„Die geheimen Briefe“ – Jane Gardam [The Sidmouth Letters]

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Sie schrieb sich mit ihrer „Old-Filth-Trilogie“ in mein Leben. Sie hat mir Hongkong gezeigt, das Britische Empire von einer ganz anderen Seite gezeigt und mehrere Blicke hinter die Charakterkulissen ihrer Protagonisten geworfen. Jetzt bin ich leidenschaftlich in ihr Schreiben verliebt: JANE GARDAM. Ihre Romane bilden im Lesen, wie im Leben eine geschlossene Einheit und haben sich einen Herzensplatz in meinem Bücherregal erobert.

Nichts war untadelig, niemand war treu und die letzten Freunde waren nicht diejenigen, die man unbedingt auf der Rechnung hatte. Jane Gardam weiß zu überraschen und zu erzählen, wie man es sich als Freund großer Geschichten nur wünscht. Einzig ihr Alter gibt mir ein wenig zu denken. Mit ihren 88 Jahren gehört sie wirklich nicht mehr zu den jungen Hüpfern der Literaturszene und ich hatte schon leichte Bedenken, wie mein Weg an ihrer Seite weitergehen würde.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Doch diesmal kam mir ein Zufall zu Hilfe und spielte mir eine limitierte literarische Blaue Mauritius in die Hände. Ihr wollt wissen was ein bibliophiles Unikat auszeichnet und woran man es erkennt? Ganz einfach. Das Buch ist in limitierter und nummerierter Auflage, begrenzt auf 5900 Exemplare, in der Edition 5Plus erschienen. Das macht es selten, aber nicht einzig. Mein Exemplar weist jedoch eine kleine Unregelmäßigkeit auf, die es für mich so wertvoll macht. In der Zeile „Ihr Exemplar hat die Nummer…“ fehlt die (eigentlich von Hand eingetragene) Zahl…! Ist das nicht wundervoll?

Dieser Zufall ereilte mich in Gestalt einer aufmerksamen Mitarbeiterin des Hanser Verlages, die meine Rezensionen zu Jane Gardams Büchern kannte und genau diese Lücke in meinem Lesen schließen wollte, die ohne ihre Hilfe wohl noch offen wäre. Ich danke an dieser Stelle mehr als herzlich, denn nicht nur der Unikatstatus, sondern auch der Inhalt der zweisprachig veröffentlichten Kurzgeschichte macht den wahren Wert der literarischen Aufmerksamkeit aus. Denn sie hat es faustdick hinter den Ohren!

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

In der Kürze liegt die Würze. Das kann man hier wohl sagen, da Jane Gardam auf 40 Seiten einen Erzählraum gestaltet, der die Literaturgeschichte aushebelt, Protagonisten in unser Leben spült, die wir schon seit langen Jahren zu kennen glauben und darüber hinaus auch noch als eine Hommage an die große Jane Austen zu verstehen ist. Geht das mit so wenigen Worten? Eindeutige Antwort: Ja, es geht, wenn man mit dem Raum zurechtkommt, den man sich selbst erdacht hat.

Und dabei fasst sich die Autorin zwar kurz, jedoch nicht zu kurz, wenn sie uns in ein Beziehungsgeflecht zweier in der Literatur beheimateter Menschen entführt, die zufällig auf die Spur handgeschriebener Briefe aus der Feder von Jane Austen kommen. Diese Briefe sind allerdings nicht irgendwelche Zeitzeugnisse aus dem Leben der legendären Schriftstellerin. Sie sind die einzigen Beweise für das Gerücht einer geheim gehaltenen Liebesbeziehung von Jane Austen zu einem Mann, dessen Identität sie niemals verriet.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Und nun sind sie zum Greifen nah. Nur ein Schritt trennt den Literaturwissenschaftler Shorty Shenfold noch davon, diese „Geheimen Briefe“, die Sidmouth Letters, in seinen Besitz zu bringen und der ganzen Welt eine literarische Sensation zu offenbaren. Es ist das wohl letzte noch fehlende Puzzlesteinchen in der Biografie von Jane Austen. Wenn nur Jane Gardam nicht wäre, das Projekt wäre vielleicht glücklich verlaufen. Ihr gelingt es jedoch erneut, ihrem Protagonisten so viele Steinchen in den Weg zu legen, um ihm das Erreichen seines Traumes so unmöglich wie irgend möglich zu machen.

Sie platziert mit Annie einen weiblichen Stolperstein, den Shorty Shenfold nicht auf der Rechnung hatte. Jedenfalls nicht so, wie er dachte, als er Annie um ihre Hilfe bat.

Das war es jetzt noch lange nicht von Jane Gardam, denn ihre Geschichte geht für uns weiter. Wie gewöhnlich gut unterrichtete Kreise berichten, ist schon im Herbst 2017 mit der Veröffentlichung von Kurzgeschichten im Hanser Verlag zu rechnen. Ich drücke uns jedenfalls alle literarischen Daumen, dass den Absichten Fakten folgen und bleibe am Ball. Jedenfalls soll die Gardam-Übersetzerin Isabel Bogdan schon fleißig bei ihrer grandios zu lesenden Arbeit sein. (PS: „Der Pfau“ stammt aus ihrer Autorenfeder). Und wer es gar nicht abwarten kann, Hetty von Jane Gardam ist seit wenigen Wochen auf dem Markt.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam - Edition 5 Plus

Die geheimen Briefe von Jane Gardam – Edition 5 Plus

„Die geheimen Briefe“ sind ein göttliches Lesevergnügen und wenn Ihr jetzt wissen wollt, auf welchem geheimen Wege man in den Besitz eines solchen Kleinods gelangen kann, dann habe ich hier ein paar gute Tipps zur Buchhandelskooperation 5Plus. Es haben sich folgende Buchhandlungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einer verschworenen Einheit verbunden, um ein Gegengewicht zum sich verändernden Buchmarkt auf die Waagschale des reinen Onlinehandels zu legen. Die so publizierten Werke kann man nur in diesen Büchertempeln erwerben, sie sind nicht in den Online-Shops gelistet und verleiten tatsächlich zum Besuch der Kompetenzzentren des guten Lesens. Also macht Euch auf den Weg…

Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass man sich auch über Anrufe und Mails freut und auch auf diese Art und Weise die Bücher der Edtion 5Plus den Besitzer wechseln. Hier findet ihr eine Übersicht der Werke, die inzwischen Kult- und Sammlerstatus haben und das kleine Wörtchen „vergriffen“ weist auf bereits ausverkaufte Editionswerke hin. Die Bücher werden übrigens vor Ort in den Buchhandlungen der Kooperation von Hand nummeriert, was ein Hinweis für mich ist, dass mein Exemplar das Licht der Bücherwelt noch gar nicht erblickt hat, als es mir zugespielt wurde. Ich sage ja: Blaue Mauritius.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

„Letzte Freunde“ – Das Trilogie-Finale von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Wie endet eine Trilogie, die mich mehr als ein Jahr meines Lesens begleitet hat? Wie verabschieden sich Charaktere aus meinen Gedanken, denen ich von Hongkong nach England gefolgt bin und die mir den Zeitenwandel zwischen dem Empire und dem modernen Großbritannien vor Augen geführt haben? Wie endet die Geschichte zweier Menschen, die den beiden ersten Büchern mit ihren Wesensmerkmalen zu ihren Titeln verholfen haben. Edward Feathers (Old Filth), Ein untadeliger Mann“ und seine Frau Betty, Eine treue Frau? Ich war gespannt auf das Finale von Jane Gardam: Letzte Freunde

Distinguiert, würde man ihn nennen. Jenen ehemaligen Kronanwalt und Richter des Britischen Empires, der in der Kronkolonie Hongkong deutliche Spuren hinterlassen hatte. Er blickt zurück auf eine bewegte Zeit, jener Edward Feathers, der im ersten Teil der Trilogie „Ein untadeliger Mann“ mein Lesen bereicherte. Old Filth, ein Spitzname, der ihm geblieben ist. Besonders in Anwaltskreisen und obwohl er eigentlich nicht sehr schmeichelhaft scheint, Edward Feathers hat was draus gemacht. Zumindest so lange, bis SIE starb…

„Nach Bettys Tod hörte Old Filth auf zu kokettieren. Sein Leben stürzte ein. Es wurde umständlicher. Er begann, zunächst langsam, die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er als vernünftiger Mann mit gebildeten Freunden (er war Anwalt… der Krone gewesen) bislang geschlossen gehalten hatte.“

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Um wen er jedoch trauert, das erschließt sich erst in der Fortsetzung, denn hier lässt uns Jane Gardam in die Gedanken- und Gefühlswelt von Betty Feathers schlüpfen. Sie kommt nun zu Wort. Ihr Leben an der Seite des distinguierten Richters konturiert sich von Seite zu Seite. „Eine treue Frausteht nun dem „Untadeligen Mann“ zur Seite. Und hier erwartet uns die Aufklärung dessen, was wir schon seit dem ersten Buch zu wissen glaubten, es aber (ebenso wie Old Filth) niemals aussprechen wollten. Treue ist ein weit gefasstes Ideal und gerade in der Ehe mit Edward wurde diese Tugend auf den Prüfstand der Moralvorstellungen von Betty gestellt.

Nein – Betty Feathers war alles andere als treu. Punkt. Basta! Wir wussten es. Wir haben es immer geahnt und hätten ihrem naiven Ehemann gewünscht, das untadelige Äußere nur einmal vergessen zu können, um Betty auf die Spur zu kommen. Alles ist mehr als klar. Aus ihrer Sicht werden wir Zeugen des ersten Kennenlernens der beiden. Aus ihrer Sicht erleben wir, was sie sich von dieser Beziehung verspricht und aus dem Mund ihrer besten Freundin vernehmen wir, wovor sich Becky am meisten fürchtet.

„Man sollte auch den Mond wollen. Lass dir keine Vierzig-Watt-Birne andrehen, nur weil sie hübsch aussieht. Du bleibst darauf sitzen, wenn sie ausgeht… und dann hockst du am Ende ewig im Dunkeln.“

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Fehlt nur noch das Ende. Fehlt der finale Band. „Last Friends“. Letzte Freunde. Es musste so kommen, dass Jane Gardam die letzte Perspektive ihrer Trilogie dem Mann überlässt, der hier stets als das Synonym für Versuchung auftaucht. Ein Mann, der es ja fast geschafft hätte, Edward und Betty zu trennen. Ein Mann der mit einer geschenkten Perlenkette ein lebenslanges Band zum Herzen von Betty geknüpft hat. Ein ebenbürtig erscheinender Gegenspieler für Old Filth.

Der finale Band sollte diesem Terry Veneering gehören Letzte Freunde.

Und dann saß ich da im kurzen Lesehemd, denn Jane Gardam hatte wohl nie den Plan, meinen Leseerwartungen entsprechen zu wollen. Sie erzählt hier vom prallen Leben und so wie sie sich ihrer eigenen Geschichte ausliefert, so sind es auch jetzt die Überraschungen und Wendungen, die das Leben in ihrer Trilogie widerspiegeln. Allein der erste Satz des Schlussbandes steht für einen ganz besonderen Schlussakkord, der mein Lesen in diesem Erzählraum verändern sollte.

„Die Titanen waren nicht mehr.“

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Wie in einem epischen Theaterstück verändert Jane Gardam die große Bühne der Trilogie vor dem Finale, lässt ihre Protagonisten abtreten und zelebriert diesen letzten Schlussvorhang mit zwei Trauerfeiern in London. Edward Feathers (Old Filth) und Terry Veneering sind nicht mehr. Betty war ihnen vorausgegangen und nun sitzen wir da und fragen uns, wie man die Handlung eines Buches vorantreiben kann, dem die Personen fehlen, die uns bis hierhin gebracht haben. Ein Abgesang auf eine Trilogie?

Nein. Sicherlich nicht, denn genau in diesem Fehlen liegt der Reiz dieses finalen Aufzugs. Jane Gardam erweitert die Perspektive des Betrachters um jene Randfiguren, die wir zwar bisher wohlwollend zur Kenntnis genommen haben, die aber im Verlauf der Handlung eher unwichtig erschienen. Doch wie im wahren Leben, bleiben am Ende der Geschichte diejenigen übrig, die als „Letzte Freunde“ ihre Erinnerungen an die viel zu früh Verstorbenen kultivieren.

Aus diesem Blickwinkel erleben wir das Beziehungsgeflecht von Edward, Betty und Terry völlig neu. Wir rücken ab von Bildern, die in unserer Vorstellung verankert sind. In „Letzte Freunde“ reisen wir zurück zu den Wurzeln der Geschichte, erkennen Irrtümer und Irrwege und finden uns neu, weil wir Charaktere neu erleben dürfen. Dabei scheint alles nur neu zu sein, denn wir sehen auch ein Muster, das sich auch über die Cover der drei Bücher zieht und am Ende zu einem großen Geflecht vereint.

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Jane Gardams Trilogie findet mit „Letzte Freunde“ einen würdigen Abschluss. Es ist ein Finale, das so nicht erwartet werden konnte und deutlich aufzeigt, wie wichtig die Menschen sind, die eine Lebensgeschichte nur tangieren. Die Peripherie gerät plötzlich ins Rampenlicht und durch diesen Kunstgriff der Blickwinkelerweiterung realisiert man die Tiefe der Spuren, die Edward, Betty und Terry im Leben ihrer Freunde hinterlassen haben. Man erinnert sich nur an das Gute. Man verdrängt Peinlichkeiten und Abwege. Man bereinigt das Leben an seinem Ende um den Faktor „Unzulänglichkeit“.

Ich bereinige am Ende der Trilogie die moralischen Sichtweisen von richtig oder falsch, die immer wieder für die Lebensweisen von  Menschen hergenommen werden, die sich in ihrem Leben einfach nur darauf fokussieren wollten, sich selbst treu zu sein. Man soll nicht über Tote lästern. Diesem Anspruch werden „Letzte Freunde“ gerecht. Anstatt zu verurteilen hinterfragen sie sich, sehen mit welchen Konventionen Edward, Terry und Betty gebrochen haben und vielleicht gelingt es auch ihnen, neue Wege zu finden.

Es ist nie zu spät.

Ich bin noch nicht am Ende angelangt, was Jane Gardam betrifft. Das Glück hat mir einen limitierten Buchschatz in die Hände gespielt. Geheime Briefe aus der 5Plus- Edition schließt eine kleine Lücke im Leben von Jane Austen, die den Liebhabern der großen Schriftstellerin bis heute keine Ruhe lässt. Eine Reise nach Devon, eine völlig geheime Liebe und der plötzliche Tod des Mannes, den Jane Austen dort traf. Wilde Spekulationen ranken sich um diese Episode. Jane Gardam löst sie nicht auf, aber sie schrieb die geheimen Briefe, die es niemals gab….

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„Eine treue Frau“ von Jane Gardam [Old Filth Trilogie 2]

Eine treue Frau - Jane Gardam - AstroLibrium

Eine treue Frau – Jane Gardam

„Jetzt ist es passiert“, „es ist geschehen“, „kühlen Kopf bewahren“, sagte die Seele zum Körper. Steif kniete er neben Betty nieder und sah sich selbst dort knien, ihre Hand nehmen, sie küssen und sie an sein Gesicht legen. Weder sein Körper noch seine Seele hatten den geringsten Zweifel, dass sie tot war. Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Kein anderes Zitat beschreibt die Grundstimmung, die nach dem Lesen des ersten Bandes der Old-Filth-Trilogie von Jane Gardam zurückbleibt besser, als jenes. Kein anderes Zitat aus dem Auftaktband Ein untadeliger Mann bleibt so lange haften, wie dieses. Und kein anderes Zitat charakterisiert den trauernden Edward Feathers besser, als dieses. Am Ende einer langen gemeinsamen Ehe steht er nun vor seiner geliebten Betty, die im Garten des gemeinsamen Ruhesitzes Tulpen setzen wollte, als sie in sich zusamensank und verstarb.

„Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Jane Gardam hat uns an der Seite eines untadeligen Mannes in den Kosmos des vergangenen British Commonwealth eintauchen lassen und in die großen Machtzentren eines Weltreichs entführt, das seither auf Rückzugsgefechte bedacht ist. Hongkong und London. Zwei Welten, kontrastreich, schillernd, farbenfroh und doch nur mit äußerster Disziplin und Härte zu bewahren. Hongkong als Kronkolonie zu behaupten ist die große Herausforderung für Edward Feathers, Kronrichter, verlängerter Arm der Majestät und royaler Jurist in Hongkong.

Eine treue Frau - Jane Gardam

Eine treue Frau – Jane Gardam

Untadelig musste man sein. Unbestechlich, unnahbar und versiert, wenn man die Rolle des höchsten Richters der Kronkolonie ausfüllen wollte. Edward Feathers passte genau in diese Rolle. Er sprach royales Recht in einem Kulturkreis, zu dem er ein ganz besonderes Verhältnis hatte. Er verurteilte zum Tode, er reformierte das Landrecht und am Ende seiner beruflichen Karriere zog er sich mit seiner Betty nach England zurück, nur um dort den größten Verlust seines Lebens zu erleiden. Betty.

„Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Nach der Rückgabe Hongkongs an China 1997 und dem Rückzug aller Vertreter der britischen Staatsmacht aus der ehemaligen Kronkolonie ist dies nun der letzte Verlust, den er verkraften muss. Und das im wohlverdienten Ruhestand nach so vielen Jahren eines untadeligen Lebens. Sie fehlt ihm mit jeder Faser seines Herzens. Genau hier lag immer sein Hauptproblem. Bei all der Untadeligkeit konnte er genau dieses Herz nicht zeigen. Distanziert und geschäftsmäßig war seine Beziehung zu Betty. Erst nach ihrem Tod und am Ende des ersten Teils der Trilogie beginnt er sichtbar zu fühlen. Der ganz große Moment von „Ein untadeliger Mann.“

Um wen er jedoch trauert, das erschließt sich erst in der Fortsetzung, denn hier lässt uns Jane Gardam in die Gedanken- und Gefühlswelt von Betty Feathers schlüpfen. Sie kommt nun zu Wort. Ihr Leben an der Seite des distinguierten Richters konturiert sich von Seite zu Seite. Eine treue Frausteht nun dem „Untadeligen Mann“ zur Seite. Und hier erwartet uns die Aufklärung dessen, was wir schon seit dem ersten Buch zu wissen glaubten, es aber (ebenso wie Old Filth) niemals aussprechen wollten. Treue ist ein weit gefasstes Ideal und gerade in der Ehe mit Edward wurde diese Tugend auf den Prüfstand der Moralvorstellungen von Betty gestellt.

Eine treue Frau - Jane Gardam

Eine treue Frau – Jane Gardam

Jane Gardam erzählt erneut eine brillant konstruierte Geschichte. Diesmal jedoch im Spiegel dessen, was sie ihren Lesern im ersten Teil der Trilogie anvertraut hat. Das grandiose Leseerlebnis basiert darauf, dass wir den handelnden Figuren immer einen Schritt voraus sind. Wir wissen mehr, haben hinter die Kulissen geschaut und gefühlt. Wir sind vielleicht sogar ein wenig parteiisch und voreingenommen, beginnen bereits zu urteilen und unsere vorgefasste Meinung bestätigt zu sehen.

Nein – Betty Feathers war alles andere als treu. Punkt. Basta! Wir wussten es. Wir haben es immer gewusst und hätten ihrem naiven Ehemann gewünscht, das untadelige Äußere nur einmal vergessen zu können, um Betty auf die Spur zu kommen. Alles ist mehr als klar. Aus ihrer Sicht werden wir Zeugen des ersten Kennenlernens der beiden. Aus ihrer Sicht erleben wir, was sie sich von dieser Beziehung verspricht und aus dem Mund ihrer besten Freundin vernehmen wir, wovor sich Becky am meisten fürchtet.

„Man sollte auch den Mond wollen. Lass dir keine Vierzig-Watt-Birne andrehen, nur weil sie hübsch aussieht. Du bleibst darauf sitzen, wenn sie ausgeht… und dann hockst du am Ende ewig im Dunkeln.“

War Edward Feathers der Mond? War das Leben an seiner Seite eine Erleuchtung? Oder war es sein Erzfeind, die schillernde Gestalt von Terry Veneering, der niemals erlöschen würde? War die Begegnung mit ihm in Hongkong die vielleicht letzte Chance für Betty, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben?

Eine treue Frau - Jane Gardam

Eine treue Frau – Jane Gardam

„Eine treue Frau“ hätte vielleicht anders gehandelt, sie hätte vielleicht anders gefühlt, anders gelebt. Zumindest, wenn wir Treue in unserem Wertesystem definieren. Jane Gardam macht es sich nicht so leicht. Sie greift tiefer, wirft alles in die Waagschale des Verstehens und wird sowohl Betty als auch ihrem untadeligen Ehemann gerecht. Wir beginnen zu verstehen, was es bedeutet, Lebensentscheidungen zu treffen und sie ein ganzes Leben lang konsequent vorzuleben, nachzuleben und sich selbst einzuleben.

Jane Gardam hat mich tief bewegt. Während der „Untadelige Mann“ an manchen Stellen eher nüchtern wirkte, das Leben von Old Filth in den Vordergrund rückte und man immer hoffte, den untadeligen Seiten mehr Emotion entlocken zu können, ist nun Eine treue Frau das passende Gegenstück. Das Yin und Yang dieser Trilogie. Das schlagende Herz im gemeinsamen Leben von zwei Menschen, deren Herzen eher eine Mördergrube, als ein offenes Buch war.

Wer den ersten Band gelesen hat, muss einfach weiterlesen. Wer Betty einmal im Garten ihr Leben aushauchen sah, der sollte in diesem Buch genau an diesen Ort in England zurückkehren. Am Ende eines fast ewig anmutenden gemeinsamen Lebens steht nicht mehr die Frage, was denn eigentlich Treue ist. Es bleibt die Botschaft, was es bedeutet, trotz der größten Verlockung des Herzens den Partner nicht verlassen zu haben, dem man sich versprochen hat.

Eine treue Frau - Jane Gardam

Eine treue Frau – Jane Gardam

Für mich ist es die Kunst im Leben, aus zwei 40-Watt-Birnen die Flutlichtanlage der gemeinsamen Liebe entstehen zu lassen. Treue relativiert sich. Versuchung und Sünde verlieren ihren Reiz. Die Tatsache, geblieben zu sein, obwohl man hätte gehen können ist die größte Triebfeder einer Partnerschaft. Und doch ist es immer wieder ein schmerzhafter Verlust, ein trauriges Lesen, Betty Feathers in ihrem blühenden Garten zu sehen und zu wissen, dass sie nicht mehr ist. Diesen Abschied nun bereits in zwei Büchern erlesen zu müssen, verbindet noch mehr mit ihr.

„Es ist ganz schön verrückt, dachte sie. Es ist zu spät. Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen. Aber dann tat sie es. Eine Minute später ließ Filth den Blick von den Krähen wegwandern, in den Garten hinunter, und sah sie im Blumenbeet liegen, ganz besonders still….“

Fehlt nur noch das Ende. Fehlt der finale Band, der im Original bereits vorliegt. „Last Friends“. Letzte Freunde. Es musste so kommen, dass Jane Gardam die letzte Perspektive dieser großen Trilogie dem Mann überlässt, der hier stets als das Synonym für Versuchung auftaucht. Ein Mann, der es fast geschafft hätte, Edward und Betty zu trennen. Ein Mann der mit einer Perlenkette ein lebenslanges Band zum Herzen von Betty geknüpft hat. Ein mehr als würdiger Gegenspieler für Old Filth. Der finale Band gehört Terry Veneering… „Letzte Freunde(ET: 10. Oktober.2016)

Ich freue mich auf ihn… Und ich befürchte, erneut in diesem Garten zu stehen. Bei Betty…. Aber es sollte anders kommen

Eine treue Frau - Jane Gardam - Die Old-Filth-Trilogie - Letzte Freunde

Eine treue Frau – Jane Gardam – Die Old-Filth-Trilogie – Letzte Freunde

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

“Jetzt ging er auf die Achtzig zu und lebte allein in Dorset. Seine Frau Betty war tot, aber zuhause plauderte er immer noch häufig mit ihr. Er hatte einen wachen Geist und wache Augen und war ein reizender Mensch. Immer gewesen.

Ein Mann, dessen vornehmes Leben gradlinig und glücklich verlaufen war.“

Ein untadeliger Mannalso, mit dem wir es hier augenscheinlich zu tun haben. Ein Mann ohne Fehl und Tadel, der umgänglich scheint und in seinem bisherigen Leben mit hellwachem Geist und reizender Gradlinigkeit gesegnet war. Untadelig im wahrsten Sinne des Wortes, und damit ein für mich in besonderer Weise beneidenswerter Mann, den mir die britische Autorin Jane Gardam in ihrem bei Hanser erschienenen aktuellen Roman vorstellt, und dem ich sehr bereitwillig durch die vielen untadeligen Jahre seines Lebens folge.

Und doch beginnt mich das „WAR“ in diesem Zitat zu stören. Der Blick ist in die Vergangenheit gerichtet, so als sei dies alles nicht mehr. Ist er noch untadelig? War er es je und nun drängt die verdeckte Realität der glücklichen Jahre ans Licht? Erlebe und erlese ich einen Mann, der mir als Vorbild dienen kann, oder zeigt uns der Blick in den Zerrspiegel des Lebens einen gänzlich anderen Charakter? Mit Spannung und Neugier begann ich mich aufmerksam durch einen tief angelegten Erzählraum zu bewegen, der mich in seiner Vielfalt begeistern sollte.

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

„Nach Bettys Tod hörte Old Filth auf zu kokettieren. Sein Leben stürzte ein. Es wurde umständlicher. Er begann, zunächst langsam, die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er als vernünftiger Mann mit gebildeten Freunden (er war Anwalt… der Krone gewesen) bislang geschlossen gehalten hatte.“

Distinguiert, würde man ihn nennen. Jenen ehemaligen Kronanwalt und Richter des Britischen Empires, der in der Kronkolonie Hongkong deutliche Spuren hinterlassen hatte. Er blickt zurück auf eine bewegte Zeit, jener Edward Feathers, der nun seine Spuren in meinem Lesen hinterlässt. Old Filth – ein Spitzname, der ihm geblieben ist. Besonders in Anwaltskreisen und obwohl er eigentlich wenig schmeichelhaft scheint, Edward Feathers hat was draus gemacht.

„Failed In London Try Hong Kong“ – Wer in London versagt hat, konnte es ja noch in der Kronkolonie versuchen. Zumindest als Anwalt oder Richter kann man dort Karriere machen. Zumindest, wenn man das moralisch-geistige Erbe der Britischen Monarchie repräsentiert und Gesetze zur Anwendung bringt, die den Machtanspruch des Empire mit Zähnen und Klauen verteidigen. Recht sprechen hat damit nicht immer etwas zu tun. Und Old Filth hat sich dort durchgesetzt. Sich einen Namen gemacht. Sein Ruf war tadellos. Sein Innenleben erzählt uns eine andere Geschichte, wenn wir ihm nur gut genug zuhören. Sein Altersruhesitz in Dorset ist von innerer Unruhe geprägt!

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

“Filth hatte Menschen zum Tode verurteilt. Hatte miterlebt, wie Unschuldige verurteilt wurden. Als Kronanwalt schätzte er, dass die Hälfte seiner Fälle zu falschen Urteilen geführt hatte. In Hongkong lebten die Richter in einer Enklave von Palästen hinter Tag und Nacht bewachten Stadttoren.“

Ein untadeliger Mann also. Es scheint, wie in jeder Geschichte, auch hier nur auf die Perspektive anzukommen. Untadelig im Sinne seiner Majestät. Untadelig auch im Sinne der Unterdrückung einer Mehrheit von Menschen durch eine Minderheit an Autoritäten. Ohne Fehl und Tadel, zumindest was die berufliche Vita eines Richters in einer fremden Kultur betrifft. Das Bild von Old Filth beginnt schon in den ersten Kapiteln zu wanken. Und nicht nur der Leser beginnt hellhörig zu werden und zwischen den Zeilen zu lesen.

Auch Edward Feathers selbst gesteht sich in seiner Einsamkeit einen völlig neuen Blick auf sich selbst zu. Hatte seine geliebte Betty nicht alles fein sauber im Griff? Hat sie nicht sein Leben mitorganisiert und entsprechend der Erwartungen an seinen Beruf für ein makelloses Image gesorgt? Hatte nicht der andere Kulturkreis den beiden so viel abverlangt, dass man gar nicht realisierte, wie künstlich das eigene Leben aufgebaut war? Nun ist Betty nicht mehr. Die gute Seele an seiner Seite hinterlässt nicht nur ein Loch, sie hinterlässt ein ganzes niemals reflektiertes Leben.

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

„Jetzt ist es passiert“, „es ist geschehen“, „kühlen Kopf bewahren“, sagte die Seele zum Körper. Steif kniete er neben Betty nieder und sah sich selbst dort knien, ihre Hand nehmen, sie küssen und sie an sein Gesicht legen. Weder sein Körper noch seine Seele hatten den geringsten Zweifel, dass sie tot war. Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Jane Gardam erzählt hier nicht von einem Hundertjährigen, der aus dem Fenster springt und verschwindet. Sie stellt uns einen eloquenten Menschen vor, der bis zu diesem Wendepunkt in seinem Leben dem eigenen Rollenbild allzu sehr entsprochen hat. All die offenen Fragen, die lange im Hintergrund loderten, wurden immer vom Alltag überdeckt. Alle Probleme, die auftraten, einfach durch gute schauspielerische Leistung übertüncht. So lange, bis sie nicht mehr spürbar waren.

Und es sind viele Fragen offen in diesem Leben. Die eigene Herkunft, die Kindheit und Jugend, seine strenge Erziehung und Prägung fern vom Elternhaus. Die fehlende Zuneigung des Vaters, der frühe Tod seiner Mutter im Kindbett, das Abschieben nach England, tiefe Bindungen und Leidenschaften, die dort entstanden. Die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen, der Druck, immer entsprechen zu müssen, die Konventionen, denen er nicht entfliehen kann und die Leidenschaft, die nie erwidert wird.

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein ganzer Kosmos der Vergangenheit öffnet sich Old Filth in diesen sehr lichten Momenten der Einsamkeit, in denen ihn die Trauer um „seine“ Betty übermannt. Als sein größter Feind und Kollege aus Hongkong plötzlich sein Nachbar wird, reift in ihm der Entschluss, seinem eigentlichen Leben auf die Spur zu kommen. Es ist nie zu spät, die eigenen Wurzeln auszugraben, auch wenn dies ein sehr schmerzhafter Prozess ist und Dinge ans Tageslicht bringt, die man nie vermutet hätte. Auch über Betty…

„Filth fuhr die Einfahrt hinunter und Richtung Zukunft.“

Ein untadeliger Mann“ besteigt unsicher sein Auto und beginnt die Reise zu sich selbst. Großartig erzählt, dicht und authentisch, versnobt und typisch britisch, bis der Vorhang fällt. Manchmal humorvoll und oftmals traurig, detailreich und bildhaft bringt uns Jane Gardam eine Epoche der Weltgeschichte und damit auch einen besonderen Mann nahe, mit dem wir allerdings an keiner Stelle dieses Romans tauschen wollen. Der uns aber verschmitzt anzulächeln scheint, als wolle er sagen:

Du bist auch nicht so untadelig, wie du scheinst… Oder?

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Und was kommt da auf uns zu? Na, ich bleibe am Ball….

Die Fortsetzung „Eine treue Frau“ lässt nun endlich Betty zu Wort kommen.

Eine treue Frau - Jane Gardam - AstroLibrium

Eine treue Frau – Jane Gardam – AstroLibrium

Das Finale folgt im Oktober 2016 mit einem Knalleffekt. „Letzte Freunde„.

Ein untadeliger Mann - Old Filth - Die Trilogie von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann – Old Filth – Die Trilogie von Jane Gardam