Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Khomeini - Der Revolutionär des Islam - Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Khomeini – Der Revolutionär des Islams. Eine Biographie von Katajun Amirpur, erschienen im C.H. Beck Verlag, ist in der Kategorie Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als einer der drei Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man die Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Bücher in den Kategorien Belletristik und Sachbuch, den Bayern 2-Publikumspreis und unsere Rezensionen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der öffentlichen Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Khomeini – Der Revolutionär des Islam von Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams von Katajun Amirpur

Es war keine Überraschung für mich, dass unter den diesjährigen nominierten Titeln für den Bayerischen Buchpreis auch ein Buch zu finden sein würde, das ich mir selbst niemals gekauft hätte. Meine Interessen sind weit gefächert, aber bei einigen Themen bin ich doch eher zurückhaltend, weil ich mich zu intensiv einlesen müsste, um meiner Meinung zum Buch mit Nachdruck Gehör zu verschaffen. Insofern ist „Khomeini“ aus der Feder von Katajun Amirpur ein echtes literarisches Brett, das als letztes Buch der Kategorie Sachbuch noch von mir gelesen werden wollte. Der Revolutionär des Islams ist mir natürlich aus den Nachrichten des Jahres 1979 bekannt. Ich war Schüler in der Oberstufe eines Gymnasiums in der Eifel und stand drei Jahre vor dem Abitur. Und ja, der schwarz gekleidete Führer der islamischen Revolution hatte Eindruck hinterlassen, war nur in Verbindung mit seinem Titel Ajatollah im Westen bekannt und errichtete im Iran die Islamische Republik. Für einen siebzehnjährigen Eifelaner war das weit weg. Und zumindest die Persönlichkeit und die Geschichte Khomeinis sollten dies für mich noch lange bleiben. Fern…

Und nun liegt eine Biographie vor mir, die sich in aller Ausschließlichkeit mit diesem charismatischen Religionsführer beschäftigt, der mir immer noch so fremd ist. Da mein Weg allerdings zu allen nominierten Werken für den Bayerischen Buchpreis führt, führt auch kein Weg an Katajun Amirpur vorbei. Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Auftritt unseres GlockenbachWelle-Teams auf der Frankfurter Buchmesse 2021 den Weg zu diesem religionswissenschaftlichen Buch ebnen würde. Neben unserem Stand, zu dem wir vom Börsenverein des Buchhandels und der Bayerischen Staatskanzlei eingeladen wurden, war natürlich bei XPLR-Media in Bavaria auch der Bayerische Buchpreis ein  sehr relevantes Thema. Und wir erhielten als Buchpreisblogger für den Buchpreis vom Börsenverein Prokura, auch diesen Themenbereich am Stand zu vertreten, Interviews zu führen und die Bücher vorzustellen. Und so entdeckte ich am Messe-Freitag einen Leser, der in der BayBuch-Ecke Platz nahm und in „Khomeini“ versank. Und wer sich während einer Buchmesse mehr als eine Stunde nicht mehr von einem Buch trennen kann, der ist DER perfekte Ansprechpartner für einen Rat suchenden Blogger.

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Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

„Sie sind Islam-Spezialist, kennen sich bestimmt mit Khomeini aus und ich darf Sie etwas fragen.“ So begann der hoffnungsvolle Versuch, mit dem Leser in Kontakt zu kommen. Was dann geschah, hat mich nachhaltig beeindruckt. Nein, er sei sicher alles andere als ein Spezialist. Er habe das Buch nur in die Hand genommen, weil er Khomeini als Schüler in den Nachrichten gesehen habe und die düstere Gestalt nicht mehr so richtig vergessen konnte. Und dann. Ja, dann habe er angefangen zu lesen und nicht mehr gemerkt, wie die Zeit vergangen sei. Das Buch habe einen zu großen Sog entwickelt, um es beiseite zu legen. Jetzt müsse er aber wirklich mal weiter. Man könne ja nicht den ganzen Tag an einem einzigen Messestand verbringen. Das Buch werde er sich allerdings kaufen. Sprach es und verschwand. Was für eine Erlösung in seinen Worten zu finden war, kann man sich kaum vorstellen. Ich verlor jede Scheu, in diese Khomeini-Biographie einzusteigen und wurde unmittelbar nach der Buchmesse belohnt. Sollte der mir unbekannte Leser diese Zeilen finden, ich danke herzlichst für diesen Schlüssel zu einem besonderen Buch.

Katajun Amirpur hat wohl geahnt, dass ich dieses Buch eines Tages lesen würde. In der Struktur und in der inhaltlichen Vorgehensweise erkennt man sofort, dass sie nicht voraussetzt, dass man sich vorher intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, In ihrer Herangehensweise liegt das sympathische Wissen, dass der Lesende nicht alles wissen kann und letztlich nur deshalb zu diesem Buch greift. Ihre Ausflüge in die Tiefe der islamischen Religionswissenschaft gelingen so leichtfüßig, dass man jederzeit gut folgen kann. Dass Katajun Amirpur weit ausholen muss, um die Bedeutung Khomeinis für den Islam und die restliche Welt hervorzuheben wird schnell klar. Der Revolutionär hatte nicht nur das Land, in dem er die Macht übernahm revolutioniert, er hatte es mit seiner eigenen Religion nicht anders gehandhabt. Hier liegen extrem spannende und erhellende Momente des Lesens vor der interessierten Leserschaft. Die Unterschiede zwischen schiitischer und sunnitischer Perspektive auf die Nachfolgefrage religiöser Führer, die dabei zur Anwendung kommenden Rechtsgrundlagen und Interpretationen sind so greifbar beschrieben, dass man sich als Zuhörender in einer Koranschule fühlt, der unbefangen und frei lauschen darf.

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Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Untermauert werden diese religionstheoretischen Betrachtungen mit der Vita des Gelehrten und späteren Revolutionsführers. Katajun Amirpur kommt dem in schwarz gekleideten Mann und dem, bezogen auf seine Persönlichkeit unbeschriebenen, Blatt in vielerlei Hinsicht nah. Sie beschreibt nicht nur die familiären Wurzeln, jene Ausrichtung der Lehre die ihn prägte und die Geschichte seiner Exile im Ausland. Nein, es sind die tragischen Jahre der Herrschaft eines Schahs, die verdeutlichen, warum Khomeini sich seiner Heimat zuwenden musste, um die Islamische Republik ins Leben zu rufen. Hier muss man der Autorin aufmerksam in ihre intensiven Beschreibungen folgen, wenn sie der Armut des Landes die Verschwendungssucht des Herrschers gegenüberstellt. Was Khomeini allerdings selbst verursachte, nachdem der Despot vertrieben war, gehört in vollem Umfang zur Geschichte dieses Buches. Dass ausgerechnet eine Frau sich dem Mann so intensiv nähert, der jegliche Beteiligung von Frauen am islamischen öffentlich sichtbaren Leben unterdrückte, verdient Bewunderung. Sie beschreibt Automatismen und Auswüchse patriarchalischer Systeme im Gegenwind moderner Zeiten und im Unterschied zur Entwicklung westlich geprägter Frauenbilder. Das ist kraftvoll und hat Wucht.

Katajun Amirpur gelingt mit ihrem Buch, den Schleier des Islams zu lüften, den viele Frauen innerhalb dieser Religion niemals lüften dürfen. Sie nähert sich diesem heiklen Thema deutlich an und schließt Kreise des Verständnisses zu ihrer Sichtweise. Es ist auch die verborgene Welt der schönen Künste, die sie für uns eröffnet. Khomeini als Dichter und Poet, als modebewusster Träger eines schwarzen Kaftans. Grotesk mag das klingen, als grotesk beschreibt die Autorin dies jedoch nicht. Man mag den Islam besser verstehen, nachdem man dieses Buch gelesen hat. Man mag besser mitreden und diskutieren können, wenn es hier um religiöse und patriarchalische Stereotype geht, die Katajun Amirpur klar aufbricht und erläutert. Das bessere Verständnis führt auf jeden Fall dazu, dass der Dämonisierung des Anderen Grenzen gesetzt werden. Für mich bleibt jedoch der Eindruck jener Islamischen Republik, den ich im Roman von Amir Hassan Cheheltan gewonnen habe. „Der Zirkel der Literaturliebhaber“ gehört zu den lesenswertesten Büchern im Niemandsland zwischen Schah und Khomeini. Es beschreibt das Ende des freien Lesens im Islam. Unvorstellbar für mich. Diese beiden Bücher gehen sicherlich in gewisser Weise Hand in Hand. Mutige Bücher. Beide. 

Khomeini - Der Revolutionär des Islam - Katajun Amirpur - Astrolibrium

Khomeini – Der Revolutionär des Islams – Katajun Amirpur

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

Ein Nachtrag: Bleibt zuletzt die Verwirrung, wie das Buch eigentlich richtig heißt. Hier findet man auf der Verlagsseite unterschiedliche Angaben auf dem Cover und im Textteil. „Islam“ oder „Islams“. Ich habe mich damit auf Instagram beschäftigt.

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Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

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Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

Ein von Schatten begrenzter Raumvon Emine Sevgi Özdamar, Suhrkamp Verlag, ist in der Kategorie Belletristik für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man alle relevanten Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Werke und die Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Update 11. November 2021: So sieht eine Siegerin aus!

Emine Sevgi Özdamar - Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises - Ein von Schatten begrenzter Raum

Emine Sevgi Özdamar – Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises – Ein von Schatten begrenzter Raum

Da liest man die Romane, die für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert sind und stellt fest, dass zumindest die Autorinnen Jovana Reisinger und Jenny Erpenbeck in ihren Werken schnell zum Kern ihrer Geschichte vordringen. Sie entwickeln, jede für sich, einen Sog, der die geneigte Leserschaft schon von Beginn an zu fesseln weiß. Es wundert daher nicht, dass sowohl die „Spitzenreiterinnen“ als auch „Kairos“ von einer Dynamik getragen werden, die den jeweiligen Erzählgegenständen Rechnung trägt. Als ich mich nun der dritten Nominierten im Bunde näherte, ahnte ich schon, dass aufgrund des Volumens von mehr als 750 Seiten absolut kein Grund zur Eile vorliegen würde. Ich irrte mich nicht. „Ein von Schatten begrenzter Raum“ von Emine Sevgi Özdamar ist das Schwergewicht unter den nominierten Werken und lässt die Konkurrenz recht dünn aussehen. Die „Spitzenreiterinnen“ begnügen sich mit 257 Seiten, „Kairos“ endet auf Seite 379. Hat Emine Sevgi Özdamar so viel zu erzählen? Wie erzählt sie es und kann ich der in Berlin lebenden Schriftstellerin und Schauspielerin mit türkischen Wurzeln in ihre Geschichte folgen? Ich war gespannt…

Es wird schnell klar, dass Emine Sevgi Özdamar aus dem Vollen schöpft. Aus dem vollen Fundus ihres eigenen Lebens, aus dem vollen Schatz ihrer Erfahrungen und aus den prachtvollen Requisiten, die sie in den vergangenen Jahrzehnten angehäuft hat. In Wahrheit wird es jedoch nicht schnell klar, was sie uns erzählen will, weil sie sich jedem Tempo in ihrem Roman verweigert. Es fühlt sich an, wie eine orientalische Geschichte, in der wir gebeten werden, Platz zu nehmen, einen Tee zu trinken, zuzuhören, den Tee zu genießen und immer wieder Pausen zuzulassen, um dem eben Gehörten Raum zu geben. Es ist poetisch und traumwandlerisch sicher, wie uns die Autorin auf jene Inseln entführt, die den Startpunkt ihrer Suche nach sich selbst, ihrer Identität und den Rollen darstellen, die sie künftig spielen wird. Es ist der erste Aufzug eines Lebenstheaters, in dem sie die Hauptrolle spielt, ohne es jemals wahrhaben zu wollen. Es ist der erste Akt einer Vorstellung, die mit einer alternativlosen Flucht beginnt.

Ein von Schatten begrenzter Raum - Emine Sevgi Özdamar - Astrolibrium

Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

Es ist die Dynamik der erzeugten Sprachbilder, die das Lesen beflügelt. Ich fühle:

„Das Morgenlicht draußen, das mit einem Bein noch in der Nacht stand…“

Ich höre die Geräusche der Nacht, den rastlos rebellierenden Esel, die Motoren aller Boote auf dem Meer und die Orthodoxkirche, die plötzlich zu sprechen beginnt. Ich bin Gefangener einer Szenerie, die keine Kulisse ist. Ich folge Emine Sevgi Özdamar auf ihrer Flucht. Nichts wie weg aus der Heimat. Raus aus der Türkei, die in sich kollabiert. Eine Heimat, die alle vereinen sollte, die doch so unvereinbar sind. Griechische Türken und türkische Griechen. Armenier, Aleviten, Kurden. Zu viel für eine Heimat. Im Putsch entlädt sich die geballte Gewalt. Das Militär regiert, Hubschrauber dominieren das Bild und der Kultur werden die Riegel vorgeschoben. Es eng für die namenlose Erzählerin. Was bleibt ist die Flucht. Träume und Hoffnungen im Gepäck. Und nicht nur das. Man geht niemals ohne die eigene Geschichte aus der Heimat fort und so will auch sie den Reichtum ihrer kulturellen Identität retten. Schweres Gepäck auf zarten Schultern. Und das in einer Zeit, in der dem türkischen Leben in Europa ein Makel anhaftet. Gast darf man sein. Gastarbeiter gerne. Zuhause? Bitte nicht.

Ja, die Autorin hat viel zu erzählen. Schlichtweg ihr ganzes Leben liegt hier in der autobiografischen Waagschale. Ebenso, wie die Geschichte des vorliegenden Buches. Wir folgen ihr nach Berlin, erleben die Wanderin zwischen zwei Welten, weil sie Ost und West mit ihrem Ausweis wechseln darf, wie abgelegte Klamotten. Wir erleben ihre Sicht auf ein vergiftetes Deutschland, in dem man seine Toten nicht mehr findet. Sieht sie an Gedenkstätten ohne Opfer und fürchtet sich mit ihr vor den Schatten…

Ein von Schatten begrenzter Raum - Emine Sevgi Özdamar - Astrolibrium

Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

„Sie wachsen ineinander bis zu einem großen Schattenklumpen, der sich vom Tisch bis zu ihren Füßen verlängert und um ihre Füße herum sich mit dem Schatten der Stuhlbeine verbindet. Der Rest des Raumes ist ohne Schatten. Deswegen sieht es nur dort, wo der Schatten gewachsen ist, wie ein Raum aus, ein von Schatten begrenzter Raum.“

Sie setzt den Schatten das Licht der Theater entgegen, lebt in der Gesellschaft der großen Regisseure und Akteure auf, geht nach Paris, befreit sich von toxischen Bildern eines Deutschlands, das sie als „Draculas Grabmal“ empfindet. Die Autorin erzählt von einigen Suchen zugleich. Liebe, Heimat, Anerkennung. Sie berichtet nicht nur von der Flucht aus ihrem Land, sondern von den Fluchten vor der eigenen Bestimmung. Es sind Prophezeiungen, die der Erzählerin folgen. Es ist ihre Vorstellung, dass Vorstellungen in den großen Theatern in Berlin und Paris nur Raum für ihre Rolle als Putzfrau lassen. Es sind Überlebensängste, die sie auf Schritt und Tritt begleiten und es ist der verzweifelte Versuch, nach Hause zurückzukehren. Den Eltern zu begegnen und festzustellen, dass auch hier kein Platz mehr ist. Außer im Schuhkarton mit den Namen der Getöteten. Es schmerzt sehr, der Erzählerin auf ihrem Weg zu folgen und dabei zu erleben, dass sie sich selbst immer weiter von ihren Wurzeln entfernt. Und ganz nebenbei gelingt in aller Wehmut ein groß angelegter Theaterroman der vergangenen Jahrzehnte, in dem man großen Namen, kleinen Rollen, grandiosen Inszenierungen und Kulissen begegnet, die den Brettern, die die Welt bedeuten, Kontur verleihen.

Emine Sevgi Özdamar schreibt in ihrem groß angelegten Werk dagegen an, in die türkische Schublade einsortiert zu werden. Sie kämpft wortreich dagegen an, sie auf eine Herkunft und eine Nationalität zu reduzieren, ihr Gedächtnis auszulöschen und in einer anderen Kultur zu vereinnahmen. Sie schreibt uns ins Herz, dass es uns niemals egal sein darf, welche Geschichten unsere Mitmenschen erzählen. Sie hat sich selbst aus diesen Klischees befreit, indem sie ihnen Raum im Schattenraum gegeben hat. In dieser Begrenzung wirken diese Schatten bedrohlich, doch ein einziges helles Licht ist in der Lage, die Grenzen gänzlich neu zu ziehen. In gewagten Zeitsprüngen wagt sich unsere namenlose Erzählerin mehr als 30 Jahre in die Zukunft und beschreibt aus der Perspektive der Vergangenheit das Grauen der einstürzenden Türme des World Trade Centers, den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo oder den ISIS-Anschlag auf den Flughafen von Istanbul. Vielleicht ist es so, dass wir in weiteren 30 Jahren alle Schubladen geschlossen haben, die zur Ausgrenzung von Menschen geeignet sind. Es wäre auch ein Verdienst dieses Romans. Hier lohnt die Ausdauer im Lesen, auch wenn ich mir einen ähnlich lesenswerten Roman mit maximal 500 Seiten sehr gut vorstellen kann. An einigen Stellen des Opus Magnus von Emine Sevgi Özdamar hatte ich schon ein wenig mit meiner inneren Unruhe zu kämpfen, die mich nach vorne treiben wollte.

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Ein von Schatten begrenzter Raum – Emine Sevgi Özdamar

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

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Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

KAIROS von Jenny Erpenbeck

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KAIROS von Jenny Erpenbeck

KAIROS“ von Jenny Erpenbeck, erschienen im Penguin Verlag, ist in der Kategorie Belletristik für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man alle Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Bayerischer Buchpreis - Nominiert - Kairos - Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis – Nominiert – Kairos – Jenny Erpenbeck

Ich sollte die Gelegenheit nutzen, um dieses Buch vorzustellen. Nie zuvor war die Gelegenheit günstiger, mich dem Roman von Jenny Erpenbeck zu widmen und, wenn ich diesen günstigen Zeitpunkt verstreichen lasse, werde ich es wohl ewig bereuen. Es ist mir egal, wie viel Zeit gerade verstreicht, während ich lese und schreibe. Jetzt ist der richtige und wertvolle Moment, jetzt muss es geschehen. Jetzt steht alles hinten an. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes „KAIROS“ für „KAIROS„, steht doch dieser religiös- philosophische Begriff aus dem alten Griechenland genau für diesen besten Zeitpunkt, eine Entscheidung zu treffen, die das weitere Leben prägen und beeinflussen wird. Es ist an der Zeit, „KAIROS“ beim Schopf zu fassen und ausführlich vorzustellen. Chronos hin oder her.

Schon im Prolog fällt dieser Roman aus der Zeit. Schon auf den ersten Seiten fühle ich, wie sehr sich Zeitbegriffe voneinander entfernen. Dieser Prolog zeigt Vergängliches und Ewiges, beides Bestimmungsgrößen für den Roman. Hier begegnen wir den letzten Ausläufern eines amourösen Hochdruckgebietes. Sturm zieht auf. Er fragt sie, ob sie zu seiner Beerdigung kommen würde. Sie versichert ihm, dass sie natürlich da sein würde. Sie, das ist die junge Frau. Katharina. Er, der 34 Jahre ältere Mann, von dem sie nicht lassen kann. Hans. Hier, im Prolog endet alles. Vier Monate später ist er tot und sie ist natürlich nicht auf seiner Beerdigung. Hier beginnen unsere Fragen. Hier kommen wir zu dem Moment, an dem zwei große Kartons bei Katharina abgegeben werden. Es ist der Nachlass einer Liebesbeziehung, in den sie hier eintaucht. Jenny Erpenbeck sei Dank, dass wir Katharina begleiten dürfen. In ihren und seinen Erinnerungen.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

„Vor langer Zeit haben die Papiere, die aus seinen Kartons und die aus ihrem Koffer, einen Dialog miteinander geführt. Jetzt führen sie einen Dialog mit der Zeit.“

Es ist ihre Sprache, mit der uns Jenny Erpenbeck zu Gefangenen ihres Romans werden lässt. Es sind der unverbrauchte Tiefgang und die Unschuld der Worte, die uns an der Hand nehmen und in den Sog einer Geschichte entführen, die alles ist, nur nicht unschuldig und unverbraucht. Die Beschreibungen der in Ostberlin geborenen Autorin lassen schon zu einem ganz frühen Zeitpunkt des Lesens darauf schließen, dass mit „KAIROS“ jener Moment gemeint ist, an dem für Katharina und Hans alles beginnt. Es ist der schicksalhafte Moment, der sie zusammenführt. Sie, gerade 19. Er Mitte fünfzig. Sie ungebunden und frei, suchend, forschend, vibrierend. Die Schriftsetzerin. Er, nicht ungebunden, Ehemann, Vater, Schriftsteller, auf fest verlegten Schienen durchs Leben fahrend. Es sind fünf Jahre in Ostberlin, die wir an ihrer Seite verbringen. Es sind jene letzten Jahre der DDR und die ersten beiden eines neuen Landes. 1986 bis 1991. Und alles begann mit „KAIROS„, dem großen zufälligen und wohl doch vorherbestimmtem Moment der ersten Begegnung.

„Und er antwortete ihr: Trinken wir einen Kaffee?
Und sie sagte: Ja. 
Das war alles. Alles war so gekommen, wie es hatte kommen sollen.
An diesem 11. Juli im Jahr 86.“

Was zu Beginn nach Romantik, Liebe auf den ersten Blick und unmöglicher Liebe schmeckt, verkehrt sich schnell ins gefühlte Gegenteil. Jenny Erpenbeck entwickelt ein Szenario, in dem das geschriebene und gesprochene Wort im krassen Gegensatz zum tatsächlich gefühlten Gefühlsleben steht. Es ist nicht leicht, sich hinter die Kulissen der Worte und der Hülsen zu begeben. Es ist ernüchternd, in der Perspektive von Hans zu erkennen, wie sehr er sich selbst im Mittelpunkt stehend sieht, Katharina zu dominieren beginnt und keine Anstalten macht, sich zu ihr zu bekennen. Eine toxische Beziehung, die allerdings nur für Katharina Gift zu sein scheint. Er fühlt sich wohl. Und er begründet alles mit seiner Selbstsicherheit, seinem Standing, seiner Reputation. Er ist Machthaber im Reich der Gefühle.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

„Ohne Ehe wäre ich nicht der, der ich bin.“

Die wohl erniedrigendsten Worte aus seinem Mund. Und Worte, die nicht nur seine junge Geliebte Katharina ertragen muss. Da sind auch noch andere. Im Hintergrund, in seinen Gedanken und seinem Leben. Eine brutale Liebe, die zunehmend brutaler wird. So, wie das Land, in dem die Geschichte spielt, so ist auch die Beziehung nur auf Lug und Trug gebaut. So, wie die DDR im Untergehen begriffen ist, beginnt auch das Leben von Hans und Katharina nach einem Mauerfall zu schreien. Stark konstruiert und doch schwer zu verdauen, weil man an der bodenlosen Naivität der jungen Frau verzweifelt und den Narzissmus des alternden Autors von Seite zu Seite zu hassen beginnt. Keine Seite lädt zur Identifikation ein, kein Protagonist steht mir nah, die Trennung ist so sehr vorprogrammiert, wie das Scheitern der DDR. Ein glückliches Ende? Keine Option.

Jenny Erpenbeck inszeniert den Mauerfall der Kletterei auf der Emotionsfassaden auf hohem Niveau. Der hilflos naiven und in Sachen Gefühl sogar abhängigen jungen Katharina mag man pausenlos zurufen, dass sie sich in Sicherheit bringt und dem alten kalkulierenden und kalt agierenden Schriftsteller möchte man am liebsten ein Bein nach dem anderen stellen. Doch vielleicht ist hier auch nichts so wie es scheint, vielleicht hat das Zwischenspiel auf der Hälfte der Sichtung der beiden Kartons Überraschendes auf Lager. Vielleicht ist der Abgesang auf eine Liebe zugleich der Abgesang auf ein ganzes Land und vielleicht ähneln sich beide zu sehr. Auferstanden aus Ruinen. Diese Melodie und der Text haben wohl ausgedient. Nicht ausgedient hat der Roman, weil man in ihm Spurenelemente von Machtmissbrauch, Betrug, Illoyalität und tiefer Melancholie findet. Vielleicht das einzige Gefühl, das hier oftmals ernst gemeint und gefühlt ist.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

Was als ein Lesen über eine unmögliche Liebe, den zu großen Altersunterschied und den Untergang eines politischen Systems als Rahmenhandlung begann, endet mit der Erkenntnis, dass jeder von uns seine eigenen Kartons mit sich durchs Leben trägt. Sie fühlen sich an, wie Ballast der Seele, sich in sie zu vertiefen mag verletzen und im Endeffekt zerstörerisch wirken. Sie ungeöffnet im Keller zu lassen ist selbstmörderisch. In der Konfrontation liegt der Spiegel unserer Seele verborgen. Seelenverwandtschaft ist ein hochtrabender Begriff. In KAIROS trabt er nicht. Er galoppiert. Sicher ist dieser Roman zeitlos. sicher passt er zu jedem untergehenden System und zu jeder Liebe in den Wirren solcher Zeiten. Vielleicht hat Jenny Erpenbeck einige Triggerpunkte in mir berührt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mit Katharina mit Hans warm werden konnte. Zu extrem waren manche Ausflüge in ihrer Beziehung, zu derb gestaltete sich der Anspruch des Schriftstellers an eine junge Frau. Hier verlor mich dieser Roman oft. Im Rückblick auf die gesamte Geschichte, gelingt es nur wahrer Literatur, in mir diese Reaktionen auszulösen. Das, liebe Jenny Erpenbeck, ist Ihnen gelungen. Chapeau. Ich blieb nicht kalt in und zwischen ihren Zeilen. Das ist unmöglich.

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und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

Last but not least: Die GlockenbachWelle goes Buchmesse. Alle Informationen  zu unserem Messeauftritt vom 20. bis 24. Oktober am Bayernstand von XPLR-Media in Bavaria, in Kooperation mit dem Börsenverein des Buchhandels, Landesverband Bayern und der Bayerischen Staatskanzlei erfahren Sie auf unseren Social-Media-Accounts, insbesondere auf Instagram Seiten . Wir sehen uns in Halle 3.1 Stand D 11.

Wir sind besonders stolz, Teil dieser besonderen Überschrift zu sein: Frankfurter Buchmesse: 5 bayerische Erfolgsstories, die Du nicht verpassen darfst. Und ganz nebenbei sind wir für den Bayerischen Buchpreis am Start. Am selben Stand.

Hier werden wir auch Jenny Erpenbeck begegnen. Ihr lest und hört von uns.

GlockenbachWelle - Bayerischer Buchpreis - Frankfurter Buchmesse - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bayerischer Buchpreis – Frankfurter Buchmesse – Das Interview

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

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1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart – Philipp Sarasin

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ von Philipp Sarasin, erschienen im Suhrkamp Verlag, ist in der Kategorie bestes Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Diese Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man #baybuch-Hintergründe, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Wir erwarten gespannt das Ergebnis der öffentlichen Jury-Debatte, in der am 11. November über die Preisträger:innen entschieden wird.

1977 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart - Philipp Sarasin - nominiert - Sachbuch

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart – Philipp Sarasin – nominiert – Sachbuch

Das ist ein spannender Sprung von einem Buch zum anderen. Während ich gerade noch Die Welt neu beginnen durfte und an der Seite von Helge Hesse ein Zeitfenster von genau fünfundzwanzig Jahren erlebte, ist es nun Philipp Sarasin, der sich nur ein einziges Jahr ausgesucht hat, um einen Zeitenwandel zu beschreiben. Hier sind es die Ereignisse und ihre Verzahnung, die sich auf die Gesellschaft auswirken, wie die große Französische Revolution. Hier prallen alte und neue Werte aufeinander. Verknappt auf ein einziges Jahr der unumkehrbaren Umwälzungen, in dem zumindest in Deutschland kein Stein auf dem anderen blieb. Und noch dazu handelt es sich um ein Jahr, das ich selbst als fünfzehnjähriger Gymnasialschüler erlebte. Im Gegensatz zu Helge Hesses Zeitscheibe von 1775 bis 1977 begebe ich mich nun als Zeitzeuge mit Philipp Sarasin zurück in ein Jahr, das ich selbst nie vergessen habe.

Es ist eine kurze Geschichte der Gegenwart, die Philipp Sarasin in 1977 skizziert. Er versucht Muster, Verbindungslinien und Ähnlichkeiten aufzuspüren, die Ereignisse in diesem Jahr miteinander verbinden. Er analysiert, seziert und rekonstruiert. Er scheint, selbst in diesem Buch, lange mit sich zu hadern, ob ein einziges Jahr repräsentativ für seine Methodik sein kann. Dann kommt er in Schwung, dann gelingt ihm eine Struktur, in der man sich zurechtfindet. Ob als Zeitzeuge oder als Spätgeborener. Mir wird sehr klar, dass ich hier Ereignissen und Menschen begegnen werde, die einst meinen Alltag bestimmt haben. Ich werde mit Begriffen konfrontiert, die einen Fünfzehnjährigen sehr bedrückten, beeinflussten und prägten. RAF, Mogadischu, Landshut, GSG-9, Hanns Martin Schleyer, Roter Herbst, Arbeitgeberpräsident. Es waren Wochen intensivster Diskussionen mit Freunden und Eltern. Es waren Monate im Gefühl einer Unsicherheit, wohin das Land driften würde. Terrorismus oder Staatsgewalt? Die Schere öffnete sich gewaltig.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Und genau hier prallen Autor und Leser (also ich) aufeinander. Ich erlebte (wie er) dieses Jahr als Zeitzeuge. Er jedoch schreibt nicht als solcher darüber, sondern begibt sich in die Rolle des Historikers, distanziert sich von Emotionen und Ängsten und lässt dabei doch tiefe Einblicke in sein Seelenleben zu, weil auch er sich nicht ganz von den Erinnerungen dieser Tage befreien kann. Es ist ein facettenreiches Buch, das uns der Professor für neue allgemeine Geschichte in die Hände legt. Ihm gelingt einerseits, in seinem Schreiben keine professorale Distanz aufkommen zu lassen. Ich fühle mich in keiner Weise als Gasthörer seiner Vorlesungen. Leichte Kost jedoch darf man von der Auseinandersetzung Sarasins mit dem Jahr 1977 nicht erwarten. Es ist nicht die reine Atmosphäre, die er zu erklären versucht, es ist nicht der Blick in die Seelenlandschaft der Menschen. No. Sarasin zeigt mir, dass ich als Fünfzehnjähriger die Symptome der Zeit erlebt habe. Von den Ursachen oder dem Verstehen der Zusammenhänge war ich meilenweit entfernt. Andererseits ist es genau das, was mir seither fehlte. Dieser klare Blick auf die Ereignisse hinter den Kulissen, die Zusammenhänge und mehr.

Wie bei Helge Hesse ist es auch hier die Theorie der eher zufälligen Parallelitäten von Ereignissen, die aus ihnen wahre Geschichtsbündel machen, die erst später zu erkennen und zu analysieren sind. Philipp Sarasin hält dagegen:

„Jede Gegenwart ist ein Geflecht solcher Gleichzeitigkeiten und unzähliger, disperater Ereignisse. Dieses Buch widmet sich der Frage, welche
Verbindungen es zwischen ihnen gab, welche Muster und Ähnlichkeiten… sichtbar werden, wenn man den Blick auf (fast) ein Jahr konzentriert.“

Und so erschließt sich schnell, dass es sich hier nicht um einen willkürlichen Mix aus Geschichte und Geschichten handelt. Schon in der reinen Identifizierung als relevantes Ereignis liegt hier der Schlüssel zur Decodierung der im Hintergrund verlaufenden Kette aus Parallelereignissen. Das liest sich zuweilen spannend, zuweilen ist es jedoch auch sehr anstrengend, der Argumentationskette zu folgen, bis man an ihr offensichtlich nicht offensichtliches Ende gelangt. Der neutrale Ausgangspunkt der Betrachtung, sich quasi im Leerlauf in ein bedeutungsschweres Jahr zu begeben, eint den Verfasser mit seinen Lesern. Sarasins Hintergrund jedoch untermauert und verfestigt seine Abschweifungen in Soziologie, Philosophie und Geschichte, nur um die Verbindungen später sichtbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, das in den fünf groß angelegten Kapiteln recht gut gelingt. Zumal er jedem der Kapitel einen großen Geist der Geschichte voranstellt, an dem sich die anderen großen Geister geschieden hatten, und der genau im Jahr 1977 sein Leben ausgehaucht hat. Ironie der Geschichte, könnte man sagen.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

So begeben wir uns jeweils postmortem nach dem Tod von Ernst Bloch, Fannie Lou Hamer, Anaïs Nin, Jacques Prévert und Ludwig Erhard ins Herz des Buches. Philipp Sarasin hat in mir besonders die „Offensive 77“ der RAF in Erinnerung gerufen und in einer bestechend vorgebrachten Argumentation die Entstehungsgeschichte des linken Terrors als logische Reaktion auf eher rechtskonservativ orientierte Leitlinien der politischen Grundordnung in der BRD aufgezeigt. Es gab Vorverurteilungen, es gab nie „mutmaßliche Terroristen“, es existierte keine Unschuldsvermutung, es wurde offen die Todesstrafe für die RAF-Mitglieder gefordert und in der öffentlichen Diskussion war das freie Deutschland auf dem Weg, in eine gefährliche Richtung abzudriften. Dies alles im Zusammenhang logisch verknüpft erlesen zu können, ist erhellend und wichtig zugleich, stehen wir doch immer wieder an den Wendepunkten der Geschichte und urteilen eher voreilig als überlegt. Hinter Mauern verschanzt lässt es sich gut mit Steinen werfen.

Wie Philipp Sarasin seinen „interkontinentalen Bogen“ vom deutschen Terrorismus bis zum Durchbruch der Theorie der allgemeinen Menschenrechte, dem Kampf gegen letzte Bastionen der Sklaverei in den USA, bis hin zum Selbstbild einer Generation im Verbund mit der Entwicklung des ersten Personal-Computers spannt, ist brillant und in jeder Hinsicht erhellend. Ja, dieses Jahr hat Maßstäbe gesetzt. Die Menschen haben demonstriert, terrorisiert, polarisiert. Die Gleichzeitigkeit von gesellschaftlichen Strömen ist kein Zufall. Das sieht nur so aus. Sarasin ist in der Lage das zu belegen und weist in diesem Zusammenhang auch klar darauf hin, wie wir unserer heutigen Zeit kritisch und beobachtend, handelnd und wahrheitssuchend gegenüberstehen können. Viele Bilder sind im Jahr 1977 vom Sockel gestoßen worden. Frauenbilder wurden neu geboren, in Stein gemeißelt wurden sie noch nicht. Emanzipation wurzelt in diesem Jahr. Vielleicht eine der weniger schönen Erkenntnisse des Buches, dass die feministische Wende in vielen Teilen der Gesellschaft noch nicht angekommen ist.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Ich wäre 1977 gerne so weit gewesen, alles zu verstehen, was Philipp Sarasin mir in seinem wegweisenden Buch erläutert. Es war nur schlichtweg nicht möglich, wie es auch nicht möglich ist, das Jahr 2021 schon heute einer solchen vergleichenden und bewertenden Analyse zu unterziehen. Der Autor macht keinen Hehl aus seiner eigenen Subjektivität in der Herangehensweise an dieses Jahr und lässt natürlich auch Kritik an seiner grundlegenden Methodik zu. Er regt dazu an, einen breiten Diskurs zu führen, in Ursachen und Wirkungen zu unterscheiden, der Parallelität der Ereignisse Beachtung zu schenken und sich vor jenen zu hüten, die mit einfachen Wahrheiten polarisieren. In dieser Hinsicht hat 1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart sicher den Preis als klares Frühwarnsystem gegen die Vereinfachung von Perspektiven und Meinungen verdient.

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1977 – Philipp Sarasin

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger - Astrolibrium

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Lesen und Essen haben viel gemeinsam. Beides ist mehr als lebensnotwendig, vom individuellen Geschmack der Konsumenten abhängig und in allen Darreichungsformen auf dem Markt erhältlich. So wie in der Literatur finden wir auch in der Philosophie der Zubereitung von Speisen die unterschiedlichsten Ansätze. Kantinenküche und Essen „To-Go“ für den schnellen Verzehr, die gute alte Hausmannskost, die dem Essen bei Muttern sehr nahe kommt; die Haute Cuisine, in der es neben der Sättigung auch auf die Bewertung mit Sternen ankommt und zuletzt die Molekularküche, einen Ansatz, in dem sich avantgardistische Köche eher experimentell den Prozessen der Zubereitung von Speisen widmen. Letztlich entspricht dieses Angebot natürlich der Nachfrage und letztlich entscheiden die Geschmacksnerven der Kunden über den Erfolg der Ansätze.

Was Leser und Esser vereint, ist ein gewisser Gewöhnungseffekt. Wir alle sind geprägt von unseren Erfahrungen und oftmals wenig experimentierfreudig. Es fehlt der Sinn fürs Moderne und Neue. Wir halten an den Rezepten unseres Lebens fest und so kommt es, dass wir allein beim Gedanken an ein 5-Sterne-Menü die Nase rümpfen. Es ist aber auch so, dass in Gourmetführern eher selten von Hausmannskost die Rede ist und wir in Mutters Küche keinen Stern finden. Bei renommierten Literaturpreisen ist es auch so. Wir finden dort kaum Bücher, die man als Unterhaltungsliteratur bezeichnen kann. Keine historischen Romane, keine Fantasy, keine Thriller. Es sind eher Romane, die – verglichen mit dem Genussessen – der Haute Cuisine zuzuordnen sind. Weshalb oftmals behauptet wird, sie würden am Geschmack des Kunden vorbeigehen. Dabei ist es gerade die Aufgabe dieser Auszeichnungen, sich auf die Suche nach dem Neuen, Unverbrauchten, Zukunftsweisenden zu begeben. Und ich denke nicht, dass dies etwas mit dem Begriff „ELITÄR“ zu tun hat.

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger - Astrolibrium

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Hier sind wir auch schon bei drei Literaturpreisen und einem Roman, der sich wie ein roter Faden durch die Shortlists dieser Auszeichnungen zieht. Dorothee Elmiger ist es gelungen mit ihrem Werk „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser Verlag), gleichzeitig für denDeutschen„, denSchweizer und den „Bayerischen Buchpreis“ nominiert zu sein. Ein Ausrufezeichen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Ein Prädikat, dem man sich als Leser nicht verweigern kann, und ein Berg von Vorschusslorbeeren, von dem aus die Schweizer Schriftstellerin wohl die spannendsten Momente ihrer Karriere beobachten kann. Genau hier greife ich auf den einleitenden Vergleich zurück, da es sich bei diesem Buch aus meiner persönlichen Sicht um ein avantgardistisches Werk handelt, das ich im philosophischen Ansatz als Molekularliteratur bezeichnen möchte.

Die Autorin verweigert sich einer linearen Erzählstruktur, befreit sich von formalen Zwängen und gelangt auf diese Art und Weise zu einer ganz eigenen Rezeptur für ihre Geschichte, die sich nicht in Genre-Schubladen pressen lässt. Als Leser fühlt man sich in den eigentlichen Prozess des Schreibens hineingezogen, integriert, als Augenzeuge der Gleichzeitigkeit der Ereignisse, die ein strukturiertes Vorgehen beeinflussen. Es ist ein Recherchebericht, wie ihn Dorothee Elmiger selbst an vielen Stellen ihres Textes zu bezeichnen weiß. Es ist ein Zeugnis einer literarisch Getriebenen, die immer wieder an den Punkt zurückkehrt, an dem dieser Prozess begonnen hat. Sie selbst lässt sich aus dem Dunkel der Unsichtbarkeit einer Schriftstellerin heraustreten, und versucht in teils collagierten und mosaikartig zusammengefügten Passagen das Auge ihres Orkans zu greifen. Es dauert eine Zeit, bis sich dem Leser Muster erschließen, die inhaltlich von Relevanz sind.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Diese Muster beginnen, in wiederkehrenden Bewegungen ihre Geschichten zu erzählen. Es ist die Geschichte vom Zucker, der die Welt veränderte. Wie er Kapital und Fessel zugleich wurde. Wie er verführt, versklavt, den Reichtum ungerecht verteilt und doch Welten miteinander verbindet. Wirtschaftstheorien und Plantagenbilder sind ebenso anzutreffen, wie Zitate aus der Weltliteratur, in denen der Zucker ein Gewicht hat, das man ihm literarisch noch niemals so zugebilligt hat. Zucker verbindet Zeit und Raum. Und er verbindet weitere Leitmotive dieser Recherche, die einen Lottogewinner an sich selbst und der Umwelt scheitern lässt, das Mysterium der unerfüllten Liebe mit neuem Sinngehalt füllt und die globalen Zusammenhänge der Weltwirtschaft offenbart.

Wir finden Segmente, die an ein Interview mit der Autorin erinnern, in denen ihre Schutzhülle zerbricht, in denen sie fragil und verletzlich wirkt und weit weg von jeglicher Fiktion erscheint. Ihre Suche nach Liebe und Zärtlichkeit, der innere Streit um ein Bild, das sie von sich als Frau entwerfen möchte und die Sehnsucht, sich wie Zucker ihrem distanzierten Verehrer darzureichen, lassen uns der Suchenden näher kommen, um in anderen Bildern wieder auf Distanz gehalten zu werden. Wirtschaftliche Aspekte eines industriellen Frauenbildes als „Reproduktionsmaschine“ schließen tiefsinnige Kreise zu jener „Zuckerfabrik„, in der sich der Luxus einer kleinen Schicht Privilegierter zulasten der Sklaverei in Übersee Bahn bricht. Und immer wieder stehen wir vor dem Besitz des Lottomillionärs, der am Ende seines Scheiterns versteigert wird. Süß der Gewinn, bitter der Abgang. Der Kreislauf des Lebens, dem Dorothee Elmiger hier auf der Spur ist.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Dorothee Elmiger ist sich selbst und uns gegenüber ehrlich und aufrichtig, wenn sie schreibt, sich in einem Dickicht zu befinden und gar nicht nach einem Ausweg zu suchen. Wenn sie fabuliert, dies dürfe kein Roman, sondern ein Recherchebericht im eigentlichen Wortsinn sein. Es ist das Schreiben selbst, das immer mehr zu Tage tritt. Es sind ihre Selbstbetrachtungen, an denen sie scheitert. Sich selbst als „Geometral“ zu betrachten, als eine Frau, die aus jedem Blickwinkel anders erscheint, und letztlich bewertet wird, wie ein „Haus von nirgendwoher besehen„. Sie macht es uns Lesern nicht leicht mit ihrem Buch. Sie hat es sich nicht leicht gemacht, so offen und doch so fiktional zu schreiben, wie ich es empfunden habe. Und doch fällt der Zugang schwer. Es gab Momente im Lesen, in denen ich mir eingestehen musste, dem komplexen Text in seiner Zerrissenheit nicht immer folgen zu können. Es sind die Fragmente, die sich mir nur langsam offenbarten. Ich fühlte mich so, als müsste ich einen „zersprungenen Spiegel“ zusammenkleben.

Dorothee Elmiger zerlegt die Literatur in ihre molekularen Bestandteile. Das wirkt experimentell und avantgardistisch, erschließt sich nicht jedem Leser und führt sicher auch dazu, dass Fehlinterpretationen und polarisierende Sichtweisen zu ihrem Roman entstehen. Eindeutig ist, dass es kaum zwei Leser geben wird, die dieses Dickicht auf die gleiche Art und Weise durchsuchen. Eindeutig ist, dass der Autorin hier ein Wurf gelungen ist, der die „literarische Gastronomie“ auf den Kopf stellt. Ob sie das Rezept für das zukünftige Erzählen gefunden hat, ob es eine Fingerübung bleibt, oder ob wir schon bald schreiben werden, Aus der Zuckerfabrik hat Klassiker-Potenzial, darüber entscheiden, wie immer, Leser, Rezensenten und Kritiker. Es ist Geschmackssache. Weder Hausmannskost, noch schnelle literarische Sättigung.

Mir lagen sowohl der Roman, der Recherchebericht, als auch das experimentelle Schreiben nicht schwer im Magen. Vielleicht dauert es ein wenig länger, bis ich alles verdaut habe, was bei Schonkost und Fertiggerichten sicher schneller geht. Nachhaltig jedoch ist es in der Rezeptur, die „Aus der Zuckerfabrik“ kommt.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Dorothee Elmigers Roman ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf dieser Projektpage zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag) und
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)

Warum ich schon jetzt denke, dass Dorothee Elmiger mit „Aus der Zuckerfabrik“ einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Die gleichzeitigen Nominierungen in Deutschland, der Schweiz und Bayern für den jeweils wichtigsten Literaturpreis sind sicherlich kein Zufall. Wann hatte zuletzt eine Schriftstellerin drei heiße Eisen in diesen Feuern? Auch, wenn das „Bayerische Eisen“ ihr letztes ist, vielleicht gelingt es ihr hier, die Glut der Jury anzufachen.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

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