„Die Hungrigen und die Satten“ von Timur Vermes

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Es wäre lustig, wenn es nicht so maßlos traurig wäre. Timur Vermes hat ein feines Händchen, wenn es gilt den Finger tief in die Wunden der breiten öffentlichen Meinung zu legen. Er hat mit „Er ist wieder da“ bewiesen, dass seine Utopie eines untoten und wieder auferstandenen Führers Adolf Hitler (so skurril die Ausgangssituation auch ist) geeignet war, dem Publikum einen literarischen Brocken zum Fraß vorzuwerfen an dem es schwer zu knabbern hatte. Sein Roman war Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft. Er polarisierte und regte zu lautstarken Diskussionen an. Und spätestens mit dem Film zum Buch explodierte das Pulverfass unter dem Schriftsteller, weil man es gewagt hat, die Filmadaption um spontane Realbilder zu erweitern, die beim Dreh entstanden sind.

Ein umjubelter (verkleideter) Führer, dem man gerne vor laufender Kamera sagte, es sei mal wieder an der Zeit, dass jemand richtig aufräumt in diesem unserem Land. Sehr schwer verdauliche Kost, die er uns da vorsetzte. Gut nur, dass man sich immer wieder einreden konnte, dass es sich hier um eine satirisch überhöhte Gesellschaftsutopie mit Format handelte. Gedankenspiele, sonst nichts. Die Aufregung legte sich schnell. Aber vergessen haben wir diesen Spiegel nicht, den er vielen Menschen vor Augen gehalten hat. Dafür war das Zerrbild, das wir dort erkannten zu brutal und beängstigend. Als mir nun sein neuer Roman den Weg versperrte, war mir klar, dass ich keine Schonkost zu erwarten hatte. Dass mich dieses Buch noch mehr aufwühlen sollte, als die Parodie auf das braune Schreckgespenst, das konnte ich mir nicht vorstellen. Irrtum…

Timur Vermes bei AstroLibrium

Die Hungrigen und die Satten“ – Timur Vermes – Eichborn Verlag

Unschuldig kommt es daher, das harmlos scheinende Buch mit weißer Weste. In Wahrheit jedoch ist es ein ebensolcher Wolf im Schafspelz, wie sein Vorgänger. Schon der Klappentext lässt mich nervös aufhorchen. Ein Flüchtlings-Roman aus seiner Feder und nicht nur das. Auf dem Siedepunkt der Ankerzentren- und Abschiebediskussion, zu einem Zeitpunkt der Definition von Obergrenzen und dem mehrmaligen Fast-Scheitern der Regierung an dieser Thematik, im Augenblick des Grenzschließungshypes und der steigenden Hysterie angesichts der drohenden Überfremdung, genau jetzt, dieses Buch von Timur Vermes. Das kann nicht gut gehen. Gar nicht gut.

Besonders dann nicht, wenn Timur Vermes sich erneut an einer Utopie versucht, die gar nicht so utopisch ist, wenn man sich die Grundidee seines neuen Romans ganz langsam durch den Kopf gehen lässt. Wir befinden uns im „Nach-Merkel-Deutschland“, und noch immer mittendrin in der lebhaften Diskussion, wie man der Flüchtlingskrise zu begegnen hat. Nun gut, die Grenzen sind inzwischen fast geschlossen, Europa hat sich hermetisch abgeriegelt und die ehemals so beliebten Flüchtlingsrouten sind weitgehend verwaist. Es ist kein Reinkommen mehr und so entstehen zwangsläufig riesige Lager in Afrika, in denen hunderttausende von Flüchtlingen nun schon seit Jahren leben. Dieses Szenario beschreibt Timur Vermes so plausibel, dass selbst der gewiefteste Soziologe nichts an der Logik auszusetzen hätte, der er nun in seinem Buch Raum verschafft.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Wenn also die Flüchtlinge jenseits der Sahara festsitzen, wenn die Schlepper nicht mehr an ihnen verdienen können, wenn sich Europa in Sicherheit wähnt und die Politik mit wichtigeren Themen beschäftigt wird, dann ist der Zeitpunkt gekommen, diesen ach so beschaulichen Frieden mit einer Zündschnur zu versehen und einer wahren Heldin des Alltags das Feuerzeug in die Hand zu geben, um die Lunte anzuzünden. Hier greift Timur Vermes auf die Realität zurück und führt uns vor Augen, welche Macht Bilder auf uns ausüben können. Und wo es was zu verdienen gibt, da ist das Privatfernsehen mit seinen intellektuellen Zuschauern nicht weit. Was also, wenn die Moderatorin einer TV-Sendung nach dem Muster „Helfer mit Herz“ ein solches Lager besuchen würde? Nicht nur so, sondern für eine Reportage, eine kleine Doku-Soap vor Ort, um die Schicksale der Flüchtlinge zuhause auf den Bildschirm zu bringen? Auftritt Nadeche Hackenbusch.

Eine charismatische Moderatorin, die Timur Vermes als Hybrid aus Vera Int-Feen, Margarete Schreinemakers und Désirée Nosbusch in unser Lesen schreibt. Was also, wenn der dunkle Kontinent mit einer solchen TV-Rampensau mit missionarischem Eifer konfrontiert wird? Was, wenn die Einschaltquoten ins absolut Utopische steigen? Was, wenn die Moderatorin dort auf einen attraktiven afrikanischen Flüchtling trifft, der die Chance beim Schopf (und Nadeche gleich mit dazu) packt, um endlich abhauen zu können? Was, wenn diese Liaison zwischen dem „Engel in Elend“ und dem Flüchtling das mediale Interesse ins Unermessliche steigen lässt? Und was, wenn genau dieser Flüchtling nur noch eine Chance für sich sieht, Europa zu erreichen? Der gemeinsame Marsch der Hunderttausende setzt sich in Bewegung. Real und live im Fernsehen.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Timur Vermes spielt brillant mit allen sozial-politischen Automatismen, die uns in diesem Moment einfallen. Er wechselt seine Perspektiven und beleuchtet alle Seiten mit unbestechlicher Scharfsichtigkeit. Die Politik, die verleugnet, ignoriert, aussitzt und viel zu spät bemerkt, was da auf sie zurollt. Die Fernsehmacher, die zuerst nur Quoten und Euros sehen, und dann nicht mehr in der Lage sind, die Reißleine zu ziehen. Das Volk, das einerseits süchtig am Fernseher klebt und echtes Mitleid empfindet, um dann im nächsten Moment mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ auf die Straße zu ziehen. Presse und Kolumnisten flankieren das Geschehen. Und dies alles, während der Marsch sehr gut organisiert auf dem Landweg Richtung Europa zieht.

Mittendrin die Moderatorin und ihr Geliebter. Mittendrin und nicht unreflektiert. Eine Entwicklungsgeschichte, die in Entwicklungsländern beginnt und ein Szenario skizziert, das nicht weit hergeholt scheint, weil man niemanden mehr von weit herholt. Man liest, lacht, schaudert, liest wieder, schüttelt ungläubig den Kopf und gelangt wieder an eine Stelle, die so unglaublich plausibel scheint, dass es fernab jeder Utopie zu sein scheint, was sich hier abspielt. Timur Vermes spielt mit unseren Vorurteilen, mit Ressentiments und Vorbehalten. Er hält uns erneut den Spiegel vor, den wir gerne beschlagen lassen würden, um das Bild nicht zu deutlich zu sehen. Er legt uns Daumenschrauben an und zieht sie von Seite zu Seite enger. Wir wollen schreien. Wir wollen lachen. Und doch ist da im Herzen der Geschichte so viel Wahres, dass wir am liebsten kotzen würden, weil wir schon so nah an der Realität der Verdrängung sind.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

„Die Hungrigen und die Satten“ ist für die Satten geschrieben. Unter dem schönen Schein unserer Wohlfahrtsgesellschaft sind es die reinen Egoismen, die dieser Roman auf dem Korn hat. Ob wir schon zu satt sind, um die Message zu verstehen? Ob wir in vielen Situationen selbst erkennen, zu was die Abschottung eines Kontinents führt? Ob wir uns selbst dabei ertappen, dass wir uns Angst vor Überfremdung und Islamisierung einreden lassen, während wir gleichzeitig vor dem Fernseher sitzen und Mitleid mit den Menschen empfinden, die schön weit weg von uns ihr Schicksal ertragen? Sind wir zu bequem geworden? Ist unser Ruf #wirsindmehr noch zeitgemäß? All diese Fragen wirft Timur Vermes auf, als würde er uns mit dem Müll unserer Ausflüchte ersticken wollen.

Eine bitterböse Satire, bei der jeder Lacher im Hals des Lesers krepiert. Utopisch vielleicht, aber längst nicht so utopisch, wie ein lebendiger Reichsführer. Ein Bild einer Zukunft, an der wir heute gestalten und die wir heute mitbestimmen können. Dabei ist Timur Vermes unglaublich scharfsichtig und voller Fantasie. Wenn er in Anbetracht des Romans allerdings gerade die Politik beobachtet, dann muss er sich eingestehen, dass der Staatsekretär, den er im Innenministerium erfunden hat, von der Realität gerade in Sachen Kreativität überholt wird. Heute schreibt gerade die Politik die beste Realsatire. Aber Timur Vermes ist ihr dicht auf den Fersen.

Lesen… unbedingt…

Auch Heike von Irve liest schließt sich dieser Bewertung an. Da dampft es

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Nicht immer Utopie, keinesfalls Satire, immer lesenswert. Bücher statt Mauern!

Bücher statt Mauern bei AstroLibrium

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Also für mich liegt der Fall klar auf der Hand! Eines Tages wird es soweit sein, ich schneide mir an einer scharfkantigen Seite eines Romans die Pulsadern auf, werde von einem Lesezeichen überrollt oder von einer tonnenschweren Enzyklopädie erschlagen. Sei`s drum. Schön war die Zeit. Abmarsch ins neue Leben danach, oder in eine ganz neue Daseinsform im Paradies. „Wolke Sieben“ mit Harfe und gutem Buch. Das ist Fakt. Fehlt nur noch die schnelle Aufnahmeformalität an der Himmelspforte und schon wird man eingekleidet mit Flügelchen und hat seine himmlische Ruhe.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre - Rezension zum Hören zum Hören

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre – Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Das ist jedenfalls der Plan. Und da ich in meinem ganzen Leben nur Gutes vollbracht habe, immer brav zu meinen Nächsten war und niemandem ein Haar gekrümmt habe, ist der Einlass ins Paradies so gut wie gebongt. Andere mögliche Alternativen, wie ein lausiges Fegefeuer oder gar der Höllenschlund kommen für mich nicht in Betracht. Also wirklich. Wieso auch? Da gibt es schon ein paar Gestalten, die ich am Heiligen Petrus viel eher verzweifeln sehe. Aber ich? Nein… Kein Gedanke.

So denkt auch der gute Simon Laroche, als es ihn im zarten Alter von gerade einmal 50 Jahren plötzlich dahinrafft und er sich an der Himmelstür wiederfindet. Dem kurzen Erstaunen über das eigene Ableben folgt bereits die fundamentale Erkenntnis, durch diesen finalen Schritt von allem Irdischen befreit zu sein und quasi körperlos als gute Seele weiter existieren zu können. Der Himmel rief und Simon war da. Ein bisschen früh für seinen Geschmack, aber besser jetzt, als nie.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Was ihn dann im „Vorzimmer zum Paradies“ jedoch erwartet, macht ihn ein wenig sprachlos. Es ist nicht gerade so, wie er sich das alles vorgestellt hatte. Gut, er ist tot und insofern ist er schon erleichtert, dass es überhaupt ein Leben danach zu geben scheint. Von einer großen hässlichen Wartehalle jedoch war in der Bibel nicht die Rede.

„Trotzdem erinnerte mich der Ort, an dem ich erwacht war, in nichts an den watteweichen Weg unter endlosem azurblauem Himmel, den ich erwartet hatte und an dessen Ende mich ein Komitee aus Erzengeln hätte in Empfang nehmen sollen.“

Simon scheint geradewegs in der irdischen Bürokratie angekommen zu sein. Er wird registriert, erhält eine Wartenummer und muss danach bei seinem zuständigen Sachbearbeiter einen Fragebogen ausfüllen. Ganz banale Fragen über seine Herkunft, den Ort seiner Geburt und den seines Todes, sowie seine sexuelle Orientierung. Und letztlich gilt es auf der Rückseite einige Angaben zu ergänzen, die in keiner Weise auf ihn zutreffen.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

„Waren Sie aktiv an einem Völkermord beteiligt?“
„Haben Sie je die Existenz des Klimawandels geleugnet?
„Waren Sie der sexuellen Belästigung angeklagt?“
„Wurden Sie der Pädophilie beschuldigt?“

Na, Gelächter aber auch. Die Fragen sind schnell beantwortet und gerade für Simon ist es als ehemaliger Vorsitzender der „Ethik-Kommission für öffentliche Freiheit“ der französischen Regierung völlig unproblematisch, all diese Punkte wahrheitsgemäß zu verneinen. Reine Formsache. Was sonst? Er bereitet sich auf eine kurze Wartezeit vor, bis es dann endgültig auf die Reise zur letzten Station seines Daseins geht. Ab in den Himmel.

Doch weit gefehlt. Mit dem harmlosen Fragebogen fängt der Ärger im Vorzimmer zum Paradies erst richtig an und Simon gerät in die Mühlen des „Jüngsten Gerichts“. Statt seine Himmelsampel auf Grün zu schalten, findet er sich einem Anwalt gegenüber, der ihm nun versichert, alles für ihn zu unternehmen, obwohl der Fall ziemlich kompliziert sei und er sich nicht allzu große Hoffnungen machen dürfe. Hier läuft etwas ganz und gar falsch im Himmel. Davon ist Simon Laroche fest überzeugt, denn er hat alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet und auch die Fragen auf der Rückseite verneint! Was auch sonst?

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Aber genau da liegt sein Problem. Genau hier setzt die peinliche Untersuchung im „Vorzimmer zum Paradies“ an und Simon Laroche wird mit den Verfehlungen seines Lebens konfrontiert, wobei es wohl nur darum geht, dass er auf der Rückseite dieses Fragebogens zu den Themen „Pädophilie, Völkermord, Klimawandel und sexuelle Belästigung“ ein paar falsche Angaben gemacht haben soll. Als er nach den griffigen Beweisen für die Zweifel an seinen Aussagen fragt, beginnt sein Weltbild zu kippen und damit rückt auch das Himmelsbild für ihn in weite Ferne. Die Antwort seines Anwalts ist beängstigend:

„Das geht Sie zwar nichts an, aber mir liegen die detaillierten Aufzeichnungen Ihres Browserbetreibers vor. Der „Allerhöchste“ nimmt solche Dinge nicht auf die leichte Schulter. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt hier einige E-Mails von Ihnen… Vor allem über, ich zitiere: „Die Invasion der Zigeuner“. Haben Sie das vergessen?“

Simon fällt es wie Schuppen von den gebrochenen Augen. Der Heilige Petrus nutzt die Cloud. Der Himmel ist im Besitz aller Daten, die zu Lebzeiten mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten. Und da ist die blöde „Zigeuner-Mail“ noch recht harmlos. Viel schwerer wiegt Simons obsessive „Recherche“ nach einer gewissen Natascha, deren Bilder nur auf einschlägigen Seiten zu finden sind. Ob sie volljährig war? Diese Frage hatte er sich nie gestellt. Bis jetzt!

„Im Gegensatz zum katholischen Glauben, bei dem der Sündenzähler auf null zurückgesetzt werden konnte, war der Glaube an die Vernichtung von Daten reine Illusion.“

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Benoît Duteurtre entwirft in seinem Roman „Vorzimmer zum Paradies(Eichborn) eine morbid-fantastische Utopie eines Himmels, der sich zum wahren Schrecken der Menschheit verändert hat. Dabei greift er auf sozial-politische Themen zurück, die auch am himmlischen Paradies nicht gänzlich spurlos vorübergegangen sind. Datenschutz, Privatsphäre, Emanzipation, Überbevölkerung, Bürokratisierung und der Umgang mit persönlicher Verantwortung. Dies sind nur einige Aspekte, die dieser intelligente Roman aufgreift und in seinen Handlungsfäden zu einer Datenflut der Verfehlungen kumuliert.

Dabei ist es nur allzu klar, dass der Schwerpunkt des Romans im Rückblick auf das gelebte Leben des Simon Laroche liegt. Hier werden wir alle fündig auf der Suche nach den großen Verfehlungen, den kleinen Missverständnissen und der Mücke, die plötzlich zum Elefanten mutiert und auf diese Art und Weise das ganze Leben verändert. Was Medien auf Erden verursachen, bleibt dann auch dem Himmel nicht verborgen.

Das „Vorzimmer zum Paradies“ ist das WikiLeaks unter den Romanen und Benoît Duteurtre ist der Whistleblower des Allmächtigen.

Am Ende wird klar, dass unser eigener Weg unter Berücksichtigung der Transparenz im Datenaustausch zwischen Himmel und Erde definitiv nicht ins Paradies führen wird. In einem Leben, in dem wir selbst bei Facebook auf jeglichen Schutz der Privatsphäre verzichten ist es nur logisch, dass wir beim „Jüngsten Gericht“ mit Fakten konfrontiert werden, die uns auf dem direkten Weg in die Hölle führen.

Aber so ganz unter uns gesagt…! Seit dem Lesen dieses Romans freue ich mich ein wenig darauf. Warum? Na lest mal schön selbst. Es ist sehr erhellend.

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Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

„Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Bauernhofs. Und er war nicht besonders groß. Lettie Hempstock behauptete, es sei ein Ozean, aber ich wusste, das war Quatsch…“

So beginnt „Der Ozean am Ende der Straße des britischen Autors Neil Gaiman, dessen Bücher meinen Lebensweg seit Jahren begleiten. Gespenstisch ging es häufig zu, ob ich nun sein Graveyard Buch las oder Coraline durch ihr dunkles Haus folgte. Zauberhaft ging es zu, als ich im kleinen Dörfchen Wall alleine das einzige Tor durch die Mauer durchschritt und zum Sternwanderer wurde. Geheimnisvoll ging es zu in Unter-London, als ich „Niemalsland“ betrat. Und mythologisch wurde es, als er versuchte mir den Glauben an die „American Gods“ zu vermitteln.

Der Leseweg an seiner Seite war nicht immer leicht. Ich fühlte mich als Leser stets herausgefordert und empfand viele seiner Geschichten zwar als sprachlich herausragend, inhaltlich jedoch manchmal zu wenig greifbar. Einzig „Sternwanderer“ hat mich in meinem Leserherzen niemals verlassen. Ich war verliebt in Victoria, habe mit Tristan jeden Stein umgedreht, um den Stern zu finden, nach dem die ganze Feenwelt sucht. Und ich habe einem ganz besonderen Sternenmädchen ewige Treue geschworen. Yvaine. Der Schwur hält bis heute.

Ich persönlich denke, man sollte vielleicht einige dieser Bücher kennen, um sich mit der richtigen Erwartungshaltung an den Ozean am Ende der Straße (Eichborn Verlag) zu wagen. Fantasy-Elemente durchsetzt mit kindlich naiven Gruselbildern und übernatürlichen Erscheinungen pflastern den Weg des großen Erzählers Neil Gaiman. Dabei schreibt er in einem eignen Rhythmus. Einer Melodie, der man gerne folgt und die lange im Herzen des Lesers nachklingt. Ich war also vorsichtig, als ich mich dem Ozean näherte. Nur inhaltlich vorsichtig… und es sollte sich vieles bewahrheiten, was ich bisher an seiner Seite erleben durfte.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

„Kindheitserinnerungen liegen manchmal unter den Dingen verborgen, die später passiert sind, wie Spielzeug, das vergessen auf dem Boden eines Kleiderschranks liegt, aber nie ganz verloren ist.“

Dieses Zitat charakterisiert den gerade im Eichborn Verlag erschienen Roman „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman, wie kaum eine weitere Zeile aus diesem Buch. Es beinhaltet alle Wahrheiten und Wahrnehmungsverschiebungen, denen wir unterliegen, wenn wir uns mit den eigenen Kindheitserinnerungen beschäftigen. Diese Erfahrung machen wir täglich.

Zeitlich nicht chronologisch geordnet kommt mir meine eigene Kindheit vor und bei Besuchen in meiner alten Heimat erscheint alles kleiner zu sein, was vormals riesig erschien. Entrückt, weil ich nun eine andere Perspektive einnehmen kann. Surreal empfinde ich meine Ängste von damals und doch… An den magischen Orten von einst erwachen viele Gedanken zu neuem Leben, die im Kleiderschrank meines Lebens tief vergraben waren.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Genau so ergeht es jenem Mann, der nach vielen Jahren wegen einer Beerdigung an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Viel mehr verrät uns Neil Gaiman nicht. Weder den Namen seines Protagonisten teilt er uns mit, noch erfahren wir, wer hier im Kreise der Familie beigesetzt wird. Das JETZT verschmilzt nahtlos mit dem EINST und verliert an Bedeutung, weil die Vergangenheit für diesen Mann eine Magie besitzt, der er niemals entfliehen konnte.

Er stiehlt sich davon. Er muss einfach wieder an den Ort, der so viel für ihn beutet hat und der bis heute nichts an seiner Magie verloren zu haben scheint. Eigentlich ist es wirklich nur ein kleiner Ententeich, an dem er jetzt nachdenklich verharrt. Aber im Alter von sieben Jahren war es „Der Ozean am Ende der Straße“. Zumindest für seine damals elfjährige Freundin Lettie Hempstock.

Und so, wie für den nachdenklichen Mann am Ufer des Teichs die Reise in seine Kindheit beginnt, so beginnt für uns eine Reise in einen typischen Erzählraum von Neil Gaiman. Hinter dem Tor im kleinen Dörfchen Wall lag das Feenland und aus jedem Wassertropfen des Ententeichs wird in den Erinnerungen des Mannes wieder der Ozean, den Lettie im wichtigsten Moment seines Lebens zu ihm brachte, weil er das rettende Ufer selbst nicht mehr erreichen konnte.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Fantasy und Realität gehen zeitlos Hand in Hand und während die Ängste eines Heranwachsenden greifbar werden, verschwimmt die Realität an der Haustür seiner Freundin Lettie. Denn scheint das Leben ihres Freundes massiv von Verlustängsten und familiären Streitigkeiten bestimmt zu sein, so ist die Existenz Letties und ihrer Familie schleierhaft, mystisch und geheimnisvoll.

Wie von einer anderen Welt scheint das Anwesen ihrer Familie, die nur aus Mutter und Großmutter besteht, zu sein. Ein zeitloses Biotop das niemals so ist, wie man es erlebt, nimmt den Jungen gefangen und einzig in Lettie sieht er einen Weg, der eigenen Angst zu entkommen. Und damit der bitterbösen Haushälterin, die nicht nur seinen Vater verzaubert hat, sondern die ganze Familie zu vergiften scheint.

Verführung, Verdrängung, Verstörung. So empfindet der kleine Junge das plötzliche Fremdgehen des eigenen Vaters und mit der zunehmend intimer werdenden Beziehung zur Haushälterin entfremdet er sich immer mehr von seiner Familie und eben jene Ursula Monkton weigert sich beharrlich, das eben eroberte Terrain kampflos aufzugeben. Ihr zerstörerisches Werk beginnt – einzig Lettie Hempstock weiß einen Ausweg. Und dieser beginnt genau da, wo der Ozean am Ende der Straße endet.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Ein mystisches Katz- und Mausspiel beginnt und dem Leser fällt die Trennung zwischen Realität, Traum und Fantasie immer schwerer. Wenn die Hempstocks mit ihrem Haus und dem Ozean im Gepäck ihre zeitlosen Zelte in der Nachbarschaft aufgeschlagen haben und bei dieser Reise durch Zeit und Raum auch unerwünschte Begleiter im Gepäck haben, dann ist die Haushälterin vielleicht auch nicht so real, wie der Junge sie in seinen Ängsten empfindet. Und vielleicht kann Lettie ihn wirklich befreien. Auch wenn das Opfer groß ist, das sie zu bringen bereit ist.

Neil Gaiman spielt mit den Ängsten des Erwachsenwerdens. Er treibt uns in seiner magisch bildhaften Sprache, untermalt mit atmosphärischen Illustrationen, durch eine Geschichte, deren Dimension wir immer weniger zu greifen bekommen. Namenlos bleibt die Angst. Namenlos der Protagonist. Die Geschichte wäre für mich ohne den Fantasy-Anteil absolut tragfähig gewesen. Mir hätte das reale Erzählelement völlig genügt. Und doch erkenne ich eine tiefe Wahrheit in der gewagten Konstruktion voller sprachlicher Genialität.

Vertraue deinen Gefühlen und lass dich auf deine Ängste ein. In der Verdrängung liegt die große Gefahr, das Leben nicht bewältigen zu können. Auch wenn dir die Fantasie oftmals ein Schnippchen schlägt. Real ist nur, woran man ehrlich glaubt und Unglaube zerstört den größten Schatz, den wir unserem Gegenüber schenken können. Vertrauen und Liebe. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist vielleicht nicht der stärkste Roman, den Gaiman in seinem Leben schrieb, aber er ist ein lebendiger Beweis dafür, wie sehr er sich treu geblieben ist. Und ich werde Yvaine treu bleiben. Ihre magische Geschichte ist komplexer erzählt und bleibt nachhaltiger im Herzen verankert.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Persönliches Editorial: Danke Kristina, dass ich schon damals mit Dir auf die Jagd nach Sternschnuppen gehen und heute gemeinsam mit Dir am Ozean sitzen durfte, um in der Tiefe nach dem zu suchen, was uns an guten Geschichten immer so fasziniert hat. Es ist und war und wird mir immer ein Vergnügen sein!