Findelkind von Eva M. Bauer

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Was macht generationsübergreifende Familiengeschichten relevant? Sind es die Geschichten prominenter Familien in historisch interessanten Zeitscheiben? Sind es in vielen Fällen einzelne Familienangehörige, die man besser einordnen kann, wenn man ihren Stammbaum kennenlernt und daraus Verhaltensweisen und Beweggründe für ihr späteres Leben ableiten kann? Sind es Opfergeschichten, die völlig harmlos beginnen und dann in den Wirren von Kriegen und Ideologien in Richtungen abdriften, die man hätte voraussehen können, wenn man nur genau hingeschaut hätte? Sind es nur diese Erinnerungen und Lebenswege, die uns Lesende hinter dem Ofen hervorlocken, oder werden wir auch hellhörig, wenn keine der genannten Voraussetzungen erfüllt ist?

Ich wurde es. Findelkind – Geschichte einer Münchner Familie von Eva M. Bauer fällt so gänzlich aus dem Rahmen, wenn man auf der Suche nach diesen Kriterien in Buchhandlungen unterwegs ist, um den eigenen Horizont zu erweitern. Was sollte mich dazu veranlassen einer Familiengeschichte meine Aufmerksamkeit zu schenken, die im Jahr 1850 begann und sich bis in unsere Zeit durch die Geschichte der Stadt München zieht, wie ein roter Faden, den man jedoch niemals wahrnehmen würde, hätte sich Eva M. Bauer nicht dazu entschlossen, ihrer Familie und insbesondere ihrer Ur-Großmutter ein kleines literarisches Denkmal zu setzen? Es war der Titel dieses Buches, der mir in aller Deutlichkeit zu sagen schien: „Lies es und schau, wie sich ein ungewolltes Kind in schwierigsten Zeiten zum Ausgangspunkt einer gewollten Familiengeschichte mausert.“

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Findelkind von Eva M. Bauer

„Findelkind“ ist ein sympathisches Buch. Sympathisch, weil die Autorin ihre eigene Familie in dieser Geschichte nicht überhöht. Sympathisch, weil sie sich zu den Lücken in der Chronologie ihrer Ahnengalerie bekennt, weil sich niemand zuvor die Mühe gab, das Familienalbum zu sortieren und die einzelnen Bilder mit persönlichen Erinnerungen anzureichern. Sympathisch, weil sich die Autorin darüber im Klaren ist, dass wir in der Geschichte keine Meilensteine eines prominenten Münchner Lebens finden werden. Im Gegenteil. So kleinteilig, wie sie das München des aufstrebenden 20. Jahrhunderts in unverkünstelter Sprache beschreibt, so kleinteilig wirken die Generationen, die wir hier begleiten dürfen. München ist hier keine Metropole. Kein Zentrum der Kunst und keine politische Schaltzentrale. Es ist das München der einfachen und kleinen Leute, das uns ans Herz gelegt wird. Ein München, das ich so noch nicht kannte.

Tja, und dann wird aus dem Kleinteiligen ein großes Ganzes. Der Leser abstrahiert die konkrete Familiengeschichte und beginnt sich die Frage zu stellen, was es heißt, im Jahr 1850 auf den Treppen einer Kirche ausgesetzt zu werden. Man sieht nicht nur das Kind im ärmlichen Körbchen, man wird knallhart auf die hohe Kindersterblichkeit dieser Zeit hingewiesen, erlebt ein morbides München, das von regional auftretenden Seuchen heimgesucht wird und wird zum Zeugen widriger hygienischer Lebensbedingungen, die gerade der ärmeren Bevölkerung in der Stadt das Leben zur Qual machten. Sind es nur Glück und Zufall, die aus der kleinen Anna-Maria Körblin die Urmutter einer Familie im München des neuen Jahrhunderts werden lassen? Oder ist es einfach Schicksal?

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Findelkind von Eva M. Bauer

Hier wird die Geschichte des Findelkinds relevant, obwohl seine künftige Familie nie auch nur den Hauch einer greifbaren Spur in München hinterlassen hat. Hier lernen wir den wahren Wert eines ungewollten Lebens schätzen, weil wir 170 Jahre danach für uns erkennen, welche Menschen es niemals gegeben hätte, wäre jenes kleine Mädchen damals gestorben. Am seidenen Faden hingen die Ereignisse der Zukunft und jeder hat in seiner Familiengeschichte ähnlich seidene Fäden, die gehalten haben. Sonst könnte man dieses Buch nicht lesen. Nichts ist von der kleinen Anna-Maria geblieben. Es gibt keine Fotos, keine Briefe, kein Grab, nicht mal Geschichten über sie. Und doch scheint sie der unsichtbare magnetische Pol all ihrer Nachkommen zu sein, da sich alle von ihr angezogen fühlten und dorthin zurückkehrten, wo sie aufwuchs. Ein Kinderheim in der Au. Damals unwirtliches Schwemmland an der Isar. Aus dem gachen Steig wurde der Gasteig.

Als hätte dieses Quartier unsichtbare Fäden ausgeworfen und würde von Zeit zu Zeit einzelne Mitglieder der Familie nach Hause holen… Mit gleichsam magischen Kräften. Dabei war es nicht das gelobte Land, eher im Gegenteil…

Mit Anna-Maria wachsen wir in München auf. Wir arbeiten mit ihr in der Maxvorstadt, fürchten uns vor der allgegenwärtigen Cholera, erleben ihre kleine erste Liebelei, sehen sie mit ihrem zukünftigen Mann in einer kleinen Schankwirtschaft, deren Wirt Flaucher hieß und dieser ganzen Gegend damals einen Namen gab, ohne es zu wissen. Kinder kommen auf die Welt und der Stammbaum der Münchner Familie beginnt zu sprießen.

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Findelkind von Eva M. Bauer

Erste Fotos gesellen sich zu der Geschichte. Ereignisse, die wir zu kennen glauben werden hier individuell spürbar in ihren Konsequenzen. Die Kriege und Ideologien, die das Leben einrahmen. Vom Kaiserreich über die Revolution, in die Räterepublik hinein bis zum Nationalsozialismus. Vom Drückebergergässchen bis ins Braune Haus. Nur die Familie zählt, versucht zu überleben, um nicht im Wildwasser der Epochen ertrinken zu müssen. Wir erkennen ein München im Wandel der Zeit, teils bedrohlich, teils vital und lebenslustig. Am Chinesischen Turm wird schon morgens früh getanzt. Wer arm ist, muss feiern, wenn andere schlafen. Heute? Keine Spur mehr vom Amüsement von einst. Zumindest nicht zu diesen Uhrzeiten. Es lohnt sich dieses München an der Seite dieser Familie zu entdecken. Eine sehr erhellende und persönliche Städtereise…

Ich traf auf Menschen, mit denen ich gerne mal im Biergarten geratscht hätte. Ich erlebte ein München, in dem es 1905 bereits 101 Verlage und 55 Buchhandlungen gab und bummelte stauend durch das Kaufhaus Oberpollinger, das sich wohl gerade auf die Schließung vorbereitet. Ich erlebte 1920 die Geburt von Ernestine-Walburga und zog mit ihr durch ein München, das mir von Jahr zu Jahr vertrauter erschien. Bis ganz am Ende blieb ich bei ihr. Bei der Frau, die später den Namen Bauer tragen sollte und die Mutter der Autorin dieser Geschichte wurde. Was Eva M. Bauer im letzten Kapitel der Geschichte gelingt, ist ein grandioser literarischer Parabelflug durch ihr Leben. Hier schließt sie die Kreise vom ersten Augenblick ihrer Mutter bis zum letzten Loslassen in einer so bewegenden Art und Weise, dass Geburt und Tod nicht nur verschmelzen. In diesem Buch erlangen sie einen neuen Sinngehalt. Vom Findelkind zum Wunschkind brauchte es vier Generationen. Berührend. Meine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Wer das Gefühl erleben möchte, unsterblich zu sein, während die Geschichte einer Familie in einer ganz besonderen Stadt wie ein zeitloses Daumenkino vor dem inneren Auge abläuft, der ist im „Findelkind“ bestens aufgehoben!

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4 Gedanken zu „Findelkind von Eva M. Bauer

  1. Lieber Arndt Stroscher, meine Hochachtung vor dieser Rezension, die sich nicht, wie oft üblich, auf eine Nacherzählung der Handlung beschränkt, sondern eigene Ansätze und Perspektiven entwickelt. Die auch den Leser, die Leserin mitdenkt und deren ganz persönlichen Zugang beschreibt. Dazu wird Ihre Begeisterung für Literatur spürbar. Und Ihre Kompetenz.
    Jetzt muss ich es eingestehen: Ich bin die Autorin vom „Findelkind“ und sehr berührt von dieser Rezension. Danke!

    • Liebe Eva Bauer. Ich bin erstaunt und dankbar zugleich. Sie adeln meine Annäherung an ihren Text. Ich mag nicht nacherzählen was so brillant erzählt wurde. Ich mag nur beschreiben, was mir lesend widerfährt. Und das war sehr facettenreich.

      Herzlichen Dank für dieses Buch und Ihre Worte. Der Ihre.

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