„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

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Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

„Die Hexenholzkrone 2“ von Tad Williams – Osten Ard erzittert

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Vieles ist passiert, seit ich die Hexenholzkrone (1)von Tad Williams gelesen und gehört habe. Ich habe die Welt von Osten Ard erneut für mich entdeckt, bin alten und neuen Weggefährten begegnet und habe mich nach 23-jähriger Abstinenz im Reich der Menschen, Nornen und Sithi wie zuhause gefühlt. Und ich hatte das einmalige Privileg, den Schöpfer dieser Legenden persönlich zu treffen und ihm in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse alle Fragen zu stellen, die mir auf dem Herzen lagen. Auch jetzt noch höre ich es mir immer wieder an, weil Tad Williams in diesem Interview ein paar Details verraten hat, die mir das Lesen und das Herz ein wenig leichter machen.

Zum Beispiel habe ich die Suche nach der Wölfin Quantaqa aufgegeben, weil mir ihr Schöpfer versichern konnte, dass sie in Binabiks Gesellschaft am Ende eines lange währenden Lebens friedlich eingeschlafen ist. Das tröstet, weil es eben in den Büchern nicht zu lesen ist und mir diese Wölfin ans Herz gewachsen war. Doch andere Suchen konnte ich nicht aufgeben und so stürzte ich mich freudig erregt in den zweiten Teil der Hexenholzkrone, wissend alle Handlungsfäden sofort wieder in Händen zu halten, die aus dem ersten Teil der auf vier Bände angelegten Reihe „Der letzte König von Osten Ard“ herausragten und nach mir griffen.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Hier sind wir nun angelangt. Am Ende der alten Legenden

„Der Drachenbeinthron“
„Der Abschiedsstein“
„Die Nornenkönigin“
und
„Der Engelsturm“

Am Ende des so wichtigen Sequels:

Das Herz der verlorenen Dinge

Das Herz der verlorenen Dinge und Die Hexenholzkrone von Tad Williams

Und auch am Ende des Auftaktes der epischen Fortsetzung

„The Witchwood Crown“ – „Die Hexenholzkrone 1 und 2

Und hiermit sind wir an der Schwelle zu den letzten beiden Teilen angelangt

„The Empire of Grass“ – „Das Graslandimperium“
„The Navigator´s Children“- „Die Kinder des Seefahrers“

Dann werden wir wissen, wer der letzte König von Osten Ard ist. Dann werden die Rätsel um die alten Prophezeiungen gelöst sein und wir können am Lagerfeuer unsere eigenen Geschichten erzählen, die uns mit diesen Legenden verbinden. Doch zunächst heißt es, der „Hexenholzkrone (2)“ die volle Aufmerksamkeit zu schenken, um auf der Höhe der Ereignisse zu bleiben und nicht das kleinste wichtige Detail zu verpassen. Die Rezension dieses Buches ist für mich gleichzeitig auch eine Lesensversicherung, die es mir leichter machen wird, das „Graslandimperium“ zu erobern.  

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Man kann von der Fortsetzung einer Buchreihe nach 23 Jahren viel erwarten. Mit neuen Welten in Berührung zu kommen, neue Abenteuer in der Tradition der Legenden von einst zu erleben und neben den alten Gefährten auf neue Charaktere zu treffen, die fortan die Geschichte prägen. Tad Williams jedoch leistet in seinem neuen Aufzug vor der Bühne von Osten Ard wesentlich mehr. Am Ende aller Entwicklungen lernen wir die Regentin Miriamel erst richtig kennen. Einst ein junges, verliebtes Mädchen aus gutem Hause agiert sie nun klug, listig, diplomatisch und weise, als sei dies schon immer ihre Bestimmung gewesen.

Ihr Königsgemahl Simon Schneelocke wirkt wie der Küchenjunge von damals an ihrer Seite und doch ist er es, der sie mit seiner Liebe in der Balance hält. Ohne ihn ist Miriamel nur eine Hälfte des Königreichs, ohne ihn würde ihr der Halt fehlen, den sie in schweren Zeiten so dringend benötigt. Das unerwartete Erwachen der Nornenkönigin leitet den finalen Akt der großen Saga ein und mit ihr kehrt die alte Feindschaft mit den Menschen zurück. Es entbrennt der Kampf um den Thron von Osten Ard. Wer wird der letzte König sein, der vom Hochhorst aus regiert? Wer gewinnt die Überhand? Nicht die einzige Frage, der sich „Die Hexenholkrone (2)“ in aller Tiefe widmet.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Was will die „Klaue“ der Nornenkönigin“ mit einem lebendigen Drachen? Was hat Baumeister Vyjeki zu erwarten? Welches Projekt soll er vollenden, um den Nornen zu alter Macht zu verhelfen? Wann und wo beginnt der erneute Krieg der Erzfeinde? Oder hat er bereits begonnen? Sind die kleinen Scharmützel an den Rändern der Handlung viel mehr als wir vermuten? Eingeflochten in diese Gefahr gehen neue und alte Helden ihren neuen und alten Leidenschaften nach. Graf Eolair wagt die gefahrvolle Reise zu den Verbündeten von einst, um dem Enkel von Simon und Miriamel zu beweisen, dass die alten Legenden wahr sind und Morgan seine Rolle als Thronfolger gegenwärtig zu machen.

Jiriki und Aditu nach 23 Jahren wieder zu begegnen und ihnen am Lagerfeuer zu lauschen ist zweifellos der Gänsehautmoment dieses Buches. Die Sithi-Geschwister waren damals die engsten Verbündeten des jetzigen Königs Simon Schneelocke. Doch warum haben sie seit dem Sieg über die Nornen geschwiegen? Was hat sich ereignet und welches sterbliche Geheimnis trägt Aditu in ihrem Körper? Jene unsterbliche Sitha, von der man früher immer sagte:

„Mit ihr zusammen zu sein, selbst in den furchterregendsten Momenten, hieß, Licht an einem dunklen Ort zu finden.“

Auch Nabban kommt nicht zur Ruhe. Eine heikle königliche Mission bringt Miriamel ins Zentrum eines Streits und damit ins Herz eines Landes, in dem Unwer seine Liebe und seine Heimat verlor. Angesichts eines Wolfsrudels im Wald jedoch zeigt sich seine wahre Herkunft. Eine alte Prophezeiung erfüllt sich Schritt für Schritt. Halbblut Nezeru und Jarnulf wagen den Kampf gegen einen Drachen. Fatal nur… ein Drachenbaby zu fangen ruft meist seine Mutter auf den Plan. Über allem steht Jarnulfs Schwur auf dem Spiel. „Nornen töten“. Doch wie soll er seiner Mission folgen, wo er sich doch gerade Nezeru mehr als verbunden fühlt?

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Diese Mosaiksteine formen sich zu einem immer komplexeren Bild von Osten Ard und wir lesen und hören uns auf der Wanderung durch diese epische Welt immer tiefer in die schwelenden Konflikte hinein. Die Lage erfordert die Trennung des Königspaars. Damit wird eine Lawine der Ereignisse losgetreten, die uns durch die folgenden Bände tragen wird. Ob wir lesen oder Andreas Fröhlich in der Hörbuchfassung folgen, egal, wir können nicht mehr entkommen. Zu ungewiss ist die Zukunft, zu unvorhersehbar ist das Schicksal unserer Weggefährten, zu spannend ist das Epos.

Wie die Hexenholzkrone (2) endet? Mit welchen Cliffhangern dieses Buch überleitet und welchen Spannungsbogen es auf den letzten Seiten unterbricht? Fragt mich nicht. Aus bester Erfahrung gönne ich es Tad Williams nicht, mich am Ende auf die Folter zu spannen. Oft musste ich zu lange auf seine Fortsetzungen warten. Oft war es einfach nicht auszuhalten, bis ich weiterlesen durfte. Ich habe genau 50 Seiten vor dem Ende aufgehört zu lesen und zu hören. Meine Notizen und diese Rezension tragen mich auf meiner Welle in die Zukunft. Und erst, wenn Das Graslandimperium erscheint, werde ich mir die Cliffhanger gönnen, mit denen mich Tad Williams in die Fortsetzung dieser grandiosesten aller Fantasy-Reihen treibt. Und nun beginnt das Warten…

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

„Die Geschichte der Bienen“ – Hörbuch-Chirurgie – Ein Exkurs

btb VerlagDie Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Kann man Literatur berechnen, kann man ein Buch in Gold aufwiegen? Sicherlich nicht. Alleine der Gedanke, Bücher in ihrem monetären Gegenwert zu betrachten ist für wahre Liebhaber im wahrsten Wortsinn undenkbar und doch haben Bücher ihren Preis. Ich möchte hier nicht über den Wert der Literatur an sich philosophieren oder gar einen Diskurs zum Thema Buchpreisbindung lostreten. Und doch möchte ich rechnen. Ich bin hier in einem mathematischen Segment des Dreisatzes angelangt, den eigentlich jeder Buchliebhaber noch rudimentär beherrschen sollte. Und es geht hier um das weite Feld der literarischen Chirurgie bei der Produktion von Hörbüchern.

Das Spektrum der literarischen Chirurgie reicht, wie in der Medizin, vom minimal invasiven Eingriff bis hin zur Amputation. Zumindest, wenn wir von Hörbüchern und ihren unterschiedlichen Varianten sprechen, die uns im täglichen Leben begegnen. Es existieren ungekürzte Hörbücher, zumeist als Downloads bei audible, und ihre mehr oder minder stark gekürzten Geschwister, die zum Beispiel bei Der Hörverlag auf CDs angeboten werden. Dabei stammen diese Hörbücher aus derselben Produktion und wir finden lediglich verschiedene Fassungen zu unterschiedlichen Preisen vor.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Wer jedoch käme auf die Idee, ein Buch mit unterschiedlicher Seitenzahl zu sehr verschiedenen Preisen anzubieten? „Lesen Sie Inferno von Dan Brown komplett für 20 Euro oder greifen Sie zur gekürzten Fassung für 13.99 Euro“. Nicht denkbar, oder? Bei Hörbüchern jedoch ist dies gängige Praxis und hier setzt die literarische Chirurgie ihre ersten Schnitte. Handelt es sich hierbei um Schönheitschirurgie oder haben wir es mit der brachialen Methode der rigorosen Amputation kompletter Handlungsstränge zu tun? Wo setzen die Redakteure im Studio mit ihrer Schere an, was ist nebensächlich in einem Roman und wie wird man der Verantwortung gerecht, ein Hörbuch auf den Markt zu bringen, das als eigenständiges Werk rezensiert und bewertet wird? Wird man dem Schriftsteller gerecht oder stutzt man ihn aus Kapazitätsgründen zusammen?

Und weil die Hörer nichts vom Umfang der Beschneidungen wissen, rezensieren sie das Werk, als hätten sie es in Gänze genossen. Wird diese Kritik dann dem Buch gerecht, das wesentlich mehr zu bieten gehabt hätte? Oder führt man nicht gerade das eigentliche Ausgangswerk ad absurdum, indem man klar dokumentiert, dass auch eine Kurzfassung ausreichen würde? Kann man sich das bei Kinofilmen vorstellen? Oder ist der chirurgische Eingriff wirklich so versiert und mit Bedacht zelebriert, dass es kaum ins Gewicht fällt, was hier verschlankt wurde? Bleiben wir doch nicht theoretisch. Lasst uns doch an einem Beispiel betrachten, was es bedeutet, einen Roman zu kürzen, wie sich dies auswirkt und in welche Dimensionen man vorstößt, wenn man es sich genau anhört. Hier lässt sich Literatur berechnen. Wir greifen zu:

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Folgende Ausgangsdaten und -fakten legen wir zugrunde:

Das gebundene Buch umfasst 500 Seiten und kostet 20 € – btb Verlag
Das ungekürzte Hörbuch
als Download bei audible dauert ca.13 Stunden und kostet gemäß Empfehlung des Verlages 25,95 €
Das gekürzte Hörbuch als mp3CD bei Der Hörverlag dauert rund 10 Stunden und ist für 19,99 € im Handel erhältlich

Betrachten wir nun das Ausmaß des literatur-chirurgischen Eingriffes

Gebundenes Buch: 100 % Inhalt
Ungekürztes Hörbuch: 100 % Inhalt
Gekürztes Hörbuch: 77 % Inhalt (das Verhältnis von 10 zu 13 Stunden)

Das entspricht in Buchseiten:

Gebundenes Buch: 500 Seiten
Ungekürztes Hörbuch: 500 Seiten
Gekürztes Hörbuch: 385 Seiten (77 % von 500 Seiten)

Der Umfang der Streichungen in der gekürzten Hörbuchfassung beträgt demnach genau 115 Seiten, also mehr als ein Fünftel der Originalausgabe des Buches. Von den unterschiedlichen Preisen mag ich hier nicht reden, denn erstens sind die drei hier eingesetzten Stimmen schlicht und ergreifend unbezahlbar und zweitens variieren auch die Preise der Hörbuchausgaben bei unterschiedlichen Anbietern und sinken ein wenig, wenn die Aktualität des Hörbuches ihren Höhepunkt überschritten hat.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde – Hörbuchchirurgie

Kann man chirurgisch hier noch von einem minimal invasiven Eingriff sprechen? Verglichen mit einem Menschen, entfernt man fast einen ganzen Arm oder ein Bein, da man der Meinung ist, nichts Wesentliches an der Physiognomie verändert zu haben. Es ist eine gewagte These. Hätte man dann nicht auch den Roman um 115 Seiten kürzen können? Was verlieren wir inhaltlich? Mit dieser Frage entfernen wir uns von der reinen Arithmetik und wenden uns dem Roman und seiner aufwendigen Hörbuchfassung zu.

Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Das Thema ist brisant. Nicht erst seit dem Dokumentarfilm „More than Honey“, der in bewegenden Bildern und eindringlichen Worten vom Aussterben der Bienen kündet. Es waren auch der Physiker Albert Einstein, der gesagt haben soll Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben und der Forscher Charles Darwin, die schon vor den Konsequenzen eines weltweiten Bienensterbens gewarnt haben. Ohne Bienen keine Blüten-Bestäubung. Ohne Bestäubung kein Leben. Maja Lunde hat genau dieses Problem ins Zentrum ihres Romans gestellt. Die Bienen stellen für sie die Klammer dar, die ihren Plot in drei Zeitebenen miteinander verbinden.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Dabei hat sie kein Fachbuch geschrieben, keine wissenschaftliche Abhandlung zum Bienensterben. Nein. Maja Lunde schrieb über die Menschen, deren Leben von Bienen abhängt. Dabei lässt sich der Roman in die Ebenen VOR, WÄHREND und NACH dem großen Kollaps der weltweiten Bienenpopulation unterteilen. Es ist eher die Geschichte der Menschen, die wir hier lesen. Da ist der Biologe und Samenhändler William, der im England des Jahres 1852 vor den Trümmern seines Lebens steht. Sein Geschäft und die Familie liegen brach und ihn hat alle Kraft verlassen. Nur eins hält ihn aufrecht, eine Idee, die die Welt der Imker verändern könnte. Ein völlig neuartiger Bienenstock.

Da ist der Imker George, der 2007 in den USA an den Scheideweg seiner Existenz gelangt. Er lebt von der Bienenhaltung, fährt seine Bienenstöcke durch Ohio und lässt seine geflügelten Mitarbeiter die Blüten auf den Feldern von Obstbauern bestäuben. Er träumt davon, dass sein Sohn eines Tages den Hof übernimmt. Vergeblich. Denn zwei Dinge sprechen dagegen. Tom will Journalist werden und die Bienen verschwinden. Es ist das Jahr des großen Kollapses. Und da ist die Arbeiterin Tao, die ihren Unterhalt mit der manuellen Bestäubung von Blüten verdient. Der Mensch hat die Bienen ersetzt, da sie im China des Jahres 2098 schon lange verschwunden sind. Als ihr Sohn Wei-Wen einen tragischen Unfall erleidet, beginnt auch Taos Welt zu kippen. Und nicht nur ihre.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde verwebt diese drei Szenarien und Geschichten mit dem Nektar ihres Schreibens. Dabei bleibt sie auf dem Boden dreier Familiengeschichten, die sie durch die Konstruktion ihres Romans geschickt miteinander zu verbinden weiß. Das Hörbuch wartet mit drei großartigen Stimmen auf, die diesen drei Protagonisten noch mehr Tiefe und Leben einhauchen. Thomas M. Meinhardt, Markus Fennert und Bibiana Beglau brillieren in der Interpretation ihrer Charaktere. Gemeinsam ist ihnen der innere Kampf gegen die das Zerbrechen ihrer Familien und die Hilflosigkeit, mit der sie der Natur und dem Schicksal ausgeliefert sind. Bibiana Beglau als kämpferische Tao hat mich hierbei besonders beeindruckt. Sie macht Verzweiflung stimmlich greifbar.

„Die Geschichte der Bienen“ ist lesens- und hörenswert. Die gekürzte Fassung der dreistimmigen Lesung beschädigt den Roman in keiner Weise. Ich habe die Kürzungen aufgespürt. Paralleles Lesen und Hören sollten Aufschluss über die inhaltlichen Folgen geben. Die Eingriffe haben keine wesentlichen Handlungselemente ausgeblendet. Hier sind es eher die genauen Beschreibungen von Orten, Räumen und Hintergründen, die der Schere zum Opfer fielen. Auf fast jeder Seite finden sich Streichungen, aber mir ist dabei keine einzige ins Auge gefallen, die ich für die Handlung als relevant bezeichnet hätte. Ketzerisch könnte man also sagen, dass sie auch im Roman entbehrlich sind. Es ist jedenfalls nicht nur ein abgenagtes Gerippe, das Der Hörverlag auf CD präsentiert.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Literatur ist unberechenbar. Sie lässt sich nicht aufwiegen. Und rein inhaltlich ist es eine Frage des individuellen Geschmacks, wie sehr ein Roman fesselt und bewegt. Ich bin der Meinung einen guten Roman erlebt zu haben, auch wenn der Titel dazu verführt mehr von den Bienen erfahren zu wollen. Die Familiengeschichten sind oft stereotyp in der Anlage und bis auf den Handlungsstrang „TAO“ nicht neu. Vater-Sohn-Konflikte vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Ängste, enttäuschte Hoffnungen und Beziehungen hat man literarisch schon tiefer erlebt. Wer „Stoner“ von John Williams gelesen hat wird im Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde Erzählräume betreten, die sehr bekannt erscheinen. Darüber hinaus fehlt mir die sprachliche Abgrenzung innerhalb der Geschichte, die sich über 250 Jahre erstreckt, bei der die Protagonisten jedoch in ihrer Sprache so einförmig sind, dass man am Erzählstrang nicht erkennen kann, in welcher Zeit er spielt. Tao und William klingen, als hätten sie die gleiche Schule besucht!

Und doch regt der Roman dazu an sich mit Bienen zu beschäftigen. Er verführt dazu, sich den Dokumentarfilm „More than Honey“ anzuschauen und bei aktuellen News aus der Welt der Bienenvölker genauer hinzuhören. Und er festigt die Überzeugung, dass eine eingeleitete Fehlentwicklung an der wir heute beteiligt sind, in der Zukunft extreme Auswirkungen hat. Ursache und Wirkung. Diese Wechselbeziehung wird sehr klar. Das Hören und Lesen sind nicht immer ein Honigschlecken… man wird so nachdenklich…

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog