Erich Maria Remarque – Hören für die Ewigkeit

Erich Maria Remarque - Hörspiele für die Ewigkeit - Astrolibrium

Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit

Er begegnet mir immer wieder, wenn ich mich mit Themen auseinandersetze, die mein Schreiben über die Literatur seit Jahren bestimmen. Erich Maria Remarque wird immer dann präsent in der kleinen literarischen Sternwarte, wenn ich über den Ersten Weltkrieg schreibe, weil er mit „Im Westen nichts Neues“ den wohl weltbekanntesten Antikriegsroman aller Zeiten schrieb. Ich treffe auf ihn, wenn ich über Autoren und ihre Bücher schreibe, die in der Zeit des Nationalsozialismus verboten waren. Immer wieder kreuzen sich unsere Wege, wenn es um das Schicksal von Flüchtlingen geht, die sich heimatlos und ausgebürgert in Sicherheit bringen müssen. „Die Nacht von Lissabon“ gehört für mich zu den eindrucksvollsten Romanen über ein solches Unterfangen. Ich finde seine Worte immer wieder, wenn es um bedeutende Briefwechsel geht, in denen Menschen die Grenzen ihrer Gefühle handschriftlich sprengen konnten. Ob es nun zu Weihnachten war, oder ob es sich um verzweifelt schöne Liebesbriefe handelte. Auch hier hat Remarque deutliche Spuren in meiner kleinen literarischen Welt hinterlassen.

Oder sollte ich besser sagen, er hat Spuren in meinen Ohren hinterlassen, da ich Erich Maria Remarque zumeist hörend Zutritt in meine Gedankenwelten gewährt habe? Ich gestehe, nur wenig von ihm gelesen zu haben. Ich liebe seine wortgewaltige und in jeder Hinsicht emotional explosive Sprache. Es sind Hörbücher und Hörspiele, die mich für Remarque eingenommen haben. Es sind Produktionen, in denen große Stimmen in seine Haut schlüpften und mir ungefilterten Zugang zu seinen Gedanken gewährten. In den letzten Tagen war ich in zwei Hörspielinszenierungen versunken, die mich mit den großen Büchern des Autors auf Ohrenhöhe brachten. Es sind die Werke, für die er in der ganzen Welt bekannt ist. Und dabei dachte ich auch an die Briefe, die ich bereits hören durfte, weil es eben auch einen anderen Remarque gibt. Den heimlich liebenden und mit Worten verführenden, sich verzehrenden Weltbürger, der ein besonderes Herz im Sturm eroberte….  Dieses Special soll euch entführen. Ich nehme euch an die Hand und berichte von einem Krieg im Westen, einer Nacht in Lissabon, einer Diva und von einem Weihnachtsbrief an die heimliche Geliebte. Remarque – Hören fürr die Ewigkeit.

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Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit

Ich trage sicherlich Eulen nach Athen, wenn ich über die zeitlose Bedeutung des Romans Im Westen nichts Neues schreibe. Ihr habt garantiert alle bereits viel über jenes Buch gehört, es ist euch in der Schule oder im privaten Lesen begegnet, oder ihr habt eine der Verfilmungen gesehen. Ja, man hat viel von jenem Paul Bäumer gehört, der sich aufgrund der patriotischen Appelle seines Lehrers mit einigen Schulfreunden freiwillig gemeldet hatte, um im großen Krieg (der später der Erste Weltkrieg genannt werden sollte) für sein Vaterland zu kämpfen. Aber haben wir diesen Roman über eine menschenverachtende Vernichtungsmühle schon einmal gehört? Sicherlich nicht. Die Hörspiel-Inszenierung von Radio Bremen – erschienen bei Der Audio Verlag – macht es möglich. 1928 erschien dieser Roman, in dem Remarque eigentlich nicht über den längst vergangenen und verlorenen Krieg schreiben wollte. Das Menschliche stand für ihn im Mittelpunkt. Die Verlorenheit des Einzelnen, die Unausweichlichkeit des Krieges und die Folgen, unter denen die Überlebenden und Hinterbliebenen zeitlebens zu leiden hatten, steckten den Rahmen dieses Antikriegsromans deutlich ab.

Dieses Hörspiel macht euch zu Ohrenzeugen eines Schlachtens, das nie zuvor so ohrenscheinlich vernichtende Wirkung auf seine Zuhörenden hatte. Die Wirkung dieser Geschichte entfaltet eine apokalyptische Atmosphäre, die Remarque zwar sehr trefflich beschrieben hatte, die hier jedoch so unmittelbar und ungefiltert zu Ohren geht, und in unsere Nervenbahnen fließt, als wäre man selbst an der Front. Schrapnellhagel und im Hintergrund explodierende Geschosse verschärfen den oberflächlichen Eindruck, man läge selbst im Schützengraben. Das jedoch ist nicht das bestimmende Wesensmerkmal dieser Produktion. Im Buch ist es der deutsche Krieg. Es ist die deutsche Front, die es auf andere Beteiligte zu übertragen gilt. Hier überlagern sich die Stimmen und aus den verzweifelten Hilferufen des Soldaten werden die international überlagerten Appelle der Kämpfer auf der Gegenseite. Dies ist ein polyglottes Hörspiel, in dem man den Ausruf, „Ich habe nur ein Leben zu verlieren“ als französisches, englisches und russisches Echo vernimmt. Hier wird die Internationalität des Leidens hörbar. Ein Erlebnis, das in die Hörspielgeschichte eingehen wird. Authentische Stimmen, bewegende Dialoge und eine starke Dramaturgie, die diesem Roman in jeder Beziehung gerecht wird, machen dieses Hörspiel zu einem echten Meilenstein des Genres. Hörenswert.

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Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit

Dass dieser Erste Weltkrieg nicht im Singular stehenbleiben würde, musste Erich Remarque am eigenen Leib erfahren. Verwundet in jenem Ersten Weltenbrand, erlebte er wie im eigenen Land der Nationalsozialismus aufbrandete. Seine Werke wurden nun verbrannt, er wurde ausgebürgert und musste fliehen. 1932 verlässt er die Heimat und bleibt aus dem Exil heraus scharfer Beobachter der Entwicklungen in der Heimat. Erst 15 Jahre nach Ende des Krieges fand er die Worte, um „Die Nacht von Lissabon“ zu Papier zu bringen. Eine zeitlose und bewegende Geschichte über eine Flucht, die sich zugleich wie die Chronik der jüngeren Geschichte Deutschlands anhört. In Lissabon ist es der Hafen, der zwei Emigranten 1942 zusammenführt. Der eine will mit seiner Frau Europa verlassen, hat jedoch weder Dokumente, Geld, noch die Schiffspapiere, die sie vor dem unausweichlichen Schicksal retten könnten. Der andere besitzt alles, was man für eine Flucht benötigt und er will es dem Fremden schenken, wenn ihn dieser in jener Nacht nicht alleine lässt und ihm bei seiner Geschichte zuhört.

In der Erzählung des Mannes kumuliert Remarque die Flüchtlingsschicksale jener Zeit unter der braunen Diktatur. Es ist die Geschichte einer verzweifelten Flucht mit seiner Frau, eine Geschichte, die zeigt, wie schnell das jüdische Leben unter Vorbehalt gestellt wurde und wie eng sich die Schlinge im Lauf der Jahre zuzog. Es ist aber auch die Geschichte des Scheiterns, in dem der Grund verborgen legt, warum er nun all sein Geld und seine Schiffspassagen verschenkt. Hier sind es nicht die lauten Effekte, die in dieser Hörspielfassung fesseln. Es sind die Stimmen der Sprecher und es ist die brillant inszenierte Dialogregie, die der Verzweiflung in dieser einen Nacht Kontur verleihen. In jeder Hinsicht ein Hörereignis, das uns vor Ohren führt, wie schnell man unverschuldet im gut geschmierten Räderwerk einer Diktatur zermalmt werden kann. Hier erinnere ich mich an Ulrich Alexander Boschwitz, der seine Geschichten nicht aus der Distanz in seine Erinnerung rief. „Der Reisende“ ist die direkte Spiegelung dieser Ereignisse und gehört im Lebensregal des interessierten Lesenden und Hörenden in die gleiche Reihe, in der man Remarque beheimatet.

In der ARD-Audiothek kann man „Die Nacht von Lissabon“ hören. Als haptische Edition ist die Produktion bei Der Audio Verlag erschienen. Empfehlenswert. Bleibt mir noch der Blick auf einen anderen Erich Maria Remarque. Den Liebenden, der sich in seinen Briefen für seine Angebetete unsterblich machte. Wer das war? Das gehört zweifelsohne zu den großen Überraschungen im Leben des großen Schriftstellers:

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe... AstroLibrium

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Der andere Remarque:Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“. Ein Briefwechsel für die Ewigkeit (Random House Audio)

So höre ich nun also. Mit Gänsehaut, denn das einst Geschriebene erwacht zu neuem Leben, wird vital, und katapultiert mich am 29. November 1937 nach Porto Ronco. Wem ich allerdings dort begegnen sollte, das hätte ich mir kaum vorstellen können. Und noch weniger vorstellbar war für mich die Adressatin dieser gefühlvollen Zeilen. Erich Maria Remarque, der Schriftsteller, der mit einem Kriegsroman zu Weltruhm gelangt war, sitzt an seinem Schreibtisch und träumt von der Anwesenheit seiner Angebeteten. Sieht sie in seine Arme fliegen, fühlt die Liebe. SIE: das war Marlene Dietrich, der Blaue Engel, die Göttin des internationalen Films.

„Das Zimmer zerfiel und die Nacht zerfiel und die Welt zerfiel und deine Lippen …“

Hörend stelle ich mir die Wirkung der Zeilen auf die Dietrich vor. Den Vamp, jene männermordende Legende, der die gesamte Männerwelt ihrer Zeit zu Füßen lag. Erich Maria Remarque lässt keinen Zweifel an einer Beziehung, die Zeilen sprechen für sich. Und doch wird erst nach dem Liebesbrief klar, was beide miteinander verband und wie es endete. Denn die Liebesbriefe der Kollektion werden von Christian Baumann, der in emotionaler und bewegender Art und Weise die ebensolchen Herausgebertexte liest, in den zeitlichen Kontext und das Leben der Verliebten eingeordnet.

Der Zartheit der Zeilen folgt eine Skizze ihrer Liebe. Es folgen die Kosenamen und auch die Grenzen, an die man gegenseitig stieß. Die Kreise schließen sich. Gefühl und Tragik gehen Hand in Hand, Antworten von Marlene Dietrich existieren nicht mehr. Die Ehefrau von Remarque, Paulette Goddard (auch eine Schauspielerin) hat sie wohl aus Eifersucht vernichtet. Was bleibt rührt zu Tränen. Nichts Handschriftliches von Marlene. Nur ein Telegramm, das Remarque am 6. September 1970 sechs Tage vor seinem Tod auf dem Sterbebett erreicht. Sechs Worte für die Ewigkeit:

„Ich schicke Dir mein ganzes Herz.“

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz - Einzigartige Briefe

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Der festliche Remarque: „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

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Erich Maria Remarque – Hörspiele fürdie Ewigkeit

Es lohnt sich also, Erich Maria Remarque hörend zu folgen. Weltliteratur aus der Feder eines facettenreichen Schriftstellers, der sich nie als Opfer empfand und sich im Lauf der Zeit freigeschrieben hatte. Der Preis dafür war hoch. Heimatlosigkeit und Ausbürgerung, Vertreibung und Verlust des „Vaterlandes“ für das er einst kämpfte. Der Gewinn war unermesslich groß. Ein Weltbürger, der die Sicht auf die Kriege verändert hat und dem Pathos zeitlebens eine finale Absage erteilte. Wir sollten ihm eine Heimat geben.

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Erich Maria Remarque – Hörspiele für die Ewigkeit

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

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Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Man kommt an den Werken von Annie Ernaux nicht vorbei. Man kann es drehen und wenden, wie man will, es gibt für mich nur eine Autorin, die in der Rückschau auf ihr eigenes Leben so schonungslos ehrlich mit sich selbst, ihren Träumen und Lieben, ihren Vorurteilen, ihrer Scham, ihrem Selbstmitleid, mit Missbrauch und Enttäuschung umgeht und sich dabei einer literarischen Reflexion unterzieht, die beispiellos ist. Annie Ernaux scheint sich durch ihr Schreiben zu befreien, von den Fesseln ihrer Geschichte zu lösen, um letztlich im endlosen Meer ihrer Kreativität so schwimmen zu können, wie es ihr ohne die Analyse ihrer Vergangenheit nicht möglich wäre. Sie scheut vor nichts zurück. Sie wagt jeden Blick hinter die Kulissen, lässt keinen Stein auf dem Anderen.

Ich folgte Annie Ernaux hörend durch die „Erinnnerung eines Mädchens“ und war an ihrer Seite, als Die Jahre vergingen. Ich beschloss diesmal, nicht die Bücher zu lesen, sondern ausschließlich den Lesungen und Hörspielen von Der Audio Verlag die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ich wurde belohnt mit intensiver Nähe, aufrichtigen Gefühlen und einer unfassbaren Stimmgewalt, die mich auf dieser Reise fesselten. Ich weiß nicht genau, ob die Bücher eine vergleichbare Wirkung in mir erzielt hätten. Hier jedoch hatte ich das unmittelbare Gefühl, Annie Ernaux zuhören zu dürfen, mit ihr im gleichen Raum zu sein und quasi aus erster Hand in ihr Leben entführt zu werden. Es ist zutiefst intim, was sie erzählt. Es ist nur für meine Ohren bestimmt. Ein exklusiveres Hörerlebnis kann man sich kaum vorstellen. Es sind Kindheitserlebnisse, Erinnerungen an das problematische Elternhaus und Emotionsmuster ihres späteren Weges, die sie mir in diesen Stunden anvertraut hat, die ich wie einen ganz persönlichen Schatz hüte. Jede Rezension fühlt sich an, wie eine Indiskretion. So tief hörte ich nie zuvor.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Auch diese Worte kommen mir wie ein Verrat an einer Schriftstellerin vor, die mir in in den letzten Stunden von ihrem Vater erzählte. Von dem Menschen, der sie prägte und zu dem sie ein so ambivalentes Verhältnis hatte, dass sie es nach seinem Tod nur kaum für sich behalten konnte. Doch wie schreibt man über seinen Vater? Wie nähert man sich einem Menschen an, den man bisher nur aus einer sehr emotionalen Distanz mit dem eigenen Leben verbunden sehen wollte? Wie schreibt man über eine Figur im eigenen Leben, von der man sich immer befreien wollte, ohne sie jetzt zu verraten? Ein Roman war ungeeignet. Das stand schnell fest für Annie Ernaux. So entstand eine sehr kritische und doch emotionale Auseinandersetzung mit ihrem Vater, die jetzt unter dem Titel „Der Platz“ als Hörspiel ihren Weg in die kleine literarische Sternwarte fand.

Annie Ernaux war 27 Jahre alt, als ihr Vater 1967 starb, wartete auf ihre erste Stelle als Lehrerin und fühlte sich an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt, an dem sie über ihr Verhältnis zum eigenen Vater und nicht zuletzt auch über sich selbst schreiben wollte. Schnell spürt man die distanzierte Liebe und die zärtliche Distanz, die sie für ihn empfand. Aber da ist viel mehr. Eine schier unüberbrückbare Klassendistanz, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, lässt aufhorchen und mich als Zuhörer, gerade weil ich selbst Vater bin, deutlich zurückschrecken. Will man als Vater nicht unbedingt, dass es der eigenen Tochter später einmal besser geht? Will man nicht alles geben, um seinen Kindern einen Aufstieg zu ermöglichen, den man selbst nicht geschafft hatte? Es packt mich in den tiefsten Gefühlsebenen, bei Annie Ernaux eine intensive Scham zu fühlen, die mit der Existenz des Vaters verbunden ist.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Er, der kleine Krämer, dem es mit dem kleinen Laden gerade mal eben gelang, seine Familie zu ernähren, findet im späteren Leben der eigenen Tochter keinen Platz. Ihre Bildung, die er ihr ermöglicht, entfernt sie immer weiter vom proletarischen Elternhaus. Die gemeinsame Sprache geht verloren. Ihre theoretisch ausgerichtete Welt geht auf Kollision zum Lebensentwurf der Eltern. Sie beginnt, sich für die komplexe Schlichtheit des Vaters zu schämen. Besuche mit Kommilitonen geraten für sie zum Fiasko. Sie ist kaum in der Lage, ihren Freundinnen zu vermitteln, dass dies das Elternhaus ist, aus dem sie stammt und dessen Werte sie eigentlich schätzen sollte. Ihr Vater entspricht seiner Tochter nicht mehr. Ein Riss geht durch das Verhältnis, das schon zuvor nicht gerade durch innige Liebe gekennzeichnet war.

Ist es Verrat am eigenen Vater, so zu schreiben? Ist es das Bildungsbürgertum, das sich hier an seinen Wurzeln vergeht oder ist es eher eine Abrechnung mit den eigenen Gefühlen, die wir hier erleben? Ich war sehr verunsichert, bis ich in den Untertönen des Erzählten deutliche Spuren von schlechtem Gewissen erkannte. Nein, Annie Ernaux ist weit davon entfernt, ihrem Vater dessen Herkunft und die fehlende Bildung zur Last zu legen. Sie zeigt nur beeindruckend auf, wo es hinführen kann, wenn man sich aus der heimischen Schlichtheit erhebt und zum Freiflug ansetzt. Wenn das eigene Elternhaus zur Last wird, ist es kaum möglich, das eigene Leben als Höhenflug zu erleben. Dieses Dilemma tobt in Annie und so verstehe ich diese Aufarbeitung als den Versuch, ihrem Vater wieder einen Platz im Leben einzuräumen. „Der Platz“, den sie ihm genommen hatte.

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Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] – Astrolibrium

Ich musste das Hörspiel oft unterbrechen, weil immer wieder Fragen auftauchten, die mich intensiv beschäftigten. Was, wenn meine eigene Tochter in einigen Jahren so über mich schreiben würde? Was, wenn sie sich später einmal von mir distanziert, weil ich nicht dem Bild entspreche, das sie gerne vom eigenen Vater hätte? Was, wenn ich mir vorstelle, sie würde sich für das hier Erlebte schämen? Und was, wenn ich nur eine Sekunde daran denke, dass all dies schon jetzt unausgesprochen zwischen uns stehen würde? Dieses Hörspiel kann verstören. Es kann aber auch dazu führen, dass man im Hier und Jetzt gemeinsame Worte findet, die diese Schranken einreißen, bevor sie uns um die Ohren fliegen. Nie zuvor empfand ich ein Hörspiel als größere Chance, sich in seiner paradoxen Vatersicht „sie soll es ja mal besser haben“ zu hinterfragen.

Annie Ernaux lebte im Gefühl, ihr Erbe auf dem steinigen Weg in ein bürgerliches Leben zurücklassen zu müssen. Der Bourgeoisie war ihre Herkunft zu schlicht. Vater Ernaux war zu schlicht. Scham begleitete sie in ihr Leben als Lehrerin und Intellektuelle. „Der Platz“ ihres Vaters ging verloren. Damit auch ihr eigener. Mit dieser Aufarbeitung hat sie beides zurückerobert und ihrem Vater auf dem schlichten Grab ein Denkmal in aller Würde und Zerrissenheit errichtet. Das Hörspiel bietet einen emotionalen Zugang zu dieser facettenreichen Denk- und Sichtweise. Es wird jener Intention der Autorin in besonderer Weise gerecht, ihre eigenen Gefühle auf den Prüfstand zu stellen. Es ist atmosphärisch, was uns im Hörspiel erwartet. Es sind rhythmische Klangmuster, die in den Vordergrund treten, wenn das Denken Luft holt. Es sind Echo-Effekte, wenn das Leben von einst sich Raum verschafft und den „Platz“ zurückgewinnt, den es verloren hat.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Und es ist die Stimme von Stephanie Eidt, die so sehr Annie Ernaux ist, wie man nur Ernaux sein kann. Sie liest nicht. Sie lebt. Sie zaudert, zweifelt, hinterfragt, erlebt und durchlebt. Sie wird emotional, wenn die Erinnerung zu schmerzhaft wird und erlöst sich selbst, wenn die Befreiung von alten Fesseln spürbar wird. Nicht sie hat den Kloß im Hals, wenn es schwer wird. Ihre Zuhörer spüren ihn mit zunehmender Dauer. Wenn dann noch gefühlvolles Gitarrenzupfen das hier Erzählte untermalt, treten Tränen in die Augen. Wenn sie im Namen von Annie Ernaux über die Rolle eines Vaters spricht, ist Ende mit Vernunft und Zurückhaltung. Dann verliert man die Distanz. Der Erzählraum weitet sich und „Der Platz“ wird zur Vision dessen, was man selbst vererben möchte.

Dem Platzverweis im Leben folgt der Freispruch am grünen Tisch der Literatur.

„Er fuhr mich auf dem Fahrrad zur Schule. Ein Fährmann zwischen zwei Ufern. Bei Sonne und Regen. Vielleicht sein großer Stolz, sogar sein Lebenszweck, dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn nur herabgeblickt hatte.“

Was, frage ich mich, kann eine Tochter schöneres über ihren Vater sagen? Dank an Annie Ernaux, danke, Stephanie Eidt. (Ein Vater) Jetzt werde ich Ernaux lesen. Es geht weiter mit „Die Scham„. Ich komme nicht los.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz und Die Scham von Annie Ernaux

Die AENEIS von Vergil [Hörspiel]

Die AENEIS von Vergil - Das Hörspiel -AstroLibrium

Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie und Trauer mit der gefallenen Stadt Troja. Und doch wollte es mir lange nicht gelingen, mich dieser umkämpften Festung so zu nähern, wie es die alten Geschichtenschreiber so gerne gesehen hätten. Es dauerte lange, bis ich „Die Odyssee“ von Homer in mein Lesen einfließen ließ. Er erzählt von der Heimkehr der Eroberer und den ewig anmutenden Reisen und Abenteuern, bis es ihnen gelingt, die Heimat zu erreichen. Nur, um festzustellen, dass sie ebenso belagert ist, wie jenes Troja, das sie in Brand gesteckt hatten.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Ich näherte mich „Circe“ an, deren Geschichte mit der des Odysseus verwoben und verbunden ist, wie untrennbare Handlungsfäden einer epochalen Erzählung. Ich las die modernisierte Fassung der „Ilias“ aus der Feder von Alessandro Baricco, in der uns vor Augen geführt wurde, wie die Geschichte von Achill verlaufen wäre, hätte es keine Götter gegeben, die hier ihre Ränke schmieden konnten. Ob Homer die Anverwandlung seines Epos gemocht hätte? Man wird es nicht erfahren. So sprach Achill jedenfalls gelang, was den Klassikern der Mythologie kaum noch gelingt. Baricco las die gottlose Fassung auf großer Bühne und fesselte mehr als 10000 Leser. Was mir jetzt noch in meiner Bibliothek fehlte, war der andere Blick auf Troja. Die Perspektive der Verlierer, die ihre Heimat verließen, um in der Fremde eine neue Stadt aufzubauen. Vergil und sein Heldenepos des Aeneas fehlte mir noch. Die „Aeneis“

Als ich jedoch die ersten Seiten der Aeneis zu lesen begann, stellte ich fest, dass ich überfordert war. Ich fand zwar zu Beginn des zweiten Gesangs des Epos das Zitat, an das ich mich aus Tania Blixens Afrika-Abgesang so gut erinnerte. Aeneas berichtet vom Untergang Trojas, von jenem seltsamen hölzernen Pferd und von den griechischen Kämpfern, die in ihm verborgen waren und von den Mahnungen der Götter, er, Aeneas solle mit seinen Getreuen fliehen und die Götterbilder Trojas in Sicherheit bringen. Im Folgenden jedoch verlor ich mehr und mehr den Faden. Nicht mehr zeitgemäß erzählt und für mich nur noch schwer zugänglich. Dem Zitat jedoch wollte ich weiter folgen.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem.
Königin, ach, du heißt mich unsäglichen
Schmerz zu erneuern“

Ich gab die Suche nicht auf und wurde für mein Warten belohnt. Die „Aeneis“ als Hörspielinszenierung des SWR auf drei CDs mit einer Laufzeit von 3 Stunden und 21 Minuten von Der Audio Verlag weckte mein Interesse. Das klang nach authentischer und doch moderner Umsetzung auf der Grundlage des Originaltextes von Vergil. Das hörte sich an, wie ein zeitgemäßes und ganz für mich gemachtes Hörspiel mit großer Besetzung und akustischer Untermalung. Klassiker auf diese Weise wieder zugänglich zu machen, scheint eine Mission der Hörbuchschmiede zu sein. „Homers Odyssee“ klang ebenso ambitioniert und katapultierte seine Zuhörer mit voller Wucht in eine Welt der Helden, Mythen und Götter. Ich habe mir viel erhofft, setzte die Kopfhörer auf und floh mit Aeneas und den Seinen aus den brennenden Trümmern von Troja.

Es ist nicht nur das große Stimmorchester, das hier zu brillieren weiß. Es handelt sich bei dieser Produktion um eine wahrlich moderne Adaptierung des Vergil-Originals, jedoch so harmonisch in unser Sprachgefühl transferiert, dass man der Handlung blind folgen kann. Der Wiedererkennungsgrad der Stimmen sorgt für unverwechselbare und Gänsehaut erzeugende Hörerlebnisse. Besonders Joachim Nottke in seiner Rolle als Aeneas weiß zu überzeugen. Emotionalität und Karisma, Götterglaube, Heldenmut und Pathos verleihen seiner Stimme in jeder Nuance der Produktion die Authentizität, ohne die man einem Helden nicht Gefolgschaft schwören würde. Das gesamte Ensemble in dieser Inszenierung hält das von der Titelrolle vorgelebte Niveau und macht uns zu treu ergebenen Gefährten. Eine Odyssee ohne Heimathafen. Eine wahre Flucht beginnt im Sinne der Götter, die alles lenken und manipulieren. Eigener Spielraum? Fehlanzeige.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Dem Hörspiel gelingen viele Dinge gleichzeitig. Es saugt seine Zuhörer tief in einen Sog einer mythologisch basierten Legende ein, ohne diese zu überfrachten. Stimmen, die eigentlich nur Nebenrollen spielen, erhalten eine unglaublich aktuelle Relevanz. Hier wird aus der Göttin des Gerüchts „Fama“ eine eigene Fakenews-Instanz. Was sie den Menschen einflüstert, ändert den Verlauf der Geschichte. Anfangs ist die Stimme klein, doch wenn sie sich rasend schnell fortbewegt, schwillt sie zu einer riesenhaften Größe an und füllt jeden Raum zwischen Himmel und Erde aus.  Die Reise der Getreuen führt nach Karthago und Sizilien, bevor das prophezeite Ziel der Götter erreicht wird. Rom ist die Stadt, die Aeneas gründet. Der Grundstein eines Weltreichs, das alle vernichtet, die ihm zuvor Zuflucht gewährt hatten. Karthago weiß ein Lied davon zu singen.

Die absoluten Höhepunkte dieser Produktion sind so gut geraten, dass man sie so schnell nicht mehr vergisst. Die Trojanischen Spiele, die Aeneas in Sizilien veranstaltet, um die Moral seiner Gefolgsleute zu heben, werden im Hörspiel in Szene gesetzt, wie in einem Livestream der Olympischen Spiele. Hier wird aus einem klassischen Mythos ein Sportevent. Spannender wurde kein Wimbledon-Endspiel übertragen. Ruderwettkämpfe und Reiterspiele, Bogenschießen und Faustkampf erinnern an Sportkommentatoren im Fernsehen. Grandios. Der Selbstmord der Königin von Karthago jedoch gehört zu den wohl emotionalsten Teilen des Epos. Dido, gesprochen von Christine Davis, kann den Geliebten Aeneas nicht halten und opfert sich auf dem Scheiterhaufen. Dass man sich im Reich des Todes erneut begegnen wird, scheint hier von den Göttern schon längst vorbestimmt zu sein. Tragisch schön… Schicksalhaft dramatisch.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Klassische Mythologie im neuen Gewand. Unverfälscht authentisch, unverkennbar im Stile des großen Vergil und doch so verständlich und modern präsentiert, dass sich die Tore der Erkenntnis schnell öffnen und offen bleiben. Erkenntnisreich war meine Reise an der Seite von Aeneas. Viele Kreise haben sich geschlossen. Ich verstehe jetzt umso mehr, warum sich Tania Blixen dem antiken Helden Aeneas so verbunden fühlte. Auch sie hatte man verraten, betrogen, aus der Wahlheimat Afrika vertrieben und verstoßen. Welche Stadt sie in Dänemark gründen sollte, war ihr ein großes Rätsel. Es gelang ihr mit ihren Büchern. „Jenseits von Afrika“ ist ihr Rom. Von hier aus eroberte Tania die Welt. Das ist kein Mythos… 

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Northanger Abbey von Jane Austen – Das Hörspiel

Northanger Abbey von Jane Austen - AstroLibrium

Northanger Abbey von Jane Austen

Sie ist ebenso legendär, wie geheimnisvoll. Ihr Name steht für die große Literatur in einem zeitlichen Kontext, der es Frauen eher schwermachte, die Feder zu erheben, um sich Gehör zu verschaffen. Die Rede ist von Jane Austen. Es gibt große Lücken in der Biographie der großen Schriftstellerin, die bis heute nicht geschlossen werden konnten. Im Rätselhaften liegt hier die Faszination begründet. Ich las „Vernunft und Gefühl“ und zelebrierte auf meinem Blog ihren 200. Todesstag. Was für mich in Jane Gardams „Die geheimen Briefe“ mit der geheimnisvollen Affäre der jungen Jane begann, setzte sich schon wenig später mit ihren Briefen fort. „Ich bin so gütig, Dir wieder zu schreiben“ ist extrem aufschlussreich, weil ich auch in diesem Buch auf ihr dreijähriges Schweigen stieß, das so viel Raum für Spekulationen über ihr verborgenes Liebesleben bietet. Hat Jane Austen sich selbst Modell gestanden für Romane, die man mit ihr verbindet? Lesen wir heute ihre eigene Geschichte, bestens verborgen im Korsett der Zeit und zwischen den Falten der Reifröcke ihrer Romanfiguren? Wir werden es wohl nie erfahren…

Auch in dem feinen kleinen Reclam-Brevier „100 Seiten Jane Austen“ findet man kaum Greifbares zum autobiografischen Aspekt ihres Schreibens. Dafür wird man jedoch in lustig komprimierter Form auf Stand gebracht und kann locker jede Frage zu ihr beantworten, wenn man mal auf dem heißen literarischen Stuhl sitzt. Für mich steht jedoch fest, dass ich ihr vielleicht Hof gemacht hätte. Die Faszination für diese Frau ist ungebrochen. Ein Abendessen an ihrer Seite, ein Gespräch mit ihr und alle Zweifel am Wahrheitsgehalt von „Stolz und Vorurteil“ würden sich wohl in Luft auflösen. Ich fand im Hause Der Hörverlag neue Nahrung für meine Leidenschaft. Ein echtes Hörspiel in optisch ansprechender Aufmachung erregte meine Aufmerksamkeit. Das CD-Case mit Funkel-Glitzer-Faktor und einem Booklet passen zum Thema. Britisch, adelig und voller Seitenhiebe auf die pseudo-royale High Society zur Zeit der Jahrhundertwende 1798 / 1803.

Northanger Abbey von Jane Austen - AstroLibrium

Northanger Abbey von Jane Austen

In dieser Zeit schrieb sie Northanger Abbey“. Und wie sie schreib. Keine Lovestory und kein Herzschmerz, keine intensive tiefenpsychologische Auseinandersetzung oder paartherapeutische Seelenstudie. Nein. Es ist fast satirisch, wie sie die Handlung ihres Romans in ein Szenario einbettet, das nicht nur tiefes Schmunzeln verursacht. Ich treffe auf die junge Catherine Moreland. Kein Mädchen aus bestem Hause. Sicher nicht die beste Partie auf dem hart umkämpften Heiratsmarkt, aber eine lebenslustige aufrechte und weltoffene junge Frau, mit der man gerne ein paar Pferde gestohlen hätte. Und sie liebt Gruselromane. Je schauriger, je besser. Je verworrener, desto lieber. Kapitelweise saugt sie den Schauder auf und lässt sich in ihrer Fantasie beflügeln. Bezaubernd…

Als sie von guten Freunden der Familie zu einem Ausflug nach Bath eingeladen wird und sich dort in den extrem charmanten Henry Tilney verliebt, gerät ihre heile Welt aus den Fugen. Im Widerstreit der Gefühle wird sie nun zum Spielball einer Gesellschaft, in der es gilt, mehr zu scheinen als zu sein. Hier zelebriert man das adelige Lebensgefühl einer privilegierten Upper Class. Hier stellt man sich und seinen schier unermesslichen Reichtum zur Schau. Nicht gerade die Welt, in der Catherine Moreland verhaltenssicher und souverän agiert. Es kommt ihr vor, wie in einem Traum. Und als sie dann auch das Interesse eines weiteren vielversprechenden Mannes weckt, weiß sie nicht, wie sie sich zu verhalten hat.

Northanger Abbey von Jane Austen - AstroLibrium

Northanger Abbey von Jane Austen

Es wird kompliziert. Rauschende Bälle werden besucht, zarte Beziehungen geknüpft, es wird geflirtet und getratscht. Es ist alles geboten, was das junge Herz begehrt. Man verabredet sich und versucht sich gegenseitig zu verkuppeln. Dreieckskonstellationen haben Hochkonjunktur. Und mittedrin die unbescholtene Catherine, die versucht allen Erwartungen gerecht zu werden. Als ihr Bruder ins Spiel kommt, der sich in eine junge Dame verliebt, wird von ihr erwartet, deren Bruder zu treffen. Überkreuz verheiratet es sich am besten. Da kommt der junge Henry Tilney gerade recht, der Catherine auf den Landsitz seiner Familie einlädt. Northanger Abbey.

Geheimnisumwittert, düster und so schaurig wie in ihren Gruselromanen vermischt sich Fantasie mit Realität. Ihre Offenheit und ihr Interesse am alten Familiengeheimnis der Tilneys brüskieren jedoch ihren Gastgeber, einen ehrenwerten General. Dass jener das junge Mädchen jedoch kurzerhand vor die Tür setzt, ist nun auch für uns mehr als überraschend. Jane Austen hat natürlich eine Erklärung auf Lager. Sie lässt uns nicht im Regen stehen mit jener armen enttäuschten Catherine. Eine federleichte und spitze Satire auf den Jahrmarkt der Eitelkeiten der Schönen und Reichen zu ihrer Zeit. Nicht ansatzweise so ernsthaft und tragisch, wie ihre anderen Bücher. Und doch so viel mehr als eine Fingerübung.

Northanger Abbey von Jane Austen - AstroLibrium

Northanger Abbey von Jane Austen

„Northanger Abbey“ ist wie gemacht für ein Hörspiel. Allerdings impliziert allein der Begriff schon eine hohe Erwartungshaltung an eine solche Romanadaption. Hier ist sie absolut gelungen. Vierzehn brillante Stimmen, vier virtuose Musiker und ein Komponist. Unter der Regie von Silke Hildebrandt beginnt ein szenischer Zauber seine Magie zu entfalten. Die Musik von Jakob Diehl lädt einerseits dazu ein, fröhlich das Tanzbein zu schwingen, ist jedoch andererseits auch in der Lage den schaurigen Fantasien unserer jungen Catherine Moreland ein gruseliges Echo zu verleihen. Atmosphärisch brillanter geht es nicht. 

Wenn dann noch die Stimmen ihre eigene Klangfarbe entwickeln, kann man nicht mehr aufhören zuzuhören. Ulrich Noethen als Erzähler, Anna Drexler als Catherine, Max Bretschneider als Henry Tilney. Mehr muss man Hörbuchliebhabern nicht sagen, wenn man auf die hervorragende Besetzung des Hörspiels hinweisen möchte. Und was das Gruseln angeht, kommt man wirklich auf seine Kosten. Es ist Simon Scardanelly, der auf unnachahmliche Weise der britischen Gruselliteratur Leben einhaucht. Und das auch noch in der Originalfassung. Lassen Sie sich überraschen. Hier wird aus Austens Debüt-Roman ein echter Klassiker. Einziges Manko: Alles endet nach nur zweieinhalb Stunden. Ich hätte noch einige Wochen auf Northanger Abbey bleiben können. Es war gerade so schaurig schön. Kompliment…

Northanger Abbey von Jane Austen - AstroLibrium

Northanger Abbey von Jane Austen

Die Maschine steht still von E.M. Forster [Hörspiel]

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Ein Schreckgespenst geht um. Die Zukunft der Arbeit wird geprägt von einem Begriff, der besonders ältere Fachkräfte zusammenzucken lässt. Digitalisierung. Wie werden sich Berufe verändern? Fallen sie dem Online-Trend zum Opfer? Werden es Computer und Maschinen sein, die uns autonom ersetzen? Wo dürfen wir noch Hand anlegen, wo zählen noch der Mensch und seine Erfahrungen? Großkonzerne sehen mehr Chancen als Risiken. Klar. Auf dem Weg zur Wachstumsmaximierung bei gleichzeitiger Senkung der Lohnkosten ist die Digitalisierung das perfekte Mittel zur Reduzierung menschlicher Arbeitskräfte mit all ihren Fehlern, Krankheiten und sozialen Problemen. Und nebenbei lässt sich alles auch noch prima verkaufen. Entlastung, Work-Life-Balance und mehr.

Wo endet dies alles? Eine Frage, die man heute offen stellt! Wo bleibt der Mensch, wer bleibt auf der Strecke? Stehen wir vor einer industriellen Revolution, die nach dem Fließband mit seinen drastischen Folgen für die einfachen Arbeiter, nun elektronischen Umwälzungen den Weg bereitet? Und ganz ehrlich: wer glaubt schon der Industrie, die beharrlich behauptet, den Menschen im Mittelpunkt des Handelns zu sehen. Echt jetzt! Ängste also, die man ernstnehmen sollte. Ängste, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, weil sie eben existenziell sind. Und Ängste, die nicht erstmals umgehen. Man muss nur einen gezielten Blick auf die Literatur werfen, um zu erkennen, dass wir im Genre Dystopie weit vorausschauende Gesellschaftsutopien finden, die genau hier ansetzen. Und das schon im Jahre 1909!

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Maschine steht still von E.M. Forster beschreibt eine Gesellschaft, in der die künstliche Intelligenz schon lange die Macht übernommen hat. KI. Das Zauberwort unserer Zeit. Alexa lässt grüßen. Alles ist programmierbar und der Mensch hat endlich Zeit, sich auf seine selbstbestimmten und kreativen Fähigkeiten zu besinnen. Befreiung von körperlichem Arbeiten, Unterwerfung unter das Diktat der Produktivität, Loslösung von stereotypen Alltagspflichten. All dies kann man sich in KI-Gesellschaften vorstellen. Endlich frei. Könnte man sich jedoch noch heute mit E.M. Forster unterhalten, er wäre angesichts unserer Naivität wohl mehr als zornig. Er würde mit seinem Roman wedeln und skandieren, dass er uns schon vor langer Zeit gewarnt habe. Er wurde angetrieben von den Gedanken, was geschehen würde, wenn der entmündigte Mensch sich wieder auf die eigenen Fähigkeiten besinnen müsste. Nämlich genau dann, wenn die Technik ihren Geist aufgibt und unser Geist wieder gefragt wäre.

Abstrus? Mag sein. Aber vielleicht bekommen wir ja einen Zugang zu seinem Roman, wenn wir uns nur vorstellen, wie wir uns ohne Navigationssystem und GPS in fremden Städten orientieren würden. Hat uns die heutige Technik nicht schon lange Fähigkeiten genommen, ohne die wir früher kaum überlebensfähig gewesen wären? Wer kann noch Straßenkarten lesen? Hat der gesunde Menschenverstand hier schon alles abgegeben, was ihn auszeichnete? Das autonome Fahren ist der nächste Schritt. Warum sich denn noch mit Dingen beschäftigen, die niemand mehr braucht? Geben wir den Verstand an der Garderobe ab und leben locker ins Leben. Bis die Systeme versagen. Bis es soweit ist und der Schreckensruf durch die Straßen hallt: „Die Maschine steht still“.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

E.M. Forsters Gesellschaft hat sich mit DER MASCHINE arrangiert. Es gibt keinen Grund mehr, die eigenen vier Wände zu verlassen. Das Leben an der Erdoberfläche ist kaum noch möglich. Man genießt seine Zeit in unterirdischen Waben. Kommunikation vollzieht sich via Instant-Messaging-Video-Konferenz-Service und die Bedürfnisse des täglichen Lebens werden von der globalen Maschine befriedigt. Was den Menschen in dieser Gesellschaft noch bleibt? Sie stopfen sich mit Wissen voll, lesen, studieren und tauschen ihre Meinungen und Ideen aus. Quasi im luftleeren Raum, denn alles worüber sie nachdenken bleibt ohne Konsequenzen. Herrlich diese kreative Freiheit. Man lebt in den Tag hinein, interagiert mit Freunden und wildfremden Menschen, ohne ihnen je zu begegnen und träumt vom perfekten Leben. Wäre da nicht ein Hauch von Zweifel, dem der junge Kuno erliegt. Wäre da nicht seine Weitsicht, dass der Verlust von realen und greifbaren Begegnungen, den Menschen in die Vereinsamung führt. 

Kuno bricht aus. Er vermittelt seiner Mutter Vashti das Gefühl, dass es ihm nicht reicht, nur virtuell mit ihr verbunden zu sein. Er will sie sehen, berühren, fühlen und in den Arm nehmen können. Seine menschliche Vereinsamung ist ihr zwar fremd, weil es doch die Maschine gibt, aber sie macht sich vom anderen Ende der Welt auf den Weg, ihren Sohn zu besuchen. Was auch immer er ihr dann erzählt, sie verwirft es als Irrsinn und als gefährliches Gedankengut. Der Maschine kann man nicht trotzen, an Flucht ist nicht zu denken und seine Erzählung von einem Ausflug an die Oberfläche und seinen Sichtungen von Menschen, die dort ohne Maschine leben, tut sie als Spinnerei ab. Sie kehrt in ihre Wabe zurück und gibt sich der Maschine hin. Sie taucht ab. Glücklich und bestens versorgt.

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Und doch beginnt man zu spüren, dass etwas nicht stimmt. Unregelmäßigkeiten in den programmierten Abläufen tauchen auf. Es kommt zum ersten Stottern im System. Besorgnis kommt jedoch nur bei Kuno auf, dem klar ist, was ein Maschinenversagen in dieser Gesellschaft für Folgen hätte. Die Maschine hat inzwischen einen Status erlangt, der sie fast zu einem Gott macht. Längst hat man vergessen, dass sie von Menschen erschaffen wurde. Man betet sie an und Abweichungen von der Norm werden fast wie schicksalhafte Ereignisse akzeptiert. Widerstand lässt die Maschine nicht zu. Wer sich auflehnt, wird mit Heimatlosigkeit bestraft. Die Luft wird dünn für Kuno. Er ahnt, dass es dem Ende entgegengeht. Gibt es einen Notausgang?

Schon damals muss diese Vision erschreckend gewesen sein. Sie heute zu lesen und zu hören ist erschreckend im Quadrat. Der Roman hat im Lauf der Zeit noch mehr an Brisanz gewonnen. Wenn man sich überlegt, dass es zur Zeit von E.M. Forster kein weltweites Kommunikationsmedium gab, dass soziale Netzwerke und Videochats reine Hirngespinste waren, dann reibt man sich angesichts der Maschine die Augen. Hier ist der Begriff Science-Fiction als Grundlage für ein dystopisches Szenario angebracht. In jeder Hinsicht hat E.M. Forster den Nerv einer Zeit getroffen, die Lichtjahre entfernt von seiner Lebensrealität war. Den genialen literarischen Stoff in einem modernen Hörspiel zu inszenieren liegt nah, was jedoch Felix Kubin mit der Romanvorlage veranstaltet hat, ist die Verheiratung eines mehr als hundert Jahre alten literarischen Stoffes mit einem avantgardistisch-futuristisch anmutenden Audiogenuss.

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Abhängigkeit des Menschen von der Maschine wird greifbar. Sie bekommt im Hörspiel eine eigene Stimme, fast schon Identität. Sie kommuniziert und kommandiert, interagiert und moderiert. Sie hat im Hörspiel den Status der gottgleichen Übermutter. Unmöglich, sich ihr zu entziehen. Unmöglich, an ihr zu zweifeln. Ihre elektronische und künstliche Sprache hat Einzug in die Sprachwelt der Menschheit gehalten. Kürzel und Codes stehen inzwischen für Begeisterung und Verärgerung. Das „push ebx 16“ sagt mehr als tausend Worte, wenn der Mensch frohlockt. Chöre besingen die Wunder einer Zeit, in der die Menschen wunschlos zu sein haben. Einzig die Überflutung mit gänzlich sinnlosen Informationen macht der Maschine Gedanken. Das Stottern im System wird verständlich. Auch aus Maschinensicht. Brillant umgesetzt. Sorry: Ich meinte natürlich: „Jump FFT 8“ – Mein Gott, ist das gut.

Die Hörspielproduktion mit den Stimmen von Achim Buch, Susanne Sachsse und Rafael Stachowiak entfaltet eine fast unwirkliche Atmosphäre, die einen unglaublichen Sog ausstrahlt. Man fühlt sich wie in einer Welt, die schon Teil unseres Lebens ist. Wir sind gefühlt nur einen Schritt von dieser Abhängigkeit entfernt. Dabei tickt die Zeit und wir wissen genau, dass im Falle eines Maschinenversagens zwangsläufig auch der Tod der Menschheit folgt. Bedrohlich und greifbar. Eine Stunde und vierzehn Minuten gibt man sich im Hörspiel Zeit, uns von der Brisanz des Romans zu überzeugen. Man sollte sich diese Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie man diese Story wohl in zwanzig Jahren lesen oder hören wird. Oder fragt einfach Alexa, wie sie als Maschine darüber denkt. Wer weiß, vielleicht hat sie ja eine Antwort….

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Raphaela Edelbauer schließt mit „DAVE“ einen Kreis…

Für mich ist „DAVE“ ein relevanter Roman, der mit den großen Themen unserer Zeit spielt. Sollte das Denkbare machbar gemacht werden? Was geben wir auf, wenn wir uns zu Kopien künstlicher Prozesse machen? Und nicht zuletzt, was passiert, wenn das System, das wir erschaffen, versagt? Hier schließt die Autorin den Kreis zu einem Roman, der schon im Jahr 1909 geschrieben wurde. E.M. Forster hätte seine wahre Freude an „DAVE“ gehabt. Ich denke, er hätte laut gejubelt und seine eigene Dystopie bestätigt gesehen. Für mich gehören „DAVE“ und „Die Maschine steht still“ ganz nah beieinander ins Bücherregal unseres Lebens. (weiterlesen)

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer