1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer - Astrolibrium

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Er ist ein literarischer Wiederholungstäter. Er schreibt ohne eigentlich zu schreiben. Er erstellt zeitgeschichtliche Collagen, ohne zu werten. Er fügt unterschiedliche Quellen zu Chroniken einer Zeit zusammen, die sich kaum chronologisch fassen lässt. Er lässt seine Leser im Wimmelbild seiner Text-Vernissagen umherirren, interpretieren, werten und schlussfolgern. Er konfrontiert uns mit den Schnipseln einer Realität, die an keiner Ecke so richtig zusammenpassen und doch ein Gemälde ergeben. Die Deutungshoheit überträgt der Quellensammler an seine Leser. Die Rede ist von Herbert Kapfer.

Er ist Wiederholungstäter. Die verborgene Chronik 1914 – 1918 folgte der guten Tradition eines Walter Kempowski. Sein Echolot“-Projekt zum Zweiten Weltkrieg umfasst zehn Bücher mit mehr als 7500 Seiten. Eine Zeitscheiben-Montage historisch verbriefter Quellen, die heute als epochale Chronik gilt, ohne die man Geschichte nicht verstehen kann. In der Tradition dieser Collage ging auch Kapfer in seiner verborgenen Chronik vor. Reale Quellen, Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel und Tagesbefehle sind exemplarische Grundlagen zum Gesamtverständnis der Menschen im Weltenbrand. In meiner Sammlung relevanter Literatur zum Ersten Weltkrieg nimmt diese Chronik einen bedeutenden Platz ein.

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1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Als ich nun Herbert Kapfers neues Werk 1919 – Fiktion entdeckte wurde ich zum Wiederholungsleser. Nicht ohne im Vorfeld mein besonderes Augenmerk auf ein Wort zu richten, das ich nicht mit seiner Erzähltechnik in Einklang bringen konnte: Fiktion. In der verborgenen Chronik kommen der kleine Mann und die kleine Frau zu Wort. Es sind ihre Stimmen, die uns ein Stimmungsbild vermitteln. Hoffnungen, Zweifel, Trauer, Hass und Führerglaube. All dies belegt durch reale Quellen. In seiner Annäherung das Ende des Ersten Weltkriegs bricht er nun mit seiner bisherigen Technik. 1919. Ein Jahr nach der Niederlage, nach der bedingungslosen Kapitulation und nach dem verhängnisvollen Friedensvertrag von Versailles, begeben wir uns an seiner Seite in die kläglichen Reste eines zerschlagenen Kaiserreichs. Deutschland am Boden.

Auch hier erweckt Herbert Kapfer den Anschein der Authentizität. Das Gewirr der einzelnen Stimmen passt zu meiner Erwartungshaltung. Die Quellen weisen darauf hin, dass der Sammler sich auch hier in seiner Recherche an Zeitzeugenaufzeichnungen in Hülle und Fülle bedient hat. Heimkehrende Soldaten, Offiziere, Politiker, Revolutionäre, Verliebte und entmachtete Ex-Monarchen kommen zu Wort. Hier orchestriert Kapfer die Stimmvielfalt brillant. Das Mosaik verdichtet sich zum sonoren Klang einer Melancholie, die zur Volksstimmung wird. Die Zersplitterung der politischen Ideologien, die Implosion des Kaiserreichs wird spürbar. Mangel, Hunger, Unzufriedenheit und Unmut greifen um sich und werden zu Bestimmungsgrößen des Alltags.

Herbert Kapfer nimmt uns mit auf die Barrikaden, lässt uns Fahnen schwenken und Parolen rufen. Er macht uns zu Revoluzzern und Anarchisten, zu Kommunisten und zu militanten Soldatenräten. Er macht uns zu Zeugen von Attentaten und lässt den Kampf gegen jeden politischen Gegner im Mord an Rosa Luxemburg und Ernst Liebknecht gipfeln. Es fühlt sich komplett an, was er an Mosaiksteinen präsentiert. Ich denke dabei an meine Großeltern. Verstehe, wie sie empfunden haben müssen und wonach sie sich in diesem Jahr nach dem Untergang gesehnt haben. Stabilität und Konsolidierung. Eine Hoffnung, die im Ruf nach dem starken Mann gipfelte. Der rote Teppich für Adolf Hitler scheint schon hier gewoben zu werden.

Doch dann stoße ich im Wimmelbild auf Romanfiguren, die mir ins Gewissen reden. Ich bin unter Wasser in der geheimen Welt eines Joseph Delmont, der 1925 mit seiner Science-Fiction-Erzählung „Die Stadt unter dem Meere“ eine Legende von den Resten der kaiserlichen Marine spinnt, die in einem verborgenen Unterseehafen überdauert hat und auf Rache sinnt. Der starke Mann in Form der alten Kriegsflotte ist unterwegs. Was hat das in diesem Buch zu suchen? Warum dürfen fiktionale Charaktere Ausgrenzung betreiben und Stimmung gegen Juden machen? Warum ist Nathaniel Jünger und sein deutsch-nationalistischer Roman „Volk in Gefahr“ so disponiert zu finden? Besteht hier nicht die Gefahr, dass Kapfer seine Recherchen entwertet? Sie auf eine erfundene und damit angreifbare Ebene hebt?

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1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Keineswegs. Das Spiegelkabinett seiner Quellen zeigt uns nur, wie schwer Geschichte zu fassen ist. Es zeigt uns, wie beeinflussbar wir heute durch Fake-News und Gerüchte sind. Kaum vorstellbar, man würde die Welt des Jahres 1919 um die heute verfügbaren Sozialen Medien wie Facebook oder Instagram erweitern können. Was wäre echt? Wo würde man Ursachen und Wirkung finden? Was ließe sich belegen oder beweisen? Im Vermischen von Realität mit Lug und Trug liegt die Stärke dieses Buches. Man fühlt an allen Ecken und Kanten die gleiche fatale Stimmung im Land. Ob real oder fiktional. In jeder Faser schreit alles nach Revanche und Rache. Neuordnung wird angetrieben und zerfasert im inneren Machtkampf.

Wir sehen uns selbst in diesem Spiegelkabinett und beginnen die Zeitscheibe mit der unseren zu vergleichen. Wie manifestiert sich Unzufriedenheit, wie kann man sie befeuern, warum gipfelt die Suche nach mehr Autorität und Stabilität immer im Streben, Sündenböcke zu präsentieren, worauf basiert völkisches Denken und der Hass auf das Fremde, wie entsteht Radikalisierung und sind Fake-News von heute die Propaganda von einst? „1919 – Fiktion“ veranschaulicht die Automatismen der Radikalisierung. Hier wird die eigene Verantwortung, die eigene Schuld, die eigene Mitbeteiligung geleugnet. Das ist der erste Schritt. Dann ist man frei, um sich gegen Andere zu erheben. Sie an den Rand zu drängen. Sie zu Schuldigen zu machen. Und dann? Der Rest ist bekannt.

Herbert Kapfer hat mich auch diesmal überzeugt. Die Mischung ist gelungen, der Mix perfekt abgestimmt. Wie ein DJ aus dem Jahr 1919 legt er brillant auf. Der Sound ist authentisch, auch wenn sich einige künstlich erzeugte Töne eingemischt haben. Der Abgesang auf das untergegangene Kaiserreich wird zum Gefangenenchor einer Nation, die ihre Freiheit auf dem Rücken der Unterdrückten finden wird. Hier wird die Lunte zur nächsten Explosion angezündet. Die Botschaft trägt. Das Spiegelkabinett wird zu einer Geisterbahn, deren Ausgang wir kennen. Von 1919 bis 1945 ist es nicht weit. Nicht mal zwei Generationen waren in der Lage, den Weltenbrand gleich mehrfach zu entzünden.

Ich blicke in meinem Lesen auf meine kleine Bibliothek zum Ersten Weltkrieg und bin dankbar für zwei Perspektiven, die ich für unverzichtbar halte. Florian Illies erzählt die Geschichte vor dem Krieg. Wie Kempowski und Kapfer (ohne Fiktion). „1913 Der Sommer des Jahrhunderts“ und „1913 Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ lässt die Quellen sprechen. Künstler, Intellektuelle und kleine Leute. Aufbruch, Zweifel, Hoffnung und erste Schlieren am Horizont zeigen hier, wie leichtgläubig und frohgemut die Welt auf den Winter zustrebte. „1919 – Fiktion“ erzählt das brutale Erwachen nach dem Weltenbrand. Kapfers Echolot lässt fiktionale Ausschläge zu, was der Kraft seiner Collage eine Dimension verleiht, die uns heute ins Mark trifft. Ich bete darum, dass wir uns im Jahr 2019 nicht in einem Jahr befinden, das später einmal von einem Autor als „Das Jahr davor“ beschrieben wird. Wir trügen Mitschuld daran. In jeder Beziehung.

1919 – Fiktion“ von Herbert Kapfer / Verlag Antje Kunstmann / 424 Seiten / 25 Euro

Ein Gedanke zu „1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

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