Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason - Astrolibrium

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Ja, er ist zweifelsohne ein großer Erzähler. Daniel Mason hat nicht nur einen guten literarischen „Riecher“ für neue und unverbrauchte Themen, die er in seinen Romanen zu großen Geschichten verdichtet. Er ist in der Lage, seine Leser in die Geschichte zu entführen. Zeitreisen in längst vergangene Epochen sind seine Spezialität. Recherchen und präzise historische Einordnungen zeichnen sein Werk aus und es ist der Ton, der hier die Musik macht. Es gelingt ihm, seine Charaktere so in die historischen Epochen einzubetten, dass sie aus der Zeit in unsere Arme fallen. So entsteht das Gefühl, nicht nur ein Buch zu lesen, sondern ein altes Familienalbum zu öffnen und Teil einer bisher unerzählten Geschichte zu werden. „Der Wintersoldat“ sorgte zuletzt für Aufsehen:

Ich schrieb in meiner Rezension zu diesem Meisterwerk: 

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… (weiterlesen)

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Der Klavierstimmer ihrer Majestät“ wirkt nun auf den ersten Blick wie ein neuer Roman aus der Feder des erfolgreichen Autors. Dabei wurde das Buch erstmals im Jahr 2002 veröffentlicht. Die neue Aufmerksamkeit für Daniel Mason mag nun ein guter Grund für die Neuauflage dieses Romans sein, da viele seiner jetzigen Leser das Buch nicht kennen und gerne an die Anfänge des Schaffens von Mason zurückkehren. Eine Neuentdeckung kann man diesen Roman also nicht nennen. Für eine Retrospektive ist es angesichts des Alters des Schriftstellers sicher noch viel zu früh. Genießen wir also einfach einen Roman, der uns bestimmt entgangen wäre, hätte er kein Revival erlebt. Er erzählt eine lesenswerte Geschichte, die in ihrer Ausgangssituation skurril wirkt, jedoch im Verlauf der Geschichte so greifbar wird, wie man es sich nur wünschen kann.

Erinnert Ihr Euch noch an Fitzcarraldo? Klingt der Name Christoph Schlingensief in Eurer Erinnerung? Findet Ihr die Verbindungslinie? Es war die klassische Musik, der die Träume folgten. Westliche Opernmusik im Dschungel, Opernhäuser am Amazonas? Erinnert Ihr Euch an Klaus Kinski, den Opernliebhaber, der einen Dampfer über einen Bergrücken ziehen lässt, um dann auf seinem Deck ein Opernhaus zu errichten? Auch Schlingensief stellte ein Opernhaus am Amazonas in den Mittelpunkt seines Schaffens. Verrückt? Abgedreht? Wartet, bis Ihr Euch mit Daniel Mason auf den Weg nach Birma macht. Es ist auch hier die westliche klassische Musik, die im indischen Kulturkreis zu klingen scheint, wie ein Wunder.

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Nur klingt die Musik nicht so, wie sie klingen könnte. Der wertvolle Flügel, den man mühevoll auf dem Land- und Seeweg in ein britisches Militärlager transportiert hatte, ist arg in Mitleidenschaft gezogen. Das tropische Klima und ein paar gezielte Schüsse auf den Korpus des Flügels haben ihn wahrlich verstimmt. Und genau das scheint nun das größte Problem eines Oberstabsarztes der britischen Kolonialtruppen zu sein. Er sieht seine Mission gefährdet. Er sieht den Frieden und die Vormachtstellung der Engländer im umkämpften Britisch-Indien des Jahres 1887 auf der Kippe stehen. Denn es ist der Flügel, dem man nachsagt, dass er im Kampf der Kulturen wahre Wunder bewirkt hat.

So erreicht die ferne Regierung in London ein knappes Schreiben:

„Gentlemen,

man kann auf dem Erard-Flügel nicht mehr spielen, er muss gestimmt
und repariert werden. Ein auf Erard spezialisierter Klavierstimmer wird
in Mae-Lwin dringend benötigt. Das dürfte weiter keine Schwierigkeiten
machen. Es ist wesentlich einfacher, einen Mann hierher zu schicken als
ein Klavier.

Oberstabsarzt Anthony Carroll, Mae-Lwin, Shan-Staaten

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Eine explosive Ausgangssituation. Die brennende Lunte am Pulverfass eines großen atmosphärischen Abenteuer-Romans glimmt nicht leise vor sich hin. Daniel Mason lässt keinen Zweifel daran, dass nur der Londoner Klavierstimmer Edgar Drake in der Lage ist, einen ganzen Subkontinent für die britische Krone zu retten. Er reist im Auftrag der Krone nach Indien. Hier entwickelt Mason einen Erzählreichtum, der die Schatzkiste in seiner Erzählung bis zum Rand mit brillanten Handlungsfäden füllt. Es ist die Musik, die sich Raum erobert. Es ist das Klavierstimmen, das er uns nachhaltig näherbringt, es ist die Reise von London nach Indien, auf die wir uns begeben. Und es ist der Kampf der Kulturen, den wir vor Ort erleben.

Wie konnte es dem Arzt gelingen, den Frieden mit einem Klavier zu wahren? Welche Rolle spielen die War-Lords der Region? Wird es dem Klavierstimmer gelingen, diesem Flügel neues Leben einzuhauchen? Wie verändert sich das Leben von Edward Drake? Und welche Rolle spielt die geheimnisvolle Frau, der er im Militärlager begegnet? Birma entfaltet einen grandiosen Zauber. Ein indischer Schleier, undurchsichtig und magisch. Eine Reise ans andere Ende der Welt, die sich lohnt. Eine Reise, die den jungen Mann aus London an die Grenzen führt. Und darüber hinaus. Daniel Mason hetzt uns nicht in seinem Roman. Er lässt den Reise-Etappen und den Charakteren Spielraum. Er spielt auf der Klaviatur seiner Erzählkunst eine Partitur, der man atemlos folgen muss. Es ist die Liebe, die sein Erzählen prägt. Es ist die Romantik, die sich Bahn bricht. Und doch ist es wie immer bei Daniel Mason. Sein Finale ist nicht von der Stange. Es ist niemals vorhersehbar, so sehr wir uns das als Leser auch wünschen würden.

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Nein, ich mag nichts vorwegnehmen oder sogar spoilern. Manchmal findet man im Schreiben von Autoren bestimmte Muster, die sich wiederholen. Bei Daniel Mason bin ich auf eine „Verweigerungshaltung“ gestoßen, mit der sich seine Leser anfreunden müssen. Klassische und einfach gestrickte Happy Ends sind nicht sein Ding. Dafür ist die Konstruktion seiner Romane zu komplex angelegt. Und mit seinen Protagonisten ist das auch nicht zu machen. Dafür sind sie zu eigen. Passt auf Euch auf beim Lesen…

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Long Bright River von Liz Moore

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Long Bright River von Liz Moore

Vielleicht sollten Sie sich „Streets of Philadelphia“ von Bruce Springsteen anhören, während Sie diese Rezension lesen. Jedenfalls war der Song meine Nummer 1 auf der Playlist zum Roman „Long Bright River“ von Liz Moore. Das liegt nicht daran, dass er am Delaware spielt, der sich mitten durch die amerikanische Metropole schlängelt. Hier ist es die zutiefst melancholische Atmosphäre, die zur Grundstimmung dieses brillanten Romans passt, der wie ein Film an unserem geistigen Auge vorbeifliegt. Es ist ein mehr als tristes Szenario, in das uns Liz Moore entführt, es ist die ehemals aufstrebende und pulsierende Industriestadt Philadelphia, die uns gefangen nimmt. Es sind Straßenzüge, die sich in unser Gedächtnis brennen und es sind die Menschen dieser Stadt, die einen einsamen Kampf gegen Armut, Drogenabhängigkeit und Prostitution führen.

Perspektive wird zur Mangelware im dahinsiechenden Philly. Ein brillantes Setting für einen Kriminalroman, der einerseits Sittengemälde einer modernen Gesellschaft ist, andererseits aber genau aus den hier angesiedelten Konflikten den Zündstoff für seine Handlung bezieht, die hochexplosiv ist. Wir gehen mit Michaela, genannt „Mickey“ auf Streife im neuralgischsten Viertel der Stadt. Es ist das alte Kensington und es sind die heruntergekommenen Avenues, auf denen sich das wahre Leben zwischen Kriminalität und Überleben abspielt. Hier patrouilliert die Streifenpolizistin tagein tagaus, nicht aber im Kampf gegen das allgegenwärtige Verbrechen. Sie passt auf ihre Schwester auf.

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Fünf Jahre lang haben sie nicht mehr miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich sind die Welten, in denen sie leben. Kacey, die drogenabhängige Prostituierte, schafft hier auf den Straßen von Philadelphia an, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren. Und all dies unter den wachsamen Augen ihrer Schwester Mickey, die ihrer Mission mit der stillen Akribie einer Maschine folgt. Dass sie dabei oft an ihre Grenzen stößt, sie sogar überschreitet und im Dienst unzuverlässig erscheint, nimmt die Mutter eines 5-jährigen Sohnes in Kauf, solange sie für ihre Schwester den Schutzengel spielen kann. Dies ist eine mehr als spannende Ausgangslage für einen atmosphärischen Krimi, mit der sich die Autorin natürlich nur anfänglich zufriedengibt.

Liz Moore lässt es dunkel werden. Im Strahl ihrer Taschenlampe sehen wir nur erste Fragmente von Bildern, die sich zu einem Mosaik zusammenfügen, in dem wesentliche Steine fehlen. Eine Prostituierte wird ermordet aufgefunden, die Polizei steht vor einem Rätsel; Mickey bemerkt, dass sie ihre Schwester Kacey schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hat; das Drogen- und Prostituiertenmilieu ist aufgeschreckt und als sich andeutet, dass ein Serienmörder umgeht, schrillen sowohl bei der Polizei, als auch bei Mickey alle Alarmglocken. Liz Moore entwirft in ihrem Roman Parallelwelten, in denen wir tief versinken müssen, um alle Zusammenhänge zu erkennen.

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Long Bright River von Liz Moore

Es ist Mickeys Welt, in der die Work-Life-Balance schon längst gekippt ist. Sorge um ihren Sohn Thomas, die unzuverlässige Nanny, die schrullige Vermieterin und ein neuer Partner im Streifenwagen engen ihren Aktionsradius deutlich ein. Die Angst um ihre Schwester macht aus der Straßenpolizistin einen Rachenengel, der zu allem bereit zu sein scheint. Auf eigene Faust nimmt sie die Ermittlungen auf und als man ihr steckt, ein Cop könnte der Killer sein, verliert sie jedes Vertrauen zu ihren Kollegen. Parallelen Welten gilt es fortan lesend zu folgen. Rückblicke auf die Kindheit der beiden Mädchen, ihre unterschiedliche Entwicklung, den familiären Rahmen und falsche Freunde geben Aufschluss über die Wurzeln ihres heutigen Konfliktes. Mickey und Kacey werden uns von Kapitel zu Kapitel vertrauter. Die Sorge wächst.

Liz Moore hat in ihrem Buch Long Bright River den legendären Fluss Delaware als Strukturelement verewigt. Träge fließt er durch die Stadt, seichte Flussarme und schnelle Passagen wechseln sich ab. Schmutzig ist das Wasser. Im Trüben muss man fischen, wenn man an den Grund gelangen will. Und der Fluss hat schon viel bessere Zeiten gesehen. Wenn Liz Moore in den Flow kommt, kann man sich ihrem Schreiben nicht mehr entziehen. Mosaikstein um Mosaikstein findet an seinen richtigen Ort. Allein ein Gesamtbild verweigert sich uns. Aus Nebenfiguren werden relevante Charaktere, in klaren Bildern und Vorurteilen sehen wir uns getäuscht. Unterstützung kommt fast nur von vorher nicht erwarteter Seite. So streifen wir durch die Straßen einer Stadt, die nie zu schlafen scheint. Wir vermuten täglich, auf Kaceys Leiche zu stoßen und hoffen, uns werde noch mehr Zeit gegeben, sie zu finden.

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Long Bright River von Liz Moore

Liz Moore gelingt nicht nur die perfekte Charakterzeichnung ihrer Protagonisten. Wenn man ihren Cast mit der Besetzungsliste eines Films vergleichen würde, hätte sie den Oscar für einige wichtige Nebenrollen verdient. Ein verletzter Ex-Kollege, der sich trotz Handicap privat in die Ermittlungen einschaltet – eine grandiose Figur. Ebenso die alte Vermieterin von Mickey, die eine Wandlung durchlebt, die sie fast zur Hauptperson des Romans werden lässt. Polizisten, die sich einfach schäbig verhalten und Dealer, in denen man sich so lange getäuscht hatte. Ein Sittenbild voller Verwerfungen und ohne jede Vorhersehbarkeit.

Dass es Liz Moore gelingt, uns lange an der Nase herumzuführen, ist einfach nur der großartigen Struktur ihres Romans zu verdanken. Wir liegen oft falsch, weil wir einfach nicht bereit sind, die Wahrheiten zu erkennen, die direkt vor unseren Augen zu liegen scheinen. Wir sind ebenso blind für das große Ganze, wie es die Gesellschaft in Philadelphia für die Ausgegrenzten und Ermordeten ist. Der ganz große Aha-Effekt im Roman macht aus einem Krimi eine tiefe Beziehungsstudie. Freundschaften können im wahren Leben auf die Probe gestellt werden. Schwesternliebe nicht. Sie bleibt auch im tiefsten Konflikt latent bestehen und bricht in den Momenten aus, in der sie in der Lage ist, Leben zu retten. Blut ist dicker als Wasser – das gilt auch für diesen Roman.

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Long Bright River von Liz Moore

Neben der brillant erzählten Handlung ist es die Sprache, die mich überzeugt hat. Sie schmiegt sich an den Song von Springsteen an, sie trägt uns melancholisch durch eine Geschichte voller Verlustangst und Traumata. Es ist eine Sprache, die uns zeigt, was mit Schwestern geschieht, die durch das Leben voneinander getrennt werden. Ich möchte Euch mein Lieblingszitat mit auf den Weg geben, bevor ihr dem „Long Bright River“ folgt und in den Straßen von Philadelphia nach Kacey sucht:

„Wir lebten uns immer mehr auseinander. Ohne sie wurde meine Einsamkeit monströs, ein leises Summen, ein zusätzlicher Körperteil, eine Blechdose,
die ich hinter mir herzog, wohin ich auch ging. Ich vermisste Kacey.“

Ich gehe jede Wette ein, dass Sie diese Blechdose hören werdet, wenn Sie diesen Roman lesen. Passen Sie auf sich auf.

PS: Constanzes Sicht auf Zeichen & Zeiten ist ein Plädoyer für diesen Roman.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan – Astrolibrium

Es ist die Liebe zum literarischen Erbe ihrer Heimat, die sie alle vereint. Es ist die Liebe zum geschrieben Wort, die sie zusammenführt und es ähnelt einem literarischen Salon in Europa, wenn sie sich in einem besonderen Raum eines einfachen Hauses im Zentrum von Teheran versammeln. Es ist Der Zirkel der Literaturliebhaber, in den wir von Amir Hassan Cheheltan ohne Vorbehalte eingeführt werden. Der Schriftsteller ist sich sehr wohl darüber im Klaren, dass er sich mit seinem Buch nicht an Lesende und Literaturfreunde wendet, die ein Studium der persischen Literaturgeschichte absolviert haben. Nein. Er macht es uns leicht, weil wir uns von der ersten Seite an wünschen, in diesem Zirkel der Weltoffenheit und Bücherleidenschaft stille Zaungäste sein zu dürfen.

Es ist sein Leben, das der im Iran geborene Journalist und Schriftsteller hier vor uns öffnet. Es war sein Elternhaus, das dem Zirkel als Versammlungsort diente und es waren die guten Freunde seiner Eltern, die sich hier über Jahrzehnte hinweg trafen, in ihren Leseerinnerungen versanken, diskutierten, rezitierten und auch über Bücher und Autoren stritten. Es war sein Vater, der diesen Zirkel ins Leben rief. Und er war es, der seinem Sohn schon in ganz jungen Jahren den Zutritt zu einem „Club“ gewährte für den er eigentlich noch viel zu jung war. Die Exklusivität dieser Gesellschaft und das Land, in dem sich so viel verändern sollte, steckten den Rahmen für jene Treffen ab. Ein fragiler Rahmen voller Risiko und Gefahr. Fast vierzig Jahre lang währten die Treffen. Jahre, in denen sich die großen persischen Literaten ein Stelldichein gaben. Obwohl diese schon seit ewigen Zeiten verstorben sind, gehören sie zum inneren Kreis des Zirkels. Als wäre Shakespeare unter uns, wenn wir über Romeo und Julia sprechen. Magisch.

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Natürlich geht es um Literatur in diesem Buch. Aber es geht auch um das Land, in dem sich Literaturliebe ihren Weg bahnt und dabei steht der Iran sinnbildlich für jedes Land dieser Welt und für viele politische Systeme, die ihre Finger nach der Kultur und den Menschen ausgestreckt haben, für die Literatur mit freiem Denken gleichzusetzen war. Was uns Amir Hassan Cheheltan über sein Heimatland erzählt ist erschreckend und doch so greifbar, weil wir vergleichbare Wellenbewegungen von Machtmissbrauch auch in den verschiedenen Deutschlands seit 1933 noch gut vor Augen haben. Hier ist uns nichts fremd. Lediglich die Rolle der Religion tritt an die Stelle von Ideologien, in denen Kultur als systemfeindlich gebrandmarkt, verbrannt und als entartet ausgegrenzt wurde.

Insofern ist der „Zirkel der Literaturliebhaber“ ein Sehnsuchtsort, ein Biotop des freien Denkens und gleichzeitig Dorn im Auge und Stachel im Fleisch jener, die solche Biotope trockenlegen wollen. Da ist es echt egal, ob wir von Nazis, Sozialisten oder von einem persischen Schah und den Mullahs sprechen, die ihn aus dem Land trieben. Wir verstehen dieses Buch richtig. Wir erkennen die Risiken eines solchen Reservates und wir können gut nachvollziehen, was im inneren Gefüge des Zirkels vor sich ging, als die Mitglieder der Gruppe nach der Revolution erfuhren, dass Geheimdienstmitarbeiter des Schah-Regimes den Zirkel unterwandert hatten und detailliert über die Treffen berichtet hatten. Hier klingeln Worte, wie inoffizielle Mitarbeiter und Denunzianten mehr als heftig in unseren Ohren.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Hier ist die Schönheit der persischen Sprache, die Hochkultur des Schreibens der beste Fluchtpunkt. Hierhin kann man sich zurückziehen, um über Liebe, Leidenschaft und die großen Dinge des kleinen Lebens zu philosophieren. Und Flucht ist immer dann von besonderer Relevanz, wenn sich das tägliche Leben in instabilen Verhältnissen und immer engeren Grenzen abspielt. Ein Refugium ist hier lebenswichtig. Das Buch strotzt nur so vor kleinen und wundervollen Anekdoten aus den alten Büchern der Dichter des Landes. Sie muten an, wie Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Wir erleben den Affen, der immer ohne Herz verreist, weil es so traurig ist, dass er seine Freunde nicht mit seinem Schmerz konfrontieren möchte. Als er unterwegs auf einem Menschen trifft, der auf der Suche nach einem Affenherz als Medizinersatz ist, rettet ihm seine Marotte das Leben. Herrlich erzählt, wundervoll zu lesen und metaphorisch in jedem Kulturkreis von Relevanz. Man sollte nicht mit schwerem Herzen reisen.

Es sind die ganz großen Autoren der persischen Literatur, die hier ins Feld geführt werden. Rumi, Hafis, Saadi, Ferdowsi und viele andere öffnen dem Zirkel ihre Bücher und inspirieren die Männer und Frauen zu eigenen wunderbaren Gedanken. Während vor der Tür die Revolution tobt, die Mullahs die Macht an sich reißen und auch Literatur in den Fokus der islamischen Führer rückt, wird es zusehends gefährlich für den Zirkel. Der Koran steht über allem. Er scheint jedoch nicht vereinbar mit der Freiheit der alten Meister, auch sexuelle Themen in den Mittelpunkt ihres Schreibens zu stellen. Hier geht die Schere zwischen Kunst und Religion zu weit auf. Hier wird es gefährlich und hier ist der Zirkel der Literaturliebhaber allein auf weiter Flur. Untergrundlesen ist angesagt.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Toleranz: Fehlanzeige und die Freiheit des Denkens kann man abhaken. Hier geht Amir Hassan Cheheltan einen weiteren Schritt in ein Niemandsland, das man eigentlich nicht gerne betritt. Er setzt homophobe politische und religiös überlagerte Systeme auf die Anklagebank. Hier zeigt er deutlich auf, wie selbstverständlich gleichgeschlechtliche Liebe in der historischen persischen Literatur thematisiert wurde. Während draußen vor der Tür Homosexuelle zum Tode verurteilt oder hingerichtet werden, vertieft sich jener Zirkel in Textpassagen, die an Freizügigkeit nicht zu überbieten sind. Literatur ist ohne Vorurteil. Literatur ist nicht heterosexuell, sie ist oft so schwul, wie sie nur sein kann und sie geht diesen Weg konsequent zurück bis zu ihren Anfängen.

Hier liegt eine der wesentlichen Leistungen dieses Buches, das wie ein Wolf im Schafsfell daherkommt. Das ist nichts für homophobe Lesende voller Vorurteile. Hier wird es provokant und überschreitet eine Vielzahl von Grenzen, die in vielen Ländern auch heute noch gezogen sind. Hier zeigt das Buch Flagge und lehnt sich gegen jede religiöse Doktrin auf und hier bezieht der Schriftsteller Stellung im Schützengraben der weltoffenen Freigeister. Ich wünsche es mir so sehr, dass dieses Werk aus Versehen jemandem in die Finger fällt, dem seine Vorurteile bitter aufstoßen. Eine differenzierte Beschreibung homoerotischer literarischer Passagen darf man hier nicht erwarten. Es geht bei den großen Meistern recht unverblümt zur Sache. Ich war mehr als begeistert von diesen Aspekten. Ein zutiefst humanistisches Buch voller Botschaften – gerade für den nicht-persischen Sprachraum. So sehr lesenswert.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Und ich wünsche mir, dass ich eines Tages etwas erlebe, was mir bisher verwehrt blieb (und das ist wahrlich kein Vorwurf):

„Mein Vater hat das später lachend als meinen Sturm auf seine Bibliothek
bezeichnet. Er hatte recht, an jenem Nachmittag hatte ich seine Bibliothek
gestürmt. Ein Dürstender, nicht ahnend, dass er von Flüssen umgeben war.“

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Der Wintersoldat von Daniel Mason [Galizien 1915]

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason. Der Erste Weltkrieg. Ein Behelfslazarett in Galizien. Ein Medizinstudent, der sein Studium früher beenden darf, um als vollwertiger Arzt an der Front Leben zu retten. Ein diffuser Kriegsverlauf; eine einsame Kirche; eine Ordensschwester, die sich hier gänzlich auf sich gestellt um die Verwundeten kümmert und ebenjener „Halbarzt“, der in der Hoffnung lebt, von erfahrenen Kriegschirurgen viel lernen zu können. Doch schon seine Ankunft in den verschneiten Karpaten steht unter keinem guten Stern. Lucius Krzelewski erreicht seine Wirkungsstätte mit gebrochener Hand, völlig unterkühlt und verunsichert. Seine Frage nach dem leitenden Arzt wird von Schwester Margarete freundlich aber bestimmt beantwortet:

„Der Doktor? Haben Sie nicht gerade gesagt, das sind Sie?“

Diese Ausgangssituation verbirgt so viele Schlagworte, dass es mir unmöglich war, dieses Buch nicht zu lesen. Und genau an dieser Stelle möchte ich meinen Zugang zu diesem Roman voranstellen. Warum entscheidet man sich für ein Buch? Was ist dafür verantwortlich, dass man sich magisch zu einer Geschichte hingezogen fühlt? Was ist der Grund dafür, dass man eine Erzählung vielleicht anders liest und rezensiert, als die Mehrzahl der Leser dieses Romans. Ich finde, es ist wichtig, dies vorab zu erklären und zu verraten, welche Begriffe mich schon vor dem Lesen getriggert haben. Alles begann 1915. Ein 18jähriger junger Mann wird von heute auf morgen Soldat und findet sich, für Deutschland und den Kaiser kämpfend, schwer verletzt in einem Behelfslazarett im tief verschneiten Galizien wieder.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein Granatsplitter im Knie und ein Munddurchschuss, der ihn verstummen ließ. So lag er sprachlos und auf die Amputation wartend im verlausten Krankenbett. Er schrieb auf eine Schiefertafel: „Lieber tot, als mit einem Bein zur Mutter zurück.“ Man verzichtet darauf, das Bein abzunehmen. Man füttert ihn, versucht, die Gesichtsverletzung in den Griff zu bekommen, kämpft gegen Fieber und Entzündungen an und er muss hilflos mit ansehen, wie das Lazarett mehrfach überrannt wird. Da er nicht reden und gehen kann, wird auch er überrannt. Deutsche und verbündete Österreicher pflegen ihn, aber auch Russen, für die er nicht als Feind zu erkennen ist. Zuletzt kommt er auf zwei Beinen im heimatlichen Trier an. Am Ende einer Odyssee. Leicht hinkend bis an sein Lebensende und im Gesicht gezeichnet. Immerhin lebendig. Schweigend. Schwer traumatisiert. Und doch in der Lage, eine Familie zu gründen. Meine Familie. Mein Großvater reichte den Granatsplitter und einiges mehr an mich weiter. Wäre er damals im Lazarett gestorben, es gäbe diese Zeilen nicht.

Und nun ein Roman. „Der Wintersoldat“. Galizien. Die Karpaten. Ein Lazarett der KuK-Monarchie. Ein österreichischer Arzt, verzweifelte Zustände. Läuse, Typhus und Amputationen am Fließband. Rudimentäre medizinische Versorgung und Verwundete, deren Schicksal täglich am seidenen Faden hing. Hier könnte er gelegen haben. Dieser Gedanke war nicht mehr von meinem Lesen zu trennen, als ich mit Lucius und seiner Krankenschwester Margarete durch die Reihen der Verletzten schritt, um ihr Leben zu retten. Hier könnte er ein kleines Mosaiksteinchen gewesen sein. Unbedeutend und nur eine Zahl in der Liste der Gefallenen. Hier hätte auch meine Geschichte enden können, bevor sie eigentlich begann. Ich denke, hier wird deutlich, dass „Der Wintersoldat“ für mich kein Buch wie jedes andere ist. Und es auch niemals sein wird.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein außerordentlich scharfes Gespür für das Verborgene“ attestieren seine Lehrer dem jungen Medizinstudenten Lucius. Auf der Suche nach dem Unbekannten führt ihn sein Studium nah an die verborgenen Prozesse im Gehirn und an Störungen heran, die in der damaligen Zeit nicht therapierbar waren. Er brennt für sein Studium. Im Lazarett jedoch muss er sich der Erfahrung der Nonne Margarete unterwerfen. Sie hat alles im Griff. Sie hat Routine und sie hat die fehlenden Ärzte kompensiert. Amputationen hatte sie mehr durchgeführt, als er jemals auch nur in die Nähe von Patienten kam. Sie zeigt ihm, worauf es ankommt, steckt ihn mit ihrer selbstlosen Leidenschaft an und lässt ihn dabei nicht wie einen Anfänger aussehen. Ihre Loyalität ist signifikant für ihr Wesen. 

Daniel Mason versetzt uns schlagartig in das Szenario eines Lazaretts, in dem es an allem mangelt. Seine Beschreibungen sind verstörend präzise. Es ist der verzweifelt geführte Kampf gegen Läuse, der uns auch lesend dazu bringt, uns zu kratzen. Es sind Fieberschübe und Todesängste, die uns beschleichen; es ist Trauer, der wir nicht mehr entrinnen können und es ist die Hilflosigkeit jener Helfer, die wir nachvollziehen können, wenn wir mit ihnen am OP-Tisch stehen. Mason schildert alle Facetten von Verletzung und Traumatisierung, die einen Kampf so hoffnungslos erscheinen lassen. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Empathie angesichts des Grauens wirkt wie die unsichtbare Klammer, die alles zusammenhält. Die Frustration über diejenigen, die das Lazarett heimsuchen, um frontfähige Soldaten zu rekrutieren, macht sprachlos.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es verwundert nicht, dass der ins kalte Wasser geworfene Arzt und die erfahrene Krankenschwester sich in diesem Chaos menschlich nähern. Ihre Beziehung stößt mit jedem Gedanken an neue Grenzen. Und doch verlieren sie sich ineinander. Nonne und Arzt. Hier an der eisigen Front. In der Einsamkeit einer chaotischen Insel verletzter Körper und Seelen. Als „Der Wintersoldat“ eingeliefert wird, ändert sich alles. Es sind psychische Schäden, die ihn fast lähmen. Das Kriegszittern, die Panikattacken, die nun um sich greifen, sind kaum zu beherrschen. Dazu kommt noch die Befürchtung, dass er als Simulant und Deserteur verurteilt und erneut ins Gefecht geworfen wird. Margarete und Lucius beschließen, diese arme Seele zu retten. Ein Plan, der zum Fiasko wird.

Eine verbotene Liebe in unmöglichen Zeiten verleiht dem Roman eine emotionale Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Die individuellen Schicksale der Soldaten lassen keinen Spielraum für ruhige Lesephasen. Die Zustände im Lazarett verstören im wahrsten Sinne des Wortes. Und doch legt Simon Mason einen unaufgeregt verfassten und ruhigen Roman vor. Sein Kraft strahlt von innen heraus. Die Wucht der Geschichte entfaltet sich im Leser. Ein Pageturner ohne künstlichen Brandbeschleuniger. Der Krieg trennt zwei Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diesem Chaos füreinander bestimmt zu sein scheinen. Lucius` Suche nach Margarete wird zur Odyssee durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Mitfiebern garantiert…

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Es waren solche Ärzte und Krankenschwestern, die meinen Großvater retteten. Es waren solche Menschen, die bei ihm eine Ausnahme machten, die riskieren mussten, aus ihm einen Drückeberger zu machen, denn das Ziel der Kriegschirurgie lautete nur, den Verletzten so schnell wie möglich und wie auch immer erneut an die Front bringen zu können. Es waren solche Menschen, die ihm beistanden, als er selbst rettungslos in Schweigen und Schmerz versank. Es waren solche Menschen, die mich ermöglichten. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber so. Und vielleicht findet sich ja genau hier einer der wesentlichsten Gründe für meine persönliche Berufswahl. Warum sonst sollte ich mich genau dort wiederfinden, wo „Der Wintersoldat“ auch heute noch jederzeit eingeliefert werden könnte? Danke fürs Lesen.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason / C.H. Beck Verlag / dt. von Sky Nonnhoff und Judith Schwaab / gebunden / 430 Seiten / 1 Karte / 24 Euro

Meinem Großvater liebevoll zugeeignet. Johann Josef Jager (1897 – 1991).

Es geht weiter: Daniel Mason. Der Klavierstimmer ihrer Majestät. Auf nach Birma. Der Erard-Flügel ist verstimmt und es droht Krieg… Lesenswert, wie immer…

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Winterbienen von Norbert Scheuer – Ein Durchbruch

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Es ist, als würde eine der wichtigsten Erzählquellen der Eifel über die Ufer treten. Es ist, als würde sich der Erzählfluss eines Heimatschriftstellers mit den Erzählströmen der bedeutenden Autoren unseres Landes vereinen und einen Stausee füllen, aus dem wir unendlich schöpfen können. Es fühlt sich an wie ein Naturereignis, da der Eifelfluss nicht in diesen Erzählfluten unterzugehen droht, sondern unverwechselbare und extrem nachhaltige Spuren im großen Literatur-Meer hinterlässt. Es ist wie die Neugeburt einer Stimme, der man zuvor vielleicht eher regionale Relevanz beigemessen hat. Die Rede ist hier von Norbert Scheuer, der mit seinen bisherigen Romanen einen authentischen und emotionalen Blick auf seine Heimat, die Eifel, gerichtet hat.

Kall – Eifel“ und „Am Grund des Universums“. Zwei Romane, die den Menschen der ländlichen Region huldigen. Geschichten über Heimkehren, Bleiben und die Sehnsucht nach dem einen Ort, mit dem man alles verbindet. Es sind Erzählungen, in denen sich Norbert Scheuer durch die Sedimentschichten seiner Heimat gräbt, den Menschen, die ihm täglich begegnen ein literarisches Gesicht und Identität verleiht. Romane, die nicht nur in der Eifel gelesen werden. Scheuer lässt seine traumatisierten Protagonisten aus Afghanistan in die Heimat zurückkehren. Er lässt uns aus ihrer Perspektive beobachten und agieren. Er errichtet neue Gebäude auf den Ruinen der Vergangenheit, lässt einen Stausee trockenlegen, um aus den Fundstücken Geschichten zu erzählen. Scheuer ist ganz nah am Puls der Menschen, denen er aus der Seele zu schreiben scheint.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Und doch hängt seinen Werken das Regionale an. Das Lokalkolorit und der typische Menschenschlag, sowie die Themen, denen er sich widmete mögen Gründe dafür sein, dass er nicht so wahrgenommen wurde, wie ihn Literatur-Insider schon immer gesehen haben. Als ganz großen Erzähler. Ich bin selbst ein Kind der Eifel. Ich bin vom Schlage dieser Menschen. Ich bin typisch und doch bin ich gegangen. Seine Romane waren für mich, wie die Rückkehr nach Hause. Hoffend, man möge im Stausee Dinge finden, die mit mir in Verbindung stehen. Hoffend, mein Heimatgefühl zu reanimieren. Jetzt hat der (vielleicht unterschätzte) Heimatschriftsteller (und ich meine das nicht despektierlich) in seinem neuen Buch ein Kapitel seines Schaffens aufgeschlagen, das ihn stilistisch und inhaltlich in eine neue Dimension vorstoßen lässt.

Winterbienen“ von Norbert Scheuer – C.H. Beck Verlag

Ja, er beheimatet seine Geschichte in der Eifel. Ja, es ist erneut das Dörfchen Kall, das im Mittelpunkt seines Romans steht. Und ja, es sind diese so typischen, aber nicht stereotypen Menschen, die den Landstrich mit Leben füllen. Diesmal jedoch öffnet sich der Mikrokosmos Eifel und wird vom großen Weltgeschehen vereinnahmt, vergewaltigt und vernichtet. Wir erleben Kall im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. 1944. Eine eigentlich ländliche Idylle, in der sich die Nazi-Ideologie ebenso ausgebreitet hat, wie in ganz Deutschland. Eine Idylle, in der die Zeit stehenzubleiben scheint. Und doch rückt die Eifel ins Zentrum der alliierten Aufmarschpläne zur Eroberung des Dritten Reichs.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Schlagworte wie Ardennenoffensive, Allerseelenschlacht und Hürtgenwald sind bis heute unvergessen. Überschriften über einem Kapitel im Leben der Menschen in Kall, die zu Beginn dieses Jahres 1944 noch nicht getextet waren, ihre Spuren jedoch in Form alliierter Bomberverbände in den Nachthimmel schrieben. Hier treffen wir auf den Imker Egidius Arimond. Auch ihn hebt Norbert Scheuer aus der Bedeutungslosigkeit eines kleinen regionalen Charakters hinaus, indem er das Drama der Nazi-Ideologie in seiner Existenz spiegelt. Epileptiker, Fluchthelfer für jüdische Emigranten auf dem Weg nach Belgien und leidenschaftlicher Bienenzüchter. Überschriften über einem Leben, in dem nichts so ist, wie es sein sollte.

Als Epileptiker aussortiert, weil er das unwerte Leben repräsentiert, während andere im Krieg ihren Mann stehen. Als Fluchthelfer unverzichtbares Bindeglied auf der letzten Route ins vermeintlich sichere Belgien und als Bienenzüchter auf der Suche nach dem einen widerstandsfähigen Volk, das sein Überleben sichert. Flüchtlinge verbirgt Egidius in präparierten Bienenstöcken. Sein Wissen rettet Leben. Für sich selbst kann er kaum etwas tun. Medikamente: Fehlanzeige. Unterstützung: Fehlanzeige. Und jeder Tag, den der Krieg länger dauert, reduziert seine Hoffnung. Ein einfacher Mensch. Ein typischer und sich doch von der Masse der Mitläufer so sehr unterscheidender Mensch. Ein ganz großer literarischer Wurf, weil alle Erzählräume des Romans hier ihren Ursprung finden.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Während sich die Weltgeschichte der Eifel nähert, während D-Day und das Attentat auf Jupp (so Hitlers Spitzname in der Eifel) vom 20. Juli 1944 nur aus der Ferne in das Bewusstsein der Menschen rauschen, zieht sich die Schlinge um Egidius immer enger zusammen. Verrat, Denunziation, Bombenangriffe, Minenfelder, das letzte Aufgebot der Wehrmacht und zurückkehrende verwundete Soldarten, die ihn beneiden, stellen seine Existenz unter Vorbehalt. Dazu noch die häufiger auftretenden epileptischen Anfälle. In kaum einem Roman wird ein gefährdetes Biotop so spürbar vom situativen Rahmen der Zeit aufgesaugt. Hier schreibt sich Norbert Scheuer auf eine metaphorische Ebene und öffnet die Szenerie für die großen Widersprüchlichkeiten des Lebens. Während Bienen gehegt und gepflegt, gezüchtet und umgesiedelt, zu Völkern vereint werden und Honig geerntet wird, kommen wir Leser aus dem Staunen nicht heraus.

Das Opfer der nationalsozialistischen Reinrassigkeit, derjenige, der sieht, wie man Völker untergehen lässt und vernichtet, der Ausgegrenzten zur Hilfe eilt, sucht nach der perfekten und überlebensfähigen Bienenrasse. Er sortiert aus, selektiert, siedelt Völker um, erweitert ihren Lebensraum, beobachtet und fördert Königinnenmord, er notiert die Fortschritte akribisch, erntet, entsorgt nutzlose Drohnen und Arbeiterinnen, während er mit Abscheu beobachtet, wie man Zwangsarbeiter prügelt. Die Widersprüchlichkeit der Rassetheorien wird greifbar. Die Perversion der Nazis tritt im langsamen Erzählfluss in immer erschreckenderen Bildern zutage. Norbert Scheuers Sprache erhebt sich über den Schrecken der Zeit. Wenn er von Nazi-Goldfasanen spricht, wird er zum literarisch brillanten Widerstandskämpfer. Wenn er von Bienen spricht, dann macht er Forschern Konkurrenz:

„Sie bilden in den ersten frostigen Nächten eine Traube,
in der sie sich gegenseitig wärmen… wenn man ihnen zusieht,
ist es, als blicke man in ein träumendes Gehirn.“

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Winterbienen von Norbert Scheuer

„Winterbienen“ ist ein großer Roman. Er vereint Erzählräume aus „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde mit den Perspektiven der Widerstandskämpfer in unserer Literaturgeschichte. Fallada lässt grüßen. Wir leben, leiden und lieben mit Egidius. Wir begleiten ihn, wohlwissend, was sich von allen Seiten über ihn ergießen wird. Wir sind an seiner Seite, wenn er Leben rettet und Bienenvölker selektiert. Wir stehen zu ihm in allen Situationen, in denen er uns ängstlich, mutig, zögernd und forsch vorausgeht. Die Epilepsie als tickende Zeitbombe im eigenen Körper, britische Bomber über sich, Nazis im Rücken und die Wunderwaffe des Dritten Reichs, V2-Raketen, als Schreckgespenst eines andauernden Krieges im Auge. Dieser Roman ist relevant, er ist brillant erzählt, in seiner Konstruktion unantastbar und gnadenlos zu Ende gedacht.

„Winterbienen“ schließt Kreise im Schreiben von Norbert Scheuer. Das Nachwort ist eine Offenbarung. Der Stausee bei Kall verschluckt am Ende Gegenstände, die erst Jahrzehnte später „Am Grund des Universums“ gefunden werden. Dieser Roman ist ein literarischer Fingerzeig auf die Eifel im Krieg, die Folgen von Ausgrenzung und den grenzenlosen Fanatismus der braunen Ideologie. Norbert Scheuer öffnet eine Tür zur Eifel, die man durchschreiten sollte. Nicht nur, um Scheuers Schreiben in einem neuen Kontext zu sehen. Sondern ganz besonders, um eine Stimme zu vernehmen, die ihren Durchbruch dem Einbruch einer heilen Welt verdankt.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Die deutsche Literatur ist im Flow. Wildwasser und ruhige Erzählströme sind von so großer Reinheit, wie selten zuvor. Man sollte davon kosten. Und dann sollten wir unser geschultes Auge schweifen lassen und Bücher vereinen, die der Mensch nicht trennen darf. Propaganda von Steffen Kopetzky fällt wie ein Wirbelsturm über die Eifel her. Die Allerseelenschlacht, ein Stausee, die Ardennenoffensive aus Sicht der Eroberer im Hürtgenwald und das unbekannte Terrain Eifel. All dies findet seine Entsprechung. Im Buchhandel würde ich beide Romane gemeinsam präsentieren. Sie sind komplementär. Zwei große Geschichten – 50 Quadratkilometer Erzählraum!

Winterbienen von Norbert Scheuer / C.H. Beck Verlag / 319 Seiten / gebunden / mit 13 Illustrationen von Erasmus Scheuer (Kampfflugzeug-Vignetten) / 22 Euro