Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Eigentlich kenne ich ihn aus Fürstenfelde. Er feierte dort ein literarisches Fest bevor er mich dem Fallensteller auslieferte und an den Ort des Geschehens zurückkehrte. Er, das ist Saša Stanišić. Deutschsprachiger Schriftsteller aus Bosnien-Herzegowina, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Roman „Vor dem Fest“ ausgezeichnet, für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit vielfachen Literatur-Ehren überhäuft. Er stammt aus Višegrad, einer bosnischen Kleinstadt, ist Sohn einer Bosniakin und eines Serben. Er floh mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg im Jahr ´92 nach Deutschland. Er war gerade mal vierzehn Jahre alt, als es das alte Jugoslawien von den Landkarten fegte und sich explosionsartig in seine multi-ethnischen Bestandteile zerlegte.

Er schrieb bisher über sehr besondere Menschen in Biotopen ihrer ganz eigenen Heimat. Saša Stanišić ist für mich einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest oder ihm zuhört. Er verzaubert Menschen mit knallbunten literarischen Lustballons, verführt sie mit absolut aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt beiläufig, dass im Zentrum seiner Geschichten eine unübersehbare Portion bittersüßer Melancholie verborgen ist. Eine Grundstimmung, die ihn als Beobachter aufmerksam und hellhörig macht, und die verhindert, dass belanglos Dahergesagtes belanglos bleibt. Er legt seine Stimme tief in die Wunden unserer Gesellschaft. Aus gutem Grund.

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Herkunft von Saša Stanišić

Wenn er bisher von Heimat und Identität erzählte, so konnte man vermuten, dass er sich selbst in den Figuren seiner Romane spiegelte. Er zerrte die Randgestalten kleiner Dörfer ans Licht, rückte sie in den Mittelpunkt und ließ sie dann gegen die Windmühlen aus Vorurteil und Vorbehalt ankämpfen. Er schrieb über eigene Menschenschläge mit Eigenarten in eigenartigen Landschaften. Und doch zeigte er uns deutlich, was Heimat bedeutet, welches Gefühl ein Zuhause vermittelt und wie wichtig Identität und Zuhause sind. Der innere Kompass eines Menschen richtet sich zumeist nach dem Ort aus, dem man seine Prägung und Sozialisierung verdankt. Abstrakt war es nicht, was er schrieb. Und doch zeigte er selten sein wahres eigenes Gesicht hinter den Protagonisten jener Romane und Erzählungen. Jetzt lässt er die Maske fallen.

Herkunft“ heißt sein neues Buch. Eine Kollektion von Texten über die Zufälligkeit der eigenen Biografie, vom kaum zu beeinflussenden Schicksal, dem man lebenslänglich ausgesetzt ist. Es sind Geschichten voller Schubläden und Stempel, die unser Leben prägen und die doch nur auf unsere Abstammung zielen. Herkunft. Ein relativer Begriff. Saša Stanišić begibt sich auf die Suche nach allem, was seine Herkunft ausmacht. Er erzählt von Jugoslawien, beschreibt seine Flucht, besucht seine Verwandten, die sich immer noch in Višegrad befinden. Er schreibt über seinen Neubeginn, Versuche einer Integration in Schulen, schwere Lebenswege nach einem Neuanfang. Nicht nur für ihn. Besonders für seine Eltern.

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Und doch finden wir in diesen Geschichten keine Tagebuchaufzeichnungen, rein autobiografische Schilderungen oder Lebenserinnerungen. So leicht macht er es uns dann doch nicht. Saša Stanišić ist Literat. Und was für einer. Er verwischt seine Spuren in der Fiktion und betont stets, dass er das zuvor Erwähnte eigentlich gerne anders in Erinnerung behalten hätte. Er fabuliert sich um den Kern des eigenen Seins herum und laviert sich damit nicht ins Aus. Es ist nur ein wenig Distanz, die er zu sich aufbaut, um das Innenleben und die Psychologie des Erlebten treffender beschreiben zu können. Er bleibt der Wortmagier in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Er bleibt der mahnende und zweifelnde Vater eines in Deutschland geborenen Sohnes in dem Land, das nicht sein Vaterland ist. Er bleibt authentisch und wahrhaftig, obwohl wir verstehen müssen, dass seine eigentliche Stärke in der Fiktionalisierung liegt.

Saša Stanišić ist ist kein Verräter der eigenen Familie. Er skizziert Menschen nach ihren realen Vorbildern. Wie er diese Skizzen jedoch ausmalt, wie er sie mit Leben füllt, das ist alleine seine Sache. Und doch lässt er zu, dass wir uns hineinversetzen können, wenn er von Außenseitern spricht; von den „Jugos“, die nach Deutschland fliehen; von Stereotypen, die man doch besser individuell betrachten sollte. Er nimmt uns mit in die Heimat, die ihm genommen wurde. Die Heimat, die heute weit entrückt scheint. An den Gräbern der Vorfahren stellt er sich die Frage nach seiner Herkunft. Wo kommt er her? Gibt es darauf eine Antwort? Ist es ein ganz präziser Ort oder eine Region. Ist Herkunft etwas, das man verlieren oder auch mitnehmen kann? Ist Herkunft sentimental geprägt oder lässt sie sich mit Menschen aus der Vergangenheit verbinden?

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Ist Herkunft unveränderbar? Wird sie von Sprache bestimmt? Kann man sich selbst aussuchen, wo man gerne hergekommen wäre? Saša Stanišić spielt mit diesen Bildern ebenso, wie er mit seinen sprachlichen Mitteln spielt. Es ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau, weil Saša Stanišić in einer eigenen Liga schreibt und erzählt. Er bindet uns mit ein, weil er in der Lage ist, Perspektiven einzunehmen, die wir zu kennen glauben. Und dann dreht er den Spiegel um und stellt ungefragt Fragen nach unserer Herkunft. Er hat mich in die Fankurve von Roter Stern Belgrad mitgenommen und mir ein Fußballspiel gezeigt, das ich nur zu gut kannte. Ich trug damals die Farben des anderen Teams. Ich stand auf der anderen Seite. Auf der des FC Bayern München. Wir haben verloren und sind ausgeschieden. Wir waren enttäuscht und am Boden zerstört.

Saša Stanišić zieht mich auf die andere Seite. Auf die der Fans, die zum letzten Mal gemeinsam für ein Jugoslawien jubelten, das schon zersplitterte und sich anschließend bis aufs Messer bekämpfte. Saša Stanišić hat mir ein Gefühl vermittelt, was ihm dieses Spiel auch noch heute bedeutet. Plötzlich sah ich mich den Sieg eines anderen Teams bejubeln. Keine Ahnung, wie er das macht. Er ist kein Erzähler – er ist ein Mentalist, der sich in meine Gedanken schleicht und Empathie zu einer Perspektive macht, die man selbst einnimmt. Keinem seiner Texte fehlt es an Relevanz. Jeder Text zeigt die Gefahren auf, in denen unsere Heimat (und vielleicht jetzt ja auch ein stückweit die seine) schwebt. Populisten bestimmen, schüren Angst, bringen Menschen ins Taumeln, lassen Werte in Flammen aufgehen und hinterlassen auf verbrannter Erde die niemals zu beantwortende Frage nach der Herkunft.

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Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Das Hörbuch beinhaltet ausgewählte Texte aus dem Buch „Herkunft“. Auf 5 CDs mit einer Laufzeit von 5 Stunden und 39 Minuten bietet es einen guten Querschnitt der Buchvorlage. Aber, wie ich schon sagte, keinem Text fehlt es an Relevanz. Kombiniert Lesen und Hören. Vervollständigt alle denkbaren Perspektiven zu einem Bild und lasst euch überraschen, wie es Saša Stanišić gelingt, selbst in den Texten, die ihr selbst lest, seine Stimme in euer Ohr zu zaubern. Der Sammler eigener Erinnerungen kommt auch an seine Grenzen. Das ist bemerkenswert. Angesichts der Demenz seiner Großmutter verzweifelt er daran, wie flüchtig das Erinnern ist und was mit ihr alles verlorengeht. Ein Moment, in dem man ihm gerne sagen würde, dass man dies selbst erlebt hat und sehr gerne vergessen würde. Leider unmöglich. Das macht unsere Herkunft aus…

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Herkunft – Saša Stanišić Buch:
Luchterhand Verlag / Hardcover / 368 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ausgewählte Texte / gelesen vom Autor / 5 CDs / 5 Stunden und 39 Minuten Laufzeit / 22,00 Euro

Saša Stanišić bei AstroLibriumHier.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

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Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Er war der 56. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er schrieb gleich in mehrfacher Hinsicht Geschichte. Er war der erste Afroamerikaner in diesem Amt, man verlieh ihm den Friedensnobelpreis und er ließ seiner Amtszeit von 2009 bis 2013 eine zweite von 2013 bis 2017 folgen. Sein Slogan „Yes we can“ ging um die Welt und man romantisiert seine Präsidentschaft gerade in der heutigen Zeit, weil man ihn mit seinem Nachfolger Donald Trump vergleicht. Losgelöst von der politischen Kompetenz stehen gerade bei diesem Vergleich die soziale Kompetenz, die menschliche Wärme und sein unbestrittenes Charisma im Zentrum der Betrachtung. Hier lässt er seinen Nachfolger, auch aus Sicht internationaler Partner und Verbündeter, meilenweit hinter sich. Er war ein Ausnahmepräsident. Barack Hussein Obama.

Alles nur gefühlt? Alles nur emotional überlagerte Faktenlage oder belegbar? Können wir die Beliebtheit eines Präsidenten und seine Ausstrahlung wirklich bewerten oder ist es eher so, dass unsere Sympathien frei im luftleeren Raum hängen, wenn über einen Menschen urteilen, der aus unserer Sicht prägend für sein ganzes Land war? Vielleicht ist es so. Ich bin jedoch dankbar dafür, mich besser informieren zu können und mir auf diese Art und Weise (ganz besonders in Zeiten von Fake-News) ein ganz eigenes Bild machen zu dürfen. Ich bediene mich einer Kollektion von Primär- und Sekundärquellen, die in Gänze einen umfangreichen Blick auf den Menschen zulassen, der gerade heute im politischen Weltgefüge schmerzlich vermisst wird.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Barack Obama war der erste US-Präsident, der während der gesamten achtjährigen Amtszeit jeden Abend ausgewählte Briefe seiner Bürger las. Er hatte dazu ein eigenes Kommunikationszentrum installiert, in dem eine ganz besondere Crew die eingehende Postflut sichtete, sortierte und las. Der Lektüreraum im Weißen Haus war für insgesamt acht Jahre die Anlaufstelle abertausender E-Mails, Briefe und sonstiger Nachrichten. Er war der Ort, an dem darüber entschieden wurde, welche Briefe ihren Präsidenten ganz persönlich erreichen sollten und auf welche man mit standardisierten Antwortschreiben reagierte. Hier regierte nicht der Zufall. Hier steckte System hinter dem Chaos. Es gab Schlagwort-Wolken, Algorithmen und eben auch eine riesige Portion Empathie, die ins Feld geführt wurde, um den Präsidenten im Dialog mit seiner Nation zu halten.

10 Briefe am Tag. So lautete die Vorgabe von Barak Obama. 10 Briefe, hinter denen sich Menschen verbargen, Schicksale und Hoffnungen, Anliegen, Angst, Hoffnung und oftmals einfach auch nur der Wunsch, Dampf abzulassen. Dabei war schon zu Beginn dieses Kommunikations-Projektes klar, dass der Präsident nicht nur mit seiner Fanpost konfrontiert werden wollte. Ganz im Gegenteil. Barak Obama suchte nach Geschichten, die ihm sein Land zeigten, wie er es in der Abgeschiedenheit an der Spitze der Nation nicht mehr selbst erleben konnte. Die meisten Zuschriften mit den Worten: „Ich denke, Sie werden diesen Brief niemals lesen“ erreichten ihn tatsächlich nicht. Aber es gab da etwas, das sich schnell herumsprach und die Menschen dazu veranlasste, sich ihm anzuvertrauen. Barack Obama beantwortete die Briefe persönlich, handschriftlich und voller Einfühlungsvermögen.

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas stellt den Versuch dar, nicht nur den Briefen auf die Spur zu kommen, nicht nur eine Kollektion aus Anliegen und antworten zu veröffentlichen. Die etablierte Journalistin geht in jeder Hinsicht weiter, als es der Buchtitel erwarten lassen würde. Sie veröffentlicht Briefe, die Obama erreichten und auf die er selbst antwortete. Sie hat ein Spektrum an Zuschriften ausgewählt, das die gesamte Bandbreite dieses Dialoges zeigt. Sie konfrontiert uns mit den Sorgen und Nöten der Menschen, sie legt uns Beschwerden und Protestnoten vor, die den Präsidenten tief getroffen haben mussten. Sie zeigt uns Briefe und E-Mails, an denen sich Obama aufrichten konnte, weil sie die Auswirkungen seiner Politik auf den Einzelnen dokumentierten. Aber dann verlässt sie den Lektüreraum und spricht mit den Mitarbeitern dieser Dialog-Truppe, mit Praktikanten und Sonderbeauftragten im Weißen Haus, die an vorderster Front mit den Augen ihres Präsidenten lasen, schrieben, hörten und archivierten. 

Damit nicht genug. Parallel zu diesem intensiven und zutiefst menschlichen Blick ins Zentrum der Briefe, verlässt sie das Weiße Haus und begegnet den Menschen im weiten Land, die Antwort von ihrem Präsidenten erhielten. Sie erzählt ihre Geschichten und die Gründe, die dazu führten, dass man dem Präsidenten schrieb. Und dann zeigt sie, was seine Antworten kurz- und mittelfristig bewirkt, verändert und bedeutet haben. Diese multiperspektivische Betrachtung macht aus diesem Buch und der aufwendigen Hörbuchadaption mehr als nur eine Momentaufnahme. Sie hebt die Briefe, Antworten und Sachverhalte, die ihnen zugrunde liegen auf eine Ebene, die jenseits der Politik in der Lage ist aufzuzeigen, was diesen charismatischen Menschenfänger im positivsten auszeichnet. Seine menschliche Größe wird in jeder Antwort aus seiner Feder sichtbar. Sein Umgang mit Lob und Kritik, ja sogar mit wüstesten Beschimpfungen verdient jede Hochachtung. Und die Antworten aus seiner Feder waren in der Lage, das Leben derer zu verändern, die ihm schrieben.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Die persönlichen Begegnungen mit seinen „Brieffreunden“ gehören zu den ganz besonderen Höhepunkten dieses Buches. Ich werde die Mutter nicht vergessen, die ihm von ihrem ganz kleinen Leben erzählte, die ihm schrieb, wie schwer es ist das Geld für Familie, Haus und Krankenversicherung aufzutreiben. Die ihm mit auf den Weg gab, er möge sein Bestes geben, damit auch sie ihr Bestes geben kann. Ein Brief, der mehr erzählte, als eine einfache Geschichte. Er beschrieb die Lage der Nation. In einfachen Worten. Wie groß war die Überraschung dieser Frau, als sie von Barack Obama nach Washington eingeladen wurde, um seine Rede an die Nation zu hören. Wie groß muss ihre Überraschung gewesen sein, zu erkennen, dass ihr eigener Brief die Rede an die Nation war. Ein Meilenstein des Dialogs mit seiner Nation.

Jeanne Marie Laskas blickt in die Seelen und Herzen der Briefschreiber. Sie geht auf viele Mitarbeiter im Lektürezentrum zu und erzählt ihre Geschichten von Motivation, Betroffenheit und Liebe zu dieser Arbeit. Dabei hat sich die Autorin den denkbar besten Zeitpunkt für diese Reportage ausgewählt. Obama ist abgewählt. Trump steht kurz vor seinem Einzug in den heiligen Hallen. Die Zukunft des Briefprojektes ist ungewiss. Man räumt die Büros. Man räumt das Feld für jemandem dem man alles zubilligen kann, nur kein warmes Herz, keine Empathie und keinen Stil im Umgang mit Menschen. Es ist in jeder Zeile dieses Buches zu fühlen, wie der Abgesang auf eine Ära klingt. Alles ändert sich. Die Briefe in den letzten Amtstagen von Barack Obama sprechen eine deutliche Sprache. Acht Jahre dieser absolut beispiellosen Korrespondenz lassen den Untertitel „Das Porträt einer Nation“ zu.

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas - AstroLibrium

Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

Ich begann dieses Porträt hörend. Die Stimmen von Christian Baumann, Julia Cortis, Juliane Köhler und Franz Pätzold trugen mich durch die Flut der Briefe und vermittelten das Gefühl, direkt ins Lesen und Schreiben involviert zu sein. Ihre Stimmen ließen mich teilhaben an den Sorgen und Nöten der Bürger, sprachen mich aber auch als Präsident ganz direkt an. Fast 10 Stunden in der gekürzten Lesung breiteten die Wucht einer Zeit vor mir aus, die heute vergangen scheint. Diese acht CDs entsprechen acht Jahren im Amt. Eine kurze Zeit. Eine sehr lange Zeit. Eine extrem wichtige Zeit. Und doch musste ich neben dem Gehörten auf das Buch zurückgreifen, weil es handschriftliche Briefe, in Eile verfasste Notizen, E-Mails und die handsignierten Antworten von Barack Obama beinhaltet. Die Textgestaltung ist brillant und die Authentizität, die das Buch ausstrahlt macht es zu einem Dokument der Zeitgeschichte, in dem man immer wieder versinken möchte, wenn man den Glauben an das Gute in der Politik verloren hat.

Am Ende kommt er selbst zu Wort. Am Ende schließen sich Kreise beim ehemaligen Präsidenten. Jeanne Marie Laskas kann ihn zur Bedeutung der Briefe für sein eigenes Leben fragen, sie kann auf bestimmte Themen eingehen und beleuchten, wie die Post seine Haltung verändert hat. Barack Obama bleibt keine Antwort schuldig. Auch keine zur aktuellen Lage der Nation. „Briefe an Obama“ ist ein Muss für Menschen, die sich in sozialer und politischer Hinsicht mit der Welt auseinandersetzen. Ein Muss für Leser und Hörer, die Empathie als Grundlage von Führungsfähigkeit empfinden. Ein Muss in einer Zeit, in der diejenigen die Macht ergreifen, die Angst erzeugen, statt zu beruhigen oder Lösungen aufzuzeigen. Für mich ein Muss, weil mich die Themenvielfalt mehr als überrascht hat. Opfer von Amokläufen, Veteranen, Arbeitslose, verschuldete Menschen und Drogenabhängige, Inhaftierte, Alleinerziehende, Kranke ohne Versicherung, Mütter schwuler Söhne deren Väter Trump gewählt haben. Selten wird die Zerrissenheit eines Landes deutlicher. Selten wird ein Hoffnungsträger klarer erkennbar. Yes, we can. Das Mantra der Präsidentschaft Barack Obamas hallt lange nach.

Das Buch endet in Briefen. Das Hörbuch gönnt uns einen Ausschnitt von Barack Obamas Amtsantrittsrede 2009 im O-Ton. Gänsehaut garantiert..

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Briefe an Obama von Jeanne Marie Laskas

„Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ von Jeanne Marie Laskas
Hardcover: Goldmann Verlag
/ dt. von Nathalie Lemmens und Thorsten Schmidt / 544 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag 
/ gekürzte Lesung / 8 CDs / 9 Std. 43 Min / 22 Euro

Der Bücherdrache von Walter Moers [Zamonien]

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Gerade erst habe ich mich vom Schock erholt, dass es gar kein „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ gibt. Es ist erst wenige Wochen her, seit mir der wohl populärste Lindwurm Zamoniens, Hildegund von Mythenmetz, der eigentliche und wahre Autor der meisten Geschichten dieses fantastischen Kontinents, alle Drachenzähne gezogen hat und frei heraus erklärte, es handele sich bei diesen Weihnachtsritualen lediglich um zufällige Ähnlichkeiten mit den uns bekannten Festtagsabläufen. Nur knapp war ich der Gefahr entronnen, einen „Bücherräumaus“ zu veranstalten, weil das ja eine so schöne zamonische Tradition sei. Alles ist beim Alten. Alle Bücher und Hörbücher sind noch da. Ganz besonders diejenigen von Walter Moers. (Weiterhören bei Radio Hörbahn)

Der Bücherdrache - Walter Moers - Die Rezension fürs Ohr

Der Bücherdrache – Walter Moers – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Zamonien. Sehnsuchtsort und fantastischer Mahlstrom der Legenden und Sagen. Nie in Vergessenheit geraten und allzeit omnipräsent. So allgegenwärtig, dass es allein schon ausreicht, das Gerücht von der Existenz eines belesenen Lindwurms in die Welt zu setzen, um die Buchlinge im Gefolge des Meisterautors in Aufregung zu versetzen. Was sich in den letzten Jahren wie ein leichtes zamonisches Geplänkel anfühlte und in allen Lesern große Zweifel säte, ob es nach dem „Labyrinth der träumenden Bücher“ mit großen und wahrhaftigen Geschichten des zamonischen Epos weitergehen würde, mündete nun in eine unglaubliche Erwartungshaltung. „Der Bücherdrache“ warf einen Schlagschatten auf die Literaturlandschaft, der ausreichte, die Lindwurmfeste in ihren Grundfesten zu erschüttern. Aus der Feder von Walter Moers, von ihm selbst illustriert und in der guten Tradition der Mythenmetz`schen Erzählungen sollte es weitergehen.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache“. Endlich. Zamonien in Reinstform. Wo uns „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ nur rudimentär an den fantastischen Kontinent und seine Geschichten erinnern konnte, und „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ schon eher ein Fest für Buchlinge war, legt Walter Moers nun wieder richtig los. Immer noch nicht im erhofften Volumen einer echten labyrinthischen Fortsetzung, aber mit der Geschichte über ein legendäres Geschöpf, dessen Existenz wir nicht bezweifelt haben. Allein, es fehlte der Beweis. Hier halte ich ihn nun in Händen. Ein Buch, das sich in die Zamonien-Sammlung einfügt, wie ein fehlendes Puzzlesteinchen. Großformatig und in jeder Hinsicht reichhaltig illustriert, nach der Druckerschwärze aus der ledernen Grotte riechend und in seiner Haptik an einen Folianten aus der Bibliothek von Buchhaim nur allzu intensiv erinnernd. Das Herz eines jeden Buchlings macht einen Freudenhüpfer.

Und dann die Geschichte. Diese Geschichte. Hach. Einfach zum Dahinschmelzen. Es ist ja vielleicht nur ein Traum, in den wir mit Hildegund von Mythenmetz fallen. Es ist vielleicht gar nicht wahr, was er uns erzählt, aber… ABER. Ungläubige mögen zweifeln. Wahre Zamonien-Anhänger wissen, dass ihnen hier der Missing-Link zum Ormsumpf in die Hände gelegt wird. Jenem Sumpf, der seit jeher als die Brutstätte der Inspiration zu sehen ist. Ein geheimnisvoller Sumpf, der in Gedichten besungen wird und in dem das Orm entsteht. Jene Energie, die ihrem Besitzer literarisches Genie verleiht. Hier kommt das wahre Gold Zamoniens zur Welt. Ein literarischer Schatz.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

„In bösen, dunklen, kalten Tümpeln
Wo alte Bücher Orm gebären
Die tief in toten Sümpfen dümpeln
Wo Bücherwürmer sich vermehren
Wo alle Fragen Antwort finden
Doch niemand seine Frage kennt
Dort soll sich jener Dämon winden
Den man den Bücherdrachen nennt“

Traum hin, Traum her. Ich nehme diese Erzählung für bare Münze. Hildegunst wird lesend von einem Buch eingesaugt. Das passiert schließlich jedem von uns. Tiefer und tiefer fällt er in den Abgrund in und zwischen den Seiten, bis er schließlich dem kleinen Buchling Hildegunst Zwei begegnet. Diese Begegnung mit seinem Alter Ego setzt die Geschichte in Gang, der sich weder Hildegunst noch wir uns entziehen können. Er hat viel zu erzählen, der Miniatur-Buchling. Wahrhaft Bahnbrechendes. Er ist ihm begegnet und noch mehr. Er hat den Bücherdrachen nicht nur aufgespürt und ihn einäugig und eigenäugig gesehen, sondern hat sich sogar mit dem Fabelwesen unterhalten. Hier ist der Beweis für seine Existenz. Es gibt ihn. Den Drachen im Ormsumpf, der nicht lesen kann oder muss. Es reicht ihm schon, sich im Schlamm verrottender Bücher zu wälzen. Und schon greift das Orm nach ihm, inspiriert ihn und macht ihn so klug wie die große Bibliothek von Zamonien.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers – Andreas Fröhlich

Die Geschichte von Hildegunst Zwei gehört zweifelsfrei zu den magischsten aus dem Zamonien-Zyklus. Er erzählt vom Ursprung seiner Suche, den sechs Klassikern, die ihn verleiten in die Tiefe hinabzusteigen, seiner ersten Begegnung mit dem Drachen und der Unterhaltung auf die sich dieses lebendige Mysterium einlässt. Buchmagie und Literaturfaszination machen sich breit. Der Sumpf erwacht zum Leben und der Buchling Hildegunst Zwei wird zum einzigen Wesen, das in die Geheimnisse des Bücherdrachen eingeweiht wird. Sehr spät erkennt unser Buchling, dass er auf einmal zu viel weiß. Viel zu spät geht ihm das eine Auge auf. Rette sich wer kann, heißt es nun. Eine wilde Hatz durch den Ormsumpf beginnt, an dessen Ende nicht das Ende der Geschichte wartet.

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Ja, es ist vielleicht nur ein Traum, den wir hier erlesen und erhören dürfen. Einer zeitlichen Einordnung in den Zamonien-Zyklus entzieht sich dieses Buch jedenfalls mit diesem erzählerischen Trick. Da hat der gute Herr Moers sehr viel Orm getankt, als er diese Geschichte zu Papier brachte. Eigentlich müsste sie nach dem Labyrinth spielen. Eigentlich müsste sie schon im „Schloss der träumenden Bücher“ spielen. In jenem Buch, auf das wir schon so lange warten und dessen Erscheinen schon oft verschoben wurde. Ich mag nicht spekulieren. Dafür lässt „Der Bücherdrache“ auch keinen Raum. Ich nehme es, wie es kommt. Möge der Autor im Orm-Vollbad liegen und das Schloss vor seinem geistigen Auge entstehen lassen. 

Möge er Kraft und Inspiration schöpfen, um uns bald in die große Fortsetzung zu geleiten. Und bis dahin? Still schweigt der Sumpf? In Geduld üben? Oh nein. Da kennt Ihr Walter Moers schlecht. Am Ende des Bücherdrachen findet sich im Buch eine nicht angekündigte illustrierte Leseprobe. Es geht bald weiter. Und das, noch bevor wir uns dem Schloss nähern dürfen. Und wie es weitergeht. „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ heißt der klangvolle Titel. Es geht nach Eydernorn und wir dürfen erneut Hildegunst von Mythenmetz folgen, der sich nach dem Traum vom Ormsumpf und dem Bücherdrachen einfach nur erholen möchte. Leuchtturmlesen. Was könnte besser ins Portfolio passen? Leuchttürme sind meine ganz persönlichen Sehnsuchtsorte in der Literatur und meine kleine literarische Sternwarte ist voller magischer Geschichten, in denen sie eine Rolle spielen. Und nun kommen 1000 weitere Leuchttürme hinzu. Leserhörerherz, was willst Du mehr?

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers
Penguin Verlag / 192 Seiten / 20 Euro
Der Hörverlag / gelesen von Andreas Fröhlich / 4 Std. 25 Min. / 20 Euro

„Die Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer - AstroLibrium

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Manchmal ist es sehr hilfreich, die guten alten Märchen der Gebrüder Grimm zu kennen. Die Bienenkönigin“ ist zwar nur ein kleines zartes Märchen, aber schon hier wird klar, dass man im Leben bitterlich dafür bestraft wird, wenn man seinen Unmut an hilflosen Lebewesen auslässt. Der kleine Dummling gilt als einfältig, weil er sich weigert einen Ameisenhaufen zu zerstören oder einen Bienenstock zu plündern. Später jedoch sind es genau diese kleinen verschonten Lebewesen, die ihm dabei helfen, unmögliche Aufgaben zu lösen und nicht, wie seine Brüder, in Stein verwandelt zu werden. Und die Moral von der Geschicht`? Töte kleine Bienen nicht! Haben wir wieder nicht zugehört?

Ja. Wir hätten es eigentlich wissen müssen! Scheinbar jedoch haben unsere guten alten Märchen ihre Wirkung verloren. Scheinbar ist damit auch die Ehrfurcht gegenüber den kleinsten Lebewesen verloren gegangen. Scheinbar hat uns heute sogar die Moral verlassen. Bienensterben. Weltweit. Ausgebeutete Bienenvölker, die aus wirtschaftlich rentablen Gründen durchs Land gekarrt werden, um Blüten zu bestäuben. Tiere, die in jeder Hinsicht nur noch als Produktionssklaven gehalten und nach getaner Arbeit auch gerne geopfert werden. Die Folgen? Dramatisch. Sachbücher, Dokumentationen, Filme und Vorträge ändern nichts am Bewusstsein. Können moderne Märchen unsere Moral wieder auf Vordermann bringen? Ist es die Emotion, die auf der Strecke blieb? Haben wir noch eine Chance zur Umkehr?

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Ich bin davon überzeugt. Spätestens seitdem sich viele namhafte Schriftsteller/Innen diesem Thema verschrieben haben. Ökologisch motivierte Romane mögen inzwischen fast schon zum literarischen Mainstream gehören. Sie mögen sogar manchmal auch im Glauben geschrieben sein, auf der richtigen Welle des Erfolges zu surfen. Das merken Leser jedoch sehr schnell. Eben weil es die großen Romane gibt, die eine breite Masse an Menschen erreichen. Gute Romane, die nicht nur den erhobenen Zeigefinger in den Vordergrund stellen, sondern ganz einfach mit einer guten Geschichte überzeugen. Es spricht sich schnell herum, welche Bücher man unbedingt lesen muss, um den eigenen Kurs zu korrigieren. „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde gehört eindeutig zu den empfehlenswertesten Werken der letzten Jahre.

Wenn man jedoch auch junge Menschen erreichen möchte, dann muss man auch für junge Menschen schreiben. Sie sind die Zielgruppe, die in der Lage ist, die Welt zu verändern. Hier ist noch nicht Hopfen und Malz verloren, wenn es darum geht, Gefühl vor Wirtschaftlichkeit zu stellen. Hier liegt die Zukunft auch in den Händen von Autoren und Autorinnen, die mit einem bestimmten Sendungsbewusstsein schreiben. Und wenn diese Kulturschaffenden ihrer Verantwortung gerecht werden, dann gelingt es vielleicht wieder, am Ende einer Geschichte die Frage nach ihrer Moral stellen zu können, ohne dass sie unbeantwortet im Raum stehen bleibt. Einen solchen Roman für Jugendliche habe ich gefunden.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Dieser Roman ist über jeglichen Verdacht erhaben, das ökologische Thema nur zu transportieren, weil es gerade en vogue ist. Dieses Buch ist kein Trittbrettfahrer auf der Welle des Artenschutzes. Es ist vielmehr eine emotional fundierte Kampfschrift, der es gelingen kann, Mitgefühl und Gefühl zu paaren und Mutter Natur mit anderen Augen zu sehen. „Die Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer öffnet uns einen Erzählraum, der einem Bienenstock gleichkommt. Eine Wohngemeinschaft junger Menschen, in der es nur so brummt vor unbekümmerter Betriebsamkeit. Der „Beehive“ in San Francisco ist der Ausgangspunkt einer Geschichte, die so gut ist, dass sie unbedingt erzählt werden muss!

Sie ist deshalb so gut, weil sie plausibel ist. Sie ist so gut, weil sie bisher noch nicht so erzählt wurde und sie ist so gut, weil sie der Realität eine Seite abgewinnt, die man nur entdecken kann, wenn man als Schriftstellerin mit viel Gefühl und Sachverstand in den Bienenwaben der eigenen Geschichte lebt. Hier spürt man in jedem Kapitel, dass mit der Autorin auch die studierte Biologin schreibt. Eine literarische Symbiose, die der Handlung in jeder Beziehung Tragfähigkeit verleiht. Den Blick auf das Kleine lenken, in Bienen keine Selbstverständlichkeit zu sehen und Zusammenhänge zwischen uns und der Natur sichtbar zu machen. Das sind ihre Anliegen. Meisterhaft umgesetzt.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Mel ist 19 Jahre alt und auf dem Weg zur beruflichen Selbstfindung. Eine Auszeit soll ihr zeigen, wohin sie ihr Lebensweg treibt. In ihrer WG in San Francisco wirbelt sie ebenso kreativ und aktiv in der Küche, wie sie sich um das kleine Bienenvolk im Garten kümmert. Die besondere Verbundenheit zu diesen Tieren hat sie von ihrer Großmutter geerbt. Als der Bienenstock von einer künstlichen Biene angegriffen wird, erkennt Mel sofort die Dimensionen dieser Attacke. Eine Miniatur-Drohne steuert zielsicher auf den Bienenstock zu. Im Miniatur-Tank, ein Pestizid zur Vernichtung von Bienen. Mit letzter Kraft gelingt es den Bienen, den Angriff abzuwehren, aber Mel ahnt, dass sie hier zur Zeugin von etwas Größerem geworden ist. Etwas Gefährlichem.

Diese Ausgangssituation ist die Basis für einen Hybrid Roman, dem es gelingt, im Verlauf der Geschichte Natur und Hightech-Elemente zu einem dichten Erzählraum zu verweben, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wenn jemand in der Lage ist, Drohnen zum Fliegen zu bringen, die Bienen täuschend ähnlich sind, wenn er seine Microbiotics dann auch noch mit einem Tank versehen kann, wenn diese Kunstbienen ferngesteuert zum Angriff auf echte Bienen übergehen, dann muss es ein Motiv für diese Tat geben, das alles in den Schatten stellt. Wer kann ein Interesse daran haben, das Bienensterben zu beschleunigen? Mel und ihre Freunde kommen einer brisanten Verschwörung auf die Spur. Die Zeit läuft gegen die Bienenpopulation und gegen die kleine Gruppe, die sich den Drohnen in den Weg stellt.

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer - AstroLibrium

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Bestechend in der Ausgangssituation, logisch im Motiv und faszinierend im Mix der realen Möglichkeiten mit fantastischen Elementen. Claudia Praxmayer bleibt da technisch, wo es zwingend erforderlich ist, sie wird tiefgründig und empathisch, wo es gilt, Mel zu verstehen und sie wird zur großen Erzählerin, wo es darauf ankommt, eine Geschichte voller Poesie und Gefühl zu erzählen. Mel gleicht mit dieser Begabung den Pferdeflüsterern und Schlangenbeschwörern dieser Welt. Ihrer Gabe verdanken wir die ganz großen Momente dieses Romans. Und doch wird schnell klar, dass wir alle, auch ohne einen besonderen Zugang zu Bienen, die Welt verändern können. Eine Botschaft, die Leser jeden Alters anspricht. Ein Roman, der in seiner logischen Konsequenz tiefer geht als „Die Geschichte der Bienen“. Zwei Romane, die man in den Honigwaben des eigenen Bücherregals vereinen sollte. Sie öffnen Horizonte. 

Ich habe mir „Die Bienenkönigin“ in der Hörbuchproduktion aus dem Hause Der Hörverlag von Leonie Landa vorlesen lassen. Der Sprecherin gelingt es, der jungen Mel Leben einzuhauchen, ihr Kämpferherz zu „verstimmlichen“ und der Verbundenheit mit den Bienen eine besondere Sprache zu verleihen. Gänsehautmomente garantiert, wenn Leonie Landa als Mel zu den Bienen singt. Das kann man nicht lesen. Das muss man mit eigenen Ohren gehört haben. Ein zeitlos hörenswerter Roman, den ich sicher nicht schnell aus den Ohren bekomme. Und noch dazu ein starkes Stück Bio-Ökologie im Gewand eines spannenden Jugendthrillers. Eine Story die ein Literatur-Bio-Siegel verdient hätte. Geht runter wie Honig! Versuchen Sie es selbst…

Und immer dran denken: Stirbt sie – stirbst auch Du!

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer - AstroLibrium

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

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