Die Marschallin von Zora de Buono

Die Marschallin von Zora de Buono - AstroLibrium

Die Marschallin von Zora de Buono

Mögt ihr klassische Musik? Besucht ihr gerne Konzerte mit großem Orchester? Liebt ihr es, in den Melodien einer Inszenierung zu versinken, einfach loszulassen und von einer anderen Welt zu träumen? Dann seid ihr hier genau richtig. Aber ich muss euch warnen. Die literarische Sinfonie, die ich euch heute vorstellen möchte, ist nicht für Freunde leichter Unterhaltungsmusik komponiert.Die Marschallin von Zora del Buono ist mit einem fulminanten Konzert in zwei Aufzügen zu vergleichen. Während die Erzählung im ersten Teil langsam und beschaulich zu fließen scheint, wie einst die Moldau von Smetana, in manchen Nebenarmen ab und an ins Stocken gerät und sich durch die weitverzweigte Geschichte einer slowenischen Familie mäandert, geraten wir im zweiten Teil nach einem einzigen Paukenschlag in die mitreißenden Stromschnellen einer turbulenten Jahrhundertgeschichte, die uns nicht mehr aus dem Strudel und dem Sog der Faszination entlässt, den sie verbreitet.

Wer den Konzertsaal, in dem „Die Marschallin“ ihren Marschallstab schwingt, im ersten Teil verlässt, verpasst ein Leseerlebnis der besonderen Art: Das Tempo einer Erzählung, das sich im Rhythmus eines Trommelfeuers in unsere Eingeweide hämmert und keine Chance mehr zur Flucht lässt. Wir verstehen den ersten Teil des Romans als wichtige Ouvertüre, ohne die eine Wildwasserfahrt nicht möglich wäre. Wir sehen, dass alle Protagonisten unter der Regie der Marschallin sorgsam eingeführt werden mussten, um im vollen orchestralen Klang einen Sturm entfalten zu können, in dem die Dirigentin wie eine Furie über ihre eigene Lebensgeschichte herfällt. Ein grandioser Roman, den man vielleicht mit dem Ende beginnen sollte. Ein Roman, dem man dieses Tempo nicht zugetraut hätte, nachdem die Verästelungen der Familiengeschichte dem Hauptstamm immer weiter zu entwachsen drohten. Ein Roman, der nur als Ganzes wirkt, weil er uns mit diesen beiden Tempi überrascht.

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Die Marschallin von Zora de Buono

Die Autorin entführt uns in die Geschichte ihrer eigenen Familie. Sie spinnt ihren Erzählfaden vom Ersten Weltkrieg bis ins Jahr 1980, womit die Geschichte allerdings nicht enden wird, weil die Autorin selbst sie mit ihrem eigenen Schaffen fortsetzt. Es sind die Zoras, die diese generationsübergreifende Erzählung dominieren. Es ist die Hauptfigur Zora, die sich in ihrer Familie mühevoll freischwimmen muss. Eine starke Frau in unsicheren Zeiten. Eine stolze Slowenin, der in ihrem Leben eines fehlt. Eine klare nationale Identität. Egal, wo sie lebt, egal mit wem sie sich umgibt, die Grenzen der Toleranz gegenüber Menschen aus Slowenien sind eng gezogen. Da hilft es auch nichts, dass ihr Ehemann sie im italienischen Bari mit Luxus überschüttet, um ihr das Gefühl von Heimat zu vermitteln. Zora hat von ihrer Großmutter nicht nur den Namen geerbt. Sie ist eine Alleinherrscherin innerhalb der Familie und setzt alles daran, ihre Söhne durch die Wirren der Geschichte zu leiten.

Es ist eine Geschichte voller Irrungen und Wirrungen. Es ist die Zeit der politischen Demagogen und Diktatoren. Hier setzt Zora alles auf eine einzige Karte, engagiert sich im Kampf gegen Mussolini und glaubt daran, dass ein gewisser Josip Broz Tito seine Heimat vor dem Zugriff der konkurrierenden Machthaber bewahren kann. Ein riskantes Spiel. Für eine Frau in dieser Zeit noch gewagter. Den Diktatoren im Äußeren steht sie im Inneren des Familienverbandes in Nichts nach. Mit straffer Hand agitiert sie, wie die großen Ideologen. Schwiegertöchter haben sich einzureihen, sonst werden sie an den Rand gedrängt. Söhne haben ihr zu entsprechen, sonst droht Ungemach und ihr Mann hat sich damit abzufinden, wer hier die Hosen anhat. Was für eine Frau, was für böse Intrigen und welch bittere Niederschläge sie hinnehmen muss, bevor der Vulkan in ihr entgültig ausbricht. Und gegen ihn sind die Eruptionen des Ätna kleine Bebelchen.

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Die Marschallin von Zora de Buono

Es ist eine Geschichte von Ländern, von Rissen in der Geschichte und von Inseln, die ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen haben. Verbannten und Kriminellen dienen sie als Heimat. Diktatoren dienen sie als reines Machtinstrument. Es ist auch eine Geschichte solcher Inseln, der Zora nur ihre Familie als Insel entgegenzusetzen hat. Ist es eine slowenische, eine italienische oder jugoslawische Geschichte, der ich hier von 1919 bis 1980 folge? Formal ist es für mich eine deutsche Geschichte. Klingt komisch, aber ohne deutsches Gas im Ersten Weltkrieg, ohne deutsches Gedankengut zwischen den beiden Kriegen, ohne Nationalsozialisten, Deportationen und Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg wäre die Familie der del Buonos ja vielleicht einfach eine normale und glückliche Familie gewesen. Das jedoch sollte nicht sind. Davon zeugen die Toten, die Unglücklichen und Heimatlosen, die am Ende sprachlos dem finalen Monolog der Erzählerin zu folgen haben.

Dieser Monolog verändert alles. Er ist kein Sturm im Wasserglas. Die Marschallin gleicht in seiner Struktur einer chronologischen und sehr akribischen Buchführung, die eine Familiengeschichte mit all ihren Gewinnen und Verlusten dokumentiert. Als es dann zur Bilanz kommt, wird aus dem Bilanzlineal eines Lebens das Fallbeil der Generationen. Das Buch verliert seine Fassung, „Die Marschallin“ verliert ihre Fassung und der Leser wird von einem fulminanten Finale förmlich über den Haufen gerannt. So fühlt sich nur die ganz große Literatur an. Ich bin sehr dankbar, dieser Alleinherrscherin nicht alleine über den Weg gelaufen zu sein. Kate begleitet mich gerade durch solche Romane, in denen Frauenbilder zu den wahren Bestimmungsgrößen gehören. So auch hier. Es ist ihr Blick auf diesen Roman, der unter dem Motto KateView den finalen Monolog dieser Rezension darstellt. Vorsicht, jetzt kommt Tempo… es folgt die Schussfahrt.

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Die Marschallin von Zora de Buono – KateView

Nachdem ich leider – oder auch nicht – völlig unmusikalisch bin,
muss ich mein Leseerlebnis mit anderen Bildern beschreiben.

Die Marschallin - KateView - Astrolibrium

Die Marschallin von Zora del Buono – KateView

„Die Marschallin“ gleicht für mich einer gelungenen Mountainbiketour.

Der erste Teil ist gemächlich, aber anstrengend. In langsamem Tempo geht es über viele Kurven den Berg hinauf. Zwischendurch braucht man Pausen, in einem Stück ließ sich das Buch nicht dahinlesen. Zu groß die unterschiedlichen Eindrücke, zu eigenständig die Geschichten der einzelnen Personen. Zu dem Zeitpunkt noch ungläubig, dass sich das Ganze zu einem Ganzen fügen wird, halten den Leser die wunderschönen Ausblicke in die Landschaft bei der Stange – in diesem Fall die traumhaft schönen Worte, mit denen die Autorin so meisterhaft umgehen kann. Von feinsinniger Opulenz ist die Rede, von hell leuchtenden Persönlichkeiten, von Vögelchen und Spätblüherinnen. Es wird über den Geschmack von Elektrizität philosophiert, man findet konziliante Distinktion, ein Volk von Schafen und ein gefallenes Mädchen. Dies alles und das Bewusstsein, dass man diesen Berg erklimmen muss, um in den Genuss der Abfahrt zu kommen, lässt einen durchhalten und der Autorin bis zum zweiten Teil folgen. Und dann.

Dann geht es unversehens hinab in einer wilden Fahrt, in atemberaubendem Tempo, nicht ahnend, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet und man liest und liest und liest und liest, bis man am Ende ist. Und dann sitzt man da, schwer atmend, mit weit aufgerissenen Augen, nicht fassen könnend, dass es vorbei ist. In seiner Gänze ist das Buch genau so notwendig. Während der fulminanten „Abfahrt“ erschließt sich jedes Detail des Anstiegs, es schließen sich die Kreise und alle losen Fäden finden ihren Platz in diesem großartigen Gemälde über eine außerordentliche Frau. Chapeau.

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Die Marschallin von Zora de Buono

Wenn ein Roman an seinem Ende seine Widerhaken in eine andere Geschichte schlägt, dann könnte dies Grund genug sein, jener schicksalhaften Fügung zu folgen. „Die Marschallin“ berührt am Ende „Ulysses“ und James Joyce gleichermaßen. Ein Wink mit dem literarischen Zaunpfahl von Zora del Buono? Vielleicht ein Zeichen? Der rote Klotz ist ungelesen, ungewagt, nie getraut, oft nur angedacht. Bis jetzt! Danke für diesen Impuls, der sich nun nicht mehr unterdrücken lässt…

Eine weitere lesenswerte Rezension findet ihr bei: Constanze auf Zeichen & Zeiten!

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Die Marschallin von Zora de Buono

CLORIS von Rye Curtis

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CLORIS von Rye Curtis

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Eine berechtigte Frage, die sich die Forest Ranger in Montana stellen, als sie am Funkgerät immer nur das Wort „Cloris“ empfangen. Eigentlich sind es Tage wie immer in der Idylle der Bitterroot Mountains. Nicht viel los auf dem Außenposten in der Weite der Natur im Herzen von Montana. Wäre da nicht jener monotone Funkspruch. Cloris. Dabei ist das Wort gar kein Wort, es ist ein Name und der Funkspruch ist alles andere als monoton. Es ist ein Hilferuf der besonderen Art und die schlechte Verbindung sorgt dafür, dass man am anderen Ende immer nur dieses Wort hört. Cloris. Dass sich hier eine verzweifelte 72-jährige Texanerin in akuter Lebensgefahr befindet, dass sie einen Flugzeugabsturz über dem unwirtlichen Gebirgszug überlebt hatte und nun nach Hilfe ruft, erschließt sich den Rangern vorerst nicht.

„Was zum Teufel ist denn ein Cloris?“

Wir Lesenden wissen mehr als die Forest Ranger in Montana. Rye Curtis macht uns in seinem literarischen Debüt-Roman „Cloris“ zu Augenzeugen des Absturzes. Er setzt uns in die kleine Maschine und lässt keine Fragen offen, mit wem wir da bis zum „Ende der Welt“ fliegen. Ein routinierter Pilot und ein älteres Ehepaar aus Texas, das sich hier eine kleine Hütte gemietet hatte, um die Landschaft zu genießen, fallen nach einem missglückten Manöver vom Himmel. Ein Absturz, den nur die Frau überlebt. Ihr Name: Cloris Waldtrip. Die tief religiöse ehemalige Lehrerin und Bibliothekarin bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Und doch beginnt ihr Überlebenskampf schon direkt nach dem harten Aufprall der Maschine.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis – AstroLibrium

Eigentlich sollten die Chancen auf Rettung nicht schlecht stehen. Ein Funkgerät, eine warme Jacke, ein paar Karamellbonbons und der unversehrte Schuh ihres toten Ehemanns, den Cloris als Trinkgefäß verwenden kann und eine Bibel sind jedoch die einzigen Utensilien, die sie aus dem Wrack retten kann. Der Rest ist Schweigen und Einsamkeit. Und wäre da nicht die andere Seite am Ende des Funksignals, alles wäre vielleicht viel schneller gegangen. Denn hier begegnen wir der abgehalfterten Rangerin Debra Lewis, die schon auf den ersten Seiten unseres Kennenlernens mehr Merlot in sich hineinkippt, als ich es je in meinem Leben bewerkstelligen könnte. Merlot pur und Merlot im Kaffee, Merlot in der Thermoskanne und direkt aus der Flasche. Es sind die ungünstigsten Voraussetzungen, mit einem Hilferuf genau bei Ranger Lewis zu landen.

Und doch lässt Rye Curtis seine Cloris nicht allein. Wie aus dem Nichts scheint sie Hilfe zu finden. Eine Nachricht „Gehen Sie flussabwärts“, ein plötzlich flackerndes und wärmendes Lagerfeuer, ein Kompass, eine Trinkflasche, ein Beil und weitere hilfreiche Gegenstände tauchen auf, als sie sich auf den Weg zurück in die Zivilisation macht. Es scheint ein Wunder zu sein, Folge ihres tiefen Glaubens und doch erkennt auch Cloris, dass diese Hilfe viel realer ist, als sie es sich jemals vorgestellt hat. Es ist ein maskierter Mann, der sie als Schutzengel begleitet. Doch warum gibt er sich nicht zu erkennen?

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

Das klingt nach einem guten Roman mit viel Potenzial zum Pagetruner. Und doch macht es uns Rye Curtis nicht leicht mit seinem Debüt. Der junge texanische Autor hat einen Plan, dem er schreibend folgt. Er hat ein Ziel, dem wir durch die Wildnis Seite an Seite mit „Cloris“ entgegen streben. Die brillante Konstruktion des Romans entledigt uns von den grundlegenden Sorgen, ob die alte Dame letztlich überlebt. Sie selbst ist es, die ihre Geschichte mit einer zeitlichen Distanz von mehr als zwanzig Jahren erzählt. Es ist eine Seniorenresidenz, aus der sie sich meldet. Hier steht nicht die Frage des „Ob“ sie es überlebt hat im Mittelpunkt, sondern das „Wie“ und was sie aus den Ereignissen für sich gelernt hat. Ein Entwicklungsroman in höchstem Alter. Destination unbekannt.

Dabei geht uns Rye Curtis gehörig auf die Nerven. Und das im allerbesten Sinne des Wortes. Es sind drastische Bilder, die er in unserem Geist explodieren lässt. Es handelt sich um drastische Beschreibungen vom Tod, Verwesung und vom Überlebenskampf in einer alles verzehrenden Wildnis. Es sind skurrile Charaktere, an denen wir uns hier zu reiben haben, um den Kern der Geschichte zu erkennen. Jeder scheint hier gewaltig in einem Gefängnis aus Selbstsucht, Sucht und Absonderlichkeit gefangen zu sein. Jedes Bild für sich kann den Lesenden abschrecken. Besonders die Konfrontation mit einem Bild, das sich noch lange festbrennt und sich ganz langsam aus einzelnen Aufnahmen entwickelt, verlangt einige Überwindung. Rye Curtis kämpft in „Cloris“ gegen Vorurteile und Vorverurteilung. Er gibt den Menschen in seinem Roman eine zweite Chance. Wir hätten ihnen vielleicht nicht mal eine erste gegeben. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Ein Buch jedoch für Abenteurer und Liebhaber schrulliger Menschen, denen man sehr gerne durch ihre Geschichte folgt.

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CLORIS von Rye Curtis

Cloris von Rye Curtis - KateView - Astrolibrium

Cloris von Rye Curtis – KateView

Ich war nicht alleine in den Bitterroot Mountains. Mir war die Sicht von Kate mehr als wichtig, weil es gerade Frauen sind, die diesen Roman dominieren. KateView, der zweite Blick aufs Buch:

Was anfängt wie ein gewöhnlicher Ausflug in die Weiten Montanas, entpuppt sich schon nach wenigen Seiten als Herausforderung für schwache Mägen. Rye Curtis wechselt zwischen stimmungsvollen Beschreibungen und schonungsloser Ehrlichkeit. Als Leser mit Phantasie geht einem das Bild des vor unseren Augen, in unseren Ohren verendenden Piloten nicht aus dem Kopf. Time after time. Es zieht einen hinein in die Wälder und lässt einen in einer Offenheit auf Figuren treffen, die fast schon nackt sind. Der Autor breitet mit einer Ruhe das Seelenleben und die inneren (und äußeren) Qualen seiner Protagonisten vor uns Lesern aus, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als ihm mit etwas angeekeltem Blick in seiner Geschichte zu folgen. Die gläubige, fast schon fatalistische alte Dame, die alkoholsüchtige Rangerin, der kreideverliebte abgehalfterte Lover, der etwas langsame Rangergehilfe. Alles Figuren, die in sich so stimmig sind, dass sich die schlüpfrige Erzählweise ausgesprochen gut ertragen lässt.

Ein wenig erinnert mich der Roman an „Feuchtgebiete“, von allem immer einen Hauch zu viel, immer ein wenig mehr Provokation – und doch zieht einen die Story in ihren Bann. Gerade weil man nach wenigen Seiten so viel über die Figuren weiß, begleitet man sie gerne ein Stück. Und zwischen all den Schlüpfrigkeiten und verkrachten Existenzen finden sich tiefgründige Gedanken mit offenem Ende. Der Geschmack von billigem Merlot und verkohltem Eichhörnchen auf der Zunge führt einen durch einen Roman, der EBEN NICHT eine Geschichte über zwei toughe Frauen ist, die sich durch die Wildnis schlagen – denn das kann ja jeder. Der Alltagsalkoholismus ist ebenso schwer zu ertragen, wie die Erkenntnis, dass Cloris alle Hilfe braucht, weil sie allein nicht überleben kann. Wenn man einen seichten Roman über starke Frauen lesen will, dann ist dieses Buch nicht geeignet. Cloris ist ehrlich.

CLORIS von Rye Curtis - AstroLibrium

CLORIS von Rye Curtis

„Cloris“ von Rye Curtis bricht mit vielen Tabus und überschreitet Grenzen. Ich werde in Erinnerung behalten, dass ich gerade die Romanfiguren am meisten mochte, die es am wenigsten verdient zu haben schienen. Es ist eine intensive Diskussion, die der Autor in unserem Innersten auslöst. Schaffen wir es hier, unsere Denkbarrieren zu lösen, fällt es uns auch im Leben leichter, dem Schwarz-Weiß-Denken nicht zum Opfer zu fallen. Achten Sie auf sich, wenn Sie dieses Buch lesen. Greifen Sie doch einfach zu einem guten Glas Merlot. Das hilft zwar nicht weiter, aber es ist der Geschmack in einer Geschichte, die nie geschmacklos wird. Betreutes Survival. Mal was Neues.

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Ja, er ist zweifelsohne ein großer Erzähler. Daniel Mason hat nicht nur einen guten literarischen „Riecher“ für neue und unverbrauchte Themen, die er in seinen Romanen zu großen Geschichten verdichtet. Er ist in der Lage, seine Leser in die Geschichte zu entführen. Zeitreisen in längst vergangene Epochen sind seine Spezialität. Recherchen und präzise historische Einordnungen zeichnen sein Werk aus und es ist der Ton, der hier die Musik macht. Es gelingt ihm, seine Charaktere so in die historischen Epochen einzubetten, dass sie aus der Zeit in unsere Arme fallen. So entsteht das Gefühl, nicht nur ein Buch zu lesen, sondern ein altes Familienalbum zu öffnen und Teil einer bisher unerzählten Geschichte zu werden. „Der Wintersoldat“ sorgte zuletzt für Aufsehen:

Ich schrieb in meiner Rezension zu diesem Meisterwerk: 

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… (weiterlesen)

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Der Klavierstimmer ihrer Majestät“ wirkt nun auf den ersten Blick wie ein neuer Roman aus der Feder des erfolgreichen Autors. Dabei wurde das Buch erstmals im Jahr 2002 veröffentlicht. Die neue Aufmerksamkeit für Daniel Mason mag nun ein guter Grund für die Neuauflage dieses Romans sein, da viele seiner jetzigen Leser das Buch nicht kennen und gerne an die Anfänge des Schaffens von Mason zurückkehren. Eine Neuentdeckung kann man diesen Roman also nicht nennen. Für eine Retrospektive ist es angesichts des Alters des Schriftstellers sicher noch viel zu früh. Genießen wir also einfach einen Roman, der uns bestimmt entgangen wäre, hätte er kein Revival erlebt. Er erzählt eine lesenswerte Geschichte, die in ihrer Ausgangssituation skurril wirkt, jedoch im Verlauf der Geschichte so greifbar wird, wie man es sich nur wünschen kann.

Erinnert Ihr Euch noch an Fitzcarraldo? Klingt der Name Christoph Schlingensief in Eurer Erinnerung? Findet Ihr die Verbindungslinie? Es war die klassische Musik, der die Träume folgten. Westliche Opernmusik im Dschungel, Opernhäuser am Amazonas? Erinnert Ihr Euch an Klaus Kinski, den Opernliebhaber, der einen Dampfer über einen Bergrücken ziehen lässt, um dann auf seinem Deck ein Opernhaus zu errichten? Auch Schlingensief stellte ein Opernhaus am Amazonas in den Mittelpunkt seines Schaffens. Verrückt? Abgedreht? Wartet, bis Ihr Euch mit Daniel Mason auf den Weg nach Birma macht. Es ist auch hier die westliche klassische Musik, die im indischen Kulturkreis zu klingen scheint, wie ein Wunder.

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Nur klingt die Musik nicht so, wie sie klingen könnte. Der wertvolle Flügel, den man mühevoll auf dem Land- und Seeweg in ein britisches Militärlager transportiert hatte, ist arg in Mitleidenschaft gezogen. Das tropische Klima und ein paar gezielte Schüsse auf den Korpus des Flügels haben ihn wahrlich verstimmt. Und genau das scheint nun das größte Problem eines Oberstabsarztes der britischen Kolonialtruppen zu sein. Er sieht seine Mission gefährdet. Er sieht den Frieden und die Vormachtstellung der Engländer im umkämpften Britisch-Indien des Jahres 1887 auf der Kippe stehen. Denn es ist der Flügel, dem man nachsagt, dass er im Kampf der Kulturen wahre Wunder bewirkt hat.

So erreicht die ferne Regierung in London ein knappes Schreiben:

„Gentlemen,

man kann auf dem Erard-Flügel nicht mehr spielen, er muss gestimmt
und repariert werden. Ein auf Erard spezialisierter Klavierstimmer wird
in Mae-Lwin dringend benötigt. Das dürfte weiter keine Schwierigkeiten
machen. Es ist wesentlich einfacher, einen Mann hierher zu schicken als
ein Klavier.

Oberstabsarzt Anthony Carroll, Mae-Lwin, Shan-Staaten

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Eine explosive Ausgangssituation. Die brennende Lunte am Pulverfass eines großen atmosphärischen Abenteuer-Romans glimmt nicht leise vor sich hin. Daniel Mason lässt keinen Zweifel daran, dass nur der Londoner Klavierstimmer Edgar Drake in der Lage ist, einen ganzen Subkontinent für die britische Krone zu retten. Er reist im Auftrag der Krone nach Indien. Hier entwickelt Mason einen Erzählreichtum, der die Schatzkiste in seiner Erzählung bis zum Rand mit brillanten Handlungsfäden füllt. Es ist die Musik, die sich Raum erobert. Es ist das Klavierstimmen, das er uns nachhaltig näherbringt, es ist die Reise von London nach Indien, auf die wir uns begeben. Und es ist der Kampf der Kulturen, den wir vor Ort erleben.

Wie konnte es dem Arzt gelingen, den Frieden mit einem Klavier zu wahren? Welche Rolle spielen die War-Lords der Region? Wird es dem Klavierstimmer gelingen, diesem Flügel neues Leben einzuhauchen? Wie verändert sich das Leben von Edward Drake? Und welche Rolle spielt die geheimnisvolle Frau, der er im Militärlager begegnet? Birma entfaltet einen grandiosen Zauber. Ein indischer Schleier, undurchsichtig und magisch. Eine Reise ans andere Ende der Welt, die sich lohnt. Eine Reise, die den jungen Mann aus London an die Grenzen führt. Und darüber hinaus. Daniel Mason hetzt uns nicht in seinem Roman. Er lässt den Reise-Etappen und den Charakteren Spielraum. Er spielt auf der Klaviatur seiner Erzählkunst eine Partitur, der man atemlos folgen muss. Es ist die Liebe, die sein Erzählen prägt. Es ist die Romantik, die sich Bahn bricht. Und doch ist es wie immer bei Daniel Mason. Sein Finale ist nicht von der Stange. Es ist niemals vorhersehbar, so sehr wir uns das als Leser auch wünschen würden.

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason - Astrolibrium

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Nein, ich mag nichts vorwegnehmen oder sogar spoilern. Manchmal findet man im Schreiben von Autoren bestimmte Muster, die sich wiederholen. Bei Daniel Mason bin ich auf eine „Verweigerungshaltung“ gestoßen, mit der sich seine Leser anfreunden müssen. Klassische und einfach gestrickte Happy Ends sind nicht sein Ding. Dafür ist die Konstruktion seiner Romane zu komplex angelegt. Und mit seinen Protagonisten ist das auch nicht zu machen. Dafür sind sie zu eigen. Passt auf Euch auf beim Lesen…

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Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

Long Bright River von Liz Moore

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Vielleicht sollten Sie sich „Streets of Philadelphia“ von Bruce Springsteen anhören, während Sie diese Rezension lesen. Jedenfalls war der Song meine Nummer 1 auf der Playlist zum Roman „Long Bright River“ von Liz Moore. Das liegt nicht daran, dass er am Delaware spielt, der sich mitten durch die amerikanische Metropole schlängelt. Hier ist es die zutiefst melancholische Atmosphäre, die zur Grundstimmung dieses brillanten Romans passt, der wie ein Film an unserem geistigen Auge vorbeifliegt. Es ist ein mehr als tristes Szenario, in das uns Liz Moore entführt, es ist die ehemals aufstrebende und pulsierende Industriestadt Philadelphia, die uns gefangen nimmt. Es sind Straßenzüge, die sich in unser Gedächtnis brennen und es sind die Menschen dieser Stadt, die einen einsamen Kampf gegen Armut, Drogenabhängigkeit und Prostitution führen.

Perspektive wird zur Mangelware im dahinsiechenden Philly. Ein brillantes Setting für einen Kriminalroman, der einerseits Sittengemälde einer modernen Gesellschaft ist, andererseits aber genau aus den hier angesiedelten Konflikten den Zündstoff für seine Handlung bezieht, die hochexplosiv ist. Wir gehen mit Michaela, genannt „Mickey“ auf Streife im neuralgischsten Viertel der Stadt. Es ist das alte Kensington und es sind die heruntergekommenen Avenues, auf denen sich das wahre Leben zwischen Kriminalität und Überleben abspielt. Hier patrouilliert die Streifenpolizistin tagein tagaus, nicht aber im Kampf gegen das allgegenwärtige Verbrechen. Sie passt auf ihre Schwester auf.

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Fünf Jahre lang haben sie nicht mehr miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich sind die Welten, in denen sie leben. Kacey, die drogenabhängige Prostituierte, schafft hier auf den Straßen von Philadelphia an, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren. Und all dies unter den wachsamen Augen ihrer Schwester Mickey, die ihrer Mission mit der stillen Akribie einer Maschine folgt. Dass sie dabei oft an ihre Grenzen stößt, sie sogar überschreitet und im Dienst unzuverlässig erscheint, nimmt die Mutter eines 5-jährigen Sohnes in Kauf, solange sie für ihre Schwester den Schutzengel spielen kann. Dies ist eine mehr als spannende Ausgangslage für einen atmosphärischen Krimi, mit der sich die Autorin natürlich nur anfänglich zufriedengibt.

Liz Moore lässt es dunkel werden. Im Strahl ihrer Taschenlampe sehen wir nur erste Fragmente von Bildern, die sich zu einem Mosaik zusammenfügen, in dem wesentliche Steine fehlen. Eine Prostituierte wird ermordet aufgefunden, die Polizei steht vor einem Rätsel; Mickey bemerkt, dass sie ihre Schwester Kacey schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hat; das Drogen- und Prostituiertenmilieu ist aufgeschreckt und als sich andeutet, dass ein Serienmörder umgeht, schrillen sowohl bei der Polizei, als auch bei Mickey alle Alarmglocken. Liz Moore entwirft in ihrem Roman Parallelwelten, in denen wir tief versinken müssen, um alle Zusammenhänge zu erkennen.

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Es ist Mickeys Welt, in der die Work-Life-Balance schon längst gekippt ist. Sorge um ihren Sohn Thomas, die unzuverlässige Nanny, die schrullige Vermieterin und ein neuer Partner im Streifenwagen engen ihren Aktionsradius deutlich ein. Die Angst um ihre Schwester macht aus der Straßenpolizistin einen Rachenengel, der zu allem bereit zu sein scheint. Auf eigene Faust nimmt sie die Ermittlungen auf und als man ihr steckt, ein Cop könnte der Killer sein, verliert sie jedes Vertrauen zu ihren Kollegen. Parallelen Welten gilt es fortan lesend zu folgen. Rückblicke auf die Kindheit der beiden Mädchen, ihre unterschiedliche Entwicklung, den familiären Rahmen und falsche Freunde geben Aufschluss über die Wurzeln ihres heutigen Konfliktes. Mickey und Kacey werden uns von Kapitel zu Kapitel vertrauter. Die Sorge wächst.

Liz Moore hat in ihrem Buch Long Bright River den legendären Fluss Delaware als Strukturelement verewigt. Träge fließt er durch die Stadt, seichte Flussarme und schnelle Passagen wechseln sich ab. Schmutzig ist das Wasser. Im Trüben muss man fischen, wenn man an den Grund gelangen will. Und der Fluss hat schon viel bessere Zeiten gesehen. Wenn Liz Moore in den Flow kommt, kann man sich ihrem Schreiben nicht mehr entziehen. Mosaikstein um Mosaikstein findet an seinen richtigen Ort. Allein ein Gesamtbild verweigert sich uns. Aus Nebenfiguren werden relevante Charaktere, in klaren Bildern und Vorurteilen sehen wir uns getäuscht. Unterstützung kommt fast nur von vorher nicht erwarteter Seite. So streifen wir durch die Straßen einer Stadt, die nie zu schlafen scheint. Wir vermuten täglich, auf Kaceys Leiche zu stoßen und hoffen, uns werde noch mehr Zeit gegeben, sie zu finden.

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Liz Moore gelingt nicht nur die perfekte Charakterzeichnung ihrer Protagonisten. Wenn man ihren Cast mit der Besetzungsliste eines Films vergleichen würde, hätte sie den Oscar für einige wichtige Nebenrollen verdient. Ein verletzter Ex-Kollege, der sich trotz Handicap privat in die Ermittlungen einschaltet – eine grandiose Figur. Ebenso die alte Vermieterin von Mickey, die eine Wandlung durchlebt, die sie fast zur Hauptperson des Romans werden lässt. Polizisten, die sich einfach schäbig verhalten und Dealer, in denen man sich so lange getäuscht hatte. Ein Sittenbild voller Verwerfungen und ohne jede Vorhersehbarkeit.

Dass es Liz Moore gelingt, uns lange an der Nase herumzuführen, ist einfach nur der großartigen Struktur ihres Romans zu verdanken. Wir liegen oft falsch, weil wir einfach nicht bereit sind, die Wahrheiten zu erkennen, die direkt vor unseren Augen zu liegen scheinen. Wir sind ebenso blind für das große Ganze, wie es die Gesellschaft in Philadelphia für die Ausgegrenzten und Ermordeten ist. Der ganz große Aha-Effekt im Roman macht aus einem Krimi eine tiefe Beziehungsstudie. Freundschaften können im wahren Leben auf die Probe gestellt werden. Schwesternliebe nicht. Sie bleibt auch im tiefsten Konflikt latent bestehen und bricht in den Momenten aus, in der sie in der Lage ist, Leben zu retten. Blut ist dicker als Wasser – das gilt auch für diesen Roman.

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Neben der brillant erzählten Handlung ist es die Sprache, die mich überzeugt hat. Sie schmiegt sich an den Song von Springsteen an, sie trägt uns melancholisch durch eine Geschichte voller Verlustangst und Traumata. Es ist eine Sprache, die uns zeigt, was mit Schwestern geschieht, die durch das Leben voneinander getrennt werden. Ich möchte Euch mein Lieblingszitat mit auf den Weg geben, bevor ihr dem „Long Bright River“ folgt und in den Straßen von Philadelphia nach Kacey sucht:

„Wir lebten uns immer mehr auseinander. Ohne sie wurde meine Einsamkeit monströs, ein leises Summen, ein zusätzlicher Körperteil, eine Blechdose,
die ich hinter mir herzog, wohin ich auch ging. Ich vermisste Kacey.“

Ich gehe jede Wette ein, dass Sie diese Blechdose hören werdet, wenn Sie diesen Roman lesen. Passen Sie auf sich auf.

PS: Constanzes Sicht auf Zeichen & Zeiten ist ein Plädoyer für diesen Roman.

Long Bright River von Liz Moore - Astrolibrium

Long Bright River von Liz Moore

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan – Astrolibrium

Es ist die Liebe zum literarischen Erbe ihrer Heimat, die sie alle vereint. Es ist die Liebe zum geschrieben Wort, die sie zusammenführt und es ähnelt einem literarischen Salon in Europa, wenn sie sich in einem besonderen Raum eines einfachen Hauses im Zentrum von Teheran versammeln. Es ist Der Zirkel der Literaturliebhaber, in den wir von Amir Hassan Cheheltan ohne Vorbehalte eingeführt werden. Der Schriftsteller ist sich sehr wohl darüber im Klaren, dass er sich mit seinem Buch nicht an Lesende und Literaturfreunde wendet, die ein Studium der persischen Literaturgeschichte absolviert haben. Nein. Er macht es uns leicht, weil wir uns von der ersten Seite an wünschen, in diesem Zirkel der Weltoffenheit und Bücherleidenschaft stille Zaungäste sein zu dürfen.

Es ist sein Leben, das der im Iran geborene Journalist und Schriftsteller hier vor uns öffnet. Es war sein Elternhaus, das dem Zirkel als Versammlungsort diente und es waren die guten Freunde seiner Eltern, die sich hier über Jahrzehnte hinweg trafen, in ihren Leseerinnerungen versanken, diskutierten, rezitierten und auch über Bücher und Autoren stritten. Es war sein Vater, der diesen Zirkel ins Leben rief. Und er war es, der seinem Sohn schon in ganz jungen Jahren den Zutritt zu einem „Club“ gewährte für den er eigentlich noch viel zu jung war. Die Exklusivität dieser Gesellschaft und das Land, in dem sich so viel verändern sollte, steckten den Rahmen für jene Treffen ab. Ein fragiler Rahmen voller Risiko und Gefahr. Fast vierzig Jahre lang währten die Treffen. Jahre, in denen sich die großen persischen Literaten ein Stelldichein gaben. Obwohl diese schon seit ewigen Zeiten verstorben sind, gehören sie zum inneren Kreis des Zirkels. Als wäre Shakespeare unter uns, wenn wir über Romeo und Julia sprechen. Magisch.

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Natürlich geht es um Literatur in diesem Buch. Aber es geht auch um das Land, in dem sich Literaturliebe ihren Weg bahnt und dabei steht der Iran sinnbildlich für jedes Land dieser Welt und für viele politische Systeme, die ihre Finger nach der Kultur und den Menschen ausgestreckt haben, für die Literatur mit freiem Denken gleichzusetzen war. Was uns Amir Hassan Cheheltan über sein Heimatland erzählt ist erschreckend und doch so greifbar, weil wir vergleichbare Wellenbewegungen von Machtmissbrauch auch in den verschiedenen Deutschlands seit 1933 noch gut vor Augen haben. Hier ist uns nichts fremd. Lediglich die Rolle der Religion tritt an die Stelle von Ideologien, in denen Kultur als systemfeindlich gebrandmarkt, verbrannt und als entartet ausgegrenzt wurde.

Insofern ist der „Zirkel der Literaturliebhaber“ ein Sehnsuchtsort, ein Biotop des freien Denkens und gleichzeitig Dorn im Auge und Stachel im Fleisch jener, die solche Biotope trockenlegen wollen. Da ist es echt egal, ob wir von Nazis, Sozialisten oder von einem persischen Schah und den Mullahs sprechen, die ihn aus dem Land trieben. Wir verstehen dieses Buch richtig. Wir erkennen die Risiken eines solchen Reservates und wir können gut nachvollziehen, was im inneren Gefüge des Zirkels vor sich ging, als die Mitglieder der Gruppe nach der Revolution erfuhren, dass Geheimdienstmitarbeiter des Schah-Regimes den Zirkel unterwandert hatten und detailliert über die Treffen berichtet hatten. Hier klingeln Worte, wie inoffizielle Mitarbeiter und Denunzianten mehr als heftig in unseren Ohren.

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Hier ist die Schönheit der persischen Sprache, die Hochkultur des Schreibens der beste Fluchtpunkt. Hierhin kann man sich zurückziehen, um über Liebe, Leidenschaft und die großen Dinge des kleinen Lebens zu philosophieren. Und Flucht ist immer dann von besonderer Relevanz, wenn sich das tägliche Leben in instabilen Verhältnissen und immer engeren Grenzen abspielt. Ein Refugium ist hier lebenswichtig. Das Buch strotzt nur so vor kleinen und wundervollen Anekdoten aus den alten Büchern der Dichter des Landes. Sie muten an, wie Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Wir erleben den Affen, der immer ohne Herz verreist, weil es so traurig ist, dass er seine Freunde nicht mit seinem Schmerz konfrontieren möchte. Als er unterwegs auf einem Menschen trifft, der auf der Suche nach einem Affenherz als Medizinersatz ist, rettet ihm seine Marotte das Leben. Herrlich erzählt, wundervoll zu lesen und metaphorisch in jedem Kulturkreis von Relevanz. Man sollte nicht mit schwerem Herzen reisen.

Es sind die ganz großen Autoren der persischen Literatur, die hier ins Feld geführt werden. Rumi, Hafis, Saadi, Ferdowsi und viele andere öffnen dem Zirkel ihre Bücher und inspirieren die Männer und Frauen zu eigenen wunderbaren Gedanken. Während vor der Tür die Revolution tobt, die Mullahs die Macht an sich reißen und auch Literatur in den Fokus der islamischen Führer rückt, wird es zusehends gefährlich für den Zirkel. Der Koran steht über allem. Er scheint jedoch nicht vereinbar mit der Freiheit der alten Meister, auch sexuelle Themen in den Mittelpunkt ihres Schreibens zu stellen. Hier geht die Schere zwischen Kunst und Religion zu weit auf. Hier wird es gefährlich und hier ist der Zirkel der Literaturliebhaber allein auf weiter Flur. Untergrundlesen ist angesagt.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Toleranz: Fehlanzeige und die Freiheit des Denkens kann man abhaken. Hier geht Amir Hassan Cheheltan einen weiteren Schritt in ein Niemandsland, das man eigentlich nicht gerne betritt. Er setzt homophobe politische und religiös überlagerte Systeme auf die Anklagebank. Hier zeigt er deutlich auf, wie selbstverständlich gleichgeschlechtliche Liebe in der historischen persischen Literatur thematisiert wurde. Während draußen vor der Tür Homosexuelle zum Tode verurteilt oder hingerichtet werden, vertieft sich jener Zirkel in Textpassagen, die an Freizügigkeit nicht zu überbieten sind. Literatur ist ohne Vorurteil. Literatur ist nicht heterosexuell, sie ist oft so schwul, wie sie nur sein kann und sie geht diesen Weg konsequent zurück bis zu ihren Anfängen.

Hier liegt eine der wesentlichen Leistungen dieses Buches, das wie ein Wolf im Schafsfell daherkommt. Das ist nichts für homophobe Lesende voller Vorurteile. Hier wird es provokant und überschreitet eine Vielzahl von Grenzen, die in vielen Ländern auch heute noch gezogen sind. Hier zeigt das Buch Flagge und lehnt sich gegen jede religiöse Doktrin auf und hier bezieht der Schriftsteller Stellung im Schützengraben der weltoffenen Freigeister. Ich wünsche es mir so sehr, dass dieses Werk aus Versehen jemandem in die Finger fällt, dem seine Vorurteile bitter aufstoßen. Eine differenzierte Beschreibung homoerotischer literarischer Passagen darf man hier nicht erwarten. Es geht bei den großen Meistern recht unverblümt zur Sache. Ich war mehr als begeistert von diesen Aspekten. Ein zutiefst humanistisches Buch voller Botschaften – gerade für den nicht-persischen Sprachraum. So sehr lesenswert.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Und ich wünsche mir, dass ich eines Tages etwas erlebe, was mir bisher verwehrt blieb (und das ist wahrlich kein Vorwurf):

„Mein Vater hat das später lachend als meinen Sturm auf seine Bibliothek
bezeichnet. Er hatte recht, an jenem Nachmittag hatte ich seine Bibliothek
gestürmt. Ein Dürstender, nicht ahnend, dass er von Flüssen umgeben war.“

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