Harry Potter wird 20 – Muggel, wie die Zeit vergeht!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Zwanzig Jahre. Ein stolzes Alter, ein stolzes Jubiläum und ein Moment, der meine literarischen Erinnerungen mit dem Jahr 1998 verknüpft, als wäre es gestern gewesen. Ein Hype kündigte sich ganz langsam an. Ein Name machte die Runde. Ein Buch in der englischen Originalfassung sorgte dafür, dass Freunde und Bekannte plötzlich spurlos verschwanden. Verschämt schauten sie unter sich, wenn man sie nach dem Grund des Abtauchens fragte. Aus ersten Satzfragmenten und völlig neuen Begriffen setzten sich erste Bilder zusammen, die es zu sortieren galt.

Hogwarts, Muggel, Eulenpost, Dumbledore, Dudley, Hagrid, Hermine. Was für eine Welle schwappte da aus England nach Deutschland? Warum sprachen auf einmal sehr viele Herzensleser von einer Zauberschule, geheimnisvollen Mächten, einem goldenen Schnatz und mehr als geheimnisvoll von „Du-weißt-schon-wer“? Ich kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern. Ich weiß noch genau, wie ich mir in London die Erstausgabe der Geschichte kaufte, die plötzlich in aller Munde war. Ich weiß noch, dass man sich fühlte wie in einem geheimen magischen Zirkel. Man musste nur „Harry Potter“ sagen. Nicht mehr. Und schon teilte sich die Welt im Jahr 1998 in zwei Gruppen auf. Wissende und Unwissende. Und wer nicht eingeweiht war, der sollte es in den folgenden Jahren bitter bereuen. Heute heißt es nur noch #20yearsofmagicde

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

War die Zahl der Geburtstagsgratulanten im ersten Harry-Potter-Band Der Stein der Weisen“ noch überschaubar, so finden sich jetzt wohl zahllose Schulterklopfer ein, die ihm zum Jubiläum gratulieren. Ich feierte mit ihm bereits seinen elften Geburtstag:

„Noch eine Minute und er war elf. Dreißig Sekunden… zwanzig… zehn… neun – vielleicht sollte er Dudley aufwecken, einfach um ihn zu ärgern – drei – zwei – eine – BUMM.“

Genau zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung des Auftaktbandes in deutscher Übersetzung ist die Fangemeinde so sehr angewachsen, dass es weltweit wohl kaum jemanden gibt, der noch nichts von Harry Potter gehört hat. Wenn es in unserer Zeit ein Buch gibt, das ich mir in genau 100 Jahren im Klassikerregal einer Buchhandlung (wer weiß jedoch, ob es da noch solch magische Büchertempel geben wird) vorstelle, dann wird es „Harry Potter“ sein. Vielleicht in einer wertvollen Gesamtausgabe, vielleicht aber auch in allen sieben Bänden der magischen Reihe. Hier halten wir den Nachlass an die Erben des heutigen Lesens in Händen. Joanne K. Rowling hat eigentlich den Literatur Nobelpreis für diese Buchreihe verdient. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Und jetzt wird gefeiert. Von allen Lesern, Filmfans, Rollenspielern und Lego-Meistern. Die Welt ist ohne Harry Potter nicht vorstellbar. Elbenwald wäre ohne Merchandising in den letzten Jahren nicht das geworden, was es heute ist und auch Der Hörverlag kann ein erfolgreiches Lied davon singen, wie die Romanvorlage und ein genialer Sprecher zu einer Einheit verschmelzen. Rufus Beck hat nicht nur Harry Potter Leben eingeflößt. Er hat allen Charakteren der Reihe seine Stimme geliehen und sie zum Ohrwurm einer ganzen Generation gemacht.

Nun sind wir alle versammelt. Feiern Jubiläum, teilen exquisite Erinnerungen und reihen uns in die Schar der Gratulanten ein. Jubiläumsausgaben mit neuen Covern sind beim Carlsen Verlag erschienen. Die grandiose Gesamtausgabe der Hörbücher wurde aufgelegt und die Krönung für die Fans des gesprochenen Wortes ist die Tatsache, ihn wieder live hören zu können. Rufus Beck las Hamburg, Berlin und München. Ich hatte das Vergnügen, seiner Münchner Lesung folgen zu dürfen. Ich saß in der Reithalle vor ausverkauftem Haus und staunte über den heterogenen Altersquerschnitt der Zuhörer. Harry Potter ist und bleibt alterslos, was seine Anhänger angeht. Und Rufus Beck fängt uns genau da ein, wo er uns am Ende des letzten Bandes in die Freiheit entlassen hat.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Der Sprecher, der selbst Internatsschüler war, weiß, was er hier vorträgt, vorlebt und vorspricht. Er weiß, dass viele unserer Erinnerungen mit seiner Stimme, oder soll ich besser sagen „mit seinen Stimmen“ verbunden sind. Er weiß wohl, was er in seinen Zuhörern bewegt, wenn er seine Stimmbänder in Gang setzt. Er weiß genau, dass wir verleitet sind, bei seinem Vortrag unsere Augen zu schließen und uns nur hörend in die Welt der Joanne K. Rowling treiben zu lassen. Und doch thront er wie der Godfather im Sprecherolymp auf seinem Lesethron und beherrscht die Bühne mit seiner Präsenz. Es ist ein Erlebnis, die Aufnahmen mit seiner Stimme zu hören. Es ist ein eigener Kosmos, ihn live erleben zu dürfen.

Erstmals nach vielen Jahren erlebte man diesen Potter-Orkan live on stage. Jedes Wort, jeder Satz, jeder Atemzug ein Volltreffer in unsere Muggelherzen. Jeder Blick des Sprachkünstlers in die Zuschauermenge, ein zufriedener, erkennender Blick, der zeigte, wie goldrichtig der Sprecher an dieser Stelle lag. Endlich wieder Zuhause. Heimatgefühl stellte sich ein, und atemlos gespannt folgte das Auditorium den doch längst bekannten Dia- und Monologen. Was Rufus Beck auf die Bühne zauberte, überraschte dann doch selbst die größten Insider. Eine Live-Übertragung eines Quidditch-Spiels, bei dem das Auditorium für eine sportlich fulminante Geräuschkulisse sorgen musste (besser als ein Champions-League-Finale), die legendäre erste Postzustellung bei den Dursleys, eine Geburtstagsparty mit Hagrid als Überraschungsgast und schließlich die Weasleys, die im zugenagelten Kamin der Dursleys eine Bruchlandung fabrizieren. Das war mehr als stimmungsvoll, das war absolut atmosphärisch und selbst Rufus Beck verlor angesichts der Reaktionen seines Publikums ab und an die Beherrschung und musste eine kleine Kunstpause einlegen, in der er selbst herzhaft lachte.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Die Münchener Reithalle verwandelte sich zur großen Halle von Hogwarts. Es war das perfekte Ambiente für diese grandiose Lesung, die zu keinem Zeitunkt eine Lesung war. Rufus Beck ist Herr über ein eigenes Stimmorchester und wenn man seine Augen schließt, kommt man nie auf die Idee, dass hier nur ein einziger Künstler auf der Bühne steht. Zum krönenden Abschluss des Abends überraschte uns der sprechende Hut mit einer Gesangseinlage, mit der niemand gerechnet hatte. Grandios. Höhepunkte, an die man sich noch lange erinnern wird. Für alle Potterheads ging dann noch ein Traum in Erfüllung. Die zu Beginn des Events von den Hauselfen verteilten goldenen Umschläge enthielten die so lang ersehnte Post aus Hogwarts. Endlich. Das jahrelange Warten hat sich so sehr gelohnt.

Feiert das Jubiläum mit. Ihr könnt Harry Potter gratulieren, ihr könnt neu lesen und neu entdecken. Phantastische Tierwesen finden im Kino ihre Fortsetzung und wer denkt, Harry Potter hätte seinen Zauber verloren, der sieht sich eines Besseren belehrt. Gut, dass Rufus Beck gegen Zaubersprüche immun ist. Silencio (lat. Silentium = Stille, lässt die Stimme des Getroffenen völlig lautlos werden) hat ihn nicht sprachlos gemacht und mit Quietus (lat. quietus – stellt die Stimme auf normale Lautstärke) kann er immer noch sehr gut umgehen und einen ganzen Saal in voller Lautstärke unterhalten. Ich bin sicher, dass er jedoch den Zauberspruch Sonorus (lat. sonorus = tönend, verstärkt die Stimme) selbst erfunden haben muss. Seine Lesung war der lebende Beweis für diese These.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Einen solchen Abend sollte man nicht allein erleben. Stephanie Sack hatte sich in ihre schmucke Hogwarts-Schuluniform geschmissen und sicher wird man schon sehr bald auf ihrem Blog Nur Lesen ist schönerweitere Eindrücke dieser bezaubernd emotionalen Zeitreise lesen können. Ich bleibe da am Schnatz… Sie hat es getan!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Natürlich könnt ihr jederzeit hier nachlesen, was J.K. Rowling wirklich wichtig ist.

J.K. Rowling bei AstroLibrium

„In deinem Namen“ von Harlan Coben – Ein Sehnsuchtsthriller

In deinem Namen von Harlan Coben

Wenn ich an Thriller denke, die mich emotional bewegt haben, dann denke ich an Harlan Coben. Wenn ich an spannungsgeladene Stories denke, die sich deutlich vom Mainstream abheben, in denen das Blut nicht von den Wänden läuft und die Sehnsucht das zentrale Erzählelement darstellt, dann lande ich in meinen Gedanken immer wieder in Romanen aus seiner Feder. Harlan Coben hat mich noch niemals enttäuscht. Er hat immer die hohen Erwartungen erfüllt und, was in diesem Genre außergewöhnlich ist, er hat mir Romane in die Seele geschrieben, die in meiner Erinnerung vollständig präsent sind. Wo zumeist nur Fragmente in Erinnerung bleiben, genügt ein Blick auf das Cover und ich bin wieder am Ort des Geschehens. Auf Augenhöhe.

Ich finde dich
Ich vermisse dich
Ich schweige für dich und
In ewiger Schuld

Ein Zitat aus „Ich finde dich“, das für mich das Schreiben Harlan Cobens treffend charakterisiert. Mir geht es mit seinen Thrillern, wie es seinen Protagonisten mit ihrer großen Liebe geht. Ich fühle mich magnetisch angezogen.

„… Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus.“

In deinem Namen von Harlan Coben

Thriller, die meine Sichtweise zu diesem Genre deutlich verändert haben. Thriller, die Spuren in meinem Lesen und Hören hinterlassen haben, weil ich eben nicht nur die Bücher, sondern insbesondere auch alle Hörbücher genossen habe. Detlef Bierstedt, die deutsche Synchronstimme von George Clooney, ist für mich zum Synonym für jene Thriller geworden. Facettenreich in seiner Modulation, im Timbre und dem emotionalen Zustand wird er dem Setting der jeweiligen Story mehr als gerecht. In der Rezension zu „Ich finde dich“ stellte ich mir die Frage, ob ein Thriller neben allen Stereotypen eines spannenden Pageturners auch knallhart romantisch sein darf. Meine Antwort lautet: Ja. Damals 2014, als ich Harlan Coben zum ersten Mal las und heute erneut. Ja. Ohne die tiefe, romantisch ausgeprägte Sehnsucht nach der großen Liebe eines Lebens wird es für mich keine Thriller geben, die das Prädikat Coben im Titel tragen.

In deinem Namen

Das fünfte Cover-Holzhaus, die fünfte Hütte, die ich nun betrete. Cover, die nicht in jedem Fall etwas mit den Inhalten der Romane zu tun haben, aber eben Cover, die sich zum Markenzeichen für viele Coben-Thriller gemausert haben. Brandbeschleuniger für den Verkauf. Optische Leckerbissen für das Bücherregal und visuelle Klammer für eine offene Buchreihe mit jeweils neuen in sich abgeschlossenen Thrillern, die nicht mal die Ermittler gemein haben. Jede Coven-Hütte ist eine neue Welt. Jede Hütte stellt für sich ein neues Erlesen und Erhören dar. Und doch haben die Hütten eines gemeinsam. Die ewige Suche nach einem wichtigen Menschen. So auch diesmal.

In deinem Namen von Harlan Coben

Und schon sind wir mittendrin im neuen Werk von Harlan Coben. Und schon sollte man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man die ersten Zeilen liest, die erste Seite hört. Weit reicht die Traumatisierung von Napoleon (Nap) Dumas zurück. Bis heute ist der Detective einer Kleinstadt in New Jersey auf der Suche nach Antworten. Bis heute verfolgt ihn eine Nacht, die vor 15 Jahren sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Eine Nacht, die sein Leben mit der Überschrift Verlust versehen hat. In jener Nacht verlor er nicht nur seinen Zwillingsbruder Leo, sondern mit Maura auch die große Liebe seines Lebens. Doch während Leo gemeinsam mit seiner Freundin Diana auf den Bahngleisen von einem Zug erfasst wurde, ist Maura einfach spurlos verschwunden.

Kein Abschied. Keine Begründung. Keine letzten Worte. Das gilt für beide Verluste. Doch während der Tod seines Bruders unabänderlich ist, hofft Nap seit 15 Jahren eine Spur oder ein Lebenszeichen von Maura zu finden. Grund genug für ihn damals Polizist zu werden. Doch vergebens. Bisher. Doch plötzlich kommt Fahrt in die Vergangenheit von Nap Dumas. Bei Ermittlungen in einem Polizistenmord findet man im Tatfahrzeug die Fingerabdrücke von Maura. Und nur weil er es war, der vor 15 Jahren die Abdrücke in die Polizeidatenbank eingespeist hat, wird er nun von den ermittelnden Polizisten in den Mordfall involviert. Die Vergangenheit holt ihn ein. Nap hofft, endlich Antworten auf die großen offenen Fragen seines Lebens zu erhalten.

In deinem Namen von Harlan Coben

Das ist Harlan Coben, wie er schreibt und lebt. Hier ist wieder die Ausgangsbasis für einen Thriller gelegt, der dem roten Faden seines Schreibens wie auf Schienen folgt. In jeder Sequenz wird spürbar, wie tief die Verletzungen verankert sind. In jedem Moment dieses Thrillers fühlt man die bohrende Last der ungeklärten Fragen. Die Triebfeder für Nap wird bis zum Bersten gespannt. Ebenso unsere Nerven. Denn die Ermittlungen im Polizistenmord scheinen nicht nur eine Spur zu Maura aufzudecken. Hier laufen Fäden zusammen, die vor 15 Jahren für eine Kette von Ereignissen verantwortlich waren, die bis heute völlig im Dunkeln liegen. Hier greift Harlan Coben in seiner Fantasie nicht ins Leere. Er verankert seinen Thriller in der Zeit und lässt ein plausibles Szenario vor den Augen seiner Leser entstehen, das einfach nur fesselnd ist.

Nap Dumas lebt auf. Er ermittelt im Vollgas-Tempo. Die Charakterzeichnung dieses Polizisten ist so tief angelegt, dass wir mal zurückschrecken und mal fasziniert sind. Er regelt die Dinge. Knallhart und auch mal außerhalb der Legitimation durch seinen Job. Nap ist Gerechtigkeitsfanatiker und wo seine Befugnisse als Polizist enden, da findet er kreative Wege, sie zu umgehen. Als er jedoch beginnt, die Fäden von einst in die Hand zu bekommen, führen ihn die ersten Antworten an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Alles hängt zusammen. Alle Spuren führen zurück in eine Zeit, die nun wieder lebendig zu werden scheint. Kein Verlust basiert auf Zufällen. Nap Dumas braucht alle Kraft der Welt, um das erneut durchzustehen.

In deinem Namen von Harlan Coben

Ein echter Coben! Mehr muss ich kaum sagen. Ein Thriller voller Geheimnisse, Gefühl und Hochspannung. Der Erzählraum einer amerikanischen Kleinstadt weitet sich enorm aus, wenn wir in die jüngere Vergangenheit blicken. Ein geheimer Raketenstützpunkt in neuer Verwendung, Überwachungskameras, Drogen und die ersten großen Lieben sind mehr als nur Randerscheinungen einer Geschichte, die ihre eigene Geschichte hat. Der Autor lässt keine Fragen offen. Auch das hat Tradition bei Harlan Coben. Er lässt uns in keinem seiner Fälle hängen. Vorhersehbar ist hier nichts. Kalkulierbar ist niemand. Und doch sagt man sich am Ende, man hätte es ahnen können, wenn es nicht so geschickt versteckt gewesen wäre.

Was mir nach dem Lesen und dem Hören bleibt ist erneut das gigantische Gefühl, einen großen Thriller erlebt zu haben. Was mir bleibt, sind die Sehnsuchtsmomente, in denen man Tränen in den Augen hat. Unvergessen wird es mir im Gedächtnis bleiben, einmal mit Mauras Augen einen Blick auf den Menschen zu werfen, den sie vor genau 15 Jahren verlassen hat. Unvergessen bleibt dieser Moment, in dem sie dem Schicksal das Angebot macht, alles zu ändern. Spätestens hier habe auch ich mich in sie verliebt. Unvergessen bleibt auch der eigentliche Adressat der Geschichte. Coben schreibt das Buch nicht für seine Leser. Nap Dumas erzählt diese Geschichte als endlosen Monolog für seinen Bruder Leo, in dessen Namen er der Vergangenheit den Schleier vom Antlitz reißen will. Großartig.

In deinem Namen von Harlan Coben

„Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Jetzt mal unter uns, Jungs. Die Zeiten haben sich schon sehr verändert, Rollenbilder und Männerwelten sind nicht mehr das, was sie mal waren, aber manchmal gelingt uns doch die Flucht. Vatertagsausflüge (neudeutsch Herrentagstouren) wecken die Männer in uns. Was für richtige Jungs. Survival unter verschärften Bedingungen, oder wann ist es ansonsten noch denkbar, dass wir uns selbst vor einen Bollerwagen spannen und in wagemutigen Abenteuergruppen zu Expeditionen aufbrechen, die es in sich haben? Ist es nicht ein wahrlich HERRlicher Anblick, diese von allen Pflichten befreiten Männer im Schweiße ihres Angesichts und unter Einfluss berauschender Getränke zu beobachten und ihnen die Daumen zu drücken, dass sie gesund zu ihren Familien zurückkehren?

Drei Mann in einem Boot – Das Vatertags-Special – Mit einem Klick zum PodCast

Wahre Traditionen werden niemals untergehen. Männerausflüge gehören einfach zur Geschichte der Menschheit, wie Revolutionen, Kriege und die Pest. Frauen sind da einfach fehl am Platz. Schmückendes Beiwerk. Zierrat. Gerne gesehen, aber genau an diesen Tagen nicht erwünscht. MANN will unter sich sein. Das Leben schmecken. In Erinnerungen schwelgen. Sich selbst ausprobieren. In der Rolle aufgehen und die Fünf auch mal gerade sein lassen. Tradition. Glaubt ihr nicht? Lasst uns doch in der Literatur nach einer Spur suchen, die heute traditionsstiftend für Männerausflüge sein könnte. In keinem Land werden wir schneller fündig, als im konservativen England des späten 19. Jahrhunderts. Da war die Welt für den Mann noch in Ordnung. Frauenwahlrecht? Lach. Noch Jahrzehnte entfernt. Hier konnte das Mannsein noch zelebriert werden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Jerome K. Jerome verfasste das Standardwerk in Sachen Herrenausflug.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Seine Erzählung „Drei Mann in einem Boot – Ganz zu schweigen vom Hund“ kann mit Fug und Recht als die Mutter aller Männerausflüge bezeichnet werden. Wobei es ja eigentlich eher der Vater heißen müsste. So ändern sich die Zeiten. Aber egal. Es ist wie es ist und wenn uns die Sehnsucht nach einer längst untergegangenen Welt der Männer packt, dann empfiehlt es sich, jenes epochale Werk zu lesen. Eine Schiffsreise stand schon immer ganz oben auf der Richterskala der großen Abenteuer unserer Zeit. Bootsausflüge galten im viktorianischen Zeitalter als DAS Maß der Dinge, wenn es galt Mut und Geschick zu beweisen. Jerome K. Jerome nimmt uns mit zu dieser Expedition auf der Themse. Wobei man schon bemerken muss, dass die Themse allein schon für sich ein Synonym für Wildwasser und Lebensgefahr ist. (hust)

Und ja, die drei Männer, die der Autor hier in die Stromschnellen schreibt sind die wohl letzten großen Abenteurer eines Zeitalters der großen Eroberer. Und das Boot, ja, das Boot steht in direkter Tradition mit den großen Forschungsschiffen des Empire. Die Golden Hind, die Endurance oder die Terror müssen in einem Atemzug mit dem Boot genannt werden, um das es hier geht. (hust) In Wirklichkeit handelt es sich hier um eine Nussschale, ein kleines Ruderboot mit zwei Riemen und Platz für den dritten Mann, der sich gerade ausruhen und steuern kann. Wobei wir schon zu allen Problemen kommen, die Jerome K. Jerome zur Grundlage seiner Geschichte macht. Drei verwöhnte Männer, ein sehr kleines Boot und ein Hund, von dem noch die Rede sein wird.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Der Autor macht sich über alle Klischees lustig, die dem geneigten Leser dabei in den Sinn kommen. Und nicht nur das. Er nimmt sich selbst auf Schippe und Korn, weil er nach dem Motto „Wir sitzen alle im selben Boot“ einer der drei Alltagshelden an Bord ist. Drei Männer, die für alles geeignet scheinen, nur nicht für diese Reise. Briten eines Zeitalters der gepflegten Erscheinung, des Komforts und eben echte Snobs, wie sie im Buche stehen. In diesem. Hypochonder, die körperliche Arbeit nicht kennen und viel zu egoistisch sind, um im Team wirken zu können. Jerome, George und Harry werden zu Schreckgespenstern für jeden, der darüber nachdenkt, wen man auf eine solche Reise mitnehmen könnte. Jeden, nur bitte keinen von den Dreien. Dann doch lieber den Hund Montmorency, der zwar für einigen Ärger sorgt, aber immer noch produktiver erscheint, als die Drei Männer in einem Boot.

Mit unglaublich präziser Situationskomik zerlegt der Autor sich selbst und seine Gefährten in die kleinsten Moleküle von Unfähigkeit. Kleine Rückblenden erläutern, warum ganze Familien an ihnen verzweifeln, wenn auch nur einer von ihnen den Nagel auf den Kopf treffen will. Ein Bild aufzuhängen wird zum Staatsakt, an dessen Ende die heillose Panik um sich greift. Arbeitsmoral ist ein Fremdwort und schon das Packen für die Reise wird zur Lachnummer. Nachdem die drei Ausflügler eine erste Liste der ganz wichtigen und unverzichtbaren Dinge erstellt haben, die unbedingt an Bord müssen, ist es völlig klar, dass die Themse nicht genügend Tiefgang für einen solchen Frachtkahn hätte. Also beschränkt man sich auf das Allernotwendigste und auch das lässt uns die Lachfalten im Gesicht erbeben.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wenn eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert ihren aberwitzigen Humor zeitlos trocken in unsere Zeit rettet, dann haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Viele der Episoden dieser Schiffsreise bleiben im Gedächtnis. Pleiten, Pech und Pannen sind Wegbegleiter der drei Flussschiffer. Und wenn ausnahmsweise etwas gelingt, dann ist immer noch ein Hund an Bord, der sich ins Zeug wirft. Wir lernen im Buch, wie man die Wäsche unterwegs nicht waschen sollte, was beim Treideln strengstens zu unterlassen ist und warum es Unglück bringt, unterwegs weibliche Passagiere aufzunehmen, die in blütenweißen Kleidern an Bord Platz nehmen und auf ihr Äußeres bedacht sind.

„Drei Mann in einem Boot“ ist das wohl komischste britische Buch, das ich lesen und hören durfte. Die kleine feine Prachtausgabe der Manesse Bibliothek in neuem Design steht diesem Buch sehr gut. Es ist jetzt nicht nur inhaltlich, sondern optisch und haptisch ein wahrer literarischer Leckerbissen. Es ist jedoch kein Zufall, dass ich mich auch in die aktuelle Hörbuchfassung von Der Hörverlag verliebt habe. Das hat gleich mehrere Gründe. Die Episoden der Reise sind so unterhaltsam, dass man sich einfach extrem gut aufs Hören konzentrieren kann, weil man die Hände frei hat. Wie sollte man sich sonst die Lachtränen aus dem Gesicht wischen. Und mit Axel Milberg konnte der wohl am britischsten klingende deutsche Sprecher und Schauspieler für die Produktion gewonnen werde.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Milbergs distinguierter, versnobter Tonfall macht aus diesem Hörbuch ein echtes Erlebnis. Ihm gelingt der Zeitsprung in das angestaubte England so perfekt, dass man denkt, sich auf einer Zeitreise zu befinden. Sein Anglerlatein ist grandios, die Ignoranz gegenüber der Realität faszinierend und seine Verweigerungshaltung gegenüber jeder körperlichen Arbeit legendär. Axel Milberg rudert sich durch eine Geschichte, ohne sich dabei die Hände nass oder schmutzig zu machen. Es ist brillant, wie lebendig er dieser Erzählung Leben einhaucht. Bewundernswert, dass er nicht selbst lauthals lachen und prusten musste beim Einlesen der Geschichte. Er hat diesen Klassiker stimmlich vom Stapel gelassen und dem sanften Verlauf der Themse anvertraut. Dabei nimmt er jede Faser des Humors mit an Bord, den Jerome K. Jerome auf seine Packliste schrieb.

Vatertag, jetzt kannst du kommen. Rein in die Boote, Leinen los und auf in das letzte große Abenteuer für echte Männer. Wer zum Lachen in den Keller geht, sollte ihn noch schnell schallisolieren. Ansonsten hört man euch im ganzen Haus, ob ihr lest oder hört. Eure Lachtränen lassen den Pegelstand der Themse um einen gefühlten Meter steigen und sorgen dafür, dass euer Boot stets Gefahr läuft zu kentern. Wer beste Unterhaltung sucht, ist hier gut aufgehoben. Heuert an und lacht über euch selbst, über uns Männer oder einfach so, weil die pure Lust am Lesen und Hören hier einen Höhepunkt erreicht, der Flutwellen des Lachens in euer Leben spült.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wir sitzen alle im selben Boot. Gute Fahrt und immer eine Handbreit Themse und Humor unter dem Kiel. Sie möchten diese Rezension hören? Bitte sehr

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Literarische Fallhöhe. Schon mal davon gehört? Es ist die Höhe, aus der man sich als Leser in eine Geschichte fallenlässt, weil man die innere Bereitschaft und Interesse mitbringt, sich einem bestimmten Thema zu öffnen. Je größer die Fallhöhe, desto tiefer gelingt das Eintauchen in die Fantasiewelt eines Autors. Zumeist kann die Bereitschaft, sich auf ein Thema einzulassen bereits beim Lesen des Klappentextes ausgelotet und bewertet werden. Hier treffen wir Entscheidungen. Ganz bewusst. Und wer ganz allein für sich feststellt, keine Krimis zu mögen, der sollte sie tunlichst umgehen und nicht am Ende des Lesens sagen „Ich mag ja keine Krimis und das Buch hat mir nicht gefallen.“ Definieren wir mal die literarische Fallhöhe für den folgenden Roman.

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig. Mögen Sie fantastische Romane, in denen es um Zeitreisen, unendliches Leben oder zeitlose Gefühle geht? Lieben Sie es, sich in ihrem Lesen vorzustellen, wie es wäre unsterblich zu sein? Schmelzen Sie dahin, wenn in Filmen wie „Highlander – Es kann nur einen geben“ der Song „Who wants to live forever“ erklingt? Träumen Sie sich nach Schottland, wenn Sie Diana Gabaldon in die „Highland-Saga“ folgen und eine Frau begleiten, die in die Vergangenheit reisen kann und sich natürlich dort unsterblich in einen Sterblichen verliebt. Mögen Sie die TV-Serie „Outlander“, die auf dieser Saga basiert? Klingelt es in Ihrem Herzen, wenn Sie Worte wie Sassenach und Lallybroch vernehmen? Haben Sie sich mit Anne Brashares auf eine zeitlose Liebe eingelassen, die zwei Menschen über viele Jahrhunderte hinweg so intensiv miteinander verband, dass sie sich ständig „So nah und doch so fern“ waren?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Haben Sie in diesem kurzen Abriss Schlüsselbegriffe gefunden, die etwas in Ihnen auslösen? Oder lässt Sie das alles kalt und kommen Sie zu dem Entschluss, dass man Sie mit diesem Thema besser in Ruhe lässt? Wenn Sie ein leichtes emotionales Zittern spüren, das schon beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut verursacht, dann ist es so, dass Sie die richtige Fallhöhe erreicht haben, um sich auf Mattt Haig einzulassen. Dann ist es so, dass Sie nicht enttäuscht werden, wenn Sie zu diesem Roman greifen, weil er mit all diesen zeitlosen Bildern spielt, sie neu arrangiert und in schillerndsten Farben in einer grandiosen Geschichte anordnet. Genau dann sollten Sie sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen. Er ist der Missing Link zu allen vorherigen Büchern dieses Sujets. Es ist ein Muss, sich die Frage zu stellen „Wie man die Zeit anhält“. Warum?

Sehr einfach. Weil es brillant, tiefgründig, humorvoll und zutiefst emotional ist, was uns Matt Haig in seinem neuesten Roman erzählt. Darf ich Euch Tom Hazard vorstellen? Er lebt im hier und jetzt, könnte Euch im täglichen Leben begegnen, ist nicht sehr auffällig und wirkt eigentlich wie ein normaler Vierzigjähriger auf sein Umfeld. Nur, der Eindruck täuscht gewaltig, denn in ihm drin sieht es ein wenig anders aus. Tom ist in Wirklichkeit über 400 Jahre alt. Er ist keineswegs unsterblich, aber sei Alterungsprozess verläuft im Vergleich zu den „Eintagsfliegen“ (so bezeichnet er uns Normalsterbliche) schleppend. Das bringt natürlich ein großes Portfolio an Problemen mit sich, die sein Leben nicht so lebenswert erscheinen lassen, wie es sein sollte. Sein größtes Problem ist Einsamkeit. Er musste im Lauf seines Lebens viele Eintagsfliegen zurücklassen, sah sie altern und letztlich sterben. Ganz normal. Er jedoch altert kaum. Er bleibt eher der Alte, wobei das natürlich auch wieder problematisch ist.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Matt Haig entwickelt aus dieser Ausgangssituation eine brillante Geschichte, die uns zu den Wegbegleitern jenes Tom Hazard macht. Wegbegleiter, die nicht nur ihn im Verlauf seines langen Lebens kennenlernen, sondern die gleichzeitig die Jahrhunderte erleben, in deren Verlauf seine Veranlagung zu immer neuen Problemen führte. Das ist extrem durchdacht, wirkt plausibel und macht betroffen. Wie ging man im Lauf der Zeit mit Menschen um, die einfach nicht älter wurden? Konnte man sich da in einem Umfeld sicher fühlen, in dem Hexen verfolgt und verbrannt wurden? Geriet man nicht ins Visier von Menschen, die das Andersartige als tödliche Gefahr sahen? Der ethische Kontext der jeweiligen Zeit kennzeichnet den Kollisionskurs, auf dem sich Tom Hazard befindet.

Er lernt sehr schnell. Liebe ist fatal. Herzensbindungen einzugehen ist mehr als verstörend. Menschen zu verlieren, die man liebt, verfolgt den fast Unsterblichen fast durch das ganze Leben. Einziger Trost ist das Wissen, dass er nicht allein ist. Es gibt noch mehr Menschen, die seine Veranlagung teilen. Viele von ihnen haben sich einer geheimen Organisation angeschlossen, die das Weiterleben in sich ändernden Zeiten auf sichere Beine stellen. Man denke nur an Dokumente, Geburtsurkunden, Identitäten und nicht zuletzt auch an mögliche Berufe, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Der Tom Hazard unserer Zeit arbeitet zum Beispiel gerade als Geschichtslehrer. Wer könnte dieses trockene Fach seinen Schülern lebendiger näherbringen als jemand, der die Geschichte als Augenzeuge erlebt hat?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Also gilt es die Regeln zu befolgen, die aus Sicht der Gesellschaft der Albatrosse als vernünftig gelten. Nicht verlieben, spätestens nach acht Jahren den Wohnort und die Identität wechseln, keine Fotos zulassen und Alleingänge derer verhindern, die der Organisation der Albatrosse nicht angehören. Konflikt- und Spannungspotenzial ohne Ende. Und Matt Haig holt alles raus, was rauszuholen ist. Brillant erzählt, keine Chance sich dem Spannungsbogen zu entziehen und wundersames Staunen, wenn wir an der Seite von Tom Hazard den Großen der Weltgeschichte persönlich begegnen. Ein klein wenig Smalltalk mit Shakespeare, eine Schiffsreise mit Captain Cook, ein Whisky mit Scott F. und Zelda Fitzgerald? Kein Problem. Sie sind alle da und so vital, wie man es sich nur wünschen kann.

Klingt alles lustig? Nicht wirklich. Matt Haig verbirgt in seiner fulminanten Story auch das ganz große Drama. Was passiert, wenn sich ein Albatros unsterblich verliebt? Was, wenn ein Kind als Frucht dieser Liebe entsteht. Ist die ewige Jugend vererbbar? Altert das Kind ebenso wenig wie sein Vater oder bleibt er jung, während er das eigene Kind auf dem Weg zum Greis begleitet? Was, wenn die Gesellschaft der Albatrosse sich zur Geheimgesellschaft entwickelt, die Opfer fordert? Und was, wenn Wissenschaftler aller Epochen den seltsamen Menschen auf die Spur kommen, die das Gen der fast ewigen Jugend in sich tragen? Und wie verhält sich Tom Hazard, wenn ihm plötzlich eine Frau begegnet, für die er alles aufgeben würde, weil er sich gegen alle Regeln verliebt? Alle Fragen beantwortet der Roman. „Wie man die Zeit anhält“ wird zum großen Leitmotiv eines Romans, der in einer Reihe mit Gabaldon und Brashares zu nennen ist, wenn es um die großen „Zeitgeschichten“ geht.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Das Buch aus dem Hause dtv ist ein wahrer Pageturner. Die Hörbuchfassung von Der Hörverlag besticht und brilliert mit der Auswahl des Sprechers, der in die Rolle von Tom Hazard schlüpft. Alle Emotionen gilt es hier zu transportieren. Das Changieren der Stimmungslagen ist hier das Kunstwerk an sich. Humor, Kuriositäten und Anekdoten in ständigem Wechsel mit Verlustangst, Trauer, Zweifel und Verliebtheit zur Entfaltung zu bringen ist das prädestinierte Betätigungsfeld für Christoph Maria Herbst. Was er ins Hörbuch zaubert, ist schlicht und ergreifend gar nicht schlicht aber doch ergreifend. Er spricht sich in alle Rollen hinein, macht Geschichte lebendig und reanimiert die Großen der Weltgeschichte.

Wenn ich jetzt sage, ich könnte Christoph Maria Herbst stundenlang zuhören und einfach nur genießen, was er mir erzählt, dann sage ich das aus gutem Grund. Es fußt auf meiner Hörerfahrung. Neuneinhalb Stunden trieb ich mit seiner Stimme ungekürzt durch alle wichtigen Epochen der Geschichte. Nie verlor ich den Faden, immer wieder holte er mich da ab, wo ich das Hören unterbrach. Und immer, wenn es galt Tränen zu lachen oder zu vergießen, gelang es Christoph Maria Herbst mich in die entsprechende Grundstimmung zu versetzen. Hören oder lesen? Ich kann mich nicht entscheiden. Die Vielfalt der Charaktere verleitet mich sehr zum Hören. Ein absolutes Erlebnis. Am Ende bleibt nur festzuhalten, dass die literarische Fallhöhe in diesem Roman extrem hoch ist. Lachenweinen garantiert.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

„Die Geschichte des Wassers“ von Maja Lunde

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Ich höre noch immer das Summen der Bienen, denke sehr oft an die Konsequenzen ihres Aussterbens, vernehme Warnungen, die ungehört verhallen und kann einfach die kleine verendete Biene auf dem Cover von Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ nicht vergessen. Zu eindringlich war dieses Buch, zu intensiv wurde mir vor Augen und Ohren geführt, was doch bitte niemals Realität werden sollte. Das große Bienensterben hat bereits begonnen und doch hat vielleicht gerade dieser Roman mehr bewirkt, als so manche TV-Dokumentation. Maja Lunde ist es gelungen, das bedrohliche ökologische Thema so zu verpacken, dass es eine sehr heterogene Zielgruppe erreicht. Ein Roman, der nicht alleine stehen soll, geht es nach der norwegischen Erfolgsautorin. Sie hat den Bienenstock hinter sich gelassen und erzählt uns jetzt „Die Geschichte des Wassers“.

„Ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte,
eigentlich müsste sie Wasser heißen.“

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Von vier Romanen ist inzwischen die Rede, wenn Maja Lundes ökologischer Zyklus zur Sprache kommt. Die vier apokalyptischen Reiter kommen mir in den Sinn. Vorboten des Weltuntergangs. Es war Albert Einstein, dem das Zitat „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben“ zugeschrieben wird. Der erste Reiter der Apokalypse ist auf seinem Schlachtross durch unser Lesen getrabt und hat tiefe Spuren hinterlassen. Und wenn Maja Lunde jetzt über Wasser schreibt, ist es völlig klar, dass ihr zweiter Reiter wie eine Flutwelle an unseren Gestaden anlanden wird, nur um Dürre zu verbreiten. Brandaktuell ist das Thema. Ebenso aktuell, wie das Aussterben der Bienen. Und doch nehmen wir es nur am Rande wahr.

Kapstadt. Mehr muss ich nicht sagen. Die Wasserknappheit in der südafrikanischen Metropole führt schon jetzt dazu, dass man sein eigenes Wasser zum Friseur mitbringt, wenn man dort die Haare waschen lassen möchte. Sie führt dazu, dass man es danach in einem Kanister als Brauchwasser mit nach Hause nimmt, um die Toilettenspülung in Gang zu halten. Kein Problem der Unterschicht. Es trifft jeden. Und doch… was hat das mit uns zu tun? Drehen wir den Wasserhahn beim Zähneputzen zu und denken an jene Bewohner von Kapstadt? Springen wir nach vier Minuten aus der Dusche und waschen unsere Autos nur noch einmal im Jahr. Betrachten wir den Besuch einer Therme schon als Luxus und sparen uns Wasser für unsere Kinder vom Mund ab? Nein! Warum denn auch. Es fließt. Es ist billig und es ist im wahrsten Wortsinn im Überfluss vorhanden. Es ist nur Wasser. Also immer mit der Ruhe. Wasser und Bienen. Zwei Apokalypsen, zwei Botschafter des Untergangs, zwei Szenarien, die uns nicht betreffen. Punkt.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Maja Lunde räumt auch mit diesem Irrglauben auf. Die Geschichte des Wassers“ lässt kaum Spielraum für Fehldeutungen. Sie macht betroffen, obwohl Maja Lunde, wie bei den Bienen alles andere als ein Sachbuch präsentiert. Sie schreibt auch nicht über das Wasser an sich. Sie erzählt von Menschen. Sie erzählt Geschichten. Doch während ihr Bienenroman noch aus drei Erzählebenen bestand, die das Vor, Während und Nach dem Aussterben der fleißigen Bestäuber beschrieben, beschränkt sie sich nun mit zwei Handlungssträngen. Wir alle durchleben gerade die nicht vorhandene erste Ebene ihrer Geschichte. Wir erleben das Vor der globalen Wasserknappheit. Der Roman zeigt uns, wie es weitergeht, wenn wir wegschauen. Kapstadt wird zu Europa, Europa wird global und alles wird durch einen Mangel verbunden, den der Mensch kaum zu ersetzen weiß. Wasser.  

Und genau hier reißt uns Maja Lunde aus unseren Träumen. Sie beginnt im Jetzt. Sie erzählt die Geschichte der Umweltaktivistin Signe, die alle Klima-Veränderungen in ihrer Heimat, den norwegischen Fjorden am eigenen Leib erlebt, die in der Rückschau auf ihr fast siebzig Jahre währendes Leben all die Fehlentwicklungen mitbekommen hat und nun die Ausweglosigkeit erkennt. Dass ewige Eis der Gletscher wird zum Luxuseis der Schönen und Reichen, die ihre Gläser auf ein tolles Leben erheben. Die Natur wird zur Geisel der Menschheit. Flüsse werden begradigt, unterirdisch umgeleitet und Signe ergreift die wohl letzte Chance ihres Lebens, ein Zeichen zu setzen. Nicht nur für Natur und Umwelt, nicht nur für die Zukunft der Menschheit. Nein. Ein Zeichen, das zeigt, wie sehr ihr eigenes Leben vom Verrat, der Illoyalität und dem Egoismus von Menschen in ihrem engsten Umfeld geprägt war. Sie geht an Bord ihres Segelbootes und begegnet ihrem apokalyptischen Reiter auf ihrer Fahrt nach Frankreich. Die „Blau“ ist ihre Arche.

Die Geschichte des Wassers

Dieser Erzählstrang im Hier und Heute ist ein genialer Kunstgriff von Maja Lunde, weil sie uns damit verdeutlicht, dass unser gefühltes Vor der Katastrophe in Wirklichkeit das Während bedeutet. Wir wollen es nur nicht realisieren. Signes Geschichte allein ist schon in der Lage, uns zu wecken, Dinge zu sehen, die wir verdrängen. Unseren Blick zu schärfen und den belächelten Umweltaktivisten von heute mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Maja Lunde wäre aber nicht die Maja Lunde der Bienen und des Wassers, wenn sie nicht einen entscheidenden Schritt weitergehen würde. Ein Schritt der aus den offenen Augen nun mehr entstehen lässt. Sie beschreibt eine apokalyptische Vision in der das Wasser ebenso verschwunden ist, wie einst die Bienen des ersten Romans.

Hier lernen wir David und seine Tochter Lou kennen. Wir schreiben das Jahr 2041. Wir befinden uns in einem Land in dem Wasser nicht nur knapp, sondern umkämpft ist und ein Land, in dem die verzweifelten Menschen sich auf der Flucht befinden. Wobei die Flucht eher einer ziellosen Reise gleicht. Das Ziel „Wasser“ ist unerreichbar. David durchlebt mit seiner Tochter das Horrorszenario der Wasserknappheit, sieht den Sturz der Menschen in die Hoffnungslosigkeit und doch bleibt ihm keine andere Wahl. Nach der Trennung von seiner Frau und seinem Sohn bleibt ihm nur der Weg in die großen Flüchtlingslager, um zu suchen und zu überleben. Eine heillose Flucht. Verlust, Angst und Panik gehen Hand in Hand. Bis Vater und Tochter auf einem Streifzug auf etwas stoßen, das hier absolut fehl am Platz ist. Ein altes Segelboot mitten in Frankreich. Auf dem Trockenen.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Eine tote Biene und ein gestrandetes Boot zieren diese beiden Bücher von Maja Lunde. Die wertigen Printausgaben vom btb Verlag versprechen und halten viel. Beide Romane schmiegen sich aneinander und nähren meine Hoffnung auf ein ökologisches Quartett. Vielleicht geht es ja mit Luft weiter. Vielleicht auch mit einem apokalyptischen Reiter, den wir alle noch gar nicht auf dem Schirm haben. Maja Lunde überzeugt, weil sie ein brisantes Thema einer breiten Masse von Lesern ins Stammbuch schreibt. Wir können uns den Bienen und dem Wasser nicht entziehen. Das macht die Botschaft der Romane aus. In der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag kommen die zwei Erzählstränge alleine schon durch eigene Erzählstimmen zum Tragen.

Atmosphärisch verbreitet das mehr als achtstündige Hörbuch die Stimmung der Romanvorlage. Christiane Blumhoff ist so sehr Signe, dass es schmerzt zu erahnen, wie ihre letzte Mission endete und Shenja Lacher spricht seinen Zuhörern einen David in die Seele, der vor Sorge um das Überleben seiner Tochter sich selbst und all jene zu vergessen scheint, die ihm etwas bedeuten. Der Dialog der beiden Stimmen entspricht der Geschichte in herausragender Art und Weise. Ein brillantes Hörbuch, das uns eine Tür in eine Welt öffnet deren Teil wir heute schon sind. Wir wollen es nur nicht glauben. Maja Lunde sensibilisiert uns für unausweichliche Themen. Kein erhobener Zeigefinger und keine Besserwisserei in Buchform. Sie erreicht ihre Ziele indirekt. Durch die Brust ins Herz. Der intelligenteste literarische Hinterhalt, den ich bisher erlebt habe.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Nun kann man sich die Frage stellen, ob das „System Lunde“ auch die nächsten beiden Bücher tragfähig macht, oder ob das Festhalten am Prinzip „Never change a running book“ künftige Leser sogar langweilt, weil die Methode mehrerer Perspektiven auf eine drohende Apokalypse sich irgendwann verbraucht. Eine berechtigte Frage. Es mag dann vorhersehbar sein, was Maja Lunde schreibt. Es mag absehbar sein, wie ein Roman endet, wenn er strukturell nach einer erprobten Blaupause konstruiert wird. Ich sehe trotzdem auch weiterhin viel Potenzial in ihren Geschichten, da sie eigentlich nie „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Geschichte des Wassers“ erzählte.

Maja Lunde erzählt Menschengeschichten und die Menschen, von denen sie uns in ganz besonderen ökologischen Rahmenbedingungen erzählt, sind diese Bücher wert. Ich habe dieses Lesejahr zu meinem Jahr des Wassers erklärt. Nun gut, man weiß ja, dass ich bloggend oft nah am Wasser gebaut habe, aber es lohnt sich auch weiter mit mir in See zu stechen. Es gibt viel zu entdecken. Folgt mir ins Büchermeer

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