„Mord auf Bestellung“ von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Also nur mal ganz unter uns. Würden Sie einen Roman lesen, dessen Autor die Idee für das ganze Buch gekauft hat? Würden Sie ein Buch lesen, in dem sich genau dieser Schriftsteller so sehr in der fremden Idee verrennt, dass er nicht mehr zum Ende findet? Würden Sie einen Thriller lesen, der dann fast fünfzig Jahre später von einem anderen Autor beendet wurde, dem das Manuskript zufällig in die Hände fiel? Seien Sie jetzt mal ganz ehrlich. Würden Sie dieses Buch lesen?

Stellen wir die Frage doch mal anders. Würden Sie den Roman lesen, wenn er aus der Feder des einzigartigen Jack London stammen würde, der mit „Wolfsblut„, „Der Seewolf„, „Goldrausch in Alaska“ und „Ruf der Wildnis“ zur Legende wurde? Oder würden Sie ein Buch lesen, dessen Idee von Sinclair Lewis stammt, der als mittelloser Lohnschreiber seinen Lebensunterhalt bestritt, indem er seine Romanideen für kleines Geld an namhafte Schriftsteller verkaufte? Wäre es für Sie von Interesse, dass dieser Ideenhändler später mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Und würde es Sie vielleicht interessieren, ein Buch in Händen zu halten, in dem Sie all dies selbst erlesen könnten? Die Idee. Den Roman bis zu seiner Abbruchstelle. Die Fortsetzung durch einen Autor, der vorher kaum in Erscheinung getreten war. Und auch den Rohentwurf des Finales von Jack London selbst, in dem er das Ende des Buches skizziert, zu dem er sich doch niemals durchringen konnte. Und darüber hinaus könnte es Sie interessieren, dass Ihnen die Idee ein wenig bekannt vorkommt, weil Sie sich an einen Film erinnern können, in dem Diana Rigg fast berühmter wurde, als in ihrer Rolle der Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“? Na, wie sieht es jetzt aus?

Wenn Sie jetzt neugierig geworden sind, dann sollten Sie weiterlesen, denn hier wartet genau jener Agententhriller auf Sie, der durch seine Entstehungsgeschichte und alle Legenden, die sich um ihn ranken, absolut einzigartig ist. Mord auf Bestellungvon Jack London ist im Manesse Verlag in einer Fassung erschienen, die nicht nur keine Fragen mehr offen lässt, sondern den Leser dazu verleitet, aktiv zu werden und vielleicht sogar sein eigenes Ende zu erdenken. Wenn man weiß, dass der eigentliche Autor sich in eine Sackgasse manövriert hat und sich die Fortsetzung von Robert L. Fish deutlich vom Finalentwurf Jack Londons unterscheidet, dann sind die Gedanken frei, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen und aus diesem Roman einen eigenen Mitmachthriller zu gestalten. Sind Sie bereit?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Dabei werden Sie in jeder Hinsicht literarisch gefesselt, weil diese offensichtlichen Brüche im Buch gar nicht offen erkennbar sind. Die facettenreiche Ausgabe mit einem hilfreichen Nachwort von Freddy Langer, einem Stichwortverzeichnis, dem Fragment des finalen Entwurfes von Jack London und dem deutlichen Hinweis, an welcher Stelle Rober L. Fish angesetzt hat, lässt alle Sollbruchstellen innerhalb des Romans sichtbar werden, ohne den Thriller des Lesevergnügens zu berauben. Denn eines steht fest: Er ist von der Idee bis zu seinem Ende brillant, spannend, kurios und mehr als lesenswert.

Jack London öffnet die Pforten zu einer Gesellschaft ehrenwerter Männer, die im New York des Jahres 1911 ein wahres Schattendasein führen. Sie treten nur dann in Erscheinung, wenn sie gut bezahlt werden und ihre Aktionen nach einem ethisch und moralisch kaum zu beanstandenden Prüfverfahren sanktioniert wurden. Was sie dann ganz genau tun? Nun, ganz einfach. Sie morden. Attentate sind ihre Profession und es ist eigentlich recht einfach, die gedungenen Killer zu engagieren.

„Wenngleich Henker die bessere und treffendere Bezeichnung ist.“

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Man wendet sich an Ivan Dragomiloff, den Chef der Attentatsagentur, nennt ihm das Opfer, begründet diesen Wunsch und vereinbart einen Preis. Der variiert nach der Position, die das potentielle Opfer in der Gesellschaft bekleidet. Ein Monarch ist hier wesentlich teurer als ein Polizeichef und kriminelle Randfiguren sind schon für kleines Geld zu beseitigen. Einzige Voraussetzung für die Agentur, einen Auftrag anzunehmen ist die Akzeptanz eines komplexen Regelwerks. Das Attentat muss aus ethischer Sicht gerecht sein, der Auftrag kann nicht mehr storniert werden und im Falle des Scheiterns der Agentur binnen eines Jahres nach Autragserteilung wird die Summe erstattet.

Was jedoch ist ethisch und gesellschaftlich gerecht? Diese Diskussion steht über der Mission der Agentur. Von Unterdrückung bis zur Korruption reicht das Spektrum. Gerechtigkeit ist das oberste Ziel der Attentäter, die allesamt aus ehrenwerten Berufen stammen und sich selbst als Instrumente einer gesellschaftlichen Säuberung verstehen. Soweit so gut. Das Geschäft floriert und viele asoziale Gestalten wurden spurlos von den Agenten beseitigt, die von New York aus überregional bestens organisiert sind. Als ein gewisser Winter Hall die Agentur mit einem Auftrag konfrontiert, gerät jedoch diese Philosophie der rechtschaffenen Wahnsinnigen ins Wanken.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Er beauftragt Ivan Dragomiloff damit, sich von seinen eigenen Agenten liquidieren zu lassen und der Attentatsagentur so den Todesstoß zu versetzen. Hall ist ein wesentlich fanatischerer Moralist als Dragomiloff und in der Diskussion um die ethischen Motive der Agentur kann man sich Halls philosophischer Begründung nicht entziehen, dass es dem Menschen nicht zusteht über den Menschen zu richten. Der Kampf um das Gute in der Gesellschaft rechtfertigt nicht jedes Mittel. Dragomiloff nimmt den Auftrag an und es entbrennt eine atemberaubende Jagd der Attentäter gegen ihren eigenen Chef.

„Ich bin ein Mensch“, erwiderte Dragomiloff traurig. „Möglicherweise wird sich das auf lange Sicht als die tödliche Schwachstelle meiner Philosophie erweisen.“

Diesen Thriller als rasant zu bezeichnen kommt einer Verharmlosung gleich. Die philosophische Diskussion, wie weit man gehen kann, um das Böse zu beseitigen ist brillant und die Versuche der Attentäter, ihren Chef zu liquidieren sowie seine eigenen Versuche, sich zu retten sind grandios beschrieben. Die Tatsache, dass Winter Hall zu spät bemerkt, dass die Frau, die er liebt zutiefst in die Agentur verstrickt ist, setzt dem Ganzen einen besonderen emotionalen Deckel auf. Lassen Sie sich auf das Spiel ein. Finden Sie Ihr eigenes Ende und denken Sie darüber nach, wer hier im Recht ist.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Lesespaß ohne Grenzen! Und das in einem Thriller, dessen Entstehungsgeschichte einen eigenen Roman wert gewesen wäre. Und sollten Sie irgendwann einmal Diana Rigg im Film Mörder GmbH sehen, dann denken Sie einfach an Jack London und den Roman „Mord auf Bestellung„, der einst von einem armen Lohnschreiber erdacht, von einem Großmeister begonnen und von einem kleinen Schriftsteller beendet wurde.

PS: Mord auf Bestellung ist auch bei Hauke Harder ein wahrer Leseschatz!

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London – Diana Rigg in einer besonderen Rolle

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„Wir sehen uns am Meer“ von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann die Liebe alle Fesseln sprengen?

Ist die Liebe in der Lage, Vorurteile und Prägung zu überwinden und kann sie alle Ressentiments beiseite fegen? Vermag sie mit ihren Gefühlen auch der härtesten aller denkbaren Proben zu widerstehen, oder findet die Zuneigung zu einem Menschen, der im eigentlichen Sinne zu historisch gewachsenen Feinden zählt, ihre Grenzen und wird zu ihrem Gegenteil: Abneigung, trotz aller Gefühle. Ist Liebe machtlos, wenn Schranken errichtet wurden, die das Terrain für Liebende zu Minenfeldern der eigenen Geschichte werden lassen?

Ein reales und literarisches Motiv, an dem schon die stärksten Protagonisten im Lauf der Geschichte verzweifelt sind. Nicht standesgemäße Verbindungen sind hier nur ein Aspekt der vielfältigen Verstrickungen. Politisch unmögliche Beziehungen liefern die frisch Verliebten schutzlos einem Umfeld aus, das statt Zärtlichkeit nur puren Hass mit sich bringt. Und religiös nicht miteinander vereinbare Verliebtheit prallt an den alten Konventionen ab, die der Liebe dogmatisch im Wege stehen. Ismaels Orangen von Claire Hajaj sei hier nur als besonders lesenswertes Beispiel genannt.

Ein Sieg der Liebe ist hier selten. Spätestens, wenn Liebende ihr warmes Liebesnest verlassen, realisieren sie, dass sie nicht alleine auf dieser Welt sind und schon beginnt das Gezerre aus den unterschiedlichsten Gründen. Hier endet jede Illusion. Herzen und Menschen brechen. Selbst, wenn das junge Glück weit von allen Konflikten dieser Welt entfernt ist und die kleine Insel der Emotion eigentlich keinen Nährboden für Hass oder Zweifel beheimatet. Man wird von der Welt eingeholt. Oder gibt es Ausnahmen?

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann es einen Ruhepol inmitten der Wirrnisse dieser Welt geben? Einen Ort, der so facettenreich und unbefangen ist, dass die zarte Pflanze der Leidenschaft erblühen kann ohne gleich einzugehen? Vielleicht hat die israelische Autorin Dorit Rabinyan die richtige Metropole entdeckt, die für eine unmögliche Liebe zum Reservat werden kann. Ich kehre an ihrer Seite nach New York zurück. In mein Brooklyn, das für mich lesend in den letzten Jahren zur zweiten Heimat wurde.

Vielen Schicksalen bin ich dort begegnet, habe die Welt der Einwanderer erlebt, bin verzweifelten Liebenden begegnet und wurde zum Zeugen dramatischer Ereignisse, die den Big Apple zum Wahrzeichen für Standhaftigkeit machten. Dieser Erzählraum ist mir sehr vertraut. Ich bewege mich auf einem Terrain, das ich mir seit Jahren erlesen habe und fühle bereits auf den ersten Seiten des Romans Wir sehen uns am Meer, dass mein Lesen immer wieder eine Heimkehr ist. Dorit Rabinyan bringt mich nach Hause.

Die Zeit, in der wir uns in ihrem Roman durch New York lesen, ist turbulent. Ein Jahr ist vergangen, seit die Türme des World Trade Centers in Schutt und Asche gelegt wurden. Ein Jahr, in dem die Angst vor Terrorismus und die Trauer um die Opfer dieser Anschläge das öffentliche Leben dominieren. Ein Jahr ist erst vergangen. Weihnachten steht vor der Tür und ich begegne zwei Menschen, die sich durch einen puren Zufall in den Straßen von New York kennenlernen. Ein Augenblick, der ihr Leben verändert.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Ihr Name ist Liat Benjamini. Sie ist 29 Jahre alt und Fullbright-Stipendiatin in den USA. Sie ist Israelin, kommt aus Tel Aviv und genießt ihren Aufenthalt in New York. Freunde haben ihr eine Wohnung überlassen und sie verbringt ihre Zeit mit der Übersetzung von wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Englischen ins Hebräische. Liat steht mit beiden Beinen mitten im Leben, steht mit ihrer Familie in Kontakt, hat gute jüdische Freunde in New York gefunden und freut sich auf die Zeit, die sie ihrem Stipendium verdankt.

In ihrem durchgeplanten Tagesablauf gibt es nur eine kleine Unwucht. Ein Treffen mit einem Bekannten kommt nicht zustande und statt seiner erscheint sein Freund, um Liat nicht ohne Nachricht in dem Kaffee warten zu lassen. Dieser Augenblick, der erste Eindruck, die ersten Worte des fremden jungen Mannes lösen in Liat Gefühle aus, die sie sich kaum erklären kann. Viel schöner noch. Sie macht gar nicht erst den Versuch! Sie schaut ihn nur an und lässt geschehen, was nie hätte geschehen sollen.

„Wie ihn aus dem Heute heraus beschreiben, wo anfangen? Wie den ersten Eindruck jener weit zurückliegenden Augenblicke wieder herausfiltern? Wie das vollendete, aus vielen Farbschichten bestehende Porträt zurückführen auf die flüchtige blasse Bleistiftskizze, die mein Auge einfing, als es zum ersten Mal auf ihm ruhte? Wie jetzt mit ein paar Strichen das ganze Bild mit all seinen Flächen und Furchen malen?“

Kurz gesagt, es ist wahrhaftig Liebe auf den ersten Blick!

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Chilmi ist unwiderstehlich. Er ist zwei Jahre jünger als Liat, lebt schon lange in New York. Er ist zurückhaltend, wenn es gilt zurückhaltend zu sein. Er ist mutig, wenn es an der Zeit ist, mit emotionalem Wagemut zu betören. Er ist Maler und ähnelt doch selbst einem seiner Gemälde. Er ist witzig, romantisch und charmant. Sehr zögernd und scheu verlaufen die ersten Momente. Was dann folgt, ist ein Taumel der Gefühle. Als seien sie füreinander bestimmt, fließen die Worte, die zarten Berührungen, überlagern sich ihre Gedanken und aus zwei Individuen entsteht binnen weniger Stunden ein Bild, das zu vibrieren scheint.

Alles könnte so wildromantisch sein. Würden nicht tiefe Schatten das gemeinsame Bild überlagern. Denn Chilmi stammt aus Ramallah. Er ist Palästinenser und beiden ist vom ersten Augenblick völlig klar, dass ihre Gefühle keine Zukunft haben können. Nicht den Hauch einer Chance würde man einer Beziehung zwischen der Israelin und dem Araber einräumen. Zu tief sind die Gräben, zu sehr verankert die Vorbehalte zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen. Zu tiefe Wunden haben sich die Generationen ihrer Vorfahren einander zugefügt. Und all dies ohne Einsicht, dass sich jemals etwas ändern sollte oder könnte. Verbarrikadiert hinter den eigenen Mauern sind ihre Völker.

Beiden ist dies bewusst, weil sie mehr als bewusst die Schäden der gegenseitig tief angelegten Vorurteile fühlen. Und doch gelingt es ihnen fast schon spielerisch, gegen die Konflikte anzukämpfen, die sie nie persönlich ausgetragen haben. Sie flüchten sich in wilde Begierde und lassen sich in ihre Emotionen fallen. Anfänglich gelingt dies. Als jedoch die „Lieben“ zuhause zu ahnen beginnen, was im fernen Brooklyn geschieht, ist es kein Wunder, dass ein religiös-politisches Gezerre um die frisch Verliebten beginnt. Nur Liat sieht dem gelassen entgegen. Ihr Visum endet in fünf Monaten. Dann würde sie sich von Chilmi trennen und nach Israel heimkehren. Wer könnte ihr das verübeln?

Nur: Sie hat die Rechnung ohne ihre Gefühle gemacht.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Dorit Rabinyan schreibt romantisch, erotisch, politisch, mutig und stilsicher. Sie transportiert das ewig junge Romeo-und-Julia-Motiv in die Atmosphäre von Brooklyn und changiert die konkrete Bedrohung zweier verfeindeter Familien in die abstrakte und seit Generationen gewachsene Feindschaft zweier Völker. In der Hoffnungslosigkeit der Ausgangssituation liegt der Sprengstoff dieses Romans. Die Ausweglosigkeit lässt den tiefen Kampf um Normalität so kraftvoll erscheinen. Die israelische Autorin wird den hier beschriebenen Menschen gerecht, nicht Nationen, Völkern oder Religionen über die sie schreibt.

Sie lässt sich literarisch nicht vor den Karren spannen. Dieses Buch wurde von der israelischen Erziehungsministerin von der Lektüreliste der Oberstufe gestrichen. Dieses Prädikat zeigt, wie tief der gegenseitige Hass verankert ist und, dass Abweichungen von der gewollten Norm doch bitte nicht gelesen werden sollen. Es zeigt aber auch deutlich, dass dieser Roman nicht einfach gestrickt ist und die Autorin vielleicht doch in der Lage ist, in diesen wirren Zeiten den Weg zu einem Biotop der Veränderung zu weisen.

Oder wird auch Dorit Rabinyan schreibend zum Opfer aller Vorbehalte?

Amos Oz hat in „Judas“ so nachvollziehbar genau beschrieben, wo die Wurzeln dieser Feindschaft liegen. Er hat die Türen geöffnet, sich sowohl intellektuell als auch emotional von diesen Fesseln der Vergangenheit zu befreien. Über Wir sehen uns am Meer schrieb der sehr kritische Amos Oz: „Ich bin beeindruckt. Ein präziser und eleganter Liebesroman, aufs Feinste gezeichnet.“ Ich stimme ihm zu. Gebt Liat und Chilmi eine Chance, denn nur wenn wir bereit sind, diese Beziehung in unseren Herzen zu akzeptieren, werden sie die Welt verändern können.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

„Bobby“ von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

„Er betrachtet sein Spiegelbild. Er sieht einen alten Mann. Einen alten Mann, der seinem Vater nicht gefolgt ist. Einen alten Mann, dessen Söhne ihm gefolgt sind: einer in ein anderes Leben, einer in die Kneipen, einer in die Flammen.“

Es ist dieser Blick in den Spiegel, der ein ganzes Buch charakterisiert. Der Blick eines Vaters, der in sich, für sich und mit sich allein zu verarbeiten versucht, was auch im Rückblick auf die Geschichte einer ganzen Familie nicht zu verarbeiten ist. Es sind diese bohrenden und ewig nagenden Wenns, die das Hirn zermartern. Es ist das ganz persönliche schlechte Gewissen, an einem bestimmten Tag eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Als Vater versagt zu haben.

„Gail erwacht mit durchstochenem Herzen, diesen wie jeden Tag.“

Es ist dieser Stich ins Herz, der eine trauernde Mutter ewig begleitet. Tag für Tag. Eine Wunde, die sich nicht schließen mag. Eine Narbe, die weithin sichtbar bleibt und ein tiefer Schmerz, der einfach nicht versiegen will. Es ist das Gefühl, dass etwas fehlt im Leben. Ein Gefühl, das sich an jedem Tag von neuem einstellt, wenn sie das Zimmer ihres Sohnes betritt. Nichts hat sie hier verändert. Alles ist so geblieben, wie er es einst zurückgelassen hat. Nicht nur die Basketball-Pokale ihres Sohnes sind noch an Ort und Stelle. Alles ist so, als wäre nichts passiert und er käme gleich wieder nach Hause.

„Bobby“

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

„Ich bin ein Miststück, Bobby? Zigaretten schaden der Gesundheit? Leck mich, Bobby. Ich bin noch am Leben, und du bist mausetot, Bobby. In brennende Häuser laufen, das schadet der Gesundheit, Bobby. Fuck. Zigaretten sind super.“

Es ist diese selbstzerstörerische Wut einer Ehefrau, die sich an den letzten großen Krach mit ihrem Mann erinnert. An den Streit. An die Vorwürfe. An ihre Uneinsichtigkeit. Und alles nur wegen ein paar Zigaretten. Er hatte es gut mit ihr gemeint und sie hatte ihn provoziert. Gereizt und ihm den Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Seine Worte hatten sie verletzt. „Du bist ein Miststück!“ Aber eigentlich hatte er es gut gemeint. Er konnte es nicht ertragen ihr dabei zuzusehen, wie sie das pure Gift inhalierte. Und dann dieser letzte Streit. Fünf Monate später war er tot.

„Bobby“ 

Dies sind nur drei Momentaufnahmen von Menschen, die Zurückblieben. Trauern, verarbeiten, vermissen, zerbrechen und trotzdem leben. So muss man wohl die letzten Jahre überschreiben, die sie durch einen gemeinsamen Verlust miteinander verbinden. Jahre, die ihre Spuren hinterlassen haben, während von demjenigen, der hier betrauert wird, keine einzige Spur zurückgeblieben ist. Mehr als neun Jahre sind vergangen, seit Bobby Amendolas in den Türmen des World Trade Centers ums Leben kam. Es war der 11. September 2001, und Bobby war einer der 343 Feuerwehrmänner, die bei den Anschlägen des Nine Eleven am Ground Zero zu tragischen Helden wurde.

„Bobby“

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Eddie Joyce erzählt in seinem Roman „Bobby“, erschienen bei DVA, nicht nur von diesen drei Menschen. Joyce greift weiter und gestaltet einen Erzählraum, in dem sich die vergangenen neun Jahre seit dem Kollaps der Zwillingstürme zu einem kollektiv zu durchlebenden „Danach“ verdichten. Es sind nicht nur die Eltern, aus deren Sicht das jetzige Leben betrachtet wird. Es sind ebenso Bobbys Brüder, die Schwiegereltern und natürlich seine Witwe, die in ihren persönlichen Trümmern Zuflucht gesucht haben. Und als wäre dies noch nicht genug, sind es auch die vaterlos aufwachsenden Kinder, deren Welt sich mit einem Schlag für immer veränderte.

Eddie Joyce erzählt hier nur vordergründig vom Umgang mit Verlust. Er verleiht diesem Thema eine besondere Dimension, indem er sehr weit in die Vergangenheit von Familien blickt, um ihre emotionalen Bindungen, kulturellen Hintergründe und sozialen Prägungen spürbar zu machen und auf diese Art und Weise zu erklären, welchen Riss der Tod eines geliebten Menschen im tektonischen Gefüge der Kontinentalplatten von Familien verursachen kann. Seine daraus abgeleiteten Katastrophen und Verwerfungen in der Zukunft werden nachvollziehbar und sind dabei so authentisch, dass man sich selbst als Angehöriger fühlt, dessen erster Gedanke am frühen Morgen lautet:

„Das muss ich Bobby erzählen.“

Die Welt von Bobbys Eltern ist die komplexe Welt ehemaliger Einwanderer. Durch ihre Hochzeit verbanden sich zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Irische und italienische Stammbäume sind dafür verantwortlich, dass die Amendolas alles in sich vereinen, was man unter Leidenschaft, Familiensinn und Emotionalität zu verstehen hat. Eine explosive Mischung aus Tradition und Hingebung zieht sich durch die Geschichten der Familien, die durch diese Ehe zu einer Familie werden. Und nun ist neun Jahre nach den Anschlägen in New York kein Stein mehr auf dem anderen.

Erst recht nicht für ihre Schwiegertochter Tina. Bobbys Witwe.

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Als Tina kurz vor dem neunten Geburtstag von Bobby jun. zum ersten Mal seit dem Tod ihres Mannes einen zarten Schritt in ein neues Leben wagt und Gefühle für einen neuen Mann in ihrem Leben zulässt, droht die ohnehin schon aus der Balance geratene Familie erneut aus der Bahn geworfen zu werden. Sie sieht sich mit Fragen konfrontiert, die jeden Tag ihres Lebens als Witwe bestimmt haben. Darf man einen toten Helden betrügen? Darf man ein normales Leben führen, wenn der Ehemann in den Türmen des World Trade Centers das eigene Leben für alle geopfert hat.

Darf man ihm den Sohn wegnehmen, den er nie gesehen hat? Und darf man einfach so einen neuen Mann mitbringen, wenn man gemeinsam den Geburtstag des Jungen feiert, der nach seinem toten Vater benannt wurde? Wie reagieren die Brüder Bobbys, welche Risse entstehen in den Herzen seiner Eltern und was passiert mit den eigenen Gefühlen? Kann man mit schlechtem Gewissen lieben, oder muss man sich als Witwe eines verstorbenen New Yorker Firefighters bis ans Ende seiner Tage damit abfinden, dass mit seinem auch das eigene Leben endete?

Eddie Joyce erzählt eine bewegende Familiengeschichte. Er lässt uns in die Herzen und in die Psyche von Hinterbliebenen blicken, deren Leben anders verlaufen wäre. Er bringt uns Menschen nahe, die uns so sehr berühren, dass man das komplette Bild nur zusammensetzen kann, weil man selbst durch die wechselnden Perspektiven einen tiefen Einblick in den Schmerz, Selbstvorwurf und verlorene Träume erhält. Bobby steht über allem. Er ist in jedem Leben das seinen Tod überdauert hat präsent. Die Tatsache, dass er als Held gefeiert wird, macht es seinen Angehörigen nicht leichter, ihren Weg zu finden, ohne dabei die Erinnerung an Bobby zu verraten.

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Ich denke, wir alle haben in unserem Leben einen Tag erlebt, der uns vorkam, wie ein Anschlag auf alles, wofür wir stehen. Wir alle mussten mit Verlusten umgehen, die in jeder Hinsicht einschneidend waren. Man neigt in solchen Situationen oft dazu, die eigene Trauer über die der anderen Menschen zu stellen. Man versinkt sehr leicht in Selbstvorwürfen und Depression. Man denkt, das Leben geht nicht weiter. Wenn man dann einen Roman zu diesem Thema liest, hat man häufig das Gefühl, dass er zu kurz greift, zu oberflächlich bleibt und den einzelnen Charakteren nicht gerecht wird.

Eddie Joyce beweist mit „Bobby“, dass es anders geht. Er erweitert das Spektrum des Verlustes um die Dimension eines Helden, dessen Andenken nicht beschmutzt werden darf, den man nicht betrügen darf und der ewig unvergessen bleiben muss. Tief unter der Oberfläche aus Trauer und Leid verborgen brodeln die Vulkane derer, die ihr Leben noch vor sich haben. Erwarten Sie nicht, dass Sie an der Seite von Bobby den Tag der Anschläge erleben. Erwarten Sie keine Schilderung des Nine Eleven. Gehen Sie nicht davon aus, hier einen Roman über diese Anschläge zu lesen.

Wappnen Sie sich eher dafür, schon nach wenigen Seiten zur Familie zu gehören. Eddie Joyce schreibt im Wissen um das kollektive Gedächtnis an einen Tag, der sich auch in unsere Herzen eingebrannt hat. Er schreibt auf der Grundlage unseres Wissens um den hohen Stellenwert der New Yorker Firefighter. Er schreibt uns eine Geschichte ins Herz, die sich noch heute in vielen Familien abspielt. Ein großer Roman, der keine Spurenelemente von Pathos enthält. Ein hoffnungsvoller Roman über ein „Danach“, das man sich hart erkämpfen muss und eine Liebeserklärung an diejenigen, die auf ihre ganz individuelle Weise nicht vergessen wollen und können.

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Mein besonderer Dank gilt Lili und Klaus Hamann, die mir für diesen Artikel Fotos aus New York zur Verfügung stellten, die 2011 dort entstanden sind. Sie ermöglichten mir tiefe Einblicke in das Leben in und außerhalb von Feuerwachen. Sie vermittelten mir ein Bild davon, wie gut dieser Roman ist. Ich sehe viele Bobbys auf diesen Bildern.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Bobby” von Eddie Joyce in Verbindung stehen.

Bobby - Eddie Joyce - Die Bücherkette

Bobby – Eddie Joyce – Die Bücherkette

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehesi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Mein Sohn,
letzten Sonntag fragte mich die Moderatorin
einer beliebten Nachrichtensendung, was es
bedeute, seinen Körper zu verlieren.“

Wenn ein Vater seinem Sohn einen Brief schreibt, um ihn vor den Gefahren des Alltags zu warnen, dann wird in den seltensten Fällen ein Buch daraus. Wenn jedoch ein schwarzer Vater seinem gerade erst 15-jährigen Sohn einen solchen Brief schreibt, um ihn auf ein Leben vorzubereiten, das vom Rassismus gekennzeichnet ist, dann ist es verständlich, dass diese Gedanken ausufern können. Besonders dann, wenn es um das Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika geht.

Ta-Nehisi Coates ist eine der wichtigsten Stimmen gegen Rassismus in den USA. Seine Essays sorgen für Aufsehen und mit dem Brief an seinen Sohn hat er nicht nur eine Diskussion losgetreten, sondern auch dafür gesorgt, dass man sich mit jeder Faser des eigenen Körpers vorstellen kann, was Rassismus mit seinen Opfern macht. Für Ta-Nehisi Coates sind die Auswirkungen körperlich zu spüren. Zwischen mir und der Welt steht der alltägliche Rassismus wie eine unüberwindbare Mauer.

„Doch unsere ganze Begrifflichkeit dient nur
dazu, zu verschleiern, dass Rassismus eine
zutiefst körperliche Erfahrung ist, dass er
das Hirn erschüttert, die Atemwege blockiert,
Muskeln zerreißt, Organe entfernt, Knochen
bricht, Zähne zerschlägt. Davor darfst du nie
die Augen verschließen.“

Hier geht es nicht mehr um die längst überholte Rassentrennung in den USA. Hier geht es nicht mehr um getrennte Sitzreihen in Bussen oder Verbote zu studieren. Hier geht es um das Erbe der Geschichte, um all die Automatismen, die geblieben sind. Hier geht es viel mehr um das Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Hier geht es um den stillschweigend ausgestellten Freibrief für die Polizei eines ganzen Landes, den tief verwurzelten Rassismus mit Schlagstock und Pistole mit Leben zu füllen.

„Doch Rasse ist das Kind des Rassismus, nicht seine Mutter.“

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Und spätestens jetzt weißt du,
dass die Polizeireviere deines Landes
mit der Befugnis ausgestattet sind,
Deinen Körper zu zerstören.“

Das moderne Amerika scheint nicht bereit zu sein, auf die Prügelknaben von einst zu verzichten, die man sich in der Geschichte des Landes so hart erarbeitet hat. Nichts hat sich daran geändert, seitdem ein schwarzer Präsident an der Macht ist. Er scheint viel eher den Stimmen Vorschub zu leisten, die ihren Rassismus offensiv leben wollen. Obama ist die beste Ausrede, die man sich nur wünschen kann. Rassistisch? Wir? Gott bewahre. Schaut nach Washington.. wie sollten wir rassistisch sein?

Und all dies, während in aller Öffentlichkeit gezeigt wird, wie man mit Menschen umgeht, deren Status es zulässt, zerstört zu werden. Ta-Nehisi Coates beschreibt einen veränderten Rassismus. Er beschreibt diese allgegenwärtige Bedrohung, deren Instrument auch YouTube ist. Er schrieb seinem Sohn aus gutem Grund. Er schrieb ihm, weil die folgenden Namen nicht nur einzelne Beispiele sind. Er schrieb über die Macht der Polizei, schwarze Bürger ungestraft zu verletzen. (Vorsicht! Das Anklicken der Links ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven.)

Renisha McBride
John Crawford
Eric Garner
Tamir Rice
Marlene Pinnock
Michael Brown
Update 08. Juli 2016
Philando Castile
Alton Sterling

Aus der Traum von der neuen Welt. Aus der Traum von Gleichberechtigung und freier Entfaltung der Persönlichkeit. Aus der Traum von Polizeikontrollen ohne Angst und aus der Traum vom ersehnten Gefühl von Sicherheit. Grund genug, um einen jungen Menschen zu warnen. Grund genug, als Vater in aller Deutlichkeit zu ihm zu sprechen. Grund genug, seine Träume zu zerstören.

„Der Traum riecht nach Pfefferminz und
schmeckt nach Erdbeerkuchen. Und so
lange wollte ich in diesen Traum flüchten
und mir mein Land wie eine Decke über
den Kopf ziehen. Aber das geht nicht, die
Möglichkeit bestand nie, denn der Traum
ruht auf unserem Rücken, sein Bettzeug
ist aus unseren Körpern gemacht.“

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Die Frage ist nicht, ob Lincoln tatsächlich
eine „Regierung des Volkes“ im Sinn hatte,
sondern was mit dem politischen Begriff
„Volk“ in unserem Land eigentlich gemeint
war. 1863 waren damit deine Mutter und
deine Großmutter nicht gemeint und auch
nicht du und ich.“

Grund genug, den Blick weit zurück zu wagen. Zu erklären, auf welchen Sockeln der heutige Rassismus basiert und Grund genug, dem eigenen Sohn alle Illusionen zu nehmen. Grund genug, uns die Hilflosigkeit eines schwarzen Vaters spüren zu lassen. Aber eben auch Grund genug, dem Sohn eigene Wege aufzuzeigen, die zu Auswegen werden können. Gewaltlos. Wege, die von Zwängen befreien können, indem alle Sinne geschärft sind, und ganz besonders Kinder und Jugendliche davor bewahrt werden, immer wieder doppelt zu leiden. Weil man sie seit jeher in der eigenen Familie nur mit Gewalt vor der Gewalt zu schützen versucht.

„Ich war in einem Haus aufgewachsen, das hin-
und hergerissen war zwischen Liebe und Angst.
Für Sanftheit war kein Raum. Doch diese Frau
mit den langen Dreads offenbarte mir etwas
anderes – dass Liebe sanft und verständnisvoll
sein kann; dass, sanft oder hart, Liebe eine
Heldentat ist.“

Hier zeigt sich die ganze Stärke des Textes. Hier zeigt sich die Wucht, mit der Ta-Nehisi Coates ausholt, um den Kreislauf des Rassismus zumindest in den eigenen Familien zu beenden. Hier zeigt er, was Väter und Mütter heute leisten können, was es bedeutet, seinen Kindern Liebe statt Abhärtung mit auf den Weg zu geben. Hier wird aus einer Streitschrift eine streitbare Schrift und eine tiefe Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Ein Kind zeugen kann jeder,
zum Vater braucht es einen Mann.“

Es sind die Lehren eines Lebens, die Ta-Nehisi Coates hier weitergibt. Und nicht nur sein Sohn wird zum Adressaten seiner Botschaft. Coates blickt weit zurück in die eigene Familiengeschichte. Wir erkennen das Amerika zur Zeit von Harper Lees „Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter wieder. Wir verstehen, was die damaligen Symptome von Rassismus aus dem Erwachsenen Ta-Nehisi Coates gemacht haben. Wir fühlen, wie viel Zeit ihn der Kampf um sein eigenes freies Leben gekostet hat.

Rassismus ist Zeitraub…

„Der Zeitraub wird nicht in Lebensdauer gemessen,
sondern in Augenblicken. Er ist die letzte Flasche
Wein, die du entkorkt hast, aber keine Zeit hast zu
trinken. Er ist der Kuss, für den du keine Zeit findest,
bevor sie aus deinem Leben verschwindet.“

Dies und vieles mehr möchte er seinem Sohn ersparen. Und nicht nur ihm. Coates macht es sich nicht leicht mit seinen Betrachtungen. Er wechselt die Perspektiven und auch den Standort für seine Positionsbestimmung. Er lebt in Frankreich und nimmt uns am Ende seines Briefes mit in dieses Land, das ihm alle Möglichkeiten bietet, seine Meinung zu sagen, zu schreiben und den Finger in Wunden zu legen.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Und doch ist auch sein Paris mehr als nur ein Zufluchtsort.

„Aber nun war deine Mutter dort hingefahren,
und als sie zurückkehrte tanzten ihre Augen
vor all den Möglichkeiten, die es dort gab, nicht
nur für sie, sondern auch für dich und für mich.
Es war irre, wie dieses Gefühl um sich griff.“

Hier wird aus der rein amerikanischen Betrachtung ein polyglotter Vergleich, der erneut Augen öffnet. Man sollte sich unbedingt auf diese Reise einlassen. Man sollte Ta-Nehisi Coates folgen, da er in seiner klaren Argumentation mehr als deutlich auf alle Gefahren hinweist, die durch Ausgrenzung und verfehlte Politik zwangsläufig entstehen. Er beleuchtet, was wir gerne verdeckt lassen würden, und er macht das Grollen unter der Schönheit von Paris zum Grollen unter allen Städten, in denen wir es schon lange nicht mehr hören. Klar… wir sind ja auch nicht schwarz.

„Denk an das Grollen, dass wir unter der
Schönheit von Paris gespürt haben, als
wäre die Stadt in schwebender Erwartung
von Pompeji erbaut worden.“

„Zwischen mir und der Welt“ ist mehr als der Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn. Dieses Buch zu lesen sensibilisiert und weckt Empathie mit Menschen, auf deren Rücken unsere Konflikte und Ängste ausgetragen werden. Underdogs, sozial Benachteiligte, Underdogs. Coates vergisst niemanden. Coates schreit es hinaus in die Welt und fast nebenbei wird dem Leser bewusst, dass er es ausschließlich der Laune des Schicksals zu verdanken hat, dass er selbst zu denjenigen gehört, die ganz zufällig denken dürfen, weiß zu sein.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Die Träumer müssen lernen, für sich selbst zu kämpfen,
zu begreifen, dass das Feld ihrer Träume, die Bühne, auf
der sie sich weiß angemalt haben, unser aller Sterbebett ist.“

Den Abschluss des Briefes bilden weitere wichtige Texte von Ta-Nehisi Coates, die in diesem Zusammenhang beachtenswert sind, da sie in den USA eine Diskussion in Gang gesetzt haben, die der Überwindung von Mauern dienen könnte. Aus deutscher Sicht ist die ganz besonders die Frage, welche Auswirkungen Reparationszahlungen an die Nachfahren der damaligen Sklaven hätten, von großem Interesse. Der Vergleich mit dem Holocaust und der deutschen Demokratie ist gewagt, aber tragfähig. Lesenswert bis zur letzten Seite.

Vielleicht sollten wir unseren Söhnen schreiben… Es kostet nur ein wenig Zeit, im Vergleich mit der Zeit, die Opfer von rassistischer Benachteiligung täglich zu investieren haben, um einen kleinen Zipfel von Gleichberechtigung zu erhaschen. Das sind wir allen Kindern dieser Welt schuldig.

Aktualisierung 19. April 2016 – Pulitzer-Preis –

Die „Washington Post“ wird in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank ausgezeichnet, die zeigt, wie oft und warum Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die Zeitung ermittelte, dass Polizisten im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen.

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Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit Zwischen mit und der Weltin Relevanz oder Stil zu unterschiedlichen Aspekten und Perspektiven von Ta-Nehisi Coates` Werk in Verbindung stehen.

Ein Jugendbuch mit besonderer Relevanz: Mein Name ist nicht Freitag – Jon Walter – Königskinder Verlag. Ein Plädoyer für das Buch und die Verbindung zu Ta-Nehisi.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates - Die Bücherkette

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates – Die Bücherkette

„Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Scholem Alejchem wurde 1859 in Kiew geboren. Seinen Lebensweg kann man nicht linear verfolgen. Auf der Flucht vor Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung begann eine wahre Odyssee, die ihn quer durch Europa führte, bevor er schließlich New York erreichte. Mehrmals versuchte er dort sesshaft zu werden. Mit Unterbrechungen lebte der jüdische Schriftsteller von 1907 bis zu seinem Tod am 16. Mai 1916 in Brooklyn. Scholem Alejchem wurde zu einer der wichtigsten Stimmen seiner Zeit und verfasste seine Erzählungen und Romane fast ausschließlich in jiddischer Sprache. Wenn man in diesen Tagen von einem Kultautor sprechen wollte, dann traf dies auf ihn zu.

Als er im Mai 1916 beigestetzt wurde hatten alle jüdischen Geschäfte in New York geschlossen und mehr als 150000 Menschen begleiteten seinen Sarg auf dem letzten Weg zum Friedhof von Brooklyn. In seiner recht kurzen Schaffenszeit in New York hatte er sich zum literarischen Sprachrohr seiner jüdischen Gemeinde entwickelt. Seine politischen Schriften und Bücher haben bis in die heutige Zeit nichts an ihrer zeitlosen Brisanz eingebüßt, und letztlich ist Scholem Alejchem auch nichtjüdischen Menschen immer noch ein Begriff, auch wenn man seine Bücher nicht gelesen hat. Das Musical Anatevka entstand Mitte der 1960er Jahre und das Lied „Wenn ich einmal reich wär“ kennt man noch heute.

Tewje, der Milchmann” lieferte den Grundstock für dieses Musical. “Fiddler on the Roof” lehnt sich an die zwischen 1894 und 1916 entstandenen Erzählungen an und hat diesen ganz einfachen jüdischen Milchmann weltberühmt gemacht. Doch was bedeutet dieser Roman aus heutiger Sicht. Welche Relevanz hat dieses Buch, wenn man einmal davon absieht, dass es zur Vorlage für ein Broadway Musical wurde? Was war dafür verantwortlich, dass in New York das öffentliche Leben zum Stillstand kam, als der Sarg von Scholem Alejchem durch die Straßen von Brooklyn gefahren wurde?

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Ich wollte mich diesem Schriftsteller nähern und entdeckte auf der Buchmesse die Neuausgabe von “Tewje, der Milchmann” beim Manesse Verlag. Tage später saß ich da und wollte mir kaum trauen, als ich nach wenigen Stunden ein grandios übersetztes klassisches Werk der jiddischen Literatur verlassen hatte und zu dem Entschluss kam:

“Ich bin zu gering für dieses Buch!”

Ich vermag dieses Buch nicht einzuordnen, bin kein Literaturwissenschaftler, kein Gelehrter und ganz bestimmt auch kein Schriftkundiger der jiddischen Sprache. Ich lebe nicht im jüdischen Glauben, weiß nur wenig über Riten, Traditionen und den Talmud. Ich kenne zwar das Musical „Anatevka“, aber das schwebt eher an der Oberfläche, weil „Tewje, der Milchmann“ überhaupt nichts musicalhaftes an sich hat. Warum also sollte man dieses Buch lesen? Wem es empfehlen und wo liegt seine Bedeutung für das 21. Jahrhundert? Hilft es beim Verständnis von jüdischen Fluchtbewegungen vor mehr als 100Jahren? Oder zeigt es uns das Damoklesschwert, das sich immer weiter senkte, bis es im Nazi-Deutschland so viele jüdische Leben auslöschte?

„… und es kann auch… vorkommen, dass ein Stern pfeilgeschwind vorüberfliegt und doch für eine Sekunde einen grünen Schweif hinter sich lässt. Dann ist ein Sternchen gefallen und mit ihm das Glück eines Menschen. Denn so viele Sterne so viele Schicksale… jüdische Schicksale… Wenn es nur nicht mein finsterer Stern ist.“

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Ja, dieser Aspekt ist entscheidend in seinem Text, aber da ist noch mehr. Wo wurde ich von Scholem Alejchem gepackt, gefesselt und fasziniert? Was ist mit mir in diesem Buch passiert?

Was hat mich zum dem Entschluss gebracht, dass auch ich seinem Trauerzug in Brooklyn gefolgt wäre? Ja, ich bin ganz fest davon überzeugt, dass an diesem Tagein großer Schriftsteller zur letzten Ruhe geleitet wurde. Ich wäre gerne dabeigewesen. Mit den anderen 150000 Menschen. Egal welchen Glaubens oder politischer Anschauung. Einfach nur dabei sein, wenn Scholem Alejchem ein letztes Mal für Erstaunen sorgt. Diesmal nicht mit seinen Worten. Denn ich habe eine Dimension gefunden, die mich an dieses Buch fesselt. Zeitlos, emotional und in jeder Hinsicht relevant.

Warum? Weil ich „Tewje, der Milchmann“ als Vater las und von Kapitel zu Kapitel mehr von dieser Welt der jüdischen Väter dieser Zeit verstand. Fühlte, wie sich Verluste langsam anbahnen, sich zunehmend Raum verschaffen und schließlich ausufern. Weil ich beginne zu verstehen, was Verlust bedeutet, wenn sich Töchter abwenden, wenn sie selbst entscheiden wollen. Wenn sie schleichend aber resolut mit den Traditionen ihres Glaubens brechen und ihrer eigenen Wege gehen. Hier war ich Wort für Wort und Satz für Satz bei Tewje, dessen sieben Töchter ihm nicht nur Freude bereiten.

Und das in einer Zeit, in der sie die eigentlichen Hoffnungsträger der gesamten Familie sind. Sie stellen die einzige Möglichkeit dar, durch reiche Heirat das Schicksal des Elternhauses zu verändern, und einer nicht gut betuchten Familie den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen. Tewje vertraut seine Lebensgeschichte einem Schriftsteller an, den er scheinbar nur zufällig auf seinen Wegen trifft. Bei jeder dieser Begegnungen weiß er Neues zu berichten und jede dieser kleinen Geschichten führt dazu, dass sich durch den Chronisten das Familienschicksal Tewjes erschließt.

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Der Schriftsteller und Chronist ist natürlich Scholem Alejchem. Dieser Kunstgriff, seinen eigentlichen Protagonisten als Erzähler einzusetzen, der an jeder nur denkbaren Stelle darauf besteht, man möge doch bitte aus seinem Leid kein Buch machen, lässt diese Texte authentisch erscheinen. Fast beiläufig zeichnet Scholem die Worte Tewjes auf, und Erzählung für Erzählung entsteht ein Buch, das viel über das jüdische Leben in Russland zu berichten weiß. Und natürlich erfahren wir, was es für Tewje bedeutet, fünf seiner geliebten Töchter auf unterschiedliche Art und Weise zu verlieren. Hier werden Hochzeiten zu den Tiefpunkten des Lebens.

So gut er diese Hochzeiten auch plant, so perfekt sie vermittelt werden und so wenig, wie er selbst darüber nachdenkt, was seine Töchter von ihren zukünftigen Ehemännern halten, so schief geht jeder gute Plan. Zwei seiner Töchter verlieben sich kurz vor der lukrativen Hochzeit und ziehen mit armen Schluckern oder politisch Verbannten ihrer Wege. Ein Arrangement scheint fast zu gelingen, doch zieht in allerletzter Sekunde die reiche Familie des Bräutigams die Reißleine und treibt Tewjes Tochter Sprinze in den Selbstmord. Nur eine Tochter lässt ich vermitteln, wie es das Brauchtum verlangt. Doch um welchen Preis? Denn Bejlke ist alles, nur nicht glücklich. Eine Vernunftehe ohne Liebe. Fremdbestimmt.

Als sich Chava in einen Christen verliebt, wird deutlich, was Glaube und Tradition aus Tejwe gemacht haben. Die Summe der Verluste führt letztlich dazu, dass er seine Chava verstößt. Ihr Name wird aus der Familiengeschichte getilgt, er darf nicht mehr erwähnt werden und man trauert um sie, als sei sie gestorben. Größer kann eine Schmach nicht sein. Und doch kommt es noch schlimmer. Der Hass auf die Juden greift um sich und Pogrome gehören schon bald zur Tagesordnung. Als man ihn am Ende des Dorfes verweist, er heimatlos wird und mit seinen sieben Sachen in die Flucht getrieben wird, erlebt er die große Überraschung seines Lebens. Denn eines seiner Mädchen kommt nach Hause, um ihm zu folgen.

Emotionaler kann man nicht schreiben. Tiefer kann das Glück eines Vaters nicht erzählt werden und trauriger kann der Verlust der Heimat nicht sein.

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Scholem Alejchem schrieb ein wundervolles Buch über einen Milchmann, der jedem Leser ans Herz wachsen muss. Tewje steht für alle Werte, die ein treusorgender Vater verkörpert. Die Liebe zu seinen Töchtern lässt ihn zu gewieften Tricks greifen, die ihnen ein halbwegs selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Bauernschläue könnte man das nennen. Tewje ist ein Schlitzohr und schafft es durch ständige Wiederholungen und das Zitieren von Talmud-Texten sein Gegenüber im Gespräch fast um den Verstand zu bringen. Und doch ist er auch jener moderne Hiob, mit dem sein Gott nur zu spielen scheint. Und wenn Tewje alles verliert, sein jüdischer Humor bleibt ihm treu.

„Wisst Ihr was, Herr Scholem Alejchem? Lasst uns besser von etwas Fröhlichem sprechen. Was hört man denn Neues bezüglich der Cholera in Odessa?“

Ich bin zu gering für dieses Buch. Theoretisch vermag ich nicht, es zu fassen. Verlangt das nicht von mir. Ich habe Tewje, der Milchmann von der ersten bis zur letzten Seite geliebt und hatte das Gefühl, einen frischen Text vor Augen zu haben. Am Ende des Buches jedoch beschäftigt mich der Gedanke, wie viele jüdische Autoren nie geschrieben haben. Wie viele Stimmen nie zu Wort kamen. Wie viele Geschichten nie erzählt werden konnten. Wie viel Humor sich niemals entfalten durfte. Wie viel Kummer sprachlos blieb. Weil in Deutschland so viele Sterne gefallen sind. Damals, als der Todesstern regierte.

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem