Die Maschine steht still von E.M. Forster [Hörspiel]

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Ein Schreckgespenst geht um. Die Zukunft der Arbeit wird geprägt von einem Begriff, der besonders ältere Fachkräfte zusammenzucken lässt. Digitalisierung. Wie werden sich Berufe verändern? Fallen sie dem Online-Trend zum Opfer? Werden es Computer und Maschinen sein, die uns autonom ersetzen? Wo dürfen wir noch Hand anlegen, wo zählen noch der Mensch und seine Erfahrungen? Großkonzerne sehen mehr Chancen als Risiken. Klar. Auf dem Weg zur Wachstumsmaximierung bei gleichzeitiger Senkung der Lohnkosten ist die Digitalisierung das perfekte Mittel zur Reduzierung menschlicher Arbeitskräfte mit all ihren Fehlern, Krankheiten und sozialen Problemen. Und nebenbei lässt sich alles auch noch prima verkaufen. Entlastung, Work-Life-Balance und mehr.

Wo endet dies alles? Eine Frage, die man heute offen stellt! Wo bleibt der Mensch, wer bleibt auf der Strecke? Stehen wir vor einer industriellen Revolution, die nach dem Fließband mit seinen drastischen Folgen für die einfachen Arbeiter, nun elektronischen Umwälzungen den Weg bereitet? Und ganz ehrlich: wer glaubt schon der Industrie, die beharrlich behauptet, den Menschen im Mittelpunkt des Handelns zu sehen. Echt jetzt! Ängste also, die man ernstnehmen sollte. Ängste, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, weil sie eben existenziell sind. Und Ängste, die nicht erstmals umgehen. Man muss nur einen gezielten Blick auf die Literatur werfen, um zu erkennen, dass wir im Genre Dystopie weit vorausschauende Gesellschaftsutopien finden, die genau hier ansetzen. Und das schon im Jahre 1909!

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Maschine steht still von E.M. Forster beschreibt eine Gesellschaft, in der die künstliche Intelligenz schon lange die Macht übernommen hat. KI. Das Zauberwort unserer Zeit. Alexa lässt grüßen. Alles ist programmierbar und der Mensch hat endlich Zeit, sich auf seine selbstbestimmten und kreativen Fähigkeiten zu besinnen. Befreiung von körperlichem Arbeiten, Unterwerfung unter das Diktat der Produktivität, Loslösung von stereotypen Alltagspflichten. All dies kann man sich in KI-Gesellschaften vorstellen. Endlich frei. Könnte man sich jedoch noch heute mit E.M. Forster unterhalten, er wäre angesichts unserer Naivität wohl mehr als zornig. Er würde mit seinem Roman wedeln und skandieren, dass er uns schon vor langer Zeit gewarnt habe. Er wurde angetrieben von den Gedanken, was geschehen würde, wenn der entmündigte Mensch sich wieder auf die eigenen Fähigkeiten besinnen müsste. Nämlich genau dann, wenn die Technik ihren Geist aufgibt und unser Geist wieder gefragt wäre.

Abstrus? Mag sein. Aber vielleicht bekommen wir ja einen Zugang zu seinem Roman, wenn wir uns nur vorstellen, wie wir uns ohne Navigationssystem und GPS in fremden Städten orientieren würden. Hat uns die heutige Technik nicht schon lange Fähigkeiten genommen, ohne die wir früher kaum überlebensfähig gewesen wären? Wer kann noch Straßenkarten lesen? Hat der gesunde Menschenverstand hier schon alles abgegeben, was ihn auszeichnete? Das autonome Fahren ist der nächste Schritt. Warum sich denn noch mit Dingen beschäftigen, die niemand mehr braucht? Geben wir den Verstand an der Garderobe ab und leben locker ins Leben. Bis die Systeme versagen. Bis es soweit ist und der Schreckensruf durch die Straßen hallt: „Die Maschine steht still“.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

E.M. Forsters Gesellschaft hat sich mit DER MASCHINE arrangiert. Es gibt keinen Grund mehr, die eigenen vier Wände zu verlassen. Das Leben an der Erdoberfläche ist kaum noch möglich. Man genießt seine Zeit in unterirdischen Waben. Kommunikation vollzieht sich via Instant-Messaging-Video-Konferenz-Service und die Bedürfnisse des täglichen Lebens werden von der globalen Maschine befriedigt. Was den Menschen in dieser Gesellschaft noch bleibt? Sie stopfen sich mit Wissen voll, lesen, studieren und tauschen ihre Meinungen und Ideen aus. Quasi im luftleeren Raum, denn alles worüber sie nachdenken bleibt ohne Konsequenzen. Herrlich diese kreative Freiheit. Man lebt in den Tag hinein, interagiert mit Freunden und wildfremden Menschen, ohne ihnen je zu begegnen und träumt vom perfekten Leben. Wäre da nicht ein Hauch von Zweifel, dem der junge Kuno erliegt. Wäre da nicht seine Weitsicht, dass der Verlust von realen und greifbaren Begegnungen, den Menschen in die Vereinsamung führt. 

Kuno bricht aus. Er vermittelt seiner Mutter Vashti das Gefühl, dass es ihm nicht reicht, nur virtuell mit ihr verbunden zu sein. Er will sie sehen, berühren, fühlen und in den Arm nehmen können. Seine menschliche Vereinsamung ist ihr zwar fremd, weil es doch die Maschine gibt, aber sie macht sich vom anderen Ende der Welt auf den Weg, ihren Sohn zu besuchen. Was auch immer er ihr dann erzählt, sie verwirft es als Irrsinn und als gefährliches Gedankengut. Der Maschine kann man nicht trotzen, an Flucht ist nicht zu denken und seine Erzählung von einem Ausflug an die Oberfläche und seinen Sichtungen von Menschen, die dort ohne Maschine leben, tut sie als Spinnerei ab. Sie kehrt in ihre Wabe zurück und gibt sich der Maschine hin. Sie taucht ab. Glücklich und bestens versorgt.

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Und doch beginnt man zu spüren, dass etwas nicht stimmt. Unregelmäßigkeiten in den programmierten Abläufen tauchen auf. Es kommt zum ersten Stottern im System. Besorgnis kommt jedoch nur bei Kuno auf, dem klar ist, was ein Maschinenversagen in dieser Gesellschaft für Folgen hätte. Die Maschine hat inzwischen einen Status erlangt, der sie fast zu einem Gott macht. Längst hat man vergessen, dass sie von Menschen erschaffen wurde. Man betet sie an und Abweichungen von der Norm werden fast wie schicksalhafte Ereignisse akzeptiert. Widerstand lässt die Maschine nicht zu. Wer sich auflehnt, wird mit Heimatlosigkeit bestraft. Die Luft wird dünn für Kuno. Er ahnt, dass es dem Ende entgegengeht. Gibt es einen Notausgang?

Schon damals muss diese Vision erschreckend gewesen sein. Sie heute zu lesen und zu hören ist erschreckend im Quadrat. Der Roman hat im Lauf der Zeit noch mehr an Brisanz gewonnen. Wenn man sich überlegt, dass es zur Zeit von E.M. Forster kein weltweites Kommunikationsmedium gab, dass soziale Netzwerke und Videochats reine Hirngespinste waren, dann reibt man sich angesichts der Maschine die Augen. Hier ist der Begriff Science-Fiction als Grundlage für ein dystopisches Szenario angebracht. In jeder Hinsicht hat E.M. Forster den Nerv einer Zeit getroffen, die Lichtjahre entfernt von seiner Lebensrealität war. Den genialen literarischen Stoff in einem modernen Hörspiel zu inszenieren liegt nah, was jedoch Felix Kubin mit der Romanvorlage veranstaltet hat, ist die Verheiratung eines mehr als hundert Jahre alten literarischen Stoffes mit einem avantgardistisch-futuristisch anmutenden Audiogenuss.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Abhängigkeit des Menschen von der Maschine wird greifbar. Sie bekommt im Hörspiel eine eigene Stimme, fast schon Identität. Sie kommuniziert und kommandiert, interagiert und moderiert. Sie hat im Hörspiel den Status der gottgleichen Übermutter. Unmöglich, sich ihr zu entziehen. Unmöglich, an ihr zu zweifeln. Ihre elektronische und künstliche Sprache hat Einzug in die Sprachwelt der Menschheit gehalten. Kürzel und Codes stehen inzwischen für Begeisterung und Verärgerung. Das „push ebx 16“ sagt mehr als tausend Worte, wenn der Mensch frohlockt. Chöre besingen die Wunder einer Zeit, in der die Menschen wunschlos zu sein haben. Einzig die Überflutung mit gänzlich sinnlosen Informationen macht der Maschine Gedanken. Das Stottern im System wird verständlich. Auch aus Maschinensicht. Brillant umgesetzt. Sorry: Ich meinte natürlich: „Jump FFT 8“ – Mein Gott, ist das gut.

Die Hörspielproduktion mit den Stimmen von Achim Buch, Susanne Sachsse und Rafael Stachowiak entfaltet eine fast unwirkliche Atmosphäre, die einen unglaublichen Sog ausstrahlt. Man fühlt sich wie in einer Welt, die schon Teil unseres Lebens ist. Wir sind gefühlt nur einen Schritt von dieser Abhängigkeit entfernt. Dabei tickt die Zeit und wir wissen genau, dass im Falle eines Maschinenversagens zwangsläufig auch der Tod der Menschheit folgt. Bedrohlich und greifbar. Eine Stunde und vierzehn Minuten gibt man sich im Hörspiel Zeit, uns von der Brisanz des Romans zu überzeugen. Man sollte sich diese Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie man diese Story wohl in zwanzig Jahren lesen oder hören wird. Oder fragt einfach Alexa, wie sie als Maschine darüber denkt. Wer weiß, vielleicht hat sie ja eine Antwort….

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Hemingway – Die große Hörspiel-Edition zum 120. Geburtstag

Hemingway - Die große Hörspiel-Edition - AstroLibrium

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition

Idaho, die Kleinstadt Ketchum am 2. Juli 1961. Eigentlich ein ruhiger Sonntag. Bis ein Schuss plötzlich die Stille zerfetzt und nicht nur die ländliche Idylle zerstört, sondern die gesamte Weltliteratur in Aufruhr versetzt.

Ernest Hemingway (61), Literaturnobelpreisträger und zu dieser Zeit der populärste Schriftsteller nicht nur seines Landes, hatte seinem Leben ein lautstarkes Ende gesetzt. An einem Punkt angekommen, der keinen Ausweg mehr offenließ, an dem der Alkohol und die Depression die grenzenlose Fantasie eines Genies endgültig besiegten, sah er nur diesen einen Weg – diese eine Schrotflinte…

Ein einziger Schuss. Ein Volltreffer ins Herz von zahllosen Lesern und Fans. Nicht jedoch das Ende, sondern vielmehr die Geburtsstunde einer Legende. Hemingway lebt in seinen Büchern weiter. In seinen großen Erfolgen, seinen brillanten Kurzgeschichten und den posthum erschienenen Romanen wie “Die Wahrheit im Morgenlicht”.

“Der alte Mann und das Meer” erhob ihn in den Olymp der Weltliteratur. Unzählige Auszeichnungen und Ehrungen wurden zu treuen Wegbegleitern des Schriftstellers und doch wurde sein Geist von unzähligen Zweifeln geplagt. Versagensangst, Verzweiflung und melancholische Rückblicke auf gescheiterte Beziehungen sowie ein extrem wildes und ausschweifendes Leben kennzeichneten die letzten Jahre von Ernest Hemingway.

Am 21. Juli würde Hemingway 120 Jahre alt. Nur die Hälfte dieses Jubiläums hat er schadlos überstanden und doch hallt seine mächtige Stimme bis heute nach. Kaum ein zweiter Schriftsteller wird so oft zitiert, kaum ein zweiter wird so nachhaltig gefeiert und kaum einem zweiten Autor widmet man noch heute brandaktuelle Romane, die sich mit seinem Leben, seinen Romanen, seinen Ehefrauen, seinen Beziehungen oder mit den Anfängen seines Schaffens in Paris auseinandersetzen. Vielschichtig ist mein Lesen an seiner Seite. Meine Hemingway-Bibliothek kommt eigentlich nie zur Ruhe. Seine Werke stehen hier in Reih und Glied mit den Romanen über ihn. Beispiele gefällig?

Über Hemingway:
Und alle benehmen sich daneben
von Lesley M.M. Blume
Madame Hemingway von Paula McLain
Hemingway & ich von Paula McLain

Von Hemingway
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta“ von Ernest Hemingway

Indirekt mit Hemingways Zeit in Paris verbunden:
Himbeeren mit Sahne im Ritz
von Zelda Fitzgerald
Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Ein Zitat aus seiner Feder wurde für mich persönlich zur Richtschnur meines Lesens und auch des eigenen Schreibens. Kein anderes Zitat erklärt so tiefgreifend, warum er einen solchen Erfolg hatte, was seine Bücher so unvergleichbar macht und wie er sich von anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen unterscheidet. Betrachtet man diese Worte als Richtschnur des guten Lesens, dann macht man nichts falsch. Dann hat man verinnerlicht, was uns Ernest Hemingway mit ins Leben geben wollte:

Beschreibe kein Gefühl – Verursache es! (Ernest Hemingway)

Wie kann man Hemingways 120. Geburtstag besser feiern, als ihn indirekt selbst zu Wort kommen zu lassen? Wie kann man diesen Tag begehen, ohne sich in Gedanken nach Paris zu begeben, in der Buchhandlung Shakespeare & Company ein ruhiges Plätzchen zu suchen und seinen großen Geschichten zu lauschen. Mein Lieblingsort in der Seine-Metropole ist ein magischer Ort. Man denkt, sie wären immer noch hier. Die Hemingways, Fitzgeralds und Elliots, die der legendären Buchhändlerin und Verlegerin Sylvia Beach alles zu verdanken haben. Hier bin ich nun und höre:

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition (Der Audio Verlag)

Hier sind sie in einer Edition vereint. Seine wichtigen Romane und Erzählungen, die seinen Weltruhm begründen. Den Charme dieser Hörspieledition mit den Stimmen von Rosemarie Fendel, Peter Lieck und vielen anderen verdankt die Editions- Neuauflage auch ihrem Alter. Der typische Hörspielsound der 1950er Jahre schmiegt sich an diese Texte an, wie ein guter alter Straßenschuh, den Ernest Hemingway selbst getragen hat. Hier ist noch heute nichts angestaubt, nichts klingt antik und doch vermitteln alle Texte dieser Sammlung eine ganz besondere Authentizität. Dabei sind sie auf den wesentlich inhaltsbestimmenden Kern der Originale verkürzt, um uns zügig in das Universum des Schriftstellers zu entführen.

8 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 8 Stunden und 48 Minuten lassen uns also in überschaubarer Zeit 8 Werke aus der Feder von Hemingway hautnah erleben.

Die Box enthält:

»Der Unbesiegte«, SDR (heute SWR) 1953
»In einem andern Land«, WDR 1958
»Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber«, SDR 1951
»Schnee auf dem Kilimandscharo«, SDR (heute SWR) 1977
»Haben und Nichthaben«, SDR (heute SWR) 1955
»Wem die Stunde schlägt«, SWF (heute SWR) 1948
»Der alte Mann und das Meer«, SWF (heute SWR) 1953
»Um eine Viertelmillion«, SDR (heute SWR) 1952

Dabei knüpfen diese Erzählungen an die Romane an, die heute über Hemingway geschrieben werden. Der Kriegsberichterstatter und Abenteurer manifestiert sich im spanischen Bürgerkrieg, den Hemingway an der Seite von Martha Gellhorn erlebte. In Paula McLains Roman Hemingway & ich erfahren wir alles über die Entstehung des Romans „Wem die Stunde schlägt“. Hier schließen sich viele Kreise. „Der alte Mann und das Meer“ ist symbolisch für den ewigen Kampf des Menschen mit und gegen die Natur. Ein Leitmotiv, das Hemingway seit „Fiesta“ faszinierte. An der Novelle „Schnee auf dem Kilimandscharo“ lässt sich exemplarisch Hemingways Zerrissenheit ablesen. Im Leben an den wichtigen Fragen gescheitert, in der Liebe orientierungslos und nur in freier Wildbahn zu klaren Gedanken fähig. Starke Texte. Stark inszeniert.

Ich bin Ernest gerade wieder begegnet. „Propaganda“ von Steffen Kopetzky zeigt, wie groß sein Einfluss auf die heutige Literatur immer noch ist. Er ist relevant. Er spielt eine mehr als wichtige Rolle in der Aufarbeitung von Kriegen, gilt als Symbolfigur eines Kriegsberichterstatters, der alle Grenzen überschreitet, um selbst Grenzerfahrungen zu erleben. In Propaganda folgt man ihm ins Frankreich des Zweiten Weltkriegs. Man will sein Charisma nutzen, man will ihn für Propagandazwecke instrumentalisieren. Ernest Hemingway spielt auch in diesem Roman eine Hauptrolle. Meine Rezension folgt, wenn Propaganda erschienen ist. (August 2019 / Rowohlt). Ein wenig Geduld, dann geht´s weiter mit dem alten Mann und der Literatur. Happy birthday, Nesto…

Hemingway - Die große Hörspiel-Edition - AstroLibrium

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition

„Niemals ohne sie“ von Jocelyne Saucier [Das Hörbuch]

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Es sind die verlorenen Mädchen, die in der kleinen literarischen Sternwarte eine neue Heimat finden. Es sind Mädchencharaktere in der Literatur, die auf der Strecke bleiben. Ausgegrenzt, verlassen, heimatlos oder einfach spurlos verschwunden. Ich bin zeitlesens auf der Suche nach Romanen, in denen ich diesen besonderen Mädchen in ihren Geschichten begegne. Selten zuvor sprang mich der Titel eines Romans so sehr an, wie dieser: „Niemals ohne sie“. Schon auf den ersten Blick war mir fast klar, dass ich im Buch von Jocelyne Saucier auf ein solches Mädchen stoßen würde. Mir war nur nicht klar, wie intensiv mich dieses Mädchen beschäftigen sollte, obwohl ich es niemals kennenlernen würde.

21 Kinder gehören zur Familie. 21 Kinder haben die Cardinals in die Welt gesetzt. Da verliert man schnell den Überblick und es fällt schon schwer, die Familie durch Untiefen und Schicksalsschläge zu navigieren. Besonders, wenn der Familienvater sein ganzes Leben lang immer ganz knapp am Glück vorbeigräbt. Als Erzsucher verdient er seinen Lebensunterhalt. Als Erzsucher wird er von allen geachtet und zugleich belächelt, liegt es doch in seiner Natur, immer nur erste Ausläufer neuer Erzvorkommen zu entdecken. Man muss ihm nur folgen und ein paar Meter neben ihm Graben. Schon hat man Glück und er blickt in die Röhre. Fatal für ihn. Fatal für die Familie. Er hat mehr Menschen im Minenstädtchen Norco reich gemacht, als man sich vorstellen kann. Sein Glück hat nie auf seine Frau und seine Kinder ausgestrahlt.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Sie fühlen sich betrogen. 21 betrogene Kinder und ihre betrogenen Eltern. Sie haben einen Plan, der das Glück erzwingen soll. Ein Plan, der Untertage liegt. Vor den Augen der Bewohner Norcos verborgen. Vor den Augen der Welt verborgen. 23 Verschwörer verbünden sich gegen die Welt. Nur ein paar Cardinals sind noch zu klein, um alles zu begreifen. Der Familienverbund organisiert sich. Ältere kümmern sich um Jüngere. Die Jungs fechten die Hierarchie aus, wer ihrem Vater zur Hand gehen darf und die Mutter versinkt in einer erschöpften Lethargie. Gezeichnet von 21 Geburten und nur noch vom Willen beseelt, ihre Kinder zusammenzuhalten. Untertage scheitert auch der Plan. Eine Explosion zerreißt nicht nur die Stille der Nacht. Sie zerreißt alles, was die Cardinals zu dem gemacht hat, was sie für einander waren. Untertage wird die Familie versprengt.

In der Nacht des fatalen Scheiterns senkt sich der dunkle Mantel des Schweigens über die Familie. Es gilt nicht nur Spuren zu verwischen, sondern auch einen Verlust vor den Augen ihrer eigenen Mutter zu verbergen, der schwerer wiegt, als die Aussicht auf ein Leben ohne den Reichtum, um den sie betrogen wurden. Es ist die Zahl 20, die fortan zur Bestimmungsgröße der Cardinal-Kinder wird. Es ist der Tod ihrer Schwester Angèle, der die Familie für immer aus der Bahn wirft. Es sind Fragen der Schuld, die im Raum stehen. Eine Schuld, die das Leben aller Cardinals verändert. Wie kann man der eigenen Mutter den Tod ihrer Tochter verheimlichen? Wie kann man sie ablenken? Wie kann man verhindern, dass sie beim abendlichen Durchzählen ihrer Liebsten auf diese Lücke in der Familie stößt? „Niemals ohne sie“. Der Titel des Romans ist das Mantra, unter dem die Zukunft aller Cardinals verläuft.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Jocelyne Saucier lässt Leser und Hörer in die labyrinthische Dunkelheit der Welt des Erzabbaus hinabsteigen. Sie entwickelt einen Erzählraum, der verschachtelt und geheimnisvoll ist. Sie schreibt von einer Familie, die eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Umwelt ist der Feind. Der „Mikrokosmos Cardinal“ hat sich wie ein Igel mit Stacheln gegen die Bewohner von Norco und die Betreiber der Minen zu verteidigen. Eine kleine schlagkräftige Armee terrorisiert die Umgebung. Von Rachegedanken beseelt. In jenen engen Grenzen und in einer klaren Hierarchie funktioniert der Familienverbund. Bis es zur Tragödie kommt. Diese Mutter kann man nicht täuschen. Hier braucht es einen gut durchdachten Plan.

Diese Frau kennt uns besser als wir selbst. Sie hat uns aus der Wolle ihrer Seele gestrickt, sie kennt uns auf rechts und auf links, sie findet jede verlorene Masche wieder. 

Von diesem Tag an gilt es zu verhindern, dass die Familie sich komplett versammelt. In alle Himmelsrichtungen treibt es die großen und erwachsenen Geschwister. Es folgt ein jahrzehntelanges Versteckspiel voller Ausreden, Selbstzweifel und Vorwürfe. Alles, um der Mutter den Schmerz des Verlusts zu ersparen. Lebenswege öffnen sich, die so unterschiedlich sind, wie man es sich nur vorstellen kann. Keines dieser Leben verläuft einfach. Jedes ist geprägt von Schuld und Verlust. Besonders das von Tommy, die als Zwillingsschwester der verlorenen Angèle, viel zu oft ein falsches Spiel spielen musste.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

30 Jahre später. Es ist unumgänglich. Ein Kongress führt die Familie zusammen. Eine hohe Auszeichnung für den Vater lässt keine Ausflüchte mehr zu. Wie lange gelingt es, die Zahl 20 geheim zu halten? Wie lange kann man die eigene Mutter beschützen und wie begegnen sich die nun erwachsenen Kardinal-Nachkommen? Alte Wunden reißen auf. Ein explosives Gemisch versammelt sich in einem Hotel, in dem die Vergangenheit ihre Schulden eintreibt. Sechs Perspektiven erzählen uns die Geschichte. Sechs Jungs und Mädels aus dem Clan kommen zu Wort. Eine Konstruktion, die uns zu Suchenden nach der Wahrheit macht. Schritt für Schritt wächst die Erkenntnis. Langsam lüftet sich das Geheimnis und im Showdown scheint sich zu wiederholen, was vor 30 Jahren tief unter der Erde ereignete. Der große Knall.

Wenn ich vom Alleinstellungsmerkmal eines Hörbuches schreibe, dann nur, weil es mehr bietet als das eigentliche Buch. Sechs Stimmen brennen sich ins Herz des Hörers ein. Sechs Stimmen, die sich nicht überlagern, erzählen ihre Geschichten. Nur einer Stimme, nur einem Charakter ist es vorbehalten, ein zweites Mal aufzutreten. Aus gutem Grund. Tommy. Sie spricht nicht nur für sich, sondern auch für ihre Schwester. Es sind unglaubliche Stimmen, die hier zu einer Hörbuchproduktion vereint wurden. Es sind Stimmen, die den Cardinals Identität verleihen. Starke Männer und noch stärkere Frauen kommen zu Wort. Eindringlich. Jeder dieser Stimmen gehört eine CD. Sieben CDs umfasst die Produktion. Mehr als sechs Stunden, die man so schnell nicht mehr vergisst.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Die SprecherInnen und ihre Rollen (Spitznamen der Cardinals):

Devid Striesow liest Matz
Claudia Michelsen liest Jeanne d`Arc
Anna Thalbach liest Tommy
Sabin Tambrea
liest El Toro
Robert Stadlober
liest Émilien
Benno Fürmann liest Geronimo

Diese Stimmen setzen sich fest. Es ist äußerst ungewöhnlich, sie ohne Überlagerung, ohne Dialog erleben zu können. Obwohl jeder dieser brillanten Stimmen ein Part dieser Geschichte gehört, scheinen sie miteinander zu kommunizieren. Das Mosaik setzt sich von CD zu CD zu einem komplexen Bild zusammen, das man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Verlorene Mädchen. Das war für mich die Überschrift des Hörens. Angèle ist präsent, ohne selbst zu Wort zu kommen. Sie ist das Mädchen, dem ich eine neue und geschützte Heimat geben möchte. In bester Gesellschaft mit den „Lost Girls“, die mir in meinem Lesen und Hören bisher begegneten. Eigentlich hat sie die Cardinals nie ganz verlassen. Vielleicht ist sie die Klammer die alles zusammenhält. Und doch ist sie eine lebenslange Treibladung am explosiven Kern einer Familie, die um ihr Glück betrogen wurde.

“In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.”

Lassen Sie sich auf die Cardinals ein. Versetzen Sie sich in ihre Lage und versuchen Sie den Gedanken zu wagen, wie es ist, wenn man „Niemals ohne sie“ leben kann. Es ist ein starker Roman aus der Feder der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier. Auch wenn das Original bereits im Jahr 2001 unter dem Titel „Les héritiers de la mine“ (Die Erben der Mine) erschienen ist, die Geschichte ist zeitlos. Ich empfehle das Hören. Aus gutem Grund.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier und die verlorenen Mädchen

Folgen Sie mir bitte zu weiteren verlorenen Mädchen. Sie haben es sich verdient, erlesen und erhört zu werden.

Niemals ohne sie“ / Jocelyne Saucier / ungekürztes Hörbuch / Random House Audio / 6 Std. 11 Min. / 7 CDs / 20 Euro / Übersetzung: Sonja Finck / Roman – Suhrkamp

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Zurück ins Bergwerk? Sorj Chalandon „Am Tag davor“ Lesenswert und stark!

„Brüder“ von Hilary Mantel – Eine Revolution fürs Ohr

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Hörspiele haben gute Tradition. Sie zeichnen sich durch Atmosphäre, Soundeffekte, musikalische Untermalung und eine Vielzahl an Charakteren aus, die das Geschehen mit ihren Stimmen prägen. Hörspiele stehen hoch im Kurs und haben sich zu einer eher eigenständigen Gattung innerhalb der Hörbuchwelt etabliert. Sie sind wie Filme für die Ohren. Sie erzeugen ein akustisches Kopfkino, dem man sich schwer entziehen kann. Wichtig ist jedoch, dass die Anzahl der Rollen überschaubar bleibt. Entscheidend ist es für den Hörgenuss, dass die Stimmen einen hohen Wiedererkennungswert haben, weil man sie ansonsten allzu schnell verliert und sich ratlos fragt: Wer war das denn jetzt?

Hier kommt es schon auf die Auswahl der Romanvorlage an, die man als Hörspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen möchte. Eine Handvoll Protagonisten und ein paar wichtige Nebenrollen sollten schon ausreichen ohne den Hörer zu überfordern. Wer jedoch kam auf die Idee, sich einen Roman auszusuchen, der genau hier schon in gebundener Form die größten Kritikpunkte einstecken musste? Wer kam auf die Idee, einen Roman über die Französische Revolution, den Sturm auf die Bastille, die Wirren des Aufruhrs, überbordende Nationalversammlungen und Wohlfahrtsausschüsse, Adel und Bürgertum, Armee und internationale Verstrickungen auszusuchen? Wenn man im Roman „Brüder“ von Hilary Mantel das dramtis personae aufschlägt, denkt man, es in einem einzigen Buch mit dem gesamten Who is Who der untergehenden Monarchie zu tun zu haben.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Nicht weniger als 18 Protagonisten prägen die Handlung der „Brüder“. Und damit noch lange nicht genug. Mehr als 200 Rollen galt es zu besetzten. Vom kleinen Mann auf der Straße bis zum Erfinder der Guillotine, vom schottischen Zeitzeugen bis zu den aufgeregten Bürgern in den großen Versammlungen. Vom eher kopflosen Adeligen bis zur ewig lockenden Maîtresse. Dazu ein paar Pferde, Kanonen, Kutschen und eine für die Handlung des Romans nicht ganz unwichtige, gut funktionierende Guillotine, die es klangvoll möglich macht, Köpfe rollen zu lassen. Nicht zu vergessen ein Orchester und Chöre für Revolutionsgesänge und Hymnen. Das war`s dann aber auch schon. Nun ja, fast, da man ja auch die drei absoluten Hauptfiguren mit unterschiedlichen Stimmen zu besetzen hatte. Entsprechend der Zeitscheiben ihres Auftrittes. Als Kind, Jugendlicher und zuletzt Erwachsener. So hat man es hier unversehens mit einer riesigen Crew von Haupt-, Nebenrollen sowie Statisten zu tun, die man eigentlich nur in Monumentalfilmen aufbietet. Aber bei einem Hörspiel?

Wer kommt auf eine solche Idee? Regisseur Walter Adler hatte wohl nicht die Angst, angesichts dieser Herkulesaufgabe seinen Kopf zu verlieren. So entstand im WDR eine Produktion, die man als bahnbrechend bezeichnen muss. Dreizehn Stunden dauert die Französische Revolution, die im WDR in 26 Teilen als Serie ausgestrahlt wurde. Mutig und revolutionär wirkt alles, was man hier auf die Beine gestellt hat, um uns in das Jahr 1789 zurückzuversetzen. Dabei ist es dem Regisseur grandios gelungen, einen Roman in einen Hörgenuss zu verwandeln, der in allerhöchster literarischer Güte den Umsturz einer Weltordnung in den Mittelpunkt stellt. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Spruch, der in „Brüder“ zum Mantra einer ganzen Geschichte wird. Allianzen, Freundschaft und Verrat, unkalkulierbare Zufälle, vorherbestimmtes Schicksal und Willkür bis zum Terror sind die Determinanten dieses Epos. Wer ein Faible für lebendige Geschichte hat, der kommt an diesem fulminanten Hörspiel nicht vorbei.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Wer Maximilien Robespierre, Georges Jacques Danton und Camilles Demoulins bei ihrem Kampf gegen die französische Monarchie, die Vorherrschaft des verwöhnten Adels und die große Ungerechtigkeit der Welt erleben möchte, dem bleibt nur sich Zeit zu nehmen, sich entspannt zurückzulehnen und ganz vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf die Playtaste des guten Hörens zu drücken. Der Audio Verlag hat das Hörspiel auf 13 CDs in einer hochwertigen Edition mit Booklet veröffentlicht. Wer mag, kann sich dazu noch die Romanvorlage von Hilary Mantel aus dem DuMont Buchverlag als Referenz besorgen und dann kann es losgehen. Hier wartet kein avantgardistisches Hörspiel auf seine Opfer. Hier wird nicht experimentiert. Hier bleibt man so eng an der Buchvorlage, dass die Hörspieldialoge im Roman wortwörtlich wiederzufinden sind. Hier hat man es geschafft, einen Kostümfilm für die Ohren zu „drehen“, der seiner literarischen Vorlage gerecht wird.

Bestechend die Stimmen. Bestechend die Art und Weise, wie sich die Sprecher in ihre Rollen fallen lassen und beeindruckend, wie leicht es ist, sich nur akustisch durch diese opulente Geschichte zu navigieren. Man ist verleitet, die Augen zu schließen und das Gehörte mit den Bildern zu kombinieren, die vor dem geistigen Auge entstehen. Es ist Versailles, das auditiv greifbar wird. Es ist die Bastille, die wir zu sehen glauben und es sind die Barrikaden in Paris, die wir schreiend gegen die Übermacht der Monarchie verteidigen. Es sind die kleinen Gestalten am Rande des Aufstandes, die uns mitreißen und es sind die großen Redner der Volksbewegung, die uns atemlos fesseln. Es ist ein Sturm, den dieses Hörspiel entfacht, der uns vorantreibt, niemals jedoch abdriften lässt. Dieses Hörspiel riecht und schmeckt nach Blut. Es fühlt sich an wie Begierde und sieht aus, wie der tiefste menschliche Abgrund. „Brüder“ ist ein revolutionäres Ereignis.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Es ist die große Geschichte dreier Jugendfreunde, die sich zu Wortführern gegen eine Monarchie erheben, die in Saus und Braus auf Kosten des einfachen Volkes lebt. Es sind drei einzigartige Lebenswege voller Leidenschaft, Liebe und Zuneigung die sich in Paris wiedervereinen. Es sind starke Stimmen ihrer Zeit, die eine Epoche prägen und die Massen bewegen. Danton, der ewig verschuldete Lebemann, dem Gerechtigkeit im Blut liegt, solange sie seinem Vorteil dient. Robespierre, der eloquente Taktiker, der im Trubel der Ereignisse die eigenen Freunde nicht aus dem Auge verliert. Und schließlich der stotternde Camille Desmoulins, der Blut sehen will, der die Massen anstachelt und sich in seinen widersprüchlichen Gefühlen zur Mutter seiner Frau Lucille und zu seinem Freund Robespierre zu verrennen droht. Emotionen kochen hoch, Barrikaden brennen, Zeitungen mit wilden Aufrufen werden gedruckt, doch zuletzt muss jeder für sich selbst feststellen, dass er der Dynamik eines entfesselten Mobs nichts entgegenzusetzen hat.

Die Guillotine hat Hochkonjunktur. Dass Blut des Adels fließt zuerst, dann folgen die Verräter, danach die Profiteure und zuletzt die Häupter der Köpfe der Revolution. Es ist unvorhersehbar und doch seltsam vorbestimmt, was ihnen zustößt. Freundschaft steht auf dem Prüfstand und endet auf dem Schafott. Liebe scheitert an Ambitionen und die Kerker der jungen Nation quellen über vor Opfern einer Terrorherrschaft, die anklagen darf ohne zu beweisen. Inhaltlich ein grandioser Gobelin-Wandteppich, der Geschichte lebendig werden lässt. Akustisch ein Meisterwerk der großen Stimmen. Jens Harzer in einer starken Interpretation eines Robespierre, dessen Sprechpausen seine Reden zu wahren Hinrichtungen erhoben. Robert Dölle als wagemutiger Danton, der nichts dem Zufall überlässt. Und der stotternde Matthias Bundschuh (für mich DIE Stimme dieser Inszenierung) als Camille Desmoulins, dessen Sprachfehler sich in Luft auflöst, wenn er die Stimme erhebt und zum Volk spricht.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Starke Frauen in kleinen Rollen. Bekannte Stimmen gut versteckt und noch sehr viele Aha-Erlebnisse des guten Hörens, wenn man zum Beispiel Axel Milberg als Comte de Mirabeau wiedererkennt. Eine grandios wienerische Marie Antoinette und Lucille, die uns ihr Tagebuch voller Emotionen öffnet. So viele Momente, die unvergessen bleiben und eine so groß angelegte Geschichte, die in sich revolutionär ist. Der Zufall regiert an Stelle des abgesetzten Königs. Der Terror zieht seine Kreise und am Ende ist man froh, mit heiler Haut aus Paris herausgekommen zu sein. Ein Thema, das nicht antiquiert ist. Spätestens, wenn man in den Nachrichten die Gelbwesten in Paris beobachtet, Brände in den Straßen und Barrikaden auf den Champs Elysées entdeckt, dann ist man schon versucht „Liberté, Égalité und Fraternité“ zu rufen und sich schnell aus dem Staub zu machen. Aber ganz schnell.

„Brüder“ war für den Deutschen Hörbuchpreis 2019 als „Bestes Hörspiel“ nominiert und stand auf der heiß umkämpften Shortlist. Leider ist mein Favorit leer ausgegangen. Für mich jedoch ist es der heimliche Gewinner aller Auszeichnungen, die ich in meinem Hören zu vergeben hätte. Unvergessen bleibt für mich die Guillotine, jenes Fallbeil, das eine Schneise in die Besetzung des Hörspiels fräst. Mit den überlebenden Charakteren könnte man am Ende des letzten Aktes gerade mal Skat spielen. Unerhört hörenswert.

Weitere Hörspiele in der kleinen literarischen Sternwarte. Verspielt, romantisch und ganz einfach bezaubernd.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Mit Éric Vuillard zurück nach Paris: 14. Juli – 1789 – Der Sturm auf die Bastille.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

„Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen
kann der Seele eine ähnliche Entlastung
und Ruhe geben wie die Meditation.“

Hermann Hesse

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Ich bin sicher nicht der Leser mit dem grünen Daumen“. Und doch habe ich bereits einen literarischen Ausflug in eine Gartenlandschaft gewagt, der mir gezeigt hat, wie es sich auf Körper und Geist auswirken kann, wenn man sät, pflanzt und erntet. Oder sich ganz einfach an der bunten Blütenpracht berauscht, der man eine Heimat gegeben hat. Gärten können kontemplative Atmosphäre erzeugen, entschleunigen und den Geist vor Überlastung schützen. „Der Garten von Hermann Hesse“ sollte eigentlich mein letztes Gartenbuch sein. Dachte ich. Und nun stehe ich kurz davor, das Jahr 2019 zu meinem Lesejahr des Gartens auszurufen. Wie kommt es dazu?

Nun, die Literatur bringt viele Überraschungen mit sich. Während Hermann Hesse mir zeigte, wie kreativ man in der Gestaltung von Gartenwegen sein kann (er befestigte sie mit unaufgefordert zugeschickten Rezensionsexemplaren), las ich mich ohne ahnen zu können, was mich künftig erwarteten sollte, durch meine MinaLima-Bilbiothek. Von „Peter Pan“ über „Die Schöne und das Biest“. Bis mitten hinein ins „Dschungelbuch“ und „Die kleine Meerjungfrau“ führte mich mein Lesen in die Fantasiewelt der großen klassischen Kinder- und Jugendbücher. Als ich dann die Fortsetzung dieser magischen Buchreihe entdeckte, war es um mich geschehen. The Secret Garden von Frances Hodgson Burnett erblickte in London das Licht der Welt und schon auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich einen ersten Blick auf das deutsche Cover werfen.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Der geheime Garten wird als Buchkunstwerk aus dem Hause Coppenrath Verlag diese MinaLima-Reihe auch bei uns fortsetzen. Grüner Daumen hin oder her. Es ist unausweichlich, mich in diesen Garten zu begeben. Zuerst erreichte mich ein geheimes Buchpaket aus London, um meine Neugier im Zaum zu halten. Dann erfuhr ich, was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Und jetzt sitze ich wie angepflanzt in einer Oase der Literatur und entwickle mich zum Gärtner meines grünen Lesens. Schon 2019 wird nun die Verfilmung des Jugendbuch-Klassikers mit Colin Firth in der Hauptrolle in den Kinos zu sehen sein. Darüber hinaus hat Der Audio Verlag ein atmosphärisches Hörspiel im Programm, das dieses Abenteuer brillant in Szene setzt. Ich hatte keine Chance. Nach meinem Ausflug in die wundervolle Hörspielwelt von „Peter Pan“ wollte ich mich gerne hörend in den Garten begeben.

Hier bin ich nun. Das Original von MinaLima in Händen, auf die Verfilmung und die Übersetzung des Buches wartend und bereits am Ende des Hörens eines Hörspiels. Ja. Ich konnte nicht warten. Ich zog mich für eine gute Stunde zurück und hörte mich in die Welt der 10jährigen Mary Lennox hinein. Mehr als hundert Jahre alt ist die Geschichte und eigentlich könnte man annehmen, sie sei in die Jahre gekommen. Angestaubt oder zumindest leicht antiquiert. Mit unseren Heutigen schwer in Einklang zu bringen und für Kinder des 21. Jahrhunderts vielleicht wenig zeitgemäß. Weit gefehlt. Sehr weit. Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass ich die Lese- und Hörzeit in diesem geheimen Garten genau richtig investiert habe und noch investieren werde.

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Heute lege ich mein Ohrenmerk auf die 2018 bei Der Audio Verlag veröffentlichte SWR 2 – Produktion aus dem Jahr 1999. Hörspiele sind cineastische Inszenierungen fürs Ohr. Ein vollständiges Ensemble muss seine Zuhörer schon von Beginn an mit der klar erkennbaren Rollenverteilung überzeugen. Hier bleibt kein Raum für „Mary sagte“ oder ähnliche Zuordnungen und Hilfen. Hier muss man Mary und andere Protagonisten sofort heraushören, als unverkennbar für die Folgehandlung einstufen, in jedem Aufzug der Handlung wiedererkennen und sogar aus dem Chor verschiedener und sich häufig überlagernder Stimmen klar identifizieren können. Gelingt dieser Spagat aus Hören und Inszenierung nicht, sorgt dies gerade bei jungen Zuhörern nur für Verwirrung. Es ist als würde man einen Film mit geschlossenen Augen verfolgen. Einzig ein Erzähler wird als Bindeglied zwischen Handlung und Schauspiel fürs Ohr eingeflochten. Ihm kommt hier eine große Verantwortung zu. Lenken, leiten, erklären, erläutern und überleiten. Regie und Inszenierung vermögen hier einen Kosmos zu gestalten, dem man folgen kann. In einigen Fällen jedoch gelingt diese Gratwanderung nur bedingt. Hier schon!

In „Der geheime Garten“ unter der Regie von Götz Fritsch haben wir es immerhin mit elf Charakteren zu tun, die für die Handlung von großer Bedeutung sind. Hier ist die Erzählerin Doris Schade unsere Vermittlerin zwischen Ohr und Roman. Dieses Hörspiel bringt uns junge Stimmen näher, die wir den heute erwachsenen Sprechern im ersten Moment des Hörens nicht zuordnen würden. Was schon vor fast zwanzig Jahren aufgenommen wurde, entwickelt allein schon hier einen frischen und zeitlosen Charme. Das Ensemble des Hörspiels besteht aus:

Doris Schade (Erzählerin)
Solvej Krause (Mary)
Samuel Teixeira (Colin)
Tobias Schmidt (Dickon)
Jaschka Lämmert (Martha)
Helga Grimme (Mrs. Medlock)
Peter Fricke (Sir Archibald Craven)
Fritz Lichtenhahn (Ben Weatherstaff)
Christine Davis (Mrs. Crawford)
Hans Treichler (Mr. Pitcher)
Klaus Hemmerle (Dr. Craven)
Joachim Hall (Roach)

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Die Handlung des Romans wurde im Hörspiel natürlich verknappt und auf seinen wesentlichen inhaltlichen Kern reduziert. Und doch gelingt es, dieses komplexe und tief angelegte Jugendbuch authentisch zu erzählen. Die junge Mary, die verwaist in die englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verwitweten und verbitterten Onkel Archibald Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, erweicht das Hörerherz. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. Der geheime Garten wird für beide zu einem wichtigen Zufluchtsort und zum Sanatorium für die Seele. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken..

Solvej Krause und Samuel Teixeira verleihen ihren Figuren so viele Facetten, die diese Verletzungen verdeutlichen, dass man schon ab einem Alter von acht Jahren gut nachvollziehen kann, was in ihren Herzen vor sich geht. Trauer und Angst sind die Bestimmungsgrößen ihres Alltags. Eine eingebildete und verwöhnte Zicke trifft auf den eingebildeten kranken Jungen. Ein weiter Weg liegt vor ihnen. Freunde müssen erst zu Freunden werden, um helfen zu können. Das Wunder wartet am Ende des Gartens. Es ist die alte Botschaft von Frances Hodgson Burnett, die auch nach mehr als hundert Jahren noch zu uns durchdringt. Alleine schafft man es nicht aus Krisen zu entkommen und erst, wenn man sich anderen anvertraut, sich öffnet und zuhört, gelingt ein Wunder.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – Ab März beim Coppenrath Verlag

Gemeinsames Hören, vielleicht sogar im Garten, wird hier zum Erlebnis. Ich mag auf diesem Hörspiel aufbauend in das Buch mit dem Originaltext eintauchen. Ich werde mir die Literaturverfilmung anschauen und erlaube mir, Euch einfach mitzunehmen. Ein Jahr voller Gartenlesetage wartet auf uns und so wie ich mich kenne, wird sich noch so manche andere Geschichte diesem Weg anschließen. Es grünt so grün, wie unsere Bücher blühen… Ich glaub` jetzt hab` ich`s… Bis bald. Im Garten.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - 2019 als Film mit Colin Firth

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – 2019 als Film mit Colin Firth – AstroLibrium

Mehr zu der MinaLima Bibliothek der Jugendbuchklassiker auf AstroLibrium.

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Die MinaLima Bibliothek bei AstroLibrium