gelang, die Psychologie des Menschen in das Zentrum der Betrachtung zu rücken. Warum richtet man einen Greifvogel ab, warum ist es so schwierig, sich auf ein Tier einzu­lassen, das im eigent­lichen Sinn als uner­ziehbar gilt und was macht diese Leiden­schaft mit dem Menschen selbst? Hier wurde aus dem Habicht schnell eine gelungene Metapher für alle fast aussichts­losen Ziele, denen man im Lauf seines Lebens hinterher­jagen kann.

„Die Suche nach Habichten ist wie die Suche nach Gnade:
Sie wird einem gewährt, aber nicht oft,
und man weiß nie, wann oder wie.“

Der Habicht Mabel wird zur Lebensprüfung für Helen Macdonald. Ihr Buch „H wie Habicht“ liest sich wie der Mix aus einem Seelenstriptease der Autorin und der in sich geschlossenen Betrachtung der Heraus­for­der­ungen und Risiken, die für den Menschen bei der Kon­fron­tation mit der unzähmbaren Natur bestehen. Be­fremd­lich wirkt ihr Buch an vielen Stellen. Be­fremd­lich wirkt, wie man sich dem Habicht als solchem nähert. Als Außenstehender zuckt man unwill­kürlich zurück, wenn man liest, dass es das Größte ist „einen Habicht zu fliegen“. Das hört sich eher an, als hätte man es mit einem kleinen Modell­flugzeug zu tun.

Das Vorbild – „The Goshawk“ von T.H. White

Das gescheiterte Vorbild…

Verstörend ist es zu lesen, wie seit Jahrhunderten mit Greifvögeln umgegangen wird, um sie zu in­stru­men­tali­sieren und ihnen unseren Willen aufzuzwingen. Es klingt wie ein reiner Sport, zu dessen Ausübung man eben ein lebendiges Tier benötigt. Dies ist mit unserem Ver­ständ­nis vom Umgang mit „Haus­tieren“ nur schwer in Ein­klang zu bringen. Genau hier setzt Helen Macdonald mit ihrem fesselnden Erzählstil an und ihr gelingt, was aus der Distanz heraus eigentlich kaum zu erwarten war. Man versteht die tiefe innere Motivation der Autorin, sich völlig auf ihre Mabel einzulassen. Man fühlt die tiefe innere Verbindung, die sie eingehen muss, um eins mit dem Habicht zu werden.

„Während der Habicht zahmer wurde, wurde ich immer wilder.“

Die Grenzen zwischen Habicht und Falkner ver­schwim­men. Helen Macdonald ist so sehr auf ihren Vogel fixiert, dass sie sich rettungslos in ihm verliert. Die Realität verliert für sie jegliche Kontur. Freunde, ihr Job und Kontakte zu anderen Menschen – all diese Fak­toren gehen in der Beschäftigung mit Mabel verloren. Und Helen Macdonald geht diesen Weg bewusst, da sie nur zu gut weiß, was sie erwartet. Der von ihr oft im Buch zitierte Schrift­steller T.H. White scheiterte all­umfassend im Versuch, seinen Habicht „Goshawk“ abzurichten. Dieses Scheitern steht Helen Macdonald konstant vor Augen und vor dem Hinter­grund ihrer Un­sicher­heit entwickelt sich die Angst vor dem eigenen Versagen

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Die epische Begegnung…

Helen Macdonald schreibt eigentlich viel mehr über sich selbst, als über den Weg zum perfekt erzogenen Greifvogel. Die Trauer um ihren Vater treibt sie in die selbst gewählte Isolation. Mabel ist dabei die perfekte Ausrede, der erhoffte Fixpunkt und die Fluchttür in eine Welt, in der man versinken darf. Dabei wirkt die Autorin authentisch, in jeder Hinsicht selbst­kritisch und kon­se­quent in der Ehrlich­keit, die sie an den Tag legt. Hier erlangt „H wie Habicht“ die erzählerische Dimen­sion, die man aus den anderen epischen Begeg­nungen zwischen Mensch und wildem Tier kennt. Was Kapitän Ahabs Hass auf Moby Dick ist, entspricht hier dem Verlust von Helen Macdonald. Greifvogel und Wal sind Ventile für die Bedürf­nisse und Seelennöte von Men­schen.

Ich bin Helen Macdonald über die Felder gefolgt, über denen Mabel zum ersten Mal fliegen sollte. Ich spürte ihre Angst, den Vogel zu verlieren. Ich habe ihr dabei geholfen, Mabel hinters Licht zu führen, weil die ver­meint­liche Dunkelheit unter der Leder­haube den Vogel beruhigte. Ich habe mich den neugierigen Blicken der Menschen gestellt, die nicht verstehen konnten, auf welches Abenteuer sich die Autorin bewusst ein­gelassen hat. Aber ich war auch tief in den Instinkten von Mabel und wollte mir so oft vorstellen, wie schön es sein müsste, ohne Glöckchen und Fesseln frei sein zu dürfen. Ich spürte den Neid der Autorin auf diesen Platz, den ein Habicht im Leben gefunden hat:

„Für mich war sie etwas Helles, Lebendiges, etwas,
das seinen sicheren Platz für sich gefunden hatte.
Sie sprühte geradezu vor Leben…“
 

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Vom Habicht zum Falken…

Fesselnd ist dieses Buch. Sympathisch wurde mir die Sichtweise der Autorin nie. Oftmals hofft man auf ihr Schei­tern, wünscht sich, dass Mabel in die Lüfte entschwebt und entkommt. Und doch kann man dieses Buch nicht zur Seite legen, weil es sich liest wie der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, wie der Pakt zwischen Teufel und armer Seele. Wobei die Rollen niemals ganz klar zugeordnet sind, da der Habicht zur finalen Heimsuchung mutieren kann. Der Originaltitel des Buches „H is for Hawk“ klingt noch intensiver, als sei­ne Über­setzung. Als sei das H in seiner Aus­schließ­lichkeit für keinen anderen Begriff, als für den des Habichts reserviert, so gibt man sein Leben hin, wenn man ihn domestizieren möchte.

Wenn die Suche nach einem Habicht einer Gnade gleicht, dann wird sie uns Lesern in diesem Buch zuteil. Wenn wir dann noch mehr erfahren wollen über den Hintergrund und die Geschichte der Falknerei, ihre Tradition, die Abwege und die Menschen hinter den Greifvögeln, dann brauchen wir nicht lange zu suchen. Falke – Biographie eines Räubersstammt aus der gleichen Feder wie „H wie Habicht. Man muss Mabel nicht kennen, um sich den Falken anzuvertrauen. Und doch ist es wundervoll zu sehen, wo sich beide Bücher berühren. So unterschiedlich die Vögel sind, so sehr unterscheiden sich die beiden Werke. Sie sind wie Hund und Katze und doch weisen sie Parallelen in der Geschichte und Heran­gehensweise der Falknerei auf, die mehr als interessant zu lesen sind.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Literarisches Freifluggehege…

Wir begegnen in Falke. Biographie eines Räubers Menschen wieder, die wir aus H wie Habicht bereits kennen. Der Falke ist versachlichter als der Habicht. So kann man den wesentlichen Unterschied auf den Punkt bringen. Und wie bei der berühmten Frage nach Huhn und Ei, so ist es der Falke, der zuerst geschrieben wurde, bevor der Habicht seinen Sieges­zug antrat. Hier sieht man deutlich, dass Helen Macdonald nicht unbewusst in die Welt der Falknerei stolperte. Sie ließ sich sehenden Auges auf Mabel ein. Jedes Risiko war ihr be­wusst. Ob es sich gelohnt hat? Diese Frage sollten Sie sich nach dem Lesen selbst be­ant­worten.

Bauen Sie ein Nest in Ihr Bücherregal. Polstern Sie es gut, vermeiden Sie laute und unerwartete Geräusche und dimmen Sie das Licht dezent. Dann setzen Sie die beiden Buchschätze in ihrem Lesenest aus und beginnen Sie vorsichtig mit dem Brüten. Viele ent­behrungs­reiche und doch zugleich er­hellen­de Stunden warten auf Sie und auf dem Weg zu Mabel und den Falken werden Sie eins mit der Welt von Helen Macdonald. Sie werden viele Kontakte einbüßen und in der freien Natur anders atmen, als Sie viel­leicht je zuvor geatmet haben. Sie werden auf den Klang fliegender Glöckchen achten und es kann sein, dass Ihnen Feldmäuse als Beute erscheinen. Behaupten Sie also nie, dass ich Sie nicht vor diesen beiden Büchern gewarnt hätte. Sie sind ebenso gefährlich, wie die ungezähmte Natur, weil man sie kaum selbst zähmen kann.

Falke – Biographie eines Räubers – Helen Macdonald

PS: Bringen Sie kleine Glöckchen an den Buchrücken an. Das garantiert, dass Sie den Weg dieser beiden Werke nachverfolgen können, wenn sie zum Freiflug abheben. Hier sind sie wie Habicht und Falke… Räuber Ihrer Lesezeit und Bereicherung des Lebens.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald – Leseabenteuer

„Sterndeutung“ und die kleine literarische Sternwarte

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Manchmal ist man einfach zu blind, um das Naheliegende zu erkennen. Manchmal ist man zu vertieft in den eigenen Ideen, dass man kaum realisiert, was man eigentlich geschaffen hat. Meine kleine literarische Sternwarte folgt seit Jahren einem tieferen Sinn. Buchsterne am literarischen Himmelszelt zu entdecken und Fixsterne zu finden, die auch im wahren Leben der Orientierung in dunkler Nacht dienen, das sind die Ziele, denen ich beharrlich folge. Dabei mein Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust als moralische Leitlinie zu sehen, war und ist meine wichtigste Intention.

Bisher betrachtete ich beides voneinander losgelöst. Ich war zu blind zu erkennen, was ich hier im übertragenen Sinne schon mit meiner Blog-Philosophie aufgebaut und umgesetzt habe. Literarischer Sternwärter wollte ich sein. Sternbilder entdecken, in der Weite des Bücheruniversums jene Gestirne finden, die immer leuchten und dabei mein Lesen unter den Stern des Erinnerns stellen. War ich wirklich zu blind um erkennen zu können, dass ich schon mit den ersten Gedanken an meinen Blog etwas ganz anderes verwirklicht habe? Ein Buch musste mir die Augen öffnen. Ein Buch, das meinem Blog eine völlig neue Bedeutung verleiht, obwohl sie unterschwellig seit den ersten Stunden meines Schreibens hier existierte. Ich habe sie nur nicht erkannt.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung“ von Jan Himmelfarb (C.H. Beck Verlag) ist ein facettenreicher und tief angelegter Genre-Hybrid aus historischem Familienroman, Bewältigungsliteratur und aktueller Reflexion zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei blickt der Autor aus der Perspektive des russlanddeutschen Aussiedlers Arthur Segall in eine Vergangenheit zurück, die von Sternen geprägt war. Ein vergangenes Leben, das unter keinem gutem Stern begann und in dem Arthur Segall nur durch Glück und Zufall davor bewahrt wurde, mit Abermillionen anderen Sternträgern im endlos erscheinenden Treck der Sterne an Sternorte gebracht und dort ausgelöscht zu werden.

Denn Arthur Segall ist Jude. Sein Geburtsort steht nicht so genau fest, da er in einem Zug die Dunkelheit der Welt erblickte. Von Licht konnte keine Rede sein, da sich dieser Zug im Oktober 1941 auf der Flucht ins russische Hinterland befand. Das Unternehmen Barbarossa hatte begonnen und die Nazis begannen ihren Feldzug mit unglaublichem Tempo und ebensolcher Brutalität. Arthur Segall ist ein Kind des Zuges. Flüchtling in einer Zeit, in der andere Züge zu rollen beginnen. Der systematische Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten beginnt und Deportationszüge in unvorstellbarer Zahl bestimmen den Fahrplan des Holocaust.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Für Arthur Segall sind es die Jahre, in denen die Nazis Menschen zu Sternträgern machen, sie danach als Sternschnuppen betrachten, um sie an den dunklen Sternorten Auschwitz, Treblinka und Sobibor für immer auszulöschen. Für Arthur sind es Jahre, an die er sich nicht eigenständig erinnern kann. Deshalb beginnt er im Alter von 51 Jahren zu recherchieren, niederzuschreiben und zu archivieren, was ihm und seiner Mutter auf der Flucht geschah, wer überlebte und wo die Wurzeln seiner Familie zu finden sind.

Er zeichnet ein Bild einer zum Tode verurteilten Generation. Er skizziert die Sterne seiner Familie, die erloschen sind, begreift das Glück, das ihm zum Überleben verhalf und beschreibt in quälenden Beschreibungen, was ihm und seiner Mutter erspart blieb. Die Abläufe der Sternenauslöschung. Die systematische und industrielle Vernichtung in einem Ausmaß, das noch immer unvorstellbar ist. Er beschreibt die Tilgung der ganzen jüdischen Galaxie vom Sternenhimmel.

„Ich habe einmal gelesen: Für die einen sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Welche Sterne sah ich? Welche hörte ich? Alle, alle schwiegen.“

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Der Ausgangspunkt seiner Betrachtung stellt den Bruch der Geschichte dar. Das Land der Täter wurde zur neuen Heimat des damaligen Flüchtlings und nun lebt er seit der Wiedervereinigung Deutschlands in dem Land, das damals die Sterne vom Himmel holte. Und Arthur Segall lebt gut, seine Tochter studiert an einer Elite-Universität und es könnte fast besser nicht sein. Und doch zeigt sein schonungsloser Blick, was hier unter Integration verstanden wird, wie Migrationshintergründe das Leben erschweren und es neuen Zuwanderern schwer gemacht wird, ihre Identität im neuen Leben zu bewahren.

Arthur Segall beschreibt eine ganz eigene Sternzeit. Sowohl in seiner alten als auch der neuen Heimat werden Sterne immer unterschiedlichen Gruppen zugeschoben. Ein gesellschaftliches Leben ohne Underdogs scheint nirgendwo auf der Welt möglich zu sein und das Zuschieben vollzieht sich in ähnlich präziser bürokratischer Genauigkeit, mit der auch der Holocaust organisiert wurde. Überall auf der Welt sind die Nachfolger der Wannseekonferenz in den Räderwerken der Verwaltungen zu finden. Sternzeit. Es ist immer Sternzeit.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Jan Himmelfarb gelingt mit Sterndeutung ein großer und aktueller Wurf ins Herz unserer Denkkultur. Seine Deutungshoheit ist polyglott und er entlarvt die Sternzeit in all jenen Ländern, die sich selbst als weltoffen und frei bezeichnen. Und gleichzeitig ist es sein Verdienst, der Gedenkkultur neue Impulse zu geben. Seine Sternbilder sind es, die das Gedenken an einzelne erloschene Sterne erhellen. Er setzt sie ins rechte Licht und ruft dazu auf, dem Versuch seines Protagonisten zu folgen. Der Blick zurück zeigt, wo man steht, warum man genau da angekommen ist, wo man ist und wie weit man zu gehen bereit ist, um nicht mitschuldig zu werden.

Hier schließt sich der Kreis. Ich bin Sternwärter. Nicht nur weil Bücher wie Sterne sind. Nein. Ich empfinde mich seit dem Lesen dieses Buches und vor dem Hintergrund meiner Hoffnung, den Opfern des Nationalsozialismus gedenken zu können noch viel mehr in der Pflicht, erloschene Sterne mit Namen zu versehen und aktiv zu verhindern, dass Menschen Sterne zugeschoben bekommen, damit unzufriedene Gruppen sich ein wenig besser fühlen. Ich habe meine kleine literarische Sternwarte schon längst in den Dienst der Sterndeutung gestellt. Dieses Buch hat mir allerdings die Augen geöffnet und verdeutlicht, unter welch gutem Stern wir geboren sind. Lasst ihn uns teilen.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

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Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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