Die Welt neu beginnen von Helge Hesse

Die Welt neu beginnen - Helge Hesse - AstroLibrium

Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Die Welt neu beginnen – Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775 – 1799“ von Helge Hesse – Reclam Verlag, ist in der Kategorie Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Diese Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man #baybuch-Hintergründe, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Wir erwarten gespannt das Ergebnis der öffentlichen Jury-Debatte, in der am 11. November über die Preisträger:innen entschieden wird.

Update 11. November 2021: So sieht ein Sieger aus!

Die Welt neu beginnen - Die Welt neu beginnen - Gewinner - Sachbuch

Die Welt neu beginnen – Die Welt neu beginnen – Gewinner – Sachbuch

Wie gerne würden wir in jedem Moment der aktuellen Weltgeschichte erleben, ob wir an einem der magischen Wendepunkte angelangt sind, die die Welt verändern. Wie gerne wären wir als Zeitzeugen ebenso schlau, wie all die Geschichtsschreiber, die ein paar hundert Jahre später nach intensivem Quellenstudium die Vergangenheit sortieren und gewichten. Nur ganz wenige Ereignisse in unserem Leben lassen darauf schließen, einen solchen Wendepunkt selbst erlebt zu haben. Ich selbst habe den 11. September 2001, den sogenannten „Nine Eleven„, so empfunden. Andere Ereignisse jedoch muss auch ich Historikern und Philosophen (und natürlich auch den jeweiligen -Innen ihrer Zünfte) überlassen. Sie haben es gelernt, die epochalen Strömungen der Geschichte in die Waagschalen ihres Wissens zu werfen, zu wiegen und in den plausiblen Kontext der wissenschaftlichen Aufarbeitung zu stellen.

Die hohe Kunst dabei ist es, diese großen Wendepunkte und Wegmarkierungen nicht schulmeisterlich, sondern perfekt recherchiert, nachweislich verbrieft, sehr versiert und unterhaltsam zugleich an die geneigte Leserschaft zu bringen. Nur dann durchbrechen solche Publikationen die Schallmauern der breiten und öffentlichen Wahrnehmung und gelangen in Reichweite von Auszeichnungen und höheren Weihen. Nur dann wird aus einem Sachbuch etwas Lebendiges. Geschichte ist keine Sache. Sie lebt in uns. Das ist dem nominierten Buch aus der Feder von Helge Hesse anzumerken. Es pulsiert in dem Moment, in dem man es öffnet… „Die Welt neu beginnen„. Ein verheißungsvoller Titel.

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Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Warum jedoch sollten wir uns ausgerechnet heute mit den Jahren 1775 bis 1799 auseinandersetzen? Warum einem Philosophen in seine These folgen, dass genau in diesen Jahren einer der Momente aufzuspüren ist, der unsere Geschichte in ein Davor und ein Danach aufteilt? Den meisten Lesenden klingelt diese Epoche intensiv im Ohr, kann man doch den Zeitpunkt der „Französischen Revolution“ und den Sturm auf die Bastille im Jahr 1789 aus der eigenen Schulzeit rekonstruieren. Dabei ist es doch ganz leicht, eine Vielzahl von Gründen zu finden, die dieses Buch lesenswert machen. Nein, Helge Hesse legt kein trockenes Schulbuch mit Zeitschienen, Orten, Daten und Fakten vor, die sich zum Auswendiglernen so gut eignen. Wir erleben nicht schon beim ersten Blättern in „Die Welt neu beginnen“ einen anaphylaktischen literarischen Schock, der uns an unsere Schulzeit erinnert. Nein, dieses Buch kommt im modernen Gewand und in ebenso unterhaltsamem Ton daher. Eine Versuchung von der ersten Seite an…

Lassen Sie mich hier zu einem etwas ungewöhnlichen Vergleich greifen, der sich mir jedoch schnell aufgedrängt hat, als ich mich in die Zeilen stürzte. Ich empfand das Buch als „literarisch-historischen Thermomix„, dem es gelingt aus den Ingredienzien der Geschichte in Verbindung mit einer minimalistisch anmutenden 25-jährigen Garzeit ein Menü auf den Tisch zu zaubern, das neben bekannten Geschmacksmustern einige echte Überraschungen zu bieten hat. Schon die ersten kleinen Happen machen schnell klar, dass wir uns nicht auf dem Boden bekannter Kochbuchmuster bewegen, sondern in eine auf diese Art und Weise bisher unerzählte Welt abtauchen, in die sich der Autor intensiv eingearbeitet hatte… Seine Rezeptur besticht durch interkontinentale Zutaten, die in der richtigen Menge kombiniert eine Menge Schärfe in die Gedanken ihrer Zeit bringen. Es sind erste Schüsse in den noch gar nicht vereinigten Staaten von Amerika, die man im alten Europa vernimmt. Es ist ein George Washington, der über Freiheit sinniert, während er noch selbst Sklaven hält. Es ist ein Benjamin Franklin, der sich mit der Kunde vom Unabhängigkeitskampf gegen die britische Monarchie ins komplett abhängige Europa begibt. Es ist eine noch alles andere als kopflos agierende Königin Marie-Antoinette, die in Saus und Braus lebt und es sind nicht nur die Anekdoten am Rande der großen Geschichten, die uns zu neugierigen Lesenden werden lassen.

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Helge Hesse präsentiert uns keine Hausmannskost, nichts leicht Vorhersehbares und schon gar kein kalorienarmes Geschichtsstudium ToGo. Die Rezeptur ist nicht leicht zu durchblicken, ergibt aber immer mehr Sinn, je weiter man sich in die Jahre der Zubereitung arbeitet. Es sind neue Menschenbilder, die überall entstehen. Es sind zarte Pflanzen der Individualisierung und Loslösung vom Herrschaftsglauben, die langsam zu wachsen beginnen. Es ist die Literatur, die den Geist befreit. Es sind die Prisen Goethe und Schiller, die das Denken erobern. Es ist der Domino-Effekt der Freiheit, der selbst festeste Steine ins Kippen bringt. Es sind die Entdecker, die der Welt ihre Geheimnisse entlocken, es ist eine Meuterei, die aus der „Bounty“ ein Abbild der Gesellschaft macht und es ist ein Wunderkind namens Mozart, das allem seine Melodie unterlegt. Es liegt an der eigentlich unsichtbaren Parallelität der Ereignisse, die Helge Hesse transparent macht, dass wir die Zusammenhänge sehen. Es sind seine Cliffhanger, die uns weiter und immer weiter voranschreiten lassen. Es sind die kleinen Narrative, die zur großen Erzählung werden. Es ist wie einer neu beginnenden Welt zuzuschauen…

Helge Hesse steigert die Temperatur von Jahr zu Jahr. Es gibt kaum ein Ventil, um den Druck entweichen zu lassen, bis sich alles in der französischen Implosion befreit. Spätestens hier sagt man sich… „Man hätte es kommen sehen müssen“. Spätestens hier erkennt man, dass schon 1789 eine Nachrichtenflut voller Fakenews über Leben und Tod bestimmt hat. Man fragt sich, wie die Revolution wohl mit Facebook verlaufen wäre. Man fragt sich immer mehr und erkennt das Unausweichliche. Die Kleinen sind plötzlich groß. Unwichtige Faktoren erlangen gigantisches Gewicht. Es sind die Kunst, der Krieg, die Dichtung, die Musik, die Diplomatie, der Adel, die Verschwendung und das immer heller leuchtende Licht aller wissenschaftlichen Disziplinen, die Europa in neuer Euphorie erscheinen lassen. Und es nicht damit getan. Die Welle geht weiter, wie die Fesselballons der Flugpioniere, die nicht nur den europäischen Himmel bevölkern.

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Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Großartig zu lesen. Unterhaltsam erzählt. Perfekt recherchiert und pointiert. Und doch kein Buch für den Unterricht oder das Studium. Es ist ein universelles und extrem erhellendes Beispiel für eine wissenschaftliche Publikation, die Wissen schafft, sich im tiefsten Inneren allerdings nicht aufs hohe Ross setzt. Das macht Helge Hesse mehr als sympathisch. Bleibt zu hoffen, dass er weitere neuralgische Punkte identifiziert, um uns mehr zu erzählen. Sein abschließendes „Was aus ihnen wurde“ liefert so manche Steilvorlage für die Fortsetzung dieses leckeren „Geschichtshappens“. Fünf Sterne von mir und sicherlich nicht nur für den Guide Michelin eine Auszeichnung wert. Bayern hat ja einen eigenen Preis. Die Daumen sind ganz neutral gedrückt…

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch und
hier finden Sie französisch-revolutionäre Literatur auf AstroLibrium.

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Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

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3 Gedanken zu „Die Welt neu beginnen von Helge Hesse

  1. Danke für diese hervorragende und zum Lesen anregende Rezension. Besonders die transatlantische Sicht interessiert mich. Auch das Zusammenspiel von Kunst, Krieg, Dichtung, Musik, Diplomatie, Adel, Verschwendung und dem immer heller leuchtenden Licht aller wissenschaftlichen Disziplinen trifft mein besonderes Interesse. Ich bin sehr gespannt auf das Buch.

  2. Pingback: 1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart – Philipp Sarasin | AstroLibrium

  3. Pingback: Helge Hesse – „Die Welt neu beginnen“ – ZEICHEN & ZEITEN

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