Phantastische Tierwesen und wo sie zu HÖREN sind

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Was waren das noch für Zeiten. Jugendbücher wurden zu ihrem Erscheinungstermin mit Geldtransportern ausgeliefert. Schwer bewacht von allzu grimmigen Buchhändlern. Ein Hype, der heutzutage eher der Vergangenheit angehört. Details der Fortsetzungen wurden nicht verraten und die ganze Welt wartete ungeduldig darauf, dass wieder eine neue Geschichte von Harry Potter das Licht der Bücherwelt erblickte. Und von wegen Jugendbuch! Nicht nur die jüngsten Leser fieberten in langen Harry-Potter-Nächten den neuen Büchern von einer britischen Autorin entgegen, die ihren weltweiten Erfolg vielen Zufällen und einer brillanten Idee zu verdanken hatte. Joanne K. Rowling.

Zu Beginn der Zauberwelle war die Welt nur von ihren Büchern geprägt. Es galt zu lesen, was das Zeug hielt, um am „Goldenen Schnatz“ zu bleiben. Bilder spielten sich nur in unseren Köpfen ab und jeder stellte sich Harry, Hermine und Ron so vor, wie es seine eigene Fantasie erlaubte. Als die Verfilmungen der Romane das Universum von Hogwarts um eine weitere Dimension erweiterten, gab es gar kein Halten mehr. Leser, die von der ersten Seite an Weggefährten von Harry waren, galten als alte Hasen und Joanne K. Rowling badete in dieser Woge des Erfolges. Ein Erfolg, den man ihr so sehr gönnte.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und was wir in der Hoch-Zeit dieser Woge so alles freudig zu uns nahmen. Harry Potter war allgegenwärtig und die Wartezeit sorgte nicht nur in Deutschland für wildeste Spekulationen. Stirbt Harry am Ende, sind es wirklich nur sieben Teile und was machen wir am Ende von alledem? Fragen, mit denen sich jeder HP-Fan mindestens ein Mal in seinem Leben auseinandergesetzt hat. Gut, dass Joanne K. Rowling selbst immer ein gutes Näschen für den richtigen Zeitpunkt hatte, ihre Leserschar mit neuen Inhalten zu füttern. So kam es 2001 auch zu den legendären kleinen Bändchen, die ganz frisch aus der Schulbibliothek von Hogwarts entschlüpft zu sein schienen.

Wollten wir nicht immer schon ein echtes Schulbuch aus der Zauberschule in den eigenen Händen halten? Bestenfalls auch noch eines, in dem gelangweilte Schüler in und zwischen den Zeilen handschriftliche Kommentare und kleine Späße hinterlassen haben? Vielleicht sogar eines mit den Spuren unserer jungen Helden? Lebensbeweise und Nahrung für unsere Phantasie. Beide Wünsche wurden uns erfüllt und seitdem war es wichtig, die kleinen aber feinen Schulbücher „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ und „Quidditch im Wandel der Zeit“ in die eigene Potter-Bibliothek zu integrieren.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und sind wir doch mal ehrlich! Was wären die Generationen von Zauberlehrlingen in Hogwarts ohne diese Schulbücher gewesen? Aufgeschmissen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Quidditchspiel hätte je regelkonform stattfinden können und die Herkunft der unglaublichen Tierwesen, die ein gewisser Newt Scamander auf der ganzen Welt zusammengetragen, kategorisiert und beschrieben hatte, wäre bis heute ungeklärt. Im Vergleich zu unseren Schulbüchern (also aus reiner Muggelsicht natürlich) ein wahrer Schatz der Schulbuchliteratur, den man verinnerlicht haben muss.

Der Hintergrund für diese beiden Werke war durchaus ernster. Joanne K. Rowling wollte teilen. Nicht nur ihr Wissen um die Welt, die sie geschaffen hatte. Nein. Sie war bestrebt, ihren Erfolg zu teilen und wohltätige Organisationen zu unterstützen, die wohl bis heute unentdeckt geblieben wären, hätte sie sich nicht in die Bresche geworfen. Ein großer Teil der Erlöse aus dem Verkauf dieser Bücher ging an Comic Relief, eine der angesehensten karitativen Einrichtungen in Großbritannien. Albus Dumbledore sagte mal dazu:

„Die Markscheine und Galleonen, die Sie hinblättern, verrichten magische Werke, welche sogar die Kräfte von Zauberern übersteigen.“

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Nun sind einige Jährchen ins Land gegangen, seit die Saga um Harry Potter zum Abschluss gelangt ist. Die Bücher sind geschrieben, die Filme wurden abgespult und weltweit atmet die inzwischen erwachsene Fangemeinde der großen Autorin nach wie vor die gute Luft der Magie aus ihrer Feder. Dass jetzt aber ausgerechnet eines dieser Schulbücher für Furore sorgt, sich verselbständigt und eine Geschichte erzählt, die uns zurück zu den Wurzeln von Harry Potter bringt, das hätte wohl niemand erwartet.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ wird gerade weltweit gefeiert, weil nicht nur das kleine Schulbüchlein im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, sondern Joanne K. Rowling selbst ihr Debüt als Drehbuchautorin für die Verfilmung des Stoffes gab. Alle Fans empfinden dieses Sequel inzwischen als legitime Fortsetzung der Saga, die beendet schien. Die Welle war erneut erstaunlich. Die Bücher wurden dem Carlsen Verlag aus der Druckpresse entrissen, das originale Schulbuch erlebte ein Revival und die Verfilmung mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle als Newt Scamander sprengte in aller Welt die Kinokassen.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Mich erreichte der neue Hype auf Umwegen. Ein Geschenk meiner Mutter an meine Tochter; alle Harry-Potter-Verfilmungen in einem Schuber; gemeinsame Staunstunden und die Entdeckung der Verfilmung der phantastischen Tierwesen; mein Griff ins Regal der Harry-Potter-Werke; ein kleines feines rotes Tierwesen-Schulbuch im Original aus dem Jahr 2001 und eine Hörbuchfassung von Der Hörverlag mit der Synchronstimme von Eddie Redmayne. Man kann sich vorstellen, welcher Welle ich mich erneut hingab und welche Woge der Begeisterung ich damit auslösen konnte. Alles war greifbar, alle Ausgaben in allen möglichen Varianten verfügbar und der Genuss war grenzenlos.

Timmo Niesner spricht den Newt Scamander, wie man ihn aus dem Film kennt. Er verkörpert den ruhigen und introvertierten Gelehrten, dem es um die Belange der Tiere geht, die er entdeckt und kategorisiert hat. Das Schulbuch „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sindkommt in seiner Hörbuchadaption in Echsenhautoptik und mit einem grandiosen Sounddesign daher. Beides sorgt für Gänsehaut. Die Echse rein haptisch, die Soundeffekte mit phantastischen Tiergeräuschen akustisch. Hier vergeht die Zeit wie im Flug des Phoenix. Zwei Stunden auf zwei goldenen CDs mit Hippogreif und Basislisk werden zur Tour de Raison durch die phantastische Tierwelt, die Joanne K. Rowling auf die Welt der Zauberer losgelassen hat.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Ein perfektes Geschenk für Muggel, denen der Glaube fehlt. Perfekt für Fans von Harry Potter, die denken, schon alles zu haben. Ein tolles Geschenk für Freunde guter Audiobücher mit tollem Sounddesign und natürlich der mehr als perfekte Start für eine eigene Recherche, sollte man sich am Loch Ness mal fragen, woher denn das Monster stammt. Newt Scamander weiß Rat….

„Krieg und Frieden“ – Lew Tolstoi – Das Hörspielerlebnis

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Lust auf ein kleines literarisches Rätsel? In welchem Klassiker der Weltliteratur sind wir gefangen, wenn uns folgende Situationen begegnen?

* Ein fettleibiger russischer Adeliger wird zum Schlachtenbummler
* Ein russischer Offizier liegt mit seiner Flagge dem großen Napoleon zu Füßen
* Väterchen Frost führt die Grande Armée aufs Glatteis
* Lebenslustiges russisches Mädchen verlässt Verlobten für den zweitbesten Kosaken
* Russischer General wünscht dem Gegner Pferdefleisch an den Hals
* Moskau brennt für Napoleon – im wahrsten Sinne des Wortes
* Die Armee des Zaren gewinnt einen Krieg, ohne eine Schlacht gewonnen zu haben
* Der russische Adel tanzt während das Volk stirbt.

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Richtig! „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi. War jetzt auch nicht so schwer, oder? Immerhin hatte ja jeder Literaturbegeisterte schon mal mit diesem Klassiker Kontakt, ob lesend, schauend oder hörend. Unzählige Male wurde das Buch verfilmt, gedruckt oder in Theatern aufgeführt, als Hörbuch eingelesen oder gar als Comic publiziert. Zeitlos in seiner pazifistischen Botschaft von der Sinnlosigkeit aller Kriege ist Lew Tolstois Roman aus dem Jahr 1868, der in einem fulminanten Streifzug das zaristische Russland in den Jahren 1805 – 1812 beschreibt. Ein Russland, das so geeint war, wie nie zuvor, weil es der Expansionspolitik Napoleons körperlich trotzen musste. Kriegsjahre.

Ich las den 1600 Seiten dicken Wälzer und war begeistert. Ich sah die Verfilmung in ihren epischen Dimensionen und fühlte mich zu Audrey Hepburn hingezogen, die ihrer Rolle der Natascha Rostowa so viel Authentizität einhauchte, dass selbst Tolstoi seine wahre Freude gehabt hätte und ich hört eine Lesung zu „Krieg und Frieden“, in der ich allerdings bei der Vielzahl der Akteure in der Einstimmigkeit des Sprechers manchmal den Faden verlor. Warum also sollte ich mich erneut in eine Hörspielproduktion wagen, die noch dazu im Jahr 1965 vom Westdeutschen Rundfunk aufgenommen wurde?

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Das Zauberwort liegt hier im Begriff „Hörspiel“. Wo mich ein Sprecher verlor, ist es doch möglich, dass mich ein ganzes Ensemble bei der Stange hält. Wo die Dimension der großen Völkerschlachten in einer Lesung vielleicht an Wucht verliert, da konnte es doch sein, dass eine aufwendige Inszenierung dem Kopfkino ein Sprachkino zur Seite stellt, das diesem Meisterwerk gerecht wird. Und wenn dann auch noch Stimmen zum Zuge kommen, die vor mehr als 50 Jahren zu den bekanntesten ihres Faches gehörten und die auch heute noch Gänsehaut erzeugen, wenn man sie hört, dann sollte sich das Wagnis Hörspiel doch lohnen.

Ebenso, wie das Dramatis Personae dieses großen Klassikers liest sich die Liste der Schauspieler und Synchronsprecher, die sich 1965 im Tonstudio versammelten und ihr Bestes gaben, um „Krieg und Frieden“ als symphonisches Hörspiel in die Welt zu tragen.

Beispiele gefällig?

Heinz Bennent als Napoleon
Klausjürgen Wussow als Fürst Andrej Bolkonskij
Willy Birgel als der alte Fürst Bolkonskij
Volker Brandt als Nikolaj Rostow
Gustl Halenke als Natascha Rostowa
und der blutjunge Marius Müller-Westernhagen als Nikolaj Bolkonskij

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Über vierzig Sprecher sind namentlich aufgeführt. Das Stimmorchester wird in der episch angelegten Produktion mit einer Gesamtlänge mehr als acht Stunden unterstützt durch eine Vielzahl von Stimm-Statisten, einem großen Orchester und Spezialisten in Sachen Geräusch- und Sounddesign. So war man in der Lage, alle relevanten Figuren dieses Romans mit einer individuellen Stimmfarbe herauszuheben, ganze Ballszenen im zaristischen St. Petersburg musikalisch zu inszenieren und die großen Schlachten von Austerlitz und Borodino zu wahren Attacken auf die Ohrmuscheln mutieren zu lassen.

Russlands Standesdünkel. Das Luxusleben der Adeligen. Napoleons Vormarsch. Die Schlachten und das Schlachten. Niederlagen der glorreichen Zarenarmee. Verwundete und Tote reißen Löcher in die russische Gesellschaft. Moskau fällt. Die Bauern erheben sich. Der Winter bricht herein. Aus den Eroberern werden marodierende Flüchtende. Die große französische Armee geht unter und reißt zahllose Gefangene mit in den Tod. Kosaken in der neuen Rolle von Freischärlern reiben die Reste von Napoleons Armee auf. Dieser ist in Paris, als das Sterben beginnt. Und mittendrin drei russische Familien, ihre Liebe, ihr Hoffen und die Verzweiflung. Natascha Rostowa wird zum Symbol der Entwicklung von einer lebenslustig naiven jungen Frau zur sanften Mutter. Die Zukunft Russlands.

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Das ist Krieg und Frieden. Und nicht anders hört es sich an. Im Auto hörend fuhr ich über die Schlachtfelder, angetrieben vom hundertfachen „Hurrräääh“ und den Signalen der Trompeten rauschte ich durch den Schlachtenlärm. Kanonenkugeln detonierten in meiner Nähe, Geschossgarben zischten über meinen Kopf und in all diesem Lärm war ich Zeuge der Unterhaltungen von großen Männern und einfachen Soldaten. Wenn der Zar in seiner Kutsche das weite Land bereiste, hörte ich die angespannten Pferde und vernahm die Glöckchen an ihren Geschirren. Zu Silvester tanzte ich in St. Petersburg und fühlte die unbeschwerte Jugend. In emotionalen Momenten erlebte ich den Tod in seiner vollen Dramatik. Hier ist das Hören so, als säße man mit verbundenen Augen im Kino. Besser kann ich kaum beschreiben, wie ich dieses Hören erlebte.

Ich möchte dieses Erlebnis nicht missen. Es war intensiv und so sehr Tolstoi, wie ich es mir erhofft hatte. Wer mir nicht glaubt, der sollte hören…

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

„Aquila“ von Ursula Poznanski – Siena lässt grüßen

Aquila von Ursula Poznanski

Aquila“. So schallt es durch den Bücherwald. Der neue Psychothriller aus der Feder von Ursula Poznanski entwickelt sich zum literarischen Gassenhauer dieser Tage. Es würde bedeuten, Eulen nach Athen zu tragen, den Freunden der kleinen literarischen Sternwarte zu erklären, welche Bedeutung die Bücher der bekanntesten Löwenmähne des deutschsprachigen Buchmarktes für mich haben. Ursula Poznanski ist und bleibt die Fluchthelferin meines Lesens, weil ich in jedem ihrer bisherigen Bücher durch mein Lesen raste und zum Weltrekordler in literarischen Verfolgungsjagden mutierte. Meine Artikel zu ihren Werken legen davon ein mehr als deutliches Zeugnis ab.

Erebos, Saeculum, Layers und Elanus waren Meilensteine. Ein Radiointerview für Literatur Radio Bayern und mein Gastbeitrag auf dem Blog des Loewe Verlages sind wegweisend zu einer Autorin, die ebenso eloquent wie sympathisch ist.

Aquila ud mehr von Ursula Poznanski – AstroLibrium

Anders als bei den bisherigen Büchern finden Sie im Folgenden keine klassische Rezension. Ich finde es spannend, mich den Fragen des Loewe Verlages zu Aquilazu stellen und auf diese Art und Weise indirekt über mein Lesegefühl und seine Folgen Auskunft  geben zu können. Ohne jede Erinnerung an die letzten beiden Tage kommt Nika in ihrer Wohnung in Siena zu sich. Von ihrer Mitbewohnerin fehlt jede Spur und in Nika regt sich der Verdacht, dass etwa Schreckliches passiert sein muss. Warum? Nun, Nikas Zustand und die Indizien sprechen eine mehr als deutliche Sprache.

– Sie ist verdreckt und verletzt…
– Sie ist in der eigenen Wohnung gefangen…
– Ihr Handy ist verschwunden, der Laptop unbrauchbar…
– Den Badezimmerspiegel ziert der Schriftzug „Letzte Chance“…
– In ihrer Jeans findet sie einen Zettel mit unverständlichen Nachrichten

Als der Freund ihrer Mitbewohnerin Jenny erscheint, lichtet sich der erste Nebel in einer Mischung aus Eifersucht, Streit und Handgreiflichkeiten, die sich an jenem Abend abgespielt haben, an den sich Nika noch erinnern kann. Was nun beginnt, ist die wilde Jagd durch eine Stadt, die ihre Adlerklauen in die Psyche der jungen Studentin schlägt.

Aquila von Ursula Poznanski – Eine Spezial

Atemlos wie immer hat mich Ursula Poznanski auch diesmal am Ende ihres neuesten Thrillers an der Hand genommen und alle Rätsel gelöst, die mir schlaflose Nächte und ruhelose Tage bereitet haben. Es war deshalb sehr spannend für mich, mit den Fragen des Loewe Verlages auseinanderzusetzen, weil sie schon genau die Punkte berühren, die mich als Leser bewegt haben.

1. Eine fremde Stadt:

Nika begibt sich für ihr Studium auf das Abenteuer „Siena“ in eine fremde Stadt, ohne ihre Familie, ohne Freunde. Hand aufs Herz: Hast du das auch schon einmal gemacht oder würdest es gerne tun?

Allein auf mich gestellt in einer fremden Stadt? Klar. Im Laufe eines Lebens kommt das alleine schon aus beruflichen Gründen oder in Urlauben recht häufig vor. Und wenn es das Schicksal will, dass man aus der Eifel stammt, dann wird eine Reise nach München mit den ersten Arktisexpeditionen durchaus vergleichbar. Die neue Welt. Das Ende des bekannten Universums. Ich habe es tatsächlich überlebt, auch ohne Internet, GPS oder Handy. Das war damals alles Zukunftsmusik. Eine Welt der Telefonzellen, Stadtpläne, Walkmans und Musikkassetten. Hier wurde noch Auge in Auge gechattet (ohne Skype).

Aquila von Ursula Poznanski

2. Stell dir vor:

Du wachst auf, bist in deiner Wohnung eingeschlossen. Ohne Schlüssel, Internet oder Telefon und kannst dich nicht erinnern, wie du in diese Situation gekommen bist. Wie befreist du dich aus deiner Lage?

Sehen wir es mal so: Die meisten Wohnungen in Mitteleuropa gelten ja im Allgemeinen nicht als besonders einbruchssicher. Wenn sie eines aber noch viel weniger sind, dann ausbruchssicher. Aus einer verschlossenen Wohnung zu entkommen, auch wenn diese in einem oberen Stockwerk liegt, ist eher unproblematisch. Wohnung bedeutet zugleich Einrichtung, Einrichtung bedeutet Alltagsgegenstände und das bedeutet Werkzeug. Ein einfaches Messer oder ein Schraubenzieher reichen aus, den Schlüsselzylinder an der Eingangstür zu entfernen und zu entwischen.

Darüber hinaus ist kein Fenster so verschlossen, dass es von innen nicht zu öffnen ist. Also zur Not Fenster auf und raus. Je nach Etage stellt sich nur die Frage, ob man hier springen kann oder sich das Abseilen an Betttüchern empfiehlt. Feel free. Es gibt mehr als nur einen Weg in die Freiheit.

3. Orientierung

Nika nutzt die Gebäude der Universität, Cafés, aber auch GPS zur Orientierung in Siena. Welche Möglichkeiten nutzt du, um dich in einer fremden Stadt zurecht zu finden.

Man nutzt das örtliche Informationsangebot vor Ort aus. Stadtpläne finden sich an allen Bushaltestellen. Den Weg ins Stadtzentrum zu finden ist dann ein Leichtes. Hier kommt man zur Not auch schwarzfahrend voran, was ja auch die Spannung erhöht. Danach ist es nur noch wichtig, die Touristeninformation zu finden und sich mit einem Stadtplan zu versorgen. Hotels helfen da erfahrungsgemäß ebenso aus und schon kann man seine Kreise ziehen. Und vielleicht hat man ja auch Glück und findet mit dem international so beliebten Hilfsmittel des aufgesetzten hilflosen Hundeblickes ja einen ortskundigen und hilfsbereiten Fremdenführer (oder in meinem Fall eben eine Fremdenführerin).

Ansonsten gilt bei absoluter Orientierungslosigkeit immer wieder das bewährte Prinzip der Semmeltüten-Navigation. Man wird kaum eine Bäckerei finden, die ihre Adresse nicht auf der Brötchentüte verewigt hätte. Prima für den Startpunkt einer Reise.

Aquila von Ursula Poznanski

4. Sprachbarriere

Deine Freundin ist verschwunden. Du willst sie bei der italienischen Polizei als vermisst melden. Wie schaffst du das trotz Sprachbarriere?

Gerade in Italien stelle ich mir das grundsätzlich nicht so schwierig vor. Die Polizei dort ist ebenso wenig auf den Kopf gefallen, wie die unsere, wenn ein Italiener versucht hier eine Vermisstenanzeige auf Italienisch aufzugeben. Ansonsten hilft in Italien das Code- Wort „Amanda Knox“ und schon wird die Polizei so hellhörig, dass sich der Rest schon fast von allein ergibt.

5. Ohrwurm

Irgendwie lösen die ersten Zeilen des Songs „Smells like teen spirit“ von Nirvana bei Nika sehr starke Emotionen aus. Welcher „Ohrwurm“ hat das zuletzt bei dir geschafft?

Ein Ohrwurm, der für nachhaltige Gänsehaut gesorgt hat. Revolverheld: Ich lass für dich das Licht an“, weil dieser Song meine romantische Ader in aller Tiefe berührt und mich natürlich auch an besondere Ereignisse im Jahr 2015 erinnert, ohne die ich nicht leben möchte.

6. Mit welchem Buch vergleichbar?

Italien, enge mittelalterliche Gassen, eine nervenaufreibende Spurensuche und die hitzige Jagd nach der Lösung eines Rätsels –  In welchem Buch hast du dich schon einmal auf eine ähnlich spannende Reise gewagt?

Ursula Poznanski hat mit Aquila ein Thrillerniveau erreicht, das ich zuletzt bei Inferno von Dan Brown erlebt habe. Gedächtnisverlust, lebensbedrohendes Szenario und die Kulisse einer altehrwürdigen italienischen Stadt mit historischem Ambiente haben mich an der Seite von Robert Langdon durch Florenz rasen lassen. Auch er hatte nur zwei Tage aus dem Gedächtnis verloren und stand vor schier unlösbaren Aufgaben, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden waren. Hier geben sich nun Florenz und Siena die literarische Hand. Grandios.

Aquila von Ursula Poznanski – Das Hörbuch mit Laura Maire

Abschließend noch ein Wort zur Hörbuchfassung zu Aquila“ aus dem Hause Der Hörverlag. Hier spricht sich uns Laura Maire in einer brillanten Interpretation der völlig verunsicherten Nika ins Herz. Diese Stimme trägt das Hörbuch durch die Straßen von Siena. Man spürt die teilweise naive Hilflosigkeit, die zunehmende Überforderung und die innere Qual, angesichts der Vielzahl unbeantworteter Fragen schier zu verzweifeln. Laura Maire investiert viel, wenn sie Nika stimmlich mit Leben füllt. Besonders lebendig sind jene Passagen gelungen, in denen Nikas radebrechendes Italienisch mit dem allzu schnellen Italienisch der Menschen konfrontiert wird, die sie umgeben. Hier lässt Laura Maire ein Sprachflair entstehen, das einfach grandios ist und der Handlung zusätzliche Authentizität verleiht.

Ich hatte mir diese zarte Stimme so sehr für dieses Hörbuch gewünscht, weil sie eben auch zu Stärke erwachen kann, an Dringlichkeit zunimmt und Selbstbewusstsein entwickelt, wo man Nika schon fast aufgeben möchte. Diese Interpretation ist mehr als gelungen und bringt die literarische Strahlkraft von Ursula Poznanski auf den Punkt.

Lesen und / oder hören? Entscheiden Sie selbst. Hauptsache, Sie reisen nach Siena und erleben einen absolut rasanten Psychothriller, der am Ende keinerlei Fragen offen lässt. Und mir bleibt zu hoffen, dass ich irgendwann eine kleine Rolle in einem Roman von Ursula Poznanski spielen werde. Ich drücke mir selbst die Daumen, vermute aber schon jetzt, dass ich es maximal bis zur Leiche auf dem Seziertisch bringe. Das jedoch wäre schon ein Anfang…

Mit Tad Williams zurück nach Osten Ard

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Ich bewege mich ganz langsam, versuche keinen Lärm zu machen und mich ganz unauffällig zu verhalten. Ich kann es nicht glauben endlich wieder hier zu sein. Ich kann kaum glauben, Namen zu vernehmen, die mir so vertraut sind, als hätte ich sie gestern zuletzt gehört. Dabei ist es nun inzwischen schon mehr als 25 Jahre her, seit ich Osten Ard zum ersten Mal betreten habe. Die frühen 1990er Jahre haben mich in diese ganz eigene Welt aus der Feder von Tad Williams entführt. Die Buchreihe „Das Geheimnis der großen Schwerter“ erzählte von einem sagenumwobenen Land, in dem Menschen miteinander und gegen Elbenwesen um die Vorherrschaft kämpften. Nornen und Sithi verfolgen mich seitdem noch manchmal in meinen Träumen.

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

bildeten eine Tetralogie, die mit ihren verschlungenen Handlungsebenen bestach und dem Genre High-Fantasy nach langer Zeit wieder eine Krone aufzusetzen vermochte. Ich begleitete den jungen unbedeutenden Küchenjungen Simon Schneelocke auf sein großes Abenteuer in einer Welt voller Feinde. Ich sah ihn zuletzt am Ende eines langen Weges als Hochkönig von Osten Ard. Verheiratet mit der wunderschönen Prinzessin Miriamel regiert er in meinem Herzen seitdem vom Hochhorst aus und folgt damit einer Bestimmung, die sich ihm lange nicht erschließen wollte. Die Nornen sind besiegt, ihre ungleichen, jedoch ebenso fast unsterblichen Verwandten, die Sithi, haben Frieden mit allen Menschen geschlossen und sind diesen durch lose Bündnisse verpflichtet. Einige tapfere Weggefährten Simons haben diese Abenteuer nicht überlebt, die Treuesten von ihnen jedoch sind wohlauf und genießen den lang ersehnten Frieden.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

1994 hieß es für mich, Abschied zu nehmen, Osten Ard zu verlassen und in neue Welten einzutauchen. Und doch habe ich diese Geschichte niemals vergessen. Es galt drei Schwerter miteinander zu vereinen. Dorn, Leid und Hellnagel trafen zuletzt in der alles entscheidenden Schlacht aufeinander, berührten sich und entschieden den lange schwelenden Krieg zwischen den Menschen untereinander, den Nornen und Sithi und jenen geheimnisvollen Wesen, die sich allen Seiten angeschlossen hatten. Am Ende war es ein wackeliger, jedoch hart umkämpfter Frieden, der Osten Ard einte. Eine gute Zeit, mich aus dem Staub zu machen und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Es war mir eigentlich klar, dass es keine Rückkehr auf den Hochhorst geben würde. Auch Tad Williams hatte anderes vor. Es galt neue Geschichten zu erzählen. Epische Mehrteiler wie „Otherland“ oder „Shadowmarcherblickten das Licht der Bücherwelt. Osten Ard schlief den tiefen Schlaf einer fast vergessenen Welt. Fast vergessen.

Während die guten Gefährten aus alten Tagen zwischen dicken Buchseiten schliefen und Fantasybegeisterte sich auf den Weg nach Westeros begaben, um dem „Game of Thrones“ beizuwohnen (dessen Autor George R.R. Martin in vielen Interviews auf Tad Williams als seine Inspirationsquelle verwies), hatten die wahren Fans Osten Ard nicht vergessen. So viele Fragen nach einer möglichen Fortsetzung musste Tad Williams in den letzten Jahren beantworten, dass er nun selbst mit jenem Gedanken spielte, in das Land seiner Fantasie zurückzureisen, um zu schauen, was sich so getan hatte. Wenn man diesen Schriftsteller kennt, dann weiß man, dass eine solche Reise immer mit den epischsten Konsequenzen für seine Leser verbunden ist. Gottlob.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Was soll ich sagen? Er hat es getan. Wir sind zurück in Osten Ard, nachdem er wohl der Meinung war, die allzu offenen Fragen am Ende der Tetralogie in einer neuen Saga aufgreifen und einer Lösung zuführen zu können. Ich hörte den Schlachtenlärm, hörte die Rufe zu den Waffen und fand mich inmitten einer Streitmacht jener legendären und ungeschlagenen Rimmersmänner wieder, die dem Frieden nicht trauen wollten. Kann es wirklich wahr sein, dass die geschlagenen Nornen immer noch keine Ruhe geben? Konnte es sein, dass die versprengten flüchtenden Gruppen auf ihrem Rückzug in ihre Hochburg im Norden immer weitere Kämpfer um sich scharten. Und was beinhaltet der Sarkophag, den sie in ihrer Mitte tragen?

Das Herz der verlorenen Dingesetzt genau da an, wo „Der Engelsturm“ endete. Es ist, als wäre ich nie fort gewesen und als hätten sich alle dunklen Ahnungen nun in aller Konsequenz bewahrheitet. Unter dem Kommando von Herzog Isgrimnur und in allerbester Gesellschaft mache ich mich auf die Verfolgung der Nornen. Osten Ard ist erneut in Gefahr und die Macht der Nornen scheint nur erschüttert, nicht gebrochen. Es sind die vielen Nornenvölker, die sich nach der Niederlage treffen. Die Baumeister, die Sänger und die opferwilligen Krieger. Den Untergang des ganzen Volkes gilt es nun zu verhindern. Und dies scheint nicht unmöglich, haben die Nornen doch noch einige gute Trümpfe im Elbengewand, mit denen sie Angst und Schrecken verbreiten können.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Unstrittig. Es ist gelungen. Tad Williams hat es geschafft, mich in den Sog meines früheren Lesens zurückzuziehen. Der Strudel ist gewaltig. Und das in einem Buch, das man eigentlich vorsichtig nur als „Sequel“ bezeichnen kann. Die Geschichte ist einfach gehalten. Wir finden wenige parallel verlaufende Handlungsstränge. Alles dreht sich um die Verfolgung der letzten Nornen. Nur diese beiden Seiten sind von Belang. Williams entfaltet trotzdem den gesamten Kosmos seines erzählerischen Vermögens. Er bringt uns in Herz einer Erzählung zurück, die er selbst als Überleitung zu einer endgültigen Fortsetzung der Saga von Osten Ard empfindet. Während wir hier erfahren, warum die Nornen nicht gänzlich vernichtet werden können und wo das Potenzial für künftige und weit in der Zukunft liegende Konflikte liegt, wird er uns schon in wenigen Wochen mit diesem gemeinsamen Wissen am Wegesrand aufsammeln und uns am Lagerfeuer der High-Fantasy erzählen, wie es weitergeht. Dreißig Jahre nach dem letzten Gefecht.

„Der letzte König von Osten Ard“ lautet der Arbeitstitel des neuen Mehrteilers, in dem die Nornen zu neuer Kraft erwachen und bestrebt sind, verlorenes Territorium in Osten Ard zurückzuerobern. „Die Hexenholzkrone“ erscheint bei Hobbit Presse schon am 09. September und am 11. November in zwei Teilen. Zu episch ist sein Schreiben, um der Veröffentlichungsreihenfolge der Originale treu zu bleiben. Folgende Bände der neuen Trilogie werden uns schon bald unser Lesen und Hören intensiv beschäftigen:

„The Witch Wood Crown“ – im Original ein einzelner Band
„The Empire of Grass“
„The Navigator´s Children“

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Es ist also schon abzusehen, dass aus der originalen Trilogie in Deutschland erneut mehr Bücher werden, als es den Anschein haben könnte. Lassen wir uns überraschen. Tad Williams nimmt sich den Raum, den er zum Schreiben benötigt. Er fordert uns auf, ihm mit voller Konzentration zu folgen und er hat bisher immer Wort gehalten und seine Reihen beendet (was man von George R.R. Martin nicht gerade behaupten kann). Wir dürfen uns auf eine neue Reise nach Osten Ard freuen, werden Bekannten begegnen und neue Weggefährten finden. Ich werde die neue Reihe lesen und hören. Auch „Das Herz der verlorenen Dinge“ habe ich mir in weiten Teilen von Andreas Fröhlich, dem Osten-Ard-Veteranen aus dem Hause Der Hörverlag vorlesen lassen. Auch er scheint mit dieser Welt so verwachsen, dass ihm selbst Nornengesänge leicht von den Lippen kommen. Grandios.

Bald ist es also soweit. Folgt mir doch einfach zu den magischen Schauplätzen einer epischen Saga, die nun ihre lang erwartete Fortsetzung findet. So, wie auch die Reise des rezensierenden Weggefährten aus der kleinen literarischen Sternwarte fortgesetzt wird. Ich freue mich auf diese neuen Abenteuer. Ich bin Tad Williams dankbar, dass er so schreibt, wie er immer schrieb. Vorurteilsfrei gegenüber seinen eigenen Figuren. Er beschreibt selbst den größten Feind der Menschen in seinen Büchern so tiefgründig, in so unterschiedlichen Facetten, dass es unmöglich ist Gut und Böse klar zu trennen. Ein Wesensmerkmal seiner Romane. Hilfreich auch für das Leben jenseits der Fantasy.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Folgt mir! Zu den Waffen Und zu meinem Interview mit Tad Williams… bald…

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

„Tod und Teufel“ von Frank Schätzing – Das Hörbuch

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Mehr als zehn Jahre ist es jetzt schon her. Seitdem hüte ich einen Buchschatz in der kleinen literarischen Sternwarte und hätte nie gedacht, dass er nach so langer Zeit eine große Rolle in meinem Lesen und Hören spielen würde. Großformatig strahlte mich ein wahrer Prachtband an und schrie um Hilfe. Die Resterampe der Buchhandlung war für dieses Buch­kunstwerk der denk­bar unwürdigste Ort und ich befreite es aus seiner allzu misslichen Lage. Seitdem lebt dieser Roman unge­lesen in meinem Bücherregal. Nur zu vergleichen mit einem geretteten Pferd auf dem Gnadenhof. Dass dieser Gaul nun neu gesattelt, aufgezäumt und geritten wurde ist einem aktuellen Hörbuch geschuldet.

Tod und Teufel war zugleich Debüt als auch Durch­bruch des im Jahr 1995 noch völlig unbekannten Schriftstellers Frank Schätzing. Der historische Roman rund um das mittelalterliche Köln entwickelte sich schnell zum lite­rarischen Gassenhauer und ist aus heu­tiger Sicht viel mehr als nur der Wegbereiter der nachfolgenden Romane. Frank Schätzing gilt heute als einer ganz großen seiner Zunft. Seine Romane „Der Schwarm“ und „Limit“ gelten in Fach- und Leserkreisen als wissenschaftlich fundierte und perfekt konstruierte Werke mit hohem Suchtfaktor. Und doch begann auch sein Weg mit einem historischen Roman voller Lokal­kolorit.

Tod und Teufel von Frank Schätzing – Prachtausgabe und Hörbuch

Wenn man sich das Cover meines Buchschatzes aus dem Jahr 2006 anschaut, ist es nicht überraschend, dass ich mehr als erstaunt war, als ich diese rote Armbrust auf dem Cover eines Hörbuchs entdeckte. Un­ver­kennbar in Farbe und Gestaltung handelt es sich um dieselbe Armbrust, die auf dem Buch zu sehen ist. Teuflisch rot mit Hörnern und einem ange­deuteten Schwanz am Ende des schuss­bereit eingelegten Bol­zens. Ich konnte kaum glauben, dass mein Relikt vom Wühltisch durch ein aktuelles Hörbuch mit neuem Leben gefüllt werden sollte. Am Tag der ersten Zu­sammen­kunft beider Medien schloss sich ein lite­rarischer Kreis höllischen Ausmaßes.

Und das liegt nicht nur an Frank Schätzing, das dürft ihr mir glauben. Über dreizehn Stunden Hörbuch warteten nun auf mich. Zwei MP3-CDs voller Hochspannung in Köln, darauf war ich so halbwegs eingestellt. Mittelalter pur, die Dombaustelle, Kreuzzüge ins Heilige Land und das Leben in einer Stadt, die ich aus dem Hier und Jetzt so gut kenne, das war das anvisierte Ziel meines Hö­rens. Was dann kam, hat mich extrem über­rascht und zugleich begeistert. Stefan Kaminski. Gelesen von Stefan Kaminski. So harmlos ist es auf dem Cover des Hörbuchs vermerkt. Dabei sollte man andere Begriffe wählen, um dem gerecht zu werden, was Stefan Kaminski hier leistet.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Zelebriert von. Interpretiert von. Aufgeführt von! Das wären Möglichkeiten. Es klingt in Anbetracht der Dimension, in die Kaminski hier vordringt immer noch zu schwach. Es klingt zu einfach, weil man seine Kunst, Geschichten in Worte zu fassen kaum in Worte fassen kann. Stellt euch vor, ihr schaut eine synchro­nisierte Staffel der epischen Serie Game of Thrones und ver­bindet mit den Schau­spielern auch ihre deutschen Stimmen. Ob männliche oder weibliche Charaktere. Schauspiel und Stimme gehen Hand in Hand. Und dann stellt euch vor, ihr würdet erfahren, dass alle Rollen der Serie nur von einem einzigen Sprecher synchro­nisiert werden. Von EINEM. Egal, ob Mann oder Frau. Einer spricht alle. Vorstellbar?

Ich konnte es mir auch kaum vorstellen. Aber es kommt dem nahe, was ich zu hören bekam. Stefan Kaminski verfügt über eine unglaubliche Technik, den un­ter­schied­lichen Stimmen einer Geschichte über­gangslos und ohne Auf­nahme­schnitte eine ganz ei­gene und un­verfälschte Iden­tität mit hohem Wieder­erkennungs­wert zu verleihen. Stimm­farbe und -charakter sind seine Werkzeuge, die er meister­lich einzu­setzen weiß. Er selbst hat diesen Prozess als „Stimm-Morphing“ bezeichnet.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

„Das ist ein Begriff, den ich mich selber ausgesucht habe und ich meine damit ungefähr folgendes: Wenn die Polizei versucht, einen seit 20 Jahren flüchtigen Tä­ter zu finden, müssen die überlegen, wie der jetzt aussieht. Dann nimmt man das alte Bild und versucht es durch einen realistischen Übergang 20 Jahre älter zu machen. Das nennt man morphen. Wenn ich zwischen den Stimmen verschiedener Figuren wechsel, tue ich das ohne Absatz oder Pause. Da wird nichts ge­schnitten. Ausgehend von dem, was in meinem Hals passiert, ist das ein Morphprozess.“

(Quelle: Interview Der HörbücherBlog mit Stefan Kaminski vom 20.03.2013)

Hiervon kann man sich selbst überzeugen, wenn man „Tod und Teufel“ hört. Als Lesung oder Hörbuch würde ich diese Produktion schon nicht mehr bezeichnen. Es ist ein tat­säch­liches Hörspiel, die Inszenierung der einzelnen Stimmen Kaminskis, auf die sich der Zuhörer hier freuen darf. Es gelingt ihm dabei sogar, der weib­lichen Hauptrolle Richmodis von Weiden eine dermaßen authen­tische feminine Note zu verleihen, dass man hörend dahinschmilzt, wenn sie das Wort ergreift. Meine Lieblingsstimme in „Tod und Teufel“ hat Stefan Kaminski in den einfältigen Knecht Rolof hinein­gelegt. So tief gezeichnet und charakteristisch gut getroffen muss man sich den Guten vorstellen. Eine wahre Kunst, die wir hier erleben dürfen.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

„Der Hörverlag“ hat hier wirklich alles richtig gemacht. Statt einem dreißigköpfigen Ensemble hat man einen hun­dert­stimmigen Stimmkünstler engagiert. Stefan Kaminski verkörpert das Gute und Böse des gesamten Romans. Er ist Mörder und Held zugleich, versucht einerseits den Mord am Dom­baumeister Gerhard aufzuklären und ist doch im Geheimen unterwegs, um alle Zeugen dieser Tat zu beseitigen. Ein Historien­spektakel der ganz besonderen Extraklasse, in dem wir an der Seite von Jacop dem Fuchs durch das Köln des Jahres 1260 hetzen, fliehen und nicht nur die ganze Stadt, sondern auch die große Liebe seines Lebens retten.

Dieses grandiose Hörbuchspielkopfkinoereignis wird dem brillanten Roman von Frank Schätzing mehr als gerecht. Man spürt schon hier, wie intensiv sich Schätzing in seinen Romanstoff hinein recherchiert hat, wie authen­tisch er das Leben der kleinen Leute im mittelalterlichen Köln beschreibt und wie tief und fa­cetten­reich Konflikte eines Romans angelegt sein müssen, um einen solchen Sog zu erzeugen. Großes Kopfkino in einer meisterhaft inszen­ierten Hörbuch-Solovorstellung, der man das Solo zu keinem Zeitpunkt anmerkt. Auch die textlichen Kürzungen fallen nichts ins Genussgewicht.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Mein gebundenes Buch von einst ist heute noch in einer broschierten Sonderausgabe des Goldmann Verlags auf dem Buchmarkt. 80 Illus­trationen machen aus der Reise in das mittelalterliche Köln ein episches Abenteuer. Da­zu noch das Hörbuch mit gleichem Cover und los geht das multimediale Abenteuer für alle Sinne…