„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ich bin einer der glücklichsten Leser der Welt!

Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, da mich mein literarischer Spürsinn in den vielen Jahren meines Lesens immer wieder zu Büchern geführt hat, die mich mehr als beeinflusst und beeindruckt haben. Es ist, als würde mir eine buchige Wünschelrute einen Weg weisen und immer dort ausschlagen, wo Tiefgang, Charakterzeichnung und Handlung einen kulturellen Dreiklang ergeben, der in seiner symphonischen Bedeutung nur als Literatur bezeichnet werden kann. (Hier können Sie weiterhören)

Ein Monat auf dem Land – Die Rezension fürs Ohr

Das Glücksgefühl, auf eine solche literarische Goldader zu stoßen, kann ich sehr leicht in Worte und Bilder fassen. Es sind buchige Jubelsprünge der ganz besonderen Art, die mich selbst denkend, fühlend und schreibend in neue Sphären meines Geistes vorstoßen lassen und eine Menge Literatur-Adrenalin freisetzen. Während des Lesens posaune ich schon gerne heraus, was mir gerade widerfährt, auf welcher Welle ich im Moment reite und wie sehr mich das Glücksgefühl beflügelt, einen solchen Schatz mein Eigen nennen zu dürfen.

Nicht zu vergessen, die Sehnsucht und Wehmut, die mich überfallen, wenn ich nur daran denken muss, ein gerade liebgewonnenes Buch nach dem letzten Kapitel wieder verlassen zu müssen. Melancholie, Euphorie und Rapid-Eye-Movement sind deutliche Symptome, wenn ich am Ende der Wünschelrute spüre, dass eine Goldader direkt vor meinen Augen liegt. So und nicht anders ging es mir erst vor einigen Tagen, als ich ein Buch aufschlug, das mir vom Titel her eine kleine Auszeit in Aussicht stellte.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr, erschienen im DuMont Buchverlag.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Wie findet man seinen Frieden nach dem Krieg?

Ein Leitmotiv, dem ich schon in vielen Romanen gerne gefolgt bin. Auch hier wird es schnell zur Ausgangssituation meines Lesens, da ich vor wenigen Tagen ein Buch beendet habe, das sich dieser Frage verschrieben hat. Zwei Romane mit einem tiefen literarischen Grundton, der mich erneut zu faszinieren wusste. Zwei Charaktere, die so viel gemeinsam haben. Der Eine kehrt nach dem Krieg nach Australien zurück, sucht in der Abgeschiedenheit eines Leuchtturms nach der inneren Balance und findet dabei zu den wahren Werten des Lebens zurück. Auch, wenn dies ein steiniger Weg ist.

Der Andere steigt im idyllischen Oxgodby aus dem Zug und beginnt, in der kleinen Kirche des Dörfchens ein mittelalterliches Fresko zu restaurieren. Nordengland und die tiefe ländliche Einsamkeit geben hier den Ton an. Wir schreiben das Jahr 1920. Viele Männer sind nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was sie auf den Schlachtfeldern in Flandern oder in Artois verloren haben.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman machte mich zum suchenden Leuchtturmwärter und nun verwandelt mich „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr in den Restaurator einer zutiefst verletzten Seele. Ich weiß, wo Männer in diesem Krieg zerbrachen. Ich kenne die Orte, die sie wie Mühlsteine zermalmten. Einer von ihnen ist Passchendaele nahe Ypern. Auch Tom Birkin wurde dort gebrochen. Seitdem besteht seine Mimik aus wilden Zuckungen und seine Nächte sind von Schreien erfüllt.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ebenso, wie mich das Bild des einsamen Leuchtturmwärters fasziniert hat, trägt in diesem Roman aus der Feder des bereits 1994 verstorbenen Autors das Bild eines Menschen, der in der tiefen Beschäftigung mit einem übertünchten Kunstwerk Schicht um Schicht eine Vergangenheit freilegt und dabei auch sich selbst immer näher kommt. Dabei schreibt J.L. Carr nicht minimalistisch, wie man es angesichts der nur 158 Seiten seines Romans vermuten könnte.

Ganz im Gegenteil. Es entwirft ein sehr komplexes Bild dieser Zeit, in dem sowohl die Menschen des kleinen Ortes, als auch die beiden eigentlichen Hauptcharaktere Birkin und Moon sehr konturiert und hintergründig beschrieben werden. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie der Hölle des Krieges entronnen sind, sondern zwei ziemlich geheimnisvolle Aufträge, die sie getrennt voneinander nach Oxgodby führten. Das Erbe einer alten Dame verheißt der Kirchengemeinde ein sattes Sümmchen, wenn man das ewig verschwundene Kirchengemälde freilegt und das Grab eines Verwandten aufspürt.

Während Tom Birkin in der Dorfirche ein verborgenes Kunstwerk in neuem Licht erstrahlen lässt, gräbt sich Charles Moon durch den Gottesacker der Gemeinde. Beide legen mehr frei, als sie es jemals vermutet hätten. Dabei ist es gerade Tom Birkin, der diese ruhigen Momente auf dem Gerüst innerhalb der Kirche extrem genießt, stehen sie doch im krassen Gegensatz zum Granatenhagel, dem er im Krieg ausgesetzt war. Hier enttraumaisiert sich der geschundene Geist. Hier entspannt sich der Körper. Hier wird nicht nur ein Gemälde freigelegt. Schicht für Schicht kommt auch Tom ans Tageslicht.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Die wahre Kunst dieses Romans liegt in den parallelen Welten, die J.L. Carr hier meisterlich skizziert. Welten, die für sich genommen einzigartig sind, in der deutlichen Überlagerung jedoch beginnen, sich auf das andere kleine Universum auszuwirken. Das träge Oxgodby beginnt Wunder zu wirken, weil die Menschen des kleinen Fleckens so unverfälscht ländlich naiv und unvoreingenommen sind, dass man sie ganz einfach lieb gewinnen muss. Diese Ruhe strahlt auf Tom Birkin aus und auf der anderen Seite bringt er genau das Leben in den Ort zurück, das dort wie das Gemälde übertüncht war.

Es wundert nicht, dass Tom Birkin nicht nur ein Gemälde vom Staub befreit. Es wundert nicht, dass er Farbe ins Leben dieser Menschen bringt, deren Farblosigkeit für ihre Lebensweise steht. Es wundert nicht, dass Tom Birkin viel mehr enthüllt, als er je enthüllen sollte und wollte. Besuche in seiner Kirche nehmen zu. Tom wird beobachtet. Nicht nur mit unschuldigen Blicken, sondern auch mit den Augen einer Frau, für die er alles vergessen würde. Gäbe es da nicht genau zwei Probleme und wären da nicht die übermächtigen Moralvorstellungen der 1920er Jahre.

In der Rückschau auf sein Leben betrachtet Tom Birkin diese Epoche. Es ist ein zugleich wehmütiger Blick auf eine Zeit der Befreiung und der verpassten Chancen. Es ist aber auch ein Blick zurück in eine Zeit, die durch frisch vernarbte Wunden und nie bewältigte Verluste gekennzeichnet war. Die Zeit nach einem Krieg ist keine normale Zeit. Hier atmet man durch, horcht in sich hinein und schreckt nachts schweißgebadet auf. Die ersten zarten Pflänzchen von Gefühl beginnen zu sprießen. Eine große Zeit für große Romane.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

J.L. Carr gelang mit „Ein Monat auf dem Land“ ein absolutes Meisterwerk. Diese Tiefe hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht erwartet, mich nachts vor einem Gemälde wiederzufinden, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, schichtweise klarer zu sehen, Schützengräben zu durchrobben und erst in einer Kirche zur Ruhe zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, mitten im Roman zu hoffen, dass ich bitte länger als nur einen Monat auf dem Land bleiben dürfte.

Nichts von alledem hatte ich erwartet. Und nun sitze ich hier als der wohl glücklichste Leser der Welt. Ich bin wundervollen Menschen begegnet, habe viel von ihnen gelernt und habe mich zweifelsohne mit Tom Birkin unsterblich verliebt. Im eigentlichen Sinn ist Oxgodby das verborgene Gemälde, das es zu enthüllen galt. In ihm liegen alle Wunder der Welt verborgen. Hier kann man glücklich werden und hier lässt es sich leben. Und hier stößt man auf eine Vergangenheit, die ihre Spuren auf ewig hinterlassen hat.

Vale. Lebwohl. Die lateinische Inschrift auf dem Steinsarg einer längst im Mittelalter verstorbenen Geliebten zeigt die Atmosphäre, die über dieser Landschaft schwebt. Sie zeigt die Sehnsuchtsmomente, auf die man überall stößt, wenn man den Schleier hebt. Sie sagt alles aus, wenn man das steinerne Bildnis der jungen Frau betrachtet, die den Sarkophag zu verlassen scheint. Es gelingt ihr nicht. Es ist nur ein Bildnis in Stein. Ich wünschte, ich könnte so wie sie immer in Oxgodby bleiben.

So bleibt mir nur ein zartes „Vale“…

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein kleines Goodie zum Schluss: Der Trailer der englischen Verfilmung. Diese Bilder!

Der Nachlass Domenico Minettis von Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

„Gibt es ein Band zwischen den Zeiten?“

Eine Frage, mit der ich mich nicht nur literarisch oft beschäftige! Eine Frage, die für mich mit den Begriffen Familie und Herkunft, Heimat und Erbe verbunden ist. Eine Frage, die für mich beantwortbar ist, weil mein Stammbaum kein Geheimnis für mich ist. Was aber, wenn man entwurzelt ist, wenn die eigene Identität nicht mit einer Familie in Einklang zu bringen ist, weil man sie einfach nicht kennt. Wie viele Kinder sind in den großen und kleinen Kriegen von ihren Eltern getrennt worden? Wie viele Menschen fragen sich noch heute, warum sie so sind, wie sie sind.

Der Roman „Sonnenschein“ von Daša Drndić hat für mich Maßstäbe gesetzt. Wie nur kann man seine Identität finden, sein eigenes Leben führen, wenn man den Eltern im Krieg weggenommen wird, wenn man in Pflegefamilien groß wird und das Erbe, das man in sich trägt, nicht versteht oder zuordnen kann. Der Holocaust hat viele Kinder entwurzelt. Und ewig währt seitdem die Suche. Eltern suchen ihre Kinder und Kinder versuchen die Lücken in ihrer Vita zu schließen, um zu verstehen. Kein Phänomen aus der Vergangenheit. Auch eines, das heute Flüchtlingen droht. Kindern, die allein dort ankommen, wo eigentlich Familien ankommen sollten.

Wie sie sich in dreißig oder vierzig Jahren fühlen, wie sich ihre Kinder fühlen, das kann man heute nur erahnen. Wenn man es aber nicht nur ahnen, sondern auch fühlen möchte, dann kann man sich mit guten Büchern beschäftigen, die dieses Thema in den Mittelpunkt stellen. Ich war sehr gespannt auf ein Buch, das alles versprach, wenn der Klappentext zutreffen sollte. Ich wollte in eine Zeit eintauchen, die durch die Geschichte meiner Familie von unterschiedlichsten Erinnerungen geprägt ist. Der Erste Weltkrieg, ein Kriegsgefangenenlager und ein italienischer Soldat, dessen Vermächtnis die Zeit überdauert und eine Brücke zu einer Frau schlägt, die bis heute an den großen Fragen zu ihren Wurzeln gescheitert ist.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis von Dietmar Gnedt, erschienen im Verlag Anton Pustet, sollte es sein. Ich wollte zum Nachlassverwalter eines italienischen Soldaten im Ersten Weltenbrand werden, dessen Spuren entdecken, Staub aufwirbeln und an der Seite seiner Enkelin der Frage nachgehen, wie sehr das Schicksal eines Einzelnen bis in unsere heutige Zeit nachwirken kann. Ich wollte lesend erleben, wie sich Kreise zum ersten Mal schließen und nachvollziehen können, wie sehr dieser Krieg das Gefüge der Welt aus den Angeln hob.

Konnte ein Roman das leisten? Ist eine Geschichte in der Lage, in einem Erzählraum von genau 158 Seiten diesen Kosmos greifbar zu machen? Was konnte mir der Autor über den Ersten Weltkrieg erzählen, was ich an der Seite von Ernst Jünger noch nicht erlesen hatte. Ich war mehr als gespannt, gerade weil ich im Laufe meines Lesens sehr viele Tagebücher, Erlebnisberichte und auch Romane über eine Zeit gelesen habe, die meine Großväter als kaiserliche Soldaten in Galizien und vor Verdun erlebt haben. Ich stehe im historischen Saft und war schon ein wenig skeptisch, ob dieser Roman in mir „zünden“ würde.

Zeitsprünge kennzeichnen den Weg durch diesen Roman. Im Hier und Jetzt starten wir fast banal im Versuch, aus einem alten Gemäuer einen modernen Reitstall werden zu lassen. Ein Gestüt, das man so noch nicht gesehen hat. Der perfekte Job für einen jungen Mann mit besten Referenzen. Karl von Rößnitz übernimmt. Es ist die Chance seines noch jungen Berufslebens und mit großen Problemen ist nicht zu rechnen. Das Areal ist perfekt, der Investor stellt Geld ohne Ende zur Verfügung und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auf dem Gelände eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers der k.u.k. Monarchie aus dem ersten Weltkrieg die ersten Pferde bewundern kann.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Wäre da nicht ein kleines Problem, an dem schon Karls Vorgänger gescheitert ist. Die letzte Mieterin im heruntergekommenen Hauptgebäude dieses Lagers, die nicht zu vertreiben ist. Sie lebt in der Kommandantur, als gelte es die Kommandantur mit allen Mitteln zu verteidigen. Kein Problem für den jungen und dynamischen Karl von Rößnitz. Kündigung schreiben, persönlich überreichen und gut ist. Das hatte er sich zumindest so gedacht. Denn schon der erste Satz der attraktiven 56-jährigen Rosa Luise Minetti verändert alles:

„Ich habe nichts Persönliches gegen Sie! Wenn Sie verstehen wollen, warum ich diese Wohnung nicht aufgeben kann, müssen Sie mir zuhören. Ich meine nicht ein paar Minuten, sondern ein paar Stunden. Aber wenn Sie sich die Zeit nehmen, werden Sie verstehen!“

Er nimmt sich diese Zeit. Auch wir als Leser sollten sie uns nehmen und Rosa unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Wir werden belohnt mit einer Geschichte, die uns in eine Zeit entführt, in der es in Europa noch nicht nach Krieg roch. Eine Zeit, in der sich die Großeltern von Rosa Luise Minetti kennen und lieben lernten. Im malerischen Bassano Veneto beginnt alles im Zauber einer gemeinsamen und glücklichen Zukunft. Als mit Vinzenco der viel geliebte Sohn von Domenico und Lina Minetti das Licht der Welt erblickt schreiben wir das Jahr 1912 und genau diese Welt könnte schöner nicht sein.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Dass Domenico Italiener und Lina Österreicherin ist, spielt noch keine Rolle. Noch nicht, aber im aufziehenden Kriegsfuror nur wenige Jahre später stehen sich 1914 die beiden Nachbarn an der gemeinsamen Grenze gegenüber. Domenico wird eingezogen und erlebt den Schrecken des Krieges in seiner pazifistischen Seele. Die Trennung von Frau und Kind lastet schwer auf seiner Seele und Nachrichten aus der Heimat sind rar. Die Wirren des wilden Schlachtens enden für Domenico Minetti in dem Lager, dessen baufällige Überreste 100 Jahre später zu einem Gestüt umfunktioniert werden sollen.

Und genau hier lebt jetzt seine Enkelin Rosa Luise Minetti, deren Lebensaufgabe es ist, den Weg ihres Großvaters zu rekonstruieren. Briefe und Erzählungen schließen erste Lücken, doch erst der Kontakt zu dem jungen Mann, der ihr eigentlich kündigen soll, bringt sie auf die richtige Spur. Ein katholisches Konvent, eine Bibliothek und die Tagebücher des besten Freundes ihres Großvaters öffnen die Tür zur Geschichte. Es ist die vorletzte Tür, die es zu öffnen gilt, wenn Rosa den Nachlass Domenico Minettis finden möchte.

Hier werden wir mit Rosa in die Vergangenheit katapultiert. Eine Vergangenheit der großen Liebe, der Trennung, des Verlustes und des Verrats. Bilder bleiben haften. Der Schwur der Minettis auf dem geteilten Hochzeitsfoto, sich immer zu lieben; die Angst Domenicos im Schützengraben; der Wahnsinn des Krieges; die kleinen Wunder dieser Tage; das Gefühl von Sehnsucht; der Hass beim Eintreffen schlechter Nachrichten von Zuhause; die Krankheit im Kriegsgefangenenlager und ein kleiner Hoffnungsschimmer in Gestalt einer jungen Frau. Bilder vermischen sich und werden zu einem Gemälde aus Zeit. Einem Gemälde, das Rosas Leben in völlig neuen Farben zeichnet..

Und nicht nur ihr Leben. Auch das ihres Vaters Vinzenz Köhlhauser.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Dietmar Gnedt braucht keine tausend Seiten um die Wucht von Ernst Jünger zu erreichen. Er braucht keine tausend Seiten, um eine Liebesgeschichte zu schreiben, die alle Zeiten überdauert. Er braucht keine tausend Seiten, um die Grenzen zwischen Rosa und Karl verschwinden zu lassen. Nein. Er braucht kaum zweihundert Seiten, um uns diese tief angelegte Geschichte zu erzählen. Und dabei lässt er keine Fragen offen, bietet seinen Lesern Raum für eigene Bilder und entwickelt ein Panoramabild, das von Seite zu Seite an Schärfe gewinnt.

Romantisch, brutal, verzweifelt, verspielt, verliebt und entsetzt. Hoffend, bangend und tobend. Schluchzend, lachend und staunend. Angeekelt, verletzt und euphorisch. All diese Stimmungsbilder habe ich auf diesen Seiten gefühlt. Ein Roman, der bis ins letzte Detail „funktioniert“. Seine Botschaft ist mehr als gewaltig und mündet in das einleitende Zitat dieser Rezension:

„Gibt es ein Band zwischen den Zeiten?“

Die klare Antwort lautet JA! Dietmar Gnedt erlaubt uns, dieses Band zu berühren, da er es greifbar macht. Er ermöglicht uns, auch jenseits des Romans nach den Bändern zu suchen, die unsere Vorfahren geknüpft haben. Der Nachlass Domenico Minettis ist der Nachlass aller verlorenen Generationen. Dietmar Gnedt gelingt, was ich vorher (auch angesichts des Umfangs seines Romans) nicht glauben wollte:

Meine persönliche Überraschung 2016. Ein großer Roman!

Der erste Weltenbrand bei AstroLibrium

Der erste Weltenbrand bei AstroLibrium

Mein Lieblingszitat, das nun im Tagebuch meines Lesens zu finden ist:

Der Nachlass Domenico Minettis - Mein Lieblingszitat

Der Nachlass Domenico Minettis – Mein Lieblingszitat

„Risiko“ – Steffen Kopetzky und das Spiel des Lesens

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko. Könnt ihr euch noch an die guten alten Zeiten erinnern? Man saß im kleinen Kreis vor einem Brettspiel und verbrachte die spannenden Abende mit guten Freunden, ein paar Häppchen und Getränken, während man ganz genüsslich die Weltkarte auf dem Spielfeld betrachtete, seine eigenen Armeen in Stellung brachte und sich dabei schon überlegte, wie man es nun anstellen könnte, die ganze Welt zu erobern. Risiko.

Risiko. Und manchmal beschlich mich beim Spielen der unheimliche Gedanke, dass die Machtgelüste von heutigen Politikern und Konflikte zwischen Nationen schon seit jeher nicht anders ausgetragen wurden. Der pure Zufall regiert. Feinde und geheime Allianzen machen einem das Leben schwer und die Unvorhersehbarkeit ist das Maß aller Dinge. Fast schon beängstigend real.

Aber wer hätte gedacht, dass dieses Spiel nicht erst 1950 erfunden wurde, sondern auf einer wesentlich älteren Tradition beruht, die lange Zeit im Verborgenen lag? Wer hätte schon gedacht, dass diese besondere Art von taktischem Rollenspiel schon in der Zeit des Ersten Weltkriegs als „Das große Spiel“ in Militärkreisen gespielt wurde?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Und wer hätte es jemals für möglich gehalten, dass diese frühe Form des Spiels so ausgereift war, dass man auf realistischen Geländeplänen die großen Schlachten an der Marne oder die Umgehung der französischen Verteidigungslinien im Trockenen proben konnte? Und darf es überraschen, dass man in der Realitätsnähe dieses großen Spiels sehr schnell erkennen musste, dass die Pläne des Deutschen Kaiserreichs nicht einen Pfifferling wert waren. Nein. Das überrascht nicht.

Risiko. Diesen Namen trägt auch der gerade bei Klett-Cotta erschienene historische Roman von Steffen Kopetzky, der seinen aufmerksamen Lesern nicht nur die Zeit vor 100 Jahren plastisch und atmosphärisch dicht vor Augen hält, sondern sie auch noch zu seiner ganz eigenen Variante des „Großen Spiels“ einlädt. Eine Lesereise der ganz besonderen Art. Sie verwandelte meine täglichen Bahnfahrten in eine abenteuerliche Zugfahrt mit der Bagdadbahn und spielte mit mir Risiko…

Ein Spiel des Lesens, bei dem nicht der Zufall regiert, sondern der Autor. Ein Spiel, bei dem es um historisch verbriefte und genau recherchierte Rahmenbedingungen geht, die jedoch mit Fiktion so angereichert sind, dass ein wahrhaftig abenteuerlicher Roman entsteht, den man lesen muss, wenn man sich auch nur ein wenig für diese Epoche interessiert .

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Ein Roman, der in seiner Ausgangslage so brillant und greifbar konzipiert ist, dass man an der Kreativität kriegführender Nationen keinerlei Zweifel mehr haben kann. Dass dabei eine Geschichte entstanden ist, die in ihren Eckpfeilern tief im Boden der Realität verankert ist und sich nur die Freiheit erlaubt, den realen historischen Gegebenheiten und Personen erfundene und doch so authentische Romanfiguren zur Seite zu stellen, die für uns Augen und Ohren offen halten, ist mehr als bemerkenswert.

Nehmt euch doch einfach eure eigene Weltkarte des guten Lesens, versetzt euch in das Jahr des Kriegsbeginns auf dem europäischen Festland zurück, betrachtet das nicht ganz ausgeglichene Kräfteverhältnis der Großmächte und denkt dann gemeinsam mit dem Deutschen Kaiser und seinen militärpolitischen Ratgebern darüber nach, wie man einen solchen Krieg an mehreren Fronten gewinnen kann.

Hier setzt Steffen Kopetzky an. Hier beginnt sein Spiel. Hier breitet er seine Weltkarte aus und bringt einen mehr als 700 Seiten dicken literarischen Wälzer ins Spiel, der in der Lage ist, die Fakten des Ersten Weltkrieges umzuwälzen und uns zum Nachdenken zu bringen, was gewesen wäre, wenn… Wie die Welt ausgesehen hätte, wenn… Und wie unglaublich es doch ist, was damals tatsächlich versucht wurde.

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wie würde unsere Welt heute wohl aussehen, wenn es dem Deutschen Kaiserreich damals gelungen wäre, den heiligen islamischen Krieg auszurufen? Welche enorme Welle hätte die damalige Welt wohl erschüttert, wenn der von Deutschland losgetretene Dschihad die arabischen Länder erschüttert hätte. Und wie dumm hätten wohl die Alliierten aus der waffenstarrenden Wäsche geschaut, wenn ihr damals noch so straff organisiertes koloniales System in sich zusammengebrochen wäre?

Was? Deutscher Dschihad? Wie soll das denn gehen? Unglaublich? An den Haaren herbeigezogen! Nein, denn dieses geheime diplomatisch-militärische Unternehmen hat es tatsächlich gegeben. Eine Expedition, die 60 Angehörige der kaiserlichen Streitkräfte und mehrere diplomatisch geschulte Spezialisten mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen, durch Wüsten und Gebirge bis nach Afghanistan führte.

Ihr Ziel: Den Hauptfeind in Europa, das britische Empire dort zu treffen, wo es am verwundbarsten ist. In Britisch-Indien. Dort, wo Deutschland keine eigenen Kolonien unterhält. Wenn es ihnen gelingen sollte, die Paschtunen zum Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen im Land zu bewegen, dann würde es eben nur die eigenen Feinde treffen und den Gegner bis ins Mark treffen. Frei nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wird es gelingen, dem Risiko-Spiel durch diesen genialen Schachzug eine neue Wende zu geben?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wir begleiten den Marine-Funker Sebastian Stichnote auf seinen wirren Wegen in die Wirren des Ersten Weltkrieges. Erleben ihn an Bord des leichten Kreuzers SMS Breslau und befinden uns in seinem Kokon der zahllosen nächtlichen Funksprüche, die den Beginn des Weltenbrandes verkünden. Wir folgen ihm schließlich bis nach Istanbul und werden aufmerksamer Zeuge seiner Abstellung zu der geheimen Expedition, die dringend einen Funker benötigt. Wir fühlen mit ihm, als er an Land der ersten Liebe seines Lebens begegnet und sind stolz auf ihn, als er rein zufällig die eigenen Offiziere im „Großen Spiel“ besiegt.

Und letztlich folgen wir ihm durch die Wüste bis nach Afghanistan. In Begleitung vieler tapferer Männer, eines nicht ganz echten arabischen Prinzen, eines Reporters und guter Freunde, die für ihn immer wichtiger werden. Im Marschgepäck hat er eine komplette Sendeanlage und im Herzen nur ein einziges Ziel. Seine Verabredung nach dem Krieg. Wann immer das auch sein mag. Mittags am 6. Juni am Tower von London. Und wenn das nicht klappen sollte, dann eben am 1. Dezember am selben Ort. Während andere den Krieg gewinnen wollen träumt er von seiner Geliebten. Arjona.

Steffen Kopetzky legt mit „Risiko“ einen prachtvollen historischen Roman zum Augenreiben vor. Die Ausgangslage ist brillant und historisch verbrieft. Die Charaktere sind greifbar, sehr authentisch und bleiben bis zum Ende ihrer jeweiligen Linie treu. Die historischen Personen, denen wir auf dieser Reise begegnen (Camus, Doenitz u.v.m) sind so gezeichnet, wie wir es uns nicht besser vorstellen können und die Spannung trägt vom ersten Schuss bis zum letzten Vorhang des Romans

Es ist kein Risiko, Risiko zu lesen. Es wäre riskant, es nicht zu tun… Das Schicksal legt nicht oft einen solchen Prachtschinken auf die Weltkarte des guten Lesens…. Nehmt Risiko in Angriff… Das Buch wird euch erobern.

Zwei Romane von historischem Format

Zwei Romane von historischem Format

Für Leser von Benjamin Monferats „Welt in Flammen“ ein gefundenes buchiges Fressen. Starke historisch fundierte Romane mit einem deutlichen Fingerzeig in die Gegenwart.

„In finsteren Himmeln“ von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric - AstroLibrium

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Auswahl des ersten Lesenswegbegleiters im neuen Jahr gleicht seit ewigen Zeiten einem Ritual. Ein wenig Aberglaube schwingt immer mit, wenn ich diese emotional gesteuerte Entscheidung treffe, da genau dieses allererste Buch des Jahres oft wie ein lebenswichtiger Leitstern über meinem künftigen Lesen steht.

Diesmal vertraue ich mich dem englischen Schriftsteller Robert Edric an, der mich in seinem aktuellen Roman aus dem Steidl Verlag in die Schweiz des Jahres 1919 entführen wird. Eigentlich ein Jahr des Neubeginns, nachdem der erste Weltkrieg mehr als vier Jahre nicht nur in Europa gewütet hat. Ein erstes Jahr des tiefen Durchatmens und der puren Erleichterung, zumindest für diejenigen, die den Krieg unversehrt überlebt hatten.

Doch wer konnte das von sich behaupten, war doch angesichts der unglaublichen Opferzahlen fast jede europäische Familie leidtragend. Entweder hatte man selbst einen geliebten Menschen auf dem sogenannten Feld der Ehre verloren oder man litt unter den inneren und äußeren Verletzungen, die man in einer der vielen Schlachten erlitten hatte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Sonne lag in den letzten Jahren unter dem Pulverdampf der großen Armeen verborgen und auch nun, unmittelbar nach dem Friedensschluss war die Luft noch nicht rein. Zu viele unbeantwortete Fragen verdunkelten den Blick auf die Zukunft und In finsteren Himmeln zeichneten sich die ersten Schreckgespenster ab, die dafür sorgten, dass man schon 1919 von den Jahren zwischen den Kriegen sprechen sollte.

Die Menschheit hatte sich in ihre Refugien zurückgezogen, um Wunden zu lecken und Fragen zu stellen, auf die es kaum Antworten geben konnte. Man trauerte, versuchte zu genesen, beschäftigte sich mit der Legendenbildung, warum man den Krieg verloren haben könnte und vergaß jene, die durch ihre vielfältigen Verletzungen an den Rand der langsam erwachenden Gesellschaft gedrängt wurden.

Versehrte Männer, die so grausam verstümmelt waren, dass man sich ihres Anblicks gerne entzog und psychisch Traumatisierte, die mit ihrem Kriegszittern und den Folgen der Gasangriffe den neuen Behandlungsmethoden der Kriegsmedizin ausgeliefert waren. Über allem stand die Frage, ob sie feige waren, tatsächlich oder gespielt blind und wie lange es wohl dauern könne, bis man sie den Kriegsgerichten nach dem Krieg überstellen könnte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Ein solches Wartezimmer des Grauens finden wir in Robert Edrics aktuellem Roman „In finsteren Himmeln“. Ein Schweizer Kurort am Genfer See kommt auch unmittelbar nach dem Krieg nicht zur Ruhe. Erste Touristen versuchen, den neu erlangten Frieden in den Luxushotels vor Ort zu genießen, während die Kolonnen der Versehrten aus dem nahe gelegenen Kloster und dem angrenzenden Militärhospital zu Spaziergängen an den See gebracht werden.

Unglaubliche Bilder verstören die Bewohner und Gäste und das Unbehagen wächst. Jedes noch so kleine Geräusch lässt die Männer zusammenzucken. Der Schlachtenlärm hat deutliche Spuren hinterlassen. Rollstühle werden durch die Straßen geschoben. Männer mit bemalten Gesichtsmasken versuchen den Gesichtsverlust durch den Krieg zu verbergen und das Stadtbild wird zusehends dominiert von den Resten eines Infernos. Eine gefühlstaube Welt versucht, sich in ein neues Leben vorzutasten.

„Danach kamen die Erblindeten, gehalten und geführt, unter gutem Zureden, im Flüsterton aufgeklärt über das, was sie nicht sehen konnten. Es folgten die übrigen gehfähigen Verwundeten. Manche von ihnen bewegten sich auf eine Weise, als hätten sie das Gehen ganz verlernt und lernten es jetzt neu, wobei sie die einzelnen Bewegungsabläufe – die Koordinierung von Knochen, Muskeln, Fleisch, Wille und Energie – noch nicht recht beherrschten.“

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In dieser Zwischenwelt des Leidens gerät die 23-jährige Elisabeth Mortlake an der Seite ihrer jungen Schwägerin in den Mahlstrom aus Verlust, Trauer und Schmerz. Ihr einziger Bruder ist im Krieg gefallen und sie reist mit dessen junger Witwe in die Schweiz, um den Verlust zu verarbeiten. Der Klima- und Tapetenwechsel sollte sich positiv auf die Stimmung der beiden Trauernden auswirken, doch angesichts der Bilder, die sich ihnen täglich bieten, droht die Last nur noch stärker zu werden.

Man kann dem Krieg und seinen brutalen Folgen nicht entrinnen. Doch während ihre Schwägerin völlig zusammenbricht und selbst in einem Sanatorium behandelt werden muss, vertraut sich Elisabeth einem geheimnisvollen britischen Offizier an, der sie vom ersten Moment an fasziniert. Captain Jameson scheint ebenso gestrandet zu sein wie sie. Eine leichte Verletzung lässt ihn augenscheinlich hinken, aber er ist nicht hier, um gesund zu werden.

Er hat sich einer Aufgabe verschrieben, die sich Elisabeth nur langsam erschließt. Die finsteren Himmel scheinen ein ganz klein wenig aufzureißen und unter der geschlossenen Wolkendecke zeigen sich erste Lichtstrahlen, die sich sanft nach ihr ausstrecken. An Jamesons Seite entdeckt sie die große Welt hinter den Mauern des Klosters. Sie lernt die selbstlos helfenden Ordensschwestern kennen, trifft auf schwerst traumatisierte junge Soldaten, schwangere Mädchen ohne Zukunft und letztlich auch auf den Mann, der hinter dem Geheimnis des britischen Offiziers steckt.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Elisabeth erwacht mit jeder Begegnung mehr aus ihrer Schockstarre und erkennt, dass Trauer nichts Kollektives, sondern etwas zutiefst Persönliches ist. Nur ohne ihre Schwägerin ist sie in der Lage, den Tod ihres Bruders verarbeiten zu lernen. Captain Jameson ist dabei Fixstern und Meteorit zugleich. Er zeigt ihr, was es heißt, beharrlich zu sein und trifft sie doch immer wieder ins Mark.

„Alles, was man jetzt noch zu sehen bekommt, sind Männer wie ich, ewige Nachbeben, die Echos, die sich weigern, zu verstummen.“ Ob der Versuch, diesem Echo zu folgen ein neues Leben ans Tageslicht bringt, oder was sich zeigt, wenn der ewige Gletscher am Genfer See zu schmelzen beginnt, das liegt in der Tiefe eines groß angelegten Romans verborgen. Das große Geheimnis des britischen Offiziers ist auch ein zutiefst bibliophiles. Eine der absolut interessantesten Grundideen in einem Roman über die Nachkriegszeit wurde von Robert Edric wundervoll ausgearbeitet.

Was passiert mit einem Menschen, der vor dem Weltkrieg mit seltenen Büchern und Manuskripten gehandelt hat, wenn nach dem ersten großen Weltenbrand so viele private Büchersammlungen aufgelöst werden, dass es diesen Markt einfach nicht mehr gibt? Die Gefallenen des Krieges lesen und sammeln nicht mehr.

Dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet, die er aufwirft, erschließt sich dem Leser schnell. So ist das Leben. Es endet nicht auf Seite 459 mit einer Floskel oder einer Patentlösung. Es endet, wie ein solches Buch enden darf und kann… mit einer Sehnsucht. Eins wollt ich dir noch sagen erinnerte mich sehr an die Bilder, die ich In finsteren Himmeln fühlte. Zwei Bücher, die durch die Gesichtslosigkeit der Opfer miteinander verbunden sind. Zwei besondere Bücher in meiner Lesekette über den Ersten Weltenbrand.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric