„Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie komplett. Drei einzigartige Ausgaben von Jugendbuchklassikern haben ihren Weg aus England nach Deutschland gefunden und setzen Maßstäbe hin­sicht­lich ihrer optischen, haptischen und inhaltlichen Gestaltung. „Peter Pan und Die Schöne und das Biesthabe ich in der kleinen literarischen Sternwarte bereits ausführlich und vor dem Hintergrund ihres Stellen­wertes als Originalausgaben der großen Klassiker im Vergleich zur inhaltlich Verkür­zung, die diese Werke im Laufe der Zeit erfahren haben, vorgestellt. Walt Disney hat hier seine Spuren hinter­lassen. Aus dem filmischen Extrakt dieser Werke lassen die Bücher des Coppenrath Verlages wieder auf ihren Ursprung schließen.

Drei bibliophile Gesamtkunstwerke hat der britische Verlag Harper Design mit dem renommierten Illus­trations­studio MinaLima literarisch interaktiv ani­miert und somit auch den Kern dieser Klassiker reanimiert. Nun schließt sich der Kreis mit der vorerst letzten Ausgabe dieser Reihe, die für den deutschen Markt perfekt und detail­getreu umgesetzt und tadellos übersetzt wurde. „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling ist für mich das absolute Highlight dieser Kollek­tion, die eigentlich in keinem Bücherregal bibliophil veranlagter Menschen fehlen darf. Jeder kennt diese Geschichte. Jeder hat den Disney Film gesehen, mit Baloo getanzt, vor Shir Khan gezittert, mit Bagheera gejagt und mit Mowgli in die hyp­notischen Augen der Riesen­schlange Kaa geschaut. Unvergessen.

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

„Versuchs mal mit Gemütlichkeit“. Ein Film-Ohrwurm, der uns noch heute begleitet, wenn wir an das Dschungel­buch denken. Und doch denken wir falsch. Wir denken mal wieder in den Dimensionen der Ver­einfach­ung und haben schon lange aus den Augen verloren, was das Dschungel­buch eigent­lich war. Vergessen wir Walt Disney. Besinnen wir uns mit der vor­liegenden Ausgabe auf das wahre und einzige Dschungel­buch, und besinnen wir uns darauf, dass es richtiger­weise „Die Dschungel­bücher“ sind, die vor mehr als 120 Jahren von Rudyard Kipling verfasst wurden. Es waren Geschichten und Gedichte, Gesänge und Legen­den der Tiere des Dschungels, die Kipling hier erdachte. Nur drei dieser Erzäh­lungen handeln von Mowgli, dem Findelkind. Nur diese drei sind in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Und das auch nur rudi­mentär.

Hiermit räumt „Das Dschungelbuch“ mit dieser Pracht­ausgabe auf! Erwartet also mehr. Hier ist es erlaubt, viel mehr zu erwarten, als man eigentlich erwarten dürfte. Das ist wohl die größte Leistung dieses Buches, nicht nur die Erzählung von Mowgli in ihrer ursprüng­lichen Fassung zu ver­öffent­lichen, sondern die authentische Struktur in sieben Geschichte mit ihren Gesängen und Gedichten zu präsen­tieren. Ein lite­rarisch­es Beben geht durch dieses Buch, da es so sehr verdeutlicht, in welch genialer Qualität Rudayrd Kipling fühlte, dachte und schrieb. Das Dschungel­buch legte den Grundstein für den im Jahr 1907 an ihn verliehenen Literatur­nobelpreis. Er ist noch heute der jüngste aller Preisträger in der Literatur­geschichte. Und er hatte das mit 42 Jahren mehr als verdient.

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Der weltbekannte Film von Walt Disney war lediglich von Mowglis Geschichte und den tierischen Helden Kiplings inspiriert, hatte jedoch mit der litera­rischen Qualität des Buches so wenig zu tun, wie die Filmmusik mit den Gesängen der Tiere im Original. Es ist aus heu­tiger Sicht nur mit J.R.R. Tolkien zu vergleichen, was Rudyard Kipling schon viel früher leistete. Er erfand nicht nur tierische Protagonisten, er erweiterte den Be­griff der Fabel um die reine Fabulier­kunst seiner Charak­tere und bettete sie in eine Welt aus Legen­den und Mythen ein, die im ständigen Konflikt mit der Welt der Menschen lebt. Es ist Mowgli, der diese Welten in sich trägt. Adoptiert und groß­gezogen von Wölfen, in die Gesetze des Dschungels unterwiesen von Baloo, dem Bären und beschützt von einem schwarzen Panther namens Bagheera.

Der Weg des Jungen wird von Kipling so lebendig be­schrieben, als wäre er selbst an seiner Seite gewesen. Er lernt die Sprache der Wildnis, die Gesetz­mäßig­keiten des Lebens in einem Rudel und kombiniert seine Begabungen mit den Instinkten aller Tiere in seinem Umfeld. Die Angst vor dem Tiger Shir Khan eint alle Lebe­wesen. Der Konflikt mit seinem Rudel, die Flucht zu den Menschen und seine Ver­treibung aus ihren Reihen machen aus dem jungen Mowgli den charis­matischen Anführer und Befreier, der gegen alle Unter­drückung und Ausgrenzung kämpft. Ein großer Ent­wicklungs­roman in einem Szenario, das metaphorischer nicht sein könnte. Und dies so literarisch brillant verfasst, dass der Literatur­nobelpreis nur als logische Konsequenz des Schreibens erscheint.

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Dieses Buch vereint die alte Struktur der Erzählungen mit Liedern und Gedichten mit dem neuge­stalteten Medium eines interaktiv gestalteten Buchkunstwerks. Illustra­tionen und Inlays heben die Besonder­heiten des Textes hervor. Die Gesetze der Tiere werden greifbar, weil man sie im wahrsten Sinne des Wortes entfalten kann. Der magische und grausame Hungertanz des Felsenpythons Kaa wird hypnotisch fühlbar. Und auch die Treib­jagd auf den grausamen Menschen­fresser Shir Khan wird durch die Hufabdrücke seiner Verfolger sichtbar. Ein mehrdimensionales Erlebnis für Groß und Klein. Hier wird greifbar, was diese Erzäh­lungen mit Ge­nera­tionen von Kindern seit 1894 angestellt und was sie ausgelöst haben.

Dabei sind die einzelnen Charaktere bei Kipling so tief angelegt, wie ihre Vorbilder in der Wildnis. Freund­schaften sind nicht ober­flächlich sondern leben­swichtig und eine unstill­bare Sehn­sucht nach der Welt der Menschen führt Mowgli fast in den Untergang. Wer diese drei Erzählungen mit ihren Liedern gelesen hat, wird die Tiere, die er erkennt ganz anders wahr­nehmen, als dies bisher der Fall war. Wir werden selbst zum Teil des Dschungels und erleben unser blaues und grünes Wunder. Gänsehaut inklusive, wenn die großen Reden an unsere Ohren dringen:

„Wir vom Dschungel trinken nicht, wo die Affen trinken; wir gehen nicht dorthin, wo die Affen hingehen; wir jagen nicht, wo sie jagen; und wir sterben nicht, wo sie sterben. Habe ich die Bandar-Log je zuvor auch nur erwähnt?“

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Rudyard Kipling infiziert uns mit dem großen frie­dens­stiftenden Mantra Mowglis, mit dem er in der Sprache aller Tiere Gefolgschaft einfordert und Schutz findet. Er lässt die Menschen tierischer aussehen, als die grausamsten Tiere und macht klar, wer der eigent­liche Feind allen Lebens ist. Nach jeder Erzählung ist man versucht, selbst jedem Tier zuzurufen:

“Du und ich, wir sind vom gleichen Blut.“

Besser können lehrreiche und fantasievolle Ge­schich­ten nicht erzählt werden. Es ist ein fast unbeschreib­liches Gefühl, sich durch dieses Dschungel­buch zu wühlen, als wäre man selbst in seinem tiefen Dickicht gefangen. Es ist ein wahres Wunder, wirklich mehr von diesem Buch erwarten zu dürfen, denn es endet nicht mit Mowgli. Es geht da weiter, wo die Dschungel­bücher weitergingen. Vier Er­zäh­lungen voller Weisheit setzen uns in der Wildnis aus und machen uns zu Weg­gefährten unvergess­licher Tiere. Allein die Geschichte „Die weiße Robbe“ ist so zeitlos und traurig schön, dass man vergisst, wann sie geschrieben wurde.

Der weißen Robbe Kotick auf ihrem Weg zu folgen macht Leser auch heute noch so zornig, wie es vor langer Zeit gewesen sein mag. Geholfen hat es wohl we­nig. Als Baby wird Kotick früh zum Zeugen der Robben­jagd, erlebt das Abschlachten ganzer Herden und macht sich auf die Suche nach einer Bucht, in der es keine Menschen gab, gibt und geben wird. „Lukan­non“, das Lied der Robben am Ende der Er­zäh­lung bleibt ganz tief im Herzen des Lesers ver­ankert.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie vereint. Drei Werke, die in ihrer Zeit zu Legenden wurden und in unserer Zeit nur noch fragmen­tarisch in Erinnerung sind. Ich durfte den Ursprung des Extraktes genießen und bin jetzt süchtig danach. Entdeckt doch die noch ungelesenen Welten in diesem Dschungel­buch, das eigent­lich Dschungel­bücher umfasst. Findet einen Mungo, behütet eine Elefanten­herde und lauscht den Unterhal­tungen der Lagertiere im Dienste ihrer Majestät. Ihr werdet neue Welten entdecken und nie wieder vom Dschungel­buch als Mowglis Geschichte sprechen. Es ist so viel mehr und wer jetzt diesen Trailer zum Buch anschauen kann, ohne dem Wunsch zu erliegen, es zu lesen, dem ist nicht mehr zu helfen. Sieben Erzählungen warten auf Euch… Auf in den Dschungel.

PS: Sagte ich eingangs, sie sind jetzt komplett? Schaut mal hier. Ich bleibe am Ball.

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„Die Schöne und das Biest“ – Ein Klassiker im neuen Ballkleid

Die Schöne und das Biest

Die hässlichsten Männer finden die schönsten Frauen! Ist doch so, oder? Also nicht bei mir, um es mal ganz bescheiden auszudrücken. Ich sehe einfach zu gut aus, und es liegt auf der Hand, dass der literarische Sternwärter und seine Sternwärterin eine große Ausnahme von der Regel sind. Aber Spaß beiseite, denn was sollte Spaß mit Literatur gemeinsam haben? Echt jetzt! Kommen wir zurück zum Wesentlichen. Die dümmsten Bauern haben – Nein, das war es nicht. Die hässlichsten Männer haben die schönsten Frauen. Ist so. Und die Literatur ist nicht ganz unschuldig an diesem ungeschriebenen Gesetz. Ein Beispiel gefällig?

Die Schöne und das Biest von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve geistert seit dem Jahr 1740 als neu aufbereitetes französisches Volksmärchen durch die Gazetten, bevor die Geschichte als Jugendbuchklassiker Fuß fasste und seinen Siegeszug in der Welt der Literatur antrat. Unzählige Male wurde der ursprüngliche Stoff adaptiert, verändert, verkürzt, illustriert und sowohl in Theaterfassungen, Musicals und Verfilmungen auf der ganzen Welt bekannt. Nicht zuletzt Walt Disney hat dafür gesorgt, dass die Geschichte unsterblich wurde.

Die Schöne und das Biest

Viele Abwandlungen der Geschichte haben sich heute in Wohlgefallen aufgelöst. Geblieben sind eigentlich nur zentrale Elemente der Geschichte, die Rahmenidee und die beiden Protagonisten, die jedoch auch im Wandel der Zeit einen eigenen Wandel durchlebt haben. So hatte das Biest, wie wir es von Walt Disney kennen, in der Version von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve einen elefantenartigen Rüssel. Kaum vorstellbar heute. Oder? Jedenfalls ist es aus heutiger Sicht extrem spannend, sich die Urform der Geschichte genauer anzusehen, um den Disney-Extrakt besser einordnen zu können.

Die Schöne und das Biest in der prachtvollen und interaktiven Ausgabe aus dem Coppenrath Verlag bietet hier einen Einstieg, der nicht geeigneter sein könnte. Hier liest man erstmals in einem verspielten und handwerklich einzigartigen Buchkunstwerk die komplexe Geschichte eines Mädchens, das ebenso sehr unter der Tatsache leidet, die Gefangene im Schloss eines Biests zu sein, wie unter der Eifersucht ihrer Schwestern, die sie um den prunkvollen goldenen Käfig beneiden. Erstmals tauchen hier schon die zentralen Erzählelemente auf, die wir in unserer Wahrnehmung der Geschichte mit der Erzählung verbinden. Die Rose als Zeichen vergänglicher Liebe, der Prinz im Gewand eines verwunschenen Monsters und der allgegenwärtige Prunk eines Schlosses, das zu leben scheint. Nur Belle sieht nur das Äußere und nimmt den Schein wahr. Die innere Schönheit des Monsters erkennt sie erst, als es fast zu spät ist.

Die Schöne und das Biest

Gabrielle-Suzanne de Villeneuve ebnet den Weg für eine absolute Erfolgsgeschichte der Weltliteratur. Die Botschaft der Geschichte trägt bis in unsere Zeit und verfehlt ihren durchaus pädagogischen Wert nicht. Das äußere Erscheinungsbild zeigt nie das wahre Wesen eines Gegenübers und Liebe kann abseits der tradierten Vorstellungen von der Macht der Schönheit entstehen, wenn sie aufrichtig und tief ist. Diese Botschaft wird im vorliegenden Buch, nach der Originalausgabe von Harper Collins, illustriert und animiert von dem legendären Künstler-Duo MINALIMA, nicht nur spielerisch transportiert. Hier wird Jugendliteratur zelebriert und vergleichbar zur ebenso grandiosen Prachtausgabe von Peter Pan nicht nur zum Kunstobjekt erhoben, sondern alltagstauglich präsentiert.

Gerade für junge Menschen ist es eine Herausforderung, vom Original auf die neue Welt von „Die Schöne und das Biest“ zu schließen. Hierbei zu erkennen, was von der eigentlichen Geschichte übriggeblieben ist, zeigt deutlich, wie sich Literatur wandelt. Es ist eine Entwicklung, die auch Peter Pan, Das Dschungelbuch und andere Werke der Weltliteratur durchlebt haben, bis sie ihre heutige Gestalt annehmen konnten. Hier wird aus einem Buch ein Erlebnis. Die hochwertigen Inlays versprühen den Luxus und auch die tiefe romantische Verspieltheit, die für „Die Schöne und das Biest“ charakteristisch sind. Ein Gesamtkunstwerk, das auf dem deutschen Buchmarkt seinesgleichen sucht.

Die Schöne und das Biest

Wenn man sich nun ausgehend vom Originalwerk auf die ganz persönliche Reise zur aktuellen Verfilmung von Walt Disney macht, so erkennt man die signifikanten Unterschiede und Evolutionsschritte eines ehemals komplex angelegten Märchens bis hin zum inhaltlich verknappten Musical, dem jedoch noch immer ein ganz eigener und unverfälschter Charme innewohnt. Allein Emma Watson in der Hauptrolle der Belle ist es wert, sich ins Kino zu begeben und sich verzaubern zu lassen. Die Geschichte wird nun gespielt, gesungen, getanzt, inszeniert und ist mit Computertechnik verfeinert, die Maßstäbe setzt. Und doch bleibt sich Walt Disney mit dieser Adaption treu, indem man den Zauber des eigenen Zeichentrickfilms aus dem Jahr 1991 in einen realen Film mit echten Schauspielern transportierte. Das Erfolgsrezept geht scheinbar auf. Obwohl die Geschichte nicht mehr taufrisch ist, konnte sich der Film erfolgreich platzieren. Herzen und Emotionen spielen angesichts der Brillanz dieser Verfilmung immer noch verrückt.

Wer sich im Film in Emma Watson verliebt hat, der kann auch bedenkenlos zum neuen Hörbuch „Die Schöne und das Biestaus dem Hause Der Hörverlag greifen. Hier verbreitet die Synchronsprecherin von Emma Watson, die wundervolle Gabrielle Pietermann (auch bekannt als die Stimme von Daenerys Targaryen aus der epischen Serie Game of Thrones) ihre ganz eigene Stimmung und knüpft in jeder Beziehung an den Film an. Hier kann sie sich sogar noch mehr ausleben, da sie der Geschichte auch als Erzählerin ganz besondere Tiefe verleiht.  Diese neue Produktion hat sich auf ihren beiden CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 1 Stunde und 41 Minuten tief eingebrannt.

Die Schöne und das Biest

Was für ein Ausflug in die Welt der Jugendbuchklassiker. Originale Buchvorlage, Neuverfilmung und Hörbuchadaption der modernen Fassung ergeben auf diese Weise das Kaleidoskop einer Geschichte, die ihre Leser schon seit einigen hundert Jahren zu verzaubern weiß. Ein Ausflug, der gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen sehr viel Spaß macht, weil man auf diesem Wege verstehen lernt, wie sehr sich Geschichten im Lauf der Zeit verändern. Am Beispiel einer Rose ist es nur die innere Blüte, die alle Zeit überdauert, während sich das schmückende Beiwerk dramatisch verändert. Die große Erkenntnis am Ende dieses literarischen Ausfluges lautet, dass die zentrale Botschaft von „Die Schöne und das Biest“ überlebt hat und zeitlos gültig ist.

Wahre Schönheit kommt von innen.

Was wird aus unseren großen Geschichten in ein paar hundert Jahren? Bleibt von Harry Potter nur ein verknapptes Musical im Gedächtnis, werden unsere Klassiker von heute in der Verknappung reizvoller, seichter, besser zugänglich? Bleiben Botschaften erhalten und was denken junge Menschen in zweihundert Jahren, wenn sie Eulenpost bekommen und den Namen Voldemort hören? Schön wäre es jedenfalls, wenn nicht in Vergessenheit geraten würde, womit wir literarisch aufgewachsen sind.

Peter Pan – Die Schöne und das Biest – Das Dschungelbuch… Coming soon…

Hier geht es schon im Juni weiter. Ein Kinderbuch, das nie als solches gedacht war entführt uns zu einer Geschichte, die sich auch bei uns nur noch in ihrer simplifizierten Form festgesetzt hat. „Versuch`s mal mit Gemütlichkeit.“ Ich wage ein Tänzchen mit dem Dschungelbuchvon Rudyard Kipling. Auch hier liefert der Coppenrath Verlag die Steilvorlage für eine Expedition in die Vergangenheit der Jugendliteratur. Vielleicht habt ihr Lust mir dann zu folgen… Hier geht´s lang

Peter Pan und die verlorenen Jungs – Auf nach Nimmerland

Peter Pan von J.M. Barrie

Peter Pan von J.M. Barrie

Wer kennt ihn nicht? Wer ist ihm noch nie begegnet und hat nicht davon geträumt, an seiner Seite der Realität zu entfliehen und mit ihm die Welt der ganz großen Abenteuer zu entdecken? Ich kenne niemanden, dem PETER PAN kein Begriff ist. Er ist Legende und Mythos zugleich. Er ist die wohl populärste Romanfigur der Jugendliteratur ohne je seine Ausstrahlung verloren zu haben. Er ist das große Vorbild für zahllose Adaptionen im Kino und auf den Theaterbühnen dieser Welt. Peter Pan, das einzige Kind, das nicht erwachsen wird und als Anführer der „Verlorenen Jungs“ auf der geheimnisvollen Insel Nimmerland lebt.

Doch wer von uns hat die Originalfassung des Romans aus der Feder von James Matthew (J.M.) Barrie gelesen? Viele kennen Peter Pan eher als Zeichentrickfigur aus den Disney Studios oder von anderen Filmproduktionen. Oftmals haben wir in unserer Kindheit nur die adaptierten und stark gekürzten Ausgaben gelesen, die uns zwar in die Welt von Nimmerland entführten, aber mit der ursprünglichen Fassung von J.M. Barrie aus dem Jahr 1904 nicht viel gemeinsam hatten. Auch hier wurde ein Buch, das nie für Kinder geschrieben wurde im Lauf der Zeit zu einem Kinderbuchklassiker. Oliver Twist, Moby Dick, Die Schatzinsel, Das Dschungelbuch, Robinson Crusoe, Tom Sawyer und viele weitere Werke teilen dieses Schicksal. Ein Blick in die Originalfassungen zeigt uns erst die wahre Brillanz und Qualität von Geschichten, ohne die unser Leben ärmer wäre.

Peter Pan von J.M. Barrie

Peter Pan von J.M. Barrie

Wollen wir gemeinsam einen solchen Blick wagen? Ich denke, gerade „Peter Pan“ ist es wert, sich intensiver mit seiner Entstehungsgeschichte und dem originalgetreuen Inhalt zu beschäftigen. Allerdings musste man sich bisher im Ausland umschauen, um fündig zu werden. Bisher jedenfalls, denn seit wenigen Stunden wartet der Coppenrath Verlag mit einem bibliophilen Buchkleinod auf, das neben der Originalfassung in bester Übersetzung auch die bibliophile Leidenschaft ewig jung gebliebener Erwachsener und nie erwachsen werden wollender Jugendlicher abdeckt.

Peter Pan“ von J.M. Barry als interaktives Jugendbuch im Stile vonS – Das Schiff des Theseusentspricht hier der Prachtausgabe von Harper Collins,  die seit einigen Wochen meine kleine Bibliothek in ganz besonderem Glanz erstrahlen lässt. Das Buch ist gleichzeitig eine Hommage an das geschriebene Wort, an die Buchkunst und damit eine wundervolle Liebeserklärung an dieses traditionelle Medium, als auch die brillante Umsetzung einer hochwertigen Originalausgabe in deutscher Sprache. Es glitzert und funkelt, es erstrahlt in blattgoldenem Licht und verheißt schon alleine durch seine Optik ein Lesevergnügen, das seinesgleichen sucht.

Seht doch selbst und seid sicher, dass die deutsche Fassung absolut identisch ist.

Peter Pan von J.M. Barrie

Peter Pan von J.M. Barrie

Das Textlayout von „Peter Pan“ ist wundervoll verspielt und wirkt ein wenig, als sei es aus der Zeit gefallen. Illustrationen begleiten uns beim Lesen und es gibt keine Seite, auf der es nichts zu entdecken gibt. Dabei fühlt sich das Papier an, als sei es im London des Jahres 1904 gepresst und bedruckt worden. Die Inlays verführen dazu, in aller Tiefe in der Welt von „Peter Pan“ einzutauchen und dabei den Atem einer längst vergangenen Zeit einzuatmen. Die hohe Qualität dieses gesamten Buchkunstwerkes ist darauf angelegt, es für alle Zeiten zu einem wichtigen Wegbegleiter des guten Lesens zu machen.

Das merkt man auch an einzeln eingelegten Trennblättern die dafür sorgen, dass die wertvollen Inlays keinen Schaden nehmen, oder dass sich eingearbeitete Metallnieten der Kompassscheiben nicht in den Buchseiten verewigen, sondern ihre Abdrücke dort hinterlassen, wo die Trennblätter oder -kartons das Buch beschützen. Hier hat man an alles gedacht. Das ist kein Kunstwerk, das man sich nicht anzufassen traut. Kein Buch, das man nur zu Ausstellungszwecken besitzt und mit Samthandschuhen anfassen soll. Hier kann man gemeinsam mit Kindern lesen, stöbern, drehen, falten, aufklappen oder fühlen, was das Herz begehrt. Und einen Drachen basteln kann man auch…

Peter Pan von J.M. Barrie

Peter Pan von J.M. Barrie

Hier wird das Buch dem faszinierenden Inhalt gerecht. Hier findet zusammen, was untrennbar miteinander verbunden sein sollte. Haptik, Optik und Story ziehen uns aus unseren Lesezimmern im kunstvollen Flug nach Nimmerland, wo wir den Verlorenen Jungs, Captain Hook, Smee, Tinker Bell, Tigerlilly und dem schrecklichen Krokodil begegnen und sofort in spannende Abenteuer verstrickt werden. Und natürlich erleben wir einen Peter Pan, der alle Facetten der originalen Romanfigur zeigt, die ihn nicht nur zum bewunderten Helden unserer Kindheit machten. Wir finden auch die tragische und zerrissene Persönlichkeit des Jungen wieder, der nicht älter wird, während sein Umfeld erwachsen wird und ihn alterslos zurücklässt.

So wird es auch Wendy gehen. Das Mädchen, das Peter Pan aus dem Hause Darling nach Nimmerland entführt. Die Vergänglichkeit der ersten Zuneigung und die Angst, für immer in der Zeitlosigkeit zurückzubleiben geben Peter einen melancholischen Anstrich und machen selbst junge Leser nachdenklich. Obwohl die Abenteuer der Darlings auch hier im Vordergrund stehen und es gilt, dem bösen Captain Hook das Piratenhandwerk zu legen, ist die Tiefe der Charaktere so facettenreich angelegt, dass man bei aller Lust auf den gemeinsamen Flug mit Peter Pan auch fühlt, wie schnell eine Kindheit endet.

Peter Pan zeigt uns den Wert der Erinnerungen aus der eigenen Kindheit. Nur wer erwachsen wird und diese Erinnerungen verdrängt, ist auch im Herzen nicht mehr jung. Ein für alle Zeit unsterbliches Buch.

Peter Pan von J.M. Barrie

Peter Pan von J.M. Barrie

Dies ist nur ein Teil unserer Geschichte. Unsere Reise in die Welt von Peter Pan hat gerade erst begonnen und gezeigt, wie eng die aktuelle Jugendliteratur immer noch mit diesem Klassiker verbunden ist. Das verschwundene Buch von Edward Berry zum Beispiel adaptiert die Abenteuer von Peter Pan und macht uns zu Zeugen einer absolut dramatischen Fehlentwicklung in der Bücherwelt. So wie hier, sind viele weitere Bücher untrennbar mit Peter Pan verbunden. Wir, das sind Bianca von Literatwo und ich, sind gerade erst aufgebrochen. Wir haben unsere Uhren auf „Nimmerlandzeit“ gestellt, sind bereit, wachsam, flugfertig und absolut übermütig, wenn es darum geht für immer jung zu bleiben.

Der verlorene Junge und das Mädchen aus gutem Hause werden weiter berichten und sowohl inhaltlich, als auch rein emotional neue Brücken zu Peter schlagen. Von der Entstehungsgeschichte des Romans, über die ganz persönliche Verflechtung zwischen Realität und Fiktion im Leben des J.M. Barry bis hin zur unverfälschten Reise durch dieses Buch – unser Weg ist weit. Er ist gefährlich, schön und zur Nachahmung empfohlen. Folgt unseren Spuren nach Nimmerland. Bleibt jung und vergesst uns nicht. Und jetzt wird es Zeit, uns gegenseitig unsere Schatten anzunähen und aufzubrechen. Schaut mal in den Nachthimmel… Zwei Sterne zwinkern euch zu

Naja, vielleicht auch drei, weil Flöckchen jetzt ein verlorener Junge ist. 

Peter Pan von J.M. Barrie - Ja, du darfst, Flöckchen...

Peter Pan von J.M. Barrie – Ja, du darfst, Flöckchen…

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PS…: Es geht weiter… Aber pst… Es wird ganz schön biestig

Die Schöne und das Biest bei AstroLibrium - Bald

Die Schöne und das Biest bei AstroLibrium – Hier geht´s zum Artikel…

Und nun ist die Reihe komplett: „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

„Book of Lies“ von Teri Terry – Bücher lügen nicht

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

„Es gibt Dinge, die man lieber nicht tun sollte. Wie auf den Gleisen stehen, wenn ein Zug kommt, oder die Hand über eine offene Flamme zu halten.“

Oder das „Book of Lies“ von Teri Terry zu lesen, wenn man sich an einem frostigen Tag nach der Wärme einer gut erzählten Geschichte sehnt. Dann sollte man genau das nicht tun. Greift zu einer anderen Lektüre, aber lasst die Finger von diesem Roman mit dem eindrucksvollen Cover. Schon der Untertitel sollte zu denken geben: „Sie ist dein Zwilling, aber du darfst ihr nicht trauen.“ Na Bravo. Ich habe es trotzdem getan, weil sowohl die Aufmachung als auch die Ausgangssituation dieses Jugendbuches aus dem Coppenrath Verlag mir keine Chance ließen, es zu ignorieren.

Ich sollte diese Entscheidung bereuen. Gänsehaut, Spannungsattacken und frostige Leseatmosphäre haben von mir Besitz ergriffen. Die Nächte waren unruhig, die Tage in fiebriger Erwartung des nächsten Kapitels fahrig und nervös und die Lesestunden voller Spannung und Sorge. Leserherz, was willst du mehr. Doppelherz ist angesagt. Es geht um:

Zwillinge. Ein weites Feld in der Literatur und ein weites Feld im realen Leben. Wer hat nicht schon mal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, das Leben mit einem Zwilling zu teilen? Mit jemandem, der so fühlt und denkt, wie man selbst? Mit jemandem der so eineiig spiegelbildlich gleich aussieht, wie man selbst und mit dem man die ganze Welt an der Nase herumführen könnte? Aber eben auch mit jemandem, der zeigt, dass man selbst nur ein Teil eines Paares ist, das nur gemeinsam ein Ganzes ergibt. Wie wäre es wohl, ein Zwilling zu sein?

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

„Es ist, als würde ich in den Spiegel schauen. Selbst ihr Haar, das sie sich hinters linke Ohr gesteckt hat, fällt in einer weichen, feuchten Welle übers Gesicht, wie bei mir sonst.“

Eigentlich keine Überraschung, diese Ähnlichkeit zwischen Piper und Quinn. Das haben Zwillingsschwestern so an sich, dass sie sich gleichen, wie ein Ei dem anderen. Wäre da nicht ein kleines, aber entscheidendes Detail, das sie von unserer Vorstellung des idealtypischen Zwillingspärchens unterscheidet. Die beiden rothaarigen Mädchen lernen sich erst im Alter von siebzehn Jahren bei der Beerdigung ihrer Mutter kennen.

„Der Schock in ihren Augen ist nicht gespielt. Sie hat es nicht gewusst.“

Hier setzt die Autorin Teri Terry mit ihrer Geschichte an. Auf einem Friedhof fängt alles an. Nicht nur für uns als Leser, auch für die Zwillingsschwestern Piper und Quinn, deren Leben bis zu diesem Tag nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Piper steht als trauernde Tochter am Sarg der Mutter, während Quinn sich als Außenseiterin und stille Beobachterin zur Trauergemeinde gesellt. Siebzehn Jahre nach ihrer Geburt sehen sich die beiden Mädchen zum ersten Mal und Teri Terry würzt diese Begegnung mit literarischem Treibstoff, der das „Book of Lies“ zum Pageturner werden lässt.

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Tausend Fragen suchen nach Antworten. Warum wurden die Zwillinge schon bei der Geburt getrennt? Was verbindet sie? Wie hat sich ihre unterschiedlich erlebte Kindheit auf die beiden Mädchen ausgewirkt und welchen Geheimnissen können sie nur auf den Grund gehen, indem sie alle Mosaiksteinchen ihrer jeweiligen Erinnerungen zu einem gemeinsamen Bild vereinen? Zwei Perspektiven fesseln den Leser, der sich plötzlich im Mahlstrom einer dunklen Familiengeschichte voller mythischer Geheimnisse, Legenden und Gefahren wiederfindet.

Teri Terry hat sich nicht in das Klischee einer Hanny-und-Nanny-Story verstrickt. Sie spielt mit ihren Lesern, ebenso wie das Leben mit Piper und Quinn gespielt hat. Nur dass die beiden Mädchen siebzehn Jahre lang die Spielregeln nicht kannten. Während Piper in der scheinbar behüteten Welt mit Vater und Mutter aufgewachsen ist, war ihre Schwester gezwungen ein anderes Leben zu führen. Weitgehend abgeschottet und im Verborgenen. Gemeinsam gehen sie auf Spurensuche in der Vergangenheit und sind zum ersten Mal aufeinander angewiesen.

Hier mischen sich Mythen und Fantasy-Elemente mit alten Legenden. Wahrheit ist etwas sehr Subjektives, wenn das ganze Leben auf Lügen aufbaut. Kann man Wahrheit finden, wo eine ganze Familie versucht hat, genau diese zu verschleiern? Ist es wirklich so, dass Quinn die dunkle Seite des Zwillingspärchens darstellt? Ist sie eine Bedrohung für ihre Schwester und musste deshalb isoliert werden? Löst die Begegnung der beiden eine verhängnisvolle Kette alter Vorahnungen aus? Alle Wege führen zu einer Frau, die alle Antworten kennen sollte. Alle Wege führen zur gemeinsamen Großmutter und dem „Book of Lies“, dem Buch der Lügen, mit dem alles begann.  

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Bei aller Geheimniskrämerei um die Ursache für die Trennung der Zwillinge, weiß Teri Terry bestens zu unterhalten. Piper und Quinn tauchen in die bisher unbekannte Welt ihres Gegenübers ein und sorgen für Verwirrung. Alleine schon Pipers Freund ist mit dem plötzlich auftretenden doppelten Lottchen in Rot sichtlich überfordert. Aus dem gemeinsamen Roadtrip in die Familiengeschichte wird für beide Mädchen eine Reise zu sich selbst. Die Sympathien des Lesers sind klar verteilt, doch sollte man sich nicht von all den Lügen täuschen lassen.

Das „Book of Lies“ ist mehr als nur ein Buch. Es steht über der Geschichte wie ein Mantra der Aufrichtigkeit, denn schnell wird klar, welche Bedeutung das Lügen für die Schwestern hat. Auch hier sind sie unterschiedlicher, als es ihnen lieb sein kann. Denn während Quinn auf die Wahrheit setzt, scheint es Piper nicht bewusst zu sein, dass es Lügen sind, die für die Zwillinge lebensgefährlich sind. Bücher lügen nicht, sagt man so schön. Das „Book of Lies“ macht da keine Ausnahme. Paradox? Nein! Sicher nicht.

Ein grandioser All-Age-Roman für Leser, die eine satte Portion „Twin & Mystery“ verkraften können. Jede Familie hat ihre Geheimnisse und Legenden. Niemand lässt sich gerne in Schubladen stecken, die mit der Aufschrift „Du bist gefährlich“ versehen sind. Wir alle sind auf der Suche nach den tiefen Wahrheiten unseres Lebens. Hier hat Teri Terry ihre Leser im Kern ihrer Seelen getroffen und ganz nebenbei und spielerisch wichtige Themen berührt, die das Leben von Zwillingen so geheimnisvoll machen. Ist es die Umwelt oder sind es die Gene, die dem Menschen die Richtung vorgeben? Fühlen und denken Zwillinge immer das Gleiche? Was geschieht, wenn man Eineiiges trennt?

Gefährliche Themen für Zwillinge, wie die Geschichte zeigt…

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Doppelherz: Zwillinge und ihre Geschichten auf AstroLibrium

Auch im Mystery-Thriller „The Returned“ ist das Thema Zwillinge elementar für die Handlung. Aber eben ganz anders, als man es erwartet. That´s Horror.

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Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt – N. Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Einige Feststellungen seien mir zu Beginn dieser Rezension gestattet:

  • Ja, ich weigere mich seit Jahren erfolgreich, erwachsen zu werden.
  • Ja, ich bin leider völlig normal und deshalb unglaublich langweilig.
  • Ja, ich blicke auf eine Kindheit voller Konjunktive zurück.
  • Ja, ich bin nicht viel mehr als ein „Beinahe-Abenteurer“.
  • Und Ja, ich wünschte mir, es wäre anders gekommen.

Auch ich habe mir, wie so viele andere Kinder, am Ende des Lesens der großen Abenteuerromane gewünscht, ich hätte all dies selbst erlebt. Natürlich hätte es mir Spaß gemacht, an der Seite von Jim Hawkins auf die Schatzinsel zu reisen. Ich hätte sehr viel darum gegeben, mit den verlorenen Jungs in Nimmerland zu leben und Peter Pan zu meinen Freunden zu zählen. Sicherlich wäre ich Alice gefolgt und hätte mich im Wirbelsturm ins Wunderland treiben lassen. Und als Schiffsjunge an Bord der Nautilus hätte Kapitän Nemo seine wahre Freude an mir gehabt.

Hätte. Wäre. Da sind sie: Die Konjunktive meiner Kindheit. Letztlich habe ich es nur lesend in und zwischen den Zeilen in diese Geschichten geschafft. Nichts jedoch war je weiter von meiner gelebten Realität entfernt, als die großen Abenteuer meiner Helden. Wenn ich also heute meinen eigenen Kindern erzählen soll, welche spannenden Dinge ich in ihrem Alter erlebt habe, dann konjunktiviert sich meine Erlebniswelt. Ich hätte fast, ich wäre beinahe und einmal war ich ganz knapp davor… Ja, ich wünschte mir, dass es anders gekommen wäre.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Und doch habe ich ganz tief in mir drin diese Abenteuer erlebt. Ich kann heute von ihnen erzählen, als hätte ich sie selbst erlebt und meine Kinder haben jetzt die Chance, sich auf die Spuren meiner Jugend zu begeben und meine Helden von einst für sich zu entdecken. Das Lesen selbst ist ein großes Abenteuer. Vielleicht das größte meines Lebens. Ganz ohne Konjunktiv, ohne jedes Vielleicht und Fast. Mein Lesen war und ist real. Mein Königsweg, niemals erwachsen zu werden und auch der schönste Weg, die eigenen Kinder vor einer fantasielosen Welt zu bewahren.

Sie sind es heute, die ihr Leben lesen. Sie sind es, die sich jetzt auf die Suche nach ihren eigenen Helden machen und letztlich sind sie es, die in vielen Jahren zu erzählen haben. Von ihren Konjunktiven, ihren Abenteuern und der kollektiven Schnittmenge aus Jugendbüchern, die sie an der Seite ihrer Eltern erlesen haben und denjenigen, die sie selbst entdeckten. Die Jugendlichen von heute sind die Multiplikatoren von morgen. Sie sind auf dem Weg, den wir eingeschlagen haben. Sie finden neue Abzweigungen und stoßen in neue Welten vor. So wird unser Lesen um das Lesen unserer Kinder erweitert und zu einer fantastischen Erlebniswelt für unsere Enkel.

Vielleicht werden sie ihren Kindern von Archer B. Helmsley erzählen. Vielleicht ist es genau dieser neunjährige Junge, der Ihnen ans Herz wächst und der ihre Gedanken beflügelt. Vielleicht wird es dann daran liegen, dass sie sich ihm seelenverwandt fühlen. Denn Archer B. Helmsley hat so viel mit ihnen gemeinsam. Eltern, die so langweilig und abenteuerlos sind, wie ihre eigenen. Das Gefühl, im goldenen Käfig zu sitzen, damit nur nichts Gefährliches passiert. Und die unstillbare Lust, die Welt zu entdecken, Grenzen zu sprengen und eigene Erfahrungen zu machen. Auch wenn sie schmerzhaft sind. Nur müsste man dazu einfach mal rauskommen. Das Haus verlassen.

Und genau das ist Archer B. Helmsley nicht möglich.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Denn Archer darf nicht raus. Seine Eltern schränken seinen Aktionsradius extrem ein und sorgen dafür, dass er nicht auf dumme Gedanken kommt. Diese Gefahr schwebt über ihm, da die Umgebung, in der er aufwächst schon sehr dazu verführen könnte. Nur sollte er keinesfalls auf dumme Gedanken kommen. Jedenfalls aus Sicht seiner Eltern, die alles unternehmen, um Archer eine behütete und möglichst abenteuerarme Kindheit zu ermöglichen. Es wäre ja noch schöner, wenn er seinen Großeltern nacheifern würde. Das gilt es zu verhindern. Mit allen Mitteln.

Archers Großeltern sind das genaue Gegenteil von Langeweile. Sie gelten als die bekanntesten Naturforscher und Entdecker in ihrem Land und das ganze Haus ist voll mit Exponaten aus aller Welt. Die Weidengasse 375 gleicht einem Museum und in jeder Ecke des Hauses finden sich ausgestopfte exotische Tiere und weitere Zeugnisse der Abenteuer der beiden Abenteurer. Und Archer stößt ins gleiche Horn. Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen, nur wurde er aufgesammelt und weggesperrt. Dumme Gedanken sind einfach zu gefährlich.

Das hat das Schicksal seiner Großeltern deutlich gezeigt. Seit ihrer letzten großen Expedition gelten sie als verschollen. Zuletzt sah man sie auf einem Eisberg. Seitdem haben sich ihre Spuren verloren. Das Forscherleben ist einfach zu gefährlich, als dass man es nun akzeptieren würde, Archer in die Fußstapfen seiner berühmten Großeltern treten zu lassen. Langeweile ist angesagt. Schulalltag, lernen, aufräumen, lesen, einen wohlerzogenen Eindruck vermitteln und auf keinen Fall auffallen. So plätschern Archers Tage dahin.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt“ von Nicholas Gannon beginnt genau da, wo die Langeweile erdrückend zu werden scheint. Alles haben seine Eltern bedacht, nur nicht den inneren Willen ihres Sohnes, nicht nur selbst Abenteuer erleben zu wollen, sondern seinen Großeltern zur Hilfe zu eilen. Denn, dass beide noch leben ist für Archer völlig sicher. Als das Reisegepäck seiner vermissten Großeltern im Haus abgegeben wird, gelingt es ihm einen kleinen Koffer mit den Reiseaufzeichnungen in seinem Zimmer zu verstecken. Zwei Jahre waren seit ihrem Verschwinden vergangen und Archer ist inzwischen elf. Alt genug, den Koffer genau zu untersuchen.

Sein Inhalt führt Archer zu weiteren Entdeckungen. Die aufgezwungene Passivität verwandelt sich in aktives Suchen und langsam reift ein Plan. Tatenlosigkeit – das war einmal. Archer beginnt seine große Flucht in die Welt in kleinen Schritten zu denken. Er weiß genau, dass er keinen Verdacht erregen darf und ganz langsam, Schritt für Schritt wagt er es, seine Welt um ein paar Inseln zu erweitern, die seinen Eltern völlig harmlos erscheinen. Archer findet Freunde, knüpft Kontakte, gibt vor, gemeinsam zu lernen und niemand kommt auf die Idee, dass bei diesen Besuchen im neuen Umfeld der Plan zu einer gewagten Rettungsaktion entsteht.

Oliver J. Glub ist der erste Fluchthelfer in den Plänen von Archer. So sehr sich die beiden Jungs auch unterscheiden, so sehr begeistert sie die Aussicht auf ein Abenteuer und die Chance, dem langweiligen Alltag ein Schnippchen zu schlagen. Als dann auch noch Adélaide de Belmont in der Nachbarschaft einzieht, weht ein Hauch von Paris im beschaulichen Rosewood. Aber was führt eine elfjährige Balletttänzerin hierhin und ist sie vielleicht der Schlüssel für die beiden Jungs, den entscheidenden Schritt weiter zu gehen? Aus einem Trio beginnt ein Team zu werden.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Nicholas Gannon gelingt ein fulminanter und fantasievoller Auftakt zu einer Reihe im Coppenrath Verlag, die im Herbst 2017 ihre Fortsetzung findet. Der Autor erzählt nicht nur eine der opulentesten Abenteuergeschichten für junge Leser, er illustriert sie auch in unnachahmlicher Weise. Das Eintauchen in die Welt des Archer B. Helmsley ist ein literarisches Wohlfühlprogramm von Format. Die Protagonisten werden von ihm so plastisch beschrieben und gezeichnet, dass es eine wahre Freude ist, ihnen durch die Abenteuer zu folgen.

Dem Coppenrath Verlag gelingt es, dem Jugendbuch ein so wertiges Äußeres zu verleihen, dass man als Leser denkt, es gerade aus dem Koffer der verschwundenen Forscher befreit zu haben. Und den Illustrationen gelingt es, zu vertiefen, was zuvor in wundervoller Sprachatmosphäre erlesen wurde. Kein Jungenbuch. Kein Mädchenbuch. Und ganz gewiss nicht ausschließlich ein Kinder- und Jugendbuch. Jeder Leser kommt auf seine Kosten und ich selbst kann es kaum erwarten, bis „Die höchst wundersame Reise zum Ende der Weltweitergeht.

Ein perfektes Buch für die Abenteurer von heute. Wie ich schon einleitend schrieb: Sie sind es heute, die ihr Leben lesen. Sie sind es, die sich nun auf die Suche nach ihren eigenen Helden machen und letztlich sind sie es, die in vielen Jahren zu erzählen haben. Ich denke, viele junge Leser von heute werden ihren Kindern später einmal von Archer, Oliver und Adélaide erzählen. Sie werden dieses Buch wie ihren Augapfel hüten und irgendwann einmal sagen können: „Fast wäre ich mal ein echter Naturforscher geworden.“ Und wer weiß,….

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon