Der Distelfink von Donna Tartt – Film, Buch, Hörbuch

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Fünf Jahre sind seit dem Lesen vergangen. Fünf Jahre, in denen mir ein Buch nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Fünf Jahre, die ich jedoch habe verstreichen lassen, ohne einen der relevantesten Romane meines Lebens zu rezensieren. „Der Distelfink“ von Donna Tartt liegt in der Erstausgabe aus dem März 2014 immer noch in Griffweite. Er ist durchzogen mit PostIts eines vergangenen Lesens und ein kleines ScriptBook für die Rezension liegt seitdem im Giftschrank der kleinen literarischen Sternwarte. Auf der ToDo-Liste meines Lesens steht dieser Artikel seit fünf Jahren ganz oben, und doch ist es mir bis heute nicht gelungen, meine Gedanken zu bündeln und dem Pulitzer-Roman meine Referenz zu erweisen.

Warum jetzt? Was treibt mich an, den „Distelfink“ mit neuen Augen zu sehen und ihm 2019 Raum zu geben? Hat sich das Fußkettchen endlich gelöst, das den kleinen Vogel mit der Fußstange vor dem grauen Deckelkasten verband? Ist es die Verfilmung, die im Oktober auf mich zukommt? Ist es meine Urlaubsreise nach Delft, die mir schmerzhaft in Erinnerung ruft, dass ich dem Bild von Carel Fabritius im Mauritshuis in Den Haag begegnen werde? Oder liegt es auch daran, dass ich mich inzwischen in einem kleinen Schreibprojekt der niederländischen Heimatstadt des großen Malers angenähert habe? Delft und die große Katastrophe des Jahres 1654. Jener Delfter Donnerschlag in dem der Künstler den Tod fand? 

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Der Distelfink von Donna Tartt

Es ist wohl eine Mischung aus allen Faktoren, die mir den „Distelfink“ erneut vor Augen führt. Ohne die Explosion des Pulvermagazins in Delft und den Tod des Malers Fabritius hätte sich Donna Tartt für ein anderes Kunstwerk im Mittelpunkt ihres Romans entschieden. Die Parallele zwischen dem Künstler und dem Beginn ihrer Geschichte ist einfach zu relevant, um sie zu vernachlässigen. Denn hier startet alles. Hier erhebt sich der „Distelfink“ wie der Phoenix aus der Asche und wird zum Symbol einer Erzählung, die mich nachhaltig geprägt hat. Es ist ein heftiger Donnerschlag, der das New Yorker Metropolitan Museum erschüttert. Es ist ein terroristischer Donnerschlag, der alles in Schutt und Asche legt, dem erst 13jährigen Theodore Decker die Mutter raubt und sein Leben für alle Zeiten verändert.

Da ist der alte Mann, dem er beim Sterben hilft. Da ist dessen Nichte Pippa, die den Anschlag gerade so überlebt hat. Da ist die drängende Bitte des Sterbenden, Theodore solle das Gemälde Der Distelfink in einer Plastiktüte an sich nehmen und zuletzt ist da neben dem Ring, der ihm geschenkt wird, eine Adresse, an die sich der Junge wenden soll. Die Antiquitätenwerkstatt, die der Verstorbene mit seinem Geschäftspartner James Hobart betrieben hatte. Mit diesem Urknall beginnt eine Geschichte, in der ein Gemälde und dessen unrechtmäßiger Besitzer fortan lebenslänglich miteinander verbunden sind, wie der Distelfink mit seiner Sitzstange. Es ist der laute Doppelknall, der die Explosion eines Delfter Pulverturms mit einem New Yorker Museum verbindet. Kunst und Leben sind untrennbar miteinander verbunden.

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Hier vermischen sich Handlungsebenen und Wahrnehmung zu einem grandiosen Mix aus Kunstleidenschaft, rauschhafter Wahrnehmung und fetischistischer Qual. Theo und das gestohlene Gemälde kommen nicht mehr voneinander los. Seine Odyssee seit dem Tod seiner Mutter entwickelt sich zur Irrfahrt des Heranwachsenden mit all seinen Lieben, Leidenschaften und Traumata. Ist sein Distelfink zunächst die letzte Erinnerung an die noch lebende Mutter, so wird das Gemälde langsam zum Faszinosum, dem sich Theo nicht mehr entziehen kann. Er versteckt das Bild auf seinem weiteren Lebensweg und macht sich selbst zum Sklaven seines großen Geheimnisses. Unfassbar dicht und empathisch erzählt. Donna Tartt spielt mit ihren Lesern. Jeder hat seinen Distelfinken. Jeder verbirgt den Schatz seines Lebens vor den Augen anderer Menschen. Und jeder würde so reagieren, wie Theo, als die Wahrheit über das Kunstwerk ans Licht kommt.

Man kann sich ein Bild eine Woche lang anschauen
und nie wieder daran denken. Man kann sich ein Bild
eine Sekunde lang anschauen und es sein Leben lang
nicht mehr vergessen…“
 

In diesen Momenten fand ich mich wieder in diesem Roman. Mein Distelfink hängt im Lenbachhaus zu München, entstammt der Zeichenfeder von Franz Marc und ist als Blaues Pferd weltbekannt. Ich kann persönlich nachvollziehen, welche Faszination ein Gemälde auf seinen Betrachter ausüben kann. Ich kann den Bann nachvollziehen, der den Betrachter gefangen nimmt. Und ich kann Theodore gut verstehen, der angesichts des ganz eigenen Lebensweges an der Seite seines Distelfinks zu allem bereit ist, um ihn nicht zu verlieren. Donna Tartt konfrontiert uns mit einem Entwicklungsroman, der die verschiedenen Lebensphasen ihres Protagonisten begleitet. Sie lässt uns mit ihm in rauschhafte Zustände verfallen, sie zeigt die verstörende Wirkung auf ihn, als der lange verschollene Vater plötzlich auftaucht und sie begleitet uns an seiner Seite in ein Leben als gewiefter Geschäftsmann. Zweifel, Selbstbetrug, Leugnung und Läuterung werden zu den Wegmarken eines Lebens, das eine explosive Wendung nahm.

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Jetzt sitze ich hier mit dem Buch und meinem ScriptBook vor Augen. Es fühlt sich gerade an, wie eine Zeitreise in mein vergangenes Lesen. Die Puzzlesteine finden sich und Bilder entstehen erneut in meinem Kopf. Da sind die Bilder des Todes von Mathew Brady, die den Amerikanischen Bürgerkrieg auf Glasplatten einbrannten. Da taucht Las Vegas als Ziel des Roadtrips mit Theos Vater auf. Die Chance auf ein neues Leben mit einem trockenen Alkoholiker. Da wird der Betrug wieder greifbar, mit dem man sich an Theo bereichern will. Da wird seine Flucht zurück nach New York wieder lebendig. Der Laden hinter dem Laden und die illegalen Geschäfte, Drogen, Sehnsüchte und unerfüllt gebliebene Liebe. Pippa, das Mädchen, das wie Theo den Anschlag überlebte wird zur Fata Morgana des „Was-hätte-sein-Könnens“.

Pippa war das vermisste Königreich, der unverletzte Teil meiner selbst. Sie war der goldene Faden in allem, eine Linse, die die Schönheit vergrößerte, sodass die ganze Welt gebannt war. Sie war wie die kleine Meerjungfrau, zu zerbrechlich, um an Land zu laufen…“

Hier berührt Donna Tartt sprachgewaltig und voller Tiefgang. Es gibt keinen Weg zurück. Es bleibt nur die Flucht nach vorne. Und letztlich ist nichts mehr so, wie es mal schien. Am Ende überstrahlt die Unfreiwilligkeit die Läuterung des Protagonisten. Es ist wie im wahren Leben. Die Unausweichlichkeit der Ereignisse öffnet die Augen und der letzte Ausweg wird zum Königsweg. Donna Tartt dreht und wendet das Schicksal, wie in der griechischen Mythologie. Ob ihr dabei ein Happy End gelang? Hier darf und kann man getrost streiten. Ich werde das Ende des Romans vor Augen haben, wenn ich bald in Delft vor einem Gemälde stehe. Ich weiß schon jetzt, dass aus dem kleinen Bild des zu früh verstorbenen Malers ein völlig neues Gemälde für mich entsteht. Ich werde den Ruß der Explosion sehen. Ich werde wissen, wo das Bild versteckt war. Und ich muss ganz sicher an Theodore Decker und Pippa denken. Nichts davon ist wahr. Und doch wird es für mich immer die Wahrheit hinter dem „Distelfink“ sein.

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Zur Vorbereitung auf den Film vertiefte ich mich im Hörbuch zu „Der Distelfink“. Ich wollte nochmal in die Atmosphäre eintauchen. Wollte nachempfinden, was ich einst so an dieser Geschichte liebte. Ich wollte schreibend in Schwung kommen, um meinen Erinnerungen wieder auf die Sprünge zu helfen. Ich wollte gerne New York, Las Vegas, Greenwich Village und Amsterdam neu erleben. Bei alldem wollte ich das Gemälde im Gepäck spüren. So, wie ich mein Blaues Pferd in Gedanken bei mir trage. Ich wollte für die neuen Eindrücke des Films bereit sein. Und ich wollte zurückblicken auf die Zeit, in der mein Blog AstroLibrium das Licht der Welt erblickte. Vor mehr als fünf Jahren war ich intensiv mit diesem neuen Kapitel meines Lebens beschäftigt. „Der Distelfink“ blieb damals auf der Strecke. Jetzt hat er sein Recht eigefordert. Man trifft sich mehrmals im Lesen.

Das Hörbuch: So, wie „Der Distelfink“ seinen Besitzer immer tiefer in einen Sog aus Lügen, Fehlentscheidungen und Fluchtbewegungen treibt, so ist es auch die Hörbuchfassung, die mit einer Spieldauer von 33 Stunden und 26 Minuten einen ganz eigenen Kosmos dieser Erzählung entfaltet. Wie die Buchvorlage ist auch das Hörbuch nichts für den schnellen Genuss für zwischendurch. Nichts für das beiläufige Zuhören, sondern vielmehr ein literarisches Hörereignis, auf das man sich mit Haut, Haaren und Ohren einlassen muss. Matthias Koeberlin verleiht der Erzählperspektive Theodore Deckers eine fast schon staatstragende Tiefe. Aus seiner Sicht entwickelt sich alles im Rückblick auf sein eigenes Leben. Im Amsterdamer Hotelzimmer, in dem es eigentlich endet, beginnt die Reise nach New York. Koeberlin wird dieser Rolle gerecht. Er weiß wovon er spricht, als wäre es seine eigene Geschichte in der Rückschau. Sentimentale und melancholische Facetten vertiefen diesen Eindruck. Ja, es ist ein Rückblick auf ein Leben das anders verlaufen wäre, wenn doch nur seine Mutter überlebt hätte. Stark!

Der Film: Bislang kann man nur den Trailer bestaunen. Zum Release gibt es immer noch widersprüchliche Aussagen. Aber ob Ende September oder Anfang Oktober, das ist letztlich fast unerheblich. Entscheidender ist, dass „Der Distelfink“ fast zeitgleich in den großen Kinoländern USA, England und Deutschland erscheinen wird. Das kommt recht selten vor und hilft uns dabei, den Film exklusiv, und nicht schon mit Kritiken aus anderen Ländern überlagert, betrachten zu können. Der Trailer lässt den Lesegefühlen von einst ausreichend Freiraum, sich in der Szenerie einzuleben. Das wirkt authentisch und gut umgesetzt. Hierfür steht auch der Name des Regisseurs: John Crowley. Seine filmische Adaption von „Brooklyn“ nach dem Roman von Colm Tóibín war brillant. Er hat ein feines Händchen für große literarische Stoffe. 

Der Cast sieht ebenfalls vielversprechend aus. Ansel Elgort als Theo trifft für mich punktgenau auf den Charakter zu, der hier schauspielerisch durch die Handlung trägt. Spätestens seit „Das Leben ist ein mieser Verräter“ weiß man, wie facettenreich und tiefgründig Elgort agieren kann. Ihm zur Seite stehen neben Nicole Kidman und Sarah Paulson auch Luke Wilson und Aneurin Barnard. Namen, die bei Kinofreunden den Puls schon leicht beschleunigen. Ob der Film funktioniert? Ob er die facettenreiche und tiefgründige Geschichte im Kinoformat so erzählen kann, dass er dem Roman gerecht wird? Das wird sich erst beantworten lassen, wenn der Vorhang fällt.

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Und spätestens dann werde ich allen Fragen auf den Grund gehen. Versprochen. Wie habt ihr den „Distelfink“ erlebt, habt Ihr den Roman noch in guter Erinnerung? Geht Ihr ins Kino und welche Gefühle begleiten Euch dabei? Schreibt mir und wir werden im Herbst dieses Jahres erleben, ob sich Hoffnungen erfüllen oder ob sich der alte Spruch „Der Film ist immer schlechter als das Buch“ mal wieder bewahrheitet. Stay tuned.

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[Thriller] Suche mich nicht von Harlan Coben

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Suche mich nicht von Harlan Coben

Es ist seine Masche. Er ist damit extrem erfolgreich. Er schreibt keine Buchreihen. Er setzt Geschichten in die Welt, die Sehnsuchtsmomente in den Mittelpunkt stellen. Er ist in der Lage, Serienmördern den blutigen Weg zu ebnen und gleichzeitig Gefühlswelten entstehen zu lassen, die uns mit den Opfern seiner Thriller mitfühlen lassen. Es geht in seinen Romanen immer wieder um zentrale Themen, wie Verlust, den Zusammenbruch einer vormals heilen Welt und die Suche nach dem Warum. „Ich vermisse dich“, „Ich schweige für dich“, „In deinem Namen“ und „In ewiger Schuld“. Seine Titel sind hier Programm. Sie stehen für seine Romane und die Protagonisten, die wir an seiner Seite durch die schwerste Phase ihres Lebens begleiten dürfen.

Harlan Coben. Mehr muss man fast nicht sagen. Thriller können romantisch sein. Es ist möglich, verzweifelt Liebende auf die Suche nach verschwundenen Menschen durch kriminelle Szenarien zu jagen und es wühlt immer wieder auf, was er uns erleben lässt. Nun greift er mit seinem neuen Roman nach den reinen und unbefleckten Vaterherzen. Er schreibt uns ein Desaster ins Stammbuch, das kaum zu verkraften ist und dem man sich nicht entziehen kann, wenn man nur ein einziges Mal in seinem Leben gespürt hat, was es heißt Vater zu sein. Er lässt eine Tochter verschwinden. Spurlos. Grundlos. Sie hinterlässt nur eine einzige Nachricht, die unmissverständlicher nicht sein kann und die man als Vater kaum verkraftet:

Suche mich nicht!

So lautet auch der Titel des neuen Thrillers aus der Feder von Harlan Coben. Und genau mit dieser Botschaft reißt er die ersten Lücken in die Verteidigungshaltung seiner Leser, die immer behaupten würden, „das kann mir nicht passieren“. Oh doch. Kann es. Ich würde diese Botschaft ignorieren, ich würde mich auf die Suche machen, ich würde alle Hebel in Bewegung setzen um sie zu finden. Und vor allem würde ich herausfinden wollen, warum sie ihre Eltern und ihre beiden Geschwister so plötzlich verlassen hat. In diesem Fall wäre das genau der Fall, der mich aus der Bahn werfen würde. Da bin ich ganz bei Simon. Vom ersten Moment an. Er ist der Vater von Paige. Er vermisst seine Tochter, er findet keinen Grund für ihre Flucht und er kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau ihm klarzumachen versucht, dass man das einfach mal zu akzeptieren habe.

Nein. Ingrid ist da keine große Hilfe. Sie ließ ihre Tochter gehen und jetzt liegt es am Vater, gegen den Widerstand seiner eigenen Frau und gegen den Willen seiner Tochter beharrlich nach seinem Mädchen zu suchen. Dabei ist New York nicht gerade perfekt, um jemandem auf die Fährte zu kommen, der untertauchen will. Deshalb dauert es ein halbes Jahr, bis er zufällig auf seine Tochter stößt. Das Szenario, mit dem uns Harlan Coben hier konfrontiert ist herzzerreißend, wenn man sich mit der Situation von Simon auseinandersetzt. Vaterliebe, Verantwortungsgefühl und alle Schutzfunktionen werden mit Füßen getreten, als er Paige begegnet.

Wir sind im Central Park. Strawberry Fields. Eine atmosphärische Ecke voller Musik, Straßenkünstler und alternativem Lifestyle. Wir sitzen gemeinsam mit Simon auf einer Parkbank und hängen den Erinnerungen nach, die ihn beschäftigen. Er denkt an seine Zeit mit Paige. Genau hier am „Imagine“-Mosaik. Fast vor einem halben Jahr. Seitdem sucht er und grübelt. Seitdem zweifelt er an allem, was eine Familie ausmacht, an der Liebe seiner Frau und an der Hoffnung, seine Tochter zu finden. Hier verbringt er seine Pausen. Hier kann er denken. Einzig störend ist die junge Frau, die den Platz mit einer grausamen Version „Penny Lane“ beschallt.

„Ihm gegenüber saß eine – wie nannte man sie heutzutage? Obdachlose? Berberin? Drogenabhängige? Psychisch Kranke? Bettlerin? – ganz nah am
berühmten Mosaik und spielte für Kleingeld Beatles-Songs.“
 

Eine verstimmte Gitarre, gelbe Zähne, eine krächzende Stimme. Wie kann man da zum Nachdenken kommen? Die Haare matt, verfilzt, eingefallene Wangen. Spindeldürr, zerlumpt, dreckig, ramponiert, obdachlos, verloren. Fast nichts Menschliches und ganz einfach derangiert. All das würde Simon kaum interessieren, wäre da nicht ein Bruch im Bild. Wäre da nicht eine Besonderheit, die sein Leben blitzartig in eine andere Richtung lenkt:

„Außerdem war sie Simons Tochter Paige!“

Hier beginnt, was sich im Fortgang der Geschichte als Break-Even-Point darstellt. Es kann nicht mehr schlimmer kommen. Tiefer kann man nicht fallen. Hier beginnen die Fragen auszuufern. So greift Harlan Coben nach unserer Aufmerksamkeit und wirft ein ganzes Bündel von Handlungsfäden auf den Platz, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Würden wir es nicht besser wissen. Denn wo Coben draufsteht, ist immer Coben drin. Darauf können wir uns verlassen. Und wir können darauf vertrauen, dass wir am Ende des Thrillers zwar staunend, aber nicht ahnungslos die Kinnladen auf den Tisch fallen lassen. So war es schon immer.

Wir sind in diesem Moment ganz bei Simon. Wir sind bei ihm, als er versucht, seine Tochter anzusprechen, sie festzuhalten, sie an sich zu reißen. Wir sind an seiner Seite, als sich ein Drogenjunkie dazwischenwirft und Simon klarmacht, dass seine Tochter zu ihm gehört. Wir klatschen Beifall, als er dem Penner gegenüber handgreiflich wird. Was wir nicht ahnen können, Paige macht sich aus dem Staub, ein zufälliges Youtube-Video dieser Schlägerei „Reich gegen Arm“ geht viral und Simon wird angeklagt. Für ihn geht alles den Bach runter, wie man so schön sagt. Genau an der Stelle lässt Harlan Coben alle Bömbchen platzen, die der Dynamik der Story zusätzlichen Schwung verleihen.

Ein Killerpärchen, das seine Kreise zieht, ohne die Zusammenhänge zwischen den Opfern erkennen zu lassen. Eine Detektivin, die bei ihren Ermittlungen auf Simon stößt und eine Kette in Gang setzt, die nicht mehr zu stoppen ist. Eine Sekte, ein Geheimnis und pseudoreligiöser Eifer. Tatorte, die auf der Landkarte wuchern, ohne miteinander in Verbindung zu stehen. Und zum Höhepunkt für alle Coben-Fans ein alter Bekannter in ein einem neuen Fall. Napoleon (Nap) Dumas, der Polizist ausIn deinem Namen“ wird involviert, als die Mordserie seine Stadtgrenze erreicht. Was dies alles mit Simon und seiner Tochter zu tun hat? Das fragte ich mich lange, bis ich am Ende mit offener Kinnlade erkannte, was Coben unter der Oberfläche des Orkans verborgen hatte. Und dann musste ich mich zurücklehnen, einatmen, ausatmen und realisieren, dass er hier Neuland betreten hat, was das Ende seiner Thriller betrifft. Sagenhaft und bewegend.

Das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verbindet die bisherigen Fälle Harlan Cobens mit der Stimme von Detlef Bierstedt. Er ist das deutsche Sprachrohr eines Schriftstellers, dessen Romane einer ganz eigenen Melodie folgen. Er ist der Sound im Ohr des Hörers, der unmissverständlich und eindeutig vermittelt, Coben zu hören. Sein Timbre in der Stimme eines erfahrenen Polizisten, die jugendlich forschen Auftritte von Teenagern und die eindringlichen Warnungen kampferfahrener alter Veteranen. All dies ist signifikant für die Stimme von Detlef Bierstedt. Es sind seine Markenzeichen.

Ich freue mich auf mehr, blicke allerdings auch gerne auf Vergangenes zurück. Coben bleibt Coben. „Suche mich nicht“ vermittelt den Eindruck, er habe sich viel zugemutet, zu viele Spuren gelegt, die Handlung zu weitläufig gefasst. Am Ende jedoch bleibt die Erkenntnis. Er hat erneut die Kurve gekriegt. Und wie!

„Suche mich nicht“ von Harlan Coben
Hörbuch: Der Hörverlag / gekürzt / Detlef Bierstedt / 10 Std. 15 Min. / 14,99 Euro
Buch: Goldmann Verlag / dt von Gunnar Kwisinski / 480 Seiten / 15,00 Euro

Drei auf einen Streich [Die neuen Disney-Hörbücher]

König der Löwen - Dumbo - Aladdin - Die Disney-Hörbücher_astrolibrium

König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Ein Paradigmenwechsel hat in diesem Jahr die Kinosäle erobert. Der Zeichentrick hat wohl ausgedient und neue Begriffe für die bestehende Dynamik auf dem Filmmarkt geben sich gerade die Türklinke in die Hand. Was ist passiert? Walt Disney hat erneut die Welt verändert. Aus liebgewonnenen Zeichentrickfilmen wurden Animationsfilme, in denen das gesamte Setting allerdings so real wirkt, als handele es sich um Live Action Filme. Dabei sind sie alles, nur das nicht. Entweder vereinen sie einen Mix aus realen und animierten (und hierbei sprechen wir von High-Level-computeranimierten) Szenen, oder sie sind ausschließlich an Computern entstanden, deren Rechenkapazität leicht ausreichen würde, um alle zukünftigen Mars-Weltraummissionen gleichzeitig starten zu können…

Dabei betritt Disney inhaltlich kein Neuland. Es handelt sich im weitesten Sinne um Remakes von Geschichten, die uns seit unserer Kindheit begleiten. Was steht hier jetzt im Vordergrund? Die Story selbst oder das Aufzeigen der technischen Möglichkeiten in der Realisierung von Kinofilmen, die einen garantierten Einnahmefluss garantieren? Ich denke, es ist ein Mix aus beidem. Die meisten Kinogänger sind wohl vertraut mit diesen Legenden von einst (wobei dieses Einst zum Teil gar nicht so lange her ist). Wer kennt nicht „Dumbo“, den fliegenden Elefanten? Wer hat noch nie zuvor mit „Aladdin“ an der magischen Wunderlampe gerieben? Und wer hat noch nichts vom „König der Löwen“ gehört? Ich wage zu behaupten, dass niemand unter uns ist, der nicht zumindest zwei dieser Filme in ihrer Zeichentrickvariante gesehen hat.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Und natürlich lege ich auch meine Hand dafür ins Feuer, dass viele von Euch sich die Neuverfilmungen nicht entgehen lassen. Hand aufs Herz, wer kann da widerstehen und wer macht sich nicht gerne selbst ein Bild von den neuen Bildern? Ich werde mich jedenfalls ganz sicher von den neuen Filmen ins Kino locken lassen. Nicht jedoch ohne zuvor als Literaturblogger zu schauen, wie die Verlagswelt mit diesem Hype umgeht. In Erwartung exorbitanter Besucherzahlen will man sich doch die Chance sicherlich nicht entgehen lassen, von dieser Welle zu profitieren. In den Printmedien findet man gerade eine Vielzahl von Neuauflagen alt bekannter Bilderbücher, neuer Bücher zu den Filmen, aber letztlich keine großen Überraschungen. Ein Bereich hebt sich deutlich ab. Und das nicht nur durch die Neuauflage bestehender Produktionen.

Die Hörbuch-Branche boomt und gerade der Zuwachs an Hörbüchern zum Film zeigt, dass die hörige Kundenschar auch hier gerne mit Produktionen verwöhnt wird, in deren Mittelpunkt die Synchronsprecher der Filmvorlagen stehen. Fühlt sich dann ungefähr so an, wie Kino für die Ohren, kostet allerdings weniger, als eine Eintrittskarte mit Popcorn und Softdrink. Darüber hinaus wachsen beim gemeinsamen Hören mit unseren Kindern keine Kosten auf, die sich gemessen an der Anzahl der Sprösslinge potenzieren. Jetzt liegen sie mir vor, die drei aktuellsten Produktionen aus dem Hause Der Hörverlag. Es sind keine „alten Kamellen“, schnell noch frisch auf CD gebrannt und mit neuem Cover auf den Markt geworfen. Es sind die alten Geschichten, neu erzählt und angelehnt am Paradigmenwechsel, der sich in der Filmbranche vollzieht.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Aladdin

Wir sind wieder zurück in der Welt des Orients, die sich anfühlt, wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Aladdin und die Wunderlampe. Abendfüllender Disney-Zeichentrick- und Musikfilm aus dem Jahr 1992. Bahnbrechend für die Zeit. Voller Understatement, was das Ausreizen technischer Möglichkeiten betraf. Sympathisch und typisch für den legendären Stil Walt Disneys spielte sich dieser Film in die Herzen der Zuschauer. Hier kam der Musik hohe Bedeutung zu. Unvergessene Titel blieben im Gedächtnis, lange nachdem sich der Vorhang im Kino geschlossen hatte. Ein Traum wird wahr (A Whole New World) erzeugt noch heute Gänsehaut.

„Aladdin“, das aktuelle Hörbuch zum Live-Action-Film, verspricht zwei Stimmen. Gelesen von Stefan Wilkening und Ian Odle. Wenn man dann noch verinnerlicht, dass genau dieser Ian Odle seit langer Zeit die deutsche Synchronstimme von Will Smith ist, der in Aladdin den Dschinn spielt, dann erwartet man viel von diesem Hörbuch. Doch ist auch drin, was draufsteht? Für mich nicht. Wilkening ist brillant. Er lässt den Orient mit seiner Stimme in unseren Ohren explodieren. Wer aber auf eine zweite Stimme wartet, wenn der Dschinn aus der Wunderlampe schwebt, der wartet vergeblich. Die grandiose Stimme von Ian Odle spricht lediglich den Prolog und den Epilog. Vier Tracks. Ich finde es nicht so ganz fair, dann davon zu sprechen, dass wir es mit zwei Sprechern zu tun haben und auch noch auf die Synchronrolle von Odle hinzuweisen. Das soll jedoch die Leistung und das Können von Stefan Wilkening nicht schmälern. Er brilliert. Fazit: Ein leichter Hauch von Etikettenschwindel, der das Hören trübt! Hörbucheule not amused!

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Dumbo

Der fliegende Elefant und der absolut tragische Held einer bunten Zirkuswelt. Er wurde schon 1941 mit dem Klapperstorch in die amerikanischen Kinos gebracht und ist seitdem ununterbrochen der wohl dickhäutigste Flugkünstler der Filmgeschichte. Jetzt erobert er in einem Mix aus Realfilm mit echten Schauspielern und Animationsfilm als computergenerierte Filmfigur die Welt. Das Hörbuch setzt hier auf eine einzige Stimme. Und was für eine. Die Hauptrolle im Film spielt Colin Farell. Sein Synchronsprecher ist Florian Halm, der in der Produktion mit einer Spielzeit von sieben Stunden und 32 Min. zu überzeugen weiß. Wer den Film gesehen hat, der wird das Gefühl haben, dass der legendäre Protagonist Holt Fanier die Geschichte erzählt. Das schafft Bindung zu den gesehenen Bildern und ist auch ohne Film von so großem Unterhaltungswert, dass es kaum gelingt, die Pausentaste zu betätigen. Die Hörbucheulen rümpften zwar die Nase wegen der zu bezweifelnden Flugtauglichkeit des Riesenohrs, waren aber zuletzt ganz auf der Seite der größten Flugeule ihres Lebens. Fazit: Mehr als eine Lesung.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

König der Löwen

Eigentlich sollte jetzt jeder die Musik in den Ohren haben, die dem Film aus dem Jahr 1994 den Stempel aufgedrückt hat. Unvergessen die Zeichentrickszenen, aber eben auch unvergessen der Sound von Afrika, der bis heute auch im Musical nachhallt. Der aktuelle Film bricht mit allen Disney-Traditionen. Komplett am Rechner entstanden, alle Tiere so real animiert, als würde es sie so und nicht anders wirklich geben, zieht er uns in einen magischen Bann. Das ist nicht zu toppen. Das geweihte Land plante einst Zeuge der Klärung der Nachfolgeplanung zu werden. Mufasa präsentiert Simba, nicht nur der Löwensohn, sondern Löwenherz und zukünftiger König der Löwen. Elton John besang den Kreislauf des Lebens The Circle of Life und niemand konnte seine Tränen zurückhalten, als Simba ohne Vater durchs Leben gehen musste.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Hier geht das Hörbuch einen anderen Weg, als die beiden oben Genannten. Keine Synchronstimme aus dem aktuellen Film oder ein Hörbuch mit zwei Stimmen. Hier ist es Steffen Groth, der die Geschichte neu erzählt. Frisch, dynamisch, emotional und in jeder einzelnen Szene absolut brillant. Diese Stimme trägt, sie braucht keine Effekte im Chor der Tiere. Hier konzentriert sich die Produktion auf den reinen Inhalt. Und das ist gut so, wird doch die fulminante Tragweite dieser Story oftmals unterschätzt. Hier muss ich wohl mit meinen Hörbucheulen ins Kino gehen und kann später mit dem Hörbuch in der guten Stube immer wieder hören, was einmal gesehen wurde. Simbas Blick allein rechtfertigt den Kinobesuch. Fazit: ein traditionelles aber eben auch brillantes Hörbuch, dem ich gerne gefolgt bin. Und das für dreieinhalb Stunden voller Abenteuer.

Wie auch immer Ihr Euch entscheidet, folgt Eurem Geschmack. Hört und geht ins Kino oder hört ausschließlich. Jedenfalls liegt eine große Auswahl vor Euch und es ist kaum möglich, von auch nur einem einzigen Hörbuch enttäuscht zu werden. Wir haben es hier nicht mit Trittbrettfahrern auf einer Erfolgswelle zu tun. Sie sind neuartig, haben viel zu bieten und unterhalten auf allerhöchstem Niveau. Meine Favoriten? Hach ist das schwer. „Dumbo“ steht für mich weit oben und „Der König der Löwen“ ist der beste Film. Aber das bleibt jetzt unter uns. Grüße von den Hörbucheulen an alle im weiten Land des guten Hörens.

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All das zu verlieren von Leïla Slimani

All das zu verlieren von Leila Slimani - AstroLibrium

All das zu verlieren von Leila Slimani

Sie ist für mich keine Unbekannte. Leïla Slimani hat die Grundfesten meines Lesens mit ihrem ersten großen internationalen Erfolg und Prix-Goncourt-prämierten Roman „Dann schlaf auch du“ nachhaltig erschüttert. Ich kenne viele LeserInnen des Buches, die sich nicht mehr trauen, ihren Nachwuchs einem Kindermädchen anzuvertrauen. Zu drastisch hat sich das Bild einer Nanny eingeprägt, die eine Familie wie ein feindliches Territorium besetzte und sich bitterlich an ihr rächte, weil sich keine weiteren Geburten abzeichneten und das Kindermädchen überflüssig wurde. Grandios erzählt, emotional und empathisch zugleich. Und trotzdem saß man am Ende des Lesens gezeichnet vor einem Roman, der das Unvorstellbare erzählte.

Keine Frage, ich musste Leïla Slimani weiter folgen. Auch, wenn das aktuelle Buch vor „Dann schlaf auch du“ geschrieben wurde, wollte ich auf der Fährte der großartigen französischen Erzählerin mit marokkanischen Wurzeln bleiben. „All das zu verlieren“ hörte sich an, als würde es den melancholisch authentischen Stil der Schriftstellerin in einen Roman transportieren, der erneut von Verlustängsten charakterisiert ist. Ich war mehr als gespannt, gab nicht viel auf den Klappentext und die Werbeslogans, die mich auf die Fährte einer „neuen Madame Bovary“, die Zerrissenheit einer Gesellschaft und ein völlig ungewöhnliches Frauenbild geführt hätten. Nur gut, dass ich mich unbelastet ausgeliefert habe. Gut, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was mir passiert..

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All das zu verlieren von Leila Slimani

Ich möchte vorausschicken, dass ich durch die seit zwei Jahren geführte MeToo-Debatte mehr als sensibilisiert bin. Ich hinterfrage offensiv, welche unbewussten und bewussten Fehler mir im Umgang mit Frauen unterlaufen sind. Was war anzüglich, was falsch zu verstehen und was sogar vielleicht verletzend. Sensibilisiert wurde ich für das Thema auch durch Bücher, die sich dieser aktuellen Thematik verschrieben hatten. Ich muss hier „Die Aussprache“ von Miriam Toews anführen, weil die Autorin hier explizit auf eine Mikro-Gesellschaft eingeht, in der Frauenfeindlichkeit in jeder Beziehung zum Status quo erhoben wird. Kurz gesagt, ich habe viel gelernt, versuche zu verstehen und mein Verhalten im Privatleben und im Beruf ständig kritisch im Auge zu behalten. Und genau hier wirft mir Leïla Slimani die Angst vor die Füße, „Das alles zu verlieren.“

Sie konfrontiert mich mit Adèle. Sie bringt mich zurück nach Paris. Sie zeigt mir eine Welt, die von außen betrachtet eine heile sein könnte. Eine kleine Familie, unabhängig. Der Ehemann Chirurg, der gemeinsame kleine Sohn eher unproblematisch und Adèle, die Mutter anerkannte Journalistin. Man lebt großzügig in einem feinen Viertel und alles könnte einfach schön und gediegen sein. Würde ich nicht Adèle bereits auf den ersten Seiten dieses Romans mit einer schier zahllosen Abfolge von Sexualpartnern ertappen. Würde mir diese Frau nicht in die Seele schreien, das Bedürfnis zu haben, benutzt und aufgerissen zu werden. Sie verzehrt sich danach, gebissen, geschlagen und gekniffen zu werden. Es ist eine Sucht, die sie mir schon zu Beginn des Romans offenbart.

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All das zu verlieren von Leila Slimani

Ich schaudere und zucke zurück. Bin angewidert, weil ich sehe, dass diese Sucht im wahrsten Kern nicht durch Sex bedient wird. Ein Alkoholiker trinkt, ein Drogensüchtiger nimmt Kokain und in beiden Fällen wird die Sucht befriedigt. Bei Adèle sieht das anders aus. Der Weg zum Sex, schon die Vorstellung, wie sie ihre Partner auswählt, Bilder von Unterwerfung, Gewalt und Missbrauch in ihrem Kopf, das ist der wahre Kick. Liefere ich mich lesend und hörend einer Nymphomanin aus? Bin ich auf der Spur einer Frau, die im Kern ihres Wesens hypersexuell ist? Und was verflucht (sorry für diese Entgleisung) soll mir das vermitteln? Dass es Frauen gibt, die in der Partnerschaft nur als Parasiten existieren, Kinder nur in die Welt setzen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Frauen, in denen nichts anderes tobt, als die nicht einzudämmende Lust an hartem, verletzendem und zerstörendem Sex?

Ich komme kaum zurecht mit diesem Buch. Ich lese und höre mich verwirrt durch die wilden Eskapaden und denke dabei an ein paar Rezensionssplitter, die mir auf meinem Weg begegneten. „…ohne dabei pornographisch zu werden.“ Das wurde Slimani im Stern und bei SR2 Kulturradio attestiert. Nun, ich musste mich sortieren. Textpassagen wie die folgende brachten mich zum Grübeln, ob meine Definitionen von Pornographie vielleicht überdenkenswert wären:

„… Seinen Penis im Rachen, kämpfte sie gegen den Brechreiz an und gegen den Drang zuzubeißen…“

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All das zu verlieren von Leila Slimani

Ja, Leïla Slimani schreibt sehr direkt, hart, unverblümt und wird in ihrer Sprache der Sucht ihrer Protagonistin gerecht. Ich würde ihren Stil nicht verharmlosen. Es ist die Beschreibung einer Sucht ohne jede Schönfärberei. Brillant erzählt und aufgebaut, aber keinesfalls so, dass man sich (oder ich mich) in Adèle hineinversetzen kann. Hier geht es nicht um eine vom Leben enttäuschte Frau und Mutter, die endlich Zuneigung und Liebe erfahren möchte. Hier geht es keinesfalls um eine von einer überkommenen Gesellschaft in einem lebensfeindlichen Frauenbild gefangene lebenslustige Frau. Hier geht es um eine Kranke, die therapieresistent und menschenverachtend durch die Lust des Tages mäandert. Der Sohn wird abgegeben, wo es gerade passt. Der Ehemann in jeder Lebenslage betrogen und Mitarbeiter oder Bekannte dienen als Sexualpartner.

Leïla Slimani schreibt über Sucht. Ich kann und werde daraus kein neues Frauenbild ableiten. Ebenso wenig, wie ich ein Männerbild aus einem Roman über einen extremen Alkoholiker ableiten würde. Slimani gibt beiden Perspektiven Raum. Der schonungslos ehrlichen von Adèle, die nichts beschönigt und die ganze Welt belügt, um den Kick zu erleben. Und die Perspektive des Ehemanns, der erkennt, wer hier an seiner Seite im gemeinsamen Bett liegt. Es gibt keinen Zweifel. Er ist machtlos gegen Adèles Sucht. Er ist lediglich ihr Wirt, bei dem sie parasitär ihr Leben genießt. Und doch ist da die Angst, das alles zu verlieren. Adèles Angst. Wie diese Angst aussieht, wie Adèle dagegen zu kämpfen versucht und was das mit ihrer kleinen Familie macht, all diesen Fragen geht Leïla Slimani auf den Grund.

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All das zu verlieren von Leila Slimani

Zu hoch gelobt. So empfinde ich diesen Roman. Man merkt, dass er am Beginn ihrer Schaffensphase geschrieben wurde. Einige Charaktere in der 218 Seiten starken Story sind wichtig, aber kaum mit Leben gefüllt. So tauchen ohne weitere Erklärung im Beruf und in der Familie Adèles gleich zwei Laurents und Clémences auf. Blass und doch so wichtig, weil sie das Leben zu dem Szenario machen, in dem die Schlacht von Adèle in jeder Sekunde tobt. Ich fand keine neue Madame Bovary in diesem Roman. Liebe und Sehnsucht nach Geborgenheit sind Adèle fremd. Verschmähte Liebe ist nicht Auslöser ihrer Sucht. Wenn sie in sich hineinschaut, spürt sie nur Schmerz, der durch Schmerz bekämpft werden kann. Ihre Work-Life-Sex-Balance steckt hier den Rahmen der Story ab, in der sich die Autorin nicht um Ursachen oder Auswege kümmert.  

Im Hörbuch brilliert Nora Waldstetten, der es gut gelingt, Adèle in der Distanziertheit gegenüber der eigenen Sucht für den Zuhörer nahbar zu machen. Es wird zum direkten Empfinden, zu hören, wie sich Adèle an sich selbst abarbeitet, um der Sucht gerecht zu werden. Nora Waldstetten entzieht der beschriebenen Sexualität jeden Lustfaktor. Das kommt für mich der inneren Stimme von Adèle sehr nah. Und doch bin ich für mich der Meinung, dass ich diese Nähe nicht gesucht hätte. Ich habe das Buch und das Hörbuch beendet. Wäre es das erste Werk von Leïla Slimani gewesen, ihm würde für mich kein zweites mehr folgen. Ich habe Mühe, jegliche Botschaft aus dem Roman zu verdrängen und auch nur einer einzigen Frau zu unterstellen, ihre Verweigerungshaltung in Bezug auf Sexualität liege in einem inneren Wunsch begründet, wie Adèle benutzt und zerstört zu werden. Kein Frauenbild für mich. Ein Roman über die obsessive Symptomatik einer Suchterkrankung.

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All das zu verlieren von Leila Slimani

„All das zu verlieren“ von Leïla Slimani
Buch: Luchterhand Verlag / dt. von Amelie Thoma / gebunden / 218 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ungekürzte Lesung / Nora Waldstetten / 5 Std. / 22 Euro

Herkunft von Saša Stanišić

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Herkunft von Saša Stanišić

Eigentlich kenne ich ihn aus Fürstenfelde. Er feierte dort ein literarisches Fest bevor er mich dem Fallensteller auslieferte und an den Ort des Geschehens zurückkehrte. Er, das ist Saša Stanišić. Deutschsprachiger Schriftsteller aus Bosnien-Herzegowina, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Roman „Vor dem Fest“ ausgezeichnet, für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit vielfachen Literatur-Ehren überhäuft. Er stammt aus Višegrad, einer bosnischen Kleinstadt, ist Sohn einer Bosniakin und eines Serben. Er floh mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg im Jahr ´92 nach Deutschland. Er war gerade mal vierzehn Jahre alt, als es das alte Jugoslawien von den Landkarten fegte und sich explosionsartig in seine multi-ethnischen Bestandteile zerlegte.

Er schrieb bisher über sehr besondere Menschen in Biotopen ihrer ganz eigenen Heimat. Saša Stanišić ist für mich einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest oder ihm zuhört. Er verzaubert Menschen mit knallbunten literarischen Lustballons, verführt sie mit absolut aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt beiläufig, dass im Zentrum seiner Geschichten eine unübersehbare Portion bittersüßer Melancholie verborgen ist. Eine Grundstimmung, die ihn als Beobachter aufmerksam und hellhörig macht, und die verhindert, dass belanglos Dahergesagtes belanglos bleibt. Er legt seine Stimme tief in die Wunden unserer Gesellschaft. Aus gutem Grund.

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Herkunft von Saša Stanišić

Wenn er bisher von Heimat und Identität erzählte, so konnte man vermuten, dass er sich selbst in den Figuren seiner Romane spiegelte. Er zerrte die Randgestalten kleiner Dörfer ans Licht, rückte sie in den Mittelpunkt und ließ sie dann gegen die Windmühlen aus Vorurteil und Vorbehalt ankämpfen. Er schrieb über eigene Menschenschläge mit Eigenarten in eigenartigen Landschaften. Und doch zeigte er uns deutlich, was Heimat bedeutet, welches Gefühl ein Zuhause vermittelt und wie wichtig Identität und Zuhause sind. Der innere Kompass eines Menschen richtet sich zumeist nach dem Ort aus, dem man seine Prägung und Sozialisierung verdankt. Abstrakt war es nicht, was er schrieb. Und doch zeigte er selten sein wahres eigenes Gesicht hinter den Protagonisten jener Romane und Erzählungen. Jetzt lässt er die Maske fallen.

Herkunft“ heißt sein neues Buch. Eine Kollektion von Texten über die Zufälligkeit der eigenen Biografie, vom kaum zu beeinflussenden Schicksal, dem man lebenslänglich ausgesetzt ist. Es sind Geschichten voller Schubläden und Stempel, die unser Leben prägen und die doch nur auf unsere Abstammung zielen. Herkunft. Ein relativer Begriff. Saša Stanišić begibt sich auf die Suche nach allem, was seine Herkunft ausmacht. Er erzählt von Jugoslawien, beschreibt seine Flucht, besucht seine Verwandten, die sich immer noch in Višegrad befinden. Er schreibt über seinen Neubeginn, Versuche einer Integration in Schulen, schwere Lebenswege nach einem Neuanfang. Nicht nur für ihn. Besonders für seine Eltern.

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Herkunft von Saša Stanišić

Und doch finden wir in diesen Geschichten keine Tagebuchaufzeichnungen, rein autobiografische Schilderungen oder Lebenserinnerungen. So leicht macht er es uns dann doch nicht. Saša Stanišić ist Literat. Und was für einer. Er verwischt seine Spuren in der Fiktion und betont stets, dass er das zuvor Erwähnte eigentlich gerne anders in Erinnerung behalten hätte. Er fabuliert sich um den Kern des eigenen Seins herum und laviert sich damit nicht ins Aus. Es ist nur ein wenig Distanz, die er zu sich aufbaut, um das Innenleben und die Psychologie des Erlebten treffender beschreiben zu können. Er bleibt der Wortmagier in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Er bleibt der mahnende und zweifelnde Vater eines in Deutschland geborenen Sohnes in dem Land, das nicht sein Vaterland ist. Er bleibt authentisch und wahrhaftig, obwohl wir verstehen müssen, dass seine eigentliche Stärke in der Fiktionalisierung liegt.

Saša Stanišić ist ist kein Verräter der eigenen Familie. Er skizziert Menschen nach ihren realen Vorbildern. Wie er diese Skizzen jedoch ausmalt, wie er sie mit Leben füllt, das ist alleine seine Sache. Und doch lässt er zu, dass wir uns hineinversetzen können, wenn er von Außenseitern spricht; von den „Jugos“, die nach Deutschland fliehen; von Stereotypen, die man doch besser individuell betrachten sollte. Er nimmt uns mit in die Heimat, die ihm genommen wurde. Die Heimat, die heute weit entrückt scheint. An den Gräbern der Vorfahren stellt er sich die Frage nach seiner Herkunft. Wo kommt er her? Gibt es darauf eine Antwort? Ist es ein ganz präziser Ort oder eine Region. Ist Herkunft etwas, das man verlieren oder auch mitnehmen kann? Ist Herkunft sentimental geprägt oder lässt sie sich mit Menschen aus der Vergangenheit verbinden?

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Herkunft von Saša Stanišić

Ist Herkunft unveränderbar? Wird sie von Sprache bestimmt? Kann man sich selbst aussuchen, wo man gerne hergekommen wäre? Saša Stanišić spielt mit diesen Bildern ebenso, wie er mit seinen sprachlichen Mitteln spielt. Es ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau, weil Saša Stanišić in einer eigenen Liga schreibt und erzählt. Er bindet uns mit ein, weil er in der Lage ist, Perspektiven einzunehmen, die wir zu kennen glauben. Und dann dreht er den Spiegel um und stellt ungefragt Fragen nach unserer Herkunft. Er hat mich in die Fankurve von Roter Stern Belgrad mitgenommen und mir ein Fußballspiel gezeigt, das ich nur zu gut kannte. Ich trug damals die Farben des anderen Teams. Ich stand auf der anderen Seite. Auf der des FC Bayern München. Wir haben verloren und sind ausgeschieden. Wir waren enttäuscht und am Boden zerstört.

Saša Stanišić zieht mich auf die andere Seite. Auf die der Fans, die zum letzten Mal gemeinsam für ein Jugoslawien jubelten, das schon zersplitterte und sich anschließend bis aufs Messer bekämpfte. Saša Stanišić hat mir ein Gefühl vermittelt, was ihm dieses Spiel auch noch heute bedeutet. Plötzlich sah ich mich den Sieg eines anderen Teams bejubeln. Keine Ahnung, wie er das macht. Er ist kein Erzähler – er ist ein Mentalist, der sich in meine Gedanken schleicht und Empathie zu einer Perspektive macht, die man selbst einnimmt. Keinem seiner Texte fehlt es an Relevanz. Jeder Text zeigt die Gefahren auf, in denen unsere Heimat (und vielleicht jetzt ja auch ein stückweit die seine) schwebt. Populisten bestimmen, schüren Angst, bringen Menschen ins Taumeln, lassen Werte in Flammen aufgehen und hinterlassen auf verbrannter Erde die niemals zu beantwortende Frage nach der Herkunft.

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Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Das Hörbuch beinhaltet ausgewählte Texte aus dem Buch „Herkunft“. Auf 5 CDs mit einer Laufzeit von 5 Stunden und 39 Minuten bietet es einen guten Querschnitt der Buchvorlage. Aber, wie ich schon sagte, keinem Text fehlt es an Relevanz. Kombiniert Lesen und Hören. Vervollständigt alle denkbaren Perspektiven zu einem Bild und lasst euch überraschen, wie es Saša Stanišić gelingt, selbst in den Texten, die ihr selbst lest, seine Stimme in euer Ohr zu zaubern. Der Sammler eigener Erinnerungen kommt auch an seine Grenzen. Das ist bemerkenswert. Angesichts der Demenz seiner Großmutter verzweifelt er daran, wie flüchtig das Erinnern ist und was mit ihr alles verlorengeht. Ein Moment, in dem man ihm gerne sagen würde, dass man dies selbst erlebt hat und sehr gerne vergessen würde. Leider unmöglich. Das macht unsere Herkunft aus…

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Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft – Saša Stanišić Buch:
Luchterhand Verlag / Hardcover / 368 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ausgewählte Texte / gelesen vom Autor / 5 CDs / 5 Stunden und 39 Minuten Laufzeit / 22,00 Euro

Saša Stanišić bei AstroLibriumHier.