„Die Schöne und das Biest“ – Ein Klassiker im neuen Ballkleid

Die Schöne und das Biest

Die hässlichsten Männer finden die schönsten Frauen! Ist doch so, oder? Also nicht bei mir, um es mal ganz bescheiden auszudrücken. Ich sehe einfach zu gut aus, und es liegt auf der Hand, dass der literarische Sternwärter und seine Sternwärterin eine große Ausnahme von der Regel sind. Aber Spaß beiseite, denn was sollte Spaß mit Literatur gemeinsam haben? Echt jetzt! Kommen wir zurück zum Wesentlichen. Die dümmsten Bauern haben – Nein, das war es nicht. Die hässlichsten Männer haben die schönsten Frauen. Ist so. Und die Literatur ist nicht ganz unschuldig an diesem ungeschriebenen Gesetz. Ein Beispiel gefällig?

Die Schöne und das Biest von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve geistert seit dem Jahr 1740 als neu aufbereitetes französisches Volksmärchen durch die Gazetten, bevor die Geschichte als Jugendbuchklassiker Fuß fasste und seinen Siegeszug in der Welt der Literatur antrat. Unzählige Male wurde der ursprüngliche Stoff adaptiert, verändert, verkürzt, illustriert und sowohl in Theaterfassungen, Musicals und Verfilmungen auf der ganzen Welt bekannt. Nicht zuletzt Walt Disney hat dafür gesorgt, dass die Geschichte unsterblich wurde.

Die Schöne und das Biest

Viele Abwandlungen der Geschichte haben sich heute in Wohlgefallen aufgelöst. Geblieben sind eigentlich nur zentrale Elemente der Geschichte, die Rahmenidee und die beiden Protagonisten, die jedoch auch im Wandel der Zeit einen eigenen Wandel durchlebt haben. So hatte das Biest, wie wir es von Walt Disney kennen, in der Version von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve einen elefantenartigen Rüssel. Kaum vorstellbar heute. Oder? Jedenfalls ist es aus heutiger Sicht extrem spannend, sich die Urform der Geschichte genauer anzusehen, um den Disney-Extrakt besser einordnen zu können.

Die Schöne und das Biest in der prachtvollen und interaktiven Ausgabe aus dem Coppenrath Verlag bietet hier einen Einstieg, der nicht geeigneter sein könnte. Hier liest man erstmals in einem verspielten und handwerklich einzigartigen Buchkunstwerk die komplexe Geschichte eines Mädchens, das ebenso sehr unter der Tatsache leidet, die Gefangene im Schloss eines Biests zu sein, wie unter der Eifersucht ihrer Schwestern, die sie um den prunkvollen goldenen Käfig beneiden. Erstmals tauchen hier schon die zentralen Erzählelemente auf, die wir in unserer Wahrnehmung der Geschichte mit der Erzählung verbinden. Die Rose als Zeichen vergänglicher Liebe, der Prinz im Gewand eines verwunschenen Monsters und der allgegenwärtige Prunk eines Schlosses, das zu leben scheint. Nur Belle sieht nur das Äußere und nimmt den Schein wahr. Die innere Schönheit des Monsters erkennt sie erst, als es fast zu spät ist.

Die Schöne und das Biest

Gabrielle-Suzanne de Villeneuve ebnet den Weg für eine absolute Erfolgsgeschichte der Weltliteratur. Die Botschaft der Geschichte trägt bis in unsere Zeit und verfehlt ihren durchaus pädagogischen Wert nicht. Das äußere Erscheinungsbild zeigt nie das wahre Wesen eines Gegenübers und Liebe kann abseits der tradierten Vorstellungen von der Macht der Schönheit entstehen, wenn sie aufrichtig und tief ist. Diese Botschaft wird im vorliegenden Buch, nach der Originalausgabe von Harper Collins, illustriert und animiert von dem legendären Künstler-Duo MINALIMA, nicht nur spielerisch transportiert. Hier wird Jugendliteratur zelebriert und vergleichbar zur ebenso grandiosen Prachtausgabe von Peter Pan nicht nur zum Kunstobjekt erhoben, sondern alltagstauglich präsentiert.

Gerade für junge Menschen ist es eine Herausforderung, vom Original auf die neue Welt von „Die Schöne und das Biest“ zu schließen. Hierbei zu erkennen, was von der eigentlichen Geschichte übriggeblieben ist, zeigt deutlich, wie sich Literatur wandelt. Es ist eine Entwicklung, die auch Peter Pan, Das Dschungelbuch und andere Werke der Weltliteratur durchlebt haben, bis sie ihre heutige Gestalt annehmen konnten. Hier wird aus einem Buch ein Erlebnis. Die hochwertigen Inlays versprühen den Luxus und auch die tiefe romantische Verspieltheit, die für „Die Schöne und das Biest“ charakteristisch sind. Ein Gesamtkunstwerk, das auf dem deutschen Buchmarkt seinesgleichen sucht.

Die Schöne und das Biest

Wenn man sich nun ausgehend vom Originalwerk auf die ganz persönliche Reise zur aktuellen Verfilmung von Walt Disney macht, so erkennt man die signifikanten Unterschiede und Evolutionsschritte eines ehemals komplex angelegten Märchens bis hin zum inhaltlich verknappten Musical, dem jedoch noch immer ein ganz eigener und unverfälschter Charme innewohnt. Allein Emma Watson in der Hauptrolle der Belle ist es wert, sich ins Kino zu begeben und sich verzaubern zu lassen. Die Geschichte wird nun gespielt, gesungen, getanzt, inszeniert und ist mit Computertechnik verfeinert, die Maßstäbe setzt. Und doch bleibt sich Walt Disney mit dieser Adaption treu, indem man den Zauber des eigenen Zeichentrickfilms aus dem Jahr 1991 in einen realen Film mit echten Schauspielern transportierte. Das Erfolgsrezept geht scheinbar auf. Obwohl die Geschichte nicht mehr taufrisch ist, konnte sich der Film erfolgreich platzieren. Herzen und Emotionen spielen angesichts der Brillanz dieser Verfilmung immer noch verrückt.

Wer sich im Film in Emma Watson verliebt hat, der kann auch bedenkenlos zum neuen Hörbuch „Die Schöne und das Biestaus dem Hause Der Hörverlag greifen. Hier verbreitet die Synchronsprecherin von Emma Watson, die wundervolle Gabrielle Pietermann (auch bekannt als die Stimme von Daenerys Targaryen aus der epischen Serie Game of Thrones) ihre ganz eigene Stimmung und knüpft in jeder Beziehung an den Film an. Hier kann sie sich sogar noch mehr ausleben, da sie der Geschichte auch als Erzählerin ganz besondere Tiefe verleiht.  Diese neue Produktion hat sich auf ihren beiden CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 1 Stunde und 41 Minuten tief eingebrannt.

Die Schöne und das Biest

Was für ein Ausflug in die Welt der Jugendbuchklassiker. Originale Buchvorlage, Neuverfilmung und Hörbuchadaption der modernen Fassung ergeben auf diese Weise das Kaleidoskop einer Geschichte, die ihre Leser schon seit einigen hundert Jahren zu verzaubern weiß. Ein Ausflug, der gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen sehr viel Spaß macht, weil man auf diesem Wege verstehen lernt, wie sehr sich Geschichten im Lauf der Zeit verändern. Am Beispiel einer Rose ist es nur die innere Blüte, die alle Zeit überdauert, während sich das schmückende Beiwerk dramatisch verändert. Die große Erkenntnis am Ende dieses literarischen Ausfluges lautet, dass die zentrale Botschaft von „Die Schöne und das Biest“ überlebt hat und zeitlos gültig ist.

Wahre Schönheit kommt von innen.

Was wird aus unseren großen Geschichten in ein paar hundert Jahren? Bleibt von Harry Potter nur ein verknapptes Musical im Gedächtnis, werden unsere Klassiker von heute in der Verknappung reizvoller, seichter, besser zugänglich? Bleiben Botschaften erhalten und was denken junge Menschen in zweihundert Jahren, wenn sie Eulenpost bekommen und den Namen Voldemort hören? Schön wäre es jedenfalls, wenn nicht in Vergessenheit geraten würde, womit wir literarisch aufgewachsen sind.

Peter Pan – Die Schöne und das Biest – Das Dschungelbuch… Coming soon…

Hier geht es schon im Juni weiter. Ein Kinderbuch, das nie als solches gedacht war entführt uns zu einer Geschichte, die sich auch bei uns nur noch in ihrer simplifizierten Form festgesetzt hat. „Versuch`s mal mit Gemütlichkeit.“ Ich wage ein Tänzchen mit dem „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling. Auch hier liefert der Coppenrath Verlag die Steilvorlage für eine Expedition in die Vergangenheit der Jugendliteratur. Vielleicht habt ihr Lust mir dann zu folgen…

David Foenkinos – „Das geheime Leben des Monsieur Pick“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Die Literatur schreibt die größten Geschichten selbst. Sagt man doch so, oder? Es ist wie mit dem Leben. Da braucht es keine Fantasie oder gar kreative Gedanken. Man nennt es landläufig nur Schicksal und schon ist die beste Story der Welt im Kasten. Das muss sich auch David Foenkinos gedacht haben, als er sich Das geheime Leben des Monsieur Pickausgedacht hat. Da setzt sich ein renommierter Schriftsteller hin und konstruiert die Ausgangssituation für einen Roman so plausibel und brillant, dass er im Verlauf seiner Geschichte in der Lage ist, die gesamte Buchbranche auf die Schippe zu nehmen. Und das geht so:

Nehmen wir einmal an, es gäbe in einem kleinen französischen Städtchen eine kleine Bibliothek. Nehmen wir darüber hinaus an, der dortige Bibliothekar wäre der Anhänger einer Idee, die es in Amerika zu bescheidenem Ruhm gebracht hätte. Nehmen wir an, dieser Bibliothekar würde den Leitgedanken der Brautigan Library in der Bretagne mit neuem Leben füllen und eine Bibliothek der unerwünschten Manuskripte aufbauen. Richtig gelesen. Jean-Pierre Gourvec kann sich die Höllenqualen abgelehnter Autoren nur zu gut vorstellen und bietet ihnen die Möglichkeit, ihre von den Verlagen ignorierten literarischen Totgeburten aufzunehmen und für die Nachwelt zu bewahren.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, sich auf diesem Wege vom Druck befreien zu können, einen Herzenstext nicht veröffentlichen zu können? Für Gourvec ist es wie der Jakobsweg der Literatur und es dauert nicht lange, bis die Wallfahrten der erfolglos schreibenden Autoren einsetzt. Er braucht schnell Verstärkung und engagiert eine Frau, die nun wirklich über die besten Voraussetzungen für den Job verfügt. Sie interessiert sich nicht für Literatur, war aber schnell genug mit ihrer Bewerbung. Magali wird in den folgenden Jahren des Aufschwungs der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte fast unverzichtbar für Gourvec. Bis zu seinem Tod.

Und schon ist er fertig, der brillante Erzählraum von David Foenkinos. Jetzt kann er richtig loslegen und sein Szenario in vollen Zügen genießen. Und wie er es genießt. Das spürt man auf jeder Seite, in jeder Zeile und fast bei jedem Wort. Auftritt Delphine Despero. Die erfolgsverwöhnte Lektorin spürt den Druck des Buchmarktes am eigenen Leib. Nach einem überraschenden Bestseller muss sie erneut liefern. Nur kann sie jetzt nicht auf ihren Freund setzen, der ihr zum letzten Erfolg verhalf, jetzt aber nichts mehr zustande bringt. Der Zufall (oder das Schicksal) springt sie an. Sie hat Glück, denn bei einem Besuch in der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte stößt sie auf ein Werk, das alle Voraussetzungen erfüllt, den Buchmarkt zu erobern.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Hier setzt David Foenkinos das Skalpell an, hier vollführt er seine Schnitte mit einer chirurgischen Präzision, die der Buchwelt alle Masken aus dem Gesicht schneidet. Man stürzt sich auf das geheimnisvolle Werk. Der Inhalt ist zwar relevant, eine schöne Story ist es ja schon, aber die Geschichte rund um diesen Roman und den geheimnisvollen und bereits verstorbenen Verfasser macht ihn zum begehrten literarischen Objekt. Wir werden Zeugen von Recherchen im Umfeld des Autors. Grandios, dass er Pizzabäcker war. Grandios, dass er scheinbar unbelesen war. Grandios, dass seine Familie nichts davon ahnte, dass er jemals etwas geschrieben hat. Grandios. Grandios. Grandios.

Wir erleben Vertreterkonferenzen, fühlen die elektrifizierende Wirkung im Verlag und erleben das, was man gemeinhin als Hype bezeichnet. Das Buch des Pizzabäckers aus der Bretagne wird zum Bestseller. 300000 Exemplare gehen in kürzester Zeit über die Ladentische. Der Buchhandel ist entzückt, die Medien drehen durch und in der Familie von Monsieur Pick beginnt man die Tantiemen zu zählen. David Foenkinos zelebriert alle Automatismen der Branche. Er wirft satirisch anmutende und doch so reale Blicke hinter die Kulissen der Verlagswelt und lässt seine Leser auf einer Welle des Genusses durch seinen Roman reiten.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Dabei führt er uns andere Erfolge der französischen Literatur vor Augen. Sie sind die Wegbegleiter dieser Geschichte, denn Romane wie „HHhH“ von Laurent Binet und Unterwegs zu Swann von Marcel Proust haben ihre so eigenen unverwechselbaren Geschichten und zeigen, wozu unser Buchmarkt immer wieder in der Lage ist. Plötzlich wird das Schicksal, unveröffentlicht zu sein zum Prädikat. Verlage springen auf den Zug auf und der große Reibach beginnt allumfassend. Man könnte brüllen vor Lachen, wenn man nicht gerade Buchliebhaber wäre und langsam den Wahrheitsgehalt dieser Story begreifen würde.

Wir taumeln durch eine Erfolgsgeschichte, die nur einen kleinen Schönheitsfehler hat. Kein Erfolg ohne Neider. Kein Hype ohne Haar in der Büchersuppe und nichts geht ohne, dass man zwanghaft versucht ist, auch das letzte kleine Mysterium im geheimen Leben des Monsieur Pick zu lösen. Ein abgehalfterter Kritiker macht sich auf die Fährte. Er will seine Sensation. Er will aufdecken, was bisher den Zauber der Geschichte und damit den Erfolg garantierte. Er will beweisen, dass es unmöglich der Pizzabäcker aus der Bretagne gewesen sein kann, der diesen grandiosen Roman verfasst hat. Ich folge ihm. Freue mich auf weitere Wendepunkte in der wundervoll erzählten Geschichte von Foenkinos und begehe den Lesefehler meines Lebens, weil ich lesend verdrängt habe, wessen Buch ich hier lese. Wessen Hörbuch ich mit einem brillanten Axel Milberg hier höre. Es geht um den Autor von Charlotte. Das hatte ich verdrängt.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Oh Mann – Da schreibt dieser David Foenkinos über 280 Seiten einen unglaublich satirischen und unterhaltsamen Roman über die Welt des Buchmarktes. Da fabuliert er, überzeichnet, persifliert und packt mich mit jeder Seite und jedem neu auftretenden Charakter neu. Im Hörbuch bringt mich Axel Milberg mit seinem scheinbar harmlosen Charme, wohl wissend was folgt, immer wieder zum Schmunzeln und ich treibe freudig durch die Wortwogen. Und dann… Dann nähert sich David Foenkinos dem Ende seiner Geschichte und zieht mich an den Füßen in die Tiefe seines Könnens. Da ist er wieder. Jetzt ist er der große tragische Romantiker, dem ich bereits in „Charlotte“ begegnete und ich schäme mich der Tränen und der Rührung nicht, die nun das Lesen begleiten.

David Foenkinos bringt “Das geheime Leben des Monsieur Pick“ zu einem völlig anderen Ende, als man dies auf den ersten 280 Seiten erwarten konnte. Er hat seine Ausgangssituation nicht gebraucht, um eine Satire zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Er hat die Satire gebraucht, um über den wahren Wert der Literatur zu schreiben. Und hier setzt dieser Roman Maßstäbe, weil Foenkinos die losen Enden seiner Handlungsfäden zu einer Botschaft verwebt, die uns Büchermenschen im Herzen trifft. „Bücher können dein Leben verändern, selbst wenn du schon lange gestorben bist.“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

„Die Terranauten“ von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Es klingt nach Science Fiction, wenn man den Roman Die Terranauten von T.C. Boyle zur Hand nimmt. Es klingt nach wissenschaftlich basierter fiktionaler Story, es schmeckt nach Zukunft und es riecht nach einem Leben in einer simulierten Welt, wenn man dem Klappentext des Hanser Verlages folgt. „Ecosphere 2“ ist die Bezeichnung für eine künstlich geschaffene Erde, in der acht „Terranauten“ das Leben auf unserem Planeten simulieren, um beweisen zu können, dass der Mensch in der Lage ist, sich in einem geschlossenen System völlig autark zu versorgen und zwei Jahre lang nicht nur zu überleben, sondern auch die Basis für weitere Missionen zu schaffen.

Ecosphere 2 ist das perfekte Abbild unserer Welt in einem riesigen Terrarium im Nirgendwo der Texanischen Wüste. Alle Klimazonen sind künstlich angelegt. Für die Ernährung der Wissenschaftler ist die Basis gelegt. Ackerbau, Viehzucht, Wasser- und Sauerstoffversorgung sind in diesem Mega-Komplex die Grundlagen für die zukünftige Selbstversorgung von vier Männern und vier Frauen, die in den nächsten beiden Jahren hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt werden, um den wissenschaftlichen Beweis der Theorie von „Ecosphere 2“ erbringen zu können.

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Und wozu das alles? Wozu dieser immense Aufwand? Ganz einfach: Um zu zeigen, dass menschliches Leben auf anderen Planeten in ferner Zukunft möglich ist. Wer den Roman Der Marsianer von Andy Weit kennt, wird wissen, welche wissenschaftlichen Vorarbeiten erforderlich waren, um diese Mission zum Roten Planeten zu ermöglichen. Und hier kommen unsere „Terranauten“ ins Spiel. Sie simulieren im Glaskasten, was für spätere Besiedelungen im Weltall lebensnotwendig ist. Und dies nicht nur unter der Aufsicht einer wissenschaftlichen Leitung sondern unter den wachsamen Argusaugen der Weltöffentlichkeit.

Nichts rein – Nichts raus! Das ist das Mantra der geschlossenen Gesellschaft und nur ein einziger Verstoß gegen diese Maxime würde das gesamte Projekt mit einem Schlag ad absurdum führen. Ein Scheitern wäre der finale Todesstoß für das gesamte Projekt. Das ist die große menschliche Herausforderung für acht Forscher, die für zwei Jahre nicht nur wissenschaftliche Versuchstiere sind, sondern auch ein Team bilden müssen, das die Durchhaltefähigkeit als Gruppe gewährleistet. Hier hat T.C. Boyle einen in sich geschlossenen Erzählraum gefunden, in dem er seine Protagonisten jedem Szenario in der künstlichen Welt aussetzen kann, das der Mission ein Bein stellen könnte.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Das hat was von einer Langzeitvariante von Big Brother, nur dass nun das gesamte Team gewinnen muss, um die Herausforderung zu bestehen. Individuelle Belange sind für den Erfolg des Ganzen zu unterdrücken. Teamplay ist angesagt. Und dies unter den Parametern eines dauerhaften Einschlusses unter den Risiken der Unterversorgung bei gleichzeitiger Zuspitzung zwischenmenschlicher Konflikte. Wenn das mal nicht der Stoff ist, aus dem gute Romane gestrickt sein müssen. T.C. Boyle schöpft aus dem Vollen in seiner Beschreibung der Auswahl der Kandidaten, der Enttäuschung derer, die nicht ins Terrarium einziehen dürfen und der sich immer weiter zuspitzenden Konflikte derer, die doch eigentlich zusammen funktionieren sollten.

Nichts rein – Nichts raus! Nur wir sind davon ausgenommen. Für Leser und Hörer der Geschichte ist Ecosphere 2 semipermeabel. Wir können rein und raus. Wir sind in der Lage, die Situation in Mission Control zu beobachten, folgen den „Terranauten“ zu den täglichen Arbeiten und verfolgen die große Variable der Geschichte: Das wahre Leben. Denn jede einzelne Sequenz wird überlagert vom Ego der Eingeschlossenen. Konflikte reichen und tragen weit. Das Casting hat seine Narben hinterlassen und die Gruppe ist in sich nicht homogen genug, um die Herausforderungen einfach so zu kompensieren.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Was dieser Mission wahrlich gefehlt hat, ist die sexuelle Anziehungskraft, die das geschlossenen System zum implodieren bringt. Enthaltsamkeit, Isolation und Druck, es sind alle Parameter vorhanden, den menschlichen Kochtopf zum Sieden zu bringen. So auch in den wechselnden Beziehungen, den losen Kontakten, dem ersten Stelldichein und der ungewollten Konsequenz aller Leidenschaft. Rein und raus. Im Terrarium geht es erstaunlich gut. Als jedoch eine „Terranautin“ schwanger wird, steht die Mission vor dem Aus. Eifersucht regiert, ein zusätzliches und nicht kalkuliertes kleines Maul wäre zu stopfen und die Weltöffentlichkeit ist fokussiert auf das Terranauten-Baby. Gibt es einen Ausweg?

Ich bin hin- und hergesprungen zwischen denTerranauten in Buchform und der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Die Konstruktion der Geschichte ist hierfür prädestiniert. In drei Perspektiven gilt es, sich „Ecosphere 2“ zu nähern. Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp liefern die hermetisch geschlossenen Sichtweisen aus dem Inneren, während Linda Ryu den Sprung ins Team verpasst hat und nun von außen beobachten muss, was ihr selbst verwehrt wurde. Als Dawn schwanger wird, ist es Linda, die ihre Chance wittert. Nicht nur weil Ramsay die Vaterrolle nicht annehmen will, sondern auch noch ein Verhältnis mit einer Frau hat, die draußen auf ihn wartet. Es brodelt nicht nur. Die Atmosphäre kocht.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Im Hörbuch gelingt es August Diehl, Ulrike C. Tscharre und Eli Wasserscheid die sich aufbauenden Konflikte sukzessive und dramaturgisch perfekt inszeniert zu einem Vulkanausbruch zu steigern. Authentisch wirken sie, wenn sie ihre Sichtweise vertreten und unglaubwürdig wirken die Anderen, bis sie selbst das Wort ergreifen. Der Hörer ist hin- und hergerissen zwischen Antipathie und Sympathie zu den drei Charakteren und ihren Mitbewohnern in und außerhalb von „Ecosphere 2“. Die Zeit läuft, die Biologie ist nicht aufzuhalten und die ganze Welt beäugt die „Terranauten“  im Fernsehen und vor dem Besucherfenster einer ständig wachsenden Touristenattraktion.

Authentisch ist dieser Roman in jeglicher Hinsicht. Ich habe mir zur Sicherheit vor meinem Aufenthalt im Roman meine Weisheitszähne ziehen, den Blinddarm entfernen lassen und auf Deodorant und Rasierschaum verzichtet. Auch für mich galt: Nichts rein. Nichts raus. Ich habe mit Mission Control zusammengearbeitet, Ziegen gemolken und Fische im künstlichen Ozean gefangen. Ich habe nicht gejammert, als die Temperatur auf über 48 Grad Celsius stieg und ich bin am Tag des Wiedereintritts auf allen Vieren aus der Luftschleuse gekrochen, nur um wieder eine Überraschung zu erleben. Und die hatte es wahrlich in sich. Als Buch brillant, in seiner Hörbuchfassung eine Adaption, die den Hörer ganz nah an die „Terranauten“ bringt.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Und doch sei am Ende die Frage erlaubt, ob ich es hier wirklich mit Science Fiction zu tun habe. Ob T.C. Boyle einen Fantasieraum geschaffen hat, der visionär und auch ein wenig utopisch ist? Ob seine literarische Kreativität bahnbrechend ist und die Leser erst in einigen Jahren feststellen werden, wie plastisch er die Zukunft abgebildet hat. Es ist nicht so. Es ist eher Past Fiction, denn das Vorbild für „Die Terranauten“ ist unter dem Namen „Biosphere 2“ schon seit der Mitte der 1990er Jahre gescheitert und wird nur noch als Touristenziel vermarktet. Daraus macht auch T.C. kein Geheimnis.

Folgt man der Missionsbeschreibung zu „Biosphere 2“ auf Wikipedia, so hat man das grundlegende Gerüst für den Roman „Die Terranauten“ vor Augen. Vom Scheitern einer ersten Mission aufgrund der Handverletzung eines Teammitgliedes bis hin zu den ausufernden zwischenmenschlichen Spannungen. Insofern bietet der Roman eigentlich nur in der Fiktionalisierung der Charaktere neue Ansätze. Die Überhöhung der Konflikte durch die Schwangerschaft von Dawn Chapman ist mehr als gelungen. Neuland jedoch hat T.C. Boyle nicht betreten. Er hat viel Sand aufgewirbelt, der eine grandiose Story in der Wüste von Texas begraben hat.

„Ein Schwur ist ein Schwur. Nichts rein. Nichts raus.“

Für mich ist zu viel von draußen in den Roman reingekommen. (Siehe Spiegel vom 22.09.2011)

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„Jetzt, Baby“ – Treffpunkt um drei am Eck mit Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Man sagt ihr nach, sie fange das virale Lebensgefühl einer Generation in ihren Poetry-Slam-Texten ein. Man sagt ihr nach, sie könne mit ihren Worten sowohl auf der Bühne, als auch in ihren Büchern mitreißen und berühren. Man sagt ihr nach, junge Menschen würden sich in ihrem Poesiesturm wiederfinden, neu entdecken und Zuversicht tanken. Man sagt ihr nach, dass sie spätestens seit ihrem sensationellen Internet-Erfolgs-Slam One Dayzur Stimme einer Jugend wurde, die sich auf der Suche nach dem wahren Sinn des Lebens oftmals in Oberflächlichkeit verliert. Man sagt ihr nach, sie habe viele Antworten auf offene Fragen zu poetischen Freiflügen verdichtet. (hier weiterhören…)

Jetzt, Baby - Poetry Slam von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann – Mit einem Klick zum Radio-PodCast

Sie – Das ist Julia Engelmann.

Man sagt mir nach, dass ich dem Lebensgefühl der Jugend von heute entwachsen sei. Man sagt mir nach, dass ich der Vorstellungswelt einer Quarter-Life-Crisis schon seit vielen Jahren entrückt sei. Man sagt mir nach, ich könne mit den Sorgen und Nöten der Jugendlichen wenig anfangen, weil ich meine Schäfchen ja längst im Trockenen habe. Man sagt mir nach, dass Poetry Slam für mich nur noch gute Unterhaltung sei, ohne der tiefen Suche nach Hoffnung, Zuversicht, Perspektive und Liebe folgen zu können. Man sagt mir nach, ich hätte ja schon ausgeliebt.

Ich – Das bin ich.

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Was sollte also mich (54) dazu veranlassen, dem Aufruf von ihr (24) mit dem Titel „Jetzt, Baby“ zu folgen, ihr zuzuhören und mir dabei einzubilden, „Baby“ könne auch ich selbst noch sein? Was sollte mich dazu bringen, den Zukunftsängsten, Liebesnöten und Hoffnungsträumen einer jungen Frau zu folgen, zu deren Zielgruppe ich bestimmt nicht gehöre? Wo sollte eine Gemeinsamkeit, eine Lebensschnittmenge zu finden sein, die dafür verantwortlich ist, dass ich „Um drei am Eck“ auf Julia Engelmann warte?

So heißt nämlich einer der Texte ihrer neuen Poetry-Slam-Kollektion Jetzt, Baby“ und knüpft in meiner Gefühlswelt an ihren Auftritt beim 5. Bielefelder Hörsaal-Slam an, der für mich mehr als unvergessen ist, seit ich das Youtube-Video zum ersten Mal sah. „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein…“ So beginnt sie und erweitert mit diesem ersten Satz das Spektrum derer, die sich aufgrund ihrer Jugend angesprochen fühlen, um jene, die schon bei „Eines Tages“ angelangt sind. Ich habe mich selbst hinterfragt, welche Geschichten ich erzählen könnte, wenn ich sie denn hätte erleben wollen.

Der Konjunktiv ihres Slams hat mich rückblickend ebenso zweifeln lassen, wie sie ihre jungen Zuhörer vorausschauend zweifeln ließ. Auch ich selbst habe mich mitreißen lassen und an all jene Geschichten gedacht, die mir selbst gehören und jene, an denen ich noch schreiben kann, um sie später zu erzählen. Vielleicht verdanke ich es diesem Text, dass ich ganz bewusst an meiner Geschichte schrieb und Sehnsüchten folgte, die heute für mich erfüllt sind.

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Jetzt, Baby von Julia Engelmann

Und jetzt stehe ich hier, um drei am Eck und warte. Ja, hier ist eine Verbindung zu Gedichten, die vom Erwachsenwerden handeln und doch weit davon entfernt sind, sich erwachsen anzuhören. Hier ist eine Schnittmenge, in der Julia Engelmann den Schnitt verweigert und ihren poetischen Erzählraum öffnet. Sie schließt mich nicht aus und gibt mir nicht das Gefühl, ihre Gefühle nicht teilen zu dürfen. Betonluftballons schweben in tristen Farben auch über meinen Visionen und Träumen. Dem Alltag zu entfliehen fällt mir ebenso schwer, wie der jungen Frau, die einfach mal loslassen möchte.

Ich habe die Verabredung nicht bereut. Julia Engelmann hat mir ihren bunten Mix an neuen Texten ins Gepäck geschmuggelt und wir sind einfach aufgebrochen. Ziellos ist die Reise an ihrer Seite nicht. Es ist wie auf dem Titelbild des Hörbuches. Man fühlt sich neben ihr auf der Schaukel sitzend, Schwung holend für die Flucht nach vorne, auf dem Höhepunkt des Wörterfluges aber auch den Weg zurück antretend. Erkennend, woher man kommt und wohin man eigentlich will. Melancholie, Sehnsucht und das befreiende Lachen über sich selbst, all dies kann man von Julia Engelmann lernen. Ihre Gedichte haben Gewicht, lasten aber nicht schwer im Gepäck des Lebens.

Ich habe mich für das Hören entschieden. Ich mag die Stimme von Julia Engelmann, ihren Rhythmus, ihre leisen Gluckser, die man nicht schreiben kann. Der Hörverlag hat „Jetzt, Baby“ ungekürzt im Programm. Der Goldmann Verlag hat es als Taschenbuch in die Welt gesetzt. Entscheidet euch selbst für einen Weg. Ich kann euch diesen puren Genuss nur ans Herz legen. Zeitlos schön. Ich bin noch weiter unterwegs mit ihr und ich habe eine große Portion Konfetti dabei! Ich habe nämlich noch lange nicht ausgeliebt.

Und es gibt noch einen neuen Weg: hier… (Surprise)

Also komm, wir rennen weit weit weg,
dahin, wo uns keiner kennt.
Wir finden ein Geheimversteck.
Treffen ist um drei am Eck!

Jetzt, Baby von Julia Engelmann - Die slammende Eulenhüterin

Jetzt, Baby von Julia Engelmann – Die slammende Eulenhüterin

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„Fallensteller“ von Saša Stanišić – Zurück in Fürstenfelde

Saša Stanišić - Fallensteller - Astrolibrium

Saša Stanišić – Fallensteller

Als Ferdinand Klingenreiter das Publikum, liebe Freunde, Familie, liebe Kinder, um Ruhe für seine Große Illusion bat, lachten einige, die meisten redeten weiter.

Das ist wohl das Schicksal der großen Clowns. Sie verbergen die tiefen Wahrheiten und Enttäuschungen ihres Lebens hinter bunter Maske, aufgemaltem Lächeln und einer an Situationskomik nicht armen Show. Illusionen und Fluchten sind Programm und erst der zweite Blick offenbart die nicht aufgeschminkte Träne im Auge des Clowns. Sie sind augenscheinlich die Alleinunterhalter im Einerlei und doch tragen sie eine große Tragik in die Manege, die uns unter die Haut geht.

Saša Stanišić ist einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest, seinen Geschichten folgt und vielleicht sogar das Vergnügen hat, ihn bei seinen Lesungen zu erleben. Er verzaubert seine Manege mit knallbunten Lustballons, verführt mit aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt fast beiläufig, dass der Kern seiner Vorstellungen mit einer unübersehbaren Portion bittersüßer Melancholie garniert ist.

Saša Stanišić - Vor dem Fest - Astrolibrium

Saša Stanišić – Vor dem Fest

Erst spät, kam es Klingenreiter in den Sinn, dass sein Talent keines zur Unauffälligkeit gewesen war. Es war … den Leuten schlicht egal, ob er anwesend war oder nicht. Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein.

Wie jeder große Clown bleibt sich Saša Stanišić in seiner Rolle treu. Egal zu sein gehört nicht zu seinen Talenten. Weder als Schriftsteller, noch als Mensch. Die Figuren seiner Geschichten jedoch kämpfen seit jeher mit dem bedrückenden Gefühl, dass sich niemand so wirklich für sie interessiert. Sie stehen am Rande, wirken unsicher und sind uns Lesern dabei so sympathisch nah, weil sie ungeschönt in ihrem Jammertal vor sich hin existieren und aus dieser geschützten Deckung heraus ihre Umwelt beobachten.

So kennen wir ihn selbst aus seinem preisgekrönten Roman „Vor dem Fest“. So haben wir das kleine Nest Fürstenfelde in der Uckermark erlebt und so haben sich die Menschen in dieser „Egalzone“ unseres Landes in unsere Herzen gestohlen. Komisch wirkten sie nur auf den ersten Blick. Doch unfreiwillig komisch waren sie nie. Allzu tief waren die fiktiven Charaktere angelegt, allzu zerrissen waren die Wesenszüge, die sich früher durch Haltung und heute nur noch durch Haltungsschäden auszeichneten.

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Er hatte die Kiste selber entworfen. Fast fünfzig Jahre in einem Sägewerk angestellt, und mit siebenundsiebzig die erste eigene Anfertigung, vom Entwurf bis zur Herstellung.

Hatte uns Saša Stanišić schon mit „Vor dem Fest“ in eine Falle gelockt, aus der es kein Entrinnen gab, so kehrt er mit seinen Erzählungen und Kurzgeschichten unter dem klangvollen Titel „Fallensteller“ zurück in unser Lesen und Hören. Der Erzählraum ist nicht geschlossen, obwohl einige der Geschichten miteinander verwoben sind. Was sie jedoch wirklich verbindet ist diese eine große Manege, in der Stanišić seine kleinen und großen Helden des Alltags auftreten lässt. Komische Käuze sind sie allesamt. Traurige Clowns mit Sicherheit auch, aber das ist literaturimmanent in den Werken des Autors.

Ferdinand Klingenreiter ist vielleicht einer der Vorreiter dieser Geschichten. Er ist den Menschen egal, er ist unauffällig, lebt am Rande und hat im Sägewerk der Familie nie etwas von bleibendem Wert geleistet. Und doch steht er plötzlich auf der Bühne. Er, der nutzlose Schüchterne ist nun „Freddie, der Fantastische“ und zeigt seine wahre und einzige Begabung. Alles ist Illusion, alles ist Zauberei und alles kann verschwinden, auch wenn es vorher gar nicht da war. Seine Show geht in die Geschichte ein als:

Die große Illusion am Säge-, Holz- und Hobelwerk Klingenreiter Import Export  

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Illusionär ist keine der Geschichten und doch sind sie allesamt Fallen. Der Leser geht ihnen auf den Leim, betrachtet das Oberflächliche, schmunzelt über abstruse und skurrile Gedankenflüge und ist verleitet laut loszulachen, wenn der Wortwitz siegt. Doch spätestens dann erkennt man den Köder, der einen in die Falle gelockt hat. Es sind die tiefen Themen unserer Zeit, die von Flucht, Krieg und Verlust handeln. Es sind Themen, die in den Protagonisten verborgen sind und die wir schichtweise zurück ans Tageslicht bringen.

Fast schon spielerisch verirren wir uns in den Wirren menschlicher Abgründe und werden zu Zeugen der verzweifelten Selbstbefreiungsversuche. Eine syrische Malerin verarbeitet ihre Traumatisierung in Aquarellen, ein Handlungsreisender verschwindet in Brasilien ohne ganz zu verschwinden, ein junger Mann erlebt im Ferienlager Albträume weil er die Natur zuvor nur in Form von Holzschränken wahrgenommen hatte und zwei junge Männer mischen die Aktivistenszene gehörig auf. Menschenrechte ohne Rechte Menschen. Das Anliegen dringt durch.

Die größte Falle innerhalb der zwölf Geschichten stellt jedoch diejenige dar, die diesem Buch seinen Titel gab. Fallensteller. Was für eine Überraschung, wieder in der Uckermark zu sein. Die Rückkehr nach Fürstenfelde ist für Leser, die schon in „Vor dem Fest“ mit Stanišić unterwegs waren das eigentliche Highlight in diesem Zyklus. Ja, hier darf man erneut über Lada und all die Hinterwäldler lachen, die einem Fallensteller in die Falle gehen. Wäre Naivität ein Ortsschild, es trüge den Namen Fürstenfelde. Wir sind wieder zuhause und werden auf Schritt und Tritt an den Autor selbst erinnert, der durch sein preisgekröntes Werk dafür gesorgt hat, dass Reisebusse voller Fans auf der Suche nach den Schauplätzen des Romans die beschauliche Ruhe des Dorfes stören.

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Ich habe den „Fallensteller“ gehört. Auf vier CDs bietet der Livemitschnitt der Lesung von Saša Stanišić das ungefilterte „Ich-war-dabei-Erlebnis“ und macht die sprachliche Dynamik des Schriftstellers fühlbar. Er reißt mit und fesselt. Teilweise sogar sich selbst, wenn er bekennt:

Ich bin gerade so begeistert von meinem Text, dass ich Wasser im Mund habe.

Die feinen Untertöne seines Vortrages machen das Hörbuch aus dem Hause „Der Hörverlag“ für mich zu einem besonderen Hörereignis. Es ist brillant zu erleben, wo Stanišić über sich selbst lacht, wo die pointierten Wortwitze tatsächlich verborgen sind und wann eine Geschichte auf ihren Höhepunkt zusteuert. Brillant ist der Erzähler dann, wenn er auf das Ende einer Erzählung zusteuert. Dann wird seine Stimme weich, sanft und verbindlich. Man weiß, dass große Schlussworte folgen. Man beugt sich vor, damit man nichts versäumt. Man ist mittendrin.

Natürlich trägt Stanišić seine Erzählungen bei dieser Lesung gekürzt vor, aber er erzählt, was er weglässt, leitet über, überspielt die entstehende Leere und begleitet sein Publikum. Einen direkteren Hörspaß kann ich mir kaum vorstellen. Perfekt wäre es, das im Luchterhand Verlag erschienene Buch vor dem Hören zu kennen. Aber wer ist schon immer perfekt. Mir genügt das Hörbuch. Es verleitet zum Schwelgen.

Saša Stanišić - Vor dem Fest und Fallensteller

Saša Stanišić – Vor dem Fest und Fallensteller

Im März 2014 fragte meine Tochter, welches Fest die Leute in meinem Buch denn feiern, wenn es soweit ist. Ich habe ihr ein wenig von den Menschen in Fürstenfelde erzählt und sie hat mir ein Bild zu diesem Buch gemalt. Menschen. Alle auf dem Weg zu diesem Fest. Jetzt hat sie es wieder entdeckt und ich habe ihr vom „Fallensteller“ erzählt. Schön, ein Bild für zwei Bücher zu haben. Ein Menschenbild. So offen.

Die Menschen aus der Uckermark - by Lena

Die Menschen aus der Uckermark – by Lena

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