Die Unschuldigen von Michael Crummey

Die Unschuldigen von Michael Crummey - AstroLibrium

Die Unschuldigen von Michael Crummey

Es wäre ein wohl Aufsehen erregender physischer Auftritt in Frankfurt gewesen. Kanada, das Ehrengastland der diesjährigen Buchmesse hätte nicht nur Autoren und Bücher im Gastland-Pavillon präsentiert. Lebensgefühl, Vielfalt, Einzigartigkeit und viele weitere Überraschungen standen auf dem Programm. Und unsere Verlage hatten sich auf diesen besonderen Ehrengast perfekt eingestellt. Die kanadische Literatur hätte in diesem Jahr einen besonderen Stellenwert bei ihren Messeauftritten gehabt. Nun bleibt „nur“ noch ein digitaler Auftritt. Jetzt sitzen wir vor den Computern und sind froh, dass wir zumindest auf diesem Wege einen Hauch von Kanada und Buchmesse inhalieren können. Aber ganz virtuell möchte ich nicht bleiben. Kanadische Literatur zum Greifen nah. Das ist das Motto dieses Artikels. Rezension und Verlosung auf einen Streich.

Beginnen möchte ich mit meiner Rezension zu einem Roman, der mich in ein mehr als urwüchsiges, unerforschtes und wildes Kanada entführt hat. Neufundland zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die abgelegene Insel im Nirgendwo, ein unwirtlicher Ort, an dem das Überleben zu dieser Zeit täglich einer Zerreißprobe gleicht und ein Jagdgebiet, das dem Menschen alles abverlangt. Ob im Wasser oder an Land. „Die Unschuldigen von Michael Crummey ist ein zutiefst empathischer Abenteuerroman, der zwei Geschwister in den Mittelpunkt stellt, die hier auf sich allein gestellt sind. Fernab von jeder Zivilisation und von den Eltern nur unzureichend auf das Leben vorbereitet. Dabei wissen sie mehr über die Natur, die sie umgibt, als über die Natur des Menschen, der sie hier schutzlos ausgeliefert sind.

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Die Unschuldigen von Michael Crummey

Es ist die urwüchsige Erzählung eines modernen Jack London, die uns gefangen nimmt und zu den Gefährten zweier Geschwister macht, die eigentlich viel zu jung sind, um so schnell erwachsen zu werden, wie es die Umstände und die Natur erfordern. Es ist ein Michael Crommey, der sich in einen bildhaften Erzählrausch schreibt, der mich alles fühlen ließ, was er beschreibt. Einsamkeit, Verzweiflung, Kälte, Trauer, Hoffnung und die wilde Schönheit einer Insel, die sich für die beiden Kinder nur ganz selten von ihrer schönsten Seite zeigt. Ada und Evered mussten ihre Eltern begraben, ihre Mutter in der eisigen Erde, den Vater auf See. Sie treten ein Erbe an, das sie kaum meistern können. Fischfang unter härtesten Bedingungen, um den Fang dann einem Händler zu verkaufen, der einmal im Jahr mit seinem Schiff auftaucht. Ihr Lohn? Vorräte für das nächste Jahr.

In diesem Kreislauf der Abhängigkeit werden wir Augenzeugen der Entwicklung der beiden Geschwister. Bruder und Schwester arrangieren sich mit dem Leben, mit den Gegebenheiten und mit der Einsamkeit auf Neufundland. Sie wollen bleiben, wollen überleben, verweigern sich den Angeboten, doch aufs Festland zu ziehen. Hier sehen sie die Heimat. Auf alles sind sie vorbereitet. An jeder Aufgabe wachsen sie. Die Eltern haben sie widerstandsfähig gemacht. Keiner würde schaffen, was den beiden Kindern gelingt. Nur auf eines sind sie nicht vorbereitet, eines hat ihnen niemand erzählt, einen Rat konnten die Eltern ihnen nicht mit auf den Weg geben. Ein Rat, den sie beide jetzt dringend benötigen. Als Ada zwölf und Evered vierzehn Jahre alt sind, werden sie von etwas überrollt, das wir heute als Pubertät bezeichnen. Für die Geschwister entwickeln sich die plötzlich aufkommenden Gefühle füreinander zu einer Zerreißprobe. Niemand hat sie vorbereitet und niemand hat sie gewarnt, dass es gefährlich sein könnte, wenn Bruder und Schwester sich aneinander verlieren.

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Die Unschuldigen von Michael Crummey

Michael Crummey verliert sich nicht in dieser Erzählung. Er schreibt nicht um den heißen Brei herum. Er gibt seinen Protagonisten den Freiraum, sich zu entwickeln und ihre eigenen Fehler zu machen. Er erzählt von Verlangen, von Scham und Nähe. Vom Trost der ersten Berührungen, von der brutalen Eifersucht, die plötzlich aufkommt, als die Schiffe nicht mehr nur vorbeifahren, sondern anlanden und erste Besucher in das Leben der Heranwachsenden einbrechen. Die Seeleute sind zotig, trunken und vulgär. Die Männer so verwegen, wie sie es in dieser Gegend sein müssen, um zu überleben. Und doch lässt Michael Crummey viel Raum für die Grandezza von Menschen, die es mit Ada und Evered wirklich gut meinen. Hier wird aus einer guten Geschichte ein großer Roman. Hier wird aus dem Strandgut, das an ihrem Strand landet ein echter Hoffnungsschimmer für eine gemeinsame Zukunft. Hier wird ein Fernrohr, das sie an Bord eines Wracks finden, das Fenster zu einer neuen Welt.

Wir gehen den Fragen des Lebens auf den Grund, Wir stellen uns der Frage, ob es die Eltern sind, die ihre Kinder auf das wahre Leben vorbereiten, oder ob Resilienz das Ergebnis ganz anderer Prozesse ist. Wir blicken hinter die Vorhänge des Schlafraums und beobachten die Unsicherheit der Geschwister im Umgang miteinander und blicken doch niemals verschämt zur Seite, weil uns der Autor nicht zu Voyeuren macht. Es ist die Erzählkunst des Autors, einem authentischen Roman ein Setting zu verleihen, dem wir Glauben schenken. Es ist aber auch seine große Kunst, nichts peinlich werden zu lassen, was im reinsten und unverfälschten Gefühl zweier Menschen nicht als peinlich empfunden wird.

Freude und Scham. Scham und Freude. Das waren die Währungen der Welt. Und beide wurden gleichermaßen ausgezahlt.

Das vielleicht größe Abenteuer eines Bücherjahres, in dem wir beharrlich auf der Suche nach Romanen sind, die unseren moralischen Kompass neu ausrichten.

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Die Unschuldigen von Michael Crummey

Die Messestadt Frankfurt hätte sich sehr auf Michael Crummey gefreut, wir Leser und Besucher hätten uns gefreut. Und doch habt ihr eine Möglichkeit, die kanadische Literatur des Bücherherbstes in einem Buchpaket zu euch nach Hause zu lotsen. Der Eichborn Verlag hat die Aktion #eichborncanlit ins Leben gerufen und stellt im Netz, im Buchhandel und auf den eigenen Verlagsseiten vier Neuerscheinungen kanadischer Autoren und Autorinnen vor, die in Frankfurt am Messestand im Brennpunkt gestanden hätten. Natürlich gehört auch „Die Unschuldigen“ von Michael Crummey dazu. Dank des Eichborn Verlages habe ich die Möglichkeit, eines dieser Buchpakete zu verlosen. Was ihr tun müsst, um die kanadische Bücher-Flagge in eurem Bücherregal zu hissen? Ganz einfach.

Schaut euch die Bücher des Buchpakets genau an.  Es handelt sich um:

Die Unschuldigen“ von Michael Crummey
Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau“ von Marie-Renée Lavoie
So nah den glücklichen Stunden“ von Anaïs Barbeau-Lavalette
Washington Black“ von Esi Edugyan

Eichborn - Kanadische Literatur - Frankfurter Buchmesse 2020 - Astrolibrium

Eichborn – Kanadische Literatur – Frankfurter Buchmesse 2020

Ein wundervoller Genremix, der den Facettenreichtum der kanadischen Literatur unter Beweis stellt. Vom bewegenden Abenteuer zweier Geschwister auf Neufundland über die Rache einer gelangweilten Ehefrau bis zum Jahrhundertroman einer Künstlerin und zuletzt zu einer Geschichte der Sklaverei auf Barbados. Hier ist garantiert für jeden Geschmack, für jede Lesestimmung und jeden bibliophilen Leser etwas dabei. Und nun nichts wie los, um eure Chance zu wahren, das gesamte Paket zu gewinnen.

Kommentiert diesen Artikel bis zum Sonntag, den 18. Oktober um 20:00 Uhr und schreibt mir einfach, was euch mit Kanada verbindet. Unter allen Teilnehmer*innen wird das Buchpaket verlost. Ihr dürft euren Freunden gerne von dieser Aktion erzählen und sie in den sozialen Medien teilen. Auf jeden Fall solltet ihr uns, falls ihr gewinnt, mit auf eure Lesereise nehmen und unter #eichborncanlit ein paar Impressionen teilen. Ich drücke jetzt ganz fest die Daumen.

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Eichborn – Kanadische Literatur – Frankfurter Buchmesse 2020

Die verlorene Tochter der Sternbergs – A.L. Correa

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust ist ein Wagnis. Es besteht gerade bei Romanen die Gefahr, in eine verkitschte Darstellung der Verfolgung von Regimegegnern und ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen abzudriften. Allzu oft ist die Realität des menschenverachtenden Nationalsozialismus dann nur die Kulisse, die ein Schriftsteller benötigt, um eine Herzschmerzgeschichte zu erzählen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Zeitgeschichte zu Geschichte wird, weil die Zeitzeugen sich nicht mehr äußern können, wird die Grenze zum „Holokitsch“ und zur romantisierten Form der literarischen Aufarbeitung häufig überschritten. Ich stehe dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber und versuche weiterhin beharrlich, jene Romane zu finden, die den hohen Anforderungen an die seriöse Auseinandersetzung mit einem Genozid gerecht werden.

Die verlorene Tochter der Sternbergs von Armando Lucas Correa gehört in die Phalanx der Romane, die nicht nur das Etikett „nach einer wahren Geschichte“ tragen, sondern sich dieser authentischen Vorlage tatsächlich verschrieben haben, um uns die Geschichte zu erzählen, die ansonsten niemand mehr niederschreiben könnte. Es geht nicht um die Symptome einer menschenverachtenden Ideologie. Es geht nicht um eine herzzerreißende Erzählung, die ihre Leser zu Tränen rührt. Hier geht es nicht um eine Geschichte, die uns packen soll, Spannungsbögen zur Dramatisierung konstruiert und in deren Verlauf wir auch noch unterhalten werden. Ganz im Gegenteil. Correa bedient sich stilistisch einer wenig emotionalen und angenehm sachlichen Beschreibung, der man ohne Ablenkung folgen kann, um das wahre Ausmaß der Ereignisse zu ermessen.

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Die Sternbergs werden im Berlin der 1930er Jahre von der Machtübernahme der Nazis überrollt, so wie es ihren jüdischen Mitbürgern ergeht. Es ist die schleichende Entrechtung, die wir an ihrem Beispiel erleben. Es sind die Einschränkungen im Alltag, die das Familienleben immer enger eingrenzen. Es ist die absolut fatale Hoffnung einer Familie, am Ende mit einem blauen Auge davonzukommen. Es ist die Fehleinschätzung der Eltern zweier kleiner Töchter, dass die Nazis nicht so weit gehen würden, wie man es in ihrem Umfeld behauptet. Erst als die Bücher des eigenen Buchladens in Flammen aufgehen und der eigene Ehemann ins Konzentrationslager verschleppt wird, sieht sich Amanda Sternberg in der Ausweglosigkeit der Situation dazu gezwungen, alles hinter sich zu lassen und mit ihren Töchtern zu fliehen.

Hier beginnt eine Odyssee, die den Entwurzelten alles nimmt, was ein normales Leben ausmacht. Hier wird eine Mutter vor die schwierigsten Entscheidungen gestellt, die man sich auch nur näherungsweise vorstellen kann. Eine Schiffspassage ist schon organisiert, alles verläuft nach Plan und doch scheitert die Flucht, wie so viele in dieser Zeit. Es gelingt Amanda nicht, ihre beiden Töchter ins sichere Kuba zu schicken. Im letzten Moment bringt sie es nicht übers Herz, sich von ihrer jüngsten Tochter Lina zu trennen und vertraut nur ihre sechsjährige Tochter Viera einem fremden Ehepaar an. Hier trennen sich die Lebenswege zweier Geschwister. Und nicht nur das. Das ist der Beginn einer Geschichte von Identitätsverlust, der Verleugnung des eigenen Glaubens und einer Zukunft, in der die Familienbande wie lose Enden in der Geschichte hängen.

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Es ist aber auch die Geschichte der wenigen aufrechten Helfer, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um verfolgte Juden zu retten. Es ist die Geschichte Frankreichs, das sich als Zufluchtsort anbietet und tragischerweise zur Todesfalle mutiert. 1939 schien es so, als wäre der Nationalsozialismus weit weg. Für Amanda und ihre Tochter Lien jedoch rückt die Gefahr immer näher. Das kleine Örtchen, in dem sie Zuflucht und Anschluss finden, gerät nach dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich ins Zentrum der Gewalt. Correa erzählt komplex, verwebt diese Familiengeschichte mit den Geschehnissen im besetzten Frankreich und engt den Freiraum von Mutter und Tochter immer mehr ein. Als sich schließlich die SS bei Vergeltungsaktionen gegen die Zivilbevölkerung wendet, wird das Massaker von Oradour-sur-Glane zum Fanal für die beiden Sternbergs, aus dem es kaum ein Entrinnen geben kann.

Armando Lucas Correa bleibt in seinem Roman nicht an der Oberfläche. Er taucht in die Tiefe der Urängste von Eltern ein, denen es nicht gelingt, ihre eigenen Kinder zu retten. Er versetzt uns in die Lage der Menschen, die vor die Wahl gestellt werden, für fremde Kinder Verantwortung zu übernehmen oder sie ihrem Schicksal zu überlassen. Correa stellt in seinem Roman Wegweiser auf, an denen man sich zu entscheiden hat, ob der eigene moralische Kompass funktioniert oder ob wir vor Angst versagen würden. Bei aller Hoffnung, die man schöpfen kann, bei aller Großherzigkeit, die man auf diese Weise erlebt, muss man immer wieder die Augen vor der Realität verschließen, da die Rettung von Kindern in dieser Zeit mit dem Verlust ihrer Geschichte verbunden war. In vielen Überlebensberichten decken sich diese Erkenntnisse. Jüdische Kinder mussten katholisch werden, um sie zu tarnen. Sie mussten die Namen ändern, um zu überleben. Und danach? Nach dem Krieg? Nach dem Ende des Wahnsinns? Wird es die Chance geben, die Kinderfotos von einst wieder in das echte Familienalbum zu kleben?

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Armando Lucas Correa lässt diese Frage nicht unbeantwortet. Er knüpft in seinem aufwühlenden Roman an die Geschichten vieler „Cut-Out-Children“ an, die aus ihren Stammbäumen ausgeschnitten werden mussten, um sie zu retten. Viele von ihnen sind wohl noch heute ahnungslos, weil sie adoptiert wurden und alle Verbindungen zu ihren eigentlichen Eltern in den Krematorien der Nazis in Rauch aufgingen. Wer die Identität verliert, hat keine eigene Geschichte zu erzählen. Wer am Ende seines Lebens nur am Ende des Lebens einer anderen Person angelangt, der ist auch heute noch ein Opfer einer Ideologie, die längst der Geschichte angehören sollte. Sollte! Diesen Fingerzeig auf unsere Zeit finden wir auch in Correas Buch. Namenlose Flüchtlinge gehören fast schon wieder zum Alltag unserer Zeit. Denken wir an ihre Stammbäume und Familien. Denken wir daran, wer diese Kinder von heute im Alter von 90 Jahren sind.

Diesen Zeitsprung wagt Armando Lucas Correa in seinem Roman Die verlorene Tochter der SternbergsEr verbindet Zeitebenen und Geschichte, in dem er sie neu schreibt. Er lässt uns staunen, wem wir im Jahr 2015 in New York begegnen. Er lässt uns fast atemlos dabei zuschauen, wie eine alte Dame auf Nachrichten reagiert, die in ihrem Leben nicht mehr damit gerechnet hätte, eine Geschichte zu entdecken, die sie seit mehr als 70 Jahren verdrängen wollte. Es sind Briefe aus der Vergangenheit, die sie über einen unglaublichen Umweg erreichen. Ein Wendepunkt in einer Geschichte, die so unglaublich ist, dass sie nur vom wahren Leben so geschrieben werden konnte. Er lässt uns verwundert die Augen reiben, als wir erkennen, dass die Lebensweisheit eines Vaters die Zeit überdauert hat und etwas verbindet, was für immer getrennt war:

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Wenn du Angst hast und spürst, dass dein Herz rast, dann fang einfach an, die Herzschläge zu zählen. Zähle sie und konzentriere dich auf jeden Einzelnen…

Das Herzschlagfinale einer Geschichte, die sich in meinem Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen einen wichtigen Platz erobert hat, und sich inmitten von Büchern wiederfindet, die von Kindern erzählen, denen nicht nur die Familien geraubt wurden, bewegt gerade in Zeiten eines aufflammenden Neo-Antisemitismus und bleibt nicht ohne Wirkung. Kinder ohne eigene Geschichte, keine Seltenheit:

Sonnenschein
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Junge ohne Namen

Mein Lesen geht weiter. Mein Schreiben setzt sich fort. Wir vergessen die Namen nicht, wir bleiben den Schicksalen auf der Spur. Wir erinnern… 

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Marianengraben von Jasmin Schreiber - AstroLibrium

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Normalerweise taucht man in eine Geschichte ein. Man lehnt sich gemütlich zurück, betrachtet die Oberfläche eines literarischen Sees, erkennt leichte Wellenbewegungen und wird neugierig. Mit leichten Schwimmbewegungen entfernt man sich vom Ufer und atmet ein letztes Mal tief ein, bevor man sich in die Tiefe begibt. Je größer der Tiefgang einer Erzählung ist, desto intensiver ist die Auftauchphase. Umgekehrt vorzugehen ist schwer vorstellbar. Außer man traut sich und lässt sich auf den „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber ein. Schon im ersten Kapitel befinden wir uns in elf Kilometern Tiefe. 11000 Meter unter der Oberfläche. Der symbolische Tiefpunkt scheint erreicht und von der ersten Seite an steigen wir sukzessive auf. Eine emotionale Tauchfahrt des Lesens beginnt in tiefster Dunkelheit. Am Grund des Marianengrabens.

Dieser metaphorische Einstieg öffnet die Tür zu einer ungewöhnlichen Erzählung. Wir begegnen zwei Menschen, die tatsächlich ganz unten angekommen sind und durch die besondere Konstruktion im Aufbau der Geschichte vermittelt uns Jasmin Schreiber, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann. Sie, Paula, wagt sich nach dem Unfalltod ihres Bruders und mitten in der Trauertherapie erstmals an sein Grab. Er, Helmut, folgt einem Plan, als er mit Spaten am Urnengrab seiner Exfrau ankommt. Sie, Biologin und mitten im Leben stehend, kann den Verlust ihres jüngeren Bruders nicht verkraften und zermartert ihr schlechtes Gewissen, weil sie nicht da war, als er ertrank. Er, 83-jähriger Hinterbliebener, ist einen Schritt weiter. Die Urne von Helga zu stehlen. Dafür ist er hier. Mitten in der Nacht. Der einzige Zeitpunkt, der für Paula denkbar ist, um unbeobachtet Tim zu besuchen. Wir sind ganz unten angekommen. 11000 Meter tief. Tiefer geht es nicht mehr. Tauchen wir auf?

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Jasmin Schreiber macht viel aus der Ausgangssituation ihres Romans. Es ist die Zufälligkeit des Augenblicks und es ist die Parallelität der erlebten Verluste, die hier als Sprungbrett in eine Geschichte voller Verlust, Sehnsucht, Selbstvorwürfen und Trauer dienen. Da wir jedoch schon ganz unten angekommen sind, tauchen wir nicht in purem Selbstmitleid. Paula nimmt uns mit in liebevolle und farbige Erinnerungen an Tim. Hier wird schnell deutlich, wie sie zueinander standen und wie sehr der kleine Kerl auf seine große Schwester baute, als er den großen Geheimnissen auf die Spur kommen wollte. Jasmin Schreiber beschreibt eine junge Frau, deren Trauerbewältigung gerade erst im Anfangsstadium steckt. Melancholie, Tristesse und Hilflosigkeit sind ihre Wegbegleiter. 

Ganz anders der 83-jährige Urnendieb Helmut, der alles genau geplant hat. Helga ausbuddeln, ab mit ihr ins neu gekaufte Wohnmobil und los geht die Fahrt mit Sack und Pack (also eher mit Urne und Hund Judy). Der letzte gemeinsame Roadtrip an den Ort der wirklich letzten Ruhe für Helga. Auch ihn zeichnet Jasmin Schreiber konturiert und greifbar. Literarische Abziehbilder sind nicht die Sache der jungen Autorin. Empathisch öffnet sie uns die Tür zu einem fast gelebten Leben. Mürrisch, abweisend und doch im tiefsten Inneren verletzlich erleben wir Helmut bei der ersten Begegnung. Was ihn und Paula miteinander verbindet reicht aus, um zwei Lebenswege miteinander zu verbinden und gemeinsam ein Wagnis einzugehen. Skurril mag es vielleicht erscheinen, was sich auf der Friedhofsmauer abspielt. Helgas Asche und Paula. Auch eine Verbindung. Hier beginnt das Unausweichliche. Die gemeinsame Fahrt in die Zukunft, egal wie sie auch aussehen mag. Wir tauchen mit Paula und Helmut auf.

Marianengraben von Jasmin Schreiber - AstroLibrium

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Einige der zentralen Elemente aus dem „Marianengraben“ sind nicht neu. Trauer und Verlust sind zentrale Themen in der Literatur und selbst der Raub einer Urne stellt keine einzigartige Situation dar. Zuletzt folgte ich „Levi“ von Carmen Buttjer, der sich die Urne seiner Mutter noch während der Beerdigung schnappte und untertauchte. Hier spielen die letzte panische Verlustangst, sowie die Unzufriedenheit mit den rituellen und gesellschaftlich akzeptierten Abläufen eine zentrale Rolle. Die Fragen nach dem Leben nach dem Tod tauchen ebenso auf, wie die Selbstvorwürfe, mit denen sich Trauernde ein Leben lang herumschlagen. Viele der Romanelemente sind uns fragmentarisch im Lesen begegnet. Jasmin Schreiber gelingt jedoch durch die Verbindung von Paula und Helmut die Gestaltung eines literarischen Niemandslandes, in dem Trauer verschieden interpretiert wird. Hier geschieht während der Fahrt ein kleines Wunder:

„Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal
jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur
mit einem anderen Dialekt.“

Es ist diese gemeinsame Sprache, die Jasmin Schreiber zelebriert. Sie vermeidet die Beliebigkeit der Begriffe. Sie definiert den empathischen Weg, der Alt und Jung zu verbinden scheint. Verständnis und der Blick hinter die geschlossenen Vorhänge sind Schlüssel für Hoffnung und Perspektive. Dem Gegenüber Raum lassen für die eigenen Trauerrituale, nicht noch mehr Schmerz verursachen und dann, im richtigen Moment in den Arm nehmen und nehmen lassen, dies sind zentrale Wegweiser an die Oberfläche. Wir tauchen auf.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Es ist die Ehrlichkeit, die Helmut auszeichnet. Schroff wie ein Fels und doch so sehr gezeichnet, weil sich die Flutwellen des Lebens an ihm abgearbeitet haben. Es ist die Verzagtheit einer Paula, die sie uns in die Arme treibt. Die ehrliche Verzagtheit könnte ein gemeinsamer Weg sein, den sie unterwegs entdecken. Geheimnisse verlieren ihren Schrecken, Offenheit öffnet Herzen und ein Trauerweg wird zur Route des Erkennens. Diese Erzählung überstrahlt keine atemlose Melancholie. Es ist hier eher das Gefühl, in der Rückschau auf das Leben die richtigen Erinnerungen zu konservieren, das hier alle anderen Gedanken überstrahlt. Hier finden Lesende ihre Protagonisten, mit denen man sich identifizieren kann. Die junge unvorbereitete Frau oder den uralten Mann, der sich mit dem Ballast seines Lebens umgibt, um die Reise anzutreten.

Jasmin Schreiber ist nicht nur Kommunikationsexpertin und Autorin, sie ist auch ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie das Wort Trauer in den Raum stellt. Es ist im literarischen Sinne ein oftmals leerer Raum, den man nur mit oberflächlichen Erinnerungen ausschmückt. Ihr Trauerraum ist kein trauriger Raum. Er ist nicht trist oder dunkel. Er ist voller Bilder, die das Leben ausmachen. Es ist eher ein Trostraum, in dem man sich – auch wenn es sich komisch anhört – wohlfühlen und einfach gut fühlen darf. In dem Moment, in dem man lesend die Oberfläche erreicht, ist es gut, Wasser um sich zu haben, um die feuchten Stellen in den Augen zu erklären. In jeder Hinsicht eine lesenswerte Geschichte, die viele Facetten beleuchtet und jeglichen Stereotypen die Tür vor der Nase zuschlägt.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Der Marianengraben als Tiefen-Metapher trägt durch den Roman. Dass ich jedoch im Verlauf der Geschichte auch mit der Nordwestpassage und der Expedition von Sir John Franklin konfrontiert werde, macht mich sprachlos. Die Fahrten von Erebus und Terror als metaphorische Ableitungen für Wagnis, Verlust, Trauer und die ewige Suche nach der Wahrheit in die Geschichte einzubauen, ist mehr als gelungen. Gerade selbst von Bord der „Erebus“ entkommen, habe ich erneut festgestellt, dass es keine Zufälle gibt in der Literatur. Auch das ist Jasmin Schreiber wirklich gut gelungen. Ich bin jetzt auf 0 Metern angelangt. Eine brillante Tauchfahrt. Ich hätte noch Luft genug für einen weiteren Roman aus ihrer Feder. Ich brauche eine Druckkammer, um mich wieder an die Luft hier oben zu gewöhnen. Druckausgleich am Ende des Romans ist sehr wichtig.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Es ist das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust, das für mich im Mittelpunkt steht. Es ist das wohl zentralste Thema meines Blogs und im Laufe der Zeit haben sich zahllose Bücher in die Kette des Erinnerns eingereiht. Einige von ihnen verdienen ein besonderes Prädikat, weil sie in ihrer Perspektive und Struktur einzigartig sind. „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sich dieser auf Tatsachen beruhende Roman in die Phalanx jener Bücher schieben würde, die mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal versehen sind. Dies erschließt sich tatsächlich auf den zweiten Blick und natürlich beim Lesen.

Es ist der Originaltitel, der mich nachdenklich machte. Frei aus dem Norwegischen übersetzt lautet er: „Das Lexikon von Licht und Dunkelheit“. Hier erschließen sich in seinem Kontext sowohl die Struktur des Buches als auch sein Inhalt. Denn während ich mich beim deutschen Titel „Vergesst unsere Namen nicht“ direkt von einem der Opfer angesprochen fühle und den Appell an das Erinnern fast wörtlich spüre, lenkt mich der Originaltitel in eine andere Richtung. Er fühlt sich nicht an, wie ein Opferroman-Titel. Er wirkt facettenreicher und dunkler und möchte gerne beim Wort genommen werden. Ich halte diesen Titel für den eigentlichen Türöffner zu diesem Roman, weil er inhaltlich im direkten Zusammenhang zur Geschichte steht, die Simon Stranger erzählt.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Wann liest man schon mal ein Buch über die Judenverfolgung im Dritten Reich, das die Psychologie des Täters in den Vordergrund stellt? Wann kann man eintauchen in Denkwelten von Menschen, die sich schuldig gemacht haben und wo findet man die nachhaltigen Motiv-Spuren der Täter? „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell stellt bis heute eine absolute Ausnahme dar. Bis zur Veröffentlichung dieses Romans. Es ist der norwegische Autor Simon Stranger, der sich auf Spurensuche in seiner Familie im besetzten Norwegen des Zweiten Weltkriegs begibt. Es ist historisch verbrieft, wessen Spuren er folgt. Es sind die Verwandten seiner Ehefrau, denen er mit seiner Recherche einen Platz in der Familie zurückgibt, den die Nazis ihnen gestohlen haben. 

Es sind die jüdischen Vorfahren seiner eigenen Ehefrau, die direkt und indirekt zu Opfern wurden. Verraten, liquidiert, traumatisiert und fürs Leben gezeichnet. Es ist die verstörende Geschichte von Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz waren und für sie nimmt dieses Buch die Rolle eines Stolpersteins ein, der uns heute dazu anhalten soll, diese Menschen nicht zu vergessen. Er erzählt die Geschichte des Urgroßvaters seiner Frau. Hirsch Kommissar, der im Rahmen einer Vergeltungsaktion der Nazis inhaftiert und erschossen wurde. Er nimmt sich die Zeit, nicht nur ihre Familie in ihrer lebensbedrohlichen Lebenssituation zu beschreiben. Er geht weiter und gliedert sein Buch nach den Buchstaben des Alphabets. 26 Kapitel. Von A bis Z. Ein Lexikon von Licht und Dunkelheit, in dem die Dunkelheit überwiegt….  

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Hier wird aus einem Opferroman ein Täterroman. Simon Stranger kann nicht anders, als einen der Hauptverantwortlichen der Verfolgung zu sezieren und bis auf die Fasern seines Charakters zu zerlegen. Es handelt sich um Henry Oliver Rinnan, den Agenten der Gestapo, der mit seinen Opfern ein perfides Spiel spielte. Sein Hauptquartier lag in Trondheim und ist auch heute noch als Bandenkloster bekannt. Hier ließ er verhören, foltern und morden. Hier spielten sich die brutalsten Schrecken ab. Verborgen vor den Augen der Welt. Simon Stranger gibt sich nicht damit zufrieden, über diese Untaten zu schreiben. Ihm gelingt mit seinem Psychogramm eines Täters ein Literatur-Meilenstein zum Verständnis der damaligen Zeit.

Von A bis Z durchleuchtet er das Leben des künftigen Täters, zeigt ihn als wenig akzeptierten jungen Mann, der um Anerkennung buhlt. Er beschreibt einen Underdog, dem es in seiner Heimat unter Seinesgleichen nie gelingen würde sozial aufzusteigen. Hier kommen ihm die Nazis gerade recht. Hier wittert der Mitläufer seine Chance und beginnt in Diensten der Gestapo ein Doppelagentenspiel. Er erschleicht sich Vertrauen auf der Seite des Widerstands, lässt sich Verstecke jüdischer Flüchtlinge zeigen und ist dann der unersetzliche Faktor im ideologischen Vernichtungskrieg, wenn er alles verrät, was ihm eigentlich heilig sein sollte. Diese Macht korrumpiert ihn und macht ihn selbst zum Folterer und Mörder.

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Simon Stranger legt den Finger in alle Wunden. Er zeigt die Charakterlosigkeit eines Menschen, der die Haltung wechseln kann, wie eine Fahne im Wind. Erschreckend ist hierbei, dass klar wird, dass genau dieser Henry Oliver Rinnan auf der richtigen Seite in Reihen des norwegischen Widerstands gekämpft hätte, wäre er dort wertgeschätzt worden. Eine typische Täter-Karriere. Ein Stereotyp des Mitläufers, der sich bereitwillig schuldig macht. Das Ego siegt über das Gewissen. Als ausgerechnet die Familie des ermordeten Hirsch Kommissar nach Ende des Krieges im Bandenkloster unterkommt, weil das Haus zum Verkauf steht, reißen die geschichtsträchtigen Wände die Wunden wieder auf. Ein Haus des Schreckens, das fortan in der Familie Angst und Schrecken verbreitet.

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen und noch weniger leicht zu verkraften. Wenn man die Perspektive der Opfer eingenommen hat, wird man urplötzlich mit einem Täter konfrontiert, der sich dominant in den Vordergrund drängt. Das jedoch ist die wichtigste und größte Leistung dieses Buches. Es beschreibt historisch präzise und wird nur dort fiktional, wo die tatsächlichen Aufzeichnungen Interpretationsspielraum für Dialoge und Gefühle lassen. Simon Stranger bewegt sich auf perfekt recherchiertem Terrain. Jeder, der von sich behauptet, er würde sich niemals von Macht korrumpieren lassen, müsste dieses Buch lesen. Jeder, dem es an Vorstellungskraft fehlt, wie leicht man Täter wird, sollte dieses Buch lesen.

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Und jeder, der denkt, man könne nichts gegen heutige Populisten unternehmen, der sollte nie vergessen, dass man einen Henry Oliver Rinnan lange genug in seinem Umfeld hätte auffangen und wahrnehmen können, anstatt ihn auszugrenzen, der sollte sich überlegen, ob man Rechtsradikale von heute lieber an den Rand drängt oder sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen und reden sollte. Eins der wohl wichtigsten und nachhaltigsten Bücher gegen das Vergessen, weil die Automatismen dieser Täterschaft ebenso beschrieben werden, wie die lebenslange Traumatisierung der Opfer. Hier liegt ein literarischer Stolperstein in unseren Händen.

Ein letztes Wort gilt der Übersetzung dieses Romans. Wenn es einem Übersetzer gelingt, ein Buch aus dem Norwegischen ins Deutsche zu transferieren, das nach den Buchstaben des Alphabets gegliedert ist, 26 norwegische Begriffe über die jeweiligen Kapitel stellt und diese in den Kontext des Gesamttextes einbettet, dann ist ihm Großes gelungen. Nicht viele der originalen Begriffe finden im Deutschen ihre Entsprechung. In vielen Überschriften musste das passende deutsche Wort aus dem Zusammenhang im folgenden Text gefunden werden. Dass die deutschen Leser nicht ins Stocken kommen und keine Plausibilitätslücken finden adelt Thorsten Alms. Hier kann man mit Fug und Recht behaupten, dass durch seine Übersetzung ein eigenständiges literarisches Werk entstanden ist. Chapeau…

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Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Vergesst unsere Namen Nicht von Simon Stranger / Eichborn Verlag / 350 Seiten / aus dem Norwegischen von Thorsten Alms / gebunden / 22 Euro – Hier finden Sie mehr Literaturempfehlungen „Gegen das Vergessen“ bei AstroLibrium…

Bernard v. Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Bernard von Brentano - Der Beginn der Barbarei in Deutschland - AstroLibrium

Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Nein, keine Sorge. Niemand hat die Absicht eine literarische Mauer zu errichten! Nein, keine Sorge. Das im Folgenden vorgestellte Buch hat nichts, aber auch gar nichts mit der aktuellen sozialpolitischen Situation unserer Gesellschaft zu tun. Also, bitte die Ruhe bewahren, zurücklehnen und einen Blick hinter die Kulissen eines Werks werfen, das aus der Zeit gefallen scheint. „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ klingt in unseren Ohren natürlich verdächtig nach der Aufarbeitung der letzten Landtagswahlen. Es klingt, als würde endlich der Rechtsruck in unserem Lande literarisch aufgearbeitet und auch die geprägte Schriftart des Covers lässt uns ahnungsvoll zusammenzucken.

Aber nein, ich kann Sie beruhigen. Es ist handelt sich hier um ein Buch, das bereits 1932 erschienen ist und das aus der Feder des deutschen Schriftstellers, Lyrikers und Journalisten Bernard von Brentano stammt. Keineswegs begeben wir uns lesend auf ein Terrain, das geeignet wäre unser Weltbild ins Wanken zu bringen. Keineswegs hat dieses Buch das Potenzial, die Zustände der Weimarer Republik in unsere heutige Zeit zu spiegeln. Und auf gar keinen Fall dürfen wir uns von diesem Buch eine Hilfestellung erwarten, wie wir mit unseren aktuellen Problemen umgehen. Belasten Sie dieses Buch also bitte nicht mit einer Erwartungshaltung, der es gar nicht gerecht werden will. Lesen Sie und… naja, dann werfen Sie einfach mein Eingangsstatement über Bord, wenn Sie mögen. Das jedoch wäre barbarisch und das wollen wir doch nicht mehr sein. Oder?

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Bernard von Brentano schrieb in den Jahren 1931 und 1932 über die Stimmung in einem Land, das er immer weiter abdriften sah. Die politischen Zustände der Weimarer Republik schienen sich als Wegbereiter einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung in einem nicht aufzuhaltenden Prozess zum Steigbügelhalter des nahenden Nationalsozialismus zu entwickeln. Die Unzufriedenheit der Menschen wurde immer lauter. Sie ließ sich gar messen. Arbeitslosigkeit, Unterversorgung, Armut und Entrechtung der Arbeiter griffen immer mehr um sich. So entschloss sich Bernard von Brentano, nicht nur eine Krise zu beschreiben, sondern sie von den Ursachen ausgehend zu erklären und die Folgen für den Einzelnen zu beleuchten.

Klar. Er machte sich mit diesem Werk keine großen Freunde in einem Land, in dem die Hakenkreuze schon auf Fahnen aufgenäht wurden und es darf den geneigten Leser im 21. Jahrhundert nicht wundern, dass genau dieses Buch 1933 verboten war. Wie viele andere Bücher auch, wurde es öffentlich auf dem Scheiterhaufen der Braunen Horden verbrannt. Der Autor wurde zur Emigration in die Schweiz gezwungen. Und dabei hatte er mit der unverhohlenen Warnung vor der beginnenden Barbarei gar nicht die Nazis gemeint. Das mussten sie wohl in den falschen Hals bekommen haben und auf diesem historischen Missverständnis beruht der wohl legendäre Status dieser Reportage, die in vielerlei Beziehungen geeignet ist, auch heute noch kräftig missverstanden zu werden.

Bernard von Brentano - Der Beginn der Barbarei in Deutschland - AstroLibrium

Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Räumen wir einfach damit auf. Begeben wir uns mit den geschulten Augen eines brillanten Beobachters in die Zeit, die er beschreibt und lassen wir uns auf ihn ein. Akzeptieren wir die Schwächen dieser Reportage, die Brentano später selbst einräumt und die dazu führen, dass er sich in gewisser Weise von diesem Buch distanzierte. Ich habe jeden Standpunkt, jede Perspektive als Inspiration empfunden, weil es dem Autor gelungen ist, eine Zeitscheibe so facettenreich zu beleuchten, dass man die Antworten auf Fragen findet, die uns intensiv beschäftigen. Warum fliehen die Massen in die Arme von Nationalsozialisten, warum ist diese Zuflucht aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten sogar nachvollziehbar und wo sind die Ursachen zu finden. Das Verständnis für diesen sozialen Umbruch kann unsere Augen öffnen und dafür sorgen, ihm mit offenen Augen zu begegnen. Verständnis verhindert Wiederholung.

Brentano bereist das zermürbte Deutschland. Er besucht verarmte Bergarbeiter in der schwersten Stunde ihrer Existenz. Er analysiert die Folgen eines Grubenunglücks und wirft einen ungeschönten Blick auf die Verzweifelten, denen jede Lebensgrundlage genommen wurde. Er beschreibt den Niedergang der Landwirtschaft und die um sich greifende Mechanisierung als Ursache für die zunehmende Arbeitslosigkeit. Er geht in die Arbeiterviertel und vermittelt die Stimmungslage angesichts einer Krise ohne echte Auswege. Er beschreibt die Schieflage zwischen Arm und Reich. Zerpflückt die großen Industriellen und Kapitalisten, die fernab jeder Wertschöpfung das Individuum in einem täglichen Überlebenskampf ausbeuten. Er legt die Finger in alle Wunden.

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Sein Barbarei-Begriff bezieht sich nicht auf die am Horizont auftauchenden Nazis. Er bezieht sich auf Karl Marx, der einer solchen Krise nur den Sozialismus als Entwurf entgegenhält, der ein Abdriften in eine totale menschliche Barbarei verhindern kann. In diesem Sinne gewinnt das Kollektiv immer mehr Bedeutung und das Recht des Starken wird konterkariert. Seine Befürchtung mündet in den Gedanken, dass am Ende dieser wirtschaftlich-sozialen Sackgasse die Selbstzerfleischung des Menschen steht. Da liegt auch der wesentliche Kritikpunkt, der das Buch aus heutiger Sicht zu einem nicht ganz leicht verdaulichen Werk werden lässt. Brentano sieht Lösungen im Kommunismus. Er sieht Karl Marx und dessen Theorien als wegweisend an. Fünfjahrespläne, gesteuerte Wirtschaftssysteme zum Nutzen des Kollektivs und eine Umverteilung des Eigentums sind für ihn zu diesem Zeitpunkt Stellschrauben, an denen man drehen könnte, um die Barbarei zu verhindern.

Später distanzierte er sich von diesen Thesen. Später erkannte er, wie Wertschöpfung im Kommunismus funktionierte und welche Opfer die einfachen Arbeiter auch dort zum Erreichen der Sollvorgaben zu erleiden hatten. Hier müssen auch wir uns fernhalten im Verständnis für jene Reportage. Sie ist aus der Zeit in unsere Hände gefallen. Bernard von Brentano beschreibt eine Republik im Niedergang. Er greift nach jedem Strohhalm, der Besserung verheißt. Er hat sich später deutlich korrigiert. Das alles ändert nichts an der schieren Wucht der Beschreibung. Es ändert nichts an dem Blick auf das Leben im Angesicht des drohenden Untergangs. Wo Brentano den Kommunismus als möglichen Ausweg sah, da flüchtete die Masse von einem Desaster ins nächste. Populisten hatten Angst geschürt, verdoppelt und Sündenböcke präsentiert. Ein Automatismus, der auch heute noch zu greifen scheint.

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Dieses Buch hat mich bereichert. Es hat Verständnis geweckt für die Menschen dieser Zeit. Verständnis für meine Großeltern, die mir nicht viel von den Gefühlen und Ängsten erzählen konnten und wollten. Am Ende der Weimarer Republik war man auf der Suche nach einem Notausgang. Und der strahlte in leuchtenden Farben, versprach Arbeit und Lohn, füllte ideologisch die Löcher, die durch Angst aufgerissen wurden und zeigte sogar auf die Schuldigen. Alles viel zu einfach gedacht. So, wie Populisten auch heute nur Ängste schüren, Schuldige benennen, aber ansonsten blass bleiben. Immer klarer wird der Blick für die Realität. Warum sollten totalitäre Systeme die Angst durch Hoffnung ersetzen? Angst ist Machtgrundlage. Und die darf nicht verlorengehen. Aus Brentanos Reportage kann man lernen. Man darf es sich nur nicht leichtmachen, sie in unsere Zeit zu übertragen. Dafür unterscheiden sich die Parameter der Betrachtung zu erheblich. 

Die Erben Brentanos sollten weg von der Theorie und hin zum Betroffenen gehen und den Menschen aufs Maul schauen, denen es nicht gut geht. Objektiv messbar oder subjektiv empfunden. Ihnen Gehör zu verschaffen stellt eine Grundlage für einen Dialog dar, der geführt werden muss, um schillernde Notausgänge zu verschließen. Wir müssen miteinander reden. Brentano hat mit der Reportage „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ einen Meilenstein gesetzt.

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Der Beginn der Barbarei in Deutschlandvon Bernard von Brentano / Einführung von Roman Köster / Eichborn Verlag / 313 Seiten / 18 Euro

Uwe, der Kaffeehaussitzer spannt seinen Rezensionsbogen von der Barbarei bis zum heutigen Glauben, der Markt würden schon alles regeln… hier geht´s lang