„Die Hexenholzkrone 1“ von Tad Williams – Osten Ard lebt

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

„Sie werden einander so eng verbunden sein, wie Bruder und Schwester nur sein können, obwohl sie viele Jahre getrennt leben werden. Sie wird Länder bereisen, die nie zuvor von einer Sterblichen betreten worden sind, wird verlieren, was sie am meisten liebt, und mit dem, das sie einst verachtet hat, ihr Glück finden… Er wird einen neuen Namen bekommen. Niemals wird ihm ein Thron gehören, aber seine Hand wird Königreiche erheben und stürzen.“

Diese Prophezeiung begleitet mich seit 1994. Es sind die Worte, die im letzten Band der „Osten-Ard-Saga“ von Tad Williams hoffen ließen, dass ich „Das Geheimnis der großen Schwerter“ am Ende noch gar nicht gelöst hatte. Diese geheimnisvollen Worte am Tag der Geburt der Zwillinge Deornoth und Derra, die Prinz Josua und seiner Frau Vara geschenkt wurden, schrieb ich mir ebenso auf, wie mögliche Handlungsstränge in der großen Saga, die vielleicht wieder aufgegriffen werden würden. Doch seit nunmehr 23 Jahren stehen sie als Relikte meines vergangenen Lesens in einem Notizbuch über eine Buchreihe, die ich in Gedanken nie verlassen habe:

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Erst mit dem Erscheinen des Sequels Das Herz der verlorenen Dinge begann ich daran zu glauben, dass Tad Williams seine eigene Prophezeiung nie vergessen hatte und sich schreibend zurück nach Osten Ard begeben hatte. Ich wurde nicht enttäuscht. Und doch war diese Geschichte nicht so viel mehr als der bisher ungelesene Ausklang der großen Saga. Diese Geschichte beleuchtet lediglich, was am Ende der Kämpfe um den Thron auf dem Hochhorst weiter geschah. Sie schließt ein Kapitel ab, führt dabei ein paar neue, bisher unbekannte Charaktere ein und bleibt in sich geschlossen, ohne die Handlungsfäden von einst erneut miteinander zu verknüpfen. Und doch verbirgt sich viel mehr in diesem Buch, als man es auf den ersten Blick vermuten durfte.

Bedeutet doch sein Erscheinen auch das Erwachen der alten Legenden. Bedeutet es doch den ersten literarischen Fanfarenstoß, der die lang ersehnte Fortsetzung einer der größten Fantasy-Geschichten unserer Zeit ankündigt. Jetzt bin ich wieder in Osten Ard. Meine Notizen von einst erwiesen sich als eigene Prophezeiung meiner Hoffnung, dass nicht enden kann, was weltweit so viele Leser begeistert hatte. Ich bin zurück und folge Tad Williams in ein Land, das wir wohl beide niemals ganz verlassen haben. Sein literarischer Kunstgriff, der mich von der ersten Seite an begeistert, ist unbeschreiblich.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Die Hexenholzkrone 1“ – Hobbit Presse / Klett-Cotta

Fast ebenso viel Zeit wie ich auf diese Fortsetzung warten musste, ist auch in der Geschichte vergangen. Genau 30 Jahre nach der letzten Schlacht gegen die Nornen begegne ich einem Königspaar, dem ich ewige Gefolgschaft geschworen hatte. Simon und Miriamel, die ich zuletzt sah, als sie den Thron bestiegen. Ein ungleiches Paar und doch das ewige Sinnbild für unerschrockene Liebe, Kampfesmut, Treue und Güte. Seit 30 Jahren regieren sie nun schon. Den Frieden haben sie über Osten Ard gebracht und im Rückblick hat Bestand, was sie erschufen. Die Menschen sehen sie als:

Den König und die Königin. Sie sehen uns und wissen, dass alles ist, wie es sein soll, dass Gott weiter über sie wacht… Sie sehen, dass die Jahreszeiten kommen und gehen,… dass der Regen fällt und die Ernte wächst. Sie sehen, dass jemand da ist, der sie vor bösen Dingen, vor denen sie Angst haben, beschützt.

Tad Williams jedoch wäre nicht er selbst, wenn er nicht ganz genau wüsste, dass dieses Bild mehr als trügerisch ist. Er öffnet ein neues Kapitel, erschließt eine neue Saga, die genau bei dieser trügerischen Illusion von Sicherheit beginnt und ganz Osten Ard in den Untergang reißen würde, wären da nicht die Weggefährten aus alter Zeit, die sich dem drohenden Unheil gemeinsam entgegenstellen. Zugegeben sie sind ein wenig gealtert, ihre Knochen sind sehr müde, das Aufstehen fällt schwer, das Reiten gleicht einer Tortur, aber wir sollte niemals jene unterschätzen, die einst Helden waren.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Aber auch hier schöpft Tad Williams aus dem Vollen, indem er neue Charaktere in seinen Zyklus einbringt, die er so brillant beschreibt, als wären sie schon immer Teil der Legende gewesen. Er folgt den initialen Impulsen, die er in „Das Herz der verlorenen Dinge“ selbst gesetzt hat. Besonders interessant ist hier der Aspekt, dass die Nornen ihren Geburtenrückgang durch die Vermischung ihrer Art mit Menschen kompensieren und auf diese Weise Halbwesen erschaffen, die zu Kämpfern ausgebildet werden. Hier vermischt Tad Williams nicht nur das Blut. Hier lässt er mit Nezeru eine Frauengestalt entstehen, die halb Norne, halb Mensch, auch den Fortbestand der Saga entscheidend vorantreibt.

Dieser Mix aus Altem und Neuem macht die auf vier Bände angelegte Fortsetzung des Osten-Ard-Epos zu einem eigenständigen und beeindruckenden Werk. Es ist durchaus möglich, sich dieser Geschichte zu nähern, ohne die vorhergehenden Bände gelesen zu haben. Tad Williams lässt alles Wesentliche aus der Vergangenheit in seine neue Geschichte einfließen, ohne dabei allzu sehr zu repetieren. Für die gewachsenen Leser der Buchreihe allerdings ist es ein Muss, dort fortzusetzen, wo er einst endete. Es ist ein Hochvergnügen, Binabik, Eolair und Tiamak nach so vielen Jahren erneut treffen zu dürfen. Es ist beklemmend, sich von alten Gefährten verabschieden zu müssen und es ist brillant, die Geschichte des Nornen Viyeki weiterverfolgen zu können, nachdem wir ihn erst im „Herz der verlorenen Dinge“ kennengelernt haben. Tad Williams schließt alle Kreise. Er greift alle Handlungsfäden auf und spinnt neue und hochaktuelle Fäden hinzu.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – Das Hörbuch

Und ja. Er bringt uns auf die Spur der Prophezeiung, die mich seit Jahren beschäftigt. Schon in der „Hexenholzkrone“ fühlen wir, dass wir den Zwillingen ganz nah sind und bereits im zweiten Teil dieser Reihe mit dem Titel „Die Hexenholzkrone 2“ werden wir ihnen ganz bewusst begegnen. Auch das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag hat mich intensiv begleitet. Andreas Fröhlich ist DIE STIMME Osten Ards. Er ist der einzig denkbare Erzähler und sprachlich wandlungsfähige Chronist, der mir diese Geschichte aus Osten Ard erzählen darf. Ich denke, er hat inzwischen Nornenblut in seinen Adern. Das kann man hören, wenn er Viyeki spricht und die großen Gesänge des alten Volkes rezitiert.

Nun gilt es weiterzulesen und zu hören. Das erwartet uns unter dem Gesamttitel der Reihe „Der letzte König von Osten Ard“::

„The Witch Wood Crown” = “Die Hexenholzkrone 1 und 2”
„The Empire of Grass” = “Das Graslandimperium”

„The Navigator´s Children” = “Die Kinder des Seefahrers”

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – So geht es weiter…

Was uns noch erwartet? Mein persönliches Highlight der Frankfurter Buchmesse. Hobbit Presse und Klett-Cotta haben ihn tatsächlich wahr werden lassen: Den Traum, Tad Williams exklusiv für Literatur Radio Bayern interviewen zu dürfen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich viele Fragen habe. Wir hören uns also von der Messe und es wird kein Solo-Interview, da ich von einer besonderen Bloggerin begleitet werde, die zu den ganz großen Osten-Ard-Fans gehört. Überraschung.

Tad Williams -Das exklusive Radio-Interview – Nur hier

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Am Messe-Samstag der FBM17 war es dann soweit. Gemeinsam mit Giulia Vedda begrüßte ich Tad Williams zum Interview am Stand von Klett-Cotta / Hobbit Presse. Das komplette Interview könnt ihr euch HIER bei Literatur Radio Bayern anhören. Eine kleine Interviewkabine sorgte für ein wenig Abschirmung vor dem Messetrubel und wir konnten uns ganz auf unseren prominenten Gesprächspartner einlassen. Tad Williams ließ keine Frage offen und so wurde aus einem literarischen Gespräch in kleiner Runde ein umfassender Ausflug in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Osten Ard.

Ausgehend von der alten Prophezeiung, die diesen Artikel einleitet, ergründeten wir die Motive des Schriftstellers, die zur Fortsetzung der Saga führten, erfuhren, dass Tad seine eigenen „alten“ Bücher lesen musste, um die Details für die neue Reihe wieder in sein Gedächtnis zu rufen und wie wichtig es sein kann, gute Freunde zu haben, die hier mit Rat und Tat zur Seite standen, die man selbst nachts anrufen konnte, um zu fragen ob man einen bestimmten Charakter weiterentwickeln kann, oder ob er vielleicht schon irgendwo in Osten Ard begraben liegt. Neben diesen technischen Informationen waren es auch rein inhaltliche Fragen, die uns beschäftigten. Würde ich der Wölfin Quantaqa jemals wieder begegnen und wie wichtig sind die Mischlinge, wie Nezeru, für das neue Schreiben von Tad Williams?

Was unterscheidet seine Saga von Tolkiens Herr der Ringe“ und wie nah ist Osten Ard an den großen Themen unserer Zeit, wie Rassismus, Fake-News, Ausgrenzung und Gendering? Letztlich beantwortet er sogar Fragen nach seinem Lieblingsort in der Saga, ob er vergleichbare Fantasy-Bücher anderer Autoren selbst besser geschrieben hätte, was er für seine Zukunft plant und ob seine offenen Buchreihen, wie Tinker Farm fortgesetzt werden. Die Antworten werden den geneigten Leser frohlocken lassen. Und doch wächst angesichts meiner letzten Frage ein wenig der Zweifel in mir, ob es mir je vergönnt sein wird, das Ende der Osten-Ard-Saga zu erlesen. Wenn er sie wieder in 23 Jahren fortsetzt, werde ich wohl im Alter von 78 Jahren einen Vorleser benötigen.

Tad Williams im Kreuzverhör mit AstroLibrium und Giulia (Das Buchmonster)

Habt Spaß mit diesem Interview und folgt diesem Link zu Giulias Artikel über einen absolut grandiosen Moment in unserem Leseleben und eine Begegnung, die man nicht so schnell vergessen wird. Osten Ard… Wir kommen. Bald geht es weiter. 

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„Nichts als die Nacht“ – Das Debüt von John Williams

Nichts als die Nacht von John Williams

Am Ende eines Leseweges komme ich am Anfang an. Klingt komisch, ist aber so. In konzentrischen Kreisen bewegte ich mich lesend durch das schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Schriftstellers John Williams. Dabei vereint seine Bücher, dass sie erst nach seinem Tod richtig bekannt und international wertgeschätzt wurden. Ich lernte Williams in seinem elegischen Abgesang auf den wilden Westen „Butcher´s Crossing“ kennen, reiste an seiner Seite ins alte Rom und freundete mich mit „Augustus“ an und gelangte schließlich zu „Stoner“, dem für mich stärksten und brillantesten Buch aus der Feder des texanischen Schriftstellers.

Ich habe mich zumeist lesend und hörend durch sein Werk bewegt und war immer wieder fasziniert von seiner präzisen Erzählweise, seiner literarischen Suche nach der Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes und seiner Sprachmelodie, die mich in seine Welten eintauchen ließ. Drei Romane sind es, die seinen Weltruhm ausmachen. Dabei besteht sein Werk insgesamt aus vier Büchern. Nun schließt sich die Lücke zu seinem Debüt und erstmals liegt nun auch in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben der erste Roman „Nichts als die Nacht“ in gebundener Fassung (dtv) und als Hörbuch mit der Stimme von Alexander Fehling (Der Hörverlag) vor. So schließt sich der Kreis.

Nichts als die Nacht von John Williams

Nun scheint es ja guter Verlagsbrauch zu sein, dass post mortem alle Werke eines Autors publiziert werden, die bei Drei nicht auf dem Baum sind. Man greift auf zuvor nie veröffentlichte Manuskripte, Fingerübungen, Briefe und Essays zurück, die im Nachlass zu finden sind und verstört auf diese Art und Weise oftmals die Fangemeinde, weil hier Werke ans Licht der Bücherwelt gelangen, die der Schriftsteller selbst wohl nicht gerne veröffentlicht sehen würde. Bei John Williams und seinem Buch „Nichts als die Nacht“ ist dies anders. Dieser Erstling wurde 1948 unter dem Titel „Nothing But the Night“ im Pressenverlag (kleine Auflage, hochwertiger Druck) von Allan Swallow herausgebracht. 

Wie aber gehe ich heute als großer Liebhaber der Werke von John Williams mit seinem Debüt um? Wie nähere ich mich einem Buch, das bei seinem Erscheinen kein literarisches Interesse hervorrief, sich zu einem wirtschaftlichen Misserfolg entwickelte, wieder von der Bildfläche verschwand, bevor es hinsichtlich der Reputation des jungen Autors Schlimmeres anrichten konnte und anschließend nie mehr erwähnt wurde? Wie nähere ich mich in meinem Lesen und Hören einem Werk, das selbst sein Verleger als „trostlos“ bezeichnete? Und zuletzt: Wie freunde ich mich mit einem Roman an, den der Schriftsteller selbst zeitlebens ablehnte und verleugnete? Keine gute Ausgangsbasis!

Nichts als die Nacht von John Williams

Ich versuchte meine leichten Vorbehalte auszublenden und stieg ohne besonders große Erwartungen wechselweise in das Buch und das Hörbuch ein. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und wäre auch sicher nicht in der Lage, das Werk analytisch in den Zyklus der Werke von John Williams einzuordnen, würde ich nicht wissen, was ich weiß. Also frisch gewagt und hinein in sein erstes und für mich gleichzeitig letztes Buch aus seiner Feder. Wehmut überwog. Vielleicht fand ich ja zumindest die ersten Ansätze des großen Erzähltalents, das mich in den anderen Werken so sehr gefesselt hatte.

„Trostlos“, sagte einst der Verleger. Eine Stimmungslage, die schnell von mir Besitz ergriff, als ich dem jungen Arthur Maxley begegnete. In einer melancholisch verzweifelt wirkenden Selbstbetrachtung breitet sich sein  Weltschmerz über dem Leser aus. Arthur ist gerade aus einem Alptraum erwacht und die ganze Welt ekelt ihn nur an. Die letzten Worte aus dem Traum lasten auf seiner Psyche und sie gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Vater unser, der du bist im Himmel… Vater unser“ Schnell wird klar, dass wir es hier mit einem traumatisierten jungen Mann zu tun haben, der ein Kindheitserlebnis mit sich herumschleppt. Gestörte Vater-Sohn-Beziehung. Augenfällig.

Nichts als die Nacht von John Williams

Wir begleiten Arthur Maxley durch einen einzigen Tag seines traurigen Lebens. Verwöhnt, Muttersöhnchen, Dandy, Alkoholiker, ausschweifend, von den Schecks des Vaters lebend und zutiefst lethargisch empfinden wir den jungen Mann. Und lethargisch gleiten auch die Stunden und Minuten dieses Tages an uns vorbei. Selbstmitleid ist die Melodie dieses Buches. Unzufriedenheit sein Rhythmus. Die Begegnungen des Tages gipfeln in einem gemeinsamen Essen mit dem Vater, der seinem Sohn wohlgesonnen und -wollend gegenübersitzt. Finanzielle Unterstützung gerne. Der Rest: Undenkbar. In seiner Verzweiflung über fehlenden emotionalen Halt ruft sich Arthur Maxley die Bilder seiner Mutter in Erinnerung, die für Wärme und Zuneigung stehen. Einer Mutter, mit der die tiefsten Abgründe der Traumatisierung tief verwoben sind.

