Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr - Astrolibrium

Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Es sind diese „Stell-Dir-vor-Rezensionen“, die sich als Stilmittel eignen, wenn es darum geht, sich den Texten von Anthony Doerr zu nähern. Es ist das Unvorstellbare, das uns der Pulitzerpreisträger von 2015 ins Leben schreibt. Es sind keine alltäglichen Geschichten, die seinen Weg in unsere Herzen finden. Und genau deshalb hilft es mir, genau mit dem einleitenden Aufruf in eine Rezension seiner Bücher zu starten. Ich bin schon einmal gut damit gefahren. „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ebnete Anthony Doerr den Weg zu höchsten literarischen Ehren. Ich schrieb damals:

„Stell Dir vor, Du bist blind. Nicht von Geburt an, sondern langsam erblindet. Stell Dir vor, Du kannst Dich noch sehr gut an Farben und Formen erinnern, aber nun, im Alter von sechzehn Jahren hat Dich Deine Sehkraft völlig verlassen. Und doch bist Du nicht hilflos. Stell Dir vor, Du hast einen Vater, der Dir ein Modell Deiner Stadt baut und Dich mit den Fingern so lange Deine Wege ertasten lässt, bis Du es schaffst, Dich außerhalb dieser Miniaturwelt gänzlich allein zurechtzufinden. Und dann stell Dir vor, es fallen die Bomben auf deine Stadt. Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… Dieses würde mir reichen…!“ (weiterlesen oder gerne auch weiterhören)

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Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Und nun, kaum sieben Jahre später, greife ich erneut zu diesem Stilmittel, um den Roman „Wolkenkuckucksland“ vorzustellen. Auch hier dürft Ihr Euch gerne an meiner Vorstellung reiben, Eure Bilder mit meinen vergleichen und Eurer Vorstellung von einer (für Euch) gut erzählten Geschichte gerne Gehör verleihen. Diese Erzählung hat nichts mit Mainstream zu tun. Hier ist alles im Stile einer Novelle völlig neu erzählt, in seinem Konstrukt mehr als außergewöhnlich und gewagt. Dies hier ist die Welt von Anthony Doerr. Stell Dir vor, es wäre jetzt auch Deine!

Stell Dir vor, Dir begegnet ein Buch, das so aussieht, als wäre es gerade einer großen mittelalterlichen Bibliothek abhanden gekommen. Stell Dir vor, die Vorschusslorbeeren der internationalen Presse machen Dich neugierig und lassen Dir keine Chance, dieser Geschichte zu entkommen. Und dann stell Dir vor, Du findest einfach keinen Zugang zu einem Roman, der Dich schon unmittelbar nach dem Prolog mit drei Erzählebenen konfrontiert, die nichts miteinander verbindet. Stell Dir vor, Du befindest Dich:

  • In der Zukunft – An Bord des Raumschiffs Argos im 65. Missionsjahr
  • In unserer Zeit – In der Stadtbibliothek von Lakeport und
  • In der Vergangenheit – Im Jahr 1439 in Konstantinopel

Und dann stell Dir bitte noch vor, jeder dieser einzelnen Handlungsstränge wäre so fesselnd und interessant, dass er ein eigenes Buch verdient hätte. Nur, es will Dir nicht gelingen, die Geschichten miteinander in Verbindung zu bringen. Wenn Du Dir all dies vorstellen kannst, dann herzlich willkommen im „Wolkenkuckucksland„…

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Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr

Was es jetzt braucht, ist eine große Portion Urvertrauen in den Schriftsteller und die Büchermenschen, die dieses Buch schon gelesen haben. Letztere schreiben fast einstimmig vom erforderlichen Durchhaltevermögen, das letztendlich belohnt wird, von den Problemen im anfänglichen Verständnis der komplexen Textkomposition zu Beginn und den Schleiern, die sich langsam lüften und letztlich Zusammenhänge hervortreten lassen. Und der Autor zeigt uns schon vor dem Beginn seiner Geschichte, was er hier eigentlich geschrieben hat. Es ist ein großes Buch über die Liebe zum geschriebenen Wort. Eine Geschichte, die nicht nur unsere, sondern jede Zeit überdauern wird und in jeder Facette eine Liebeserklärung an die immerwährende Macht der Literatur. Hier ist es schon die Widmung des Romans, die erste Spuren legt:

„Für alle Bibliothekare,
damals, heute und in den Jahren, 
die da kommen werden.“

Wenn wir also im Wolkenkuckucksland Jugendlichen in den jeweiligen Coming-of-Age-Phasen begegnen, dann muss uns klar sein, dass Bücher eine wichtige Rolle im Roman spielen. Während sich Konstance an Bord des Raumschiffs Argos befindet, und mit den letzten ihrer und unserer Art einen Weg zu neuen Planeten sucht, bereiten sich Anna und Omeir 1453 auf die Belagerung und Eroberung Konstantinopels vor. Im heutigen Idaho werden wir in einer Bibliothek zu Zeugen eines Bücherabends, auf den sich die Kinder schon tagelang gefreut haben. Es könnte so schön sein, wäre da nicht Seymour, der mit einem Rucksack die Bibliothek betritt. Sowohl der Inhalt, als auch er selbst sind nichts anderes als tickende Zeitbomben. In der Zukunft endet die Existenz unserer Erde, in Konstantinopel steht das Ende der friedlichen Welt bevor und in Idaho enden so viele unerzählte Geschichten. Wenn nicht... Ja, wenn nicht der Autor selbst größere Pläne für seine Protagonisten hätte. Anthony Doerr plant etwas Großes…

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Es gilt ihm zu vertrauen. Es gilt, sich tief in die einzelnen Geschichten fallen zu lassen und an der Seite der Heranwachsenden zu bleiben. Es gilt, dem einzigen Bindeglied in diesen einzelnen Geschichten Beachtung zu schenken. Es gilt, einem Romanfragment auf der Spur zu bleiben, das die Zeit überdauert hat und von einem utopischen Land in den Wolken erzählt. Hier liegt die Magie dieses Buches verborgen. Es ist die Kraft einer antiken Erzählung, die uns in allen Zeitebenen wiederbegegnet. Es ist eine Geschichte, die im Stile der griechischen Mythologie dem „Wolkenkuckucksland“ den Hauch einer Legende vermittelt. Es ist eine Geschichte, die nicht endet, weil sie von Konstantinopel über Idaho bis ins Weltall führt… Ihr gilt es zu folgen. Wie einst Odysseus, so erkennen auch wir die wahren Ziele erst an den Ufern, an denen wir in diesem Roman anlanden dürfen. „Wolkenkuckuckslandist im besten Sinne ein literarisches Biotop, in dem die alten Geschichten mit den neuen in symbiotische Beziehungen treten.

„Ein Requitorium“, sagt er schließlich. „Kennst du das Wort?
Das ist ein Ort zum Ausruhen. Ein Text, ein Buch ist ein Ruheort für die Erinnerungen von Menschen, die früher einmal gelebt haben.
Es bietet Erinnerungen die Möglichkeit zu bleiben, nachdem die Seele weitergereist ist.“

Wir werden mehr als reich belohnt für unsere Standfestigkeit. Anthony Doerr lässt keine Frage offen. Das entspricht nicht seinem Stil. Überraschende Wendungen haben allerdings immer Hochkonjunktur in seinen Büchern. Nichts ist hier zufällig. Im Moment des Erkennens fallen uns nicht wenige Schuppen von den Augen. Das Lesen wird hier zum Aha-Effekt mit emotionalem und literarischem Tiefgang. Viele Romane knüpfen ihr Schicksal an die Odyssee von Homer, einige erleiden dabei heftigen Schiffbruch und gehen unter, andere wiederum erobern uns im Sturm. Mein Troja erobert der Autor, weil auch er ein Trojanisches Pferd vor meine Mauern geschoben hat, das es in sich hat.

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Ein bibliophiles Kleinod, in dessen Innerem sich die kaleidoskopische Wirkung eines großen Erzählers tausendfach bricht, aber nicht verliert. Jeder Leser, jede Leserin sieht am Ende der Geschichte eigene und unverwechselbare Muster. Jeder verliebt sich und verliert sich in einer eigenen Geschichte. An Bord der Argos, in der Bibliothek in Idaho oder vor den Toren von Konstantinopel. Unvergessen wird der rote Faden, der alles mit allem verbindet. Ebenso unvergessen die kleinen Zufälle am Rande. Wer kommt schon auf die Idee, einen Protagonisten der Argos Omicron zu nennen und ihn erst aus dem Hut zu zaubern, als eine Quarantäne an Bord erforderlich wird. Chapeau…

Ein Wort zum Hörbuch in der ungekürzten Fassung, gelesen von Frank Arnold. In der letzten Zeit verfalle ich immer mehr dem eigenständigen Medium eines Hörbuches. Von der literarischen Zweitverwertung eines Buches spreche ich hier schon lange nicht mehr. Auch diese mehr als sechzehn stündige Fassung ist perfekt eingelesen und mehr als großartig interpretiert und inszeniert. Allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass ich durch die verschachtelte Komposition dieses Romans im Buch oftmals zurückgeblättert habe, um Hinweise aufzuspüren, die mir zuvor entgangen waren. Hier ist das Hörbuch alleine ein zu flüchtiges Erlebnis. Die Spurensuche rückwärts fällt schwer und es wäre ein katastrophaler Fehler, diese Geschichte en passant zu hören. Sie eignet sich nicht für zwischendurch. Als Erweiterung des Erlebnisses „Wolkenkuckucksland“ kann ich auch das Hörbuch empfehlen… Wie schreibt Anthony Doerr so schön:

„Ich weiß, warum die beiden Bibliothekarinnen dir die alten Geschichten vorgelesen haben. Weil du, wenn sie gut genug vorgelesen werden,
allem entkommst, solange die Geschichte anhält.“

Zum guten Schluss. Literatur Radio Hörbahn ist mehr als unsere GlockenbachWelle. Unter der Leitung von Dr. Uwe Kullnick entstand eine lebendige Podcast-Plattform, die inzwischen auch Gastgeber für die ganz Großen der Literatur ist. Folgen Sie gerne der Lesung aus München. Anthony Doerr und Anuschka Tochtermann, seine deutsche Stimme, in der Aufzeichnung des Livestreams aus dem Amerikahaus.

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