„Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Jetzt mal unter uns, Jungs. Die Zeiten haben sich schon sehr verändert, Rollenbilder und Männerwelten sind nicht mehr das, was sie mal waren, aber manchmal gelingt uns doch die Flucht. Vatertagsausflüge (neudeutsch Herrentagstouren) wecken die Männer in uns. Was für richtige Jungs. Survival unter verschärften Bedingungen, oder wann ist es ansonsten noch denkbar, dass wir uns selbst vor einen Bollerwagen spannen und in wagemutigen Abenteuergruppen zu Expeditionen aufbrechen, die es in sich haben? Ist es nicht ein wahrlich HERRlicher Anblick, diese von allen Pflichten befreiten Männer im Schweiße ihres Angesichts und unter Einfluss berauschender Getränke zu beobachten und ihnen die Daumen zu drücken, dass sie gesund zu ihren Familien zurückkehren?

Drei Mann in einem Boot – Das Vatertags-Special – Mit einem Klick zum PodCast

Wahre Traditionen werden niemals untergehen. Männerausflüge gehören einfach zur Geschichte der Menschheit, wie Revolutionen, Kriege und die Pest. Frauen sind da einfach fehl am Platz. Schmückendes Beiwerk. Zierrat. Gerne gesehen, aber genau an diesen Tagen nicht erwünscht. MANN will unter sich sein. Das Leben schmecken. In Erinnerungen schwelgen. Sich selbst ausprobieren. In der Rolle aufgehen und die Fünf auch mal gerade sein lassen. Tradition. Glaubt ihr nicht? Lasst uns doch in der Literatur nach einer Spur suchen, die heute traditionsstiftend für Männerausflüge sein könnte. In keinem Land werden wir schneller fündig, als im konservativen England des späten 19. Jahrhunderts. Da war die Welt für den Mann noch in Ordnung. Frauenwahlrecht? Lach. Noch Jahrzehnte entfernt. Hier konnte das Mannsein noch zelebriert werden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Jerome K. Jerome verfasste das Standardwerk in Sachen Herrenausflug.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Seine Erzählung „Drei Mann in einem Boot – Ganz zu schweigen vom Hund“ kann mit Fug und Recht als die Mutter aller Männerausflüge bezeichnet werden. Wobei es ja eigentlich eher der Vater heißen müsste. So ändern sich die Zeiten. Aber egal. Es ist wie es ist und wenn uns die Sehnsucht nach einer längst untergegangenen Welt der Männer packt, dann empfiehlt es sich, jenes epochale Werk zu lesen. Eine Schiffsreise stand schon immer ganz oben auf der Richterskala der großen Abenteuer unserer Zeit. Bootsausflüge galten im viktorianischen Zeitalter als DAS Maß der Dinge, wenn es galt Mut und Geschick zu beweisen. Jerome K. Jerome nimmt uns mit zu dieser Expedition auf der Themse. Wobei man schon bemerken muss, dass die Themse allein schon für sich ein Synonym für Wildwasser und Lebensgefahr ist. (hust)

Und ja, die drei Männer, die der Autor hier in die Stromschnellen schreibt sind die wohl letzten großen Abenteurer eines Zeitalters der großen Eroberer. Und das Boot, ja, das Boot steht in direkter Tradition mit den großen Forschungsschiffen des Empire. Die Golden Hind, die Endurance oder die Terror müssen in einem Atemzug mit dem Boot genannt werden, um das es hier geht. (hust) In Wirklichkeit handelt es sich hier um eine Nussschale, ein kleines Ruderboot mit zwei Riemen und Platz für den dritten Mann, der sich gerade ausruhen und steuern kann. Wobei wir schon zu allen Problemen kommen, die Jerome K. Jerome zur Grundlage seiner Geschichte macht. Drei verwöhnte Männer, ein sehr kleines Boot und ein Hund, von dem noch die Rede sein wird.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Der Autor macht sich über alle Klischees lustig, die dem geneigten Leser dabei in den Sinn kommen. Und nicht nur das. Er nimmt sich selbst auf Schippe und Korn, weil er nach dem Motto „Wir sitzen alle im selben Boot“ einer der drei Alltagshelden an Bord ist. Drei Männer, die für alles geeignet scheinen, nur nicht für diese Reise. Briten eines Zeitalters der gepflegten Erscheinung, des Komforts und eben echte Snobs, wie sie im Buche stehen. In diesem. Hypochonder, die körperliche Arbeit nicht kennen und viel zu egoistisch sind, um im Team wirken zu können. Jerome, George und Harry werden zu Schreckgespenstern für jeden, der darüber nachdenkt, wen man auf eine solche Reise mitnehmen könnte. Jeden, nur bitte keinen von den Dreien. Dann doch lieber den Hund Montmorency, der zwar für einigen Ärger sorgt, aber immer noch produktiver erscheint, als die Drei Männer in einem Boot.

Mit unglaublich präziser Situationskomik zerlegt der Autor sich selbst und seine Gefährten in die kleinsten Moleküle von Unfähigkeit. Kleine Rückblenden erläutern, warum ganze Familien an ihnen verzweifeln, wenn auch nur einer von ihnen den Nagel auf den Kopf treffen will. Ein Bild aufzuhängen wird zum Staatsakt, an dessen Ende die heillose Panik um sich greift. Arbeitsmoral ist ein Fremdwort und schon das Packen für die Reise wird zur Lachnummer. Nachdem die drei Ausflügler eine erste Liste der ganz wichtigen und unverzichtbaren Dinge erstellt haben, die unbedingt an Bord müssen, ist es völlig klar, dass die Themse nicht genügend Tiefgang für einen solchen Frachtkahn hätte. Also beschränkt man sich auf das Allernotwendigste und auch das lässt uns die Lachfalten im Gesicht erbeben.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wenn eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert ihren aberwitzigen Humor zeitlos trocken in unsere Zeit rettet, dann haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Viele der Episoden dieser Schiffsreise bleiben im Gedächtnis. Pleiten, Pech und Pannen sind Wegbegleiter der drei Flussschiffer. Und wenn ausnahmsweise etwas gelingt, dann ist immer noch ein Hund an Bord, der sich ins Zeug wirft. Wir lernen im Buch, wie man die Wäsche unterwegs nicht waschen sollte, was beim Treideln strengstens zu unterlassen ist und warum es Unglück bringt, unterwegs weibliche Passagiere aufzunehmen, die in blütenweißen Kleidern an Bord Platz nehmen und auf ihr Äußeres bedacht sind.

„Drei Mann in einem Boot“ ist das wohl komischste britische Buch, das ich lesen und hören durfte. Die kleine feine Prachtausgabe der Manesse Bibliothek in neuem Design steht diesem Buch sehr gut. Es ist jetzt nicht nur inhaltlich, sondern optisch und haptisch ein wahrer literarischer Leckerbissen. Es ist jedoch kein Zufall, dass ich mich auch in die aktuelle Hörbuchfassung von Der Hörverlag verliebt habe. Das hat gleich mehrere Gründe. Die Episoden der Reise sind so unterhaltsam, dass man sich einfach extrem gut aufs Hören konzentrieren kann, weil man die Hände frei hat. Wie sollte man sich sonst die Lachtränen aus dem Gesicht wischen. Und mit Axel Milberg konnte der wohl am britischsten klingende deutsche Sprecher und Schauspieler für die Produktion gewonnen werde.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Milbergs distinguierter, versnobter Tonfall macht aus diesem Hörbuch ein echtes Erlebnis. Ihm gelingt der Zeitsprung in das angestaubte England so perfekt, dass man denkt, sich auf einer Zeitreise zu befinden. Sein Anglerlatein ist grandios, die Ignoranz gegenüber der Realität faszinierend und seine Verweigerungshaltung gegenüber jeder körperlichen Arbeit legendär. Axel Milberg rudert sich durch eine Geschichte, ohne sich dabei die Hände nass oder schmutzig zu machen. Es ist brillant, wie lebendig er dieser Erzählung Leben einhaucht. Bewundernswert, dass er nicht selbst lauthals lachen und prusten musste beim Einlesen der Geschichte. Er hat diesen Klassiker stimmlich vom Stapel gelassen und dem sanften Verlauf der Themse anvertraut. Dabei nimmt er jede Faser des Humors mit an Bord, den Jerome K. Jerome auf seine Packliste schrieb.

Vatertag, jetzt kannst du kommen. Rein in die Boote, Leinen los und auf in das letzte große Abenteuer für echte Männer. Wer zum Lachen in den Keller geht, sollte ihn noch schnell schallisolieren. Ansonsten hört man euch im ganzen Haus, ob ihr lest oder hört. Eure Lachtränen lassen den Pegelstand der Themse um einen gefühlten Meter steigen und sorgen dafür, dass euer Boot stets Gefahr läuft zu kentern. Wer beste Unterhaltung sucht, ist hier gut aufgehoben. Heuert an und lacht über euch selbst, über uns Männer oder einfach so, weil die pure Lust am Lesen und Hören hier einen Höhepunkt erreicht, der Flutwellen des Lachens in euer Leben spült.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wir sitzen alle im selben Boot. Gute Fahrt und immer eine Handbreit Themse und Humor unter dem Kiel. Sie möchten diese Rezension hören? Bitte sehr

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„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Literarische Fallhöhe. Schon mal davon gehört? Es ist die Höhe, aus der man sich als Leser in eine Geschichte fallenlässt, weil man die innere Bereitschaft und Interesse mitbringt, sich einem bestimmten Thema zu öffnen. Je größer die Fallhöhe, desto tiefer gelingt das Eintauchen in die Fantasiewelt eines Autors. Zumeist kann die Bereitschaft, sich auf ein Thema einzulassen bereits beim Lesen des Klappentextes ausgelotet und bewertet werden. Hier treffen wir Entscheidungen. Ganz bewusst. Und wer ganz allein für sich feststellt, keine Krimis zu mögen, der sollte sie tunlichst umgehen und nicht am Ende des Lesens sagen „Ich mag ja keine Krimis und das Buch hat mir nicht gefallen.“ Definieren wir mal die literarische Fallhöhe für den folgenden Roman.

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig. Mögen Sie fantastische Romane, in denen es um Zeitreisen, unendliches Leben oder zeitlose Gefühle geht? Lieben Sie es, sich in ihrem Lesen vorzustellen, wie es wäre unsterblich zu sein? Schmelzen Sie dahin, wenn in Filmen wie „Highlander – Es kann nur einen geben“ der Song „Who wants to live forever“ erklingt? Träumen Sie sich nach Schottland, wenn Sie Diana Gabaldon in die „Highland-Saga“ folgen und eine Frau begleiten, die in die Vergangenheit reisen kann und sich natürlich dort unsterblich in einen Sterblichen verliebt. Mögen Sie die TV-Serie „Outlander“, die auf dieser Saga basiert? Klingelt es in Ihrem Herzen, wenn Sie Worte wie Sassenach und Lallybroch vernehmen? Haben Sie sich mit Anne Brashares auf eine zeitlose Liebe eingelassen, die zwei Menschen über viele Jahrhunderte hinweg so intensiv miteinander verband, dass sie sich ständig „So nah und doch so fern“ waren?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Haben Sie in diesem kurzen Abriss Schlüsselbegriffe gefunden, die etwas in Ihnen auslösen? Oder lässt Sie das alles kalt und kommen Sie zu dem Entschluss, dass man Sie mit diesem Thema besser in Ruhe lässt? Wenn Sie ein leichtes emotionales Zittern spüren, das schon beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut verursacht, dann ist es so, dass Sie die richtige Fallhöhe erreicht haben, um sich auf Mattt Haig einzulassen. Dann ist es so, dass Sie nicht enttäuscht werden, wenn Sie zu diesem Roman greifen, weil er mit all diesen zeitlosen Bildern spielt, sie neu arrangiert und in schillerndsten Farben in einer grandiosen Geschichte anordnet. Genau dann sollten Sie sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen. Er ist der Missing Link zu allen vorherigen Büchern dieses Sujets. Es ist ein Muss, sich die Frage zu stellen „Wie man die Zeit anhält“. Warum?

Sehr einfach. Weil es brillant, tiefgründig, humorvoll und zutiefst emotional ist, was uns Matt Haig in seinem neuesten Roman erzählt. Darf ich Euch Tom Hazard vorstellen? Er lebt im hier und jetzt, könnte Euch im täglichen Leben begegnen, ist nicht sehr auffällig und wirkt eigentlich wie ein normaler Vierzigjähriger auf sein Umfeld. Nur, der Eindruck täuscht gewaltig, denn in ihm drin sieht es ein wenig anders aus. Tom ist in Wirklichkeit über 400 Jahre alt. Er ist keineswegs unsterblich, aber sei Alterungsprozess verläuft im Vergleich zu den „Eintagsfliegen“ (so bezeichnet er uns Normalsterbliche) schleppend. Das bringt natürlich ein großes Portfolio an Problemen mit sich, die sein Leben nicht so lebenswert erscheinen lassen, wie es sein sollte. Sein größtes Problem ist Einsamkeit. Er musste im Lauf seines Lebens viele Eintagsfliegen zurücklassen, sah sie altern und letztlich sterben. Ganz normal. Er jedoch altert kaum. Er bleibt eher der Alte, wobei das natürlich auch wieder problematisch ist.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Matt Haig entwickelt aus dieser Ausgangssituation eine brillante Geschichte, die uns zu den Wegbegleitern jenes Tom Hazard macht. Wegbegleiter, die nicht nur ihn im Verlauf seines langen Lebens kennenlernen, sondern die gleichzeitig die Jahrhunderte erleben, in deren Verlauf seine Veranlagung zu immer neuen Problemen führte. Das ist extrem durchdacht, wirkt plausibel und macht betroffen. Wie ging man im Lauf der Zeit mit Menschen um, die einfach nicht älter wurden? Konnte man sich da in einem Umfeld sicher fühlen, in dem Hexen verfolgt und verbrannt wurden? Geriet man nicht ins Visier von Menschen, die das Andersartige als tödliche Gefahr sahen? Der ethische Kontext der jeweiligen Zeit kennzeichnet den Kollisionskurs, auf dem sich Tom Hazard befindet.

Er lernt sehr schnell. Liebe ist fatal. Herzensbindungen einzugehen ist mehr als verstörend. Menschen zu verlieren, die man liebt, verfolgt den fast Unsterblichen fast durch das ganze Leben. Einziger Trost ist das Wissen, dass er nicht allein ist. Es gibt noch mehr Menschen, die seine Veranlagung teilen. Viele von ihnen haben sich einer geheimen Organisation angeschlossen, die das Weiterleben in sich ändernden Zeiten auf sichere Beine stellen. Man denke nur an Dokumente, Geburtsurkunden, Identitäten und nicht zuletzt auch an mögliche Berufe, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Der Tom Hazard unserer Zeit arbeitet zum Beispiel gerade als Geschichtslehrer. Wer könnte dieses trockene Fach seinen Schülern lebendiger näherbringen als jemand, der die Geschichte als Augenzeuge erlebt hat?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Also gilt es die Regeln zu befolgen, die aus Sicht der Gesellschaft der Albatrosse als vernünftig gelten. Nicht verlieben, spätestens nach acht Jahren den Wohnort und die Identität wechseln, keine Fotos zulassen und Alleingänge derer verhindern, die der Organisation der Albatrosse nicht angehören. Konflikt- und Spannungspotenzial ohne Ende. Und Matt Haig holt alles raus, was rauszuholen ist. Brillant erzählt, keine Chance sich dem Spannungsbogen zu entziehen und wundersames Staunen, wenn wir an der Seite von Tom Hazard den Großen der Weltgeschichte persönlich begegnen. Ein klein wenig Smalltalk mit Shakespeare, eine Schiffsreise mit Captain Cook, ein Whisky mit Scott F. und Zelda Fitzgerald? Kein Problem. Sie sind alle da und so vital, wie man es sich nur wünschen kann.

Klingt alles lustig? Nicht wirklich. Matt Haig verbirgt in seiner fulminanten Story auch das ganz große Drama. Was passiert, wenn sich ein Albatros unsterblich verliebt? Was, wenn ein Kind als Frucht dieser Liebe entsteht. Ist die ewige Jugend vererbbar? Altert das Kind ebenso wenig wie sein Vater oder bleibt er jung, während er das eigene Kind auf dem Weg zum Greis begleitet? Was, wenn die Gesellschaft der Albatrosse sich zur Geheimgesellschaft entwickelt, die Opfer fordert? Und was, wenn Wissenschaftler aller Epochen den seltsamen Menschen auf die Spur kommen, die das Gen der fast ewigen Jugend in sich tragen? Und wie verhält sich Tom Hazard, wenn ihm plötzlich eine Frau begegnet, für die er alles aufgeben würde, weil er sich gegen alle Regeln verliebt? Alle Fragen beantwortet der Roman. „Wie man die Zeit anhält“ wird zum großen Leitmotiv eines Romans, der in einer Reihe mit Gabaldon und Brashares zu nennen ist, wenn es um die großen „Zeitgeschichten“ geht.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Das Buch aus dem Hause dtv ist ein wahrer Pageturner. Die Hörbuchfassung von Der Hörverlag besticht und brilliert mit der Auswahl des Sprechers, der in die Rolle von Tom Hazard schlüpft. Alle Emotionen gilt es hier zu transportieren. Das Changieren der Stimmungslagen ist hier das Kunstwerk an sich. Humor, Kuriositäten und Anekdoten in ständigem Wechsel mit Verlustangst, Trauer, Zweifel und Verliebtheit zur Entfaltung zu bringen ist das prädestinierte Betätigungsfeld für Christoph Maria Herbst. Was er ins Hörbuch zaubert, ist schlicht und ergreifend gar nicht schlicht aber doch ergreifend. Er spricht sich in alle Rollen hinein, macht Geschichte lebendig und reanimiert die Großen der Weltgeschichte.

Wenn ich jetzt sage, ich könnte Christoph Maria Herbst stundenlang zuhören und einfach nur genießen, was er mir erzählt, dann sage ich das aus gutem Grund. Es fußt auf meiner Hörerfahrung. Neuneinhalb Stunden trieb ich mit seiner Stimme ungekürzt durch alle wichtigen Epochen der Geschichte. Nie verlor ich den Faden, immer wieder holte er mich da ab, wo ich das Hören unterbrach. Und immer, wenn es galt Tränen zu lachen oder zu vergießen, gelang es Christoph Maria Herbst mich in die entsprechende Grundstimmung zu versetzen. Hören oder lesen? Ich kann mich nicht entscheiden. Die Vielfalt der Charaktere verleitet mich sehr zum Hören. Ein absolutes Erlebnis. Am Ende bleibt nur festzuhalten, dass die literarische Fallhöhe in diesem Roman extrem hoch ist. Lachenweinen garantiert.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

„Die Geschichte des Wassers“ von Maja Lunde

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Ich höre noch immer das Summen der Bienen, denke sehr oft an die Konsequenzen ihres Aussterbens, vernehme Warnungen, die ungehört verhallen und kann einfach die kleine verendete Biene auf dem Cover von Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ nicht vergessen. Zu eindringlich war dieses Buch, zu intensiv wurde mir vor Augen und Ohren geführt, was doch bitte niemals Realität werden sollte. Das große Bienensterben hat bereits begonnen und doch hat vielleicht gerade dieser Roman mehr bewirkt, als so manche TV-Dokumentation. Maja Lunde ist es gelungen, das bedrohliche ökologische Thema so zu verpacken, dass es eine sehr heterogene Zielgruppe erreicht. Ein Roman, der nicht alleine stehen soll, geht es nach der norwegischen Erfolgsautorin. Sie hat den Bienenstock hinter sich gelassen und erzählt uns jetzt „Die Geschichte des Wassers“.

„Ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte,
eigentlich müsste sie Wasser heißen.“

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Von vier Romanen ist inzwischen die Rede, wenn Maja Lundes ökologischer Zyklus zur Sprache kommt. Die vier apokalyptischen Reiter kommen mir in den Sinn. Vorboten des Weltuntergangs. Es war Albert Einstein, dem das Zitat „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben“ zugeschrieben wird. Der erste Reiter der Apokalypse ist auf seinem Schlachtross durch unser Lesen getrabt und hat tiefe Spuren hinterlassen. Und wenn Maja Lunde jetzt über Wasser schreibt, ist es völlig klar, dass ihr zweiter Reiter wie eine Flutwelle an unseren Gestaden anlanden wird, nur um Dürre zu verbreiten. Brandaktuell ist das Thema. Ebenso aktuell, wie das Aussterben der Bienen. Und doch nehmen wir es nur am Rande wahr.

Kapstadt. Mehr muss ich nicht sagen. Die Wasserknappheit in der südafrikanischen Metropole führt schon jetzt dazu, dass man sein eigenes Wasser zum Friseur mitbringt, wenn man dort die Haare waschen lassen möchte. Sie führt dazu, dass man es danach in einem Kanister als Brauchwasser mit nach Hause nimmt, um die Toilettenspülung in Gang zu halten. Kein Problem der Unterschicht. Es trifft jeden. Und doch… was hat das mit uns zu tun? Drehen wir den Wasserhahn beim Zähneputzen zu und denken an jene Bewohner von Kapstadt? Springen wir nach vier Minuten aus der Dusche und waschen unsere Autos nur noch einmal im Jahr. Betrachten wir den Besuch einer Therme schon als Luxus und sparen uns Wasser für unsere Kinder vom Mund ab? Nein! Warum denn auch. Es fließt. Es ist billig und es ist im wahrsten Wortsinn im Überfluss vorhanden. Es ist nur Wasser. Also immer mit der Ruhe. Wasser und Bienen. Zwei Apokalypsen, zwei Botschafter des Untergangs, zwei Szenarien, die uns nicht betreffen. Punkt.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Maja Lunde räumt auch mit diesem Irrglauben auf. Die Geschichte des Wassers“ lässt kaum Spielraum für Fehldeutungen. Sie macht betroffen, obwohl Maja Lunde, wie bei den Bienen alles andere als ein Sachbuch präsentiert. Sie schreibt auch nicht über das Wasser an sich. Sie erzählt von Menschen. Sie erzählt Geschichten. Doch während ihr Bienenroman noch aus drei Erzählebenen bestand, die das Vor, Während und Nach dem Aussterben der fleißigen Bestäuber beschrieben, beschränkt sie sich nun mit zwei Handlungssträngen. Wir alle durchleben gerade die nicht vorhandene erste Ebene ihrer Geschichte. Wir erleben das Vor der globalen Wasserknappheit. Der Roman zeigt uns, wie es weitergeht, wenn wir wegschauen. Kapstadt wird zu Europa, Europa wird global und alles wird durch einen Mangel verbunden, den der Mensch kaum zu ersetzen weiß. Wasser.  

Und genau hier reißt uns Maja Lunde aus unseren Träumen. Sie beginnt im Jetzt. Sie erzählt die Geschichte der Umweltaktivistin Signe, die alle Klima-Veränderungen in ihrer Heimat, den norwegischen Fjorden am eigenen Leib erlebt, die in der Rückschau auf ihr fast siebzig Jahre währendes Leben all die Fehlentwicklungen mitbekommen hat und nun die Ausweglosigkeit erkennt. Dass ewige Eis der Gletscher wird zum Luxuseis der Schönen und Reichen, die ihre Gläser auf ein tolles Leben erheben. Die Natur wird zur Geisel der Menschheit. Flüsse werden begradigt, unterirdisch umgeleitet und Signe ergreift die wohl letzte Chance ihres Lebens, ein Zeichen zu setzen. Nicht nur für Natur und Umwelt, nicht nur für die Zukunft der Menschheit. Nein. Ein Zeichen, das zeigt, wie sehr ihr eigenes Leben vom Verrat, der Illoyalität und dem Egoismus von Menschen in ihrem engsten Umfeld geprägt war. Sie geht an Bord ihres Segelbootes und begegnet ihrem apokalyptischen Reiter auf ihrer Fahrt nach Frankreich. Die „Blau“ ist ihre Arche.

Die Geschichte des Wassers

Dieser Erzählstrang im Hier und Heute ist ein genialer Kunstgriff von Maja Lunde, weil sie uns damit verdeutlicht, dass unser gefühltes Vor der Katastrophe in Wirklichkeit das Während bedeutet. Wir wollen es nur nicht realisieren. Signes Geschichte allein ist schon in der Lage, uns zu wecken, Dinge zu sehen, die wir verdrängen. Unseren Blick zu schärfen und den belächelten Umweltaktivisten von heute mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Maja Lunde wäre aber nicht die Maja Lunde der Bienen und des Wassers, wenn sie nicht einen entscheidenden Schritt weitergehen würde. Ein Schritt der aus den offenen Augen nun mehr entstehen lässt. Sie beschreibt eine apokalyptische Vision in der das Wasser ebenso verschwunden ist, wie einst die Bienen des ersten Romans.

Hier lernen wir David und seine Tochter Lou kennen. Wir schreiben das Jahr 2041. Wir befinden uns in einem Land in dem Wasser nicht nur knapp, sondern umkämpft ist und ein Land, in dem die verzweifelten Menschen sich auf der Flucht befinden. Wobei die Flucht eher einer ziellosen Reise gleicht. Das Ziel „Wasser“ ist unerreichbar. David durchlebt mit seiner Tochter das Horrorszenario der Wasserknappheit, sieht den Sturz der Menschen in die Hoffnungslosigkeit und doch bleibt ihm keine andere Wahl. Nach der Trennung von seiner Frau und seinem Sohn bleibt ihm nur der Weg in die großen Flüchtlingslager, um zu suchen und zu überleben. Eine heillose Flucht. Verlust, Angst und Panik gehen Hand in Hand. Bis Vater und Tochter auf einem Streifzug auf etwas stoßen, das hier absolut fehl am Platz ist. Ein altes Segelboot mitten in Frankreich. Auf dem Trockenen.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Eine tote Biene und ein gestrandetes Boot zieren diese beiden Bücher von Maja Lunde. Die wertigen Printausgaben vom btb Verlag versprechen und halten viel. Beide Romane schmiegen sich aneinander und nähren meine Hoffnung auf ein ökologisches Quartett. Vielleicht geht es ja mit Luft weiter. Vielleicht auch mit einem apokalyptischen Reiter, den wir alle noch gar nicht auf dem Schirm haben. Maja Lunde überzeugt, weil sie ein brisantes Thema einer breiten Masse von Lesern ins Stammbuch schreibt. Wir können uns den Bienen und dem Wasser nicht entziehen. Das macht die Botschaft der Romane aus. In der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag kommen die zwei Erzählstränge alleine schon durch eigene Erzählstimmen zum Tragen.

Atmosphärisch verbreitet das mehr als achtstündige Hörbuch die Stimmung der Romanvorlage. Christiane Blumhoff ist so sehr Signe, dass es schmerzt zu erahnen, wie ihre letzte Mission endete und Shenja Lacher spricht seinen Zuhörern einen David in die Seele, der vor Sorge um das Überleben seiner Tochter sich selbst und all jene zu vergessen scheint, die ihm etwas bedeuten. Der Dialog der beiden Stimmen entspricht der Geschichte in herausragender Art und Weise. Ein brillantes Hörbuch, das uns eine Tür in eine Welt öffnet deren Teil wir heute schon sind. Wir wollen es nur nicht glauben. Maja Lunde sensibilisiert uns für unausweichliche Themen. Kein erhobener Zeigefinger und keine Besserwisserei in Buchform. Sie erreicht ihre Ziele indirekt. Durch die Brust ins Herz. Der intelligenteste literarische Hinterhalt, den ich bisher erlebt habe.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Nun kann man sich die Frage stellen, ob das „System Lunde“ auch die nächsten beiden Bücher tragfähig macht, oder ob das Festhalten am Prinzip „Never change a running book“ künftige Leser sogar langweilt, weil die Methode mehrerer Perspektiven auf eine drohende Apokalypse sich irgendwann verbraucht. Eine berechtigte Frage. Es mag dann vorhersehbar sein, was Maja Lunde schreibt. Es mag absehbar sein, wie ein Roman endet, wenn er strukturell nach einer erprobten Blaupause konstruiert wird. Ich sehe trotzdem auch weiterhin viel Potenzial in ihren Geschichten, da sie eigentlich nie „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Geschichte des Wassers“ erzählte.

Maja Lunde erzählt Menschengeschichten und die Menschen, von denen sie uns in ganz besonderen ökologischen Rahmenbedingungen erzählt, sind diese Bücher wert. Ich habe dieses Lesejahr zu meinem Jahr des Wassers erklärt. Nun gut, man weiß ja, dass ich bloggend oft nah am Wasser gebaut habe, aber es lohnt sich auch weiter mit mir in See zu stechen. Es gibt viel zu entdecken. Folgt mir ins Büchermeer

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„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter