„Ein einfaches Leben“ von Min Jin Lee

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Wer könnte die Teilung eines Landes besser nachvollziehen, als wir? Wer könnte sich intensiver in die Menschen hineinversetzen, deren Heimat sich in mehrere politisch ausgerichtete Systeme aufspaltet, Familien trennt, Mauern errichtet und sich bis an die Zähne bewaffnet an der gemeinsamen Grenze gegenübersteht, wenn nicht wir? Wenn wir heute Bilder aus Nord- und Südkorea sehen, den Nachrichten folgen, und dabei nur flüchtig an unsere eigene geteilte Vergangenheit denken, dann steht uns Korea näher, als so manches andere Land dieser Erde. Die literarische Aufarbeitung unserer Mauer-Zeit ist inzwischen eine zeitgeschichtlich geprägte Rückblende auf Überwundenes. Ein Roman über eine koreanische Familie im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist hingegen im engsten Sinne ein Generationenroman, der im faktisch geteilten Heimatland endet. Der Status quo von Nord- und Südkorea ist unverändert. Zerrissen.

Ein einfaches Leben heißt der Roman der koreanischen Autorin Min Jin Lee, der auf 550 Seiten alles beschreibt, nur eben nicht das einfache Leben im Sinne von leicht. Min Jin Lee spannt ihren Generationenbogen von 1910 bis zum Jahr 1989. Was für ein Zufall, gerade für deutsche Leser, da genau in diesem Jahr die deutsche Teilung in den Geschichtsbüchern erstmals als „überwunden“ bezeichnet werden konnte. Mehr als 20 Jahre hat die Autorin an diesem Buch gearbeitet. Sie, die geborene Südkoreanerin, die 1976 im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in die USA auswanderte, ein Studium in Yale absolvierte und erfolgreich als Anwältin arbeitete wirft nun einen präzisen Blick auf „Ein einfaches Leben“. Das Ergebnis ihrer literarischen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln ist ein einfacher Roman. Und das im besten Sinne des Wortes.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Ein einfaches Leben“ meint im eigentlichen Sinn ein bescheidenes Leben ohne große Ansprüche. Ein einfacher Roman hingegen ist ein leicht zu lesender. Ein Buch, an das man sich bestens anlehnen kann, weil es nicht überbordend eine andere Kultur in den Mittelpunkt stellt, weil die politischen Verwerfungen nicht das Zentrum darstellen, sondern ganz allein Menschen beschreibt, auf die man sich einlassen kann, weil wir sie authentisch und plausibel erleben. Ein empathisches Buch ohne Migrationshintergrund. Korea mit vielen multikulturellen Verwerfungen wird uns kaum mehr näherkommen, als in diesem Roman, der überall auf der Welt spielen könnte, wo Menschen ihr Heil in der Flucht suchen. Dabei ist dieser Roman kein koreanischer Roman im engsten Sinne. Er spielt in Japan. Dem Fluchtpunkt für Koreaner, die auf der Suche nach dem einfachen Leben Asien nicht den Rücken kehren wollten oder konnten.

Min Jin Lee legt uns ein bewegendes Familienalbum in die Hände mit dem wir sehr behutsam umgehen sollten. Es fühlt sich an, wie das Erbe, das sie selbst nicht antreten konnte, weil sie zu den Auswanderern gehörte, denen das Privileg eines Neubeginns in den USA geschenkt wurde. Ganz anders jedoch erging es den Koreanern, die im Laufe der Zeit nach Japan flohen. Und dieses Land hatte viele Worte für die Geduldeten, jene Flüchtlinge ohne Rechte und Status. Gaijin bedeutet Mensch von außerhalb und damit auch gleichzeitig Außenseiter. Zainichi umfasst Ausländer mit Wohnsitz in Japan. Was beiden Begriffen gemein ist, umfasst den diskriminierenden und durchaus rassistischen Aspekt der Ausgrenzung. Das Leben als Underdog war für Koreaner vorprogrammiert. Sicher kein einfaches Leben.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Die Leben, von denen Min Jin Lee erzählt, sind erzählenswert. Es sind die kleinen Geschichten, die in der Lage sind das Schicksal ganzer Familien zu verändern. Es sind die kleinen Fehltritte im Leben, die der Weichenstellung für folgende Generationen eine neue Richtung geben. Es ist das Mädchen Sunja, das sich diesen Fehltritt erlaubt. Ihre uneheliche Schwangerschaft tritt die Welle los, die 1910 in einem kleinen koreanischen Fischerdorf ihren Anfang nimmt und die gesamte Familiengeschichte bis ins Jahr 1989 ins japanische Yokohama trägt. Ein Nordkoreaner springt als Sunjas Ehemann ein, um ihre Ehre zu retten. Ihn begleitet das junge Mädchen nach Japan, um fortan als doppelt Außenseitige zu leben. Koreanerin und durch die Heirat mit Isak auch noch Christin. In Japan genügt das für den lebenslangen Stempel: „Ihr gehört nicht dazu!“ 

Min Jin Lee nimmt uns mit in eine facettenreiche Geschichte, die von inniger Liebe, Loyalität, Gefühl, Bescheidenheit, grenzenlosem Stolz und familiärem Zusammenhalt in allen Lebenslagen geprägt ist. Sunja bleibt unsere konstante Wegbegleiterin. Sie bricht mit allen Konventionen, und stellt doch das von ihr erwartete tradierte Frauenbild nie in Frage. An ihrer Seite sehen wir ihre Söhne Noa und Mozasu aufwachsen und erleben, welche Lebenswege ihnen vorbestimmt sind. Wir verzweigen uns in den Familienästen, die 1910 am Strand in einer leidenschaftlichen Stoßwelle wurzeln. Keiner dieser Äste lässt den Spannungsbogen der Geschichte abflachen. Mit jedem Nachkommen Sunjas werden wir sofort warm. Wir kennen ihre Herkunft, ihren tiefen Stolz und erkennen, wie schwer es für sie ist, eigene Wege zu finden. Ehen, Kinder, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Mobbing begleiten sie durch alle Zeitscheiben der grandiosen Erzählung.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Sunjas Nachkommen machen ihr kleines großes Glück. Immer umweht vom Hauch der Illegalität, immer auf der Gratwanderung zwischen Anpassung und Abschiebung. In jeder historischen Epoche, die wir an ihrer Seite durchschreiten sind es die Menschen, die Min Jin Lee uns näherbringt. Das geteilte Korea, ein Weltkrieg, Atombomben und politische Verwerfungen bilden den Rahmen des Familienepos, nicht jedoch den Kern. Sprachlich bleibt die Autorin auf der Höhe ihrer Protagonisten. Einfach und wesentlich. Nicht klischeehaft und schon gar nicht verschachtelt kompliziert. Sie erzählt eine starke Geschichte, die überall auf der Welt beheimatet sein könnte, wo Heimaten zerrissen im Wind flattern.

Wir fühlen uns der Familie Sunjas verbunden. Es gelingt der Autorin, Empathie für ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu wecken und am Leben zu halten. Wir lernen auf dem gemeinsamen Weg viel über eine verborgene Kultur, ohne das Gefühl zu haben es mit einer literarischen Lehrmeisterin zu tun zu haben. Wir empfinden den gleichen Stolz auf eine Herkunft, die von den Japanern mit Füßen getreten wird. Und wir erkennen, dass man manchmal auch mit Glücksspiel am Rande der Legalität sein Glück machen kann. Bewegend ist und bleibt für mich, dass der uneheliche Erzeuger von Sunjas Sohn Noa, trotz seiner Ablehnung das Mädchen zu heiraten, bis an ihr gemeinsames Lebensende wie ein guter Geist an ihrer Seite bleibt. Unsichtbar, verborgene Fäden ziehend und tief bereuend, sich damals am Strand anders entschieden zu haben. Und immer gegen den Stolz der Frau, Mutter und Großmutter ankämpfend, den sie niemals ablegen kann.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee – AstroLibrium

Ein wundervoll erzählter Roman, dem es jederzeit gelingt, die Gefühlsebene nicht zu verlassen. Ein einfacher Roman, der genau durch seine Einfachheit Wurzeln im Herzen der Leser schlägt. Ein Augenöffner gegen Diskriminierung und Vorurteile. Ein perfektes Buch, das aus einer Zeit in unsere Zeit gefallen ist. Besonders beeindruckend für mich ist auch die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Mit Gabriele Blum wurde eine Sprecherin gefunden, die in den leichten Untertönen am Rande des gesprochenen Wortes den Hauch von Korea in unser Hören trägt. Ihr leicht gehauchtes „NE“ am Ende eines Satzes schleicht sich tief ins Herz des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Sunja und die starken Frauen dieser Geschichte erhalten in dieser Adaption eine brillante und tragfähige Konturierung.

Am Ende ist man zwar am Ende angelangt. Wir wissen jedoch, dass der Konflikt der beiden getrennten koreanischen Staaten das Schicksal der Enkel und Urenkel Sunjas weiter durchs Leben begleiten wird. Wir wissen, dass die Heimatlosigkeit zur Stellgröße einer Zukunft in Japan wird. Und wir haben ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig es ist, den Mikrokosmos gegen den Makrokosmos Umwelt bis zum Letzten zu verteidigen. Es ist mir leichtgefallen, „Ein leichtes Leben“ zu lesen und zu hören. Es war gar nicht leicht, die Geschichte zu verlassen. Und richtig schwer wird es sein, bei künftigen News aus Nord- oder Südkorea nicht an ein junges Mädchen zu denken, das sich vor hundert Jahren am Strand eines kleinen koreanischen Fischerdorfs von ihrer Leidenschaft und der Gutgläubigkeit treiben ließ und zum Treibgut dieser Geschichte wurde.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Keine Ahnung, ob das Liebe ist“ von Julia Engelmann

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Ich traf mich zuletzt mit ihr um drei am Eck. Ich suchte ein Geheimversteck. Und ich rannte weit weit weg, um mir ihre Poetry Slams ganz in Ruhe anhören zu können. Julia Engelmann hatte mir ganz laut Jetzt Baby zugerufen und ich war mir zunächst nicht sicher, ob sie mich wirklich damit meinte. Mich! Weit entfernt von der Zielgruppe für die Textkompositionen und sicher schon zu erwachsen und im Leben etabliert. Ungewisse Zukunft, Liebeskummer, Hoffnungsträume sind doch sicher nicht die Parameter meines aktuellen Lebens. Ich hatte mich getäuscht und fand eine große Schnittmenge, die ihre Texte mit meiner Gefühlswelt in Einklang brachte.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Kein Wunder also, dass ich mich bereitwillig in ihr aktuelles Projekt stürze. Heute stellt sie sich selbst und damit auch ihren Zuhörern eine wesentlich zeitlosere Frage, in der wir unsere eigene Gefühlsambivalenz wiederfinden. Sind wir uns immer sicher, was wir empfinden? Liegen wir richtig, wenn wir denken, die Schmetterlinge im Bauch seien Vorzeichen einer großen gemeinsamen Zukunft? Hören wir richtig, wenn wir auf unsere Herzen, statt auf den Verstand hören? Und was, wenn wir uns täuschen? Was, wenn in unseren Gefühlen die großen Enttäuschungen vorprogrammiert sind, wie ein Virus, der unser Gefühls-System infiziert und abstürzen lässt? Julia Engelmann scheint das egal zu sein. Sie verschwendet keine Zeit mit einer Frage. Sie stellt, fast schon resignierend, einen Kernsatz über ihre neue Textkollektion. Ein Mantra, mit dem sich gut lieben lässt.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Keine Ahnung, ob das Liebe ist

Sie stellt ihre Gefühle in den Vordergrund und befreit sie in diesen Slams von jedem Bewertungsnotstand. Der Deutungshoheit misst sie nicht die größte Relevanz zu. Julia Engelmann will fliegen, egal, ob das Fliegen ist. Sie will lieben, egal, ob es Liebe ist. Im Leben kommt es nicht darauf an, wie der Gipfel heißt, den wir erklimmen. Hauptsache, wir wagen uns raus und trauen uns den Gipfelsturm zu. Ihre Botschaft ist zeitlos schön für Erstliebende und Mehrfachverliebte, für ehemals und noch nie Liebende, für künftig Schmachtende und rückblickend Bereuende. Der Liebesbegriff von Julia Engelmann ist ebenso flüchtig wie unantastbar. Egal, was es ist. Egal, wie es heißt. Gefühle entziehen sich der Kategorisierung, flüchten aus Schubladen und wollen frei sein. Keine Ahnung, ob das Liebe ist, aber eine Ausrede für Gefühlskälte ist es sicher nicht mehr!

„Keine Ahnung, ob das Liebe ist,
vielleicht werde ich das nie wissen.
Aber immer, wenn du bei mir bist,
hör` ich auf, dich zu vermissen.“

Zeilen, wie ein emotionaler Donnerhall. Sich ihrer sicher und unsicher zugleich. Egal, wie das heißt, was wir fühlen. Das Gefühl ist wichtig. Julia Engelmann hat der wahren Poesie ein Freilaufgehege der Gefühle geschenkt. Wertfrei, normenfrei und liebevoll. In allen Texten des Albums aus dem Hause Der Hörverlag schwingt das heillos Liebende mit. Jeder Text ebenso eine Liebeserklärung an das gesprochene Wort. Julia gelingt es erneut, einen breiten Querschnitt an Menschen unterschiedlicher Liebeserfahrungen im Zentrum ihrer poetischen Texte anzusprechen. Wir hören zu, schließen die Augen und fühlen. Keine Ahnung, ob das Liebe ist, was wir da fühlen. Wir fühlen. Alleine das ist wichtig.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Einige Texte rauschen an mir vorbei. Ich kann sie nicht greifen, sie sind flüchtend und doch schön zugleich. Andere hingegen werde ich nicht mehr los. Ich ertappe mich dabei, immer wieder die Repeat-Taste zu drücken und einzelne Gedichte schon fast in einer Endlosschleife zu hören. Sie fühlen sich an, als seien sie für mich geschrieben. In diesen Texten finde ich mich und meine Erinnerrungen an glückliche und unglückliche, erste und vielleicht letzte Lieben wieder. Texte, die mich mit einst Geliebten versöhnen, die mir Gefühle vermitteln, die ich zu unterdrücken versuchte. Texte voller Empathie im Kontext individueller Gefühlsturbulenzen. Jeder wird auf dieser CD die Gedichte finden, die sich endlos abspulen. Jeder wird sein Gedicht finden und dabei an einen Menschen denken, der mit diesem Text verbunden ist. Und dadurch bleibt dieser Mensch auch mit uns verbunden. Was für ein Verdienst. 

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Bei mir läuft „Löwenherz“ den Geist hoch und runter…. Immer wieder… endlos:

Vom Himmel fehlt ein kleines Stück,
ich sehe es von hier,
eine Lücke, die sich nie mehr schließt,
sie hat die Form von dir.
Ich wünschte mir, wir könnten alles haben,
ohne zu verlieren.
Doch niemand wird in tausend Jahren
wieder sein wie wir.

Ich träume jede Nacht von dir,
und auch davon, wie schön es wär.
Ich hoffe, ich hab für immer einen
Platz in deinem Löwenherz.
Und ich träum von einem Land für dich,
in dem du jetzt der König wärst,
und du hast für immer einen
Platz in meinem Löwenherz.

Als Allerletztes ist da was,
das ich dir versprechen kann:
dass ich dich nie vergessen werde
und nie vergessen hab.
Ich lach mit dir für eine Weile,
sitz mit dir am Fensterplatz.
Mein Löwenherz, ich würde es teilen,
dass ich dich noch länger hab.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

„Thalamus“ von Ursula Poznanski – Reine Kopfsache

Thalamus von Ursula Poznanski

Das versprach gemütlich zu werden. Brachte mich Ursula Poznanski bisher in ihren Thrillern doch immer wieder dazu die Turnschuhe zu schnüren und ihren Protagonisten atemlos auf der Flucht vor dem Bösen auf der Welt zu folgen, so sollte es diesmal ganz anders werden. Ich verbannte mein Sportdress außerhalb meiner Reichweite und habe mich auf ein eher therapeutisches Lesen eingestellt. Spannend, gerne, aber rasend auf keinen Fall. Das würde das Setting nicht hergeben. Diesmal war es reine Kopfsache. In ihren bisherigen Romanen ging es um die gute Konstitution ihrer Protagonisten, weil sie sonst keine Überlebenschance gehabt hätten. Bei Timo (17) ist das ganz anders.

Er spielt die wesentliche Rolle in „Thalamus“, dem neuesten Jugendthriller aus der Feder der österreichischen Autorin, die in ihrem früheren Leben Medizinjournalistin war und nun quasi aus dem Vollen schöpfen konnte. Ich legte mich hin, machte es mir sehr bequem und bereitete mich darauf vor, Timo durch dieses Werk zu folgen. Das sollte ja so schwer nicht sein. Ein Motorradunfall, eine schwere Kopfverletzung, eine Operation am offenen Schädel und die nun folgende langwierige Rehabilitation hatten den Jungen in einen erbärmlichen Zustand versetzt. Laufen war da kaum drin. Ich entspannte mich, hatte doch die Fluchthelferin meines bisherigen Lesens mal eine Atempause für mich eingebaut.

Thalamus von Ursula Poznanski

Timos Sprachzentrum ist in Mitleidenschaft gezogen. Motorische Fähigkeiten sowie die Koordination seiner Bewegungen: Fehlanzeige. Er ist ans Bett gefesselt. Jedoch an ein Bett in bestem Hause. Der Markwaldhof gilt als DAS renommierte Reha-Zentrum für jene Patienten, denen ein Schädelhirntrauma einen Strich durch das sorgenfreie Leben gemacht hatte. Beste Ärzte, Hirnspezialisten, Logopäden und Physiotherapeuten ohne Ende kümmern sich hier um die schnelle Wiederherstellung der Traumatisierten. Timo hat eigentlich gute Aussichten auf Heilung. Jetzt bräuchte er Geduld und Konzentration, um durch Übungen wieder zurück ins Leben geführt zu werden.

Er kann sich nicht äußern, zum Schreiben reicht die Motorik nicht aus und so wird aus dem aktiven jungen Mann ein passiv alles über sich ergehen lassender Patient. Er wird gefüttert, lernt schrittweise das Sprechen und irgendwann soll er sich auch wieder auf eigenen Beinen bewegen können. Einzig sein Verstand ist nicht betroffen. Er ist im höchsten Maße aktiv und ein aufmerksamer Beobachter der Ereignisse, die den Alltag von Timo bestimmen. Manchmal denkt er zu träumen, oder traut dem eigenen Verstand noch nicht ganz, aber wenn etwas bei ihm funktioniert, dann sein Kopf. Nur Kopfsache.

Thalamus von Ursula Poznanski

Ich setzte mich an sein Bett, lesend und hörend. Und eigentlich hatte ich gar nicht vor, mich von hier fortzubewegen. Im Buch aus dem Loewe Verlag versunken oder der Stimme von Jens Wawrczeck im Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag aufmerksam zuhörend, kontrollierte ich Timos Vitalfunktionen, half bei der täglichen Logopädie und beobachtete seine langsamen Fortschritte in der Physiotherapie. So hätte es durchaus bleiben können. Fast jedoch hätte ich vergessen, wer diesen Roman geschrieben hatte und dass der Begriff „Thriller“ im Klappentext deutlich zu lesen war. Ursula Poznanski hatte in der packenden Einleitung dieses Romans lediglich das Setting beschrieben, in dem ich in den folgenden Stunden am eigenen Leib erlesen und erhören durfte, was es heißt, Zeuge ungewöhnlicher Vorfälle zu werden.

Das Gehirn ist komplex und Unfallschäden haben oft weitreichende Folgen. Wenn man jedoch das Gefühl hat, dass unsere Denkmaschine perfekt funktioniert, dann wird es umso dramatischer, Dinge zu beobachten, die nicht wahr sein können. Timo beginnt an sich zu zweifeln, weil er zum Zeugen von Vorfällen wird, die einfach unmöglich sind. Da wandelt sein komatöser Zimmernachbar, der sich den ganzen Tag nicht bewegt und intensiv gepflegt werden muss, nachts quietschfidel durch Zimmer und spricht klar und deutlich. Da hört Timo Stimmen in seinem Kopf, die er unmöglich geträumt haben kann. Da erhebt auch er sich plötzlich, wie ferngesteuert aus seinem Bett und ist in der Lage, sich fast so zu bewegen, wie vor seinem Unfall. Naja, und zuletzt kann er nur durch die Kraft seiner Gedanken das Licht im Raum an- und ausschalten. Was geht hier ab?

Thalamus von Ursula Poznanski

Ursula Poznanski lotet in ihrem Thriller „Thalamus“ die Chancen und Risiken der modernen Schulmedizin aus und wägt ab, wie weit man gehen darf, um Patienten zu helfen. Die Gratwanderung zwischen medizinischer Notwendigkeit und wirtschaftlichem Interesse gelingt ihr ebenso brillant, wie die psychologische Tiefenzeichnung der Ärzte, die unter dem Deckmantel humanistischer Weltbilder ganz andere Ziele verfolgen. Hier spannt Ursula Poznanski einen Handlungsbogen, der Timos Schicksal ins Zentrum des Romans rückt, dann aber Schlag auf Schlag auf die anderen Patienten ausfächert. Wir schwanken lesend und hörend zwischen Zweifel und Unglauben, erkennen aber schon bald, dass es sich hier nicht um Hirngespinste handelt, unter denen die Traumatisierten leiden. Greifbar, authentisch und technisch nicht unwahrscheinlich, was uns hier packt.

Und dann ist es auch schon vorbei mit meinem gemütlichen Lesen. Hätte ich doch meine Turnschuhe eingepackt. Aus der inneren Dynamik schwappt die Story in greifbar hektische Betriebsamkeit, der man sich nicht entziehen kann. Timo kommt dem großen Geheimnis der Reha-Klinik auf die Spur. Er macht sich damit zum Hoffnungsträger für die Freunde, die er dort fand, aber gleichzeitig auch zur Zielscheibe jener, für die Timo zur existenziellen Gefahr wird. Ein medizinischer Hightech-Thriller, der im eigentlichen Sinn verschreibungspflichtig sein sollte. Gut nur, dass er nicht nur Privatlesern, sondern auch für uns Kassenleser rezeptfrei zugänglich ist. Zu Risiken und Nebenwirkungen der hochspannenden Unterhaltungs-Pille sollte man allerdings keinen Arzt oder Apotheker befragen. Blogger und Buchhändler tun es auch… Sie schwören nämlich auf Romane, die süchtig machen.

Und jetzt renne ich doch noch durch die Gänge des Markwaldhofs. Ich hätte es ja wissen müssen. Hilfe…

Thalamus von Ursula Poznanski

Mein Tipp frisch von der Frankfurter Buchmesse: Wer künftig Erwachsenen-Thriller von Ursula Poznanski lesen möchte, der sollte bei Droemer-Knaur Ausschau halten. Der spektakuläre Verlagswechsel wird am 1. Februar 2019 unter dem Titel „Vanitas – Schwarz wie Erde“ offensichtlich… Bleibt gespannt, da kommt Großes auf uns zu.

Vanitas – Schwarz wie Erde – Ursula Poznnski – Februar 2019

„Bruder und Schwester Lenobel“ von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Es gibt sie noch, die Autoren mit Arsch in der Hose und Philosophie im Herzen. Es gibt sie noch, die großen Erzähler, die relevante Geschichten nicht nur erzählen und sich dann in ihren Elfenbeinturm zurückziehen. Es gibt sie noch, die Schriftsteller, die in unmissverständlicher Art und Weise vorleben, was es heißt Zivilcourage zu zeigen. Wir beklagen uns häufig, dass große kritische Stimmen und Wegweiser fehlen, denen man folgen kann, wenn der Alltag im Chaos versinkt. Wir leben in einer Zeit, in der wir gerne das Hashtag #wirsindmehr vor uns hertragen und doch intensiv daran zweifeln, ob wir damit richtigliegen. Pfeifen im Wald hört sich oft mutiger an, als dieser Hilfeschrei. Und doch gibt es sie, diejenigen, die ihre Wortgewalt in die Waagschale der Menschlichkeit werfen. Egal was es sie kosten könnte.

Michael Köhlmeier wirft! Es sind jeweils große Würfe, die ihm gelingen. Er schreibt nicht nur im Klartext über den Verlust der Nächstenliebe, über das Auflodern von Hass und Neid, den Wandel der Werte innerhalb geschlossener Gesellschaften. Nein. Er lebt diese Veränderungen vor und konfrontiert die Verantwortlichen mit seiner Sicht auf die Welt, die sie gestalten. Er schrieb über Das Mädchen mit dem Fingerhut, ließ Yiza ziel- und haltlos in unser Lesen flüchten. Er führte uns mit Der Mann, der Verlorenes wiederfindet vor Augen, was wir verloren haben, ohne es wiederfinden zu wollen. Im Fernsehen erzählt er Märchen. Unwiderstehlich und niemals ohne Moral. Und, wenn es drauf ankommt, dann ist er da. Wo andere Grenzen schließen, zieht er moralische rote Linien. Wo Regierungen ausgrenzen, prangert er Politiker an.

Am 5. Mai ´18 hielt er anlässlich des Holocaust-Gedenktages im österreichischen Parlament eine denkwürdige Rede. Sie dauerte keine sieben Minuten. Man kann sich diese Rede anschauen, anhören und selbst erlesen. Ich empfehle es von Herzen, weil man in Michael Köhlmeiers Rede an die „politischen Elite“ seines Landes erkennt, was es heißt Rückgrat zu zeigen. Hier nur drei kleine Auszüge.

„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen. Von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.“

„Willst du es dir… des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?“

„Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht, hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können. Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.“

Köhlmeier schreibt nicht nur Romane, er erzählt nicht nur Märchen. Er ist für mich in vielerlei Hinsicht Richtschnur und Künstler zugleich. Ein Künstler, der auch dann ein großes Publikum verdient, wenn er scheinbar „nur“ einen Roman veröffentlicht. Seinen Texten zu folgen, vermittelt das Gefühl von einem #wirsindmehr intensiver, als man es sich wünschen könnte. So muss man mein Lesen und Hören einordnen, wenn ich einer neuen Geschichte aus seiner Feder eine Heimat in der kleinen literarischen Sternwarte gebe. Und beileibe ist es nicht „nur“ ein Roman, der gerade zum Lesenhören verleitet.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel“ (Hanser Verlag und Der Hörverlag)

Eigentlich ein Familienroman, sollte man meinen. Eigentlich ein Buch mit einer sehr spannenden Ausgangslage und damit ein umfassendes Werk über Beziehung, Zweifel und Liebe. Eigentlich trifft dies alles zu. Professor Robert Lenobel verschwindet. Seine Schwester Jetti, alarmiert durch eine Nachricht ihrer Schwägerin „Komm, Dein Bruder wird verrückt“, reist von Irland nach Wien, nur um festzustellen, dass sie zu spät in der Heimat angekommen ist. Robert ist fort. Spurlos. Was folgt ist eine Vermisstenanzeige und die Suche der beiden ungleichen Frauen nach Gründen für das Verschwinden des Mannes, der als Psychiater immun gegen eigene Lebenskrisen zu sein schien. Doch es scheint anders zu sein. Was jedoch als Midlife-Crisis abgetan werden könnte, hat einen tieferen Hintergrund, der sich wie eine Schlinge immer fester um die Handlungsstränge zieht. Literarische Erstickungsgefahr nicht ausgeschlossen.

Dass Robert Lenobel, 51, sich nach Jerusalem begeben hat, um seiner jüdischen Vergangenheit nachzuspüren, erfährt seine Schwester erst später. Was diese Suche ausgelöst haben mag, was sie für ihren Bruder bedeutet und was diese Nachricht in ihr lostritt, das ist das Grundgerüst eines Romans, der nicht nur ein Familienroman ist. Wir haben es im eigentlichen Sinne mit einem jüdischen Familienroman zu tun. Und schon wird klar, worauf es Michael Köhlmeier anlegt. Eruptionen aus der Vergangenheit sind immer noch in der Lage Erdbeben auszulösen. Ruhende Vulkane brechen plötzlich aus und begraben alles mit heißer Lava unter sich. Ein Ausbruch, der für Jetti überraschend kommt. Unerwartet ist er jedoch nicht. Dafür ist die Vergangenheit ihrer Familie zu sehr vom Holocaust geprägt.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Und schon sind wir mittendrin in einem relevanten und psychologischen Roman, der die feinen Trennlinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart so sehr verschiebt, als hätten wir es mit der Kontinentaldrift zu tun. Im KZ ermordete Großeltern, die Mutter durch eine Evakuierung nach England zwar körperlich gerettet, aber an eine psychisch zermürbende Erkrankung verloren. Isoliert, Nervenklinik, Tod. Der Vater verschwunden. Bruder und Schwester Lenobel lebenslang gezeichnet von diesen Verwerfungen. Keine Lebensentscheidung, kein Berufsweg, keine Liebesbeziehung verläuft losgelöst von der Vita der Familie Lenobel. Kein Heute kann von jenem Damals getrennt werden.

Es ist unfassbar intensiv, was Michael Köhlmeier beschreibt. Er stößt uns nicht mit der Nase auf die Hintergründe, er lässt sie fragmentarisch erscheinen und von seinen Lesern und Hörern zu einem Bild zusammensetzen. Um zu verstehen müssen wir uns mit den Lebenswegen der Geschwister Lenobel beschäftigen. Mit ihrem Scheitern, mit ihrer Unsicherheit und nicht zuletzt mit der gestörten Beziehung, die sie verbindet. Sind ihre Bindungen stark genug, um sich gegenseitig zu retten? Kann man Vergangenes in Frieden begraben oder sind die Erinnerungen so übermächtig, dass man sich niemals lösen kann? Robert Lenobel flieht vielfach. Aus der eigenen Ehe mit einer Nichtjüdin in die Beziehung mit einer Patientin. Es sind die Brüche in seinem Leben, die auch seine Schwester an den Rand des Zusammenbruchs bringen.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Nicht ohne Moral! Das ist ein Motto dieses sprachlichen und inhaltlichen Meisterwerks. Köhlmeier flankiert die eigentliche Handlung mit Märchen. Sie strahlen aus, erlangen in wichtigen Situationen der Geschichte eine völlig neue Deutung. Er fabuliert. Er brilliert. Er besticht. Nichts ist ohne Moral. Keines der kurzen Märchen, keine Entscheidung der Protagonisten. Hier erleben wir Literatur auf eine Weise, die bewusstseinserweiternd im wahrsten Wortsinn ist. Ich habe diesen Roman völlig gebannt gelesen und ihn mir von Michael Köhlmeier vorlesen lassen. Das Hörbuch zu Bruder und Schwester Lenobel ist eine „Ohrenweide“. Wer Köhlmeier nur einmal zugehört hat, weiß was ich meine. Er liest märchenhaft.

Im Kontext der Bücher, die ich Gegen das Vergessen las, berührt er Schicksale, die durch den Holocaust lebenslang gezeichnet waren. „Ich war ein Glückskind“ zeichnet ein beklemmendes Bild der jüdischen Kinder, die nach England verschickt wurden. Hier sind wir an unsere Gegenwart erinnert. Flüchtlinge? Was wollen die hier? Deutschland galt doch als sicheres Herkunftsland. Jüdische Emigranten? Dafür sollten sie bezahlen. Sehr gut sogar. Wir wollen das heute gerne verhindern. Wir wollen so gerne mehr sein. Dazu braucht es Rückgrat. Dazu braucht es Stimmen, wie die von Michael Köhlmeier. Dazu braucht es Hoffnung und starke Bilder. Dazu braucht es auch diesen Roman, der am Ende zeigt, dass dem Damals das Jetzt folgt, dem die Zukunft schon auf der Fährte ist. Die dritte Generation der Nachkriegs-Lenobels wird zuletzt von Köhlmeier in diesen Lava-Strom geführt. Beklemmend…

Man sollte sich von dieser Geschichte „lenobelisieren“ lassen…

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Die wundervollen Leseplätze findet man bei Gartentisch-Design

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Harry Potter wird 20 – Muggel, wie die Zeit vergeht!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Zwanzig Jahre. Ein stolzes Alter, ein stolzes Jubiläum und ein Moment, der meine literarischen Erinnerungen mit dem Jahr 1998 verknüpft, als wäre es gestern gewesen. Ein Hype kündigte sich ganz langsam an. Ein Name machte die Runde. Ein Buch in der englischen Originalfassung sorgte dafür, dass Freunde und Bekannte plötzlich spurlos verschwanden. Verschämt schauten sie unter sich, wenn man sie nach dem Grund des Abtauchens fragte. Aus ersten Satzfragmenten und völlig neuen Begriffen setzten sich erste Bilder zusammen, die es zu sortieren galt.

Hogwarts, Muggel, Eulenpost, Dumbledore, Dudley, Hagrid, Hermine. Was für eine Welle schwappte da aus England nach Deutschland? Warum sprachen auf einmal sehr viele Herzensleser von einer Zauberschule, geheimnisvollen Mächten, einem goldenen Schnatz und mehr als geheimnisvoll von „Du-weißt-schon-wer“? Ich kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern. Ich weiß noch genau, wie ich mir in London die Erstausgabe der Geschichte kaufte, die plötzlich in aller Munde war. Ich weiß noch, dass man sich fühlte wie in einem geheimen magischen Zirkel. Man musste nur „Harry Potter“ sagen. Nicht mehr. Und schon teilte sich die Welt im Jahr 1998 in zwei Gruppen auf. Wissende und Unwissende. Und wer nicht eingeweiht war, der sollte es in den folgenden Jahren bitter bereuen. Heute heißt es nur noch #20yearsofmagicde

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

War die Zahl der Geburtstagsgratulanten im ersten Harry-Potter-Band Der Stein der Weisen“ noch überschaubar, so finden sich jetzt wohl zahllose Schulterklopfer ein, die ihm zum Jubiläum gratulieren. Ich feierte mit ihm bereits seinen elften Geburtstag:

„Noch eine Minute und er war elf. Dreißig Sekunden… zwanzig… zehn… neun – vielleicht sollte er Dudley aufwecken, einfach um ihn zu ärgern – drei – zwei – eine – BUMM.“

Genau zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung des Auftaktbandes in deutscher Übersetzung ist die Fangemeinde so sehr angewachsen, dass es weltweit wohl kaum jemanden gibt, der noch nichts von Harry Potter gehört hat. Wenn es in unserer Zeit ein Buch gibt, das ich mir in genau 100 Jahren im Klassikerregal einer Buchhandlung (wer weiß jedoch, ob es da noch solch magische Büchertempel geben wird) vorstelle, dann wird es „Harry Potter“ sein. Vielleicht in einer wertvollen Gesamtausgabe, vielleicht aber auch in allen sieben Bänden der magischen Reihe. Hier halten wir den Nachlass an die Erben des heutigen Lesens in Händen. Joanne K. Rowling hat eigentlich den Literatur Nobelpreis für diese Buchreihe verdient. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Und jetzt wird gefeiert. Von allen Lesern, Filmfans, Rollenspielern und Lego-Meistern. Die Welt ist ohne Harry Potter nicht vorstellbar. Elbenwald wäre ohne Merchandising in den letzten Jahren nicht das geworden, was es heute ist und auch Der Hörverlag kann ein erfolgreiches Lied davon singen, wie die Romanvorlage und ein genialer Sprecher zu einer Einheit verschmelzen. Rufus Beck hat nicht nur Harry Potter Leben eingeflößt. Er hat allen Charakteren der Reihe seine Stimme geliehen und sie zum Ohrwurm einer ganzen Generation gemacht.

Nun sind wir alle versammelt. Feiern Jubiläum, teilen exquisite Erinnerungen und reihen uns in die Schar der Gratulanten ein. Jubiläumsausgaben mit neuen Covern sind beim Carlsen Verlag erschienen. Die grandiose Gesamtausgabe der Hörbücher wurde aufgelegt und die Krönung für die Fans des gesprochenen Wortes ist die Tatsache, ihn wieder live hören zu können. Rufus Beck las Hamburg, Berlin und München. Ich hatte das Vergnügen, seiner Münchner Lesung folgen zu dürfen. Ich saß in der Reithalle vor ausverkauftem Haus und staunte über den heterogenen Altersquerschnitt der Zuhörer. Harry Potter ist und bleibt alterslos, was seine Anhänger angeht. Und Rufus Beck fängt uns genau da ein, wo er uns am Ende des letzten Bandes in die Freiheit entlassen hat.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Der Sprecher, der selbst Internatsschüler war, weiß, was er hier vorträgt, vorlebt und vorspricht. Er weiß, dass viele unserer Erinnerungen mit seiner Stimme, oder soll ich besser sagen „mit seinen Stimmen“ verbunden sind. Er weiß wohl, was er in seinen Zuhörern bewegt, wenn er seine Stimmbänder in Gang setzt. Er weiß genau, dass wir verleitet sind, bei seinem Vortrag unsere Augen zu schließen und uns nur hörend in die Welt der Joanne K. Rowling treiben zu lassen. Und doch thront er wie der Godfather im Sprecherolymp auf seinem Lesethron und beherrscht die Bühne mit seiner Präsenz. Es ist ein Erlebnis, die Aufnahmen mit seiner Stimme zu hören. Es ist ein eigener Kosmos, ihn live erleben zu dürfen.

Erstmals nach vielen Jahren erlebte man diesen Potter-Orkan live on stage. Jedes Wort, jeder Satz, jeder Atemzug ein Volltreffer in unsere Muggelherzen. Jeder Blick des Sprachkünstlers in die Zuschauermenge, ein zufriedener, erkennender Blick, der zeigte, wie goldrichtig der Sprecher an dieser Stelle lag. Endlich wieder Zuhause. Heimatgefühl stellte sich ein, und atemlos gespannt folgte das Auditorium den doch längst bekannten Dia- und Monologen. Was Rufus Beck auf die Bühne zauberte, überraschte dann doch selbst die größten Insider. Eine Live-Übertragung eines Quidditch-Spiels, bei dem das Auditorium für eine sportlich fulminante Geräuschkulisse sorgen musste (besser als ein Champions-League-Finale), die legendäre erste Postzustellung bei den Dursleys, eine Geburtstagsparty mit Hagrid als Überraschungsgast und schließlich die Weasleys, die im zugenagelten Kamin der Dursleys eine Bruchlandung fabrizieren. Das war mehr als stimmungsvoll, das war absolut atmosphärisch und selbst Rufus Beck verlor angesichts der Reaktionen seines Publikums ab und an die Beherrschung und musste eine kleine Kunstpause einlegen, in der er selbst herzhaft lachte.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Die Münchener Reithalle verwandelte sich zur großen Halle von Hogwarts. Es war das perfekte Ambiente für diese grandiose Lesung, die zu keinem Zeitunkt eine Lesung war. Rufus Beck ist Herr über ein eigenes Stimmorchester und wenn man seine Augen schließt, kommt man nie auf die Idee, dass hier nur ein einziger Künstler auf der Bühne steht. Zum krönenden Abschluss des Abends überraschte uns der sprechende Hut mit einer Gesangseinlage, mit der niemand gerechnet hatte. Grandios. Höhepunkte, an die man sich noch lange erinnern wird. Für alle Potterheads ging dann noch ein Traum in Erfüllung. Die zu Beginn des Events von den Hauselfen verteilten goldenen Umschläge enthielten die so lang ersehnte Post aus Hogwarts. Endlich. Das jahrelange Warten hat sich so sehr gelohnt.

Feiert das Jubiläum mit. Ihr könnt Harry Potter gratulieren, ihr könnt neu lesen und neu entdecken. Phantastische Tierwesen finden im Kino ihre Fortsetzung und wer denkt, Harry Potter hätte seinen Zauber verloren, der sieht sich eines Besseren belehrt. Gut, dass Rufus Beck gegen Zaubersprüche immun ist. Silencio (lat. Silentium = Stille, lässt die Stimme des Getroffenen völlig lautlos werden) hat ihn nicht sprachlos gemacht und mit Quietus (lat. quietus – stellt die Stimme auf normale Lautstärke) kann er immer noch sehr gut umgehen und einen ganzen Saal in voller Lautstärke unterhalten. Ich bin sicher, dass er jedoch den Zauberspruch Sonorus (lat. sonorus = tönend, verstärkt die Stimme) selbst erfunden haben muss. Seine Lesung war der lebende Beweis für diese These.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Einen solchen Abend sollte man nicht allein erleben. Stephanie Sack hatte sich in ihre schmucke Hogwarts-Schuluniform geschmissen und sicher wird man schon sehr bald auf ihrem Blog Nur Lesen ist schönerweitere Eindrücke dieser bezaubernd emotionalen Zeitreise lesen können. Ich bleibe da am Schnatz… Sie hat es getan!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Natürlich könnt ihr jederzeit hier nachlesen, was J.K. Rowling wirklich wichtig ist.

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