„Beale Street Blues“ von James Baldwin – Fonny und Tish

Beale Street Blues von James Baldwin

Er hat den Buchmarkt gerockt. Er ist eingeschlagen, wie eine Granate in befriedetem Niemandsland und hat tiefe Gräben sichtbar gemacht, die heute mit Nebelkerzen oder anderen Ablenkungsmanövern verschleiert werden sollen. Er hat posthum neue Wellen der Diskussion über Rassismus und Diskriminierung angestoßen, weil das Lesen seiner Romane deutlich aufzeigt, wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Sein gesamtes Lebenswerk wird durch die erneute Veröffentlichung und die Neuentdeckung der Relevanz seiner Kernaussagen in den Kontext einer Epoche gestellt, die Populisten Tür und Tor öffnet, an den etablierten Underdogs einer Gesellschaft festzuhalten.

Die Rede ist von James Baldwin. Die Rede ist von einem der bedeutendsten Autoren seiner Zeit. Die Rede ist vom 1987 verstorbenen literarischen Aktivisten, der zeitlebens für die Identität der schwarzen Bürger in den USA kämpfte, Diskriminierung, Rassismus und sexuelle Selbstbestimmung thematisierte und aus leidvoller eigener Erfahrung den Finger in die offenen Wunden der nicht überwundenen Sklaverei legte. James Baldwin hat Generationen geprägt, das Selbstbewusstsein der Unterprivilegierten konturiert und durch seine Publikationen richtungsweisend auf Missstände hingewiesen. „Von dieser Welt“ war eines seiner zeitlos wichtigsten Bücher, das in Deutschland mehr als sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erneut für Furore sorgte.

Beale Street Blues von James Baldwin

Mit Beale Street Blues wird nun vom dtv Verlag und Der Audio Verlag die Reihe von Wiederentdeckungen fortgesetzt, die vielleicht schon aus dem Bewusstsein der Leser von einst verdrängt wurde, bei heutigen Lesern gar nicht mehr vorhanden ist und gerade jetzt in eine völlig neue Dimension der Wahrnehmung vorstößt. Genau hier wird es für mich wichtig, nicht nur ein Buch von Baldwin zu lesen. Hier wird es für mich mehr als elementar die Fäden aufzugreifen, die Baldwin über viele Generationen miteinander verknüpft hat und diese im Kontext unserer Zeit genau zu betrachten. Was hat sich hier verändert? Haben Diskriminierung und Rassismus nachgelassen oder ist es gerade die „Black Lives Matter“-Bewegung, die uns vor Augen hält, dass sich nichts getan hat?

Während Von dieser Welt noch im Harlem der 1930er Jahre spielt, entführt er uns mit seinem 1973 erstmals veröffentlichten Roman „Beale Street Blues“ erneut in diese den Schwarzen vorbehaltene Welt. Hier erleben wir die 1970er Jahre in New York und eigentlich sollte man denken, dass sich in diesen vierzig Jahren einiges zum Guten hin verändert hat. Eigentlich sollte man denken, dass eine aufgeklärte Gesellschaft sich im tiefsten Bewusstsein für Gleichbehandlung neu erfunden haben könnte. Eigentlich wäre es nur logisch, dass Diskriminierung mit fortschreitender Zeit im multikulturell geprägten Big Apple zum Fallobst der Geschichte gehört. Weit gefehlt. Sehr weit ist der Apfel des Rassismus nicht vom Stamm gefallen.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ ist vieles zugleich im Gewand einer großen Story. Es ist der große Liebesroman aus der Feder von James Baldwin. Gleichzeitig ist es jedoch auch die Generalabrechnung mit einem Justizsystem, das sein Recht der Hautfarbe anpasst. Im Schwerpunkt beschreibt Baldwin für mich auf erdrückende Art und Weise die extrem belastende Unkalkulierbarkeit einer Rechtsprechung für die schwarze Bevölkerung. Es herrscht Willkür. Man ist völlig ausgeliefert. Sollte auch nur der Hauch eines Verdachts auf einen Schwarzen fallen, greifen alle Automatismen eines legalen Unrechtssystems. Den Beschuldigten fehlt das Geld für Anwälte, weil Schwarze eben nur Berufe ergreifen die ihrer Hautfarbe zu entsprechen haben. Es fehlt jede Möglichkeit, der Justiz mit den dafür vorgesehenen Mitteln entgegenzutreten und dieser Justiz muss das Bewusstsein abgesprochen werden, gerecht im Sinne eines Angeklagten zu sein.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Sind es nicht die gleichen Automatismen, die ich hier schon mehrfach als „RassisMuster“ beschrieben habe? Sind es nicht die gleichen Ungerechtigkeiten, die Geschichten wie „Mercy Seat“, „Wer die Nachtigall stört“ und „Ein anderes Leben als dieses“ miteinander verbinden? Ist das nicht die Kernaussage des Schreibens von Ta-Nehisi Coates, der seinem Sohn noch heute auf die Fahne des Lebens als Schwarzer schreibt, dass etwas „Zwischen mir und der Welt“ steht? Ist es nicht frustrierend, diese Muster über die Jahrzehnte hin immer wieder neu aufzuspüren und die tragischen Konsequenzen zu erleben? Wer diese Muster durchbrechen will, hat noch langen Weg vor sich. Das Lesen hilft. Das Verstehen hilft. Empathie wächst brutal langsam.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ setzt da an, wo wir Harlem in unserer Vorstellung ansiedeln. Diese Geschichte bestätigt alle Vorurteile, die man nur haben kann, wenn man sich nur vorstellt, in den 1970er Jahren in diesem schwarzen Universum zu leben. Zumindest in Bezug auf die weiße Welt, die schonungslos auf dem Rücken der Afroamerikaner ihren Weg in die strahlende Zukunft gestaltet. Das solltet ihr euch eigentlich besser von Tish erzählen lassen. Wobei sie ja gar nicht so heißt, und eigentlich heißt ihr Verlobter auch gar nicht Fonny. Aber, wenn man sich schon ein ganzes Leben lang kennt und einfach zueinander gehört, wie die beiden, dann spielen Spitznamen eine eher untergeordnete Rolle. „Beale Street Blues“ ist der literarische Song einer großen Liebe, die unter dem Vorbehalt der weißen Justiz steht.

Tish ist schwanger. Gewollt. Stolz drauf. Ein Kind von der Liebe ihres Lebens. Es ist ein Gottesgeschenk, das verbindet, was schon immer füreinander bestimmt war. Die Familien der beiden Verliebten hadern zwar mit dem jungen Glück, aber irgendwie wird schon alles gut werden. Die üblichen Vorbehalte. Kann er meine Tochter ernähren? Ist er gut genug für sie? Kann sie ihn glücklich machen? Wäre da nicht die Tatsache, dass Fonny im Gefängnis sitzt, man könnte einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden. Tish jedenfalls hält an ihm fest. Sie hat den Einen gefunden. Die eine große Liebe. Egal was man Fonny auch vorwirft. Hauptsache es gelingt, ihn vor der Geburt seines Kindes rauszuholen. Eine gewaltige Mission.

Beale Street Blues von James Baldwin

Der Fall hinkt an allen Ecken und Kanten. Fonny soll ein Vergewaltiger sein. Obwohl er ein Alibi hat, die Vergewaltigte schon außer Landes ist und die Beweisführung keiner ernsten Begutachtung standhalten würde, sitzt er in Untersuchungshaft. Es reicht, dass ihn ein weißer Polizist auf dem Kieker hatte. Es reicht, dass die Vergewaltigte sagte, es sei ein Schwarzer gewesen. Es genügt völlig, dass bei einer Gegenüberstellung Fonny der einzige Dunkelhäutige in der Reihe der möglichen Täter ist. Die Falle schnappt zu. Jetzt läuft die Zeit. Ein Anwalt muss her. Möglichst ein Weißer. Sonst hat man gar keine Chance. Und der muss den Fall komplett aufrollen. Und das, bis zur Geburt des Kindes.

James Baldwin lässt uns tief in den Charakter von Tish fallen. Sie erzählt uns, wie diese Liebe entstand. Sie entführt uns in den Rhythmus einer Beziehung, die sich allen Widerständen zu stellen hat. Während sie erzählt, verlieben wir uns selbst in die junge Frau, weil sie vorbehaltlos und bedenkenlos liebt. Leidenschaft, Lust, Freude und neue Sichtweisen auf das Leben. All dies lernen wir bei Tish. Sie kämpft für Fonny. Sie geht alle denkbaren Kompromisse ein, zwei Familien zum gemeinsamen Kampf zu vereinen. Und all dies, während Fonny im Gefängnis am Gefühl der Unschuld zu krepieren droht. Die Zeit läuft gegen die beiden Liebenden. Die beiden Familien finden keinen Konsens und die Justiz kennt keine Unschuldsvermutung. Nur der Anwalt beginnt, an der schier unmöglichen Aufgabe zu wachsen. Ein zarter Hoffnungsschimmer.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beal Street Blues“ ist ein in höchstem Maße relevanter Roman, der bespielhaft im Kosmos der Diskriminierung seine Kreise zieht. James Baldwin erzählt uns eine große Geschichte mit unfassbarem Tiefgang. Zwei Protagonisten, die wir so schnell nicht aus unseren Gedanken verdrängen können, beschäftigen uns auch nach dem Lesen. Eine Zeit voller Diskriminierung, Populismus und Ausgrenzung schreit nach diesem Roman. James Baldwin selbst hätte wohl nicht gedacht, ein Amerika nach Barak Obama in den Händen von Politikern wiederzufinden, die das Rad der sozialen Gleichbehandlung weit zurückdrehen. Es lohnt sich weiterhin am Ball zu bleiben. Es lohnt sich James Baldwin zu lesen und zu hören. Es lohnt sich, sich selbst eine Meinung zu machen und diese zu vertreten. Schweigen hilft nur denjenigen, die sich an der Diskriminierung bereichern.

Wer nicht lesen will, muss hören. Constanze Becker liest sich in dieser ungekürzten Hörbuchfassung in ihre Hörer hinein. Sie wurde für mich schnell zur authentischen und emotional passenden Stimme von Tish. Constanze Becker macht einen wesentlichen Aspekt des Romans nachhaltig hörbar. Im Vergleich zweier Gefangener, dem Vergleich zweier Gefängnisse liegt ein Geheimnis von „Beale Street Blues“ verborgen, das mich selbst gefangen nahm. Das ungeborene Kind im Bauch seiner Mutter ist wie sein Vater im Gefängnis der Willkür des Lebens ausgesetzt, die draußen das Schicksal bestimmt. Ob sich beide als freie Menschen begegnen werden, ist die große Frage, die nicht nur dieser Roman, sondern auch die Zeit zu beantworten hat. Baldwin hat eine Antwort.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Die Heimkehrer“ von Sana Krasikov – Eine Spurensuche

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Kann man sich seine Heimat selbst verorten“, oder ist dieser so emotional geprägte Begriff eher als Konstante in unserem Geist verankert? Kann man seine eigene Heimat verleugnen und hinter sich lassen ohne gleichzeitig seine Identität infrage zu stellen? In ihrem vielschichtigen Familienroman „Die Heimkehrer“ widmet sich eine Autorin dieser zutiefst aufwühlenden Materie, deren eigene Entwurzlungen vermuten lassen, dass sie aus berufenem Mund erzählen und aus dem persönlichen Vollen schöpfen kann. Sana Krasikov, geboren und aufgewachsen in den Teilrepubliken der alten Sowjetunion. Die Ukraine als Geburtsland. Georgien das Land ihrer Kindheit, aus dem sie 1988 im zarten Alter von neun Jahren mit ihren Eltern auswanderte. Amerika wurde zur neuen Heimat der Emigranten. Nach ihrem Literaturstudium und einem Fulbright-Stipendium lebt und schreibt sie nun als US-amerikanische Autorin mit Lebensschwerpunkt New York.

Wenn Sana Krasikov nun also von Heimkehrern schreibt, könnte man vermuten, es mit einer autobiografischen Anwandlung zu tun zu haben, die ihre eigene Geschichte in das Land zurückträgt, dem ihre Familie den Rücken gekehrt hat. Weit gefehlt. Für Sana Krasikov spielt der Heimatbegriff eine weitaus abstraktere Rolle, der sie mit ihrem Buch Nachdruck verleiht. Ihre Protagonistin Florence Fein wendet sich von ihrer bisherigen Heimat ab. Sie folgt ihrem Herzen und flieht vor der großen Depression und den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Auf zu neuen Ufern. Im Gegensatz zu den üblichen Mustern in den Wellenbewegungen der Emigration zieht es die junge Frau aus New York jedoch in ein Land, das zu dieser Zeit nicht gerade die Weltrangliste der Fluchtorte anführte. 

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Florence wandert nach Russland aus. Moskau und Magnitogorsk werden Ziele einer Neuausrichtung, die nicht nur ihr Leben verändern wird. Auf satten 800 Seiten entwirft Sana Krasikov ein soziopolitisches Kaleidoskop der Irrungen und Wirrungen. Mehr als 75 Jahre umspannt ihre epische Erzählung, die von Motiven, Hoffnungen, enttäuschten Hoffnungen und Entfremdung geprägt ist. Der Traum von einer sozialen Utopie und der gerechten sozialistischen Gesellschaft pulverisiert sich ebenso wie das Trugbild Sergej. Statt des russischen Ingenieurs, in den sie sich noch in Amerika verliebt, treibt es sie in die Arme eines Mannes, der wie sie nach Russland ausgewandert ist. Niemals wird sie in der neuen Heimat als Russin gesehen. Sie bleibt die Außenseiterin, die am eigenen Leib erleben muss, was es bedeutet, Treibgut der eigenen Träume zu sein. Die wahre Heimat ist immer dort, wo man gerade nicht ist. Heimweh wird zum brutalen Opfer des Fernwehs und die Selbstaufgabe führt zu Kompromissen, die aus Florence eine willige Mitläuferin des kommunistischen Regimes machen. Keine Lebensversicherung, wie sie erfahren muss.

Drei Generationen umfasst der Roman „Die Heimkehrer“. Von den Ursprüngen bis zu den Nachkömmlingen spannt Sana Krasikov ihren Handlungsbogen, der die großen Fragen nach Identität und Identifikation in den Mittelpunkt stellt. An der Weltgeschichte ändert Florence nichts. Alle Illusionen zerplatzen wie Seifenblasen. Was sie erlebt, eint sie mit unzähligen Opfern des stalinistischen Systems. Aus der Emigrantin wird bei den Säuberungswellen, die das Land durchziehen eine politische Gefangene. Gulag. Lager. Trennung von ihrem Sohn Julian der sie erst Jahre später wieder in die Arme schließen darf. Getrennt von ihrer kleinen Familie, die sie sich in der neuen Heimat aufgebaut hat. Die volle Breitseite der Tyrannei trifft mitten ins Herz, wenn man an einem Bahnhof zum Zeugen der Begegnung zwischen Mutter und Sohn wird.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Acht Jahre in Sibirien hatten Florence nachhaltig verändert, als sie im Jahr 1956 endlich ihren 13jährigen Sohn wiedersehen darf. Er verbrachte diese Zeit in einem Waisenhaus. Und doch ist sie in ihrem Inneren das kleine amerikanische Mädchen mit Träumen und Hoffnungen geblieben. Eine Begegnung in Russland. Mutter und Sohn in einer Heimat, die sie verschlungen hatte. Weit von dem Land ihrer Herkunft entfernt. Es ist die gemeinsame amerikanische Sprache, die den Weg in eine neue Zukunft weisen sollte. Hier springt Sana Krasikov durch die Zeitscheiben ihrer Geschichte. Es ist kein in sich geschlossener Erzählraum, den sie öffnet. Wir werden zu Zeugen von Remigration und Heimkehren. Wir werden zu Zeugen einer Heimholung, die zur Heimsuchung wird. Lebenslang versucht Julian zu ergründen, was seine Mutter verbrochen haben soll, um im russischen Gulag zur „Achtundfünfzigerin“ zu werden. Politisch gefangen. 

Sana Krasikov erzählt nicht linear und nicht chronologisch geordnet. Genau das macht den großen Reiz dieser Geschichte aus. Ursachen und Folgen der Entscheidung ihres Lebens verfolgen Florence und ihre Familie lebenslang. Bewegend und spannend werden Fiktion und Geschichte miteinander verbunden. Das uns unbekannte Russland wird greifbar und wirkt mehr als erschreckend auf die Leser. Nicht minder erschreckend jedoch verläuft die parallele Entwicklung in den westlichen Ländern. Eine echte Heimat zu finden war in diesen Zeiten wohl unmöglich, ohne sich gleichzeitig mit einem System zu verheiraten. Julian gelingt es nicht nur, seine Mutter Florence von ihrer Rückkehr in die USA zu überzeugen, er gibt selbst niemals auf, ihrer und seiner eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Nirgendwo selbst richtig angekommen im eigenen Leben. In Amerika Russe. In Russland Amerikaner. Ein Schicksal, dem Entwurzelte zeitlos anheimfallen. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man und auch, dass sich Geschichte wiederholt. Dieser Roman spuckt auf die heilende Wirkung der Zeit. Er wiederholt sich inhaltlich auf dramatischste Art und Weise, als Julian 2008 nicht nur in den inzwischen zugänglichen Archiven des Geheimdienstes nach der Geschichte seiner Mutter sucht, sondern er einem Motiv folgt, das zum Schicksal seiner Familie geworden zu sein scheint. Er, der „russische Simpel“, der „Gestörte zweiter Generation“, als der er in Amerika immer gesehen wurde, ist auf der Suche nach seinem eigenen Sohn Lenny. Geschichte wiederholt sich und reißt nie geheilte Wunden wieder auf. So ist der Vater, dessen Mutter den russischen Gulag nur knapp überlebte auf der Suche nach seinem Sohn, der sein Russland finden möchte.

Selten hat mich eine Autorin so gepackt, wenn es um die Austauschbarkeit von Heimat ging. Selten war der Heimatbegriff so willkürlich veränderbar, so variabel und dann doch wieder so nah und greifbar. Heimweh fühlt nur, wer Identität besitzt. Diese unterliegt dem Wandel der Zeit, kann genommen und verfestigt werden. Man ist selbst seines Glückes eigener Schmied. Man sollte nur sehr gut darauf achten, auf welchem Amboss man liegt. Sana Krasikov relativiert die die Schrecken politischer Systeme, da sie keiner Gesellschaft übergroße Toleranzwerte zubilligt. Die jüdischen Wurzeln ihrer Familie bringen überall Probleme mit sich. Ob im freien Amerika oder der scheinbar so geknechteten Sowjetunion. Aus diesem Buch spricht die große Sehnsucht der Autorin, einen selbstbestimmten Heimatbegriff zur Ausgangsbasis des eigenen Lebens machen zu können.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Dabei benötigen Menschen Hilfe. Heimatlose integrieren sich nicht. Beheimatete sind nicht automatisch Zuhause angekommen. Die Gefühle reichen tiefer. Es ist zeitlos und in jeder Beziehung relevant, was uns Sana Krasikov ins Stammbuch schreibt. In diesen Zeiten, in denen wieder ideologische Mauern zwischen Ost und West errichtet werden, sollte man an die Menschen denken, die hinter den eisernen Vorhängen verborgen sind und neidisch auf die jeweils anderen Welten schauen. Was auf der Strecke bleibt ist die Empathie. Egal wo man sich umschaut. Heimat wird mit gefletschten Zähnen verteidigt. Heimatschutz, Heimatgarde, Heimatministerien. Als würde sie nur uns gehören. Es sind die Patrioten dieser Welt, die diesen Begriff stets mit Leben füllen. Zumeist ideologisch unterfüttert. Heimaterde.

The Patriots. So, lautet der Originaltitel des RomansDie Heimkehrer“. Das klingt offensiver, angriffslustiger und passt aus meiner persönlichen Sicht extrem gut zu einer Geschichte, die weniger durchs Heimkehren als durch das austauschbare Bekenntnis einer patriotischen Leidenschaft geprägt ist. Hier ist das Weggehen bestimmender als die Rückkehr. Hier ist es der aktive Prozess der Veränderung, der die Handlung trägt. Hier ist es der Rahmen, aus dem das normale Leben fällt. Hier ist es die hoffnungsvolle Aktion, die einen hochpolitischen, menschlichen und gesellschaftlichen Roman zu dem macht, was er ist. Großes Kopfkino mit antizyklischen Voraussetzungen. Ich schreibe und lese viel über das, was ich als Heimat empfinde. Mein Denken hat sich durch Sana Krasikov ein wenig verändert. Austauschbar war Heimat nie für mich. Florence Fein hat gehörige Zweifel in mir gesät.

Heimat und die kleine literarische Sternwarte: eine tiefe Auseinandersetzung.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

„LENNON“ von David Foenkinos

Lennon von David Foenkinos

Walking on thin ice, I’m paying the price…

Diese Liedzeile vibrierte wohl noch in der New Yorker Luft, als John Lennon am 8. Dezember 1980 das Record-Plant-Studio verließ und gemeinsam mit seiner Frau Yoko Ono nach Hause ging. Vor dem Dakota Building wartete Mark David Chapman auf das Paar. Der Mann, dem John Lennon noch am Vormittag beim Verlassen des Gebäudes ein Autogramm gegeben hatte. Diesmal jedoch wollte er kein Andenken vom Musikidol einer ganzen Generation. Er erschoss John Lennon aus sechs Metern Entfernung. Der Song, den Lennon an diesem Tag im Studio aufgenommen hatte, scheint zur Metapher dieses Anschlages zu mutieren. Ich gehe auf dünnem Eis und zahle den Preis…

Gerade mal 18 Jahre alt war ich an diesem Tag, als Nachrichtenfetzen vom Mord an John Lennon berichteten. Ich fühlte mich so unverletzlich wie der Kopf der Beatles, war davon überzeugt, dass man wie er aus dem Bett heraus die Welt verändern könnte und dass Musik eine Waffe gegen die Gleichgültigkeit und Kälte war. Weltweites Entsetzen und stumme Aufschreie seiner Fans setzten ein. „Imagine“ wurde zum Soundtrack der Stunde. „Give Peace a Chance“ entwickelte sich zum Rhythmus der Trauer. Und nicht zuletzt blickten wir alle auf eine wohl beispiellose Zeit zurück, die heute als die Epoche der Beatles gilt. Der Gedanke an diesen Tag lässt eine Melancholie in mir auferstehen, die mich nie ganz losgelassen hat. Ein einziger Song der Beatles reicht mir schon aus. Manchmal auch ein einziges Wort. „Imagine…“ Dann bin ich wieder dort…

Lennon von David Foenkinos

„Walking on thin ice“. Auf ebensolches dünnes Eis begibt sich auch ein Schriftsteller, wenn er heute über John Lennon schreibt. Besonders dann, wenn er versucht sich ihm in einem biografischen Roman zu nähern, der geeignet scheint, eine Ikone vom Sockel zu stoßen. Besonders dann, wenn er eine Ausgangssituation wählt, die echte Fans von John Lennon erschaudern lässt. Besonders dann, wenn er vorgaukelt, mehr zu wissen, als Lennon selbst jemals preisgeben wollte. David Foenkinos, ein Schwergewicht der französischen Literatur, begibt sich mit seinem neuen Roman „Lennon“ auf das dünne Eis einer fiktionalen Betrachtung eines omnipräsenten Künstlers, dessen Spuren durch die Zeit weichgespült und idealisiert wurden. Die Frage ist: Will ich das lesen?

Will ich einen John Lennon erleben, der über einen Zeitraum von fünf Jahren seinem erfundenen Psycho-Therapeuten das Herz und die Seele ausschüttet? Möchte ich zum Zeugen fiktiver Sitzungen werden, in denen John Lennon auf der Couch liegend auf ein Leben zurückblickt, von dem wir heute nur das Positive in Erinnerung behalten wollen? Möchte ich den zerbrechlichen, zerrissenen, zugekifften, gewalttätigen, egozentrischen und psychotischen Lennon kennenlernen, den ich als genialen Sänger, Weltveränderer und Friedensaktivisten im Herzen trage? Will ich mich unter den Sockel dieses Buches stellen und darauf warten, bis mir die Ikone Lennon zerbrochen in die Arme fällt. Nein. Will ich nicht.

Lennon von David Foenkinos

Und doch lese ich, weil mich David Foenkinos bisher noch nie enttäuscht hat. Ich lese weil er mir mit „Charlotte“ einen der außergewöhnlichsten Romane geschenkt hat, den ich je lesen durfte. Ich lese, weil mir „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ so viele Facetten des Lächelns abgerungen hat, wie selten zuvor in meinem Lesen. Ja, ich lese „Lennon“, weil ich einem Schriftsteller vertraue und doch erwarte ich, ihn auf dem dünnen Eis dieses Projekts einbrechen zu sehen. Einfach nur, weil ich vielleicht Dinge erfahre, die ich gar nicht wissen möchte und die vor dem Hintergrund eines Romans in jeder Beziehung interpretierbar und faktenfrei sind. Ich mag meinen John Lennon so in Erinnerung behalten, wie ich mir einbilde, dass es ihm gerecht wird.

Und ich mag mich ab und an in Yoko Ono hineindenken, deren eigenes Leben am Ende war, als sie die Schüsse vor dem Dakota-Building hörte. Ich möchte mir das nicht kaputtmachen lassen. Auch nicht von Foenkinos. Gerade nicht von ihm. Und dann bin ich lesend auch schon an dem Punkt angelangt, der mir Kopfschmerzen bereitet. Höre John Lennon zu, der auf der Couch liegend einen wahren Seelenstriptease vorführt, in seine Kindheit und Jugend zurückblickt und sich seinem Therapeuten so schonungslos öffnet, wie es wohl in der Realität niemals geschehen ist. Aus der Ich-Perspektive wird nun erzählt, was man vielleicht vermuten, aber nicht wissen konnte. Schwere Kindheit, Vereinsamung, fehlende Nestwärme, Vaterkomplex… alles, was es so braucht, um zu erklären, warum man später auf die schiefe Bahn geraten war.

Lennon von David Foenkinos

Ich breche ab. Zuviel für mich. Das ist nicht Lennon. Das hört und fühlt sich nicht nach ihm an. Ich verabschiede mich ins Internet, suche nach Interviews und Aufnahmen aus der New Yorker Zeit, Statements zu seiner Karriere und werde stutzig. Ich wollte es so vielleicht nie hören, aber ich erkenne die Stimme und den Tonfall aus dem Buch wieder und lese weiter. Vielleicht hat David Foenkinos aus seiner Warte als Schriftsteller mehr gehört, genauer zugehört, neutraler betrachtet und ist deshalb zu einer Sichtweise des Erzählens gelangt, die John Lennon eher gerecht wird, als jeder verklärte Blick von mir. Ich lasse mich auf Foenkinos und seinen „Lennon“ ein. Nun ohne Vorbehalte. Erkenne und realisiere, wie er das Idealbild von Lennon in ein brutal zerrissenes Puzzle zerlegt und es dann Stein für Stein wieder zusammensetzt. 

Das so entstehende Portrait sieht am Ende so aus, wie das Bild, an das ich mich erinnern wollte. Jetzt erst erkenne ich all das, was meine eigene Vorstellung auf dem Bild übertüncht und überschminkt hatte. Aus kleinen Falten im Gesicht werden Narben, aus Grübchen Gruben und aus dem bohrenden Blick wird ein Hilfeschrei. Das ist keine Demontage eines Idols. Es ist das Erden einer Ikone. Was auf diese Weise entsteht ist der ungeschönte Abriss der Geschichte der Beatles, die Beschreibung aller Kollisionen und der Abgesang auf die Musikindustrie jener Tage. Der Soundtrack des Romans ist die Anthologie der Beatles-Songs und die Beatlemania hämmert ihre fatalen Rhythmen in und zwischen die Zeilen. Nein. Foenkinos hat Lennon nicht zerstört, er hat ihn nicht erhöht, er romantisiert ihn ebenso wenig, wie er ihn schlachtet. Ich habe das Gefühl, in der Tiefe der Auseinandersetzung mit John Lennon etwas gewonnen zu haben. Etwas, das ich nie wahrhaben oder erkennen wollte. Einen Blick ins Innere, der plausibel und ehrlich erscheint.

Lennon von David Foenkinos

Lennon ist fiktionale Künstlerbiografie und tatsächliche Kulturstory von Format und wird gerade bei eingefleischten Fans des Sängers sehr polarisieren. Entweder ich liebe, oder ich hasse dieses Buch. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich bin mit diesem Roman im Reinen. Ich bin mit meiner Erinnerung im Reinen. Und vielleicht bewirkt dieses Buch ganz nebenbei noch etwas, was Biografien bisher nicht gelang. Es wirft ein neues Bild auf jene Yoko Ono, die heute noch als die skrupellose Frau gilt, die den Beatles den Todesstoß versetzte. Sie wird immer noch als die Egomanin gesehen, die John Lennon, wie bei einer feindlichen Übernahme besetzte und ihn seiner eigenen Vergangenheit entfremdete.

David Foenkinos hat das gut gemacht. Ich verdanke diesem Roman, dass ich mich mal wieder in meine Jugend fallen lassen konnte, meine Playlist von damals erneut im Ohr habe und an den 8. Dezember 1980 denken kann, ohne in Schockstarre und pure Resignation zu verfallen. Manchmal braucht man einen guten Freund, der einem dabei hilft. Manchmal kann ein Schriftsteller ein guter Freund sein. David Foenkinos ist nicht im dünnen Eis eingebrochen. Er hat es ein wenig tragfähiger gemacht. Danke dafür. Es klingt wie ein alter Beatles-Song, den ich jetzt ganz leise höre, wenn ich hier an diesen Roman denke. Manchmal braucht man einen Freund, für einen neuen Blick aufs Leben.

No, I get by with a little help from my friends
Mm, I get high with a little help from my friends
Mm, gonna try with a little help from my friends

Lennon von David Foenkinos

„Von dieser Welt“ – James Baldwin sprengt alle Ketten

Von dieser Welt – James Baldwin

Hier erleben wir die unglaubliche Dynamik des Buchmarktes in Reinkultur. Schon auf der Frankfurter Buchmesse wird mir beim Presstermin bei dtv ein ungewöhnlicher Roman vorgestellt. Meine Entscheidung ihn zu lesen fällt schnell, geht es doch um eins der Schwerpunktthemen auf AstroLibrium. Den wohl unbesiegbaren Rassismus in den USA, die nie wirklich gesprengten Ketten nach der Abschaffung der Sklaverei am Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges und die lang anhaltenden und dramatischen Folgen dieser geistigen Fehlentwicklung für die Betroffenen und Verursacher. Viele Bücher zu diesem Thema habe ich bereits vorgestellt und dabei deutlich darauf hingewiesen, wie sehr die Wurzeln dieser über Generationen vererbten Diskriminierung auch heute eine ganze Gesellschaft im Griff haben.

Von dieser Welt“ von James Baldwin wurde groß angekündigt und im Umfeld der Veröffentlichung spürt man ein betriebsames und gespanntes Vibrieren in der Branche. Erste Druckfahnen werden versandt, eine aufwendig gestaltete SocialWall entsteht, der Hashtag #tappingintobaldwin macht die Runde, die Produktion des Hörbuches nimmt Fahrt auf und alle Weichen sind gestellt, das Werk pünktlich zur Leipziger Buchmesse in den Handel zu bringen. Und dann das: Eine flotte Pressemitteilung und die Hektik hinter den Kulissen wird spürbar. Erscheinungstermin vorgezogen. Zwei Wochen früher als eigentlich geplant wird Baldwins „Von dieser Welt“ schon am 28. Februar das Licht der Bücherwelt erblicken. Was war passiert?

Von dieser Welt – James Baldwin – Die SocialWall

Ganz einfach. Der größte Buchmarkt-Motor hatte sein Getriebe geölt und diesen Roman auf die Liste gesetzt. Die Rede ist hier vom „Literarischen Quartett„. Schon in der Sendung vom 2. März wird man über die Neuerscheinung diskutieren und es wäre ein Debakel, die Steilvorlage des Kritikerquartetts ungenutzt zu lassen, indem das Buch (wie immer es auch dort besprochen wird) als noch nicht lieferbar deklariert würde. Es ist kein Geheimnis, was schon am Tag nach der Ausstrahlung im Buchhandel passieren wird. „Ich hätte gerne das Buch, das gestern im Fernsehen vorgestellt wurde. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber es war blau!“ Buchhändler wissen wovon ich rede.

Aber womit haben wir es hier eigentlich zu tun? Ist „Von dieser Welt“ gar nicht von dieser Welt und eine echte literarische Sensation? Hat dieser Roman das Potenzial, die Bestsellerlisten quasi im Alleingang zu erobern? Wird er schon im Ausland bejubelt und eilen ihm Vorschusslorbeeren voraus, die den Erfolg in Deutschland garantieren? Nein. Weit gefehlt. Wir haben es im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Klassiker zu tun, mit der Neuentdeckung des 1987 verstorbenen Autors und einem besonderen Wagnis aus Sicht des Verlages. James Baldwin ist kein unbeschriebenes Blatt, dieses Buch ist kein unbesungenes Meisterwerk und doch ist die Zeit reif, den Debütroman des Autors aus dem Jahr 1953 in der neuen Übersetzung von Miriam Mandelkow auf die Welt zu bringen.

Von dieser Welt – James Baldwin

Und schon wird es auch für den geneigten Kritiker, Quartettspieler und auch uns Rezensenten ein wenig tricky. Kommt es hier überhaupt noch auf unser Urteil an und können wir uns überhaupt Kritik an einem der hochgelobtesten Bücher über Rassismus und Ausgrenzung, Selbstfindung innerhalb der schwarzen Hautfarbendiaspora und dem kompensatorischen religiösen Ablenkungsautomatismus afroamerikanischer Bürger der letzten 70 Jahre erlauben? Was bleibt uns noch zu einem Roman zu sagen, den selbst das Time Magazine auf der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 führt? Steht es uns dann noch zu, einen schwarzen Schriftsteller postmortem kritisieren zu wollen? Einen literarischen Aktivisten der Gleichberechtigung, die leuchtende Fackel im Kampf gegen die Unterdrückung und zu Lebzeiten den einzigen schwarzen Künstler, der es aufs Cover des Time Magazine geschafft hatte? Ich sagte ja, es wird sehr tricky, denn das einzige Manko unseres Lesens ist, dass wir ihn hierzulande schon vergessen oder sowieso bisher nie richtig wahrgenommen haben.

Wo sehe ich meine Rolle, wenn ich Von dieser Welt vorstelle? Ganz einfach. Ich möchte beschreiben, warum man James Baldwin heute lesen MUSS. Ich mag erzählen, wie ich dieses Buch gelesen und empfunden habe und dabei hervorheben, was es von den Büchern unterscheidet, die für mich Maßstab eines freien vorurteilsfreien Denkens sind und neue Gedanken festhalten die ich exklusiv diesem Roman zu verdanken habe. Und schon wird verständlich, warum „Von dieser Welt“ nichts von der Brisanz verloren hat, die diesen Roman schon im Erscheinungsjahr 1953 ausgezeichnet hat. Erstmals in der Literaturgeschichte schrieb ein schwarzer Autor nicht über Rassismus. Zum ersten Mal gelang es einem afroamerikanischen Schriftsteller, sich von Erzähltraditionen einer Welt zu lösen, die niemals seine Welt werden sollte. Erstmals fand James Baldwin eine ganz eigene Stimme und erstmals verlieh er dieser Stimme und den bisher ungehörten Gehör, weil er nicht über Rassismus schrieb. Er schrieb Von dieser Welt, wie sie sich für ihn anfühlte. Eine Welt, in der niemand gerne leben würde. 

Von dieser Welt – James Baldwin

James Baldwin entführt uns ins Harlem der 30er Jahre und erzählt die Geschichte eines einzigen Tages. Er erzählt vom 14. Geburtstag von John Grimes. Ein schwarzer Junge auf der Suche nach seinem Weg ins Leben, orientierungslos und von eigenen Vater täglich mit der Geißel der Religion und der eigenen Wertlosigkeit konfrontiert. Nur die Kirche und die Hinwendung zu Gott können ein Ausweg aus dem tristen Leben sein. Nur in der bedingungslosen Hin- und Aufgabe läge seine Zukunft. Diese Lehre wird ihm täglich brutal eingetrichtert. Einzig sein wacher Verstand, die Hassliebe gegenüber dem Vater und der unbedingte Wille, selbst über sein Leben zu entscheiden, veranlassen ihn sich aufzulehnen und den Blick auf die wahre Welt zu richten. Eine Welt, die ihm fremd und feindlich gegenüber steht. Die Welt der Weißen in New York. Eine Welt, in der kein Platz für einen Schwarzen war, ist und sein wird.

An der Seite von John Grimes erleben wir diesen einen Tag in voller Wucht. Wir werden zu Zeugen seines Blicks auf das New York der Weißen und erleben, wie man seinen geschundenen Bruder nach Hause bringt. Wir fühlen mit, wenn John Sehnsucht nach Liebe empfindet und spüren seine Hilflosigkeit angesichts der Verblendung seines Vaters, der in der übersteigerten Religiosität der Welt der Weißen zu entfliehen sucht. Diese Ersatzwelt in der Kirche stattet seinen Vater mit der Macht aus, die er im wahren Leben niemals finden würde und so versinkt seine schwarze Gemeinde im Sumpf einer fast wahnhaften Erweckungspsychose. Und doch ist es die Hinwendung zu Gott, die es John ermöglicht, sich vor der Kirche, dem Harlemer Slum und seiner eigenen Familie in Sicherheit zu bringen. Hier liest sich der Roman wie ein ekstatischer Gospel, der in die Seele reicht und von Hoffnung und Rettung kündet. Ein rhythmischer Gospel, der jedoch nur in der Lage ist, die Ketten der Versklavung enger um die Herzen der Schwarzen zu ziehen. Eine bedrohliche Melodie. Weltfremd und voller Selbstbetrug.

Von dieser Welt – James Baldwin

Wie eine Messe liest sich dieser Roman, wie ein Choral besingt er drei Gebete. Es sind die Gebete von Johns Vater, das seiner Tante und zuletzt das aufrichtige Gebet der eigenen Mutter. Sie öffnen ihre Seelen, nichts bleibt verborgen, keine Wunde verheilt im Gospel dreier Leben. Es sind Gebete von Machtlosigkeit, Macht, Treue und Untreue. Es sind Gebete, die nur entstehen können, weil Rassismus das schwarze Leben dominiert. Die brutale Beiläufigkeit, mit der die Fremdbestimmung durch Weiße erzählt wird, wird in jeder Zeile spürbarer. Baldwin schreibt nicht über diesen Hass. Er beschreibt ihn als Teil des Lebens, vor dem man nicht fliehen kann. Rassismus ist „Von dieser Welt“ und John Grimes versucht ihm an diesem 14. Geburtstag zu entrinnen, indem er seine Welt hinter sich lassen muss. Hart und brutal. Erniedrigend und erhellend. Unvergesslich.

Von dieser Welt liest sich wie ein Initiationsritual, weil wir am eigenen Leib spüren was es bedeutet, nur als minderwertige Menschen gesehen zu werden. Das Buch ist so beklemmend, weil James Baldwin sich von allen Zwängen befreit, die eigenen Ketten sprengt und uns mit einer Sprache konfrontiert, die uns sprachlos macht. Er selbst zog sich in ein Schweizer Dorf zurück, hörte Gospels von Bessie Smith und versuchte sich in seiner eigenen Sprache zu definieren. Im blühenden Alltagsrassismus des „Negers mit der Schreibmaschine“ gelang ihm der autobiografische Befreiungsschlag mit dem Sound, den man vorher nie vernahm. Miriam Mandelkow ist das Kunststück gelungen, den ursprünglichen Rhythmus und die Melodie dieser Erzählung in eine Übersetzung einfließen zu lassen, die dem Werk Baldwins mehr als gerecht wird.

Von dieser Welt – James Baldwin

Nun mag die moderne Welt über dieses Buch urteilen wie sie mag. Seine Relevanz für unsere Zeit ist unbestritten. Ta-Nehisi Coates hat das auf den Punkt gebracht. Sein Buch „Zwischen mir und der Welt“ nimmt den Ball auf, den James Baldwin ihm schon 1953 zugespielt hat und zeigt im offenen Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn, dass die Welt, in der er heute lebt sich nicht wesentlich von der Welt unterscheidet, die Baldwin beschrieb. Beide Bücher sind nur durch die Zeit voneinander getrennt. Baldwin ist wichtig für das Verständnis der heutigen „Black Lives Matter„-Bewegung. Schade, dass „Von dieser Welt“ genau von jenen Menschen nicht gelesen wird, die diese Welt zu ihrer machen und sie für andere verschließen.

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Das Hörbuch zum Roman erscheint am 29.3. bei Der Audio Verlag. Wanja Mues wird diesem bedeutenden Werk seine Stimme verleihen. Ich habe es gehört und mich bei Literatur Radio Bayern geäußert [1]. Folgen Sie mir bitte in einige Bücher, die für mich unverzichtbar sind, wenn es um das Verständnis dafür geht, wie es sich anfühlen muss, in einer Welt zu leben, die ihre Tore für alle Zeiten verschlossen hat. Rassismus lautet der Tag, der Sie zu meiner weltoffenen Bibliothek dieser Bücher bringt. Und wenn Sie sich jetzt noch dafür interessieren, wer meine Weichen in eine Welt ohne jegliche Vorurteile gestellt hat, dem lege ich den Artikel Warum ich kein Rassist bin ans Herz.

Gegen Rassismus und Ausgrenzung – Ein Schwerpunkt bei AstroLibrium

[1] Premiere bei Literatur Radio Bayern. Ab 28. März kann man in meinem PodCast zum Hörbuch eine von zwei Ausgaben der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag gewinnen. Zuhören und die Antwort an astrolibrium-aktion@web.de schicken. Der Einsendeschluss ist Montag, der 2. April.

Nachdem ich euch gezeigt habe, dass Baldwin nicht „Von dieser Welt“ ist, singe ich nun seinen „Beale Street Blues“… Hier geht´s lang… 

James Baldwin – Es geht weiter

„Mord auf Bestellung“ von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Also nur mal ganz unter uns. Würden Sie einen Roman lesen, dessen Autor die Idee für das ganze Buch gekauft hat? Würden Sie ein Buch lesen, in dem sich genau dieser Schriftsteller so sehr in der fremden Idee verrennt, dass er nicht mehr zum Ende findet? Würden Sie einen Thriller lesen, der dann fast fünfzig Jahre später von einem anderen Autor beendet wurde, dem das Manuskript zufällig in die Hände fiel? Seien Sie jetzt mal ganz ehrlich. Würden Sie dieses Buch lesen?

Stellen wir die Frage doch mal anders. Würden Sie den Roman lesen, wenn er aus der Feder des einzigartigen Jack London stammen würde, der mit „Wolfsblut„, „Der Seewolf„, „Goldrausch in Alaska“ und „Ruf der Wildnis“ zur Legende wurde? Oder würden Sie ein Buch lesen, dessen Idee von Sinclair Lewis stammt, der als mittelloser Lohnschreiber seinen Lebensunterhalt bestritt, indem er seine Romanideen für kleines Geld an namhafte Schriftsteller verkaufte? Wäre es für Sie von Interesse, dass dieser Ideenhändler später mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Und würde es Sie vielleicht interessieren, ein Buch in Händen zu halten, in dem Sie all dies selbst erlesen könnten? Die Idee. Den Roman bis zu seiner Abbruchstelle. Die Fortsetzung durch einen Autor, der vorher kaum in Erscheinung getreten war. Und auch den Rohentwurf des Finales von Jack London selbst, in dem er das Ende des Buches skizziert, zu dem er sich doch niemals durchringen konnte. Und darüber hinaus könnte es Sie interessieren, dass Ihnen die Idee ein wenig bekannt vorkommt, weil Sie sich an einen Film erinnern können, in dem Diana Rigg fast berühmter wurde, als in ihrer Rolle der Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“? Na, wie sieht es jetzt aus?

Wenn Sie jetzt neugierig geworden sind, dann sollten Sie weiterlesen, denn hier wartet genau jener Agententhriller auf Sie, der durch seine Entstehungsgeschichte und alle Legenden, die sich um ihn ranken, absolut einzigartig ist. Mord auf Bestellungvon Jack London ist im Manesse Verlag in einer Fassung erschienen, die nicht nur keine Fragen mehr offen lässt, sondern den Leser dazu verleitet, aktiv zu werden und vielleicht sogar sein eigenes Ende zu erdenken. Wenn man weiß, dass der eigentliche Autor sich in eine Sackgasse manövriert hat und sich die Fortsetzung von Robert L. Fish deutlich vom Finalentwurf Jack Londons unterscheidet, dann sind die Gedanken frei, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen und aus diesem Roman einen eigenen Mitmachthriller zu gestalten. Sind Sie bereit?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Dabei werden Sie in jeder Hinsicht literarisch gefesselt, weil diese offensichtlichen Brüche im Buch gar nicht offen erkennbar sind. Die facettenreiche Ausgabe mit einem hilfreichen Nachwort von Freddy Langer, einem Stichwortverzeichnis, dem Fragment des finalen Entwurfes von Jack London und dem deutlichen Hinweis, an welcher Stelle Rober L. Fish angesetzt hat, lässt alle Sollbruchstellen innerhalb des Romans sichtbar werden, ohne den Thriller des Lesevergnügens zu berauben. Denn eines steht fest: Er ist von der Idee bis zu seinem Ende brillant, spannend, kurios und mehr als lesenswert.

Jack London öffnet die Pforten zu einer Gesellschaft ehrenwerter Männer, die im New York des Jahres 1911 ein wahres Schattendasein führen. Sie treten nur dann in Erscheinung, wenn sie gut bezahlt werden und ihre Aktionen nach einem ethisch und moralisch kaum zu beanstandenden Prüfverfahren sanktioniert wurden. Was sie dann ganz genau tun? Nun, ganz einfach. Sie morden. Attentate sind ihre Profession und es ist eigentlich recht einfach, die gedungenen Killer zu engagieren.

„Wenngleich Henker die bessere und treffendere Bezeichnung ist.“

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Man wendet sich an Ivan Dragomiloff, den Chef der Attentatsagentur, nennt ihm das Opfer, begründet diesen Wunsch und vereinbart einen Preis. Der variiert nach der Position, die das potentielle Opfer in der Gesellschaft bekleidet. Ein Monarch ist hier wesentlich teurer als ein Polizeichef und kriminelle Randfiguren sind schon für kleines Geld zu beseitigen. Einzige Voraussetzung für die Agentur, einen Auftrag anzunehmen ist die Akzeptanz eines komplexen Regelwerks. Das Attentat muss aus ethischer Sicht gerecht sein, der Auftrag kann nicht mehr storniert werden und im Falle des Scheiterns der Agentur binnen eines Jahres nach Autragserteilung wird die Summe erstattet.

Was jedoch ist ethisch und gesellschaftlich gerecht? Diese Diskussion steht über der Mission der Agentur. Von Unterdrückung bis zur Korruption reicht das Spektrum. Gerechtigkeit ist das oberste Ziel der Attentäter, die allesamt aus ehrenwerten Berufen stammen und sich selbst als Instrumente einer gesellschaftlichen Säuberung verstehen. Soweit so gut. Das Geschäft floriert und viele asoziale Gestalten wurden spurlos von den Agenten beseitigt, die von New York aus überregional bestens organisiert sind. Als ein gewisser Winter Hall die Agentur mit einem Auftrag konfrontiert, gerät jedoch diese Philosophie der rechtschaffenen Wahnsinnigen ins Wanken.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Er beauftragt Ivan Dragomiloff damit, sich von seinen eigenen Agenten liquidieren zu lassen und der Attentatsagentur so den Todesstoß zu versetzen. Hall ist ein wesentlich fanatischerer Moralist als Dragomiloff und in der Diskussion um die ethischen Motive der Agentur kann man sich Halls philosophischer Begründung nicht entziehen, dass es dem Menschen nicht zusteht über den Menschen zu richten. Der Kampf um das Gute in der Gesellschaft rechtfertigt nicht jedes Mittel. Dragomiloff nimmt den Auftrag an und es entbrennt eine atemberaubende Jagd der Attentäter gegen ihren eigenen Chef.

„Ich bin ein Mensch“, erwiderte Dragomiloff traurig. „Möglicherweise wird sich das auf lange Sicht als die tödliche Schwachstelle meiner Philosophie erweisen.“

Diesen Thriller als rasant zu bezeichnen kommt einer Verharmlosung gleich. Die philosophische Diskussion, wie weit man gehen kann, um das Böse zu beseitigen ist brillant und die Versuche der Attentäter, ihren Chef zu liquidieren sowie seine eigenen Versuche, sich zu retten sind grandios beschrieben. Die Tatsache, dass Winter Hall zu spät bemerkt, dass die Frau, die er liebt zutiefst in die Agentur verstrickt ist, setzt dem Ganzen einen besonderen emotionalen Deckel auf. Lassen Sie sich auf das Spiel ein. Finden Sie Ihr eigenes Ende und denken Sie darüber nach, wer hier im Recht ist.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Lesespaß ohne Grenzen! Und das in einem Thriller, dessen Entstehungsgeschichte einen eigenen Roman wert gewesen wäre. Und sollten Sie irgendwann einmal Diana Rigg im Film Mörder GmbH sehen, dann denken Sie einfach an Jack London und den Roman „Mord auf Bestellung„, der einst von einem armen Lohnschreiber erdacht, von einem Großmeister begonnen und von einem kleinen Schriftsteller beendet wurde.

PS: Mord auf Bestellung ist auch bei Hauke Harder ein wahrer Leseschatz!

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London – Diana Rigg in einer besonderen Rolle