„Die Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer - AstroLibrium

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Manchmal ist es sehr hilfreich, die guten alten Märchen der Gebrüder Grimm zu kennen. Die Bienenkönigin“ ist zwar nur ein kleines zartes Märchen, aber schon hier wird klar, dass man im Leben bitterlich dafür bestraft wird, wenn man seinen Unmut an hilflosen Lebewesen auslässt. Der kleine Dummling gilt als einfältig, weil er sich weigert einen Ameisenhaufen zu zerstören oder einen Bienenstock zu plündern. Später jedoch sind es genau diese kleinen verschonten Lebewesen, die ihm dabei helfen, unmögliche Aufgaben zu lösen und nicht, wie seine Brüder, in Stein verwandelt zu werden. Und die Moral von der Geschicht`? Töte kleine Bienen nicht! Haben wir wieder nicht zugehört?

Ja. Wir hätten es eigentlich wissen müssen! Scheinbar jedoch haben unsere guten alten Märchen ihre Wirkung verloren. Scheinbar ist damit auch die Ehrfurcht gegenüber den kleinsten Lebewesen verloren gegangen. Scheinbar hat uns heute sogar die Moral verlassen. Bienensterben. Weltweit. Ausgebeutete Bienenvölker, die aus wirtschaftlich rentablen Gründen durchs Land gekarrt werden, um Blüten zu bestäuben. Tiere, die in jeder Hinsicht nur noch als Produktionssklaven gehalten und nach getaner Arbeit auch gerne geopfert werden. Die Folgen? Dramatisch. Sachbücher, Dokumentationen, Filme und Vorträge ändern nichts am Bewusstsein. Können moderne Märchen unsere Moral wieder auf Vordermann bringen? Ist es die Emotion, die auf der Strecke blieb? Haben wir noch eine Chance zur Umkehr?

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Ich bin davon überzeugt. Spätestens seitdem sich viele namhafte Schriftsteller/Innen diesem Thema verschrieben haben. Ökologisch motivierte Romane mögen inzwischen fast schon zum literarischen Mainstream gehören. Sie mögen sogar manchmal auch im Glauben geschrieben sein, auf der richtigen Welle des Erfolges zu surfen. Das merken Leser jedoch sehr schnell. Eben weil es die großen Romane gibt, die eine breite Masse an Menschen erreichen. Gute Romane, die nicht nur den erhobenen Zeigefinger in den Vordergrund stellen, sondern ganz einfach mit einer guten Geschichte überzeugen. Es spricht sich schnell herum, welche Bücher man unbedingt lesen muss, um den eigenen Kurs zu korrigieren. „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde gehört eindeutig zu den empfehlenswertesten Werken der letzten Jahre.

Wenn man jedoch auch junge Menschen erreichen möchte, dann muss man auch für junge Menschen schreiben. Sie sind die Zielgruppe, die in der Lage ist, die Welt zu verändern. Hier ist noch nicht Hopfen und Malz verloren, wenn es darum geht, Gefühl vor Wirtschaftlichkeit zu stellen. Hier liegt die Zukunft auch in den Händen von Autoren und Autorinnen, die mit einem bestimmten Sendungsbewusstsein schreiben. Und wenn diese Kulturschaffenden ihrer Verantwortung gerecht werden, dann gelingt es vielleicht wieder, am Ende einer Geschichte die Frage nach ihrer Moral stellen zu können, ohne dass sie unbeantwortet im Raum stehen bleibt. Einen solchen Roman für Jugendliche habe ich gefunden.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Dieser Roman ist über jeglichen Verdacht erhaben, das ökologische Thema nur zu transportieren, weil es gerade en vogue ist. Dieses Buch ist kein Trittbrettfahrer auf der Welle des Artenschutzes. Es ist vielmehr eine emotional fundierte Kampfschrift, der es gelingen kann, Mitgefühl und Gefühl zu paaren und Mutter Natur mit anderen Augen zu sehen. „Die Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer öffnet uns einen Erzählraum, der einem Bienenstock gleichkommt. Eine Wohngemeinschaft junger Menschen, in der es nur so brummt vor unbekümmerter Betriebsamkeit. Der „Beehive“ in San Francisco ist der Ausgangspunkt einer Geschichte, die so gut ist, dass sie unbedingt erzählt werden muss!

Sie ist deshalb so gut, weil sie plausibel ist. Sie ist so gut, weil sie bisher noch nicht so erzählt wurde und sie ist so gut, weil sie der Realität eine Seite abgewinnt, die man nur entdecken kann, wenn man als Schriftstellerin mit viel Gefühl und Sachverstand in den Bienenwaben der eigenen Geschichte lebt. Hier spürt man in jedem Kapitel, dass mit der Autorin auch die studierte Biologin schreibt. Eine literarische Symbiose, die der Handlung in jeder Beziehung Tragfähigkeit verleiht. Den Blick auf das Kleine lenken, in Bienen keine Selbstverständlichkeit zu sehen und Zusammenhänge zwischen uns und der Natur sichtbar zu machen. Das sind ihre Anliegen. Meisterhaft umgesetzt.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Mel ist 19 Jahre alt und auf dem Weg zur beruflichen Selbstfindung. Eine Auszeit soll ihr zeigen, wohin sie ihr Lebensweg treibt. In ihrer WG in San Francisco wirbelt sie ebenso kreativ und aktiv in der Küche, wie sie sich um das kleine Bienenvolk im Garten kümmert. Die besondere Verbundenheit zu diesen Tieren hat sie von ihrer Großmutter geerbt. Als der Bienenstock von einer künstlichen Biene angegriffen wird, erkennt Mel sofort die Dimensionen dieser Attacke. Eine Miniatur-Drohne steuert zielsicher auf den Bienenstock zu. Im Miniatur-Tank, ein Pestizid zur Vernichtung von Bienen. Mit letzter Kraft gelingt es den Bienen, den Angriff abzuwehren, aber Mel ahnt, dass sie hier zur Zeugin von etwas Größerem geworden ist. Etwas Gefährlichem.

Diese Ausgangssituation ist die Basis für einen Hybrid Roman, dem es gelingt, im Verlauf der Geschichte Natur und Hightech-Elemente zu einem dichten Erzählraum zu verweben, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wenn jemand in der Lage ist, Drohnen zum Fliegen zu bringen, die Bienen täuschend ähnlich sind, wenn er seine Microbiotics dann auch noch mit einem Tank versehen kann, wenn diese Kunstbienen ferngesteuert zum Angriff auf echte Bienen übergehen, dann muss es ein Motiv für diese Tat geben, das alles in den Schatten stellt. Wer kann ein Interesse daran haben, das Bienensterben zu beschleunigen? Mel und ihre Freunde kommen einer brisanten Verschwörung auf die Spur. Die Zeit läuft gegen die Bienenpopulation und gegen die kleine Gruppe, die sich den Drohnen in den Weg stellt.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Bestechend in der Ausgangssituation, logisch im Motiv und faszinierend im Mix der realen Möglichkeiten mit fantastischen Elementen. Claudia Praxmayer bleibt da technisch, wo es zwingend erforderlich ist, sie wird tiefgründig und empathisch, wo es gilt, Mel zu verstehen und sie wird zur großen Erzählerin, wo es darauf ankommt, eine Geschichte voller Poesie und Gefühl zu erzählen. Mel gleicht mit dieser Begabung den Pferdeflüsterern und Schlangenbeschwörern dieser Welt. Ihrer Gabe verdanken wir die ganz großen Momente dieses Romans. Und doch wird schnell klar, dass wir alle, auch ohne einen besonderen Zugang zu Bienen, die Welt verändern können. Eine Botschaft, die Leser jeden Alters anspricht. Ein Roman, der in seiner logischen Konsequenz tiefer geht als „Die Geschichte der Bienen“. Zwei Romane, die man in den Honigwaben des eigenen Bücherregals vereinen sollte. Sie öffnen Horizonte. 

Ich habe mir „Die Bienenkönigin“ in der Hörbuchproduktion aus dem Hause Der Hörverlag von Leonie Landa vorlesen lassen. Der Sprecherin gelingt es, der jungen Mel Leben einzuhauchen, ihr Kämpferherz zu „verstimmlichen“ und der Verbundenheit mit den Bienen eine besondere Sprache zu verleihen. Gänsehautmomente garantiert, wenn Leonie Landa als Mel zu den Bienen singt. Das kann man nicht lesen. Das muss man mit eigenen Ohren gehört haben. Ein zeitlos hörenswerter Roman, den ich sicher nicht schnell aus den Ohren bekomme. Und noch dazu ein starkes Stück Bio-Ökologie im Gewand eines spannenden Jugendthrillers. Eine Story die ein Literatur-Bio-Siegel verdient hätte. Geht runter wie Honig! Versuchen Sie es selbst…

Und immer dran denken: Stirbt sie – stirbst auch Du!

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Zamonien – „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ von Walter Moers

Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers - AstroLibrium

Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Nein, nein. Keine Sorge. Der Titel dieses Hörbuchs ist völlig falsch und irreführend. Es muss sich hierbei um ein reines Missverständnis handeln, weil ja jedes Kind weiß, dass es in Zamonien wirklich alles gibt, nur kein Weihnachten. Wäre ja auch gelacht. Walter Moers hat ja nicht sein ganzes Herzblut in einen erfundenen Kontinent gesteckt, nur um ihn dann mit den Riten und Gebräuchen auszustatten, die wir aus unserem Leben allzu gut kennen. Nein. Es gibt kein Weihnachten. Niemand feiert das dort. Die Völker dieses Kontinents haben ihre ganz eigenen Feiertage. Die Holzgnomen zum Beispiel feiern ihr Borkenfest, die Gurkenzwerge ein Essigfest. Von den Nattifftoffen ganz zu Schweigen.

Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ von Walter Moers

Nein. Auch die legendären Lindwürmer feiern kein Weihnachtsfest. Also kann man sich dieses Hörbuch völlig unbesorgt anhören, auch wenn man kein Weihnachtsfreund ist. Nun gut. Einmal im Jahr feiern die Lindwürmer schon. Und auf den ersten Blick mag ihr HAMOULIMEPP gewisse Parallelen mit unserem Weihnachtsfest aufweisen. Es ist jedoch weit hergeholt, die beiden Feierlichkeiten in einem Atemzug zu nennen. Hier gilt es endlich mal gründlich mit Vergleichen aufzuräumen und wer könnte dies besser, als der populärste Lindwurm Zamoniens: Hildegund von Mythenmetz, der eigentliche und wahre Autor der meisten Geschichten dieses fantastischen Kontinents? 

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Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Dem aktuell vorliegenden Briefwechsel zwischen dem Lindwurm-Autor und dem Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer haben wir es heute zu verdanken, dass wir endlich mit dem Irrglauben von Weihnachten auf der Lindwurmfeste aufräumen können. Wurde aber auch Zeit. Damit ist es bereits das achte Buch, in dem uns Walter Moers in seinen Zamonien-Kosmos entführt. Und noch dazu ist es ein lange herbeigesehntes Werk, das schon mehrfach angekündigt, und immer wieder verschoben wurde. Tja, da musste der begnadete Erzähler wohl intensiver recherchieren, als es zu vermuten war. Jetzt ist es vollbracht. Die Lindwurmfeste erstrahlt in festlichem Glanz und alle Vorbereitungen für Hamoulimepp laufen auf Hochtouren.

Nun heißt es, sich zurückzulehnen und Hildegunst genau zuzuhören. Dann lösen sich die Missverständnisse in Wohlgefallen auf. Also herzlich willkommen in der Heimat der Lindwürmer, jener legendären Festung im Westen Zamoniens, die den intelligenten Nachfahren der zamonischen Dinosaurier, komischerweise oft als Drachen bezeichnet, als Rückzugs- und Zufluchtsort dient. Belagerungen wurden überstanden, kulturelle und soziale Errungenschaften entwickelt und eigene Riten und Gebräuche etabliert. Einmal im Jahr feiert man demzufolge auf der Lindwurmfeste Hamoulimepp. Drei ganze Tage dauern die Feierlichkeiten zu Ehren der Herren Hamouli und Mepp. Hildegunst äußert sich in seinen Briefen mehr als kritisch über den Stellenwert dieser Feiertage, den Sinn und Unsinn der umfangreichen Vorbereitungen und macht aus seinem Herzen keinerlei Mördergrube, wenn er sich als Hamoulimepp-Hasser outet.

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Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Kann man auch gut nachvollziehen, wenn man seinen Ausführungen folgt. Es ist schon mühsam, die steinernen Hamoulimepp-Bäume anzumalen und aufzustellen, die Geschenke an die kleinen Lindwürmer in Felsengeiereierschalen zu verpacken, sich an den Hamoulimepp-Abenden um die Klavorgel zu versammeln, um Lieder wie „Morgen Würmer wird´s was geben“ zu singen, kleine Gedichte auf Lindwurmfesteschnecken zu schreiben, damit sie jeder lesen kann und den Festtagsschmaus Trilobitensuppe in sich hineinzulöffeln. Und dann gilt es auch noch, dem Nachwuchs klarzumachen, dass man eine große Menge Hamoulimepp-Zwerge benötigt, um die Festtagswünsche zu erfüllen, weil Hamouli und Mepp allein das nie hinbekommen würden.

Nun gut. Auf den ersten Blick mutet vieles davon wie unser Weihnachten an. Die beiden zentralen Figuren erinnern deutlich an den Nikolaus und den Knecht Ruprecht, und ja, der Rest kommt uns vielleicht auch ein wenig bekannt vor. Aber wir sollten nicht vorschnell urteilen. Nicht bevor wir die ganze Geschichte gehört haben. Wir können da vielleicht ja auch was lernen. Ich denke nur an das feuerlose Feuerwerk am Ende der Hamoulimeppfeierlichkeiten oder an den Bücher-Räumaus, einen Brauch über dessen Einführung ich inzwischen ernsthaft nachdenke. Vielleicht haben die beiden Feste doch mehr gemeinsam, als man anfänglich denkt. Wer weiß.

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Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Wie dem auch sei. Walter Moers bleibt Walter Moers und Zamonien bleibt immer Zamonien, wie es singt und lacht. Diese Hamoulimpepp-Geschichte ist nun nicht der ganz große Wurf, den man sich vielleicht erhofft hatte, weil die Fortsetzung des letzten großen Zamonien-Romans „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ aussteht. Zwar hat Walter Moers mit „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ die Zamonien-Reihe erfreulicherweise erweitert und unser Lesen bereichert. Und schon im neuen Jahr wurde „Der Bücherdrache“ angekündigt. Aber letztlich warten viele Leser auf das immer wieder verschobene „Schloss der träumenden Bücher“. Sei´s drum. In literarischen Dingen muss man sich in Geduld üben und dankbar für jeden Schritt sein, der uns eine Rückkehr ins geliebte Zamonien ermöglicht.

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Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Besonders, wenn er so gelungen ist wie dieser. Andreas Fröhlich, der Zamonien-Meister dieser Nicht-Weihnachtsgeschichte fesselt uns, wie er uns schon immer zu fesseln wusste. Man staunt, lacht und wundert sich. Hamoulimepp entwickelt sich zur denkbaren alternative unserer hektischen Weihnachtszeit. Ich würde sogar freiwillig den Staub des feuerlosen Feuerwerks aufwischen, wenn wir auf diese Weise um den Krach an Silvester herumkämen. Tolle Idee. Auf ins neue Jahr mit einem farbenfrohen Plopp auf den Lippen. Feiert Hamoulimepp. Ihr könnt die Lindwurmfeste lesend oder hörend besuchen. Egal wie, Ihr solltet es euch nur nicht entgehen lassen.

Die Ausstattung des Hörbuchs (Der Hörverlag) und des Buches (Penguin Verlag) wird dem hohen Fest mehr als gerecht. Die Illustrationen von Lydia Rode, die schon den Nachtmahr in Szene gesetzt hat, begleiten uns durch Hamoulimepp. Wundervoll in jeder zamonischen Beziehung. Ein Augenschmaus, der es inhaltlich locker mit anderen Büchern der Reihe aufnehmen kann, und dem Andreas Fröhlich eine besondere Note verleiht. Hamoulimepp. Hamoulimepp. Mepp. Mepp Mepp.

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Weihnachten auf der Lindwurmfeste von Walter Moers

Dann bis bald… „Der Bücherdrache“ naht mit großen Schritten.

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Der Bücherdrache von Walter Moers – Coming soon…

„Die Schneeschwester“ von Maja Lunde

Die Schneeschwester von Maja Lunde - AstroLibrium

Die Schneeschwester von Maja Lunde

Das Lesen zelebrieren. Eine meiner ganz großen Leidenschaften, die ich gerne teilen möchte. Die ruhige Adventszeit lädt uns geradezu ein, dem gemeinsamen Lesen einen neuen Rahmen zu geben. Eine kleine Auszeit von der Hektik, eine Rückbesinnung auf das Wesentliche und Verbindende kann dabei helfen, dem Alltag eine besondere Note zu verleihen und unser Leben zu entschleunigen. Leserituale helfen mir persönlich sehr dabei. In diesem Jahr möchte ich euch auf eine Reise mitnehmen, die vierundzwanzig Tage dauert. Es wird keine leichte Reise, das muss uns von Vorneherein klar sein. Und doch bietet sie uns die Chance fernab vom Buch, den eigenen Blick für das kommende Weihnachtsfest ein wenig zu schärfen.

Die Schneeschwester“ von Maja Lunde ist sicher keine leichte Unterhaltungskost in diesen besonderen Tagen. Maja Lunde selbst hat in ihren bisherigen Büchern über Die Geschichte der Bienen und der des Wassers gezeigt, dass seichte Themen nicht ihr Ding sind. Sie greift tiefer, erzählt nuanciert und verknüpft intensive Botschaften mit der jeweiligen Erzählung, die sie uns anvertraut. Es ist verführerisch, mit ihr den Advent zu verbringen. Es ist verführerisch, mich wieder auf sie einzulassen und der Struktur einer Geschichte zu folgen, die in vierundzwanzig Kapiteln die Tür zum Weihnachtsfest 2018 öffnet.

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Die Schneeschwester von Maja Lunde

Sie schreibt nicht über das strahlende Fest der Feste. Maja Lunde erzählt uns eine Geschichte, in der Weihnachten eigentlich in den Hintergrund rückt. Trauer und Verlust kennzeichnen das Leben der Familie Wilhelmsen. Julian ist zehn Jahre alt und hat alle Hoffnungen auf Weihnachten begraben, weil er auch seine große Schwester begraben musste. Ihr Tod hat alles verändert. Energie und Lebensfreude sind verschwunden. Bis Julian beim Schwimmen dem „Licht in der Winterdunkelheit“ begegnet. Hedvig muntert ihn auf, bringt Freude und vorweihnachtlichen Glanz in sein Leben. Nicht nur durch ihre unwiderstehliche Lebenslust, sondern auch ihr Zuhause, die Villa Mistel, die einer ganz eigenen Weihnachtswunderwelt gleicht. Alles glitzert, funkelt und strahlt. Vielleicht gibt es ja doch noch einen Weg, das Weihnachtsfest zu feiern und das Andenken der toten Schwester zu ehren.

Und doch verbirgt sich auch hinter Hedvig ein dunkles Geheimnis, das Julian erst nach und nach erkennt. Maja Lunde ist bekannt für ihren sensiblen Umgang mit ernsten und belastenden Themen. Der Kontrast zwischen Trauerbewältigung und weihnachtlich angehauchter Lebensfreude könnte schärfer nicht sein. Das zeigen auch die traumhaft schönen Illustrationen der norwegischen Künstlerin Lisa Aisato, die aus dem Buch ein prachtvolles Gesamtkunstwerk machen. Ihre Zeichnungen strahlen alles aus, was man schon vor dem Lesen mit dieser Geschichte verbindet. Trauer, Tristesse, Hoffnung und das Wunder eines leuchtend warmen Weihnachtsfestes.

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Die Schneeschwester von Maja Lunde

Ich werde mich in die vierundzwanzig Kapitel vertiefen. Wie in einem persönlichen literarischen Adventskalender werde ich täglich einen gut dosierten Teil der Erzählung auf mich wirken lassen. Ich habe so viel Lust darauf, dieses Buch zum Mittelpunkt der Vorweihnachtszeit zu machen. Ich möchte es gemeinsam zuhause zelebrieren und ein wenig von diesem Leseritual in die Welt tragen. Ich werde an besonderen Tagen auch dem brillanten Sprecher und Schauspieler Axel Milberg zuhören, der die Geschichte in knapp vier Stunden für die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag vorgelesen hat. Ein multimediales Erlebnis wartet auf mich. Im Zentrum steht der Prachtband vom btb Verlag.

Ihr könnt mir gerne folgen. Auf Facebook oder Instagram werdet ihr meine täglichen Erlebnisse mit der „Schneeschwester“ finden. In der Bildergalerie in diesem Artikel ist viel Platz für das Lese- und Hörfest auf dem Weg zur stillen und Heiligen Nacht. Nehmt euch die Zeit für ein eigenes Leseritual. Entschleunigt und genießt ein paar ruhige Pole im Alltagssturm dieser Vorweihnachtszeit. Lasst euch bewusst treiben und in eine tiefe Stimmung versetzen, die das Herz öffnet. Ich hinterlasse tiefe Spuren im tiefen Schnee. Folgt mir auf dem Weg zu der wohl längsten Rezension in der Geschichte der Kleinen literarischen Sternwarte.

Unter dem Hashtag #SchneeschwesterAstroLibrium findet ihr meinen Weg.

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„Ein einfaches Leben“ von Min Jin Lee

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Wer könnte die Teilung eines Landes besser nachvollziehen, als wir? Wer könnte sich intensiver in die Menschen hineinversetzen, deren Heimat sich in mehrere politisch ausgerichtete Systeme aufspaltet, Familien trennt, Mauern errichtet und sich bis an die Zähne bewaffnet an der gemeinsamen Grenze gegenübersteht, wenn nicht wir? Wenn wir heute Bilder aus Nord- und Südkorea sehen, den Nachrichten folgen, und dabei nur flüchtig an unsere eigene geteilte Vergangenheit denken, dann steht uns Korea näher, als so manches andere Land dieser Erde. Die literarische Aufarbeitung unserer Mauer-Zeit ist inzwischen eine zeitgeschichtlich geprägte Rückblende auf Überwundenes. Ein Roman über eine koreanische Familie im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist hingegen im engsten Sinne ein Generationenroman, der im faktisch geteilten Heimatland endet. Der Status quo von Nord- und Südkorea ist unverändert. Zerrissen.

Ein einfaches Leben heißt der Roman der koreanischen Autorin Min Jin Lee, der auf 550 Seiten alles beschreibt, nur eben nicht das einfache Leben im Sinne von leicht. Min Jin Lee spannt ihren Generationenbogen von 1910 bis zum Jahr 1989. Was für ein Zufall, gerade für deutsche Leser, da genau in diesem Jahr die deutsche Teilung in den Geschichtsbüchern erstmals als „überwunden“ bezeichnet werden konnte. Mehr als 20 Jahre hat die Autorin an diesem Buch gearbeitet. Sie, die geborene Südkoreanerin, die 1976 im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in die USA auswanderte, ein Studium in Yale absolvierte und erfolgreich als Anwältin arbeitete wirft nun einen präzisen Blick auf „Ein einfaches Leben“. Das Ergebnis ihrer literarischen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln ist ein einfacher Roman. Und das im besten Sinne des Wortes.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Ein einfaches Leben“ meint im eigentlichen Sinn ein bescheidenes Leben ohne große Ansprüche. Ein einfacher Roman hingegen ist ein leicht zu lesender. Ein Buch, an das man sich bestens anlehnen kann, weil es nicht überbordend eine andere Kultur in den Mittelpunkt stellt, weil die politischen Verwerfungen nicht das Zentrum darstellen, sondern ganz allein Menschen beschreibt, auf die man sich einlassen kann, weil wir sie authentisch und plausibel erleben. Ein empathisches Buch ohne Migrationshintergrund. Korea mit vielen multikulturellen Verwerfungen wird uns kaum mehr näherkommen, als in diesem Roman, der überall auf der Welt spielen könnte, wo Menschen ihr Heil in der Flucht suchen. Dabei ist dieser Roman kein koreanischer Roman im engsten Sinne. Er spielt in Japan. Dem Fluchtpunkt für Koreaner, die auf der Suche nach dem einfachen Leben Asien nicht den Rücken kehren wollten oder konnten.

Min Jin Lee legt uns ein bewegendes Familienalbum in die Hände mit dem wir sehr behutsam umgehen sollten. Es fühlt sich an, wie das Erbe, das sie selbst nicht antreten konnte, weil sie zu den Auswanderern gehörte, denen das Privileg eines Neubeginns in den USA geschenkt wurde. Ganz anders jedoch erging es den Koreanern, die im Laufe der Zeit nach Japan flohen. Und dieses Land hatte viele Worte für die Geduldeten, jene Flüchtlinge ohne Rechte und Status. Gaijin bedeutet Mensch von außerhalb und damit auch gleichzeitig Außenseiter. Zainichi umfasst Ausländer mit Wohnsitz in Japan. Was beiden Begriffen gemein ist, umfasst den diskriminierenden und durchaus rassistischen Aspekt der Ausgrenzung. Das Leben als Underdog war für Koreaner vorprogrammiert. Sicher kein einfaches Leben.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Die Leben, von denen Min Jin Lee erzählt, sind erzählenswert. Es sind die kleinen Geschichten, die in der Lage sind das Schicksal ganzer Familien zu verändern. Es sind die kleinen Fehltritte im Leben, die der Weichenstellung für folgende Generationen eine neue Richtung geben. Es ist das Mädchen Sunja, das sich diesen Fehltritt erlaubt. Ihre uneheliche Schwangerschaft tritt die Welle los, die 1910 in einem kleinen koreanischen Fischerdorf ihren Anfang nimmt und die gesamte Familiengeschichte bis ins Jahr 1989 ins japanische Yokohama trägt. Ein Nordkoreaner springt als Sunjas Ehemann ein, um ihre Ehre zu retten. Ihn begleitet das junge Mädchen nach Japan, um fortan als doppelt Außenseitige zu leben. Koreanerin und durch die Heirat mit Isak auch noch Christin. In Japan genügt das für den lebenslangen Stempel: „Ihr gehört nicht dazu!“ 

Min Jin Lee nimmt uns mit in eine facettenreiche Geschichte, die von inniger Liebe, Loyalität, Gefühl, Bescheidenheit, grenzenlosem Stolz und familiärem Zusammenhalt in allen Lebenslagen geprägt ist. Sunja bleibt unsere konstante Wegbegleiterin. Sie bricht mit allen Konventionen, und stellt doch das von ihr erwartete tradierte Frauenbild nie in Frage. An ihrer Seite sehen wir ihre Söhne Noa und Mozasu aufwachsen und erleben, welche Lebenswege ihnen vorbestimmt sind. Wir verzweigen uns in den Familienästen, die 1910 am Strand in einer leidenschaftlichen Stoßwelle wurzeln. Keiner dieser Äste lässt den Spannungsbogen der Geschichte abflachen. Mit jedem Nachkommen Sunjas werden wir sofort warm. Wir kennen ihre Herkunft, ihren tiefen Stolz und erkennen, wie schwer es für sie ist, eigene Wege zu finden. Ehen, Kinder, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Mobbing begleiten sie durch alle Zeitscheiben der grandiosen Erzählung.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Sunjas Nachkommen machen ihr kleines großes Glück. Immer umweht vom Hauch der Illegalität, immer auf der Gratwanderung zwischen Anpassung und Abschiebung. In jeder historischen Epoche, die wir an ihrer Seite durchschreiten sind es die Menschen, die Min Jin Lee uns näherbringt. Das geteilte Korea, ein Weltkrieg, Atombomben und politische Verwerfungen bilden den Rahmen des Familienepos, nicht jedoch den Kern. Sprachlich bleibt die Autorin auf der Höhe ihrer Protagonisten. Einfach und wesentlich. Nicht klischeehaft und schon gar nicht verschachtelt kompliziert. Sie erzählt eine starke Geschichte, die überall auf der Welt beheimatet sein könnte, wo Heimaten zerrissen im Wind flattern.

Wir fühlen uns der Familie Sunjas verbunden. Es gelingt der Autorin, Empathie für ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu wecken und am Leben zu halten. Wir lernen auf dem gemeinsamen Weg viel über eine verborgene Kultur, ohne das Gefühl zu haben es mit einer literarischen Lehrmeisterin zu tun zu haben. Wir empfinden den gleichen Stolz auf eine Herkunft, die von den Japanern mit Füßen getreten wird. Und wir erkennen, dass man manchmal auch mit Glücksspiel am Rande der Legalität sein Glück machen kann. Bewegend ist und bleibt für mich, dass der uneheliche Erzeuger von Sunjas Sohn Noa, trotz seiner Ablehnung das Mädchen zu heiraten, bis an ihr gemeinsames Lebensende wie ein guter Geist an ihrer Seite bleibt. Unsichtbar, verborgene Fäden ziehend und tief bereuend, sich damals am Strand anders entschieden zu haben. Und immer gegen den Stolz der Frau, Mutter und Großmutter ankämpfend, den sie niemals ablegen kann.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee – AstroLibrium

Ein wundervoll erzählter Roman, dem es jederzeit gelingt, die Gefühlsebene nicht zu verlassen. Ein einfacher Roman, der genau durch seine Einfachheit Wurzeln im Herzen der Leser schlägt. Ein Augenöffner gegen Diskriminierung und Vorurteile. Ein perfektes Buch, das aus einer Zeit in unsere Zeit gefallen ist. Besonders beeindruckend für mich ist auch die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Mit Gabriele Blum wurde eine Sprecherin gefunden, die in den leichten Untertönen am Rande des gesprochenen Wortes den Hauch von Korea in unser Hören trägt. Ihr leicht gehauchtes „NE“ am Ende eines Satzes schleicht sich tief ins Herz des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Sunja und die starken Frauen dieser Geschichte erhalten in dieser Adaption eine brillante und tragfähige Konturierung.

Am Ende ist man zwar am Ende angelangt. Wir wissen jedoch, dass der Konflikt der beiden getrennten koreanischen Staaten das Schicksal der Enkel und Urenkel Sunjas weiter durchs Leben begleiten wird. Wir wissen, dass die Heimatlosigkeit zur Stellgröße einer Zukunft in Japan wird. Und wir haben ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig es ist, den Mikrokosmos gegen den Makrokosmos Umwelt bis zum Letzten zu verteidigen. Es ist mir leichtgefallen, „Ein leichtes Leben“ zu lesen und zu hören. Es war gar nicht leicht, die Geschichte zu verlassen. Und richtig schwer wird es sein, bei künftigen News aus Nord- oder Südkorea nicht an ein junges Mädchen zu denken, das sich vor hundert Jahren am Strand eines kleinen koreanischen Fischerdorfs von ihrer Leidenschaft und der Gutgläubigkeit treiben ließ und zum Treibgut dieser Geschichte wurde.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Keine Ahnung, ob das Liebe ist“ von Julia Engelmann

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Ich traf mich zuletzt mit ihr um drei am Eck. Ich suchte ein Geheimversteck. Und ich rannte weit weit weg, um mir ihre Poetry Slams ganz in Ruhe anhören zu können. Julia Engelmann hatte mir ganz laut Jetzt Baby zugerufen und ich war mir zunächst nicht sicher, ob sie mich wirklich damit meinte. Mich! Weit entfernt von der Zielgruppe für die Textkompositionen und sicher schon zu erwachsen und im Leben etabliert. Ungewisse Zukunft, Liebeskummer, Hoffnungsträume sind doch sicher nicht die Parameter meines aktuellen Lebens. Ich hatte mich getäuscht und fand eine große Schnittmenge, die ihre Texte mit meiner Gefühlswelt in Einklang brachte.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Kein Wunder also, dass ich mich bereitwillig in ihr aktuelles Projekt stürze. Heute stellt sie sich selbst und damit auch ihren Zuhörern eine wesentlich zeitlosere Frage, in der wir unsere eigene Gefühlsambivalenz wiederfinden. Sind wir uns immer sicher, was wir empfinden? Liegen wir richtig, wenn wir denken, die Schmetterlinge im Bauch seien Vorzeichen einer großen gemeinsamen Zukunft? Hören wir richtig, wenn wir auf unsere Herzen, statt auf den Verstand hören? Und was, wenn wir uns täuschen? Was, wenn in unseren Gefühlen die großen Enttäuschungen vorprogrammiert sind, wie ein Virus, der unser Gefühls-System infiziert und abstürzen lässt? Julia Engelmann scheint das egal zu sein. Sie verschwendet keine Zeit mit einer Frage. Sie stellt, fast schon resignierend, einen Kernsatz über ihre neue Textkollektion. Ein Mantra, mit dem sich gut lieben lässt.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Keine Ahnung, ob das Liebe ist

Sie stellt ihre Gefühle in den Vordergrund und befreit sie in diesen Slams von jedem Bewertungsnotstand. Der Deutungshoheit misst sie nicht die größte Relevanz zu. Julia Engelmann will fliegen, egal, ob das Fliegen ist. Sie will lieben, egal, ob es Liebe ist. Im Leben kommt es nicht darauf an, wie der Gipfel heißt, den wir erklimmen. Hauptsache, wir wagen uns raus und trauen uns den Gipfelsturm zu. Ihre Botschaft ist zeitlos schön für Erstliebende und Mehrfachverliebte, für ehemals und noch nie Liebende, für künftig Schmachtende und rückblickend Bereuende. Der Liebesbegriff von Julia Engelmann ist ebenso flüchtig wie unantastbar. Egal, was es ist. Egal, wie es heißt. Gefühle entziehen sich der Kategorisierung, flüchten aus Schubladen und wollen frei sein. Keine Ahnung, ob das Liebe ist, aber eine Ausrede für Gefühlskälte ist es sicher nicht mehr!

„Keine Ahnung, ob das Liebe ist,
vielleicht werde ich das nie wissen.
Aber immer, wenn du bei mir bist,
hör` ich auf, dich zu vermissen.“

Zeilen, wie ein emotionaler Donnerhall. Sich ihrer sicher und unsicher zugleich. Egal, wie das heißt, was wir fühlen. Das Gefühl ist wichtig. Julia Engelmann hat der wahren Poesie ein Freilaufgehege der Gefühle geschenkt. Wertfrei, normenfrei und liebevoll. In allen Texten des Albums aus dem Hause Der Hörverlag schwingt das heillos Liebende mit. Jeder Text ebenso eine Liebeserklärung an das gesprochene Wort. Julia gelingt es erneut, einen breiten Querschnitt an Menschen unterschiedlicher Liebeserfahrungen im Zentrum ihrer poetischen Texte anzusprechen. Wir hören zu, schließen die Augen und fühlen. Keine Ahnung, ob das Liebe ist, was wir da fühlen. Wir fühlen. Alleine das ist wichtig.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Einige Texte rauschen an mir vorbei. Ich kann sie nicht greifen, sie sind flüchtend und doch schön zugleich. Andere hingegen werde ich nicht mehr los. Ich ertappe mich dabei, immer wieder die Repeat-Taste zu drücken und einzelne Gedichte schon fast in einer Endlosschleife zu hören. Sie fühlen sich an, als seien sie für mich geschrieben. In diesen Texten finde ich mich und meine Erinnerrungen an glückliche und unglückliche, erste und vielleicht letzte Lieben wieder. Texte, die mich mit einst Geliebten versöhnen, die mir Gefühle vermitteln, die ich zu unterdrücken versuchte. Texte voller Empathie im Kontext individueller Gefühlsturbulenzen. Jeder wird auf dieser CD die Gedichte finden, die sich endlos abspulen. Jeder wird sein Gedicht finden und dabei an einen Menschen denken, der mit diesem Text verbunden ist. Und dadurch bleibt dieser Mensch auch mit uns verbunden. Was für ein Verdienst. 

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann

Bei mir läuft „Löwenherz“ den Geist hoch und runter…. Immer wieder… endlos:

Vom Himmel fehlt ein kleines Stück,
ich sehe es von hier,
eine Lücke, die sich nie mehr schließt,
sie hat die Form von dir.
Ich wünschte mir, wir könnten alles haben,
ohne zu verlieren.
Doch niemand wird in tausend Jahren
wieder sein wie wir.

Ich träume jede Nacht von dir,
und auch davon, wie schön es wär.
Ich hoffe, ich hab für immer einen
Platz in deinem Löwenherz.
Und ich träum von einem Land für dich,
in dem du jetzt der König wärst,
und du hast für immer einen
Platz in meinem Löwenherz.

Als Allerletztes ist da was,
das ich dir versprechen kann:
dass ich dich nie vergessen werde
und nie vergessen hab.
Ich lach mit dir für eine Weile,
sitz mit dir am Fensterplatz.
Mein Löwenherz, ich würde es teilen,
dass ich dich noch länger hab.

Keine Ahnung, ob das Liebe ist von Julia Engelmann