Wir werden zu Zeugen der eigentlichen Ursache für ein verstörtes Leben, ebenso unfreiwillig, wie der kindliche Arthur zum Zeugen wurde. Spätestens hier kann man nachvollziehen, wie groß das Trauma sein muss, das er vor Jahren erlitten hat. Hier ist es möglich ihm zu folgen, zu erkennen, wo seine Welt aus ihren Angeln gehoben wurde und warum es ihm nie wieder gelang, in die Spur zu kommen. Als er später an diesem Tag einer jungen Frau begegnet, befreit sich der innere Tornado der verwirrten Gefühle und verschafft sich Raum. Ein Finale das man nicht kommen sieht. Am Ende des Tages blutet nicht nur das Herz des Lesers.

Nichts als die Nacht von John Williams

“Nichts als die Nacht“ von John Williams ist mehr als nur die erste Fingerübung eine künftigen Autors von Weltformat. Hier offenbaren sich die unglaublich intensive Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, tiefste Gedanken eines Protagonisten zu Papier zu bringen ohne den Eindruck zu erwecken, sie seien durch einen Dritten verfasst. Hier zeigt sich das Unmittelbare im Schreiben von John Williams. Er tritt als Instanz nicht in Erscheinung und vermittelt den Eindruck, alles Erlebte und Gefühlte aus erster Hand zu erfahren. Das angepriesene literarische Juwel ist dieses Buch sicherlich für Liebhaber des Autors. Er legt hier die Spuren zu seinem späteren Schreiben, das allerdings mehr als 12 Jahre brauchte, um mit „Butcher´s Crossing“ einen zweiten Roman zur Welt zu bringen. Ich möchte das Debüt von John Williams nicht  überbewerten, es aber auch in keiner Beziehung kleinreden. Mit der geschlossenen Dimension seiner späteren Werke und seiner Fähigkeit, unterschiedliche Erzählstränge zu einem wahrhaft meisterlichen Bild zu verweben, hat „Nichts als die Nacht“ allerdings wenig gemein. Dafür ist es mir zu schlicht und – ja – zu trostlos…

Wer das Lesevergnügen noch steigern möchte, der sollte sich Alexander Fehling im gleichnamigen Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag anvertrauen. Sein Weltschmerz und die verzweifelte Melancholie, die er dem jungen Arthur Maxley in die Stimme legt, sind so intensiv, dass man es sich so nicht selbst vorlesen könnte. Fehling verleiht der psychologisch traumatisierten Figur eine besondere Plausibilität und Tiefe. Hätte John Williams dieses Hörbuch jemals gehört, ich denke, er würde nicht mehr leugnen wollen, wer diesen Roman geschrieben hat. Vervollständigt eure Williams-Sammlung und seid nicht allzu streng mit eurer Bewertung. Der Autor hätte gar nicht gewollt, dass wir diese erste Begegnung mit der Bücherwelt vor Augen oder in die Ohren bekommen.

Mehr zu John Williams in meinem exklusiven Interview mit Patricia Reimann: hier

Mein großes John-Williams-Interview mit Patricia Reimann – Hier klicken…

„In ewiger Schuld“ von Harlan Coben

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ich finde dich, Ich vermisse dich und Ich schweige für dich. Eigentlich müsste ich an dieser Stelle nicht mehr viel schreiben, da Thrillerfans sofort wissen von wem die Rede ist. Harlan Coben. Jener Schriftsteller, dem es immer wieder gelingt, neben den Szenarien eines typischen investigativen Thrillers auch Sehnsuchtsmomente und ganz große Gefühle in seine Romane einzubauen. Können Thriller auch romantisch sein? Ja. Wenn sie aus seiner Feder stammen, ist dies ein durchaus geeignetes Stilmittel um die weltweit steigende Fangemeinde nachhaltig zu begeistern. Hier sprudelt kein Blut, hier wird nicht gemetzelt, hier spielt sich in der Psyche der Leser ab, was Coben erzählt und genau dadurch erreicht er durch seine emotionale Ader einen ganz wunden Punkt beim Leser. Man kann diese Thriller nachempfinden. Fühlen. Spüren.

Nun hat er es wieder getan. Diesmal jedoch wird sein neuer Roman schon bei seiner Veröffentlichung in Deutschland von Schlagzeilen begleitet, die zuvor nicht so sehr im Fokus standen. Verfilmung geplant. Filmrechte verkauft. Julia Roberts sichert sich die Rechte am Thriller und plant selbst die Hauptrolle zu spielen. Das sind keine Gerüchte. Und abwegig ist dieser Gedanke ebenso wenig, weil ich schon kurz nach dem Einstieg in sein topaktuelles Buch daran denken musste, wer seine Protagonistin Maya in einem Film verkörpern könnte. Und – ja – Julia Roberts. Das passt in vielerlei Hinsicht. Sie ist kein junger Hüpfer mehr, kein Vorzeigemodell, spielt sich beharrlich ins Charakterfach hinein und kann in ihren schauspielerischen Facetten genau das, was Harlan Coben in Maya hineingeschrieben hat, umsetzen. Gefühl und Härte. Ein Balanceakt, den ich ihr durchaus zutraue.

In ewiger Schuld von Harlan Coben

In ewiger Schuld“. Diesmal kein ich schweige, ich vermisse oder ich finde. Diesmal kein Versprechen im Titel seines aktuellen Thrillers. Diesmal eher eine Überschrift, die eine Dimension andeutet, die weit über das Erzählte hinausreicht. Eben ewig. Ein Titel, der für die deutsche Fassung mit Bedacht gewählt wurde und sehr gut passt. Doch zu Beginn der Story geht es nicht um ewige Schuld oder Vermächtnisse und Versprechen. Es geht um eine Situation, die Maya Burkett um den Verstand bringen könnte. Könnte. Denn sie hat viel durchgemacht im Leben und nun scheint jemand in den Trümmern zu wühlen, um auch den letzten verbliebenen Rest zum Einsturz zu bringen.

Harlan Coben kommt direkt zum Punkt. Er holt nicht weit aus oder schreibt lange um den heißen Brei rum. Er kommt zur Sache und die hat es in sich. Maya hatte alles, was ein gutes Leben ausmacht. Einen guten Job, einen liebevollen Mann aus guter Familie und eine zweijährige Tochter. Nur die Tochter ist ihr geblieben. Mehr nicht. Den Job als Militärpilotin hat sie verloren, weil sie während eines Einsatzes Zivilisten tötete, um ein paar Kameraden rauszuhauen. Ihr Ehemann wurde vor zwei Wochen in ihrem Beisein erschossen. Ein Raubüberfall, so das Ergebnis der Polizei. Und nur ihre Tochter gibt ihr den Mut, sich weiter durchs Leben zu kämpfen. Da sie niemandem mehr vertraut, ist es nur konsequent, ihr Kindermädchen mit einer Nanny-Cam zu überwachen. Ein weiterer Verlust? Undenkbar. Mehr ist nicht verkraftbar.

Soweit die Ausgangssituation von In ewiger Schuld. Was dann jedoch geschieht zieht Maya den Boden vollends unter den Füßen weg. Die Realität verzerrt sich und es ist nichts mehr so, wie es gerade noch war, als Maya das Überwachungsvideo dieses Tages betrachtet. Seelenruhig spielt ihre Tochter auf dem Sofa. Die Nanny ist im Haus. Alles ist perfekt. Bis ein Mann im Bild erscheint, der nicht mehr in dieses Bild passt. Es ist die bekannte Hose, das bekannte Hemd und das bekannte Gesicht, das nicht mehr hier sein dürfte, das sie umhaut. Ihr ermordeter Mann spielt mit ihrer Tochter. Und das nur wenige Stunden bevor sie sich diese Bilder anschauen kann. Ihr toter Mann. Wie ist das nur möglich?

Harlan Coben fabuliert sich hier keinen Mystery-Roman von der Seele. Er bleibt in der Realität verhaftet und genau hier entwickelt sich der unglaubliche Sog einer Story, die niemanden kalt lassen kann. Schnörkellos und konsequent geht Harlan Coben den Weg durch diese Geschichte. Schnörkellos und ungekünstelt folgt ihm das eigentliche Opfer, dem wir von Seite zu Seite näher kommen. Maya. Und es gelingt Coben erneut, aus einer unglaublich wirkenden Ausgangssituation eine Handlung entstehen zu lassen, die keine Fragen offenlässt. Ich habe Detlef Bierstedt fast zehn Stunden lang zugehört und bin der Synchronstimme von George Clooney bis in die tiefsten Abgründe gefolgt. Immer wenn ich zweifelte, ob diese Story aufgehen könnte, wurde ich eines Besseren belehrt. Und in jedem Kapitel fand ich inmitten der puren Spannung auch die Sehnsucht einer Frau, die so sehr hofft, dass ihr die eigenen Augen keinen Streich gespielt haben.

Harlan Coben darf man sich anvertrauen. Ein weiteres Highlight auf dem Weg durch seine Thrillerwelt. Und auf den Film bin ich jetzt extrem gespannt. Ich werde sehen!

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ein spannender Nachtrag: Natürlich darf man bei der Rezension eines Thrillers nicht spoilern. ABER: Man darf auf Besonderheiten hinweisen, die insbesondere Hörer dazu verleiten könnten, meinem Weg zu folgen. „In ewiger Schuld“ von Harlan Coben in der Hörbuchfassung von Der Hörverlag verbirgt schon äußerlich ein Geheimnis, dem man auf die Spur gehen sollte. Dazu genügt schon ein Blick auf das Cover der CD. Gelesen von Detlef Bierstedt. Keine Überraschung. Das kennt man so bei Coben-Hörbüchern. Aber warum wird da ein zweiter Sprecher aufgeführt? Was hat das zu bedeuten? Was liest Thomas Petruo?

Die Antwort ist einleuchtend. Zumindest, wenn man diesen Thriller gehört hat. Es ist einleuchtend, weil die Entscheidung eine zweite Stimme zu Wort kommen zu lassen in unmittelbarem Einklang mit der Handlung des Romans steht. Das ist ein Stilmittel, das wir im Buch nicht finden. Das ist den Hörern vorbehalten. Und es ist mehr als gelungen, weil es einen emotionalen Schlusspunkt setzt, der dem Wendepunkt der Handlung die Audio-Krone aufsetzt. Na, neugierig geworden?

In ewiger Schuld von Harlan Coben – Ein zweiter Sprecher

„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani – Prix Goncourt 2016

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Erneut hat sich gezeigt, dass der französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ein herausragender Gradmesser und Indikator für gute Bücher ist. Ich habe einige der Werke gelesen, die mit diesem (immerhin mit symbolischen 10 Euro dotierten) Preis in unserem Nachbarland ausgezeichnet wurden und habe mein Lesen niemals bereut. In diesem Jahr stürmt der letztjährige Sieger die deutschen Bestsellerlisten und auch hier ist es so, dass man nur konstatieren kann: Chapeau – Hut ab. [weiterhören]

Dann schlaf auch du – Meine Radiorezension für Literatur Radio Bayern – Hier klicken

Leïla Slimani gilt derzeit als die aufsehenerregendste Schriftstellerin Frankreichs. Die Autorin mit französisch-marokkanischen Wurzeln wuchs in Rabat auf und kam erst im Alter von siebzehn Jahren nach Paris, studierte an einer Eliteuniversität, begann im Bereich des Journalismus ihre ersten deutlichen Spuren zu hinterlassen und wurde im Jahr 2016 für ihren psychologischen Thriller „Chanson Douce“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Im Sog dieses Prädikates folgte die Veröffentlichung des Romans in 30 Ländern weltweit und jetzt hat uns diese Story auch erreicht. Im Titel geht es in der deutschen Übersetzung von Amelie Thoma nicht um ein Chanson, erinnert uns jedoch stark an eine Kinderliedzeile, die den Roman in seiner Gänze umfasst. LaLeLu.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Dann schlaf auch du“. Unzählige Kinder dieser Welt sind bei diesen Worten sanft in die süßesten Träume entschlummert. Eine behütete Kindheit und ein Elternhaus voller Zuwendung und Wärme sind sicher die ersten Assoziationen, die wir mit diesen Zeilen verbinden. Doch nichts davon finden wir im Roman von Leïla Slimani wieder. Ich habe mich der Geschichte, die sie erzählt, abwechselnd lesend in der gebundenen Fassung aus dem Luchterhand Verlag und hörend in der Hörbuchadaption von Der Hörverlag gewidmet.  Zwei augen- und ohrenscheinlich unterschiedliche Wege, die jedoch in sich so sehr zur Stimmung und meinen Gefühlen passen, die mich in diesen Stunden ereilt haben.

Es ist kein leichtes Thema, mit dem sich Leïla Slimani intensiv auseinandersetzt. Ganz besonders, wenn der Leser oder Hörer selbst Kinder hat, ist es unmöglich, dem Inhalt emotionslos zu folgen. Lesend hatte ich noch die Chance, mich manchmal doch ein wenig zurückziehen zu können, die nächste Seite nicht aufzuschlagen, um einfach nicht zu erfahren, was geschieht. Hörend war es fast nicht machbar, dem Erzählstrom von Constanze Becker zu entfliehen. Sie verleiht der geradlinigen Sprachmelodie der kurzen und prägnanten Sätze aus der Feder von Leïla Slimani eine Dynamik, der man sich kaum entziehen kann. Dabei liest die Hörbuchsprecherin fast quälend emotionslos und ich denke, nur so kann man dieses Buch in seiner Audiofassung präsentieren. Hier wäre ein „Mehr“ an Gefühl deutlich zuviel gewesen.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Leïla Slimani schreibt in diesem Stil. Fast schon versachlicht, neutral. Ihre Sicht auf die Geschichte ähnelt der eines Chronisten auf einem Feldherrenhügel, der unter sich den tausendfachen Tod und seine Konsequenzen beschreibt. Das Gefühl überlässt sie dem Leser. Na besten Dank auch. Dieser literarische Kunstgriff in meine Psyche ist der Autorin mehr als gelungen. Beschreibt sie doch das schlimmste Drama, das Eltern sich nur vorstellen können. Beschreibt sie doch schon auf den ersten Seiten des Romans im schonungslosen Klartext den Doppelmord an zwei Kleinkindern. Ein Roman, der quasi auf dem Seziertisch der Ermittler beginnt. Kindsmord. Schwer zu begreifen.

Was uns Leïla Slimani im Mittelpunkt von Dann schlaf auch duallerdings erzählt ist zutiefst menschlich, psychologisch, empathisch und nicht zuletzt französisch.

Menschlich ist es, weil in der Ausgangssituation klar wird, wie das typische Leben von Eltern verläuft, wie die Rollenverteilung zumeist aussieht und was dies für eine Mutter bedeutet. Ihr fehlen die Kontakte, sie hat nur noch Gesprächsstoff, der sich um Kinder und Windeln dreht und beruflich fällt sie ins Niemandsland zurück, während der Vater in seinem Leben außerhalb der Familie weiter Vollgas geben kann. Myriam kehrt in ihren Beruf als erfolgreiche Anwältin zurück. Realisierbar ist dieser Schritt jedoch nur, weil sie ihre beiden kleinen Kinder Adam und Mila einer Nanny anvertraut.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimanim

Psychologisch ist es, weil schon hier der Balanceakt zwischen Selbstverwirklichung und Familie offen zutage tritt. Psychologisch ist es, weil das schlechte Gewissen einer Mutter auch durch ein Kindermädchen nicht beruhigt wird. Aber geradezu verstörend in seiner Wucht ist es, weil die Perspektive der Nanny eine grausame Dimension erreicht, die alle Fragen aufwirft, wem man eigentlich vertrauen kann. Eigentlich entspricht das Kindermädchen Louise dem Idealbild einer Nanny. Sie steht mitten im Leben, ist selbst Mutter und sie wird in kürzester Zeit von den Kindern vergöttert. Louise macht sich für die kleine Familie unersetzlich, sie ist helfende Hand, liebevolle Erzieherin und hält den zunehmend gestressten Eltern den Rücken frei.

Empathisch ist es, weil Leïla Slimani tief in das Leben und die Psyche von Louise und ihre Situation eintaucht. Während ihre eigene Existenz ins Schlingern gerät und sie nur noch in ihrer Rolle als Kindermädchen einen Ausweg sieht, beginnt ein schonungsloser Revierkampf, um diese Position zu festigen und zu erhalten. Es fällt nicht schwer, sich mit Louise und ihrer Rolle zu identifizieren. Es fällt nicht schwer zu erkennen, wie sehr sie zu kämpfen hat. Und es fällt nicht schwer, ihre Torschlusspanik nachvollziehen zu können. Nur wir Leser sind dazu in der Lage. Dieses Privileg gewährt uns die Autorin. Und doch schreien wir innerlich in den Momenten auf, in denen die Eltern zu blind und zu egoistisch sind, um die Warnzeichen einer Fehlentwicklung zu erkennen, die fatale Konsequenzen haben sollte.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Französisch ist es, weil Leïla Slimani die speziellen sozialen Rahmenbedingungen in diesen Roman einfließen lässt, die in der französischen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Illegale Arbeitskräfte aus den ehemaligen Kolonien, Frauen ohne Papiere, die dazu gezwungen sind, in reichen Haushalten auf die verwöhnten Kinder aufzupassen und dabei doch ständig in der Gefahr der Abschiebung leben. Abhängigkeit in jeglicher Beziehung ist die Folge. Der Alltagsrassismus rückt in den Vordergrund. Louise jedoch hebt sich deutlich von ihren illegalen Kolleginnen ab. Umso schlimmer ist es für sie, am Rand der Gesellschaft leben zu müssen. Das gibt ihrem Kampf eine besondere Note.

Leïla Slimani frisst sich multiperspektivisch in ihren Roman hinein. Ich hatte nicht eine einzige Chance, ihr zu entkommen. Wenn ich das Buch schloss, drehte mein Kopf durch. Hilflos verfolgt man den Verlauf der Schlinge, die sich immer enger zieht. Wenn ich Constanze Becker im Hörbuch eine Pause gönnte, so revanchierte sie sich nicht bei mir. Ihre Stimme schien immer weiterzuerzählen. Unaufhörlich und extrem eindringlich. Es ist ein unwiderstehlicher Sog, den dieser Roman entfaltet. Es ist die schonungslose Wahrheit, die er akribisch genau erzählt. Und es ist eine bittere Erkenntnis, die auf den letzten Seiten Besitz vom Leser ergreift. Lesen und hören. Mein Königsweg durch eine Geschichte, die noch lange in mir toben wird.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Jetzt mal ganz langsam mit mir. Ich bin hundemüde und eigentlich gar nicht in der Lage, eine Rezension zu verfassen. Ich habe in den letzten sieben Nächten kein Auge zugemacht, fühle mich wie gerädert und meine Konzentration gleicht der Flatline eines Komapatienten. Fragt jetzt bloß nicht, woran das liegt. Meine Bilder sagen doch genug. Ich habe eine Prinzessin kennengelernt, die über die gleichen Probleme geklagt hat. Es war also nur allzu selbstverständlich, dass ich mich fürsorglich zu ihr gesetzt habe, um ihr ein wenig beizustehen. Hätte ich geahnt, dass ihre mysteriöse Erkrankung für Leser hochansteckend ist, ich hätte mich wohl aus dem literarischen Staub gemacht.

Doch ich konnte Prinzessin Dylia nicht widerstehen und so blieb ich an ihrer Seite. Auch wenn mir noch immer schwindelig ist, hat es sich gelohnt, weil sie mir mehr Kraft gegeben hat, als ich das von einer jungen zamonischen Adeligen erwartet hätte. Schon seit frühester Kindheit leidet sie an der rätselhaften Krankheit, die sie einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Schlaflos in Seattle war gestern. Schlaflos in Zamonien ist heute. Aber wo andere schon lange verzweifelt wären, da schöpft Dylia mit ihrer Kreativität in einer aussichtslosen Situation eine fast schon magisch anmutende Energie, die sie die vielen schlaflosen Nächte überleben lässt. Sie erdenkt sich eine eigene Fantasiewelt, in der sie über ihre Krankheit regiert.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Sie bekämpft die psychische Auszehrung der dauerhaften Schlaflosigkeit mit den Waffen ihres Geistes. Sie erfindet Pfauenwörter, die wie das geflügelte Vorbild nur schön sind, ansonsten aber keine sprachliche Aussagekraft besitzen. Sie benennt alle Mondkrater mit eigenen und unvergleichlichen Namen. Sie taucht ihr Leben in Farben, die einen Regenbogen über allen Problemen entstehen lassen und Dylia nennt sich in dieser Scheinwelt Prinzessin Insomnia. In der Verharmlosung liegt ihre Kraft. Worte gehören zu ihren Herrschaftsinsignien. Und im Wortverdrehen liegt der Zauber, der sie vor plötzlich auftretenden Schmerzen abschottet.

Wer fürchtet sich schon vor Schmopfkerzen oder Grämine, wo zuvor Migräne und Kopfschmerzen rasende Spuren hinterlassen haben? Und sie vergleicht die Symptome ihrer Krankheit mit dem Besuch unliebsamer Verwandter. Sie bewahrt Haltung wenn sie auftauchen und signalisiert freundliches Desinteresse, bis sie wieder verschwinden. Ja, von Dylia Insomnia kann man selbst eine ganze Menge lernen. Spätestens bei meiner nächsten Erkältung werde ich versuchen, den Schmalsherzen offensiver zu begegnen. So verbringt man also seine schlaflosen Hallowachphasen an der Seite eines absoluten Insomnolenzprofis. Alles könnte mit offenen Augen weitergehen, wäre da nicht Wesen, das alles nur noch mehr durcheinander bringt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Es handelt sich um einen alptraumfarbenen Nachtmahr. Richtig gelesen, jedoch gar nicht leicht zu fassen, das Kerlchen. Denn jener Havarius Opal hat es sich in den Kopf gesetzt, sich Prinzessin Dylia in den Kopf zu setzen. Und das im wahrsten Wortsinn. Er ist angetreten, um die Schlaflose endgültig in den Wahnsinn zu treiben. Und was eignet sich hierfür besser als eine gemeinsame Fantasiereise in das Hirn der Prinzessin, die ja eigentlich genügend Probleme an den adeligen Hacken hat? Gemeinsam geht es nun los zu einer Reise, die in der Geschichte Zamoniens unvergessen bleiben wird. Es wird eine Reise zu den zwölf schönsten Ängsten der Prinzessin, zu Irrschatten und Grillos, wir treffen auf Zergesser und Geistgeister, stellen uns den Fragen der Egozetten und zittern heftig, wenn wir an Amygdala denken. Die absolut übelste Hirnregion die man sich nur vorstellen kann.

Über allem steht die Frage, wie die Prinzessin ihren alptraumfarbenen Nachtmahr wieder loswerden kann, bevor sie dem Wahnsinn verfällt. Wird sie sich rechtzeitig von ihm trennen können oder ist er sogar der Schlüssel zur Heilung ihrer Schlaflosigkeit. Diese fantastische Reise durch das adelige Gehirn offenbart nicht nur die sprudelnden Quellen des Denkens, sie deckt auch schonungslos auf, wo aus den kleinsten geistigen Fliegen die monströsen Elefanten des Grübelns entstehen. Ich bin noch immer atemlos und tief in meinen Gedanken gefangen und darf gar nicht darüber nachdenken, wie das Denken eigentlich funktioniert. Kopfzerbrechen. Das ist hier wohl das richtige Wort, das dieser zamonischen Geschichte seinen Stempel aufdrückt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Ja, wir sind zurück in „Zamonien„. Der legendäre Walter Moers entführt uns mit „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ auf eine unglaubliche Reise auf seinen fantastischen Kontinent, den wir schon so oft besuchen durften. Und doch ist es keine einfache Fortsetzung seiner bisherigen Geschichten. Es ist nicht die erhoffte Fortsetzung der Stadt der Träumenden Bücher. Für mich ist es viel mehr, weil Walter Moers aus einer Idee zu einer Kurzgeschichte dieses eigenständige Werk im Orbit seines Schaffens kultiviert hat. Ein auffallend anderes Buch, wenn man sich die bisherigen zamonischen Legenden genauer anschaut. Nicht Walter Moers hat es selbst illustriert. Diesmal ist vieles anders. Und genau das verleiht dieser Geschichte ihre ganz eigene zeitlose Strahlkraft.

Schlaflosigkeit ist ein dominantes Thema in diesen Tagen. Man behandelt sie oft medikamentös oder versucht ihr mit intensiven Therapien auf die Spur zu kommen und warnt vor ihren Folgen. Sie gehört zu den Symptomen schwerer Erkrankungen und wir nehmen Begriffe, wie Schlaflabor und Schlaftabletten doch nur beiläufig wahr. Hier ist Prinzessin Insomnia ein literarischer Weckruf, der deutlich aufzeigt, welche Folgen es für den Betroffenen hat, wenn Nächte durchwacht und Ruhephasen nicht mehr möglich werden. Lydia Rode kann ein Lied davon singen, leidet sie doch selbst an einer bislang unheilbaren Erkrankung. CFS. Chronisches Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom nennt sich ihre Krankheit, die mit andauernder Schlaflosigkeit einhergeht.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Doch Lydia Rode besingt ihre Erkrankung nicht. Sie unterhielt sich mit Walter Moers darüber, inspirierte ihn zu der zamonischen Geschichte, die sie mit Aquarellen und den eigenen faszinierend schönen Eindrücken aus ihrer Welt illustrieren sollte. Diese Bilder sind nun in Prinzessin Insomnia zu bewundern. Und Lydia Rode wird persönlich zur heimlichen Protagonistin eines imposanten Werkes. Der Knaus Verlag hat Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr in der gewohnt zamonisch exquisiten Aufmachung veröffentlicht. Ein grandioser Buchkunstaugengenuss, der seinen Platz in unseren Zamonien-Bücherregalen verdient hat.

Der Hörverlag hat diese Zamonie-Geschichte in aufwendiger Produktion mit der Stimme von Andreas Fröhlich zum Leben erweckt. Seine Interpretation Havarius Opals erinnert an die besten Zeiten eines Stollentrolls, der durch Dirk Bach unsterblich wurde. Hier passt alles. Die Atmosphäre und die sonore Stimme tragen durch das Hirn der Prinzessin. Darüber hinaus kann man einfach hören, wenn man in schlafloser Nacht nicht mehr lesen mag. Und wer denkt, dass diesem Hörbuch die Illustrationen von Lydia Rode fehlen, der sollte sich das aufwendig gestaltete Booklet mal näher anschauen. Ich habe gehört und gelesen. Immer im Wechsel. Schlaflos mit weit aufgerissenen Augen und offenem Herzen. Für mich der wohl intensivste Roman aus der zamonischen Feder von Walter Moers. Seine Botschaft ist heilsam. Vielleicht ja auch für Dylia / Lydia.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers