Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

„Jedes Buch hatte seine Zeit. Es vorher lesen zu wollen,
war töricht, es zu spät zu lesen, vergeblich.“

Ich möchte mit meiner Rezension am Ende des Lesens beginnen. Ich möchte mit dem Moment beginnen, der mich nach den letzten Zeilen des Romans Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff wieder ins richtige Leben katapultierte. Ein ambivalenter und emotionaler Moment zugleich, da ich mich einerseits als zu klein empfand, um hier mit eigenen Worten zu beschreiben, was diese Geschichte auszeichnet. Zugleich war ich voller Sorge um dieses Buch. Kann es sein, dass die vielen Lorbeeren, auf denen Iris Wolff gerade durch die Bücherwelt getragen wird, dem Lesen im Wege stehen? Kann es sein, dass Nominierungen für Buchpreise und die begeisterte Kritik des Feuilletons die ganz „normalen“ Lesenden abschrecken, weil sie vermuten, ein Buch vorzufinden, das für den alltäglichen und besonderen Lesespaß zu elitär ist? Sind wir Rezensenten dann schuld daran, dass genau dieser Roman in eine literaturwissenschaftliche Ecke verdrängt wird? Wenn dies sein könnte, dann mag ich einen anderen Ansatz wählen. 

„Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff ist einer der bewegendsten, einfachsten und sprachlich herausragendsten Romane, den ich jemals lesen durfte. Wer mir folgt, weiß woran ich bei guten Geschichten glaube, was mich als leidenschaftlicher Leser bewegt und wann ich ins Schwärmen gerate. Es ist das komplex Erzählte, das Nachhaltige und in Erinnerung Bleibende, das Emotionale und am Ende Funktionierende, wovon ich im Lesen träume, wenn ich einem neuen Buch die Tür zu meiner Welt öffne. All dies fand ich hier. Auf keine Facette meiner Wunschträume musste ich verzichten. Keine Fragen blieben offen, nichts war verkünstelt, nichts nur konstruiert. Bei Iris Wolff findet man im wahrsten Sinne des Wortes ein Seelenbuch, das nicht mehr loslässt. Und wenn ich hier von einer einfachen Geschichte spreche, dann ist dies nie abwertend. Es bedeutet nur, dass ich mich auch noch in Jahren bei der Erwähnung des Titels „Die Unschärfe der Welt“ an die Handlung, Personen und  Botschaften erinnern werde, die mir Iris Wolff ins Logbuch meines Lesens geschrieben hat. 

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Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

„Wenn die Traurigkeit in der Brust wohnt,
dann steckt die Lustigkeit in den Zehen.“

Es ist eine Familiengeschichte über vier Generationen, die sich hier auf schlichten 213 Seiten vor unseren Augen entfaltet. Wo andere Autoren vielleicht epische Breite in mehreren Bänden einer Reihe benötigt hätten, vertraut Iris Wolff darauf, dass wir auch das Nicht-Erzählte verstehen und empfinden können. Sie bringt uns ihren Charakteren so nah, dass wir sie fühlen und weiterdenken können, wo die Sprache endet. Wir sind in Rumänien, in Siebenbürgen, im Banat. Historisch betrachtet folgen wir einer Familie in eine von der Weltgeschichte zerrissensten Regionen unserer Erde. Heimat wird hier nicht durch Grenzen, sondern durch Gefühl und emotionale Verwurzelung definiert. In keiner anderen Region wurden Menschen im Lauf des 20. Jahrhunderts so entwurzelt, wie hier. Was mit Banater Schwaben begann, durch Ideologien, Kriege und Grenzen beeinflusst und durch Diktatoren bekämpft wurde, führt zu einem dramatischen Verlust von Zugehörigkeit. Hier spielt diese Geschichte. Eine Region, in der noch nicht mal die Suppen eine tradierte Herkunft haben. Besonders nicht in den 1970er Jahren. 

„Dass hier niemand eine einheimische Suppe zu kochen imstande ist.“
„Was meinst du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch,
rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?“ fragte Florentine  

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Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Es sind die Menschen, die uns Iris Wolff ins Herz schreibt. Es sind ihre Geschichten, die zu einem Familiengemälde werden, das wir zu deuten wissen. Es ist die Generation des Krieges, die enteignet und vertrieben nur noch an die gute alte Zeit denkt. Es sind die Gefühle der Alten, die im Rumänien Ceaușescus, in dem sie als Deutsche gelten, obwohl sie genau das schon unter den Deutschen Nationalsozialisten nie wahren. Ein Gefühl, das sich in den Kindern fortpflanzt und zur emotionalen Stellgröße des Lebens wird. Wo gehöre ich hin, wo gehöre ich dazu? Eine Familie wird zur letzten Keimzelle von Heimat. Ein harter Kampf im Unrechtssystem einer kommunistischen Diktatur. Es sind die Menschen, mit denen uns Iris Wolff verbindet. 

Es sind die großen und kleinen Geschichten, die bewegen: Es sind Menschen, wie:

Florentine und Hannes, die im Banat leben und bei der Geburt ihres Sohnes Samuel erkennen müssen, was es heißt, in Rumänien wie Menschen zweiter Klasse behandelt (oder eben nicht behandelt) zu werden. „Lass mir das Kind„, so lauten die allerersten Zeilen des Romans. Worte, die uns auf ewig mit Florentine verbinden. Eine Mutter, die nach ihrem eigenen Leben sucht, Poesie im Blut hat, Dinge anders sieht und die Welt noch nicht aufgegeben hat. Ihre Leidenschaft lebt von der Sehnsucht und der Liebe zu ihren Männern. Hannes ist ihre Mitte, Samuel ihre Zugehörigkeit und beide machen sie zum Dreh- und Angelpunkt einer Familie, die bis in unsere Zeit hinein reicht. 

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Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Samuel, der spät beginnt zu sprechen, spät beginnt zu fühlen, niemals aufhört, sich zu sehnen. Ein junger Mann in einem Rumänien, in dem die Macht der Großen darauf basiert, dass die Kleinen schuldig zu sein haben. Samuel als Erbe des Verrats, der am eigenen Vater begangen wurde. Er, der vorsichtig Fühlende, wird erweckt von einer jungen Frau, deren Nähe nicht leicht zu gewinnen ist. Beide tragen den Genpool ihrer Vorfahren in sich, was ihre Liebe auf eine harte Probe stellt. Stana, die Tochter eines Mannes, der alles für das Regime tun würde und tut. Liebevoll nur SANA genannt, beginnt in ihr die neue Welt. 

Und es sind Begegnungen mit Menschen, die nur am Rande erscheinen, niemals jedoch nur Randfiguren sind. Reisende aus der DDR, die sich hier freier fühlen, als in der Heimat, Freunde, die ihre Kinder verlieren und nicht mehr zurück ins Leben finden. Iris Wolff verbindet uns. Sie verbindet alles. Unschärfe entsteht nur dann, wenn wir zu nah an den Einzelnen herantreten. Iris Wolffs Blick ist der eines Adlers. Es ist Poesie, der wir in der „Unschärfe der Welt“ begegnen. Es ist die harte Abrechnung mit dem kommunistischen System, die sich einzigartige Wege bahnt. Und es ist die einfachste Liebesgeschichte der Welt, die wir hier im Inneren der Frucht entdecken. 

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

„Samuel hatte, ohne es zu wissen, die Landkarte ihres Körpers für sich eingenommen, und wenn es etwas gab, wofür sie an diesem Abend
dankbar war, dann, dass dieser Atlas unsichtbar war.“

Für Stana ist die Annäherung an Samuel ein Experiment. Sie lebt im Einklang mit den Ahornblättern, die sie „Windwanderer“ nennt, überwindet die Konflikte und trägt die Zukunft in ihrem Herzen. In ihr gipfelt die Einfachheit der Liebesgeschichte. Mit ihr erleben wir die Flucht ihres Lebens-Mannes. Mit ihr schweigen wir fortan beharrlich. In sie versetzen wir uns hinein, als der Eiserne Vorhang fällt und die rumänische Diktatur stürzt. Mit ihr fühlen wir, als Florentine ihrem Sohn drei Worte schreibt. „Komm nach Haus“. An ihrer Seite warten wir auf den flüchtigen Samuel, der zum ersten Mal seit der Flucht die Heimat wiedersieht. An ihrer Seite erfüllt sich alles, wovon wir träumten.

Ich war nach der Revolution selbst in Rumänien, betrat den Palast Ceaușescus in Bukarest. Ich war betroffen und wütend angesichts des Widerspruchs zwischen Macht und der Armut der Menschen. Ich habe das nie ganz verarbeitet. Iris Wolff hat mir den Schlüssel in die Hand gelegt, mit dem ich den Palast erneut betreten durfte. Sie hat mir einen Ausweg aus dem Prunk gezeigt. Ganz einfach. Ganz poetisch und tiefgründig. In meinem Lesen bin ich solchen Worten noch nicht begegnet. Und sie hat mir die Frage beantwortet, ob ein Roman in der heutigen Zeit nicht auch einfach nur schön sein und schön enden kann. Ja. Ein eindeutiges Ja. Es darf, kann und muss sie geben. Diese Geschichten, die uns am Ende vor Freude weinen lassen. Dafür bin ich dankbar.

Ich werde Iris Wolff in München begegnen. Im Rahmen der Buchmlessespitzen liest sie am 16. Oktober um 18 Uhr im Münchner Literaturhaus. Mein Interview für Literatur Radio Hörbahn wird anschließend veröffentlicht. 

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Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Der Roman von Iris Wolff ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag)

Warum ich bereits jetzt denke, dass „Die Unschärfe der Welt“ ein preiswürdiger Roman ist? Weil ich es tief in mir drin gespürt habe. Mit jeder Faser meines lesenden Herzens und mit jedem Wort, das ich aufsaugen durfte. Dieses Buch zu lesen ist wohl die beste Entscheidung, die man am Anfang des Lesens treffen kann. Denn:

„Für Anfänge musste man sich entscheiden, Enden kamen von allein,
wenn man sich nicht entschieden hatte.“ 

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Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Frankfurter Buchmesse, digital. Eine neue literarische Welt, die uns in diesem Jahr erwartet, bringt auch ihre guten Seiten mit sich. Die Buchmessespitzen in München lässt Schriftsteller*innen in der bayerischen Metropole mit ihren Werken auftreten, die zu genau diesem Zeitpunkt in Frankfurt die Messehallen dominieren würden. Ich hatte die Ehre im Rahmen dieser Lesungsveranstaltung dieses Interview für Literatur Radio Hörbahn führen zu können, auf das ich mich besonders gefreut habe.

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - Das Interview - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff – Das Interview

Iris Wolff im Gespräch

Ein Gespräch über literarische Zauberer, heimatlose Suppen, Windwanderer, ein satirisches Staatsbegräbnis, Heimat, Sehnsucht, Siebenbürgen und natürlich die Nominierung zum Bayerischen Buchpreis. Ganz nebenbei erfahren Sie, welchen eigentlichen Titel der Roman lange Zeit trug. Hier geht´s zum PodCast.

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Meine Partnerbuchhandlung zum Bayerischen Buchpreis

Offene See von Benjamin Myers

Offene See von Benjamin Myers - AstroLibrium

Offene See von Benjamin Myers

„The Offing“ ist der Originaltitel des Romans von Benjamin Myers, der im DuMont Buchverlag unter der Überschrift „Offene See“ erschienen ist. Ein Sehnsuchtsbuch, in dem es mitnichten um eine stürmische Reise auf hohen Wellenbergen geht. Es sind die Gegensätze, die sich anziehen. Es ist der Traum von der Weite des Meeres, der einen jungen Mann aus den gewohnten und vorbestimmten Mustern ausbrechen lässt. Es ist die pure Poesie, die Benjamin Myers in die literarische Waagschale wirft, um seinen emotionalen Roadtrip mit unseren tiefen Sehnsüchten zu verbinden. Es ist ein ruhiger, fast schon kontemplativer Roman, in dem das Meer das Ziel zu sein scheint. Aber nicht immer muss man sein Ziel erreichen, wenn man am Wegesrand die Entdeckung seines Lebens macht.

Wir befinden uns im England des Jahres 1946. Von Siegestaumel keine Spur. Das Land leidet, stöhnt unter den Wunden der Verluste und Entbehrungen, Trümmer weisen den Weg in die Zukunft, ein erstes zaghaftes Aufatmen ist zu spüren und die Menschen versuchen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Und schon wird es dem jungen Robert zu eng. Wo er zuvor in der Angst vor dem Krieg gefangen war, scheint es nun die Familientradition zu sein, die sein Leben in Schranken weist. Unter Tage liegt seine Bestimmung. Wie seine zahllosen Vorfahren ist es der Bergbau, der nach ihm ruft. Ein Leben in Dunkelheit, voller Entbehrungen und Risiken. Robert träumt größer. Er träumt anders. Er will zur offenen See. Zum Meer. Zum Offing, jener Zone, in der man keinen Losten braucht, um sich frei zu bewegen. Robert bricht auf, um in See zu stechen.

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Offene See von Benjamin Myers

„Ein paar Sommer hier, einige lange dunkle Winter da; Glück, Krieg, Krankheit,
ein bisschen Liebe, noch etwas mehr Glück, und plötzlich blickst du ins falsche 
Ende des Fernrohrs.“

Dem will Robert entgehen. Wo ist das Leben geblieben? Diese Frage treibt ihn um und wie so viele junge Menschen auf der Gratwanderung zum Erwachsenwerden strebt er nach mehr. Mit seinen gerade mal sechzehn Jahren bricht er auf. Unbefangen und voller Tatendrang sieht er den Weg zum Meer als einzige Alternative an, aus dem Trott zu fliehen, den andere für ihn geplant hatten.

„Hier war der Ozean ein Tor, eine Einladung, und ich nahm sie bereitwillig an.“

Benjamin Myers zelebriert diesen Neubeginn wie eine Wiedergeburt. Er beschreibt, wie sich die Natur von einer anderen Seite zeigt, wie das Atmen leichter wird und sich die Perspektive erweitert. Ein Aufbruchsroman getragen von der Metapher Meer. Jeder von uns kennt seinen eigenen Sehnsuchtsort. Jeder kennt die Destination, der man am liebsten alles Streben widmen würde. Und wir alle wissen, dass es oftmals schon reicht aufzubrechen, um dieser Sehnsucht zu entsprechen. Robert atmet auf. Wir atmen mit.

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Offene See von Benjamin Myers

„Je weiter ich mich von allem entfernte, das ich je gekannt hatte,
desto leichter fühlte ich mich… Jetzt atmete ich tief…“

Natürlich findet Robert seinen Ozean. Er findet seinen Sehnsuchtsort und doch ist es nicht die „Offene See“, die mit wilden Stränden und hohen Wellen auf ihn wartet. Es ist Dulcie Piper, die ihn unterwegs zur Übernachtung auf ihrem Cottage einlädt. Ja, sie ist augenscheinlich alt und ziemlich altmodisch gekleidet. Der Kontrast kann größer kaum sein. Sie empfängt den Pfadfinder und fesselt ihn mit ihrer unkonventionellen Art. Es ist diese Dulcie Piper, die sein Leben verändert. Es ist diese Frau, die zu Erfüllung seiner Sehnsucht wird und ihm Zugang zu einer verborgenen Welt verschafft, die Robert ohne sie wohl niemals wahrgenommen oder entdeckt hätte. Dulcie ist die „Offene See“.

Diese Begegnung besteht aus purer Inspiration und setzt diese in gleichem Maße frei. Die Gespräche zwischen Dulcie und Robert sind geprägt von Offenheit, Vertrauen und einer guten Portion weltgewandter Melancholie. Es ist die Literatur, die Robert hier auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist eine Welt, in der es plötzlich möglich ist, Gefühle zu beschreiben. Die Welt, in der man seine Träume, Schwächen und Leidenschaft nicht mehr für sich behalten muss. Robert und Dulcie. Ein ungleiches Paar. Und doch ist es eine der wundervollsten literarischen Beziehungen, der wir uns hier ganz behutsam und vorsichtig nähern dürfen. Bis wir auf das große Geheimnis der alten Dame stoßen.

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Offene See von Benjamin Myers

Robert entdeckt das Manuskript eines Gedichtbandes. „Offene See“. Hier erkennt er, dass auch Dulcie Piper ihre Geheimnisse hat. Hier wird aus einer Begegnung eine Reise in die Vergangenheit der Frau, die ihn so unvoreingenommen aufgenommen hat. Es ist die bewegende Geschichte von Gedichten, die Dulcie auf den Leib geschrieben wurden. Die Tür in eine längst vergangene Welt. Hier treten auch wir durch die Tür zu einer neuen Geschichte. Voller Poesie, voller Emotion und Leidenschaft und von Seite zu Seite verlieben wir uns mehr in jene Frau, die diese Gedichte nicht lesen wollte, weil sie sie alle gelebt hat. Wer jemals an die Kraft von Poesie geglaubt hat, der sollte sich dieses besondere literarische Erlebnis nicht entgehen lassen.

Es ist die „Offene See“, die metaphorisch nach uns allen greift. Es ist die Magie dieses Manuskripts, das nun zum Leben erwacht. Es sind diese Gedichte, die Robert Dulcie Piper zum ersten Mal vorliest. Die Vergangenheit liegt zwischen den Zeilen und sie lässt eine Schriftstellerin auferstehen, die wie Robert nur als Besucherin bei Dulcie Piper war. Es ist die Macht des geschriebenen Wortes, die Benjamin Myers mit seinen Worten freisetzt. Es ist die doppelte Konsequenz des gelüfteten Geheimnisses, die im Roman zu einem denkwürdigen Erlebnis wird. Es ist die „Offene See„, die uns trunken vor Literatur und Liebe macht. Ein Meisterwerk.

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Offene See von Benjamin Myers

Manfred Zapatka hat „Offene See“ von Benjamin Myers für das Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingelesen. Er brilliert oft mit seiner markanten Stimme und dem feinfühlig-rauchigen Timbre, das zu seinem Markenzeichen wurde. Es ist nicht die Stimme eines Sechszehnjährigen, die uns hier durch diese Geschichte trägt. Es ist die Rückschau eines älteren Ichs von Robert, das in der emotionalen Retrospektive von der längst vergangenen Zeit erzählt. Einer Zeit, in der Dulcie Piper zur Wegbereiterin einer großen Karriere wurde. Man klebt an Manfred Zapatkas unsichtbar bleibenden Lippen, bis er den letzten Satz vollendet hat. Dann träumen wir weiter. Vorwärts, rückwärts und immer im Rhythmus der hohen Wellen, die dieser Roman geschlagen hat.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Normalerweise taucht man in eine Geschichte ein. Man lehnt sich gemütlich zurück, betrachtet die Oberfläche eines literarischen Sees, erkennt leichte Wellenbewegungen und wird neugierig. Mit leichten Schwimmbewegungen entfernt man sich vom Ufer und atmet ein letztes Mal tief ein, bevor man sich in die Tiefe begibt. Je größer der Tiefgang einer Erzählung ist, desto intensiver ist die Auftauchphase. Umgekehrt vorzugehen ist schwer vorstellbar. Außer man traut sich und lässt sich auf den „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber ein. Schon im ersten Kapitel befinden wir uns in elf Kilometern Tiefe. 11000 Meter unter der Oberfläche. Der symbolische Tiefpunkt scheint erreicht und von der ersten Seite an steigen wir sukzessive auf. Eine emotionale Tauchfahrt des Lesens beginnt in tiefster Dunkelheit. Am Grund des Marianengrabens.

Dieser metaphorische Einstieg öffnet die Tür zu einer ungewöhnlichen Erzählung. Wir begegnen zwei Menschen, die tatsächlich ganz unten angekommen sind und durch die besondere Konstruktion im Aufbau der Geschichte vermittelt uns Jasmin Schreiber, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann. Sie, Paula, wagt sich nach dem Unfalltod ihres Bruders und mitten in der Trauertherapie erstmals an sein Grab. Er, Helmut, folgt einem Plan, als er mit Spaten am Urnengrab seiner Exfrau ankommt. Sie, Biologin und mitten im Leben stehend, kann den Verlust ihres jüngeren Bruders nicht verkraften und zermartert ihr schlechtes Gewissen, weil sie nicht da war, als er ertrank. Er, 83-jähriger Hinterbliebener, ist einen Schritt weiter. Die Urne von Helga zu stehlen. Dafür ist er hier. Mitten in der Nacht. Der einzige Zeitpunkt, der für Paula denkbar ist, um unbeobachtet Tim zu besuchen. Wir sind ganz unten angekommen. 11000 Meter tief. Tiefer geht es nicht mehr. Tauchen wir auf?

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Jasmin Schreiber macht viel aus der Ausgangssituation ihres Romans. Es ist die Zufälligkeit des Augenblicks und es ist die Parallelität der erlebten Verluste, die hier als Sprungbrett in eine Geschichte voller Verlust, Sehnsucht, Selbstvorwürfen und Trauer dienen. Da wir jedoch schon ganz unten angekommen sind, tauchen wir nicht in purem Selbstmitleid. Paula nimmt uns mit in liebevolle und farbige Erinnerungen an Tim. Hier wird schnell deutlich, wie sie zueinander standen und wie sehr der kleine Kerl auf seine große Schwester baute, als er den großen Geheimnissen auf die Spur kommen wollte. Jasmin Schreiber beschreibt eine junge Frau, deren Trauerbewältigung gerade erst im Anfangsstadium steckt. Melancholie, Tristesse und Hilflosigkeit sind ihre Wegbegleiter. 

Ganz anders der 83-jährige Urnendieb Helmut, der alles genau geplant hat. Helga ausbuddeln, ab mit ihr ins neu gekaufte Wohnmobil und los geht die Fahrt mit Sack und Pack (also eher mit Urne und Hund Judy). Der letzte gemeinsame Roadtrip an den Ort der wirklich letzten Ruhe für Helga. Auch ihn zeichnet Jasmin Schreiber konturiert und greifbar. Literarische Abziehbilder sind nicht die Sache der jungen Autorin. Empathisch öffnet sie uns die Tür zu einem fast gelebten Leben. Mürrisch, abweisend und doch im tiefsten Inneren verletzlich erleben wir Helmut bei der ersten Begegnung. Was ihn und Paula miteinander verbindet reicht aus, um zwei Lebenswege miteinander zu verbinden und gemeinsam ein Wagnis einzugehen. Skurril mag es vielleicht erscheinen, was sich auf der Friedhofsmauer abspielt. Helgas Asche und Paula. Auch eine Verbindung. Hier beginnt das Unausweichliche. Die gemeinsame Fahrt in die Zukunft, egal wie sie auch aussehen mag. Wir tauchen mit Paula und Helmut auf.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Einige der zentralen Elemente aus dem „Marianengraben“ sind nicht neu. Trauer und Verlust sind zentrale Themen in der Literatur und selbst der Raub einer Urne stellt keine einzigartige Situation dar. Zuletzt folgte ich „Levi“ von Carmen Buttjer, der sich die Urne seiner Mutter noch während der Beerdigung schnappte und untertauchte. Hier spielen die letzte panische Verlustangst, sowie die Unzufriedenheit mit den rituellen und gesellschaftlich akzeptierten Abläufen eine zentrale Rolle. Die Fragen nach dem Leben nach dem Tod tauchen ebenso auf, wie die Selbstvorwürfe, mit denen sich Trauernde ein Leben lang herumschlagen. Viele der Romanelemente sind uns fragmentarisch im Lesen begegnet. Jasmin Schreiber gelingt jedoch durch die Verbindung von Paula und Helmut die Gestaltung eines literarischen Niemandslandes, in dem Trauer verschieden interpretiert wird. Hier geschieht während der Fahrt ein kleines Wunder:

„Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal
jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur
mit einem anderen Dialekt.“

Es ist diese gemeinsame Sprache, die Jasmin Schreiber zelebriert. Sie vermeidet die Beliebigkeit der Begriffe. Sie definiert den empathischen Weg, der Alt und Jung zu verbinden scheint. Verständnis und der Blick hinter die geschlossenen Vorhänge sind Schlüssel für Hoffnung und Perspektive. Dem Gegenüber Raum lassen für die eigenen Trauerrituale, nicht noch mehr Schmerz verursachen und dann, im richtigen Moment in den Arm nehmen und nehmen lassen, dies sind zentrale Wegweiser an die Oberfläche. Wir tauchen auf.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Es ist die Ehrlichkeit, die Helmut auszeichnet. Schroff wie ein Fels und doch so sehr gezeichnet, weil sich die Flutwellen des Lebens an ihm abgearbeitet haben. Es ist die Verzagtheit einer Paula, die sie uns in die Arme treibt. Die ehrliche Verzagtheit könnte ein gemeinsamer Weg sein, den sie unterwegs entdecken. Geheimnisse verlieren ihren Schrecken, Offenheit öffnet Herzen und ein Trauerweg wird zur Route des Erkennens. Diese Erzählung überstrahlt keine atemlose Melancholie. Es ist hier eher das Gefühl, in der Rückschau auf das Leben die richtigen Erinnerungen zu konservieren, das hier alle anderen Gedanken überstrahlt. Hier finden Lesende ihre Protagonisten, mit denen man sich identifizieren kann. Die junge unvorbereitete Frau oder den uralten Mann, der sich mit dem Ballast seines Lebens umgibt, um die Reise anzutreten.

Jasmin Schreiber ist nicht nur Kommunikationsexpertin und Autorin, sie ist auch ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie das Wort Trauer in den Raum stellt. Es ist im literarischen Sinne ein oftmals leerer Raum, den man nur mit oberflächlichen Erinnerungen ausschmückt. Ihr Trauerraum ist kein trauriger Raum. Er ist nicht trist oder dunkel. Er ist voller Bilder, die das Leben ausmachen. Es ist eher ein Trostraum, in dem man sich – auch wenn es sich komisch anhört – wohlfühlen und einfach gut fühlen darf. In dem Moment, in dem man lesend die Oberfläche erreicht, ist es gut, Wasser um sich zu haben, um die feuchten Stellen in den Augen zu erklären. In jeder Hinsicht eine lesenswerte Geschichte, die viele Facetten beleuchtet und jeglichen Stereotypen die Tür vor der Nase zuschlägt.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Der Marianengraben als Tiefen-Metapher trägt durch den Roman. Dass ich jedoch im Verlauf der Geschichte auch mit der Nordwestpassage und der Expedition von Sir John Franklin konfrontiert werde, macht mich sprachlos. Die Fahrten von Erebus und Terror als metaphorische Ableitungen für Wagnis, Verlust, Trauer und die ewige Suche nach der Wahrheit in die Geschichte einzubauen, ist mehr als gelungen. Gerade selbst von Bord der „Erebus“ entkommen, habe ich erneut festgestellt, dass es keine Zufälle gibt in der Literatur. Auch das ist Jasmin Schreiber wirklich gut gelungen. Ich bin jetzt auf 0 Metern angelangt. Eine brillante Tauchfahrt. Ich hätte noch Luft genug für einen weiteren Roman aus ihrer Feder. Ich brauche eine Druckkammer, um mich wieder an die Luft hier oben zu gewöhnen. Druckausgleich am Ende des Romans ist sehr wichtig.

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