Der Nachlass Domenico Minettis von Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

„Gibt es ein Band zwischen den Zeiten?“

Eine Frage, mit der ich mich nicht nur literarisch oft beschäftige! Eine Frage, die für mich mit den Begriffen Familie und Herkunft, Heimat und Erbe verbunden ist. Eine Frage, die für mich beantwortbar ist, weil mein Stammbaum kein Geheimnis für mich ist. Was aber, wenn man entwurzelt ist, wenn die eigene Identität nicht mit einer Familie in Einklang zu bringen ist, weil man sie einfach nicht kennt. Wie viele Kinder sind in den großen und kleinen Kriegen von ihren Eltern getrennt worden? Wie viele Menschen fragen sich noch heute, warum sie so sind, wie sie sind.

Der Roman „Sonnenschein“ von Daša Drndić hat für mich Maßstäbe gesetzt. Wie nur kann man seine Identität finden, sein eigenes Leben führen, wenn man den Eltern im Krieg weggenommen wird, wenn man in Pflegefamilien groß wird und das Erbe, das man in sich trägt, nicht versteht oder zuordnen kann. Der Holocaust hat viele Kinder entwurzelt. Und ewig währt seitdem die Suche. Eltern suchen ihre Kinder und Kinder versuchen die Lücken in ihrer Vita zu schließen, um zu verstehen. Kein Phänomen aus der Vergangenheit. Auch eines, das heute Flüchtlingen droht. Kindern, die allein dort ankommen, wo eigentlich Familien ankommen sollten.

Wie sie sich in dreißig oder vierzig Jahren fühlen, wie sich ihre Kinder fühlen, das kann man heute nur erahnen. Wenn man es aber nicht nur ahnen, sondern auch fühlen möchte, dann kann man sich mit guten Büchern beschäftigen, die dieses Thema in den Mittelpunkt stellen. Ich war sehr gespannt auf ein Buch, das alles versprach, wenn der Klappentext zutreffen sollte. Ich wollte in eine Zeit eintauchen, die durch die Geschichte meiner Familie von unterschiedlichsten Erinnerungen geprägt ist. Der Erste Weltkrieg, ein Kriegsgefangenenlager und ein italienischer Soldat, dessen Vermächtnis die Zeit überdauert und eine Brücke zu einer Frau schlägt, die bis heute an den großen Fragen zu ihren Wurzeln gescheitert ist.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis von Dietmar Gnedt, erschienen im Verlag Anton Pustet, sollte es sein. Ich wollte zum Nachlassverwalter eines italienischen Soldaten im Ersten Weltenbrand werden, dessen Spuren entdecken, Staub aufwirbeln und an der Seite seiner Enkelin der Frage nachgehen, wie sehr das Schicksal eines Einzelnen bis in unsere heutige Zeit nachwirken kann. Ich wollte lesend erleben, wie sich Kreise zum ersten Mal schließen und nachvollziehen können, wie sehr dieser Krieg das Gefüge der Welt aus den Angeln hob.

Konnte ein Roman das leisten? Ist eine Geschichte in der Lage, in einem Erzählraum von genau 158 Seiten diesen Kosmos greifbar zu machen? Was konnte mir der Autor über den Ersten Weltkrieg erzählen, was ich an der Seite von Ernst Jünger noch nicht erlesen hatte. Ich war mehr als gespannt, gerade weil ich im Laufe meines Lesens sehr viele Tagebücher, Erlebnisberichte und auch Romane über eine Zeit gelesen habe, die meine Großväter als kaiserliche Soldaten in Galizien und vor Verdun erlebt haben. Ich stehe im historischen Saft und war schon ein wenig skeptisch, ob dieser Roman in mir „zünden“ würde.

Zeitsprünge kennzeichnen den Weg durch diesen Roman. Im Hier und Jetzt starten wir fast banal im Versuch, aus einem alten Gemäuer einen modernen Reitstall werden zu lassen. Ein Gestüt, das man so noch nicht gesehen hat. Der perfekte Job für einen jungen Mann mit besten Referenzen. Karl von Rößnitz übernimmt. Es ist die Chance seines noch jungen Berufslebens und mit großen Problemen ist nicht zu rechnen. Das Areal ist perfekt, der Investor stellt Geld ohne Ende zur Verfügung und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auf dem Gelände eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers der k.u.k. Monarchie aus dem ersten Weltkrieg die ersten Pferde bewundern kann.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Wäre da nicht ein kleines Problem, an dem schon Karls Vorgänger gescheitert ist. Die letzte Mieterin im heruntergekommenen Hauptgebäude dieses Lagers, die nicht zu vertreiben ist. Sie lebt in der Kommandantur, als gelte es die Kommandantur mit allen Mitteln zu verteidigen. Kein Problem für den jungen und dynamischen Karl von Rößnitz. Kündigung schreiben, persönlich überreichen und gut ist. Das hatte er sich zumindest so gedacht. Denn schon der erste Satz der attraktiven 56-jährigen Rosa Luise Minetti verändert alles:

„Ich habe nichts Persönliches gegen Sie! Wenn Sie verstehen wollen, warum ich diese Wohnung nicht aufgeben kann, müssen Sie mir zuhören. Ich meine nicht ein paar Minuten, sondern ein paar Stunden. Aber wenn Sie sich die Zeit nehmen, werden Sie verstehen!“

Er nimmt sich diese Zeit. Auch wir als Leser sollten sie uns nehmen und Rosa unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Wir werden belohnt mit einer Geschichte, die uns in eine Zeit entführt, in der es in Europa noch nicht nach Krieg roch. Eine Zeit, in der sich die Großeltern von Rosa Luise Minetti kennen und lieben lernten. Im malerischen Bassano Veneto beginnt alles im Zauber einer gemeinsamen und glücklichen Zukunft. Als mit Vinzenco der viel geliebte Sohn von Domenico und Lina Minetti das Licht der Welt erblickt schreiben wir das Jahr 1912 und genau diese Welt könnte schöner nicht sein.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Dass Domenico Italiener und Lina Österreicherin ist, spielt noch keine Rolle. Noch nicht, aber im aufziehenden Kriegsfuror nur wenige Jahre später stehen sich 1914 die beiden Nachbarn an der gemeinsamen Grenze gegenüber. Domenico wird eingezogen und erlebt den Schrecken des Krieges in seiner pazifistischen Seele. Die Trennung von Frau und Kind lastet schwer auf seiner Seele und Nachrichten aus der Heimat sind rar. Die Wirren des wilden Schlachtens enden für Domenico Minetti in dem Lager, dessen baufällige Überreste 100 Jahre später zu einem Gestüt umfunktioniert werden sollen.

Und genau hier lebt jetzt seine Enkelin Rosa Luise Minetti, deren Lebensaufgabe es ist, den Weg ihres Großvaters zu rekonstruieren. Briefe und Erzählungen schließen erste Lücken, doch erst der Kontakt zu dem jungen Mann, der ihr eigentlich kündigen soll, bringt sie auf die richtige Spur. Ein katholisches Konvent, eine Bibliothek und die Tagebücher des besten Freundes ihres Großvaters öffnen die Tür zur Geschichte. Es ist die vorletzte Tür, die es zu öffnen gilt, wenn Rosa den Nachlass Domenico Minettis finden möchte.

Hier werden wir mit Rosa in die Vergangenheit katapultiert. Eine Vergangenheit der großen Liebe, der Trennung, des Verlustes und des Verrats. Bilder bleiben haften. Der Schwur der Minettis auf dem geteilten Hochzeitsfoto, sich immer zu lieben; die Angst Domenicos im Schützengraben; der Wahnsinn des Krieges; die kleinen Wunder dieser Tage; das Gefühl von Sehnsucht; der Hass beim Eintreffen schlechter Nachrichten von Zuhause; die Krankheit im Kriegsgefangenenlager und ein kleiner Hoffnungsschimmer in Gestalt einer jungen Frau. Bilder vermischen sich und werden zu einem Gemälde aus Zeit. Einem Gemälde, das Rosas Leben in völlig neuen Farben zeichnet..

Und nicht nur ihr Leben. Auch das ihres Vaters Vinzenz Köhlhauser.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Dietmar Gnedt braucht keine tausend Seiten um die Wucht von Ernst Jünger zu erreichen. Er braucht keine tausend Seiten, um eine Liebesgeschichte zu schreiben, die alle Zeiten überdauert. Er braucht keine tausend Seiten, um die Grenzen zwischen Rosa und Karl verschwinden zu lassen. Nein. Er braucht kaum zweihundert Seiten, um uns diese tief angelegte Geschichte zu erzählen. Und dabei lässt er keine Fragen offen, bietet seinen Lesern Raum für eigene Bilder und entwickelt ein Panoramabild, das von Seite zu Seite an Schärfe gewinnt.

Romantisch, brutal, verzweifelt, verspielt, verliebt und entsetzt. Hoffend, bangend und tobend. Schluchzend, lachend und staunend. Angeekelt, verletzt und euphorisch. All diese Stimmungsbilder habe ich auf diesen Seiten gefühlt. Ein Roman, der bis ins letzte Detail „funktioniert“. Seine Botschaft ist mehr als gewaltig und mündet in das einleitende Zitat dieser Rezension:

„Gibt es ein Band zwischen den Zeiten?“

Die klare Antwort lautet JA! Dietmar Gnedt erlaubt uns, dieses Band zu berühren, da er es greifbar macht. Er ermöglicht uns, auch jenseits des Romans nach den Bändern zu suchen, die unsere Vorfahren geknüpft haben. Der Nachlass Domenico Minettis ist der Nachlass aller verlorenen Generationen. Dietmar Gnedt gelingt, was ich vorher (auch angesichts des Umfangs seines Romans) nicht glauben wollte:

Meine persönliche Überraschung 2016. Ein großer Roman!

Der erste Weltenbrand bei AstroLibrium

Der erste Weltenbrand bei AstroLibrium

Mein Lieblingszitat, das nun im Tagebuch meines Lesens zu finden ist:

Der Nachlass Domenico Minettis - Mein Lieblingszitat

Der Nachlass Domenico Minettis – Mein Lieblingszitat

„Risiko“ – Steffen Kopetzky und das Spiel des Lesens

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko. Könnt ihr euch noch an die guten alten Zeiten erinnern? Man saß im kleinen Kreis vor einem Brettspiel und verbrachte die spannenden Abende mit guten Freunden, ein paar Häppchen und Getränken, während man ganz genüsslich die Weltkarte auf dem Spielfeld betrachtete, seine eigenen Armeen in Stellung brachte und sich dabei schon überlegte, wie man es nun anstellen könnte, die ganze Welt zu erobern. Risiko.

Risiko. Und manchmal beschlich mich beim Spielen der unheimliche Gedanke, dass die Machtgelüste von heutigen Politikern und Konflikte zwischen Nationen schon seit jeher nicht anders ausgetragen wurden. Der pure Zufall regiert. Feinde und geheime Allianzen machen einem das Leben schwer und die Unvorhersehbarkeit ist das Maß aller Dinge. Fast schon beängstigend real.

Aber wer hätte gedacht, dass dieses Spiel nicht erst 1950 erfunden wurde, sondern auf einer wesentlich älteren Tradition beruht, die lange Zeit im Verborgenen lag? Wer hätte schon gedacht, dass diese besondere Art von taktischem Rollenspiel schon in der Zeit des Ersten Weltkriegs als „Das große Spiel“ in Militärkreisen gespielt wurde?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Und wer hätte es jemals für möglich gehalten, dass diese frühe Form des Spiels so ausgereift war, dass man auf realistischen Geländeplänen die großen Schlachten an der Marne oder die Umgehung der französischen Verteidigungslinien im Trockenen proben konnte? Und darf es überraschen, dass man in der Realitätsnähe dieses großen Spiels sehr schnell erkennen musste, dass die Pläne des Deutschen Kaiserreichs nicht einen Pfifferling wert waren. Nein. Das überrascht nicht.

Risiko. Diesen Namen trägt auch der gerade bei Klett-Cotta erschienene historische Roman von Steffen Kopetzky, der seinen aufmerksamen Lesern nicht nur die Zeit vor 100 Jahren plastisch und atmosphärisch dicht vor Augen hält, sondern sie auch noch zu seiner ganz eigenen Variante des „Großen Spiels“ einlädt. Eine Lesereise der ganz besonderen Art. Sie verwandelte meine täglichen Bahnfahrten in eine abenteuerliche Zugfahrt mit der Bagdadbahn und spielte mit mir Risiko…

Ein Spiel des Lesens, bei dem nicht der Zufall regiert, sondern der Autor. Ein Spiel, bei dem es um historisch verbriefte und genau recherchierte Rahmenbedingungen geht, die jedoch mit Fiktion so angereichert sind, dass ein wahrhaftig abenteuerlicher Roman entsteht, den man lesen muss, wenn man sich auch nur ein wenig für diese Epoche interessiert .

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Ein Roman, der in seiner Ausgangslage so brillant und greifbar konzipiert ist, dass man an der Kreativität kriegführender Nationen keinerlei Zweifel mehr haben kann. Dass dabei eine Geschichte entstanden ist, die in ihren Eckpfeilern tief im Boden der Realität verankert ist und sich nur die Freiheit erlaubt, den realen historischen Gegebenheiten und Personen erfundene und doch so authentische Romanfiguren zur Seite zu stellen, die für uns Augen und Ohren offen halten, ist mehr als bemerkenswert.

Nehmt euch doch einfach eure eigene Weltkarte des guten Lesens, versetzt euch in das Jahr des Kriegsbeginns auf dem europäischen Festland zurück, betrachtet das nicht ganz ausgeglichene Kräfteverhältnis der Großmächte und denkt dann gemeinsam mit dem Deutschen Kaiser und seinen militärpolitischen Ratgebern darüber nach, wie man einen solchen Krieg an mehreren Fronten gewinnen kann.

Hier setzt Steffen Kopetzky an. Hier beginnt sein Spiel. Hier breitet er seine Weltkarte aus und bringt einen mehr als 700 Seiten dicken literarischen Wälzer ins Spiel, der in der Lage ist, die Fakten des Ersten Weltkrieges umzuwälzen und uns zum Nachdenken zu bringen, was gewesen wäre, wenn… Wie die Welt ausgesehen hätte, wenn… Und wie unglaublich es doch ist, was damals tatsächlich versucht wurde.

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wie würde unsere Welt heute wohl aussehen, wenn es dem Deutschen Kaiserreich damals gelungen wäre, den heiligen islamischen Krieg auszurufen? Welche enorme Welle hätte die damalige Welt wohl erschüttert, wenn der von Deutschland losgetretene Dschihad die arabischen Länder erschüttert hätte. Und wie dumm hätten wohl die Alliierten aus der waffenstarrenden Wäsche geschaut, wenn ihr damals noch so straff organisiertes koloniales System in sich zusammengebrochen wäre?

Was? Deutscher Dschihad? Wie soll das denn gehen? Unglaublich? An den Haaren herbeigezogen! Nein, denn dieses geheime diplomatisch-militärische Unternehmen hat es tatsächlich gegeben. Eine Expedition, die 60 Angehörige der kaiserlichen Streitkräfte und mehrere diplomatisch geschulte Spezialisten mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen, durch Wüsten und Gebirge bis nach Afghanistan führte.

Ihr Ziel: Den Hauptfeind in Europa, das britische Empire dort zu treffen, wo es am verwundbarsten ist. In Britisch-Indien. Dort, wo Deutschland keine eigenen Kolonien unterhält. Wenn es ihnen gelingen sollte, die Paschtunen zum Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen im Land zu bewegen, dann würde es eben nur die eigenen Feinde treffen und den Gegner bis ins Mark treffen. Frei nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wird es gelingen, dem Risiko-Spiel durch diesen genialen Schachzug eine neue Wende zu geben?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wir begleiten den Marine-Funker Sebastian Stichnote auf seinen wirren Wegen in die Wirren des Ersten Weltkrieges. Erleben ihn an Bord des leichten Kreuzers SMS Breslau und befinden uns in seinem Kokon der zahllosen nächtlichen Funksprüche, die den Beginn des Weltenbrandes verkünden. Wir folgen ihm schließlich bis nach Istanbul und werden aufmerksamer Zeuge seiner Abstellung zu der geheimen Expedition, die dringend einen Funker benötigt. Wir fühlen mit ihm, als er an Land der ersten Liebe seines Lebens begegnet und sind stolz auf ihn, als er rein zufällig die eigenen Offiziere im „Großen Spiel“ besiegt.

Und letztlich folgen wir ihm durch die Wüste bis nach Afghanistan. In Begleitung vieler tapferer Männer, eines nicht ganz echten arabischen Prinzen, eines Reporters und guter Freunde, die für ihn immer wichtiger werden. Im Marschgepäck hat er eine komplette Sendeanlage und im Herzen nur ein einziges Ziel. Seine Verabredung nach dem Krieg. Wann immer das auch sein mag. Mittags am 6. Juni am Tower von London. Und wenn das nicht klappen sollte, dann eben am 1. Dezember am selben Ort. Während andere den Krieg gewinnen wollen träumt er von seiner Geliebten. Arjona.

Steffen Kopetzky legt mit „Risiko“ einen prachtvollen historischen Roman zum Augenreiben vor. Die Ausgangslage ist brillant und historisch verbrieft. Die Charaktere sind greifbar, sehr authentisch und bleiben bis zum Ende ihrer jeweiligen Linie treu. Die historischen Personen, denen wir auf dieser Reise begegnen (Camus, Doenitz u.v.m) sind so gezeichnet, wie wir es uns nicht besser vorstellen können und die Spannung trägt vom ersten Schuss bis zum letzten Vorhang des Romans

Es ist kein Risiko, Risiko zu lesen. Es wäre riskant, es nicht zu tun… Das Schicksal legt nicht oft einen solchen Prachtschinken auf die Weltkarte des guten Lesens…. Nehmt Risiko in Angriff… Das Buch wird euch erobern.

Zwei Romane von historischem Format

Zwei Romane von historischem Format

Für Leser von Benjamin Monferats „Welt in Flammen“ ein gefundenes buchiges Fressen. Starke historisch fundierte Romane mit einem deutlichen Fingerzeig in die Gegenwart.

„In finsteren Himmeln“ von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric - AstroLibrium

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Auswahl des ersten Lesenswegbegleiters im neuen Jahr gleicht seit ewigen Zeiten einem Ritual. Ein wenig Aberglaube schwingt immer mit, wenn ich diese emotional gesteuerte Entscheidung treffe, da genau dieses allererste Buch des Jahres oft wie ein lebenswichtiger Leitstern über meinem künftigen Lesen steht.

Diesmal vertraue ich mich dem englischen Schriftsteller Robert Edric an, der mich in seinem aktuellen Roman aus dem Steidl Verlag in die Schweiz des Jahres 1919 entführen wird. Eigentlich ein Jahr des Neubeginns, nachdem der erste Weltkrieg mehr als vier Jahre nicht nur in Europa gewütet hat. Ein erstes Jahr des tiefen Durchatmens und der puren Erleichterung, zumindest für diejenigen, die den Krieg unversehrt überlebt hatten.

Doch wer konnte das von sich behaupten, war doch angesichts der unglaublichen Opferzahlen fast jede europäische Familie leidtragend. Entweder hatte man selbst einen geliebten Menschen auf dem sogenannten Feld der Ehre verloren oder man litt unter den inneren und äußeren Verletzungen, die man in einer der vielen Schlachten erlitten hatte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Sonne lag in den letzten Jahren unter dem Pulverdampf der großen Armeen verborgen und auch nun, unmittelbar nach dem Friedensschluss war die Luft noch nicht rein. Zu viele unbeantwortete Fragen verdunkelten den Blick auf die Zukunft und In finsteren Himmeln zeichneten sich die ersten Schreckgespenster ab, die dafür sorgten, dass man schon 1919 von den Jahren zwischen den Kriegen sprechen sollte.

Die Menschheit hatte sich in ihre Refugien zurückgezogen, um Wunden zu lecken und Fragen zu stellen, auf die es kaum Antworten geben konnte. Man trauerte, versuchte zu genesen, beschäftigte sich mit der Legendenbildung, warum man den Krieg verloren haben könnte und vergaß jene, die durch ihre vielfältigen Verletzungen an den Rand der langsam erwachenden Gesellschaft gedrängt wurden.

Versehrte Männer, die so grausam verstümmelt waren, dass man sich ihres Anblicks gerne entzog und psychisch Traumatisierte, die mit ihrem Kriegszittern und den Folgen der Gasangriffe den neuen Behandlungsmethoden der Kriegsmedizin ausgeliefert waren. Über allem stand die Frage, ob sie feige waren, tatsächlich oder gespielt blind und wie lange es wohl dauern könne, bis man sie den Kriegsgerichten nach dem Krieg überstellen könnte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Ein solches Wartezimmer des Grauens finden wir in Robert Edrics aktuellem Roman „In finsteren Himmeln“. Ein Schweizer Kurort am Genfer See kommt auch unmittelbar nach dem Krieg nicht zur Ruhe. Erste Touristen versuchen, den neu erlangten Frieden in den Luxushotels vor Ort zu genießen, während die Kolonnen der Versehrten aus dem nahe gelegenen Kloster und dem angrenzenden Militärhospital zu Spaziergängen an den See gebracht werden.

Unglaubliche Bilder verstören die Bewohner und Gäste und das Unbehagen wächst. Jedes noch so kleine Geräusch lässt die Männer zusammenzucken. Der Schlachtenlärm hat deutliche Spuren hinterlassen. Rollstühle werden durch die Straßen geschoben. Männer mit bemalten Gesichtsmasken versuchen den Gesichtsverlust durch den Krieg zu verbergen und das Stadtbild wird zusehends dominiert von den Resten eines Infernos. Eine gefühlstaube Welt versucht, sich in ein neues Leben vorzutasten.

„Danach kamen die Erblindeten, gehalten und geführt, unter gutem Zureden, im Flüsterton aufgeklärt über das, was sie nicht sehen konnten. Es folgten die übrigen gehfähigen Verwundeten. Manche von ihnen bewegten sich auf eine Weise, als hätten sie das Gehen ganz verlernt und lernten es jetzt neu, wobei sie die einzelnen Bewegungsabläufe – die Koordinierung von Knochen, Muskeln, Fleisch, Wille und Energie – noch nicht recht beherrschten.“

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In dieser Zwischenwelt des Leidens gerät die 23-jährige Elisabeth Mortlake an der Seite ihrer jungen Schwägerin in den Mahlstrom aus Verlust, Trauer und Schmerz. Ihr einziger Bruder ist im Krieg gefallen und sie reist mit dessen junger Witwe in die Schweiz, um den Verlust zu verarbeiten. Der Klima- und Tapetenwechsel sollte sich positiv auf die Stimmung der beiden Trauernden auswirken, doch angesichts der Bilder, die sich ihnen täglich bieten, droht die Last nur noch stärker zu werden.

Man kann dem Krieg und seinen brutalen Folgen nicht entrinnen. Doch während ihre Schwägerin völlig zusammenbricht und selbst in einem Sanatorium behandelt werden muss, vertraut sich Elisabeth einem geheimnisvollen britischen Offizier an, der sie vom ersten Moment an fasziniert. Captain Jameson scheint ebenso gestrandet zu sein wie sie. Eine leichte Verletzung lässt ihn augenscheinlich hinken, aber er ist nicht hier, um gesund zu werden.

Er hat sich einer Aufgabe verschrieben, die sich Elisabeth nur langsam erschließt. Die finsteren Himmel scheinen ein ganz klein wenig aufzureißen und unter der geschlossenen Wolkendecke zeigen sich erste Lichtstrahlen, die sich sanft nach ihr ausstrecken. An Jamesons Seite entdeckt sie die große Welt hinter den Mauern des Klosters. Sie lernt die selbstlos helfenden Ordensschwestern kennen, trifft auf schwerst traumatisierte junge Soldaten, schwangere Mädchen ohne Zukunft und letztlich auch auf den Mann, der hinter dem Geheimnis des britischen Offiziers steckt.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Elisabeth erwacht mit jeder Begegnung mehr aus ihrer Schockstarre und erkennt, dass Trauer nichts Kollektives, sondern etwas zutiefst Persönliches ist. Nur ohne ihre Schwägerin ist sie in der Lage, den Tod ihres Bruders verarbeiten zu lernen. Captain Jameson ist dabei Fixstern und Meteorit zugleich. Er zeigt ihr, was es heißt, beharrlich zu sein und trifft sie doch immer wieder ins Mark.

„Alles, was man jetzt noch zu sehen bekommt, sind Männer wie ich, ewige Nachbeben, die Echos, die sich weigern, zu verstummen.“ Ob der Versuch, diesem Echo zu folgen ein neues Leben ans Tageslicht bringt, oder was sich zeigt, wenn der ewige Gletscher am Genfer See zu schmelzen beginnt, das liegt in der Tiefe eines groß angelegten Romans verborgen. Das große Geheimnis des britischen Offiziers ist auch ein zutiefst bibliophiles. Eine der absolut interessantesten Grundideen in einem Roman über die Nachkriegszeit wurde von Robert Edric wundervoll ausgearbeitet.

Was passiert mit einem Menschen, der vor dem Weltkrieg mit seltenen Büchern und Manuskripten gehandelt hat, wenn nach dem ersten großen Weltenbrand so viele private Büchersammlungen aufgelöst werden, dass es diesen Markt einfach nicht mehr gibt? Die Gefallenen des Krieges lesen und sammeln nicht mehr.

Dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet, die er aufwirft, erschließt sich dem Leser schnell. So ist das Leben. Es endet nicht auf Seite 459 mit einer Floskel oder einer Patentlösung. Es endet, wie ein solches Buch enden darf und kann… mit einer Sehnsucht. Eins wollt ich dir noch sagen erinnerte mich sehr an die Bilder, die ich In finsteren Himmeln fühlte. Zwei Bücher, die durch die Gesichtslosigkeit der Opfer miteinander verbunden sind. Zwei besondere Bücher in meiner Lesekette über den Ersten Weltenbrand.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

„Schlump“ – Ein verbranntes Buch kehrt zurück

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Buch- und Literaturpreisen, da ihre Vergabe nicht immer transparent und nachvollziehbar ist. Eine fachlich kompetente Jury frisst sich bemüht durch einen Longlist-Bücherberg und lässt anschließend dem eigenen subjektiven Empfinden freien Lauf. Uns Lesern erschließt sich das nicht immer in vollem Umfang.

Da lobe ich mir die demagogische „Fachjury“ der Nationalsozialisten. Ja – richtig gelesen. Diese verblendeten Chefideologen haben 1933 einen Kanon deutschsprachiger Literatur erstellt und alle Autoren verzeichnet, die dieser menschenverachtenden Ideologie in Wort und Bild schaden konnten. Als „entartet“ und „politisch unerwünscht“ wurden sie bezeichnet und in einem diktatorischen Schutzreflex hat man diese Bücher, so wie die politischen Gegner des Regimes, unschädlich gemacht und im Rahmen groß angelegter Bücherverbrennungen den Flammen übergeben. Zuerst brannten nur die Bücher.

Die Geschichte der Nazi-Ideologie währte nicht die versprochenen 1000 Jahre. Und während man heute in der differenzierten Geschichtsschreibung die Verbrechen dieses Regimes aufgearbeitet hat, hängt über vielen deutschen Marktplätzen noch die Asche der damals verbrannten Bücher in der Luft. Sie haben sich wirklich als schädlich erwiesen und sich damit um unsere Zukunft mehr als verdient gemacht. Das Prädikat „unbrennbar“ ist für mich unverzichtbar in meinem Lesen Gegen das Vergessen. Die Botschaft dieser Bücher ist nicht in den Flammen aufgegangen.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Schlump“ verbrannte in diesen Scheiterhaufen der Literatur. „Schlump“ ging in Flammen auf und das im Jahr 1928 erstmals erschienene Buch über die Erlebnisse eines einfachen Soldaten im Ersten Weltkrieg sollte, wenn es nach dem Urteil der Nazis ging, nie mehr das Licht der Bücherwelt erblicken. Paradox, aber es schien zu gelingen. Die Botschaft des Werks sollte mit Feuer ausgelöscht werden.

Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt „Schlump“. Von ihm selbst erzählt. Harmlos kommt der Titel daher und so manche kreative Verlagsabteilung wird den Autor dieses Buches um seine Findigkeit beneiden. Aber was konnte den Nationalsozialisten so gefährlich erscheinen, dass man „Schlump“ verbrennen musste? Was war so gefährlich an der Botschaft und am Inhalt dieses Weltkriegsromans?

Genau das hat mich zutiefst Interessiert und ich habe mich dem wiederentdeckten Kleinod aus dem Verlagshaus Kiepenheuer und Witsch liebevoll angenommen. Flankiert von meiner Privatbibliothek zum Thema, von Ernst Jünger bis zu Fritz Rümmelein, bin ich Schlump in den Ersten Weltenbrand gefolgt und habe dabei versucht, die Brisanz der Erzählung aufzuspüren. Der Autor Hans Herbert Grimm hat seine eigenen Erlebnisse in diesem Buch verarbeitet und versucht, seine eigene Verzweiflung, seine Verletzungen und seine Ängste für die Nachwelt erlesbar zu machen.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Und so lernen wir ihn also kennen, jenen Schlump, der eigentlich Emil Schulz heißt. Mit gerade einmal 17 Jahren meldet er sich freiwillig in den Krieg. Die Realschule interessiert ihn nicht sonderlich, er ist eher künstlerisch veranlagt und sehnt sich nach den Erlebnissen seiner Freunde, die den Krieg noch spüren können, bevor er ja bald sein Ende findet. Zum Kummer seiner Mutter zieht der junge Schlump begeistert in den Krieg. 1915 – ein ganzes Jahr hat er schon verpasst.

Den Kriegsschauplatz Frankreich hatte er sich allerdings anders vorgestellt, als er ihn nun persönlich vorfindet. Man versetzt ihn in die Etappe. Er wird aufgrund seiner guten Sprachkenntnisse zum Verwalter einiger kleiner Dörfer hinter der Front. Etappenhengst oder Etappenschwein! So die Bezeichnung für die Soldaten, die in sauberen Uniformen weit ab vom Geschehen in Saus und Braus leben.

Schlump fühlt sich wohl in seiner Haut. Das Leben ist bequem und seine Zeit in der Etappe liest sich so locker leicht, wie die „Geschichten des braven Soldaten Schwejk“. Kanonendonner hört man nur im Hintergrund. Schlump amüsiert sich bestens, verliebt sich mehrfach und lässt es so richtig krachen. Allerdings nicht mit seinem Gewehr! So könnte es aus seiner Sicht ewig weitergehen, denn er fühlt sich zu schlau für diesen Krieg. Nur die Dummen müssen kämpfen. Das hat sich in seinem Kopf festgesetzt.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Dumm nur, dass selbst die nicht so Dummen dran glauben müssen. Das wird selbst Schlump schlagartig klar, als man ihn von seinen schweren Aufgaben entbindet und mit neuen Freiwilligen ins richtige Gefecht wirft. Vorbei das schöne Leben. Vorbei der lustig frivole und oberflächliche Ton der Erzählung. Vorbei die Textpassagen ohne Illustrationen. Vorbei… Alles vorbei.

Schlump schildert den Kampf gegen sich selbst, gegen seine Angst, gegen einen unsichtbaren Feind und der Unterton der tiefen Enttäuschung, was ihm da jetzt passiert, vervielfacht die düstere Stimmung unter Dauerbeschuss. Schon das Essenholen wird zur lebensgefährlichen Aktion, Schlafen ist riskant, das Aufstehen im Schützengraben gleicht einem Himmelfahrtskommando und der Angriff ist die Utopie menschlichen Wagemutes.

Angst schreit aus jeder Seite dieser Schilderung. Und dunkle Zeichnungen aus der Feder von Otto Guth unterstreichen dies drastisch. Die Realität hat Schlump endgültig eingeholt. Doch im Gegensatz zu den Altgedienten und Freiwilligen fühlt er sich nur noch fehl am Platz. Die Welt um ihn herum löst sich auf und versinkt im Chaos. Aus Schlump wird ein kleines Rädchen in der Masse. Sehnsuchtsvoll blickt er zum Himmel. Die Piloten sehen ihre Gegner wenigstens. Schlump verzweifelt.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Als der Krieg in sich zusammenbricht ist es vorbei mit den letzten Funken militärischer Loyalität. Schlump vollzieht seine innere Kündigung und ergeht sich in einer ungeschönten Kritik an der Führung. Völlige Inkompetenz, Eigennutz, Blindheit und das Fehlen jeglichen genialen Gedankens wirft er all jenen Offizieren vor, die er nun als bloße Etappenschweine beschimpft. Schlump desertiert und macht sich auf den gefahrvollen und illegalen Weg nach Hause zu seiner Mutter…

Hans Herbert Grimm bricht mit seinen Kriegserlebnissen mehrere Tabus, die zuvor in dieser Klarheit nicht gebrochen wurden. Er findet schöne Seiten am Krieg und ist bereit, alles zu verleugnen, wenn es in die Hose geht. Er steht zu seinen Ängsten und schreit die Ungerechtigkeit, die dem kleinen Soldaten widerfahren ist, in die Welt. Diese Botschaft ist für das Nazi-Gedankengut dramatisch und einer der vielen Gründe, den „Schlump“ einfach zu verbrennen.

Grimm mauerte ein Exemplar seines Buches in seinem Wohnzimmer in die Wand ein. Es war ihm in seiner Tragweite selbst zu gefährlich geworden. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Dolmetscher erneut an der Westfront und bekannte sich erst nach diesem Zweiten Weltenbrand zu seiner Geschichte. Sie heute in dieser Form lesen zu können schließt eine Lücke zwischen Ernst Jünger und Erich Maria Remarque. Es ist die Lücke, die zeigt, dass man manchmal im Leben ein „Schlump“ sein muss, um zu überleben.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm - Zum Ersten Weltenbrand mit einem Klick

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm – Zum Ersten Weltenbrand mit einem Klick

Weihnachten sind wir wieder da – Die ewigen Stimmen aus Verdun

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, doch wenige Tage nach Ausbruch der Kämpfe war von der Euphorie der ersten Augusttage des Jahres 1914 nicht mehr viel übrig. Europa hatte sich in einer Kettenreaktion aus Bündnisverpflichtungen gegenseitig an den monarchistischen Haaren in den Krieg gezogen und nun war die Überraschung auf allen Seiten groß, wie sehr sich dieses Schlachten von den Gefechten unterschied, die man bisher zu kennen glaubte.

In bisher ungeahntem Ausmaß dominierte plötzlich die industrielle Kriegstechnik das Geschehen an allen Fronten. Schnelle Attacken zu Pferd hatten ihre Bedeutung verloren und das plötzliche Erstarren der Fronten in Frankreich führte dazu, dass sich die Soldaten beider Seiten verbissen in ihre Stellungen eingruben. Zermürbung und Abnutzung wurden zum Kriegsziel. Erbitterte Kämpfe um nur wenige Meter Gelände bestimmten den Tagesablauf, während aus sicherer Entfernung die Artillerie tödliche Ladungen auf die Stellungen des Gegners regnen ließ.

Panzer (damals noch Tanks genannt, weil die Briten ihre ersten Versuche mit diesen Kettenfahrzeugen als Wassertransporter tarnten) und Gasangriffe veränderten sowohl physisch als auch psychisch das Kampfgeschehen. Scharfschützen demoralisierten die ruhende Truppe und die frühe Dominanz einer neuen Kriegswaffe zeigte, dass man in jeder Hinsicht und aus jeder Dimension heraus unmittelbar verletzbar war. Flugzeuge kreisten unaufhörlich über dem Schlachtfeld und die tödliche Fracht regnete auf die einfachen Frontsoldaten nieder.

Aus heutiger Sicht immer noch unvorstellbar, was es für den einzelnen Soldaten bedeutet haben muss, sich unvermittelt in einem solchen Szenario wiederzufinden, auf das er in keiner Art und Weise vorbereitet sein konnte. Orte wie „Verdun und „Fort Douaumont klingen auch 100 Jahre nach diesem Weltenbrand in unseren Ohren. Sie geraten nicht in Vergessenheit, weil in unzähligen Publikationen und Dokumentationen über diesen längst vergangenen Krieg berichtet wird.

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

In ihm sehen Historiker aller Länder den Ursprung heutiger Konflikte, denn letztlich gilt der Erste Weltkrieg als das Schlangenei, aus dem nur wenige Jahre später ein noch grausamerer ideologischer Krieg entbrannte. Ich habe in meiner Artikelserie „Der Erste Weltenbrand viele Bücher vorgestellt, die sich aus völlig verschiedenen Perspektiven diesem Urkrieg des 20. Jahrhunderts angenähert haben. Dabei stellte ich mir nur immer wieder eine Frage: Welche Originalquellen lassen den heutigen Leser ermessen, wie sich dieser längst vergangene Krieg auf die Menschen ausgewirkt hat? Sind es Tagebücher von der Front, sind es Feldpostbriefe oder hilft uns gar eine völlig andere Herangehensweise, um uns authentisch vor Augen zu halten, was es wohl bedeutet haben muss, diesem Desaster ausgeliefert zu sein.

Ernst Jünger hat mir gezeigt, dass Feldpostbriefe keinesfalls authentisch sind. Sie dienten der Beruhigung der Familie, sollten Zuversicht verströmen und unterlagen darüber hinaus der Zensur. Jüngers Feldpostbriefe sind ein deutlicher Beleg dafür, wenn man sie mit seinen vielen Tagebüchern vergleicht. Die Tagebücher selbst sind Momentaufnahmen, die ungeschönt die aktuelle Stimmungslage des Frontsoldaten vermitteln. Allerdings unterliegen sie in jeder Hinsicht der „Froschperspektive“ des engen Schützengrabens. Fehlinformationen, Desorientierung und Manipulation durch direkte Vorgesetzte kommen in ihnen zum Tragen. Der Blick ist getrübt und nicht über den Tellerrand gerichtet. Ernst Jünger hat noch viele Jahre nach diesem Krieg in seinen Tagebüchern Korrekturen vorgenommen, um Eintragungen in den jeweiligen Kontext der Ereignisse zu stellen.

Eigentlich sollte man denken, dass keine neuen Dokumente mehr auftauchen können, die unsere Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges verändern oder präzisieren können. Das Buch Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (Piper-Verlag) und die im Rahmen der Recherche dazu entstandenen Projekte haben mich eines Besseren belehrt, und zwei weitere Veröffentlichungen zogen mein Interesse an. Einerseits, weil sich beide Bücher dem Einzelschicksal auf unterschiedliche Art und Weise annähern und andererseits, weil beide Publikationen deutlich zeigen, dass die Stimmen aus Verdun nicht verstummen, selbst wenn es heute keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt, die noch erzählen können, wie es wirklich war.

Hineingeworfen von Wolf-Rüdiger Osburg

Hineingeworfen von Wolf-Rüdiger Osburg

Hineingeworfen – Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer von Wolf-Rüdiger Osburg (Aufbau Verlag) widmet sich der Frage nach dem wahren Kriegserlebnis mehr als persönlich und individuell. Seine Gespräche mit 138 Soldaten des Ersten Weltkrieges sind hierbei die Grundlage für eine Publikation, die durch mehrere Faktoren besticht. Die zeitliche Distanz zum Erlebten lässt es zu, dass die Erinnerungen in den Kontext des Krieges gestellt werden und die Erlebnisse dadurch eine Kontur erhalten, die in Tagebüchern oftmals fehlt. Die Struktur des Buches lässt es erstmals zu, Erinnerungen nach bestimmten Schlagworte und Überschriften sortiert auswerten zu können. Nicht chronologisch aufgereiht kommen hier die Zeitzeugen zu Wort. Osburg montiert Teile der „Interviews“ zu großen Themenblöcken zusammen.

  • Kriegsausbruch
  • Der Angriff
  • Bekanntschaft mit der Hölle: Verdun
  • Der erste Tag im Krieg
  • Der Feind
  • Sterben
  • Fronturlaub
  • Gefangenschaft
  • Der Militärapparat
  • Das Leben danach

Dies sind nur einige der Überschriften, zu denen die Veteranen persönlich zu Wort kommen. Auch wenn die Gespräche oftmals in Pflegeheimen geführt wurden, merkt man deutlich, was geschieht, wenn sich die Fesseln von Erinnerungen lösen, die man bisher niemandem anvertraut hat. Authentischer geht es kaum. Hier haben wir es nicht mit zweifelhaften und bruchstückhaften Fragmenten der Selbstglorifizierung zu tun. Es ist manchmal so, als würden diese Greise nun beginnen ihr Tagebuch zu schreiben. Die Angst ist wieder da, die Trauer wird fühlbar und eine erstaunliche Klarsichtigkeit über die Sinnlosigkeit des Krieges zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen.

Kritikpunkte gibt es jedoch auch. Dem Wunsch einiger Gesprächspartner folgend, wurden ihre Beiträge im Buch lediglich mit deren Initialen gekennzeichnet. F.Kn. geb. 1897 zum Beispiel. Ich versuchte mich sehr intensiv in die Gedankenwelt der Kämpfer von einst hineinzuversetzen, was mir bei bloßen Initialen absolut nicht gelang. Von den namentliche genannten „Erinnernden“ bleibt im Anhang auch nur der Name und der Beruf. Mir war das zu wenig Information zu den Menschen, denen ich folgen wollte. Ihre Aussagen sind zu bedeutend, um sie auf ihre Initialen zu reduzieren, auch wenn dies dem letzten Willen der Betroffenen entspricht. Darüber hinaus schrecke ich beim Titel des Buches immer wieder zurück, wenn von „Erinnerungen seiner Teilnehmer“ die Rede ist. Teilnahme ist etwas, das ich persönlich mit Gewinnspielen verknüpfe – nicht jedoch mit Kriegen. Dieser Begriff ist allzu verharmlosend und gefährlich. Meine persönliche Meinung.

Verborgene Chronik 1914 von L. Exner / H. Kapfer

Verborgene Chronik 1914 von L. Exner / H. Kapfer

Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) ist der erste von drei Bänden einer chronologischen Tagebuch-Collage, die mehr als 189 Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit diesem Kriegsjahr auseinandersetzt, melden sich 57 bisher unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die Tag für Tag ein dunkles Mosaik der Gefühlslage im Deutschen Kaiserreich entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben, und von denen oftmals nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, nehmen immer mehr Gestalt an und werden in ihrer unterschiedlichen Sichtweise greifbar.

Sie sind bis auf ganz wenige Ausnahmen konsequent namentlich erwähnt und im Anhang des Buches finden sich Informationen zu den Autoren, deren Zeilen wir folgen. Und wenn einmal nur die Autorenangabe „Ein Mädchen“ erscheint, dann ist dies umso interessanter, weil diese junge Frau niemals auf dem Schlachtfeld war, die Stimmung zuhause jedoch sehr pointiert auf den Punkt bringt. Man nimmt an ihren Gedanken teil, folgt ihnen auf die Schlachtfelder oder gar in die frühe Gefangenschaft. Einige Stimmen verstummen, andere kommen hinzu. Ein unglaublicher Fundus an nie veröffentlichten Impressionen, Gedanken und Gefühlen breitet sich vor dem Leser aus.

In seiner Technik mit der Vorgehensweise von Walter Kempowskis „Das Echolot“ durchaus vergleichbar, finden sich hier absolut alle Stärken und Schwächen von Tagebüchern in ihrer Eigenschaft als Primärquelle wieder. Die öffentliche Meinung wird reflektiert, Nachrichten und gesteuerter Patriotismus fließen hier mit ein und eine neutrale Haltung findet sich kaum. Viel zu großen Einfluss hat der Krieg auf das tägliche Leben. Ein Gesamtwerk, das für mich schon jetzt zu den wichtigsten Publikationen zu dieser Zeit gehört, weil erstmals der komplette Erzählraum durchschritten wird, den eine breite Bevölkerungsschicht im kollektiven Gedächtnis individualisiert formuliert.

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Nachdem ich in den vergangenen Jahren sehr viele „Sachbücher“ und fiktionale Texte zum Ersten Weltkrieg gelesen habe, kann ich einfach nur darauf hinweisen, dass es von großer Relevanz für das Verständnis von historischen Romanen ist, auf bestimmte Primärquellen zurückgreifen zu können. Plausibilität und inhaltliche Stabilität solcher Adaptionen sind oftmals fraglich und an den Autorenhaaren herbeigezogen. Viele Bücher sind jedoch herausragend recherchiert und reihen die erfundenen Protagonisten authentisch ins Geschehen ein. Eine individuelle Auswahl dieser Bücher findet ihr in der Artikelübersicht zum Thema.

Ich persönlich kann weder auf „Hineingeworfen“ oder die „Verborgene Chronik – 1914“ verzichten. Beide Bücher haben in ihrer Nachhaltigkeit Maßstäbe gesetzt und neue Perspektiven eröffnet, auf die ich bereits eingegangen bin. Ich liebe sowohl die chronologische Sondierung einer dramatischen Epoche in Form von Tagebüchern, habe aber auch den Veteranen mit großem zeitlichen Verzug zu den Ereignissen sehr gerne zugehört. Hier schließen sich für mich Kreise zwischen zwei Projekten und das zentral verbindende Element bildet die inhaltliche Klammer.

Ich werde der Verborgenen Chronik folgen und weiterlesen und auch hören, um den vollständigen Überblick über diese besondere Form des Echolots zu erhalten. Wie Kempowski suchen die Autoren des Projekts nach Signalen aus der Vergangenheit und lassen eine Collage entstehen, die schon jetzt mehr als unverzichtbar ist. Begleitet mich auf diesem Weg und versucht es doch selbst einmal mit dem Quellenstudium in den eigenen vier Bücherwänden. Das Ergebnis ist beeindruckend. Die ewigen Stimmen aus Verdun verstummen nicht und rufen uns unablässig zu, dass wir auf uns achten sollen, wenn jemand wieder zu irgendwelchen Waffen ruft.

Und diese Rufe vernehmen wir täglich… Doch man bedenke: Jeder Stein, den wir heute ins Wasser werfen, wird in genau 100 Jahren solche Bücher zur Folge haben. Wollen wir das?

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier geht´s zur Fortsetzung der Verborgenen Chronik 1915 – 1918 in Wort und Ton.

Mit einem Klick zu Realität und Fiktion des Ersten Weltenbrandes

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