Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason - Astrolibrium

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Ja, er ist zweifelsohne ein großer Erzähler. Daniel Mason hat nicht nur einen guten literarischen „Riecher“ für neue und unverbrauchte Themen, die er in seinen Romanen zu großen Geschichten verdichtet. Er ist in der Lage, seine Leser in die Geschichte zu entführen. Zeitreisen in längst vergangene Epochen sind seine Spezialität. Recherchen und präzise historische Einordnungen zeichnen sein Werk aus und es ist der Ton, der hier die Musik macht. Es gelingt ihm, seine Charaktere so in die historischen Epochen einzubetten, dass sie aus der Zeit in unsere Arme fallen. So entsteht das Gefühl, nicht nur ein Buch zu lesen, sondern ein altes Familienalbum zu öffnen und Teil einer bisher unerzählten Geschichte zu werden. „Der Wintersoldat“ sorgte zuletzt für Aufsehen:

Ich schrieb in meiner Rezension zu diesem Meisterwerk: 

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… (weiterlesen)

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Der Klavierstimmer ihrer Majestät“ wirkt nun auf den ersten Blick wie ein neuer Roman aus der Feder des erfolgreichen Autors. Dabei wurde das Buch erstmals im Jahr 2002 veröffentlicht. Die neue Aufmerksamkeit für Daniel Mason mag nun ein guter Grund für die Neuauflage dieses Romans sein, da viele seiner jetzigen Leser das Buch nicht kennen und gerne an die Anfänge des Schaffens von Mason zurückkehren. Eine Neuentdeckung kann man diesen Roman also nicht nennen. Für eine Retrospektive ist es angesichts des Alters des Schriftstellers sicher noch viel zu früh. Genießen wir also einfach einen Roman, der uns bestimmt entgangen wäre, hätte er kein Revival erlebt. Er erzählt eine lesenswerte Geschichte, die in ihrer Ausgangssituation skurril wirkt, jedoch im Verlauf der Geschichte so greifbar wird, wie man es sich nur wünschen kann.

Erinnert Ihr Euch noch an Fitzcarraldo? Klingt der Name Christoph Schlingensief in Eurer Erinnerung? Findet Ihr die Verbindungslinie? Es war die klassische Musik, der die Träume folgten. Westliche Opernmusik im Dschungel, Opernhäuser am Amazonas? Erinnert Ihr Euch an Klaus Kinski, den Opernliebhaber, der einen Dampfer über einen Bergrücken ziehen lässt, um dann auf seinem Deck ein Opernhaus zu errichten? Auch Schlingensief stellte ein Opernhaus am Amazonas in den Mittelpunkt seines Schaffens. Verrückt? Abgedreht? Wartet, bis Ihr Euch mit Daniel Mason auf den Weg nach Birma macht. Es ist auch hier die westliche klassische Musik, die im indischen Kulturkreis zu klingen scheint, wie ein Wunder.

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Nur klingt die Musik nicht so, wie sie klingen könnte. Der wertvolle Flügel, den man mühevoll auf dem Land- und Seeweg in ein britisches Militärlager transportiert hatte, ist arg in Mitleidenschaft gezogen. Das tropische Klima und ein paar gezielte Schüsse auf den Korpus des Flügels haben ihn wahrlich verstimmt. Und genau das scheint nun das größte Problem eines Oberstabsarztes der britischen Kolonialtruppen zu sein. Er sieht seine Mission gefährdet. Er sieht den Frieden und die Vormachtstellung der Engländer im umkämpften Britisch-Indien des Jahres 1887 auf der Kippe stehen. Denn es ist der Flügel, dem man nachsagt, dass er im Kampf der Kulturen wahre Wunder bewirkt hat.

So erreicht die ferne Regierung in London ein knappes Schreiben:

„Gentlemen,

man kann auf dem Erard-Flügel nicht mehr spielen, er muss gestimmt
und repariert werden. Ein auf Erard spezialisierter Klavierstimmer wird
in Mae-Lwin dringend benötigt. Das dürfte weiter keine Schwierigkeiten
machen. Es ist wesentlich einfacher, einen Mann hierher zu schicken als
ein Klavier.

Oberstabsarzt Anthony Carroll, Mae-Lwin, Shan-Staaten

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Eine explosive Ausgangssituation. Die brennende Lunte am Pulverfass eines großen atmosphärischen Abenteuer-Romans glimmt nicht leise vor sich hin. Daniel Mason lässt keinen Zweifel daran, dass nur der Londoner Klavierstimmer Edgar Drake in der Lage ist, einen ganzen Subkontinent für die britische Krone zu retten. Er reist im Auftrag der Krone nach Indien. Hier entwickelt Mason einen Erzählreichtum, der die Schatzkiste in seiner Erzählung bis zum Rand mit brillanten Handlungsfäden füllt. Es ist die Musik, die sich Raum erobert. Es ist das Klavierstimmen, das er uns nachhaltig näherbringt, es ist die Reise von London nach Indien, auf die wir uns begeben. Und es ist der Kampf der Kulturen, den wir vor Ort erleben.

Wie konnte es dem Arzt gelingen, den Frieden mit einem Klavier zu wahren? Welche Rolle spielen die War-Lords der Region? Wird es dem Klavierstimmer gelingen, diesem Flügel neues Leben einzuhauchen? Wie verändert sich das Leben von Edward Drake? Und welche Rolle spielt die geheimnisvolle Frau, der er im Militärlager begegnet? Birma entfaltet einen grandiosen Zauber. Ein indischer Schleier, undurchsichtig und magisch. Eine Reise ans andere Ende der Welt, die sich lohnt. Eine Reise, die den jungen Mann aus London an die Grenzen führt. Und darüber hinaus. Daniel Mason hetzt uns nicht in seinem Roman. Er lässt den Reise-Etappen und den Charakteren Spielraum. Er spielt auf der Klaviatur seiner Erzählkunst eine Partitur, der man atemlos folgen muss. Es ist die Liebe, die sein Erzählen prägt. Es ist die Romantik, die sich Bahn bricht. Und doch ist es wie immer bei Daniel Mason. Sein Finale ist nicht von der Stange. Es ist niemals vorhersehbar, so sehr wir uns das als Leser auch wünschen würden.

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Nein, ich mag nichts vorwegnehmen oder sogar spoilern. Manchmal findet man im Schreiben von Autoren bestimmte Muster, die sich wiederholen. Bei Daniel Mason bin ich auf eine „Verweigerungshaltung“ gestoßen, mit der sich seine Leser anfreunden müssen. Klassische und einfach gestrickte Happy Ends sind nicht sein Ding. Dafür ist die Konstruktion seiner Romane zu komplex angelegt. Und mit seinen Protagonisten ist das auch nicht zu machen. Dafür sind sie zu eigen. Passt auf Euch auf beim Lesen…

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Der Wintersoldat von Daniel Mason [Galizien 1915]

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason. Der Erste Weltkrieg. Ein Behelfslazarett in Galizien. Ein Medizinstudent, der sein Studium früher beenden darf, um als vollwertiger Arzt an der Front Leben zu retten. Ein diffuser Kriegsverlauf; eine einsame Kirche; eine Ordensschwester, die sich hier gänzlich auf sich gestellt um die Verwundeten kümmert und ebenjener „Halbarzt“, der in der Hoffnung lebt, von erfahrenen Kriegschirurgen viel lernen zu können. Doch schon seine Ankunft in den verschneiten Karpaten steht unter keinem guten Stern. Lucius Krzelewski erreicht seine Wirkungsstätte mit gebrochener Hand, völlig unterkühlt und verunsichert. Seine Frage nach dem leitenden Arzt wird von Schwester Margarete freundlich aber bestimmt beantwortet:

„Der Doktor? Haben Sie nicht gerade gesagt, das sind Sie?“

Diese Ausgangssituation verbirgt so viele Schlagworte, dass es mir unmöglich war, dieses Buch nicht zu lesen. Und genau an dieser Stelle möchte ich meinen Zugang zu diesem Roman voranstellen. Warum entscheidet man sich für ein Buch? Was ist dafür verantwortlich, dass man sich magisch zu einer Geschichte hingezogen fühlt? Was ist der Grund dafür, dass man eine Erzählung vielleicht anders liest und rezensiert, als die Mehrzahl der Leser dieses Romans. Ich finde, es ist wichtig, dies vorab zu erklären und zu verraten, welche Begriffe mich schon vor dem Lesen getriggert haben. Alles begann 1915. Ein 18jähriger junger Mann wird von heute auf morgen Soldat und findet sich, für Deutschland und den Kaiser kämpfend, schwer verletzt in einem Behelfslazarett im tief verschneiten Galizien wieder.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein Granatsplitter im Knie und ein Munddurchschuss, der ihn verstummen ließ. So lag er sprachlos und auf die Amputation wartend im verlausten Krankenbett. Er schrieb auf eine Schiefertafel: „Lieber tot, als mit einem Bein zur Mutter zurück.“ Man verzichtet darauf, das Bein abzunehmen. Man füttert ihn, versucht, die Gesichtsverletzung in den Griff zu bekommen, kämpft gegen Fieber und Entzündungen an und er muss hilflos mit ansehen, wie das Lazarett mehrfach überrannt wird. Da er nicht reden und gehen kann, wird auch er überrannt. Deutsche und verbündete Österreicher pflegen ihn, aber auch Russen, für die er nicht als Feind zu erkennen ist. Zuletzt kommt er auf zwei Beinen im heimatlichen Trier an. Am Ende einer Odyssee. Leicht hinkend bis an sein Lebensende und im Gesicht gezeichnet. Immerhin lebendig. Schweigend. Schwer traumatisiert. Und doch in der Lage, eine Familie zu gründen. Meine Familie. Mein Großvater reichte den Granatsplitter und einiges mehr an mich weiter. Wäre er damals im Lazarett gestorben, es gäbe diese Zeilen nicht.

Und nun ein Roman. „Der Wintersoldat“. Galizien. Die Karpaten. Ein Lazarett der KuK-Monarchie. Ein österreichischer Arzt, verzweifelte Zustände. Läuse, Typhus und Amputationen am Fließband. Rudimentäre medizinische Versorgung und Verwundete, deren Schicksal täglich am seidenen Faden hing. Hier könnte er gelegen haben. Dieser Gedanke war nicht mehr von meinem Lesen zu trennen, als ich mit Lucius und seiner Krankenschwester Margarete durch die Reihen der Verletzten schritt, um ihr Leben zu retten. Hier könnte er ein kleines Mosaiksteinchen gewesen sein. Unbedeutend und nur eine Zahl in der Liste der Gefallenen. Hier hätte auch meine Geschichte enden können, bevor sie eigentlich begann. Ich denke, hier wird deutlich, dass „Der Wintersoldat“ für mich kein Buch wie jedes andere ist. Und es auch niemals sein wird.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein außerordentlich scharfes Gespür für das Verborgene“ attestieren seine Lehrer dem jungen Medizinstudenten Lucius. Auf der Suche nach dem Unbekannten führt ihn sein Studium nah an die verborgenen Prozesse im Gehirn und an Störungen heran, die in der damaligen Zeit nicht therapierbar waren. Er brennt für sein Studium. Im Lazarett jedoch muss er sich der Erfahrung der Nonne Margarete unterwerfen. Sie hat alles im Griff. Sie hat Routine und sie hat die fehlenden Ärzte kompensiert. Amputationen hatte sie mehr durchgeführt, als er jemals auch nur in die Nähe von Patienten kam. Sie zeigt ihm, worauf es ankommt, steckt ihn mit ihrer selbstlosen Leidenschaft an und lässt ihn dabei nicht wie einen Anfänger aussehen. Ihre Loyalität ist signifikant für ihr Wesen. 

Daniel Mason versetzt uns schlagartig in das Szenario eines Lazaretts, in dem es an allem mangelt. Seine Beschreibungen sind verstörend präzise. Es ist der verzweifelt geführte Kampf gegen Läuse, der uns auch lesend dazu bringt, uns zu kratzen. Es sind Fieberschübe und Todesängste, die uns beschleichen; es ist Trauer, der wir nicht mehr entrinnen können und es ist die Hilflosigkeit jener Helfer, die wir nachvollziehen können, wenn wir mit ihnen am OP-Tisch stehen. Mason schildert alle Facetten von Verletzung und Traumatisierung, die einen Kampf so hoffnungslos erscheinen lassen. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Empathie angesichts des Grauens wirkt wie die unsichtbare Klammer, die alles zusammenhält. Die Frustration über diejenigen, die das Lazarett heimsuchen, um frontfähige Soldaten zu rekrutieren, macht sprachlos.

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Es verwundert nicht, dass der ins kalte Wasser geworfene Arzt und die erfahrene Krankenschwester sich in diesem Chaos menschlich nähern. Ihre Beziehung stößt mit jedem Gedanken an neue Grenzen. Und doch verlieren sie sich ineinander. Nonne und Arzt. Hier an der eisigen Front. In der Einsamkeit einer chaotischen Insel verletzter Körper und Seelen. Als „Der Wintersoldat“ eingeliefert wird, ändert sich alles. Es sind psychische Schäden, die ihn fast lähmen. Das Kriegszittern, die Panikattacken, die nun um sich greifen, sind kaum zu beherrschen. Dazu kommt noch die Befürchtung, dass er als Simulant und Deserteur verurteilt und erneut ins Gefecht geworfen wird. Margarete und Lucius beschließen, diese arme Seele zu retten. Ein Plan, der zum Fiasko wird.

Eine verbotene Liebe in unmöglichen Zeiten verleiht dem Roman eine emotionale Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Die individuellen Schicksale der Soldaten lassen keinen Spielraum für ruhige Lesephasen. Die Zustände im Lazarett verstören im wahrsten Sinne des Wortes. Und doch legt Simon Mason einen unaufgeregt verfassten und ruhigen Roman vor. Sein Kraft strahlt von innen heraus. Die Wucht der Geschichte entfaltet sich im Leser. Ein Pageturner ohne künstlichen Brandbeschleuniger. Der Krieg trennt zwei Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diesem Chaos füreinander bestimmt zu sein scheinen. Lucius` Suche nach Margarete wird zur Odyssee durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Mitfiebern garantiert…

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Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Es waren solche Ärzte und Krankenschwestern, die meinen Großvater retteten. Es waren solche Menschen, die bei ihm eine Ausnahme machten, die riskieren mussten, aus ihm einen Drückeberger zu machen, denn das Ziel der Kriegschirurgie lautete nur, den Verletzten so schnell wie möglich und wie auch immer erneut an die Front bringen zu können. Es waren solche Menschen, die ihm beistanden, als er selbst rettungslos in Schweigen und Schmerz versank. Es waren solche Menschen, die mich ermöglichten. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber so. Und vielleicht findet sich ja genau hier einer der wesentlichsten Gründe für meine persönliche Berufswahl. Warum sonst sollte ich mich genau dort wiederfinden, wo „Der Wintersoldat“ auch heute noch jederzeit eingeliefert werden könnte? Danke fürs Lesen.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason / C.H. Beck Verlag / dt. von Sky Nonnhoff und Judith Schwaab / gebunden / 430 Seiten / 1 Karte / 24 Euro

Meinem Großvater liebevoll zugeeignet. Johann Josef Jager (1897 – 1991).

Es geht weiter: Daniel Mason. Der Klavierstimmer ihrer Majestät. Auf nach Birma. Der Erard-Flügel ist verstimmt und es droht Krieg… Lesenswert, wie immer…

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