„Die Terranauten“ von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Es klingt nach Science Fiction, wenn man den Roman Die Terranauten von T.C. Boyle zur Hand nimmt. Es klingt nach wissenschaftlich basierter fiktionaler Story, es schmeckt nach Zukunft und es riecht nach einem Leben in einer simulierten Welt, wenn man dem Klappentext des Hanser Verlages folgt. „Ecosphere 2“ ist die Bezeichnung für eine künstlich geschaffene Erde, in der acht „Terranauten“ das Leben auf unserem Planeten simulieren, um beweisen zu können, dass der Mensch in der Lage ist, sich in einem geschlossenen System völlig autark zu versorgen und zwei Jahre lang nicht nur zu überleben, sondern auch die Basis für weitere Missionen zu schaffen.

Ecosphere 2 ist das perfekte Abbild unserer Welt in einem riesigen Terrarium im Nirgendwo der Texanischen Wüste. Alle Klimazonen sind künstlich angelegt. Für die Ernährung der Wissenschaftler ist die Basis gelegt. Ackerbau, Viehzucht, Wasser- und Sauerstoffversorgung sind in diesem Mega-Komplex die Grundlagen für die zukünftige Selbstversorgung von vier Männern und vier Frauen, die in den nächsten beiden Jahren hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt werden, um den wissenschaftlichen Beweis der Theorie von „Ecosphere 2“ erbringen zu können.

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Und wozu das alles? Wozu dieser immense Aufwand? Ganz einfach: Um zu zeigen, dass menschliches Leben auf anderen Planeten in ferner Zukunft möglich ist. Wer den Roman Der Marsianer von Andy Weit kennt, wird wissen, welche wissenschaftlichen Vorarbeiten erforderlich waren, um diese Mission zum Roten Planeten zu ermöglichen. Und hier kommen unsere „Terranauten“ ins Spiel. Sie simulieren im Glaskasten, was für spätere Besiedelungen im Weltall lebensnotwendig ist. Und dies nicht nur unter der Aufsicht einer wissenschaftlichen Leitung sondern unter den wachsamen Argusaugen der Weltöffentlichkeit.

Nichts rein – Nichts raus! Das ist das Mantra der geschlossenen Gesellschaft und nur ein einziger Verstoß gegen diese Maxime würde das gesamte Projekt mit einem Schlag ad absurdum führen. Ein Scheitern wäre der finale Todesstoß für das gesamte Projekt. Das ist die große menschliche Herausforderung für acht Forscher, die für zwei Jahre nicht nur wissenschaftliche Versuchstiere sind, sondern auch ein Team bilden müssen, das die Durchhaltefähigkeit als Gruppe gewährleistet. Hier hat T.C. Boyle einen in sich geschlossenen Erzählraum gefunden, in dem er seine Protagonisten jedem Szenario in der künstlichen Welt aussetzen kann, das der Mission ein Bein stellen könnte.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Das hat was von einer Langzeitvariante von Big Brother, nur dass nun das gesamte Team gewinnen muss, um die Herausforderung zu bestehen. Individuelle Belange sind für den Erfolg des Ganzen zu unterdrücken. Teamplay ist angesagt. Und dies unter den Parametern eines dauerhaften Einschlusses unter den Risiken der Unterversorgung bei gleichzeitiger Zuspitzung zwischenmenschlicher Konflikte. Wenn das mal nicht der Stoff ist, aus dem gute Romane gestrickt sein müssen. T.C. Boyle schöpft aus dem Vollen in seiner Beschreibung der Auswahl der Kandidaten, der Enttäuschung derer, die nicht ins Terrarium einziehen dürfen und der sich immer weiter zuspitzenden Konflikte derer, die doch eigentlich zusammen funktionieren sollten.

Nichts rein – Nichts raus! Nur wir sind davon ausgenommen. Für Leser und Hörer der Geschichte ist Ecosphere 2 semipermeabel. Wir können rein und raus. Wir sind in der Lage, die Situation in Mission Control zu beobachten, folgen den „Terranauten“ zu den täglichen Arbeiten und verfolgen die große Variable der Geschichte: Das wahre Leben. Denn jede einzelne Sequenz wird überlagert vom Ego der Eingeschlossenen. Konflikte reichen und tragen weit. Das Casting hat seine Narben hinterlassen und die Gruppe ist in sich nicht homogen genug, um die Herausforderungen einfach so zu kompensieren.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Was dieser Mission wahrlich gefehlt hat, ist die sexuelle Anziehungskraft, die das geschlossenen System zum implodieren bringt. Enthaltsamkeit, Isolation und Druck, es sind alle Parameter vorhanden, den menschlichen Kochtopf zum Sieden zu bringen. So auch in den wechselnden Beziehungen, den losen Kontakten, dem ersten Stelldichein und der ungewollten Konsequenz aller Leidenschaft. Rein und raus. Im Terrarium geht es erstaunlich gut. Als jedoch eine „Terranautin“ schwanger wird, steht die Mission vor dem Aus. Eifersucht regiert, ein zusätzliches und nicht kalkuliertes kleines Maul wäre zu stopfen und die Weltöffentlichkeit ist fokussiert auf das Terranauten-Baby. Gibt es einen Ausweg?

Ich bin hin- und hergesprungen zwischen denTerranauten in Buchform und der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Die Konstruktion der Geschichte ist hierfür prädestiniert. In drei Perspektiven gilt es, sich „Ecosphere 2“ zu nähern. Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp liefern die hermetisch geschlossenen Sichtweisen aus dem Inneren, während Linda Ryu den Sprung ins Team verpasst hat und nun von außen beobachten muss, was ihr selbst verwehrt wurde. Als Dawn schwanger wird, ist es Linda, die ihre Chance wittert. Nicht nur weil Ramsay die Vaterrolle nicht annehmen will, sondern auch noch ein Verhältnis mit einer Frau hat, die draußen auf ihn wartet. Es brodelt nicht nur. Die Atmosphäre kocht.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Im Hörbuch gelingt es August Diehl, Ulrike C. Tscharre und Eli Wasserscheid die sich aufbauenden Konflikte sukzessive und dramaturgisch perfekt inszeniert zu einem Vulkanausbruch zu steigern. Authentisch wirken sie, wenn sie ihre Sichtweise vertreten und unglaubwürdig wirken die Anderen, bis sie selbst das Wort ergreifen. Der Hörer ist hin- und hergerissen zwischen Antipathie und Sympathie zu den drei Charakteren und ihren Mitbewohnern in und außerhalb von „Ecosphere 2“. Die Zeit läuft, die Biologie ist nicht aufzuhalten und die ganze Welt beäugt die „Terranauten“  im Fernsehen und vor dem Besucherfenster einer ständig wachsenden Touristenattraktion.

Authentisch ist dieser Roman in jeglicher Hinsicht. Ich habe mir zur Sicherheit vor meinem Aufenthalt im Roman meine Weisheitszähne ziehen, den Blinddarm entfernen lassen und auf Deodorant und Rasierschaum verzichtet. Auch für mich galt: Nichts rein. Nichts raus. Ich habe mit Mission Control zusammengearbeitet, Ziegen gemolken und Fische im künstlichen Ozean gefangen. Ich habe nicht gejammert, als die Temperatur auf über 48 Grad Celsius stieg und ich bin am Tag des Wiedereintritts auf allen Vieren aus der Luftschleuse gekrochen, nur um wieder eine Überraschung zu erleben. Und die hatte es wahrlich in sich. Als Buch brillant, in seiner Hörbuchfassung eine Adaption, die den Hörer ganz nah an die „Terranauten“ bringt.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Und doch sei am Ende die Frage erlaubt, ob ich es hier wirklich mit Science Fiction zu tun habe. Ob T.C. Boyle einen Fantasieraum geschaffen hat, der visionär und auch ein wenig utopisch ist? Ob seine literarische Kreativität bahnbrechend ist und die Leser erst in einigen Jahren feststellen werden, wie plastisch er die Zukunft abgebildet hat. Es ist nicht so. Es ist eher Past Fiction, denn das Vorbild für „Die Terranauten“ ist unter dem Namen „Biosphere 2“ schon seit der Mitte der 1990er Jahre gescheitert und wird nur noch als Touristenziel vermarktet. Daraus macht auch T.C. kein Geheimnis.

Folgt man der Missionsbeschreibung zu „Biosphere 2“ auf Wikipedia, so hat man das grundlegende Gerüst für den Roman „Die Terranauten“ vor Augen. Vom Scheitern einer ersten Mission aufgrund der Handverletzung eines Teammitgliedes bis hin zu den ausufernden zwischenmenschlichen Spannungen. Insofern bietet der Roman eigentlich nur in der Fiktionalisierung der Charaktere neue Ansätze. Die Überhöhung der Konflikte durch die Schwangerschaft von Dawn Chapman ist mehr als gelungen. Neuland jedoch hat T.C. Boyle nicht betreten. Er hat viel Sand aufgewirbelt, der eine grandiose Story in der Wüste von Texas begraben hat.

„Ein Schwur ist ein Schwur. Nichts rein. Nichts raus.“

Für mich ist zu viel von draußen in den Roman reingekommen. (Siehe Spiegel vom 22.09.2011)

buchhandlung-calliebe

„Jetzt, Baby“ – Treffpunkt um drei am Eck mit Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Man sagt ihr nach, sie fange das virale Lebensgefühl einer Generation in ihren Poetry-Slam-Texten ein. Man sagt ihr nach, sie könne mit ihren Worten sowohl auf der Bühne, als auch in ihren Büchern mitreißen und berühren. Man sagt ihr nach, junge Menschen würden sich in ihrem Poesiesturm wiederfinden, neu entdecken und Zuversicht tanken. Man sagt ihr nach, dass sie spätestens seit ihrem sensationellen Internet-Erfolgs-Slam One Dayzur Stimme einer Jugend wurde, die sich auf der Suche nach dem wahren Sinn des Lebens oftmals in Oberflächlichkeit verliert. Man sagt ihr nach, sie habe viele Antworten auf offene Fragen zu poetischen Freiflügen verdichtet. (hier weiterhören…)

Jetzt, Baby - Poetry Slam von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann – Mit einem Klick zum Radio-PodCast

Sie – Das ist Julia Engelmann.

Man sagt mir nach, dass ich dem Lebensgefühl der Jugend von heute entwachsen sei. Man sagt mir nach, dass ich der Vorstellungswelt einer Quarter-Life-Crisis schon seit vielen Jahren entrückt sei. Man sagt mir nach, ich könne mit den Sorgen und Nöten der Jugendlichen wenig anfangen, weil ich meine Schäfchen ja längst im Trockenen habe. Man sagt mir nach, dass Poetry Slam für mich nur noch gute Unterhaltung sei, ohne der tiefen Suche nach Hoffnung, Zuversicht, Perspektive und Liebe folgen zu können. Man sagt mir nach, ich hätte ja schon ausgeliebt.

Ich – Das bin ich.

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Was sollte also mich (54) dazu veranlassen, dem Aufruf von ihr (24) mit dem Titel „Jetzt, Baby“ zu folgen, ihr zuzuhören und mir dabei einzubilden, „Baby“ könne auch ich selbst noch sein? Was sollte mich dazu bringen, den Zukunftsängsten, Liebesnöten und Hoffnungsträumen einer jungen Frau zu folgen, zu deren Zielgruppe ich bestimmt nicht gehöre? Wo sollte eine Gemeinsamkeit, eine Lebensschnittmenge zu finden sein, die dafür verantwortlich ist, dass ich „Um drei am Eck“ auf Julia Engelmann warte?

So heißt nämlich einer der Texte ihrer neuen Poetry-Slam-Kollektion Jetzt, Baby“ und knüpft in meiner Gefühlswelt an ihren Auftritt beim 5. Bielefelder Hörsaal-Slam an, der für mich mehr als unvergessen ist, seit ich das Youtube-Video zum ersten Mal sah. „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein…“ So beginnt sie und erweitert mit diesem ersten Satz das Spektrum derer, die sich aufgrund ihrer Jugend angesprochen fühlen, um jene, die schon bei „Eines Tages“ angelangt sind. Ich habe mich selbst hinterfragt, welche Geschichten ich erzählen könnte, wenn ich sie denn hätte erleben wollen.

Der Konjunktiv ihres Slams hat mich rückblickend ebenso zweifeln lassen, wie sie ihre jungen Zuhörer vorausschauend zweifeln ließ. Auch ich selbst habe mich mitreißen lassen und an all jene Geschichten gedacht, die mir selbst gehören und jene, an denen ich noch schreiben kann, um sie später zu erzählen. Vielleicht verdanke ich es diesem Text, dass ich ganz bewusst an meiner Geschichte schrieb und Sehnsüchten folgte, die heute für mich erfüllt sind.

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Und jetzt stehe ich hier, um drei am Eck und warte. Ja, hier ist eine Verbindung zu Gedichten, die vom Erwachsenwerden handeln und doch weit davon entfernt sind, sich erwachsen anzuhören. Hier ist eine Schnittmenge, in der Julia Engelmann den Schnitt verweigert und ihren poetischen Erzählraum öffnet. Sie schließt mich nicht aus und gibt mir nicht das Gefühl, ihre Gefühle nicht teilen zu dürfen. Betonluftballons schweben in tristen Farben auch über meinen Visionen und Träumen. Dem Alltag zu entfliehen fällt mir ebenso schwer, wie der jungen Frau, die einfach mal loslassen möchte.

Ich habe die Verabredung nicht bereut. Julia Engelmann hat mir ihren bunten Mix an neuen Texten ins Gepäck geschmuggelt und wir sind einfach aufgebrochen. Ziellos ist die Reise an ihrer Seite nicht. Es ist wie auf dem Titelbild des Hörbuches. Man fühlt sich neben ihr auf der Schaukel sitzend, Schwung holend für die Flucht nach vorne, auf dem Höhepunkt des Wörterfluges aber auch den Weg zurück antretend. Erkennend, woher man kommt und wohin man eigentlich will. Melancholie, Sehnsucht und das befreiende Lachen über sich selbst, all dies kann man von Julia Engelmann lernen. Ihre Gedichte haben Gewicht, lasten aber nicht schwer im Gepäck des Lebens.

Ich habe mich für das Hören entschieden. Ich mag die Stimme von Julia Engelmann, ihren Rhythmus, ihre leisen Gluckser, die man nicht schreiben kann. Der Hörverlag hat „Jetzt, Baby“ ungekürzt im Programm. Der Goldmann Verlag hat es als Taschenbuch in die Welt gesetzt. Entscheidet euch selbst für einen Weg. Ich kann euch diesen puren Genuss nur ans Herz legen. Zeitlos schön. Ich bin noch weiter unterwegs mit ihr und ich habe eine große Portion Konfetti dabei! Ich habe nämlich noch lange nicht ausgeliebt.

Und es gibt noch einen neuen Weg: hier… (Surprise)

Also komm, wir rennen weit weit weg,
dahin, wo uns keiner kennt.
Wir finden ein Geheimversteck.
Treffen ist um drei am Eck!

Jetzt, Baby von Julia Engelmann - Die slammende Eulenhüterin

Jetzt, Baby von Julia Engelmann – Die slammende Eulenhüterin

Besuchen Sie uns...

Besuchen Sie uns…

„Fallensteller“ von Saša Stanišić – Zurück in Fürstenfelde

Saša Stanišić - Fallensteller - Astrolibrium

Saša Stanišić – Fallensteller

Als Ferdinand Klingenreiter das Publikum, liebe Freunde, Familie, liebe Kinder, um Ruhe für seine Große Illusion bat, lachten einige, die meisten redeten weiter.

Das ist wohl das Schicksal der großen Clowns. Sie verbergen die tiefen Wahrheiten und Enttäuschungen ihres Lebens hinter bunter Maske, aufgemaltem Lächeln und einer an Situationskomik nicht armen Show. Illusionen und Fluchten sind Programm und erst der zweite Blick offenbart die nicht aufgeschminkte Träne im Auge des Clowns. Sie sind augenscheinlich die Alleinunterhalter im Einerlei und doch tragen sie eine große Tragik in die Manege, die uns unter die Haut geht.

Saša Stanišić ist einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest, seinen Geschichten folgt und vielleicht sogar das Vergnügen hat, ihn bei seinen Lesungen zu erleben. Er verzaubert seine Manege mit knallbunten Lustballons, verführt mit aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt fast beiläufig, dass der Kern seiner Vorstellungen mit einer unübersehbaren Portion bittersüßer Melancholie garniert ist.

Saša Stanišić - Vor dem Fest - Astrolibrium

Saša Stanišić – Vor dem Fest

Erst spät, kam es Klingenreiter in den Sinn, dass sein Talent keines zur Unauffälligkeit gewesen war. Es war … den Leuten schlicht egal, ob er anwesend war oder nicht. Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein.

Wie jeder große Clown bleibt sich Saša Stanišić in seiner Rolle treu. Egal zu sein gehört nicht zu seinen Talenten. Weder als Schriftsteller, noch als Mensch. Die Figuren seiner Geschichten jedoch kämpfen seit jeher mit dem bedrückenden Gefühl, dass sich niemand so wirklich für sie interessiert. Sie stehen am Rande, wirken unsicher und sind uns Lesern dabei so sympathisch nah, weil sie ungeschönt in ihrem Jammertal vor sich hin existieren und aus dieser geschützten Deckung heraus ihre Umwelt beobachten.

So kennen wir ihn selbst aus seinem preisgekrönten Roman „Vor dem Fest“. So haben wir das kleine Nest Fürstenfelde in der Uckermark erlebt und so haben sich die Menschen in dieser „Egalzone“ unseres Landes in unsere Herzen gestohlen. Komisch wirkten sie nur auf den ersten Blick. Doch unfreiwillig komisch waren sie nie. Allzu tief waren die fiktiven Charaktere angelegt, allzu zerrissen waren die Wesenszüge, die sich früher durch Haltung und heute nur noch durch Haltungsschäden auszeichneten.

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Er hatte die Kiste selber entworfen. Fast fünfzig Jahre in einem Sägewerk angestellt, und mit siebenundsiebzig die erste eigene Anfertigung, vom Entwurf bis zur Herstellung.

Hatte uns Saša Stanišić schon mit „Vor dem Fest“ in eine Falle gelockt, aus der es kein Entrinnen gab, so kehrt er mit seinen Erzählungen und Kurzgeschichten unter dem klangvollen Titel „Fallensteller“ zurück in unser Lesen und Hören. Der Erzählraum ist nicht geschlossen, obwohl einige der Geschichten miteinander verwoben sind. Was sie jedoch wirklich verbindet ist diese eine große Manege, in der Stanišić seine kleinen und großen Helden des Alltags auftreten lässt. Komische Käuze sind sie allesamt. Traurige Clowns mit Sicherheit auch, aber das ist literaturimmanent in den Werken des Autors.

Ferdinand Klingenreiter ist vielleicht einer der Vorreiter dieser Geschichten. Er ist den Menschen egal, er ist unauffällig, lebt am Rande und hat im Sägewerk der Familie nie etwas von bleibendem Wert geleistet. Und doch steht er plötzlich auf der Bühne. Er, der nutzlose Schüchterne ist nun „Freddie, der Fantastische“ und zeigt seine wahre und einzige Begabung. Alles ist Illusion, alles ist Zauberei und alles kann verschwinden, auch wenn es vorher gar nicht da war. Seine Show geht in die Geschichte ein als:

Die große Illusion am Säge-, Holz- und Hobelwerk Klingenreiter Import Export  

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Illusionär ist keine der Geschichten und doch sind sie allesamt Fallen. Der Leser geht ihnen auf den Leim, betrachtet das Oberflächliche, schmunzelt über abstruse und skurrile Gedankenflüge und ist verleitet laut loszulachen, wenn der Wortwitz siegt. Doch spätestens dann erkennt man den Köder, der einen in die Falle gelockt hat. Es sind die tiefen Themen unserer Zeit, die von Flucht, Krieg und Verlust handeln. Es sind Themen, die in den Protagonisten verborgen sind und die wir schichtweise zurück ans Tageslicht bringen.

Fast schon spielerisch verirren wir uns in den Wirren menschlicher Abgründe und werden zu Zeugen der verzweifelten Selbstbefreiungsversuche. Eine syrische Malerin verarbeitet ihre Traumatisierung in Aquarellen, ein Handlungsreisender verschwindet in Brasilien ohne ganz zu verschwinden, ein junger Mann erlebt im Ferienlager Albträume weil er die Natur zuvor nur in Form von Holzschränken wahrgenommen hatte und zwei junge Männer mischen die Aktivistenszene gehörig auf. Menschenrechte ohne Rechte Menschen. Das Anliegen dringt durch.

Die größte Falle innerhalb der zwölf Geschichten stellt jedoch diejenige dar, die diesem Buch seinen Titel gab. Fallensteller. Was für eine Überraschung, wieder in der Uckermark zu sein. Die Rückkehr nach Fürstenfelde ist für Leser, die schon in „Vor dem Fest“ mit Stanišić unterwegs waren das eigentliche Highlight in diesem Zyklus. Ja, hier darf man erneut über Lada und all die Hinterwäldler lachen, die einem Fallensteller in die Falle gehen. Wäre Naivität ein Ortsschild, es trüge den Namen Fürstenfelde. Wir sind wieder zuhause und werden auf Schritt und Tritt an den Autor selbst erinnert, der durch sein preisgekröntes Werk dafür gesorgt hat, dass Reisebusse voller Fans auf der Suche nach den Schauplätzen des Romans die beschauliche Ruhe des Dorfes stören.

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Ich habe den „Fallensteller“ gehört. Auf vier CDs bietet der Livemitschnitt der Lesung von Saša Stanišić das ungefilterte „Ich-war-dabei-Erlebnis“ und macht die sprachliche Dynamik des Schriftstellers fühlbar. Er reißt mit und fesselt. Teilweise sogar sich selbst, wenn er bekennt:

Ich bin gerade so begeistert von meinem Text, dass ich Wasser im Mund habe.

Die feinen Untertöne seines Vortrages machen das Hörbuch aus dem Hause „Der Hörverlag“ für mich zu einem besonderen Hörereignis. Es ist brillant zu erleben, wo Stanišić über sich selbst lacht, wo die pointierten Wortwitze tatsächlich verborgen sind und wann eine Geschichte auf ihren Höhepunkt zusteuert. Brillant ist der Erzähler dann, wenn er auf das Ende einer Erzählung zusteuert. Dann wird seine Stimme weich, sanft und verbindlich. Man weiß, dass große Schlussworte folgen. Man beugt sich vor, damit man nichts versäumt. Man ist mittendrin.

Natürlich trägt Stanišić seine Erzählungen bei dieser Lesung gekürzt vor, aber er erzählt, was er weglässt, leitet über, überspielt die entstehende Leere und begleitet sein Publikum. Einen direkteren Hörspaß kann ich mir kaum vorstellen. Perfekt wäre es, das im Luchterhand Verlag erschienene Buch vor dem Hören zu kennen. Aber wer ist schon immer perfekt. Mir genügt das Hörbuch. Es verleitet zum Schwelgen.

Saša Stanišić - Vor dem Fest und Fallensteller

Saša Stanišić – Vor dem Fest und Fallensteller

Im März 2014 fragte meine Tochter, welches Fest die Leute in meinem Buch denn feiern, wenn es soweit ist. Ich habe ihr ein wenig von den Menschen in Fürstenfelde erzählt und sie hat mir ein Bild zu diesem Buch gemalt. Menschen. Alle auf dem Weg zu diesem Fest. Jetzt hat sie es wieder entdeckt und ich habe ihr vom „Fallensteller“ erzählt. Schön, ein Bild für zwei Bücher zu haben. Ein Menschenbild. So offen.

Die Menschen aus der Uckermark - by Lena

Die Menschen aus der Uckermark – by Lena

calliebe_astrolibrium

„Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer – [Buch- und Hörbuchvorstellung]

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Romane über das Leben von Schriftstellern üben einen besonderen Reiz auf mich aus, da solche Geschichten, egal wie fiktional sie auch angelegt sind, doch immer auch Geschichten aus dem Milieu der Literatur sind. Ein Bereich, den wir zu kennen glauben, wie unsere Bücherwestentaschen. Ein Setting, in dem man uns nichts vormachen kann und in dem wir uns von der ersten Seite an zuhause fühlen. Bücher über Bücher lassen uns Power-Leser mit dem behaglichen Gefühl des Wohlbekannten tief eintauchen, weil wir uns genau hier so wohl fühlen, wie Lesebändchen in gebundenen Büchern.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer lässt nicht unbedingt auf den ersten Blick darauf schließen, dass wir es hier mit einem bibliophil angehauchten Roman zu tun haben. Es lohnt der zweite Blick, denn auch das Cover mit seinen zahllosen Nadelstichen verführt den nach Literatur-Romanen suchenden Leser nicht unbedingt zum Reinlesen. Schade, denn wir würden wirklich etwas versäumen, wenn wir diesen Roman aus dem Dumont Verlag als reine Beziehungsgeschichte in die Schublade der nicht zu lesenden Bücher stecken würden.

Das wäre ein Fehler, da die in New York lebende Schriftstellerin die Literatur an sich in den eigentlichen Mittelpunkt ihres neuesten Romans stellt. Die Perspektive ist dabei so persönlich und doch ungewöhnlich gewählt, dass man das Streben nach Anerkennung und Erfolg im Literaturbetrieb und die Liebe zum Schreiben als Lebensmittelpunkt einer Ehe erlebt. Meg Wolitzer macht uns für genau 270 Seiten zu den Weggefährten zweier Menschen, die von der Literatur vereint wurden. Joe und Joan Castleman. Er: Großer Schriftsteller vor dem Höhepunkt seiner Karriere. Sie: „Die Ehefrau“.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Rollen sind verteilt. Sie waren es nicht immer. Ganz am Anfang der Geschichte, zu Beginn ihrer Beziehung in der Mitte der Fünfziger Jahre sah dies anders aus. So ist es in den meisten Beziehungen. Sie verändern sich, unterliegen einem Wandel, der von Innen kommt und sind nicht losgelöst von gesellschaftlichen Veränderungen. Man sieht die Veränderungen erst im Rückblick auf ein ganzes Leben. Man bemerkt den Wandel erst, wenn man dessen Auswirkungen beurteilen kann. Joan Castleman blickt zurück.

Der Zeitpunkt für diese Rückschau könnte schöner nicht sein. Zumindest aus Sicht der Ehefrau eines der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Zumindest, wenn es sich bei der rückblickenden Ehefrau um eine ebensolche handelt, also eine Frau, die in ihrer Rolle lebt, sich mit ihr arrangiert hat und die keine Überraschungen mehr erwartet. Hier liegt der Hase im Pfeffer der Geschichte, den Joan ist wirklich alles, nur nicht das brave Mütterchen am heimischen Herd, das die Kinder aufzieht und dem Mann das Leben so angenehm wie möglich macht, damit er große Romane schreiben kann.

Sie ist keine der…

„Frauen, die ihre Loyalität nicht logisch erklären konnten, die sich festklammerten, weil es das Verhalten war, das ihnen am vertrautesten war, mit dem sie sich am wohlsten fühlten.“

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Und doch ist der Zeitpunkt absolut genial, denn Joan und Joe Castleman sind auf dem Weg nach Helsinki, wo ER mit dem höchstdotierten Literaturpreis ausgezeichnet werden soll. Es ist zwar nicht der Nobelpreis, aber immerhin. Nach dem Pulitzerpreis ist der Helsinkipreis der eigentliche Höhepunkt in Joe`s Schriftstellerleben. ER kann es kaum erwarten, im Mittelpunkt des literarischen Weltinteresses zu stehen. SIE begleitet ihn. Ist an seiner Seite. Bereit für den Smalltalk am Wegesrand. Bereit für alles, was von der Ehefrau eines Preisträgers erwartet wird. Fast bereit…

Wären da nicht die Gedanken an ihre gemeinsame Vergangenheit. Wären da nicht diese grüblerischen Momente während des Langstreckenfluges, in dem sich ihre Körper zwar nach vorne bewegen, die Gedanken von Joan jedoch auf der Strecke bleiben, weil sie in Überschallgeschwindigkeit zu den Anfängen ihrer Beziehung zurückreist. Miles & More. Jeder Flugkilometer, der sie Helsinki näher bringt sorgt dafür, dass sich Joan ein wenig weiter von dem Mann entfernt, der sich neben ihr in die goldene Zukunft räkelt.

Eine Zukunft, die sich für den großen Schriftsteller nahezu perfekt anfühlt. Wenn Joe jedoch wüsste, welche Gedanken im Hirn seiner Ehefrau toben, dann würde er ein wenig nervöser in seinem Business-Class-Sitz lümmeln. Denn, so wie fast jede Ehe, ist auch ihre Beziehung von einem Geheimnis überschattet, das auf keinen Fall jetzt, also absolut nicht jetzt, gelüftet werden sollte. Aus der Sicht seiner Ehefrau könnte es jedoch der richtige Moment sein, den Tag seiner Krönung zu nutzen, um ihrer Demütigung ein Ende zu bereiten. Doch darüber will nach vierzig Jahren Ehe gut nachgedacht sein.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Meg Wolitzer lässt uns in den Erinnerungen von Joan stöbern, mitfühlen, mitleiden und mitdenken. Sie entwirft ein sozialkritisches Ehe-Panorama, das sich anfühlt wie die Achterbahnfahrt der Gefühle. Im Mittelpunkt steht die riskante Gratwanderung zwischen der Rolle als brave und bescheidene Ehefrau und der verhinderten eigenen Karriere als Schriftstellerin. Die Zeit war nie reif für eine Autorin namens Joan Castleman. Nun stellt sich die Frage, ob sie es je sein wird. Ist es zu spät?

Dieser Roman wirft einen humorvollen und doch auch erschreckenden Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes. Doch bleibt dem Leser das Lachen oft im Hals stecken, wenn man sich veranschaulicht, welche Opfer gebracht werden müssen, um sich Erfolg zu erarbeiten. Der Preis kann zu hoch sein und das gemeinsame Leben kosten. Endlich in Helsinki angekommen, ahnen wir, welche Zeitbombe in der Beziehung tickt. Ob „Die Ehefrau“ es allerdings wagt, die Bombe platzen zu lassen, das sollte man selbst lesen.

Oder vielleicht doch lieber hören? Denn das gleichnamige Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verführt in seiner gekürzten Lesung mit fast 8 Stunden dazu, neben den beiden Eheleuten Platz zu nehmen und den Flug nach Helsinki zu wagen. Die Stimme von Gabriele Blum verleiht dieser Geschichte eine besondere Authentizität, da sie mit dem Charakter von Joan Castleman zu verschmelzen scheint. Selbstbewusst und doch auch immer wieder an sich zweifelnd trägt uns die versierte Sprecherin durch die Story.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Ich könnte mir Gabriele Blum perfekt als Synchronsprecherin der Schauspielerin Glenn Close vorstellen. Das wäre insofern genial, da Die Ehefrau 2017 im Kino zu sehen sein wird. Und das mit Glenn Close in der Hauptrolle als Joan Castleman. Diese Charakterrolle mit Charme scheint der Grande Dame des amerikanischen Films wie auf den Leib geschneidert zu sein. Vielleicht gelingt ihr in dieser Produktion, den begehrten Oscar zu gewinnen. Die Story ist jedenfalls mehr als oscarreif und ich freue mich schon darauf, nach Buch und Hörbuch im nächsten Jahr auch den Film zu erleben.

Ich bin sehr gespannt auf die Film-Joan, die sich so sehr danach sehnt, endlich aus ihrer Rolle als Ehefrau eines erfolgreichen Schriftstellers fliehen zu können. Dazu muss sie nur die Aufmerksamkeit der richtigen Leute auf sich ziehen. So war es immer in der Welt der Literatur. Wessen Aufmerksamkeit?

„Die der Männer.., die Rezensionen schreiben, die die Verlage leiten, die in den Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften sitzen, die entscheiden, wen man ernst zu nehmen hat, wer für den Rest seines Lebens auf einen Sockel gestellt wird. Wer das neue Ding ist.“

Meine Aufmerksamkeit hat sie.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer - Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

Die Ehefrau von Meg Wolitzer – Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

calliebe_astrolibrium

„Augustus“ von John Williams – Patricia Reimann im Gespräch

Augustus von John Williams - Die Blogtour

Augustus von John Williams – Die Blogtour

Alle Wege führen nach Rom. Zumindest in diesen Tagen und zumindest für alle Fans des 1994 verstorbenen US-Schriftstellers John Williams, der mit seinen Romanen den deutschen Buchmarkt erobert hat. „Stoner“ und Butchers Crossingerzählen dabei eine ganz eigene Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. In diesen Tagen erscheint sein wohl wichtigstes Werk in seiner gebundenen Form bei dtv und gleichzeitig wird die hochkarätig besetzte Hörspieladaption des Romans bei Der Hörverlag veröffentlicht.

Grund genug für beide Verlage, eine Blogtour ins Leben zu rufen, um alle Facetten und Hintergründe von Augustusauf mehreren Etappen hinterfragen und beleuchten zu lassen. Ich selbst hatte die Ehre und das Vergnügen, die dtv-Cheflektorin Patricia Reimann für Literatur Radio Bayern zu interviewen. Sie ist die Entdeckerin von John Williams für unseren Sprachraum und ist vor diesem Hintergrund natürlich DIE perfekte Gesprächspartnerin, wenn es darum geht, Insiderwissen zu erfahren.

Ich lade Sie herzlich zu diesem Interview ein. Mit nur einem Klick gelangen Sie zum PodCast unseres Literatur-Radios und dann sollten Sie sich einfach in dieses Gespräch fallen lassen und den Weg nach Rom mit uns gemeinsam gehen. Sie erfahren nicht nur interessante Hintergründe zum Schreiben von John Williams. Ich hatte auch Fragen im Gepäck, die für alle Literaturfreunde von Interesse sind, wenn man sich für die Arbeit im Lektorat eines großen Verlages interessiert. Patricia Reimann ist keine Antwort schuldig geblieben. Im Gegenteil.

Kehren Sie doch einfach nach dem Interview in diesen Artikel zurück. Der Link ist direkt unter dem PodCast zu finden und ich entführe Sie dann gerne in meine Sicht zum Roman „Augustus“ und mit ein wenig Glück findet eine bibliophile Rarität den Weg in Ihr Bücherregal. Jetzt aber hinein ins Interview mit Patricia Reimann.

Augustus - Patricia Reiman - Cheflektorin von dtv im Gespräch

Augustus – Patricia Reimann – Cheflektorin des dtv im Gespräch

„AUGUSTUS“

Erster Kaiser Roms. Herrscher über das römische Reich zu Christi Geburt. Cäsars Adoptivsohn, Nachfolger und Rächer. Verfolger der Attentäter, Sieger vieler Schlachten und Verlierer ganzer Legionen im Teutoburger Wald. Triumphator im Inneren. Solist im Konzert der römischen Intrigen-Eliten. Friedensstifter, Usurpator. Allianzenschmied und Zufallsherrscher. Der Mensch Augustus blieb im Verborgenen.

„Augustus“. Hauptfigur des wichtigsten Romans aus der Feder von John Williams. Mit dem National Book Award ausgezeichnetes Hauptwerk des 1994 verstorbenen Autors. und Meilenstein der fiktional-biografischen Aufarbeitung des Lebens des mächtigsten Mannes seiner Zeit. Erstmals in deutscher Übersetzung verfügbar. Erstmals in epischer Hörspieladaption zu erleben. Erstmals wird das Leben des ersten römischen Kaisers so zum Teil unseres Lesensweges.

Wo liegt der Zauber dieses Romans? Warum ist er zeitgemäß und was unterscheidet ihn von anderen historischen Romanen? Ganz einfache Fragen und Antworten, die sich lesend und hörend von selbst erschließen. „Augustus“ ist kein historischer Roman. Es handelt sich nicht um ein Geschichtsbuch, das auf jeder Seite um Authentizität bemüht ist. Wir lesen kein Buch für dessen Verständnis man in die Tiefen der Sekundärliteratur einsteigen muss. Und doch strahlt gerade dieser Roman den wahrhaftigen Hauch einer längst vergangenen Zeit aus.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Aus heutiger Sicht war John Williams seiner Zeit weit voraus. Er konstruierte sein Buch auf eine Art und Weise, die erst in den letzten Jahren für Aufsehen sorgte. Nicht jedoch auf dem Buchmarkt, sondern in der Geschichte des investigativen Journalismus. John Williams ist der Edward Snowden des römischen Reiches. Sein Werk liest sich an keiner Stelle wie ein lupenrein erzählter Roman. Er legt seinen Lesern das WikiLeaks in seiner antiken Ausprägung in die Hände und erzielt eine fulminante Wirkung.

Unkommentiert reiht John Williams scheinbar authentische römische Dokumente aneinander. Lediglich mit Zeitangaben und der jeweiligen Quelle gekennzeichnet liest man sich durch Befehle, Memoranden, Briefe, Tagebücher, Briefe und Chroniken einer Zeitschiene, die bei Julius Cäsar beginnt und am Ende allen Lesens mit dem Ende der Kaiserzeit seines Nachfolgers gipfelt. Jeder kommt zu Wort. Freunde, Feinde, Sklaven, Legionäre, Wegbegleiter und Chronisten ihrer Zeit. Selbst Julia, Augustus` Tochter, ist in diesen Dokumenten präsent.

Als Leser wird man in eine äußerst aktive Rolle katapultiert. Man weiß stets mehr, als jede der handelnden Figuren. Nur man selbst besitzt die Deutungshoheit über die Relevanz der Aufzeichnungen und nur der Leser ist in der Lage, ein Mosaik entstehen zu lassen, das sich Steinchen für Steinchen zu einem Panorama der Zeit entwickelt. Es ist unglaublich spannend, alle Handlungsfäden selbst in der Hand zu halten und selbst zu entscheiden, wem zu glauben ist und wem nicht. John Williams agiert aus dem Off seines eigenen Romans und führt seine Leser von Seite zu Seite näher an den Point of no Return. An jenen Punkt, an dem man nicht mehr anders kann, als Augustus ewige Gefolgschaft zu schwören.

Augustus von John Williams - Die Blogtour

Augustus von John Williams – Die Blogtour

Der Whistleblower John Williams gewährt tiefe Einblicke. Er lässt ein lebendiges Bild der Menschen entstehen, die in der römischen Antike lebten, liebten und agierten. Dabei entsteht aus den unterschiedlichen Perspektiven heraus die Idee, wie jener Mann gewesen sein mag, der heute nur als Kaiser überliefert ist. Diese Idee ist brillant, voller Vitalität und geistreich. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Roman an der Stelle, an der Augustus selbst zu Wort kommt. Am Ende aller Bilder, die man sich von ihm gemacht hat. Am Ende der Gerüchte, scheinbaren Fakten und Illusionen. Beim Lesen der Zeilen aus seiner Hand hat man das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Williams gelingt ein großer literarischer Wurf, mit dem er sich und seiner Leitidee treu bleibt. Die einzige und unverfälschte Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes wird bei allen Zufällen des Lebens greifbar. Augustus wird real.

Ein großer Roman in frischer Sprache. Voller Begriffe, die aus ihrer Zeit gefallen zu sein scheinen, entstauben ein Genre und machen es zu einem besonderen Erlebnis in unserer Zeit. Das Buch zu lesen ist die eine Seite des Genusses. Es zu hören bedeutet einen weiteren Kosmos der Sprachgewalt von John Williams zu erleben. Jede einzelne Rolle innerhalb des Buches wurde in der episch angelegten Hörspieladaption von Der Hörverlag mit brillanten Sprechern besetzt, die diesen Figuren echtes Leben verleihen. Zu lesen, wenn Augustus` Tochter Julia sagt:

Mein Vater nannte mich immer „Mein kleines Rom“

ist an der Stelle des Romans weltbewegend. Sie zu hören ist eine andere Welt. Wenn Jule Böwe in der Rolle der Julia diese Worte mit brechender Stimme spricht, dann ist es um den Hörer geschehen. Dieses absolute Kunststück gelingt allen Sprechern der ganz großen und auch der kleinen Rollen in dieser Produktion. Lesen und hören. Mehr kann ich nicht empfehlen. „Augustus“ ist es wert, sich ihm mit allen Sinnen zu nähern. Ein Gesamtkunstwerk aus literarischer Vorlage von John Williams, der Übersetzung von Bernhard Robben und der Auswahl der Hörbuchsprecher. Großes Kopfkino.

Augustus von John Williams - Die Blogtour - Ein Giveaway

Augustus von John Williams – Die Blogtour – Ein besonderes GiveAway

Hier die Stationen der Blogtour in einer Übersicht

Schicken Sie mir doch einen Link zu Ihrer „Augustus“-Rezension. Ich werde sie interessiert lesen und verlose unter allen Einsendungen zwei Augustus-Booklets, die bei der Deutschen Taschenbuch Verlagsgesellschaft herausgegeben wurden. Eine nicht im Handel erhältliche bibliophile Rarität. Ich bin gespannt.